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Herzklopfen im Radio

 

 Den Partner für mein ganzes Leben meinte ich schon gefunden zu haben. Doch nach fast 25 Jahren verlor ich ihn unwiderruflich.

Nach einem schlimmen Jahr voller Trauer und Tränen war ich bereit das schwarze Loch, in das mich sein Tod gestürzt hatte, wieder zu verlassen. Ich war ja erst fünfundvierzig.  Andere Witwen in meinem Alter waren ein abschreckendes Beispiel was einem ohne Partner bevorsteht. Nicht gerade die indische Witwenverbrennung, aber ein mehr oder weniger tristes Dasein zwischen Küche, Kirche und falls vorhanden Kinder und Enkel.

Nun hat nicht jeder die Möglichkeit sich ins pralle Leben zu stürzen. Vor allem wenn der fahrbare Untersatz fehlt, und der Freundeskreis klein ist. Zudem erkennt man zu schnell, als Alleinstehende im besten Alter ist man bei Ehepaaren nicht sehr beliebt.

Aber dank neuer und alter Medien gibt es viele Möglichkeiten den vermeintlichen Partner für das weitere Leben zu finden. Die älteste ist immer noch eine Zeitungsannonce. Natürlich als Chiffre. Trotzdem bleiben einem dabei so seltsame Briefe mit Anreden wie „Mein Dornröschen mit deinem Döschen“ nicht erspart.

 

Ein anderer dieser Briefe war sehr romantisch. Der Absender fügte ein wunderschönes Gedicht hinzu. Doch auf meine Antwort kam als nächstes ein Brief voller Bedauern. Nein, er habe es sich überlegt, er wolle doch lieber alleine bleiben.

 Das Internet kam damals für mich  nicht in Frage. Ich hatte dieses Medium noch nicht für mich entdeckt.  Spätere Erfahrungen zeigten, dass es dort auch keine Garantie für den Richtigen gibt.

Blieb also noch das Radio. Damals lief im Bayerischen Rundfunk „Herzklopfen“, eine Sendung zur Partnersuche. Und da ich am Samstagabend immer alleine war machte ich es mir vor dem Radio gemütlich, und hörte mir meine Leidensgenossen- und genossinnen  an. Bis ich eines Tages den Entschluss fasste es auch einmal auf diesem Wege zu probieren. Ganz spontan. Vielleicht hat ja auch ein Gläschen Rotwein oder zwei nachgeholfen. So genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls wählte ich die Nummer des Radiosenders und kam auch prompt durch. Eine nette Dame bedauerte, dass für diesen Abend keiner mehr angenommen werden könnte. Aber dank meiner längeren Erfahrung meinte ich geistesgegenwärtig die Franken wären aber immer in der Minderheit. „Stimmt“ meinte sie nach kurzem Nachdenken. Und versprach nach einer Möglichkeit zu suchen.

 

Ein zweites Mal hätte ich diesen Mut vielleicht nicht mehr aufgebracht. Und tatsächlich klingelte bald das Telefon bei mir.

 Die damalige Moderatorin Regina Fanderl war eine sehr sympathische Dame. Während eines Musiktitels gab sie mir wichtige Hinweise. Keinen Namen, keinen Wohnort und nichts über die finanzielle Situation waren die wichtigsten. Und schon ging es los. Es wurden einige Minuten mit lockerem Geplauder und noch wenig Herzklopfen. Das kam erst nach dem Interview. Wie hypnotisiert saß ich vor meinem Telefon. Wer würde sich melden. Und würde sich überhaupt jemand melden? Es klingelte. Und mit deutlich mehr Herzklopfen nahm ich den Hörer ab. An alle Gespräche kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an einen Friseurmeister der wieder in meine Gegend wollte (suchte er eine Wohnung?) einem Bäuerlein aus dem Spessart (Mama inklusive) und einen Masseur aus meinem Nachbarort. Der wollte allerdings nur plaudern. Meine Stimme habe ihm gefallen, meinte er. Und ich sei so gut rübergekommen. Da habe er beim Sender nach meiner Nummer gefragt, und festgestellt, dass ich gar nicht so weit weg sei. Allerdings blieb es beim plaudern. Er fühlte sich zu alt für mich und wünschte mir nur viel Glück.

 

 

 

Und dann kam sein Anruf. Sein Interesse war unter anderem  durch unser gleiches Sternzeichen geweckt worden. Und natürlich auch durch meine angeblich sympathische Stimme. Was ich selber nicht beurteilen kann. Einige von euch haben sie jedenfalls schon mal auf BX gehört, als es noch Hörbücher gab. Aber ich kann auch anders. Nur zu dieser Zeit hatte ich noch keinen Grund dazu. Aus Herzklopfen wurde schnell Herzrasen. Und die erste Ernüchterung. Ja, er wollte mich kennenlernen. Unbedingt sogar. Aber nun stand er für das ganze Wochenende mit seinem LKW in Kiefersfelden, weil er am Montag bei seinem Arbeitgeber in Südtirol sein musste. Und dann bekäme er weitere Order.

In der nächsten Woche rief er aus Frankreich an. Belgien stand schon fest. Aber wie es weiter gehen würde????  Wir telefonierten jeden Tag zusammen. Und die Sehnsucht wurde immer größer. Dann endlich konnte er mir einen Termin sagen. Am 21.Juli, meinem 46. Geburtstag.

An diesem Tag kamen meine Schwägerinnen und Schwiegermutter zum Kaffee. Ich saß wie auf Kohlen. Sollte ich hoffen, dass sie dann bereits weg währen? Oder ihnen erzählen wen ich erwartete. Ich entschied mich reinen Tisch zu machen. Und siehe da, sie freuten sich für mich. Nach dem Kaffee brachen sie dann auch bald auf. Nur eine der Schwägerinnen blieb noch. Neugier dein Name ist Weib.

 

Und dann hörte ich seinen LKW. Angst, Freude, alles durcheinander. Ich öffnete die Türe und vor mir stand ein Riese mit eisblauen Augen. Wir waren wohl beide erst einmal verlegen. Ich bat ihn herein und stellte ihn meiner Schwägerin vor. Die war nun auch etwas verlegen, und wollte das überspielen indem sie ihm ein Stück Kuchen anbot. Was er aber dankend ablehnte. Wir wollten eigentlich nur noch alleine sein. Und das begriff sie dann auch.

Lange saßen wir nur zusammen, hielten unsere Hände und schauten uns in die Augen. Und in seinen glaubte ich sehr viel lesen zu können. Es waren die Augen eines Mannes, der endlich wieder eine Heimat gefunden hat. Eine gescheiterte Ehe und die Insolvenz seiner kleinen Baufirma hatte er schon hinter sich. Trotzdem war ich überzeugt wir würden es schaffen. Und er damals auch noch.Das Glück schien perfekt. Und es hielt mit allen Höhen und Tiefen etwas mehr als ein Jahr.

Dass er unerlaubt von seiner ursprünglichen Route abgewichen war, um mich endlich zu sehen, erzählte er mir erst später. Aber da war es schon ein Vorwurf. Einer von vielen aus gekränktem Stolz. Zu der Geschichte unseres Kennenlernens gehört das jedoch nicht mehr.

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 05.04.2014

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
44. Dear Diary-Wettbewerb April 2014

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