Cover

Tafel

 

 

 

So was, knapp aus dem Leben. Oder auch nicht. Des weiteren eine unheimliche Geschichte

 

Es war einmal vor langer, langer Zeit,

die eine oder andere Armut ...

 

 

 

 

Im Grunde konnten SIE ihr nicht viel.

Was sollte das denn sein, werden, was nicht bereits bei ihr war?

Nein, da ging nichts.

 

Drei Jahre her, daß sie, die mit vollem Namen Verena Tümmel hieß, den Antrag auf Privatinsolvenz stellte.

Seit über drei Jahren war Verena Tümmels Leben eins nach dem privaten Offenbarungseid. Überwacht. Und unsäglich.

 

Verena Tümmel, die hätte sich damals das eine oder andere aus dem Versandkatalog nicht aussuchen sollen. Um es sich zuschicken zu lassen.

Ratenzahlung war vereinbart worden.

Neben einigen Kleinigkeiten, die in der Kleiderkiste landeten, zum Beispiel noch für eine Kühltruhe, einen Küchenherd und ein Fernsehgerät der Nobelklasse mit Rundumraumklang. Ein neues Auto hatte Verena auch mal. Alles mögliche, das Verena meinte, besitzen zu müssen, das seinen Preis hatte.

 

Das mit dem Bezahlen der Raten, das hätte Verena Tümmel bestens hingehauen. Keine Frage. Wäre Verena nach eineinhalb Jahren nicht plötzlich ihrer Tätigkeit im Supermarkt verlustig gegangen. Total überraschend, für Verena Tümmel. Verena Tümmel, die an einen sicheren Arbeitsplatz geglaubt hatte.

Helga, die Leiterin des Supermarkts, überlegte allerdings, den Kostenfaktor "Arbeit" zu minimieren. Das müßte von ihr, Helga, gebracht werden.

Und Verena Tümmel, die arbeitete nirgends anders als in dem Supermarkt. Lediglich den nächsten Einjahresvertrag, den Verena Tümmel unterschrieben hatte.

Der Arbeitsvertrag Verena Tümmels wurde nun einfach aufgelöst. Nach ein bißchen Gespräch mit Verena Tümmel in "beiderseitigem Einvernehmen".

Wie es sich bei Katha und Zwinni, ähnlich abspielte, den beiden Lehrmädchen.

Katha und Zwinni, die, nachdem das mit ihrer Lehrzeit im Supermarkt vorüberging, also das Pech hatten, nicht übernommen zu werden. Obwohl Katha und Zwinni sogar bereit gewesen wären, für ihren Arbeitsplatz in einer Filiale auf Transit zu gehen. Überdies hatte das mit einer Weiterbeschäftigung für Katha und Zwinni bis ein, zwei Monate zuvor nicht schlecht ausgeschaut. Weswegen alles für die Mädels nur schrecklich war.

 

Die Not steigerte sich bei Verena Tümmel. Eine neue Arbeitsstelle, nicht zu finden für Verena Tümmel. Das haute einfach nicht hin, für länger oder überhaupt Arbeit zu bekommen.

Irgendwann konnte Verena Tümmel ihren monatlich laufenden Zahlungsverpflichtungen nicht weiter nachkommen.

Der Weg, der führte Verena Tümmel in ihrer Verzweiflung schlußendlich in das Gebäude, in dem die Dame von der Schuldnerberatung ihr Büro hatte.

Ergebnis der Verhandlungen, telefonisch und schriftlich: Einmal vierzig, zweimal sechzig Taler, die Verena Tümmel zu berappen hatte. Sofort am Monatsanfang, vom Konto abgezogen. Trotz der Verena Tümmel zugestandenen Privatinsolvenz. Von der netten Dame mit dem Namen Reinders für Verena Tümmel bei Verena Tümmels Gläubigern ausgehandelt.

In der Summe einhundertundsechzig Eier, die Monat für Monat auf alle Fälle von Verena Tümmels Konto weggingen.

Oberste Kante. Mehr, daß nicht ging.

 Ein paar der hübsch gefärbten Eierchen dazugegeben - wie hätte das Leben weitergehen sollen, bei Verena Tümmel?

Ohnehin war das so schon ein Problem für Verena, einigermaßen munter, gesund das Monatsende zu erreichen.

Oder hatte jemand den Wunsch, daß Verena das nicht mehr schaffte, da hinzukommen, ans Ende des Monats?

 

Knappest lebte Verena lange an der Grenze.

Den ihr zu Verfügung stehenden Betrag dividierte Verena durch dreißig. Oder einunddreißig.

Was bei der Rechnung dabei hinten herauskam, das war für Verena die Tage nicht durchzuhalten. Verena konnte das mit dem zu hohen Verbrauch nicht stoppen.

Die restlichen Monatstage noch früher die Null. War schlecht mit irgendwo hinzukommen.

Das hieß, Verena wurde, ereignete sich bei Verena eine Kleinigkeit, sofort dazu gedrängt, mit Leuten über Dinge reden zu müssen. Mit welchen vom sozialen Dienst.

Personen, die Verena im Grunde nicht fehlten. Nicht abgingen.

Sprechen mußte Verena mit denen allerdings trotzdem. Jetzt darüber, daß ihr Vermieter Conrad sie mit Anschreiben belästigte.

Renovierungsarbeiten sollten die nächsten Monate im ganzen Wohngebäude und schließlich irgendwann in Verena Tümmels Wohnung stattfinden. Dadurch, daß sich späterhin die Miete erhöhte. Außerdem war ohnehin schon, daß Herr Conrad, der Hausbesitzer, einen höheren Betrag auf Verena Tümmels Strom- und Wasserrechnung verlangte, als er das Quartal zuvor überwiesen kriegte. Was Verena erst mal hinnahm.

 

Wenn das Geld nicht woanders herkam, mußte Verena mit dem neuerlichen Aufschlag und dem später zurechtkommen. Und das, das sollte der Herr vom Sozialdienst verstehen, was das für Verena hieß, wenn Verena selber das Verlangte aufzubringen hatte.

Das mußte wirklich von den Damen und Herren begriffen werden. Das, daß das Ofenrohr längst aus war.

Haute das nicht hin, daß einvernehmliche Lösungen im Sinne Verenas gefunden wurden, bedeutete das, daß Verena Tümmel wohnungslos werden konnte.

Wenn Herr Conrad Verena Tümmel kündigte, mußte Verena Tümmel ausziehen. Brauchte Verena Tümmel eine neue Wohnlichkeit für sich. Gleichgültig, welche Fisimatenten Verena Tümmel oder anderswo Leuten daraus entstanden. Wie das Gedränge am Wohnungsmarkt gerade war.

Oder Verena Tümmel, die schlief unter der Brücke. Ganz einfach.

 

Wie sollte das nur weitergehen, das mit Verena? Das mit Verena, Verena monatlich? Wovon sollte Verena eigentlich noch leben?

Der Bürotermin für das Gespräch mit dem netten Herrn vom Sozialdienst des Städtchens, der war für Verena Tümmel vormittags.

Von Herrn Mendl festgesetzt, der Termin. In Herrn Mendls Büro.

Dieser Vormittag. Um halb zehn Uhr.

Ausgerechnet dieser Vormittag. Dummerweise.

 

Ein andrer Termin, der wäre Verena lieber gewesen. Die Auftrittszeit am besten nachmittags.

Schließlich: Verena, die mußte um zehn Uhr dieses Vormittags doch auch ran, um für die Lebensmittelausgabe anzustehen. Gelbe Farbe.

"Gelb", die Gruppe, die um zehn dran war.

 

Zum Glück war alles in einem Gebäude. Herr Mendl vom Sozialdienst. Die von der Lebensmittelausgabe.

Lief die lästige Geschichte mit dem Bürobesuch für Verena in einer knappen halben Stunde ab, paßte alles.

War Verena trotz allem pünktlich unten im Erdgeschoß. Fürs Anstehen.

 

 

Durch das feuchte Haar rubbelte Verena bei sich mit dem Handtuch.

Der Badezimmerspiegel war voll grau beschlagen. Wasserdampf.

Mit dem Handtuchzipfel wischte Verena über die Glasfläche.

Wieder eine bessere Sicht Verenas auf Verenas Gesicht.

 

Wie nannte sich das unter Verenas Augen? Die dunklen Schatten dort, bei Verena?

Krähenfüße!

Verena, die Herrin der Augenringe.

 

Vielleicht eine Stunde, daß Verena die lange Nacht durch fester geschlafen hatte.

Grund für die Schlaflosigkeit der jüngsten Zeit: die ewigen Sorgen.

Die Gedanken, die dauernd im Kopf kreiselten. Seit einigen Tagen besonders schlimm, der Dauerkreisel.

Der Wunsch, Selbstmord zu begehen, der war bei Verena besonders am Drängeln. Richtig mit Ellenbogen am Vordrängeln.

Irgendwo raufzuklettern, sich aufzustellen und sich von dem Ort runterzuschmeißen. Oder sonst sich, koste es, was es wolle, Tabletten zu besorgen, zum Einschmeißen.

Um nach einer erhöhten Dosis in den Dämmer zu fallen. Es hinter sich zu kriegen.

Die Pulsadern konnte Verena sich dazu mit einer Rasierklinge aufschneiden. Hauptsache, Verena, die merkte in ihrem Tran von nichts was.

 

Schlaflos bei sich daheim während den Nachtstunden, sie, Verena. Damit sah Verena aus wie mit fünfzig. Fünfundfünfzig.

Obwohl Verena in drei Monaten erst achtunddreißig Jahre alt wurde.

Oder achtunddreißig Jahre jung.

 

Andere rasierten sich zwischen den Beinen - Verena nicht. Ein dichtes Dreieck.

Den rosa Bademantel, den Verena sich übergeworfen hatte, schloß Verena zu, knüpfte die Mantelschnur um den Bauch. Um sich die eigenen Hängebrüste wegzutun.

Auf Verena wärs für einen Kerl vielleicht trotzdem ganz reizbar gewesen. Aber Verena, die kümmerte das nicht viel. Verena, Verena, die bevorzugte es, alleine zu leben.

 

Nicht viel, das sich bei Verena abspielte, was Geschlechterbeziehungen anging. Das hieß, was von Verena weiterverfolgt wurde.

An der Oberfläche, daß die Geschichten blieben. Und dann war es mit dem Erwähnenswerten einer Beziehung auch rasch, rasant wieder vorbei.

Die ganzen vergangenen Jahre.

Auch damals schon, als es Verena noch besser ging. Was das Monetäre anbetraf.

Angefangenes, bald in der Fahrt angehalten.

Irgendwie keiner, mit dem es sich richtig angefüllt hätte, weiterzutun. Mit dem es paßte. Seit dem Tod von Thomas. Thomas, Verenas Ehemann. Und von Hannes, Hannes, dem einzigen Kind, das Verena hatte.

 

Vor bald zehn Jahren jetzt gestorben, die beiden. Thomas und Hannes, Hannes, Verenas Sohn.

Seitdem war es nicht mehr großartig möglich für Verena, das mit dem Hineinsteigen in eine neue Beziehungskiste. Entstanden schnell Probleme bei und mit Verena. Probleme, die sich beeilten, Probleme zu werden.

Zu einem Ende zu verhelfen. Einem Beziehungs-Aus.

 

 

Vor ihrem geistigen Auge sah Verena das grinsende Gesicht von Thomas, Thomas, der doch ihr Gatte war.

Verena war eine nervöse, sorgenreiche Mutti, Ehegemahlin. Von Mann Thomas öfters ausgelacht. Weil, Ehefrau Verena, die redete davon, daß so Dinge wirklich geschahen, die sie, Verena, des Nachts geträumt hatte.

Zwar war das Geschehen dann nicht unmittelbar fällig. Aber etwas, wovon Verena träumte, das konnte Realität werden. Ein paar Tage drauf böse Aktualität.

Davon redete Verena wiederholt zu Thomas, daß Geträumtes wahr geworden wäre. Daß sie ihm, Thomas, das doch mitgeteilt hätte, daß sich demnächst wieder was aus einem Traum tatsächlich ereignen würde. Und das war geschehen.

 

Das erste Mal, daß Verena das so richtig aufging, daß neuerlich einer ihrer schlimmen Träume Wirklichkeit wurde, war auf dem Kinderspielplatz in der Nachbarschaft der Wohnung.

Mit seiner Mutti Verena als Begleiterin bei sich dabei war Hannes auf dem Spielplatz. Mit anderen Kindern zusammen tollte Hannes. Bis Hannes von der Rutsche herabstürzte. Weil er bei der Tollerei nicht aufgepaßt hatte, war Hannes an der Kante weggerutscht. Erlebte einen Sturz. Eineinhalb Meter hinunter.

Ein blutiges Knie, das Hannes sich geschlagen hatte. Das reinste Glück, daß nichts weiter Schlimmeres war.

Aber Verena, die sich bei Hannes, der flennte, um Hannes' Bein kümmerte, kam es schlagartig zu Bewußtsein, daß sich die gesamte Szene in einem bestimmten Traum, den Verena die letzten Tage hatte, im Grunde genommen genauso abgespielt hatte.

Haarscharf dieselbe Szenerie mit Hannes am Kinderspielplatz, die Verena in dem Traumgespinst deutlich wahrnahm. Daß alles Verena im Gedächtnis verhaftet blieb. Nachdem Hannes oben von der Rutschkante seitlich herabgekippt war - war Verena schreiend aus dem Alptraum aufgewacht. An der Seite von Thomas, der wegen Verenas Gellen aus dem Schlaf hochgeschreckt war.

 

Nur - Thomas war das die darauffolgenden eineinhalb Jahre nicht zu verklickern, daß Verena Alpträume hatte und in diesen Dinge voraussah. Daß das Tatsache war, daß Erträumtes Verenas wirklich werden konnte. Daß es da eine Wahrscheinlichkeit für Realität gab.

Obwohl Thomas von den Geschehnissen in Verenas Träumen wußte, weil Verena sie ihm schließlich detailreich erzählte, mochte Thomas das einfach nicht einsehen, daß er manchmal eine Geschichte, die jemandem in der Familie passierte, tatsächlich bereits kannte. Aus der Erzählung Verenas. Obwohl Verena ihn, Thomas, in Wiederholung darauf aufmerksam machte, daß es möglich sein könnte, daß es so sich abspielen würde. Und daß sich schon früher ein paar Kleinigkeiten in Echt auf die Art zugetragen hatten, wie Verena sie in einem Alptraum gesehen hatte.

 

Abermals erinnerte Verena Thomas, den Ehegemahl, an die letzte bösartige Traumszene. Eine, die Verena fünf Tage zuvor schwitzig und mit Gekreisch erwachen hatte lassen.

Kaum zu beruhigen war Verena in den frühen Morgenstunden von Thomas gewesen, Thomas, der neben Verena im Bett gesessen war. Ziemlich schlimm, das, was Verena in dem Alptraum gesehen hatte.

Bei jeder Gelegenheit hatte sie, Verena, die nachfolgenden Wochentage zu Thomas gemeint, daß das ein schreckliches Unglück wäre, das sich der ganzen Familie ankündige. Der reinste Horror, der hier im Vorlauf war.

Gräßlich, die Bilder, die sie, Verena, in dem Traum gesehen hatte. Fürchterliches mit Thomas und Hannes. Ihnen beiden. Die Verena das Wichtigste in ihrem Leben waren.

Das wünschte Verena sich nicht, daß Thomas, Hannes' Vati, fortmachte, Hannes selber im Auto vom Zeltlager abzuholen.

 

Bloß lächerliche zehn Kilometer. Die Strecke lediglich ins Nachbarstädtchen. Nicht die Rede wert, die im eigenen Fahrzeug unfallfrei zu fahren. Und zurück auch. Das redete Thomas gleichgültig, herablassend gegenüber Verena, lachte über die ängstlichen Aufführungen und übernervösen Zustände Verenas, seiner Frau.

Verena wiederholte und wiederholte es Thomas schluchzend. Beschwörend sprach Verena das an, daß Hannes auch mit dem Zug vom Zeltlager heimfahren könnte.

Die Augen verdrehte Thomas.  Seine Ehefrau Verena und ihre ewigen Hirngespinste. Realträume - pah! Sich in Echt erfüllende Träume - noch mal: pah! Runtersteigen sollte Verena von dem Roß.

Auch wenn das eine oder andere Mal schon ungefähr etwas aus einem bösen Traum Verenas Realität geworden wäre, was er, Thomas, ihr, Verena, durchaus zugäbe, hieße das nichts. Nichts. Nicht das bißchen was für ihn, Thomas, Verenas Ehemann. Rein gar nichts.

Das müßte Verena doch einsehen. Daß das bald zum Verrücktwerden wäre, das mit ihr, Verena. Irgendwann, irgendwann müßte Verena einen Punkt machen. Einen Punkt.

 

Für Verena war es selber zum Verrücktwerden, Ausflippen. Denn das Kopfschütteln hatte Dauer bei Thomas angesichts von Verenas hysterischem Getue und ihrer tränenreichen Jammerei. Bloß wegen einer läppischen Autofahrt von ein paar wenigen Kilometern. Eine Viertelstunde hin und zurück. Höchstens.

Das wäre wirklich nichts Großes für ihn, Thomas, im Büro der Zeltlagerleute anzurufen, versuchte Verena es unverdrossen weiter, auf Thomas Einfluß zu nehmen. Den Menschen am Zeltlagerplatz dort könnte Thomas das doch mitteilen, daß sie Hannes darüber unterrichteten, daß Hannes für die Heimfahrt den Zug nehmen sollte. Den Zug. Am Bahnhof des Städtchens, zu den ihn die Mitarbeiter des Zeltlagers mit den anderen Jungs und Mädels sicher im Kleinbus mitfahren lassen konnten, könnte Hannes sich eine Zugkarte kaufen. Das Geld hätte Hannes reichlich.

So oft wäre Hannes in seinem Leben noch nicht mit dem Zug gefahren. Im Zug zu fahren würde Hannes sicher lustig finden. Eine Zugfahrt nach Hause, bestimmt mindestens genauso spaßig für Hannes, als von Vati im Auto heimkutschiert zu werden.

Wäre damit nicht alles gut? Sie, Verena, als Hannes' Mutti, sie wäre beruhigt. Zu Fuß könnte er, Thomas, händchenhaltend mit seiner Ehegattin Verena, die Strecke zum Stadtbahnhof spazierengehen, Hannes am Gehsteig abzuholen. Ein netter Nachmittagsspaziergang. Zum Bahnhof und zurück. Die kleine Tasche von Hannes, die hätte kein so großes Gewicht, daß es dafür eigens ein Auto bräuchte, sie heimzufahren. Das Wetter, das paßte ausgezeichnet für einen Spaziergang. Herrlichster Sonnenschein. Azurblauer Himmel.

 

Leider, Thomas' Ohren, die blieben gegenüber Verenas Anliegen taub. Den Kopf schüttelte Thomas, auf Dauerbetrieb geschaltet. Angesichts von Verenas Überängstlichkeiten von wegen Verenas Alptraumbildern.

Und Thomas, der lachte. Thomas, der lachte Verena am Ende nur noch aus.

Fast ein zweites Gesicht, mit dem Verena ihm, Thomas, hier alle paar Wochen ankäme. Jetzt ihm, Thomas, bald mal wirklich zu oft. Thomas' Worte, die trieften nur so vor Hohn und Spott, hatten viele spitzfindige Gemeinheiten für Verena parat.

Nun erst recht, nun wolle er das Blatt schwarz auf weiß sehen. Das säuselte Thomas am Schluß daher, Thomas, eine Miene gegenüber Verena aufgesetzt, als wäre Verena restlos matschig in der Birne geworden. Ein für allemal, daß er, Thomas, das wissen wolle, was Sache war. Das statuierte Exempel. Käme Vater Thomas mit Hannes heile aber wieder daheim an, dann wäre Ruhe. Ein für allemal Ruhe. Würde Verena Ruhe geben mit ihrem Zeugs. Zukünftig nie wieder ein Sterbenswörtchen von etwas, was Verena sich nächtens zusammenträumte. Nichts mehr, das für Ehemann Thomas aus Verenas Mund laut werden würde.

 

Verena, die keine Lust hatte, sich fürs Rausgehen und die Abfahrt fertigzumachen, wurde von Thomas im Wohnzimmer stehengelassen. Auf den Flur hinaus begab Thomas sich, zur Wohnungstüre, sperrte auf.

Die gemeinsame Wohnung von ihm, Verena und Hannes, die Thomas verließ. Alleine machte Thomas im Aufzug runter, in die Hausumgebung raus.

Durch den weißen, durchsichtigen Vorhang beobachtete Verena von oben, wie Thomas drunten ins Auto auf dem Privatparkplatz einstieg.

Kurz winkte Thomas vom Fahrersitz her zum Abschied zu Verena hinter dem Fenster herauf, um gleichgültig gegenüber den Sorgen, Empfindungen Verenas die Autotüre zuzuwerfen, den Motor anzulassen.

Auf der Straße düste Thomas mit dem Automobil davon.

 

Was hätte sie, Verena, damals Großartiges dagegen machen sollen, können? Was gegen alles unternehmen?

Etwa bei der Polizei anrufen? Hätte Verena auf der Stelle die Polizei herbeitelefonieren sollen?

Weil ihr der Ehegespons im Familienauto abgefahren war? Ihr Mann, der sie, Verena, doch gerne mit bei der Fahrt dabei gehabt hätte.

Wegen so einer schlimmen Traumvision, die Verena die Tage öfter hatte, hätte Verena nach der Polizeiinspektion telefoniert? Weil sie, Verena, solches des öfteren hatte, daß Verena Kleinigkeiten träumte? Das eine oder andere des Erträumten, das dann ein paar Tage drauf wahr würde. Vor allem das Schlimme.

Denen, die in ihren Polizeiuniformen eintrafen, in Wiederholung die Szene, mit der Verena ihre Furcht begründete, haarklein auseinanderzusetzen, hätte Verena das etwa anstellen sollen? Die Einzelheiten aus dem schlimmen Alptraum? Aus dem letzten, den sie, Verena, hatte? Was das war, was Verena vor ein paar Tagen, das Verena an Bösem geträumt hatte. Das von einem Unglück ihres Mannes und ihres Sohnes. Im Traum hätte Verena Thomas und Hannes im Auto sitzen gesehen, Thomas und Hannes, blutüberströmt und reglos.

Wäre es denn die Möglichkeit gewesen, das den Polizisten nicht nur mitzuteilen, sondern ihnen klarzumachen, daß das jede Sekunde jetzt jederzeit in der Realwelt geschehen konnte? Dieser Unfall mit Thomas und Hannes, der würde sich ereignen. Sobald Thomas, Verenas Mann, auf dem Zeltlagerplatz eingetroffen war, Hannes ins Auto einsteigen ließ. Die Polizisten, die müßten ihrem Mann Thomas in ihrem Polizeiwagen hinterherfahren. Unverzüglich, sofort. Mit Blaulicht und im höchsten Tempo. Hannes, ihr kleiner Sohn, durfte nicht zu Thomas, Hannes' Vater und Verenas Mann, ins Auto steigen.

Sicher nicht viel, was die Polizeibeamten daraufhin zu Verena Tümmel gesagt hätten.

Erst mal hätten die Beamten nur blöde aus der Wäsche geguckt. Sonst hätten die nicht viel gemacht, als Verena auf diese Art anzuschauen.

Oder die Staatsbediensteten hätten doch etwas unternommen. Indem sie von Verena verlangt hätten, mal schnell mit ihnen mitzukommen. Keine Scherereien sollte Verena machen. Nichts veranstalten. Kurz mal würden sie, die Polizisten, Verena wo hinbringen. Zu Verenas eigener Sicherheit. Nur zu Verenas Bestem. Ihr Ehemann Thomas, der würde später darüber verständigt werden. Kummer müßte Verena sich deswegen keinen bereiten. Mit Ehemann Thomas würden die Einzelheiten noch besprochen werden.

 

Also telefonierte Verena mit niemandem.

Jene Verena der Vergangenheit hatte nichts zu tun als einsam in der Wohnung herumzuwandern. Hoffnungslos. Den damals unmittelbar bevorstehenden Ereignissen hilflos ausgeliefert. Überhaupt nichts, das diese Verena einer vergangenen Lebenära anstellen konnte. Nur eins, die Fingernägel kauen. Das Beste hoffen. Darauf, daß sich doch nichts abspielte. Obwohl Verena es in dem Traum geblickt hatte. So deutlich. Überdeutlich alles. Von einer besonderen Klarheit.

Das Innere des Fahrzeuges, Thomas' Auto. Die blutüberströmten Gesichter von Thomas und Hannes. Nichts das daran an Deutlichkeit zu wünschen übrig ließ.

 

 

Ein trauriger Stöhnlaut entfuhr Verena.

Am Rand des Keramikwaschbeckens mußte Verena sich festhalten, abstützen. Ansonsten wäre Verena, die Schwäche in den Beinen hatte, am Fliesenboden gelandet.

Hannes' Antlitz, das vor Verenas geistigem Auge entstand.

Hannes, seine kurzen, blonden Haaren. Hannes' fröhliches, nettes Gesichtchen.

Beinahe ein Mädchengesicht, das Hannes hatte. Ein süßes Stupsnäschen mit Sommersprossen drumrum. Richtig volle Kußlippen.

In Hannes war allerdings eine männliche Härte. Auch anders als lieb und nett konnte Hannes sein.

 

Das war beispielsweise mit acht Jahren. Hannes mit acht Jahren.

Nach der Schule nach Hause, daß Hannes in die elterliche Wohnung zurückgekommen war. In die Arme der Mutti, die in der Küche essen kochte, stürmte Hannes.

Aus beiden Nasenlöchern, daß Hannes das Blut nur so herauslief. Ein Sturzbach.

Die Ober- und Unterlippe war bei Hannes aufgeplatzt.

Sofort war Mutti Verena mit Hannes, kaum daß der Blutfluß ein bißchen eingedämmt war, im Taxi zum Arzt.

 

Auf dem Schulweg heimwärts, daß Hannes fürchterlich geschlägert hatte. Fürchterlich geschlägert.

Mit einem größeren und im Grunde genommen viel stärkeren Jungen.

Einem Zwölfjährigen. Sechste Klasse.

Eine "Hure" hatte der Sechstklässler Hannes' Mutti genannt.

Hannes' Mutti, die wär eine dreckige Hure. Eine dreckige Hure. Die es mit jedem trieb. Für jeden, der Hannes' Mutti eine Sekunde anschaue, für den mache Hannes' Mutti die Beine auseinander. Ganz, ganz weit.

 

Übermäßig schlimm hatte es Hannes überhaupt nicht erwischt, Hannes, der die Ehre seiner Mutti verteidigt hatte.

Onkel Doktor Schrepp sagte schulterzuckend zu Verena, daß Hannes' Lippen nicht genäht werden müßten; das könnte gut auch so heilen. Wenn Hannes unvermittelt wieder Nasenbluten bekäme, das würde weggehen, wenn Hannes sich still verhielt, den Kopf zurücklegte. Die paar Hautaufschürfungen an Armen und Beinen, nicht der Rede wert. Den zweiten Zähnen Hannes' fehlte ebenfalls nichts. Kein einziger Zahn saß locker. Zum Zahnarzt müßte Verena mit Hannes deswegen nicht extra, außer Hannes wolle seinen nächstfälligen Nachschautermin vorziehen.

 

Der Vater von Hannes' zwölfjährigem Widersacher, der war jedoch am frühen Abend desselben Tages an der Wohnungstür von Hannes' Eltern gestanden, hatte geläutet.

Verena war die, die dem aufgeregten Mann, die Tür aufmachte.

Der Grund der väterlichen Erregung: Bei der Rauferei hatte sein zwölfjähriger Sohn sich beim Niederfallen auf den Gehsteig das Handgelenk geknackst. Beim Doktor hatte der Zwölfjährige aus der sechsten Schulklasse einen Gips für die nächsten Tage draufbekommen.

 

Ziemlich aggressiv, daß der feine Schnösel ankam, sich aufführte, der Nadelstreifenanzug und teure Krawatte trug, Familienvater war.

Bis der Mann das in Realität zu sehen kriegte, daß Hannes tatsächlich erst acht Jahre alt war. Während sein Früchtchen daheim schon die sechste Klasse besuchte, zwölf Jahre zählte und gut eineinhalb Köpfe größer war als Hannes.

Seine eigene Ehegattin wollte die Bürotype am Ende ebenso nicht "Hure" genannt wissen. Von irgendeinem frechen, dahergelaufenen Rotzlöffel. Ein Bengel, der die Dinge eigentlich nicht begriff. Außer, daß er die Worte allesamt wußte und fehlerfrei aussprechen konnte.

Entschuldigen müßte er, der Vater, sich, daß sein zwölf Jahre alter Fratz so etwas gemacht habe. Die Mutti eines anderen, der überdies erst achtjährig und einiges kleiner an Körpergröße war, eine "Hure" zu nennen. Dafür und für das Schlägern würde es für das zwölfjährige Knäblein daheim Hausarrest und Taschengeldkürzung geben, das ganze Programm.

Damit hatte sich die Geschichte, verabschiedete man sich freundschaftlich voneinander. Hannes war der einsame Sieger. Auf der ganzen Linie hatte Hannes diesen Zwölfjährigen aus der sechsten Klasse geschlagen.

 

 

Die Leute vom Amt für Arbeit hatten Verena einen Brief geschrieben. Daraufhin hatte Verena am Freitag letzter Woche um elf Uhr am Vormittag hinkommen müssen. In das Berufezentrum.

Eine neue Maßnahme stand an für Verena, erklärte der Anzugträger von der Arbeitsagentur, der Verena gegenübersaß. Ein viermonatiger Kursus. In dessen Verlauf Verena etwas über Lagerwesen erfahren und einen Gabelstaplerschein machen sollte. Den Staplerschein fürs mögliche ganztägige Gabelstaplerfahren in einer Firma, einem Betrieb.

Der Beginn des Lagerkundekurses mit Staplerschein: in drei Wochen.

 

In drei Wochen ab letzten Freitag.

Daß das Unternehmen "Lagerkundekurs mit Staplerschein" demnächst losgehen würde, das bereitete Verena das allergrößte Kopfzerbrechen.

Nicht daß Verena direkt irgendwas gegen den Kurs gehabt hätte. Eine Abneigung dagegen, sich wieder hinter eine Schulbank zu klemmen. Einen Lehrer lange doof hinauf und -unter und zurück anzuglotzen. Daß das mit dem mehrmonatigen Schulleben für Verena in ein paar Wochen anfangen sollte, das war schön und gut.

Das Kümmernis an der Geschichte war lediglich, daß Verena zweimal die Woche vormittags zur Lebensmittelausgabe sollte. Fürs Anstehen.

Verenas Farbe: gelb.

Ohne die Lebensmittel von der Sozialstation, für Verena der Ofen bedenklich aus. Verena brauchte die Sachen.

 

Lief die Geschichte ganz schlecht, konnte es Verena im Verlaufe einer Lagerkundestunde, während der der Lehrer erklärte, auf dem Stuhl am Schulbänkchen geschehen, daß Verena wegkippte. Einfach seitlich runter. Vor Schwäche.

Ursächlicher Grund: kaum was im Magen.

Wasser aus der Leitung würde Verena dort im Kursusgebäude zwar in den Pausen trinken können. Ob das Verena aber immer reichte?

Verena brauchte das mit den an die Leute ausgegebenen Lebensmittelrationen, ganz einfach. Fertig, aus. Dafür mußte es für Verena eine Lösung geben. Eine, die für Verena zufriedenstellend war.

Vielleicht eine der Art, daß es Verena von den Kursusveranstaltern erlaubt würde, an den besagten beiden Wochentagen der Lebensmittelausgabe vormittags jeweils eine Zeitlang weggehen zu dürfen.

Die Zeit, die für Verena knapp nötig war, ihre Angelegenheiten zu regeln.

 

Zum einen war da das Hinkommen auf das Gelände der Sozialstation. Dann die Dauer der Ansteherei. Sobald Verena ihr Zeug bekommen hatte - es heimzuschaffen in die Straße und das Haus, in dem Verena ihre Wohnung hatte. Zu guter Letzt: die Rückkehr in das Gebäude, in dem der Kurs in Lagerwesen für Verena stattfand.

Verpaßte Verena eben das eine oder andere des Schulstoffes.

Würde von Verena bestimmt auf die Reihe zu kriegen sein, daß Verena versäumten Stoff nacharbeitete.

 

Oder das mit dem Weggehen aus dem Schulungszimmer, das erledigte sich für Verena. Weil Verena ihr Warenkorb auf der Sozialstation beiseitegestellt wurde.

Was wiederum bedeutete, daß es Verena an den besagten zwei Wochentagen der Essensausgabe erlaubt werden mußte, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde oder so früher aus dem Klassenzimmer fortzugehen. Weg aus dem Schulgebäude. Damit Verena pünktlich eintraf, ehe die Festangestellten der Sozialstation mit der werktäglichen Berufstätigkeit aufhörten. Am Nachmittag. Gegen halb vier.

Hatte Verena bei den Sozialstationsmitarbeitern Wünsche, war das unbedingt nötig, vor Arbeitsschluß bei den Leuten da anzukommen. Ansonsten stand Verena unverrichteter Dinge vor einem versperrten Tor.

Der Schultag, der sich dadurch für Verena eben ein bißchen verkürzte. An zwei Wochentagen eher schulfrei für Verena.

Allzu schlimm fand Verena das mit den zwanzig, dreißig Minuten jedoch nicht. In der letzten Schulstunde würde der Lehrer sicherlich nichts Weltbewegendes zu erzählen haben.

 

 

In ihr Schlafzimmer latschte Verena.

Daran machte Verena sich, sich für ihren vormittäglichen Ausflug Richtung der sozialen Station des Städtchens anzuziehen.

Verenas Unterhose: blutrot. Kein Büstenhalter. Ein kürzeres und ein längeres Unterhemd. Weiß und schwarz und beides fleckig. Darüber ein rotweißkariertes Metzgerhemd. Übergroß, bauschig. Eigentlich für den Mann, das Hemd. Eine weite Blau-Jeans mit hellbraunem Frauenbauchgürtel. Blaue Sportsocken mit Löchern.

 

Das größte Loch hatte die eine Socke, rechte Ferse.

Allerdings: Passierte Verena unterwegs kein Unfall, oder mußte Verena irgendwie komischerweise einen Striptease irgendwo an einem Plätzchen hinlegen, kriegte das mit den Löchern in den Socken zu einhundert Prozent kein Mensch mit.

 

Zum Schluß, daß Verena in die Art Pappeturnschuhe für die Dame schlüpfte.

Blieb zu hoffen, daß es an dem Vormittag nicht viel herunterregnete.

Regen, gefährlich für diese Turnschuhe.

Durchnäßte es diese Turnschuhe, war das Paar Turnschuhe einigermaßen schnell für Verena hinüber. Neue Schuhe, die Verena brauchen würde.

 

Selber von Verena eingekauft, das Schuhwerk für die Sportlerin. Im Supermarkt.

Zehn Eier.

Zehn blanke Eier, die Verena für das Schuhpaar in dem Discounter gelassen hatte. Eier, von Verena am Monatsanfang extra aus der schmalen Börsenkiste herausgeholt, der Kassiererin geziert hingefingert.

Der reinste Luxus, den Verena sich erlaubt hatte.

Sich das Paar Damensportschuhe zuzulegen, Luxusreise pur.

Das hatte Verena sich gegönnt. Es war von Verena nichts dagegen bei Verena zu machen.

 

Seitdem Verena diesen Einkauf getätigt hatte, verweilte in Verenas Gedankenwelt die eine Frage der Fragen: Warum hatte Verena diese blöden Schuhe unbedingt für sich haben müssen?

Starrköpfig, bedenkenlos, Verena.

Für die Dinger, daß Verena die hohle Geldraumtasche weit aufmachte.

War Stolz der Grund Verenas?

Der Wunsch einer Frau, wieder einmal etwas Neues an sich zu sehen? Selbstgekauftes?

Schon ein Problem, Verena, manchmal für sich. Ein echtes Problem.

