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Vorspeise (Die Freundin eines reichen Mannes)

 

 

 

Den Ausschnitt ihres Kleides fand Karin genau richtig. Gerade so tief geschnitten, daß er die Größe ihrer Brüste andeutete.

Der Rocksaum endete über den Kniescheiben.

Das dunkelblaue Kleid mit goldenen Mondmustern war kurz. Ohne daß die, die das Kleid anhatte, Schwierigkeiten bekommen würde, sollte sie sich irgendwo hinsetzen, während Leute ihr auf die Beine guckten.

Zu sehen bekamen Augen nur mehr, wenn sie das wollte. Nichts anderes war das, was sie im Sinn hatte. So sollte es sein.

 

Hannes mußte bald kommen, an der Wohnungstür läuten.

Ausgemacht war gegen sieben, halb acht. Neunzehn Uhr dreißig spätestens.

Eigentlich jede Sekunde, daß Hannes da sein konnte.

Meistens war Hannes überpünktlich. Gerne erschien Hannes vor der ausgemachten Zeit.

 

Ihre Mutti, die bis kurz vor sechs am Spätnachmittag bei ihr in der Wohnung gewesen war, fand Karin, die nervte an. Voll auf die Nerven fiel Mutti. Mit den Ansagen, mit denen Mutti rüberkam, ihren Blicken.

Ausschließlich ans Geld dachte ihre Mutti bei Hannes. Hannes' Geld.

Weil Hannes ein reicher Mann war, sollte sie, Karin, Hannes ja festhalten. Wieder mal, daß Mutti ihr das wiederholt hatte. So schnell wie möglich sollte sie Hannes heiraten. Bei erstbester Gelegenheit.

Scheiden lassen, das konnte Karin sich später jederzeit immer von Hannes. Gründe für eine Scheidung konnte man bei Gelegenheit jederzeit welche finden. Die flogen sozusagen frei in der Luft rum.

 

Trotzdem, eine Heirat nur wegen des Geldes?

Ausschließlich an Geldscheine zu denken, die einer mehr oder weniger hatte. Das durfte es wohl auch nicht sein. Zuviel nach dem Geldhaufen zu schielen, mußte eine aufpassen, daß sie beim Hinschauen nicht was anderes übersah, Fehler machte.

Leicht möglich, daß Hannes mal was in den falschen Hals kriegte. Daß sie, Karin, Pech mit irgendwas hatte. Wenn zu heftig von ihr gedrängelt wurde. Vor allem, sollte zu stark in den Vordergrund geraten, daß Hannes Moneten rüberwachsen lassen sollte.

Durchaus ein kleines Gedränge, das bei Hannes herrschte. Mädchen, Frauen verzogen ihre Gesichter gerne zu einem Lächeln, bei Hannes. Am Schluß wechselte Hannes schneller zu einer Geschlechtsgenossin rüber, als das einen Augenblick zuvor noch absehbar gewesen war.

Daß weibliches Geschlecht oder Freunde bei Hannes an Hannes' Reichtum dachten, das hatte Hannes in der Vergangenheit wirklich öfters gehabt. Das war für Hannes überhaupt nichts Neues. Hannes, der war von Kindheit an reich.

 

Den steilen Aufstieg in die bessere Gesellschaft, den hatte Mutti an vorderster Front im Auge.

Ihre Mutti, auf dem Empfang in der Firma letzten Freitag. Wirklich unmöglich war Mutti gewesen.

Beinahe hatte es gewirkt, als wolle Mutti absichtlich Schaden anrichten. Anders nicht zu interpretieren, wie Mutti sich aufführte.

Nichts Gutes verhieß das für die Zukunft, wenn ihre Mutti es bei gesellschaftlichen Anlässen ausschließlich auf dummes Posen und geschwätzige Großtuerei abgesehen hatte.

Zufällig war Karin am Freitagabend ein längeres Weilchen in der Nähe ihrer Mutti herumgestanden. Unbemerkt von ihrer Mutti, derart abgelenkt war die.

Und das, was sie von ihrer Mutti zu hören gekriegt hatte, das war beinahe nicht zu fassen. Die Ohren, die hatte Karin ein paar Minuten lang richtiggehend aufgestellt.

Muttis Ansage in Richtung dieses unübersichtlichen Zenkels, eines Investment-Managers eines Unternehmens, das Def.Invest. hieß. Schwer zu sagen, inwiefern das Glück für Karin war, daß Zenkel eher ein Bekannter von Hannes' Vater war, nicht von Hannes.

Den ganzen restlichen Abend über sah Karin Zenkel nicht einzigesmal mit Hannes irgendwo zusammenstehen, obwohl sie sich Zenkel zuoberst auf der Liste vorgemerkt hatte. Aber heißen mußte das nichts. Daß nicht doch irgendwann was von Zenkels Neuigkeiten an Hannes' Ohren drangen. Zenkel, der Details wußte, die Zenkel von der Mutter seiner Freundin Karin herhatte. Ihrer Mutti hätte sie die erzählt.

 

Überdeutlich lästig entstand die Erinnerung in Karins Kopf. Ihre Mutti hörte Karin reden, ihre Mutti, aus der es rausplapperte: "Meine Tochter Karin. Meine Tochter Karin war das. Die an der Seite von Hannes Dankorf. Die, die Sie gesehen haben, das ist meine Tochter Karin. Schaut meine Tochter Karin nicht gut aus in ihrem Kleid? Ganz schön teures Kleid, o ja!"

"Schon. Schon hübsch. Das Kleid. Aber auch die Frau."

"Dreieinhalb Monate, sagt Karin, daß sie jetzt mit Hannes Dankorf zusammen ist. Vor dreieinhalb Monaten hat Karin Hannes Dankorf persönlicher kennengelernt. Hannes Dankorf, der die Maschinenbaufirma Dankorf von seinem Vater erben wird, glauben Sie nicht? Mit Sicherheit ist nur Hannes Dankorf der Erbe. Hannes Dankorfs Schwester, hab ich - ö! - so nebenbei gehört, hat kein sonderliches Interesse daran, irgendeinen leitenden Posten in der Firma Dankorf einzunehmen. Bleibt lieber Tierärztin."

"Hannes Dankorf, stimmt, der könnte zukünftig die Firmenleitung übernehmen. Hannes Dankorf, eine der besten Partien hier in der Region. He, wie ist das zugegangen? Ihre Tochter und Hannes Dankorf? Hannes Dankorf, den lernt man doch nicht so einfach kennen, oder? Wie hat Ihre Tochter Karin Hannes Dankorf denn kennengelernt?"

"Wie sich die beiden kennengelernt haben, meine Tochter Karin und Hannes Dankorf? Meine Tochter Karin ist in der Firma Dankorf Büromanagerin. Seit ein paar Jahren schon. Aber nicht im Büro von Hannes Dankorf oder seinem Vater, sondern bei Personalleiter Renze. Bei Personalleiter Renze sitzt Karin erst mal jetzt noch im Vorzimmer. Zwar waren Karin und Hannes Dankorf sich vom Sehen her lange bekannt. Kaum zu vermeiden, daß Karin und Hannes Dankorf sich im Laufe der vergangenen Jahre das eine oder andere Mal in der Firma über dem Weg gelaufen sind. Obwohl Hannes Dankorf die Jahre über eher seltener in der Firma seines Vaters war. Hannes Dankorf hat woanders studiert, in Frankreich. In der Londoner City eine Zeitlang Berufserfahrung gesammelt. Vor einem Jahr ist Hannes Dankorf fest in die Firma seines Vaters zurückgekehrt. Nähergekommen, nähergekommen sind sich Karin und Hannes Dankorf dann vor so dreieinhalb Monaten. Erst vor so dreieinhalb Monaten. Da hat es plötzlich zwischen Hannes Dankorf und Karin gefunkt. In der Firmenregistratur im Keller. Dort waren Karin und Hannes Dankorf viel zusammen. Für die Katalogisierung alter Aktenordner sollte Karin im Auftrag von Renze, des Personal-Chefs, sorgen. Für so was hat Karin Talent. Über die Kundenkontakte im Laufe der achtundfünfzigjährigen Firmengeschichte, daß Hannes Dankorf zufällig auch nachforschte. Akteninhalte aus der Kellerregistratur, die Karin zur Archivierung einzuscannen hatte, interessierten Hannes Dankorf. Hannes Dankorf und Karin arbeiteten dann gemeinsam an Hannes Dankorfs Geschichtsprojekt, was die Firma Dankorf angeht. In Absprache mit Hannes Dankorf stellte Karin sogar ein paar Kleinigkeiten auf der Firmenseite online. Hat Kommentare dazugeschrieben, meine Karin. Karins Name steht sogar alleine unter zwei, drei Artikeln ..."

"Schon 'ne Sache. Hannes Dankorf, der Sohn des Firmeninhabers ... Großer Hecht, der."

"Stimmt. Hätte für Karin kaum besser laufen können, daß Hannes Dankorf sich in sie verliebt hat."

"Würd ich auch sagen. Zweifellos."

"Hannes Dankorf hat sich so was in meine Tochter Karin verguckt. Während den Tagen ihrer Zusammenarbeit haben sich Hannes, der leibliche Sohn des Direktors der Firma Dankorf, der wiederum der Sohn des Gründers der Maschinenbaufirma Dankorf ist, und Karin, mein Kind, ineinander verliebt. Fest zusammen sind Karin und Hannes Dankorf seitdem. Sogar in aller Öffentlichkeit zeigen sie das heute wieder, wie Sie gesehen haben ... Haben vorhin händchengehalten, nicht? Hannes Dankorf und Karin, nicht?"

"Der Junior-Chef der Firma Dankorf und Ihre Tochter  ...? Sie sind die Mutter ...?"

"O ja! Karin und Hannes Dankorf haben mich zu der Festivität heute hier eingeladen ..."

"Ihre Tochter Karin, ein wahres Glückskind ..."

"Kann man vielleicht so sagen ... Glück muß man aber haben im Leben, finden Sie nicht?"

 

Den Kopf schüttelte Karin, als müßte sie einen bösen Spuk abschütteln.

Richtig oberpeinlich, ihre Mutti. Ober-, oberpeinlich.

Das Gesamte, was Mutti jenem Zenkel da im Plauderton daherredete, dafür hätte Karin ihrer Mutti vors Schienbein treten können.

Die Zwischentöne, die aus dem Geschwätz Muttis herauszuhören waren, unglaublich.

Solch ein dümmliches Gelaber in der Gegenwart eines Menschen wie dieses Zenkels von "Def.Invest", der eher dem Bekanntenkreis von Hannes' Vater als von Hannes zurechnete.

Ob das nicht noch gefährlich wurde, die Frage.

Überdies nicht das einzige Vorkommnis mit ihrer Mutti an dem Freitagabend.

Mit dem nächsten Sektglas in der Hand, Mutti. Als wäre es vorteilhaft für eine Dame oder Frau von Welt, sich in aller Öffentlichkeit dabei zusehen zu lassen, wie sie ein Glas Alkohol nach dem anderen in sich hineinschüttete. Als würde sie Wasser trinken.

Sogar torkeln hatte Karin ihre Mutti gesehen. Während Mutti schon wieder mit jemand anders plauderte. Die Wichtigkeit der Personen dabei, stetig am Abnehmen. Mutti verließ den Kreis wichtiger Leute.

Das Abendkleid ihrer Mutti war Karin unvermittelt ins Auge gefallen, als wäre es zuvor ein anderes gewesen. Viel zu tief ausgeschnitten für Muttis Alter, jenes Kleid.

Das Teil, das Mutti am Freitag angehabt hatte, das hatte angefangen, schrecklich rutschig zu werden. Die Brüste Muttis großflächiger.

Von zwei jungen Kerlen hatte Karin ihre Mutti gemeinsam mit Hannes aus einem Eck entführen müssen, Mutti, die den Blick auf eine Brustwarze ganz freigab. Auch Hannes hatte scharf hingeguckt, bei Mutti. Ihrer Mutti.

Ziemlich skandalös, Muttis öffentlicher Auftritt auf dem Firmenfest am Ende, zu dem auch einige höhergestellte Gäste aus der örtlichen Politik und von bekannteren, sogar aktiendotierten Firmen erschienen waren.

Der Einladung von Hannes Dankorfs Vater hatten alle Folge geleistet, die ein Schreiben gekriegt hatten. Niemand, der abgesagt hatte.

Zum Glück hatten sich aus den negativen Aufführungen und dem großtuerischen Gerede ihrer Mutti bis jetzt keine negativen Dinge für sie, Karin, entwickelt. An Hannes' Ohren schien nichts von all dem gedrungen zu sein, was Karins Mutti abgesondert hatte.

Hannes hätte wahrscheinlich nicht darauf verzichtet, darauf zu sprechen zu kommen.

Bestimmt hätte Hannes seine Freundin Karin aufgefordert, Kleinigkeiten näher zu erläutern, die Karins Mutti in die Welt hinausposaunt hatte.

Mutti wäre schuld gewesen, hätte sich für ihre Tochter Karin Ärger bei Hannes ergeben. Wenn Streitigkeiten mit Hannes die Folge gewesen wären. Und das alles nur, weil ihre Mutti sich nicht zurücknehmen konnte, was ihr loses, prahlerisches Mundwerk anbetraf. Dabei war das das Nähkästchen ihrer Mutti. Das nicht viel mit dem Karins zu tun hatte.

 

 

Heute abend würde Hannes sie wieder groß ausführen.

Erst mal zum Essen.

In den Klub, daß es für ein Abendessen an einen Tisch gehen sollte, hatte Hannes schon wissen lassen.

Alleine bessere Kreise, die dort im Klub verkehrten.

Kein "Pöbel" weit und breit, wie Hannes es nannte.

Keiner vom "Pöbel", der sich den Klub leisten konnte. Ebensowenig wie irgendeiner, der Mitglied im Klub war, sich einen des "Pöbels" zu leisten brauchte. Dort nicht.

Im späteren Verlauf des Abends war Tanzen angesagt.

Nicht im Klub. In ein einwandfreies, gediegenes Tanzlokal, das plante Hannes, daß Karin und er vom Klub aus weiterfuhren. Für Rumba, Twist und Walzer.

Rock'n'roll übte Hannes die letzten Wochen. In einem Tanzkurs.

Auf Hannes' Tanzpartnerin war Karin regelmäßig eifersüchtig, wenn sie Hannes erzählen hörte.

Am liebsten hätte Karin sich selbst bei dem Tanzkursus angemeldet, Hannes im Auge zu haben.

Es bereitete Karin einige Mühe, nicht die Nummer der Tanzschule, die sie bereits im Telefonbuch gesucht und in ihr Telefon eingetippt und abgespeichert hatte, anzurufen.

Allerdings: Bei Hannes war die Tage alles wie sonst auch. Keine Veränderungen des Benehmens bei Hannes.

Hannes war zugleich frisch. Bei ihr, Karin.

Nichts an Hannes, das auf unbestimmte Weise nach irgendeiner anderen aussah oder roch, daß man es ansprechen hätte müssen.

Meinte das Leben es derzeit nicht gut mit ihr, Karin? Das Schönste an allem war, daß die Liebe zwischen ihr und Hannes wahrhaftig zu sein schien. Dauer hatte.

Obwohl Hannes und sie damals viel zu rasch in Sachen Sex zur Sache gekommen waren. Miteinander beschäftigt in der Kiste landeten. Abends nach einem Restaurantbesuch bei Hannes in der Stadtmitte befindlichen Hochhausterrassenwohnung oben.

Hannes' riesiges französisches Doppelbett mit Vorhang. Wie geschaffen für mehrere Gespielinnen.

Daß das mit der Sexgeschichte schnell passiert war, führte jedoch tags drauf bei Hannes zu keinen Veränderungen seines Verhaltens Karin gegenüber. Die Welt zwischen Hannes und Karin verwandelte sich auch nach den Sex-Stellungen nicht. Überraschenderweise war Hannes keiner, wie Karin es insgeheim bei sich im Innern befürchtet hatte. Hannes blieb bei ihr, Karin, ganz der gleiche. Genau derselbe wie zuvor. Hannes Dankorf, keiner dieser Trophäensammlern, die sofort, nachdem sie die Trophäe geholt hatten, losliefen, sich die nächste Trophäe zu besorgen.

Das Interesse an Karin, das ging Hannes nicht verloren.

Zumindest bis zur Stunde Fakt bei Hannes. Hannes und Karin, für jeden immer sichtbarer ein Paar. Ein Liebespaar. Obwohl zunächst jeder von ihnen in seiner eigenen Wohnung verweilte, keiner beim andern einzog.

Angedeutet hatte Hannes es ihr, Karin, am Montag, daß er sich mit dem Gedanken trug, sich vielleicht demnächst offiziell mit ihr verloben zu wollen. Daß er deswegen beabsichtigte, die nächste Zeit bei seinen Eltern vorzufühlen. Sein Vater, seine Mutter, die bis jetzt nicht viel gegen Karin einzuwenden hatten.

Die folgenden Tage, Wochen, daß es jederzeit passieren könnte, daß Hannes seiner Karin Verlobungringe vorzeigen könnte. Verlobungsringe, sie an den Finger zu stecken.

 

Nach der Verlobung erst konnte bei Gelegenheit daran gedacht werden, wo man heiraten könnte.

Jedenfalls ein schlimmer Fehler, Muttis Rat zu folgen und Hannes, wenn Hannes ohnehin schöne Absichten hatte, mit irgend etwas Doofem zu bedrängen.

Daß Sachen danach ausschauen konnten, Karin, die hätte dringender was nötig. Etwa ihren Status in der Firma betreffend. Oder, sich bei reichlich unwichtigen Leuten die Verlobte von Hannes Dankorf nennen zu dürfen. Später die Ehefrau Hannes Dankorfs, des möglichen Erben der Firma Dankorf.

Auch nur den Anhauch solch eines Verdachts, den würde sie, Karin, von sich weisen. Aus Liebe war Karin mit Hannes Dankorf zusammen, sonst wegen nichts.

Eher Zufall, daß Hannes Dankorf ein reicher Mann war, höchstwahrscheinlich der Firmenerbe der Familie Dankorf.

Ganz sicher war das am Ende nicht, daß Hannes' Schwester Auguste sich wirklich aus der Nachfolgefrage heraushielt, was das Dankorf-Firmenerbe anging.

 

Im Spiegel betrachtete Karin sich.

Lipgloss war besser als jeder Lippenstift, fand sie.

War gut möglich, daß ihre Lippen zu übertrieben blutrot ausschauten.

Fast ein wenig billig, nuttig, daß sie damit rüberkam, empfand Karin den Anblick plötzlich.

Nichtsdestotrotz, vor wenigen Augenblicken hatte sie sich noch so gefallen.

Nach dem feuchten Abschminktüchlein rechts auf der Tischfläche zu greifen, das schaffte Karin nicht. Aus dem Grund nichts damit, anzufangen, das Lippenrot abzurüsten.

Im Spiegelglas sah Karin sich den Kopf schütteln.

Um ihre mittellangen brünetten Haare ein bißchen in Unordnung zu bringen.

Das mit dem Kopfschütteln gab ihrer Frisur ein angenehm natürlicheres Aussehen.

Nicht das, als ob sie sich stundenlang vorm Spiegel gekämmt hätte. Oder eben frisch vom Friseurtermin käme, bei dem sie stundenlang unter der Haube gesessen hatte.

Es klingelte an der Wohnungstür. Vor Schreck zuckte Karin zusammen.

Die Lippen schürzte Karin.

Das glänzend fette Rot der Lippenpartien zu dämpfen, dafür war es jetzt die letzte Gelegenheit.

Schulterzuckend erhob Karin sich allerdings vom Stuhl vor ihrem Schminktisch.

Noch einmal betrachtete Karin sich für ein paar Sekündchen im Glas wiedergespiegelt.

Ganz vorzeigbar für den weiteren Verlauf des Abends, so empfand Karin sich. Bis auf die Lippen. Mit diesen Lippen hatte sie wirklich ein Erscheinungsbild, wie so eine Nutte, die sich für die ersten Freier des Abends hergerichtet hatte.

 

Neuerlich: Hannes' Klingeln.

Jetzt war er da, der passende Moment. Regelrecht fühlte Karin, wie sie auf den Flurgang hinaus und zur Türe ihrer Wohnung hinschwebte.

Den Schlüssel drehte Karin im Schloß, öffnete.

Hannes, der Karin einen dicken Blumenstrauß langstengliger roter und weißer Rosen entgegenreckte und breit dabei grinste.

Den Strauß Blumen nahm Karin mit einem Lächeln und einem nervösen Schulmädchenknicks von Hannes entgegen.

"Entschuldige, daß ich nicht schon früher gekommen bin, Karin, Liebling", meinte Hannes, als wäre Hannes zeitlich tatsächlich irgendwie zu spät dran.

"Du bist genau pünktlich, Hannes", ließ Karin hören, das Timbre einer Frau in der Stimme, die froh war, daß ihr Liebhaber ihr nicht absagte, überhaupt eingetroffen war. "Halb acht war ausgemacht. Du bist wieder ein paar Minuten früher da ..."

In den Wohnungsflur trat Hannes Dankorf einen Meter herein, weil Karin, als Hannes sich in Bewegung brachte, von der Türschwelle zurückwich.

"Spät wärst du, wenn du erst um zwanzig Uhr gekommen wärst, Hannes. Da wärst du eine halbe Stunde zu spät ..."

Von Hannes wandte Karin sich eilends ab, begab sich zu dem hüfthohen Schuhschrank. Nach der für solche Anlässe mit Blumen auf der Stellfläche bereitstehenden Ziervase faßte Karin, rückte diese zurecht.

"Was ist denn los, Karin, mein Schätzchen?" erkundigte Hannes Dankorf sich, Hannes Dankorf, der seinen Kopf mit gerunzelter Stirn schiefgelegt hatte. "Irgendwann müssen die Stengel des Rosenstraußes doch drinnen sein im Loch, mein Schatzi. Groß genug, das Loch. Was denn los, Lieb-ling? Was passiert, daß du so fahrig bist? Richtig nervös schaut das aus. Bist du mir mit 'nem Kerl fremdgegangen, Karin? Hast du mir was zu erzählen? Tsts! Ein Gefummel ist das, ich glaub's ja nicht."

Plötzlich hatte Karin das grüne, stachellose Stengelzeug in der Vase untergebracht, schwang von ihrem Schuhschränkchen fort, beguckte Hannes, hätte gerne ihr eigenes Gesicht im Spiegel gesehen.

"Krieg ich nun 'nen Kuß von dir, Liebling? Oder krieg ich keinen Kuß von dir?"

"Natürlich kriegst du 'nen Kuß, Hannes, mein Lieb-ling!" Auf Hannes, ihren Liebsten, daß Karin loshüpfte. Links und rechts drückte Karin Hannes ihre Schmatzer auf die Wangen, Schmatzer, die ihr unverständlicherweise seltsam zurückhaltend gerieten, richtig schüchtern. Daß Karin sich fragte, was im Moment mit ihr los war: Warum entwickelten sich ihr die Szenen in der Gegenwart Hannes' so? Schon das mit dem Blumenstrauß, das war einigermaßen unglaublich.

"Nein, warte, Karin", raunte Hannes, der unvermittelt in unbestimmte Fernen blickte, Karin mit den Handflächen vor Karins Schultern von sich wegschob. "Den nächsten Kuß gibst du mir im Wagen drunten. Ich will dann aber richtige Küsse von dir, Karin. Küsse, Karin, mein Liebling ... Daß du mir einen ... Werden ein paar Minuten unterwegs sein. Da können wir uns ein paarmal richtig küssen. Ich will einen ..."

"O ja, Hannes!" entfloh es Karin, fast wie ein Hauch. "Ich werd dich küssen... Ich küss dich."

Hannes guckte Karin an.

 

"Verflucht soll alles sein, Karin, mein Schatz. Mein Fahrer heute ist Anton, unser Butler. Gregor ist krank geworden. Anton hat die Erlaubnis von Vater gekriegt, darf seit heute früh chauffieren. Auch mich chauffiert Anton jetzt. Ausgerechnet Anton. Anton, der Schwätzer. Anton, der das Maul nicht halten kann. Was der mitkriegt, erzählt Anton jedem weiter. Sofort, kaum daß man Anton kurz fragt, sagt Anton einem schon alles. Gefällt mir überhaupt nicht, daß Anton mein Chaffeur ist. Daß der mich heute in der Gegend rumfährt. Keine vertrauenswürdige Person, unser aller Anton. Was soll's aber jetzt? Jetzt fährt Anton mich nun mal. Entweder fährt Anton mich, oder ich krieg den Wagen nicht, hat Vater gesagt ... Muß auf Anton eben aufgepaßt werden. Hoffentlich bringt uns Anton wenigstens auf geradem Wege in den Klub, Karin-Schätzchen, wenn Anton schon fährt. Um einundzwanzig Uhr sollte ich im Klub sein. Zum Essen. Später, so nach Mitternacht, darfst du dich aufs Moussé freuen, Karin. Ja, dann geht's wieder ins Moussé. Unser beider berühmtes Moussé. Unser schniekes, kuscheliges Moussé. Hab einen eigenen Tisch im Moussé bestellt. Für die ganze Nacht. Freust dich doch jetzt schon aufs Moussé, oder nicht? Hast du dazu Lust, können wir irgendwann auch nach nebenan rauf. Können ins Kasino hochmachen. Kannst dich wieder an den Roulettetisch setzen, Karin ... Du verspielst doch so gerne Jetons von mir ... Vielleicht gewinnst du aber heute mal ... Werd selber pokern, denk ich. Schauen wir mal, wie lange. Ob ich dir dann wieder zuschauen muß, oder mich zu dir dazusetzen ... Bis halb fünf, fünf in der Früh können wir im Moussé bleiben, wenn wir wollen. Hab morgen vormittag ab elf aber Familienmittagessen zu Hause. Verflucht, Vater hat was mit mir zu bereden. Schöner Mist. Keine Ahnung, was das wieder wird mit dem. Angedeutet hat er nichts. Keine Ahnung, was der wieder von mir möchte."

"Aufs Moussé freu ich mich jetzt schon. Im Moussé wird's bestimmt lustig. Im Kasino darf ich wieder an den Roulettetisch ...?"

"Bis du jeden deiner Jetons verloren hast, Karin. Oder unsere Zeit um halb fünf, fünf rum um ist. Bei mir beim Pokern wird's genauso sein. Sind alle Jetons weg, ist Schluß für die Nacht. Ziehst du dir nicht noch 'nen Mantel oder so an, Liebling? Kann frisch werden heute. Kalter Wind. Sturm. Alles in den Nachrichten zu hören, oder?"

"Doch! Natürlich zieh ich mir 'nen Mantel an ..."

Von Hannes, dessen Rede sich hin und wieder zwiespältig angehört hatte, was so Zwischentöne anbetraf, löste Karin sich. Zum Flurkleiderständer begab Karin sich, griff sich den erstbesten dicken Mantel aus Kunstpelz.

Falscher Nerz. Trotzdem ein hochwertiges, nobles Ding. Ein Geschenk Hannes'.

In den Pelzmantel schlüpfte Karin, ohne daß Hannes ihr eine Hilfestellung sein hätte wollen. Fiel Hannes überhaupt nicht eine Sekunde ein, ihr, seiner Geliebten, zuvorkommend in den Mantel hineinzuhelfen. Worüber Karin sich sehr verwunderte. Schließlich wußte Hannes sonst, was sich bei einer Dame geziemte, ob Freundin, vertraute Person oder nicht. Daß Hannes nicht dazukam, ihr in den Mantel zu helfen, paßte jedoch zu Hannes' seltsamer Tonart. Irgendwas lauerte da bei Hannes im Hintergrund, als müßte sie, Karin, die nächste Zeit bei Hannes vorsichtig sein.

 

"Pierre ist immer noch im Klub, Karin", ließ Hannes schnarrend vernehmen, verweilte am Platz, verstellte den Gehweg, als hätte er selber es plötzlich nicht mehr eilig, woanders hinzukommen. "Pierre, unser Zwei-Sterne-Koch aus Frankreich. Heißt, es ist weiterhin geschlossene Gesellschaft im Klub-Restaurant, Karin, mein Schatz. Nur Klub-Mitglieder mit Begleitung. Mehr als oft in der letzten Zeit geschlossene Gesellschaft im Klub, was? Ist Pierre da, unser Franzose, kommen wirklich nur handverlesene Gäste rein."

Hannes blickte Karin an, als ob sie was zu ihm sagen müßte. Nur, daß Karin nichts zu sagen einfiel.

"Wenn du mich nicht hättest, Karin. Wenn du mich nicht hättest. Wenn du mich nicht hättest, müßtest du draußen bleiben. Mußt du aber nicht. Mit mir zusammen kommst du rein in den Klub. An meiner Seite kommst du in den Klub rein. Mit mir, deinem Hannes, dem Junior-Chef, kommst du rein in den Klub zu all diesen interessanten Leuten. Auch ins Klub-Restaurant kommst du rein, wo gegessen wird. Mit mir kommst du rein in den Klub und ins Klub-Restaurant. Für heute Abend konnt ich mir den Code aber nur ganz knapp besorgen, Karin. Dieser Scheißdreck wird immer schlimmer. Daß sie im Klub keinen mehr automatisch vormerken, das nervt bald voll. Bald kann's sein, daß Leute außen vor bleiben. Scheiß-Andrang im Klub und im Klub-Restaurant. Erst recht, wenn Pierre kocht ... Hätte echt Pech haben können, Karin. Pech hätt ich haben können."

Auch dazu wußte Karin kommentarmäßig nichts anzubringen.

"Simse ich meinen Zugangscode, Karin, mein Schatzi, sind wir beiden aber Nullkommanix drinnen im Klub, sitzen am reservierten Tisch auf unseren Plätzen ... Leider haben wir den Tisch wieder nicht ganz für uns allein."

"Schön, Hannes", krächzte Karin, Karin, bei der es dabei blieb, daß sie sich in Hannes' Umgebung gerade wenig behaglich fühlte. "Pierre ist auch der Beste. Daß ich mit dir in den Klub mitkommen darf, wenn Pierre kocht, Hannes, das ist schon groß. Viele Mädchen, Frauen würden sich das wünschen, mit dir zusammen in den Klub zu gehen. An deiner Seite dabeisein zu dürfen. Noch dazu, wenn Pierre im Klub ist und für die Leute da kocht ... An jedem Finger könntest du eine haben, Hannes ... Auch zwei."

"Hat sich spezialisiert, unser Pierre", war Hannes' Fortsetzung, Hannes, ohne auf das Thema Karins einzugehen. Mit dem Zeigefinger kratzte Hannes sich unter dem Kinn, strich sich über die Schläfe, guckte starr an Karin vorbei. "Echt spezialisiert hat sich Pierre. Ich mein, momentan kommt Pierre nur noch für DAS in den Klub. Nur noch für DAS. Wir können aus drei tollen Fünf-Gänge-Menüs auswählen. Du hast dir hoffentlich Platz gelassen im Magen, Karin?"

"Hab nur kurz zweimal mit Margarine und Tomatenscheibchen belegtes Knäckebrot gehabt", erwiderte Karin. "Daß du meinen Magen nicht hörst, wie der knurrt, wundert mich, Hannes."

"Mal sehen, mal sehen, wie dir die Pastete Pierres heute mundet, Karin." Ins Gesicht grinste Hannes Dankorf Karin, als wäre da was, was er wüßte, sie, Karin, aber nicht. "Alles wird verboten gut schmecken, denk ich, Karin. Verboten gut. Verboten - und gut. Auf unseren Pierre ist Verlaß. Von Pierre sagt jeder nur, daß er dir alles auf der Welt zubereiten kann. Pierre serviert dir deine alten Socken als Gourmet-Schmauß, wenn du sie ihm in die Küche reinreichst ... Oder er nimmt dein Hündchen mit in die Küche, weil es zu viel kläfft - haha! Du kennst deinen Kläffer dann nicht wieder ..."

"Hündchen ...?" Die Stirn in Falten gelegt, die Lippen geschürzt, starrte Karin in das befremdlich maskenhafte Gesicht Hannes'.

"Ein Scherz, Karin; ein Scherz." Zur Abwehr zeigte Hannes Karin die Handfläche. "Verstehst du heute keinen Spaß? Schlecht drauf?"

"Warum soll ich schlecht drauf sein, Hannes? Vielleicht bist du schlecht drauf, Hannes. Weiß nicht, irgendwie seltsam momentan alles. Wie du so redest."

"Ich sag nur: Pierre ist ein Zauberkünstler", überhörte Hannes weiter das von Karin. "Das kann ich nur immer und immer wieder sagen: Pierre ist ein Zauberkünstler unter den Köchen."

Der Blick von Hannes, der von einem, der mit einem was vorhatte. Nicht unbedingt angenehm für den, der das Opfer war.

Unvermittelt kam die Idee Karin wie von hinterrücks in den Kopf geschossen, ob sie nicht daheim in ihrer Wohnung bleiben sollte. Hannes konnte gut und gerne alleine in seinen blöden Klub fahren. Da gab's für sie Karin schon noch andere Unterhaltungsmöglichkeiten auf der Welt, als die mit Hannes. Ein bißchen den Rechner anwerfen, nach ihrer Post schauen. Alles mögliche.

 

"Wenn du willst, bestell ich Pierre heute zu uns an den Tisch, Karin." Breit grinste Hannes Karin ins Gesicht. "Bin sicher, daß Pierre das gerne hört, wie's uns geschmeckt hat. Dann kannst du mal ein paar Worte mit Pierre wechseln. Du kannst doch Französisch, oder? Pierre mag gutes Französisch. Jeden, der mit ihm Französisch spricht, den liebt Pierre."

"Daß ich gutes Französisch kann, würd ich nicht gerade sagen. Konnt ich schon mal besser. Wirklich, Hannes. Dauernd schreib ich für Renze nur englische Sachen. Englisch, Englisch. Weiß überhaupt nicht, wann ich das letztemal was in Französisch zu tippen hatte. Kann ich Pierre wohl nicht glücklich machen, mit meinem Französisch. Sprech ich am Tisch was mit Pierre, kann ich nur hoffen, ich verwechsel keine Worte, beton nichts falsch. Na, in Spanisch wäre das viel eher schlimm ... Eine falsche Betonung im Spanischen, und du hast einen schwer beleidigt. Ihm was erzählt, was Anzügliches. So was, daß er ein Eier-Kocher ist und so ..."

"O ja, Karin." Eine Verbeugung deutete Hannes Dankorf in ihre Richtung an, eine, die Karin als spöttisch, unpassend empfand.

Überhaupt, der Augenaufschlag Hannes'. Einen sympathisch freundlichen Auftritt legte Hannes seit seinem Eintreffen bei ihr, Karin, an der Wohnungstür nicht hin. Nicht das bißchen.

Schwer zu sagen für Karin, was Hannes über die Leber gelaufen war. Mußte sie vorsichtig erst herausfinden, im Laufe der nächsten Stunden.

"Gehen wir nun aus, Schatzi? Oder gehen wir nicht aus? Fahren wir nirgends hin? Daheimbleiben - das hab ich aber eigentlich nicht angesagt, nicht wahr?" Hannes Dankorfs herablassender Wink von oben herab bedeutete Karin, daß sie an ihm vorüberschreiten sollte, sofort. "Ich will in den Klub. Ich muß in den Klub. Auch wenn dieser verräterische Eierkopf Anton fährt. Kommst du nun, Karin?"

Karin zögerte.

"Worauf warten wir denn hier nun eigentlich, hier in deiner Wohnung? Abmarsch, Karin, mein liebes Schatzi! Sonst muß Anton, der mich heute fährt, zu viel Gas geben, und Anton, der ist fähig, baut einen Unfall. Genauso schlimm wärs, fährt Anton an der Abfahrt zum Klub vorbei. Dazu ist der in der Lage. Dann müssen wir umkehren - und wir treffen nicht um neun Uhr rum im Klub ein ... Wir sollten schon zur ausgemachten Zeit im Klub sein. Wenn Pierre kocht noch dazu. Man kann nie wissen, wann Pierre das nächstemal im Klub kocht ... Nachdem Pierre in der letzten Zeit ziemlich oft im Klub gekocht hat. Vielleicht kocht Pierre erst in einem halben Jahr wieder im Klub. Hab ich läuten gehört, daß sein könnte, daß demnächst wieder ein anderer an Stelle von Pierre kocht. Weil Pierre das nicht möchte, daß er nur immer an einem Ort kocht. Verstehe Pierre."

"Stimmt überhaupt nicht, daß ich daheimbleiben möchte, Hannes!" In einer Sekunde war Karin an Hannes vorüber. Zwar war da die Fragestellung hinter Karins Schädeldecke, warum sie sich als Hannes' Geliebte gerade in Hannes' Gegenwart nicht übermäßig behaglich fühlte. Trotzdem, das war nichts als Gefühl. Etwas Genaures wußte Karin nicht.

Solange sie den Dingen nicht auf den Grund gegangen war, sie nichts Greifbares zur Hand hatte, konnte sie Fragen auch gut hinten anstellen. Sie und Hannes, sie waren einander doch jetzt länger ein Paar. Hatten auch schon Streit gehabt. Sie beide, sie liebten sich. Deshalb eine zu große Geschichte aus beiläufig wahrgenommenen klimatischen Störungen zu machen, die nichts mit einem selber zu tun haben konnten, das war es am Ende auch nicht. Jeder war mal besser oder schlechter drauf.

 

"Hallo, Karin? Hallo, Karin?" kehrte Hannes' Stimme mit einem befremdenden Spottklang von oben herab Karin zurück. "Jemand daheim? Was drehst du dich nach mir um, stehst mir im Weg rum, wenn ich hinter dir rausgehen möchte? War ja jetzt fast, als hätt dir was befohlen, stehenzubleiben und nach mir umzudrehen. Warst wie plötzlich abgeschaltet. Rutscht dir heute die Batterie öfters raus? Oder hast du die falsche hinten drinnen eingesetzt? Haha! Muß doch irgendwoher kommen, daß du gerade irgendwie verwirrt bist, Karin, mein Schatzi ... Ein Stromkabel locker ...?"

"Keine Ahnung, Hannes." Ein wenig aufgebracht schaute Karin Hannes ins sardonisch grinsende Gesicht. "Weiß im Moment nicht, was mit mir ist. Oder, ich weiß's doch. Hab nämlich ... Nicht zu fassen, das. Ö, hab meine Handtasche drinnen liegengelassen ... Entschuldige ... Muß noch schnell noch mal an dir vorbei, Hannes, meine Handtasche holen. Keine Ahnung, was das ist, das gerade ... Bin wohl wirklich gerade ein bißchen durch den Wind. Zerstreut. Hast vielleicht recht, Hannes. Könnt schon sein, daß ein Kabel locker ist ... Läßt du mich noch mal eine Sekunde an dir vorbei, Hannes? Nur eine Sekunde ..."

"Dann mach mal, Karin - haha! - hol deine Handtasche", versetzte Hannes Dankorf, der, die Augen verdrehend, zur Seite trat, Karin wieder zu sich auf den Wohnungsflur hineinzulassen.

 

Während Karin an Hannes vorüber zurück in ihre Wohnung hineintrippelte, rätselte Karin aufs neue, was das für ein Mienenspiel war, das Hannes aufgesetzt hatte. Das Gesicht eines Fremden zeigte Hannes ihr im Grunde genommen. Als würde sie, Karin, ihn, Hannes, ihren Geliebten seit mehreren Monaten, eben zum ersten Mal sehen.

Mit dem Rücken zu Hannes, den Flur hinabeilend, bemerkte Karin tatsächlich, daß ihr Tränen in die Augen schossen. Die Welt mit Hannes, die entwickelte eine Atmosphäre, eine, als sollte wirklich besser zu Hause geblieben werden.

 

"Kommst du nicht, Karin?" hörte Karin Hannes in ihrem Rücken rufen, Karin, die sich mit einem Papiertaschentuch die Wangen und unter den Augen tupfte. Es durfte nicht sein, daß ihr die Schminke zerlief.

"Doch, Hannes! Ich komm ja schon. Jetzt komm ich wirklich. Hab sie jetzt, meine Handtasche."

Aus ihrem Schlafzimmer eilte Karin, lief den Flur hoch zu Hannes.

"Vergiß nicht, deine Wohnung abzusperren, Karin. Seh hier nirgends einen Schlüssel. In der Hand hast du auch keinen. Oder, darf heute abend jeder mal kurz zu dir in die Wohnung rein, der sich bei dir an der Tür versucht, sich bei dir drinnen was zu besorgen?"

"Sicher nicht, Hannes!"

Ihren Schlüsselbund entdeckte Karin beim Herumschauen auf dem Schuhkastenschränkchen.

 

 

 

 

Hauptgang (Für die nächste Lieferung)

 

 

 

*(2)+(3)

 

Das Sternchensymbol bedeutete Restaurant.

Das Pluszeichen stand für Krankenhaus, Labor.

Die Zahl in Klammern sagte die Anzahl der Ware an, die geliefert werden sollte.

Zwei Stück für Restaurant. Drei für Krankenhaus.

 

Bereits wieder der nächste Auftrag. Für den nächsten Monat jetzt. Innerhalb der ersten Monatswoche.

Bei Auftragsvergabe hatte er vierzehn Tage Zeit, bis er geliefert haben sollte.

Dann gab es Nachfragen, wo das Bestellte denn bliebe. Bis dahin konnten allerdings auch bereits neue Bestellungen reinkommen.

 

Genervt schlug Robert Steltz dreimal mit der flachen Hand auf das Lenkrad.

Mit ein paar längeren Pausen fuhr er nun seit Stunden in der Gegend rum. Seit acht Uhr früh. Ohne zu einem vernünftigen Entschluß zu kommen.

Jeden am Straßenrand ließ er bisher stehen. Obwohl er Personen mitnehmen sollte, wollte, wenn er karrte. Am besten welche, jung und knackig, unverbraucht.

Die Zeit, sie wurde langsam knapp. Der letzte Liefertermin für die gegenwärtige Lieferung war spätestens übermorgen. Überübermorgen sollte er geliefert haben.

Zwei Stück waren das Minimum.

Geschah überhaupt keine Lieferung, war zu befürchten, daß der Nichtlieferung hinterhergegangen wurde.

Belästigende Kurznachrichten mit dem =-Symbol. Oder: =-Symbol mit Leerzeichen und ?-Symbol.

 

Eine Frau hatte er, die er zu lieben glaubte. Ein zehnjähriges Kind, Markus mit Namen. In einem Monat wurde Markus elf.

Deshalb war alles nicht so einfach.

Den nächsten Flughafen anzusteuern, irgendeinen Flieger nach Südamerika oder in ein asiatisches Land zu nehmen, beliebtes Urlaubsziel oder nicht, das war nicht. Ohne Elke und Markus.

Ohne Elke und Markus die Flucht zu ergreifen?

Eine andere reale Identität in einem anderen Land anzunehmen - nicht gut möglich, wenn Elke und Markus fehlten. Bei ihm fehlten.

Familie war schließlich Familie. Markus sein Sohn.

 

Einige Jahre ging er dieser einträglichen Beschäftigung jetzt nach. Um sein Nervenkostüm war es aber schon mal besser gestanden.

Nichts als die reine Wahrheit: Irgendwann einmal mußte einer genug haben. Es reichen.

Es war wie mit dem Paffen, Rauchen. Die Wahrheit war, paffen, rauchen, das konnte keiner auf ewig. Der Tag, der kam, da mußte einer genügend Zigaretten geraucht haben. Wenn er ohnehin jahrelang täglich eine Vielzahl Klimmstengel genossen hatte, mußte es das dann mal gewesen sein.

Schaffte einer das nicht, mit der Raucherei aufzuhören, blieb er dabei - gab es irgendwann den Schaden.

Schließlich war eins klar, klar wie Kloßbrühe: Die Pafferei war gesundheitsschädlich. Alle möglichen Krankheiten, die sich beim Raucher einstellen konnten. Eine erhöhte Wahrscheinlichkeit der Krankheitsanfälligkeit, wurde nach Jahren des Rauchens weitergeraucht.

Da gab es nur eine Möglichkeit: die, aufzuhören. Der letzte Glimmstengel mußte, sollte der letzte sein. Bei der Vielzahl früher.

 

Dieses unbestimmte Gefühl in ihm: daß er sein Glück bald ausgereizt hatte. Seit einem Weilchen war es vorhanden, störte im Hintergrund bei seinen Unternehmungen.

Stimmte schließlich auch: Jahre nun war er Reisender in dieser Angelegenheit.

Die Brocken hinzuschmeissen - das sollte durchaus möglich sein. Einmal, weil er eigentlich ziemlich wenig von den Leuten auf der anderen Seite der Leitung wußte.

Nur die, die ihn vor Jahr und Tag angeworben hatten, konnte er detailreicher beschreiben. Wie sie damals ausschauten.

Seitdem hatte er nicht viele von denen zu Gesicht bekommen. Um nicht zu sagen, so gut wie keinen.

Einen Dicken mit Glatze, an den erinnerte er sich bei "Deffi". Sehr teigige, bleiche Gesichtszüge, der Mann.

Schließlich ein Dünner, der Anzug und dunkelrote Krawatte anhatte. Der einmal im Jahr drauf plötzlich da war, als die Geschäfte schon liefen.

So ein Schartengesicht, als hätten die Pocken den in seiner Jugend attackiert. Ein Grinsen wie ein Frettchen. Schwarzhaarig.

Die Frage war gewesen: War was? Wer brachte am Ende wen um?

 

Die Reisetätigkeit von Robert Steltz sollte demnach zu stoppen sein.

Trotzdem gab es unendlich viel zu bedenken, mit ins Kalkül einzubeziehen, wurde von ihm der Schlußstrich unter die Geschichte gezogen.

An allererster Stelle: die Ehefrau-Frage. Wie brachte er Ehefrau Elke Dinge bei?

So gesichert schienen Elke ihre Lebensverhältnisse.

Großes Haus mit Garten, dickes Bankkonto zur eigenen Verfügung ...

Elke würde das unbegreiflich finden, daß sie die Zelte abbrechen müßte.

Sie und Markus, aus dem Städtchen fortgehen, in dem sie jahrelang unbeschwert gelebt hatten? Was schwatzte er, der Gemahl, ihr daher? Auch noch ins Ausland? Was, Ausland? Eine fremde Sprache sollte sie lernen, sich mit einem anderen Land und der Kultur dort vertraut machen?

 

Elkes unaufhörliche Nachfragen. Weil Elke nicht einfach ihre sieben Sachen packen und mit ihrem Mann mitkommen konnte. Elke, eine, die wissen mußte. Erfahren wollte. Alles ganz genau.

Die Stimme Elkes, plötzlich hatte Robert Steltz sie im Ohr: "Noch mal, Robert: Alles, was wir besitzen, wir müssen es verkaufen? Sämtliche Konten: sind leerzuräumen und aufzulösen? Du sagst mir das jetzt einfach an, Robert? Spinnst du? Jetzt soll das passieren - sofort? Nein, nein, Robert, solange ich nicht weiß, worum es geht, warum das alles geschehen soll, kannst du dir das knicken."

"Mich interessiert keine andere Heimat. Ich will nirgendwo anders hin. Weswegen denn Südamerika? Will ich da hin? Südamerika? Was denn, nach Südamerika willst du? Warum nicht ganz schnell auf den Mars?"

"Dorthin möchtest du? Was hast du denn, bitteschön, verbrochen, Robert, daß du in ein Land ohne ein Auslieferungsabkommen möchtest? Sag, was hast du angestellt, daß du die Flucht von hier ergreifen willst? Hast du Leute umgebracht, Robert? Ich weiß doch nichts, Robert. Gar nichts. Du kannst doch nicht einfach hier ankommen, von mir verlangen, daß ich irgendwo mit dir hingehe. Ohne daß ich weiß, was los ist. Du mußt mir schon was sagen, Robert, anders geht hier nichts."

"Mitten hinein in die Fremde, Robert? Eine neue Welt? Wie stellst du dir das vor? Vor was läufst du plötzlich weg? Sag's mir auf der Stelle!"

"Klar, Landstriche in Südamerika. Kenn ich aus dem dem Schulunterricht. Weil Fragen darüber in einer Ex gestellt wurden. Sonst aber, interessiert mich nicht, ob's da schön sein könnte. Ich sag: nein danke! Ich und Markus, mitten hinein in eine fremde Kultur, zusammen mit dir, Robert? Nur, weil dir das einfällt?"

"Bin nicht neugierig auf eine neue Welt, glaub mir das, Robert. Markus sicher auch nicht. Du stellst dir das wirklich einfach vor, Robert. Hast du einen Klops im Hirn?"

"He, bist du krank, Robert? Was ist das krank - einen neuen Namen soll ich annehmen? Einen ganz neuen? Nicht mal wie meine Mutter geheißen hat, soll ich heißen dürfen? Du spinnst total. Ich soll mich, wirklich wahr, an einen ganz neuen Familiennamen gewöhnen, einen, der überhaupt nichts mit mir zu tun hat? Nur, weil du dir das wünscht? Echt, Robert, du bist total irre. Denk, dich haben alle guten Geister verlassen. Das kannst du einfach nicht von mir verlangen, Robert. Nicht von mir und nicht von Markus."

 

Das nächste Riesenproblem: eine OP. Wie das Elke klarmachen, daß sie ihre gesamte Erscheinung zu ändern hatte.

Auf nichts konnte Rücksicht genommen werden. Weitaus mehr mußte sein, als eine chirurgische Operation der Marke Schönheits-OP.

Auch bei Markus war das fällig.

Auch Markus, der neue Punkte im Gesicht brauchte, andere als die charakteristischen, alten.

Für frische biometrische Daten für seinen neuen Personalausweis.

Alles wegen den Gesichtserkennungsprogrammen dieser Welt.

Mehr als eine Brustvergrößerung oder eine gerichtete Nase beim Schönheitschirurgen war das. Weil es mit äußerer Schönheit im Grunde nichts zu tun hatte.

Wie brachte er das Elke bei? Wie konnte er Elke das am Ende begreiflich machen?

Unter Umständen das Ende der Ehe mit Elke, das jetzt drohte.

Elke würde Robert, ihren Ehegatten, ungeheuerlich finden, sobald er anfing, preiszugeben, was das war, warum ausgewandert werden mußte. Ausgerechnet er, ihr Robert, von dem sie dachte, daß er ein anderer geworden war. Daß er mit sämtlichen Geschichten abgeschlossen hatte, die ihn früher für mehrere Jahre ins Gefängnis gebracht hatten.

Bloß, das jetzt, das war mit dem Früheren überhaupt nicht zu vergleichen. Das war ...

 

In nichts war Elke eingeweiht; von nichts wußte, ahnte Elke irgendwas.

Elke gefiel das kleinbürgerliche Leben in dem schönen doppelstöckigen Eigenheim. Fast eine Villa.

Die Nachbarn waren nett.

In der Schule, die Markus besuchte, war Elke im Elternbeirat.

Sich sah Robert Steltz mit Elke zusammen auf einer Schulbank in Markus' Klasse sitzen. Großspurig war Elke am Schwätzen. Elke, immer mit Informationen zur Hand gehend: "Mein Mann Robert hier, der ist in Sachen Artikeln für Zulieferfirmen der Auto- und Maschinenbauindustrie auf Reisen. Überall im ganzen Land reist Robert herum. Oft auch die ganze Woche, daß Robert nicht heimkommt. Manchmal kann's sogar passieren, daß Robert auch am Wochenende nicht heimkommt. Oder daß Robert wochenlang nicht von einer Reise zurückkommt. Das kommt ganz drauf an, das mit dem Heimkommen Roberts. Als Handelsreisender hat Robert veränderliche Arbeitszeiten. Arbeitszeiten, die sich nach Roberts Aufträgen richteten. Dafür kann aber vorkommen, daß Robert ab und zu ein, zwei Wochen am Stück zu Hause ist."

 

Alles war schlimm mit Elke, seiner Frau. Die Wirklichkeit konnte schlimmer sein als alles, was er sich seinen kühnsten Alpträumen ausmalte. 

Nur, für Elke war das andersrum genauso.

Es war der Horror. Der reinste Horror.

Die Kleinbürgerwelt Elkes, die in einem Augenblick in die Binsen ging. Wie eine Seifenblase, die zerplatzte.

Fast besser, alles beim alten zu belassen. Keine Veränderung der Lebenssituation bei Elke und Markus, weiterleben wie bisher. Mit dem Geld, das er hatte.

Trotzdem: Ständig die Sorgen. Ob nicht doch Polizei überraschend bei ihm an der Haustür klingelte.

Zwar war Robert Steltz ausgestiegen. Was nicht hieß, daß nicht irgendwo in einer Datei, nachdem Verhaftungen stattgefunden hatten, sein Name auf einer Liste auftauchte: Robert Steltz.

