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„Wenn ich den Sketch <Dinner for One> sehe“, soll jemand mal gesagt haben, „ muss ich immer an Silvester denken“.
Schon seit 1963 wird alljährlich am letzten Tag des Jahres dieses Zweipersonenstück in der Television ausgestrahlt, und zwar zu verschiedenen Zeiten auf verschiedenen Kanälen, sodass – wer will und Spaß daran hat - sich mehrmals mit der <procedure as every year> beschäftigen kann.
Autor und Herkunft des Mini-Lustspieles sind unbekannt. Der englische Schauspieler Freddie Frinton – im Privatleben ein permanenter Antialkoholiker erwarb nach Weltkrieg II. die Rechte daran. Nach großem Erfolg im Seebad Blackpool wurde es dort von Peter Frankenfeld entdeckt. Ihm nun gelang es nach erheblichen Überredungskünsten den durch Kriegserfahrungen antideutsch eingestellten Frinton für seine Show <Guten Abend, Peter Frankenfeld> zu interessieren. Frinton spielte den Sketch mit seiner Partnerin May Warden, - allerdings nicht in deutscher Sprache - und der Norddeutsche Rundfunk zeichnete es auf. Immer noch, nach fast einem halben Jahrhundert, strahlt das kleine Stück Charme aus und belustigt die Zuschauer, die den spärlichen Text inzwischen fast mitsprechen können, selbst wenn sie nicht die englische Sprache beherrschen. Die von Butler James stereotyp an Miss Sophie gerichtete Frage: „The same procedure as every year?” hat inzwischen globalen Bekanntheitswert.
Handelt es sich nun wirklich um ein Lustspiel, weil die Zuschauer sich köstlich amüsieren? Oder handelt es sich um ein verkapptes Problemstückchen, beladen mit sozialen und vielleicht sogar philosophischen Kriterien, über das immerhin bereits mehrere mit viel oder weniger Tiefgang geschriebene Abhandlungen existieren? (1985 erschien im Nautilus / Nemo-Press ein Büchlein mit dem gesamten – deutschen – Dialog zwischen Miss Sophie und ihrem Butler James, sowie Anmerkungen dazu.) Oder sollte man ein Nonsensstück darin sehen, für das höchstens spöttische Kommentare gut sind?
Der 90. Geburtstag – so auch der ursprüngliche einfache Titel des kleinen Einakters – zu dem Miss Sophie ihre Dinnerpartie gibt, versinnbildlicht vielleicht auch den letzten Lebensabschnitt des Menschen an sich. Etwas geht zu Ende, etwas, dessen man sich entsinnt, aber bereits in einem etwas morbiden, schon fast sinnentleerten Licht sieht. Das kurze Episodenstück könnte einen nachdenklichen Zuschauer dazu bewegen, das gesamte irdische Da-Sein an sich – en passant – vorbeiziehen zu sehen.
Miss Sophie stammt zweifellos aus einem guten, altehrwürdigen Hause, in dem sich ein Butler – wahrscheinlich der gleiche seit fünfzig oder sechzig Jahren – befand. Er kannte Miss Sophie schon als junge, gewiss überausaus begehrenswerte und wohl auch bereits gewissermaßen emanzipierte Frau. Vielleicht liebte er sie sogar. Stieß er vielleicht sogar auf Gegenliebe? Immerhin ist Miss Sophie offensichtlich ledig geblieben. Hat sie seinetwegen alle Verehrer abgewiesen, ohne allerdings den Mut zu finden, dem unter ihrem Stande befindlichen James die Hand zum offiziellen Bunde zu reichen?
Jetzt wirkt sie ein wenig altjüngferlich, etwas spinös, leicht blaustrumpfhaft. Doch andererseits scheint sie amourösen Abenteuern keineswegs immer abhold gewesen zu sein.
In ihrem Leben gab es Männer, an die sie sich auch jetzt noch – und wie es aussieht, gern – erinnert. So gern, dass sie alljährlich an ihrem Geburtstag mit ihnen zu Tisch sitzt.
Vier Männer sind es: Sir Toby, Admiral von Snider, Mr Pomeroy und Mr Winterbottom.
Wer weiß, wie oft der Butler James schweren Herzens den Herren seinerzeit ihre Plätze anwies, als sie noch lebten und der von ihm geliebten Sophie den Hof machten, bis sie eines Tages, wie das Leben so spielt, wieder aus ihrem Dasein entschwanden. Dann begann sich das Alter wie eine Watteschicht zwischen die Gedächtnislagen Sophies zu schieben. Ging ihr noch zu Lebzeiten ihrer Kavaliere auf, dass James, der perfekte Butler, mehr für sie war als nur der Domestik? Hat sie ihn eines Tages spielerisch in ihre Gedankengänge mit einbezogen, hat sie mit ihm ein Dinner für Zwei gefeiert, bis zum voll ausgeschöpften Ende, um diese Prozedur danach jedes Jahr in gleicher Art zu feiern und zu wiederholen? Sind die irreal anwesenden Gäste so etwas wie ein Alibi für Sophie, dieses nicht standesgemäße téte-à-téte stattfinden zu lassen?