Warum hüpfte Verena eigentlich nicht aus dem Fenster? Dann hatte sich das mit all ihren Sorgen und Nöten.

 

Traurig seufzend stellte Verena sich auf die Beine, loszugehen, das Kofferteil mit den Rollen unten dran aus der Küche zu holen und am Flurgang bereitzustellen.

 

 

Zurückgekehrt in ihr Schlafzimmer war Verena Tümmel. Auf die Kante des Doppelbettes hatte Verena Tümmel sich gesetzt.

Noch, daß für Frau Verena Tümmel genügend Zeit blieb. Erst in einer Stunde, daß Frau Verena Tümmel aufbrechen mußte. Um aus ihrer Stadtwohnung abzugehen. Auf den Weg sich zu begeben, Herrn Mendl von der Sozalstation zu sehen.

 

Die Vergangenheit, die bei Verena Wiederkehr hielt.

Vor ihrem geistigen Auge blickte Verena zwei Polizeibeamte. Polizisten, die bei Thomas und Verena Tümmel an der Wohnungstür geklingelt hatten.

Die Türe, die hatte Verena den Beamten zögerlich geöffnet, ahnungsvoll. Damals, vor bald zehn Jahren.

Natürlich war in Verena die Gewißheit. Die klare Sicht hatte Verena. Darauf, daß Verena den Uniformierten nie hätte aufmachen sollen, dürfen. 

Bloß, was hätte Verena damit geändert? Nicht viel.

Höchstens zu einem Zeitaufschub, daß Verena sich verholfen hätte.

Die uniformtragenden Leute wären einhundertprozentig wiedergekommen. Ihnen und ihren Neuigkeiten hätte Verena irgendwann auf irgendeine Art begegnen müssen.

Ein Entkommen gab es für Verena nicht.

 

Die zwei Männer drückten die Uniformmützen her, die sie Frau Verena Tümmel gegenüber höflich abgenommen hatten. Erst grüßte der eine, dann der andere Frau Verena Tümmel.

Der größer gewachsene Beamte, der das Reden übernahm. Der Mann meinte, er hätte eine Mitteilung zu machen, etwas, was nicht zwischen Tür und Angel besprochen werden sollte. Hereinkommen müßte man in die Wohnung.

Matt, daß Verena den Uniformträgern hinnickte, sich zur Seite abwandte und die Türe weit aufmachte.

Ins Wohnzimmer schritt Verena voraus. Auf das schwarze Ledersofa, daß Verena sich müde niederhockte. Zu den Männern in Uniform guckte Verena hinauf, die Verena auf dem Fuß gefolgt waren.

 

Die sonore Stimme eines vertrauenswürdigen, mitfühlenden Mannes unterrichtete Verena Tümmel, daß es auf der Autobahn einen Unfall gegeben habe. Ein schlimmer Unfall, der nicht passieren hätte dürfen. Frau Verena Tümmels Ehemann und ihr kleiner Sohn, beide seien tot.

Schuld hatte ein Kleintransporter. Der Kleintransporter sei bei zu hoher Geschwindigkeit nach der Seite ausgebrochen, ins Schleudern geraten. Jenes nachfolgende Fahrzeug, das ihn, Frau Verena Tümmels Gatten, am Lenkrad sah, sei in den eiernden, schleudernden Transporter hineingeknallt.

Jeder der Fahrzeuglenker habe sein Kraftfahrzeug nahe am Geschwindigskeitslimit bewegt. Eine Kleinigkeit, die die Gefahrenmomente multiplizierte.

Der Kleintransporter sei mit Umzugsmöbeln überladen gewesen. Das sei der eine Grund für das unvermittelte Ausbrechen, Schleudern. Der zweite, womit das Problem verschärft worden sei, waren die Transporterreifen. Kein Mensch konnte da mehr von einem brauchbaren Reifenprofil sprechen.

Unglaublich oft müßten sie, sie von der Polizei, sich darüber wundern, in welchem Zustand Transportfahrzeuge wären, die auf den Straßen und Autobahnen durch die Gegend kurvten. Wenn dann dazu die Fahrgeschwindigkeit nicht im mindesten angemessen war, waren Katastrophen zwangsläufig. Zudem habe der Fahrer des Kleintransporters die gesetzlichen Ladungssicherheitsvorschriften erheblich mißachtet.

 

Die Insassen des Personenkraftwagens ...? Pech, das diese hatten.

Mehrmaligen Überschlag habe es gegeben. Unglaubliche Kräfte, die gewirkt hätten.

Herausschneiden haben die von der Feuerwehr den Mann und das Kind aus dem Autowrack müssen. Zuvor habe der Notarzt bei beiden nur noch den Tod feststellen können.

Der Junge, der sei am Beifahrersitz angeschnallt gewesen. Der Vater, der das Fahrzeug lenkte, dagegen nicht.

Auf der Fahrer- und der Beifahrerseite seien die Aufprallkissen aufgegangen. Eine Tatsache, die den Fahrzeuginsassen nur nicht das kleinste bißchen irgendwas geholfen habe.

 

 

Der letzte Schluchzer Verenas, der war länger her.

Das zusammengeknüllte Papiertaschentuch, mit dem Verena sich unter den Augen, sich über die Wangen gewischt hatte, warf Verena auf den roten Teppich.

Eine überraschende Nachricht war das mit dem Unfalltod von Thomas und Hannes vor bald zehn Jahren nicht für Verena.

Verena hatte es augenblicklich gewußt, als sie die Polizisten durch das Guckloch der Wohnungstür erblickte, daß jene Situation eingetreten war. Die aus dem bösen Traum.

Ihr geliebter Mann Thomas und Hannes, ihr vielgeliebter, zehnjähriger Sohn, waren tot. Dahingestorben.

Was die Polizeibeamten Verena schlußendlich von dem schrecklichen Autobahnunfall sprachen, war für Verena quasi die Erläuterung zu den ihr bekannten Tatsachen.

Das aus Verenas Alptraum, das war eingetroffen.

 

Warum hatte Thomas nicht auf sie, Verena, hören können?

In Wiederholung, daß Verena Thomas davon geredet hatte. Immer wieder die Tage zuvor, seit Verena ihren Alptraum hatte.

Schlimmstens zugerichtet hatte Verena Thomas und Hannes in dem bösen Traum gesehen. Wie es aussah, beide gestorben.

Genauso ein reales Bild, das Traumbild, wie das, als Verena Thomas und Hannes auf den Liegen daliegen sehen mußte. Nachdem im Leichenschauhaus Thomas' und Hannes' Röhren herausgezogen worden waren. Die weißen Laken von den Leibern weggenommen wurden, damit Verena freie Sicht auf die Leichname hatte.

 

Andererseits, selbst wenn Thomas seine Ehegemahlin Verena vor seiner Abfahrt an jenem Samstag vor zehn Jahren ernster genommen hätte - was wäre gegen das schreckliche Geschehen zu unternehmen gewesen? Was hätte in Wahrheit dagegen getan werden können?

Das mit dem Horrortraum, in dem Verena das Unglück von Thomas und Hannes vorausgesehen hatte - das war nicht von der Hand zu weisen.

Wenn nicht so, hätte das Schicksal sich am Schluß einen anderen Weg gesucht, zu demselben Ergebnis und den gleichen Bildern zu kommen.

Der Tod, ein unvermeidbares Mißgeschick.

Ein nicht einmal selbstverschuldeter Unfall auf der Autobahn war auch nur eine Möglichkeit. Sterben konnte man am Schluß auf vielerlei Arten.

 

Auf den mechanischen Rundwecker auf dem Nachtkästchen zu ihrer Rechten starrte Verena.

Schlagartig klärte sich Verenas Blick auf.

Ein spitzer Schrei entfloh Verena. Auf die Beine hüpfte Verena.

Wo war denn die Zeit abgeblieben? Oder hatte Verena vorhin die Uhrzeit nicht richtig ablesen gekonnt?

Höchste Zeit war es für Verena, aufzubrechen. Eine Viertelstunde blieb Verena, dann hatte Verena ihren Termin bei Herrn Mendl auf der Sozialstation.

Der war für Verena nicht eben ein unwichtiger. Für Verena ging es bei Herrn Mendl um was. Verena Tümmels Anliegen war Herrn Mendl verständlich zu machen.

Pünktlichkeit war in dem Fall das Angesagte. Unbedingt.

 

 

Aus dem Schlafzimmer eilte Verena auf den Flurgang hinaus.

Lange stand da der Rollkoffer für den vormittäglichen Ausflug bereit.

Das Telefon, das klingelte, daß Verena zusammenzuckte.

Abheben? Nicht abheben?

Nein, nicht abheben!

Wenn der Anruf aber wichtig war ...

Eine Minute allerhöchstens. Eine Minute, die mußte für das Gespräch reichen. Dann mußte Verena Bescheid wissen, was los war. Beziehungsweise dem Anrufer sagen, daß Verena schnell woanders hinmachen müßte.

 

"Ja bitte?" keuchte Verena, die abgenommen hatte, unten in die Hörermembran.

"Berufezentrum hier!" sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. "Hier ist die ArGe! Herr Meier am Telefon. Sie haben eine Einladung für einen viermonatigen Kurs in Lagerwesen mit anteiligem Gabelstaplerschein von uns erhalten, nicht wahr, Frau Tümmel?"

"Ja, habe ich", raunte Verena dem Hörer hin.

"Ich muß Ihnen leider mitteilen, Frau Tümmel, daß die Maßnahme nicht stattfindet. Tut uns leid. Aber die Sache ist abgesagt. Kurzfristig sind die Mittel dafür gestrichen worden."

Verena fiel nichts ein, das sie dazu daherzuschwätzen gehabt hätte. Vielleicht auflegen. Kurz und schmerzlos.

"Das wär eigentlich schon alles ...", setzte Herr Meier fort.

"Ja, ich hab' auch gerade überhaupt keine Zeit", hörte Verena sich plappern. "Um halb zehn hab' ich jetzt gleich einen Termin. Bitte, entschuldigen Sie! Aber ich hab's gerade eilig ..."

"Gut denn! Jedenfalls wissen Sie jetzt Bescheid. Die Schulungsmaßnahme entfällt ersatzlos."

"Weiß ich jetzt Bescheid, Herr Meier, ja ..." Das bemerkte Verena bei sich, daß Verena dem Telefonhörer hinnickte.

"Noch etwas: Am Zwölften des nächsten Monats kommen Sie, Frau Verena Tümmel, bitte für ein Gespräch zu mir. Morgens, um acht Uhr in der Früh. Zimmer neun, Erdgeschoß. Darüber werden Sie die nächsten Tage auch noch schriftlich unterrichtet. Das müssen Sie sich jetzt nicht extra alles merken, ja?"

"Ja, Herr Meier! Acht Uhr früh. Werde am Zwölften um acht bei Ihnen sein. Zimmer neun, Erdgeschoß. Bitte, Herr Meier, könnten Sie mich jetzt entschuldigen, ja ...? Hab' wirklich nicht die Zeit - ehm! Muß unbedingt wohin ..."

"Gut, Frau Tümmel! Dann möchte ich Sie nicht weiter belästigen. Sie haben auf alle Fälle Bescheid gesagt bekommen. Das Ganze mit dem Kurs in Lagerwesen mit dem Gabelstaplerschein anbei, das entfällt."

 

Ziemlich kühl, empfand Verena es, hatte Herr Meier die telefonische Verbindung abrupt getrennt. Ohne jegliche Art von Verabschiedung. Und ohne außerdem ein weiteres Wort zum Abschied von Verena vernehmen zu wollen.

Das störte Verena jetzt, irgendwie.

Liebend gerne hätte Verena "Auf Wiedersehen" zu Herrn Meier von der ArGe - einem neuen Zuständigen in Verenas Angelegenheiten bei der ArGe, im Berufszentrum -, gesagt.

Der Umstand der Verabschiedungsfloskel fehlte Verena nun. Daß es Verena das Gefühl herunterzog. Brutal.

 

 

Mit dem Arm stützte Verena, die Herzrasen hatte, sich an der Wand ab. Dem Drängen widerstand Verena, sich auf den Fußboden niederzuhocken. Dort der Flennerei sich zu ergeben.

Herr Mendl fiel Verena ein. Verena hatte den Termin bei Herrn Mendl auf der Sozialstation.

Jetzt war es knapp acht Minuten vor halb zehn Uhr. Das mit der Zeit, ein Wahnsinn. Die Minuten schienen zu rasen.

Zur Wohnungstür hastete Verena, den Rollkoffer hinter sich herziehend. Mit zittrigen, ungeschickten Fingern löste Verena die Türkette, sperrte die Tür auf.

Samt dem Koffer auf Rollen begab Verena sich über die Türschwelle.

Aus dem Schloß innen riß Verena, der es heiß war, der das Herz bis zum Hals schlug, den Wohnungsschlüssel. Mit ihren Zitterfingern schaffte Verena das wichtigste silberfarbene Metallstück, das den Schlüsselbund schmückte, draußen wieder rein, zum Zusperren.

 

Wieder waren sicher zwei, drei Minuten flugs vergangen. Wie hatte sich das bei Verena ereignen können?

Jetzt geschah es, daß Verena tatsächlich fünf, sechs Minuten zu spät zu ihrem wichtigen Termin bei dem netten Herrn Mendl vom sozialen Dienst kam.

Schlimmstenfalls, ereignete sich nochmals unterwegs irgendwas, war Verena eine Viertelstunde verspätet dran.

Eine geschlagene Viertelstunde Verspätung - eine Unpünktlichkeit, nicht weniger als schlimm zu nennen. Für Verena.

 

Dabei hätte Verena locker pünktlich sein können.

Vor einer Stunde hatte Verena noch die feste Absicht gehabt, mindestens fünf Minuten früher dort zu sein, bei Herrn Mendl. Vor der Bürotüre Herrn Mendls von der Sozialstation.

Vorgestellt hatte es sich Verena, am Flur zu warten. Bis es genau halb zehn Uhr würde. Dann leise anzuklopfen an die Türe. Ein Momentchen zu lauschen. Die Klinke zu drücken, sich selber aufzumachen, freundlich lächelnd, hatte Verena von drinnen was gehört oder nicht.

Statt dessen ...

Laut schluchzte Verena.

 

Zum einhundertundfünfzigtausendsten Male funktionierte in dem doofen Schrotthaus der Aufzug nicht. Zu Fuß mußte Verena die Stiegen runtersteigen, aus dem dritten Stock, den Rollkoffer bei sich über den Rücken gelegt.

Die Vorhalle drunten war nicht einsam und verlassen, leer. Käthe, die gräßliche Hausmeistersfrau, stand mitten auf der gefliesten Fläche, blickte spöttisch, erwartungsvoll Verena herauf entgegen.

"Einen schönen guten Morgen, Frau Tümmel!" empfing das dicke Weib Verena scheinbar freundlich. "Gut, daß ich Sie heute schon mal sehe. Muß ich nicht extra hochkommen, zu Ihnen an die Wohnungstür. Nächste Woche sind Sie wieder mit dem Treppenputzen dran. Das heißt nicht zwei-, dreimal die Woche Treppenputzen. Nein, das heißt das nicht. Bestimmt nicht. Sieben Tage hat die Woche. Sieben Tage hat die Woche, nicht wahr? Ja? Sieben Tage Treppenputzen, oder?"

"Ja!" Mattes, entsetztes Kopfnicken Verenas.

"Dann verstehen wir uns ja!" Die Arme, die "Fettauge"-Käthe bei sich in die breiten Hüften stemmte. "Sieben Tage die Woche. An sieben Tagen müssen die Treppen geputzt werden ..."

"Bitte ...! Ich hab' gerade keine Zeit. Überhaupt keine. Hab' einen Arzttermin. Bin ganz, ganz knapp dran, noch so eben pünktlich in die Praxis zu kommen. Ein anderesmal, wenn ich keinen Termin hab', können Sie mir alles auch noch sagen, was Sie auf dem Herzen haben. Ja ...?"

In Bewegung zu bringen versuchte Verena sich, Marschrichtung Haustüre. Aber "Fettauge"-Käthe verstellte Verena kurzerhand den Weg.

"Darauf sollten Sie auch achten, daß, wenn Sie putzen, die Stiegen dann auch sauber sind." Den Zeigefinger hob "Fettauge"-Käthe Verena vors Gesicht. "Zumindest sollte man das sehen, daß Sie geputzt haben. Die ganze Woche durch, jeden Tag. Sieben Tage die Woche."

"Jaja ..." Voll die Ungeduld war Verena. "Bitte, ich kann mich jetzt nicht damit aufhalten. Ich muß ..."

"Wenn Ihnen demnächst hier gekündigt wird ..." Die Herablassung in Person war Käthe, Frau des Hausmeisters. "Dann müssen Sie sich mit niemandem hier im Haus mehr aufhalten. Passen Sie nur auf, Frau Tümmel. Ich hab' da was läuten gehört, was Sie angeht ... Vielleicht sind Sie bald sehr schnell hier ausgezogen. Schneller, als Sie sich das momentan denken."

Ihre Füße brachte Verena in Marsch, begab sich stumm an "Fettauge"-Käthe vorüber, "Fettauge"-Käthe, die nichts dagegen unternahm, diesmal.

Im Nu befand Verena sich an der Haustür, öffnete die Tür für sich.

Ein flüchtiges Sekündchen, daß Verena auf "Fettauge"-Käthe zurückblickte, auf "Fettauge"-Käthe, die Verena mit angewiderter Miene hinterherstarrte.

 

 

Unter freiem Himmel dastehend, atmete Verena erst mal tief durch.

Ein grauer Wochentag war das.

Tiefhängendes Wolkengrau.

Lediglich der Regen, der fehlte.

Jeden Augenblick konnte es jedoch zu tröpfeln anfangen. Und Verena, die konnte, wurde das mit dem Niederschlag stärker, mit ihren Pappeturnschuhen Pech haben. Daß Verena diese Schuhe das letzte Mal anhatte.

 

Welches war der schnellste Weg, den Verena wählen sollte?

Der lange, den Verena ursprünglich zu gehen beabsichtigt hatte? Oder der durch den Park, der der kürzere war?

Das Problem war nur, daß auf der anderen Seite des Stadtparks mächtig durch die Gegend gebaut wurde.

Die Straßenbreite war von Baggern mehrere Meter breit und tief ausgehoben worden. Schwere Lastwägen fuhren auf dem Platz dauernd an und ab.

Konnte Verena dort nicht weiter, mußte Verena sogar umkehren, zurücklatschen. Die Geschichte mal zwei.

Das durch die Parkanlage, das kostete am Schluß mehr Zeit. Wobei Zeit das Momentum war, das Verena nicht hatte. In keinster Weise. Eigentlich.

Das bedeutete, daß der lange Laufweg der kürzere war, Verena größere Überraschungen ersparte.

"Verflucht!" entfuhr es Verena, schüttelte den Kopf. War das Leben nicht Slapstick?

 

Den Gehsteig stürmte Verena hinauf.

Weil das kein gemütliches Spazierengehen war, hatte Verena sich den Rollkoffer über die Rückenlänge gelegt, hielt ihn mit der Rechten am eisernen Haltegriff. Etwas, das außerdem die Kofferrollen schonte. Daß am Koffer die Rollräder kaputtgingen, die Tatsache hätte Verena ebenfalls gerade gefehlt.

Verschiedenste Nebenstraßenkreuzungen, die Verena bewältigte.

Zweimal, daß Verena das Glück hatte, daß für den Fußgänger die Ampel auf Grün stand.

Trotzdem, erst nach einer gefühlten Ewigkeit von Minuten, die große Straßenkreuzung für Verena.

Hier, auf der Kreuzung, daß der Autoverkehr sich staute.

 

An der roten Ampel wartete Verena auf das grüne Männchen, überlegte sinnend, was das mit dem Verkehrsaufkommen am Ort war.

Waren das alles Leute - die drinnen in den Fahrzeugen hockenden Männer, Frauen -, die, kaum daß sie das mit der Arbeit am Morgen angefangen hatten, schon wieder aufhörten mit ihrem Job? Abhauten, raus aus den Betrieben, den Büros?

Oder waren sie beruflich auf der Fahrt?

Oder schließlich solche, die überhaupt nicht arbeiteten?

 Allesamt, daß sie ungerührt im Automobil Stoßstange an Stoßstange Minute um Minute verplempern konnten. Weil sie keiner Arbeit nachgingen? Deswegen irgendwo im Stauverkehr zu stehen, im Grunde genommen egal. Egal wo und wie lange, man hatte sie ja, die Zeit.

Nach dem glücklichen Ankommen auf irgendeinem Parkplatz oder in einem -haus bevölkerte man die Kaufhäuser, Cafés. Als könnte man sich das leisten, leistete man sich was.

 

Verenas Fragestellung: Wer von denen hatte so viel Bares? Durften hier einige die Karte überziehen, weiterhin überziehen?

Bis zum Monatsende, das waren schon noch ein paar nette, pralle Tage.

Nur Verena, vielleicht Verena, der die rechte Perspektive fehlte.

Weil, bei Verena, bei Verena war die Karte lange tot. Praktisch augenblicklich mit jedem Monatsanfang passierte Verena das. Kaum der Erste gekommen, war das wieder vorbei, was die Möglichkeit mit den aufschlagbaren Geldeiern für Verena anging.

Die Null, die gähnte.

 

 

Atemlos erreichte Verena nach dem nächsten kleinen Gewaltmarsch das vierstöckige Klotzgebäude. Ihr Ziel.

Auf der Kirchturmuhr zeigte der große Zeiger, daß es in zwei Minuten dreiviertel zehn Uhr am Vormittag wurde.

Das war Katastrophe. Die Katastrophe schlechthin für Verena.

Eine Viertelstunde, die Verena verspätet dran war. Und Verena war immer noch nicht annähernd dort, wo Verena lange hingesollt hätte.

 

Zwanzig, fünfundzwanzig Minuten zu spät, daß Verena eintraf, rechnete Verena das weitere hoch.

Zwanzig, fünfundzwanzig Minuten, daß Verena den Zeitpunkt verfehlte, zu dem Verena zu dem Termin in Herrn Mendls Büro auf der Sozialstation anwesend sein hätte sollen.

Als ob Verena sich das erlauben hätte können, dürfen.

Kaum erträglich war das für Verena. Kaum erträglich, wie im Moment die Gegenwart war.

Wie sollte das jetzt bloß weitergehen, das mit Verena, Verena, die nicht aus der eigenen Haut heraushüpfen konnte?

 

Den Rollkoffer stellte Verena niedergeschlagen auf den geteerten Gehsteig ab. Arme und Beine schüttelte Verena aus. Schließlich hatte Verena Sport gemacht. Was Verena nicht gewohnt war.

Drei ältliche Weibspersonen in grauen, braunen Stoffmänteln kamen die Ein-, Ausfahrt herausgeschritten.

Links und rechts trugen die Alten schwere Stofftaschen, gelbe, rote Plastikkörbe.

Anscheinend war das diesmal ein guter Tag. An dem jemand eventuell was im Körbchen zu sich nach Hause tragen konnte.

 

Die Dicke der Tragtaschen, der Inhalt der Körbe, das alles, das hatte Verena nur gerade überhaupt nicht zu interessieren, schimpfte Verena sich.

Auf ein neues, daß Verena sich in Bewegung schaffte, kurz aufschluchzend. Hinein auf die graue Teerfläche des Hinterhofs, dicht mit Vierrädern zugeparkt, eilte Verena.

Ein Verena unbekannter rothaariger, großgewachsener Jungmann, am Namensschild am Brustrevers seiner schwarzen Jacke als Mitarbeiter der Sozialstation erkennbar, stritt sich mit ausschweifenden Gesten mit einem dicklichen Mittvierziger mit Glatze, der sich mit der Hüfte leicht an die Fahrertüre seiner silberfarbenen viertürigen Karre anlehnte.

"Bitte, steigen Sie wieder ein!" klangen Worte Verena in den Gehörgängen. "Fahren Sie Ihr Fahrzeug bitte woanders hin. Sie können sich doch nicht einfach hier hinparken."

"Warum denn nicht? Mein Auto steht doch gut hier. Steht doch gut hier."

"Das müssen Sie einsehen, daß das mit dem Parken, wie Sie das jetzt machen, hier nicht hinhaut. Sie versperren ein-, ausfahrenden Wägen den Fahrweg. Das ist doch nicht zu fassen, was Sie hier treiben, Mann. Steigen Sie sofort wieder ein! Fahren Sie hier raus!"

"Ich muß das hier ... Ein paar Minuten muß ich noch auf meine Frau warten. Die kommt jede Sekunde ..."

"Wenn Sie nicht augenblicklich machen, was ich sage ..."

"Was dann?"

"Sie werden angezeigt. Sie erhalten eine Anzeige von uns. Sie werden angezeigt, mein Lieber ..."

 

In Marsch setzte sich Verena, weg von der Szene, hörte nicht mehr viel weiter.

Herzrasen hatte Verena. Gefährliches Herzrasen.

Daß sie tatsächlich stehenbleiben hatte müssen, deutlich wortreiche Rede zu erlauschen und doof zu glotzen? Beinahe zuviel für Verena im Moment, die eigene Person und ihr Treiben.

Was ging Verena das zwischen dem neuen Jungspund von der Sozialstation und dem glatzköpfigen widerborstigen Knilch an?

Im Grunde nichts. Überhaupt nichts, daß Verena das anging. Verena, die hatte schließlich andere Sorgen an dem Vormittag. Ganz andere.

Erst wenn Verena wieder unten war, aus dem Büro droben draußen. Dann war das mit dem Anstehen angesagt, hatte Verena genug Zeit fürs Gaffen und all das. Mehr als genug.

Übergenug konnte Verena sich dann allem und jedem widmen. Sogar ein, zwei Stunden. Oder länger. Wäre nicht das erstemal.

 

Hinauf mußte Verena, in den vierten Stock.

Die Flügel der gläsernen, hohen Doppeltüre standen weit auf, Verenas nächstes Ziel.

Damit fing Verena an, Leute anzutippen und anzusprechen, sie, Verena, bitte durch- und vorüberzulassen.

Durch die lange Reihe des dichtgedrängten Volks der Ansteher am Hof drängelte Verena sich voran.

Ab und an mußte Verena sich bei jemandem entschuldigen, der sich Verena hinwandte, Verena anstierte, weil Verena ein klein bißchen gerempelt hatte.

Zum Glück unbekanntere Gesichter für Verena, im Augenblick. Niemand willens, aufzuhalten.

 

Den Rollkoffer weiterhin hinter sich herzerrend, entdeckte Verena sich im Hauptgebäude der Sozialstation drinnen.

Nachdem das mit dem Aufzug noch eine Runde langsamer sein würde, mußte Verena die Treppenstiegen in das vierte Stockwerk zu Fuß hoch.

"He, Verena ...!" vernahm Verena von links hinter sich einen Ruf.

Eine bekannte Frauenstimme. Hörte sich nach Corny an.

Verena reagierte nicht auf Corny. Für Verena, daß sich die Reise zwischen den Männer-, Frauengestalten noch fortsetzte.

"Darf ich bitte hier durch? ... Danke!"

Die Glasfibertüre, die in das Treppenhaus des Vierstockklotzgebäudes hineinführte, die Verena endlich erreicht hatte. Die Klinke drückte Verena unverzüglich herab, schob die Türe für sich nach innen auf.

 

Unvermittelt war Verena alleine, verlassen von den vielen der Anstehermeute.

Hinter Verena fiel die Glasfibertüre ins Schloß.

Den Koffer auf Rollen legte Verena sich auf den Rücken. Zwei betonierte Stufen auf einmal nehmend, begann Verena den Aufstieg.

Nichts als das eigene, schwere Schnaufen erlauschte Verena.

 

 

Droben war Verena angekommen. Im vierten Stock.

Ihren lästig gewordenen Rollkoffer, den Verena anfangs des dritten Stockwerks am liebsten abgenommen und am nächsten Ort stehengelassen hätte, schwang Verena sich von der Rückenpartie herunter.

Mit rasselndem Atem lehnte Verena sich mit der Schulter gegen den Mauerrand des türlosen Durchgangs zum Flur.

Zittrig zog Verena ein frisches Papiertaschentuch aus der Packung.

Sich mit dem papiernen Taschentuch das Gesicht herwischend, begab Verena sich am Flurgang nach rechter Hand, zur Bürotür da in der Mitte gegenüber.

 

Auf das Pappeschild dran an der braungestrichenen Holztür glotzte Verena.

Ein von Kindergartenkindern mit Wachsmalstiften in Regenbogenfarben gemalter Name - GERALD. Jede Menge rote Herzchen rund um den Namenszug GERALD herum. Oben links am Bild eine goldfarbene Sonne mit gelben Strahlen. Das Sonneninnere: ein Grinsegesicht aus Bleistiftstrichen.

Das Kunstwerk, hübsch und brav verfertigt von Kindern aus dem benachbarten Kindergarten. Für Herrn Mendl, Herrn Gerald Mendl.

 

Sicher war es jetzt schon fünf vor zehn Uhr, überlegte Verena. Wenn es nicht bereits zehn war.

Sollte Verena nun die Schulter zucken, weggehen? Zum Anstehen für die Lebensmittel wieder hinuntermachen?

Was sprach aber bei Verena dagegen, doch noch kurz anzuklopfen?

Brachte Verena das nicht, hätte Verena schlichtweg sofort drunten mitten unter der vielköpfigen anstehenden Bevölkerung bleiben können. Vorhin.

Irgendwas würde Verena bestimmt einfallen, Verenas Verspätung zu entschuldigen.

 

Ziemlich lautstark, daß Verena zweimal mit der Faustunterkante gegen die braunfarbene Türfläche haute.

Auf eine männliche Stimme von drinnen horchte Verena.

Keinerlei Reaktion aus der Büroinnenwelt.

Die Türklinke drückte Verena, viermal.

Es war abgesperrt, und es blieb zu.

Im Büro des Herrn Mendl - Herrn Gerald Mendl - befand sich kein Mensch. Niemand.

Mit dem rechten Turnschuhfuß trat Verena gegen die Mitte des unteren Türrandes. Nochmals dagegen.

Laut waren die Geräusche. Die Holzfläche, die nachvibrierte.

 

"Aber hallo!" erklang Verena die Stimme einer Frau.

Unmittelbar bei Verena, die andere. Seitlich leicht links hinten versetzt, das Miststück.

"Aber, also wirklich ...", wiederholte sich das mit der Ansprache der Dame für Verena, Verena, die zur Salzsäule erstarrt war. "Was fällt Ihnen denn ein, Sie -! He, liebe Frau, reißen Sie sich bitte hier mal hübsch zusammen, ja? Wer glauben Sie, daß Sie sind? Sie können doch nicht denken, sich hier alles erlauben zu können. Wirklich nicht. Wenn bei Gerald zu ist, ist bei Gerald zu."

"Bit-te, ich hab' um halb zehn Uhr einen Termin bei Herrn Mendl im Büro", plapperte es aus Verena heraus, Verena, die sich blitzschnell nach ihrer Widersacherin umgewandt hatte; einer Grauhaarigen sah Verena sich gegenüber. "Und Herr Mendl ist nicht da. Ist einfach nicht da. Herr Mendl sollte da sein, wenn ich um halb zehn komme."

"In drei Minuten haben wir zehn", versetzte die Bürodame zu Verena hin. "Zehn Uhr ist knapp eine halbe Stunde, die Sie zu spät dran sind, liebe Frau. Hätten vielleicht pünktlicher sein sollen, für Ihren Termin bei Gerald. Nun führen Sie sich hier aber auch noch auf, daß ich mich frage, wie Sie sich das erlauben können. Was erlauben Sie sich eigentlich?"

"Hab' mit Herrn Mendl wichtige Dinge zu besprechen", schnarrte Verena trotzig.

"Heut' kommt Gerald nicht mehr in sein Büro", unterrichtete die graue Bubikopfdame, die ein Serviertablett mit Kaffeekanne und Tassen drauf auf Bauchhöhe vor sich hielt. "Wir haben kurzfristig eine Konferenz einberufen müssen. Sie haben das ja selber gesehen, was drunten wieder bei uns los ist. Das wird bald zuviel. Wir müssen weitere Farben einführen. Wir müssen anscheinend Zeug für noch mehr Leute herkriegen. Darüber muß man sich unterhalten. Und wenn die Lagebesprechung vorbei ist, fährt Gerald mit, wenn es in die Geschäfte geht. Ich würde sagen: Sie hätten pünktlich dasein müssen. Jetzt hat Gerald wirklich keine Zeit mehr. Jetzt gehen Sie bitte."

"Ich muß unbedingt mit Herrn Mendl reden", blieb Verena bei der Stange, wollte sich nicht vom Ort wegbegeben. "Der Termin mit Herrn Mendl, den ich um halb zehn hatte - der ist wichtig für mich."

"Pünktlichkeit wäre wichtig für Sie gewesen. Wenn ich das Gerald sage, wie Sie sich hier aufführen ..." Ihr Tablett, mit dem sie für die Kaffeeversorgung sorgte, stellte die graubehaarte Sozialstationsmitarbeiterin auf einen von Verena bis dahin unbemerkt gebliebenen Rechtecktisch an der Wand gegenüber ab.

Apotheker- und Gewerkschaftsbroschüren, die dort auf der Tischfläche durcheinander herumlagen, fürs Mitnehmen für den Parteiverkehr. Ein Bistumsblatt.

 

"I-ich mu-muß mi-mit Herrn ...", stotterte Verena.

"Daß Sie hier bei Gerald hier gegen die Tür getreten haben, das find' ich wirklich klasse." Die Arme, daß die Grauhaarige, die ein dunkelgraues, knielanges Rockkostüm für den schmucklosen Büroauftritt anhatte, nun bei sich in die Hüften stemmte. "Wirklich nur noch klasse find' ich das. Einsame Klasse. Ausgezeichnet. Hört Gerald das von mir, denke ich, daß Gerald das auch klasse finden wird. Sie können von Gerald hier sofort Hausverbot kriegen, wenn Sie das wollen."

"Aber ...", beharrte Verena auf ihrem Standpunkt.

"Sie gehören auch zu denen, die drunten anstehen, nicht? Wenn Gerald das möchte, geben Sie augenblicklich Ihren Ausgabeausweis, alles ab. Sie wären nicht die erste, der das passiert. Und Sie können mir das glauben, daß wir das mit dem Hausverbot auch durchsetzen. Lassen Sie sich dann hier noch mal blicken, sehen Sie sich schneller Polizisten gegenüber, als Sie das jetzt meinen. Ein Anruf von einem von uns reicht. Eine Anzeige haben Sie daraufhin außerdem am Hals ..."

"Bit-te, i-i-ich ..." Die Hände, die Verena mitleidsheischend in die Richtung von der von der Sozialstation rang.

Einen unvermittelten Schritt machte Verena auf die andere zu, buckelte sich herab - daß es beinahe aussah, Verena wolle sich auf den Boden schmeißen, der Dame vor die schwarzen Lederhalbschuhe.

"Lassen Sie das bitte!" Mit der flachen Hand vollführte die Büroangestellte eine abwehrende Handbewegung, als wolle sie einen bösen Geist vertreiben. "Lassen Sie das, ich bitte Sie! Kommen Sie mir ja nicht zu nahe, sag' ich Ihnen. Hören Sie - ich will nichts von Ihnen. Gar nichts. Keine Art von Beziehung möchte ich zu Ihnen haben. Kann ich gut drauf verzichten. Auf alles mit Ihnen kann ich gut verzichten. Mir ist alles hier eigentlich ziemlich egal. Wenn Sie jetzt schnell wieder von hier verschwinden, vergesse ich die ganze Angelegenheit mit Ihnen vielleicht auf der Stelle. Und wenn nichts weiter mit der Tür ist, nichts mehr vorkommt, weiß ich sicher bald von überhaupt nichts mehr. Sie können sich bei Gerald entschuldigen, weil Sie nicht zu dem Termin bei ihm erschienen sind. Wird Gerald sicherlich einen neuen Termin mit Ihnen ausmachen. Nicht wahr? Heute aber nicht mehr. Diese und die nächste Woche durch jedoch leider auch nicht. Tut mir leid. Sehr leid für Sie. Wären Sie früher hierhergekommen, pünktlich ..."