Robert Steltz, kein unbeschriebenes Blatt bei den Behörden. Ein Mann mit gewisser Vergangenheit.

Interessant, dieser Robert Steltz. Bei was war der denn gelandet?

Die uniformierten Herrschaften, die ihn, auf der Haustürschwelle stehend, anschauten. Wenn er, Robert Steltz, bitte mit auf die Inspektion kommen wolle. Ein paar Fragen müßte Robert Steltz beantworten, weiter nichts.

Aus seinen Gedanken kehrte Robert Steltz in die Welt zurück. Erkannte sich in seinem Fahrzeug hinter dem Lenkrad.

Er war mit viel zu hoher Geschwindigkeit unterwegs. Auf die Bremse stieg Robert Steltz, bremste auf ein stattbares Maß herunter.

Einen Auffahrunfall zu bauen, wenn einer, der vorne fuhr, zu langsam war oder unvermittelt abbremste, das war nicht das Angesagteste.

Wenn Robert, der Wagenlenker, die Raserei auf vier Rädern wünschte, mußte er auf die linke Spur rüberwechseln.

 

Nicht konnte Robert Steltz sich erinnern, während einer Fahrt jemals dermaßen mit den Nerven runter gewesen zu sein. Das war zwar des öfteren, daß ihm gehörig die Muffen sausten. Er Furcht in sich spürte, das Gefühl hatte, irgendwer könnte hinter ihm her sein, ihm auf der Spur.

Nur so, so wie das momentan war, das war eine Neuigkeit.

Die Welt, die ging ihm auch restlos unter, geriet er in die Fänge des Gesetzes und der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Nahe am Offenbarungseid war er in der Gegenwart seit Wochen. Er verspürte den Drang, es bei Elke einfach wortreich heraussprudeln zu lassen, sie darüber zu unterrichten, was die Wahrheit war in seinem Leben. Bei Elke die Beichte ablegen. Gleichgültig, was danach passierte.

Elke hatte überhaupt nicht den leisesten Schimmer. Ahnte nichts, was das anschließend werden würde, sollte ihr Ehemann aufgegriffen werden und darüber auspacken müssen, was er trieb. Seit Jahren.

Unvorstellbar.

Sämtliche Medien, mit dem Aufmacher Robert Steltz.

Dicke Schlagzeilen. Grelle, schreiende Überschriften. Mittelpunkt aller Diskussion wäre Robert Steltz.

Die Fragen, vom Moderator an Teilnehmer der Diskussionsrunde und die Welt gerichtet: War das die Möglichkeit, was Robert Steltz getrieben hatte? Konnte so einer wie Robert Steltz das gewerblich betrieben haben?

Und: Robert Steltz, der war nicht der einzige. Robert Steltz, der wiederholte, daß es außer ihm noch ein paar gab. Männer, Frauen.

Das mußte man aber mitkriegen, so was. Das konnte doch keiner jahrelang treiben, ohne einen Fehler zu machen.

 

Eva, der Dreckshure, der gegenüber war er vorgestern damit rausgerückt. Brühwarm hatte er Eva Mitteilung gemacht.

Das ganze Bild ging klar, für Eva. Alles, das Eva überblickte.

Kein Sterbenswort, das Eva ihrem lieben Freier "Bobbele" glauben wollte.

Für einen doofen Aufschneider, daß Eva "Bobbele" hielt.

Ausgelacht hatte Eva "Bobbele" schrill.

Irgendwann fiel "Bobbele" Eva auf die Nerven mit seinem blutigen Gelaber, und Eva hatte "Bobbele" gedroht, wenn "Bobbele" nicht mit dem ekelhaften Herumgesülze aufhöre, könnte er sofort aus der Wohnung rausmachen. Auch wenn die zweite Stunde, für die er zahlte, nicht rum war.

Der Gin hatte schuld. Doppelstöckiger Gin, der die Zunge locker machte.

Normal, daß "Bobbele" auf jeden Alkohol verzichtete. Sich in seinem Gemütszustand von Eva Gläser doppelstöckigen Gin einschenken zu lassen, auf alle Fälle ein Riesenfehler.

Wovon hatte "Bobbele" Eva in Evas Empfangswohnung als erstes was mitgeteilt?

Wie das mit der vorletzten Bestellung war, damit, daß Evas "Bobbele" anfing.

Via Expreß-Dienst, mußte man sich vorstellen, hatte der Auftrag ihn erreicht. Auf dem ordinären Postweg.

Keine Phone-Nachricht. Die hatten andere Ideen. Wie Späßchen, die einem im Suff einfielen.

Weitere Details dann vor Eva auszubreiten, was geliefert wurde. Abgepackt.

Irrsinn, es vor Eva zu wiederholen.

 

Das Bild entstand Robert Steltz vor dem inneren Auge: Nachdem die Pappschachtel mit der Schere von ihm aufgeschnitten worden war, holte er als erstes einen Rechnungsschein heraus. Die Lieferung von "sechs erwachsenen Einheiten", das stand in dem Text geschrieben, sollte demnächst folgen.

"Sechs erwachsene Einheiten. Bezahlmodalität: auf die beigefügte Karte." Die Karten-Nummer. Die andere Nummer war die Pin der Leerkarte.

Voller Unverständnis, daß Elke an dem Rechnungszettel, an dem die Lade-Plastikkarte hinten drangeklebt war, las und dran fingerte.

Elke, die Ehemann Robert weiter vom Text vorlas.

Geschrieben stand, daß die Karte erst nach der Lieferung der Ware aufladbar sei. Drei erwachsene Einheiten wären das Mindeste.

Den Text der Rechnung verstand Elke nicht recht, schüttelte den Kopf. Was wäre das denn, eine "erwachsene Einheit"?

Schließlich meinte Elke, daß Robert doch Bankkonten hätte, von denen aus er Beträge einwandfrei überweisen könnte. Wenn er, Robert, für die in der Schachtel gelieferte Ware zu zahlen hätte, warum stand auf dem Rechnungszettel geschrieben, er, Robert, würde bei Lieferung Geld auf die leere Karte laden können. Die Augenbrauen hatte Elke hochgezogen, starrte fragend, die Stirn in tiefen Falten.

Trotz diesen Ungereimtheit vergaß Elke die Angelegenheit im Laufe der folgenden Stunden, löcherte Ehemann Robert nicht mit weiteren doofen Nachfragen. Ohnehin war für den Morgen nun die Abreise fällig.

 

Ein Expreß-Paket an Robert Steltz' Adresse. Mit Absender verschickt. Inhalt des Pappakets, das der Expreßbote überreicht hatte: ein halbes Dutzend T-Shirts, Größe XL.

Das war das Höchste. Das Allerhöchste.

Aufs Lenkrad klatschte Robert Steltz mit beiden Händen.

Beinahe, als wollte hier jemand ein massives Beweismittel erschaffen. Nachvollziehbare Wege.

Oder dachten die, damit würde die Umgebung Robert Steltz' an Normalität denken?

Geradezu kontraproduktiv, so wie Elke aus der Wäsche guckte. "Sachen gibt's", hatte Elke gemeint: "Sachen gibt's. Die, die das Paket geschickt haben, müssen unter Drogen gestanden sein. Du bestellst was, und die schicken eine Karte mit, die sich auflädt. Wer glaubt mir so was, wenn ich das wem erzähl?"

Drei Wochen heute her, später Freitagnachmittag. Gemeinsam mit Elke, daß er im heimischen Wohnzimmer auf der Couch gesessen war. Am Fernseher lief "Das verflixte siebte Jahr" mit Marilyn Monroe. Der Film, Elkes Wunsch, von Robert aus der Videothek entliehen, mit nach Hause mitgebracht.

Damit hatte es sich, das mit dem Daheimbleiben. Am Samstag früh am Morgen war Robert Steltz aufgebrochen, beinahe fluchtartig.

Das Wochenende daheim, daß das am späten Freitagnachmittag gelieferte Paket ihm kostete.

Elke war traurig gewesen, als Elke erfuhr, daß Robert, ihr Ehemann, über Nacht eine Nachricht erhalten hätte, wegfahren müßte, das Wochenende nun seinem Beruf nachgehen mußte.

Vor der Abfahrt am frühen Morgen hatte Elke Robert links und rechts Abschiedsküßchen auf die Wangen gegeben. Auch Markus hatte mal traurig geguckt, weil der Familienausflug in den Freizeitpark am samstäglichen Nachmittag ins Wasser fiel.

Siebenhundert Kilometer war Robert Steltz in den hohen Norden in die Eigentumswohnung hochgefahren.

Das war die vorletzte Order. Da hatte Robert Steltz geliefert.

Jetzt hatte Robert Steltz für die gegenwärtige Lieferung noch nichts. Nichts bei der Hand, das zu liefern wäre.

Seine Auftraggeber wären Robert Steltz nicht böse gewesen, wenn er mehr als das Bestellte ranschaffen würde. Das gäbe für ihn pro zusätzlichem Exemplar entsprechenden Bonus.

Bloß, es war bei Robert Steltz Tatsache: Robert Steltz hatte nicht ein Stück zum Liefern. Nicht ein einziges. Zwei waren aber das mindeste.

 

"Keine Lust zu nichts. Nur zum Einkaufen bist du rausgegangen. Oder zu Eva. Deiner momentanen Lieblingshure."

Leute von der Straße mit hoch zu nehmen oder mit welchen wegzufahren, keine Rede war davon gewesen. Schon gar nicht von einer Tournee.

"Nichts war los mit dir, Robert Steltz. Außer, daß du Zeit vertrödelt hast, Robert Steltz. Zum Beispiel mit Eva. Fängst auch noch an, dir von der alkoholische Getränke servieren zu lassen. Von dem Miststück."

Wie es ausschaute, mußte es das jetzt langsam sein, das mit Eva.

"Bildet sich schon was ein, die Liebe. So Kleinigkeiten. Glaubt, die darf sich was erlauben. Was war das vor drei Wochen, als du, kaum warst du oben im Norden, schon bei Eva anrufen hast müssen. Eva war frei, du konntest sofort zu ihr in die Wohnung raufkommen. Du hast Eva erwischt, als du vom Klo gekommen bist. Die hat anscheinend keine Sorgen mehr bei dir, Robert. Total unvorsichtig, bei 'Bobbele'. Dein im Schlafzimmer herumliegendes Jackett, in das hatte Eva die Hand reingeschoben. Nach der Brieftasche grabscht die. Hat die rausgeholt. Für die freie Sicht auf die Karten. Eventuell einen Zettel mit Pin-Nummern zu entdecken. Das Phone, fürs schnelle Fotografieren, das Eva in der Hand hatte."

Den Ausweis mit dem Realnamen, der echten Adresse. Welchem Beruf ihr Kunde tatsächlich nachging, das war es, was Evas prüfender Blick erfaßte. Die eine Scheckkarte hatte Eva eben zurückgeschoben, als Robert Steltz vom Flur her loshustete.

Kühl blieb Eva. Obwohl Eva die Geldbörse mit allem Drum und Dran in den Fingern hatte.

Das erklärte Eva "Bobbele", die Börse wäre am Boden herumgelegen; aus dem Jackett müßte die herausgeflutscht sein.

"Dachte, der, der zuvor bei mir oben war, dem wäre sie rausgerutscht. Ist aber deine Brieftasche, Bobbele. Na klar! Weiß auch nicht, warum die am Boden gelegen ist. Daß das deine ist, dacht ich nicht. Dem, den ich vor einer Stunde hier drinnen hatte, dem hätte seine gut rausgerutscht sein können, Bobbele. Oder nicht? Muß ich doch nachsehen, wem die Börse gehört. Von wem die ist. Ist einfach herausgeflutscht, Bobbele, aus dem Jackett. Was weiß ich, wie das passiert ist."

"Bobbele" zuckte die Schulter.

Dick himbeerrot angemalte Fingernägel hatte Eva, war Robert Steltz' Wahrnehmung, als ihm Eva die Geldbörse hinreichte.

Einen Fuffziger extra, daß Eva kriegte. Wie zur Belohnung.

Als er, weil die Stunde um war, aus ihrer Wohnung wegging, zückte "Bobbele" noch einen Extraschein. So verwirrt war "Bobbele". Von Eva. Von allem.

"Jetzt muß die dran sein, Robert. Nachdem Eva die ganze Geschichte kennt, muß die fällig sein."

Die ganze originale Heimatgeschichte von Robert Steltz. Ohne daß Eva viel dafür viel getan hätte, außer Robert Steltz zuzuhören.

"Scheiß Alkohol. Hat dir die Zunge gelockert. Geflennt hast du bei Eva. Bei Eva hast du gebeichtet, Robert, und wie ein Schloßhund geheult. Weil Eva dir die Beichte abgenommen hat, kann das jetzt wirklich nur noch eins für Eva heißen. Nur eins. Entweder, du gibst Eva was aus einem Fläschchen in ein Trinkglas oder du läßt Eva ein Eis schlecken. Damit Evas Sinne durcheinander kommen. Wenn Eva ein bißchen willenlos geworden ist, sagst du ihr, daß du mit ihr kurz aus der Wohnung fortgehen willst. Du führst Eva zum Lift. In dem fährst du mit Eva runter. Sitzt Eva bei dir im Auto, fährst du mit Eva weg. Dann hat sich das mit der. Eva wechselt wohin, in eine andere Welt. Zumindest geht bei ihr das Licht aus."

 

Welche Probleme waren hinsichtlich Eva und Evas Verschwinden zu bedenken?

Laut antwortete die Stimme: "Zwei Cams hat Eva über der Wohnungstüre, Robert. Sämtliche Aufnahmen des Tages mußt du löschen, es aussehen lassen, als wäre kurz Systemausfall gewesen. Hm, dann hat Eva noch eine dritte Cam im Oberlicht versteckt, oder? Da schaut sicher ein 'Auge' herunter. Oder? Sonst hat Eva keine weitere Kameras, denk ich. Reichen doch auch. Die will doch ihre Kunden nicht verärgern. Nicht daß ihr einer wild wird, wenn er mitkriegt, daß Eva Filmchen macht ... O ja, nur die Wohnungstüre ist überwacht. Und da ist 'n Ding im Oberlicht versteckt."

Was war sonst noch?

"Eva hat 'ne Buchführung, Robert. Einen Kalender mit Namen. Eva hat dich schon öfters in den Kalender eingetragen, 'Bobbele', nicht? Du hast dabei zugeschaut, wie Eva dich eingetragen hat ... Vielleicht trägt Eva woanders auch noch was ein ..."

Der Kalender, der mußte auch verschwinden. Alles.

"Vielleicht das nächstemal, wenn ich bei dir in der schönen Stadt zurück bin, daß dir was passiert, Eva. Mit dir muß was gemacht werden, Eva. Ehe sich jetzt Größeres mit dir entwickelt."

Eva hatte Bekannte bei der Polizei. Hatte Eva wenigstens gesagt.

Mehrere Male hintereinander mußte Robert Steltz schwer schlucken.

"Warum hast du dein Maul bei Eva nicht zubehalten können, Robert? Lieber läßt du dich von Eva neuerdings immer mehr abfüllen. Erst ein Glas Wein. Dann ein Schnaps. Jetzt Gin, das Glas bis zum Rand voll. Mehrere Gläser. Du spielst mit der Gefahr, Robert, Eva ist voll die Gefahr."

Wäre Eva keine Freiberuflerin, eine, die mit Risiko lebte, was ihre Kundschaft anbetraf, wäre das noch ein viel größeres Problem, Eva aus dem Verkehr zu ziehen.

"Warum läßt du dich nicht von Eva durch den Kakao ziehen, 'Bobbele'? Warum hast du die nicht über dich lachen lassen? Scheiß Gin. Eine aufgeplatzte Lippe, wenn sie doof ankommt, hätte für Eva gut sein können. Eva mit Nasenbluten, obwohl schon der nächste bei Eva am Sofa hockt, kein Problem bei Eva. Gehört dazu. Berufsrisiko."

Hätte bald aufgehört, die Bluterei. Aber, Eva, die hätte wieder den Standpunkt gekannt.

"Ein bißchen Entfremdung zu dir, hätte Eva nicht geschadet. Jetzt mußt du sehen, wenn du das nächstemal zu Eva zurückkommst, was das bei Eva ist. Was dich bei der erwartet. Jetzt, nachdem sie alles weiß, eigentlich. Sich nur schwertut, es zu glauben."

Eva, eine einzelne Person in einer Wohnung, die Eva selber für sich gemietet hatte.

"Keinen echten Beschützer hat Eva momentan. Evas Freund ist seit Monaten im Gefängnis. Bis der wieder rauskommt ..."

Bei anderen mit Evas Beruf ging es bevölkerter zu, was ihre näheren Bezugspersonen anbetraf.

"In den Eros-Centern schauen sich die Kolleginnen gegenseitig beim Warten zu. Haufenweise hocken sie in den mehrstöckigen Häusern aufeinander. Passen aufeinander auf. Bewachen sich gegenseitig. Daß einer an vielen Augen vorübermachen muß, will er mit einer händchenhaltend mal ins Freie raus. Empfangstheken, Rezeptionsdamen oder -herren. Baseballschläger, Feuerlöscher, Elektroschocker liegen griffbereit. Die Dose Pfefferspray. Die verschiedensten Gestalten, dafür da, für 'ne Ansage an die, die mit einem aufbrechen möchte. 'He, du, wo willst du denn jetzt mit dem Kerle da hin? Glaub, woanders ist nicht Disko. Nur hier tanzst du ... Mit jedem kannst du tanzen, wenn der mit dir tanzen will. Geh wieder zurück, tanz da mit dem da.'"

Reichlich unangenehmer, so ein Versuch, eine solche aus so einer Örtlichkeit hinauszubegleiten. Hatte man als Liebhaber von einer einige Hindernisse zu bewältigen.

"Hast im Grunde Glück, Robert, daß Eva keine ist, die ihr Zimmer in 'nem Puff hat. Daß Eva lieber eigenen Wohnraum hat. Wenn du demnächst mit Eva spazierenfährst, fehlt Eva vielleicht dem nächsten Freier. Sonst aber nicht vielen."

 

 

Der Tank war wieder voll.

Die Beine, die sich Robert Steltz am Rastplatz nahe der Tankstelle vertreten hatte. Eine Viertelstunde lang.

Beim Abfahren in seinem Wagen übersah Robert Steltz die am Straßenrand stehenden Anhalter mit ihren Pappschildern.

Erst mal sollte die Reise so weitergehen wie gehabt.

Rein von Gefühl her war er noch nicht in der Verfassung dafür, Leute mitzunehmen.

Irgendwie mußte das passen, stimmig sein. Der richtige Augenblick, der hatte zu kommen. Dann würde er unvermittelt auf die Bremse steigen, jemanden, der wo rumstand, den Daumen hochreckte oder ein Schild vor sich hielt, zu sich ins Auto holen.

Gefallen mußte derjenige ihm. Die reine Sympathie.

Oder Robert Steltz parkte mal wo seinen Wagen, wartete in der Nähe, wer zufällig des Weges kam. Ihn oder sie in ein kleines Gespräche zu verwickeln, um ihm dann mit dem leichten Totschläger eine über die Rübe zu geben, ab dafür. Später ihm, ihr was fürs Weiterschlafen eingeflößt. Damit hatte sich die Sache erledigt.

 

Das Herz raste Robert Steltz unvermittelt.

Das mit dem Herzrasen war dermaßen, daß Robert Steltz sich Sorgen zu machen anfing.

Die nächste Ausfahrt der Autobahn, die Robert Steltz herunterlenkte. Um notfalls in einen Feldweg einfahren zu können, sich wo hinzuparken.

"Elke, Elke ... Wärst du nur nicht so verdammt bieder, anständig, Elke."

Jetzt DER Nachteil Elkes.

"Schwer zu glauben, daß du mich geheiratet hast, Elke. Einen wie mich. Obwohl du gewußt hast, daß ich vorbestraft bin. Fast ein Wunder, du heiratest mich."

Die Haftstrafe war viereinhalb Jahre gewesen.

"Viereinhalb Jahre, die du, Elkes Robert, als Mitglied einer mafiös strukturierten Schutzgelderpresserbande absitzen hast müssen. Überdies hatte Elke von Delikten wie Einbruchsdiebstahl, Bedrohung, mehrfacher Körperverletzung erfahren. War ein großes Problem für Elke."

Zu Elke hatte er gesagt, als Elke ihm einen final sich anfühlenden Besuch in der JVA abstattete, daß er nie wieder ins Gefängnis gehen würde. Sein Leben wolle er ändern, sobald die Freiheit ihn wiederhatte.

"Schon die Frage, warum Elke dir das geglaubt hat, als du gesagt hast, du willst jetzt ein andrer Mensch werden. Drei Jahre im Loch, haben sie dich entlassen. Hat Elke dich, kaum daß du ein bißchen mit ihr geredet hast, sofort zu sich in die Wohnung gelassen. Wohnen durftest du bei Elke. All das nur, weil du ihr Besserung gelobt hast, sofort auf Jobsuche gegangen bist."

Wegen guter Führung war Robert Steltz rausgekommen. Die restlichen eineinhalb Jahre seiner Strafe waren Robert Steltz auf Bewährung ausgesetzt worden.

"Damals hattest du irgendwo gelesen, daß die Gefängnisse überbelegt wären, nicht? Hat dir sicher geholfen. Eineinhalb Jahre vor der Zeit warst du raus ..."

 

"Wie hat der geheißen, der sich damals an Elke herangemacht hatte? Ja, genau, Heinze. Familienname Heinze. Aber 'Heinze', so hat Elke ihn genannt. Rangemacht hat sich Heinze an Elke. Zusammenziehen wollte Heinze mit Elke. Heinze hat's geschafft, daß Elke darüber nachzudenken angefangen hat, ob sie dich nicht doch verlassen sollte, Robert. O ja, beinahe hätte Heinze es geschafft, Elke zu kriegen. Dann hast du Heinze mit deiner Freilassung die Tour vermasselt. Weil das mit dem auf Rest auf Bewährung klarging. Plötzlich warst du ein freier Mann. Und Elke war, kaum warst du draußen, bei ihr kurz in der Wohnung drinnen, wieder fest mit dir zusammen. Ging schnell. Heinze war kaltgestellt."

Elke hatte diesen Heinze fahren lassen, daß Heinze geschaut hatte. Der Wahnsinn, Heinzes Blick.

"Hast du nichts gemacht. Warst nur gegen die Flurwand gelehnt dagestanden. Hast ihn angesehen, Heinze. Die Hände hat Heinze gerungen, den Kopf zu Elke hin geschüttelt. Heinze, der hat gedacht, es würde was werden, mit ihm und Elke. Jetzt hatte Heinze seine für seine gemeinsame Zeit mit Elke zu der Zeit eben frisch angemietete Vier-Zimmer-Wohnung ganz für sich alleine. Elke zog doch nicht bei ihm ein. Elke blieb in ihrer Wohnung. Die sie noch nicht gekündigt hatte. Wie Heinze denn so im Bett war, hast du Elke öfters gefragt. Hat Elke nur komisch geguckt. Nie hat Elke dir auf die Frage Antwort geben wollen, Robert. Nur so geguckt hat Elke. So geguckt. Eh, daß du ihr gut eine reinhauen hättest können. Geht dir die mit 'nem anderen ins Bett ... Besorgt sich diesen Heinze, es sich besorgen zu lassen ..."

Markus war der springenden Punkt. Markus, er war Robert Steltz' Sohn. Für Elke Anlaß genug, Robert Steltz nicht wegzuschicken, sondern beizubehalten. Nachdem Robert Steltz ihr alles zugegeben hatte, ein besserer Mensch werden wollte.

"Nur verständlich. Elkes Wunsch, daß der Vater ihres Kinder auch ihr Ehemann sein würde. Scheidung, nein danke. Nicht, wenn Robert jetzt raus war, einen Job hatte. So eine war Elke. Eben eine brave, treue Seele, Elke. Der Vater ihres Kindes sollte auch der Vater sein, nicht ein anderer."

Wäre er, Robert Steltz, nicht der Vater Markus', hätte in der Beziehung Kinderlosigkeit geherrscht, die Geschichte mit Elke wäre sicher von Anfang an nicht die gleiche gewesen. Ganz egal, ob Elke auf Treue stand oder nicht.

 

"Du warst Küchenhelfer, Robert. Hast nichts gemacht, als Gemüse kleinschneiden, Kartoffeln schälen. Die Teller hast du den Leuten gewaschen. Ein dreivierteltes Jahr warst du nach deiner Haftentlassung in einem Schlachtbetrieb. Danach hattest du in einem Warengroßlager Arbeit. Dann hat's dich wohin verschlagen, weißt du noch? Konntest nicht dran vorbeigehen. Dort, einen wiedergesehen. Einen, der alten Bekannten. Ja - Deffi! Deffi! Er kannte dich sofort wieder, wie du ihn gekannt hast. IHN, Deffi. Einen Vorschlag hatte er für dich. DAS Jobangebot. Wahnsinn, was DAS für ein Vorschlag war. Der Wahnsinn, daß du dich dann ... Das, daß du DAS dann gemacht hast. Machen konntest. Aber, nach der Arbeit in der Schlachterei ... War DAS kein Problem. Du hast es mal gemacht. Es war für dich erst mal schlimm. Dann hat die Kohle gestimmt ... Ab da warst du für Elke ein fahrender Händler im Kleinteilehandel, angestellt bei einer Firma, die überregional arbeitete. Hahaha! Hast du Elke gut erzählt. Bewerbung geschrieben, überraschend eingestellt, Elke hat dich angeschaut. Elke war es egal, daß sie den Firmennamen nie genau wußte."

Die Arbeit brachte schnell mächtig Kohle. Hin und weg war Elke vom Einkommen ihres Mannes. Einkaufen konnte Elke groß im Supermarkt, sich was leisten, was sie vorher schon liegen lassen mußte.

"Elke, Markus und du, ihr seid eineinhalb Jahre, nachdem du den Job hattest, aus der möblierten Mietwohnung Elkes ausgezogen. In ein kleines Städtchen in den Süden. Doppelstockhaus am Stadtrand. Hatte Elke nichts dagegen. Kleinstadt oder nicht, war Elke egal. Richtige Kleinbürger-Villa."

Zwei Jahre benötigte Robert Steltz nur, war der massive Ziegelsteinbau ein abbezahltes Eigenheim der Familie Steltz.

"In zwei Chargen, daß Robert Steltz größere Summen überwies. Plötzlich, im zweiten Jahr nach dem Hauskauf, war die doppelstöckige Stadtrandwohnanlage mit Doppelgarage vollständig abbezahlt. Gekreischt hat sie vor Freude, deine Elke, konnte sich kaum einkriegen. Konnte die Tatsache noch Wochen drauf kaum fassen."

Alles nur zu schaffen, weil Elkes Robert einen so tollen Beruf hatte. Einer Beschäftigung nachging, samt den Bonusausschüttungen mehr als einträglich.

"An Geld hat es der Familie Steltz seitdem hinten und vorne nicht mehr gefehlt, seit du damit angefangen hast. Wenn Elke mal wieder ein, zwei Scheinchen mehr nötig hatte, hat Robert nur kurz ein wenig an Tempo im Job zugelegt. Schnellstens war wieder alles paletti."

 

Nur, Geld zu haben, das reichte Elke bald schon nicht mehr. Nachdem Elke Geld hatte, wollte Elke plötzlich andere Dinge. Status. Auf Ansehen war Elke aus. Elkes Vorschlag, Robert sollte sich in der etwas besseren Gesellschaft der Stadt blicken lassen. Mitglied in einem Verein könnte Robert werden. Schützen-, Kegel-, Fußballverein, freiwillige Feuerwehr, für Elke kein Unterschied. Sohn Markus, der spielte Fußball. Auch in Markus' Fußballverein war was möglich, erklärte Elke. Da konnte Markus' Vati am Ende vielleicht sogar dafür sorgen, daß Markus dauerhaft in der ersten Mannschaft gegen den Ball trat. Auswechselspieler, das war doch nichts für Markus. Nichts mit Ersatz, sondern am Feld, bei offiziellen Spielen.

"Die ausgedruckten Adressen von Vereinen hat Elke vor dir auf den Wohnzimmertisch hingelegt: 'Such dir was aus, Robert. Das da ist das Anmeldeformular für Markus' Verein ... Zwei Lehrer Markus' sind in dem Verein. Denk darüber nach.'

Was Elke in einer Tour zusammenschwatzte: "'Ein Verein ist wichtig, Robert. Für die Geselligkeit. Soziale Kontakte. Gesellschaftliche Anerkennung, Robert, warum soll mir nicht daran gelegen sein? Überall findest du honorige Menschen, die dich voranbringen, wenn du in einem Verein bist. Gleichgültig bei welchem.'"

Elkes Suche nach dem Mittelpunkt der Gesellschaft.

"Ergebnis, weil Elke das so wollte: Du bist bei einem Kegelverein Mitglied. Bist bei Schützen dabei. Zahlst brav deine Mitgliedsbeiträge. Und bei Markus' Regionalfußballklub warst du sogar als Kassenwart vorgeschlagen. Mit einer Stimme nur bist du bei der letzten Wahl gescheitert. Glück gehabt."

Geärgert hatte das Elke, daß es bei ihrem Robert an einer einzigen Stimme scheitern hatte müssen.

Am meisten geärgert hatte sich Elke allerdings in der letzten Zeit, daß sie nicht die Sprecherin des Elternbeirats der Grundschule, die Markus besuchte, geworden war. Obwohl Markus die Schule ab dem nächsten Schuljahr ohnehin wechseln sollte, konnte sich Elke daheim in der Gegenwart ihres Ehemanns Robert kaum einkriegen vor Ärger. Eine Blumenvase hatte Elke kaputtgeschmissen, die Scherben erst eine Stunde später selber zusammengekehrt.

Das Rüberwechseln auf ein privates Gymnasium war von Elke für Markus unbedingt angedacht. Obwohl Markus nicht der beste, intelligenteste Schüler war. Besonders schlecht war Markus in Mathe. Eine gewisse Leseunlust hatte Markus überdies. Nachhilfeunterricht kriegte Markus nicht nur am Wochenende nachmittags ein, zwei Stunden, sondern vormittags bis hinein in den späten Nachmittag. In den Ferien hatte Markus einen Stundenplan, als hätte Markus weiter Schule. Keine Gnade kannte Elke in der Hinsicht.

Das war das mit seiner Ehefrau Elke: Elke plante Dinge. Ziemlich im voraus plante Elke. Im allgemeinen unternahm Elke alles, ihre Pläne Wirklichkeit werden zu lassen.

 

"Das wird ein Ritt, sag ich dir, Elke das zu verklickern. Das wird eine Auseinandersetzung. Rasierklinge."

"Eigentlich soll Elke es aber ruhig mal wissen. Was das für eine Beschäftigung ist. Elke, was glaubt die denn? Die muß auch mit der Wahrheit klarkommen, wenn sie ... Nichts als der Wahrheit. Womit ihr Ehemann in Wirklichkeit sein Geld verdient. Selber sagt sie doch, Geld stinkt nicht. Und bisher hat keiner meiner Geldscheine bei Elke schlecht gerochen. Elke hat mit allem klarzukommen, wenn ich es ihr sage."

"Wirklich, der reinen Wein einschenken? Das wird der Wahnsinn, sag ich dir. Elke mit der Wahrheit kommen, nichts als der Wahrheit ..."

"Ich will aber raus aus dem Trott, verflucht noch mal. Ich will damit aufhören. Und ich will weit, weit fort sein, wenn mir einer draufkommt. Irgendwo ganz neu anfangen, mit meinem Geld. Das kann wirklich keiner ewig machen, hörst du?"

"Elke mußt du das sagen. Wenn dir so viel an Elke liegt, an deinem Sohn, daß du die nicht sitzen lassen kannst, in Ordnung, dann mußt du das Elke verklickern. Elke erklären, daß sie mit im Boot sitzt. Da werden ihr Fragen gestellt werden, kommt man Robert Steltz drauf. Das wird kein Mensch verstehen, begreifen können, daß sie nie was mitgekriegt hätte. Irgendwo irgendwie müßte ihr was aufgefallen sein, werden die Leute sagen, ihr Fragen stellen. An die Bankkonten kann Elke dann sicher auch nicht mehr ran. Dann ist Elke pleite. Vom Staat müssen Elke und Markus leben. Wie alles schlagartig anders sein wird. Für Elke, für Markus ... Was Elke für einen Mann hatte, Markus für einen Vater ... Unfaßlich, was das für einer war."

"Was nun? Heute noch Elke? Sobald es früher Abend wird, wirst du von deiner nächsten mehrtägigen Geschäftsreise heimgekehrt sein. Mit neuer Ware zum Liefern oder nicht. Der Ehemann und Vater, der wieder daheim ist. Ein bißchen früher in der Woche. Aber bei dir kann das schon die Möglichkeit sein. Du hast 'nen Job mit freier Zeiteinteilung. Du sagst zu Elke, du bist wieder da, dann geht das für Elke klar."

"Wart mal, heute hat Elke die Abendstunden bis zehn Frauenabend, nicht? Ab acht ist Elke nicht zu Hause. Elkes Emanzenklub. In dem viel über Männer gesprochen wird. Die Weiber an die Macht."

Nachdem Elke von der Geselligkeit in reiner Frauengesellschaft zurück war, konnte man sich jedoch noch stundenlang miteinander unterhalten und auseinandersetzen. Sogar bis in die frühen Morgenstunden.

Nur ...

"Schon wieder es hinausschieben, Robert ...? Hör mal!"

"Hör doch auf!"

"Einen einzigen Pflichttermin gibt es. Morgen. Für Markus. Markus, der muß in die Schule."

"Ja, in die Schule muß der. Oder nicht? Könntest ihm doch auch 'ne Entschuldigung schreiben. Höchstpersönlich."

"Alles mögliche könnte ich, denkst du?"

"Alles mögliche könntest du."

"Alles mögliche könnte ich."

 

"Um achtzehn Uhr hat Markus sein Fußballtraining. Bis neunzehn fünfzehn, neuzehn Uhr dreißig, daß Markus Training hat."

"Nach achtzehn Uhr heimzukommen, heißt, daß Elke Markus ins Training gefahren hat. Elke ist nicht daheim. Eine Viertelstunde, die Elke meistens braucht, wenn sie Markus ins Training fährt, wieder heimzukutschieren."

"Eine Viertelstunde, während der keiner daheim ist. Könntest du unbeobachtet heimkommen. Elke und Markus später damit überraschen, daß du heimgekommen bist."

"Jetzt, sag mal ... Sag, Robert - bringst du dir Arbeit mit nach Hause mit? Oder wagst du es wirklich, machst den großen Schnitt?"

Ausstieg, ja oder nein?

"Irgendwann muß Schnitt sein."

"Du wiederholst dich immer nur. Plappern hör ich dich. Aber, machen tust du nichts."

Das letzte Mal, daß er eigentlich noch mal was liefern könnte.

"Klar, lieferst du. Hast du damit Zeit gewonnen, bis der nächste Liefertermin verstreicht. Erst mal keine Nachfrage, warum du nicht pünktlich geliefert hast."

Eigentlich konnte Robert Steltz durchaus eine Lieferung fertigmachen. Die letzte. Dann die nächsten paar Tage die Elke-Frage endgültig lösen.

 

"Das, die Gefahr auf der anderen Seite, daß du, wenn sie begreifen, daß du unzuverlässig geworden bist, draußen bist. Draußen ist draußen, Robert. Schlecht ein Zurück möglich."

"Deshalb muß ja alles gut überlegt sein."

"Anders überlegen kannst du dir dann wahrscheinlich nichts mehr. Lieferst du diesmal noch, hast du wieder Zeit gewonnen ..."

Fünfundvierzig Mal war er im Vorjahr zu einer seiner drei, vier, fünf Tage dauernden geschäftlichen Reisen aufgebrochen.

Im Jahr davor, der einsame Höhepunkt. Praktisch jede Woche mit Lieferungen jeden dritten, vierten Tag.

Robert Steltz, der Höhepunkt seines Arbeitslebens.

"Das ist mal ein Doppelleben, Robert, das du führst. Ein Doppelleben, über das keiner Bescheid bekommen darf."

"Sagst du zu den Polizisten, alles normal im Job. Daß, wenn du freies Wochenende gemacht hast, du am Montag in der Früh mit dem Auto von zu Hause weggefahren bist, wie in eine normale Arbeit. Mit Schnitzeln und belegten Brötchen in der Tupper für den kleinen Hunger unterwegs."

"Hahaha!"

"Große Polizistenaugen, Robert. Du wirst sicher auch auf deine geistige Gesundheit untersucht ... Könnte auch die Anstalt sein, daß die fällig wird ..."

"Geschlossene Abteilung."

 

"Was heute wohl mit Elke ist? Du hast Elke heute erst einmal am Telefon gehabt. Als du sie angerufen hast ..."

"Stimmt. Gar nicht lange her, du konntest dich nicht vor Anrufen Elkes retten. Sogar irgendwo hingeparkt hast du dich. Hast sogar mit Elke gechattet. Oder, weil Elke das so wollte, hast du einen Anruf von Markus gekriegt. Und dann, abends, wenn du ihr geschrieben hast, daß du Zeit hast, hat Elke dich angerufen, die Kamera an ... Wichtigkeiten hatte Elke eigentlich immer zu erzählen. Ständig Neuigkeiten von denen aus der Nachbarschaft. Oder von Sachen, die in der Stadt passiert waren. Und wenn sie nur in der Zeitung gestanden sind. Oder Markus, was der so den ganzen Tag trieb, davon konnte Elke nicht zu reden aufhören. Aber jetzt, die letzten zwei, drei Wochen. Fällt richtig auf. Fast nichts mehr. Immer weniger meldet Elke sich bei dir."

"Heute, da hast du Elke angerufen ... Aber Elke, die hat dich noch nicht angerufen ..."

"Wie die abbaut, deine Elke ... Fällt heute zum ersten Mal so richtig auf."

"Dieses Miststück! Was ist mit der?"

"Stimmt! Markus, der redet nie viel von sich. Alles muß man dem aus der Nase ziehen. Nachfragen. Aber Elke ... Elke, die ist das Mitteilungsbedürfnis in Person."

"Was meinst du, was das genau sein könnte?"

"Durchschaut hat die nichts. Kann ich mir nicht vorstellen."

"Bietest auch öfters 'ne Schau. Läßt dich von Elke vormittags zum Flughafen fahren. Um in einem Kleinflugzeug davonzufliegen. Frankfurt, Hamburg, Leipzig, Danzig. Auch nach Paris bist du einmal geflogen, vorletztes Monat. Zweck des Ganzen: einen Großkunden aufsuchen. Du besuchst einen 'Großkunden', im 'Auftrag des Chefs'."

"Alles für Elke, daß die die Sachen glaubt. Der Meinung ist, du suchst die Firmen auf, neue Artikel an den Mann zu bringen."

"Was da aber los ist, bei Elke? Kein einziger Anruf von der heute ..."

"Vielleicht hat Elke doch 'ne Ahnung ..."

"Von was?"

"Vielleicht denkt sie, daß du dir Weiber kaufst ..."

"Nein!"

"Stimmt aber, das mit den Huren ... Daß du mit denen Zeit totschlägst. In der Wohnung bleibst du jedenfalls nicht, bis du wieder was unternehmen mußt. Reicht ja auch oft, sie an einem Tag einzusammeln ... Geht der Auftrag auch klar."

"Solange nicht zehn ranzuschaffen sind ... Zwei, drei am Tag gehen ganz gut, oder?"

"Auch vier, fünf."

"Stimmt."

"Klar, zehn, das artet dann in Arbeit aus. Zehn, das macht Arbeit.

"Obwohl - grob portioniert ... Nie ein Problem. Keine Klagen gekommen."

 

Sommerliche Temperaturen herrschten Ende September. Mit dem Papiertaschentuch wischte Robert Steltz sich das Gesicht, hinten über den Nacken.

Plötzlich jetzt hatte sich Robert Steltz' Stimmung aufgehellt.

Keine Ahnung hatte Robert Steltz eigentlich, was zur Stimmungsverbesserung verhalf, die Entschlußkraft förderte. Jedenfalls war ihm, er könnte jetzt kurz was unternehmen.

Auf der Hauptstraße fuhr Robert Steltz in ein Städtchen ein, dessen Namen er gelesen hatte. Ein zusammengesetztes Wort, das trotzdem sofort seine Erinnerung verließ. Vollkommen haltlos.

In einer Sekunde, fand Robert Steltz, war er durch die Ortschaft längs durchgefahren.

Das Ortsinnere, wie schon tausendmal ähnlich gesehen. Bedeutsam unwichtige Welt. Zu wissen, wie der Ort und der ganze Rest hieß, nur von Bedeutung, wenn man Ureinwohner war.

Voraus erblickte Robert Steltz unvermittelt ein paar Gestalten am Straßenrand. Drei jugendliche Leute, die den Finger raushielten.

Autostopper.

Ein Mädchen, bei ihr dahinter, also schon ein wenig länger am Platz, einige Meter entfernt, zwei Kerle.

Plötzlich paßte was. Sie, die Anhalterin, sie war ziemlich hübsch.

Beim Ranfahren war die Schöne die erste. Unmittelbar bei ihr hielt Robert Steltz den Wagen, reckte sich rechts rüber, öffnete die Beifahrertür. "Wo willst du hin, Mädel?"

"Irgendwo südlich runter. Du fährst ungefähr dorthin?"

"Südlich runter, ungefähr dorthin fahr ich. Das paßt ziemlich genau. Fahr dort an ein paar großen Städten vorbei. Mußt es nur kurz ansagen, kann ich auch 'nen kurzen Umweg irgendwo dort machen. Wenn du das willst, kann ich gut auch in 'ne Stadt reinfahren. Stadtmitte, kein Problem. Steig ein!"

"Das ist aber lieb", meinte die wohlgebaute Blondhaarige. "Für mich fährst du sogar Umwege ...? Mir willst du Wünsche erfüllen?"

"Warum denn nicht?"

"Wir sind eigentlich drei. Siehst doch auch die beiden dort, die auch noch dastehen, oder? Was ist, nimmst du die beiden da auch noch mit? Die stehen schon ein bißchen länger als ich."

"Nein, die nehm ich nicht mit."

"Warum denn nicht?"

 

"Tut mir leid, Leute, nehm nur eine mit, die da", sagte Robert Steltz den beiden, die von voraus zu der Schönen dazugeschritten kamen, um vorgebeugt kurz zu Robert Steltz in den Wagen hinein kopfzunicken und dann mit ausdruckslosen Mienen zu Robert Steltz ins Fahrzeuginnere hineinzuglotzen.

Die Blonde, die weiter draußen herumstand, wie von den "Kollegen" zur Seite gedrängt.

"Willst du nicht endlich einsteigen, Mädel? Will weiter ..."

"Die hier, die sind vorn", meinte die Schönheit, die sich zu den anderen ernsten Gesichtern herabbeugte, aus Robert Steltz' Sicht rechts außen. "Die beiden hier sind vorn, ich bin die hinten. Eigentlich bin ich die letzte in der Reihe. Die stehen also schon viel länger als ich. Ich bin wirklich erst kurz da. Ein paar Minuten. Die beiden sind vor mir dran, würd ich sagen. Oder Sie nehmen uns alle mit. Können uns doch alle drei mitnehmen, oder?"

"Wenn du keine Lust hast, schlag die Autotür wieder zu, Mädel. Dann fahr ich alleine weiter."

"Steig schon ein zu dem", erlauschte Robert Steltz einen der beiden, die aufgehört hatten, zu Robert Steltz hereinzugaffen, sich wieder aufrecht hinstellten. "Dann bist du hier weg, stehen wir wieder alleine rum. Verstehst du, was ich sage?"

"Ja, klar!"

Die Blondine beugte sich mit herabgezogenen Mundwinkeln zu Robert Steltz herein, nickte zu Robert Steltz hin. "Ich steig dann ein ..."

"Sag ich doch. Entweder du steigst ein. Oder ich fahr alleine weiter ..."

Auf den Beifahrersitz kletterte die blonde Schönheit kompliziert, obwohl sie eine blaue, hautenge Hose anhatte, keinen Minirock. Nichts Aufregendes zu sehen, außer man hielt den Hosenstoff für Haut.

Dann hatte die Schöne ihr Hinterteil auf dem Sitz plaziert, hob sich ihre sportive Tragtasche auf die Bodenmatte zwischen ihren Beinen.

 

"Du nimmst also nur sie mit?" fragte der eine herein, der Rotmützenträger, der sich noch mal zum Hereinschauen herabgebuckelt hatte.

"Nur einer fährt mit - sie!" erwiderte Robert Steltz.

Der Kerl mit der roten Sportkappe warf der Blonden auf dem Beifahrersitz bei Robert Steltz einen langen Blick zu, nickte zu ihr hin. "Dann viel Spaß ..." Die Seitentüre schmiß die Type draußen scharf zu, daß Robert Steltz sich fragte, ob er es sich nicht doch anders überlegen sollte. Eine oder drei auf einen Haufen, das war ihm doch im Grunde egal. Drei waren sogar besser als eine. Bei drei fehlte nur noch ein Exemplar, dann war die volle Liefermenge erreicht. Während es bei der Tatsache blieb, daß, wenn lediglich die Blonde mitfuhr, irgendwo demnächst wieder angehalten werden mußte.

Warum nicht drei?

Beide Jungmänner, die sich von Robert Steltz' Wagen abgewandt hatten und wieder schnurstracks nach voraus fortspazierten, sich an den alte Stehplatz zurückzustellen.

Reglos blieb Robert Steltz hinter seinem Lenkrad sitzen. Nichts ereignete sich, daß er die Fahrertüre aufriß, den Kerlen was hinterherzurufen. Kein spontaner Entschluß.

"Danke, daß Sie mich mitnehmen", säuselte Robert Steltz' frische Beifahrerin.

"Keine Ursache", redete Robert Steltz.

"Aber, ich bin hier wirklich erst vor knapp zehn Minuten bei den beiden dazugekommen. Bin eigentlich die letzte der Reihe. Bei denen ist vorne, ich stehe eigentlich am Schluß ..."

"Wenn du jetzt aussteigst, nehm ich deswegen auch keinen der beiden da mit. Entweder dich oder niemanden. Ja? Kann ich dann hier abfahren? Oder steigst du wieder aus? Deine Entscheidung."

"Nein, ich steig nicht aus. Jetzt sitz ich schon hier drinnen ... Aber - Vorsicht! Ich hab Pfefferspray. Kann ich sofort schnell vorholen, wenn ich's brauch. Falls du so an Sachen denkst, die du mit mir machen möchtest, ohne daß ich das will ..."

"Ach, 'n Pfefferspray ...? Echt wahr, 'n Pfefferspray?" Robert Steltz schüttelte den Kopf, wandte den Blick von der blondhaarigen Schönheit ab, startete den Motor, gab Gas und lenkte seinen Mietwagen auf die Fahrbahn zurück.

"Pfefferspray ist Pfefferspray!"

"Pfefferspray, o ja, hab's begriffen. Pfefferspray ist 'ne Sache, Schätzchen. Kriegt man's ins Gesicht gesprüht, wenn man fährt, ist's gefährlich für die anderen Verkehrsteilnehmer, nicht? Nicht nur für einen selber ..."

"Hab das Pfefferspray in 'ner Sekunde in der Hand! Oben auf der Dose steht, daß man es sich auch bei geschlossenen Augen nicht ins Gesicht sprühen sollte."

"Ach? Schön! Gut zu wissen, nicht wahr?"

 

"Ich heiße Robert. Wie heißt du?" Nach der rechten Seite guckte Robert Steltz, der ein paar Minuten stumm auf der Straße vorangefahren war, für ein Momentchen rüber.

"Lena! Ich heiße Lena."

"Ein berühmter Name, 'Lena'. Wie He-lena. Die mit Paris. Oder Mag-da-lena. Soll 'ne Hure gewesen sein. Also, 'Lena', das hat Klang. Singst du in 'ner Band?"

"Mann, sind wir heute witzig, was?" Alles andere als glücklich und zufrieden blickte Lena zu Robert Steltz hinüber, Robert Steltz, der, der den Wagen lenkte. "Alles klasse hier ..."

"Was denn?" Robert Steltz runzelte die Stirn, schaute nach Lena hin und weg von Lena zurück auf die Straße voraus.

"Alles erste Klasse. Alles so erste Klasse. Erstklassig. Daß Sie mich sogar irgendwo in 'ne Stadt reinfahren würden, ich bräucht's nur anzusagen ... Besser hätt ich's ja wohl nicht treffen können."

"Denk ich auch. Würd mich an deiner Stelle auch freuen, Le-na."

"Ich freu mich, wenn wir dort sind, wo ich hin will. Wenn ich dort angekommen bin, und wenn ich dann wieder hier draußen bin, freu ich mich. Dann besonders."

An der Auffahrt die Autobahn hinauf steuerte Robert Steltz das Fahrzeug vorüber.

"Wollten Sie nicht auf die Autobahn rauf? Hier wär die Auffahrt gewesen ..."

"Klar fahren wir die Autobahn rauf. Was glaubst du?"

"Warum fahren Sie dann nicht hier auf die Autobahn rauf, sondern auf der Landstraße weiter?"

"Du denkst, ich will's vielleicht doch wissen, was? Will wissen, wie das so ist, wenn du mir 'ne Ladung von dem Pfefferspray ins Gesicht verpaßt, was?" Nach der Seite grinste Robert Steltz Lena zu hinüber. "Nein - haha! Mag's eigentlich auch ohne Pfefferspray. Paßt doch auch, wie's gerade ist. Muß nur auf der Landstraße da geradeaus weiterfahren. Droben auf der Autobahn hat's zwanzig Kilometer weiter unten auf der linken Spur 'nen schweren Unfall gegeben. Zwanzig Kilometer. Hier also ganz in der Nähe. Leider die Richtung, in die wir wollen. Unsere Fahrrichtung auf der Autobahn. Hab ich in den Meldungen im Radio vorhin gehört. Beidseitige Straßensperrung. Fahrzeuge haben gebrannt ... Wer sich auskennt, soll den Unfallort großflächig umfahren ... Kenn mich hier in der Gegend zwar nicht aus, fahr aber trotzdem mal nicht auf die Autobahn rauf. Schau, ob ich drumrum komm."

"Immer diese Raser ... Leute fahren Rennen, überholen, was das Zeug hält. Auf die Tube wird gedrückt, als wäre Formel eins. Immer hat's wer irgendwie eilig."

"Ich hab's aber nicht eilig, Lena. Ich heiß Robert, ich hab Zeit. Siehst du, ich halte mich an jede doofe Geschwindigkeitsbegrenzung. Schau, hinter dem Schild dort, könnt ein Blitzer stehen ... Nur, mich nimmt der sicher nicht auf, nur weil ich vorbeifahr ..."

"Wie kommt's, daß Sie in den Süden runter fahren? Ziemlich weite Strecke, von hier aus."

"Bin auf Geschäftsreise. Ein Geschäftsreisender. Komm eben aus Hamburg. Aber nicht von den Nutten dort - haha! Muß Richtung Bayerischen Wald. Da muß ich hin. Da hab ich ein Geschäft mit einer Firma. Hab dem Betrieb da neue Software schmackhaft gemacht. Jetzt muß ich aber persönlich zu denen hinkommen, die installieren. Die können das nicht allein. Das mach ich gerade, bin auf dem Weg zu denen. Und du? Was ist mit dir? Schaust jung genug aus, könntest noch in die Schule gehen ... Die Schulen haben seit Tagen wieder mit dem Unterricht angefangen, soviel ich weiß. Weiß nichts von irgendwelchen Ferien irgendwo. Oder habt ihr schon wieder Ferien?"

"Danke, daß Sie mich für so jung halten. Könnte aber auch studieren, nicht?"

"O ja! Das könntest du. Durchaus. Gibt's da nicht Einschreibungsfristen? 'nen Zeitpunkt, bis zu dem man für das Semester eingeschrieben sein muß ...? Das könnte jetzt sein ..."

"Erst mal bin ich keine Studentin. Studier nicht, will nicht wohin, um mich wo einzuschreiben. Ich bin auch schon zweiundzwanzig, keine sechzehn, achtzehn. In die Schule geh ich also nicht mehr. Danke aber, daß Sie mich für so jung halten. Ich bin jetzt wieder lange genug arbeitslos gewesen. Jetzt bin ich auf dem Weg zu meiner Tante Frida. Bei Tante Frida kann ich wohnen. Bei Tante Frida will ich wohnen bleiben. Das heißt, wenn alles gut läuft. Ich habe da, wo Tante Frida wohnt, eine Lehrstelle in Aussicht. Übernächsten Monat, daß ich anfange. Aber ich darf jetzt schon zu Tante Frida runterkommen, mich bei ihr eingewöhnen. Bis ich selber Geld hab, darf ich bei meiner Tante wohnen. Wenn ich ihr ein bißchen im Haushalt helf, geht das klar. Und wo sollte das Problem sein, meiner Tante nicht ein bißchen im Haushalt zu helfen? Wenn's weiter nichts ist."

