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Titelblatt

Andy S. Falkner

Herr zweier Welten

Science Fiction Story

Megalomane und Gigantophobe, Band 18

Text & Bild © Andreas Solymosi

Umschlaggestaltung: Judith Solymosi, nach einem Gemälde-Motiv von Vera Solymosi-Thurzó

Einige Darstellungen stammen aus Wikipedia

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Es ist schwer Romane zu schreiben über einen Ort, an dem nichts geschieht. Genauer gesagt, es geschieht schon was, aber sehr, sehr langsam: während eines ganzen Jahres kaum etwas. Darüber hinaus kann hier auf Himel die Temperatur im Sommer, das heißt in Sonnennähe sogar bis zu 30 Grad steigen. In so einer Hitze gefriert alles; dann geschieht wirklich gar nichts mehr. Glücklicherweise dauert die Wärme bloß zwei-drei Tage, und die Nachtseite kühlt sich unter 1 Grad ab. Dann laufen die Bewegungen ein bisschen an: Die elektrischen Ströme nehmen einen Schwung, die magnetischen Adern werden polarisiert, manchmal bildet sich sogar eine neue, einige Moleküle dicke Schicht an manchen Oberflächen, wenn sich im zwischenzeitlich abgelagerten kosmischen Staub genügend Kadmium befindet. Aber die Sonne, der hellste Stern des Himmelsgewölbes, steigt in einigen hundert Stunden auf, und ihre Hitzestrahlung aus dieser Entfernung von kaum 10 Lichtstunden wärmt die Oberfläche bald auf. In den in die Tiefe führenden Kohleröhrchen bleibt zwar die Supraleitung noch eine Weile erhalten, aber diese haben jetzt eine andere Aufgabe: Sie müssen die aus dem Sonnenwind einschlagenden, auf dem Himel seltenen leichten Teilchen wie Wasserstoff, Helium, Chlor oder Argon einsammeln. Was im Sommer gehortet wurde, daraus muss man den ganzen Winter wirtschaften. Glücklicherweise läuft der ganze Prozess in der Zwischenzeit schon automatisch, ohne Aufsicht, weil im Sommer, am Höhepunkt des Sonnenwindes alle schlafen.

Gäbe es nur diese Meteoriten nicht! Die Einschläge mit mehr als einigen Mikrogramm machen nämlich die Öffnungen der Nanoröhrchen auf der Oberfläche kaputt, und die teuren Moleküle spiegeln sich im besseren Fall zurück in das Weltall, im schlechteren poltern sie hin und her auf der Oberfläche und verursachen unermesslichen Schaden. Geschweige denn, dass weniger Ernte in den Scheunen gesammelt und mitten im Winter die ganze Bautätigkeit, Entwicklung gelähmt wird – all das wegen eines schlechten Sommers. Übrigens, dieses Phänomen machte die Planwirtschaft notwendig, woraus dann die Meteorologie, schließlich die ganze Astronomie und die Mathematik entstanden sind. Bis dahin hatte niemand eine Ahnung von der Sonne und von anderen Himmelskörpern, den Ursachen der Veränderung zwischen Kälte und Hitze, der magnetischen Stürme und der Kommunikation. Man kann sagen, das Leben lief auf Himel instinktiv.

Früher erfuhr niemand, wenn Einschläge im Milligrammbereich (glücklicherweise sehr selten, einmal in vielen Jahren) ganze Strukturen zerschlugen. Die meisten bauten damals noch nicht in Pseudospherenform – nur die Mathematik brachte diese Gestalt zustande, die den Meteoriten am besten widersteht: Die Pseudosphere (eine um ihre Achse gedrehte Traktrix) ist die ideale Form sowohl fürs Wachstum wie auch für die Ableitung äußerer Kraftwirkungen; die Chance zum Überleben ist messbar höher als bei der bequemeren Konus-, Quader oder Pyramidengestalt. So blieben nach den Einschlägen im Laufe der Jahrtausende, Jahrmillionen hauptsächlich die diesem nahestehenden Gestalten übrig. Die meisten heben kaum einige Millimeter aus dem Boden heraus und wachsen kaum, wenn die Population der Umgebung hoch ist. Aber es gibt überall zentimeterhohe, manchmal sogar halbmeterhohe, von weitem sichtbare turmartige, nach oben dünner werdende Figuren. Sie nannten sich Infone, wo solche Benennungen schon notwendig wurden.

Höhe ist Macht. Genauer, Einfluss. Die höheren Infone sehen weiter und mehr. Genauer, sie sehen nichts, weil es auf Himel kein Licht gibt, höchstens ein ganz kleines bisschen. Aber ihr magnetisches und elektrisches Feld reicht weiter; sie können von größerer Entfernung die in der sehr dünnen Atmosphäre hin- und herschwebenden Atome, Teilchen, Krümelchen anstoßen. Wenn dann ein solches auf der Oberfläche der Pseudosphere ansetzt, kann man es so schwingen, dass es sich an einem für den Bau optimalen Platz und im optimalen Winkel niederlässt. Sowohl für die Höhe des Infons optimal, wie auch im Interesse der Informationsverarbeitung innerhalb seines gesamten Materials. Diese Informationsverarbeitung entscheidet, welcher Platz und welcher Winkel optimal sind. Deswegen heißen sie Infone.

Höhe ist Macht, weil sie schnelleres Wachstum sichert. Aber nicht nur deswegen. Die magnetischen und elektrischen Kraftfelder erreichen die benachbarten Infonen. So erfuhren die einzelnen Infone voneinander, sie spürten, wie weit der andere gekommen ist, wer und wann ein größeres Häppchen eingefangen und es eingebaut, sich weiterentwickelt hatte. Sie lernten auch voneinander. Die Kleinen langsam, in Zusammenarbeit; die Großen herrisch, befehlend. Langsam entstand eine Art Kommunikation. Zuerst kamen die Nachrichten über Meteoriteneinschläge, entstandene Verzerrungen oder Mängel zu den Nachbarn durch. Dann die Information über Schutzmöglichkeiten gegen kleinere Verletzungen, Wachstumsstrategien, verschiedene Formen; schließlich verbreiteten sich die Vorteile der Pseudosphäre – hieraus entstand die Mathematik.

Die Pseudosphäre ist theoretisch unendlich hoch, seine Spitze unendlich dünn, da sich die Traktrix ihrer Achse nur asymptotisch nähert: Sie erreicht sie erst in der Unendlichkeit. Die Form der Türme gleicht der Pseudosphäre natürlich nur approximativ: Ihre Oberfläche nähert sich der Oberfläche einer theoretischen Pseudosphäre immer mehr. Diese Strategie hat einen interessanten Vorteil. Während bei allen anderen Figuren das Volumen (und damit die benötige Materialmenge) mit der Höhe kubisch wächst (das heißt, das Volumen eines doppelt so hohen Konus oder einer Pyramide ist achtfach, eines dreimal so hohen 27-fach), ist dies bei der geeignet parametrisierten Pseudosphäre (infolge der unendlich dünnen Spitze) nur quadratisch: Das Volumen der doppelt so hohen Pseudosphäre braucht nur die vierfache, eines dreimal so hohen nur die neunfache Menge von

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 24.12.2016
ISBN: 978-3-7396-9016-2

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