"Wenn i-ich Herrn Mendl aber jetzt nötig bräuch-bräuchte ..." Beide Handflächen wie zum Gebet in der Kirche aneinandergelegt, mit dieser bittenden, flehentlichen Geste versuchte Verena sich.

"Nein!" lehnte die Sozialstationsbüromitarbeiterin ab. "Heute hat Gerald bestimmt keine Zeit mehr für Sie. Auch nicht für jemanden sonst. Nicht mehr heute. Wie gesagt ..."

"Aber ..." Eifrig nickte Verena, Verena, der heiß war, die bei sich am Kopf Druck spürte. "Aber, i-ich ... Ich brau-brau-che ..."

"Nein! Gerald hat keine Zeit mehr, heute. Hören Sie nicht, nichts von dem, was ich sage? Gerald hat zu tun. Gerald hat heute keine Zeit mehr für Sie. Oder wen anders. He, bleiben Sie friedlich. Friedlich bleiben. Bleiben Sie ja friedlich. Unterlassen bitte jeden Unsinn, ja? Oder ich ... Sie müssen mit Gerald eben einen neuen Termin vereinbaren. Fertig, aus, nicht wahr? Und ansonsten ... Und ansonsten möchte ich - daß Sie hier weggehen. Sofort. Jetzt sofort. Unverzüglich." Die mit dem grauen, schmucklosen Kostüm an, deutete mit dem Finger zur Butzenglastüre, damit Richtung Aufzug.

 

"Entschuldigung!" Traurig seufzte Verena. "Entschuldigen Sie bitte! Wird nicht wieder vorkommen, alles. Werd' mir von Herrn Mendl einen neuen Termin geben lassen. Für übernächste Woche ... Wann immer Herr Mendl Zeit hat."

"Ja, schön, tun Sie das." Kopfnicken von der grauhaarigen Kurzhaardame aus den Büroräumlichkeiten. "Tun Sie das. Was immer Sie wollen. Wie Sie's immer gern haben. Nur gehen Sie jetzt bitte. Gehen Sie jetzt bitte hier weg. So-fort! Auf Wiedersehen!"

"Auf Wie-der-se-hen!" kam es gepreßt von Verena, Verena, die sich kopfnickend, Tränen bei sich fortblinzelnd in Bewegung schaffte.

Das vergaß Verena nicht, den Rollkoffer, den Verena links von sich entdeckte, am Haltegriff zu greifen, das Teil hinter sich herzuziehen.

An der Sozialstationsmitarbeiterin taumelte Verena vorüber.

Zu dem Durchgang ins Treppenhaus hinein begab Verena sich.

 

Nun hatte Verena es, unter dem Eindruck der Geschehnisse, nicht mehr viel mit irgendwas eilig.

Ob Verena eine Minute oder eine Stunde brauchte, die Stiegen aus dem vierten Stock ins Erdgeschoß des Gebäudes hinunterzusteigen, das war nochgerade egal. So was von egal. Schnurzegal.

 

 

Bei der Ansteherei entdeckte Verena sich.

Eine Bewußtwerdung. Denn: Wie Verena von oben drunten angekommen war, das war Verena für den Moment wie weggeblinkt.

Andererseits: Brauchte Verena diese Erinnerung eigentlich viel? Jemals wieder? Die Hauptsache war, daß Verena wußte, daß Verena droben in der Einrichtung war und bei Herrn Mendl die Bürotür zu. Der Rest, der war zum Vergessen. Richtig zum Vergessen

Ab nun war das Anstehen. War Anstehen angesagt. Nach ein paar schnöden Augenblicken, als würde Verena schon wieder ewig am Ort rumstehen.

Brav, daß Verena dastand. Ganz, ganz brav.

Mußte Verena ja auch, einen Platz in der Reihe einnehmen und für ihre Sachen, die sie dringend brauchte, anstehen.

 

"Sie sind auch 'gelb', nicht?" redete eine Kurzhaarblondine, die Verena gesichtsweise seit längerem kannte, Verena an.

Ihr schlafendes Baby schaukelte die Blonde im Arm.

"Ja, bin 'gelb'", gab Verena zögerlich zur Antwort. "Hatte auch schon mal 'blau'. War 'blau'. Aber schon länger her. Jetzt bin ich 'gelb'."

"Das ist heute wieder was hier!" Die mit dem Wickelkind zuckte die Schulter, wie hilflos. "Es ist schon zwanzig nach zehn, und die mit der roten Farbe, die sind noch nicht durch. Noch lange nicht. Und die, die 'gelb' sind, die sind so viele vor uns. Nur, daß die meisten noch draußen rumhängen ..."

Abwinken Verenas.

Mit dem Papiertaschentuch, das sie in der Faust geknüllt hatte, tupfte Verena sich unter den Augen.

 

"Unsere Zeit müssen wir hier verschwenden ...", war die kurzhaarige Blondine, die ihr Baby im Arm wiegte,  mit der nächsten Ansprache in Richtung Verena dabei.

"Ja, ist nicht schön", säuselte Verena. "Damit verdienen wir es, unser Zeug: mit Anstehen. Was soll ich aber machen? Was soll ich sonst machen? Ich ..."

"Paßt doch auf, ihr blöden Fratzen!" schrillte die Blonde mit dem Bubikopfhaarschnitt, gegen deren Hüfte ein Verena nicht bekanntes, ungefähr neun-, zehnjähriges Mädchen mit braunem Pferdeschwanz leicht rempelte, geschubst von einem Jungen mit roter Mütze. "Du doofe Funze! Bald wär mir mein Baby runtergefallen, Drecksfunze! Ein Glück für dich und deinen Kumpan, für euch zwei Fratzen, das, daß das nicht passiert ist. Könnt ihr mit euren Schlammärschen nicht draußen Fangen spielen?"

"Nein, können wir nicht", erwiderte die Pferdeschwanzträgerin, die tief gerötete Wangen hatte, frech.

"Deine Mutti, die ist hier doch irgendwo ..." Die mit dem blonden Kurzhaar guckte herum. "Wo ist deine Mutti, meine Liebe? Zeig mir mal deine Mutti, ja? Daß ich weiß, wer hier deine Mutti ist ..."

"Mutti ist draußen, raucht eine, du blöde Kuh", entfloh es der Göre. "Blöde Kuh. Blö-de Arschkuh."

Ab wandte die Kleine sich, machte auf ihren behosten Beinen davon. Schaute zu, daß ihr zwischen die momentan nicht sehr dichtgedrängt stehenden Leute durch die Flucht gelang.

 

Verena zog ihren Rollkoffer zu sich her, weil der zu weit von Verena entfernt dastand. Das Kofferteil, das gehörte schließlich zu Verena, nicht zu jemand anders.

"Daß die Fratzen, wenn Ferien sind, alle immer hierher mitkommen müssen", klagte die blonde Mutti, ihren Nachwuchs im Babyalter wiegend.

"Hat man sie wenigstens ein bißchen mit dabei, im Auge, würd' ich sagen." Die Schulter zuckte Verena.

"Schon klar!" vernahm Verena die andere. "Können sie sich nicht daheim für sich alleine den nächsten Porno reinziehen. Oder sonst was anstellen, was keiner braucht. Sich leisten kann. Schon am Vormittag. Hier spielen sie nur Fangen, rempeln nebenher die Leute."

Darauf fiel Verena nichts Rechtes fürs fortgesetzte Dahergesäusele ein. Verena hatte nichts gegen Kinder, und daß Kinder mit auf die Sozialstation genommen wurden, war nichts Neues. Gab es seit eh und je.

Am liebsten hätte Verena sich jedoch einfach fortgepackt. Wäre woanders hingegangen. Ganz, ganz weit weg. Eine Örtlichkeit, wo niemand sie mit irgendwas an- und bequatschen hätte können.

Einzig und alleine, Verena konnte das nicht. Verena konnte sich nicht packen und weggehen. Verena mußte dableiben. Anstehen. Für Lebensmittel. Ein paar Lebensmittel.

 

 

Verena blickte Conny, Cornys elfjährige Tochter.

Ihr brünettes Haar hatte Conny sich in der Zwischenzeit der letzten paar Tage, seit Verena Conny nicht mehr gesehen hatte, gefärbt. Rote Haarfarbe.

Weiterhin eher kleinmädchenhaft, die beiden schulterlangen, glattgekämmten Zöpfe Connys, von Haargummis zusammengehalten. Eine Frisur, sicher eher auf den Einfluß von Mutti Corny zurückzuführen.

Mit einigen andern der Kinder zusammen, daß Conny Fangen spielte. Rannte zwischen den anstehenden Leuten rum, ob das denen paßte oder nicht. Um sich zu erwischen und an irgendeiner Körperstelle abzuklatschen. Wo immer man sich eben kriegte. Auch gut vorne, die Körpermitte der Jungs. Oder höher am Brustkorb oben bei den Mädchen.

Knapp direkt hinter Angie, daß Klein Conny sich versteckte. Bespaßt, als wäre Klein Conny deswegen für den Rest der Horde unsichtbar. Klein Conny Angie dabei mit den Händen am übergroßen, blauen Männerhemd, das Angie aus der Blau-Hose hing, das Rückgrat herabstreichend. Angie streichelnd, wie so eine zärtliche Liebhaberin.

 

Mit ihren fünfzehn Jahren viel älter, größer und stämmiger als Conny, wandte Angie sich abrupt nach Conny um.

Die Stirn gerunzelt glotzte Angie auf Conny herab.

Kaum irgendwas an Freundlichkeit für Klein Conny, das Angie im Ausdruck ihrer braunen Augen hatte.

Unvermittelt, ohne daß das bei Angie erkennbar gewesen wäre, stieß Angie Klein Conny mit beiden Handflächen vor die Brust.

Ein Aufschrei Connys, Conny, die ein gelbes, enges T-Shirt anhatte, einen knielangen, schwarzen Faltenrock, eine rote Strickstrumpfhose, etwas abgewetzte lilafarbene Ballerinaschuhe. Rückwärts kippte Klein Conny.

Bei einem durchaus sympathisch rüberkommenden, hochgewachsenen Mittdreißiger mit dunkelgrauem Anorak und in Jeans, den Verena vom zahlreichen Anstehen vor Ort auf der Sozialstation ebenfalls schon länger kannte, war Klein Conny mit dem Hinterkopf auf Höhe Hosenschlitz der Blau-Hose gelandet.

Reaktionsschnell, daß der Mann sich herabgebeugt, Klein Conny, die schrillte, unter den Armen angefaßt hatte, Klein Conny, die ein schlankes, wohlgeformtes Bein frei in der Luft schwang.

 

Der, der mit seinen starken Armen Klein Conny davor bewahrte in weiterer Abfolge der Bewegung mit dem Hinterteil härter auf den befliesten Fußboden niederzugehen, grinste breit auf Klein Conny herab.

"Dankesehr! Dan-kesehr!" bedankte Conny sich, von ihrem Helfer losgelassen, wieder freihändig dastehend, ihm gegenüber, mit ihrer glockenhellsten Mädchenstimme für die Hilfeleistung. "Vielen Dank, daß Sie mir geholfen haben, daß ich nicht hingefallen bin. War lieb von Ihnen. Sehr lieb. Sehr, sehr lieb."

"Nichts zu danken", war die Erwiderung von dem Kerl an Klein Conny. "Hübschen, kleinen Mädchen wie dir helf' ich doch gern. Immer gern. Auch immer wieder gern."

 

Der Blick Verenas wünschte zu dem Mitte der Dreißig in Jeans und dunkel graufarbenem Anorakteil zurückzuschweifen. Wie zufällig zurück zu demjenigen, der Conny mit seinem beherzten Zugreifen netterweise davor bewahrt hatte, nicht am Boden drunten zu landen.

Ungläubig konstatierte Verena die Tatsache, daß Klein Conny das knappe Minütchen seitdem nicht dafür genützt hatte, sich aus der Umgebung ihres männlichen Helferleins zu entfernen. Nicht viel davongemacht hatte Klein Conny sich aus der Nähe des Erwachsenen, zu ihren Altersgenossen fortzukommen, weiter Fangen zu spielen.

Am Platz da verweilte Klein Conny, wie festgefressen.

Seltsam lächelte Klein Conny den Mann mit ihren geröteten Wangen an. Er, der mit geschürzten Lippen, die Stirn gerunzelt von Klein Conny wegschaute, zu Klein Conny zurück. Von Klein Conny weg. Zu Klein Conny zurück.

Starr blickte der viel Ältere aufs neue länger auf Klein Conny, den Mund offen.

 

Irgendein Magnet, der für Klein Conny am Standort unten angebracht zu sein schien, daß Klein Conny einfach nicht woandershin abgehen konnte.

Überraschend für Verena vollführte Klein Conny eine Bewegung, als würde Klein Conny nach vorne stolpern. An die Körpermitte des für Verena Namenlosen drängelte Klein Conny sich in der Folge ihres Stolperers vorgebeugt heran, rieb dort die Wangen.

Bis Angie, die Fünfzehnjährige, die dem ganzen Treiben Klein Connys mit großen Augen zugeschaut hatte, nach Klein Connys Schulter und Arm langte. Zu sich zog Angie Klein Conny heran, sprach unmittelbar an Klein Connys Ohrläppchen Worte. Woraufhin Klein Conny erfreut zu Angie hinaufnickte.

Dorthin deutete Angies Zeigefinger, wo fünf Mädchen, Jungs in Angies Altersklasse beieinanderstanden.

Irgendwas Wichtiges beredeten die miteinander, wie ihre ausschweifenden Gesten ausschauten.

Ein Lächeln umspielte Connys Mund. Nochmals ein zustimmendes Kopfnicken Connys für Angie.

Mit den Gesichtszügen einer Angenervten bedeutete Angie, Klein Conny solle jetzt aber sofort abziehen, mit Angies Botschaft dorthin losmachen, wo die Bekannten Angies zusammenstanden.

Zwei, drei Meter, die Klein Conny daraufhin von Angie weg schaffte. Dann hielt Klein Conny abrupt im Schritt inne.

Nicht drauf verzichtete Klein Conny, den Hals nach der Seite zurück zu verdrehen. Das nächste Starren auf den Mittdreißiger, das Klein Conny riskierte.

Komisch, daß Klein Conny am Platz ausschaute. Allerdings hatte der Mann, der gemeint war, sein Augenpaar woanders, paßte glattweg auf nichts bei Klein Conny auf.

 

 

"Mann, da sind wir aber froh, daß es wieder was weitergeht hier, was?" drängelte sich die Stimme der kurzhaarigen Blondine mit dem Baby Verena zurück ins Bewußtsein. "Toll, was? Was sagen wir dazu? Echt toll, Hansi hat's mit dem Aufzug tatsächlich wieder runtergeschafft, fährt mit den nächsten von den 'Roten' hoch. Die 'Roten', die haben's dann irgendwann bald doch geschafft, wie's ausschaut. Und wir sind dran. Nicht zu fassen. Heut', heut', hab' ich das Gefühl, stehen wir spät nachmittags noch hier rum ..."

Als gäbe es für sie keinen Kinderwagen oder so was, wiegte Kurzhaar-Blondie ihr schlafendes Kind weiterhin im Arm. Schwer schien der das Kleine nicht zu werden.

"Teure Anzüge sind das, an ein paar von den Kerlen hier, was?" machte die andere das nächste Thema auf. "Was sagen Sie, schaut doch deutlich aus, als hätten die Anzüge mal Geld gekostet, nicht wahr?"

Die Schulter zuckte Verena.

"Und - da! Da im linken Eck da. An den Füßen haben die Schlampen da flache, spitze Schuhe an. Designerschuhe. Designerschuhe. Ah, die zwei dort haben auch so was an ..."

Ein langer Finger deutete Verena die Richtung.

"Eh, ist man mit solchen Schuhen hier nicht ein wenig - wie soll ich sagen? - deplaziert, eh? 'Over-dressed'? Gehört man sicher eigentlich woanders hin, mit solchen Latschen, oder? Nicht hierher, oder?"

Die Mundwinkel schob Verena herab, versuchte distanziert, desinteressiert, ablehnend auszusehen. Damit die blonde Mutti eventuell das Interesse daran verlöre, Verena herzuschwatzen.

"So spitzig, was, die Latschen? Wem richtig in den Arsch zu treten, was? Vielleicht ist das ja der eigentliche Zweck der Dinger." Breit grinste die Bubikopfblondine von sich her nach Verena hinüber. "Jemand in den Arsch zu treten. Fest. Daß die Latschen einem im Hintern steckenbleiben. Wenn die Latschen dafür nicht gemacht sind, weiß ich nicht ..."

 

"Das glauben Sie nicht, ein Abendkleid in meiner Größe haben die vom Kleiderreservoir mir vor die Nase gehalten", hörte Verena die blonde Mutti nach kleiner Pause wieder. "Na, als ich letzte Woche am Mittwoch vormittags dort war. Ein Abendkleid wäre sicher was Passendes zu den Designerdingern da an den Füßen ..."

Verena überlegte, ob Verena weggehen sollte. Oder ob es Verena geschah, daß Bubikopf-Mutti ihr samt Nachwuchs hinterherkam.

"Hätte das Abendkleid ohne weiters haben können. Mitnehmen dürfen. Wird mir richtig heiß, wenn ich an den Preis denk', den das Kleid einmal gekostet haben muß. Das Geld, das die frühere Besitzerin früher dafür gezahlt hat. Oder ihr - ah! - Ehegemahl. Könnt' ich gut brauchen, die Moneten. Bräucht' ich drei, vier Monate oder länger nicht hier vorbeikommen, anstehen. Meine Zeit hier vertun. Aber das rote Kleid hab' ich dann nicht genommen. Nicht nehmen mögen."

In Verenas Mienenspiel mußte Mutti eine Frage gelesen haben, weil Mutti sofort fortsetzte: "Hören Sie mal, ein Designerkleid, für was brauch' ich so was denn? Wo soll ich mit so was hin? Damit in den Supermarkt, oder was? Da das den Verkäuferinnen vorführen? Oder mit dem Ding an hierher ...? Stellen Sie sich das mal vor, ich mit so was an hierher. Stellen Sie sich das vor. Ich, mit dem roten Abendkleid an hier ... Hier. Ich, beim Anstehen. In 'nem roten Abendkleid. Mit so was hier ankommen ... Mich in so was hier drinnen aufstellen ... Nein danke!"

Nichts, das Verena großartig als Kommentar einfiel.

"In so 'nem Kleid holen sie dich mit dem Sanka hier weg. Bringen dich in die Anstalt. Am Schluß, komm' ich da raus aus der Anstalt, stell' ich fest, daß sie meinen kleinen Sohn hier von Amts wegen abgeholt haben. So was machen die locker."

Verena guckte bloß starr auf die blonde Mutti mit dem Baby im Arm.

"Weil ich nicht da bin und Vati ihn vernachlässigt hat. Nein, nein. Brauch' ich nicht. Nichts. Mann, wär das 'ne Möglichkeit. Ich wär' mein Baby los ..."

 

"Wissen Sie was?" Vielleicht eine knappe Minute, daß die Blondine, die ihr Baby herschaukelte, Verena gegenüber geschwiegen hatte.

Ein Schrittlein, der anderen.

Nun echt knappest, daß die an Verena herangekommen war. Direkt an ihrem rechten Ohr spürte Verena den Lufthauch von der. Beinahe intim.

"Wissen Sie was?"

"Nein, weiß ich nicht." Zum Davonlaufen, daß Verena sich fühlte. "Was soll ich wissen?"

"Wissen Sie, was ich denen vom Kleiderreservoir gesagt hab'?"

Die Kurzhaar-Blonde, angeblickt von Verena, grinste breit.

"Keine Ahnung, was Sie gesagt haben ..." Verenas Schulterzucken.

"Hab' gesagt, daß die Damen und Herren da ihre edlen Roben und Kleider selber mit nach Hause nehmen können. Wenn die ihnen so gefallen, sag' ich, können sie sich doch selber mit heim nehmen. Sich alles selber anziehen, oder? Sind ja direkt an der Quelle - können sie also alles auch selber für sich nehmen ... Alles. Alles, oder? Aber ich, ich brauch' so was nicht. Brauch' das nicht. Ist schließlich alles kein Fest, alles für mich im Moment. Hab's denen noch mal wiederholt, daß ich nichts als zwei Hosen haben will. Zwei hundsnormale Hosen. Zwei so ganz hundsnormale Hosen. Sonst will ich nichts haben. Zwei hundsnormale Hosen, wenn's bitte geht. Wie sie sie alle auf der Welt haben. Keine Hose, die zu einem Anzug gehört, der mal tausend Eier oder mehr gekostet hat. Man kann das doch bitte verlangen, daß man eine ganz stinknormale billige Hose kriegen kann. Wie sie alle anhaben. In Blau. Auch Cordhosen. Nicht eine Hose, als wär man auf der Bank angestellt. Oder wär mein Freund sonst ein feiner Schnösel, der sich alles leisten kann. Die Hose muß ich mir doch mal anziehen können. Oder mein Freund, wenn ich die Hose auslasse. Daß sie länger wird. Nur zwei, drei Hosen, die ich mir als Frau vielleicht auch mal anziehen kann. Ohne daß Leute sich zu viel denken. Nichts als zwei, drei ganz stinknormale Hosen, T-shirts, Unterhosen ..."

Nicht das bißchen was, das Verena kommentarmäßig zu labern einfiel. Voll blockiert am Thema, Verena.

 

"Ah!" entfuhr es der blonden Mutti, der das Baby schlief. "Da kommen Sindy und Anne. Da kommen Sindy und Anne."

Von Verena ab wandte sich die Kurzhaarfrisurblondine samt ihrem Wickelkind. Nicht das allerleiseste Abschiedswort an Verena, daß sie noch übrig hatte. Obwohl ausschließlich sie die war, die Verena fortgesetzt hergeschwatzt hatte. Aus der Nähe Verenas begab sich die Frau und Mutter fort. Zwängte sich, den Nachwuchs im Arm habend, zwischen den Leuten durch, Richtung Ein- und Ausgang.

Dann war sie außerhalb, im Freien, wo ebenfalls in einer langen, breiten Masse an- und durcheinandergestanden wurde.

 

Die junge Mutter, ein unvermittelter Abschied von der. Ohne daß die Mutti zuvor irgendwas Beschließendes mit Verena abgeklärt hätte. Mit Verena, die mit einem unbestimmten Gefühl an ihrem Stehplatz zurückblieb. Eines, als hätte noch weiter etwas zwischen der und ihr, Verena, sein müssen.

Irgendso eine unbestimmte Kleinigkeit. Schwer zu sagen.

Vielleicht das, daß Verena sie wegrempelte, sie, die Mutti mit dem Kleinkind. Daß Verena aus dem Stand losmachte, wie eine Rugby-Spielerin. Verena, die Blond-Mutti eins hinkreischte, in einem Wutausbruch.

Und wenn das eine passierte, das nie passieren dürfte. Daß das Baby der aus den Armen rutschte. Nachdem Verena sie ...

Etwas, das am Schluß böseste Folgen haben mußte, für Verena, geschah dem Kind bei der Attacke eine größere Sache. Ergebnis: Monate, Jahre im Gefängnis für Verena. Oder längerer Aufenthalt in der Psychiatrie eines Bezirksklinikums. Oder beides durchgemischt, einmal Gefängnis-, dann wieder Gummizelle.

Vor ihrem geistigen Auge sah Verena sich in einer Zwangsjacke, einen Beißschutz vorm Gesicht angebracht ...

 

 

"Der Aufzug kommt runter!"

Der Ausruf einer weithin dröhnenden Männerstimme.

"Wird auch gut sein, daß der das jetzt wieder regelmäßig macht", übernahm ein zweiter Mann mit volltönendem Stimmumfang. "Die denken hier, ich hätt' mir meine Zeit gestohlen."

"Hast du das denn nicht?" kam es von einem Dritten. "Hast du heute noch Termine? Außer den hier?"

So ein Dämchen im allerbesten Rentenalter, das an Verena vorüberschritt, um sich bei denen anzustellen, die 'Rot' hatten.

Nach dem Koffer auf Rollen Verenas faßte die Alte, um diesen mit sich mitzuziehen. Mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre das gute Stück ihr.

Trotzdem ließ die alte Frau unverzüglich los, als Verena reagierte, sich vorbeugte, nach dem Haltegriff des Rollkoffers, der Verenas Eigentum war, was Verena auf Nachfrage hin auch gut beweisen hätte können, griff.

Flackernde braune Augen wichen dem starrenden Blick Verenas aus.

 

Die hübsche, blonde Rußlanddeutsche, die jetzt vor Verena herumstand, brachte ihr Phone aus der ledernen Hüfttasche heraus.

Das war also das tragbare Telefon dieser Süßen, das laut ein piepsendes Instrumental von sich gegeben hatte. Relativ melodisch.

Kurz, daß sich die Sechzehn-, Siebzehn-, Achtzehnjährige ihre reisefähige Telefonie ans Ohr hielt, hineinhorchte. Nickte. Ein, zwei Worte, die Verena nicht verstand, in die Membran redete.

Tatjana-Natascha, so hieß die Schönheit, erinnerte Verena sich, bei früheren Anstehgelegenheiten auf der Sozialstation nebenbei den Namen von der mitgekriegt zu haben.

Weil das mit dem Anrufsgespräch zügig vorüber gewesen war, zeigte Tatjana-Natascha ihrer dunkelblonden, kleiner gewachseneren und jüngeren Stehnachbarin, die Verena ebenfalls seit längerem nicht unbekannt war, irgendein lustiges Bildchen auf der Telefonanzeige.

 

Jemand, der Verena anrempelte.

Als Verena nach der Seite umschaute, standen linker Hand alle Leute nah und fern regungslos am Platz, glotzten lediglich vor sich hin.

Gesichtsweise kannte Verena den einen oder die andere länger.

Sagen wollte Verena deswegen, bloß weil man sich von der Sozialstation her bekannt war, zu keinem irgendwas. Außerdem hielt man sich momentan wieder in der Sozialstation auf. War miteinander beim Anstehen. Auf engstem Raum in der Sozialstation.

Kein Mensch dabei, der sich bei Verena meldete, sich für die kurze sinnlose Rempelei bei Verena entschuldigen hätte mögen. Und Verena, die regte sich nicht auf; wenigstens nicht sichtbar. Verena, der machte so ein kleines Rempeln nach ihr nichts aus. Mußte jemand schon Heftigeres bei Verena anbringen.

Niemand, der kundgab, daß er irgendwas von Verena wünschte. Das war denn nur langweilig, sonst nichts. In die gerade Richtung voraus kehrte der Blick Verenas zurück.

 

Vor Verena, die beiden Teenager. Tatjana-Natascha und ihre Freundin.

Ebenfalls zur Ansteherei verpflichtet, die beiden.

Für ein bißchen mehr oder überhaupt etwas auf den Tisch. Mittags. Zwischendurch. Oder abends.

Die dunkelblonde Freundin hatte sich bei Tatjana-Natascha vorgebeugt. Für einen besseren Blickwinkel auf das Display von Tatjana-Nataschas Phone für sich zu sorgen. Am Unterarm, daß sie Tatjana-Natascha zudem gefaßt hielt.

Dann überraschte die mit ihr befreundete Kollegin Tatjana-Natascha damit, daß sie Tatjana-Natascha die Gerätschaft für unterwegs den Fingern entriß. Schwuppdiwupp.

 

Nicht auf der Stelle, daß die Kleinere Tatjana-Natascha das teure Phone zurückgeben wollte. Obwohl sich Tatjana-Natascha mit schriller Stimme auf Russisch ausdrücklich bei ihr beschwerte, aufgebracht gestikulierte.

Als Tatjana-Natascha den Versuch unternahm, mit der Hand zuzugreifen - schwang die Kleine sich schnell herum, stellte sich, daß Tatjana-Natascha den Rücken von ihr dazwischen hatte.

Kenntnisreich und konzentriert, daß die Dunkelblonde anfing, an dem Teil aus Tatjana-Nataschas Besitz herumzudrücken.

Das war mehr als genug für Tatjana-Natascha, Tatjana-Natascha, die wünschte, ihr Eigentum unverzüglich zurückzukriegen.

Vorbeigreifen Tatjana-Nataschas. Zerren Tatjana-Nataschas am Freundinnenarm. Dann faßte Tatjana-Natascha ihr mobiles Phönchen - wofür Tatjana-Natascha ein paar heftige Patscher auf den Handrücken abkriegte.

Tatjana-Natascha, die hatte mit ihren Attacken gegen Null Erfolg. Ihr Eigentum mir nichts, dir nichts zurückzubekommen, das war nicht für Tatjana-Natascha. Tatjana-Natascha, die hatte zu warten.

Erst, wenn die Freundin ...

Oder Tatjana-Natascha, die mußte das das nächstemal mit noch größerem Einsatz anstellen. Weitaus gewalttätiger. Wobei allerdings die Gefahr bestand, daß Dinge kaputtgehen konnten. Am Fußboden zerschellten.

 

Die Wangen Tatjana-Nataschas, die hatten sich mächtig verfärbt.

Auch die Kleine mit Tatjana-Nataschas "Smartie" hatte eine dunklere Wangenfarbe wie vorher bekommen, während sie draufguckte, auf die Geschehnisse auf der Phone-Anzeige.

Ein bißchen näher heran schob Verena sich an das kleinere, dunkelblonde Mädchen, das leicht seitlich gedreht dastand. Neugierig für Verena für eine leicht bessere Sicht zu sorgen. Eventuell auch eine Kleinigkeit davon zu blicken, was es da Schönes zu schauen gab.

Die Dunkelblonde, bei der blieb das Näherkommen Verenas nicht unbemerkt. Auf dem Absatz drehte sie sich Verena zu, hielt Verena mit einem breiten Grinsen die Handtelefonie Tatjana-Nataschas unter die Augen.

 

Wie Verena sich das gedacht hatte, war die Fotogallerie offen. Auf ein selbstverfertigtes Handy-Foto Tatjana-Nataschas guckte Verena.

Tatjana-Natascha, splitterfasernackt auf einem weißen Bettlaken sich räkelnd.

Gespreizte Beine hatte Tatjana-Natascha, die Hüften angehoben.

Die Körpermitte Tatjana-Nataschas, ein schmaler, rasierter Strich. An den Brüsten Tatjana-Nataschas waren die Monde voll aufgegangen. Der Vollmond herrschte.

 

Die Funktion "Dia-Show", die am Phönchen aktiviert war - das Foto, das wechselte.

Hautfarbenes bestaunte Verena.

Ein hübsch langes Momentchen, das Verena brauchte, bis Verena das aufging, was das war, was sie blickte. Daß Verena auf die Fotografie der Erektion eines Kerls hinablinste.

Bildwechsel: Das schlankere Glied eines anderen Burschen, das sich hochgereckt hatte. Sehr definiert. Die Eichel von einer glänzenden Glätte.

Auf dem nächsten Bild war das Tatjana-Natascha. Tatjana-Natascha, die bei dem Aufgestellten desjenigen mit der Zungenspitze oben nahe der Ritze leckte.

 

Ein lauter, schriller Aufschrei, daß Verena und die Dunkelblonde an Verenas Seite zusammenzuckten.

Mit zornigem Gesichtsausdruck, daß die blonde Tatjana-Natascha ihrer blöde dauergrinsenden Freundin das Smartphone entriß. Rasch es bei sich in die Hüfttasche zurücksteckte, den Knopf der ledernen Handy-Schutztasche zudrückte. Anschließend, daß Tatjana-Natascha den roten Plastikkorb zwischen ihren schwarz behosten Beinen an der Seitenkante hochnahm.

Ab wandte Tatjana-Natascha sich stumm mit wilder Miene von allem in ihrer Gegenwart. Es sehr eilig habend, daß Tatjana-Natascha sich zwischen den anderen der Anstehenden durchzwängte, Richtung Ein- und Ausgang. Ziel Tatjana-Nataschas, auch mit leichtem Ellenbogeneinsatz: nur weg von allem. Auf und davon.

Die kleiner gewachsenere dunkelblonde Freundin Tatjana-Nataschas, die sich eben noch an allem erfreut hatte, entschied sich, nicht lange am Platz auf irgendwas weiteres zu warten. Herab bückte sie sich, den Tragegriff ihres blauen Korbs zu nehmen.

 

Klar ersichtlich, was los war. Für die Kleinere war es das Angesagte, Tatjana-Natascha hinterherzumachen.

Um sich mit Händen und Füßen bei Tatjana-Natascha zu entschuldigen. Wegen dem Spaß, den sie sich auf Tatjana-Nataschas Kosten erlaubt hatte.

Händeringend davon zu sprechen, daß es eine große Dummheit von ihr war, daß sie Tatjana-Natascha das Phone einfach entrissen und dann dran herumgemacht hätte.

Sie und Tatjana-Natascha, sie könnten doch Freundinnen bleiben. Beste Freundinnen.

Alles wäre doch nicht böse gemeint gewesen. Die Geschichte, halb so wild. Tatjana-Natascha, sie fasse die Dinge total verkehrt auf.

Die andere, die blöde, alte Zicke, die hätte vielleicht zwei, drei schmale Bildchen kurz gesehen. Mehr nicht.

Was sollte es? Was könnte die olle, doofe Kuh, die mit draufgeschaut hatte, damit denn groß machen? Wem viel was davon sagen? Ihre, Tatjana-Nataschas, Familie war die nicht. Deswegen würde die Welt nicht für Tatjana-Natascha untergehen.

So was in der Art, stellte Verena sich vor, müßte das sein, was die Kollegin Tatjana-Natascha hinschwätzen konnte. In der Hoffnung, daß Tatjana-Natascha ihr wieder wohlgesonnen würde.

 

 

Die "Roten" waren vorbei.

Verena stand an, Verena war am Dastehen, machte weiter hin und wieder kleine Schrittchen - und plötzlich entdeckte Verena, daß Verena im eigentlichen großen Anstehraum drinnen war. Hineingerückt.

Seitlich rechter Hand vor sich hatte Verena den Aufzug in Sicht. Wenigstens den oberen Teil davon.

Der Lastenaufzug war eben wieder heruntergekommen, aufgegangen.

"Eine breitere Gasse will ich hier sehen. Eine breitere Gasse. Hört ihr, Leute?"

Die Stimme Hansis, des Aufzugführers.

Für Hansi und den drei ältlichen, kleingewachsenen Damen in Hansis Hintergrund mußte der Weg breiter freigemacht werden.

Etwas, wozu sich ein paar nur sehr widerwillig bereitfinden wollten.

Aber, weil Hansi böse guckte, als könnte sich jede Sekunde verschärft etwas abspielen, ließ es sich machen, daß sich die vom Rest ebenso beiseite schafften. Obwohl leise gemurrt wurde, weil man sich deswegen netter beim andern andrängelte.

Die zwei Koffer auf Rollen der beiden gehbehinderten älteren Frauen zog Hansi mit einer Hand hinter sich her. Außerdem schleppte Hansi für die grobgesichtigen Damen, die Hansi langsam hinterherkamen, drei Stofftaschen, die sich bauschten.

 

Bei jedem seiner Auftritte faszinierend anzuschauen, Hansi.

Eine graue, falsche Soldatenhose, die Hansi sich daheim angezogen hatte. Ein weiß-blau waagrecht gestreiftes Männerhemd; die Knöpfe bis zur Hälfte auf. Darunter präsentierte sich bei Hansi ein blitzeweißes T-Shirt.

Seine mobile Telefonie hatte Hansi an der rechten Hüfte hinten am breiten Hosengürtel in einer Ledertasche. Ebenso ein zweites Gerät, von dem die zwei Kopfhörerleitungen weiß hinauf zur Hemdbrusttasche Hansis verliefen. Dafür da, daß Hansi bei Gelegenheit die Lieblingsmusik anhören konnte, von Hansi daheim am Rechner herunter- und rüber draufgeladen. Oder die Musik, wenn Hansi umstöpselte, die Hansi am Phönchen gespeichert hatte.