"So hübsch, wie du bist, Le-na ..." Die Lippen spitzte Robert Steltz. "Da wundert's mich, daß du arbeitslos bist. Daß du auch mal nur länger arbeitslos bist. Du hast wirklich länger keine Arbeit gehabt? Dich hat wirklich keiner längst wieder einstellen wollen?"

"Ein Dreivierteljahr war ich jetzt arbeitslos. Noch nie war ich so lange arbeitslos. Nur, sagen wir mal so, von wegen meiner Schönheit und so: Ich bin zwar hübsch. Viele sagen das. Nur, wenn man Leute dann erst kennengelernt hat, tut am Schluß die Schönheit nichts mehr zur Sache. Ist sogar eher ein Nachteil. Bestimmte Kerle denken einfach immer, ich wär leicht zu haben. Dreimal hatt ich bis jetzt eine Lehrstelle - dreimal hab ich abgebrochen. Weil ich mir nicht alles gefallen lassen hab wollen. Jetzt hoff ich, daß ich mal wo dabeibleiben kann ... Mit zweiundzwanzig wird's schließlich langsam eng. Möcht jetzt bald mal was fertighaben. Bis es so weit ist, bin ich ja fünfundzwanzig."

"Du bist also 'ne Eigenwillige. Eine mit 'nem eigenen Kopf bist du."

"Für jeden Mist, der nicht im Lehrvertrag steht, bin ich nicht zu haben. Will einer 'ne Nutte, soll er seine Karre nehmen, von Frau und Kind daheim wegfahren, sich in der nächsten Großstadt eine suchen. Kostet ihm dann eben Geld. Zu mir braucht Vati aber nicht zu kommen, bloß weil Vati vorne Druck hat ..."

"Achso!"

 

Sicher zehn Minuten des Schweigens waren vergangen, währenddessen von Robert Steltz mit seinem Fahrzeug vorangefahren wurde.

Nach rechts verdrehte Robert Steltz den Kopf, linste auf seine mürrisch stille Beifahrerin, die starr geradeaus blickte. "Redest du nicht mehr mit mir? Was ist denn? Hab doch nichts Schlimmes gesagt. Oder hab ich was gesagt? Oder hab ich schon was gemacht?"

"Hab's nicht nötig, dauernd und ununterbrochen was immer und zu jeder Zeit dumm in der Gegend rumzuschwatzen."

"Nicht? Hast du nicht nötig, das?"

"Genau! Hab's nicht nötig, was blöd daherzuquatschen, nur um mich quatschen zu hören. Hab ich eben gesagt."

"Fand, wir waren dabei, uns zu nett zu unterhalten, Lena ..."

"Hören Sie mal, Sie haben da vor ein paar Minuten was von 'nem Unfall auf der Autobahn dahergeredet. Dann haben Sie Ihr Autoradio überhaupt nicht an ... Es meldet sich auch nicht, das Autoradio. Kein Pieps, keine Meldungen. Nichts, das hier drinnen aus dem Autoradio kommt. Seit ich hier bei Ihnen im Wagen sitze, habe ich noch keine Durchsage gehört. Mit keinem Ton. Das einzige, was wir machen, ist, daß wir auf der Landstraße dahintuckeln. Als würden wir hier irgendwo hinfahren ... Ich weiß nur von nichts, weil ich sowieso länger mit ihnen unterwegs sein soll."

"Entschuldige, Lena! Das Radio hab ich ausgeschaltet, bevor ich dich einsteigen hab lassen. Hast recht, sollt's wieder anmachen, das Radio. Mach ich dann schnell jetzt." Auf den Einschaltknopf des Radioteils in seinem Auto drückte Robert Steltz mit dem Zeigefinger seiner Rechten.

Lena blinzelte, als wolle sie zu weinen anfangen, während Robert Steltz zu ihr hinschaute.

"Nicht zufrieden, Lena? Jetzt hören wir Musik und alles ..."

Leise dudelte alltägliche Gebrauchsmusik im Fahrzeuginnern. Einmal deutscher Schlager, dann was Eingängiges in englischer Sprache. Sehr seicht.

 

Lena, die blondhaarige Schönheit, die eine hautenge Blauhose an den Beinen anhatte, ein dünnes, hüftlanges rotes Glitzerhemd, das die Hügel ihrer Brüste gut erahnen ließ, ein gelbes Samthalstuch um den Hals, schwieg sich an der Seite Robert Steltz' trotzig aufs neue voran.

"Denkst du echt, ich denk da dran, über dich herzufallen?" meinte Robert Steltz mit gerunzelter Stirn zu seiner Beifahrerin hinüber.

"Keine Ahnung, was Sie denken. Könnt aber schon gut sein, daß Sie an so Sachen denken. Wenn ich mein Pfefferspray in die Finger krieg, müssen wir schauen, was dann passiert. Gefallen lasse ich mir auf alle Fälle nichts. Nichts, wozu ich nicht Lust hab, geschieht hier. Wenn also nichts ist, was mich dazu bringt, vielleicht Lust zu haben, werden Sie mein Pfefferspray zu spüren bekommen. Das ätzt die Augen, auch wenn sie zu sind, glauben Sie mir das. Steht auf der Gebrauchsanweisung."

 

Robert Steltz linste wieder nach der Seite zu seiner Beifahrerin, die sich abermals minutenlang nicht mehr geregt hatte. "An so miese Stimmung hab ich nicht gedacht, als ich dich zu mir ins Auto geholt hab."

Abfällig prustete Lena eins durch die Nase.

"Ist das 'ne Stimmung hier."

"Hättest mich ja dort stehen lassen können, wo ich gestanden bin. Die andern, die da schon länger standen, die wären vielleicht spaßiger drauf als ich, jetzt. Hätten außerdem gut mit mir mitkommen können, wären wir zu dritt mit dir hier drinnen. Zu dritt hätten wir vielleicht hier im Wagen mehr gelacht ..."

"Schau, Lena, dort vorne stehen wieder welche. Von denen nehmen wir jetzt auch noch einen mit. Einen. Einen einzigen. Dann sind wir beiden einer mehr, zu dritt im Auto. Das geht doch in Ordnung, oder? Dann regst du dich ab, ja?"

"Sie können tun und lassen, was Sie wollen. Mitnehmen, wen Sie wollen."

"Na denn! Das mach ich doch jetzt glatt. Schau, den einzelnen da am Ende, den nehm ich wieder mit."

Auf die Bremse stieg Robert Steltz, stoppte vor dem ersten, der als Einzelgänger dastand, den Daumen hochhielt.

 Zur Gänze, daß Lena die Glasscheibe des Seitenfensters der Beifahrertüre herabfahren ließ.

"Sie wollen mich mitnehmen?" fragte der mit einem weißen Taschentuch auf dem Kopf, der sich bei Lena herabbeugte, Robert Steltz. "Die da vorn, die stehen eigentlich schon länger ..."

"Ich nehm nur einen mit - dich", hielt Robert Steltz fest. "Wenn du nicht einsteigst, nehm ich keinen hier mit. Mag mir das Auto nicht bis zum Rand auffüllen. Außerdem hab ich schon 'ne Mitfahrerin. Was ist? Kommst du nun eingestiegen ...? Oder lassen wir's bleiben? Soll ich ohne dich wieder hier wegfahren?"

"Entschuldigt, Leute!" hörte Robert Steltz den Autotramper-Knilch draußen nach voraus sprechen, wo drei großgewachsene Kerle am Herankommen waren. "Er will nur einen hier mitnehmen. Mich, sagt er. Entweder mich oder keinen."

"Dann steig schon ein, Arschloch!" krähte der mit dem Cowboyhut, der mit seinem Kumpel seitlich der Motorhaube von Robert Steltz' Fahrzeug stehengeblieben war. "Mach, daß du einsteigst, hier wegkommst ..."

Zwei, die sich müde abwanden. Während der Cowboyhutträger zornig wirkte, mit Robert Steltz ein Augenduell veranstaltete.

Den Kopf, den Robert Steltz schüttelte.

Daraufhin, daß auch der mit dem Stetson abdrehte, sich zu seinen Kumpeln an den Stehplatz von vorhin zurückbegab.

 

"Wo soll ich meinen Rucksack hintun?" erkundigte sich der junge Mann draußen, der durch die fensterlose Beifahrertüröffnung über Lenas Brusthügel drüber zu Robert Steltz hinblickte.

"Hinten, in den Kofferraum, tun wir dein Zeug rein. Wart mal, ich steig schnell aus." Die Fahrertüre schwang Robert Steltz auf, nachdem er nach dem Verkehr geguckt hatte, stellte die Beine auf die Teerfläche, erhob sich zu voller Körpergröße.

Nach hinten zum Heck seines Mietwagens begab sich Robert Steltz.

"Können die andern wirklich nicht mitkommen?"

"Wie viele sollen denn rein in mein Auto? Mit mir wären wir sechs drinnen. Das mach ich nicht. Kommst du nun mit mir mit? Oder kommst du nicht mit? Kannst auch dableiben."

"Doch! Komm schon mit. Fair ist's aber nicht."

"Was im Leben ist 'fair'?" gab Robert Steltz zurück. "Weißt du, wir sind zu dritt bei mir im Wagen. Das reicht doch, oder? Die andern werden irgendwann schon noch Glück haben ..."

"Na ja, stimmt schon. Aber die, die stehen schon sehr lange ..."

"Mir egal. Machen wir? Oder - bleibst du doch da?"

"Nein! Natürlich komm ich mit Ihnen mit."

"Piff" machte es, als Robert Steltz auf den Funkschlüssel drückte. Die Heckklappe, die hochschwang.

Robert Steltz packte mit an, half, die Tramperausrüstung mit Metallgestell, zwei Trinkflaschen und allem Drum und Dran seines neuen Mitfahrers hineinzuheben.

"Wo soll's denn eigentlich hingehen, mein Lieber?" erkundigte sich Robert Steltz bei dem, der ihm gegenüber aufgebaut dastand. Seinem neuen Mitfahrer, der starr guckte.

"Südwärts", erwiderte der andere, lächelte los, daß seine Schwitzigkeit besser zu erkennen war. "Richtung Bodensee würd gut passen."

"Ah, da bist du bei mir richtig", erklärte Robert Steltz. "Bei mir und Lena geht's südwärts. Wenn wir südlich sind, sobald du bei mir raus willst, mußt du das nur sagen ... Ansonsten fährst du mit in den Bayer-Wald. Geht klar, oder? Das paßt? Oder nicht?"

"Ist okay. Werd sicher Laut geben, wenn's soweit ist."

"Na denn ... Wenn hier alles super ist, dann ..." Die Mundwinkel Robert Steltz' waren herabgezogen.

"Besser könnt's für mich nicht laufen", schwatzte der Knabe zu. "Von München aus ist's auch gut Richtung Bodensee zu kommen ..."

"Schön, schön!" Robert Steltz nickte, drückte die Heckklappe händisch zu. "Kann gut ganz in die Nähe vom Bodensee fahren, dann Richtung Stuttgart. Wenn das klar ist, dann steigen wir wieder ein, fahren mal los, um weiterzukommen, Richtung Süden. Du bist aber auf den billigen Plätzen, denen hinten."

"Haha! Das macht nichts, daß ich hinten sitze."

"Wenn dir das nichts macht, ist's schön. Sollten zuschauen, daß wir hier weggkommen. Der mit dem Cowboyhut kann vielleicht gruslig gucken, schau. Der frißt uns noch alle. Dich, mich, meine Begleiterin. Was kann ich denn dafür, wenn ihm sein Pferd fehlt?"

"Schon die Frage. Hätte er aber ein eigenes Pferd ..."

"Schnell jetzt! Nichts wie weg."

 

"Wir waren in Finnland, Schweden", ließ der wissen, der sich als "Benny" vorgestellt hatte.

"Ja ...?" hauchte Lena zu Benny nach hinten.

Innerhalb kürzester Zeit hatte Benny sich auf den Fondsitzen eingewöhnt. Auch Lena schaute aus wie eine, die, kaum Benny angesehen, schon was von Benny nötig hätte. Einen ersten Abspritzer.

"Stockholm, Lundsvall, Lulea, Tornio, Helsinki, Lahti ...", zählte Benny auf. "Immer für ein paar Tage. Aber nirgends länger als 'ne Woche. Am besten war Kainuu, in der Holzhütte am Fjord. Das war das Beste mit Helga. Mit Thomas und Ali zusammen."

"Wo sind denn die?" erkundigte Lena sich, Lena, die ansehnliche Blondine, die mit leicht eingetönten Wangen am Beifahrersitz nach Benny umgedreht blieb. "Du trämpst alleine, Benny. Du trämpst alleine nach Hause, Benny. Wo sind denn deine Freunde?"

"Die andern, das sind Arschlöcher", brach es aus Benny heraus. "Richtige Arschlöcher. Dreckige, miese Arschlöcher sind die."

"'Arschlöcher' ...?" echote Robert Steltz, als würde ihn die ordinäre Sprache Bennys stören.

"Nichts als die reine Wahrheit, daß die Arschlöcher sind. Alles Arschlöcher. Dreckige, verfickte Arschlöcher. Vor allem Helga."

Über die Augen wischte sich Benny mit dem senkrecht hochgereckten Zeigefinger, sah Robert Steltz im Innenspiegel.

"Thomas und Ali, die beiden sind Arschlöcher. Und Helga ist auch eins. Das größte."

"Warum ...?" fragte Lena nach, Lena, die am Sitz Benny zugedreht zu Benny hinblinzelte, als wolle sie jede Sekunde anfangen, mit Benny mit Tränchen zu vergießen. Das Aussehen einer Trostreichen hatte Lena ohnehin längst.

"Wir hatten die erste Nacht hinter uns, in Hamburg am Zeltplatz. Am geschissenen Zeltplatz da. Da haben sich die andern entschlossen, noch mal nach Dänemark zurückzumachen. Weil das Wetter gut dafür war, fanden sie, sie könnten nach Dänemark zurückmachen. Und Helga hat gemeint, sie würd vielleicht auch mit Thomas und Ali nach Dänemark mitkommen. Tags drauf hat Helga mir gesagt, daß sie bei Thomas und Ali bleibt, nicht mit mir mitkommt. Sie mag nicht mit mir in die Heimat zurückzuträmpen. Lieber begleitet sie Thomas und Ali nach Dänemark. Ich hab's Helga wiederholt, daß ich sicher nicht mit nach Dänemark mitkomm. Weil, da waren wir alle ja schon, in Dänemark. Aus Dänemark kommend, daß wir in Hamburg angekommen sind. Ich sag, ich reise nirgendwohin zurück, nur weil das Wetter dort jetzt besser war. Find, es geht im Leben nichts rückwärts, sondern nur nach vorn. Außerdem, ich war fast pleite. Habe ich Helga auch gesagt, daß ich pleite bin. Thomas und Ali, die hatten noch jede Menge Geld übrig. Helga hatte auch noch ihre Karte, mit mehr als genug oben. Mensch, die meiste Zeit hat Helga mich für sich zahlen lassen. Für's Zahlen war ich ihr blöd genug. Hatte ja auch nichts dagegen, für sie was zu zahlen ... Jetzt frag ich mich, ob ich von Helga mein Geld nicht zurückverlangen soll."

"Scheint's, deine Freundin - nicht die beste Freundin, Benny ...", redete Robert Steltz mal locker daher, während er mit gerunzelter Stirn nach Lena guckte, Lena, deren Blick sich an Benny auf den Fondsitzen festgefressen hatte. "Nicht die allerbesten Freunde, die man haben kann. Helga, deine Braut, die hatte wohl so ihre Mucken. Oder nicht? Und deine Freunde, so toll waren die am Schluß anscheinend auch nicht ..."

"O ja!" kam Bennys Zustimmung wie aus der Pistole geschossen. "Ich hab Helga geliebt. Liebe Helga eigentlich immer noch. Helga hat erst vorvorgestern in der Eisdiele da noch mal zu mir gemeint, daß sie mich liebt. Sie würd mich lieben. Lieben würd sie mich. Nicht zu fassen, Helga, die sagt das vorvorgestern zu mir, wiederholt das auch noch. Dann: Vorgestern, am Nachmittag auf dem Zeltplatz in Hamburg, was da ... Ich war nachmittags zum Einkaufen weg. Nach so eineinhalb Stunden bin ich ins Zelt zurückgekommen, halb fünf rum. Hatten doch alle genug Zeit zwischendurch ... Hör ich so was komisch gepreßte Töne. Als ob ... Ich begeb mich rein ins Zeit. Was krieg ich drinnen zu sehen? Daß Thomas und Ali, meine beiden Kumpel, zu zweit mit Helga, meiner Freundin, rummachen. Wollten sich überhaupt nicht von mir stören lassen. Nur weil ich jetzt auch wieder da war bei ihnen, deswegen wollten sie überhaupt nicht aufhören damit. Erst, als ich laut herumgeschrien hab, sind die drei auseinander. Da hab ich dann alles erfahren. Was da so immer schon gelaufen war, zwischen Helga und Thomas und Ali, wenn ich zufällig nicht in der Nähe Helgas war. Das zu dritt, das hatten sie auch schon öfters ... Thomas und Ali mit Helga - einer hinten, der andere vorn ... Je nachdem. Immer wieder gern, hatten sie gute Gelegenheit, weil ich irgendwo alleine unterwegs war."

"Nicht nett von deiner Freundin und deinen Freunden, würd ich mal sagen", hielt Robert Steltz die Tatsache fest, sah Lena an, Lena, die Benny in einer Tour anglotzte. "Wenn das schon länger geht, deine Kumpel mit deiner Freundin ... Muß man das nicht schon früher merken, eigentlich? Du hast wirklich von nichts nie was mitgekriegt? Nie die vorher überrascht?"

"Nein! Erst vorgestern. Anscheinend bin ich blöd. Voll blöd. Hab Tomaten auf den Augen. 'nen Vorhang vor." Bennys Kopfnicken, Benny, der sich mit einem Zipfel des Handtuchs hinten über seinem Nacken übers Gesicht drüberwischte.

Am Hinterkopf kratzte sich Robert Steltz. "Meine Freunde mit meiner Freundin, meine Freundin mit meinen Freunden ... So viele Dinge, die ich verpass ... Kaum zu glauben ..."

"Sag ja, hatte Tomaten auf den Augen. Helga war vorgestern ganz offen zu mir, hielt mir gegenüber mit nichts hinterm Berg. Helga hat mir klargemacht, daß sie immer bei denen ausgeholfen hat, wenn Not am Mann war. Immer hat sie ausgeholfen. Und bei mir ist davon nichts direkt angekommen. Obwohl Helga, schon von Anfang an, blieb sie mit dem einem oder dem andern alleine ... Oder mit beiden ... Einmal der, dann der andere. Einmal dem einen heruntergeholt, dem einen geblasen. Oder so richtig feste, auch mit beiden zusammen. Bei guter Gelegenheit, wenn ich nicht da war. Haben die Helga nur kurz beiseitegewunken, war Helga sofort da, hat bei Thomas oder Ali gemacht, was das Zeug hielt. Mit sich machen lassen. Wahnsinn, weil, nebenbei hatte Helga auch noch mich. Ich war ja exklusiv, bei Helga. Hätte sich die Tage jetzt aber aufgehört. Thomas und Ali erklärten, das wollten sie beide mir jetzt bald mal verklickern, daß Helga für alle da war. Nicht nur immer für mich alleine. Vor allem Thomas war das Versteckspiel langsam satt. Ausgelacht haben Thomas und Ali mich. Thomas und Ali sagten, ich wär nicht zu fassen. Daß ich nie was mitbekommen hätte. Nichts merkte, daß nicht nur ich bei Helga, ich alleine ... Obwohl sie drei die letzten Tage kaum noch aufgepaßt hätten, ob ich zufällig längs kommen könnt, während sie ..."

"Hahaha!" Auf das Lenkrad haute Robert Steltz vor Lachen.

 

Die einzigen Worte im Wageninneren waren die der Sänger und -innen der Lieder, die im Radio gespielt wurden. Dreimal deutschsprachiges Liedgut, nicht laut, nicht leise gestellt. Das vierte Lied, das anfing, war überraschend in englischer Sprache.

Nach der Seite blickte Robert Steltz auf Lena. "Was meinst du, Lena, wenn Benny dein Freund wär - wärst du die ganze Zeit der Reise auch immer lieb zu den anderen gewesen, die bei Benny und dir dabei? Oder wärst du bei den andern beiden geblieben, mit ihnen nach Dänemark zurück? Oder wärst du vielleicht jetzt mit Benny zusammen auf dem Heimweg? Was meinst du?"

Lena schürzte die Lippen, guckte ausdruckslos Robert Steltz auf der Lenkradseite an.

"Was meinst du, Lena?"

Eine Antwort erwartete Robert Steltz.

Die Schulter zuckte Lena schließlich.

Robert Steltz grinste.

"Weiß nicht, was Sie von mir wollen ... Bin ich einem treu, bin ich einem nicht treu ...? Ich sag mal so: Kommt alles ganz drauf an. Wie die Situation ist. Und wie die aussehen. Aber - ganz an erster Stelle -, ob ich mich so mit denen verstehen würd, wie diese Helga sich anscheinend mit denen versteht. Von Anfang an hat Helga sich anscheinend mit denen gut verstanden. Obwohl Helga eigentlich seine Freundin gewesen war ..."

Im Innenspiegel beobachtete Robert Steltz, daß Benny sich gereizt auf die Nasenspitze tippte.

Dicke Tränen, die Benny die Wangen herunterliefen, keine Schweißtropfen.

 

"Hab das alles nicht glauben wollen", drängelten neue Worte aus Benny raus. "Thomas und Ali haben aber ganz klar zu mir gemeint, daß das schon seit Reisebeginn so gegangen wär, daß sie mit Helga rumgemacht hätten. Ohne daß ich irgendwas gemerkt hätt. Haben Thomas und Ali und Helga anfangs auch scharf aufgepaßt. Einmal der, dann der andere mit Helga. Wenn's einer nötig hatte, war Helga für ihn da. Mal schnell mit der Hand. Oder einen blasen. Gebumst hat immer der mit Helga, der mit Helga zusammen alleine geblieben ist, wenn ich mit dem andern wo unterwegs war. Gemeinsam zusammen mit Helga haben sie nur, wenn ich sicher länger mal nicht da war. Bemerkt hab ich an Helga nie was. Helga war ... Helga war immer Helga ... Daß Helga mit Thomas und Ali ... Auf das wär ich nie gekommen, hätt ich Helga, Thomas und Ali vorgestern im Zelt nicht mitten dabei erwischt. Die ganze Zeit über hab ich nie an so was gedacht. Nie so 'ne Idee gehat. Daß Helga irgendwas mit Thomas oder Ali oder mit beiden haben könnte - nie hab ich ... Glaub eben auch fast immer alles noch nicht ..."

Durch die Zähne pfiff Robert Steltz.

"Müßt doch jetzt nicht herumzicken, jetzt, wo ich Bescheid wüßte, hat Thomas gestern abend noch mal zu mir gemeint. Ich könnt doch Helga weiter haben. Könnt doch auch mitmachen. Helga dann eben mit dreien ..." Mit der flachen Hand haute Benny sich auf den behosten Oberschenkel. "Ich könnt doch meine Freundin nicht immer nur für mich alleine haben, meinte Thomas. Und weiter: Das hätt ich doch nicht wirklich glauben können, daß Helga nur immer für mich was macht. Daß ich ... Nur immer ich alleine mit Helga ... Wär doch so besser gewesen, daß jeder mit Helga und Helga mit jedem ... Als immer nur ich mit Helga. Weil er und Ali weggegangen waren, mich und Helga ein Weilchen alleine ließen. Ich müßte doch kein Problem daraus machen, Helga, die könnt gut auch dreie ab. Helga, der würd's sicher auch mit Ali und ihm Spaß machen, auch wenn ich jetzt auch mit dabei war. Mich, in einer Tour hat Helga mich nur starr angeglotzt, rot im Gesicht. Sonst hat Helga nur aufgepaßt, sofort hinter Thomas und Ali zu kommen, wenn es aussah, daß ich auf sie losgehen könnt."

 

"Das waren wirklich alles die besten Freunde von dir, Benny, mit denen du in Urlaub gefahren bist und unterwegs warst?" Kopfschütteln Lenas, Benny zugewandt.

"Ja!"

"Helga, deine Freundin, ich glaub's ja nicht. Du mußt doch was mitgekriegt haben? Daß Helga, deine Freundin, mit den beiden ... Mit Thomas und Ali ... Ständig ..."

"Glaub's wirklich selber kaum."

"Daß du nichts merkst, wenn Helga ...? Helga mit jedem ...? Da ist doch was zu merken, wenn Helga ..."

"Sie haben's wirklich immer so mit Helga gemacht, daß ich nichts mitgekriegt hab. Helga, schnell mit der Hand, dem Mund ... Helga war wieder ganz frisch, wenn ich mit ihr ... War nichts zu merken. Sag mal, soll Helga doch glücklich werden mit Thomas und Ali. Mit den beiden jetzt in Dänemark. Thomas und Ali, jetzt jedenfalls keine Freunde mehr von mir. Eine Freundin, die Helga heißt, hab ich auch nicht mehr. Hab Schluß gemacht mit Helga. Helga und ich, wir sind auseinander. Helga hat sich gestern wirklich endgültig entschieden. Für Dänemark und für die andern beiden. Für Thomas und Ali. Gegen mich. Mit Thomas und Ali zusammen ist Helga jetzt im Augenblick sicher schon in Dänemark drüben. Helga soll doch machen, was sie will ... Mit mir ist auf alle Fälle für Helga Ende. Bin doch nicht total plemplem, mit ihr weiter zusammenbleiben zu wollen. So ein Miststück. So eine Hure. Treibt's wirklich mit jedem ..."

"Hahaha!" brach das Gelächter auf ein neues bei Robert Steltz aus, Robert Steltz, der sich lange genug beherrscht hatte.

Bei einem Seitenblick auf Lena stellte Robert Steltz fest, daß der einzige, der im Auto lachte, er war.

Überhaupt nicht fiel es Lena ein, bei Robert Steltz mitzulachen.

Lenas Gesicht war genauso eine starre Maske wie das Bennys.

 

"So schnell fahr ich nicht wieder in den Norden hoch", meinte Benny unvermittelt zu Lena nach vor. "Der Norden hat mir kein Glück gebracht. Ist doch klar, nicht? Meine Freundin ist weg. Zwei Freunde hab ich weniger ... Voriges Jahr ... Nein, Finnland, Schweden, Dänemark, die fallen weg. Vielleicht noch Norwegen. Um Finnland, Schweden, Dänemark rum ..."

"Ich hab vor, daß ich im nächsten Urlaub nächstes Jahr vielleicht nach Spanien fahr", eröffnete Lena Benny.

"Spanien, Frankreich, Portugal, Italien, Griechenland - das alles ist doch langweilig", teilte Benny launig mit. "Alle wollen sie doch dorthin. Ist doch stinklangweilig, immer nur dorthin zu reisen, wo alle hinwollen. Find ich wenigstens. Deswegen reis ich im Sommer lieber nach Finnland, Schweden, Dänemark. Die Tour. Doch was anderes, oder?"

"Stimmt, alle wollen südwärts." Lena nickte. "Wär auch gern mal in Finnland unterwegs. Oder in Schweden. Über Dänemark nach Schweden, Finnland, Norwegen. Grönland wär auch nicht übel. Grönland, Island ..."

"Grönland, das könnt ich mir für nächstes, übernächstes Jahr überlegen. Auch mit Island zusammen. Aber sicher nicht Frankreich, Italien, Griechenland, Portugal. Das gähnt. Das gähnt nur. Höchstens ostwärts könnt's noch gehen. Bulgarien, Ungarn, Polen. Die Länder. War noch nie in Bulgarien, Ungarn, Polen. War noch nie ostwärts ... Ist mir zu arm dort ... Na ja, einmal war ich mit der Schulklasse in Tschechien. Aber 'ne Woche Klassenreise, das zählt nicht. Nach Rußland könnt ich auch mal. Ist weit wie die USA. Vielleicht mit der Eisenbahn. Wie 'Route 66'."

"Hab auch noch nie an den Osten gedacht." Kopfnicken Lenas. "Portugal, Frankreich, Italien, dort war ich schon mal. Aber nicht allein. Sondern mit Vati und Mutti. Mensch, Rußland, Rußland hatt ich überhaupt noch nie als Idee. Nicht einmal."

"Vielleicht könnten wir ja unsere Adressen, Nummern tauschen, Lena", eröffnete Benny das Schöne der Welt, wenn man bei Lena genau hinschaute. "Nächstes Jahr könnt ich wieder was planen. Dann telefonieren wir uns zusammen. Du könntest mit mir mitkommen. Könntest mich begleiten. Wenn du Lust hast natürlich nur. He, treffen könnten wir uns auch öfters mal übers Wochenende oder so demnächst. Ich mein, du fährst ja jetzt in dem Wagen hier auch ungefähr dorthin, wo ich hingefahren werden will, nicht?"

"Erst mal brauch ich was Käsch", versetzte Lena. "Käsch, Käsch. Übernächsten Ersten geh ich wieder in die Arbeit. Obwohl's wieder nur 'ne Scheiß-Lehre ist. Wieder nur 'ne Scheiß-Lehre. Mal sehen, ob die Leute diesmal was sind. Ob mit denen auszukommen ist, bei denen ich anfang. Sind die nett, bleib ich bei der Stange. Wenn ich bei meiner Tante Frida wohnen bleib, spar ich mir sicher das eine oder andere, was mir 'ne eigene Wohnung kostet. Mal sehen, vielleicht muß ich bei Tante Frida überhaupt nicht viel abdrücken, wenn ich Geld hab. Werd ich erst sehen, was Tante Frida will, wenn ich fest arbeite. Weiß also noch nicht, ob ich die nächsten Jahre viel reisen werd, Benny. Treffen können wir uns aber trotzdem mal. Am Wochenende. Gibst du mir dein Phone, tipp ich dir meine Nummer ein."

Aus der Schutztasche an seiner Hüfte fingerte Benny seine reisefähige Telefonie, reichte das Ding Lena nach vor.

 

Kundig machte Lena sich daran, bei Benny ihre Nummer einzutippen, diese abzuspeichern.

Im Nu war alles von Lena gemacht. Ohne Schnickschnack, etwa, daß Lena noch Fotos von Benny anschauen wollte oder so, kriegte Benny sein Kommunikationsmittel wieder fürs Wegstecken nach hinten gereicht.

Zorn kochte in Robert Steltz. Lena, ganz schön geschwätzig und Benny zugeneigt. Hauptsächlich mit Benny, daß die Schönheit namens Lena plauderte. An Bennys Schicksal nahm Lena mitfühlend teil.

Anscheinend fand Lena das nicht lachens-, verspottenswert, daß Bennys Freundin es die vergangenen Wochen über immer und überall bei jeder Gelegenheit mit Bennys Freunden getrieben hatte. Ohne daß Benny viel davon mitgekriegt hätte. Vielleicht wollte Lena das zusammen mit anderen Freunden Bennys zusammen ausprobieren, wie das so zuging bei Benny, Benny und seiner langen Leitung.

Das reine Garnichts, das Benny gemerkt hatte. Nicht das bißchen was, daß Benny die ganze Zeit über mal an Helga, seiner Freundin, was störte. Bennys Freundin Helga. Helga, die heute lieber Bennys Kumpels den Vorzug gab. Denen bei jeder Gelegenheit mit ihren körperlichen Vorzügen diente. Als daß sie länger mit Benny zusammenbleiben und mit ihm heimreisen hätte wollen. Ganz offiziell, daß Helga bei Benny die Biege gemacht hatte.

Und dieser Benny, dem nie was aufging, was seine Helga anbetraf, der war bei Lena ganz weit vorne dran. Kein bißchen, daß Lena Benny auslachte.

Die Welt, sie stank Robert Steltz an.

Noch nie war Robert Steltz einer, der das leiden hatte können, wenn Leute ihm keine Beachtung schenkten. Irgendwo außen vor gelassen zu werden, das kam nicht gut bei Robert Steltz. Und jetzt führten Lena und Benny sich auf, als wären sie beide nicht bei Robert Steltz im Wagen mit Robert Steltz unterwegs. Obwohl Robert Steltz der war, der Mann hinterm Lenkrad. Nur, wo Robert Steltz hinwollte, ging es hin. Wenn Robert Steltz außerdem dazu Lust hatte, machte Robert Steltz mit jedem im Wageninnern, was er wollte.

 

Verbissen starrte Robert Steltz nach voraus auf die rechte Spur der Autobahn, auf der er das Fahrzeug bei Tempo einhundert geradeaus lenkte. Noch.

"Das Geld für 'ne eigene Mietwohnung, bleib ich bei Tante Frida wohnen, spar ich mir also", hörte Robert Steltz Lena wieder schwatzen, Lena ausschließlich für Benny, den auf den Fondsitzen, am Ball. "Wenn Tante Frida nett bleibt, ich nicht zu viel bei ihr abdrücken muß, verdien ich was, könnt ich monatlich was ansparen. Die nächsten Monate bis nächstes Jahr im Juli, August. Das wär klasse. Vielleicht ging dann 'n Urlaub. Müßt ich sehen, was ich an Geld zusammenbekomm. Kommt ganz drauf an, wieviel mir am Monatsende bleibt. Bis jetzt bin ich immer nur mit meinen Eltern im Urlaub gewesen, Benny. Anders bin ich noch nicht weit rumgekommen in der Welt. Selber, mein ich. Nur kurz auf 'nen Trip in die Niederlande hab ich's gebracht. Sonst war ich für mich selber noch nirgends."

"Hast du in 'nem Coffee-Shop was geraucht ...?" erkundigte sich Benny interessiert bei Lena. "Kann man aber nicht mehr überall, was rauchen dort. Fast nur noch in den größeren Städten ..."

"Stimmt!" Lena nickte zu Benny nach hinten. "Sonst rauch ich nicht viel. Bin echt eingeschränkt, was das mit dem Rauchen angeht. Aber, in Amsterdam war ich jeden Tag was rauchen. Hab mich über mich gewundert, wie ich einmal die Tage in Amsterdam, als ich allein war, in mein Zimmer in der billigen Pension zurückgefunden hab. Ich mein, auf mein Zimmer. Es waren die Stunden vorher Typen um mich rum ... Hätte woanders aufwachen können. Ganz woanders."

"Hey!" rief Robert Steltz spontan bei Lena und Benny dazwischen, scheinbar fröhlich für Lenas und Bennys Ohren. Robert Steltz, der wirklich fand, daß es ihm hier bei ihm drinnen hinten und vorn jetzt voll langte. Die Zeit mußte kommen, daß das Glück zweier einsamer Anhalter-Herzen ein bißchen weniger wurde. "Habt ihr Leute nicht langsam Durst? Links am Boden von dir, Benny, der Kühlbehälter. Der steht dort. Sind ein paar Flaschen Cola drinnen. Ihr mögt doch kühles Cola, oder? Oder Eis am Stiel?"

"Eine Flasche Wasser wär mir lieber", war Lena mit nichts zufriedenzustellen. "Cola - nur wenn's sein muß. Cola, das reinste Gift. Schon mal gelesen, Benny, was in 'ner Cola alles drinnen ist. Wieviel Zucker, Zeugs ..."

"Hab nur Cola drinnen in der Box, Lenalein", meinte Robert Steltz fast schon entschuldigend zu Lena hinüber. "Schön kühl aus dem Behälter - ist doch was, oder? Wärst du so freundlich, Benny, reichst Lena eine Flasche vor, ja? Mir auch. Eis könnt ihr beiden auch schlecken, wenn ihr wollt ..."
  Herab beugte sich Benny, öffnete die Behälterklappe, holte drei Colaflaschen aus Plastik heraus, verschloß den Kühlbehälter wieder.

"Hier, Lena - deine Cola", sprach Benny. "Wenn er sonst nichts hat, mußt du mit Cola vorlieb nehmen. Eis hat er aber auch in der Box, stimmt."

"Danke, Benny!" Lena bleckte die Zähne, nahm die Halbliterflasche Cola trotzdem aus Bennys Fingern.

"Hier, Ihre Flasche, Herr ..., ja?"

"Danke auch, mein Freund Benny!" plapperte Robert Steltz, plazierte die Plastikflasche hinter die halbleere Mineralwasserflasche, die hinter dem Schaltknüppel bereits in der Getränkeabstelle drinnenstand. "Fahr jetzt dann auf den nächsten Rastplatz dann ein, der auf dem Schild angekündigt worden ist. Können uns dort die Füße vertreten. Einverstanden?"

"Klar paßt das", raunte Benny, nickte mit dem Kopf. Benny, der der Flasche den Plastikverschluß abdrehte, erst mal wegen seiner Schwitzigkeit kleine Schlückchen des kühlen Colagesöffs genoß, wie Robert Steltz im Innenspiegel beobachtete.

 

Das Auto von Robert Steltz stand abgestellt auf dem Rastplatz einigermaßen bei dichtem Gebüsch.

Drei große Transportlastwägen waren auf dem Autobahnrastplatz voraus hingeparkt. Von Fahrern oder sonstigen Menschen war weit und breit nirgends was zu blicken.

Sowohl Benny als auch Lena hatten ihre Colas fast ausgetrunken, während Robert Steltz an seiner Colaflasche nippte und auf und ab an ihr herumfingerte, als wäre er nervös.

Lena hockte auf dem Fahrersitz, ihre behosten Beine außerhalb des Fahrzeugs auf dunkelbrauner Erde aufgestellt. Mit der Parkscheibe fächelte Lena sich Luft zu, schaute einmal zu Robert Steltz, dann zu Benny.

"Ist das eine Hitze heute, puh!" durchbrach Lena die minutenlange Schweigerei zwischen den Leuten. "Dabei haben wir schon September."

"Wie kommt's, Benny ...?" sprach Robert Steltz Benny an, Robert Steltz, der sich sich mit dem Hinterteil von der Kühlerhaube abstieß, an die er sich einen Moment angelehnt hatte. Breitbeinig stellte Robert Steltz sich auf, direkte Linie Richtung Lena und Benny. "Du hast in Schweden und Finnland ganz schön viele Orte besucht. Wie viele Tage bist du denn bis heute schon auf Achse?

"Seit eineinhalb Monaten", antwortete Benny, der ganz nahe seitlich bei Lena rumstand, als wüßte er sonst keine Orte. "Eineinhalb, zwei Monate, hatte ich auch in der Vorstellung, daß ich von daheim fortbleib. Bis zu zwei Monaten wär hingekommen, geldlich. Hätt ich keinen größeren Verbrauch gehabt. Hatt ich aber leider. Mit den anderen hätt ich wirklich nicht mit nach Dänemark zurückmachen können, auch wenn sich zwischen mir, Helga und Thomas, Ali nichts abgespielt hätte."

"Thomas und Ali ..." Das Kinn rieb Robert Steltz sich her. "Schon 'ne Sache, das mit denen ..."

Robert Steltz blinzelte, die Colaflasche nahe der Körpermitte auf die Cordhose aufgestellt wie eine Erektion.

"Heute ganz früh bin ich aufgebrochen", redete Benny, blinzelte Robert Steltz ins Gesicht. "War noch ziemlich dunkel. So um halb sechs rum. Sie alle drei, Helga, Thomas und Ali, wollten, daß ich ihnen mein Zelt lasse. Weil Thomas und Ali kein eigenes mehr hatten. Wenn ich sowieso am Heimweg war, brauch ich doch nicht lange ein Zelt ... Denen mein Zelt zu geben ist mir aber nicht eingefallen. Hab mich schlichtweg geweigert. Hat Thomas ein spitzes Messer genommen, mir die Zeltplanen zerschnitten. Hab Thomas machen lassen. Mein, solange Thomas mit dem Messer nur ... Die ganze Zeit hat Helga mich komisch angeguckt und gegrinst. Was sollte ich denn, ausflippen, von wegen dem Zelt? Oder, wegen ihr? Das Zelt war hinüber. Und sie, Helga ... Hab die Schulter gezuckt, hab mein Zeug genommen und bin weg von ihnen. Ganz einfach. War ganz froh, endlich dort wegzusein. War wirklich nur noch mies da. In jeder Hinsicht. Und zahlen, zahlen kann Thomas mir das Zelt demnächst auch noch. Wenn er nach Hause zurückgekommen ist. Kann das jederzeit, bei Thomas daheim vorbeischauen. Thomas besuchen kommen. Kann schauen, ob Thomas mir nicht doch Geld für mein von ihm kaputtgeschnittenes Zelt geben mag. Weiß nicht, so ohne Zelt, was Thomas und Ali dann gemacht haben. Vielleicht haben Thomas und Ali und Helga sich irgendwo ein neues gekauft, kaum daß die Geschäfte offen hatten. Helga hat ja mich fast immer zahlen, obwohl sie Kohle mithatte. Möglich, daß sie die sie reingeworfen hat in den Topf. Da könnt gut ein neues Zelt drinnen sein, denk ich mal."

Die Schulter zuckte Benny, die Schulter zuckte Robert Steltz.

Benny grinste. "Ganz so neu war mein Zelt auch nicht mehr. Bin außerdem auf dem Heimweg, will mich nirgends mehr länger aufhalten. Da brauch ich nicht lange ein Zelt, hatten Thomas und Ali schon recht mit. Hab 'nen brauchbaren Schlafsack, Geschirr und 'nen Gaskocher. Und unterstellen, falls es mal regnet, kann ich mich auch. Hätt ich noch ein bißchen mehr Geld, hätt ich jetzt gerade sogar noch ein wenig Lust, in der Gegend rumzureisen. Nur, so ohne Geld ... Ohne Geld keine Jugendherberge bei miesem Klima. Dann geht's jetzt eben nur heim. Geht's Richtung Heimat. Vielleicht meld ich mich sogar erst in drei, vier Monaten oder so irgendwann bei Thomas. Red mal mit ihm. Frag ihn, was das mit meinem Zelt sollte. Frag nach, was Thomas sich so vorstellt. Ob er mir nicht was für mein kaputtes Zelt geben mag. Wenn er es mir schon mit dem Messer zerfetzt. Den Schlitzer hat er gemacht. Mal sehen, was Thomas so spricht, wenn ich ihn mal alleine wo erwische. Er mit mir alleine ist. Da erfahr ich dann vielleicht auch noch was, wie's mit ihm und Ali mit Helga weitergegangen ist. Was sich bei denen getan hat, als sie gemerkt haben, daß da einer weniger ist. Scheiß aber auf Dänemark, sag ich. Es gibt kein Zurück, sondern nur eins nach vor. Heimfahren ist gut nach vorn. Wenn man da herkommt, wo die andern jetzt wieder hingemacht haben. Ohnehin war ich hübsch eineinhalb Monate auf Achse. Das zum Schluß jetzt, das werd ich wohl oder übel verarbeiten müssen. Das haut hübsch rein, das mit Helga ..."

"Für mich geht's geradewegs zu meiner Oma Frida ...", war Lena willens, was von ihrem Senf zu dem von Benny dazuzugeben. "Mal sehen, wenn ich dann arbeite, was ich der abdrücken muß, für Kost und Logis. Wirst Nachricht kriegen, Benny. Oder ich erzähl's dir, wenn wir uns demnächst wiedertreffen ..."

"Mögt ihr beiden eigentlich kein Eis, Lena, Benny ...?" entflohen so Worte Robert Steltz' Mund, ganz spontan.

"Du hast Fruchteis und Schoko im Angebot, hab ich gesehen, als ich vorhin die Box aufgeklappt hatt", säuselte Benny.

"Klar mag ich ein Eis", klang Lena auf. "Fruchteis, Schoko, egal."

"Du auch?" sprach Robert Steltz Benny an.

"Schoko", antwortete Benny, der die Augen zu Schlitzen verengt hatte, so nach Robert Steltz starrte. "Bin ein Milcheis-Fan."

Vor Benny schritt Robert Steltz hin. Ins Wageninnere beugte Robert Steltz sich herab. Den Deckel hob Robert Steltz vom Kühlbehälter, bei dem der mit einem Stromteil an das Fahrzeug angeschlossene Akku vibrierend vernehmbar surrte, weg.

Die Plastikhülle einer Dreier-Packung Schoko- und ein Fruchteis riß Robert Steltz mit der Rechten auf, holte jeweils ein Schoko- und ein Fruchteis originalverpackt aus den Packungen heraus.

 

"Jetzt hast du auch meine Nummer, Lena ...", sprach Benny, der Lena ihr Phönchen zurückreichte. Lena, die also doch ein eigenes dabeihatte.

"Ich schreib mal 'Danke, Benny', ja ...?"

"Nur zu."

"Hier, das Eis für euch wartet bald nicht mehr, Leute", sang Robert Steltz regelrecht, als hätte er gute Laune, präsentierte, was er in der Hand hatte. "Fängt mir bald in der Hand noch ganz zu schmelzen an, wenn ihr es mir nicht sofort wegnehmt."

"Danke!" meinte Benny, der Robert Steltz das Schokoeis abnahm, das Fruchteis für Lena hielt, bis Lena den kurzen Text auf ihrem Display getippselt hatte..

"So, Benny! Jetzt müßte bei dir jede Sekunde Musik spielen ..." Lena grinste Benny ins Gesicht, nahm Benny ihr Stück Fruchteis ab.

Eine Melodie, die Robert Steltz irgendwoher kannte, spielte ziemlich mit Verzögerung auf Bennys Phone. In seinem Hüfttäschchen ließ Benny sein Reisetelefon stecken.

Ihr Phone legte Lena in die offenstehende Sportlertragetasche am Boden des Beifahrersitzes hinein.

Ihr Fruchteis befreite Lena im Nu von der Verpackung, fing eilig mit dem Schlecken an, auch an der Plastikverpackung.

"Und Sie, Sie mögen kein Eis, Robert?" war Lenas Nachfrage.

"Mir reicht momentan was zu trinken. Wir fahren jetzt weiter, würd ich sagen. Sollte heute noch im Bayer-Wald ankommen. Sonst beschweren sich die Leute noch bei mir ..."

"Vorn rechts steht ein Abfallkorb", machte Benny aufmerksam, der Lenas Plastikverpackung vom Boden aufhob. "Werf schnell die kleinen Tüten in den Abfall. Bin in 'ner Sekunde zurück ..."

"Keiner fährt dir weg, Benny ..."

 

"Heiß heute, das ist ja fast wie Hochsommer ...", stieß Robert Steltz hervor, betrachtete die Geschwindigkeit auf der Tachoanzeige, die einhundertundzwanzig anzeigte. "Mann, fährt sich gerade wieder besser hier ..."

"Mir ist seit einem kleinen Weilchen plötzlich, als wär was mit mir ...", ertönte es von Lena, Lena, die bei Robert Steltz am Beifahrersitz ausgiebig gähnte. "Ich bin sooo mü-de. Sooo mü-de."

"Ach was, warum solltest du müde sein?" wiegelte Robert Steltz ab. Einen Schluck aus seiner Wasserflasche nahm Robert Steltz. "Warum solltest du müde sein, Lena? Jetzt geht's erst los hier."

"Mir fal-len die Au-gen jede Se-kunde sooo was von zuu ..." Weit riß Lena den wohlgeformten Mund für den nächsten Gähner auf.

"Du sagst, daß du das vorgestern nachmittag erfahren hast, Benny, das mit deinen Freunden Markus und Ali und deiner Freundin Helga ...? Immer noch schwer für mich zu glauben, das ... Solange seid zusammen unterwegs, eng beisammen, dann merkst du nichts von dem, was die andern beiden und deine Freundin die ganze Zeit miteinander treiben ...?"

"War die letzten beiden Nächte alleine im Zelt, nachts", erwiderte Benny, den Robert Steltz im Innenspiegel kopfschütteln sah, als wolle Benny eine unerklärliche Belämmerung von sich abschütteln. "Die andern sind immer gegen dreiundzwanzig Uhr weg in die Disko, haben mich alleingelassen. Erst gegen vier, halb fünf in der Früh sind sie zu mir zurückgekommen. Wenn die rein sind ins Zelt, bin ich sofort rau-raus ..."

Benny, wie Lena ausgiebig am Gähnen.

"Kann's ja auch selber immer noch nicht glauben. Da war ständig alles mögliche zwischen Thomas, Ali mit Helga, und ich krieg nichts davon mit. Überhaupt nichts. Stimmt schon, daß wir aufeinander gehockt sind. Trotzdem hab ich erst was mitbekommen, als Thomas und Ali mit Helga zusammen, ganz sorglos, zu dritt im Zelt ... Wollten sich ja er-wi-schen lassen, die letzten Ta-ge. Hab sie dann er-wischt."

"Versteh das Ganze ehrlich überhaupt nicht, was du hier rumerzählst, Benny", meinte Robert Steltz zu Benny nach rückwärts. "Man kann da doch nicht immer alles verpassen. Wochenlang alles verpassen. Du bist doch einer, mußt doch irgendwann mal was mitgekriegt haben. Was davon mitgekriegen, daß deine Helga ... Daß die Kumpel mit deiner Helga ... Muß doch mal was gewesen sein ... Das glaubt einem ja fast keiner, Benny. Fast eineinhalb Monate, das ist lange, Benny ..."

"Nei-ein, ha-hab a-ber nich-nichts mit-be-kom-men", stotterte Benny, leckte sich mit der Zunge über die Lippen. "Puh! Bin auch mü-de, Lena. Mü-de bin ich, Le-na. Helga, Hel-ga, hab Hel-ga ge-geliebt ... Gestern ha-ben die andern gesagt, daß sie in der frü-früh ... Das Zelt woll-ten sie vo-von mir. A-aber i-ich, i-ich wollt's ih-nen nicht ... Tho-mas, er zer-schlitzt es mi-mir ... I-ich bin da-dann vo-von ih-nen frü-früh mor-gens we-weg, heu-te ..."

"Eine Scheiß-Geschichte, Benny", hielt Robert Steltz, der Lena anguckte, Lena, die sich nicht mehr regte, als Tatsache für Benny fest. "Deine Freunde - deine Freundin ... Seit Wochen treiben's die miteinander ..."

Lena war der Kopf zur Brust gesunken war. Der Brustkorb Lenas hob und senkte sich. Lena, friedlich eingeschlummert.

"Weiß ni-nicht ...", war Benny weiter wach, kämpfte gegen den Dämonen, der ihm mit Schlaf kommen wollte, an. "Wa-as is-ist mit mir, Mann! Was is-ist das?"

"Was soll denn sein, Benny? Wa-as denn lo-os?"

"O nei-nein! Nei-nein! Da wa-war was in dei-nem angeschissenen Eis, Mann! Du -! Du -!"

Als Benny hinten auf den Fondsitzen herrutschte, mit der geballten Faust besser nach Robert Steltz hinter dem Lenkrad zu schlagen, wandte Robert Steltz sich am Fahrersitz schnell nach rechts etwas um, haute Benny die Linke gegen den Kinnwinkel.

Zurück auf die Rückenlehne kippte Benny

"Puh!" Tief atmete Robert Steltz durch, der die Finger am Lenkrad zurück hatte, auf die Fahrbahn guckte.

 

Obwohl Benny im Grunde genommen nicht schlimmer getroffen sein konnte, blieb Benny immer weiter still am Platz liegen. Benny, dessen Gesichtszüge sich deswegen jedoch nicht entspannen wollten.

"Scheiße, was fährst du mit denen weg vom Parkplatz, du Doofkopf?" schimpfte Robert Steltz sich. "Das hätte jetzt ganz blöd für dich laufen können. Ganz, ganz blöd."

Benny, weiterhin regungslos, genauso wie Lena.

Zwar wirkte Benny auf Robert Steltz, als könnte Benny jede Sekunde hochgerumpelt kommen. Aber deswegen rührte Benny sich lange nicht wieder.

"Benny, du kleines Scheißerchen ...", sprach Robert Steltz Benny an. "He, du, Benny-Scheißerchen. He, Idiot, deine Helga, fickt mit den andern - du merkst da nichts. Mit Thomas und Ali hat deine Helga dauernd rumgefickt. Dauernd. Und du kriegst nie was davon mit. Du Idiot kriegst nie was mit. Nie. Wie blöd ist das denn, Benny? Da muß einer schon ein Vollidiot sein, daß er nie was merkst. Nie die bei irgendwas erwischt. Glaubt einem ja keiner. Thomas, Ali und dein Schatzi Helga, die treiben's miteinander. Die ganze Zeit. Und du ...? Gegenseitig besorgen's die sich, und du, du kriegst nichts mit. Du, Benny, du Arschgeige ...?"

