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Nie wieder Norwegen

 

Gedankenverloren sitze ich an meinem alten Küchentisch, und rühre wohl schon zum hundertsten Mal den Milchkaffee in meiner dickbauchigen Lieblingstasse um. Sie ist blau mit großen weißen Punkten. Blau wie das Meer, und darin viele kleine weiße Inseln.

Der Kaffee ist längst kalt geworden. Versonnen streiche ich über die Maserung der abgenutzten Tischplatte. Unter dem rechten vorderen Tischbein hat sich ein kleines Häufchen aus Holzmehl gebildet. Wenigstens die Holzwürmer haben noch genug zu fressen. Meine Katze springt von der sonnenbeschienenen Fensterbank und streicht um meine nackten Beine. Welch ein weiches Fell. Sie ist eine dreifarbige Katze in verschiedenen Brauntönen, eine sogenannte Glückskatze. Aber hatte sie wirklich Glück? Kein biegsamer Schwanz mehr, der meine Knie umschmeichelt. Nur noch ein trauriger Stummel. Vielleicht ist es Glück das er so gut verheilte. Ich hebe sie hoch und trete ans Fenster. Durch die langsam blind werdende Scheibe sehe ich meine Nachbarin auf ihrer Gartenbank. In ihren Händen ein zerknülltes, von Tränen durchtränktes Taschentuch.

 

 

Die arme Frau, auch sie hatte kein Glück. Abrupt wende ich mich ab und tauche wieder ein in den Schatten des Zimmers. Und gleichzeitig nehmen mich die Schatten der Vergangenheit wie mit gierigen Klauen in Besitz.

 Wohl ein Jahr ist es jetzt her, dass ich voller Vorfreude die Fähre nach Norwegen bestieg. Lange hatte ich darauf gespart. Und nun endlich wurde mein Traum war. Einmal, wenn auch nur für wenige Tage, in das Land der Trolle und Elfen. Die Reise wurde ein echtes Erlebnis. Aber da sie eigentlich nur der Anfang einer Verkettung unglücklicher Umstände war, möchte ich hier nicht näher darauf eingehen. Das was danach geschah nimmt genug Raum in meiner Geschichte ein. Und ich warne euch, es wird sehr ungemütlich.

Natürlich musste ich mich nach meiner Rückkehr als erstes um meinen Garten kümmern. Das kleine Hühnervolk hatten meine Nachbarn versorgt. Und Minka, die Glückskatze, war Selbstversorger. Aber in meinen Beeten hatte sich das Unkraut breit gemacht. Mit Handschuhen und Hacke bewaffnet stellte ich mich der Herausforderung. Fast hätte ich das seltsame Gewächs hinten bei dem Holunderbusch übersehen. Ein paar dicke braune Fasern ragten starr aus dem Boden. Die Erde seltsamerweise nur locker an gehäufelt. Also entschloss ich mich, auf den Einsatz des Spatens zu verzichten, und zog kräftig.

 

 Ein lautes Kreischen war die Antwort. Und bevor ich mich von meinem Schreck erholt hatte, löste sich ein seltsames Wesen aus dem Erdhügel. An den lehmbraunen Fasern hing ein rundlicher Kopf mit gewaltiger Knollennase, auf einem kurzen Hals. Zwei proportional viel zu große Hände stützten sich ab. Und hieften den Rest eines kleinen Körpers, der fast nur aus Bauch bestand, in die Höhe. Zum Schluss stand er vor mir, auf seinen ebenfalls viel zu großen Füssen. Nackt bis auf einen Stück undefinierbares Fell. Ein Troll, war mein erster Gedanke. Währenddessen hörte der kleine Kerl nicht auf zu zetern. Wie zum Teufel kam ein Troll in meinen Garten. „Mit dem Schiff du dumme Kuh“ hörte ich ihn da sagen. Hier muss ich erwähnen, dass ich durch aus der norwegischen Landessprache mächtig bin. Schließlich musste ich mich ja auf meine Reise entsprechend vorbereiten. Ich hatte auch vieles über diese seltsamen Wesen gelesen. Aber nirgends stand das sie Gedanken lesen können. Oder hatte er es einfach nur meinem Gesichtsausdruck angesehen? Meine zweite Frage war, warum er so klein war. Eigentlich sind Trolle doch Riesen. Aber nun gut, es gibt ja auch kleine Menschen.