Das eine Ohrläppchen Hansis bedeckte ein weißes Kopfhörerteil. Ein schwarzer Mikrophonarm aus Hartplastik, das von dort weg Hansi anliegend halb die Wange herabstak.

Auf die Art und Weise, daß Hansi wie ein Agent aus einem Spionagethriller ausschaute. Geheimagent Hansi auf geheimer Mission.

Lediglich die Geheimagentensonnenbrille auf der Nase, die fehlte Hansi momentan. Die hatte Hansi im Augenblick irgendwo gelassen.

 

Andererseits: Hätte Hansi einen breitkrempigen Hut aufgehabt, daß Hansi auch an einen Cowboy in einem Westernfilm erinnert hätte. Fand Verena wenigstens.

Die Männer und manchmal auch die Frauen, die in diesen Filmen immer wichtig lederne Revolvergürtel um die Hüften geschnallt mit sich rumtrugen.

In der Gegenwart heutiger Zeitenwende waren das allerdings keine Revolver mehr. Keine Sechsschüsser, mit denen man sich links und rechts schmückte. Sondern die Erzeugnisse der modernen Telefonier- und Informationsgesellschaft mit ihren irre vielen Möglichkeiten. Die der einzelne immer und überall funktionsbereit dabei haben mußte. Bereit, gezogen und der Welt präsentiert zu werden. Wenn man es nicht ohnehin schußbereit in der Hand hielt.

Um zu zeigen, eine neue Nachricht, die könnte man jederzeit erhalten. Der nächste Anruf, den man jede Sekunde entgegennehmen würde.

Jedem, der sie haben wollte, dem man die Zahlen preisgab. Die Nummernkombination, unter der man erreichbar war.

Wünschte jemand irgendwas von einem, ein Fingerdruck, mehr brauchte der-, diejenige nicht. Was gleichzeitig hieß, man war wichtig. Existierte auf der Welt.

 

Das verleugnete Verena nicht bei sich, sich gegenüber, daß Verena den Status für sich bei Hansi gerne höhergeschaltet hätte. Auf "wichtig", "bedeutend".

Einen Anruf von Hansi zu erhalten, das wäre echt was Großes für Verena gewesen.

Oder Hansi anrufen zu können, weil Hansi Verena eine Phone-Nummer von sich übermittelt hatte.

Immer, wenn Verena das Verlangen in sich spürte, von Hansi in die starken Arme genommen zu werden. Den Telefonhörer nehmen, mehr mußte Verena daraufhin dafür nicht tun. Ein Knöpfchen drücken. Verena, die gab Hansi Bescheid. Hansi, der in Folge sofort bei Verena vorbeikam. Hansi, der Verena in seine starken Arme nahm, Verena tröstete.

Jede Menge Trost, den Verena gerne von Hansi empfangen hätte. Viel, viel Trost.

Ein Seufzer entrang sich Verenas Brust.

Die Umstehenden der Warte-Meute, die das vernommen hatten, vermuteten gewiß, Verenas Geseufze hätte mit der fortgesetzten Dauer der Ansteherei vor Ort zu tun.

Das war gut so, wenn die sich das da hindachten, nichts von den intimeren Vorstellungen, Ideen Verenas wußten. Denen mit Hansi. Das war Verena sich als Tatsache sicher. Zu einhundert Prozent. Von ihren Wünschen, Hansi anbetreffend, erzählte Verena am besten niemandem. Nicht auf der Sozialstation. Der Spaß, der Verena zum Mittelpunkt hatte, hätte zu unangenehm groß werden können.

 

Weil Verena das mit den Telefonier- und Tippselgerätschaften ins Bewußtsein gekommen war, bemerkte Verena jetzt in der Umgebung das eine oder andere Handy, Phone.

Die Allgegenwart der Telefonier- und Verfügbarkeitsgerätschaften war nicht von der Hand zu weisen. War man ärmer dran in der Gesellschaft oder nicht.

Von Mädchen-, Frauenhänden umschlossen, die Dinger. Bei manchen der Jungs und Männergestalten im Rund war es nicht viel anders.

Von der und der oder ihm und ihm aus der Hand-, Hüft-, Hosentasche herausgeholt, um einen Fingertipperer zu wagen und auf die aufleuchtende Anzeige zu gucken. Als wäre vor einem Sekündchen vibrationsmäßig etwas unterwegs gewesen.

Voll für das Interesse, mit dem draufgeglotzt wurde. Auf die Geräteanzeige. Und sei es schließlich lediglich für das Ablesen der digitalen Angabe der Uhrzeit.

Was für ein Statussymbol, solches zu besitzen, herzeigen zu können. In jeder Gegend. Auch in der.

 

Auf der anderen Seite - davon wußte Verena zur Genüge Kleinigkeiten - eine ungeheure Kostenfalle, die Dinger. Sobald jemand die Angelegenheit nicht ernst nahm, nicht scharf aufpaßte, die Rechnungen nicht fristgerecht überwies.

Die Beträge sammelten sich rasant, schraubten sich in die Höhe. Bis sie zu von einem kleinen Hügel zu einem Berg wurden, den man zu besteigen hatte. Daß man schwer atmete, obwohl dieser Berg eigentlich nicht hoch schien.

An Anwaltsschreiben, die sie in ihrem Briefkasten unten im Haus gehabt hatte, erinnerte sich Verena. Der Absender war Anwalt und Besitzer eines Inkasso-Büros in einem.

Vom Telefonanbieter eingeschaltet, der Rechtsverdreher. Samt seiner florierenden Eintreiber-Firma.

Weil Verena dem Anbieter monatelang die Monatsrechnung nicht bezahlt hatte.

 

Statt zu zahlen hatte Verena lieber seelenruhig weitergelebt. Am Monatsanfang keine Überweisung geschrieben. Nicht eine, die die Beträge nannten, die in den Mahnschreiben an Verena als zu überweisende Summen draufgeschrieben standen.

 Zwar kündigte der Betrieb für Telefonier- und Internetdienste Verena die beiden Handy-Verträge, nachdem das mit Verena und Verenas mangelnder Zahlungswilligkeit das oberste Limit erreicht hatte. Nur, deswegen hatte Verena noch lange nichts von dem rüberwachsen lassen, was Verena an Geldbeträgen schuldig war. Vertragskündigung und -auflösung, das kostete extra dazu.

In der Folge reichte die anbietende Firma in Telefonierfragen das Problem an den anwaltlichen Inkasso-Laden weiter. Damit der die ausstehenden Geldsummen eintrieb.

Daraufhin verdreifachten sich die ursprünglich zu zahlenden Beträge für Verena.

Eintausendundfünfundfünfzig dicke Eier, die Verena heranschaffen sollte. Für Verena eine schlimme Last. Auf einen Schlag waren die für Verena nicht im Paket verpackt abzuschicken.

Bezahlen mußte Verena allerdings. Nach einigem Hin und Her mit den bedrohlichsten Anschreiben und nach diversen Telefonaten mit einem Angestellten der Geldeintreiberfirma des Anwaltstypen Ratenzahlung, die vereinbart wurde.

Sechs Zehner, monatlich. Sechs weitere Zehner für Verena, am Monatsanfang weggeballert, damals.

 

Nie wieder einen Vertragsabschluß, das war das, was Verena sich daraufhin feierlich schwor. Gleichgültig, welchen Bonus es bei Abschluß eines Handy-Vertrages noch gab.

Ob die Verlockung Bargeld war. Asche für einhundert, einhundertundfünfzig, zweihundert Eier oder mehr pur auf das Patschehändchen. Oder ein Einkaufsgutschein mit aufgedruckter Zahl. Mehrere Rollen Klopapier. Was immer an Versprechen. Nichts davon würde Verena je wieder nehmen und ihre Unterschrift unter ein derartiges Vertragswerk druntersetzen.

Die Art von Verträge, die mußte man sich leisten können. Daß die Zahlungsfähigkeit bis zu Vertragsende gesichert war.

 

 "Bitte, liebe Herrschaften, haben Sie Geduld!" rief Hansi von seinem Platz beim Aufzug her in die Menge der Anstehenden, holte Verena aus ihren Gedanken in die Welt zurück. "Haben Sie Geduld! Die, die Körbe haben, reichen bitte die Körbe vor. Die Körbe sind uns im Augenblick oben ausgegangen. Haben Sie Verständnis, daß es dauern kann, bis es weitergeht. Weitere Körbe werden bereits besorgt ..."

"Mensch, heut wird's noch Spätnachmittag, bis wir heimkommen", ließ sich ein Verena gesichtsweise bekannter Mann rechts von Verena vernehmen.

"Wir tun, was wir können", erwiderte Hansi in die Menschenmeute hinein. "Es tut mir leid! Was ich kann, ist, um Verständnis bitten. Haben Sie bitte Verständnis. Wir tun, was wir können. Wir beeilen uns."

 

Von Hand zu Hand wanderten Plastikkörbe vor, zu Hansi hin. Hansi, der die Tupperware aufeinanderstapelte, die Türme ins Aufzuginnere hineintrug.

"Bitte nochmals, haben Sie Verständnis", ergriff Hansi aufs neue für alle im Rund das Wort. "In ungefähr einer Viertelstunde, zwanzig, fünfundzwanzig Minuten, daß wir hier wieder bereit sind. Bis dann ..."

"Tschüssie!" meinte eine Verena von früheren Anstehgelegenheiten nicht am Platz bekannte Frau Hansi hinterher, Hansi, der sich in der Aufzugkabine drinnen befand.

Die Aufzugtüre, die sich, aus Verenas Sicht, von rechts nach links zuschob.

Für Hansi alleine, daß die Fahrt aufwärts ging.

 

 

Bei einer neuen Bewußtwerdung entdeckte Verena sich.

Vor ein paar Sekunden noch am Klo, war Verena in die Warte-, Anstehräumlichkeit mit dem Aufzug zurückgekehrt.

Die Schlucke Wasser aus der Leitung hatten Verena wirklich gutgetan. Frischer fühlte Verena sich.

Verena blinzelte. Ungefähr ihre alte Anstehposition hatte Verena eingenommen.

Das Duo hochgewachsener Männer, das war zuvor rechter Hand von Verena herumgestanden, erinnerte Verena sich.

Zu den beiden begab Verena sich samt Koffer auf Rollen geradewegs hin.

Hinter denen zu stehen, das war auch nicht schlechter als anderswo. Oder besser.

 

Den Haltegriff ihres Rollkoffers plazierte Verena, daß Verena den Griff an der rechten Hüfte spüren konnte. Eventuell beizeiten etwas davon mitzukriegen, sollte sich jemand für das gute Stück interessieren.

Dann fing sie an für Verena, die nächste Runde von Verenas Dauersteherei.

"Haha!" hörte Verena den Kerl mit dem dunkelgrauen Filzhut nach Jägerart und dem blauen Anzugjackett vor sich lachen. "Jaja, buddel, buddel. Das stimmt. So war das: buddel, buddel. Buddeln für die Archäologie. Löcherbuddeln, ununterbrochen Löcherbuddeln. Ein Scheißjob, für eins fuffzig die Stunde. Leck mich."

"Eh, gibt's was andres als Scheißjobs?" meinte der nebendran, der eine hergeschabt und brüchig aussehende braune Lederjacke am Oberkörper anhatte, eine rote Schirmmütze umgedreht am Kopf auf. "Nicht mal in der Brauerei hast du deine Ruhe, kannst saufen. Obwohl die die Bierfässer in Massen haben."

 

"Ich sag' dir noch was ...", nahm der Filzhutträger in die Richtung seines Sprechpartners aufs neue die Rede, "Ich sag' dir, Bertie. Bertie hat der geheißen. Also, dieser Bertie ... Bertie, der hatte sein Tuch am Schädel immer so auf wie ein Pirat in 'nem Film. Aber ansonsten, ansonsten so was, so was von einer bräsigen, unfreundlichen Type, eigentlich, dieser Bertie. Dabei mit einer dauergeilen Tour."

"Ach was?" Der mit der rotfarbenen Schirmmütze auf guckte nach der Seite, den Kollegen fragend an. "Wie, was, wo - was 'dauergeil'? Eh, 'dauergeil'?"

"Wenn ich dir das sag'. Als hätten der und die andern so Nachholbedarf, die Familienväter. Wär's denen daheim oder so nicht genug." Den Daumen hoch präsentierte der Mann mit dem Hut seinem Freund. "Ewig das gleiche Geilheitgelaber. Volle Fahrt voraus. Ehrlich, ich weiß nicht, wo sie immer die Steine herhatten. So von zehn, zwölf Zentimetern Länge. Weißt schon, knapp für die Länge. Hab' mich auch öfters umgeschaut, nicht viel einen von denen gesehen. Von diesen Steinen. Nirgendwo einen. Nichts als Erde, Kies, runde Steine. Vielleicht haben die so was einfach immer mal in ihren Taschen. Für alle Fälle. Von früheren Ausgrabungen."

"Zehn, zwölf Zentimeter lange Steine ...?" Der Schirmmützenmann winkte ab. "Für was denn? Was denn für Spiele zu spielen?"

"Werd' ich dir gleich mal kurz sagen, Mann, ja? Nur keine Ungeduld." Das Daumenhoch wiederholte sich bei dem Mann mit dem Jägerhut. "Also ... Da haben sie das zweite Skelett ausgebuddelt gehabt. Über zwölfhundert Jahre soll das alt gewesen sein, haben sie gesagt. Wie's aussah so 'n Opfer von 'nem Gemetzel mit Schwertern. Die Toten waren nichts als gewöhnliches Fußvolk. Der Mann und die Frau. Weil, gekillt und ohne viel Grabbeigaben ins gebuddelte Loch reingetan. Erde drauf, gut war's."

"He, würd' ich momentan abkacken", warf der mit der Mütze breit grinsend ein, "wär so was für meine Leute auch gut, könnten sie das mit mir irgendwo in der Pampa machen ... Loch graben. Erde drauf. Gut is'. Abmarsch. Vergessen. Für immer."

"Ich könnt's verstehen." Der mit dem Filzhut Marke "Jäger" nickte zu seinem Kumpel hinüber. "Nur, das Problem des Ausgräbertrupps war das in der Nachbarschaft. Dort, wo bereits das neu gebaute Haus draufstand, hab' ich das richtig mitgekriegt. Dort hatten sie ein anderes Pärchen gefunden. Ein ganz ein andres. Das hatte goldene Grabbeigaben bei. Tierisch echtes Gold. Halsketten, Ringe, goldene Schwerter. Jede Menge von Zeugs. Demnach reiches Pack. Edles Volk. Obere Zehntausend. Mit allem Pipapo ehrenvoll da beerdigt. Und die da, von denen ich rede, das waren arme Schlucker. Entweder Dienerschaft. Oder ein knapper Zeitunterschied dazwischen, du verstehst?"

"Mann, Mann, Gold könnt' ich brauchen", laberte der mit der Schirmmütze. "Mann, Mann! Gold könnt' ich auch gut brauchen. Gold, Gold, Gold. Viel, viel Gold. Mensch, her mit dem Gold. Gibt mir einer Gold. Wo sagst du, war das, wo du gebuddelt hast?"

"Hahaha!" brach das Gelächter dem Huttypen aus. "He, mußt du aber 'ne Schaufel in die Hand nehmen. Hahaha! Mit 'ner Schaufel arbeiten."

"Hast du Sorgen? Juckt dich viel?"

"Nee, eigentlich nicht."

"Na, dann ..."

"Das eine Problem ist nur, da sind schon jede Menge neue Häuser im Umkreis. In denen wohnen schnuckelige, anständige Leute. Die haben schmucke, nette Gärten. Die leuchten abends, nachts, daß du denkst, du bist auf der nächsten Kirmes. Die Anwohner da, so 'ne astreine Ladung Spießbürger, Kleingärten-Krieger. Unvorstellbar. Die wollen nächtens erst mal eins, ihre Ruhe. Grölt dort einer rum, oder hören die die Nacht durch sonst so komische Geräusche, rufen die sofort die Bullerei. Sofort. Die kommt für die bestimmt wie der Blitz, würd' ich meinen, über den Daumen gepeilt. Das andere Problem ist, das reiche Grab haben ja die Ausgräber bereits gesichert, kapisch? Hätte man früher kommen müssen. Hat aber keiner gewußt ..."

 

"War in der Nähe von dem Skelett am Zuschütten von 'nem Loch", übernahm der mit dem Filzhut oben das nächstemal die Rede, nachdem er und sein Kumpel ein Minütchen rumgeschaut hatten. "Waren Bertie, der 'Pirat', und Martin, der zweite der Ansager-Ausgräber, da am langgestreckten Skelett zugange. Haben überlegt, wie der Schwertstreich gefallen sein könnte. Der, der den Mann da vor über einem Jahrtausend umgebracht hatte."

"Daß ich nie Gold find', das geht mir einfach nicht in den Kopf", sprach der mit der roten Schirmmütze und der braunen Lederjacke. "Immer find' ich kein Gold. Während's anderen nur so vor die Füße fällt."

"Was willst du denn nur dauernd mit deinem Gold?" Abwinken mit der Hand von dem mit dem dunkelgrauen Jägerhut. "Tststs!"

"Anderen fallen die Goldbatzen nur so vor die Füße, mir nie."

"Hahaha!"

"Lach du nur ... Lach nur weiter."

"Für die von der Ausgrabe war das viel wichtiger, ob das 'n Mann war oder kein Mann. Aber ja doch, die andre, die war mit ihren Hüften 'ne Frau. Und der da, der muß 'n Mann gewesen sein. Schmalere Hüften, 'nen Kopf größer. Klaro, das ist 'ne männliche Statur. Eindeutig. Ebenso klar, das mit der Gewalteinwirkung. Bei beiden. Bei dem Mann von oben herab, von 'nem Pferd aus herunter, der Stoß mit dem Schwert. Hinein in den Brustkorb ... Grinste Bertie, der 'Pirat', Martin breit eins hin, hat unvermittelt seinen kantigen Stein rausgezogen aus der Jacke. Hatte den in den Griffeln. Den von so zehn, zwölf Zentimetern Länge, einen Zentimeter Dicke. So lang kann einer gut schon mal auch in Echt sein, so dick ... Zu Martin meint der 'Pirat' rüber, daß man eben in der Lage sein muß, 'zurückstoßen' zu können. Feste 'zurückzustoßen'. Zwischen die Hüftknochen dazwischen rein in die Erde steckt Bertie, der 'Pirat', den langen Stein mit seinen Zentimetern. Scherzkeks-Blick Richtung Martin, daß der 'Pirat' weitersäuselt, jetzt wär's aber wieder besser mit dem. Jetzt hätt der nach all den Jahrhunderten seit zuletzt wenigstens wieder einen 'stehen', der skelettierte Tote. Wieder einen 'stehen'. Einen 'Ständer'. Wär für den heutigen Tag schon wieder mal was, daß IHM einer 'steht'. ER einen 'Ständer' hat. "

Weibliches Gekicher im Umkreis Verenas.

"Ja, Martin lacht los. Ich lach' auch mit. Der dritte der Ansager-Ausgräber - Tobi - kommt mit Harry, dem Zeichner, dazu. Werden grinsend auf den 'Ständer' aufmerksam gemacht. Gelacht wird. Voll bespaßt ist jeder, wegen dem 'Ständer'. Spricht Harry warnend zu Bertie, dem 'Piraten', der 'Pirat' soll ja aufpassen, nicht vergessen, das gute Stück - den 'Ständer' - da wieder rauszuziehn. Nicht daß der 'Taliban' was auffällt, die so auf Gedanken kommt, die keiner braucht. Die 'Taliban', die muß in einer Viertelstunde rum mit dem Auto am Ort ankommen. Will sich sicher das Skelett da noch mal anschauen, das zusammen mit den Funden am Nachbarfeld in Augenschein nehmen. In die Zeitung kommen soll alles auch. Das heißt, daß die 'Taliban' vielleicht nicht alleine vorfährt. Könnt gut sein, daß die 'Taliban' Presse dabei hat."

"Huhu!" kommentierte der die rote Schirmmütze verkehrt herum aufhabende Kumpel des Erzählers. "'nen 'Ständer' für 'nen Toten ... Eh, ist das nicht so 'ne Störung der Totenruhe? So was in der Art?"

"Was weiß ich ...?" Schulterzucken vom anderen mit dem Filzhut.

"'Störung der Totenruhe' ... Steht da nicht wo was davon im Gesetzblatt rum? Könnte das einer nicht anzeigen, wenn er Lust drauf hat?"

"Und? Willst du das jetzt machen? Etwa deshalb, weil ich dir das erzählt hab'? Ich halt' dich nicht auf. Mach du mal 'ne Anzeige ..."

 

Verena schneuzte sich in ein frisch aus der Plastikpackung herausgezogenes Papiertaschentuch. Weil Verena die Nase plötzlich lief.

Zum Glück war es kein Nasenbluten. Blieb das auch so.

"Gib mir auch so 'n Tuch", verlangte der Mann mit dem Filzhut und im blauen Jackett, der sich nach Verena umgewandt hatte, von Verena.

Hastig fingerte Verena das papierne Einzelstück aus der Packung heraus, reichte es dem Kerl geziert hin.

"Bittesehr!" versetzte Verena.

"Danke!" sprach der, Verena gegenüberbleibend. "Heute haben wir aber wieder Zeit, was? Viel, viel Zeit. Warten wir wieder ewig auf bess're Zeiten. Sollen wir sicher auch."

"Ja ..." Zustimmendes Kopfnicken Verenas.

"Ist nicht einfach, einfach nach Hause zu gehen ...", meinte Verenas Gegenüber. "Wenn man sich ansieht, wie viele wir sind. Und keiner von uns mag hier weggehen, wieder heimgehen oder so. Obwohl wir uns die Beine in die Bäuche stehen, wir bleiben hier und stehen an, nicht wahr?"

"Stimmt, ja! Was soll man machen?" Die Nasenlöcher wischte Verena sich mit dem Taschentuch nervös her.

"Draußen stehen schon lange die von der blauen Farbe rum ..." Der Filzhutträger deutete mit dem Finger.

"Wann hier heute mal wieder welche mit dem Pfeifen und Johlen für 'n bißchen mehr Betrieb sorgen ... Das frag' ich mich. Alles so friedlich hier. Friedliche Leute."

"Hansi kommt endlich wieder im Aufzug runter!" verkündete eine aufgeregte Männerstimme mit raumfüllender Lautstärke die frohe Botschaft von dem Geräusch aus der Aufzuggegend, als ob Verena das nicht sofort selber für sich wahrgenommen hätte.

"Na, dann ... Lassen wir uns überraschen, wie schnell's jetzt für uns nach vorn geht" Mit dem Kopf nickte der Hutmensch zu Verena herunter, um sich umzudrehen und fürs weitere Anstehen an der Seite seines Freundes aufzustellen.

 

Das erstemal seit längerem, daß Hansis Lastenaufzug wieder mit fünf der Anstehenden hochfuhr.

"Erzähl' ich dir noch 'n bißchen was ...", plapperte der mit dem grauen Filzhut Marke "Jägersmann" auf ein neues in die Richtung seines Anstehpartners.

"Hach, 'n Spaß!" erwiderte der Kumpel mit der roten Schirmmütze und der braunen, brüchigen Lederjacke. "Spaß haben wir heute, hier. Von dir muß ich ja einiges hören ..."

"O ja!" stimmte der mit dem Hut zu. "Ist eigentlich spaßig. Hab' ich vorhin nicht was von 'dauergeil' gesagt ...? Hab' da noch was Interessantes, Spaßiges. Ja, das läßt sich gut erzählen. Wird dich interessieren. He, weißt du, wir sind zu dritt beieinandergestanden. Am nächsten Loch. Am nächsten Loch, das wir zu buddeln angefangen haben. Es war mal Päuschen. Zigaretten haben wir uns angezündet. Also, einmal war da Ivan. Ivan war der, der geschaufelt hat. Jonathan hat mit der Spitzhacke in den fett harten Boden reingehauen. Ich hatte die Schubkarre wegzufahren. Wenn die voll war. Nennt sich Arbeitsteilung, so was. Dir bekannt?"

"Un' nu' - was is' da dran geil?"

Der mit dem Filzhut grinste nach der Seite, zuckte die Schulter. "Würd' mal sagen, erst mal Martin. Martin, einer der drei gleichgestellten Ansager-Ausgräber. Martin, der in seinen blauen Hotpants dahergestelzt kommt. Mann, 'nen Druck vorndran an der Hose, Martin."

"Haha!" lachte der Mützenmann los. "Wie sich das anhört! Das hört sich gut an; wirklich gut."

"Kann nicht anders sein. Hinter Jonathan tänzelt Martin. Plötzlich macht Martin ein Schrittchen vor, drängelt sich so hinten an Jonathan dran, als wär's irgendwie eng am Platz. Von hinter Jonathan greift Martin vor, Jonathan feste an die Jeans. Siehst du das Bild? Martin hat Jonathan die Hand vorn im Schritt seiner Jeans die Hand aufgelegt. Mehrfach drückt Martin Jonathan den Sack und da immer in der Gegend herum. Daß Jonathan nur so mit großen Augen an sich runterstiert. Auf die sich bei ihm beschäftigende Pratze Martins. Dann lacht Martin unvermittelt auf, um schnell von uns fortzumachen. Weg von uns. Während Jonathan Martin so doof hinterherschielt. Für 'n Weilchen."

"Kleines Schwuli, was?" konstatierte der Anstehkollege, guckte mit heruntergezogenen Mundwinkeln, währenddessen von der Weiberschar im Rund rumgekichert wurde.

"Nee, nee, 'Schwuli' - nix 'Schwuli'." Kopfschütteln von dem mit dem Jägersmannhut. "Würd' ich nicht sagen. Wie kommst du da nur da drauf? 'Schwuli' - eh? Schwul - nee, nee. Schwul doch nicht. Von denen ist doch keiner schwul. Nie im Leben. Das solltest du gar nicht erst denken, mein Lieber. Nicht da dran denken. Jonathan hat drei süße, kleine Fratzen daheim. Und Martin auch zwei von der Sorte. Die im frühen Teenageralter sind. Alle Mann sind verheiratet. Ehefrauen, Mann, Ehefrauen. Richtige Ehefrauen. Wie kannst du da nur drauf kommen, daß einer von denen schwul sein könnte, bei den Horden an Ehefrauen und Kindern, die die haben? Ich fass' dich nicht. Was meinst du, wenn du einen von denen da drauf ansprechen würdst, was dann mit dir los wär? Wär Weltuntergang für dich. Nicht aushalten würdst du's mehr können auf der Welt, sag' ich dir. Nee, nee, da ist keiner schwul. Nicht einer dieser Typen ist schwul. Nee, von denen ist keiner schwul. Nie im Leben."

"He, was war das denn? Was war denn dann los mit dem? Der kann einem doch nicht locker vorne an die Hose gehen, mit seinen Griffeln ..."

"Keine Ahnung. Weiß ich doch nicht, was los war. Vormittäglicher Sonnenstich. Bei der Sonne, die runtergebrannt hat ... Vielleicht hat Martin nur mal 'nen Moment nachschauen wollen, wie sich das vorndran so anfühlt, bei Jonathan. Wie sich das so anfühlt. So für Jonathans Ehefrau. Wenn Jonathan, blöde vom Löcherbuddeln, heimkommt. Sonst ...? Würd wohl nicht weit kommen, die Geschichte mit dem 'Schwuli'. Glaubt dir doch eh keiner. Wir, die Schaufel-Dödel, und er, Martin, einer, der den guten Ton ansagt, sagt, was es zu tun gibt. Wem glaubt man wohl, sollte ein blöder Schaufler mal ankommen und was wollen? Ich erzähl's ja auch nur dir hier. Dir. Ganz im Vertrauen."

 

 

Der Lastenaufzug Hansis kam herunter.

Mit größerem metallischem Geächze als vorhin, meinte Verena, schob sich die Aufzugtüre, auf die Verena, wegen den Leuten vor ihr, weiter nicht den rechten freien Blick hatte, auf.

Hansi war der erste, der aus dem Innern des Aufzugs heraustrat, kriegte Verena flüchtig mit.

"Hier wollen welche aussteigen, ja?" gellte Hansi aufgebracht. "Wir wollen für die, die aussteigen wollen, wieder Platz hier machen, ja? Oder wollen wir keinen Platz hier machen? Wollen wir keinen Platz hier machen? Wollen wir das?"

Verena ging unvermittelt auf, daß auch sie eine war, die im Weg herumstand. Faßte den Haltegriff ihres Rollkoffers, wandte sich unverzüglich nach linker Hand.

Kräutermischung-, Knoblauchgeruch - oder was das sonst für ein Dampf war -, hatte Verena bereits dauernd penetrant in der Luft gehangen. Der Ausgangspunkt von so was eindeutig jetzt: Verenas neuer Nebenmann. Ein dürrer Glatzkopf mit knitterigem dunkelbraunem Altherrenanzug.

Große, rotädrige Knollennase. Dichte Nasenhaare, die herauswuchsen. Konnte der bei sich bürsten.

Als der Mann neben Verena Verena mit faltigem Gesicht und eingefallenen Wangen eins hergrinste, fehlten ihm oben und unten die Schneidezähne ganz. Das andere, das sichtbar wurde: schwarze Stumpen. Allerschönste Zahnruinen.

Wie aus dem Gruselkabinett, der Mann. Hätte er sich, Verenas Meinung nach, in so einem anstellen lassen können.

Als Verena das bemerkte, was sie gerade gedacht hatte, fragte Verena sich, wie das eigentlich mit ihr selber war. Wie Verena wohl den Leuten vorkam, wenn die sich Verena eingehender betrachteten. Verena mit den Krähenfüßen unter den Augen, Verenas abgehärmte, klapprige Gestalt. Oben ohne sollte Verena es momentan eigentlich nirgends versuchen. 

 

So seit zwanzig, dreißig Jahren volljährige Weibsbilder, die Verena vom Gesicht her seit längerem bekannt waren, nutzten die unübersichtlichen Begebenheiten, sich rempelnd vor Verena hinzudrängeln.

Dabei erlebte Verena, daß die eine, die mit dem schwarzgefärbten glänzenden Kurzhaar, Verena die Zunge rausstreckte.

Ehe Verena zu einer Reaktion kommen konnte, war die aus der Umgebung Verenas fort.

Das war immer die Frage, fand Verena: Sollte man sich über solche Leute bei der Obrigkeit beschweren? Weil die ein paar läppische Positionen gewannen, lauthals losplärren?

Ob deswegen am Schluß ihre Körbe voller waren, auch wenn sie schneller rauf- und drankamen?

Schließlich war auch mittendrinnen mal möglich, daß etwas oberhalb weniger war. Weil die Regale beispielsweise droben für den Moment nachgeräumt wurden. Neu aufgefüllt.

Hatte man also unter Umständen ebenfalls Pech. Erlebte man es, daß man mit weniger Gewicht im Korb von Hansi wieder heruntergefahren wurde. Mit der Klage, daß Leute früher mehr gekriegt hatten, bei Hansi auf taube Ohren stieß. Bei Hansi, Hansi, dem es nicht verboten war, auf der Sozialstation auffällig werdenden Personen die Sozialstationslegitimation, die für den Lebensmittelerhalt berechtigte, abzunehmen.

 

Momentan war das ein gutes Tempo, wie es voranging, war Verena die Meinung. Die nächste Aufzugfuhre, mit der Hansi nach oberhalb hochfuhr. Fünf Nasen hoch.

Viermal, daß Hansi das noch unternehmen würde, rechnete Verena das im Kopf hoch. Dann war Verena mitten in einer Vierer-, Fünferpackung mit dabei. Verena, die sich ein Plätzchen bei Hansi und den Bedienknöpfen Hansis für sein Gerät wünschte. Vielleicht, daß Hansi Verena anlächeln würde und ein paar nette Worte mit Verena wechselte.

Hatte Hansi ja schon gemacht, daß er sich mit Verena unterhielt.

Daheim zurück in der Wohnung, hatte Verena anschließend nicht gewußt, was mit der geistigen Verwirrung und der Wuschigkeit anzufangen. Einiges, das von Verena dagegen unternommen werden mußte. Bis das vorbei war.

 

Warum sich anstehende Männertypen vor Verena nur so seltsam die Köpfe nach linker Hand seitlich verdrehten? Um starr zu glotzen. Ehe sie die Äuglein langsam wieder abwandten, den Blick nach voraus zu richten.

Dem einen vor Verena, dem hüpfte regelrecht der Kehlkopf. Die Farbe der Wangen seines voll schartigen Mondgesichts hatte sich dunkel verfärbt.

Eine komische Sache empfand Verena das.

Dazu entschied sich Verena, mal neugierig zu sein, nach links hinten herumzuschauen. Mit den Augen sich auf der Suche nach dem zu machen, was da am Platz dem Kerl großartig geboten sein könnte.

Gedacht, getan. Ihr Blickfeld hinterrücks erweiterte Verena, indem sie sich langsam umdrehte.

 

An die Mauer geschoben stand ein großes, langes Sofa. Auf dem eigentlich dichtgedrängt gehockt wurde.

Alles Weibspersonen, die längst in das Ungefähre der Reizlosigkeit übergetreten waren. Zumindest, was die äußere Gestalt anging.

Ältlich, abgehalftert, grobschlächtig. Aufgedunsene Gesichter. Doppelt, dreifach, das Kinn. Schwammig, die Leiber. Trist, plump, die dunkelgrauen, schwarzen, braunen knielangen Röcke. Die weiten Hosen.

Schönheit, echt ade. Schwer zu sagen, ob die in der Vergangenheit viel war.

Der einzige Blickfang da war: Klein Conny. Klein Conny, die jüngte und hübschte das am Sitzsofa voll auf.

Klein Conny, die sich am Sofa rumräkelte.

 

Irgendwie hatte Klein Conny trotz der Breite der müden Tanten, die eine Stehpause nötig hatten, links und rechts von sich ausreichend genug freie Fläche. Für kapriziöse Aufführungen.

An ihren roten Zöpfen zupfte Klein Conny herum. Die Beine überschlug Klein Conny.

Parallel was plazierte Klein Conny ein Momentchen das Beinpaar, daß bei Klein Conny zwischenrein gelinst werden konnte. Zur Genüge dort hinein.

Dann: neues Beineüberschlagen Klein Connys.

 

Nun, daß sich Verena, weil gewiß ein weniges der Aufführung vorhin schon war, über nichts mehr wunderte.

Daß sich hier Männerhälse verdrehten, verständlich. Nachdem für Anstehermännlein, die zu ihr hinstarrten, durch Klein Conny tatsächlich Kleinigkeiten geboten wurden. Daß Verena es nicht faßte, was Klein Conny einfiel, sich an dem Ort anbringen zu müssen.

Wo war Corny, Klein Connys Mutti?

 

An eine rote Strickstrumpfhose zum knielangen, schwarzen Faltenrock erinnerte Verena sich bei Klein Conny. Jetzt, während diesen Augenblicken, hatte Klein Conny die Strumpfhose aus irgendeinem Grund nicht länger an den Beinen. Und der Klein Conny ziemlich gut stehende, knielange Rock, der war Klein Conny im Sitzen die Schenkel weit hinaufgerutscht. Weit.

Die abgewetzten, flachen, lila Ballerinaschuhe, die waren an Klein Conny unten dran an den Füßen die gleichen geblieben. Füße, die Klein Conny auf den Fußboden aufsetzte, mit ihnen auf der Stelle zu trippeln.

Nackte Mädchenbeine. Mit diesen Beinen, daß Klein Conny in der Gegend herumzappelte. Die Beine am Boden langstreckte.

Viel zu sexy in der momentanen Wirkung, die Beine Klein Connys, war Verena die Meinung. Überdies: Einen neuen, richtig schönen Einblick dazwischen rein, den Klein Conny jedem, der eventuell interessiert hinguckte, gewährte.

Ein weißer Schlüpfer war das, den Klein Conny anhatte. Das Weiß, das blitzte.

Unter drunter unterm Weiß, daß schnell etwas zu erahnen war. Dunkleres. Das sich da dagegenbauschte.

Viel, das einem Burschen, Mann bei solchem Anblick mitspielen konnte, an Einfällen, Regung. Feuerholz, draufgeworfen auf die gähnende Glut.