Kein Hochrumpeln Bennys.

Regelmäßig hob und senkte sich der Brustkorb Bennys.

Langsam, daß sich Bennys Gesicht doch entspannte.

Es konnte nicht anders sein, als daß Benny weggetreten war. Ebenso wie Lena.

Bei Lena war alles längst einwandfrei. Schöner, tiefer Schlummer bei Lena.

 

Vom Feldweg hinter Gebüsch fuhr Robert Steltz ab auf die Landstraße. Alles in seinem Wagen stank jetzt penetrant nach verschüttetem Bier und Schnaps.

Nach einem Kilometer steuerte Robert Steltz seinen Wagen die nächste Autobahnauffahrt hinauf.

Das Eis und seine Inhaltsstoffe, darüber hätten Lena und Benny Bescheid wissen müssen.

"K.O.-Tropfen, Benny. Immer so ein Weilchen, bis die Tropfen ihre Wirkung voll entfalten. Bei dir besonders schlimm, Benny. Wär ja fast was ins Auge gegangen, für mich."

Freie Fahrt voraus.

"Hab ich eigenhändig mit der Mehrwegspritze in das leicht aufgetaute Eis hineingespritzt, Benny. Durch die Plastikhülle hindurch. Und anschließend alles wieder in die Kühltruhe zurück. Guckt ja keiner nach den kleinen Einstichpunkten in der Verpackung. Hast du auch nicht gemacht."

Das Autoradio schaltete Robert Steltz aus, weil ihn das leise Gedudel annervte.

"Die Fläschchen mit den Tropfen, die krieg ich von denen, in deren Auftrag ich rumfahr, Benny. Für die ich unterwegs bin. In kleinen Schachteln mit dem Absender einer großen Arzneimittelfirma schicken sie's mir. Ein paar mehr von den Kartons habe ich bei mir daheim. Als ich eigentlich brauche."

Benny blieb still liegen, atmete regelmäßig. Nicht anders Lena.

"Alles bewahre ich in einem gesicherten Schränkchen in der Garage auf, Benny. He, Lena? Drinnen im Schränkchen hab ich auch noch ein paar Waffen. Weiß eigentlich nicht, warum ich mir die zugelegt hab. Zwei Neunmillimeter-Pistolen, ein manipuliertes siebzehnschüssiges Pump-Gewehr. Siebzehn Schuß! Eine Uzi und ein großkalibriges Gewehr für die Hirschjagd. Das Gewehr für die Hirschjagd, wirklich, die einzige Waffe, die ich haben sollte. Vielleicht noch eine Pistole. Aber den Rest, da hätt ich mir das Geld ruhig sparen können. Wenn ich's aber unter der Hand kriegen habe können - warum sollt ich's mir nicht kaufen, wenn ich's bar bezahlen kann?"

Der Schweiß war bei ihm schon mal weniger gelaufen als jetzt im Augenblick, fand Robert Steltz. Nach einer Packung Papiertaschentücher griff Robert Steltz, die zwischen den Sitzen bei der Colaflasche dahinter herumlag.

"Erinner mich noch an ein paar andere Kunden, Benny. Bei denen hatte das Zeug noch eine spätere Wirkung wie bei dir. Obwohl auf Tiefschlaf dosiert. Kommt auf die körperliche Konstitution von jemand an, was die Trankwirke angeht. Scheiße."

Mit dem aus der Packung herausgefingerten papiernen Taschentuch wischte Robert Steltz sich über die Stirn, die Nase.

"Die Tropfen sind eine saubere Lösung, finde ich, Benny. Will schwer hoffen, daß deine Bewußtlosigkeit andauert, bis ich bei mir daheim angekommen bin. Sonst muß ich mich noch bei meinen Auftraggebern beschweren. Wenn die Fläschchen verschicken, auf deren Inhaltsstoffe man sich nicht verlassen kann. Weil man das mit der Dosierung kaum im ausreichenden Maße abschätzen kann."

Zuviel durfte man schließlich auch nicht darreichen ...

"Kann jederzeit wieder eine Schleierfahndung irgendwo stattfinden. Da ist es besser, Schlafende dabei zu haben. Wenn so eine Type mit einer Kelle dich an den Straßenrand ranwinkt, nicht das Angesagteste, mit Toten durch die Landschaft zu kutschieren. Außer man will selber für Knast sorgen bei sich. Will ich in den Knast? In den Knast? Überall im Ausland wär es besser. Gebiete, mit denen man kein Auslieferungsabkommen hat."

 

Nach Benny glotzte Robert Steltz nach der Seite nach hinten.

Nichts als die reine Wahrheit: Benny war einer dieser Keksgeher-Knaben. Einer, der ständig hypnotisierte. Ein Hypnotiseur, das war Benny.

Während er auf den Autobahnabschnitten dahinfuhr, konnte Robert Steltz dem Verlangen kaum widerstehen, im Innenspiegel nicht nach Benny hinzustarren. Oder den Kopf nicht zu verdrehen, Benny doof kurz anzuglotzen.

Die Szene sah Robert Steltz vor seinem geistigen Auge, wie Benny, der mit dem Oberkörper seitlich auf den Rücksitzen dalag, unvermittelt hochgerumpelt kam. Die rote, industriell genähte Decke, die Robert Steltz über ihn gebreitet hatte, die Benny von sich schleuderte. Wilde Schreierei Bennys in Robert Steltz' Richtung. Mitten während der Fahrt auf der Autobahn griff Benny an.

Im fahrenden Wagen einen Angriff zu erleben, nichts, was Robert Steltz sich wünschte. Regelrecht der Horror.

Lena dagegen, die sah am zurückgelegten Beifahrersitz brav aus. Hübsch, griffest. Wie eine, die einen angenehmen Traum hatte, mit Szenen, die Lena gefielen.

Das Gesicht Lenas, das mit der Wange Richtung Robert Steltz auflag, ruckte, weil Robert Steltz' motorisiertes Reisegefährt über das nächste Autobahnschlagloch drüberfuhr.

 

Ein gewisses Problem für Robert Steltz war, daß er Schlafende im Fahrzeug dabei hatte. Leutchen, die von nichts irgendwie aufwachten. Obwohl sie eigentlich aufwachen sollten, wenn sich was abspielte. Zum Beispiel, bei einem Klopfen gegen das Seitenfenster. Durch Uniformierte. Denn es war Fahndungsmaßnahme.

Eine von der Polizei veranstaltelte Raster-, Schleierfahndung. Die nicht das geringste damit zu tun hatte, daß man andere Leute mit der Lichthupe bedrängt hätte oder auf der Autobahn wie ein Irrer gerast wäre. Obwohl der Wagenlenker nichts Auffälliges unternommen hatte, wurde ihm mitten während der Fahrt mit der Kelle mal bezeigt, bei nächstbester Gelegenheit anzuhalten. Die folgende Abfahrt zu nehmen und auf einen Rastplatz einzufahren.

War immer nur schlecht mit zurechtzukommen, daß welche in Uniform oder auch ordinärer Zivilkleidung, lediglich eine Warnweste übergestreift, kundig ins Fahrzeuginnere reingafften. Und keiner der Mitfahrer Robert Steltz' wurde von irgendwas wach, das um ihn herum passierte. Auch nicht, nachdem eine feuchte, kalte Hundenase anstupste. Kein irgendwie geartetes Hochschrecken, nichts.

So ein Ereignis war jedesmal unerfreulich. Ein Geschehen mit ungewissem Ausgang. Auseinandersetzen zu müssen, warum keiner der Schläfer in Robert Steltz' Auto aus seinem Dämmer erwachte.

Hochprozentiger Schnaps löste das Problem ein klein wenig. Halbleere Pullen. Bei Benny hatte Robert Steltz zusätzlich noch Bier Höhe Hosenschlitz drübergeschüttet, Benny die Bierdose zwischen die Beine geklemmt.

Eine Fahne bei Lena und Benny, die jedem Polizeibeamten sofort in die Nase steigen mußte, schaute er durch das Autofenster herein.

Immer einigermaßen eine Erklärung, der Alk. Eben zwei Komasäufer, die er, Robert Steltz, im Wagen mitgenommen hatte. Vertrauensvolles Volk, das sich überall, gleichgültig wo und mit wem es zusammen unterwegs war, bis zum Rand abfüllte, zuknallte.

Es gab eben Menschen, sobald die was zu saufen kriegten, verloren sie jede Hemmung. Hauptsache, sie konnten die Schotten dichtmachen. Dann war gut.

Auch das hübsche Mädchen da, das war vielleicht ein Schluckspecht; konnte sich einer nicht vorstellen, der es nicht gesehen hatte, wie die es zischen hatte lassen. Ex und hopp. Zum Glück hatte keiner hier noch die Hosen voll. Auch wenn er, Robert Steltz, einer war, der gerne Trämper vom Straßenrand auflas, einer, der ihnen die Windeln wechselte, war er nicht.

Das Ekelhafteste überhaupt, solche Raster-, Schleierfahndungen.

Dreimal war ihm so was im Laufe des gegenwärtigen Jahres bereits passiert. Zweimal ohne Begleitung, einmal mit. Im letzten Jahr, das war der einsame Rekord: achtmal.

 

"Köter, die durch die geöffneten Seitentüren hereinschnüffeln. Rund ums Auto wird das Vieh herumgeführt. Geldscheine, Drogen, Sprengstoff, auf alles mögliche sind die Viecher abgerichtet. 'Bitte, steigen Sie aus, Herr Steltz. Öffnen Sie Ihren Kofferraum hinten. Schnucki wird seine Nase reinhalten, ja? Damit haben wir es dann hier, Sie dürfen wieder weiterfahren ..."

"Scheiße, Robert, weil das passieren kann, fährst du deine Kunden auch lieber wach durch die Gegend. Benny und Lena, viel zu früh von dir in die Schlummerwelt geschickt.

"Die zwei Vollspacken. Wahre Vollspacken. Benny und Lena, voll die Vollspacken sind die. Alles hätte so lustig sein können, hätten die zwei sich nicht wie die Vollspacken aufgeführt."

"Weniger Eitelkeit, Robert. Warum stößt dir das sauer auf, wenn zwei dich nicht beachten? Immer das gleiche mit dir. Hätte doch gereicht, hinterm Lenkrad zu hocken, den beiden zuzuhören, wie sie sich unterhalten. Statt dessen willst du, daß sie auch dir ihre Aufmerksamkeit schenken. Weil du Robert Steltz bist, und so freundlich warst, sie mitzunehmen ... Sind doch nur Ware, die, für deine Kundschaft ..."

"Jetzt ist für die zwei da eben alles ein bißchen früher als ursprünglich im Plan gekommen. Was soll's? Fehlen den beiden eben jetzt die paar bewußten wachen Momente, die sie noch gut haben hätten können. Lena, Benny, noch mit der einen oder anderen Stunde, die sie sich unterhalten, reden, lachen hätten können ..."

"Dafür jetzt aber höheres Risiko für dich, Robert ..."

"Hör mir doch auf, du Arsch! Soll ich sie aufwecken? Vor allem Benny, den aufwecken ...? Könnt sein, der regt sich sofort wieder auf, kaum, daß er die Augen aufkriegt."

Die Fahrt machte auf der Überholspur echte Fortschritte. Ständig das Tacho in der Nähe des Zweihundert-Kilometer-Bereichs, das schaffte voran.

"Hör mal, Robert, bald mal an der Zeit, die Telefone deiner Mitfahrer auszuschalten. Alles, was sie eingeschaltet haben, solltest du den Ausschaltknopf drücken, nicht? Oder willst du daheim damit ankommen? Weißt doch, wie hier ständig die Position aktualisiert wird. Mach mal zu ..."

"Ist die Idee."

"Interessante Gegend wär das jetzt für Benny, Lena hier. Hier, jetzt, hätten die beiden sogar zusammen aussteigen können ..."

"Ja! Hier hätten sie sich sicher gerne aus der Karre von Robert Steltz verabschiedet."

"Nur leider - momentan können sie das nicht. Kriegt nicht mal einer was davon mit, daß wir dort angekommen sind, wo jeder gerne hingewollt hätte."

"Schlimme Sache."

Den Kopf schüttelte Robert Steltz, kratzte sich hinterm Ohr.

"So befreundet wie die beiden, Benny, Lena, zuletzt miteinander waren ... Fast zu befürchten, die wären hier sofort hinter einem Gebüsch verschwunden, es miteinander zu treiben. Kaum bist du abgefahren, Robert, das erste Mal, daß sie sich anfassen und abtesten hätten können. Dann hätten sie sich später zu entscheiden gehabt. Entweder zu Benny nach Haus. Oder geht's zu Lenas Tante Frida."

"Lena hätte dich zu Tante Frida mitnehmen können, Benny. Vielleicht, daß Tante Frida Kaffee und Gugelhupf serviert hätte. Zusammen wärt ihr irgendwann bei Tante Frida auf Lenas Zimmer verschwunden. Um die ganze Nacht durch zu ..."

"Als Helga-Ersatz bei Benny hätte Lena wirklich etwas hergemacht. Bei der Spitzenfigur, die Lena hat, Robert."

"Lena, Lena, was für ein hübsches Gesicht. Dein Gesicht würd sich eine wünschen. Dein Gesicht an ihr ... Vielleicht nur ein bißchen minimal verändert. Minimal. Was die Ortungspunkte der neuen Trägerin angeht ... Könnten sich einige für die Schönheits-OP wünschen, wie Lena auszusehen. Hätte eine wirklich Glück, der irgendwas mit ihrem Gesicht passiert ist. Vielleicht bei einem Unglück mit einer Stichflamme aus einem Herd. Oder nach einem Autounfall ..."

"Tausende Unfälle gibt's jeden Tag auf der Welt, Lena. Tausende. Überall kann dir irgendwo plötzlich was fehlen, weil dir was passiert ist, was du vorher so nie in der Vostellung hattest. Jetzt ist alles anders. Jetzt hättest du gerne das alte zurück. Oder du willst sofort was Neues kriegen ... Du kannst das sogar, was Neues kriegen ..."

Nach Benny guckte Robert Steltz über die rechte Schulter nach hinten. Über Benny, über den die rote Decke gebreitet war. Die lediglich die Nasenspitze Bennys frei ließ.

Ein Annerver erster Güte blieb Benny trotzdem. Dauerhaft dieses Empfinden Robert Steltz', Benny könnte hochkommen, um sich schlagen.

Süß dagegen, daß Lena in ihrem Schlummer ausschaute.

Lena, so eine Hübsche, Liebliche. Fast wie eine, die man für sich selber behalten sollte, statt was von ihr herzugeben.

Richtig melancholisch wurde Robert Steltz beim Anblick Lenas.

Dieses Verlangen in Robert Steltz, näher bei Lena dran zu sein, Lena mit seinen Küssen zu überschütten.

"Das schminkst du dir besser ab, Robert!"

"Verbotene Lust, haha! Sehr, sehr verboten. Werd ich schon nichts machen, keine Angst. Kann mich beherrschen. Konnte das bisher immer."

 

Die nächstbeste Abfahrt von der Autobahn lenkte Robert Steltz sein Fahrzeug herunter. Suchte sich ein Stück Wald, in das er einfahren konnte.

Das technische Gerät seiner Begleitung war zu entsorgen. Nach allem mußte Robert Steltz Ausschau halten, was Benny und Lena an verräterischem Kommunikationszeugs noch mit sich führen mochten. Irgendwo sollte es mit den nachvollziehbaren elektrischen Impulsen, aus kommunikativen Einheiten in die weite Welt hinaus abgeschickt, zu Ende sein. Alle möglichen Verbindungen in den Äther hinein mußten abreißen.

Robert Steltz stoppte sein Fahrzeug auf einem Waldweg, stieg aus, schritt um die Motorhaube herum. Auf Lenas Seite öffnete er die Beifahrertüre, beugte sich herab.

Lenas Phone hob Robert Steltz aus Lenas Sporttragetasche, suchte drinnen in der Tasche herum, ob es noch was zu ertasten gab, was sich nach technischem Gerät anfühlte.

Nichts weiter bei Lena zu finden. Die Sonnenbrille Lenas schien eine Sonnenbrille, nichts weiter.

Bennys Smartphone aus Bennys kunstlederner Hüfttasche, das Robert Steltz zu dem Lenas in die Plastiktüte aus Lenas Tragetasche schob.

Mit dem Funkschlüssel öffnete Robert Steltz die Heckklappe seines Mietwagens, stellte Bennys rückenbreiten Reiserucksack auf. Überall fingerte Robert Steltz in den Rucksacktaschen herum.

Ein eckiges Ipad in einer hartledernen Schutzhülle entdeckte Robert Steltz. So ein Ding, voll funktionstüchtig und mit einwandfrei geladenem Akku, führte Benny mit sich. Dazu eine Armbanduhr mit Rechnerfenster-Anzeige, die Robert Steltz aus einer unscheinbaren Seitentasche am Rucksack herausholte.

Technisch ziemlich hoch gerüstet, Benny, im Grunde genommen. Kein Thomas, Ali, keine Helga, die Benny was davon weggenommen hätte. Das nach Dänemark rüber dabeizuhaben.

Einer dicken Eiche näherte sich Robert Steltz, holte mit dem Arm schwungvoll aus, haute die Plastiktüte mit dem Inhalt an moderner Technik zweimal heftig gegen den dicken Baumstamm.

Auf den Boden ließ Robert Steltz die Tüte mit den empfindlichen technischen Gerätschaften fallen, stampfte mit dem Fuß Robert Steltz mehrmals auf alles drauf, daß es knackte und knarzte.

Die Plastiktüte war an mehreren Stellen aufgerissen.

Eine Colaflasche holte Robert Steltz aus dem Kühlhaltebehälter im Auto, schüttete den ganzen Inhalt der Colaflasche auf alles in der Tüte. Flüssigkeit, die in der Gegend herumlief, wegsickerte.

Mit dem Ergebnis seiner Zerstörungsarbeit war Robert Steltz zufrieden.

Aus dem Kofferraum seines Wagens seitlich rechts griff Robert Steltz sich die unterarmlange grüne Klappschaufel, zwängte Schaufelblatt und Hartplastikstiel auseinander.

Ein Loch begann Robert Steltz in schwarzer Erde zu graben. Schweiß tropfte ihm die Nasenspitze herab.

Mit Schaufel und Fuß schob Robert Steltz die zerfetzte Supermarktplastiktüte mit den Einzelteilen der Technikeinheiten für die Kommunikation und Überwachung in das Erdloch, schaufelte die Erde über alles. Am Schluß trat Robert Steltz die erdene Fläche fest.

Ein wenig Lockererde von der nahen Wiese schüttete Robert Steltz auf die Grabstelle, warf Moos und kleines Geäst drauf, damit niemandem, der zufällig des Weges kam, das zu sehr ins Auge fiel, daß hier frisch ein Stückweit im Erdboden gebuddelt worden war.

Als Robert Steltz sich nach getaner Arbeit mehrmals um die eigene Achse drehte und ausführlich in der Gegend herumschaute, war er alleine. Kein Mensch schien bei ihm in der Nähe sein zu wollen.

Weit und breit keiner. Niemand, neugierig nachzufragen, was er denn hier so zu schaufeln gehabt hätte.

Wäre tatsächlich jemand bei Robert Steltz dazugekommen, auch kein Problem. Nicht für Robert Steltz. Hätte Robert Steltz eben noch jemand mit zu sich nach Hause mitgenommen. Auch gerne mit Hund. Größe egal.

Den Vierbeiner hätte Robert Steltz daheim ohne weiteres zum Rest dazugetan. Wäre für Robert Steltz das Allerwenigste gewesen.

Die anderswo, die, für die er arbeitete, alles kundige Leute, die würden die Unterschiede sicher kennen. Oder sie hätten es gelassen, weil das mit dem Hundevieh ihnen gefiel.

 

Sehr rasant ging die Fahrerei auf den Autobahnen für Robert Steltz dahin. Weil er auf die Tube drückte und voraus freie Fahrt hatte.

Das mit den Staus wegen Baustellen, das schien an dem Nachmittag nirgends großartig stattzufinden.

Vielleicht morgen, übermorgen, überübermorgen wieder, wenn Robert Steltz sich auf seiner nächsten Autofahrt befand, daß das mit den größeren Staumeldungen Wiederkehr hielt.

Am Autoradio, das die Meldungen ohne die Musikstücke zuschaltete, sprachen die ewig fröhlichen Verkehrsnachrichtenverleser lediglich von Radarfallen auf Land- und Bundesstraßen. Als ob das mit den Blitzern Robert Steltz dort nicht total gleichgültig war. Im Moment hatte Robert Steltz sowieso nicht die Absicht, gegen irgendeine Regel der Straßenverkehrsordnung zu verstoßen. Fiel Robert Steltz überhaupt nicht ein, unterwegs auffällig zu werden.

Schon die Sache, wie still Elke den ganzen Tag über war.

Diese Funkstille Elkes. Nie rief Elke an.

Es gab eine Zeit, da wollte von ihrem Mann Robert fast ständig alles mögliche wissen. Richtig lästig, Elkes dauernde Anruferei. Jetzt schien es Elke wirklich kaum mehr zu interessieren, was er zur Sekunde genau trieb, wie es ihm so ging..

Das mit Elkes Telefonaten, was ihren Gatten Robert anbetraf, geradezu auf Null gedreht.

Seltsam, diese Stille, die Elke an den Tag legte. Der erste Tag, daß Robert Steltz das überdeutlich wurde.

Als ob zu Hause irgendwas im Busch wäre. Wo man dahinterkommen müßte.

An der nächsten Großstadt ging die Reise vorüber, woraufhin Robert Steltz geradewegs unterwegs war in die einheimischen Gefilde.

Schließlich steuerte Robert Steltz seinen Mietwagen von der Autobahn runter. Sechzehn Uhr dreißig war es.

Viel früher als eigentlich die Stunden zuvor vermutet, daß er nach Hause kommen würde, konstatierte Robert Steltz.

Besser in die Planung hätte Robert Steltz gepaßt, um achtzehn Uhr oder erst nach zwanzig Uhr in der Heimat einzutreffen.

Deswegen wollte Robert Steltz lange nicht irgendwo anhalten, sich hinparken und Däumchen drehen.

War Robert Steltz, der Ehemann und Vater, eben ein bißchen früher am Heimkehren. Helfen, heiß zu werden, das würde er Elke so oder so müssen. Bei Robert, bei dem war Elke seit eineinhalb Monaten oft launisch. Entwickelte eine Art weibliche Migräne, obwohl Ehegatte Robert sich größte Mühe bei und mit ihr gab.

 

Die Seitenfenster ließ Robert Steltz hochfahren, ehe der Rand des Städtchens erreicht war.

Mußte nicht unbedingt jeder sinnlos ins Autoinnere hineingaffen, per Zufall was sehen, was ihm im Gedächtnis haften bleiben könnte.

Vielleicht auch nur das, daß Robert Steltz zwei schlafende Personen im Wagen hatte.

Eine junge Frau am Beifahrersitz. Der hinten könnte der Umriß eines Kerls gewesen sein. Nicht viel zu sehen von dem. Trotzdem, es war da noch einer, hinten auf den Fondsitzen.

Nicht die geringste Lust hatte Robert Steltz, vorm Haus Höhe Küche vorüberzurauschen. Lieber fuhr Robert Steltz die längere Strecke drumherum.

Dann stand Robert Steltz' Auto, hinten rumgekommen, vor der heimischen Hausanlage vorn. Mittels seines Funkschlüssels, der andere Impulse abgab als der Elkes, ließ Robert Steltz das äußere rechte Garagentor aufwärts ruckeln, lenkte hinein in die Garagenhälfte, die er für sich alleine beanspruchte.

Nachdem das Fahrzeug drinnen geparkt dastand, stieg Robert Steltz aus, beobachtete das Tor der Garage, das sich, weil er nichts dagegen unternahm, automatisch herabsenkte.

Es war gut, mal wieder aufrecht dastehen zu können. Die Sitzerei auf dem Fahrersitz, die wäre ihm bald zu lange geworden.

Frage: Sollte er doch umdenken, ins Haus gehen, Elke begrüßen? Andererseits würde Elke ihren heimgekehrten Gatten sofort mit Fragen überschütten, warum dieser so überraschend heimgekehrt war. Ohne sich vorher telefonisch oder mit einer Kurznachricht angekündigt zu haben.

Zwar hätte Mann Robert sagen können, hätte sie heute öfter mit ihm telefoniert, hätte sie erfahren, daß er am späteren Nachmittag heimkäme.

 

Leider befand Elke sich im Haus. Zum Fußballtraining würde Elke mit Markus, fuhr Elke Markus, gegen zehn nach halb sechs aufbrechen.

Trainingsbeginn bei Markus war achtzehn Uhr.

Das hieß, wenn Markus Lust hatte, ins Training zu fahren, fing für Markus das Training um achtzehn Uhr an.

Das wurde in der jüngsten Gegenwart immer weniger, daß Markus gerne und freiwillig ins Training fuhr.

Als hätte Markus Probleme mit seinen Kumpels im Verein oder schon andere Sachen im Kopf, hatte Elke gemeint. Konnte mit demnächst erst elf aber eigentlich nicht sein, daß Markus was mit Mädchen hatte. Deshalb mußte es was mit Markus' Fußballkameraden zu tun haben, daß Markus ungern trainierte.

Gegen zwanzig Uhr hatte Elke das Treffen ihres Frauenvereins. Dreiviertel acht war Elke meistens in ihrem Wagen unterwegs zu ihren Weiberzirkel. Daß sie um zwanzig Uhr rum pünktlich dort ankam.

Eine Viertelstunde, Markus vom Fußtraining abholen, eine Viertelstunde, um in den Frauenverein zu kommen.

Robert Steltz fragte sich, was eigentlich gegen ein bißchen Familiengelaber sprach. Oder Markus auf die Sprünge zu helfen, wollte er sich das Fußballtraining ersparen.

Benny und Lena, die konnte Robert Steltz ruhig alleine lassen. Wenn Benny und Lena die letzten Stunden nicht aufgewacht waren, würden die beiden die nächste halbe oder ganze Stunde auch nicht ins Bewußtsein zurückfinden.

Sogar ziemlich sicher: Die beiden würden überhaupt nie wieder die Welt der Wachen erkunden. Überübermorgen spätestens war alles von Lena und Benny bereits außer Haus, an den Bestimmungsort verfrachtet.

 

"Du gibst Ruhe, sag ich", vernahm Robert Steltz Elke, Elke, seine Ehefrau.

"Warum sollte ich?" erlauschte Robert Steltz Markus, seinen Sohn. "Mehr Taschengeld will ich auch. Mehr Taschengeld zu kriegen wär schon nicht so schlecht. Mehr Taschengeld sollte ich kriegen können, jetzt. Jetzt, nachdem ..."

"Wenn du demnächst bessere Noten von der Schule nach Hause bringst, läßt sich vielleicht darüber reden", erwiderte Elke. "Wär gut, wenn wir uns die beiden Studentinnen am Samstag, Sonntag sparen könnten, die dir Nachhilfe geben. Auch die Extra-Hausaufgabenhilfe, die kostet was. Wie wäre es, wenn du zum Beispiel mal von selber was lernst. Du verstehst, wovon ich rede? Selber mal lernen. Aus eigenen Stücken. Das wär was."

"Nein!" Trotz bei Markus. "Muß ich nicht verstehen. Du mußt anders mit mir reden, Mutti, hör mal. Was du redest, ist nicht das, was ich hören will. Wir sprechen einfach immer noch nicht von den gleichen Sachen. Müßten wir aber. Ich sag mal, wenn Vati heimkommt ... Wenn Vati heimkommt, könnt ich ... Ich könnte es Vati ... Weißt du, wenn ich das Vati ... Nein, muß aber nicht sein, daß ich das Vati ... Ich will jetzt ganz einfach mehr Taschengeld hier. Mehr Taschengeld, Mutti, hörst du? Und ich will, daß du mir von nun an jedes Spiel kaufst. Jedes Spiel. Jedes Spiel, das ich haben möchte. Filme leihst du auch für mich aus ... Jedes Spiel, jeden Film. Ob dir das nun paßt, was das für ein Spiel oder was das für ein Film ist, oder nicht. Du leihst alles für mich aus, hältst den Mund. Spiele, die kaufst du mir, wenn ich sie haben will. Tust du's nämlich nicht, tust du nicht, was ich will - werd ich ..."

"Fällt mir doch überhaupt nicht ein!" zischte Elke, die Mutter. "Du mieses, kleines Ekel ... Mieses, kleines Ekel. Wehe, ich erwisch dich hier im Haus noch mal mit einer Zigarette ... Ich riech was, kann mir den Geruch nicht erklären ..."

"Falsch, Mutti! Das ist nicht das, was ich hören möchte. Du sagst nicht das Richtige."

"Bald solltest du dich mal fertigmachen, willst du heute noch selber mit dem Rad ins Fußballtraining? Oder fährst du nicht mit dem Rad ins Training? Muß ich dich doch dann wieder fahren? Ich dachte, du willst selber mit dem Rad fahren ... Fährst jetzt mit dem Rad. Muß ich dich doch ...? Klar, fahr ich dich, hast du dann jetzt noch Zeit ... Muß ich dich also doch wieder ins Fußballtraining fahren? Ersparst du mir das nicht, dich dorthin zu fahren ...? Schau mal auf die Uhr, mein Lieber, die Zeit, die vergeht ... Irgendwann wird es knapp, wenn du mit dem Rad fahren willst. Ist bald knapp. Dann muß ich wieder herhalten."

"Darum geht's jetzt nicht. Denkst wohl, du wirst mich schnell hier los?"

"Nein, warum denn? Ich fahr dich doch auch gerne, Markus. Du hast zwar gesagt, daß du nicht mehr von mir gefahren werden willst. Aber ich, ich bring dich gern hin. Auf alle Fälle fahr ich dich dann. Daß du das weißt. Werd dich mit dem Auto ins Fußballtraining fahren, daß du pünktlich dort ankommst ... Später hol ich dich wieder ab, fahr dich heim."

"Scheißdreck-Fußballtraining!"

"Bis vor ein paar Wochen wolltest du noch Fußballprofi werden, Markus ..."

"Mich interessiert das doofe Training gerade 'nen Dreck", tönte Markus, blieb Markus seiner Mutter gegenüber voll bei der Stange, was die unangenehme Welt anging. "Um das geht's gerade aber auch nicht, Mutti. Training hin oder her, ganz egal. Du gibst mir von nun an mehr Taschengeld. Du zeigst das Schreiben von der Schule auch nicht Vati. Drohst mir nicht noch mal damit. Was du machst ... Du unterschreibst es mir, hörst du? Wenn du das nicht machst, geh ich die ganze nächste Woche nicht in die Schule ... Wirst sehen, Mutti, ich geh nicht in die Schule. Von Montag bis Freitag geh ich nicht in die Schule. Paß auf, du bringst mich vielleicht in die Schule. Das heißt aber lange nicht, daß ich deswegen nicht hinten rausgeh. Geh von dort woandershin - haha!"

Den Kopf schüttelte Robert Steltz, der bei allem zwischen Mutter und Sohn mithörte, perplex.

Was da zwischen Mutter Elke und Sohnemann Markus los war, nicht den blassesten Schimmer hatte Robert Steltz. War er daheim im Haus, hörte sich alles irgendwie immer anders an als die Tonlage hier.

Die Küchentür stieß Robert Steltz mit dem Fuß ganz auf, starrte zornig auf Markus. "Was geht denn hier ab? Würd schon gerne wissen, was ich da hier gerade so zu hören kriege ..."

"O, hallo, Schatz, du bist schon heimgekommen?" entkam es Elke, Elke, die die Augen vor Überraschung aufriß.

Fast echter Schreck war Elke anzumerken, ihren Ehegatten Robert unvermittelt daheim im Haus zu sehen.

"Du bist jetzt heimgekommen, Robert, mein Schatz ...? Bist eben erst heimgekommen ...?"

"Bin hintenrum gefahren, dann vor das Haus." Kopfnicken Robert Steltz'. "Bin erst seit ein paar Minuten wieder daheim. Soll schon vorkommen, daß ich mal nach Hause komme. Auch unter der Woche. Hättest du heute nachmittag vielleicht mal bei mir angerufen, hätt ich's dir gesagt, daß ich heimkomm ... So hatt ich was andres im Kopf, als dich anzurufen. Aber, jetzt bin ich wieder im Haus. Überraschung! Hätt ich wegbleiben sollen? Scheint sich gerade keiner richtig zu freuen, daß ich heimgekommen bin ..."

"Nein, nein! So hab ich das nicht gemeint, Robert."

Markus hockte am Küchentisch, blies die Wangen auf, während er mit großen Augen starr auf seinen Vater glotzte.

"Entschuldige, Robert, ich hab heute den ganzen Vormittag Hausputz gemacht. Dann war ich bei Herrn Stadler nebenan drüben. Dann war ich beim Einkaufen. Du hättest ruhig anrufen können, daß du heimkommst."

"Hab ich aber nicht. Hab ich verschwitzt. Hat sich auch überraschend ergeben, daß ich hier in der Umgegend war. Nicht weit fahren hab müssen, heimzukommen. Jetzt hab ich mal erst mal ein bißchen frei ... Mal sehen, wie lange."

"Also, schön, Robert, Schatz. Jetzt bist du daheim. Hast du Hunger? Hab da ein paar belegte Brote ... Gekocht hab ich heute mittag nichts, daß was übrig wär. War mittags ja gegenüber, bei Herrn Stadler. Herr Stadler hat was zu Mittag gekocht. Könnte beim Pizzaservice anrufen, Schatz, wenn dir die belegten Brötchen nicht reichen, du was anderes möchtest. Pizza, Pasta, was du willst. Hätt ich gewußt, daß du heimkommst, wär ich nicht zum Einkaufen. Hätt was für dich vorbereitet ... Was willst du nun, Pizza, Pasta?"

"Ich denke, du fährst ins Fußballtraining, Markus, jetzt sofort!", meinte Robert Steltz, der Markus fest ins Auge gefaßt hatte.

Markus, dessen Gesicht eine undurchdringliche Maske war, regte sich nicht.

"He, seit wann spielst du dich hier bei deiner Mutter auf, Markus? Machst du, daß du sofort hier rauskommst, dich fürs Training umziehst? Kann alles kein Problem sein, bei den vielen Sportsachen, die du hast, die überall rumliegen, dich schnell fürs Training umzuziehen. Fußballschuhe, Paare im Dutzend, hast du. Anderswo würden sich welche so 'ne Auswahl wünschen, wie du hast. Die wären jetzt schon am Fußballplatz, würden sich warmmachen. Raus hier aus der Küche, Markus, mach dich für dein Training fertig - sofort! Oder - hast du irgendwas von dem nicht verstanden, was ich gerade gesagt hab? Soll ich dir helfen, deine Sportsachen zu suchen ...?"

"In Ordnung, Vati." Die Schulter zuckte Markus, erhob sich von seinem Platz am Küchenstuhl. "Mußt mir nicht helfen, Vati. Bin schon weg. Zieh mich jetzt schnell für das Training um, Mutti. Bin in einer Minute wieder unten. Du fährst mich, ja?"

Einen komischen Blick aufgesetzt, guckte Markus lang anhaltend Richtung seiner Mutti, die sich nicht regte Schließlich nickte Markus mit dem Kopf verständnisvoll Mutti Elke zu, rannte an seinem Vater vorüber hinaus aus der Küchenwelt.

"Ich fahr dich, Markus, mußt nicht mit dem Rad fahren", rief Elke Markus hinterher. "Ich fahr dich im Auto hin. Wenn du wieder runtergekommen bist, fahr ich dich so-fort!"

"Ist was mit dem in der Schule, Elke?" erkundigte Robert Steltz sich bei seiner Frau.

"Ich glaub, alles ist in Ordnung, bei Markus, was die Schule angeht." Die Schulter zuckte Elke.

"Markus hat von so 'nem Schreiben geredet, Elke, das er von dir unterschrieben haben will. Oder hab ich da draußen vor der Tür was nicht richtig mitgekriegt?"

"Ach, das ist nichts, Schatz." Mit der Hand winkte Elke ab. "Ist nur eine Einladung für die Elternsprechstunde am Vormittag nächsten Mittwoch, Robert." Nochmals ein Abwinken Elkes. "Weißt doch, Markus hat Probleme in Mathe und Deutsch. Darum geht's im Grunde nur. Trotzdem wollen sie, daß ich sicher mal vorbeischau. Das Schreiben, das muß ich Markus tatsächlich noch unterschreiben. Hab ich bis jetzt nur noch nicht gemacht, weil Markus mir blöde daherredet. Werd ich aber sicher dann demnächst machen, die Einladung für die Elternsprechstunde unterschreiben ... Markus muß das Schreiben auch erst am Montag unterschrieben vorbeigebracht haben. Bis dahin ... Markus scheint in die Flegeljahre zu kommen, Robert. Ein richtiger Miesepeter ist er momentan manchmal. Gibt mir so Widerworte, streitet mit mir rum. Deswegen hab ich ihm das noch nicht unterschreiben mögen, bis jetzt. Obwohl er drängelt, ich soll's schnell unterschreiben."

"Achso!"

"Ja, Robert, ich fahr Markus jetzt dann sofort mit dem Auto ins Fußballtraining. Sicher die richtige Entscheidung. Ist sicher, daß Markus auch wirklich im Training ankommt, wenn ich ihn ins Training fahre. Mit dem Rad kommt Markus viel zu spät ins Training. Wenn er dann noch wo rumtrödelt, dann ..."

"Stimmt, Elke! Markus könnte Sachen machen. Wenn er miese Laune hat. Warum sollte Markus also eigentlich mit dem Rad fahren, wenn die Mutti ein eigenes Auto hat? Teure Karre ist das. Schon schön teuer, was du da fährst, Elke. Also denn! Mach Markus das klar, wenn ihr dann zusammen im Auto unterwegs seid, daß ich von nun an öfters mal im Verein anrufen werde, ob Markus auch immer pünktlich im Fußballtraining ist. Ob Markus fleißig mittrainiert. Auch wenn ich unterwegs bin, werd ich das machen. Da will ich dann nichts Falsches hören. Sonst müssen Markus und ich so Sachen bereden ... Und, Markus soll bloß aufpassen, daß ich nicht mal mit in die Schule mitkomme, wenn ich frei hab. Könnte sein, daß ich, wenn ich hör, daß Markus was angestellt hat ..." Die Rechte ballte Robert Steltz drohend. "Wo sind denn die belegten Brötchen, Elke-Schatzi? Du hast was von belegten Brötchen gesagt ..."

Zur Seite trat Elke, und Robert Steltz sah auf der Abstelle neben dem Elektroherd mit seinen vier schwarzen Kochplatten zwei Teller mit Wurstbroten unter einer Plastikfolie, von drei Fliegen wie Satelliten umschwirrt.

Plötzlich machte Elke aus dem Stand los, eilte mit aschfahler Miene an Ehemann Robert vorüber, war in einer Sekunde draußen aus der Küche.

Robert Steltz war, als ob das Tränen waren, die Elke unvermittelt die Wangen herunterkullerten.

Wie es den Anschein erweckte, wollte Elke sich nicht lange beim Flennen zusehen lassen. Deshalb ihr Weglaufen. Nebenher ersparte das Elke jede interessierte Nachfrage ihres Mannes Robert, was ihre Flennerei anbetraf.

Elke und Markus, beide waren fort. Alleinegelassen entdeckte Robert Steltz sich in der Küche. Etwas verwirrt.

Was war hier denn los? Was spielte sich bei ihm im Haus ab? Den Kopf schüttelte Robert Steltz.

Anscheinend existierten bei ihm daheim einige familiäre Probleme. Um die sich der Ehemann und Vater kümmern sollte. Vielleicht sofort, wenn Markus vom Fußballspielen am Trainingsplatz zurück war. Fehlte Elke dann als Folge davon bei ihren Schwestern vom Frauenverein, machte das auch nicht viel. Dieselbe Veranstaltung war die Woche drauf zur ganz derselben Uhrzeit wieder, für alles, was die Weiber miteinander zu besprechen hatten.

Ehe das mit den Familienstreitigkeiten für Robert Steltz anstand, war jedoch erst mal noch ein weniges an heimgebrachter Arbeit fällig. Mit dem großen Teller Brötchen unter der Klarsichtfolie verzog Robert Steltz sich in seinen Garagenanbau, ohne unterwegs irgendwas von Elke oder Markus zu Gesicht zu bekommen.

Vollkommen unsichtbar geworden, Elke und Markus; zu hören war auch nichts, von keinem der beiden.

 

Benny war ein kräftiger Kerl, gutgenährt und schwer. Und Lena hatte auch ein gutes Gewicht, passend zu ihrer Körpergröße.

Der erste war Benny, den Robert Steltz sich auf den Fondsitzen zurechtsetzte, von hinten unter den Armen vorm Brustkorb nahm, so aus dem Wageninnern heraushievte.

Den Griff beibehaltend, verfrachtete Robert Steltz Benny aus seiner Doppelgaragenhälfte in den Anbau der Garage, den ausschließlich er für sich beanspruchte. Der verbotene Bereich für den Rest der Familie.

Nach Benny war Lena dann für Robert Steltz das geringste Problem.

Als Benny und Lena drüben waren, sperrte Robert Steltz die eng schließende metallene Garagenhintertür hinter sich ab.

Die an einem Haken rechts an der Wand hängende Gummischürze streifte Robert Steltz sich über.

Ohne noch irgendwelche Zeit zu verlieren, machte Robert Steltz sich mit der großen Schneiderschere daran, Benny und Lena die Kleider vom Leib zu schneiden.

Die Kleiderfetzen sammelte Robert Steltz anschließend in einer Holzkiste auf Rollen, die zu seiner Rechten herumstand. Entsorgen würden die Stoffteile seine Auftraggeber, die die Kiste ebenfalls geliefert kriegten. Drinnen würde auch der Reiserucksack Bennys seinen Platz finden, die Sporttragetasche Lenas.

Daß Lena keine war, die sich zwischen den Beinen rasierte, war eine Überraschung für Robert Steltz. Ein volles rotblondes Prachtdreieck, das Lena präsentiert hatte, dem er mit dem elektrischen Feucht- und Trockenrasierer auf den Pelz rücken mußte.

Wirklich schade um die blonden, langen Haare Lenas war es auch. Richtig zögerlich, daß Robert Steltz Lena das blonde Haupthaar abschnitt, es in eine verschließbare Plastiktüte schob. Haare, schließlich auch inbegriffen. Haare, gut möglich für Haarverlängerungen. Oder auch fürs Bäckerhandwerk. Arbeiteten so Leute weiterhin wie früher und mit natürlichen Zutaten, waren menschliche Haare auch was, nach dem sie verlangten. Eine weite Reise hatte die Behaarung nicht zu machen. Etwa aus Asien.

Die Mundwinkel schob Robert Steltz bei der Betrachtung Bennys und Lenas herab.

Robert Steltz ging bei Benny und Lena in die Hocke, massierte ihnen die Blase, daß Benny und Lena mal wieder Wasser ließen.

Mit dem Wasserschlauch spritzte Robert Steltz Benny und Lena anschließend ab.

Daraufhin beschäftigte Robert Steltz sich damit, den Intimbereich Bennys und Lenas einzuseifen. Rasierseife aus der Apotheke, das Mittel der Wahl.

Die Halterung für den elektrischen Naß- und Trockenrasierer, an der Wand angebracht. Den Kippschalter für den Strom legte Robert Steltz mit dem Fuß um, zerrte den Rasierer aus der Klemme.

Eine Glattrasur auf der Naßstufe war fällig. Bei Benny und Lena.

Nach der Rasur: neuerliches Abduschen Bennys, Lenas, lauwarm.

Mit Trockentüchern machte Robert Steltz sich daran, Benny und Lena trockenzutupfen.

Mit herabgeschobenen Mundwinkeln betrachtete Robert Steltz Benny und Lena.

Paßten wirklich beide. Da hatte Robert Steltz schon einige häßlichere Körper gesehen.

War alles schließlich kein Hundefutter, das hier, als das es gedacht war. Hunde kriegten das nicht ab. Allerhöchstens kleinste Reste davon.

 

Robert Steltz aß das zweite Brötchen, als er eine dumpfe Tonart aus der anderen Garagenhälfte mitkriegte.

Elke, die mit ihrem Auto in ihre Garage eingefahren war.

Es war auf der Uhr zehn vor neunzehn Uhr am frühen Abend.

Ziemlich lange, daß Elke gebraucht hatte, Markus am Parkplatz beim Klubhaus des Fußballvereins aussteigen zu lassen und nach Hause zurückzukehren. Als wäre Elke noch für ein längeres Weilchen irgendwo anders gewesen. Mal bei jemand abgebogen, bei der Heimfahrt. Wohl kaum für einen Einkauf. Hatte Elke schließlich erzählt, daß sie nachmittags schon beim Einkaufen gewesen war.

Hätte Elke gut dort bleiben können, wo sie war. Überhaupt nicht lange, mußte Elke aufs neue von daheim aufbrechen. Um Markus wieder vom Training abzuholen.

Komische Sache.

Räumte Elke allerdings doch schnell Tüten eines Einkaufs in der Küche aus, erklärte sich das Heimkommen Elkes.

Irgendwie spürte Robert Steltz nicht den Antrieb in sich, loszumachen, nach Elke zu sehen. Irgendwann würde der richtige Moment kommen, für ein paar Minuten nach nebenan zu spazieren, die Kleinigkeiten aufs Tapet zu bringen, die am Tanzboden hüpften. Bei Markus und bei Elke.

Vor allem Markus mußte wirklich scharf auf sich aufpassen. Der hatte es nötig.

Am Schluß hatte Markus die nächste Zeit kein funktionierendes Internet mehr im Zimmer. Die restlichen Gerätschaften für die Kommunikation und den Spielespaß, die Markus in der jüngsten Zeit bekommen hatte, die würden Markus mal für ein paar Wochen abgenommen. Sonstige Vorzüge, an denen Markus sich erfreute, bis auf weiteres ebenfalls gestrichen.

Daß Markus seine Mutti mit irgendwas zu erpressen suchte, das war wirklich ein starkes Stück. Hier schienen tatsächlich härtere Maßnahmen aus dem Strafenkatalog angesagt.

Mit dem, wie Vater Robert gegen Sohn Markus vorging, mußte Mutter Elke allerdings einverstanden sein.

Am Schluß war Elke die, die dafür zu sorgen hatte, daß die Dinge bei Markus auch dann die Härte blieben, wenn Markus' Vati nicht zu Hause war. Schon jetzt schien eins sicher: daß Elke der Meinung sein könnte, mit Markus sollte nicht zu streng umgegangen werden.

War wirklich im Moment die Frage: Mit was konnte Sohnemann Markus Elke, seine Mutti, eigentlich unter Druck setzen? Was lag an, daß er Mutti Elke böse angehen konnte, mehr Taschengeld und alles von ihr zu kriegen? Was verbarg sich hinter dem Vorhang, wenn Robert Steltz, der Ehemann, Vater, den wegzog?

Die Unterhaltung, die Vater Robert eher zufällig zwischen Elke und Markus erlauscht hatte, alles hatte so einen wahrhaftigen Klang. Als könnte nicht darauf verzichtet werden, hier was in Erfahrung zu bringen. Geradezu ein Zwang.

 

Den pistolenartigen Bunsenbrenner für die heimische Küche drehte Robert Steltz aus.

Die Flamme verlosch, mit der Robert Steltz Lena am ganzen Körper die feinen Arm-, Beinhärchen weggekokelt hatte.

Haareschneiden, Rasieren und Kokeln. Das war Arbeit, die Robert Steltz immer Spaß machte. Von Anfang bis Ende. Darüber hatte er jetzt die Zeit und die Welt um sich herum vergessen.

Auf die an der Garagenwand angebrachte weiße Runduhr blickte Robert Steltz. Zehn vor zwanzig Uhr. Das hieß, daß Elke Markus wieder heimgebracht haben mußte von seinem Fußballtraining.

Eineinhalb Stunden mit Pause dazwischen, daß das Training bei Markus dauerte. Zweimal fünfunddreißig bis vierzigminütige Einheiten. Mit einer Ruhe-, Erholungsphase von zehn bis zwanzig Minuten, je nachdem, wie hoch die Belastung war.

Fuhr Elke zu ihrem Abend im Frauenklub, war jetzt die Zeit, daß Elke abfahren mußte. Kurz vor zwanzig Uhr am Abend, daß Elke allerdings auch schon davongefahren sein konnte.

Mitgekriegt hatte Robert Steltz nichts von alldem, was sich eventuell in seiner Umgebung abgespielt hatte. So vertieft war er in seine Beschäftigung mit Benny und Lenny.

Zufrieden überblickte Robert Steltz Benny und Lena, die kopfüber, die Fußknöchel in den gepolsterten Metallklemmen, von der Seilwindenvorrichtung aus Edelstahl herunterhingen.

Über den Daumen gepeilt, schätzte Robert Steltz, daß Benny fünfundachtzig Kilo wog; Lena konnte ein Gewicht von sechzig Kilos haben.

Das mit der Blasenentleerung wiederholte Robert Steltz bei Benny und Lena. Funktionierte auch in Kopfstandhaltung.

Katrinkas Anblick entstand unvermittelt vor Robert Steltz' geistigem Auge.

Wie er richtig zu massieren hatte, das hatte ihm Katrinka, die Krankenschwester war, vor Jahren mal gezeigt. Katrinka, seine Freundin, damals, als er zweiundzwanzig war. Eine Ewigkeit her heute.

Warum er, 'Bobby', wie Katrinka ihn nannte, das unbedingt von seiner Freundin Katrinka wissen hatte müssen, wie Patienten zur Blasenentleerung zu betatschen waren, zur damaligen Zeit für Robert Steltz nicht recht einsehbar. Eher ein Spaß. Wie die Geschichte später bei Robert Steltz kommen sollte, das war zu dem Zeitpunkt, als das mit der Liebesgeschichte mit Katrinka war, überhaupt nicht absehbar.

Katrinka hatte das am lebenden Objekt gerne vorgeführt. Wiederholt. An ihm, ihrem 'Bobby'. 'Bobby', der durfte auch bei ihr, Katrinka.

Ein Wasserbett hatte Katrinka ... Linoleumboden, bei dem Katrinka nicht lange brauchte, mit dem Putzgestell mit dem Lappen unten dran drüberzuwischen. Und die feuchten, nassen Laken vom Bett, die hatte Karina beim Aufräumen immer einfach in eine Babywaschblechwanne geschmissen. Genauso die Handtücher zum Abtrocknen. Ratzfatz war Katrinka jedesmal mit allem fertig. Mußte alles am Schluß nur noch für die Waschgänge in die Waschmaschine stecken.

In lautes Gelächter brach Robert Steltz aus, patschte sich beim Lachen klatschend auf die Plastikschürze.

Zum Wasserschlauch begab sich Robert Steltz, drehte das Wasser auf. Aufs neue wurden Benny und Lena mit lauwarmem Wasser abgeduscht.

Wasser, das sich in der Rinne ansammelte, kluckernd ablief.

 

Die Mundwinkel schob Robert Steltz bei der Betrachtung Bennys und Lenas herab.

Jetzt war es wirklich für alles zu spät, bei Lena. Und bei Benny.

Das Schicksal hatte anders entschieden.

Der Zufall hatte gewollt, daß Lena und Benny zu denen gehörten, die Robert Steltz treffen hatten müssen. Lena und Benny, zwei Leutchen, jeder für sich zum richtigen Zeitpunkt am falschen Ort.

Echtes Pech. In dem Sinne.

Wären Lena und Benny nicht so ignorant gewesen, hätten sie es nicht gewagt, ihn, Robert Steltz, nicht mit in ihre Unterhaltung mit einzubeziehen, hätten die zwei trotzdem noch ein kleines Weilchen länger bewußte Momente gehabt.

So aber ... Selber schuld, Lena. Die sich nur noch mit Benny unterhalten wollte. Während Benny auch nichts mehr weiter einfiel, als ausschließlich nur mit Lena sprechen zu wollen. Lena, die hübsche Blonde mit einer Figur, nicht von schlechten Eltern. Toll, daß Lena und Benny sich miteinander verstanden; Robert Steltz, der hinterm Lenkrad, hätte genausogut nicht da sein können.

Die Melodie von "California Dreaming" pfiff Robert Steltz, holte ein Doppel Plastikwannen aus dem südlichen Raumeck.

