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„Hallöchen Frau Müller, geht’s gut?“, flötete ich.
Eigentlich interessierte mich ihr Gemütszustand nicht die Bohne. Sie sah sowieso schon aus, als würde sie jeden Augenblick vor der Theke abnippeln. Dann würde die ganze Drecksarbeit an mir hängen bleiben. Astrein!
„Och, ich kann mich wirklich nicht beklagen!“ Ach? Das war jetzt aber doch was ganz Neues! Neugierig geworden lehnte ich mich auf die Theke.
„Na jetzt bin ich ja mal gespannt.“ Wir grinsten uns an. Von Frau zu Frau, mit einem Altersunterschied von knapp fünfzig Jahren. Gerade wollte sie loslegen, als hinter ihr ein Typ den Laden betrat.
Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf.
Sogar Frau Müller hatte die Luft angehalten.
Der Kerl … Kunde … war bestimmt zwei Meter groß und seine grünen Haare harmonierten perfekt mit unserer blumigen Sommerdekoration. Der künstliche Flieder schmeichelte seinem ebenfalls blassblauen Teint. Für gewöhnlich spazierten solche Typen nicht in meine Bäckerei, sondern ruhten auf Friedhöfen in Rumänien, mindestens zwanzig Meter tief, damit sie gar nicht erst auf den Gedanken kamen sich auszugraben. Mein Kunde ließ sich dazu hinreißen, den schön geschwungenen Mund zu öffnen und in herrlichem Bass „Hi“ zu sagen. Kein förmliches „Hallo“, sondern ein sehr persönliches „Hi“, das er ganz bestimmt nur an mich gerichtet haben konnte! Die alte Schachtel neben ihn tangierte ihn sicher peripher.
Er hatte wunderschöne Augen, die hypnotisierend oft die Farbe wechselten. Je nachdem, in welche Richtung er den netten Schädel drehte und der Lichtstrahl aus einem bestimmten Winkel auf die Iris traf, färbte sie sich von hellem azurblau, zu dunklem Türkis, das, wenn er den Kopf ein wenig senkte von einem saftigen grasgrün dominiert wurde.
Raffiniert geschnittene Konturen verliehen dem Gesicht etwas Sanftes und zugleich sehr Bedrohliches. Ich überlegte kurz, ob ich es mir leisten konnte, ihn zu bitten für mich die Zähne zu fletschen, entschied mich aber dagegen und nahm sein Kinn genauer in Augenschein. Okay, das war gelogen. Eigentlich glotzte ich wie ein Schaf seinen Mund an. Der war wirklich hinreißend und schrie mich förmlich an, ein bisschen daran herum zu saugen. Vielleicht ließ er mich Probeknabbern, wenn ich ihm ein Mohnbrötchen gratis mitgab?
Der Typ beugte sich unter ein Gänseblümchen hindurch und schob den Chiffon etwas zur Seite. Dann spähte er angestrengt ins Brotregal. Die Vorstellung, dass dieses Schnittchen Brot kaute, rief allgemeine Verblüffung hervor. Frau Müller beäugte ihn mit offenem Mund von der Seite und murmelte etwas von „heiß und knackig“.
So wie der aussah, ernährte er sich bestimmt nur von Buttermilch. Die machte doch angeblich total schön? Okay, schön war wirklich nicht der passende Begriff für dieses Rundumpaket – sexy trafs dann wohl eher. Und scheiße, der Typ war so heiß, dass sogar die Brezeln in der Tiefkühltruhe verbrannten.
Er löste den Blick von den Broten, ließ ihn kurz über meine Wenigkeit schweifen – ich muss sicher nicht erwähnen, dass ich rot wurde wie ein geplatzter Ochsenfrosch? – und betrachtete dann Frau Müller.
Argh! Der stand ja wohl nicht auf klapprige Omis?
„Sie sind dran, nehme ich an?“ Er lächelte ein Zahnpastalächeln und ich seufzte ergriffen. Frau Müller klappte den Mund auf und wieder zu, schnappte nach Luft und errötete. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass die Blutzirkulation im hohen Alter wirklich noch so ausgezeichnet funktioniert. Extrem verblüfft musterte ich ihr Gesicht. Die roten Wangen verjüngten ihr Erscheinungsbild um ganze Dekaden! Der Wahnsinn!
Als sie nicht antwortete, zog der Schnuckel besorgt die Augenbrauen hoch. Da fiel mir zum ersten Mal auf, dass er wirklich glitzerte! Ich war total von den Socken. Haltsuchend klammerte ich mich an die Theke und verglich den Kerl mit Edward Cullen, dem Jammerlappen schlechthin. Der Kerl vor mir erweckte jedenfalls nicht den Eindruck, als würde seine Unterlippe jeden Augenblick zu Beben anfangen und er sich eine Tränen raus quetschen. Überhaupt verbreitete er keine Weltuntergangsstimmung, sondern nur diesen affengeilen Duft von Aftershave und männlichem Körper, der sich unbedingt seiner Jeans entledigen wollte. Das T-Shirt durfte er ruhig anbehalten! Aber diesen Arsch, den wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen!