Oder ist James erst durch den Alterungsprozess der geliebten Frau endlich in deren Blickfeld geraten, indem sie seine Stellvertretung für die nicht mehr in ihrem Umfeld existierenden Männer anerkannte, indem sie alle Gefühle, die sie einst für jene empfand, nunmehr geballt auf diesen übertrug, gleichsam dokumentierend, dass es nur eine einzige wirkliche Liebe bis in das Alter hinein, bis zum Ende, bis zum letzten Tag, über den 90. Geburtstag hinaus, gibt.
James ist der ständig Stolpernde, wahrscheinlich auch im alltäglichen Leben und gewiss in seinen Gefühlen, mit Blick auf die geliebte Sophie. Er wird dann er selbst, trotz oder gerade durch den ungeheuerlichen Alkoholkonsum ( er vertritt ja vier trinkfreudige Herren), als er Sophie fürsorglich die Treppe hinaufgeleitet und ihr verspricht, sein Bestes zu tun.
Was dem Zuschauer so vordergründig erscheint, aber widerum abstrakt durch die äusseren Umstände wirkt – für manche wohl auch frustrierend oder sogar lächerlich – ist eigentlich nichts anderes als die symbolhaft aufgezeigte Verbundenheit eines gemeinsam gealterten Paares.
Vielleicht war James schon immer allein mit Sophie, und lediglich ihre wechselseitige Phantasie hat es vermocht, diese Zweisamkeit bis in das hohe Alter hinein farbenfroh und lebendig zu erhalten. Sophie hat alle Eigenschaften, die ihr liebenswert erscheinen und wie sie von den vier traumhaft erlebten Männergestalten rund um den Tisch verkörpert werden, in einen einzigen Mann hineinprojiziert: in James. Sie hat in ihn eine Vollkommenheit hineingedichtet, die sich zum Bestandteil einer harmonischen Beziehung entwickelte.
Dieses so heiter angelegte Stück zeigt eine weitere Realität überaus ernsthaften Charakters auf. Wie einsam muss man mit neunzig Jahren sein, wenn alle, die man liebte, um einen herum weggestorben sind. Man vermag sie nur noch in der Erinnerung zu finden oder- senil geworden – in einer anderen Verkörperung zu suchen.
Welche Tragik für den, der sich in diese Rolle gedrängt sieht, für den, der Helfer sein soll und doch sehr unvollkommen und stolpernd sein Bestes zu tun verspricht, weil er den anderen liebt. Ist es nicht auch so bei gemeinsam alt gewordenen Paaren, bei denen jeder Part selbst alt und hilfsbedürftig wurde und dennoch für den anderen da ist?
So gesehen scheint mir das kleine Stück <Dinner for One> eine sehr abstrakte Realität zu beinhalten, etwas symbolisch verbrämt oder es ist eine Symbolik an sich, jedoch mit realistischem Auge erfasst. Man kann sich seinen Standpunkt selber dazu aussuchen, je nach individueller Veranlagung. Meiner Ansicht nach handelt es sich hier keinesfalls um eine Klamotte, sondern um eine Parabel, die zum Nachdenken anregt, um ein, leises Lächeln hervorrufendes, Zweipersonenstück. Es wird getragen von sehr wenig Worten, und doch umfasst es ein ganzes, nein - besser zwei - Menschenleben in vollem Umfang. Im tieferen Sinn sehe ich ein Ehepaar, das sich selber belügt, weil – es sich liebt. Es ist ein auf anderer Ebene, aber ähnliche Aspekte ausstrahlender Handlungsablauf, wie bei Albees „Virginia Woolf“.
Wenn Sie meinen Ausführungen nicht folgen konnten, bitte, sehen Sie sich am Silvesterabend den mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf den TV-Kanälen wieder ausgestrahlten Einakter an, Ihren eigenen Gedankengängen nachhängend.
Oder – haben Sie Angst vor Miss Sophie?


Diese kleine , bereits mehrmals veröffentlichte Studie widme ich den von mir verehrten Paaren,
Margaret Rutherford und Stringer Davis (in memoriam)
sowie
Nadja Tiller und Walter Giller,
die ich mir gut in diesem Sketch auf der Bühne vorstellen kann.


TBZ

Impressum

Texte: TBZ (Autorin)
Bildmaterialien: bookrix
Lektorat/Korrektorat: TBZ (Autorin)
Tag der Veröffentlichung: 21.12.2009

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