Die Wannen fürs Babybaden stellte Robert Steltz unter Bennys und Lenas herabhängende Köpfe drunter.

Das frisch sterilisierte und auf einem Trockentuch bereitgelegte Skalpell griff Robert Steltz sich von der orangen Thekenfläche, begab sich zu Benny und Lena zurück. 

Als erstes bückte Robert Steltz sich bei Benny herunter, faßte Benny nach dem Kinn. Fest packte Robert Steltz bei Benny an, schnitt Benny gekonnt, daß es nicht abrupt Blutspritzer gab, die Kehle durch.

Eine Sekunde drauf war das gleiche bei Lena passiert.

Das Blut Bennys und Lenas fing an, in die Kinderbadewannen hineinzulaufen.

Seine Auftraggeber wollten das Blut unbehandelt. Aber schon mit Gelatine.

Nirgends sah Robert Steltz eine Schachtel Gelatine herumstehen.

Andererseits: Sich eine Gelatine-Packung aus Elkes Kücheneinrichtung zu besorgen, überhaupt kein Problem.

Die Plastikhandschuhe streifte Robert Steltz sich von den Fingern, hob sich den Gummischurz über den Kopf. Ein kleines Weilchen hatte Robert Steltz jetzt frei, konnte sich mit dem Zurückkommen in seinen Garagenanbau Zeit lassen.

"In zwanzig, dreißig Minuten bin ich wieder bei euch zurück, ihr Süßen. Dann geht's weiter."

 

"Ich würd mich nicht drauf verlassen, daß ich's nicht Vati sag, Mutti", hörte Robert Steltz Markus, seinen Sohn, laut sprechen.

"Ob ich mich von dir aber erpressen lasse, du mieses, kleines Drecksaas?" raunte Elke Markus hin, Elke, die nicht zu ihrem Frauenabend aufgebrochen war; viel lieber ärgerte sich Elke mit Markus herum. "Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, sag ich dir, Markus. Übertreib die Geschichte bloß nicht. Vielleicht hast du am Ende viel weniger davon, als du jetzt noch denkst."

"Du bist immer noch daheim, Mutti. Weil du Angst hast. Weil du Angst hast, ich könnt Vati was sagen."

"Halt dein Maul, Markus. Halt einfach dein blödes Maul. Dann ist gut."

"Nein! Warum denn, Mutti? Du bist doch die ... Du hast einfach nur Angst. Nur Angst, ich könnt mit Vati reden, Vati was sagen, Mutti. Deshalb bist du nicht zu deinem Frauenabend gefahren ..."

"Ich weiß nicht, Markus, forder es ja nicht heraus ..."

"Was denn? Was denn, Mutti? Was willst du machen? Was denn? Sag mal: Ich hab nichts gemacht. Hab hier nichts gemacht. Du warst das, Mutti ... Du warst mit dem ollen Kack-Stadler zusammen auf der Couch. Du warst nackig. Ganz nackig. Der olle Kack-Stadler war nackig."

"Du solltest dein dreckiges Maul halten, Markus ... Halt dein Maul ..."

"Was ihr, du und der olle Kack-Stadler da gemacht habt - hast du gemeint, ich weiß das nicht? Habt ihr, du und der olle Kack-Stadler, gedacht, ich seh euch, und ich hätt da keine Ahnung, was das ist? Ihr müßt nicht aufpassen, nicht achtgeben? Habt ihr euch das gedacht? Daß ich egal bin? Wirst schon sehen, wenn ich das Vati sag, wie egal ich bin ... Wenn ich das Vati sag, daß du und der olle Kack-Stadler ... Daß du mit dem ollen Kack-Stadler ... Du und der olle Kack-Stadler, ihr beiden ... Auf und ab, Mutti. Auf und ab. Gestöhnt hast du, Mutti. Gestöhnt, gekeucht. Und der olle Kack-Stadler erst ..."

Elke schwieg.

 

Robert Steltz, der alles, was Sohn Markus bei Mutti Elke anbrachte, belauschte, spürte das Blut, das ihm heiß in den Kopf geschossen war.

Vor mühsam unterdrückter Wut ballte Robert Steltz die Faust.

"Okay, Mutti. Alles okay, Mutti. Du und der olle Stadler, okay. Ich kann nur sagen: Ich hab dich hier im Wohnzimmer mit dem ollen Stadler zusammen erwischt, Mutti. Du bist beim ollen Stadler oben drauf gesessen. Der olle Stadler und du, ihr habt ... Wenn das Vati erfährt, Mutti, daß du mit dem ollen Stadler hier im Wohnzimmer, auf der Couch ... Du und der olle Stadler, auf und ab. Auf und ab. Du hast gekeucht, der olle Stadler hat gekeucht ... Erfährt Vati das, denk ich, kriegt Vati sicher den vollen Zorn, Mutti. Dann kriegt Vati voll den Zorn. Ich denk aber nicht, daß das sein muß, daß Vati was erfährt. Ich denk nicht, daß du möchtest, daß Vati 'nen Wutanfall kriegt. Ich denk echt nicht, daß du das möchtest, daß ich irgendwas Vati sag. Irgendwas, daß der olle Stadler und du ... Du bist beim ollen Stadler oben gesessen, Mutti. Auf und ab. Da bin ich dazugekommen. Ich hab euch gesehen, mit meinen eigenen Augen ..."

"Sag's Vati doch," brach es aus Elke dem zehnjährigen Markus gegenüber heraus. "Sag's Vati doch, jetzt sofort, wenn du denkst, daß das richtige ist. Sag's ihm doch. Wirst schon sehen, sagst du's ihm, was du davon hast. Denk aber nicht, daß du deinem Vater auch nur ein Sterbenswörtchen sagst. Weißt du, warum du nichts sagst, Markus?"

Markus schwieg.

"Ich sag's dir mal ganz genau, lieber Markus, warum du dein Maul hältst: Weil du was von mir willst. Deshalb sagst du deinem Vati lieber nichts. Es ist ganz einfach. Es ist ganz einfach so, daß du was von mir willst. Was du von mir willst, kriegst du sicher nicht, wenn du Vati was sagst. Nur wenn du nichts sagst, kannst du damit rechnen, daß ich mir die Dinge die nächste Zeit vielleicht anders überlege. Nur dann. Nur dann. Deswegen hältst du dein Maul."

Kein Ton Markus'.

"Na, was ist nun, Markus? Rennst du nicht endlich raus hier, zu Vati vor die Tür? Los doch! Klopf an bei Vati, schau, ob er dir aufmacht."

Weiter, daß Markus nichts zu sagen einfiel.

"Wenn du nicht bei deinem Vater an die Tür klopfen willst, Markus, weißt du, sag ich mal, dann scherst du dich rauf auf dein Zimmer. Du scherst dich hier raus und auf dein Zimmer. Am besten jetzt sofort. Ich kann dich und deine Visage nicht mehr sehen, Markus. Deine Visage fällt mir so was von auf den Wecker. Deine Fratze, besser gesagt. Deine Fratze, ich mag sie nicht mehr sehen. Du hast wirklich viel von deinem Vater, Markus. Viel zuviel. Was also nun, Markus?"

"Nein, Mutti!"

"Verzieh dich rauf auf dein Zimmer, Markus. Ist besser für uns beide ..."

"Ich sag's dir jetzt noch mal, Mutti, in aller Ruhe: Wenn du nicht willst, daß ich Vati was sage, wirst du alles tun, was ich sage. Alles tust du. Nichts anderes tust du."

"Fällt mir doch nicht ein!"

"Doch!"

Ein Geräusch, anscheinend Markus, der mit der Faust auf Holz - bestimmt den Wohnzimmertisch - haute. Elke, die befand sich an einem anderen Platz, wenigstens dem Klang ihrer Stimme nach.

"Würd ich so nicht sagen, Markus. Wie ich dir jetzt schon öfters gesagt hab: Ob ich mich von dir erpressen lasse? Lasse ich mich von dir lange erpressen, du kleiner Scheißkerl? Los, lauf endlich los, mach zu zu deinem Vati. Lauf zu dem, stell dich vor seine Tür, Markus. Sag's ihm doch, deinem Vati. Dann haben's wir bald alles hinter uns."

"Du warst bei dem ollen Stadler oben gesessen, Mutti, ich hab's gesehen. Du hast den ollen Stadler schon öfters geküßt, als ich dabei war ... Aber jetzt, jetzt bin ich am Montag dazugekommen, wie du bei dem ollen Stadler oben drauf gesessen. Er war nackig - du warst ganz nackig, Mutti ... Wenn Vati das hört ... Also, Mutti, wenn ich das Vati erzähl, mir macht das nichts. Aber dir, dir wird Vati böse sein. Sehr, sehr böse."

"Du wiederholst dich immer nur, Markus. Immer nur deine Wiederholungen. Los, lauf los, sag's deinem Vati. Sag's dem doch. Mach doch zu, füssel zu deinem Vati. Damit das hier endlich aufhört. Los, mach schon. Lauf zu deinem blöden Vati, klopf bei dem an die Tür. Keiner hält dich auf, Markus. Weißt ja, die Tür, hinter der dein Vati gerade steckt. Keine Ahnung, was der dort dahinter immer so lange treibt, wenn er nach Hause gekommen ist. Würd mich mal interessieren. Klopf doch an bei dem. Wenn du das aber jetzt nicht machen willst, nicht zu deinem Vati rennst, dem was zu sagen, würd ich dich bitten, hörst du auf das, was ich dir sage. Ich sag, du verziehst dich besser auf dein Zimmer, Markus, mein kleines Äffchengesicht."

"Ich seh das nicht so, Mutti", zischte Markus. "Nein, ich seh das nicht. Was ich seh: Du bist selber noch da. Du stehst hier bei mir im Wohnzimmer rum. Das heißt, du hast ein Problem. Eins, das nicht meins ist. Deshalb denk ich, tust du schon noch, was ich sage. Für mich ist alles ganz einfach: Du nimmst deine Karte, zahlst mir von nun an alles, was ich haben will. Alles bezahlst du. Mit deiner Karte. Wo ich draufzeige, das zahlst du. Du wirst mir alles kaufen, was ich haben will. Alles, was ich in den Einkaufswagen tu, du bezahlst es. Wo ich reingehen will, gehst du mit mir rein, kapiert? Du unterschreibst mir auch den Verweis von der Schule, den ich gekriegt hab. Du zeigst das Schreiben nicht Vati. Das läßt du schön bleiben ... Und wenn ich die nächste Zeit nicht in die Schule gehen mag, schreibst du mir was. Daß ich krank bin oder so. Oder Vati, Vati, der erfährt das von dir und dem ollen Stadler. Irgendwann sag ich das Vati dann, daß du das weißt. Lange dauert das sicher nicht, dann ..."

"Siehst du, Markus, du wiederholst dich nur. Immerzu wiederholst du dich. Sonst machst du nichts, als dich zu wiederholen. In einer Tour. Sonst macht das kleine Schimpanski-Gesicht nichts. Ich mein, du stehst einfach nicht hier auf, läufst raus, vor die Tür von deinem Vati. Um bei deinem Vati anzuklopfen, ihm alles zu sagen. Ich denk, es ist klar, warum. Du weißt, was los ist, wenn du deinem Vati was sagst. Klar ist dir das. Klar ist dir, daß du das nur einmal zu deinem Vati sagst. Ein einziges Mal. Dir ist klar, daß, wenn Vati das von dir erfährt, sich alles ändert. Schlagartig ändert sich alles hier. Alles. Ruckzuck. Was dann los sein wird, für mich sicher keine angenehme Geschichte. Aber auch nicht für dich, Markus. Wer weiß, für dich könnte sich anschließend auch viel zuviel ändern. Alles könnte auf einmal anders sein hier. Ganz anders, als es jetzt noch ist. Auch deshalb bist du noch nicht zu deinem Vati gerannt, Markus. Weil du nichts davon hast. Gar nichts. Du kannst nichts anderes machen als warten, was ich tun werde. Tun will. So einfach ist die Geschichte, mein kleines Schimpanski-Gesicht."

"Könnt's jeden Augenblick machen, Mutti, bei Vati anklopfen. Könnt bei Vati anklopfen ... Glaub nicht, daß Vati mir böse sein wird, bloß weil ich ihm das erzähl. Dir wird Vati böse sein. Dir und den ollen Stadler geht's an den Kragen. Nicht mir. Denk ich wirklich nicht, daß was mit mir sein wird. Ich hab ihm ja alles gesagt."

"Hör mal, Markus, wir beide reden hier viel zu laut. Dabei ist Vati jetzt daheim. Vati ist ist hier im Haus. Vati ist  doch nach Hause zurückgekommen. Sollten wir daran denken, daß Vati sich nur eingesperrt hat, um noch - was weiß ich - ein bißchen Arbeit zu erledigen. Aber deswegen ist Vati dort drinnen, wo er ist, nicht weggesperrt. Er muß dort nicht bleiben. Jederzeit kann Vati aus seinem Garagenanbau rauskommen. Und wir unterhalten uns hier, laut und deutlich. Schnauzen uns an. Wir sprechen die ganze Zeit über Sachen, als könnte Vati nicht plötzlich dazukommen ... Ganz schön blöd ist das, würd ich sagen, Markus. Ganz schön blöd sind wir beide."

"Du bist beim ollen Stadler oben gesessen, Mutti", krähte Markus. "Wenn Vati das hört, dann gibt's Saures. Du kriegst dann Saures, Mutti. Du hast dann echt was zu befürchten. Nicht ich. Ich hab nichts gemacht, daß Vati mir böse sein müßte."

"Du begreifst es nicht, Markus, oder? Ist aber Tatsache: Wir sollten jetzt sofort aufhören, uns hier laut Dinge zu erzählen, die für keinen einen Sinn machen." Einen vernünftigen, eindringlichen Ton, den Elke Markus gegenüber anschlug. "Du hast ganz recht, Markus, Vati, der kann 'ne Wut kriegen. Ziemlich böse wird Vati werden, wenn er erfährt, was du weißt. Davon könntest du aber auch was von abkriegen, Markus. Vati, der ist jemand anders als ich. Wenn du das jetzt wirklich machst, daß du zu Vati gehst, alles Vati sagst - vielleicht geht dann am Schluß nicht nur für mich die Welt unter. Überleg's dir gut, Markus. Überleg's dir wirklich gut, was du machen willst. Die Folgen, Markus. Welchen Nutzen du davon hast, wenn Vati es erfährt. Darüber würd ich besser noch ein, zwei Tage nachdenken, Markus. Oder, sagen wir, bis nächsten Montag. Einverstanden, Markus?"

Keine Erwiderung Markus'.

"Darüber nachzudenken, das machst du aber besser, denk ich mal, alleine auf deinem Zimmer. Indem du auf dein Zimmer verschwindest, nicht hier unten im Wohnzimmer weiter fern siehst. Weißt du, ich kann nämlich deine Visage wirklich im Moment nicht mehr sehen, mein kleiner Liebling. Echt wahr, langsam hab ich deine kleine, dreckige Affenvisage jetzt dicke. Besser, du verziehst dich rauf auf dein Zimmer. Denkst nach. Bist du oben auf deinem Zimmer, kann sicher auch ich klarer denken. Dann kann ich mir alles, was du so die ganze Zeit geredet hast, die letzte Zeit, noch mal ganz genau in allen Einzelheiten durch den Kopf gehen lassen."

"Du solltest besser aufpassen, Mutti. Denk echt nicht, daß mir viel passiert, wenn Vati es weiß. Dir passiert was. Du hast was mit dem ollen Stadler zusammen gemacht. Du warst nackig - der olle Stadler war nackig. Du bist bei ihm oben gesessen. Alles ist ganz, ganz einfach, Mutti: Ich kann das Vati sagen - oder nicht. Ich sag das Vati nicht, wenn du mir alles kaufst, was ich will. Ab jetzt kaufst du mir einfach alles, was ich haben möchte. Einfach alles. Ob dir das nun paßt oder nicht. Ob dir das, was ich gekauft haben will, gefällt oder nicht. Was das ist, was ich haben will, dir kann's egal sein. Egal, was es ist, du wirst es mir trotzdem kaufen."

"Geh besser schnell auf dein Zimmer hoch, Markus. Du solltest tun, was ich sage. Könnt nämlich sein, daß ich sonst selber zu Vati geh. ICH geh zu Vati, sag ihm alles. Wenn schon alles egal ist, Markus, weißt du ...? Ich kann auch nach nebenan rübergehen, Markus, ins andere Haus, du nicht. Du nicht, Markus. Du bleibst hier drüben, bei deinem Vati."

"Nein, Mutti!" Bockig klang Markus. "Ich geh sicher nicht zu mir rauf. Mach ich sicher nicht. Werd erst raufgehen, wenn ich mir den Film da hier unten zu Ende angeschaut hab. Wenn der vorbei ist, geh ich zu mir rauf."

Schweigen Elkes.

"Schön, Mutti!" kehrte die Stimme Markus' schrill zurück. "Bis zum Montag nächster Woche geb ich dir noch Zeit. Aber, den Brief von der Schule, den unterschreibst du mir morgen früh schon. Kann ihn dann abgeben, wann ich will. In die Schule geh ich dann nur noch, wenn Vati nicht da ist, wenn ich Lust hab. Jedesmal, geh ich nicht in die Schule, schreibst du mir 'ne Entschuldigung. Am Dienstag kommt übrigens ein Spiel neu raus. Das möchte ich unbedingt sofort haben. Möcht's sofort auf der Konsole spielen. Nicht den Müll aus dem Netz. Dienstag in der Früh fahren wir nicht in die Schule, sondern fahren zum Einkaufen in die Stadt. Du kaufst mir das Spiel mit deiner Karte. Einfach auch sonst alles kaufst du mir mit deiner Karte. Alles, was ich haben will, kaufst du mir. Und du hältst dein Maul, sagst Vati nie wieder was von irgendwas, hörst du? Du erzählst Vati nie wieder was ..."

"Wir werden sehen, was hier weiter ist, mein lieber Markus ...", redete Elke, klang verdrossen.

Ziemlich laut lärmte das Fernsehgerät unvermittelt los. Gitarren jaulten mit viel Feedback. Bloß war das kein Musikvideo. Sondern ein Kinofilm im normalen Fernsehprogramm. Stimmen schrien, Schüsse krachten, Schmerzensschreie.

 

Über sich wunderte sich Robert Steltz, daß er nicht längst ins Wohnzimmer reingestürmt war. Mitten drinnen herumstand, voller Zorn auf Elke und Markus einschrie. Vor allem auf Elke.

Das war mal eine echte Überraschung, was Markus da von sich gegeben hatte. Die, daß Elke ... Elke mit dem ollen Stadler ...

Elke, die Biedere, Elke, die Brave. Unbedingt für treu hielt Robert Steltz sie, seine Elke.

Daß Elke fremdgehen könnte, untreu werden, da war der nächste Kometeneinschlag auf der Erde wahrscheinlicher.

Jetzt aber Fakt, Elke war ihm fremdgegangen. Mit eigenen Ohren durfte er was davon aus dem Mund Markus', seines zehnjährigen Sohnes, hören. Unmißverständlich.

Mit diesem Stadler, einem schwitzigen, abgehalfterten Fettsack, der nebenan sein Haus bewohnte, war Elke zugange gewesen war.

Deutlich sah Robert Steltz den ollen Stadler vor seinem geistigen Auge.

Mehr Bauch als irgendwas sonst hatte der olle Stadler vorne dran. Jetzt sollte passiert sein, daß Markus Elke mit dem auf der Couch erwischt. Elke, nackt, der olle Stadler, nackt, Elke, die auf dem ollen Stadler oben saß. Elke und der olle Stadler, die sich beschäftigten ...

Ein unglaubliches Ding. Unvorstellbar. Nicht zu glauben, die Neuigkeit. Nie im Leben wäre er je auf den Einfall gekommen, heimzukommen, so was mal im eigenen Haus auf die Ohren zu kriegen. Schon gar nicht aus dem Mund Markus', Markus, seines Sohnes.

Es war rein nicht zu fassen. Andere Welt. Falsche Realität.

Nicht für die kleinste Idee hätte er das je für möglich halten können.

Bei anderen Weibern konnte man sich so was gewiß mal denken. Aber mit Sicherheit nicht bei Elke. Nicht bei Elke. Daß Elke ... Elke, die Frau Robert Steltz' in den Armen eines anderen. Noch dazu eines solchen dickwanstigen Blödmannes wie es der olle Stadler war.

Elke mit dem ollen Stadler ... Wie konnte es nur dazu kommen?

Weil dem ollen Stadler die Frau gestorben war?

Deshalb, daß Elke die Tröstensreiche war?

Darüber wußte Robert Steltz durchaus Bescheid. Das war Robert Steltz klar wie Kloßbrühe: Elke, seine Gattin, die war viel nebenan, bei den Stadlers. Als Ingrid, die Frau des ollen Stadlers, noch lebte, war Elke bereits regelmäßig oft beim ollen Stadler drüben im Haus.

Viel, viel Trost hatte Elke dem ollen Stadler gespendet. Wegen der Ehefrau.

Als Ingrid, Stadlers Olle, ins Krankenhaus gemußt hatte, war Elke in dicke Tränen ausgebrochen.

Gestorben war dem ollen Stadler seine Ingrid ein paar Tage drauf auf der Intensivstation. Tränenüberflossen, Elke, kaum auszuhalten.

Beim ollen Stadler, eine Trösterin, Elke. Nach drüben ging Elke täglich, dem ollen Stadler in dieser schweren Zeit beizustehen. Als Putze und Köchin half Elke beim ollen Stadler ohnehin öfter aus. Nach dem Abgang von Ingrid beinahe ständig.

Dabei mußte es irgendwann dazu gekommen sein, daß auch der olle Stadler spendete. Was von sich als Spende gab. Daß Elke den ollen Stadler als Spender kennenlernte.

Solche Art Spenden, von denen Robert Steltz immer wieder unbestimmt was hörte, bei fremden Leuten. Ohne sich je selber betroffen zu fühlen. Daß so was auch bei ihm sein könnte, im Zusammenhang mit seiner Ehegemahlin.

Kaum begreiflich war das. Nicht, wenn man an Elke dachte.

Der Witwer Stadler, die Trösterin Elke hatte sich trotzdem von dem auf die Pelle rücken lassen. Vielleicht von hinterrücks. Um sich niederzubücken. Am Ende hatte Elke dem ollen Stadler das mit seinen klebrigen Samenspenden dann noch mal erlaubt. Und noch mal. Alles hatte Elke jedesmal zugelassen, sich beim ollen Stadler herumgespreizt und draufgehockt. Bis es überhaupt kein Halten mehr gab. Von Markus ließen die zwei sich erwischen.

Oder war schon viel früher was zwischen dem ollen Stadler und Elke? Ereigneten sich so Sachen schon, als Stadlers Ingrid noch lebte? Ingrid, malad im Ehebett darniederliegend. Der olle Stadler und Elke in einem der alten Kinderzimmer des Stadler-Hauses mit ihren Betten?

 

Daran erinnerte Robert Steltz sich, wie Elke nervte. Wie Elke viel zu ausufernd davon berichtete, wie aufopferungsvoll der olle Stadler sich um seine krebskranke Frau Ingrid kümmerte. Wie sehr er, der olle Stadler, um sie, seine Ehegattin Ingrid, kämpfte.

Ingrid im Krankenhaus, auf den Krankenhausflurgängen. Der olle Stadler bei ihr.

Mit dabei aber auch: Elke. Der olle Stadler, begleitet von Elke. Elke, die Fingernägel kauend, wegen Ingrids schlechtem Gesundheitszustand. Elke, die sich vielleicht bei der Anfahrt in das Krankenhaus in Stadlers Geländewagen am Hosenstall Stadlers festgehalten hatte.

Stadlers Gemahlin Ingrid, aus dem Krankenhausbett nach Haus entlassen, daheim im Wohngebäude launisch, aggressiv, gemein. Zu ihrem Gatten. Mit Geschirr, Keramiktassen, daß Ingrid nach ihrem Mann warf

Kaum auszuhalten wäre Ingrid, informierte Elke ihren Gatten Robert, mit dem sie im Wohnzimmer zusammenhockte. Wäre sie, Elke, die Ärztin Ingrids, sie hätte die Tablettendosis Ingrids längst mal wieder anders eingestellt. Damit die Laune Ingrids sich durch eine andere Einstellung aufhellte; wenigstens ein bißchen.

Ziemlich detailreich wußte Elke ihrem Mann Robert die familiären Verhältnisse beim ollen Stadler im Nachbarhaus zu schildern. Das, wie es zwischen dieser Ingrid, krebskrank, und ihrem Mann, dem ollen Stadler, immer so zuging.

Daß Elkes Robert sich das eine oder andere Mal direkt die Frage gestellt hatte, ob er alles denn so genau wissen wollte. Von dieser Ingrid und dem ollen Stadler, den Leuten im Nachbarshaus.

So was von Mitgefühl bei Elke. Die mitfühlendste Nachbarin, Elke.

Aber das war Elke. Elke konnte das für andere Menschen sein.

Mitfühlend, Elke. Mitgefühl Elkes, das während einer tröstenden Umarmung Elkes in die Richtung des ollen Stadlers dann mal ausgeartet war. In Sex. Elkes Ehegemahl Robert, der war auf Geschäftsreise. Da traf es sich plötzlich, paßte was dazwischen rein.

Nicht bei einmal, daß es blieb. Sondern es sich wiederholte sich.

Immer bedenkenloser wurde man dabei.

War schließlich aus Markus' Mund zu erlauschen, wie unachtsam sie wurden. Sie beide, Elke und der olle Stadler.

Sexuelles, eine Sache, die Ingrid, die Krebskranke, ihrem Ehegemahl nicht mehr so geben hatte mögen. Ein Sexleben, das, was der olle Stadler also anfing, sich bei der Frau des Nachbarn abzuholen. Bei der Elke Steltz, der von von gegenüber, die von alleine dauernd zu ihm rüberkam. Bis zuletzt auch der olle Stadler zu Elke hinüberwatschelte. Um sich von Elkes Sohn Markus mit Mutti Elke erwischen zu lassen. So nötig hatte man es zu zweit miteinander. Daß es vollkommen gleichgültig war, daß Markus eventuell von der Schule heimkommen könnte.

 

Rotes Blut sah Robert Steltz.

Blut war wirklich die geringste Sorge, die er hatte.

Blut war Blut, und Blut gab es viel. Blut hatte bei jedem Tier die gleiche Farbe. Ob Schwein, Kuh, Schaf, Ziege.

Daß auch Menschen rot bluteten, nur natürlich.

Was das am Schluß für eine rote Sauce war, das stellten interessierte Leute erst fest, wenn sie eine Probe davon in einem Labor untersuchen ließen.

Aufgelöste Gelatine hatte Robert Steltz in die rote Flüssigkeit der Plastikwannen unter den Köpfen Lenas und Bennys eingerührt.

Letztens wollten die Damen und Herren, die orderten, mal Agar Agar.

"Agar Agar", was sollte das denn?

"Agar Agar", sonst waren die gesund. Fiel Robert Steltz überhaupt nicht ein, "Agar Agar" zu nehmen.

Entweder Blattgelatine oder nichts. Wo waren wir denn hier?

Wer keine Gelatine mochte, der konnte auch darauf verzichten, Fleisch zu essen.

In Trance, wegen Elke, seiner Ehegemahlin, schöpfte Robert Steltz mit einer Schöpfkelle Blut in die handgroßen Plastikbehälter.

Immer dreiviertelvoll.

In letzter Sekunde paßte Robert Steltz zwei-, dreimal doch noch auf, daß nichts drüberschwappte.

Die nächsten verschlossenen vier Plastikbehälter, die Robert Steltz aufeinandergestapelt zu der Kühltruhe links brachte, das Ganze einzufrieren.

Den Kühltruhendeckel klatschte Robert Steltz herab, drückte drauf.

Hier war auf nichts lange zu warten. Nicht auf irgendwas. Die Geschichte mit Elke war klar. Das brauchte kein langes Herumgerede, großes Getue.

Eventuell Elke mit Stadler, diesem Arschloch aus dem Nachbarshaus, in flagranti zu erwischen, bis dahin zu warten - kein Bedarf.

Mit Elke war sofort was zu unternehmen. Elke, die war heute abend oder nachts noch fällig.

Der olle Stadler, der würde dann bei Gelegenheit drankommen.

Vielleicht morgen früh. Oder im Laufe des Vormittags. Je nachdem, wie der olle Stadler tagsüber abzupassen war.

Nur das, was mit Markus sein sollte, das war die Frage.

Kam dann ganz drauf an, wie sich das mit Markus entwickelte. Wie sich Markus verhielt. Ob Markus in der Zukunft lästig wurde oder nicht.

War am Ende was mit Markus ... Kinder, Kinder konnte Robert Steltz in Wahrheit noch Dutzende kriegen. Auch von mehreren Frauen.

Südamerika war zwar nicht Arabien. Wedelte jedoch einer mit Ketten voller glitzernder Klunker in der Gegend rum, machte das sicher vieles möglich. Dafür brachte die eine oder andere mit Sicherheit auch Bälger zur Welt, die von Robert Steltz waren. Behandelte die dann sogar mit Fürsorglichkeit, Liebe.

Alles war denkbar. Ein Harem mit ein paar Weibern. Im mehrstöckigen Wohnhaus von Robert Steltz.

Elke war damals die, der es nach ihrer Niederkunft mit Markus gereicht hatte. Die Lust auf weitere Geburten, mit der Geburt Markus' war Elke die vergangen. Obwohl Ehemann Robert gerne noch ein Schwesterchen zu Markus, dem Sohnemann, dazugehabt hätte, blieb es bei Elke bei: "Nein, kein zweites mehr; noch mal mach ich das nicht mit."

 

Ausgerechnet Elke, die dermaßen viel Wert auf Anständigkeit, Biederkeit legte. Die wurde ihrem Ehemann untreu. Die ließ sich darauf ein, die Gespielin von einem aus der Nachbarschaft zu werden. Auch mit der Folge, daß Elke bei den Nachbarn ins Gerede kommen konnte. Dabei war Elke eine, die auf die Meinungen anderer Leute was gab.

"Untreue", ein Wort, das wäre Robert Steltz bei seiner Gattin Elke nie eingefallen. Außer, daß Elke das Wort im Wortschatz hatte.

Nichts in der Hinsicht hätte Robert Steltz sich vorstellen können. Elke, das Sinnbild einer Frau, die man, stand eine Geschäftsreise an, beruhigt zu Hause lassen konnte. Tage-, auch wochenlang.

Treue, ein Charakterzug, der gehörte bei Elke einfach mit dazu. War bei Elke inbegriffen.

Plötzlich mitzubekommen, daß Elke was mit einem andren hatte, das war fast wie ein Schlag mit dem Vorschlaghammer auf den Kopf.

Eine böse Überraschung, die Neuigkeit, die mit Elke zu tun hatte.

Was sagten denn die in den Nachbarshäusern nun eigentlich dazu? Konnte doch möglich gewesen sein, daß der eine oder andre was von dem mitgekriegt hatte, was zwischen dem ollen Stadler und Elke, der Frau des doofen Steltz, dieses Handlungsreisenden, lief. Die ständig aus dem Fenster herausschauenden Leute, die im Umkreis in den Gebäuden wohnten. Nebenan. Da mußte mit Sicherheit der eine oder andere was mitbekommen haben. Etwas davon, daß Elke, die Gemahlin von dem Steltz, schon wieder zu Stadler, dem Ingrid, seine Frau, vor einem Vierteljahr an Krebs verstorben war, rüberlatschte. Der feiste Stadler zu Elke. Sehr oft besuchten sich die zwei, geradezu bei jeder Gelegenheit. Vormittags, wenn Markus, der Sohn der Steltz, in der Schule war: etwa Halligalli? Freie Schußbahn für alles?

Daß es jetzt sogar nachmittags passiert war, daß Markus Elke mit dem ollen Stadler zusammen beim Sexspiel erwischt hatte ... Miteinander hatten Elke und der olle Stadler es treiben müssen, so nötig hatte man es. Obwohl die Möglichkeit, daß Markus nachmittags mal früher aus der Schule nach Hause kommen konnte, nicht eben gering war. Hereingeschneit kommen konnte Markus ins Wohnzimmer seines Elternhauses. War er schließlich da im Haus daheim, Markus. Um was zu Gesicht zu kriegen: Elke, seine Mutti, die dem nackten fetten Stadler auf der Couch im Wohnzimmer nackt oben drauf saß. Elke, von der Robert, ihr Mann, wußte, daß sie nicht unbedingt leise war ...

Nichts mißzuverstehen für Markus. Darüber aufgeklärt genug, als bald Elfjähriger, was los war. Kaum daß Markus die Szene kurz überblickte, wußte Markus Bescheid.

Dann, daß Markus darüber nachzudenken anfing, was er mit seiner Beobachtung Muttis und des ollen Stadlers anfangen sollte. Immer pampiger, der Umgang Markus' mit seiner Mutti. Die Katze ließ Markus aus dem Sack. Markus, der kleine Erpresser. Mit kühlem Kalkül auf seinen eigenen Vorteil bedacht, Markus.

Klar Schiff mußte gemacht werden. Jetzt auf der Stelle.

Die Faust ballte Robert Steltz, das Gesicht vor Wut verzerrt.

 

Die hautfarbenen Gummihandschuhe, frisch aus der neu aufgerissenen Packung, die er sich übergestreift hatte, zupfte Robert Steltz zurecht, bis die letzte Beule, der letzte Faltenwurf verschwunden war. Den Gummischurz hob Robert Steltz sich über den Kopf, band ihn am Rücken fest.

Vor das Wasserbecken begab Robert Steltz sich, ließ sich Wasser über die Gummihandschuhe laufen.

Dann zischte Robert Steltz; ein Laut des Zorns.

Entschlossen schritt Robert Steltz zur wieder innen abgesperrten Seitentüre, durch die er jederzeit hinausgehen und das Haus betreten konnte. Ehefrau Elke, die dort bei der Tür am Fliesenboden rumlag, dumpfe Laute und Quietscher von sich gab, packte Robert Steltz hinten am T-Shirt-Kragen, zerrte Elke in die Mitte des Raums.

Den Blick richtete Robert Steltz spöttisch auf Elke, Elke, geknebelt und gefesselt.

Ein kleines Tuch hatte Elke in den Mund gestopft bekommen, den mit braunem Klebeband abgeklebt. Die Arme Elkes, auf den Rücken gedreht; Handschellen waren Elke angelegt.

Eine Fußfessel trug Elke außerdem, die ihr höchstens kleinere Trippelschritte erlaubten.

Hatte Elke in ihrem Leben noch nicht gehabt, so was. Auch nicht als Sex-Spaß.

 

Großäugig glotzte Elke aus roten, verweinten Augen zu ihrem Ehemann Robert hoch.

Welch ein verzweifelter Ausdruck!

"Tja, Elke, mein Schatzi ...", ließ Robert Steltz hören, zeigte mit dem Finger. "Hier hinten drinnen warst du bis heute nie. Du siehst das hier alles zum ersten Mal. Das ist er nun, mein Beruf. Das ist in Wahrheit mein Beruf, Elke. Seit einigen Jahren mein Beruf."

Die beiden kopflosen Torsos Bennys und Lenas, die von der Seilwindenvorrichtung herabhingen, von ein paar Fliegen umschwirrt.

"Mein Beruf, Elke. Das ist in Wahrheit mein Beruf. Nicht das, was du immer gedacht hast. Was du siehst, ist ein wenig Metzger-Handwerk. Einmal bin ich ein Jäger, dann ein Metzger."

Der Blick Elkes war an ihrem Ehegatten Robert festgefressen.

"Waren nette Leute, Elke. Die beiden da. Lena und Benny haben sie geheißen. Angenehme, sympathische Gesichter hatten die. Das Mädchen, hübsch und blond. War unterwegs zu ihrer Tante Frida, um dort, wo ihre Tante Frida wohnt, eine Lehrstelle anzutreten. Mit zweiundzwanzig die nächste Lehrstelle. Der junge Kerl da, gut gebaut, nicht? Viel Fett hat der nicht. Hatte aber Pech in der Liebe, Elke. Mußte entdecken, daß seine Freundin ihm fremdging. Er reiste mit seiner Freundin und zwei Kumpels von sich im Norden rum. Mit seinen Kumpels hat die es getrieben, Helga, seine Freundin. Wochenlang, dauernd. Ohne, daß Benny was davon merkte. Nichts hat er gemerkt. Bis ... Bis er mal die letzten Tage alle drei zusammen miteinander erwischte. Am Zeltplatz im Zelt, das ihm selber gehörte. Da war dann heute früh Scheidung angesagt."

Elke glotzte. Ein Schimmer bei Elkes Augen, wie der Hauch einer Ahnung.

"Schwer zu sagen, Elke, wo das wieder hingeht, wenn ich das da geliefert hab. Ich weiß nur, daß es sicher wo ankommen wird. Irgendwo kommt es an. Bis jetzt denk ich: Restaurant. Kann aber auch jederzeit umdeklariert werden, alles. Dann geht's ins Krankenhaus. Werden sich sicher Abnehmer finden, für die. Werden vielleicht welche sogar die Gesichter Lenas, Bennys wo brauchen können. Nicht nur die Köpfe, Schädel. Was sie geliefert kriegen, Elke, mein Schatz, das können sie auch brauchen. Also auch die Gesichter. Na ja, so ist das. Muß man sehen. Immer passiert Leuten irgendwas. Es verbrennt sich einer immer irgendwo was. Oder so. Dann braucht man vielleicht sogar ein Gesicht. Eins wie von einem Unfallopfer. Vielleicht braucht das in dem Sinne auch keiner. Mann, was rede ich jetzt hier? Nicht nur Ersatzteilehandel hier. Der Interesse hat. Es gehen Lieferungen meiner Ware einmal auch in ein paar Küchen, Elke. An Leute hinterm Herd. Köche. Weißt ja. Hunger, Hunger. Da wird was gegessen, in so Restaurants. Da kann man sicher Gesichter und Köpfe gut brauchen und gut verarbeiten. Vielleicht mit einem Bündel Basilikum im Mund, Kerbel. Augäpfel in Aspik. So was ungefähr. Was dort später aus den Schädeln, Knochen wird? Vielleicht Knochenmehl. Knochenmehl für die bessere Bindung der Sauce. Was weiß ich, was ein Koch alles leisten will, kann, in der Endverwertung, Elke. Bin ich überfragt. Denk aber nur mal an die molekulare Küche in den Gourmet-Läden ... Da schaut nichts mehr original aus ... Waren wir nicht vor einem Monat abends bei einem Gourmet-Koch zum Essen, Elke? Zwei Sterne und extra teuer. So ein Gourmet-Koch, Elke, der kann's sicher mit jedem Fleisch ... Jede einzelne Gräte, jedes Rippchen kennt der persönlich. Beim Namen. Jedes Vieh zerlegt dir der, daß du's nicht glaubst, wie das geht. Vom Affen bis zur Ziege. Hm, Affe ... Apropos, 'Affe' ... Ist der Mensch nun ein Affe, Elke? Oder ist er kein Affe? Wahrscheinlich nur eine Artikulations-Frage, das mit dem Affen. Affe oder nicht Affe. Einen der Köpfe von den beiden da kochen, Elke, die Gesichtszüge dabei zu bewahren, daß eigentlich alles überhaupt nicht nach was Gekochtem ausschaut. Würd ich mich selber nie trauen, die Köpfe selber zu kochen, ohne daß mir das jemand gezeigt hat. Braten schon überhaupt nicht. Hätt keine Vorstellung, wie ich ganze Köpfe braten könnt. Weiß nicht, wie's gehen könnte. Und wenn am Schluß alles noch original ausschauen soll. Siehst du, ein Koch, einer mit Sternen, der hat bei so was sicher mit nichts ein Problem. Wenn er was zubereiten will, haut das einfach sofort hin. Der weiß die Lösung von Haus aus. Ich bin da wirklich eher der Hobby-Koch."

Den Kopf hochgehoben, lag Elke am Betonboden rum, stierte wild nach ihrem Mann Robert hin.

An den Beinen trug Elke eine ursprünglich weißfarbene Matrosenhose mit messerscharfer Falte.

Die weiße Hosenfarbe, die an einigen Stellen ihre Färbung mittlerweile komisch verändert hatte.

Die Situation, von Elke richtig eingeschätzt. Durchnäßt, daß Elke sich hatte. Sich vollgemacht.

Ein ganz übler Geruch nach Klo, der von Elke wegging. Von ihrem Mann Robert noch toleriert. Mit Daumen und Zeigefinger rieb Robert Steltz sich die Nasenlöcher her, zuckte dann die Schulter.

 

Ganz unfrei war Elke im Grunde nicht. Wenn sich ergeben könnte, daß Elke länger alleine blieb, wäre Elke durchaus in der Lage gewesen, mit sich was anzustellen. Obwohl Elke die Arme hinten am Rücken mit den Handschellen fixiert hatte, eine Fußfessel an den Beinen.

Bloß, Ehemann Robert, der wollte Elke in der nächsten Zeit nicht mehr alleine lassen.

"Jetzt dacht ich mir einfach mal, Elke, hol ich dich her. Hierher. Hier zu mir rein in die gute Stube. Unterhalt mich noch ein Weilchen hier hinten mit dir. Zeig dir mal was, wie mein Beruf so wirklich ist."

Das Beinmesser griff sich Robert Steltz, präsentierte es wichtig in der Faust.

Vor Angst schüttelte es Elke plötzlich am ganzen Körper.

"Jaja, Elke! Alles sollte ich dir immer ganz haarklein erzählen. Früher. Bis vor ein paar Wochen wolltest du dauernd alles von mir wissen. Was ich gerade für die Firma mache, in deren Auftrag ich reise. Vielleicht, daß du mir bei meinen Abrechnungen helfen könntest, hast du gemeint, kann ich mich erinnern ... Für die Steuer nächstes Jahr ... Schließlich hab ich dauernd Unkosten. Davon könnte was steuerlich absetzbar sein. Für Ordnung sorgst du. Du sorgst in meinen Unterlagen für Ordnung, du sortierst die unbrauchbaren Belege aus, die du findest ... He, Elke-Schatzi, jetzt sortiere ich mal aus. Jetzt sorge ich hier hinten mal für Ordnung. Zwischen uns muß alles seine Ordnung haben. Zuerst einmal machen wir hier alles ordentlich, indem du mir bei allem, was ich so mache, ein bißchen zusiehst. Du verstehst alles ja auch schon sehr viel besser jetzt, weil du die zwei herabhängen siehst. Ein bißchen besser verstehst du also, was ich beruflich so mache. Wirklich, nichts als die Wahrheit, was du so siehst. Nichts als die Wahrheit. Die reine Wahrheit. Das ist mein Beruf. Ich bin im Lieferdienst. Für Fleisch. Ich liefere einmal Fleisch. Aber auch Ersatzteile auf Lager. Bringe das Ersatzteilelager von so Leuten auf Vordermann. Das dort, was da runterhängt, das ist ganz einfach meine Geschäftsware. Das wird bei mir vorbestellt. Und ich sorge innerhalb von einer Woche, vierzehn Tagen bis drei Wochen für die nächste Lieferung. Sagen wir, zum Beispiel in eine Restaurantküche. Reden wir wieder davon, vom Essen. Im Restaurant vorne warten die Leute, daß ihnen serviert wird. Schon unvorstellbar, was für Hunger nach Delikatesse hier herrscht. Was an Getier gefressen wird, Elke. Kannst echt den Vogel kriegen, was da los ist. Alles, was du dir vorstellen kannst, wird gefressen. Was man fressen kann, fressen sie. Aus Afrika. Südamerika. Asien. Am Aussterben oder nicht. Aus dem Meer oder nicht. Alle Affen fressen sie, Elke. Zoos liefern Affen, Elke. Jaja, glaubst es nicht, Zoos, Tierheime. Zoos liefern Affen. Klar, auch Antilopen, Krokodile, Schildkröten. Die ganze Tierwelt, die sie auf Lager haben. Größer, kleiner, Hauptsache, es läßt sich kochen, braten. Die schlachten sogar schon mal selber. Und ich, ich hier, ich besorg eben auch noch 'nen Affen. Eine ganz besondere Art Affe. Obwohl, 'besonders', eh, bei den Massen, die's da gibt? Eher eine andere Art Affe. Die sich für besonders hält, trotz der Menge. Wird sehr nachgefragt, dieser Affe, bei mir. Sonst wär ich nicht so gut im Geschäft, Elke. Da schüttelt's sie dann so richtig, denk ich: Gaumen- und Nervenkitzel bei geschlossener Gesellschaft. Oder glaubst du, daß sie's ekelt? Nein, nein, ein Gaumen- und Nervenkitzel, Elke. Stell mir die wie so Kiffer vor. Wenn die mitten auf der Straße 'ne Tüte rauchen. Ständig am Herumblicken sind. Ah, jede Sekunde kommt die Polizei. Jede Sekunde könnt sie kommen. Ist am Kommen, weil man was raucht. Ist ja keine blöde Zigarette, die man raucht. Hahaha! So mußt du die sehen. Mensch, Elke. Mensch, Mensch. Was hier los ist. Was hier bei mir los ist, kannst du dir nicht vorstellen. Stell dir nur vor, Elke. Einmal die Restaurants. Die Gäste da. Dann das, der Bedarf an menschlichen Ersatzteilen. Du mußt dir nur den Bedarf an menschlichen Ersatzteilen vorstellen, den es gibt, Elke. Du bist, wie ich dich dort unten am Boden liegen seh, ein einziges großes Ersatzteillager. Bist du nichts, was man zum Fressen gern hat, bist du gut für jede Menge Ersatzteile. Und ich, ich bin der. Ich sorge für Essen und für Ersatzteile. Ich bin im Ersatzteilelieferdienst, ich fülle die Lager. Alles von dir, wenn's gesund ist, ist als Ersatzteil zu gebrauchen, Elke. Deine Haut, deine Fingernägel, inneren Organe. Deine Knorpel. Dein Kreuzband, Elke. Vielleicht hat ein Fußballspieler morgen dein Kreuzband im Knie, Elke. Sportler, die das nächste Kreuzband brauchen, die gibt's aber auch so in Massen. Du hast mir erzählt, Elke, daß eine Freundin von dir letztens beim Sport ausgerutscht ist. Das Kreuzband hat sie sich gerissen. Wußte vorher überhaupt nicht, wo das genau das bei ihr ist, deine Freundin, das Kreuzband. Jetzt weiß sie es. Ganz genau. Und sie braucht ein neues. Das Kreuzband von ihr ist ganz hinüber. Deins könnt sie haben, Elke, jetzt dann. Ganz einfach das deine. Ganz einfach alles von dir wird gebraucht, Elke. Braucht wer. Alles. Wenn man will, alles fit ist, bleibt von einem nicht viel Abfall, sag ich dir. Die Brüste von der da, die da herabhängt, Elke, weiß nicht, die sind besser als deine, nicht? Die beiden Dinger könnt demnächst eine am Oberkörper haben, der sie ihre Brüste weggeschnitten haben. Brustkrebs hatte sie beidseitig. Jetzt kriegt sie eben neue Brüste. Die dort. Die muß keiner lange ausbilden. Dein Gesicht, Elke, mit ein paar chirurgischen Veränderungen an der einen oder anderen Stelle an 'ner anderen, Elke - warum nicht? Geht alles, Elke. Föten, Elke. Die Föten bei Schwangeren ... Für eine Schwangere krieg ich Extrageld."

Die Augen hatte es Elke aus dem Kopf getrieben, Elke, die Robert, ihren Ehemann, starr fixierte.

 

Kopfschütteln Robert Steltz', Schulterzucken.

"Was glaubst du, Elke, was hier los ist? Irre. Welche Nachfrage die in Krankenhäusern an so Sachen haben. Da drängelt sich Volk, Elke. Aufeinander hocken da schon mal welche, wie die Hühner auf der Stange. Und sie warten. Sie warten. Wahnsinn, wie hart. Wie hart da welche warten, Elke, 'ne neue Leber zu kriegen, 'ne Niere, 'n Herz ... Auf alles warten sie. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die wollen leben, Elke. Doch nur leben. Von den lebenserhaltenden Maschinen, an die sie angeschlossen sind, wollen sie endlich wieder weg. Ganz egal wie, woher am Schluß was kommt. Hauptsache ist, sie leben noch ein bißchen. Koste es, was es wolle. Vielleicht kostet's sie nicht mehr wie ein schickes neues Auto. Ein schickes, neues Auto, Elke. Was meinst du, sind dreißig-, vierzigtausend für viele viel? Fünfzigtausend? Viele gibt's, die haben so viel Kredit bei der Bank. Fünfzigtausend, ein Kinderspiel, sich den Betrag als Kredit aufzunehmen. Überweisung in Nullkommnix. Bar auf die Hand geht auch was, wenn einer eine Sonderzahlung braucht."

Ein Weilchen, daß Robert Steltz reglos dastand, Elke, seine auf der Betonfläche am Rücken herumliegende Gattin, betrachtete. Elke, bei der das Weiß ihrer Hose um die Hüften herum an manchen Stellen jetzt noch deutlicher verräterische braune Flecke bekommen hatte.

"So ist das, Elke." Auf Elke grinste Robert Steltz von oben herab herunter. "Bin nicht der einzige, der in diesen Angelegenheiten reist. Außer mir gibt es noch ein paar. Na ja, eigentlich weiß ich von denen nur, daß es sie gibt. Begegnet ist mir noch keine Kollegin, kein Kollege. Muß ja auch nicht sein. Ein Klassentreffen braucht hier wirklich keiner. Man muß sich nicht kennen, oder? Tja, nun, meine Auftraggeber ...? Die Leute geben bei mir 'ne einfache ordentliche Order ab, und ich geh wieder auf die nächste Reise, dem Auftrag nach Möglichkeit nachzukommen. Vier von denen da waren diesesmal eigentlich fix bei mir bestellt. Die Bestellung: vier Einheiten. Nicht viel, das, nur vier. Kann schon vorkommen, daß das viel mehr sind, die ich liefern soll. Ich liefere allerdings, was die letzte Bestellung bei mir angeht, bis jetzt, verflucht noch mal, nur zwei. Wie du siehst, Elke. Dafür würde ich, weil ich der Order nicht nachgekommen bin, nur die halbe Fixsumme bekommen. Keine beschissenen Boni, nichts. Dafür müßten es ein paar mehr sein. Zwei, das ist das mindeste, wenn sie vier bei mir bestellen."

Ein sardonisches Grinsen Robert Steltz'.

"Jetzt ist das aber egal, Elke. Ich bin mir nämlich sicher, daß ich auf vier Einheiten kommen werde. Tja ... Oder sogar fünf? Soll ich fünf nehmen, Elke? Wie ich auf fünf komme ...? Du, der olle Stadler ... Das sind mal zwei dazu. Mit Markus, mit Markus wären das fünf, Elke, du verstehst. Fünf mit Markus."

Ein Grunzlaut war von Elke zu vernehmen.

Als Kommentar Elkes war das Robert Steltz auch recht. Mehr mußte er von Elke nicht hören.

Den herabhängenden Körpern Lenas und Bennys wandte sich Robert Steltz zu, stieß das Messer bei Benny in Bauch hinein, machte einen waagrechten Schnitt, bei Benny den Darm herausflutschen zu lassen. Alles im Grunde eine einzige Schauveranstaltung für Elke.

Der Ton, den Elke hören ließ, sagte auch unzweideutig aus, wie schrecklich und ekelhaft Elke die Welt in der Umgebung ihres Ehepartners Robert momentan fand.

 

"In der letzten Zeit hab ich viel hin und her überlegt, Elke, meine Arbeit vielleicht aufzugeben", erklärte Robert Steltz, der das letzte der erst mal wieder abgespülten Messer mit wichtiger Geste seitlich weglegte.

Nach Elke, die ihm in seinem Rücken bei seiner Arbeit zugeschaut hatte, wandte Robert Steltz sich um.

"Bist ja wirklich brav am Schauen, Elke. Fasziniert dich, was ich da so treibe, was? Schaust gerade überhaupt nicht so übel aus. Nicht, als ob dir schlecht wär oder so ... Hast du dich schon gewohnt?"

Den Kopf schüttelte Elke, Widerspruch in Richtung ihres Mannes.