Ich warf einen verstohlenen Blick über die Theke. Die Jeans saß an den richtigen Stellen perfekt! Unwillkürlich leckte ich mir über die Lippen und massierte die Gebäckzange. Er zwinkerte Frau Müller zu und wieder blitzte es kurz auf.
„Sie haben sich ganz bestimmt schon entschieden“, flüsterte sie und bedeutete ihm mir zu nennen, welches Brot er denn kaufen wolle. Hoffentlich fragte er irgendetwas und ich bekam die Chance mit meinem Insiderwissen anzugeben. Obwohl es nicht besonders erotisch war, ihm zu erklären, dass Dinkel von der Urform des Weizens abstammte.
Er beugte sich vor, legte die wohlgeformten Unterarme auf die Theke und neigte den Kopf so weit, dass er mit mir auf Augenhöhe war.
Fast hätte ich gekichert wie ein pubertierendes Schulmädchen. Ich traute mich, meinen Körper noch ein bisschen dichter an die Theke zu quetschen, wiederstand aber dem Drang, meine Nase an seine Wange zu drücken.
„Ich hätte gern ein Baguette.“
„Ich auch“, hauchte ich.
„Ein langes.“
„Sollte es auf jeden Fall sein“, stimmte ich heiser zu. Er grinste frech.
„Frisch aus dem Ofen?“
„Die langen, heißen schmecken eh am besten.“
„Wirklich?“ Er zog eine Augenbraue hoch und grinste noch breiter. Meine Güte, der Typ machte mich ganz kirre.
„Auf jeden Fall.“ Ich nickte begeistert.
„Schön.“
Er zog sich zurück und ließ sich auf einen der Caféstühle fallen. Frau Müller musterte mich scharf.
„Sie dürfen!“ Er nickte nur. „Ich bin mir bezüglich der Geschmacksrichtung noch nicht ganz im Klaren.“ So nah am Fenster sitzend schimmerte er wie ein Diamant. Der alten Frau war das Gaffen scheinbar doch zu blöd geworden. Sie bestellte, wie jeden Tag, ihre zwei Brötchen und wackelte sichtlich unzufrieden aus dem Laden.
Sobald sich die Türen geschlossen hatten wurde ich nervös. Fieberhaft überlegte ich, welches Baguette ich ihm empfehlen könnte und wie lange ich mir Zeit nehmen durfte, ohne dass es allzu auffällig wirkte.
Kaum tauchte ich aus meinen Gedanken auf, fand ich ihn schon wieder über die Theke gebeugt unter den unechten Blumen stehen. Aus zusammengekniffenen Augen musterte er mich. Nicht meine Augen, die Nase oder die Stirn, nein, er fixierte ganz unverhohlen meine Brüste.
„Ich glaube ich möchte doch lieber Brötchen“, murmelte er und leckte sich über die volle Unterlippe. Okay, jetzt wurde mir doch ein bisschen heiß.
„Ich mag sie handgroß. Nicht so fest … gebacken. Sie dürfen ruhig ein bisschen nachgiebig sein.“
„Kann ich bieten.“
„Das sehe ich!“
„Ja eh … wieviele hätten sie denn gern?“ Mittlerweile wünschte ich mir doch, er würde das Shirt ausziehen. Schwarz stand ihm wirklich gut. Aber einerseits wollte ich wissen, ob er überall glitzerte und andererseits war ich scharf darauf seine Muskeln zu bewundern und ihn abzulecken.
„Zwei“, kurz und knapp. Ich fand Kerle, die wussten was sie wollten, schon immer sehr anziehend. Auch wenn ich ihn lieber ausgezogen gesehen hätte. „Zwei schöne, warme, weiche Brötchen.“
„Soll ich sie … einpacken?“
„Auspacken wäre mir ja lieber“, schmunzelte er.
Sein Teint schimmerte verführerisch als er sich zur Seite drehte und ganz langsam an der Theke entlang schritt. Ob er glänzende Körperlotion benutzte? Nee! Dafür sah er definitiv nicht schwul genug aus.
„Dagegen hätte ich nichts einzuwenden“, hörte ich mich sagen. Ich war ja so verrucht! Wir flirteten hier auf Teufel komm raus und irgendwie spitzte sich die Situation so dermaßen zu, dass ich mich beherrschen musste nicht über die Theke zu springen und ihm die Kleider vom Leib zu reißen.
Und dann stand er direkt vor mir. Keine Bleche mit süßen Teilchen oder die Kasse trennten uns voneinander.