 

Der bewundernde Pfiff eines anstehenden Kerls, vorne in der Reihe der Ansteher, dem Aufzug am nächsten, in Richtung Klein Conny.

Mitte zwanzig, der Mann, schätzte Verena. Trug ein schwarzes Jackett.

Sicherlich befähigt genug, der Mittzwanziger, kleine, verwirrte Mädchen anzusprechen. Ihnen zumindest auf den Zahn zu fühlen. Wenn die sich aufführten, ungehörige Sachen erlaubten.

Es ging los für Klein Conny. Wie es absehbar war. Wie Klein Conny das selber sehen mußte.

Ein Seufzer, der sich Verenas Brust entrang. In Bewegung schaffte Verena sich, zog ihren Rollkoffer hinter sich her.

 

Weil so eine dickliche Alte mit schwarzem Trauerkopftuch auf, einen grünen, zugeknöpften Mantel anhabend, anbei bei Klein Conny in dem Moment glücklich aufstand, um woanders hinzugehen, hatte Verena andere Möglichkeiten, als sich mitten im Bild vor Klein Conny aufzubauen und auf Klein Conny hinunterzugucken.

Zur Seite Klein Connys hockte Verena sich nieder, den Koffer auf Rollen breit dergestalt hingestellt, daß sich dieses und jenes für die Glotzeräuglein auf Klein Conny, die momentan brav dasaß und die Oberschenkel beieinander hatte, einschränkte.

Aufdringlich knapp an Klein Conny, daß Verena sich heranschob. 

Die Reaktion Klein Connys war es, Verena mit gerunzelter Stirn eine Runde gereizt eins herzustarren. Sonst fiel Klein Conny nichts zur Begrüßung Verenas ein. Als würde man sich nicht seit längerem besser kennen.

Seitlich rutschen mußte Klein Conny, weil Verena weiterhin mehr Platz brauchte. Engstens ran an die dunkelblonde, schwitzige Dicke auf der Seite und der Frau ihr grobes, fusseliges Gewand.

Sozusagen im Sandwich der älteren Dicklichkeit und Verena, Klein Conny nun.

Das mit den weiteren Winkeln dann und wann rein zwischen die Beine Klein Connys, damit hatte es sich erst mal.

War für die Gaffer, als wäre ein Tor zugegangen.

Höchstens noch auf Klein Connys nacktes Beinpaar, daß einer verschärft hinlinsen konnte. Ungeniert offen oder hintenrum, wie unbeabsichtigt.

 

 

"Hallo, Conny!" eröffnete Verena die Gesprächsrunde bei Klein Conny. "Wo ist denn deine Mutti abgeblieben? Hab' Corny heute noch gar nicht gesehen. Stehst du etwa ganz alleine hier an? Könntest du nicht schon lange dran sein?"

"Nönö!" antwortete Klein Conny. "Nö-chen! Mutti ist nebenan. Im Billigmarkt. Mutti hat Freundinnen getroffen. Mit denen ist Mutti zusammen. Schaun sich die Sachen da an. Schöne Büstenhalter haben sie, hab' ich gesehen. Billig. Für Mutti, wenn sie sich einen kauft. Hab' gesagt, Mutti, Mutti könnte sich doch einen kaufen. Wenn der BH so billig ist."

"Soso!" In die Handfläche hüstelte Verena.

 

Das nächstemal, daß Hansis Aufzug hinauffuhr, bemerkte Verena.

Kleine Jungs und Mädchen spielten immer noch Fangen, konstatierte Verena, als sie durch die Meute der Anstehenden durch einen flüchtigen Blick durch die Glasscheibe ins Freie hinaus erwischte.

"Ich mein' nur, Conny", redete Verena wieder, "du warst schon vor zehn Uhr hier, oder? Warum stellst du dich nicht vorn an, jetzt? Statt dessen hockst du hier am Sofa ..."

"Ich wart' auf Mutti", meinte Klein Conny, die für Verena so eine unzufriedene Schnute zog, als verlöre Klein Conny wegen Verenas Gegenwart bei ihr langsam die Laune. "Mutti hat außerdem die Körbe ..."

"Ach so!" Verena seufzte. "So ist das. Mutti hat die Körbe ..."

 

"Draußen klatschen sie sich immer noch ab, tun Fangen spielen, Conny ...", laberte Verena, der das mit der Sprechpause zwischen ihr und Klein Conny zu lang wurde.

"Ist auch irgendwann doof", unterrichtete Klein Conny Verena von der Tatsache. "Dauernd nur Fangen spielen ... Hab' ich lange genug hier gemacht. Jetzt mag ich nicht mehr. Jetzt mag ich was andres ..."

"Ja ...?" Kopfschütteln Verenas.

Undefinierbar guckte Klein Conny Verena an.

"Nein, weiter Fangen zu spielen, dazu hab' ich keine Lust mehr jetzt. Ist mir zu doof."

Die Schulter zuckte Verena. "Und, deine Mutti ...? Willst du deiner Mutti nicht Bescheid sagen, daß es hier weitergeht ...? Könntet bald ruckizucki hier raus sein, du und deine Mutti. Und wieder daheim ..."

Abwinken Klein Connys, die ihren Faltenrock mit beiden Händen Höhe den nackten Schenkeln anhob, das Bild für ein paar Momente fixierte, den Kleidstoff fallen ließ.

"Mutti wird schon bald kommen. Macht mir aber nichts, noch ein bißchen zu warten, bis Mutti kommt. Nichts dabei. Warte ich eben auf Mutti. Warte, bis Mutti kommt. Wird irgendwann schon kommen."

 

Ein zustimmendes Blinzeln Klein Connys, das nicht Verena galt. Dem Augenblinzeln grinste Klein Conny frech breit hinterher.

Immer breiter, Klein Connys Grinsen.

Mit der Zunge leckte Klein Conny sich die Unterlippe, lasziv.

Verena schaute denn doch widerwillig in die Richtung derjenigen Person, die Klein Connys Grinsen und der Rest gemeint hatte.

Sogleich, daß der Mann Verena zum Mittelpunkt von allem wurde.

Er, eben mit dem Augenaufschlag des Mitfühlenden für Klein Conny dabei. Weil, Klein Conny, Klein Conny, die Arme, die hatte jetzt jemanden an die Seite bekommen. Einen Wauwau. Einen Anstands-Wauwau.

 

Kein Unbekannter für Verena, der.

Der mit dem dunkelgrauen Anorak und der Jeans an war das, hielten Verenas Gedanken fest. Der, gegen den Verena beim Fangenspielen vorhin nach dem Stoß Angies gefallen war.

Aufgefangen hatte der Klein Conny, Klein Conny davor bewahrt, mit dem Hinterteil härter am Boden drunten zu landen. Eine Kleinigkeit, die bei Klein Conny anscheinend irgendwie nachhaltigeren Eindruck hinterlassen hatte.

Irgendeinen Narren, den Klein Conny seitdem an dem Mistkerl gefressen hatte. Daß er nun tatsächlich der zu sein schien, der bei Klein Conny weiter vorn war. Komischerweise.

Für Verena in keinster Weise nachvollziehbar, das. Daß Klein Conny plötzlich irgendwelche Kleinigkeiten in dem dort entdeckte, was den heraushob aus der schwachmatten Masse abgeschabter Lebensmittel-Ansteher.

Die Aufführungen Klein Connys, die trotzdem IHM galten. Und zwar herausragend.

Vielleicht, daß das mit der spreizenden Spielwiese Klein Connys sogar auf seine Einfälle, Fingerzeige zurückging. Daß hier ein kleines Orchester aufspielte, von IHM nebenbei dirigiert.

 

Nicht im geringsten irgendwas Besonderes erkannte Verena an dem Kerl in den Dreißigern, ihn feste anstarrend. An ihm, der sich momentan von Klein Conny und Verena abgewandt hatte. Nach vor zum Aufzug hin zu linsen.

Nichts einer außergewöhnlichen, herausragenden Kleinigkeit empfand Verena beim Betrachten von dem an dem.

Einer war das, in einer ordinären handelsüblichen Blauhose und einem dunkel graufarbenen Anorak.

Alles an dem Marke "Dutzendware". Billige Stücke. Für jeden verfügbar. Auch für Ansteher.

Zum Beispiel die weiß-schwarzen Männersportschuhe, die der an den Füßen hatte. Diese Sportgaloschen hatte Verena erst letztens bei einem Rundgang im Supermarkt gesehen. Preisklasse: ein Zehnerschein. Ein Zehner, unterlag Verena keiner Täuschung hinsichtlich des Betrages. Die eigenen Pappeturnschuhe hatten Verena auch einen Zehner gekostet.

 

Von jeder Menge vergangener Anstehgelegenheiten her, daß Verena die Type außerdem kannte.

Genauso, wie Klein Conny den bei solchen Gelegenheiten, an der Seite Cornys, ihrer Mutti, sich befindend, öfters gesehen haben mußte.

Nicht weniger oft war der vor Ort wie Verena. Verena, die die Lebensmittel nötig hatte. Weil Verena ohne am Untergang schrammte.

Ansonsten ...? Was war mit dem sonst noch? War mit dem sonst noch was? Woran erinnerte Verena sich?

Auf nichts mit dem entsann Verena. Nichts war mit dem, was Verena anbetraf.

Und nichts war bei dem, was Verena zum Mittelpunkt gehabt hätte.

Kein Sterbenswörtchen, das Verena je mit dem gewechselt hätte.

Nicht ein Vorkommnis, das Verena mit dem gehabt hätte, das Verena einfiel, jetzt, wo der derart im Zentrum von Verenas Gedankenwelt sich befand, daß es hinter Verenas Schädeldecke nur so ratterte.

Bloß den Kerl immer kurz wahrgenommen, am Stationsstehplatz, dort, wo Lebensmittelausgabe war. Und beim Weggehen aus der Sozialstation, den mit Lichtgeschwindigkeit vergessen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Obwohl ER gewiß um einiges besser ausschaute als manch anderer der männlichen Ansteherbevölkerung. Was deswegen aber lange nicht hieß, daß Verena was mit dem nötig gehabt hätte.

Der großgewachsene Mittdreißiger, schlußendlich auch nur einer, der mit einer langen Latte Personen auf der sozialen Station der Stadt anstand. Das mit der Ansteherei betreiben mußte.

Auf der Sozialstation anzustehen, das bedeutete nichts anderes, als daß er ein nahe der Null prall angefülltes Bankkonto hatte. Wie Verena ebenso. Der ganze Rest.

Auf Kante wurde gelebt. Knapp letzte Naht.

 

Ein dunkel graufarbenes Anorakstück an, eine Allerwelts-Blau-Hose. Wenngleich mit ein wenig einem besseren Aussehen als einige andere der Ansteher. Damit, daß er für die lange Weile auf Sozialstationspräsenz rumstand.

Dem seine Gegenwart bei der Ansteherei sagte nur eines aus: daß dort einer war, der so seine Besorgungen, Kümmernisse hatte, über die Runden zu kommen. Sonst hätte er sich nicht für die Sozialstation zu entscheiden gebraucht. Nahrungsmittel für sich zu holen, zumeist solche, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen war.

 Was mochte schuld daran sein, daß der Kerl zur Anwesenheit auf der Sozialstation des Städtchens gezwungen war?

War es Arbeitsplatzverlust? In weiterer Folge größte Schwierigkeiten beim Finden einer neuen Arbeitsstelle?

Ehescheidung? Schulden? Suff? Drogen?

Für Leute, die aus dem Gefängnis entlassen worden waren, standen in der Gesellschaft ebenfalls nicht immer sämtliche Türen offen.

Alles mögliche, das Verena sich als Ursache für seine Dauersteherei vorstellen konnte.

Auch die Möglichkeit, daß der in den dreißiger Jahren seines Lebens hundsgewöhnlich in Privatinsolvenz lebte. Wegen dem ganzen sich ihm auftürmenden Schuldenberg, daß er zur Schuldnerberatung gegangen war. Dorthin, daß er sich begeben hatte müssen. Das Erleben eines Verfahrens hatte, die meisten Einzelheiten Verena aus eigener Erfahrung allerbestens bekannt.

 

Nach der Seite guckte Verena. Auf Klein Conny. Klein Conny, die bei Verena hocken geblieben war.

Bockig, das Gesichtchen Klein Connys. Mit roten Wangen. Tief geröteten Wangen.

Im Moment wohl eher eine Zornesröte, bei Klein Conny. Zornig, Klein Conny, wegen "Tante" Verena.

Trotzdem traute Klein Conny sich erst einmal nicht, aufzuhüpfen. Um sich wegzubegeben aus der sie einengenden Gegenwart Verenas.

Bestimmt alles vor allem aus einem einzigen Grund: Mutti Corny und Verena kannten sich gut. Mutti Corny und Verena konnten miteinander reden. Sich über Klein Conny und bestimmte Verhaltensweisen Klein Connys unterhalten. Am Schluß nicht unbedingt zur Freude Klein Connys.

 

Das war für Verena wirklich die Frage: Hatte eine Elfjährige nicht auch lange eine Ahnung, was mit Leuten los war?

Klein Conny mußte das doch ein-, abschätzen können, war jemand unten. War er oben. Mit wem ein Mädchen sich abgeben sollte. Mit wem besser nicht.

Verena jedenfalls war davon überzeugt, daß jede Elfjährige, die mit Vati, Mutti hierher mit auf die Sozialstation latschte, mit im Auto mitgenommen wurde, am Sozialstationsvorhof eintraf, ausstieg, Plastikkörbe in der Hand, Bescheid wissen mußte, was das für eine Örtlichkeit war.

Dem kleinsten Kind sollte das möglich sein, das begreifen zu können.

Daß an dem Platz - auf der Sozialstation - für Lebensmittel angestanden wurde. Entweder, weil man die Essenssachen überhaupt nötig brauchte. Oder als Nebenherhilfe, über den ganzen Monat zu kommen, hatte sich das mit dem eigenen Geld dem Ende zugeneigt.

Ohne diese Lebensmittelhilfe kriegte die Familie oder der einzelne nicht mehr viel auf den Teller. Die verschiedensten Speisen, die sich daheim unvermittelt vom Speiseplan verabschiedet hatten. Ab einem gewissen Datum im Monatsverlauf.

Was gleichzeitig bedeutete, für keinen der auf der Station Anwesenden in der Ansteherreihe war die Welt in allergrößter Ordnung. Auch nicht für die Kinder derer, die Kinder hatten.

 

Alle Ansteher auf der Sozialstation waren arm. Solches mußte Klein Conny eigentlich seit langem überblicken. Begriffen haben.

Diejenige Klein Conny, die oft genug ihre Mutti Corny mit auf die Sozialstation begleitete.

Auch mit elf war das für ein Mädchen zu wissen und zu durchblicken, daß es von keinem der Kerls, die hier auf der Station anstanden, viel zu erwarten hatte. Wahrscheinlicher eher, daß ein solcher das blanke Nichts in der Hinterhand hatte. Wenig Erfreuliches. Dinge, jenseits jeglicher Romantik für ein kleines Mädchen. Gleichgültig, wie der ausschaute. Wie nett, freundlich er sich am Anfang gab.

Da sollte sich besser für eine wie Klein Conny nichts zu einer ernsteren Angelegenheit entwickeln. Damit der, mit dem das kleine Ding sich herumspielte, nicht nach einer kleinen Weile anfing, Sachen zu verlangen. Mit denen von der Süßen aus der Mädchenklasse hübsch Geld verdient werden konnte.

Einfache Dinge, das zu tun. Erzählte er ihr wenigstens. Am Ende jedoch, plötzlich nicht mehr so nett, er, der der sein wollte, der den ganzen geldwerten Rahm für sich abschöpfte. Für den es sich mit dem jungen Körper eingesetzt hatte, das Mädchen. Indem es in rauhen Mengen Kundschaft an sich ranließ. Viel zu viele von der Sorte, als daß es "Spaß" zu nennen wäre.

Das mußte eine mit elf Jahren im Grunde genommen ebenso lange überblicken können. Wie Kleinigkeiten sich ungefähr dumm entwickeln konnten.

Und wenn die Elfjährige so eine Freche, Kesse wie Klein Conny war, durfte ihr das eigentlich nicht ferne liegen, die verschiedensten dieser Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Um keine unliebsamen Überraschungen zu erleben. Am Schluß selbst die, lief die Geschichte miserabel, als früher Teenager Mutti zu werden.

 

 

Ein weiteresmal wandte sich der großgewachsene Mittdreißiger Klein Conny zu. Nun sichtlich ziemlich der Geduldsfaden gerissen bei ihm, wie sein Gesichtsausdruck ausschaute.

Die Stirn hatte der große Mann auf Dauerrunzeln. Von Klein Conny zu Verena blickend und von Verena zu Klein Conny zurück.

Gegenüber Klein Conny verdrehte er die Augen zur Decke. Die Lippen schürzte er. Wegen dem, was bei Klein Conny los war. Die Szene, die sich bei Klein Conny staute. Voll der Verkehrsstau.

Die Hand vorm Bauch, hob er den Daumen, drehte ihn seitlich. Dazu ein Seitwärtszucken mit dem Kopf hinterher.

 

Nicht viel Platz für Interpretationen ließ das für Verena. Richtige Deutlichkeit der Verhältnisse war das.

So klar hatte Verena das im Grunde bisher nicht wahrgenommen, was Sache war.

Heiß, daß es Verena aufging, daß der Mistkerl wünschte, daß Klein Conny vom Sofa aufstehen sollte. Mit ihm woanders hinzugehen. An einen Ort, wo man sich inniger miteinander beschäftigen konnte.

"Schau mal, Conny - deine Mutti ...!" entfuhr es Verena atemlos. Am Ärmel ihres hautengen, gelben T-Shirts, daß Verena Klein Conny, die eben von ihrem Sofasitzplatz hochmachte, faßte.

Mit dem langen Mittelfinger deutete Verena Klein Conny, dorthin, wo Verena jemand ins Blickfeld geraten war. Niemand anders als Corny, Klein Connys Mutti. Mutti Corny, die nach Klein Conny Ausschau hielt.

Endlich, daß Corny, Connys Mutti, sich blicken ließ, in der Warteaula der Stehereigesellschaft auftauchte. Nach Klein Conny, der Tochter, daß Mutti Corny herumschaute.

"Da ist deine Mutti, Conny", zischte Verena. "Guck mal schnell, Conny, da kommt deine Mutti. Da ist deine Mutti."

Klein Connys feindseliger Gesichtsausdruck für Verena war schnell wie weggewischt. Unzufriedenheit war von der Miene Klein Connys abzulesen, während Klein Conny dorthin guckte, wohin Verena zeigte.

"Da ist deine Mutti, Conny! Deine Mutti ist gekommen, schaut nach dir, Conny."

 

Zurücksinken ließ Klein Conny sich mit dem Rücken gegen die Sofalehne, starrte mit bockigem Kleinmädchengesicht geradeaus.

"Sicher, Tante Verena, da ist Mutti", hörte Verena Klein Conny. "Stimmt, Tante Verena, Mutti ist da, schaut, wo ich bin."

Zu Klein Conny sah Verena hin, und Klein Conny erwiderte mit verkniffenem Gesicht Verenas Blick.

"Dann werd' ich mal schnell zu Mutti gehen, Tante Verena ..."

Kopfnicken Klein Connys, daß die Kleinmädchenzöpfe Klein Connys hüpften, was allerdings nicht Verena, sondern dem großgewachsenen Mittdreißiger galt. Dem Mann, der die Lage ebenfalls längst peilte. Bescheid wußte, daß seinen Absichten etwas dazwischenkam. Die Tatsache, daß Klein Connys Mutti bei Klein Conny am Eintreffen war.

Mit einem Hüpfer befand Klein Conny sich auf den Beinen, eilte auf Mutti Corny zu, Mutti Corny, die Klein Conny endlich entdeckt hatte, Mutti Corny, die breit grinste. Ein Grinsen, das Klein Conny, ihrem Kind, galt, aber auch sofort Verena.

Mitten in der Bewegung stoppte Klein Conny Mutti Corny, ehe Mutti Corny mit ihrem Grinsegesicht vor Verena auf der Sofaörtlichkeit hintreten konnte. Mit Verena ein paar freundliche, nette Worte zu wechseln.

"Muß dir schnell was sagen, Mutti", ereiferte sich Klein Conny hastig. "Mutti, Mutti - muß dir schnell was sagen. Gehen wir da rüber, ja? Gehen sofort da rüber, ja?"

Auf Verena sah Mutti Corny herunter, grüßte Verena mit einem Kopfnicker.

Lächelnd, daß Verena zu Corny hinauf zurücknickte.

"Kommst du schnell, Mutti? Kommst du schnell? Muß dir dringend was sagen. Es ist wichtig. Wichtig. Bitte, Mutti! Bitte! Mag dir das hier nicht sagen, Mutti ... Bitte, Mutti! Bitte, Mutti, gehen wir schnell dorthin ins Eck, ja? Muß dir unbedingt was sagen. Tante Verena da braucht es nicht hören. Will's nur dir sagen."

Am lila Jackenärmel zog Klein Conny Corny, ihre Mutti. Und Mutti Corny, die gab Klein Conny schließlich, schulterzuckend für Verena, nach, brachte sich in Bewegung, Klein Conny ihren dringenden Wunsch zu erfüllen, einen Moment woanders hinzugehen.

Ein entschuldigender Gesichtsausdruck Mutti Cornys in Richtung Verena am Sofaplatz, und Mutti Corny war zusammen mit Klein Conny auf dem Weg, fort aus der Umgebung Verenas.

Aufs neue ging es für Mutti Corny mitten zwischen die Horde der Anstehenden rein, diesmal vorangezogen von Klein Conny.

 

 

Die Augen des Mittdreißigers, knapp unter zwei Meter Körperhöhe, lasteten schwer auf Verenas am Sofa sitzender Gestalt.

Dem Mann sein Gesichtsausdruck, Feindseligkeit in Reinkultur. Wenn Blicke töten hätten können, wäre Verena tot gewesen.

Einiges, das er Verena mitzuteilen gehabt hätte. Vielleicht auch, daß er Verena herschütteln und ein paarmal gemein boxen gekonnt hätte. Wäre der Ort ein wenig einsamer, verlassener gewesen.

Nach dem Haltegriff ihres Rollkoffers langte Verena seufzend, erhob sich langsam, wackelig von der Sofasitzfläche.

Vom Sofa begab Verena sich weg.

 

Die nächste Fuhre mit Leuten, für die sich die Lastenaufzugtüre, mit Hansi als Aufzugführer, schloß.

Eine der fünf, sechs Nasen, die mit Hansi hochfuhren, hätte vielleicht Verena sein können. Hätte Verena sich nicht um andere Angelegenheiten gekümmert.

Den mit dem dunkelgrauen Filzhut der Marke "Jägersmann" sah Verena vor sich.

Für den mit dem Jägerhut und den Kollegen mit der roten Schirmmütze und der braunen, brüchigen Lederjacke war das mit der Ansteherei dieses Vormittags ebenfalls noch immer nicht erledigt.

Zu den beiden, die ihr wie ein Ankerplatz schienen, begab Verena sich, ihren Koffer auf Rollen hinter sich herziehend.

Kein Mensch, der Verena dabei mittendrinnen aufhalten hätte wollen. Auch der gutaussehende Mittdreißiger im dunkelgrauen Anorakteil und mit der Blau-Hose an, den Verena bei Klein Conny gewissermaßen gestört hatte, hatte nichts dagegen einzuwenden.

 

"Mußt du dich hier vordrängen, Schlampe?" fuhr eine glänzend Schwarzhaarige Verena an, die am Oberkörper eine übergroße, ausgewaschene Jeansjacke anhatte. "Stell dich gefälligst hinten dran hin. Wo du hingehörst, blöde Arschdränglerin!"

"He, he, mein Herzchen!" meinte der mit dem Filzhut eines Jägers und dem blauen Anzugsjackett, der sich zu der Aufgeregten, die eine dicke, haarige Warze unten am Kinnwinkel hatte, umgewandt hatte. "Wir werden hier doch nicht ausfallend werden. Odinär. Jemanden beleidigen ... Nicht hier, oder? Das paßt alles schon. Das geht schon klar. Die Frau da, die wartet schon länger hinter uns. Steht schon länger hinter uns an. Hat uns, meinem Freund da und mir, vorhin gesagt, daß sie mal 'ne Weile wohin muß. Kann jedem von uns passieren, nicht? Oder nicht? Jetzt ist sie zurück. Geht doch klar, oder, daß sie sich wieder hinter uns hinstellt? Oder geht's nicht klar? Geht's nicht klar?"

Verena war die, die kopfnickte.

"Oder was ...?" fragte der Huttyp bei der mit dem billig gefärbten schwarzen Glanzhaar und der Kinnwarze nochmals nach. "Oder was willst DU? Was willst DU? Willst DU was? Willst DU wirklich hier was?"

Die angesprochene Dame bleckte böse die Zähne.

"DU willst was? Echt wahr? Dabei müßte das aber doch klargehen, Mann-o ... Wo sind denn die größeren Probleme hier? Bisher hatten wir die nicht, nicht wahr? Welche Probleme haben wir? Wollen wir welche? Kann schon für ein paar sorgen. Soll ich das, für ein paar sorgen? Meinst du, ich kann das nicht, nicht für Probleme sorgen? Meinst du, mir macht das viel aus, ich schaff' den Ärger dann nicht?"

"Schon gut, es geht klar!" entfloh es dicken Frauenlippen. Die Schulter, daß die Jeansjacken-Dame zuckte. "Wenn die vorhin schon da war ... Dann war sie das eben ..."

"Na, wer sagt's denn? Geht doch! Dacht' auch nicht an größeren Kummer oder Sorgen. Kummer, Sorgen, das alles gibt's woanders, nicht hier, oder? Oder? Wär alles auch zu blöd ... Wenn wir gerade so nett alle beieinander sind. So zusammen miteinander kuschlig rumstehn. Hätte mir wirklich leid getan. Sehr, sehr leid."

 

 

Neu für die Rumsteherei, Verena.

Verena überlegte, daß es für Verena, wenn nichts dazwischen kam, im schlechtesten Fall noch zwei weitere Runden dauern würde, bis sie von Hansi im Lastenaufzug nach oben hinaufgefahren würde.

Das war dann doch mal ein übersichtlicher Zeitraum, fand Verena. In dem Sinne erträglich.

Bald war es geschafft. Für diesen Vormittag wieder die Geschichte vorüber. Heimgegangen werden konnte.

"Der Aufzug kommt runter ...!" ließ eine Frau rechts von hinter Verena mit schriller Stimme vernehmen, unterrichtete von einer Tatsache, von der ohnehin jeder der Anwesenden etwas mitkriegte.

 

Ächzend, rumpelnd, daß Hansis Gefährt drunten ankam. Die Aufzugtüre schob sich nach rechts auf.

Als erster trat Hansi heraus, überschaute draußen die Aufzugumgebung. Anschließend nickte er den Damen und Herren im Innern des Aufzuges zu, mit ihren Plastikkörben, Stoff- und Plastiktüten herauszukommen.

Tatjana-Natascha und ihre das eine oder andere Jahr jüngere, kleiner gewachsenere Freundin schienen sich wieder miteinander zu vertragen. Hatten ihre Unstimmigkeiten soweit ausgeräumt. Zumindest waren die beiden Hübschen in derselben Fuhre mit dabei, kamen unmittelbar hintereinander aus dem Aufzuginnern heraus. Trugen ihre relativ gut gefüllten Körbe in der einen, die dralle Plastikwegwerftüte für das Grünzeug in der anderen Hand.

 

Spaßig präsentierte Hansi der Umgebung die drohende Faust, zeigte anschließend vier Finger.

Zwei in schwarze Stoffmäntel ziemlich eingemümmelte Dämchen, die schwarzweiß gestreifte Kopftücher am Kopf oben aufhatten, und der mit dem Filzhut und sein Kumpel mit der roten Schirmmütze setzten sich in Gang.

Verena, die sich ebenfalls in Bewegung gebracht hatte, blieb abrupt stehen. Weil Verena doch bis vier zählen konnte, vier die Zahl war.

Etwas anderes, als zum Stehen zu kommen, weiter dazustehen, wäre bei Hansi kein Bringer gewesen. Hätte Verena bei Hansi nichts genützt. Ärgerlicherweise mußte Verena auf die nächste Aufzugherabkunft warten.

 

"Hal-lo!" grüßte eine der Kopftuchträgerinnen Hansi mit ungelenkem Zungenschlag.

"'lö-chen!" erwiderte Hansi bespaßt den Gruß, schob sich, die Wichtigkeit in Person, das schwarze Mikrophonteil bei sich an der Wange zurecht. "Immer nur herein in mein fahrendes Geschäft. Eintritt für diesen wie jeden Tag, wenn bei uns offen, frei. Bis sich nichts anderes tut, ich was für die Fahrt verlangen darf. Fahren wir sofort nach oben ...? Oder soll ich zuerst draußen noch eine Zigarette rauchen? Oder zweie? Wär mal wieder eine fällig. Eine zumindest, daß ich rauchen könnt' ... Ganz kurz."

"Nei-ein, fah-ren wir lie-ber rau-auf ...", stotterte die zweite der Mantel- und Kopftuchweiber, lächelte freundlich zu Hansi hoch, daß sie tatsächlich um einiges jugendlicher ausschaute. Als wäre sie in Wirklichkeit noch gar nicht so alt, könnte unter Umstände sogar Reize entfalten. Ein echter Gegensatz zu ihrer Altweiberaufmachung.

"Na denn, ihr Damen, ihr Herren! Bin ich nicht so. Rauch' ich später eine. Oder zwei. Bin ja zur Arbeit hier ..."

Ein Wink Hansis an die mit den Kopftüchern, doch bitte jetzt weiterzugehen, hinein in den Aufzug, wenn sie schon gehört hatten.

Als letzter trat Hansi selber in die Aufzugwelt hinein, drückte seitlich rechts auf der Höhe seiner Hüfte einen der Knöpfe.

Es blieb dabei, daß Hansi den draußen Stehenden die Hinteransicht zuwandte.

 

Die nächste Fuhre mit dem Lastenlift, Verena würde mit hinauffahren. Wirklich eine Erleichterung für diesen späten Vormittag. Die schönste Aussicht, bald nach Hause zu können, in die Wohnung. Drinnen die Ruhe zu haben.

Das schrille Aufkreischen eines Mädchens drang Verena von linker Hand her an die Gehörgänge, daß Verena regelrecht zusammenzuckte.

Den Kopf mußte Verena dorthin wenden, die Örtlichkeit und alle Vorkommnisse dort zu überblicken. Die ganze Szene.

Das Gekreische hatte sich nach Klein Conny angehört, und es war Klein Conny.

Die Kreischerei Klein Connys wiederholte sich.

Voll der beschwingte Spaß Klein Connys, bei dem Verena zuguckte. Klein Conny, ihr helles Kleinmädchengepruste, -gekicher.

Den Mittdreißiger im grauen Anorak, der Verena für diesen Tag gut genug bekannt geworden war, hatte Klein Conny knapp hinter sich stehen. Seine Handflächen hatte der hochgewachsene Kerl auf Klein Connys schmalen Schultern aufliegen.

Ihr Hinterteil stieß Klein Conny mit breitem Grinsen plötzlich nach hinten, befand sich in einer vorgebeugten Position, verharrte so, kichernd.

Die Hände von ihm, dem Mann, Mitte dreißig, wanderten bei Klein Conny über dem gelben T-Shirt den Rücken herab. Die eine Hand von ihm verließ auf halber Strecke ihren Weg, bewegte sich am T-Shirt-Stoff seitlich - um bei Klein Conny den Ansatz einer Brust zu ertasten und zu drücken.

Von Klein Conny war eine Art Gequieke zu erlauschen.

Die Szene endete damit, daß Klein Conny sich mit ihren hübsch geröteten Wangen zur vollen Körpergröße aufrichtete.

 

Breit grinste der, der Klein Conny losgelassen hatte. Locker, daß sein Armpaar auf beiden Seiten herabhing.

Als ob nie das geringste gewesen wäre. Nicht die allerkleinste Kleinigkeit.

Alles das flüchtigste Moment, von niemandem der rundum Stehenden irgendwie großartig beachtet, kommentiert.

Anscheinend das Ganze nicht viel von jemandem außer Verena betrachtet. Interesse der Leute: gegen Null. Hätte schon noch was noch Interessanteres sein müssen. Damit sich hin- und zusehen gelohnt hätte, Auf- oder Erregung irgendeiner Art.

 

Als ob sich ihr der Horizont plötzlich weite, entdeckte Verena, daß Klein Connys Mutti Corny auch am Platz anwesend war.

Mit der Schulter, daß Mutti Corny mit der lila Jacke an der weißgestrichenen Mauer lehnte. Mutti Corny, das Gesicht eine einzige verschlossene Maske.

Unvermittelt trat Klein Conny direkt vor ihre Mutti Corny hin.

Irgendwas, das Klein Conny nahe am Ohr Cornys zu Mutti Corny meinte. Der Daumen Klein Connys zeigte in die Richtung des einen Mitte der dreißiger Jahre seines Lebens, was für Verena bedeutete, daß Klein Connys leise Worte an Mutti Corny den zum Mittelpunkt hatten.

Dann hüpfte Klein Conny wieder weg aus der Umgebung der Mutter.

Zurück begab Klein Conny sich. Klein Conny, die sich ganz dicht vor den Großgewachsenen im dunkelgrauen Anorak stellte. Praktisch in die Ausgangsposition.

 

Nach dem ersten Zopf faßte die Männerhand bei Klein Conny, fingerte das kleine Haltebändchen herunter. Beim zweiten tat die Hand genau das gleiche.

Das glatte, rotgefärbte Haar Klein Connys schüttelte der Mittdreißiger lächelnd mit beiden Händen. Daß es nun losgelassen frei die Schultern herabfiel.

So, daß ihm das bei Klein Conny besser gefiel.

Und Klein Conny, die hatte da auch nichts dagegen. Den Kopf hob Klein Conny aufwärts nach hinten, um mit breitem Grinsen im tief rotem Gesichtchen, die Stirn in Falten, zu ihm, ihrem Liebling, der alles bei ihr durfte, mit ihren weißen Zähnen hinaufzublitzen.

 

Ausschließlich Augen für ihre elfjährige Tochter hatte Mutti Corny. Der Rest, den übersah Mutti Corny beflissentlich.

Das mußte Klein Conny zu einhundert Prozent klar sein, daß Corny, ihre Mutti, ihr Verhalten nicht guthieß. Daß Mutti Corny davon in keinster Weise irgendwas paßte.

Trotzdem führte Klein Conny sich auf, gestattete dem Hochgewachsenen Dinge.

 

 

Darüber dachte Verena nach, was das vielleicht bei Klein Conny war. Warum Klein Conny sich in der Gegenwart ihrer Mutti Corny und gleichgültig gegen Mutti Corny mitten unter den Leuten derart aufführte.

Ob die Antwort darauf war, daß Klein Conny das Mutti Corny mal so richtig zeigen wollte, wie man das locker anstellte, sich aus dem Stand einen Typen aufzutun. Das, daß eigentlich nichts daran problematisch war. Klein Connys Frage an Mutti Corny: "Wo, bitteschön, Mutti, ist hier das Problem?"

Corny, das wußte Verena, die hatte so ihre Schwierigkeiten damit, Männer kennenzulernen. Und noch mehr Probleme hatte Corny, danach, mit einem, den sie mal kennengelernt hatte, für länger zurechtzukommen.

Fast war das dasselbe wie bei Verena. Verena, die seit dem Unfalltod ihres Mannes Thomas und ihres kleinen Sohnes Hannes keine feste Beziehung mehr eingegangen war.

Bei Mutti Corny war das, seitdem der Vater Klein Connys Corny verlassen hatte. Seitdem war nicht mehr viel los bei Corny, was das männliche Geschlecht anging.