"Wo war ich? Ah ja! Hab also in der letzten Zeit öfters viel daran gedacht, ob ich nicht aufhören sollte, Elke. Hab schließlich ein bißchen was auf der hohen Kante. Das meiste nur nicht flüssig ... Scheisse, Elke, das mit den Anlageformen. Aktien sind voll doof. Auf Aktien muß man ständig aufpassen. Aktien sind echt schlimm, hat man den Kurs nicht dauernd im Auge. Wenn Kurse gewisser Firmen fallen, sollte man die Aktien, die man hat, sofort verkaufen. Solange man noch was davon hat. Besser, man macht das zwischendurch rechtzeitig: stößt ab. Trotzdem, obwohl mir das mit den Aktien nicht gefällt, ein paar Börsengeschäfte liefen ganz gut für mich, dieses Jahr. Vor allem in Asien. Über einen Mittelsmann. Echt wahr, kein Bescheißer. Hab ein wenig Einnahmen durch Aktiengewinne, Derivate und Anteilsscheine gehabt, Elke. Aber jetzt, mit dir hier. Hier, an dem Ort jetzt, Elke, kann uns beiden das egal sein. Ob ich Geld hab, nahe im zweistelligen Millionenbereich oder nicht. Allerdings in Asien. Komm nur an das Geld ran, wenn ich mich in ein Flugzeug setze."

Elke grunzte.

"Ach, im Grunde kann dir das tot-alegal sein, Elke. Nachdem meine Welt mit dir ein klein wenig anders ausschaut als vor ein paar Stunden noch gedacht. Eigentlich ist es kaum wahr, wie die Welt zwischen uns beiden im Moment ausschaut. Darauf wär ich nicht unbedingt gekommen, heute früh, vormittag, die Zeit, während ich hierher nach Hause unterwegs war. Obwohl ich überlegt hab, was ich mache, wenn ich dich sehe, Elke. Dich und Markus. Nicht mit einem einzigen Gedanken bin ich da drauf gekommen. Auf DAS. Was treibst du denn nur, Elke? Elke-lein, Schatzi, was fällt dir denn ein? Auch noch mit dem ollen Stadler - echt wahr? Hör mal, jetzt brauch ich 'ne neue Frau. Vielleicht sogar 'n neues Kind. Könnten auch gut ganz neue Kinder sein ... Geld genug dafür hab ich."

Elkes Geglotze, Robert Steltz ergötzte sich daran.

"He, Elke, guck doch nicht so. Du hast es gerade nötig, mich so anzugucken. Du treibst es doch mit dem ollen Stadler. Dem ollen Stadler von nebenan. Ich mein, Elke, das geht doch nicht, daß du's mit dem treibst. Das geht wirklich nicht. Ausgerechnet mit dem ollen Stadler treibst du es. Das hätt ich nicht von dir gedacht. Daß dir der olle Stadler einfallen könnte, daß du dem an den Hosenstall gehen könntest. Nie wär ich da drauf gekommen. Daß du dich von dem ollen Sack rannehmen lassen könntest, Elke, auf die Idee bin ich nie gekommen. Auch wenn du reichlich Mitgefühl mit dem ollen Stadler gehabt hast, weil dem die arme Frau gestorben ist. Schon eine traurige Sache, wenn einem die Frau stirbt. Auch noch an Krebs. Darmkrebs. Daß du dann aber so weit gehen könntest, den von drüben da an dich ranzulassen ... Du spendest dem Trost, wegen seiner kranken Frau, und der kommt rüber, schiebt sich an dich ran, und du läßt dir richtig was von dem spenden. Immer und immer wieder. Vom ollen Stadler ... Fett, der olle Stadler. Hab ich mir nicht gedacht. Hab aber überhaupt nie dran gedacht, daß du mir je mit irgendeinem fremdgehen könntest. Ganz egal, wie der ist, aussieht. Nicht du. Nicht du, Elke. Und dann das jetzt, das mit dem ollen Stadler ... Daß du das Risiko eingehst, wegen so einem wie dem ollen Stadler hier in der Nachbarschaft ins Gerede zu kommen, das kann ich fast nicht zu glauben. Hat der olle Stadler dich irgendwie verhext, Elke? Hat er dich hypnotisiert? Stell dir doch das nur vor, Elke: Das muß irgendwelchen Leuten doch mal auffallen, daß du dauernd zum ollen Stadler rüberrennst ... 'Die rennt aber oft zu dem Stadler rüber, die Steltz' - sagen die: 'Hat die was mit dem am Laufen? Man könnt fast denken, die hat was mit dem.' Und jetzt? Wirklich wahr, jetzt bin ich der gehörnte Ehemann, Elke. Und in der Nachbarschaft hat's vielleicht jeder gewußt, daß du dir Samenspenden geben läßt, Elke. Nur ich, ich krieg nichts mit. Ganz schlimm find ich das. Ganz schlimm. Schlimm find ich aber auch das, daß du dich von Markus erwischen läßt. Du läßt dich von Markus erwischen, Elke. Wie du es mit diesem ollen Fettsack von Stadler im Wohnzimmer treibst, läßt du dich erwischen. Bei mir im Haus treibst du es mit dem ollen Stadler im Wohnzimmer, und Markus kommt von der Schule heim, zu euch beiden rein, sieht euch beide, nackt, wie ihr ... Das setzt allem wirklich die Krone auf, Elke. Faßt einer das? Da müßt ihr es aber schon dringend nötig gehabt haben, Elke, du und der olle Stadler. Oder hat euch beide, dich und den ollen Stadler, das extra heiß gemacht, daß Markus jede Sekunde bei euch dazukommen könnt? Euch beide sehen, wie ihr ...?"

Elke Steltz brachte Stöhn-, Grunzlaute hervor, verdrehte auf der Betonfläche unten den Oberkörper.

Keine Ahnung hatte Robert Steltz, was das bei Elke sollte. Auf die Weise konnte Elke sich nun nicht das bißchen von den Handschellen befreien. Was Elke aufführte, das war geradezu lächerliches Handeln.

"Du kugelst dir noch die Arme aus, Elke. Das tut doch weh, wenn ich dir den Arm wieder einrenken muß. Paß bloß auf dich auf. Sonst muß ich dich noch ruhigstellen hier."

Gegrunze Elkes.

"Du und der olle Stadler ... Was das mit dir und dem ollen Stadler werden sollte, Elke, wüßt ich schon gerne. Und dann noch das. Daß ich jetzt heimgekommen bin - was höre. Was höre ich? Ihr beiden Hübschen, du und Markus, ganz offen redet ihr im Wohnzimmer, über alles. Hast es ganz richtig zu Markus gesagt: Die Möglichkeit könnte sein, daß Vati zufällig vor die Tür kommt, lauschen könnte. War ja auch. Hab euch belauscht, dich und Markus. War ausreichend, was ich gehört hab."

 

Die Arme hatte Robert Steltz Benny abgetrennt. In länglicher Tupperware legte Robert Steltz Bennys jeweils die Unter- und Oberarme aufeinander. Machte dann jeweils den Plastikdeckel drauf, drückte der Länge nach nach, ob alles gut abgeschlossen war.

Nach Elke, seiner Ehefrau, wandte Robert Steltz sich wieder um, betrachtete sie.

"Hm, hm, Elke, eigentlich störst du mich bei der Arbeit ... Hätte alles nicht sein müssen. Wirklich nicht. Wir hätten heute gut eine andere Nacht miteinander verbringen können, Elke, wenn ich hier hinten fertig gewesen wäre."

Bei Elke stand Dauerglotzen auf dem Programm.

Den Eindruck erweckte es, als wäre bei Elke Abwarten angesagt. Warten, ob sie nicht noch eine Chance bekäme. Unbestimmt eine Chance.

"Du und der olle Stadler ... Eigentlich hätt ich was merken müssen. Abgebaut hast du in der letzten Zeit schon ziemlich bei mir. Seit ein paar Wochen immer mehr. Immer weniger ist das mit dir geworden. Hätte mir vielleicht irgendwie 'ne Idee kommen müssen, daß da was ist. Bei und mit dir. Aber hallo! Deine Anrufe bei mir, immer einsilbiger, spärlicher geworden über den Tag in der jüngsten Zeit. Heute fahre ich hierher heim, und seit in der Früh ... Ich hatt dich angerufen. Seitdem: Funkstille. Funkstille von einer, die mich schon mal tagelang stündlich belästigt hat. Fast jede Stunde hast du mal 'nen Anruf bei mir nötig gehabt ..."

Ein Grunzlaut entfuhr Elke, der sich geradezu verächtlich anhörte.

"Nein, nein, Elke ... Nur du und der olle Stadler, ihr beiden habt Probleme. Markus eigentlich nicht so. Sehen wir Markus ... Wegen Markus mußt du dir keine unmittelbaren Sorgen machen. Glaub ich wenigstens. Was mit Markus werden wird, das weiß ich noch nicht endgültig. Markus hat noch andere Möglichkeiten als du ..." Gemein grinste Robert Steltz seiner Ehefrau Elke ins Gesicht. "Bei Markus weiß ich es wirklich noch nicht genau. Ob Markus ... Ob Markus nicht ... Kommt ganz drauf an, das mit Markus. Kommt ganz drauf an, wie Markus dann, nach dem hier, die nächste Zeit mit mir auskommt. Glaub übrigens auch kaum, daß ich, nehm ich das, was gerade hier los ist - dem mit dir, Elke, was ich mit dem ollen Stadler noch vorhabe -, großartig hier in der Gegend bleiben werde. Ziemlich sicher, daß ich meine Zelte hier abbrech, Elke, demnächst ... Kann auch anderswo leben. Überall auf der Welt. Südamerika ist groß. Markus könnte schon damit fertigwerden, daß er auf einen anderen Kontinent umzieht. Sich dort neue Freunde finden muß. An eine andere Sprache, Schulform gewöhnen. Doch kein Problem für Markus. Fußballgespielt wird auch überall. Überall auf der Welt. Auch nicht viel schlechter trainiert. Oder denkst du nicht, Elke? Schon klar, dich betrifft das alles nicht mehr so sehr... Mit dir brauch ich das jetzt nicht mehr diskutieren. Bei dir ist Schicht im Schacht, Elke. Schicht im Schacht. Verstehen wir uns?"

Überraschend gelenkig, daß Elke vom Beton hoch auf die Beine kam und von ihrem Ehegatten Robert forttrippeln wollte. Zur Tür hin.

Robert Steltz setzte seiner Frau Elke hinterher, packte sie. Zu Boden gehen mußte Elke, sich hinlegen, gedämpfte Paniklaute ablassend.

Den Fuß stellte Robert Steltz Elke schwer auf den Rücken, drückte Elke nieder, als Elke sich schnell wieder hochrappeln wollte.

Spontan trat Robert Steltz Elke mit dem rechten Stiefel in die Rippen.

Alles nicht so heftig, daß bei Elke Rippen brachen. Ziemlich heil und weiterhin gebrauchstüchtig sollte alles an Elke bleiben, nach Möglichkeit.

 

"Siehst du das, Elke?" Einen dünnen Draht mit von ihm selber hinten und vorne an den Enden aufgelöteten Angelhaken präsentierte Robert Steltz seiner Gemahlin. "Was denkst du, was das ist?"

Elke hatte große Glubschaugen, sonst nichts.

"Weißt doch, die alten Ägypter, Elke ... Die alten Ägypter, die haben ihre Toten ausgenommen wie die Fische. Sämtliche Innereien haben die Ägypter entnommen ... Erinnerst du dich an den Film, in dem die Rede davon war, daß die ägyptischen Priester die Hirne der Toten durch die Nase herausgezogen haben, Elke?"

Elkes Quiektöne hörten sich nach echter Panik an.

"Soll ich das jetzt bei dir mal machen, Elke?" erkundigte Robert Steltz bei seiner Frau Elke. "Oder soll ich's nicht machen? Hab's noch nie versucht. Würd's aber mal gerne ausprobieren. Mensch, Mensch, sonst liefer ich immer die abgetrennten Köpfe immer im Ganzen ab. So Unikate. Sofort in die Kühltruhe mit den Glatzen. Das Gehirn von dir, Elke, durch die Nase herausgezogen ... Auch eine Innerei. Schnell schockzugefrieren, dann, hab ich's draußen ... Hahaha! Gehirn kann man essen, Elke. Die Augen. Die Augen, die lös ich bei dir aus. Die Ohren schneid ich dir ab. Wie so kleine Schweineöhrchen, Elke ... Muscheln fürs Hundchen ... Herz, Lunge, Leber, Niere - einen Guten, Elke. Hast du alles schon in der Küche gemacht. Vom Tier aber. Der olle Stadler, Elke, ob der noch sehr gut ist ...? Der olle Stadler, der ist, denk ich, aber wirklich nur noch was für die Hunde. Könnt bestenfalls noch als Hundefutter durchgehen, der olle Stadler. Obwohl Hunde, Hunde, die fressen lange auch nicht alles ..."

In einer Tour blinzelte Elke in die Richtung ihres Mannes Robert.

"Da fällt mir ein, Elke, Stadlers Geschlecht ... Stadlers Teil, Elke, ist das nicht längst ein bißchen - eh! - zäh? Das Jahrzehnte alte Teil vom Stadler, das ... Angenäht bekommen möcht ich das wirklich nicht. Möchte auch sicher kein andrer mehr, Elke. Denk ich mir wenigstens. Außer, so 'n Arzt hat was gegen einen Jüngeren - hahaha! Höchstens dann kann er Stadlers Ding sicher brauchen, um es einem dranzunähen ..."

Elke saß, die Beine seitlich gelegt, am Betonboden.

"Kannst du dir nicht vorstellen, Elke? Ist es aber nicht so? Wirklich, eigentlich solltest du dir alles vorstellen können, Elke. Deine Augen, Elke; deine Augen ... Selber hab ich so was noch nicht probiert. Ich sorg ja immer nur für die Ware. Aber - bei dir, Elke, bei dir - könnt ich mir das jetzt überlegen, mal selber zu probieren. Deine Äugchen, mit denen du so gucken kannst. Mit denen du mich so anguckst. Stell dir das vor: Mit dem Messer schneid ich sie am Teller auseinander ... Spieße ein Stückchen auf die Gabel, tunke es in Sauce ein ... Haha, Elke!"

Zur Garagenhintertüre trippelte Elke, die sich auf ein neues auf die Beine hochgeschafft hatte. Gegen die Metalltüre warf Elke sich.

Am Kragen packte Robert Steltz Elke von hinten, zerrte Elke hinter sich her, zurück in die Raummitte. Grob stieß Robert Steltz Elke auf den Betonboden nieder.

 

"Nützt dir doch alles nichts, Elke. Paß bloß auf. Ich trenn dir noch die Sehnen deiner Beine durch. Dann ist's vorbei mit deinem Herumtanzen hier, sag ich dir. Besser wär, du regst dich ab. Du bist viel zu unruhig. So richt ich ja mehr Schaden als sonst was an. Will ich dich liefern, darf nicht zuviel an dir kaputt sein. Ich kann doch keine kaputten Sachen liefern, Elke, Berufsehre ... Soll ich mich auf dich draufsetzen, Elke, mit der Kette mit den zwei Haken dran? Dein Gehirn - schwupp! -, könnt's draußen sein. Oder nicht? Weiß ich erst, wenn ich's probiert hab, Elke, wie das genau geht. Soll ich?"

Über Elke stieg Robert Steltz lächelnd drüber, Elke, in der das blanke Entsetzen war. Zum Waschbecken tänzelte Robert Steltz, entledigte sich der Gummihandschuhe, wusch sich die Hände, das Gesicht mit kaltem Wasser.

Mit dem Handtuch trocknete Robert Steltz sich ab, guckte grinsend nach Elke, die zu ihm hinstierte, als sähe sie ein Monster.

"Versteh dich doch, Elke. Würd ich aus so sehen. Hättst du einfach deine Finger vom ollen Stadler weggelassen, hätte ich versucht, das Problem hier anders zu lösen. Jetzt bleibt mir vielleicht nur noch Markus als Familie. Was ich bei allem einfach überhaupt nicht verstehen kann, Elke: du läßt dich von Markus erwischen, wie du ... Du läßt dich zusammen mit dem ollen Stadler hier im Haus von Markus erwischen, und das auch noch im Wohnzimmer. Nackt auf dem nackten Stadler ... Wie ihr ... Ich kann das einfach nicht glauben. Wie kann man nur so unachtsam werden, Elke? Paßt ja jeder Teenager besser auf. Wie kann dir das nur passieren, Elke, das mit Markus? Vor allem aber: Wie kann dir der olle Stadler passieren? Wie kann dir das einfallen, mit dem ...? Der olle Stadler und du ... Wie alt der ist. Weiß ich gar nicht so genau, wie alt der ist ... Mitte sechzig? Doch schon siebzig? Über siebzig. Wie alt ist der jetzt? Müßt ich doch wissen, wie alt der ist, oder? Du hast's mir sicher schon gesagt. Nur, mir fällt's im Moment nicht ein. Aber sicher Mitte sechzig, nicht?"

Neue gummierte Handschuhe streifte Robert Steltz sich über, sorgte für die Glätte des Gummis, griff das Entbeinermesser wieder, das auf der orangen Ablage herumlag.

"Wenn du nicht wärst, Elke, wär ich mit den beiden da schon weiter. Hätt sie beide lange ausgenommen, die Innereien in einer der Kühltruhen. Dann, die noch filettiert ... Du bringst meinen Arbeitsplan durcheinander, Elke. Einmal mach ich das, dann was andres ... Nur, weil du zusiehst, hier bei mir dabei bist. Das sind übrigens hübsch tiefe Truhen, Elke, sag ich dir, die du da siehst. Geht ganz schön was rein. Hin und wieder wird bestellt, ich soll sie im Ganzen lassen, nur enthaart. Nur, das mach ich nicht so gern, Elke."

"Humpf!" ließ Elke hören.

"Damals, als ich im Gefängnis war, hab ich in der Küche helfen dürfen, Elke, weißt du ja." Die Schulter zuckte Robert Steltz. "Später, die Monate als Freigänger, hatte ich im 'Mellow yellow' Arbeit in der Restaurantküche. Immer tagsüber. War Schnippler, Tellerwäscher. Und, erinner dich, später, als ich aus dem Gefängnis draußen war, hab ich, um was zu arbeiten, auch eine Zeitlang in der Schlachterei den Idioten für alles gemacht. Für was das dann nicht gut war, Elkelein, Schatzi ... Hat mich mein Vorarbeiter mit den Messern und Handschneidegeräten vertraut gemacht. Gesägt hab ich, auch mit der Kettensäge, Elke ... Rinder, Schweine auseinandergesägt. War fast schade, daß ich aufgehört hab dort. Als ich alles gekonnt hab. Richtig schnell geworden war ich. Ich konnt im Akkord. Bei mir gab's irgendwann keinen Grund zur Klage mehr. Andere plärrte der Meister an."

 

Elke stand wieder am Platz. Hatte sich gelenkig von der Betonfläche auf die Füße hochgerappelt.

Als ob Elke das irgend etwas helfen hätte können. Robert Steltz' Kopfschütteln.

Verzweiflung, Hilflosigkeit, Dauerausdruck in Elkes Augen.

"Weißt noch, Elke-Schatzi, eine Zeitlang wollt ich was mit Essen machen", setzte Robert Steltz das mit seinen Erläuterungen in Elkes Richtung fort. "Dachte an 'nen Imbiß. Fritten, Börger, Curry-Wurst, Döner, 'Hot dog'. Erinnerst dich sicher noch an die Abendkurse, die ich damals zweimal die Woche belegt hab. Führen eines eigenen Imbiß-Stands. Frittieren, Bruzzeln. Aber auch: Abrechnung der Einnahmen, Ausgaben, das. In Echt, Elke, eigentlich dacht ich an so was. Abendschule war das. Nicht eben billig. Auch 'nen echten Kochkurs hab ich dann noch belegt, weißt du noch? Kostenpunkt: zwei knappe Tausender. Hast du viel Geld gefunden, Elke. Aber, der Kochkurs war das wert. Zweimal die Woche, von halb acht bis halb elf. Während der Zeit rum hab ich angefangen, das zu machen, was ich jetzt mach. War gegen Ende Juli. Der fünfundzwanzigste Juli, wenn du's genau wissen willst. Wie das passiert ist, fragst du dich? Schuld war, ich hab an Geld gedacht. Nur an Geld hab ich gedacht. Ohne Witz. Geld, Geld, Elke. Deffi, der hat mich angeredet. Deffi, ein Bekannter von früher war der. Früher, als ich ihn kennengelernt hab, war Deffi noch 'n Spasti. Konnte einem kaum in die Augen schauen, das dürre Klappergestell. 'n falscher Hund. Deffi war im Auftrag irgendwelcher Leute, die ich bis heute nicht kenne, am Herumlatschen. Wir hatten seit Tagen Streit Elke, wollt ich nicht zu dir nach Hause. Bin lieber in Kneipen, Läden rumgesessen. Deffi hat mich im 'Rosa' alleine an 'nem Tisch sitzen sehen, hat bei mir auf die Tischfläche geklopft. Deffi hat gemeint, daß er sich im Auftrag von Leuten vertrauensvoll umhört. Mich und mein Vorstrafenregister kannte Deffi ja. Deffi hat bei mir nur so wie nebenher davon dahergeredet, daß ich Vorschuß kriegen könnt. Deffi war dann überrascht, als ich dann tags drauf im 'Rosa' zu ihm gesagt hab, daß ich das Geld nehm und das mal einmal mach. Ich mach das mal, seh mir die Scheine an, die's jetzt und später gibt - hahaha! Davon war Deffi hin und weg, als ich 'ja' gesagt hab. Daß ich mal liefern würd. Verstehst du, Elke? Ich glaub sogar, Deffi hat sie erst mal darauf aufmerksam gemacht, daß man mir vielleicht überhaupt nicht trauen könnt. Daß sie den Vorschuß an mich in den Wind schreiben könnten. Eine erste Lieferung hatte Deffi mit mir vereinbart. Zwei Stück. Fünf Tage hätt ich Zeit. Fünf Tage, dann konnt ich alles vergessen ... He, ich hab am fünften Tag geliefert. Hab in 'nen Teppichladen hinten hineingeliefert. Die haben mir beim Abladen der Kisten vom Transporter runter geholfen. Ein zweitesmal hab ich das dann gemacht. Deffi hab ich ein letztes Mal wiedergesehen. Bar hat Deffi mich ausbezahlt. Ab da nie wieder Barzahlung. Mir wurden dann Schachteln mit Telefonen an 'ne Adresse geschickt. Die ersten Aufträge, die liefen. Anscheinend war alles zu ihrer vollsten Zufriedenheit - haha! Weitere Lieferungen - hahaha! -, immer woandershin. Da in eine Garage. Dort in eine leerstehende Lagerhalle. Bis heute mach ich das, Elke-lein, bin im Lieferdienst. Sorge für ein bißchen mehr im Lager."

Elke war lauernd am Gucken. Weil ihr Mann Robert schwatzte und schwatzte.

Die, die auf eine Möglichkeit für sich wartete, war Elke. Wieder mit ihrem Ehegemahl ins Gespräch zu kommen. Als seine Frau.

 

"Manchmal fahr ich einfach nur so in der Gegend rum, Elke. Irgendwo einfach nur mal so durch die Gegend. Hol mir Leute in den Wagen, laß sie bei mir einsteigen. Denen, die bei mir einsteigen, geb ich bei Gelegenheit was zu trinken. Oder sie schlecken Eis am Stiel. Oder sie kriegen sonstwo was dazu, was sie erst mal dicht macht. Ganz am Anfang hab ich Leuten schon mal eine über die Birne gezogen, ganz einfach. Ganz ordnär mit dem Totschläger. Dann ihnen eine Dosis Heroin gespritzt. Eine, daß sie mir bewußtlos blieben, bis ... Nicht viele sind mir bis heute wieder aufgewacht, Elke. Waren immer die gefährlichsten Geschichten für mich. Wenn eine, einer aufgewacht sind. Zur Zeit mag ich Eis am allerliebsten, Elke. Früher war's mal eine Zeitlang Cola. Die Cola, die ich geschickt bekommen hab, hatte es in sich. Einmal hast du so eine Cola getrunken, Elke, weißt du noch? Du erinnerst dich doch, oder? Hast 'ne Cola getrunken. Zwölf Stunden warst du davon weg. Mann, hast du geschlummert. Hab angefangen, mir um dich Sorgen zu machen, Elke. Hab echt gedacht, du wirst mir nicht mehr wach. Zu hoch die Dosis. Dabei ... Mann, Mann. Warst du in 'nem weggetretenen Zustand. Hättest du nicht auch noch Wein getrunken gehabt, du hättest nach deinem Erwachen nicht gewußt, wie du dir den Zustand erklären hättest können. Muß schlecht gewesen sein, der Wein. Pansch-Wein. Hast die Flasche abgeschickt, aber nie 'ne Reaktion drauf bekommen. War nicht der Wein, Elke. Überhaupt nicht. War die Cola. Hast mich auch öfters gefragt, Elke, warum ich mir dauernd so Cola schicken lass, wenn ich die gleiche Cola im Supermarkt billig kaufen kann. Hast dich nur wieder über mich gewundert, wenn du gesehen hast, daß ich wieder Colaflaschen ausgepackt hab. Ordinäre Cola, die lass ich mir im Paket schicken ... Unglaublich, dieser Robert. Ein Spinner. Trinkt immer Cola, die er sich per Post schicken läßt ... Tja, Elke, nur, Cola ist nicht gleich Cola. Hahaha!"

Die dicksten Tränen, die Elke die tief rot gefärbten Wangen herunterkullerten.

Zusammensacken sah Robert Steltz Elke. Sich auf den Betonboden niedersetzend. Als wäre Elke es irgendwie richtig klar geworden, daß ihre Situation aussichtslos sein könnte.

Vielleicht, daß Elke vorher innerlich verzweifelt gewesen war. Nur schien Elke alles noch zu irreal, skurril. Eher wie ein Alptraum. Aus dem sie doch noch rechtzeitig erwachen würde, ehe der eskalierte. Oder Elke, die hatte den Gedanken im Hinterkopf, daß der, dem sie sich gegenüber befand, doch Robert war. Robert, ihr Ehemann. Daß sie alles deswegen nicht ganz so ernst zu nehmen brauchte. Bestimmt würde mit Robert wieder klarzukommen sein, Robert ihr die Handschellen und die Fußfessel wieder abnehmen, sie vom Knebel befreien. Dann würde sie mit Robert vernünftig reden können, als Roberts Frau. Trotz den Leichen zweier junger Menschen, die da von der Metallvorrichtung herabhingen.

Jetzt war die Gewißheit von was anderem in Elke.

 

"Geldsorgen kennen wir hier nicht", meinte Robert Steltz, der die Schulter zuckte. "Wir leben sorgenfrei, was das angeht, nicht? Einen hübschen Batzen Geld krieg ich dafür. Werden's jetzt dann vier, krieg ich die nächsten Tage die vereinbarte Geldsumme. Wären's mehr als vier, ging's mit jeden weiteren Exemplar voll in die Bonusse. Je mehr, um so höher steigt das mit dem Bonusystem an. Da kann sich nach obenhin einiges zusammenläppern ..."

Elke saß versunken am Fußboden, den Kopf zur Brust gesenkt.

"Kannst du dir das vorstellen, Elke? Alle drei bis vier Wochen. Oder Woche für Woche, daß ich ... Gab auch schon Zeiten in diesem Jahr, daß ich alle zwei, drei Tage ... Deshalb leisten wir uns das alles hier ... Ich hab wirklich immer alles dafür getan, Elke, bei dir die Fassade zu wahren ... Eine Steuererklärung, die mach ich jedes Jahr. Es gibt von mir was für den Staat. Da helfen mir die Leute. Vielleicht wasch ich für welche darüberhinaus noch Schwarzgeld, Elke. Was weiß ich. Mir eigentlich egal. Ha, was sagen wir dazu ...? Ich bin ein braver, unauffälliger Steuerbürger. Ich zahl Steuer. Mit Steuerbetrug kann man mich nicht drankriegen. Hahaha! Obwohl, die Summe, die ich an Steuern zu überweisen habe, gehört auch zu den Bonussen. Das kommt an mich zurück. Mein eigenes Einkommen mit dem hier, das ist immer netto, Elke. Da kriegt keiner was ab von. In Wahrheit. Na, von dir und Markus abgesehen. Ihr lebt auf meine Kosten, du und Markus."

Den Kopf schüttelte Elke Steltz. Elke Steltz, die aussah wie eine, der die Arithmetik zu hoch war, der sie lauschen mußte.

Elke fest ins Auge gefaßt, setzte Robert Steltz das mit seinem Geschwätz fort: "Mir ist's egal, ob ich mich wiederhole, Elke. Wie gesagt: Einmal ist das Essensware. Für geschlossenene Gesellschaften in Hinterzimmern, denk ich. Fürs Kochen und Braten. Was die Vorbereitung angeht, dafür bin ich nicht zuständig. Ich meine, ich paniere die Schnitzel nicht. Ich brate hier hinten nichts, packe das dann, in Plastik eingeschweißt, weg. Das macht alles woanders ein Koch. Vielleicht ein Gourmet-Koch, Elke. Legt vielleicht was davon über Nacht in Balsamico-Essig ein. So was. Geht's in die Küche, müßte ich eigentlich nicht viel aufpassen. Nur, wenn's an die Chirurgentheke geht, Elke. Da mach ich mir immer Sorgen, geht bei mir mal ein Schnitt in die Hose. Versuch deshalb, ganz scharf aufzupassen. Konzentriert zu arbeiten. Nicht, daß ich 'ne Beschwerde bekomme. Weil ich zu viel kaputt gemacht hab ... Nein, nicht das Ritzchen eines Schadens darf Ware haben, wenn es für Ärzte ist. Durchtrenne ich wo ein Kreuzband, geht die halbe Welt unter. Nur, wenn sie's kochen, braten - da kümmert das nicht. Was die Gäste nicht runterlutschen, kriegt vielleicht der Hund. Was sonst noch bleibt, vielleicht verarbeiten sie's zu Mehl. Dünger für den Garten ... Oder es ist Saucenbinder."

Elke glotzte nur dumpf.

Robert Steltz überlegte, ob das mit seiner Gerede nicht bald zu lange ging. Dann zuckte Robert Steltz die Schulter.

"Fassen wir mal alles zusammen hier, Elke: Ich bin der Jäger, zuständig fürs Fangen, Erlegen. Ich beschaffe die Ware. Ich zerlege, portioniere. Verpacke alles in die Tupper. Das landet in den Kühltruhen da, die du auf den Holzpaletten siehst. Ich habe dann noch verschweißtes Fleischzeugs aus dem Supermarkt, von Kalb, Schwein, Elke. Das ich oben draufleg. Die Truhen da rauszufahren hier, hab' ich mir den schnieken, roten Gabelstapler zugelegt, Elke ... Hast schon recht damit, nicht viele haben privat einen Gabelstapler - hahaha! Brauch ihn ja eigentlich nicht privat, um mit so was anzugeben, sondern beruflich. Fürs Verladen meiner Ware. Wenn alles für den Abtransport in den Miettransporter bereit ist."

Elke seufzte müde, traurig.

"Keine Ahnung, Elke, wie viele Leute schon mit Organen herumlaufen, die ich geliefert hab. Fast fühl ich mich immer wie ein Wohltäter, fahr ich an 'nem Krankenhaus vorbei. Wegen mir, wegen mir sind ein paar Leutchen nur überhaupt noch am Leben, Elke. Weil ich meinen Job hier mach ..."

Daß ihr Ehemann die Widerwärtigkeit in Person war, war das, was Robert Steltz im Ausdruck von Elkes Augen lesen konnte.

Schulterzucken Robert Steltz'.

"Hör mal, Elke, so ist das auf der Welt: Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Nur, weil Leute bei mir bestellen, und ich dafür bezahlt werde, liefere ich. Wenn nicht bei mir nachgefragt würde, hätte ich den Job nicht. Würde mein Phone nicht Musik spielen, bliebe das stumm, wüßte ich nicht, welche Zahlen ich zu liefern hätte. Die Orte, zu denen ich alles hinbringen soll, wechseln ständig. Eine Nutte ohne ihre Freier, die ist doch auch nichts, Elke. Die steht nur so stundenlang blöde mit kaum was an am Straßenrand rum, hält bei ihr keiner. Irgendwann geht sie wieder nach Hause, ändert sich da dran nichts, daß keiner bei ihr stehenbleibt, oder? Daheim macht sie was andres, vielleicht bei sich die Wohnung staub-saugen ... Bleibt das Tage so, daß keiner was von ihr will, vergißt sie die Sache mit der käuflichen Liebe am Ende ganz. Das, daß sie als Nutte arbeiten hätte wollen, ein Unfall ... Klar, was ich sagen möchte, Elke?"

Elkes Blick beharrte auf der Feststellung, wie sehr ihr Ehegatte Robert sie anwiderte.

 

"Soll ich dich jetzt sofort drannehmen, Elke?" fragte Robert Steltz Elke. "Oder willst du warten, bis dein Liebling, dein Liebling Stadler von nebenan, hier dazukommt? Könntest dabei zusehen, wie ich mich mit dem beschäftige, Elke. Den muß ich noch zu uns ins Haus rüberlotsen, Elke, den ollen Stadler, deinen 'loverboy'. Das muß ich irgendwie schaffen, daß der zu uns rüber und ins Haus hier reinmarschiert kommt. Ganz schön schwer, der fette Mistkerl. Besser, ich sorg dafür, daß er von selber rüberkommt. Den schleppen zu müssen ... Schubkarre ging ja noch; wenn sich der olle Stadler vorher reinsetzt ... Macht er das nicht, muß ich für den Gabelstapler holen, Elke. Muß mit dem Stapler rüber, beim Stadler-Haus was machen ... Erst ihn mit dem Stapler in 'ne Kiste hieven, Deckel drauf. Dann die Kiste hier rüberfahren, zu uns. Hahaha! Haben wir hier im Haus überhaupt eine Kiste, in die der olle Stadler reinpaßt? Glaub, die muß ich mir erst besorgen ... Oder ich nehm eine der Truhen hier mit rüber - hahaha! Glaube aber, der olle Stadler kommt auf eigenen Füßen hierher rüberspaziert, zu uns ins Haus rein. Sicher das Beste für die in der Nachbarschaft. Sonst muß ich auch noch mit welchen von denen was machen. Haha!"

Elke fehlte der Sinn für den Witz im Moment. Dumpf stierte Elke auf ihren Ehemann Robert Steltz.

Die Miene eines Menschen, einem zugeneigt, setzte Robert Steltz auf. "Hm, Elke-lein. Elkelein, mein liebes Schatzi. Schon die Frage, ob der olle Stadler das macht, einfach zu mir ins Haus reinkommen möchte, wenn er dich nicht sieht, Elke ... Ich mein, der olle Stadler ist vielleicht doch gewarnt. Er hat ja was mit dir, und du bist meine Frau. Da wird der olle Stadler sicher auf so Zwischentöne achtgeben, sich zwei-, dreimal von mir bitten lassen, bis er mir zur Haustür hereinkommt. Was meinst du, Elke-lein? Weiß nicht - magst du mir da nicht ein bißchen helfen? Mir nicht helfen, das Problem mit dem zu lösen? Wär das nicht was für dich? Vielleicht ..."

Spontanes Kopfschütteln Elkes.

Dann starrte Elke auf ihren Ehemann Robert, als wäre ihr eben in der Sekunde was gekommen, so eine Idee.

Das Grinsen gefror Robert Steltz im Gesicht.

"Nein, nein, muß nicht unbedingt sein, Elke, daß du mir hilfst." Robert Steltz winkte ab. "Nein, so dringend brauch ich dich nicht dabei. Wirklich nicht. Wird sich schon irgendwie was ergeben. Daß der olle Stadler zu uns rübermacht und hier ins Haus reinmarschiert. Kann der auch ohne dich. Ganz von selber. Obwohl ich der bin, den er vor sich sieht, kein Elke-Schatzi weit und breit. Da mach ich mir keine Sorgen, Elke. Das mit dem ollen Stadler, das wird schon werden. Werd ich schon was regeln können."

 

Das nächstemal auf ihre Beine hochgekommen wankte Elke hin und her, als wäre sie betrunken. Oder wie ein Blatt im Wind.

"Wirklich nett, wie wir so im Moment zusammen sind, Elke. Hätt ich mir alles auch nicht so gedacht. Heute den ganzen Tag, noch keine solche Idee gehabt, daß das wahr werden könnte. Der olle Stadler und du ... Stell mir vor, Elke, fast bin ich mir das sicher, Stadler wird dem Nachbarn, dem er die Frau vögelt, dem Idioten, von dem er denkt, daß der von nichts was weiß, der freundlich ist, ihn einlädt, zu ihm ins Haus zu kommen, am Schluß nichts abschlagen wollen. Bei allen möglichen Gedanken, die er vielleicht im Kopf hat, der olle Stadler. Nein, Stadler, der wird nicht bei sich drüben im Haus bleiben. Nein, Stadler wird schon mit mir mitkommen. Zu uns rüber, Elke. Der denkt, er sieht dann dich bald, wenn er hier reinkommt ... Mehr, als daß Stadler hier kurz ins Haus reinspaziert, braucht es nicht. Ob du dann Stadler noch lange fehlst, wenn er erst hier drinnen ist, Elke ...? Er muß überhaupt nichts mehr von dir zu sehen kriegen, Elke. Nichts mehr. Warum denn auch?"

Keine Taumeligkeit mehr bei Elke; still dastehen konnte Elke plötzlich, Elke mit dem breiten braunen Klebeband vor dem Mund.

"Stadler, den nehm ich mir dann mit besonderem Vergnügen vor, Elke." Breit grinste Robert Steltz. "Ob an dem Fettsack nun vieles dran ist, was zu gebrauchen ist oder nicht, mir kann das egal sein. Wie gesagt, schon ziemlich alt, der Bursche. Speckige, alte Schwarte. Stadler sein Sack, wenn der nicht zäh ist ... Könnt mir trotzdem denken, ein Koch, einer mit ein paar Sternen, der könnt aus dem einen oder anderen Teil von Stadler noch was Gutes machen ... Vielleicht legt er das Fleisch von Stadler über Nacht in eine Marinade mit viel Gewürz. Chilischoten, Pfefferkörner, Knoblauch, Ingwer, Lorbeerblätter. Eine Mischung, aus den erlesensten Essigessenzen ... Viel Chili, ist doch gut bei qualitativ minderwertigem Fleisch. Ah, Elke, wer's mit dem Fleisch kann ... Den Rest, den gibt's dann vielleicht im Hundefutter. In die Paste kann man wirklich alles untermischen ..."

Elkes Stieren.

"He, Elke, ich mein, wär sicher ein Spaß, wenn Stadler portioniert in Krankenhäuser geht ... Stadler, als Unfallopfer etikettiert. Als wär Stadler noch ein junger Kerl - hahaha! Weißt du, Karin, alles geht. Nichts, das vom Stadler nicht zu brauchen wär, wär Stadler nicht schon ein bißchen alt. Da gehst du schon noch besser weg, Elke. Haut hin, das von dir. Kann man ja von dir noch sagen, du bist jünger. Knochen, Hirn-, Hornhäute, Haut und Gewebe, Sehnen ... Was hier ist - Vollverwertung. Bis zum kleinsten Schnippel Gewebe. Bleibt von keinem viel, Elke, wenn man nicht will. Hahaha! Tausenderlei Möglichkeiten. Eine echte Industrie, das. Mußt du dir nur vorstellen. Hungrig wie die Aasgeier. Die einen. Die, die was von dir verspeisen wollen. Die andern, die wollen sich was von dir reinoperieren lassen. Die Chirurgen, was die immer Ersatzteile brauchen. Die in den Kliniken ... Was ich schon fette Bonusse gekriegt hab, Elke ... Na ja, langsam wiederhol ich mich hier. Dir wird's langweilig, Elke, mein Schatzi, nicht? Meinem lieben Elke-Schatzi, das sich vom ollen Stadler besteigen hat lassen, wird's langweilig. Vom ollen Stadler läßt es sich besteigen, das Schatzi. Läßt sich von Markus erwischen, wie es auf dem ollen Stadler oben sitzt ... Wie oft hab ich das jetzt schon wiederholt?"

Die Augen hatte Elke weit aufgerissen.

"Deine zwei Augäpfel, Elke ... Vielleicht soll ich selber ... Selber mal was probieren, nicht? Bei dir könnt ich jetzt 'ne Ausnahme machen. Nicht alles für andre wegpacken, wie sonst immer. Was meinst du, soll ich was mit deinen Augen machen? Sie mir zubereiten? Glaub nur, müßt ich dein Hirn fressen, müßt ich speien ..."

Die Luft stieß Elke durch die Nase aus. Auf den Betonboden ließ Elke sich vor Schwäche zurück niedersinken.

 

Die Mundwinkel hatte Robert Steltz herabgezogen, während er Ehegattin Elke betrachtete.

"Erst hochkommen, dann sich wieder niederhocken ... Hoch macht sie, geht nieder. Kommt hoch, setzt sich wieder hin. Trotzdem, trotzdem find ich, alles klar. Du hast mich satt. Du hast mich so was von satt, Elke. Du wärst gern woanders, jetzt. Nicht hier jetzt. Dort am Boden. Viel lieber wärst du mit jemand anders zusammen ..."

Keine Regung Elkes.

"Klar, daß ich mir alles denken kann, wo die Rippchen und alles, was ich liefere, hinkommt, Elke,", setzte Robert Steltz noch mal fort. "Für mich kein Geheimnis. Hm! Was es da für Feinheiten gibt, Elke! Aus dem Nasenknorpel so einer Schönheit wie Lena hier - Lena, die hier abhängt, Elke -, läßt sich das schönste Stupsnäschen modellieren. Könnte ein echt sexy Stupsnäschen werden bei einer. War schließlich eins. Müßte sich keine Sorgen machen, sie würde nicht aussehen wie ein Laufstegmodell, wenn sie das wo im Katalog bestellt hat, das 'Lena-Näschen'. Glaub mir, Elke, es gibt auf der Welt kein Dokument, das man nicht fälschen kann. Die Leute verlassen sich alle aufeinander. Die verlassen sich darauf, daß die Herkunftswege von Organen stimmen. Meinst du, die in den Krankenhäusern haben viel Zeit, nachzufragen? Sich viel um was zu kümmern, das können die? Meinst du, die verfolgen ständig Lieferwege zurück? Wenn sie Tag und Nacht nichts machen, als zu operieren. Außerdem, doch eigentlich immer alles einwandfrei, jedes Schriftstück, mit echtem Stempel versehen, wenn sie draufschauen. Hahaha! 'Dokumentenecht'. Kann mir nicht vorstellen, daß hier einer dort, wo ich hinliefere, größere Fehler macht. Solltest du dir nicht anders vorstellen, Elke, als daß hier keine Fehler gemacht werden. Warum auch? Muß man Fehler machen? Für die Polizei?"

Wieder, daß es Elke die Augen aus dem Kopf trieb.

Voll rot im Gesicht, Elke. Eine Todesangst hatte Elke.

"Krieg echt hübsch viel Geld dafür, pro Näschen, das ich ranschaff, Elke." Die Schulter zuckte Robert Steltz. "Ich sag dir, so viel, wie ich krieg ... Überlegt man sich das - eine zahlungskräftige Kundschaft, an die die Ware geht. Die müssen auch alle Geld wie Heu haben. Tja, es wird nachgefragt, sie bekommen geliefert. Ich bin der Beschaffer der Ware. Andere verkaufen sie weiter. Ist doch genau so beim Elfenbein, beim Thunfisch, den Schildkröteneiern. Oder den Haifischflossen. Nur die Flossen, Elke. Nur die Flossen. Den Rest schmeißen sie ins Meer zurück. Millionen toter Haie. Was weiß ich, was sonst noch los ist auf der Welt. Nashörner, Wale, Gorillas ... Tiere am Aussterben oder nicht, wen juckt's? Wen juckt's? Oder, ob man noch was fischen wird können, in der Zukunft, keine Menschenseele juckt's. Einsam und verlassen da alles. Die riesigsten Fischerpötte kuttern aufs Meer hinaus, fangen dann eben Quallen. Sonst nichts mehr. Na ja, Quallen weiß man auch schon lange, wie die schmecken. Du auch, Elke. Haben wir letztens zusammen im Wohnzimmer in einer Dokumentarsendung gesehen. Ich und du vorm Fernseher, nicht? Erinner ich mich recht, haben die probiert und gesagt, daß die Qualle irgendwie nach Plastiktüte geschmeckt hat. Oder, Elke? Plastiktüte, nicht? Na ja, Plastiktüte. Muß man auch erst mal probieren, 'ne Plastiktüte. Vielleicht hat man aber nur nicht die richtige Zubereitungsart auf Lager gehabt, für die Qualle. Oder die Plastiktüte ... O ja, vielleicht hatte man nur nicht den richtigen Geschmack dran. So den Schmackofatz. Den Bums. Vielleicht macht man dann besser in der molekularen Küche was mit Quallen. Oder man serviert Plastiktüte."

Die Wangen aufgeblasen, schaute Robert Steltz auf seine Frau Elke herunter.

"Egal, Elke. Alles totalegal. Nachfrage bestimmt das Angebot, Elke. Ohne Nachfrage, kein Angebot. Gäb's hier keine Leute, die nachfragen, würd ich was anderes machen. Wie die Nutte, von der ich dir schon erzählt hab. Bloß, viel, viel Nachfrage gibt's. Bei den Bräuten am Strich. Die Kerle stehen in Reih und Glied. Und bei mir, Elke, ist nicht viel was anders. Es herrscht ein Hunger. Ein Riesenhunger. In der Küche bruzzelt. Im Ersatzteillager steht dem Vorarbeiter der Schweiß auf der Stirn, wenn ihm was fehlt. Sonst würd ich nicht so viel in der Sache durch die Gegend fahren. Alle paar Tage ... Hab schon mal eine Zeitlang befürchtet, Elke, bald müßt ich noch täglich los. So hungrig sind hier welche, Elke. Die andern, die brauchen ihre Ersatzteile, wie irr. Hungrige Mägen wollen gefüllt werden ... Ich helf da ja auch gern. Hab auch schon gern ausgeholfen. Als Dienstleister. Bin ein Dienstleister. Ich sorg dafür, daß immer alles auf Lager ist, Elke. Etwas in der Vorratskammer. Solange ich dafür bezahlt werde, gibt's da was von mir. Mit einem gewissen Gefahrenzuschlag."

Schrille Laute kamen von Elke.

Befremdlich guckte Robert Steltz auf Elke. Wirkte ja, als würde Elke ihm demnächst verrückt.

"Du sagst es, Elke - ich quacke und quacke", konstatierte Robert Steltz, betrachtete Elke. "'Quack', 'quack' mach ich. Dir geht's auf den Keks. Das Fleisch von denen da, die da abhängen, fängt ja noch zu gammeln an hier, wenn ich dich weiter mit meinem Gequassel langweil. Oder die Fliegen hier fressen mir die zwei weg. Also: genug geredet, Elke."

Kopfgeschüttle Elkes.

Hoch kam Elke wieder auf die Füße, als merke sie plötzlich was.

"Was kannst du hier jetzt noch unternehmen, Elke?" erkundigte sich Robert Steltz bei seiner Frau. "Was willst du gegen mich machen? Willst du versuchen, mir den Kopf in den Bauch zu stoßen? Mich mit der Schulter rammen, mit aller Kraft ...?"

Zwei große Schritte nach vorn machte Robert Steltz unvermittelt, trat nach Elkes Füßen.

Mit panisch verzweifeltem Kreischelauten trotz des Knebels stürzte Elke schwer auf den Betonboden nieder.

"Hoffe, Elke, du hast die Zeit genossen, die du noch hattest", öffnete Robert Steltz ein letztes Mal für seine Frau, auf die er fasziniert runterblickte, den Mund. "Erst mal sorg ich aber jetzt dafür, daß die Welt dunkel wird für dich, mein Liebling. Daß die Schwärze kommt. Dann nehm ich dir die Handschellen ab, tu dir die Fußfessel weg. Als nächstes schneid' ich dir die Kleider runter. Dann die Haare. Dann rasier' ich dich. Ganzkörperkokeln der letzten Härchen, Elke. Dann häng ich dich hier zu der restlichen Ware dazu, Elke, zu den beiden da, Benny und Lena. Du wirst dich erst mal schön ausbluten, meine Liebe ... Wir sehen uns, Elke!"

Herab beugte sich Robert Steltz, schlug Elke mit der Unterseite der Faust, in der er auch das Beinmesser hatte, heftig gegen die Schläfe.

 

 

Gerührte Eier und Speck klatschte Robert Steltz mit dem Löffel auf zwei Eßteller. Anschließend nahm Robert Steltz die Teller, brachte sie aus der großen, blaugefliesten Küche nach nebenan ins Eßzimmer, plazierte sie gegenüber auf dem Rundtisch.

Mit einem Handtuch sich die kurzen Haare rubbelnd, kam Markus zu seinem Vater herein, guckte komisch aus der Wäsche.

"Wo Mutti ist, Vati - das kannst du mir nicht doch sagen?"

"Deine Mutti ist plötzlich fort hier, raus aus dem Haus. Mitten in der Nacht. Abflug." Die Schulter zuckte Robert Steltz.

"Ist Mutti weggefahren, vielleicht zu ihren Eltern?" erkundigte sich Markus, der seinen Vater Robert anschaute. "Ihr habt gestritten, Mutti und du? Komisch, ihr hattet einen heftigen Streit, und ich bin davon nicht wach geworden ..."

"Eigentlich haben deine Mutti und ich uns nicht lange viel angeschrien." Den Kopf schüttelte Robert Steltz. "Kaum einmal, daß es lauter geworden ist. Dann ist deine Mutti raus aus dem Haus geschwebt. Weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll. Das vorher, das war eher eine größere Meinungsverschiedenheit. Ja, eine Unterhaltung hatten deine Mutti und ich. Was andres war das nicht. Ohne viel Schreierei. Dann ist deine Mutti unvermittelt aus dem Haus rausgelaufen. Hab sie über die Straße rennen sehen. Die vordere Gartentür drüben hat sie aufgemacht. Die war nicht abgesperrt. Was ich sagen will: Deine Mutti ist nach nebenan rüber, zu diesem Stadler ... Ihr Auto steht immer noch in der Garage, also ist sie noch da. Nur drüben. Als ich vorhin wieder im Garten draußen war, bin ich durch die Garage deiner Mutti raus. Hab ich Muttis Auto immer noch drinnen dastehen sehen ..."

"Also doch!" entfuhr es Markus, als könnte er die Tatsache nicht fassen. "Warum sagst du das nicht, wie's ist, Vati?"

"Weil ..." Die Schulter zuckte Robert Steltz.

"Wirklich wahr, Mutti ist beim ollen Stadler im Haus drüben? Glaub's nicht. Glaub's ja nicht. Jetzt, im Augenblick, ist Mutti beim ollen Stadler drüben? Mutti, Mutti, sie hat dich wegen dem ollen Stadler verlassen? Echt wahr ...?"

"O ja, Markus!" Mit gerunzelter Stirn nickte Robert Steltz zu Markus, seinem Sohn, der ihm gegenüber am Tisch dahockte, hinüber. "Hab Mutti hinterhergesehen, dabei zugesehen, wie deine Mutti nach drüben gelaufen ist. Wollt deiner Mutti aber nicht lange nachlaufen. Führt doch zu nichts. Deine Mutti und ich, wir haben gestern Klartext geredet. Deine Mutti hat mir klipp und klar gesagt, daß sie mich nicht mehr mag. Eigentlich war das doch schon auch mal lauter, Markus. Du hast tatsächlich nichts gehört, Markus? Deine Mutti und ich, wir haben uns die Meinung gesagt. Angeschrien haben wir uns auch schon mal. Deine Mutti hat am Schluß gemeint, sie mag mich einfach nicht mehr sehen. Keine Minute länger bleibt sie bei mir im Haus. Eine Sekunde drauf ist deine Mutti hier zur Haustür rausgerannt. Muß sie ja auch nicht, bei mir bleiben, sag ich, wenn sie mich nicht mehr mag. Sie mag mich nicht mehr, hat deine Mutti gesagt. Bei jemand andern wär sie viel, viel lieber. Am liebsten wäre sie jetzt schon dort, bei ihm drüben, sagt Mutti; viel, viel lieber wäre als bei mir wäre sie bei ihm, bei dem nebenan. Beim ollen Stadler. Das wäre der Mann, der sie liebe. Immer könnt sie jederzeit zu ihm rüberkommen. Mit offenen Armen würd er sie empfangen. In einer Sekunde ist deine Mutti hier zur Haustür raus, Markus. Konnt dann deiner Mutti nur noch hinterherschauen. Rübergerannt ist sie. Rüber zu ihm. Mutti ist jetzt bei ihm drüben, beim ollen Stadler."

"Und du hast Mutti einfach so rüberlaufen lassen zu dem?" war Markus voll ungläubig, starrte seinen Vati an, daß Robert Steltz, Elke, seine Mutti, in ihm sah. "Du läßt Mutti einfach schnell zu dem ollen Stadler rüberturnen? Glaub ich ja nicht. Glaub alles nicht."