  Ratlos schaute ich den Troll an. „Und was willst du hier?“ „Was zwischen die Zähne“ war seine barsche Antwort. Diese bestanden nur aus jeweils zwei scharf aussehenden Spitzen in seinem großen Maul äh Mund.

 

 Und schon watschelte er Richtung Hühnerhof. Ich so schnell es ging hinterher. Aber da war es schon geschehen. Eines meiner dreizehn Hühner rannte sekundenlang ohne Kopf über den kleinen Platz, bevor es endgültig umfiel. Ich hatte es ja geahnt, dreizehn war eine Unglückszahl. Der Troll wollte sich gerade über den Kadaver hermachen, da quietschte die Hintertür meiner Nachbarn. Geistesgegenwärtig bugsierte ich ihn mit einem Tritt unter den Holunder. Marta kam mir strahlend mit einem Kuchen entgegen. Doch dann sah sie irritiert auf das Blutbad. „Ich dachte dreizehn ist keine gute Zahl“ antwortete ich schnell. Sie wusste, dass ich noch nie eines meiner Hühner geschlachtet hatte. Aber jetzt musste ich sie unbedingt los werden und nach dem Troll sehen. Unter dem Strauch erklang ein leises grunzen. „Mäuse“ sagte ich zu ihr. „Ich habe dort ein Mäusenest entdeckt.“ Marta fürchtete sich vor Mäusen, und war deshalb auch nicht bereit mir zu folgen. „Ja dann, ich stelle dir den Kuchen auf die Bank“. Und schon war sie wieder hinter ihrer Türe verschwunden.

 Vorsichtig griff ich zwischen die Äste und zog einen heftig zappelnden Troll hervor. „Au au au“ jammerte er vor sich hin. Entsetzt bemerkte ich das Fehlen eines seiner spitzen Zähne. Das jammern schlug um in ein Fluchen. „So, jetzt kannst du mich ernähren“ kam es vorwurfsvoll.

 

 

Resigniert packte ich ihn in meine Schürze und ging ins Haus. Dort zerkrümelte ich einen Teil des Kuchens und schob ihn zwischen seine faltigen Lippen. „Igitt“ in hohem Bogen spuckte er ihn wieder aus. Mir blieb nichts anderes übrig als das arme Huhn zu kochen. Und so ging es die nächsten Tage weiter. Aber nicht nur seine Essenswünsche, auch sein sonstiges Benehmen wurde zu einem Problem. Dabei hatte das ganze seinen Höhepunkt noch längst nicht erreicht.Das kleine Ungeheuer war nämlich auch nachtaktiv. Und morgens war da einiges durcheinander. Er liebte es zum Beispiel in meiner Spüle zu baden. Und vergaß dabei den Wasserhahn zu schließen. Alles wäre nicht so schlimm gewesen, wenn er nicht mit meinem Spüllappen den Überlauf verstopft hätte. Auch meine Zimmerpflanzen hatten es ihm angetan. Und als ich durch ein lautes Scheppern aufwachte, lag die ganze Erde zu einem Hügel aufgetürmt auf dem Boden und wurde von ihm neu bepflanzt.

  Meine Nachbarin Marta kam zu mir und klagte über Kreislaufbeschwerden. Schwer atmend ließ sie sich auf einen meiner Küchenstühle fallen, der das leise ächzend akzeptieren musste. „ Ich dachte gerade tatsächlich diese seltsame Figur auf deiner Fensterbank bewegt sich“ meinte sie. Ich folgte ihrem Blick und bemerkte zwischen den Blumentöpfen einen stocksteif dasitzenden Troll.

 

 „Was ist das überhaupt für ein scheußliches Ding?“ Ein kaum merkliches zucken ging durch seinen Körper. Und schnell lenkte ich Marta mit einer Tasse Kaffee ab. „Gut für niedrigen Blutdruck“ bemerkte ich, als sie angewidert das Gesicht verzog. Da hatte wohl jemand wiedermal aus dem Vollen geschöpft, das heißt Kaffeepulver verschwendet. Ich jedenfalls nicht. Martas, in den Augen des Trolls, beleidigenden Worte hatten aber auch noch ein kleines Nachspiel. Am nächsten Tag lag eine tote Maus in ihrem Wäschekorb mit der frischen Wäsche. Sie wollte sie gerade auf die Leine hängen, wurde aber kurz abgelenkt. Marta bekam davon Gottseidank keinen Herzschlag.

