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Klappentext

Der Zeitreisende verführt seine Großmutter, damit sie ihren Großvater nicht kennen lernen kann. Was passiert dann? Nichts. Aber er macht alles kaputt – zumindest für die, die darüber lesen.

Es gibt ein Problem. Ich habe etwas wirklich schlecht gemacht. Nicht nur für mich, auch für dich, Werter Leser. Wir können da nicht heraus.

Das Gesetz der Wirklichkeitserhaltung

Ich bin Physiker, Assistent an der Stanford Universität in Kalifornien; ich stand kurz vor dem Abschluss meiner Doktorarbeit, als das Ganze begann. Wir beschäftigten uns mit Chronionen, mit jenen Elementarteilchen, deren Erscheinungsform der Fluss der Zeit ist. Unsere Universität hatte schon einige Jahrzehnte lang einen ernsthaften Ruhm in dem Thema erworben und wurde durch die Ergebnisse auf diesem Gebiet reich: Das Prinzip der topologischen Nachrichtenübermittlung, die die Raumfahrt wesentlich vereinfacht hat, wurde bei uns ausgearbeitet. Seitdem man die auf dieser Basis arbeitenden Kommunkationswerkzeuge benutzt, müssen die Raumfahrer auf anderen Himmelskörpern oder entfernten Raumstationen nicht sekunden- oder gar minutenlange Verspätungen bei den Gesprächen mit dem Mutterplaneten oder miteinander in Kauf nehmen. Die Chronione überliefern die Information auf eine Weise, dass die auf einem Mond des Jupiters emittierten Impulse sofort auf der Erde empfangen werden können. Dies ist in gewissem Sinne wahr auch für die gewöhnlichen elektromagnetischen Wellen wie Radio und Licht (auch entsprechend der Relativitätstheorie), da der Träger der Gleichzeitigkeit die Lichtgeschwindigkeit ist. Die Entfernung in der Raumzeit verhindert nur, die Antwort sofort empfangen zu können. Diese wird von den Chronionen überbrückt. Das Ergebnis widerspricht zwar Einsteins Theorie, aber bloß, weil sie nur im Euklidischen Raum gültig ist. Die Chronione kleben die entfernten vierdimensionalen Punkte der Raumzeit zusammen. Darüber habe ich schon in meiner Kurzgeschichte mit dem Titel „Der Fall des Inferiums” geschrieben; vielleicht kennst du sie, Werter Leser.

Die Forschermannschaft wurde aufgrund der Anfangserfolge (und natürlich aufgrund des fließenden Geldes) aufgestockt, so bekam ich auch meine Assistentenstelle. Unsere zwanzigköpfige Gruppe hatte schon seit fünf Jahren an der Zeitmaschine gearbeitet, als wir behaupteten, wir seien am Ziel. Wir konnten genügend Chronione in einer Falle einfangen, dass sie beim Explodieren den gesamten Materieninhalt einer Kugel mit einem definierten Radius in der Zeit transponieren. In der Theorie. In der Praxis verschwand die zu transponierende Masse in der Tat (wir fühlten den Luftstrom, als das plötzlich entstandene Vakuum von der Luft des Raumes gefüllt wurde), sie kam aber nirgendwo an. Weder vorne, noch hinten. Wir schickten allerlei Materialien: Metall, Gasförmiges, Lebendes – nirgendwo tauchte etwas auf. Selbst eine streunende Katze holten wir von irgendwoher (natürlich nicht offiziell, wegen des Tierschutzgesetztes, nur aus Witz) – und sie verschwand aus unserer Wirklichkeit für immer.

Dass sie rückwärts nicht ankam, das wussten wir schon. Fünf Minuten vor dem Versuch hätte sie auftauchen sollen, sie tat es aber nicht. In unseren Berechnungen konnte es keinen Fehler geben. Wir wussten genau, wie viel Raum, wie viel Masse und in welchem Zeitraum unsere Chronione transponieren. Ob in die Zukunft oder in die Vergangenheit, war nur eine Frage des Ladungsvorzeichens. Aber wenn wir etwas in der Zeit nach vorne schickten, ob eine Zehntelsekunde, eine halbe Stunde oder eine Woche, verschwand es genauso wie die in die Vergangenheit katapultierte Katze. Die Praxis widerlegte die Theorie vollständig, in der wir aber keinen Fehler fanden. Wir forschten, suchten verzweifelt, programmierten unsere Chips, damit sie die Ergebnisse auf neue und neuere Weise durchrechneten – alles stimmte und nichts funktionierte, nur halb: Die Zeitmaschine fuhr los, kam aber nicht an.

Wir schickten auch die Zeitmaschine selbst, so eingestellt, dass sie innerhalb von Zehntelsekunden an dieselbe Stelle hätte zurückkehren sollen. Sie verschwand spurlos.

Wir zerbrachen unsere Köpfe, lockerten selbst die Geheimhaltung des Projekts etwas auf, um andere Fachleute, Weltgrößen zu konsultieren. Im Grunde genommen bestätigte jeder, den wir nur bezahlen konnten um unsere Ergebnisse zu überprüfen, dass es funktionieren sollte; keiner fand einen Fehler. Nicht einmal eine gute Idee hatte jemand. Freilich, Stanford hatte schon zuvor die Größten der Welt eingesammelt.

Die Verzweiflung führte zur Entscheidung. Kannst du dir vorstellen, Werter Leser, dass du dich fünf Jahre lang Schritt für Schritt dem Ziel näherst und alles dafür spricht, dass es gelingen wird? Du gewöhnst dich an den Gedanken des Erfolgs. Und dann kannst du den Punkt nicht auf das I setzen. Monatelang zerbrichst du deinen Kopf und kommst zu nichts. Das jahrelang andauernde Erfolgserlebnis und -bewusstsein bricht nicht von einem Moment auf den anderen zusammen, nur weil es keine Erklärung für den Misserfolg gibt. Ist es in solch einer Situation ein Wunder, dass wir uns als Griff nach dem letzten Strohhalm für einen verzweifelten Schritt entschieden haben?

Nicht einmal drei Stunden vergingen von dem Moment an, nachdem es von einem von uns ausgesprochen wurde: Jemand muss reisen.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 20.12.2017
ISBN: 978-3-7438-4696-8

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