"Was hätt ich deiner Meinung nach mit deiner Mutti machen sollen?" kam Robert Steltz' Erwiderung. "Kann deine Mutti doch schlecht hier drinnen anketten. Sie fesseln und knebeln. Deine Mutti hat gemeint, sie liebt mich nicht mehr. Sie liebt jetzt ihn, den Stadler. Mit dem möchte sie zusammensein, viel lieber als mit mir. Mehr als mich liebt sie ihn, diesen Stadler, hat Mutti gesagt. Seit Monaten schon, daß sie nur noch den liebt. Wenn deine Mutti das meint, daß sie den ollen Stadler liebt, bitteschön, Markus, soll sie ihn lieben ..."

"Wirklich, das alles hat Mutti zu dir gemeint, Vati ...?" Die Augen Markus' waren groß, erstaunt; außerdem war Markus' Miene unvermittelt eine gewisse Enttäuschung anzusehen, als wäre ihm etwas aufgegangen. Einer, dem irgendwelche Felle davongeschwommen waren, Markus.

"Du beeilst dich jetzt mal besser mit dem Frühstück, Markus", hielt Robert Steltz als Tatsache für Sohnemann Markus fest. "Daß deine Mutti jetzt bei Opa Stadler drüben im Haus ist, heißt für dich nicht, daß du heute nicht in die Schule mußt. Daran ändert sich deswegen nichts. Du gehst in die Schule, auch wenn deine Mutti und ich Probleme haben. Heute ist Schule. Für dich ist Schule, Markus, hörst du? Fahr eben ich dich mal in die Schule, nicht Mutti. Wenn wir aber in die Schule wollen, sollten wir langsam mal Gas geben hier, Markus. Zumindest zur zweiten Stunde solltest du in der Schule sein. Über deine Mutti können wir uns am Nachmittag weiter unterhalten, wenn du wieder heimgekommen bist. Dann ist Zeit genug. Dann weiß ich vielleicht auch schon ein bißchen mehr von deiner Mutti. Wie die sich das vorstellt, wie das jetzt weitergeht. Mit ihr und mir, mit ihr und mir und dir, Markus. Die kommt sicher irgendwann noch mal hier rüber zu mir, denk ich mir. Schon vorstellbar, daß die von selber hier rübermarschiert kommt, Markus. Hat bestimmt mit mir noch ein paar Kleinigkeiten zu besprechen. Vielleicht erklärt sie mir noch mal ein paar Sachen deutlicher. Werden sehen, was Elke macht."

"Dacht aber schon, ich könnt frei haben, wenn Mutti ...", fiel es Markus ein, bei seinem Vater ranzusäuseln.

"Nein, nein, Markus. Du kannst dir deswegen nicht extra frei nehmen. Bloß weil Mutti sich mit mir gestritten hat, zu dem in der Nachbarschaft rübergelaufen ist, heißt das deswegen wirklich nicht, daß sich daran was ändert, daß du in die Schule mußt. Du gehst in die Schule." Die Mundwinkel hatte Robert Steltz herabgezogen. "Hör mal, du gehst in die Schule wie sonst auch. Der einzige Unterschied: Heute fahr ich dich in die Schule. Hör mal, Markus: Ob du, wenn ich und deine Mutter sich scheiden lassen, zu deiner Mutter kommst, werden wir dann die Tage, Wochen sehen. Kannst du dir ja überlegen, zu wem du lieber möchtest, lassen Elke und ich uns scheiden. Vielleicht wirst du gefragt, zu wem du willst. Auf alle Fälle sieht's so aus, daß Elke mir fremdgegangen ist - nicht ich ihr ... Elke hat was mit dem Nachbarn, sagt, sie liebt den. Hat Elke wirklich zu mir gesagt, daß sie ihn liebt, ihn, diesen alten Fettsack. Da war Elke ganz offen zu mir. Elke oder ich, Markus. Das ist dann deine Entscheidung. Demnächst. Darüber kannst du dir in nächster Zeit den Kopf zerbrechen."

"Dieser olle Fettsack Stadler, er und Mutti ..." Den Kopf schüttelte Markus. "Der ist doch alt. Viel zu alt ist der. Ich mag den auch nicht. Wie der aussieht ... Sieht ja jeder andre in der Nachbarschaft besser aus als der ... Und Mutti, Mutti, mit dem zusammen ... Erzählen darf ich's keinem."

"Dann halt den Mund." Seinen Sohn starrte Robert Steltz an.

An dem Ei mit Speck kaute Markus fleißig, biß unverdrossen in die frischen Brötchen.

Ganz schönen Hunger hatte Markus. Auf Markus' Appetit hatte es sich nicht geschlagen, daß seine Mutti nicht im Haus war. Da hatte Robert Steltz seinen Sohn schon anders erlebt.

"Ich bring dir noch was von dem Speck mit Ei, Markus."

 

"Und du willst jetzt wirklich nicht sofort was unternehmen, Vati?" fragte Markus bei seinem Vater Robert Steltz nach, der sein Teller nur halb aufgegessen hatte, während Markus das seine schon das zweitemal leergemacht hatte. "Du willst nichts mit dem ollen Stadler machen?"

"Du meinst, wenn ich jetzt wegen Mutti und Opi Stadler was mach, mußt du nicht in die Schule?"

"Menno!"

"Was soll ich denn deiner Meinung nach mit dem ollen Stadler machen, Markus? Oder mit Mutti?" Robert Steltz winkte ab. "Mutti muß selber wissen, was sie will. Wenn sie was von dem alten Fettsack von nebenan will, bitteschön ... Zu mir hat sie jedenfalls gesagt, daß sie den liebt. Sie liebt ihn. Was soll ich da jetzt groß anstellen deswegen? Denk mal nach Markus. Denk scharf nach ... Die warten doch bloß da drauf, daß ich jetzt was mach. Rumflippe dort. Wenn ich doof bin, zu Opa Stadler rüberlatsche, herumschrei, dann kommt die Polizei schnell angefahren. Parkt vorm Haus vom ollen Stadler. Drauf kannst du wetten, daß das passiert. Können wir aber gut drauf verzichten, nicht? Nicht wahr, Markus? Wär doch nur 'n Heidenspaß für diesen Stadler und deine Mutti, oder? Der und deine Mutti, die lachen sich schief. Den Spaß muß ich denen nun wirklich nicht unbedingt gönnen, daß Elke und der die Polizei herbeirufen dürfen."

Markus staunte seinen Vati großäugig an.

"Denk doch nach, Markus: Deine Mutti und ihr neuer Freund, Opi Stadler, die denken das doch jetzt sicher auch, daß ich jede Sekunde bei ihnen drüben vor der Haustür steh, ihnen im Garten rumturnen könnt. Ich mich aufführ, als hätt ich die Tollwut. Das haben Opi Stadler und deine Mutti sicher schon lange miteinander beredet, was dann sein wird. Alles ist dafür bereit."

Die Lippen schürzte Markus.

"Siehst du das nicht, Markus? Der Stadler und Elke, deine Mutti, die erwarten das doch. Daß ich zu ihnen rüberkomm, rumplärr, mich aufführ, als hätt ich die Tollwut. Die klatschen sich in die Hände, wenn sie mich drüben rumhüpfen sehn. Die Polizei, die kommt in fünf Minuten hier angefahren, nimmt mich mit. Vielleicht werd ich sogar in Handschellen weggeführt, während in der Umgebung hier schon alle zusammengelaufen sind, dabei zuschauen, was die Polizisten mit mir machen. Vielleicht krieg ich noch Haue, weil ich bei einem der Beamten dumm geguckt hab. Nein danke, Markus! Brauch ich nicht."

Oberblöde glotzte Markus. Zum Reinhauen oberblöde, fand Robert Steltz.

"Opi Stadler, deine Mutti, die haben die Nummern vom Notruf, von der Polizei sicher längst eingetippt, abgespeichert, Markus. Alles haben deine Mutti und der olle Stadler längst miteinander diskutiert. Alles liegt griffbereit, bei denen, Markus. Für den Augenblick, daß ich ... Nein, nein, sag ich dir. So wird das nicht hier laufen. So nicht. Vielleicht unterhalt ich mich heute sogar überhaupt nicht mehr mit deiner Mutti. Auch wenn die plötzlich hier rüberkommt. Wär sicher sogar nicht unklug, ich würd das bleibenlassen, deiner Mutti die Haustür aufzumachen. Wenn es die Anwälte am Schluß regeln müssen, kann der von Elke mir wenigstens so Scheiß nicht anhängen. Nein, Markus, das Beste ist, ich bleib ruhig. Beherrsch mich. Wart ab, was da kommt. Soll Opi Stadler deine Mutti doch glücklich machen, wenn die denkt, der macht sie glücklich ..."

"So fett und alt wie der ist, Vati. Fett und alt. Eine Speckschwarte. Eine Bierwampe ..." Den Kopf schüttelte Markus. "Kann's nicht verstehen. Überhaupt nicht verstehen, was Mutti an dem findet."

"Mußt du auch nicht verstehen, Markus. Weil's da nichts zu verstehen gibt. Deine Mutti und der, der olle Stadler - mußt du nicht verstehen. Wenn's deiner Mutti Spaß macht, bitte. Wir werden sehen, wie das weitergeht. Wie das mit deiner Mutti und mir hier weitergeht. Die Zeit, die rennt ja geradezu. Jetzt ziehst du dich schnell an, sag ich, Markus. Sofort, daß du das weißt. Du mußt in die Schule. Du solltest wenigstens im Lauf der zweiten Stunde jetzt in deiner Klasse, sein. Wenn du am Nachmittag heimkommst, sehen wir hier weiter. Kapiert?"

"Ach, bitte, Vati, könnt ich nicht doch daheimbleiben ...?" wollte Markus es tatsächlich wissen, wie es um die Entschlossenheit seines Vaters wirklich stand. "Heute ist so ein Scheißtag. Mutti, bei dem ollen Stadler drüben ... Und in der Schule ... Zwei Exen, Va-ti ... Wär nicht so gut für mich, auch nur eine schreiben zu müssen ... Dritte, vierte Stunde ... Hätten die die Exen nicht erste, zweite halten können ..."

"Du kleine, miese Tölle", fuhr Robert Steltz seinen Sohn Markus an, total der Ausbruch. "Du ziehst dich jetzt ganz schnell an, sag ich. Du fährst dann mit mir in die Schule Oder es passiert dir was. Daß du es nicht glaubst, was dir passieren kann ..."

Die Augen riß Markus weit auf.

Viele Möglichkeiten hatte Markus nicht, irgendwo hinzukommen, der Gegenwart seines Vaters Robert Steltz zu entfliehen, der aufgesprungen war, drohte, auf ihn loszumachen.

Auf seinem Holzstuhl am Eßtisch sank Markus regelrecht in sich zusammen. Ganz klein war Markus.

"In fünf Minuten, Markus, bist du für die Schule fertig angezogen. Dann geht's ab, in deine Schule. Heute fährst du auf jeden Fall dorthin, mein Lieber. Vielleicht morgen, übermorgen, daß du mal daheim bleiben kannst. Vielleicht schreib ich dir eine Entschuldigung, daß du die ganze nächste Woche frei kriegst. Kommt ganz drauf an, ob ich wieder für länger los muß. Alleine machst du sowieso, was du willst. Und wenn Mutti nicht da ist, weil sie ... höchstens kurz hier rüberschaut ... Obwohl ich nicht da bin, läßt sie dich alleine hier drüben, Markus ... Mal sehen, wie wir alles die nächsten Tag miteinander regeln hier. Du und ich. Deine Mutti und ich. Wenn deine Mutti das wirklich wahr werden läßt, daß sie mich verläßt. Los jetzt - du hast noch drei Minuten ... In drei Minuten bist du hier unten ... Mach heute ja bei mir keinen Fehler, mein Lieber ... Glaub mir, es ist besser, du gehst schnell los, ziehst dich an ... Schule ist heute für dich!"

 

"Halt!" schrie Markus am Beifahrersitz.

Aus seinem Gedanken gerissen überblickte Robert Steltz die Möglichkeiten voraus, stieg auf die Bremse, daß er spürte, wie er nach vor Richtung Lenkrad abheben wollte. Der Sicherheitsgurt verhinderte ein Unglück.

"Du hast die Ampel überfahren, Vati!" schrillte Markus. "Es war rot!"

Die Geistesgegenwärtigkeit des Autofahrers voraus, der anscheinend ohnehin vorsichtig und bremsbereit die Kreuzung querte, verhinderte den Auffahrunfall, ganz knapp.

Den Vogel bekam Robert Steltz von dem im blauen Auto gegenüber gezeigt, den Mittelfinger.

Daß ihm das Herz bis zum Hals schlug, ging Robert Steltz auf.

"War das Glück, Vati!" klang Markus von der Beifahrerseite.

Robert Steltz glotzte dümmlich zu dem Mann im anderen Fahrzeug hinüber, daß der ihm den mittleren Finger noch mal präsentierte.

Daß gehupt wurde, weil der Verkehr auf der Straßenkreuzung zu lange aufgehalten wurde, begriff Robert Steltz. Daß das das Unglück des Tages werden können. Wenn der andere, der Gegenverkehr war, nicht sehr zöglich auf der Kreuzung vorangefahren wäre und Markus nicht geschrien hätte. Dann wäre Robert Steltz dem gegenüber mit seinem Mietfahrzeug Höhe Umgebung der Scheinwerfer seitlich hineingekracht. Blechschaden, Scherben; Warten, bis die Polizei kam.

"Das war vielleicht eng, Vati", plapperte Markus, der seinen Vater groß anguckte.

"Halt's Maul", klang Robert Steltz für seinen Sohn auf, Robert Steltz, der für Weiterfahrt seines Wagens sorgte. "Halt besser dein Maul."

"Du hast mich schon lange nicht mehr in die Schule gefahren, Vati", tat Markus nicht wie verlangt. "Bei der übernächsten Ampel geht's nach rechts weg dann. Nicht geradeaus fahren. Wollt ich nur schnell mal erwähnt haben jetzt."

"Werd dich heute schon noch irgendwann in der Schule abliefern, kleiner Klugscheißer, da drauf kannst du dich verlassen", gab Robert Steltz zurück. "Wie's aussieht, versäumst du die Exen nicht. Die in der dritten und der vierten Stunde ... Hoff wirklich für dich, daß dir keine der Exen in die Hose geht. Wär nicht gut für dich, ich hör in der nächsten Zeit irgendwas davon, daß was in der Schule schiefläuft bei dir ..."

"Vielleicht komm ich ja zu Mutti, Vati", tönte Markus freiweg. "Sagt keiner, daß das sein muß, daß ich zu dir komme, Vati, wenn Mutti und du geschieden sind. Ist sogar eher wahrscheinlich, daß ich zu Mutti komm, erst was machen muß, wenn ich zu dir will, Vati. Wenn ich aber nichts mach ..."

"O ja, zu Mutti kommst du. Heute noch. Zu Mutti und dem Stadler-Opi kommst du, wenn du nicht scharf aufpaßt." Robert Steltz hustete. "Schauen wir einfach mal, was das in den nächsten Tagen alles wird, Markus, mein Lieber, das mit uns beiden. Ob du zu Mutti kommst und zum Stadler-Opi. Wir werden die nächsten Tage viel sehen, Markus. Viel werden wir sehen, die nächsten Tage. Das sag ich dir, wenn ich schnell weg muß - und es ist daheim irgendwas, wenn ich zurückkomm ..."

"Jetzt dann rechts weg, Vati", machte Markus aufmerksam, und Robert Steltz setzte sofort den Blinker. "Mutti ist doch nur nebenan bei Stadler, Vati. Mutti wird sicher öfter mal zu mir rüberkommen, nach mir zu schauen, wenn du nicht da bist. Wenn du nicht da bist, kann sie doch ins Haus, vormittags, nachmittags, abends ... Nur da drauf muß Mutti aufpassen, daß du ihr nicht begegnest, Vati ..."

"Du bist mir so ein schlaues Kerlchen, Markus. So ein ganz, ganz schlaues Kerlchen. Könnt schon sein, daß du zu Mutti kommst, so schlau wie du bist. Einer, der so schlau ist wie du, der könnt gut zu seiner Mutti kommen. Und zum ollen Stadler ..."

"Wir sind da", konstatierte Markus, deutete mit dem Finger.

"Ja, stimmt", gab Robert Steltz zu, bremste die Fahrt. In die erste freie Parklücke fuhr Robert Steltz ein.

Stille herrschte im Wagen.

"Deine Schule, Markus. Wir sind da. Steigst du nicht aus? Wär besser, du steigt aus. Hier drinnen bei mir kannst du nicht bleiben, mein Lieber. Würd sofort aussteigen. Sofort. Oder steigst du nicht aus?"

"Doch!" Nach dem Kunststoffgriff faßte Markus, die Beifahrertür nach außerhalb aufzumachen. "Na klar steig ich aus, Vati. Klar steig ich aus."

"Wann hast du heute genau schulaus, Markus?" stellte Robert Steltz schnell noch die Frage, ehe Markus wirklich ausstieg und draußen war.

"Ganz schön spät, um halb vier nachmittags", kam Markus' Erwiderung; das Kinn rieb Markus sich her, blickte seitlich nach seinem Vati zurück, die Füße bereits außerhalb am Gehsteig. "Heute ist Ganztag mit Zusatzunterrichtsstunden ab dreiviertel zwei. Frau Anlehn, die Mathe- und Physiklehrerin, ist zurück an der Schule. Die war seit Schulbeginn krank. Frau Anlehn gibt die nächsten Wochen jeden zweiten Tag nachmittags ein paar Stunden Zusatzunterricht. Der Stoff soll sitzen, hat Frau Anlehn gesagt ..."

"Gut denn, ab halb vier rum wart ich hier irgendwo auf ich dich", unterrichtete Robert Steltz seinen Sohn. "Ich denk, bis um fünf rum, daß ich auf dich wart, daß du kommst. Laß dir ja keine krummen Sachen einfallen, in der Schule. Glaub, da drauf kannst du dich nicht verlassen, daß deine Mutti dich zu ihr nimmt. Schwer zu sagen, ob Opi Stadler sich an dich gewöhnen mag, Markus, so wie der Knatsch mit seinen erwachsenen Fratzen hatte, was ich gehört hab. Glaub sicher, du solltest nicht viel an deine Mutti denken, Markus, sondern gut mit mir auskommen wollen. Glaub wirklich, ich muß die nächste Zeit Erkundigungen an der Schule einziehen, was dich betrifft, Markus. Was du im Unterricht so treibst, das. Was eben so ansteht, schulisch, bei dir, Markus. Alles, was den Vater eines Schülers interessieren könnte, Markus. Denk drüber nach. Denk mal, bleibt deine Mutti Elke, wo sie ist, kümmert sich nicht mehr um dich, muß ich das sogar, ein paar Fragen stellen, was so mit dir ist. Weiß ich nämlich überhaupt nicht genau, wie du dich in der Schule so machst. Hätt ich mich wohl die letzten Monate mehr drum kümmern müssen, was? Alles hat immer nur die Mutti gemacht, den Nachhilfeunterricht bestellt, einfach alles. Na ja, alles von meinem Geld bezahlt. Dafür habt ihr, du und Mutti, von meinem Geld gelebt. Und zwar sehr gut. Sehr, sehr gut."

"Schön, Vati. Bis heute nachmittag. Ich steig jetzt mal aus. Die erste Ex wird sonst noch ganz knapp ..."

"Das solltest du, Markus ... Das solltest du wirklich schnell, hier aussteigen ... Wirklich schnell solltest du aussteigen hier ..."

Ohne noch was zum Abschied zu seinem Vati hin zu sagen zu haben, erhob Markus sich auf die Beine, schlug die Autotüre zu.

Außerhalb von Vatis Auto hob Markus sich umständlich die blaue Schultasche auf den Rücken, die eigentlich nicht zu schwer sein konnte. 

Unmittelbar darauf marschierte Markus los.

Durch das offenstehende Gittertor hinein auf das Schulgelände schritt Markus.

Die freie Fläche, in den Pausen der vordere Schulhof, überquerte Markus.

Fünf betonierte Stufen stieg Markus hinauf, unbeschwingt, als wäre er tief in schweren Gedanken versunken.

Oben auf der Gehfläche zog Markus die große Glastür am Quergriff auf, verschwand hinein ins Innere des langgezogenen schulischen Gebäudes mit zwei Oberetagen.

 

In einer Sekunde war sein Sohn Markus Robert Steltz aus dem Bild verschwunden.

Nicht einmal, daß Markus sich irgendwie nach dem Fahrzeug seines Vatis umwenden hatte mögen. Vielleicht für einen allerletzten Abschiedsgruß.

Um den Geschehnissen eine andere Wendung zu geben, Markus vielleicht sogar zu sich zurückzuholen, hätte Robert Steltz aus seinem Mietwagen herausspringen und Markus hinterherlaufen müssen. Unentschlossen hockte Robert Steltz jedoch auf dem Parkplatz vor der Schule seines Sohnes Markus in seinem Auto, überschaute den geteerten Innenhof der Schule, die Straßengegend voraus, den Gehsteig, die dünnen Bäumchen, die von der Stadt in gerader Linie hingepflanzt waren. Auf der gegenüberliegenden Gehsteighälfte ebenso in einer Reihe alle paar Meter hintereinander.

Vor seinem geistigen Auge entstand Robert Steltz das Gesicht Opi Stadlers.

Fett und alt und voller Falten, der olle Stadler. Aber trotzdem einer, der Elke bei sich oben aufsitzen hatte. Auf und ab, daß die Reise Elkes zusammen mit Opi Stadler ging.

Dreiviertel sieben Uhr früh war es auf Armbanduhr gewesen, als Robert Steltz, auf der Rasenfläche vor seinem Haus herumstehend, aus den Augenwinkeln einen Wagen bei Opi Stadler auf die mit Steinfliesen versehene Parkfläche auffahren sah. Opi Stadler selber, der hinterm Lenkrad hockte; kein andrer konnte das sein.

Robert Steltz beeilte sich, durch die eigene Gartentür hinaus, über die Straße Richtung des Wohnhauses des ollen Stadlers zu kommen.

Aus seinem schwarzen Geländefahrzeug, in dem das Licht an war, daß Opi Stadler eben in der Sekunde herauskletterte, sich eine Papiertüte Brötchen vom Bäcker vor die blaue Hemdbrust drückend, als Robert Steltz um die hochstehende Hecke gebogen kam.

"O hallo, Herr Nachbar, so früh am Morgen schon unterwegs?"

"Was dagegen?" Opi Stadler, der mitten in der Bewegung innegehalten hatte, guckte nachdenklich und mit geschürzten Lippen nach Robert Steltz hin.

"Nein, nein!" Eine abwehrende Handbewegung machte Robert Steltz. Näher an Opi Stadler trat er heran.

Opi Stadlers Glatze glänzte richtig im Lichtschein der Garagenbeleuchtung.

Freundlich, servil, zuvorkommend lächelnd stellte Robert Steltz sich Opi Stadler gegenüber auf.

Nach der Größe zu urteilen, eine Zehner-Packung Brötchen vom Bäcker, die der olle Stadler heimbrachte. Ausreichend viele Brötchen für Frau und Kinder. Opi Stadler jedoch, der war alleinestehend. Die Frau, die war dem ollen Stadler vor dreieinhalb Monaten an Krebs gestorben. Die Kinder der Stadler-Leute waren schon seit Jahren außer Haus, wußte Elke ihrem Mann Robert zu erzählen. Die Vermutung stellte Elke auf, daß sich der Nachwuchs der Stadlers nach und nach ziemlich in Unfrieden bei den Stadlers verabschiedet hatte. Neuigkeiten vom ollen Stadler und seiner Ehegemahlin waren das, die Robert Steltz im Grunde genauso interessant gefunden hatte wie die Nachricht von einem rollenden Kiesel am Mars.

"Guten Morgen also Herr Steltz, was ist nun?"

"Guten Morgen, Herr Stadler!"

Einen grauen Stoppelhaarkranz präsentierte Opi Stadler. Einen ziemlichen Schmerbauch, trotz des weiten blauen Hemdes, von dem Stadler links und rechts Zipfel aus der grauen Altherrenhose hingen.

Vorteilhaft sah der olle Stadler nicht aus. Anzumerken war Opi Stadlers Miene kein bißchen was, daß er sich in frühester Morgenstunde dem Nachbarn gegenüberbefand, mit dessen Frau er unglaublicherweise Sexsachen am Laufen hatte. Sogar von Robert Steltz' Sohn Markus, der von der Schule heimkam, daß der olle Stadler sich im Wohnzimmer erwischen ließ. Mitten bei seinem potenten Treiben mit der Mutti.

"Fast ein sommerlicher Morgen, Herr Steltz, der heutige", klang es von Opi Stadler her auf.

"O ja! Ganz schön warm. War eine schwüle Nacht. Hab kaum was geschlafen. Wird einwandfrei heiß heute tagsüber. Nur strahlend blauer Himmel. Scheiß-Klimawandel. Hochsommer im September."

"Stimmt. Das stimmt. Kann nicht von mir behaupten, daß ich nicht auch dafür verantwortlich bin, für den Klimawandel. Lange genug fahr ich Auto. Wirklich lange genug."

"Bin gerade am Frischluftschnappen. Ein wenig hier die Straßen, Wege rauf und runter rumgegangen. Da seh ich Sie heimkommen, Herr Stadler ... Sie machen sich jetzt dann ihr Frühstück, nicht wahr?"

"Schaut ganz so aus. Stimmt schon, mach mir Frühstück, wenn ich drinnen im Haus bin. Bin aber noch nicht wieder drinnen bei mir im Haus ..."

"Mensch, Sie sind doch momentan ganz allein. Sie leben ganz allein in ihrem großen Haus da ... Was sagen Sie, wollen Sie nicht zu uns, zu mir und meiner Frau Elke, zum Frühstücken rüberkommen? Elke hat Speck und Eier in der Pfanne. Donuts macht Elke auch. Soll ein echtes amerikanisches Frühstück werden. Kennen doch Elke, die macht wieder viel zu viel zum Frühstück. Auch wenn ich wieder mal daheim bin, wird's für mehr als drei reichen. Na, ich werd mir auf alle Fälle tüchtig was nehmen. Aber Markus, wenn Markus die Treppe runterkommt ... Markus ißt vielleicht wieder nur ein bißchen was. Kommt drauf an, was für 'ne Laune Markus wieder hat. Wie wärs, wenn wir beiden uns heute schon in der Frühe zufällig sehen - wollen Sie nicht mit uns zusammen frühstücken, Herr Stadler? Mit Elke und mir? Wie gesagt, viel zuviel, was Elke wieder zum Frühstück macht. Müssen doch nicht einsam am Frühstückstisch sitzen, wenn bei uns drüben groß aufgetischt wird. Kommen Sie, Herr Stadler, auch am Morgen schadet ein bißchen Gesellschaft nichts. Wird sicher nett bei uns drüben. Elke freut sich, ich freu mich ..."

"Schon wahr. Seit Ingrid tot ist, ist das Leben für mich ein bißchen einsam geworden. Und die Kinder haben sich nicht mal bei Ingrids Begräbnis blicken lassen. Enttäuschend."

"Sehen Sie! Se-hen Sie! Heute kommen Sie zu Elke und mir ins Haus, frühstücken bei uns mit. Greifen Sie nur tüchtig zu. Ich würd mich freuen. Elke freut sich mindestens genausoviel, wenn nicht mehr als ich. Elke hat da sicher nichts dagegen, ein Teller mehr für den Mann hinzustellen, dem sie in seiner schwersten Zeit, während der schweren Krankheit seiner Frau, schon sehr geholfen hat. Mann, Mann, wird wenigstens ein bißchen mehr als sonst aufgegessen. Muß doch nicht ständig viel zuviel von dem guten Essen in der Tonne landen, nicht wahr? Los, kommen Sie mit mir mit, Herr Stadler. Die Brötchen da, die können Sie später auch einfrieren. Oder nicht?"

"Klar könnt ich das machen." Opi Stadler nickte.

Einen langen Blick warf der olle Stadler Robert Steltz zu. Robert Steltz lächelte, hoffte, daß es freundlich aussah.

"In Ordnung, komm mit zu Ihnen rüber. Wenn's Ihnen nichts ausmacht, Herr Steltz."

"Muß das ja nicht, davon reden, daß ich einen zu mir ins Haus einlade, wenn mir das dann viel was ausmacht, daß er wirklich zu mir rüberkommt. Elke wird sich auf jeden Fall über Ihren Besuch freuen. Ich freu mich auch. Weiß nur nicht, ob's Markus freut. Markus, den könnt's vielleicht nicht freuen. Markus, der hat morgens oft 'ne Laune ... 'ne Laune hat der ... Aber Markus, um den müssen wir Erwachsene uns doch nicht lange kümmern, oder? Markus, der muß dann - haha! - in die Schule. In die Schule muß Markus. Was Markus am Morgen immer so Anwandlungen hat, da sich groß aufzuregen, echt für die Katz, sagt Elke immer. Kommen Sie, Herr Stadler, machen wir zu Elke und mir rüber. Vielleicht hat Elke schon den ersten Teller bereit ... Speck und Eier, Donuts, Herr Stadler. Amerikanisches Frühstück. Wissen doch, was für eine gute Köchin Elke ist ..."

"Weiß ich. Ihre Frau hat schon öfters in meiner Küche Mittagessen gekocht. War immer alles sehr gelungen. Auch Ingrid hat sich nie über was beklagt ... Na gut, ich komme mit Ihnen mit, Herr Steltz. Wenn's wirklich keine Umstände macht ..."

"Ach, hören Sie doch auf ... Von was reden wir? Wo sollen hier die Umstände sein?" In Bewegung schaffte sich Robert Steltz, wandte sich von Opi Stadler ab, herum. Robert Steltz bemerkte wohlwollend, daß der olle Stadler ihm in seinem Rücken auf dem Fuß hinterherkam, samt seiner gefüllten Brötchentüte.

Die Straße überquerte Robert Steltz, öffnete die Gartentür, wartete auf Opi Stadler. Zuvorkommend hielt Robert Steltz Opi Stadler die Gartentür auf, machte sie hinter Opi Stadler zu.

"Ich hab für Elke ihr Garagentor schon hochgefahren, es bleibt oben. Elke fährt Markus später dann in die Schule. Wie immer. Gehen wir durch Elkes Garage da rein ins Haus. Müssen wirklich nicht an die Haustür und Elke extra herbeiklingeln, wenn wir da reingehen können, auch ins Haus reinkommen. Die Haustür ist zugesperrt, und ich hab meinen Hausschlüssel nicht dabei, weil ich durch die Garage raus bin. Kommen Sie, Herr Stadler?"

"Riech hier nichts", ließ sich der olle Stadler vernehmen. "Speck, Eier, Donuts, sagen Sie, macht Elke in der Küche ...?"

"Stimmt, nichts zu riechen. Hat Elke wohl vergessen, den Abzug einzuschalten ... Werd ich Elke gleich mal sagen, wenn wir in der Küche sind ..."

"Schönen Gabelstapler haben Sie öfters hinterm Haus draußen stehen. Läuft mit Gas, nicht wahr?"

"Ja, Gas. Kann Ihnen den Gabelstapler mal leihen, wenn Sie möchten. Wenn Sie den Gabelstapler zu irgendwas brauchen, können Sie ihn sofort haben. Kein Problem."

Hinter Robert Steltz marschierte Stadler in Elkes Steltz' Garagenhälfte hinein. Der blaufarbene Fünftürer Elkes nahm ganz viel Platz in der Garage ein, daß der olle Stadler, der sich seitlich drehte, sich mit dem Rücken an der Wand längs schob und trotzdem mit seiner prallen Wampe auf den Seitenspiegel aufpassen mußte.

"Warten Sie!" meinte Robert Steltz, die Hand an der Klinke, die aus der Garage Elkes heraus ins Haus hineinführte, blickte Opi Stadler offen ins Gesicht.

Robert Steltz gegenüber, daß Opi Stadler fragend dastand.

"Haha! Sie kennen sich doch mit Rasenmähern aus, Herr Stadler, nicht?"

"Klar!" Kopfnicken Stadlers. "Unter Umständen kenn ich mich mit Rasenmähern aus ..."

"Hab mir vorvorletzte Woche einen neuen Rasenmäher gekauft", erklärte Robert Steltz Stadler. "Das Scheiß-Ding funktioniert aber nicht so, wie ich mir das vorstell. Hab ihn in meinem Anbau hinten stehen."

"Kann schon einen Blick drauf werfen ..."

"Ja? Aber nur kurz. Anschauen reicht erst mal, vorm Frühstück. Werd einmal versuchen, das Gerät anzuwerfen ... Vielleicht sehen Sie sofort, was dem Ding genau fehlt ... Hab zwar noch drei Jahre Garantie drauf, aber lieber wär mir, der Rasenmäher würd funktionieren, ohne daß ich ihn schon wieder zur Reparatur ins Geschäft zurückbringen müßte."

Die Klinke drückte Robert Steltz herab. Knapp hintereinander betraten Robert Steltz und der olle Stadler durch Elkes seitlichen Garagenhauseingang das Haus.

"Da geht's lang." Mit dem Finger deutete Robert Steltz, fünf Meter bis zum Ende des Gangs runter, auf die folgende Tür. "Dort geht's zu meinem Garagenanbau rein. 'ne Minute werf ich den Rasenmäher an, Herr Stadler. Ganz kurz, ja? Dann aber ab zu Elke in die Küche. Wir wollen frühstücken ..."

"Muß nicht sein, daß ich mir vorm Frühstück die Finger dreckig mache, Herr Steltz."

"Ach, die könnten wir schon wieder sauber kriegen. Shampoo haben wir genug im Haus. Trotzdem, ein Blick wird vorm Frühstück reichen. Daß Sie den Klang von dem Ding hören ..."

Die metallene Türe schloß Robert Steltz mit seinem Schlüssel auf.

"Schauen wir uns das gute Teil mal an", sagte Robert Steltz, bezeigte dem alten Stadler, daß er ihm den Vortritt lassen wolle.

Stadler nickte gutmütig, schritt an Robert Steltz vorüber.

Die Metalltür schloß Robert Steltz in Opi Stadlers Rücken, Stadler, der sich in der Garagenanbauräumlichkeit, die sonst nie einer außer Robert Steltz zu Gesicht kriegte, umblickte.

"Viele Kühltruhen auf Paletten seh ich hier ... Was ist denn drinnen in den Truhen? Und wo ist denn hier überhaupt ihr Rasenmäher?"

"Fleisch ist in den Kühltruhen!"

"Fleisch? Weiß ich überhaupt nicht von Elke, daß ihr so viel Fleisch vorkauft und eingefroren habt ..."

Die Beine trat Robert Steltz dem ollen Stadler mit einem seitlichen Tritt humorlos weg. Schwer landete Opi Stadler am Boden, keuchte vor Schmerz. 

"Au-au-au! Was tun Sie denn mit mir? Sind Sie von Sinnen?"

Ehe Opi Stadler sich noch mal irgendwie berappeln konnte, hatte Robert Steltz Opi Stadler die Arme auf den Rücken gedreht. Die am Boden griffbereit liegenden Handschellen legte Robert Steltz Opi Stadler an, Opi Stadler, der plötzlich sehr unangenehmen Geruch hatte.

"Was soll denn da-das, Herr Steltz. Was ma-machen Sie denn mit mir?"

"Heute wirst du noch so richtig entsorgt, Freundchen ...", raunte Robert Steltz dem ollen Stadler ins Ohr. "Weißt du, ich weiß seit gestern abend darüber Bescheid, daß du was mit Elke hast. Ihr beiden, du und Elke, ihr habt euch von Markus überraschen lassen. Markus, mein Kleiner, hat sich nicht beherrschen können, gestern. Unbedingt wollte Markus mit dem Wissen was machen bei seiner Mutti. Unbedingt seiner Mutti klarmachen, daß sie ab jetzt tun müßte, was er wolle. Wenn sie nicht will, daß er Vati was sagt, muß sie alles tun, was er sagt ... Na, die Mutti hat Markus, der kleine Mistkerl, zu erpressen versucht. Gemein, bockig und laut war er, der kleine Mann. Sagt zur Mutti, er klopft bei mir hier an die Tür an, wenn Mutti nicht alles auf Karte zahlt, was er haben will. Und schulfrei haben will er auch. Daß Mutti ihm immer alles unterschreibt, wenn was aus der Schule ins Haus geflattert kommt. Oder Mutti schreibt die Entschuldigung, wenn er keine Lust hat, in die Schule zu gehen. Pech dabei nur, daß ich zufällig draußen gestanden bin, alles mitgehört hab. Alles hab ich belauscht, was Markus und seine Mutti zu schwatzen hatten. Da drum dreht sich's hier, Stadler. Sonst um nichts. Heute bist du fällig, mein Lieber. Ganz einfach fällig. Weil du es bei mir im Haus mit Elke, meiner Frau, getrieben hast. Und dich von meinem Sohn Markus dabei erwischen hast lassen. Erwischen lassen habt ihr euch von Markus, du und Elke. Elke war hier drinnen schon an der Reihe, daß du das weißt. Die ist schon abgepackt. Eigentlich wollte ich Elke zuschauen lassen, wie ich's dir besorg. Dann ist's doch irgendwie alles anders gekommen. Konnt mich überhaupt nicht beherrschen bei der. Das war ein Vergnügen. Na ja, man kann nicht alles haben, es geht hier jetzt mit uns beiden auch ohne Elke. Find's ganz in Ordnung, so wie's ist."

Der Mund stand dem ollen Stadler weit offen. "Aber ..."

Eine weiße Serviette aus der Küche, die Robert Steltz in der Hosentasche hatte, holte Robert Steltz hervor. Zwängte das Stoffteil Opi Stadler zwischen seine Gebißzahnreihen. Das für den Zweck vorbereitete Klebeband zog Robert Steltz von der Wand ab.

Fünfzehn Zentimeter lange Klebebandfläche, die Opi Stadler im Nu vorm Mund hatte.

Zu Robert Steltz' Füßen lag der olle Stadler auf dem Rücken, glotzte mit weit hervorquellenden Augen zu Robert Steltz hinauf, grunzte.

Mit dem Fuß wollte der olle Stadler ziemlich schwungvoll und geschmeidig für sein Alter und seiner Fülligkeit ausholen, um nach Robert Steltz zu treten.

Dem Tritt wich Robert Steltz locker aus. Dem nächsten auch.

 

Aus seinen bebilderten Erinnerungen kam Robert Steltz regelrecht zu sich. Um zu entdecken, daß er weiterhin auf dem Parkplatz vor Markus' Schule in seinem Mietauto hockte.

Nichts an dieser Welt hatte sich verändert. Obwohl die ganze Welt dabei war, sich zu ändern.

Markus, der war in die Schule gegangen. Oder durch den Hinterausgang wieder raus aus dem Schulgebäude.

Im Grunde genommen war das totalegal, was Markus im Moment machte. Ob Markus mitten unter seinen Mitschülern im Klassenzimmer rumhockte oder nicht, seinen Vati Robert kümmerte das im Grunde nicht. Die Wahrheit war: Die nächsten paar Tage konnte Markus tun und lassen, was er wollte. Lebte er weiter, konnte er das.

Robert Steltz hatte andere Sorgen als seinen renitenten, lernunlustigen Sohn. Ob der nun gewisse Charaktere entwickelte oder nicht. Das Problem des Verschwindens seiner Ehefrau Elke und des ollen Stadler mußte Robert Steltz lösen.

Die Frage war: Focht Robert Steltz die ganze Geschichte alleine aus, unternahm alles dafür? Oder ließ Robert Steltz sich von außerhalb helfen?

Möglichkeiten, daß ihm geholfen werden könnte, gab es für Robert Steltz.

In seinem Garagenanbau hatte Robert Steltz eine schmale Schachtel herumliegen. Drinnen fand sich ein einzelnes Phone. Eins für den Notfall. Das er nur an das Stromnetz anzustecken und einzuschalten brauchte. Die eine abgespeicherte Kurznachricht abzuschicken, über die er Bescheid wußte. Einmal kurz die Pin eingegeben - die Nachricht nachgesehen und versandt, es hatte sich. Wieder das Gerät ausgeschaltet. War was in den Weiten des Äthers?

Eine halbe Stunde drauf würde ein Rückruf erfolgen. Kein Problem, das Phone deshalb noch mal einzuschalten.

Am anderen Ende der Leitung ein Freund oder eine Freundin. Dem, der war verklausuliert auseinanderzusetzen, was los war. Ein Austauch von Ortsdaten und Zeitangaben für ein Treffen. Vielleicht im Laufe der Nachmittagsstunden irgendwo auf einem Rastplatz. Oder das Ganze erst morgen im Laufe des Tages.

Dann, mit Stadlers Auto und ein bißchen hergerichtet wie Stadler, zum Beispiel mit Stadlers liebstem Filzut am Kopf auf, die aufblasbare Sexpuppe aus dem Asiaerotikshop angeschnallt auf der Beifahrerseite - eine Puppe, die Elke ähnelte, als Elke noch ein bißchen jünger war -, daß ein kleiner Ausflug zu dem bestimmten Autobahnrastplatz fällig war. Dort: Fahrzeugübergabe zur vereinbarten Zeit. Einer von denen, die sich zu Robert Steltz gesellten, konnte sich locker Stadlers Jägerfilzhut aufsetzen, den Mantel Stadlers anziehen. Um den Platz Robert Steltz' hinter dem Lenkrad von Stadlers Geländewagen einzunehmen und in ihm davonzufahren. Vielleicht, um den Wagen aus Stadlers Besitz in ein osteuropäisches Land zu überführen.

Wenn die Karre, weil irgendwo zum Verkauf angeboten, aufgefunden wurde, war es auch egal. Es blieb bei der Tatsache: Elke Steltz und der olle Stadler waren spurlos verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Er, Robert Steltz, hatte keine Ahnung, wo seine Frau Elke und Opi Stadler abgeblieben wären. Vielleicht hatte Opi Stadler sein Fahrzeug sogar unter der Hand irgendwo verkauft.

Klappte an der Geschichte alles, hieß es die nächsten Tage, daß Elke ihren Ehegemahl Robert Steltz verlassen hätte. Zu ihrem Liebhaber nach nebenan wäre Elke nach dem Streit mit ihrem Mann Robert rübergelaufen. Keine Ahnung hatte Robert Steltz als Elkes Mann, warum Opi Stadler und Elke nicht nebenan blieben, sondern irgendwohin fuhren. Bemitleiden würden die Leute Robert Steltz. Das vielleicht kaum verstehen, daß Elke, die Frau von diesem Steltz, und der feiste, olle Stadler aus Robert Steltz' Nachbarschaft was miteinander hatten. Wer wäre da drauf gekommen? Der olle Stadler, dem die Frau vor kurzem an Krebs gestorben war, der brannte also tatsächlich mit der halb so jungen Frau Robert Steltz' durch.

So ein greiser Sack, mit einer viel Jüngeren. Wirklich, dem Steltz seiner Frau, der war der olle Stadler nicht zu fett, nicht zu ältlich. Wo die Liebe nicht hinfiel. Auf so was mußte man erst kommen, Elke Steltz und der olle Stadler.

Jetzt hatten sich die zwei Verliebten scheinbar in ein Paradies abgesetzt.

Schon möglich, daß der olle Stadler noch einen größeren Sparstrumpf bei sich im Haus versteckt gehabt hatte. Die Schmuckschatulle seiner verstorbenen Ehefrau war möglicherweise prall gefüllt. Praller, als man sich das vorstellen konnte.

 

Überhaupt nicht einfach, Leute, die unvermittelt abhauten, irgendwo aufzufinden. Wenn sie nicht den Wunsch hatten, gefunden zu werden.

Es blieben Menschen spurlos verschwunden auf der Welt.

Keiner, der das besser wußte als Robert Steltz. Schließlich sorgte er selber für das Verschwinden des einen oder andern.

Und die Lieferung, die in den Kühltruhen in der Garage, die würde er morgen vormittag spätestens an ihrem Bestimmungsort abliefern.

Alles im Zeitrahmen. Wie bestellt. Vier Stück.

Und wurde Markus am Nachmittag oder während den Abendstunden lästig oder so, waren es fünf. Auch nicht schlecht.

Das Beste allerdings, wenn Leute den ollen Stadler zusammen mit Elke in Stadlers Wagen wegfahren sahen.

Wie Elke ihren Sohn Markus überredet haben könnte, mit ihr mitzufahren, er, Robert Steltz, könnte das nicht sagen, wie das zugegangen war. Warum der olle Stadler, Elke zusammen mit Markus, Elkes Sohn, überhaupt abreisten, statt nebenan im Haus zu bleiben, keine Ahnung. Woher sollte er, dem hier die Hörner aufgesetzt wurden, das wissen, was für Einfälle die Fremdgeherin Elke und der olle Stadler sonst noch hatten? Elke wäre die gewesen, die ihm untreu geworden war. Ihn, als den, den sie verlassen hatte wollen, weihte Elke sicher nicht in die Pläne ein, die sie mit dem ollen Stadler, ihrem Liebhaber, gewälzt hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachspeise (Die Laune des Augenblicks)

 

 

 

Eng schmiegte sich Karin an Hannes Dankorf, ihren Geliebten.

Der Unternehmerssohn Hannes Dankorf, der die halbe Welt zu kennen schien, wie er ihr, Karin, im Laufe des Abends wieder mal vorführte.

 

Wohl fühlte sich Karin, nur ein bißchen gefährlich beschwipst von den Gläsern Champagner, die sie getrunken hatte.

Solange keiner ansagen mußte, daß angehalten werden sollte, um aus dem Wagen auszusteigen, war die Welt aber in allerbester Ordnung.

Ihr Gesicht schob Karin zu Hannes hoch, küßte Hannes auf die Wange.

Komisch unbeteiligt, kühl blieb Hannes. Hannes, der sich seit Verlassen des Klubs von Karin herschmusen ließ, aber kaum eine Nettigkeit Karins von sich aus erwiderte.

 

"Weißt du, worüber ich gerade nachdenke, Karin?" erkundigte sich Hannes Dankorf mit einer Stimme, die so einen Unterton hatte.

"Mußt du mir schon sagen - hihi!" antwortete Karin. "Sonst weiß ich das nicht, was du denkst. Weißt du, Gedankenlesen, das kann ich nur schlecht. Möchte sagen: überhaupt nicht. Müßte mir mal den Trick zeigen lassen, wie die Zauberer das machen ... Immer die richtigen Gedanken von Leuten erraten, ist das nun Gedankenlesen, oder nicht?"

"Wer alles im Klub gegessen hat, heute abend, Karin ...", ließ Hannes Dankorf hören. "Der Mann am Nachbartisch mit seiner blonden Frau - hast du die gesehen?"

"Natürlich. Aber mehr hab ich den Araber am Tisch in der Mitte anschauen müssen ..."

"Der Gast des Unterstaatssekretärs. Sehr reich, irre reich. Geld, daß er nachts sein Zelt mit den Scheinen beheizen könnte. Die Verschleierten, das war dem sein Harem. Fünf Ehefrauen. Die in den Anzügen und den Stöpseln im Ohr, die da überall im Klub-Restaurant herumstanden, das waren dem Scheich seine Leibwächter. Versucht haben die, sich unsichtbar zu machen. Gerade deswegen sind sie mir aber dauernd im Blick gewesen. Hab nur immer gedacht, wollen die nun nicht gesehen werden oder wollen die nicht gesehen werden ..."

"Hihi!"

 

"Hahaha!" brach es nach kurzer Stille bei Hannes Dankorf aus. Auf den behosten Oberschenkel haute Hannes Dankorf sich ein paarmal. "Hahaha!"

"Hm, Hannes!" Karin hätte weiterhin gerne mit Hannes mitgelacht. Solange Hannes den Witz aber exklusiv hatte, das nicht änderte.

"Haha, Karin! Übrigens, das volle Programm, das die Bräute auch gegessen haben. Das volle Programm. Fünf Gänge. So was von runtergeflutscht, als wären's keine fünf Gänge. Wie bei uns beiden auch, Karin. Nur, daß Pierre denen das Hauptmenü orientalischer zubereitet hat. Fleischlastig wars trotzdem. Sehr, sehr fleischlastig. Du hast schön zugelangt, Karin. Hast einen hübschen Appetit gehabt. Hast ganz schön mitgehalten mit denen an den anderen Tischen. Hat alles so gut geschmeckt, Karin, nicht? Hat dir doch geschmeckt, wenn du so viel ißt, oder?"

"Konnt nicht besser essen, Hannes ...", plapperte es bei Karin raus. "Pierre könnt mein Leibkoch werden. Würd Pierre sofort mitnehmen, wenn Pierre sagt, daß er mit mir nach Hause kommen möchte."

"He - mit Pierre würdst du mir fremdgehen?"

"Würd schon einiges dafür machen, damit Pierre nur noch für mich kocht, hihi! Alleine für mich. Hat sich wirklich wieder selber übertroffen, Pierre, heute. Was für fünf Gänge! Fünf Gänge, genau ausgewogen. Ein Künstler am Herd, der Mann. Hat seine beiden Sterne nicht umsonst. Ich konnt mir sogar noch was nehmen, wenn mir was besonders geschmeckt hat. Jetzt bin ich aber pappsatt. Und ich hab 'nen Schwips. 'nen tollen Schwips, hihi! Einige Gläser Champagner waren das. Zum Glück muß ich im Moment nirgends stehen, ich weiß nicht ..."

Nach dem Kinn Hannes' blickte Karin.

Glattest rasiert, Hannes. Immer noch. Obwohl seit Hannes' Rasur Stunden vergangen waren.

 

"Schön, Karin - hahaha! Hahaha!" Mehrere Schenkelklopfer Hannes', Hannes' hellgraue Nadelstreifenhose. "Daß dir alles so gut geschmeckt hat, Karin, das ist gut - hahaha! Echt gut ist das. Hahaha! Voll gut. Erste Klasse."

"Versteh nicht, was du so lachst, Hannes?" Großäugig guckte Karin ihrem Hannes ins Gesicht. "Schon komisch, wie du momentan manchmal lachst. Als würdst du mich auslachen. Als wär da irgendein Spott in dir ... Was denn, Hannes? Würd ich schon gern wissen, was du so zu lachen hast ... Du lachst mich aus, Hannes? Nur, ich hab keine Ahnung, was ist ... Hab ich was gesagt? Wei-weiß nicht ... Komisch hat für mich nichts geklungen, was ich gesagt hab. Sag mir, was so komisch ist, Hannes, ich will's jetzt wissen."

"Hahaha!" prustete Hannes Dankorf voll Stoff los, hämisches Gelächter.

"Los, komm, sag's mir", verlangte Karin, trat Hannes Dankorf leicht mit ihrem spitzen Designerschuh vors Schienbein. "Will auch mit dir mitlachen, wenn's komisch ist. Tu dir keinen Zwang an, Hannes: Ich will auch über mich lachen. Sag, was ich Falsches gesagt hab. Was lachst du so ...?"

"Was hat dir denn heute am allerbesten geschmeckt, Karin?" stellte Hannes Dankorf Karin die Frage. "Sag, was hat dir heute am besten geschmeckt?"

"Na, die Leberpastete war schon extraklasse gemacht, muß ich schon sagen." An der Schläfe kratzte Karin sich. "Hätte ich gerne Pierres Rezept."

"Ja, genau, die Pastete!" Hannes Dankorf nickte. "Haha - die Leberpastete mit Edeltrüffel und eingelegten Herzstückchen. Herz war das, Karin. Das war Herz, nicht Niere. Wie du vermutet hast. Nur kein Rinderherz. Kein Rinderherz. Hat's echt gebracht, das Pasteti-lein ... Umpf! Hahaha!"

"Hörst du auf, so zu lachen, Hannes! Hörst du auf! Hörst du sofort auf!"

"Nei-nein - hahaha!"

Nochmals versetzte Karin Hannes Dankorfs Bein einen kleinen Tritt.

"Au, Karin!"

"Nein, Hannes. Wehgetan hat das sicher nicht sehr. Entweder sagst du mir, was du lachst, Hannes. Oder du hörst zu lachen auf. Du lachst so, so ... Bald bin ich dir beleidigt, wenn du weiter so lachst. So lustig ist dein Lachen nämlich nicht. Und wenn ich nicht bald weiß, worüber du so lachst, tret ich irgendwann wirklich fester zu ..."

"Grmpf!" kam es von Hannes Dankorf. "Hahahaha! Hahaha!"