 

 Mit Freude konnte ich dann eines Tages feststellen, dass der fehlende Zahn des Trolls wieder nachgewachsen war. Stolz wollte er mir die neugewonnene Beißkraft beweisen. „Aber nicht die Hühner“ konnte ich gerade noch rufen, da hatte er schon meine arme Minka erwischt. Mit unwahrscheinlicher Kraft schleuderte er sie, den Schwanz zwischen seinen Zähnen, durch die Küche. Leider biss er zu fest zu, und die Ärmste rannte Schwanz los durch die Wohnung um dann zu entschwinden. Ich war fix und fertig. Marta, der ich erzählte ich hätte den Schwanz der Katze beim Holz hacken erwischt, meinte gelassen die würde sich nur verkriechen bis die Wunde geheilt war. Sie kenne das

 

vom Bauernhof ihres Onkels. Und so war es. Nach einigen Tagen tauchte Minka schwanzlos, aber sonst recht munter, wieder auf. Nur dem Troll ging sie in Zukunft aus dem Weg.

  Den hatte ich inzwischen auch wieder ausquartiert. Sollte er doch schauen wie er zurechtkam. Unter wüsten Beschimpfungen zog er sich in meinen Holzschuppen zurück. Den Hühnerstall schloss ich nachts vorsichtshalber ab. Doch bald wusste ich, wo er sich ernährte. Er geisterte durch die ganze Nachbarschaft, stahl mal hier einige Kartoffeln, dort einige Eier. Eines Tages beklagte einer der Nachbarn sogar den Verlust eines Kaninchens.

Aber nun wird es Zeit, dass ich meinen Nachbarn Karl erwähne. Karl war Martas Mann, und eigentlich eher unauffällig. Meistens saße er nörgelnd in seinem Sessel und scheucht Marta durch die Gegend. Dabei pflegte er eines seiner zahlreichen Wehwechen durch ständiges jammern. Sein einziger Freund war die Schnapsflasche. Die Marta ihm bereitwillig auch immer wieder füllte. Doch was hat das mit dem Troll zu tun, werdet ihr fragen. Ganz einfach. Trolle kennen keinen Schnaps. Und vor allem nicht seine Wirkung. Und so kam es das er sich eines Tages an der Schnapsflasche vergriff. Zu seinem Glück, aber zu Karls Pech, begegneten sich die beiden dabei. Zum ersten und letzten Mal.

 

Denn während Karl, der wie immer leicht im Delirium war, dem Troll unerschrocken die Flasche entriss, zog dieser eine Stricknadel aus Martas Strickstrumpf und stach zu. Marta hörte nur noch ein merkwürdig gurgelndes Geräusch und einen lauten Knall. In die Stube geeilt, fand sie ihren Mann mit weit aufgerissenen Augen auf dem Teppich liegen. Ob der Stich des Trolls tödlich gewesen war, oder sein schwaches Herz, konnte man nicht mehr so genau feststellen. Der Troll war längst verschwunden, mit Schnapsflasche. Und Marta fühlte sich aufgrund der Stricknadel schuldig an Karls Tod. Ich hatte das ganze zufällig durch mein Fenster beobachtet. Aber nie gedacht, dass es so schlimm enden würde. Glauben würde mir das sowieso niemand.

Einige Zeit später behaupteten die Nachbarn sie hätten ein seltsam torkelndes Wesen gesichtet. Und tags darauf stand in der Zeitung: Außerirdischer von Auto überfahren. Ich hätte ihnen erklären können, dass es sich dabei um einen Troll handelte. Aber musste ich das? Für mich gab es nur eines, nie wieder Norwegen.

 

 

 

 

 

 

Impressum

Bildmaterialien: Cover: Ostseeblick auf Norwegen/eigenes Foto
Tag der Veröffentlichung: 06.05.2014

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Teilnehmer am 15. Wettbewerb der Thriling Stories

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