Corny war alleinerziehende Mutter. Die Ehe mit ihrer immer unberechenbarer und anspruchsvoller werdenden Tochter, einem Einzelkind, die langte Corny. Voll und ganz. Lange viel auszugehen, um die Bekanntschaft irgendwelcher Männergestalten zu machen, das war nicht großartig Teil von Cornys alltäglichen Gedanken.

Dafür hatte Klein Conny jetzt einen an der Angel. Einen, den Klein Conny schon oft mitten unter der Anstehgesellschaft auf der Sozialstation gesehen hatte.

Bei dem hatte Klein Conny das relativ schnell geklappt. Mit dem, der wirklich nicht schlecht aussah, großgewachsen war. Nebenbei, das mochte ebenfalls ein Gedanke Klein Connys sein, einer, der auch für Mutti Corny gut sein konnte. Mit dem machte Klein Conny jetzt also zunächst mal ausschließlich rum. Und nichts, das Klein Conny daran irgendwie unangenehm war, Klein Conny schlimmere Umstände bereitete.

 

Der Finger des Mittdreißigers fuhr bei Klein Conny am gelben T-Shirt hinten das Rückgrat entlang hinunter.

Dasselbe wiederholte sich bei Klein Conny..

Danach drückte der Mann im dunkelgrauen Anorak Klein Conny mit beiden Händen seitlich die Hüftgegenden. Daß von Klein Conny glockenhelles Kleinmädchengekichere und -gequietsche aufklang, während Klein Conny sich herumverbog.

Bei Klein Conny sah es aus, als wolle Klein Conny dem Treiben des hochgewachsenen Mannes entkommen. Ohne, daß Klein Conny jedoch deswegen recht wegkam von der Stelle. Am Platz wie am Bierdeckel verweilte Klein Conny.

Verbiegetänzchen mit Kicksergeräuschkulisse und falschen Abwehrversuchen, so nannte sich das, was Klein Conny aufführte.

 

Unvermittelt, das Eingreifen Mutti Cornys.

Am Unterarm faßte Mutti Corny Klein Conny. Zu sich heran zog Mutti Corny Klein Conny, ihre Tochter. Klein Conny, die das mit dem schrillen Aufschrei einer Überraschten mit sich geschehen ließ.

Kaum allerdings, daß Klein Conny unmittelbarer bei Mutti Corny dastand, daß Klein Conny fauchte, sich von ihrer Mutti losriß, die Arme in die Hüften stemmte. Verschärft aggressiv, daß Klein Conny nach Mutti Corny hinstarrte.

Klein Conny, wie eine, knapp davor, aufgebracht lauthals durch die Gegend zu plärren. Bedenkenlos unerfreuliche Dinge abzulassen, die Mutti Corny zum Mittelpunkt hatten. Ein Schauspiel für alle am offenen Szenenbild Anwesenden zu bieten, daß sich das für Mutti Corny gewaschen hatte.

Wenig Spaß, den Mutti Corny an den Geschehnissen haben würde. Vielleicht, daß sie, Klein Conny, sogar nach Mutti Corny schlagen könnte, ein-, zwei-, dreimal. Oder mit den Füßen zutreten. Nach Mutti Cornys Bauch.

 

Mit dem Zeigefinger, daß Mutti Corny, die die schmalen Lippen verkniffen aufeinandergepreßt hatte, deutete.

Unwillkürlich, daß Verena den Kopf in die Richtung wandte, die Mutti Corny zeigte.

Hansi!   

Hansi stand dort, Hansi, der ausdruckslos guckte.

Hinter Hansi, der Lastenaufzug, der leer war, offenstand.

 

Weil die, die die nächsten sein wollten, ihn, Hansi, der für die Auffahrt mit ihnen bereit war, tatsächlich bemerkt hatten, verbeugte Hansi sich tief. Eine tiefe Verbeugung von Hansi.

Ehe Hansi sein Headset das blonde Haar herunterrutschte, faßte Hansi hin, richtete sich auf, schaffte alles der Gerätschaft zurück in Position.

Einen spaßigen Knickser vollführte Hansi, wie der eines Mädchens.

Eine fragende Pantomime vollführte Hansi, schwang Arme und Oberkörper Richtung Aufzug. Hansi säuselte: "Wenn denn wer, den's angeht, mal Lust hätte, loszumachen, da sich ins Innere hineinzubegeben. Für die Hinauffahrt."

Niemand in seiner Umgebung, der sich von der Stelle rührte.

"Okay, ihr Leute!" erklang Hansis Ruf der Allgemeinheit der Anwesenden. "Okay, okay. Wer nicht will, der hat schon ... Ich glaub's ja nicht. Was sagt man denn da dazu? Keiner interessiert sich für mich. Keiner hat Zeit. Frag' mich: Warum bin ich nicht eine rauchen gegangen? Sag mir das einer: Warum stehe ich noch hier, bin nicht eine rauchen gegangen? Zeit wär's, mal wieder eine zu rauchen. Oder zwei."

Schale, unbegeisterte Lacherei klang da und dort auf.

"Na, soll ich nun eine rauchen gehen? Oder gehe ich eine rauchen? Das ist die Frage."

"Nein, wir wollen ja hinauffahren", übernahm die Schwarzhaarige mit der großen behaarten Warze unten am Kinnwinkel, von der Verena lange nichts mehr bemerkt hatte, den Text. An Verena spazierte die Frau vorüber.

"Hallo, Hansi!" meinte die mit der knitterigen, blaufarbenen Jeansjacke, nickte zu Hansi, dem Mann mit dem wichtigen Headset, hoch, als sie an Hansi vorbeimachte.

"Aber hallo - man kennt sich?" gab Hansi zurück. "Kennen wir uns denn wirklich näher? Glaub's ja nicht. Tatsächlich, sie ist eine, eine, die mit mir mit will. Da haben wir eine, die will mit mir mit hoch ... Die erste, die die nächste Runde mit mir rauffahren möchte ... Ich pack' das ja heute nicht. Gibt's das?"

 

Mutti Corny, die Klein Conny an der Hand hatte, folgte der mit dem gefärbten, glänzenden Schwarzhaar auf dem Fuß. Hand in Hand, scheinbar friedlich vereint, schritten Mutter und Tochter in das Fahrstuhlinnere hinein.

Der hochgewachsene Mittdreißiger hatte sich entschieden, Klein Conny und Mutti Corny hinterherzumachen, beeilte sich, an Verena vorüberzumachen.

Den drängenden Wunsch spürte Verena plötzlich, ebenfalls mit diesen Leuten da mit hochzufahren. Aus dem Stand schritt Verena los, zog den Koffer auf Rollen am Haltegriff hinter sich her.

Hansis Miene war eine starre Maske, lächelfreie Zone, als Verena dicht an ihm vorüberschritt.

Kein Wort allerdings, das Hansi zu Verena herabsprach. Was nichts anderes hieß, als daß Hansi nichts dagegen hatte, daß Verena sich zu den anderen in die Aufzuginnenwelt hineinbegab. Verena als Person Nummero fünf.

 

 

Drinnen im Lastenaufzug stellte Verena sich hinten an der linken Seite der Schwarzhaarigen mit der hübsch fetten Warze mit Haarbesatz am Kinnwinkel unten an die rückwärtige Aufzugwand.

Nach Mutti Corny linste Verena, Mutti Corny, die Verena zur Rechten an der seitlichen Wand lehnte, Mutti Corny, die geradeaus vor sich hinstarrte. Während Klein Conny den Mittdreißiger in seinem dunkelgrauen Anorak breit grinsend anhimmelte. Den Mann, der seinen roten Plastikkorb - den Verena bisher kaum bei ihm bemerkt hatte - am Doppelgriff haltend, alleine die Seite gegenüber einnahm.

Undurchdringlich lag der Blick des großen Kerls auf Klein Connys halber Gestalt. Aber Verena war sich sicher, daß der daran dachte, wie er sich Klein Conny an einem ruhigen Plätzchen am besten vornehmen konnte. Mit allem Drum und Dran. Ob für Klein Conny dann danach alles schön war oder nicht.

 

"Dann wollen wir mal wieder die nächste Runde hochfahren ...", dröhnte Hansi, der Aufzugführer. Hansi, der sich oberhalb bei den Druckknöpfen neben dem Anoraktypen aufstellte, der bei Klein Conny so im Vorteil war. "Heute gibt's viele Runden. Echt viele Runden, muß ich schon sagen. Daß wir so viel Zeugs haben ...? Mann, Leute! Mann, Mann, Mann!"

Wie jemand, der aus der Hüfte heraus seinen Revolver zog, schwang Hansi seinen Unterarm samt Handgelenk vor. Hansis Zeigefinger drückte den runden Knopf unter dem obersten, den ein wenig größeren roten Leuchtknopf.

Gelblich leuchtete der Plastikdruckknopf im Rot auf.

Innerhalb eines Momentchens, daß die Aufzugtüre kurz anruckte und sich mit metallischem Ächzen von links nach rechts in Bewegung schaffte.

 

 

 

Polizei

 

 

 

An die weiße Kunststoffmuschel, die sein Ohr bedeckte, tippte Hansis Mittelfinger bedeutsam.

Als hätte Hansi eben im Moment jemand angerufen. So was in der Art.

Aber Hansi tippelte unmittelbar darauf wieder mit dem Finger auf das Hartplastik, Bestandteil seines Headsets.

Was hieß, daß doch nichts war.

Kein Anruf, keine Wortnachricht, nichts.

Alles nur Getue, Schauspielerei Hansis. Um sich als jemand von Bedeutung darzustellen.

 

Auf Klein Conny gegenüber grinste Hansi herab, Klein Conny, die kurz zu Hansi hinguckte.

Klein Connys gerötete Wangen und Klein Conny ihr komisches Grinsen, das alles, das auf Hansi abstrahlte.

Die Grinsedauereinrichtung Klein Connys, die eigentlich dem Mittdreißiger im dunkelgrauen Anorak und der blauen Jeans an der Aufzugwandfläche bei Hansi galt.

Wie eine Art Sonnenschein Klein Connys, von dem Hansi, der Aufzugführer, etwas abkriegte.

Während Mutti Corny an der Seite Klein Connys biestig, finster auf den Anorak-Menschen stierte.

 

"Heute hätte das Wetter ruhig wirklich schlechter sein können", dröhnte Hansi für die Allgemeinheit im Fahrstuhlinnern. "Viel, viel schlechter."

"Warum?" erkundigte sich die mit der Jeansjacke, den vollen Lippen und der haarigen Kinnwarze.

"Ha - ja!" Die Augenbraue hatte Hansi angehoben, einen echt gemeinen Gesichtsausdruck aufgesetzt. "Schließlich gibt's heute was in den Körben. Na, wenn das nichts ist, weiß ich nicht mehr. Wenn's aber draufregnen würd auf die Körbe, würden die Körbe schwerer. Viel schwerer. Wär 'ne bessere Schlepperei. Beim Heimtragen. Und das Nasse daheim, beim Auspacken ..."

Die mit dem unecht glänzenden Schwarzhaar rechter Hand von Verena kicherte blöde, wie Hansi zustimmend. Beinahe, als wäre sie selber jemand anders als eine, die ebenso zur langen Ansteher-Latte rechnete. Und als hätte Hansi eben nicht was Boshaftes dahergeredet, etwas, das nicht auch sie selber anbetraf. Sondern er, der nette Hansi, er hätte den nächsten größeren seiner besseren Witze auf die Welt losgelassen.

 

Soweit war Verena lange nicht, es der mit dem schwarzglänzenden Färbehaar gleichzutun. Bei allem mitzulachen, doof zu tun, als wär man nebenher nicht höchstselbst gemeint.

Auch nicht bei Hansi mußte Verena das. Oder wegen Hansi.

Obwohl Verena Hansi wirklich gerne mochte.

Verena, die es lange vor sich zugeben hatte müssen, daß Verena Hansi von der Seite her anschmachtete.

Hätte Hansi sich entschieden, sich ausschließlicher um Verena zu bemühen, hätte Verena seit längerem nicht viel gegen irgendwas von Hansi gehabt.

Mit Hansi hätte Verena gerne ein Treffen ausgemacht. Abends. Für ein Abendessen im Kerzenschein. Mit anschließendem Kuschelfaktor.

 

Das hatte Verena sich ebenfalls eingestanden, daß Verena Mädels beneidete, von denen Verena mitkriegte, daß die leicht näher mit Hansi bekannt wurden. Ganz davon abgesehen, daß ein paar Hansi weitaus besser zu kennen schienen. Als hätte Hansi unter ihnen freie Auswahl gehabt.

Wie es bei Hansi daheim genau zuging, das hätte Verena wirklich gerne gewußt.

Das Musikabspielgerät holte Hansi spontan schnell hinten aus dem zweiten ledernen Schutztäschchen.

Bedeutsam tippelte Hansi mit der Zeigefingerspitze auf die Anzeigefläche.

Wie einer, nun scheinbar wieder zufriedengestellt, steckte Hansi das bei ihm handflächengroße Dingens zurück in die kleinere Schutztasche an seiner rechten Hüfte. Den Kreppverschluß fingerte Hansi zu.

 

Die Stirn hatte Hansi gerunzelt. Der Schauspieler, sich den vielen Zuschaueraugen bewußt, zuckte die Schulter.

"Mal den Sound gewechselt?" wollte die mit der behaarten Kinnwarze wissen.

"Klar!" erwiderte Hansi.

Mit einem Ruck stoppte die Fahrt des Lastenaufzugs. In den Beinen spürte Verena das Nachfedern.

Ein kleines Anrucken. Mit metallischem Ächz- und Krächzgeräusch schob sich die Aufzugtüre von rechts nach links auf.

Bei Hansi im Schritt seiner falschen, grauen Soldatenhose, da beulte es sich. Als könnte dort, wenn man nachschaute, Größeres zum Vorschein kommen.

Etwas, das später sogar noch größer werden konnte. Wenn es sich erst richtig hochrichtete.

Anhaltend, der Blick ihrer Augen, den Verena da drauf riskierte.

 

"Bitte, alle hinaus aus der guten Stube!" rief Hansi, fingerte an seinem schwarzen Headset-Mikrophon.

Das störte Verena plötzlich, daß Hansi Verena bis jetzt noch kein einzigesmal besonders beachtet hatte. Sonst lächelte Hansi wenigstens einmal strahlend nach Verena hin.

Heute jedoch - nichts davon. Nicht das kleinste bißchen was ging dafür.

An diesem Vormittag führte Hansi sich auf, als wäre Verena eine, die Hansi nicht zu kennen brauchte.

Ganz davon abgesehen, daß tatsächlich nichts Zwang war in der Pappschachtel, man keine, keinen groß bemerken oder ansehen mußte. Auch wenn man das früher mal gemacht hatte.

 

Als letzte, daß Verena im vierten Stockwerk oben das Innere des Lastenaufzugs gereizt verließ, ihren Koffer auf Rollen am Haltegriff hinter sich herziehend.

Die graue Metalltüre dem Lift gegenüber öffnete Hansi, um hineinzutreten in die Regaleräumlichkeit für die Waren der Ausgabe.

Hier, daß für die Ansteher die Körbe hergerichtet wurden.

Zwei junge Mädchen mit weißen Schirmmützen am Kopf überblickte Verena.

Das eine Ding hatte den blonden Pferdeschwanz hinten durch den Mützenschlitz gesteckt, das andere den braunen. Beide Schönheiten trugen weiße Schürzen vorgebunden, hatten rosa Plastikhandschuhe über die Hände gestreift.

Außerdem gewahrte Verena an den Mädels, die hastig herumwuselten, dabei Verena eben ihre Rückansicht zuwandten, weil sie Joghurtbecher oben vom Regal herunterholten, enge Blau-Hosen. Mit toller Betonung auf dem Hinterteil, die Breite der Hüften.

Das waren Hintern. Hintern waren das.

 

"He, Boß, ich brauch' mehr Geld", sang Hansi laut und schräg. "Hey-hey, he-Boß, ich brauch' mehr Geld. Ge-eld, Ge-eld. Ich brau-auch mehr Ge-eld ..."

Die Braunhaarige des Mädchenpaars klatschte Hansi Beifall, grinste Hansi befreundet breitest ins Gesicht.

Herum wandte sich Hansi, schloß die graufarbene Metalltüre. Ohne irgendeinen Blick auf irgend jemanden, der außerhalb von seinem Gelände herumstand.

Auch nicht Verena.

In Luft aufgelöst hätte Verena sein können.

 

 

Neben sich zur Linken bemerkte Verena Corny, Corny knapp hinter Klein Conny dastehend.

Wären Mutti Cornys Augen Laser gewesen, hätten sich zwei Strahlen Klein Conny tief in den Nacken gebohrt. Klein Conny, die sich vor ihrer Mutti Corny neben den Mittdreißiger aufgestellt hatte.

Nach dem herabhängenden Arm des Mannes faßte Klein Conny. Seiner Hand. Mit ihren Fingern umfaßte Klein Conny bei ihm den Zeigefinger. Um mit der Handfläche die Fingerlänge hinauf- und hinunterzurutschen.

Vier-, fünfmal wiederholte Klein Conny den Spaß.

Als der Anorak-Mann nach der Seite auf Klein Conny herabblickte, vollführte Klein Conny eine Pantomime, als wenn eben unten etwas aus dem Finger herausfließen würde. Das, was geflossen war, schüttelte Klein Conny vom Handrücken herunter.

 

"Frau Kinnwarze", wie Verena die Schwarzhaarige mit der übergroßen Jeans-Jacke bei sich nannte, erweckte Verenas Aufmerksamkeit.

Irgendwie war die dicklippige Dame mit dem glänzend schwarzgefärbten Haarschopf ganz nach vorn geraten.

Die erste der neu Heraufgefahrenen, die an der Ausgabetheke bedient wurde, das war SIE.

Weil Verena nicht auf die Geschehnisse bei "Frau Kinnwarze" aufgepaßt hatte, fragte Verena sich jetzt, wie das zugegangen war mit der.

Daß das Weib vorgekommen war, als allererste drankommen durfte, das paßte Verena jetzt irgendwie nicht. Das, daß sich keiner wegen dem beschwerte, daß "Frau Kinnwarze" vorgemacht hatte.

Obwohl, die Reihenfolge des Rankommens an die Theke, die war im Grunde egal. Fuhr man doch am Schluß im Paket mit dem Rest der Gruppe wieder mit Hansi, dem Aufzugführer, im Lastenaufzug ins Erdgeschoß hinunter.

 

Nachdem es Verena wie der Blitz zu Bewußtsein gekommen war, wie am Platz alles ablaufen sollte, beeilte Verena sich, den Reißverschluß des Seitenfachs am Rollkoffer aufzuzerren.

Die Schutzfolie mußte von Verena herausgeholt werden, in die das amtliche Schriftstück hineingeschoben war.

Schließlich sollte, mußte auf den Zettel draufgestempelt, der Stempel dazu von dem hinter der Ausgabetheke mit einer Unterschrift beglaubigt werden. Was nichts anderes dokumentierte, als daß Verena das nächstemal für die Lebensmittelausgabe auf der Sozialstation präsent gewesen war.

In diesem Jahr bisher, kein einziger Termin fürs Anstehen, den Verena verpaßt hatte. Unzweifelhaft für jedermann ersichtlich, der sich das wünschte, das Dokument zur genaueren Überprüfung anzuschauen.

 

Nach dem gestempelten und unterschriebenen Korbberechtigungszettelchen fingerte Verena als nächstes.

Schließlich hatte Verena bei ihrer letzten Anwesenheit auf der Station ihren leeren Plastikkorb sofort wieder abgegeben. Grund: Hansi. Der liebe, nette Hansi.

In der Nähe Verenas hatte Hansi sich an dem Vormittag herumgedrückt, als Hansi gesehen hatte, daß Verena jeden Moment mit dem Ausräumen ihres Korbes fertig war.

Als Verena die ganzen erhaltenen Lebensmittel in ihrem Koffer auf Rollen verstaut hatte, war Hansi vor Verena hingetreten. Zu Verena hatte Hansi freundlich gemeint, ob Verena so lieb sein könnte, das für ihn, Hansi, zu tun, ihm den Korb zu geben. Denn sie hätten oben wieder einmal Engpaß. Bei den Ausgabekörben, daß es den gebe.

Da hatte Hansi für Verena das allerfreundlichste Lächeln im Gesicht stehen gehabt. Das, mit dem Hansi alles mögliche von Verena verlangen hätte können.

Im wahrsten Sinne des Wortes. Überallhin wäre Verena mit Hansi mitgegangen. Ohne Nachfrage, wohin.

Hatte Verena aber nicht müssen, mit Hansi wo hingehen. Kaum hatte Hansi den zuvor von Verena ausgeleerten Plastikkorb, bedankte Hansi sich kurz, wandte sich von Verena ab.

 

"Der, die nächste bitte!" erlauschte Verena, kehrte bewußt der Welt zurück.

Die lautstarke Stimme Karlies, des dicklichen Ausgabe-Scheffes. Karlie, einer, der heute überhaupt nicht übermäßig gut gelaunt ausschaute.

Der Mittdreißiger, der im Augenblick zuoberst der Liebling Klein Connys war, trat anstelle Klein Connys vor die Lebensmittelausgabestelle hin. Kopfnickend grüßte die Anorak-Type Karlie, reichte Karlie seine Unterlagen wortlos rüber.

Den Zettel zum Abstempeln, den Karlie nahm. "Geld?" raunte Karlie.

Münzgeld legte der Kerl Karlie auf das Bord. Jede Menge Münzen. Im Grunde, daß es ausschaute, der im Anorak wäre irgendwo an einem normalen Essensstand, zahle Karlie mit seinem Münzhaufen mal für eine laue Tüte Pommes.

Die eins fünfzig Cents in Münzen wischte sich Karlie mit ausdrucksloser Miene in die offene Handfläche. Um mit gerunzelter Stirn konzentriert zu beginnen, das Häuflein Ein-, Zwei- und Zehn-Centmünzen abzuzählen.

 

Zufriedengestellt nickte Karlie schließlich, ließ die Münzstücke einzeln in das Münzabteil der stählernen Geldschatulle hinabregnen.

Bis Karlie damit fertig war.

Verena sah, daß Hansi, der ohne großes Gerede - wie niemand dort dahinter momentan vernehmbar viel daherredete - beim Einräumen in die Plastikkörbe mithalf, die Hand hob und die Szene Karlies beim Münzenabzählen nachäffte, ein Karlie-Gesicht zog.

In Karlies Rücken klang helles Mädchengekichere auf. Das, was Hansi aufführte, fanden die Hübschen vom Sozialstationmitarbeiterinnennachwuchs spaßig.

Während Karlies Mienenspiel bei der Art dauerfinsteren Einstellung verharrte, setzte sich hinterrücks bei Karlie das Gekichere des Mädchenduos losgelöst fort, weil Hansi die Karlie-Pantomime in ihre Richtung wiederholte.

Die Gesichtszüge Karlies nun deutlich die von einem, der sich jede Sekunde umwenden konnte, um es heftig und lautstark aus sich herausbrechen zu lassen. Eine zornige Attacke zu reiten. Gegen alles und jeden.

 

Vielleicht war Hansi mit seiner Bespaßung zu weit vorndran bei den Mädels, überlegte Verena. Bestimmt der Grund, daß Karlie momentan derart sauertöpfisch wirkte. Weit über das am Ort handelsübliche Maß hinaus.

War Karlie eifersüchtig? Eifersüchtig auf Hansi und Hansis Erfolg bei den hübschen Stationsmitarbeiterinnen?

Irgendwie hatte Verena das Gefühl, daß es zwischen Karlie, dem Ausgeber-Scheffe, und Hansi, dem Aufzugführer, schon irgendwas Größeres gegeben haben könnte. Sonst wären Hansi und die Mädels sicherlich lockerer, wortreicher vor Ort unterwegs gewesen.

 

 

Aus den Augenwinkeln bemerkte Verena linker Hand unvermittelte Bewegung.

Die bisher von Verena in keinster Weise groß beachtete Butzenglastüre, die in die Richtung der für die Körbe Anstehenden aufging.

An Corny vorüber schaute Verena einen Polizeibeamten, der mit ernster Miene auf der Bildfläche erschien. Einen zweiten, der dem andern unmittelbar auf dem Fuß folgte.

Nebeneinander, daß sich die Männer in schmucken dunkelblauen Uniformen und gleichfarbigen Polizeimützen mit schwarzem Plastikschirm am Kopf in Positur stellten.

Die Polizisten, die sich zu keinem Gruß oder so was herabließen, überblickten die Anzahl der Anwesenden. Während sich die Glastüre hinter den beiden von selber ins Schloß zurückschwang.

 

Den einen der Polizeiuniformträger, der einen einzigen Stern als Rangabzeichen auf dem Schulterrevers oben hatte, den kannte Verena. Der zweite, der vier Sterne präsentierte, der war Verena einigermaßen fremd. Aber mit seinen vier Sternen droben war der Ältere sicherlich der Wichtige des Duos.

Alle Szene am Flurgang bei der kleinen Gruppe Korbabholern war erstarrt. Jeder Mann, jede Frau glotzte auf das Polizeibeamtenpärchen.

Dann wußte Verena vom jüngeren der Polizisten - demjenigen mit dem einen Stern am Revers -, plötzlich wieder den Namen, Herr Ernst.

Herr Ernst, den Verena altersmäßig auf dreißig Jahre schätzte, war der eine derjenigen, die Verena Dienstag am Nachmittag letzter Woche auf dem Polizeipräsidium der Stadt ausführlich vernommen hatten.

Mit seinen stahlblauen Augen blickte Herr Ernst offen auf Verena, daß Verena den Blick unwillkürlich abwenden mußte.

Am liebsten, daß Verena sich in Luft aufgelöst hätte. Unbemerkt mit einer Tarnkappe am Kopf ins pralle Nichts entschwunden wäre.

 

"Hal-lo!" grüßte Karlie, der Ausgabe-Scheffe, der sich von hinter seiner Ausgabetheke vorbeugte, den Hals lang reckte, das neugierige Gesicht seitwärts gedreht reckte, um die Szenerie besser zu überblicken. "Polizei? He, Polizei haben wir hier? Aber hallo - Po-li-zei! Polizei? Was geht ab?"

"Ja, hallö-chen aber auch!" erwiderte der Ältere und Ranghöhere des Polizistenzweiers in samtener dunkelblauer Uniform.

"Was ist denn?" wollte Karlie mit verdutztem Tonfall von den Beamten wissen. "Wer hat was angestellt? Bitte, womit können wir dienen? Wer hat denn die Polizei hierher gerufen? Warum kommen Polizisten her?"

Die Polizistenherrschaften schwiegen mit ihren ausdruckslosen Mienen, hatten nicht die allergeringste Lust, eine von Karlies interessierten Fragen zu beantworten.

 

Die Gedanken überschlugen sich in Verena. Aus welchem Grund tauchte hier jetzt die Polizei auf?

Doch nicht wegen Verena, oder?

Zwar, daß Verena bei Herrn Mendl hier oben am langen Flur im vierten Stock mit dem Turnschuhfuß gegen die Bürotüre getreten hatte. Aber, hatte sich das nicht erledigt gehabt? Hatte die ältliche Dame aus den Sozialstationbüros Verena nicht versichert, daß Verena deswegen nichts zu befürchten hätte? Außer, das Vorkommnis mit Verena, das wiederhole sich.

Das hatte sich aber nicht. Nichts war weiter vorgekommen.

Das war Tatsache, nachdem Verena sich ausdauernd und sich herabbuckelnd bei der Grauhaarigen mit dem Bubikopf entschuldigt hatte, hatte diese gemeint, es wäre nichts weiter. SIE hatte behauptet, daß nichts sein deswegen sein würde. Kein Schaden sich ereignen.

 

Eine zweite Idee überwältigte Verena: Corny!

Mutti Corny!

Mutti Corny, die sich Sorgen wegen ihrer elfjährigen Tochter Conny machte. Um Klein Conny besorgt war.

Das war sich Verena zu einhundert Prozent sicher, daß Corny die Type im dunkelgrauen Anorak und mit der Blau-Hose an nicht in den Kram paßte. Nicht das kleinste bißchen. Das, was sich da zwischen Klein Conny und dem Mittdreißiger abspielte.

Todsicher konnte das für Corny ein Grund sein, das Verlangen, Polizeileute anzurufen, auch in die Tat umsetzen zu wollen. Koste es sie bei Klein Conny schließlich, was es wolle.

Irgendwann würde sich bei Klein Conny jedoch wieder Vernunft einstellen, mochte Mutti Corny sich denken. Kam Zeit, kam Rat. Bestimmt würde die Gelegenheit kommen, daß sie, Connys Mutti, ein paar vernünftige Worte mit Klein Conny sprechen würde können.

 

Bloß, Tatsache, Verena hatte Corny nicht telefonieren gesehen. Nirgends.

Mußte Corny sich, die mobile Telefonie versteckt in der Handfläche, gespielt haben. Wobei Corny eine Kurzmitteilung getippt haben könnte. Mit dem Inhalt, Polizei solle schnell kommen, Straße, genauer Ort.

Kein Ding der Unmöglichkeit, das.

Mit den Fingern einer Hand mit herabhängendem Arm ohne die kleinste Sicht auf die Handy-Tasten zu tippseln, das hatte Verena erst letztens bei einer gesehen, die in der städtischen Geschäftsmeile unten bei dem Elektronikmarkt an Verena vorübergelatscht war. In der zweiten Hand hatte die junge Frau in einer hautengen Blau-Jeans eine sich bauschende Leinentasche getragen.

 

Schon die Frage, ob Corny so was ebenfalls draufhatte?

Die Nummer der Polizei zumindest konnte Corny am Handy auf der Telefonliste abgespeichert haben. Und vielleicht hatte Corny doch Gelegenheit zum Telefonieren gehabt.

Daß Mutti Corny wieder ein Handy hatte, wußte Verena.

Hatte Verena das letztemal bei der Ansteherei gesehen, daß Mutti Corny Klein Conny, die nervig herumquengelte, an einem mobilen Telefon eine Nachricht schreiben hatte lassen. An die Schulfreundin.

Aber nur einmal, daß Klein Conny 'simsen' hatte dürfen. Ein einziges Mal.

 

 

Anders war das Eintreffen der Polizeibeamten Verena nicht erklärlich, als daß Corny die Männer in Uniform herbeitelefonierte. Wegen ihrer Tochter Conny.

"... Hal-lo, Frau Tümmel? Hallo, Frau Verena Tümmel? He, was denn? Schlafen Sie hier im Stehen, Frau Tümmel? Schlafen Sie hier im Stehen mit offenen Augen, Frau Tümmel?"

Voll, daß Verena in ihre Überlegungen vertieft gewesen war. Heftigst, daß Verena vor Schreck zusammengezuckt war, als sie mitkriegen mußte, daß ihr die Ansprache galt.

"Sekundenschlaf, Frau Tümmel?"

Herr Ernst, der junge Mann von denen von der Polizei, der mit geschürzten Lippen und gerunzelter Stirn aus seiner Höhe auf Verena herunterblickte.

"Leiden Sie unter Sekundenschlaf, Frau Tümmel? Immer wieder für ein paar Sekündchen hin und weg? Oder was?"

"Nei-ei-ein ...? Wa-was wol-wol-wollen Sie de-denn ...?" Die Augen hatte Verena gegenüber dem Polizisten - Herrn Ernst - weit aufgerissen.

 

Der ältere und ranghöhere Polizeibeamte plazierte sich an der Seite seines jüngeren Kollegen bei Verena.

Eine Miene zog der Mann, als denke er darüber nach, Verena unverzüglich ein Paar Handschellen anzulegen. Oder sonst etwas mit Verena anzustellen, daß Verena in ein Loch fiel.

"Würden Sie bitte ohne viel Aufhebens mit uns mitkommen, Frau Tümmel, ja?" vernahm Verena Herrn Ernst.

Den Kopf schüttelte Verena.

"Bitte, machen Sie uns und sich keine größeren Umstände, liebe Frau", redete der ältliche Polizeimensch mit dem höheren Dienstgrad als Herr Ernst nun ebenfalls Verena eine Runde.

"Ich ...", schaffte Verena betroffen hervor. "I-ich ..."

"Worauf warten Sie?" war der Polizist mit dem Vier-Sterne-Dienstrang die Ungeduld in Person. "Kommen Sie!"

Lahm hob Verena die Hand, mit der sie die Klarsichtfolie mit dem eingeschobenen amtlichen Dokument festhielt, das Verena als Mitglied derer mit der gelben Farbe für den Lebensmittelerhalt auswies; außerdem, daß da das kleine Korbberechtigungszettelchen mit dem Finger zwischengeklemmt dabei war.

"I-ich brau-brau-brauche ...", stotterte Verena.

 

Herr Ernst verstand Verena. Stumm nahm Herr Ernst Verena das von Verena Vorgezeigte ab.

Die Unterlagen Verenas vor sich haltend, begab sich Herr Ernst die zwei Schritte vor das Art große, rechteckige Fenster ohne zugehöriger Glasscheibe.

Hinter der Ausgabetheke, daß Karlie, der Ausgabe-Scheffe, mit offenem Mund wie zur Salzsäule erstarrt dastand, auf die Polizisten und die Geschehnisse mit ihnen stierte.

"Hier!" meinte Herr Ernst, legte Karlie das Mitgebrachte auf die hellbraune hölzerne Bordfläche mit dem Glanzanstrich.

"Un' - was nu?" gab Karlie sich begriffsstutzig.

"Bitte, bereiten Sie das Übliche vor, das Frau Tümmel bekommen soll, ja?" Den Zeigefinger präsentierte Herr Ernst Karlie. "Ah - ja! Bitte, wann hört ihr hier spätestens mit der Arbeit auf?"

"Halb vier!" kam Karlies prompte Antwort.

"Bis dahin werden Sie bitte alles für Frau Tümmel zum Abholen aufbewahren", unterrichtete Herr Ernst Karlie.

"Ja, gut, könnte sich von uns schon machen lassen", stimmte Karlie dem zu.

"Könnte möglich sein, daß Frau Tümmel so knapp vor halb vier wieder hier vorbeikommt. Kein Problem, das für Frau Tümmel in die Kühlung zu tun, nicht wahr? Hoffe, daß wir von Frau Tümmel in der Hinsicht nichts zu hören kriegen." Herr Ernst hob den Finger nochmals für Karlie. "Geht also klar? Wir haben uns verstanden?"

"Klar doch, daß's klargeht! Alles geht klar, echt wahr!" Das Kopfnicken in Dauergebrauch bei Karlie. "Werden wir gern tun, für die Frau da, jaja! Aber, es fehlen mir jetzt noch eins fünfzig. Eins fünfzig. Die eins fünfzig, die jeder hier zahlen muß ..."

 

Zu Verena guckte Herr Ernst, der in dunkelblauer Polizeiuniform und der Polizistenmütze auf, zurück, sich seitlich an die Holzkante der Ausgabetheke anlehnend.

In ihrer Hosentasche suchte Verena die zwei Münzstücke - eins fünfzig Cent in der Summe.

Die zwei Münzen - eins fünfzig - legte Verena Herrn Ernst, Herrn Ernst, der vor Verena hingetänzelt kam, in die offene Handfläche. Herr Ernst, der sich mit dem Münzendoppel in der Hand sofort zur Theke für die Ausgabe zurückbegab.

Der zweite, ältere und ranghöhere Polizeibeamte hatte sich wieder in die Nähe der Butzenglastüre verzogen - als hätte der Mann die Überlegung, sich dort aufzustellen, das sei nicht das schlechteste, falls Verena Tümmel daran dachte, plötzlich einen Fluchtversuch unternehmen zu wollen.

 

Dem Starren von Cornys Blick wichen Verenas Augen aus.

Hinter Mutti Corny, daß Klein Conny sich im Moment regelrecht hinduckte und klein machte.

Beinahe wie ein aufgescheuchtes, großäugiges armes Rehlein, Klein Conny. Eins, das nur einen einzigen Wunsch hatte: Zusammen mit Mutti Corny ins Unterholz zu springen. Auf und davon. Ob es an irgendwas die Schuld hatte oder nicht.

Klein Conny, die "Tante" Verena lange kannte.

"Tante" Verena, eine alte Bekannte von Mutti Corny.