 

"Sag mir sofort, was du so spaßig findest, Hannes!" Von Hannes Dankorf löste Karin sich, setzte sich an Hannes' Seite aufrecht hin, verschränkte die Arme vor der Brust, zog eine beleidigte Schnute.

"Ob du das aber wissen möchtest, Karin? Denk nicht, daß du's gerne wissen würdest ..."

"Du sagst mir sofort was, Hannes!" Von Hannes Dankorf rutschte Karin etwas weg. "Jetzt sagst du mir das sofort!"

Boshaft grinste Hannes Dankorf Karin ins Gesicht, daß Karin die Faust ballte, drohte, nach Hannes Dankorf zu hauen.

"Sag mir, was du so grinst - sofort!" forderte Karin von Hannes, ihrem Geliebten. "Oder ich schlag zu. Sag mir jetzt auf der Stelle, was ist. Wenn nicht, sagst du zu Anton, dem Butler deines Vaters, daß er mich heimbringt, Hannes. Dann bin ich beleidigt. Geh ich heute eben alleine ins Bett. Schadet auch nicht."

"Das wär aber schlimm für mich, gehst du heute alleine ins Bett, haha! Könnt ich heut nacht keine andere mehr haben ... Bist du's nicht, läuft schnell mit keiner andern was - kauf ich mir eben eine. Hahaha! Auch vier, fünf, wenn ich mag. Ein paar meiner Scheinchen werd ich sicher los, hahaha!"

Karin blinzelte zu ihrem Geliebten Hannes Dankorf hin. Überlegte, ob sie ihre gute Laune nicht völlig einbüßen sollte. Trotz den Gläsern Champagner, die sie intus hatte, daß ihr an Hannes im Moment einiges auf den Geist ging.

"Du sagst jetzt was zu mir, Hannes, was sich nett anhört. Sagst du nichts Nettes zu mir, nichts, das sich anders anhört, als das hier zuvor ... Dann ... Dann will ich heim."

 

Distanziert guckte Hannes Dankorf mit herabgezogenen Mundwinkeln nach der Seite zu Karin hinüber.

"Ich bin der ehrlichste Mensch auf der Welt. So ehrlich wie ich ist keiner. Klar kann ich dir was sagen, Karin. Das oben auf der Pastete, Karin, mein Liebling - das rote Gelee, das war ... Rote Lebensmittelfarbe, hast du gemeint. Da drauf sag ich was von wegen eingekochtem Rotwein zu dir. Weißt du, was? Das war hübschestes Blut-Gelee. Geliertes Blut. Und, Mensch, wenn ich Blut sag, war das Blut. Echtes Blut. Echtes Blut war das. Nur keine Schweineblut-Soße. Kein Rinderblut. Das rote Blut, weißt du, Liebling, das war Menschenblut. Blut vom Menschen. Menschliches Blut. Gelee vom Blut eines Menschen, Karin! Hahaha! Ich mein, in Ordnung, wenn man's nicht weiß, Karin, glaubt man's erst mal nicht. Aber alles, was du heute wieder im Klub gegessen hast, war vom - Menschen. Was vom Menschen. Alles."

"Glaub ich auch nicht!" entfuhr es Karin. "Nein, Hannes, glaub ich dir auch nicht. Du willst mich hier nur immer weiter hochnehmen, nicht? Du verarschst mich. Du findest ja auch alles sehr, sehr spaßig im Moment. Kannst dich doch kaum einkriegen vor gemeinem Lachen. Du willst nur eins, mich verarschen, Hannes."

Trotzdem war etwas in Hannes' Blick. In Hannes' Blick war irgendwas Unbestimmtes, fand Karin.

Auf einmal hatte Karin ein Würgegefühl im Hals.

Darüber, daß sie würgen wollte, ärgerte Karin sich. Daß Hannes' Gerede das tatsächlich bei ihr, Karin, bewirkte, was es bewirken sollte, das war was Ärgerliches.

Etwas, mit Sicherheit Teil von Hannes' Bespaßung, Hannes, der schließlich aufmerksam zu ihr rüberguckte. Genau mitkriegte, wenn sie ausschaute, als würde sie das Geschwätz ernster nehmen.

"Die am Nachbartisch links, die haben je drei Paar Augen gehabt, Karin", meinte Hannes Dankorf. "Hast mich extra drauf aufmerksam gemacht. Wie Menschenaugen, hast du gemeint. Fast wie Menschenaugen, hast du gemeint, Karin. Ich sag dir was, Karin: Du bist meine kleine Kannibalin. Meine kleine Kannibalin. Karin, meine kleine Kannibalin. Du hast doch recht. Vollkommen recht. Vollkommen recht hast du gehabt, Karin - das waren Menschenaugen. Menschenaugen waren das. Echte Augen von Menschen. Hm, Karin - 'Leute-Augäpfel'. So könnt man sagen, 'Leute-Augäpfel' - hahaha! Von Pierre naturbelassen. Sie waren genau das, nach was sie aussahen - Menschenaugen. Hahaha! Das Beste vom Menschen haben wir gegessen, Karin. Nur die beste Qualität. Von unserem Sternekoch Pierre aufs Feinste zubereitet. Extralob an den Mann, unserem Zwei-Sterne-Koch. Wer kann, der kann. Gelernt ist gelernt. Pierre kann's mit jedem Fleisch. Mit jedem Fleisch. Wenn's vom Menschen ist, kein Problem für Pierre. Oder was glaubst du? Daß Pierre dir keinen Menschen braten kann?"

"Ich glaub, du willst mich nur immer weiter veräppeln, Hannes ...", beharrte Karin darauf, in Hannes den Spaßmacher zu sehen. Obwohl Karin sich wegen des Würgegefühls in ihr die Hand vor den Mund hielt.

Mit der Angst kriegte Karin es zu tun, es könnte doch bei ihr losbrechen. Daß ihr etwas hochkam.

Wegen dem Alkohol. Genug Champagner hatte sie getrunken, und das Zeugs, das Hannes boshaft zusammenredete, das half gerade sehr dazu, das zu merken.

 

"Das denkst du, Karin, ich will dich nur veräppeln?" Überlegenes Gegrinse von Hannes Dankorf, eins von sehr weit oben herab. "Du denkst, ich möchte dich veräppeln? Dich nur immer veräppeln? Will dich aber überhaupt nicht veräppeln. Warum denn auch? Du bist doch meine Freundin. Jedes Geheimnis willst du von mir wissen. Alles erfahren. Bin ich mit einverstanden. Alles, was ich jetzt möchte, ist dir die Wahrheit sagen. Nichts als die Wahrheit. Die reine Wahrheit. Darüber, was du gegessen hast, sollst du jetzt ganz genau Bescheid wissen, mein Schätz-chen. Nicht nur wissen, daß dir was geschmeckt hat. Daß dir was auf der Zunge zergangen ist. So ein Pa-ste-ti-lein. Ein Stück zartes Fleisch ... Ganz einfach, wissen sollst du, Karin. Alles sag ich dir. Teil ich mit dir. Hab also die Nachricht erhalten, daß eine neue Lieferung eingetroffen ist. Ein vierfaches Pluszeichen, Karin. Immer viermal Plus. Da hab ich Bescheid gewußt. Danach, daß ich mich drangehalten hab. Sofort hab ich mich beeilt, Antwort gegeben. Wenn im Klub was davon am Speiseplan oben steht, wollte, sollte ich schnell Antwort geben. Die Klub-Tische, ratzfatz weg. Echt ratzfatz. Glaubt keiner. Hast ja gesehen, Karin, wie proppevoll das Klub-Restaurant war. Ranhalten hab ich mich müssen, den Tisch zu bestellen, Karin. Hab mich auch rangehalten."

"Örps!" ließ Karin vernehmen, Karin, die nur hilflos nach Hannes rüberblicken konnte, in Hannes' Spottgesicht.

"Alles allerbeste Gesellschaft, in der wir uns befanden, Karin. Nur Leute, wie ich, Karin. Gutsituierte Leute, wie ich, Leute, die sich was leisten können. Die Herzstücke in deiner neuen Lieblingspastete von Pierre, das war echtes menschliches Herz. Die Leberpastete, die gebratene Leber, die eines Menschen. Vielleicht 'junges, gesundes Mädchen', Karin - hahaha! Das andere könnte 'junger Kerl' gewesen sein - hahaha! Ja, das zarte Fleisch, das du gelobt hast, an dem du geschnitten und das du dir in die Sauce getunkt hast, dir zwischen die Lippen geschoben - menschliches Filet, Karin. Ein Filetstück vom Menschen. Oberzart. Karin, du bist eine kleine Kannibalin. He, Karin, Karin-Menschenfresserin!"

 

"Hörst besser auf damit, Hannes!" krächzte Karin.

Ein Würgegeräusch kam von Karin. Beide Hände hielt Karin sich aufeinanderliegend vor den Mund.

Noch blieb es drunten.

"Hör mal, Karin, was meinst denn du, warum die vom Klub wohl sonst solch einen Wert auf Geheimhaltung legen?" erkundigte Hannes Dankorf sich bei Karin. "Niemand, der nicht zum edlen Kreis der Auserwählten gehört, der nicht den richtigen Code per Kurzmitteilung übermitteln konnte, der in den Klub reingekommen ist ... Reinste Gesichtskontrolle, im Klub. Hast du doch schon geschimpft, alles für übertrieben gehalten, oder? Mensch, Mensch, eine Polizeirazzia, während wir essen. DAS essen. Eine Katastrophe wäre das. Eine Probe davon in ein Labor, ein einziges falsches Stück, die von der Polizei reißen die Augen auf, sag ich dir. Ist nämlich kein Gorillafleisch. Wie's ihnen gesagt würde - hahaha! Gorillafleisch, das wird parat gehalten ... Hör mal, Karin, mit dem Menschen mußt du kein Mitleid haben. Für die Gorillas ist alles schlimm. Viel, viel schlimmer. Die Gorillas, die sind am Aussterben. Was jedoch nicht heißt ... Nichts heißt das - hahaha! Schon gar nicht, daß man sie nicht essen kann, die Gorillas. Alle Affen - hahaha! Habe ich auch schon öfters gehabt, Gorilla. Kannst dir nicht vorstellen, Pierre ist ein Zauberkünstler. Mit allen Arten von Fleisch. Jeden Affen, alles ... Pierre, der kriegt es zart, daß es dir im Mund nur so schmilzt. Und vom Menschen was essen, Karin, das hat doch was. Das ist die Krone, find ich. Das ist der Kitzel. Der echte Kitzel. Und wenn Pierre am Herd steht, da kann nichts schief gehen. Mit nichts kann da was schief gehen. Mit Pierre am Herd, Karin, Pierre, der alles vorbereitet, brät ... O lala, Karin. Da zerfließt dir das Stück Menschenfleisch nur so im Mund. Du hast wirklich 1-A-Küche gegessen, Karin. Besser geht's nicht. Sterneküche eben - hahaha! Zwei Sterne hat unser Pierre. Vollauf verdient. Und die andern, die auch ab und im Klub kochen, sind auch nicht viel schlechtere Köche. Hahahaha! Hahahaha!"

"Du bist so gemein, Hannes." Den Kopf schüttelte Karin, guckte Hannes Dankorf von der Seite schief an. Hannes Dankorf, der wieder mit seiner Lacherei aufgehört hatte. "Du machst dich über mich lustig, Hannes."

"Das glaubst du immer noch?"

 

Voller Häme betrachtete Hannes Dankorf sie, Karin.

Voll die Note des größten Unsympathen, empfand Karin alles an Hannes Dankorf. Karin, die die Lippen zusammengepreßt hielt, nichts weiter zu Hannes sagen konnte.

"Nein, nein, Karin, mein Liebling." Kopfschütteln Hannes'. "In Afrika fressen sie Affen sowieso. Immer, Karin. Warum sollen wir nicht auch was von Affen essen? Was vom Gorilla, Schimpansen. Mit Schildkröteneiern ..."

"Nein, Hannes ..."

"Doch, Karin! Was zart ist, essen wir. Oder was einer wie Pierre zart kriegt, Karin. Und es gibt auf der Welt nichts, was Pierre nicht zart kriegen könnte. Ein Allerlei vom Affen, Karin - hahaha! Nur - ein Labor darf da keine Probe davon kriegen, was bei uns im Klubrestaurant wieder für ein Affe verspeist wurde. Sonst - hui! Nicht unmöglich, daß die im Labor sofort was merken würden. Entdecken würden, daß sie eine Probe Mensch untersuchen. Was echter Mensch. Demnächst will Pierre wieder was molekulare Küche machen, Karin. Geht auch, mit echtem Mensch. Blut vom Menschen, Menschenfleisch ... In molekularer Küche ist Pierre auch groß."

"Nein, du lügst!" war Karins Ausruf. "Du lügst mich an! Du bist nichts als ein Verarscher, Hannes. Ein Verarscher bist du."

Schnell, daß sich Karin die Hände wieder vor die Lippen legte. Als ob sie ihren Worten Lüge strafen wollte.

"Warum denn dich verarschen, Karin?" Abwinken Hannes Dankorfs. "Wir sind hier ganz unter uns, Karin. Keiner weit und breit. Nur wir beide. Du mit mir zusammen ... Anton hört nicht mit, wenn ich das nicht will. Warum soll ich dir da nicht mal Bescheid geben ...? Glaub nicht, daß du vielen Leuten was erzählen wirst. Würd dir höchstens einer aus dem Klub glauben. Der ißt das aber selber ... Und ich, ich werd alles abstreiten, spricht mich jemand drauf an. Außerdem, bin ich nicht Hannes Dankorf? Dann stellt sich die Frage, wer du bist, Karin? Wer bist denn du? Höchstens eine Verrückte bist du ... Glaubt dir doch kein Mensch, das. Hast die Klapse sicher, sonst nichts."

Ihre beiden Hände hatte Karin in der Senkrechten vor den Lippen, die Augen starr weit aufgerissen.

Überhaupt nicht mehr sicher war Karin sich, daß etwas von dem, was Hannes bei ihr unterbrachte, nicht die Wahrheit sein könnte. Stimmte doch, warum sollte Hannes lügen. Es war gut die Möglichkeit, so kalt wie Hannes war. Eiskalt war Hannes. Eiskalt.

 

"Doch, doch, Karin!" Hannes winkte wieder mit der Hand ab. "Pierre hat seine Sterne. Pierre hat seine zwei Sterne. Pierre, der kocht, brät dir alles auf der Welt. Die ganze Welt macht dir Pierre eßfertig. Bißfest, Karin. 'Al dente', Karin. Alles kann Pierre dir in die Pfanne hauen, Karin. Jede Art Ei, jedes Fleisch. Alle Pastete, Pierre macht sie dir. Das darfst du mir ruhig glauben, du hast Mensch gegessen, Karin. Eine Spezialität, vom Menschen. Erstklassiger Mensch. Beste Qualität. Am anderen Tisch, du hast gesagt, das ist Hirn. Stimmt, hast recht gehabt, es war Hirn. Nicht irgendwelches Hirn. Gehirn vom Menschen war das, Karin. Chorizo vom Menschen, gemacht mit Menschendarm, Karin, hast du gesehen. Glaubst du, das gibt's nicht? Daß hier viele Unterschiede ...? Solltest dich mal mit menschlicher Anatomie beschäftigen, Karin ... Der Mensch ist, was sein Fleisch angeht, ein Schwein. Ein Schwein auf zwei Beinen ..."

Art Prustegeräusche Karins. Nur, daß Karin nicht lachte.

Knapp, das meinte Karin, könnte sie es doch weiter zurückhalten, unten behalten.

Dann war nichts mehr zu machen. Es ging nichts mehr dafür, bei Karin. Die Lippen gingen Karin auseinander. Ein satter Strahl, der sich aus Karins Mund ergoß.

 

Wild stierte Hannes Karin an, als Karin wieder zu ihm hinblickte. Karin, bei der das mit dem Gewürge, der Reierei einen Moment Pause hatte.

Nach dem Sprechgerät für den Fahrzeugfunk griff Hannes Dankorf, drückte die Taste, die rot aufleuchtete.

"Anton, würden Sie bitte sofort halten. Meiner Freundin ist nicht gut, sie hat sich soeben übergeben. Halt sofort an, Anton. Auf der Stelle anhalten, sag ich dir, Anton. Halt sofort die Karre an. Der ist immer noch schlecht. Die speit mir noch mehr rein."

Die Edelkarosse stoppte nach Hannes Dankorfs Ansage unverzüglich die Fahrt.

Die Fondtüre auf ihrer Seite riß Karin auf, erbrach sich mit lautem Würgegeräusch sofort auf die kahle Erde des Seitenstreifens der Straße.

 

Blinzelnd saß Karin im Wagen, den Rücken angelehnt.

Kalt blies der Wind ins Fahrzeuginnere herein, weil Karin die Türe auf ihrer Fondseite nicht zuschlagen wollte. Das mit dem Würgereiz war bei Karin schließlich lange nicht vorbei.

"Hm, Karin ...", hörte Karin Hannes Dankorf wieder. "Karin, Karin, Karin ..."

Irgendwelche unsichtbare Fusel wischte Hannes vom rechten Bein der grauen Nadelstreifenanzughose herunter, die Karin aus den Augenwinkeln überblickte.

"Das kann doch nicht wahr sein, Hannes!"

"Warum denn nicht, Karin?" Hannes Dankorfs Abwinken.

Kopfschütteln Karins.

"Aber, das ist krank, Hannes. Krank ist das. Das kann uns alle krank machen, Hannes! Dich. Mich. Hast du schon mal daran gedacht, was man da davon alles kriegen kann? Hepatitis, HIV, Syph, BSE, schon daran gedacht? Tausend Seuchen gibt's, Hannes ..."

"Kann ich mir nicht vorstellen, Karin." Schulterzucken Hannes Dankorfs. "Dann dürfte man auch kein Schweinefleisch mehr essen. Nichts mehr vom Rind. Vom Rind schon gar nichts. Oder vom Schaf, Lamm: Scrapie! Pah! Frißt aber jeder dauernd. In jedem Supermarkt kann man sich Tonnen davon holen. Um es sich daheim auf der Herdplatte zu braten."

"Nein, Han-nes ..."

"Also, Karin, mein Liebling, ich seh da keinen Unterschied. Seh da keinen großen Unterschied. Bloß weil ich DAS gegessen hab, deswegen hat mir bisher nie was gefehlt. Nie, wenn ich im Klub was davon gegessen hab, wie heute, hat mir was gefehlt. Wird mir sicher auch heute nichts fehlen. Ich merk bei mir nichts. Ist nicht anders, als wenn ich heute mit dir wo zu einem Chinesen gefahren wär. Oder zum Italiener. Und nicht in den Klub. War mal in einem japanischen Fischrestaurant, hab Sushi gegessen. Da war ich ein paar Tage krank, brauchte Tabletten. Aber, was wir im Klub essen ... Wird immer alles aufs Beste und Feinste zubereitet. Pierre hat zwei Sterne. Pierre ist unser Zwei-Sterne-Koch, Karin. Wird sich nur die besten Stücke ausgesucht haben, unser Pierre. Und verkochen kann sich auch was, sich bei großer Hitze verbraten. In China sind Köche auch so was wie Ärzte, Karin. Das, was dem Koch schlecht vorkommt, wird sicher ausgelöst, geht woandershin. Von mir aus in 'ne Klinik - hahaha! Dort warten sie echt auf alles. Nichts, was die dort nicht brauchen können. Vielleicht deinen Pups. Selbst deine Fingernägel, Karin. Schau mal, deine Fingernägelchen ... Die Fingernägelchen, die könnte man gut dorthin liefern. Deine süßen Öhrchen an 'nem anderen Kopf, Karin, stell dir das vor. Oder deine Brüste. Die beiden Dinger, dir abgenommen. Mußt die beiden Dinger nur an ner anderen sehen, Karin ... Was die einer andern gefallen können ... Wie spitz die Liebhaber von der dann werden. Die Liebhaber sind nur nicht die deinen, sondern die von der. Alles Gewebe, Karin. Alles nur Gewebe. Alles Gewebe von dir kann dir abgenommen werden ... Könnt sich eine gut aussuchen, aus dem Katalog, die zwei drallen Stücker. Die du da hast. Gut anzufassen. Gibt genügend, die haben Brustkrebs, Karin. Eine Brust weg. Amputiert. Alle beide. Braucht sie neue Titten, die Braut ... Gefühlsecht. Barbie-Welt ist auch, Karin - haha! Barbie-Welt. Kannst Barbie werden, Karin, wenn du das meinst, daß du das brauchst. Weil du dich selbst nicht magst. Denk dir doch nur, eine will nicht, was sie selber hat. So viele mögen sich nicht. Sie wollen eine andere sein, das, was eine andere hat. Obwohl alles bei ihr eigentlich auch nicht schlecht ausschaut, braucht sie das, was an der andern so klasse ausschaut. Besser, wie bei ihr, schaut das aus, was bei dir, Karin, vorne dran ist ... Da ist sie voll neidisch. Das hat sie an dir gesehen, das will sie haben. Und sie kriegt so was. Beinah wie ein neues Kleid. Oder Schmuck. Vielleicht, weil sie einen wie mich hat. Ich könnt's sogar für dich aussuchen, Karin. Gefällt's dir, bist du mit allem einverstanden, hast du's morgen. Übermorgen. So teuer ist das gar nicht. Nicht für mich. Alles kein Problem. Ich schenk dir die Operation. Vielleicht zum nächsten Geburtstag. Oder, stell dir das vor, ich lass mir morgen bei mir ein andres Stück drannähen. Eins, das länger ist - hahaha! Voll funktionstüchtig - und länger. Viel länger. O ja! So schaut's aus, Karin. Sag bloß, du hast keine Vorstellung, was geht? Unfaßlich, was geht. Wir beiden hier, Karin, wir haben aber vorhin nur kurz was gegessen, im Klub. Gegessen haben wir was, was Pierre zubereitet hat. Pierre, unser Sternekoch. Pierre mit den zwei Sternen. Hat erstklassig geschmeckt. Geschmeckt hat's dir, Karin. Das Fleisch ist dir auf der Zunge zergangen ... Ist doch die Hauptsache, oder? Fünf tolle Gänge waren das, nicht, Karin?"

"U-uumpf!" Aufs neue, daß es Karin hochkam.

 

"Du Miststück", blaffte Hannes Dankorf in Karins Rücken. "Du blödes Stück. Blödes, blödes Miststück. Das zweitemal hast du mir jetzt in den Wagen gekotzt, du Fotze. Ich glaub's ja nicht. Schau sich einer den Scheiß an, den du hier drinnen gemacht hast, du -. Mann, Mann, Mann! Und jetzt hab ich auch noch was davon abgekriegt. Jetzt hab ich Spritzer davon auf der Hose. Jetzt hat's mir was davon auf die Hose gespritzt, du Schlampe. Ich glaub's nicht. Ich hab was von der Schlampe abbekommen! Von der Schlampe. Der dreckigen, dreckigen Schlampe."

Karin beschäftigte sich mit dem nächsten Schub aus ihrem Mund außerhalb des Wagens auf den Erdboden herab, konnte nicht nach Hannes schauen.

"Schau sich das mal einer an ... Schau sich das mal einer an ... Stinken tut's auch schon hier drinnen, der Wahnsinn." 

Das Drängen war in Karin, sich umzuwenden, Hannes zu, ein Papiertaschentuch aus der Packung auf der Ablage zu ziehen, damit anzufangen, bei Hannes am Beinkleid herumzuwischen. Dort, wo Hannes eben etwas abbekommen hatte. Nur, dazu hätte erst die Not bei ihr, Karin, aufhören müssen.

"Miststück, dreckiges. Miese, kleine Hurenfotze, du. Das stinkt jetzt schon los. Wie soll ich das Vater erklären? Vater nimmt den Wagen am liebsten. Und ich hätte den Wagen morgen abend auch wieder gut gebrauchen können. Statt dessen ... Scheiße jetzt. Mann, jetzt müssen die Sitze und alles gereinigt werden. Das geht aber erst morgen, du Scheiß-Fotze. Vielleicht, wenn ich morgen den Wagen ganz früh selber in 'ne Werkstatt fahr, Extra-Scheinchen rüberwachsen lass ... Du Fotze, du. Dreckige Fotze."

Langsam hatte Karin das Gefühl, Hannes könnte wieder Ruhe geben hier. Schließlich hatte Hannes die Schuld an allem. Hätte Hannes Dankorf nicht dieses ganze wirre Zeugs, solchen Schwachsinn dahergeredet, wäre überhaupt nicht viel bei ihr, Karin, gewesen.

 

"Die Innenraumreinigung des Wagens zahlst du mir auf Heller und Penny, Karin-Fotze, daß du das weißt", erlauschte Karin Hannes nach einer kleinen Pause aufs neue. "Die Rechnung bekommst du durch den Firmenanwalt die nächste Woche zugestellt. Auf Heller und Penny zahlst du mir das. Alles zahlst du mir."

Das Würgeempfinden wollte Karin einfach nicht aufhören. Karin keuchte. Aufs neue übergab Karin sich aus den Luxuswagen von Hannes Dankorfs Vater hinaus.

Unvermittelt, daß Karin einen heftigen Stoß im Kreuz spürte.

Mit einem protestierenden Aufschrei landete Karin draußen von Hannes Dankorfs Nobelkarosse im Matsch des von ihr selber Erbrochenen.

Das war wirklich Hannes gewesen, der sie hinterrücks mit den Handflächen gestoßen hatte. Karin glaubte das alles momentan nicht.

"Laß dich ja nicht mehr irgendwo bei mir in der Nähe blicken, Hurenfotze!" schrie Hannes Dankorf, räumlich ganz nah hauptsächlich hinter Karins linkem Ohr. "Die Geschichte von mir mit dir - die ist aus. Ab heute ist das alles mit uns beiden vorbei. Aus und vorbei. Räudiges Miststück. Kotzende Drecksschlampe, kotzende. Mir hier blöde zu kommen und mir dann auch noch in den Wagen zu speien - was fällt dir denn ein? Was fällt dir denn ein? Du dreckiges Stück Scheiße. So eine kleine Kotzhure. Ja, stimmt, 'Hure'. Daß du das weißt, eine Hure bist du. Du bist auch nichts andres als 'ne Hure. Gut fürs Schieben. Gut fürs Schieben warst du. Gerade gut genug fürs Schieben. Für mehr bist du aber wirklich nicht gut. Schieben kann ich aber eigentlich auch andere, wenn's mir mit dir nicht mehr gefällt. Jede Menge andre kann ich schieben. Daß mir die Idee nicht schon länger wieder gekommen ist, wie viele ich haben könnt? Daß ich nicht schon längst wieder mit dir Schluß gemacht hab, nicht zu fassen. Verlobung, Heirat, Ehe mit dir - so 'n Scheißdreck. Ich glaub, ich muß nicht mehr richtig im Kopf gewesen sein, die letzten Wochen."

Irgendwie wollte Karin das nicht begreifen, was Hannes Dankorf, ihr Geliebter, gerade ihr gegenüber voll Bosheit laut abließ. Alles ein einziger Alptraum. Total der falsche Film, in dem sie, Karin, im Moment spielte.

"He, du, du Fotze, daß du das so klasse bei mir bringst, mir in den Wagen reinzuspeien - schlecht ist das nicht für mich, o ja! Sogar das Beste ist das, was mir heute mit dir passieren hatte können. Das wird jedem was sagen, jedem, der mich heute noch, morgen, übermorgen doof nach dir fragt. Warum ich mich von dir getrennt hab und so. Werd ich dem dann erzählen können, was war. Nur die Wahrheit sag ich den Leuten. Wenn sie fragen, werden sie erfahren, wie du dich zuletzt bei mir aufgeführt hast. Wie du mir dann noch ins Auto reingekotzt hast. Bieten lassen konnt ich mir das doch echt nicht von der blöden Zicke, oder? Rausgeschmissen hab ich die. Rausschmeißen mußt ich die. Weißt du, daß das klar bei dir kommt, mein Liebling: Du bist nicht die einzige Fotze auf der Welt. Viele gibt's. Viele. Die, die scharf auf mich sind, die kannst du fast nicht zählen. Hab die freie Auswahl. Ich bin der Erbe der Dankorfs. Ich könnt sogar adlig heiraten, meint Mutti. In ein Fürstenhaus. Müßte Vater nur seine Kontakte spielen lassen, damit ich öfters eingeladen werd. Viel Landbesitz, gewaltiger Reichtum ... Könnt sein, daß eine, die ich öfter in der letzten Zeit geschäftlich getroffen hab, die sich gut mit mir verstanden hat ... Krieg ich sie so richtig an den Haken, daß demnächst ihre gesamte Familie unserer Einladung zum Dinner Folge leistet ... Unglaublich wäre das: Ihre Familie, die in der Villa Dankorf vorbeikommt. Boah!"

Auf allen vieren am Boden, schüttelte Karin den Kopf. Das Wortgeklingel Hannes' war die reinste Ekelhaftigkeit.

Aufs neue mußte Karin sich erbrechen, würgen. Es war nicht zu glauben, was bei ihr los war. Der schönste Abend war es, bis vor ein paar wenigen Minuten.

"Das zwischen uns, das ist mit dem jetzt hier zu Ende, Karin", hatte Hannes die Musik laut. "Aus und vorbei. Daß ich mit dir noch mal Händchen halten werde, Fotze, kannst du vergessen. Wart noch, ich sag dir schnell noch was ... Das kann nicht anders sein, nach dem jetzt. Du bist entlassen, Karin. Gekündigt. Du brauchst dich überhaupt nicht mehr an deinem Schreibtisch bei Renze im Vorzimmer blicken lassen, Karin. Brauchst überhaupt nicht zur Arbeit ins Büro kommen. Ab Montag. Am Montag kriegst du den Schrieb mit der Kündigung sogar von mir persönlich in die Hand gedrückt, wenn du in der Früh bei Renze auftauchst. Ich geb Renze morgen sofort Nachricht, daß er mich anruft, wenn du mit der Nasenspitze nur irgendwie bei ihm im Büro auftauchst. Wenn du das nötig hast, noch mal in der Firma vorbeizukommen, überreich ich dir das Kündigungsschreiben am Montag in der Gegenwart von Renze. Renze wird mein Zeuge sein. Komm uns noch mal aufs Gelände, wirst du was erleben, sag ich dir."

Hochrappeln wollte sich Karin, rutschte jedoch jedesmal auf den Teerbelagrand zurück.

Alles um sie herum war für sie klar, total klar, trotzdem war es Tatsache, daß sie sich nicht hochschaffen konnte. Aufstehen, ihr nicht möglich. Voll die Schlagseite. Der Champagner hatte eine Wahrheit. Der nicht zu widersprechen war.

"Mein Vater, meine Mutter - die fragen sich das schon lange, was ich an dir finde", spann Hannes sein böses Lied aufs neue weiter. "Fast ständig liegen sie mir in den Ohren, daß du nicht standesgemäß bist für mich. Daß du das nicht bist für mich: standesgemäß. Ich soll mir das besser abschminken, das, dich wirklich heiraten zu wollen. Das in die Tat umzusetzen, wäre nicht gut für mich und meine Zukunft. Könnt alles am Schluß nicht gut für mich ausgehen. Seh ich auch ein, Karin. Seh es doch ein. Kann ich schon begreifen. Den Stand, den hast du ganz weit unter dem meinen drunter. Meine Eltern, die haben voll recht mit dem, was sie sagen. Wollt dich aber sowieso nicht schnell heiraten, Karin. Wär mir nie im Leben eingefallen, das wirklich heuer schon zu machen, wenn ich das vorgehabt hätte. Verlobung, na ja ... Mich mit dir demnächst zu verloben, das wär gegangen. Was haben Verlobungen schon groß zu bedeuten? Nichts hat es zu bedeuten, mit einer verlobt zu sein. Die Ehe, die ist wichtig. Nicht das Verlobtsein. Wie kommen Vater, Mutter nur da drauf, Karin, ich könnt eine Schnalle wie dich echt heiraten wollen? Na, jetzt hat sich das Thema mit dir mit dem hier ja wohl von selber erledigt. Schlampe, Fotze. Du bist draußen. Laß dich ja nicht wieder bei mir in der Nähe blicken, Karin. Ab Montag bleibst du am besten daheim, Karin. Genieß deinen Urlaub. Was die Firma Dankorf angehst, bist du nur noch im Urlaub. Glaub mir, ich mach das, komm am Montag selber zu Renze. Wenn Renze mich anruft, daß du bei ihm im Büro erschienen bist, bin ich sofort da. Für den Arschtritt. Für den Arschtritt, haben wir uns?"

 

Hinter sich hörte Karin, die wegen des Ärgers, der in ihr hochkochte, und der Kälte, die sie plötzlich merkte, zu zittern anfing, wie die Fondtüre auf ihrer Seite unvermittelt zugeschlagen wurde. Von Hannes Dankorf. Hannes Dankorf, der rübergemacht hatte, herausfaßte.

Ein paar längere Momentchen drauf fuhr das Dankorf-Automobil der Marke "Luxus und Präsentation" mit einem kleinen Ruck an. Tuckelte erst mal langsam voran. Bis der Wagen, gesteuert von Anton, dem Butler, begann, sich mit etwas schnellerem Tempo zu entfernen.

Voll die Ungläubigkeit, was die Geschehnisse anbetraf, spürte Karin in sich.

Was alles an Unausstehlichem von Hannes an ihre Ohren gedrungen war, unglaublich für Karin. Die Dinge, die sie von Hannes zu hören gekriegt hatte, der volle Wahnsinn. Nie hätte sie daran gedacht, daß Hannes ihr heute solches erzählen könnte.

Eigentlich mußte das ein Alptraum sein, aus dem sie jede Sekunde erwachen müßte. Um bei sich daheim aufzuwachen. Im eigenen Bett. Daß alles nie geschehen war, darüber würde sie mit einem raschen Rundblick in ihrem Schlafzimmer Bescheid wissen.

Dem edlen Auto aus dem Fuhrpark von Vater Dankorf, dem weiterhin wahren, einzigen Chef der Dankorf-Großfirma, starrte Karin allerdings hinterher. Dieses Bild, das blieb.

Die Rücklichter behielt Karin im Auge, die finstere Fondscheibe, hinter der Hannes Dankorf seinen Platz einnahm.

 

Ein Keuchen entfuhr Karin. Der Schreck, der Karin in die Glieder fuhr.

Nach so sechs-, siebenhundert Metern Fahrt in der Dreißig-Kilometer-Zone hielt die Nobelkarosse der Dankorf-Familie abrupt an.

Wenn Hannes Dankorf Familien-Butler Anton befohlen hatte, anzuhalten, konnte Hannes Dankorf Butler Anton befehlen, daß kehrtgemacht werden sollte. Daß Butler Anton zu Karin zurückfuhr.

Andererseits auch die Möglichkeit, daß Hannes Dankorf ausstieg. Sich die Beine zu vertreten.

Das aber, daß Hannes Dankorf eine Entschuldigung für seine laut und deutlich ausgesprochenen Gemeinheiten im Sinn haben könnte, kam er zu ihr herbeigeschritten, konnte Karin sich beim besten Willen nicht vorstellen. Eher das, daß Hannes Dankorf nach ihr trat.

Hannes Dankorf, der hatte genügend geredet. Der hatte sicher nicht in der Absicht, noch mal nett zu ihr zu sein, ob vor ein paar Minuten noch seine Freundin oder nicht. Für irgendwelche Nettigkeiten, Entschuldigungen war Hannes zu weit gegangen. Eher ein Gefühl von Schlägen in Karin, Fausthiebe, die auf sie einprasselten, Fußtritte in ihre Richtung.

Die Fondtüre zum Straßenrand hin sah Karin aufschwingen.

Das eigene furchtsame Japsen erlauschte Karin.

Etwas flog aus dem hellen Innern heraus, landete auf der erdigen Fahrbahnrandfläche.

 

Ihre Handtasche war das gewesen, kam es Karin zu Bewußtsein.

Ihre Frauenhandtasche, in der sich die verschiedensten brauchbaren Besitztümer von ihr befanden.

Unter anderem ein Phone und ein Tastenhandy fanden Platz in der Tasche.

Beide Dinger hatten die Akkus voll geladen. Waren demnach funktionstüchtig, einsatzfähig. Für Kurznachrichten und Telefonate überall in die Welt hinaus.

Im Nu ein Taxi herbeirufen zu können, das war schon mal was Schönes.

An erster Stelle jedoch mußte das Luxusautomobil von Hannes Dankorfs Papi von der Bildfläche verschwunden sein. Dann konnte man sich alles ganz genau überlegen, wie es weitergehen sollte.

Statt wegzufahren stand das vierrädrige Ding einfach weiter am Halteplatz rum. Die Szene, die dadurch bedrohlich blieb.

Innerlich machte Karin sich bereit, davonzustürzen. Über die Grasfläche zu rennen, hinein zwischen die Bäume und das Gebüsch seitlich.

 

Voraus beim Automobil der Dankorfs kam unvermittelt ein langer Arm in Sicht. Hannes Dankorfs Hand faßte nach dem Türgriff, riß die Wagentüre heran.

Das Autotürezuschlagen hallte in Karins Ohren wie ein Knall nach.

Neuerlich, daß das von Butler Anton chauffierte Fahrzeug der Nobelklasse, in dem Hannes Dankorf nun der einzige Passagier war, ruckend losfuhr.

Der Wind blies Karin scharf ins Gesicht. Gegen die kalte Windböe stemmte Karin sich mit beiden Beinen. Karin, der damit erstmals bewußt wurde, daß sie längst aufrecht dastand. Ohne es sich bewußt zu sein, hatte sie sich in den Stand hochgeschafft.

Bloß hoffen konnte Karin das, daß sie sich in der nächtlichen Kühle nichts holte.

Gegen eine fiebrige Lungenentzündung die nächsten Tage hätte sie schon was gehabt.

Ein Krankenhausaufenthalt, nichts was erfreulich war. Erst recht nicht, wenn sie arbeitslos war, Freizeit hatte.

 

Nach circa zweihundert Meter neuer Reise bei geringer Fahrgeschwindigkeit, daß das Luxusgefährt mit Hannes Dankorf drinnen im Innern abermals in der Fahrt verhielt.

Schemenhaft sah Karin Hannes Dankorfs Wagen mit seinen Lichtern voraus im Dunkel dastehen.

Die Furcht kehrte in Karin zurück, was Hannes Dankorf anbetraf.

Eine ungeheuerlich bedrohliche Atmosphäre, die der Fahrzeugumriß verströmte.

Das Herz schlug Karin bis zum Hals. Karin nahm wahr, wie es um ihre Mundwinkel herum zuckte.

Wohl eine Minute verstrich.

Die hintere Seitentüre zur Straße hin - dort, wo Hannes Dankorfs Sitzplatz war - schwang nach außen auf.

Karin fühlte, wie ihr die Knie weich wurden.

Das war keine Verheißung von schönen, angenehmen Dingen, wenn Hannes Dankorf aus dem hellen Wageninnern herausgeklettert kam.

Sah sie, Karin, Hannes Dankorf auf sich zugeschritten kommen, dann durfte sie auf nichts weiter warten. Sie mußte sich davonmachen. Am besten über Wiesengras laufen. Hinein in die baum- und buschbestandene Wildnis mit ihren Dornen, ohne Taschenlampe nicht sichtbaren Dingen, auf die sie drauf- oder in die sie hineinsteigen konnte.

Ein Keuchlaut entfloh Karin. Etwas Größeres war das, was aus dem Fahrzeuginnern herausschleuderte.

Ihr Kunstpelzmantel war das, ging Karin die Tatsache auf.

Ihren falschen Nerz, den hatte Hannes Dankorf geworfen. Mitten auf die Straße. Mittelstreifengegend.

Eindeutig: Nichts, was Karins Eigentum war, wollte Hannes Dankorf weiter bei sich wissen.

Hannes Dankorfs Stimme drang an Karins Gehörgänge. Zwei Silben, die sich nach "An-ton" anhörten, verstand Karin ungefähr.

Die seitliche Wagentüre hinten schlug zu, von Hannes Dankorfs Hand herangezogen.

Das große Repräsentierauto von Vater Dankorf, das ruckelfrei anfuhr. Um augenblicklich an Geschwindigkeit zu gewinnen.

Samt seinen Lichtern war der teure Dankorf-Nobelwagen in einer Sekunde im nächtlichen Irgendwo verschwunden.

 

Nachdem Hannes Dankorf endgültig fort war, baute sich bei Karin das Adrenalin schlagartig ab. Ins Torkeln geriet Karin, Karin, die weiterhin einigen Alkohol intus hatte.

Richtung Wiese trieben Karin ihre Taumelschritte. Auf Gras bretterte es Karin nieder. Als hätte ein Unsichtbarer Karin die Beine weggetreten.

 

 

 

Nachgang

 

 

 

In Deutschland verschwinden jährlich über eine halbe Million Menschen einmal irgendwohin.

Von diesen halbe Million Menschen bleiben jedes Jahr ein paar tausend Leute verschwunden.

 

Menschen, von denen es nicht viele Spuren gibt. Nur vermutet kann werden, was mit ihnen ist.

 

Vielleicht, daß eine/-r eine neue Identität angenommen hat.

Daß der eine oder andere dem eigenen Verlangen nachgegeben hat, von Heute auf Morgen von daheim abzuhauen. Um irgendwo, etwa in einem anderen Land, seinem alten Trott zu entfliehen. Dort, wo keiner jemand kennt, ganz von vorne anzufangen ...

Oder aber - dem, der absent geworden war, passierte etwas. Irgendwas.

Entweder durch sich selber. Daß er, sie Selbstmord beging. Der Körper, der nur nicht gefunden werden konnte.

Oder ...

Die Möglichkeit, daß einer äußerlicher Gewalt zum Opfer fiel. Ein Schicksal kennenlernte, das niemand selber erfahren oder erleiden würde wollen.

Vielerlei, hier denkbar.

 

 

Eine kleine Preisliste (nach "WdW")

 

 

Der Mensch als Ersatzteillager ...

 

Ersatzteile ...

Hier mal ein weniges was abgeschrieben, was in Welt der Wunder (Heft 03/08) geschrieben stand, was einzelne Knochen so ungefähr kosten. (Damit keiner denkt, nur ICH würde mich mit so was beschäftigen.)

Gemeint sind hier Knochen, die ein Chirurg jemandem auf Wunsch jederzeit implantieren könnte.

Sämtliche Preise sind natürlich variabel. Alles auf der Welt kommt einmal teurer, billiger.

Das hier ist nur als kleiner Ansatzpunkt gedacht, um sich eine Vorstellung zu machen, was ein Mensch ungefähr wert sein könnte.

Quasi ein Preisvorschlag. Eine Preisvorstellung.

 

Man nehme mal:

 

Schädel mit Zähnen: 800 Euro

 

 

Hinterhauptbein: 80 Euro

 

 

Rückenwirbel: 30 Euro

 

 

Rückgrat, komplett: 300 Euro

 

 

Rücken: 130 Euro

 

 

halbes Skelett: 1750 Euro

 

 

Scheitelbein: 80 Euro

 

 

Kiefer: 90 Euro

 

 

Halswirbel: 90 Euro

 

 

Schulterblatt: 85 Euro

 

 

Oberarmknochen: 85 Euro

 

 

Armspeiche: 85 Euro

 

 

Hand: 140 Euro

 

 

Elle: 85 Euro

 

 

Oberschenkelknochen: 100 Euro

 

 

Wadenbein: 85 Euro

 

 

Schienbein: 85 Euro

 

 

Fuß: 100 Euro

 

 

(Klar, da gibt es noch viel mehr.

Was eventuell volle, hübsche Brüste kosten, so ein Gemächt, das länger ist, als das eigene mal war, Finger-, Zehennägel, innere Organe, die einer brauchen könnte, weil die eigenen Aussetzer haben - bitte selber auf die Suche gehen, was hier die ungefähren Preistabellen und -klassen sind.)

((Noch mal: Obige Liste ist Welt der Wunder-abgeschrieben.

Das heißt, also nicht von mir selber aus den Fingern gesogen. Sondern anderer Leute Recherche. Deshalb möglicherweise schon ein bißchen handfest, massiver.))

 

Geht man demnach nach der obigen Preisschildliste, läppert sich einiges zusammen. Für den, der solcherart Ware anzubieten hat.

Hier läßt sich bestimmt was verdienen, wenn sich einer beruflich dafür interessiert.

Weil Kliniken, Krankenhäuser, verschiedenste Labore und Universitätsinstitute einen ungeheuren Bedarf an Knorpeln, Gewebe, Hirnhäuten und Knochenstücken haben.

Sogar vollständige Gesichter könnten im Angebot sein.

Und noch das: Frag oder lies hier mal einer nach, von wegen den Wartezeiten von Patienten. Der Verzweiflung mancher Kranker, die Druck auf die behandelnden Ärzte ausüben, weil sie endlich unters Messer wollen, um ein Organ eingesetzt zu bekommen. Schließlich nicht angenehm, immer nur an lebenserhaltende Maschinen angeschlossen zu sein.

 

Das heißt, friedlich sterben und denken, man würde mit Haut und Haaren eingegraben werden, das war vielleicht früher mal.

Heutzutage kann alles vorkommen.

Plötzlich wird in einem aus irgendeinem Grund unvermittelt ausgebuddelten Sarg entdeckt, daß das man dem oder der Toten Skistöcke anstelle der Unter- und Oberschenkelknochen unter das Totengewand drapiert hat.

Am Schluß fehlen dem Skelett so viele Einzelteile, daß man den Rest ebenfalls sofort verwenden hätte können. Eine kirchliche Totenfeier hätte man auch so abhalten können, ohne Holzsarg und Begräbnis.

Hier dreht es sich schließlich, bist du im Leben gesund gewesen, hast bei deinem Ableben brauchbare Organe um Vollverwertung. Nichts, das von einem Gesunden nicht zu gebrauchen wäre. Nicht verpflanzbar.

 

Vorsicht demnach, stirbst du! Deine Leiche, die könnte allerorten böse Überraschungen erleben.

Das heißt, nicht wegen nichts mal plötzlich abkratzen. Ohne vorher genau drüber nachgedacht zu haben, was nach deinem Dahinscheiden mit dir geschehen könnte, sollte.

Scharf gibt es das zu überlegen, was mit den eigenen Weichteilen, der Haut, den Knochen und allem gemacht werden soll, wenn man im Grunde genommen selber keinen Einfluß mehr auf nichts hat.

Das sollte man zuvor in einer Patientenverfügung geklärt haben, will man nicht, daß das und das mit einem gemacht wird.

Vielleicht braucht auch wirklich noch jemanden, der nach dem eigenen Tod ein Auge auf einen hat, daß sich auch wirklich an die Patientenverfügung gehalten wird.

 

 

 

Geschnetzeltes Allerlei

 

 

 

Tatsache, wer das Geld hat, der kann sich mancherlei leisten. Kommt einfach auf die Interessen an.

Zum Beispiel auch beim Essen.

Die verbotensten Genüsse kann man sich auftischen lassen.

Solange der, der nachfragt, bezahlt, wird dafür gesorgt, daß geliefert wird.

Beispielsweise Fleisch von Tieren, nahe am Aussterben, wie den Gorillas. Eier von Schildkröten, frisch vom Strand, wo sie abgelegt wurden.

Artenschutz, egal, totalegal.

 

Tolle Köche, die wissen, wie das zäheste Fleisch zu marinieren, beizen ist, gibt es zur Genüge.

Manchmal erfährt man sogar etwas von den real existierenden Möglichkeiten menschlichen Hungers, wenn nur ganz profan das Fernsehgerät angemacht wird.

Dabei: Das ist hauptsächlich Tierwelt, über die informiert wird. Getier, "Vieh".

Mag dann sein, daß es welchen von denen, die dinieren wollen, was verspeisen, am Ende noch nach was anderem gelüstet als Fleischstücke von doofem "Viehzeugs". Ob nun nahe dem Aussterben oder nicht.

Daß es da die Gier nach einem weiteren Genuß gibt. Total verboten. Unaussprechlich.

Was wäre da?

Das muß Mensch sein. Menschenfleisch.

Öfters einmal Fleisch, Innerei, Wurst vom Menschen frisch auf den Tisch. Fein in der Zubereitung. Nach der Art des Gourmets.

 

Unvorstellbar, daß es solche Gourmets geben könnte, die das Begehr hätten, Kleinigkeiten von dir zu essen? Irgendwo im verborgenen, vielleicht in einer geschlossenen Gesellschaft Eingeweihter?

Am Speiseplan Brät, Gekochtes, daß du es nicht für möglich hältst.

Leute, denen das Gewöhnliche nicht mehr reicht. Krokodil, Hai, Gorilla, Schildkröte, Schlange. Doch öde.

Ein weiterer Kitzel muß her.

Was es da wohl noch geben könnte ...?

 

Wer meint hier, daß, wenn bestellt wird, nicht serviert wird?

 

 

 

He, da ist ein richtiger Saal.

Aber Bett an Bett.

Nichts als fremde Leute, die aufeinanderhocken. Sie sehen eigentlich gesund aus, einige, als würden sie am liebsten Sport treiben.

Bloß, ihrer scheinbaren Fitness zum Trotz, weit können manche nicht gehen. Zumindest nicht die, die nicht nur an Tropfbeutel angehängt sind. Dauernd ist Blutwäsche angesagt.

Sie alle sind mehrmals stundenlang oder immer an lebenserhaltende Maschinen angeschlossen, während sie rumsitzen, Beine baumeln lassen.

Jeder in der Räumlichkeit wartet auf ein Spenderorgan.

Es ist hier mal ein Privatkrankenhaus, ein großer Bau mit reichlich Zimmern. Trotzdem gibt es Platzmangel.

Der Trägergemeinschaft, der mangelt es nicht an monetären Möglichkeiten, die Ärzteschaft hat durchaus ein offenes Ohr für die Patienten,.

Da kommt die Frage auf, was hier los ist. Jedermann möchte leben, weiterleben. Es fehlen allerdings die Organe öfters. Manchen ist der Tod ziemlich nahe, obwohl sie noch relativ jung sind. Viel zu jung. Wenn nichts bald passiert, dann ... Es kann doch nicht sein, daß sie sterben müssen.

Der eine oder andere hat dabei sogar noch reichlich Kredit bei der Bank.

Jederzeit könnte er sich ein besseres Auto kaufen. Eine Luxuskarre mit allem Zubehör. Kein Problem.

Während man hier mit der Geduld fast am Ende ist. Die Umgebung regt auf, alle gehen auf den Senkel, der Nachbar stinkt.

Wie hoch ist das Leben eines anderen nun anzusetzen? Welchen Preis hat es, wenn man selber weiterleben möchte?

Hat so ein Leben von jemand anders überhaupt den Kaufpreis eines Autos?

Wie gesagt, selbst eine bessere Karre könnte man sich zulegen, einen hübschen Geldbatzen per Hauskredit kriegen. Viel könnte bar gehen.

Man wäre eventuell gut zu zahlen bereit. Solange man nicht zu genau Bescheid weiß.

Tausende wären möglich.

 

 

 

Aufstoßen

 

 

 

Die Idee, so was wie "Eine neue Lieferung" textmäßig in die Tat umzusetzen, ist mir beim Radiohören gekommen ...

 

Zum einen durch so ein Geschichtlein, in dem ein herausgezogenes güldenes Nasenrammel seine Rolle spielte.

Dann passierte die Geschichte, in der die ungefähre Rede von Essern war, die aufs Klo gingen. Um sich den Finger in den Hals zu stecken ...

Nach solchen Verrichtungen zurück am Stuhl vorm Tisch konnte, nachdem man Platz geschaffen hatte, weitergegessen werden. Für die nächsten köstlichen Gänge im Laufe des Abends ...

Stundenlanges Essen. Stundenlang. Vom vollen Magen wollte man sich schon überhaupt nicht dabei stören lassen.

Schon überhaupt nicht ein Essen, weil jemand Hunger hatte. Als Nebeneffekt, daß die Suppe, das Gekochte, das Brät vielleicht auch schmeckt.

Sondern, für den reinen, erlesenen Gaumenkitzel. Für sonst nichts.

 

Ebenfalls nicht zu verachten: diese Häufung an Köchen, die tagtäglich von früh bis spät die Abflußrohre der Fernsehkanäle verstopfen.

 

 

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Texte: TeddeMehr
Bildmaterialien: bookrix-Vorlage
Tag der Veröffentlichung: 07.03.2014

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Widmung:
Diese Zeilen hier befinden sich auf "bookrix", im Sinne des Selbstveröffentlichungsmodells von "bookrix". TeddeMehr ist "bookrix"-Mitglied An keiner einzigen Silbe hat darüberhinaus jemand Exklusivrechte. Wer sich Rechte besorgen möchte, muß sich schon anderweitig drum bemühen.

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