Nun doch etwas nervös hielt ich die Luft an.
„Das sind ja Piercings“, rief ich verblüfft und streckte die Hand aus. Sein ganzes Gesicht war voll davon! In den Augenbrauen, den Nasenflügen, der Unterlippe, sogar im Mundwinkel trug er Stecker, Kugeln, Kreolen oder was auch immer man sich sonst noch in die Haut stechen lassen konnte. Eigentlich fand ich solchen Körperschmuck ziemlich hässlich, aber der Kerl sah so scharf damit aus, dass meine Knie ganz weich wurden.
„Geht das da unten noch weiter?“ Ja, die Blutzufuhr zum Gehirn wurde kurzzeitig unterbrochen. Daher hegte ich auch keine Einwände, als er meine Hand nahm und sie in seine Hose schob.
„Was denkst du?“
„Eh …“ Ein bisschen intelligenter bitte! „Eh ja … ist das dein Schlüsselbund?“
Er lachte wie ein Bär und beugte den Oberköper. „Nur ein langes, heißes Baguette!“
„Mit Stacheln!“, entfuhr es mir.
Er grinste breit. „Warum nicht?“
„Puuh. Das ist jetzt wirklich heftig. Ich meine … dann kann ich mich auch auf ein Nagelbrett setzen.“
„Lass dich doch überzeugen“, raunte er mir zu. Eines seiner Piercings glitt über meine Ohrmuschel. Wohlige Schauer rieselten über meinen Rücken.
„Wie?“
„Wie wär´s mit … einem Kuss?“
Ich hatte eher gehofft, dass er mich einfach auf die Sahnetorten schmeißen und sich austoben würde. Aber ein Kuss, das war natürlich auch ganz nett. Und so viel unverfänglicher als gleich in die Vollen zu gehen! Vor allem am helllichten Tag, vor den ganzen Kunden! Das wäre die nächsten drei Jahrzehnte Stadtgespräch und würde bald auf Facebook, Twitter und Co. die Runde machen.
„Okay.“
Voller Vorfreude stellte ich mich auf die Zehenspitzen. Ein muskulöser Arm schlang sich um meine Taille und zog mich dichter an den wohlduftenden Typen. Er neigte den Kopf. Warmer Atem strich über mein Gesicht. Ganz automatisch streckte ich die Arme aus, verschränkte sie hinter seinem breiten Nacken und bereitete mich auf das einmaligste Erlebnis meines Lebens vor.
Wer konnte schon von sich behaupten am Arbeitsplatz mit einem heißen, wildfremden Kerl herumknutschen zu dürfen? Ich! Und nur ich! Ich würde den Kerl anschließend sowas von nackig machen!
Unsere Lippen berührten sich. Der Kuss war anders als erwartet. Hart und kalt und überhaupt nicht wohlduftend. Trotzdem streckte ich die Zunge raus, aber er presste die Lippen viel zu fest aufeinander. Er machte doch keinen Rückzieher?
Nicht mit mir mein Schnuckelchen!
Ich schmiegte mich enger an seinen stählernen Körper, leckte über seine Lippen und verzog das Gesicht.
„Du schmeckst nach Essig“, schnaubte ich angewidert. Das war ja nun echt ein Reinfall! Ehrlich angepisst öffnete ich die Augen und erstarrte.
„Du hast nicht wirklich gerade unsere Mikrowelle abgeleckt, oder?“, ertönte es ungläubig neben mir. Meine Chefin! Ach du Scheiße!
Ruckartig wich ich zurück, vergaß dabei aber die Mikrowelle wieder loszulassen und riss das komplette Teil vom Regal. Ich lachte gekünstelt. Angstschweiß brach mir aus und immer noch schrien meine Geschmacksknospen gequält auf.
„Eh nein, natürlich nicht! Ich hab gestern im Netz gelesen, dass Essig und Speichel den hartnäckigsten Dreck wegkriegen sollen.“
„Wirklich?“ Sie unterzog mich eingehend einer Musterung. „Du hast Kundschaft!“ Sie nickte zur Ladentür.
Schnell spülte ich den Essigreiniger mit Cola runter, die dann im hohen Bogen wieder nach draußen befördert wurde. Ein schwarzer, klebriger Regen rieselte auf die Sahnetorten nieder.
Da stand er! Direkt vor der Theke! Der Schnuckel mit den Piercings und er zwinkerte mir frech zu. Ich wollte auf der Stelle tot umfallen.

Impressum

Texte: Text (c) Joey Lewis - 2011
Bildmaterialien: (c) http://www.layoutsparks.com/1/85070/bound-tie-chain-hands.html
Lektorat/Korrektorat: (c) Joey Lewis - 2011
Übersetzung: (c) Joey Lewis - 2011
Tag der Veröffentlichung: 08.11.2011

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für die Tagträumer unter euch ♥

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