Dauernd, daß Klein Conny "Tante" Verena beim Anstehen auf der Sozialstation traf, begleitete Klein Conny ihre Mutti.

Sogar daheim bei Mutti Corny war "Tante" Verena bereits ein-, zweimal. Bei Mutti Corny in der Wohnung ...

Und nun waren da Polizeibeamte auf die soziale Hilfsstation gekommen, zwei Beamte, die sich herausragend für "Tante" Verena interessierten. Was "Tante" Verena wohl Schlimmes angestellt haben mochte, daß Polizei sich um sie kümmerte?

 

Die zwei Mädels vom Sozialstationnachwuchs hatten lange aufgehört, die Plastikkörbe mit Lebensmittel für die Ansteher drunten zu füllen. Gemeinsam waren sie die graue Metalltüre aus ihrem Arbeitsraum herausgetreten.

Die Blond- und die Braunhaarige hatten sich - ihre weißen Schirmmützen auf, ihre weißen, hie und da mit diversen Fleckchen versehenen Schürzen vorgebunden - links und rechts von der Tür hingestellt. Für einen freien Schuß Blickfeld auf Verena und die Geschehnisse bei Verena.

Hansi tauchte bei den Hübschen auf.

Hochgewachsen stellte Hansi sich jenseits der Türschwelle leicht abgesetzt zwischen den Sozialstationschönheiten auf.

 

Mit gerunzelter Stirn betrachtete Hansi die Szene mit Verena mittendrinnen.

Einigermaßen verständnislos, Hansi. Als fehle ihm, Hansi, im Moment irgendein Mosaiksteinchen, das ihm dieses Bild hätte vervollständigen können.

Das runde, weiße Plastikkopfhörerteil, das sich an Hansis Ohrläppchen anschmiegte. Von dem Hartplastik am Ohr, daß der schwarze Mikrophonarm nach vorn wegverlief. Bis zur Mitte der Wange.

Hansi, der einzige vor Ort mit einem Headset. Eine Instrumentenanlage, mit der Hansi ausschaute, einer wichtiger als wichtig.

Hansi, mit seinen blonden, kurzen Haaren. Als wäre er der Mann. Er, Hansi, der eigentliche Beherrscher der Szene. Der Befehlegeber. Jeder Geste Hansis, der gehorcht werden müßte.

Nichtsdestotrotz, kein Mensch, der sich um Hansi kümmerte. Niemand, der Hansi überhaupt irgendwie großartig beachtete. Außer Verena.

 

Vom gutaussehenden, großen Mittdreißiger im dunkelgrauen Anorak und der Blau-Hose - der bei Klein Conny, der Elfjährigen, so weit vorn dran war, daß Klein Conny sich bei ihm aufführte, als müßte er das Mädchen, Cornys Tochter, nur noch bei der nächstbesten Gelegenheit wie einen reifen Apfel vom Baum herunterpflücken -, von dem sah Verena überhaupt nichts mehr am Szenenbild.

Ebensowenig, daß Verena irgendwas von der mit dem schwarzglänzenden Färbehaar und der Kinnwarze blickte.

Mußten sich demnach beide schon, wenn sie nirgends anders hingegangen waren, fürs Runterfahren bereit im Lastenaufzug hinter Verena befinden.

Wenigstens zwei, die nicht die allergeringste Lust hatten, für die von der Polizei weithin sichtbar herumzustehen und sich in ausschweifender, aufdringlicher Gafferei zu ergehen.

Das war Verena wirklich bewußt total entgangen, daß sich der Mitte der dreißiger Jahre seines Lebens mit dem dunkelgraufarbenen Anorakteil an mit seinem mehr oder weniger gefüllten Plastikkorb und der Plastiktüte mit dem Obst und Gemüse drinnen seitlich an ihr, Verena, vorbeigestohlen haben mußte, in den Aufzug hinein zu gelangen.

 

 

"... He! Hee-hee, Frau Tümmel! Hallo! Keiner mehr daheim? Was ist denn das mit Ihnen? Schon wieder träumen Sie im Stehen in der Gegend rum. Sie träumen hier im Stehen durch die Gegend. Sie haben nicht gehört, was ich zu Ihnen gesagt habe, nicht? Nicht ein Wort, ja? Nicht ein einziges, nicht? Ich habe zu Ihnen gesagt: Bitte, Frau Tümmel, kommen Sie jetzt mit uns mit. Los, kommen Sie, Frau Tümmel. Wir wollen aufbrechen, ja? Jetzt sollten wir langsam gemeinsam miteinander hier weggehen. Oder was ist mit Ihnen? Weigern Sie sich? Sollen wir Sie in die Mitte nehmen und abführen?" Mit dem Finger deutete Herr Ernst Richtung dem höherrangigen, älteren Kollegen und der Butzenglasgangtüre.

Voll hilflos fühlte Verena sich, war resigniert willens, allem zu gehorchen. Trotzdem, daß Verena sich nicht regte. Nicht einen Millimeter schaffte Verena sich in Bewegung.

Aufmerksam guckte Herr Ernst, Herr Ernst, mit seiner dunkelblauen Polizeimütze mit einem doppelten weißen Kordelschnürchen am Stoffteil und dem vorstehenden schwarzen Plastikschirm am Kopf droben, auf Verena herunter.

 

Unvermittelt, das Kopfnicken Verenas. Sie, Verena, sie würde mitkommen.

Überallhin wollte Verena mitkommen. Keine Umstände, die Verena machen würde.

Verena unter dem Arm fassen, Verena anpacken oder so - das mußte Verena keiner. Auch nicht Herr Ernst.

Ihren Koffer auf Rollen, den sie in ihrem Rücken stehen hatte, den vergaß Verena nicht. Nach dem Haltegriff faßte Verena, den Rollkoffer hinter sich herzuziehen.

"Nein!" rief Herr Ernst aus. "Nicht den Koffer. Den Koffer brauchen wir nicht dabei. Den lassen Sie bitte da, Frau Tümmel."

"A-aber ...", begehrte Verena auf. Den Metallgriff hatte Verena trotzdem losgelassen, als hätte sich Verena an ihm unvermittelt die Finger verbrannt.

"Bitte, Frau Tümmel, darf ich?" Herr Ernst mit seiner Frage und einem Fingerzeig.

Ohne eine Antwort Verenas abzuwarten, nahm Herr Ernst den Rollkoffer am Haltegriff, hob das leere Kofferteil hoch. Um es mit langgestrecktem Arm vor sich zu halten. Daß Herr Ernst beinahe wie einer ausschaute, der mit dem einarmigen Stemmen eines Gewichts prahlen wollte.

"Den Koffer hier sollen die Leute hier auch für Sie aufbewahren, Frau Tümmel", sprach Herr Ernst laut in die Umgebung. "Sollte Frau Tümmel heute nicht mehr hier vorbeikommen, werden wir sicher eine Gelegenheit finden, von der Wache aus hier anzurufen."

Auf Herrn Ernst glotzte Verena.

"Es wird nichts wegkommen, was Ihnen gehört, Frau Tümmel. Das dürfen Sie mir ruhig glauben." Großzügig lächelte Herr Ernst Verena eins, wandte sich von Verena ab und setzte sich in Bewegung.

 

Die hübschgesichtigen Schirmmützenträgerinnen von der Sozialstation, die weiße Schürzen vorgebunden hatten, übersah Herr Ernst. Hansi, der den Betrieb mit leicht offenem Mund auf Dauergaffen hatte, eine Runde hinnickend, hielt Herr Ernst den metallenen Griff des Koffers knapp vor die weiß-blau gestreifte Hemd- und weiße T-Shirt-Brust, daß die Kante des vorderen Kofferrands unten Hansi ein bißchen gegen die Knie schlug.

Das gute Stück Koffer sollte, mußte Hansi Herrn Ernst abnehmen.

Nach einigem Zögern packte Hansi mit seinen zwei Händen zu, Hansi, der die Stirn tief in Falten hatte, stumm blieb.

Von Hansi, dem örtlichen Headset-Menschen, trat Herr Ernst einen Schritt zurück.

Bedächtig setzte Hansi das Kofferteil am Boden auf seine Rollen auf.

"Das wär's dann aber jetzt wirklich für uns hier", konstatierte der ältere, ranghöhere Polizist, der wieder näher an Verena rangekommen war, mit arroganter Stimme. "Das hat jetzt wirklich alles lange genug hier gedauert. Kommen Sie bitte mit uns mit, Frau Tümmel. Wenn nicht freiwillig - werden wir Sie abführen."

"A-aber - wa-warum so-soll i-ich ...?" konnte Verena nicht an sich halten, stotternd die Frage anzubringen. "I-ich ..."

"Das besprechen wir besser nicht hier, nicht in aller Öffentlichkeit, Frau Tümmel", entgegnete der Vier-Sterne-Polizist. "Reden können wir darüber auf der Inspektion ruhiger. Wenn also hier am Ort alles geregelt ist, würd' ich Sie bitten, Frau Tümmel, ohne weitere Umstände mit uns mitzukommen. Kommen Sie bitte, jetzt!"

"I-ich ..."

"Mein Kollege und ich, wir führen Sie hier ab, Frau Tümmel! Renitenz bringt Ihnen sicherlich nicht den allerkleinsten Vorteil. Würd' sagen, überhaupt keinen. Haben wir uns verstanden?"

Über die feuchte Stirn wischte Verena sich mit dem Papiertaschentuch aus der Hosentasche.

Die Butzenglastüre hielt Herr Ernst auf. Auf Verena guckte Herr Ernst hin, Verena, die kommen sollte.

"Gut, gut, ich komme. Ich komme ja." Ein Kopfnicker Verenas, der aussagte, daß Verena die Herrschaften von der Polizei begleiten würde. Irgendwie anfassen, das mußte Verena keiner; Handschellen mußten Verena ebenso keine angelegt werden.

 

 

Die Flurgangtüre aus Butzenglas hatte Verena mit einem Gefühl des Unwillens hinter sich gelassen. Am Flur, auf dem im Moment kein Mensch zufällig rummarschierte, begab Verena sich zu dem Durchgang, durch den sie zu den Stiegen das Treppenhaus hinab gelangen konnte.

Abrupt wandte sich Verena zu den beiden Uniformierten von der Polizei um.

"Was ist denn?" meinte der Ältere des Polizistenduos - der mit den vier weißen Sternen auf seinen Jackettschultern -, zu Verena herunter. "Stimmt schon alles genau - da geht's runter. Macht Ihnen doch kein Problem, oder? Oder hätten wir anordnen sollen, daß wir den Aufzug hinunter nehmen? Müssen Sie schon sagen, wenn Sie nicht gut zu Fuß sind."

"Nein, wegen mir müssen wir nicht den Aufzug nehmen." Die Schulter zuckte Verena mit geschürzten Lippen, blinzelte zu den Polizisten hoch. Nahe dran war Verena, in ihrer Situation in Tränen auszubrechen.

"Schön! Wenn Sie es also nicht mit den Füßen haben ... - dann los!" Der ältere Dunkelblauuniformträger mit seiner dunkelblauen Mütze am Kopf deutete mit dem Finger auf die ersten der grauen Betonstufen abwärts.

Ein Fingerzeig, dem Verena jedoch nicht gehorchte. Regungslos verweilte Verena auf der Stelle.

 

"Sie wer-werden mir do-doch schnell et-etwas davon sagen können, was Sie genau von mir wünschen", brach es aus Verena heraus.

"Nein!" widersprach der wichtigere Polizist. "Auf der Inspektion reden wir über alles, was Sie betrifft, Frau Tümmel. Wenn Sie also, Frau Tümmel ... Oder wollen Sie von Herrn Ernst unter dem Arm genommen und von Herrn Ernst hier hinabgeführt werden ...? Kann Herr Ernst schon machen, das. Alles kann Herr Ernst machen. Auch das, Ihnen Handschellen anzulegen ..."

"Nein, nein, keine Handschellen. Ich geh' ja schon ..." Herum drehte Verena sich, trippelte auf die Gehfläche.

Die Betonstufen hinunterzusteigen fing Verena an, unmittelbar auf dem Fuß gefolgt von den zwei Mann hoch von der Polizeibehörde.

 

Wie in Trance fühlte Verena sich, als sie drunten die Treppenhaustüre mit einem kräftigen Ruck aufzog.

Gesichter blickten Verena entgegen. Viel zu viele Gesichter.

Männer, Frauen. Ältere, jüngere Figuren verschiedenster Größe. Dick, dünn. Einmal häßlicher, einmal weniger häßlich. Anoraks, Jacketts, Mäntel, zumeist in grauer, schwarzer Färbung. Beim Beinkleid beherrschte die Farbe Blau langweilig die Welt. Auch als Altherrenhose.

Welche der Anstehgruppe der "Blauen", die Verena entgegenstarrten. Deren Augenpaare sich jedoch schnell von Verenas Gestalt abwandten, sich auf das Doppel Polizeiuniformierter in Verenas Rücken richteten.

Aggressiv, feindselig, daß sich manche Augen am Anblick der uniformierten Polizei festsaugten.

"Was ist?" vernahm Verena den Höherrangigen des Polizistenduos, dessen Pensionierung vielleicht nicht mehr in allzu weiter Ferne lag. "Wir wollen hier keine Wurzeln schlagen, liebe Frau, oder?"

"Nein, wollen wir nicht." Den Kopf schüttelte Verena nach links rückwärts.

 

"Hallo, Leute!" erlauschte Verena Herrn Ernst rechts von sich. "Machen Sie bitte mal für uns Platz. Wir wollen hier durch."

"He!" klang ein Ausruf mitten aus der Anstehergruppe. "Was hat die Frau da denn bei denen droben angestellt, daß ihr, die Bullen, sie abführt?"

"Reiß dich bloß zusammen, du Kerl!" kam es vom Vier-Sterne-Polizeibeamten in Verenas Rücken. "Sag noch mal 'Bullen' - dann kommst ebenfalls schnell mit uns mit. Wirst von uns in Handschellen hier weggeführt. Los, du mußt nur das Wort 'Bullen' wiederholen, kümmern wir uns um dich. Da mußt du keine Sorgen haben."

 

Am Unterarm wurde Verena grob angefaßt. Von Herrn Ernst.

"Was stehen wir hier nur rum, Frau Tümmel?" war es Herr Ernst, der nicht nett zu Verena war. "Wir gehen weiter, Frau Tümmel. Los, los."

Die Ansteherleute, die eine ausreichende Gasse für Verena und die Polizeibeamten freimachten.

"Vielleicht hat die oben randaliert ...", erreichte der Kommentar einer Frau Verenas Gehörgänge.

"Wenn sie einen angegriffen hat ...", erklang eine zweite. "Auch schon passiert ..."

"Muß was Schlimmes droben angestellt haben, die - sonst wär die Polizei nicht gekommen ...", säuselte die nächste Geschlechtsgenossin Verenas, eine blonde Alte, als Verena vorüberkam.

Ein regelrechter Spießrutenlauf war dieser Auftritt für Verena. Während es für Verena, am Ellenbogen angefaßt und vorangeleitet von Herrn Ernst, immer weiter durch die Menschenmenge ging.

"Scheiß mich an!" ließ ein junger, grobgesichtiger Kapuzenkerl linker Hand nahe bei Verena lautstark in das Rund vernehmen, als Verena bei ihm vorüber war. "Geh mir einer 'nen Spargel holen ..."

Verena spürte die Tränen heiß, die ihr dick die Wangen hinunterliefen.

Ins Freie hinaus war man gekommen. Durch die gläsernen Türflügel, die, am Boden mit Holzklötzen festgemacht, aufstanden.

 

 

Wie aus einem trüben Dämmer zu sich gekommen, entdeckte Verena sich plötzlich vor dem beim ehemaligen Hausmeisterseitengebäude geparkten Polizeiauto.

"Wir fahren mit Ihnen schnell auf die Inspektion, Frau Tümmel", meinte Herr Ernst zu Verena, öffnete Verena hinten die Seitentüre des cremefarbenen polizeilichen Fahrzeugs mit den grünen Streifen. "Hinein mit Ihnen!"

Bewegung gewahrte Verena aus den Augenwinkeln. Statt Herrn Ernsts befehlenden Worten zu gehorchen, wandte Verena sich lieber demjenigen zu, der da daherkam. Auf das, was sich bei dem Neuankömmling abspielte.

 

Großäugig hatte Verena Herrn Mendls Gestalt im Blick.

Herr Mendl, schwarze Jeans an, graue Wollweste, war mitten auf der Örtlichkeit beim Auto der Polizisten angekommen.

Einigermaßen aufgeregt aussehend, daß sich Herr Mendl gegenüber dem Vier-Sterne-Polizisten aufbaute. Beide Arme, die Herr Mendl in die Hüften stemmte.

"Ich grüße Sie, Herr Polizeihauptmeister Dischinger!" eröffnete Herr Mendl die Unterhaltung. "Es ist mir wirklich eine Ehre und eine Freude, den Leiter der Polizeiinspektion persönlich hier auf dem Gelände der Sozialstation zu sehen. Mein Name ist Mendl. Gerald Mendl. Sicherlich kennen Sie mich noch schnell. Vor ein paar Tagen war ich erst bei Ihnen auf der Inspektion. Wir haben uns da sogar die Hand gegeben und ein paar Sätze miteinander gewechselt. Wissen Sie sicher noch ..."

"Sicher kenn' ich Sie noch, Herr Mendl", gab Herr Dischinger, den Herr Mendl "Polizeihauptmeister" und "Inspektionsleiter" genannt hatte, mit gerunzelter Stirn und alles andere als erfreut kund. "Ihr Chef, Gratzel - Gratzel, der Mann, der das hier managt -, der hatte nicht kommen können. Deswegen hat man Sie bei uns vorbeigeschickt. Sie, Herr Mendl."

"Stimmt genau. Tatsache. So war das. Bitte, Herr Polizeihauptmeister Dischinger - wie soll ich sagen ...? Es ausdrücken ...?" Die Hände rang Herr Mendl, als hätte er damit ein Problem, die rechten Ausdrucksweisen zu finden. "Sie befinden sich hier auf dem Gelände der Sozialstation, Herr Polizeihauptmeister Dischinger. Hier auf der Station haben wir das Hausrecht."

"Na - und ...?" Kühl guckte Herr Polizeihauptmeister Dischinger auf Herrn Mendl. "Was wollen Sie mir damit sagen?"

"Sie können hier nicht einfach herkommen, eine Festnahme durchführen, Herr Polizeihauptmeister ..." Mit der Hand fuhr Herr Mendl sich fahrig durch das brünette Kurzhaar. "Ich würd' sagen, wenn Sie hier auf dem Gelände der Sozialstation Amtshandlungen durchführen wollen, sollten wir, die Mitarbeiter der Sozialstation, vorher zumindest darüber Bescheid gesagt bekommen."

"Das ist keine Festnahme, Herr Mendl, darin irren Sie sich", erklärte Herr Polizeihauptmeister Dischinger herablassend. "Wir benötigen die Frau da lediglich für ein dringendes klärendes Gespräch. Für uns ist es notwendig, mit der Frau da ein paar Dinge zu klären. Abzuklären. Dafür holen wir die Frau hier ab. Eine Verhaftung ist eigentlich was anderes ... Verhaftet haben wir hier niemanden."

"Sei dem, wie dem sein will, Information wäre trotzdem nötig gewesen, Herr Polizeihauptmeister", beharrte Herr Mendl auf seiner Sicht der Dinge. "Ich trage momentan für alle Vorkommnisse auf der Station die Verantwortung. Als solches hätte jemand mir Mitteilung machen müssen."

"Jemand hat es ihnen mitgeteilt ..." Seine fast schwarze, dunkelblaue Mütze, die Herr Polizeihauptmeister Dischinger abnahm, blondes Kurzhaar zeigte.

"Aber nicht Sie!" war Herr Mendls Einwand.

 

Herr Polizeihauptmeister Dischinger seufzte nach ein paar längeren Momenten vielsagenden Schweigens. "Na schön, Herr Mendl! Es ist, wie es ist. Die Frau kommt jetzt auf alle Fälle mal mit uns mit. Was die nächsten Tage weiter mit ihr wird, wird sich noch entscheiden. Erst mal unterhalten wir uns bloß mit ihr. Dringend müssen wir ihr ein paar Fragen stellen. Undurchsichtige Umstände in einigen uns bekannt gewordenen Fällen sind aufzuhellen. Gewisse Kleinigkeiten bei der Frau sind nur schwer zu durchblicken. Da soll sie uns bei der Aufklärung helfen ..."

"So genau will ich das eigentlich überhaupt nicht wissen, was Sie von der Frau dort wünschen, Herr Polizeihauptmeister." Die Stirn gerunzelt, zuckte Herr Mendl die Schulter. "Sehe das einigermaßen, daß sich jetzt nicht mehr viel an den Geschehnissen ändern läßt. Ich meine, für diesesmal lassen wir die Sache auf sich beruhen. Aber das nächstemal, wenn Sie wieder in solchen Absichten hierherkommen wollen, wünschen wir, vorher davon verständigt zu werden. Das sollte für Sie von der Polizei gewiß kein Problem sein, möchte die Polizei hier eintreffen, jemand abzuholen - zu was auch immer -, daß wir davon zuvor eine Benachrichtigung bekommen. Das sollte eigentlich problemlos zu machen sein, nicht wahr?"

Ungeduldig betrachtete Herr Polizeihauptmeister Dischinger Herrn Mendl, statt Herrn Mendl weiter irgendwas erzählen zu wollen.

"So war es bisher eigentlich immer", setzte Herr Mendl fort, "daß wir die Polizei ... Oder daß die von der Polizei bei uns ... So ist jeder Seite gedient. Oder ist ihr so nicht gedient? Sehen Sie das anders?"

"Hat sich durchaus an nichts irgendwas geändert. Stimme dem voll und ganz zu." Die Lippen, die Herr Polizeihauptmeister Dischinger fest zusammenpreßte, die Mundwinkel tief herabgezogen. "Dann wäre das jetzt geklärt. Wenn's nichts weiter zu bereden gibt, Herr Mendl ..., fahren wir jetzt hier ab. Auf Wiedersehen, Herr Mendl!"

"Sehe ich auch so!" Drei-, viermaliges Kopfnicken Herrn Mendls. "Daran sollte eigentlich jede Seite Interesse haben, daß alles beim alten bleibt. Wollte nur lediglich kurz unseren Standpunkt - den der Sozialstation - zum Ausdruck gebracht haben, Herr Polizeihauptmeister Dischinger. Das habe ich hiermit getan, denke ich. Also, schönen Tag noch, Herr Polizeihauptmeister!"

"Paßt schon, der Tag!" versetzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Alles fit im Schritt. Kann man lassen. Ist's bei Ihnen nicht der Fall - kann ich auch nichts dafür."

Ein Momentchen stierte Herr Mendl auf Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, machte dann auf dem Absatz kehrt, um sich zwischen die Menge der Ansteherleute zu begeben, dort dazwischen zu entschwinden.

 

 

Zu Bewußtsein kam Verena die Tatsache, daß Herr Mendl, der momentan der Obere der Sozialstation war, zwar herbeigekommen war. Ein bißchen, daß Herr Mendl herumgeschwatzt hatte. Nun war Herr Mendl aber auch schon wieder auf und davon. Die gesamte Situation war wie zuvor: Verena, die sich in der Gegenwart von Polizeibeamten - Herrn Ernst und Polizeihauptmeister Dischinger - befand. Mit diesen Männern in Polizeiuniform, daß Verena alleine war.

Voll am Boden fühlte Verena sich. Verena schluchzte. Frische Tränen stürzten Verena die Wangen herab.

"Steigen Sie jetzt ein!" zischte Herr Ernst Verena unfreundlich hin, Herr Ernst, der Verena die Fondtüre des Polizeifahrzeugs aufhielt. "Wir wollen hier wegkommen ..."

Bei Verena langte Herr Ernst hinauf, legte Verena die Handfläche auf Schopf und Kopf. Mit leichtem Druck machte Herr Ernst nachdrücklich, daß Verena die Knie beugen und einsteigen sollte.

Hinten stieg Verena in das weiß cremefarbige Polizeifahrzeug mit den breiten grünen Streifen, der Sirenen- und Blaulichtbalkenanlage auf der Autodachmitte ein.

"Rutschen Sie rüber!" verlangte Herr Ernst von Verena, die drinnen am Sitz hockte. "Menschenskind, Sie -! Sie -! Ich sag's Ihnen ..."

Eifrig nickte Verena zu Herrn Ernst, dem Polizisten, draußen hoch, beeilte sich, auf den Fondsitzen nach dem anderen Autofenster rüberzurutschen.

 

Beinahe hatte es auf Verena den Eindruck gemacht, Herr Ernst, der sich neben Verena auf die Sitzfläche plaziert hatte, hätte nach Verena hauen mögen, hätte Verena sich seinen Wünschen gegenüber bockig gezeigt.

Jetzt saß Herr Ernst mit ausdrucksloser Miene reglos neben Verena.

Herr Polizeihauptmeister Dischinger öffnete die Fahrertüre des polizeilichen Dienstfahrzeuges, setzte sich mit einem Seufzer hinter das Lenkrad. "Dieses Gesocks hier ... Die, die sie versorgen, die passen gut zu denen ... Selber Penner. Diese Socke von Mendl ... Was für eine Socke!"

"Kann man nicht anders sagen", meinte Herr Ernst zustimmend.

"Ich könnte die Zecke nehmen, sie ..., sie zwischen den Fingern ..."

 

Quer durch die ganze Stadt ans gegenüberliegende Ende mußte gefahren werden, von der Sozialstation zur Polizeiinspektion zu gelangen, ging es Verena durch den Kopf.

Was dort auf der Inspektion aber von denen von der Polizei von Verena genau gewünscht würde, daß Verena deswegen extra vom Inspektionsobersten und einer Begleitung persönlich aus der sozialen Station des Städtchens abgeholt werden mußte, das war Verena nicht recht begreifbar.

Ein Anruf bei Verena Tümmel in der Wohnung hätte eigentlich genügt, und Verena wäre zum vereinbarten Termin dann auf der Inspektion vorbeigekommen.

So aber war Verena was falsch. Hier war was falsch.

 

Vor der ersten Ampel, die auf Rot stand, wurde Verena sich wieder bewußt. Als hätte Verena die Abfahrt vom Hinterhof der Sozialstation verpaßt. Die trotz des Verkehrs ein- und ausfahrender Fahrzeuge für die Leute im Polizeiwagen reibungslos verlaufen war.

"Wären Sie daheim gewesen, Frau Tümmel", öffnete Herr Polizeihauptmeister Dischinger für Verena den Mund, "hätte es das mit unserem Eintreffen auf der Sozialstation nicht gebraucht. Seit zehn Minuten vor zehn Uhr rufen wir bei Ihnen daheim an. Alle zehn Minuten. Alle zehn Minuten, daß wir bei Ihnen angerufen haben."

"Seit zehn Minuten vor zehn Uhr ...?" echote Verena mit aufgerissenen Augen, rieb sich das Kinn her.

"Seit zehn Minuten vor zehn Uhr," hielt Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Tatsache für Verena fest, klang fast, als wäre er traurig. "Hätten wir uns gerne erspart, wegen Ihnen auf die Sozialstation fahren zu müssen, Frau Tümmel. Geben Sie mir eine Zigarette, Herr Ernst."

"Konnt' nicht zu Hause sein", entfuhr es Verena mit heiserer Stimme. "Konnt' überhaupt nicht zu Hause sein. Um halb zehn Uhr hatte ich einmal einen Termin. Bei Herrn Mendl in seinem Büro. Seit ein paar Minuten nach zehn Uhr bin ich dann angestanden. Für 'gelb'. 'Gelb' ist um zehn dran. Kann doch nicht wissen, daß ..."

"Bei der Zecke hatten Sie also einen Termin, Frau Tümmel ...?"

 

Das polizeiliche Automobil fuhr langsam an, nachdem es ziemlich lange gedauert hatte, daß die Ampel von Rot auf Grün schaltete.

Die Filterzigarette hatte Herr Ernst aus der Packung geklopft. Auf die Uniformjackettschulter rechts tippte Herrn Ernsts Finger bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

Die linke Hand von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger langte über die rechte Schulter hoch. Zwischen Zeige- und Mittelfinger schob Herr Ernst die Filter.

"Danke, Wachmann Ernst!" Mit der Zunge schnalzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Nun, Frau Tümmel - weil Sie nicht an Ihr Telefon gegangen sind, sind wir bei Ihnen zu Hause vorm Haus vorgefahren. Wir haben an Ihrer Wohnungstür geläutet, Sie haben nicht aufgemacht ..."

"Zweimal die Woche muß ich auf die Sozialstation!" Einen aufgeregten Klang hatte Verenas Stimme. "Sie rufen an, wenn ich nicht daheim bin. Kann ich vielleicht wissen, daß die Polizei nach halb zehn was von mir will ...?"

"Zum Glück hat die Frau des Hausmeisters - Frau Levid - uns im Erdgeschoß die Tür aufgemacht, Frau Tümmel ..." Mit dem Feuerzeug zündete Herr Polizeihauptmeister Dischinger sich seine Filterzigarette umständlich an, mußte daraufhin zweimal kurz trocken husten. "Frau Levid hat uns gesagt, daß Sie, Frau Tümmel, gesagt hätten, daß Sie auf dem Weg zum Doktor wären. Und dann später zum Einkaufen. Das würde aber sicher bei Frau Tümmel so nicht stimmen, sagt Frau Levid. Viel eher wär zu vermuten, daß sie, Frau Tümmel, zur Sozialstation wären. Um da bei den Hungerleidern mit anzustehen. In der Reihe."

"Frau Le-vid", quetschte Verena zwischen den Lippen hervor - 'Le-vid', zwei Silben, wie ein Fluch.

 

Voll heiß, daß es Verena geworden war. Der Kehlkopf hüpfte bei Verena in einer Tour.

Käthe, das dicke Eheweib des Hausmeisters von Verenas Wohnblock, die wußte. Käthe, die Hausmeistersfrau wußte, daß Verena ... Vielleicht seit längerem.

Käthe Levid hatte davon Mitteilung gekriegt, daß Verena Tümmel öfters die Woche aus dem Wohngebäude wegging. Nicht etwa, um einen Arzt in seiner Stadtpraxis aufzusuchen. Zum Einkaufen. Oder zu sonst einem Zweck. Käthe Levid war es bekanntgemacht worden, daß Verena Tümmel auf die Sozialstation des Städtchens marschierte.

Etwas, das Käthe, die gräßliche, feiste Kröte, die aufdringliche Hausmeistersgattin, niemals erfahren hätte dürfen.

Nicht das allergeringste, daß Käthe das zu interessieren gebraucht hätte. Überhaupt nichts, daß das "Fettauge"-Käthe anging.

Nicht das geringste, daß Käthe das zu jucken gehabt hätte.

Obwohl die Tatsache, daß Käthe nicht bereits die letzten Jahre irgendwann größere Kleinigkeiten davon mitgekriegt hatte, für Verena sicherlich als Riesenzufall und -glück zu werten war.

 

Die Fortsetzung der Reise im polizeilichen Dienstfahrzeug zusammen mit Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Wachmann Ernst, die empfand Verena als einzigen Alptraum.

Kein weiteres Wort, das noch aus dem Mund der beiden Polizisten fiel.

Herr Polizeihauptmeister Dischinger rauchte, während er den Wagen lenkte. Herr Ernst, unmittelbar bei Verena zur Linken am nächsten Fondsitz, tat dasselbe wie sein Chef.

Hauptsächlich durch die Nase stieß Herr Ernst den Rauch aus. Ein toller weißer Raucher.

Polizeifunk oder ähnliches schien es bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Wachmann Ernst im dienstlichen Fahrzeug nicht zu geben.

Die Anlage war entweder lautlos geschaltet. Oder gar nicht an.

Jedenfalls störte während den sich sammelnden Minuten der fortgesetzten Autofahrt mit Ampelstopps nichts weiter die Stille zwischen den Fahrzeuginsassen. Von dem einen oder anderen Hupgeräusch von außerhalb abgesehen. Diversen vernehmbaren Stimmfetzen.

 

 

Den Blinker hatte Herr Polizeihauptmeister Dischinger lange gesetzt.

Die Ampel schaltete auf Grün. Los wurde gefahren.

Nach links steuerte Herr Polizeihauptmeister Dischinger das Polizeiauto auf die freie Gegenfahrbahn.

Am Bestimmungsort war man angekommen. Ein Umstand, der Verena die Tränen heiß die Wangen hinunterschickte.

Mit dem Papiertaschentuch aus der Hosentasche wischte Verena die salzige Nässe fort.

Die Polizeiinspektion war zur Hauptstraße hin ein weißgestrichenes, langgezogenes, dreistöckiges Gebäude mit jeder Menge Fenstern, einem Flachdach samt mehreren hochragenden Antennen, deren Zweck Verena nicht überblickte.

Eine Örtlichkeit war das, deren Inneres Verena im Grunde genommen nicht unbekannt war. Mehrmals im Laufe der letzten Jahre war Verena schon in dieser und in Nebengebäuden drinnen gewesen. Hatte sitzend wartend Gänge bevölkert.

Den Bogen der Seitenstraße wählte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, lenkte das polizeiliche Einsatzfahrzeug hintenrum.

Als Herr Polizeihauptmeister Dischinger den Polizeiwagen auf das straßenbreite weißfarbene Gittertor in der weißen Mauer zusteuerte, begannen sich die Torhälften ziemlich rasant automatisch nach links und rechts seitlich zu schieben.

Die Weitläufigkeit des Parkplatzes, auf den von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger eingefahren wurde, hätte jedem Supermarkt zur Ehre gereicht. Entsprechend viele Kleintransporter und Autos, die alle ausschließlich der Polizei gehörten, standen geparkt am Ort herum. Bereit für den nächsten Einsatz. Oder einfach zur Abfahrt.

 

Nahe der weißen Hauswand unter einem rechteckigen Großfenster parkte Herr Polizeihauptmeister Dischinger den Wagen, stellte den Motor ab.

"Da wären wir also, alle zusammen, Frau Tümmel", konstatierte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der sich auf seinem Sitz nach Verena umgewandt hatte. "Wir sind da. Da angekommen. Da, wo wir eintreffen sollten."

Die Lippen preßte Verena fest aufeinander, blinzelte Herrn Polizeihauptmeister Dischinger ins Gesicht.

Ein befremdlicher Augenaufschlag war das, mit dem Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena fixierte. Als wäre Verena irgendein lästiges Insekt, eins, das Herr Polizeihauptmeister Dischinger am liebsten noch in dieser Sekunde zwischen seinen Fingern zerdrückt hätte.

Weit, weit fort wünschte Verena sich, an einen anderen, besseren Ort. Regelrecht auf Dauerschleife, daß Verena den Wunsch im Augenblick hatte.

 

Unvermittelt öffnete Herr Ernst, der ebenfalls noch da war, auf seiner Seite die Fondtüre. Herr Ernst stieg aus dem Fahrzeug aus.

Das mit Herrn Ernst, das gab Verena die Möglichkeit, dem bohrenden Blick Herrn Polizeihauptmeisters Dischinger auszuweichen. Mit der Hand, daß Verena hinfaßte, bei sich ebenfalls die Fahrzeugtüre für sich aufzumachen.

"Nein!" Der Ausruf von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Das tun Sie nicht. Das lassen Sie schön bleiben."

Die Finger Verenas, die augenblicklich von dem Türgriff wegzuckten.

Die Stirn von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger lag in tiefen Falten. Es schaute aus, als wartete Herr Polizeihauptmeister Dischinger nur darauf, daß eine falsche Handlung, ein mißratenes Wort Verenas ihm die Gelegenheit gäbe, am Fahrersitz hochzurumpeln, Verena hinten auf ihrem Fondsitzplatz anzupacken und Verena ein paar links und rechts zu verpassen.

 

"Bitte, Frau Tümmel, bei mir spielt die Musik!" erlauschte Verena irgendwann nach einigen ewig langen Momenten den spöttischen Stimmklang von Herrn Ernst, Herr Ernst, der sich draußen stehend herabbeugte, nach Verena ins Wageninnere hereinguckte. "Das meint mein Chef. Das will er Ihnen sagen, daß es Ihnen sicherlich nichts ausmacht, auf meine Seite hier herüberzurutschen, bei mir drüben auszusteigen, oder? Oder? Oder macht das Probleme?"

"Nei-ein, macht es nicht!" Eifriges Kopfnicken Verenas. "Klar mach' ich das. Geht auch klar. Kein Problem, ich rutsch' rüber. Rutsch' zu Ihnen rüber."

"Dann machen Sie das bitte auch!" dröhnte Herr Ernst. "Das wird Herrn Polizeihauptmeister Dischinger nicht böse machen, wenn Sie das machen. Wenn Sie brav sind, Frau Tümmel."

Eiligst, daß Verena auf den Fondsitzen zu Herrn Ernsts Wagentürseite hinüberrutschte.

 

Auf eine gemauerte Dreierstiege in so fünf, sechs Metern Entfernung deutete Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena mit dem Zeigefinger. Die graue Fliesengehfläche oben führte zu einer Glastüre mit Art quergelegtem, dickerem Metallrohr als Aufziehgriff hin.

Ein Kopfnicker Verenas, daß Verena verstanden hatte, und Verena brachte sich in Bewegung, dort zu den Stufen hinzugehen.

Herr Ernst in seiner schmucken, dunkelblauen Uniform, die beinahe schwarz war, begab sich unversehens neben Verena hin, rempelte Verena heftig mit der Schulter an.

Ein Aufschrei Verenas. Zur weißgestrichenen Hausmauer taumelte Verena, aus dem Schritt gebracht.

Im allerletzten Moment vermied Verena es, mit ihrem Turnschuhfuß in das knapp meterbreite Blumenbeet zu den lila Tulpen hineinzusteigen.

Empört blinzelte Verena Herrn Ernst ins Gesicht.

 

Weiterhin die Tatsache für Verena erkennbar, daß Herr Ernst das Bedürfnis hatte, Ausführlicheres mit Verena anzustellen. Sollte Verena irgendwie Fehler machen.

Den ganzen Spaß von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Ernst, den konnte Verena gerade überhaupt nicht so richtig verstehen. Weshalb diese Feindseligkeit von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und von Herrn Ernst gegenüber Verena? Was hatte Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger oder Herrn Ernst denn Größeres getan, was Herrn Polizeihauptmeister Dischinger oder Herrn Ernst derart gegen Verena aufbrachte, Verena Gemeinheiten antun zu wollen?

Laut schluchzte Verena. Verena wußte nicht, was Verena sonst groß für sich anstellen hätte sollen, als sich mit dem Papiertaschentuch das nächstemal die Wangen herzuwischen und rumzuschluchzen.

Hinter sich erlauschte Verena einen dumpfen elektronischen Schnappklang.

Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der mit dem Impuls aus dem Funkschlüssel in seiner Hand das Polizeifahrzeug abgeschlossen hatte.

 

 

Die drei Stufen auf die Gehfläche in einem Sprung nehmend, überholte Herr Ernst Verena, Verena, die sich entschlossen hatte, auf nichts bei den Polizeibeamten zu warten, sondern weiterzugehen.

Bei der Glastüre oben, daß Herr Ernst sich aufstellte. Herr Ernst, der die gläserne Türe am rohrartigen Haltegriff aufzog.

Alles, das Herr Ernst für Verena und Herrn Polizeihauptmeister Dischinger aufhielt, feindselig auf Verena starrend.

"Gehen Sie sofort hinein!" verlangte Herr Ernst, weil Verena auf der Fliesengehfläche stehengeblieben war, Verena, die sich nicht traute, an Herrn Ernst vorüberzumachen. "Wird's bald!"

"Nur immer rein in die gute Stube, Frau Tümmel ...", versetzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, baute sich auf der steingrauen Fliesenfläche neben Verena auf, faßte Verena in einer fließenden Bewegung am linken Unterarm. Ohne daß Verena in der Folge was weh tat. Außer, daß Verena die Berührung unangenehm war.

 

Von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger in eine kleine Gebäudevorhalle geführt, ging es für Verena auf graubefliestem Boden geradeaus vor eine Art Rezeption. Auf die Möglichkeit der Leibesvisitation, Durchschreiten einer Sicherheitsschleuse wurde bei Verena verzichtet.

Eine braune Holztheke, vor die die ganze Thekenlänge eine eineinhalb Meter hohe, zentimeterdicke Scheibe angebracht war. Wahrscheinlich kugelsicheres Glas.

Hinter der Empfangstheke, das entdeckte Verena, als sie sich unmittelbarer vor dem Thekenbord aufgebaut hatte, hockte eine junge Frau mit blondem Pferdeschwanz auf einem schwarzledernen Bürodrehstuhl. Ein hellblaues Hemd, bis oben zugeknöpft, das die Blondine anhatte.

Aus Verenas Sicht seitlich rechts von der jungen Polizistin mit dem hübschen, sympathischen Teenagergesichtchen befand sich ein großer Flachbildschirm auf der Tischfläche. Tastatur, Rechnermaus.

Überall am restlichen Arbeitsplatz lagen diverse papierne Dokumente einzeln oder bündelweise durcheinander. Rote, schwarze, gelbe Plastikablagefächer sah Verena fünffach übereinandergestapelt.

Ein hübsches Durcheinander, übersetzten Verenas Gedanken das Bild. War am Arbeiten, die vom Polizistinnennachwuchs.

 

"Hallo, Uschi!" grüßte Herr Polizeihauptmeister Dischinger die bildhübsche Blondine, als diese auf einem gelben Merkzettel zu schreiben aufgehört hatte, den Kugelschreiber weglegte und hochguckte.

"Hallo, Herr Polizeihauptmeister Dischinger!" klang die Erwiderung des Grußes durch Uschi, die man wegen ihres jugendlichen Aussehens auch noch "Mädchen" nennen hätte können.

"Bin zurück im Gebäude, Uschi", hielt Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Tatsache für die "Rezeptionsdame" Uschi fest. "Ist Kommissar Moinson in Zimmer vier im ersten Stock? Habe Frau Tümmel persönlich geholt, und jetzt bin ich mit Frau Tümmel eingetroffen ..."

Die Computermaus wurde von Uschi gerührt, mit dem Zeigefinger draufgetippt. Das gleiche wiederholte sich.

Verena konnte es nicht am Flachbildschirm Uschis sehen. Aber Verena stellte sich vor, daß am Bildschirm ein "Fenster"-Dokument minimiert und ein anderes geöffnet wurde.

"Herr Kommissar Moinson hat nicht mitgeteilt, daß er außer Haus gegangen wäre, Herr Polizeihauptmeister Dischinger", unterrichtete Uschi, die durch die Glasscheibe zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger heraufblickte. "Herr Kommissar Moinson müßte also oben anzutreffen sein. Oder jeden Moment wieder dorthin zurückkommen."

"Danke, Uschi!" Kopfnicken Herrn Polizeihauptmeister Dischingers zu Uschi. "Wir bringen Frau Tümmel jetzt unverzüglich hoch. Und - ich möchte informieren, Uschi: Die nächste Zeit bin ich auch auf Zimmer vier im ersten Stock anzutreffen. Möchte nur dort gestört werden, wenn wirklich Wichtiges ist. Sonst bitte auf keinen Fall. Auf keinen Fall, ja? Es muß schon ganz, ganz wichtig sein."

"Ja, werde ich vermerken, Herr Polizeihauptmeister Dischinger." Uschis Nicken.

"Wir gehen rauf - Zimmer vier ...", sprach Herr Ernst zu Verena, zeigte mit dem Finger dorthin, wo breite, weißglänzende Sandsteinstufen anfingen, für den Fußweg hinauf in das nächste Stockwerk.

Lediglich interessiert guckte Verena ungefähr dorthin und in der Gegend rum.

"Ach, kommen Sie, Frau Tümmel ...", kam es von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Wir gehen rauf, ja? Sie wollen doch jetzt nicht hier anfangen, uns größere Umstände zu machen? Jetzt, wo wir so schön beieinander und hier sind, nicht? Muß ich mir doch nicht die Sorgen machen, oder?"

Keinerlei Regung Verenas.

Das nächstemal, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena am Unterarm anfaßte, Verena mit sich mitzog.

Keinen Widerstand, den Verena dem entgegensetzte.

Was hätte Verena gegen die Wiederholung gleicher Szenen unternehmen sollen? Was immer Verena darüberhinaus anstellte, brachte Verena im Grunde höchstens in noch größere Fisimatenten. Größere als ohnehin schon.

 

 

Im Gleichschritt mit Herrn Polizeihauptmeister Dischinger stieg Verena die Steinstufen hinauf.

Geleitet von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, daß Verena im ersten Stock ankam.

Den ganzen langen Fenstergang vor sich sah Verena leer; schrecklich leer.

Nichts als verschlossene Türen, soweit Verena das überblickte. Kein Mensch, der gegenüber den grauen Türflächen auf einer der dunkelbraunen Holzbänke gehockt hätte.

Zumindest derzeit herrschte kein "Kunden"-Verkehr. Niemand, der irgendeine Kleinigkeit beobachten hätte können. Keine Zeugen nirgendwo.

 

"Zimmer vier, Frau Tümmel", redete Herr Polizeihauptmeister Dischinger auf Verena herab, Verena, die, von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger losgelassen, am Platz herumstand.

Verena starrte auf das dunkelblaufarbene, samtene Polizistenkleid von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

Ein schmuckes Jackett, eine ebensolche Hose. Die Schirmmütze hatte Herr Polizeihauptmeister Dischinger auf den Haaransatz hochgeschoben.

Sonst spielte sich nichts bei Verena ab, als daß Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger im Auge hatte.

Weil Verena sich nicht weiter regte, wiederholte sich der Spaß, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena am Unterarm anfaßte und weiterzog. Verena, die sich abermals nicht dagegen wehrte.

 

Am Gang die vierte Türe, vor der Herr Polizeihauptmeister Dischinger stehenblieb, Verena freigab.

"IV" - die römische Zahl auf Höhe von Verenas Augen an der graugestrichenen Türfläche.

Wo rechter Hand gewöhnlich ein Namensschild in der weißen Mauer angebracht war, klaffte ein handflächengroßes Loch in der Wand. Derart tief, die Beschädigung, daß der rote Ziegel ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen war.

Ein Schaden, dachte Verena bei sich, der vielleicht infolge von Maurer- und Verputzarbeiten, die demnächst im großen Inspektionsgebäude stattfanden, behoben werden könnte. Oder auch nicht.

Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der, der an die Bürotüre anklopfte.

Aus der Räumlichkeit drinnen gab es trotz des Klopfens nichts zu erlauschen.

"Gehen wir also hinein", redete Herr Polizeihauptmeister Dischinger zu Verena hin, drückte die Türklinke für Verena herunter.

Nach innen, daß die Tür aufschwang.

"Nach Ihnen, Frau Tümmel. Würden Sie bitte hineingehen ..."

 

Auf zwei senkrecht vorm großen Fenster zusammengeschoben stehende Schreibtische mit Tischlampen, Flachbildschirmen, Tastaturen und weiterer üblicher Büroorganisation schaute Verena.

Zimmerpflanzen in bauchiger, roter Töpferware standen auf dem langen, breiten Fensterbrett. Linker Hand gegenüber befand sich ein hochwachsender Gummibaum im Zimmereck.

Herr Kommissar Moinson, von dem Herr Polizeihauptmeister Dischinger zu Verena geredet hatte, war nicht in dem Büro anwesend. Nirgendwo.

"Setzen Sie sich bitte bei den Schreibtischen auf den Stuhl da in der Mitte, Frau Tümmel", redete Herr Polizeihauptmeister Dischinger, daß Verena der Holzstuhl ins Auge fiel, als wäre dieser plötzlich aus dem Nichts erschienen.

Umstandslos, daß Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger gehorchte, sich selbsttätig zu dem besagten Holzmöbel im ordinär eckigen Stil hinbegab.

Auf die rote Polsterfläche hockte Verena sich mit dem Po nieder. Mit dem Rücken lehnte Verena sich an die Stuhllehne an.

Die Polizeibeamten - Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Wachmann Ernst -, beide hatte Verena im Moment hinter sich, und das bereitete Verena in ihrer Gegenwartswelt nicht eben ein besseres Gefühl für alles.

"Hm, Frau Tümmel!" hörte Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger unmittelbar nahe ihres Rückens. "Wir können Sie doch für ein paar Augenblicke alleine lassen? Oder? Möchte nur kurz nachschauen gehen, wo Herr Moinson gerade abgeblieben ist. Nicht, daß uns das noch zu lange wird, bis Kommissar Moinson kommt. In Ordnung?"

"Ja-a ...!" Verenas Kopfnicken, der Versuch nach der rechten Seite zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hinzuschauen, Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, den Verena trotzdem nicht sah. Ebensowenig wie Herrn Ernst.

Toter Winkel. Totester Winkel.

 

Gläserner Klang störte die Stille im Bürozimmer. Von einer Glasflaschenunterkante, die leicht gegen andere Glasflaschen schlug.

Das war Verena sich sicher, daß Verenas schreckhaftes Zusammenzucken Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Wachmann Ernst erfreut hatte.

Ein paar Sekündchen nach dem Glasflaschengeklinge, daß Herr Ernst sich links von Verena zeigte.

Mit geschürzten Lippen, gerunzelter Stirn stellte Herr Ernst Verena eine Dreiviertelliterflasche Mineralwasser knapp an die Schreibtischkante.

Zutiefst angewidert, der Gesichtsausdruck Herrn Ernsts, mit dem Herr Ernst sich Verena beschaute.

Das mit dem wenig freundlichen Wesen Herrn Ernsts, dem Wachmann mit dem einen weißen Stern links und rechts auf den Schulterklappen seines Uniformjacketts, das Verena anbetraf, das hatte für Verena jetzt langsam bedenklich eine lange Weile.

Die Unfreundlichkeit Herrn Ernsts, die Verena zum Mittelpunkt hatte, die schien sich sogar mit jedem Moment seines Herabstarrens zu potenzieren. Ohne daß Verena recht wußte, was Verena Herrn Ernst eigentlich Schlimmeres getan hätte.

Verena ließ einen Schluchzer hören.

 

"Also, Frau Tümmel ...", hielt Herr Polizeihauptmeister Dischinger für Verena fest, unsichtbar bleibend. "Ich und mein Kollege Ernst, wir gehen dann. Wird aber nicht lange dauern, bis ich wiederkomme. Zusammen mit Kommissar Moinson."

"Kei-kein Pro-blem", fühlte Verena sich zu einem Kommentar, einer Erwiderung gezwungen.

"Nun denn, Frau Tümmel, wir lassen Sie für ein paar Augenblicke hier alleine", klang Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Gehen wir, Herr Ernst. Lassen Frau Tümmel alleine, ja?"

"Ja!" Herr Ernst nickte, wandte sich von Verena ab, ohne sich zum Abschied eine Kleinigkeit zu Verena hin zu erlauben. So was wie einen unwillkürlichen Schlag mit der Faust kurz beim Weggehen.

 Überdeutlich, die Schritte, die Verena in ihrem Rücken erlauschte. Die Türklinke wurde heruntergedrückt.

Hinaus aus dem Büroraum, daß man machte, zwei Mann hoch.

Es dauerte einige Momente, die Bürotüre hinter Verena, die fiel ins Schloß. Beinahe wie von selbst. Nicht wie zugezogen.

 

Tatsächlich waren Herr Polizeihauptmeister Dischinger und Herr Ernst aus der Räumlichkeit abgegangen.

Verena wollte es beinahe nicht glauben, daß Verena alleine war. Das erstemal seit längerem einsam und verlassen, Verena.

Oder doch nicht?

Zaghaft fing Verena an, in dieser Büroraumeinrichtung des Polizeigebäudes von links nach rechts und das Ganze zurück den Hals zu verdrehen, herumzublicken.

Das Doppel Schreibtische mit allem Drum und Dran war soweit klar.

Ohne die Position des hölzernen Stuhles irgendwie einen Millimeter zu verrücken, wandte Verena sich mit dem Hinterteil am Sitzpolster der Bürowand ihr zur Linken zu.

Zwei Schautafeln von eineinhalb Meter Breite und Länge, die jedem Klassenzimmer einer Schule zur Ehre gereicht hätten, waren da im Zentimeterabstand nebeneinander an der Wand angebracht.

Mit Hilfe von fingernagelgroßen, grauen, runden Magnetplättchen ziemlich mit Zeugs vollgepinnt, die glatt weißen Grundflächen.

An der linken Tafel waren die oberen vier Din-A4-Porträtfotos mit den Frauennamen "Nora", "Maike", "Edith", "Liliane" überschrieben. Darunter befand sich ein wahres Bildersammelsurium, wie aus Fotoalben der betreffenden Frauen.

Nora, Maike, Edith, Liliane als Kinder, Jugendliche, jüngere Erwachsene. Klassenfotos. Schulabschlußbilder. Jede einzelne mal inmitten ihrer Familien. Mit Freunden, -innen. Edith und Liliane präsentierten sich im weißen Hochzeitskleid mit Ehemann im schwarzen Anzug an der Seite.

 

An die zweite, rechte Tafel waren, auch mit Hilfe der magnetischen Plättchen, ebenfalls Fotos Noras, Maikes, Ediths und Lilianes angebracht. Jede jedoch in Dessous posend. Oder ganz nackt. Sogar hemmungslos die Beine spreizend, Nora, Maike, Edith und Liliane.

Unter diesen fotografischen Werken, die Nora, Maike, Edith und Liliane zum Mittelpunkt hatten, gab es jede Menge Männerfotografien.

Junge, alte Kerle. Dazu diverse Zeitungsausschnitte und drei vollgeschriebene Blätter, handgeschriebene Kugelschreibertexte.

Liebesbriefe von dem einen oder andern Geliebten waren das, schätzte Verena, Verena die es nicht wagte, von ihrem Platz am Stuhl aufzustehen und näher vor die Schauflächen zu treten.

Zwischen den Fotografien und allem war ein bißchen mehr Platz als nebenan. Für mit Filzstift gezogene kürzere, längere Pfeile in blauer, roter, grüner Farbe, die Beziehungen in vielerlei Richtung herstellten.

 

"Swingerklubmord" - der dicke Überschriftbalken des einen ausgeschnittenen Zeitungsartikels. Darunter las Verena in kleinerer Schrift: "Mord nach Gangbang im 'Klub Rosa'".

Daran erinnerte Verena sich, daß die Tage vor einem Vierteljahr auf der Sozialstation viel davon die Rede gewesen war.

Die Erzählungen der Leute fingen damit an, daß, allen Protesten der Anwohner zum Trotz, vor einem Jahr ein Wirtspaar den "Klub Rosa" eröffnet hatte. In einem dem Städtchen benachbarten Dorf, das Verena nicht so kannte, daß der Ortsname Verena entfallen war. Viel Schlagzeilen machte der "Klub Rosa" dann nach der Eröffnung eigentlich nicht mehr. Bis vor drei Monaten, nach gewissen sexuellen Aktivitäten, die nächtens zwischen einem Dutzend Männern und zwei Frauen im "Klub Rosa" stattgefunden hatten, die eine der Hauptakteurinnen tot in einem der rosa Plüschzimmer aufgefunden worden war.

Mit einem Seidenschal von hinten erwürgt, die junge Frau. Verknotet hatte sie den Schal um den Hals.

 

Eigentlich hätte der Mörder unter den zahlreichen nächtlichen Gästen des Swingerklubs mit dem Namen "Klub Rosa" sein müssen.

Nur, wenn Verena sich den Sozialstationserzählungen recht entsann, entwickelte sich daraus eine komische Geschichte. Weil, obwohl die von der Polizei mit genetischem Fingerabdruck, Faserproben der Kleidung sämtlicher "Klub Rosa"-Anwesenden und allen möglichen weiteren ermittlungstechnischen Finessen arbeiteten, ermangelte es der Polizeiseite die Wochen darauf allmählich eines Mörders. Auch der letzte Mann, den man des heimtückischen Mordes verdächtigte, mußte auf freien Fuß gesetzt werden.

Als ob das wahr wäre, was einige der "Klub Rosa"-Gäste sofort bei der ersten Vernehmung behaupteten. Daß sich ein Fremder - einer, der das erste Mal im "Klub Rosa" zu Gast war - unter die teilweise venezianische Masken tragenden Männer und Frauen im Klub eingeschlichen hatte. Eine "Zorro"-Augenbinde, die er aufgehabt haben sollte. Zu dem Zeitpunkt, als die mit der Toten befreundete "Klub Rosa"-Bedienung die Untat entdeckte, war der eine schon aus dem Klub verschwunden. Ein Rätsel und ein Problem, daß er keine Spuren hinterließ. Keine zuordenbare Hautschuppe. Als wäre der ominöse Unbekannte lediglich ein Phantom, jemand, den man sich ausgedacht hatte. Um von ihm bei den Polizeiverhören zu erzählen.

 

 

Allerdings, was hatte das "Klub Rosa"-Geschehen mit Verena und Verenas Eintreffen im Hauptgebäude der Polizeiinspektion zu tun?

Soweit Verena das überblickte, überhaupt nichts.

Nicht die allergeringste Kleinigkeit, die Verena von dem "Klub Rosa"-Kriminalfall wußte. Außer knapp etwas von dem Zeug, das die Leute in Verenas Ansteherumgebung auf der Sozialstation davon dahergeredet hatten. Und das, was Verena am Zeitungsstand gelesen hatte, ohne daß Verena die Zeitung in die Hand genommen hätte.

Am Kopf kratzte Verena sich, während Verena hoffte, möglichst doof aus der Wäsche zu gucken.

Die Bürowand rechts von Verena nämlich, die war nur gut das untere Drittel Mauerwerk zu nennen. Den Rest der Wand, den Verena blinzelnd überblickte, war eine Fläche mattgrauen Glases. Zimmerhoch- und -breit bis knapp unter die Raumdecke in die Mauer eingelassen.

 

Nichts anderes als jene dumpfmatte, graue Glasfläche, die Verena beim Hinschauen überblicken konnte.

Was jedoch nicht hieß, daß nicht jemand, der sich im nächsten Raum nebenan aufhielt, den allerbesten, farbigsten Blick auf sie, Verena Tümmel, hatte.

Praktisch im billigsten Kriminalfilm, daß es so etwas gab. Polizeibeamte, die sich hinter einer gläsernen Wand oder so aufbauten, von da aus denjenigen beobachteten, der von anderen Polizisten gerade verhört wurde. Oder daß die, die das Verhör durchführten, die verhörte Person für ein paar Augenblickchen im Verhörzimmer alleine ließen. Für ein psychologisches Moment, während dem sie dem Verhörten dann ein Weilchen bei seinem Tun und Lassen zuschauten. Dem Verdächtigen, der drinnen einsam dahockte oder irgendwann herumspazierte.

 

So wirklich alles rein zufällig, daß dieser Kommissar Moinson nicht in Persona in der Büroräumlichkeit präsent gewesen war, als Verena in ihr eintraf? Eine Räumlichkeit, in die die nebendran, die sich das wünschten - war das eine richtige Vermutung Verenas - hineinschauen und die Anwesenden betrachten konnten, ihre Verhaltensweisen. Lauschen, was es zu hören gab, wenn es was zu hören gab, die Marke "Selbstgespräch".

War gut wahrscheinlich, daß sich dort, auf der anderen Seite des für Verena gedämmten Grauglases, welche aufhielten. Leute wie Herr Kommissar Moinson, Polizeihauptmeister Dischinger.

Miteinander, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger und Kommissar Moinson eben in der Sekunde über Verena Tümmel diskutierten. Verena Tümmels Erscheinungsbild besprachen, die Haltung, die gegenüber Verena Tümmel einzunehmen war, wenn man dann in ein paar Minuten bei ihr auftauchte.

 

Tränen, die Verena in die Augen geschossen kamen.

Aus ihrer Hosentasche holte Verena das eine geknüllte Papiertaschentuch, wischte sich die Wangen her.

Verena Tümmels Flennerei, die fand Verena durchaus praktisch. Im Grunde gnommen paßten die Tränen ausgezeichnet zu Verena Tümmels Situation.

Sollten SIE Verena Tümmel weinen sehen. Daß Verena Tümmel herumschluchzte, schadete Verena Tümmel erst mal nicht.

 

Auf dem Holzstuhl im Eckenstil hockte Verena sich besser zurecht. Dann wandte Verena sich abrupt um, sich die Landschaft anzugucken, die bisher in ihrem Rücken war.

Über dem grauen Türrahmen der Bürotüre war eine runde, weiße Uhr mit schwarzen Zeigern angebracht.

Dafür war Sorge getragen, daß die Uhr lautlos tickte.

Fünf nach eins war es. Dem Gefühl Verenas nach hätte es später sein können.

Fünf nach eins. Mittagszeit.

 

Sechs nach ein Uhr. Der große Zeiger ruckte: sieben nach ein Uhr.

Da war Zeit vergangen, konstatierte Verena.

Da war Zeit wo geblieben. In der Sozialstation, bei der Ansteherei. Von dort fort, auf der Fahrt von der Sozialstation zum Polizeigebäude. Bis Verena dann in dem Büro im Hauptgebäude der Polizeiinspektion eintraf.

Auf dem Sitzpolster ihres Stuhls drehte Verena sich wieder um. Neuerlich dem Schreibtischdoppel zu.

Ihren Magen hörte Verena rumoren.

Ein lautes Geräusch, fand Verena.

Viel gegessen hatte Verena nicht, seit Verena am Morgen aufgestanden war.

Die Mineralwasserflasche griff Verena sich von der Schreibtischkante.

Nach ein paar längeren Momenten des Zögerns, während denen Verena die Flaschenkante am behosten Oberschenkel aufstehen hatte, drehte Verena der Wasserflasche den Plastikverschluß herunter.

Einen Schluck zu trinken war angesagt. Weil: Getrunken hatte Verena jetzt ein geraumes Weilchen nichts mehr.

Für langsame, kleine Schlucke entschied Verena sich.

 

 

Unvermittelt, daß hinterrücks von Verena die Türklinke herabgedrückt wurde, daß Verena vor Schreck die Flasche Mineralwasser aus den Fingern glitt.

Wasser spritzte, als Verena die Glasflasche am gläsernen Hals zu fassen kriegte.

"Was treiben Sie denn, Frau Tümmel?"

Die bekannte Stimme Herrn Polizeihauptmeister Dischingers, die aufklang.

Keine Regung, Erwiderung Verenas nach hinten, zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, Herr Polizeihauptmeister Dischinger, unsichtbar in Verenas Rücken.

"Also, Frau Tümmel ...", vernahm Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Da bin ich wieder. Mit Kommissar Moinson."

"Mein Name ist Moinson, Kommissar Moinson", meinte der große Mann, der rechts an Verenas Stuhlplatz vorübergeschritten war, sich beim Schreibtisch aufbaute und voller Neugier auf Verenas Gestalt herunterguckte.

Keinen Ton brachte Verena, der das Herz bis zum Hals schlug, über die Lippen.

Verenas Gedanken hielten die Tatsache fest, daß Kommissar Moinson ein Glatzkopf war.

Schmale Lippen, Kommissar Moinson.

Eine so gerade Nase, daß die unnatürlich ausschaute. Wie kosmetisch gerichtet, bei Kommissar Moinson.

Glattest rasiert, daß Kommissar Moinson war. Ein breites Kinn.

 

Dem braunledernen Bürodrehstuhl wandte Kommissar Moinson sich zu, faßte nach der Rückenlehne, drehte den Stuhl für sich zurecht.

Grinsend schaute Kommissar Moinson Verena fragend an, um sich dann auf die gepolsterte braune Sitzfläche draufzusetzen.

Nebenbei am Schreibtisch, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger bereits Platz genommen hatte. Ohne viel Aufmerksamkeit Verenas darauf lenken zu wollen.

Die Arme, die Herr Polizeihauptmeister Dischinger vor der Brust verschränkte. Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der seine Schirmmütze woanders gelassen hatte, sein kurzes, blondes Haar am Kopf oben präsentierte.

Mit verschlossener Miene betrachtete Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena.

"Eh-hem!" ließ Kommissar Moinson vernehmen, um damit Verenas Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

 

Auf die aufkleberfreie Rückseite der Mineralwasserflasche in ihrer Hand starrte Verena herab.

Der Plastikverschluß der Flasche war Verena aus den Fingern geglitten, herabgefallen. Nach dem Verschluß, daß Verena herumzugucken anfing.

Am Holzparkettboden entdeckte Verena das Plastikteil nahe bei sich am linken Turnschuhfuß.

Bis zehn, daß Verena in Gedanken langsam zählte, dann bückte Verena sich am hölzernen Stuhl herunter, das Stück Plastik eines Flaschenverschlusses aufzuheben.

Wie zuvor dasitzend, unternahm Verena konzentriert die Übung, mit der Zunge die Unterlippe leckend, der Flasche den Plastikdrehverschluß draufzudrehen.

Zum Schluß, nach getaner Arbeit, schniefte Verena ausgiebig, stellte die Wasserflasche zurück auf die Schreibtischkante. Ungefähr dorthin, wo die Pulle vorhin gestanden hatte.

 

"Sind wir soweit ...?" erkundigte sich Kommissar Moinson bei Verena.

Verenas Kopfnicken.

"Das ist schön, daß wir nun soweit sind", setzte Kommissar Moinson fort, Kommissar Moinson, der einen gelben Ranglistenstern links und rechts auf den Schulterklappen seines dunkelblauen, fast schwarzen Polizeiuniformjacketts hatte. "Würd' sagen, wir fangen hier noch mal mit allem ganz von vorn an. Will mich vorstellen. Mein Name ist Moinson. Kommissar Moinson. Ich bin LKA-Mitarbeiter. Beamter zur besonderen Verwendung. Gestern abend bin ich aus Berlin hierher angereist."

Das wußte Verena nicht, was sie das kommentieren sollte.

"Ah, wollen Sie meinen Ausweis sehen, Frau ...? Sie wollen meinen Ausweis sehen, nicht, Frau ...? Äh, wie war der verehrte Name noch mal? Wie war der noch mal schnell? Wie heißen Sie - Frau ...?"

Die Lippen, die Verena nicht auseinander brachte. Nicht für den leisesten Ton.

 

"Frau Verena Tümmel heißt sie ...", störte Herr Polizeihauptmeister Dischingers Stimme die Stille zwischen den Anwesenden. "Frau Verena Tümmel. Persönlich bin ich aufgebrochen, die Frau herbeizuholen. Jetzt befindet sich die Frau mit dem Namen Verena Tümmel hier. Frau Verena Tümmel."

In die Brusttasche seines Uniformjacketts innen faßte Kommissar Moinson, den Verena nicht aus den Augen ließ, holte etwas Rechteckiges von Handflächengröße heraus.

Ein paar Sekündchen, daß Kommissar Moinson sich das Ganze selber beguckte. Dann beugte Kommissar Moinson sich vor, hielt das Teil zwischen Daumen und Zeigefinger Verena hin, den Arm langgestreckt.

"Das ist mein Ausweis, Frau Tümmel", erklärte Kommissar Moinson.

"Kommissar" - das las Verena. Unter "Herr" stand - "Herrmann Moinson".

 

Das Paßfoto, ganz eindeutig, daß das Kommissar Moinson abbildete. Also war das Kommissar Moinson persönlich.

Das fand Verena, daß Herr Herrmann Moinson auf dem Foto eine reichlich verkniffene Miene der Welt herzeigte.

Leider gab es dann für Verena nichts mehr weiter zu sehen. Als Verenas Augenpaar sich aufs neue der Schrift auf dem Ausweis zuwenden wollte, schwang Kommissar Moinson die Hand zur Seite. Als hätte Kommissar Moinson sich lange genug dazu herabgelassen, der doofen Verena Tümmel seinen Kommissarsausweis hinzuhalten.

Zurück steckte Kommissar Moinson das in Klarsichtfolie eingeschweißte Ausweisteil in die innere Brusttasche seines Jacketts. Dorthin, wo es sich zuvor befunden hatte.

"Also, das wäre klar", war Kommissar Moinsons Feststellung. "Ich hätte mich Ihnen vorgestellt, nicht wahr?"

"Ja-a ...", kam es leise von Verena. Statt daß Verena weiter geschwiegen hätte.

 

Nichts anderes tat Kommissar Moinson, als Verena auf ihrem Stuhl penetrant ekelhaft das Gesicht, den Oberkörper hinauf und -unter zu betrachten.

Immer wieder zuckten Verenas Augen hastig fort, sobald Kommissar Moinson Verena Tümmel mit zudringlichem Starreblick fixieren wollte.

Sogar ins Sexuelle, daß das Ganze bei Kommissar Moinson tendierte. Eine äußerst unangenehme Geschichte für Verena, das, was Kommissar Moinson aufführte. Am liebsten wäre Verena vom Holzstuhl aufgesprungen, aus dem Büroraum im Polizeigebäude hinausgestürmt und allem davongelaufen.

Bloß, wie weit wäre Verena gekommen, hätte Verena das in Echt getan?

Draußen, am langen Fenstergang, wartete gewiß Herr Ernst, der Wachmann, auf der Holzbank nur auf ein solches Vorkommnis. Passierte eine Geschichte, daß Wachmann Ernst ganz offiziell gröber mit Verena umgehen durfte. Wie schon mal.

 

 

"Fangen wir an, Herr Dischinger!"

Auf der Sitzfläche ihres Stuhls zuckte Verena angesichts der unvermittelten neuen Worte aus Kommissar Moinsons Mund zusammen.

"Ja, fangen wir an." Kopfnicken von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

Die Rechner-Maus auf der schwarzen Plastikunterlage bei sich auf dem Schreibtisch rührte Herr Polizeihauptmeister Dischinger.

Der Zeigefinger von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger tippte auf die Maus. Deutlich klang Verena das Klickgeräusch an die Gehörgänge.

"Sie stimmen einer Aufzeichnung der Unterhaltung, die Sie mit mir, Herrn Kommissar Moinson, und Herrn Polizeihauptmeister Dischinger führen, zu, Frau Tümmel?" war die Frage Kommissar Moinsons.

"E-eh ...?" Verena wußte nicht recht, was Verena antworten sollte.

Viel lieber wäre Verena überhaupt nichts gewesen. Keine Aufzeichnung, nichts.

Gar nichts. Dem hätte Verena ganz allgemein den Vorzug gegeben.

 

"Wäre besser für Sie, Sie würden uns die Zustimmung geben, Frau Tümmel", meldete sich Herr Polizeihauptmeister Dischinger.

"Mir ist's glei-gleich ...", stotterte Verena. "Mir is-ist das do-doch gleich."

"Sie haben's gehört, Herr Dischinger!" Zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger nickte Kommissar Moinson grinsend hinüber. "Frau Verena Tümmel hat soeben einer Aufzeichnung unserer Unterhaltung mit ihr zugestimmt. War deutlich genug vernehmbar, oder?"

Herr Polizeihauptmeister Dischinger, daraufhin mit ein paar schnellen Maus-Klicks dabei.

Sonst unternahm Herr Polizeihauptmeister Dischinger nichts, für Verena sichtbar ein Ton- oder Bildaufzeichnungsgerät einzuschalten.

Vielleicht war alles längst an. Die Frage Kommissar Moinsons eine rein rhetorische.

 

Kommissar Moinson berührte mit der Fingerspitze den Bildschirm, der sich daraufhin aufhellte.

"Name: Frau Verena Tümmel, ja ...?" eröffnete Kommissar Moinson die Runde Befragung, Unterhaltung.

"Ja!" antwortete Verena.

"Die bei mir in der Anlage hier eingetragenen Daten - Geburtsdatum, Familienverhältnisse, Wohnort und so weiter -, da ist alles bei dem bereits Festgestellten geblieben?" setzte Kommissar Moinson fort.

Verena zuckte die Schulter.

"Bitte, sprechen Sie mit uns, Frau Tümmel!" fuhr Kommissar Moinson Verena an. "Mit mir, Moinson, und mit Herrn Dischinger drüben. Etwas anderes hilft Ihnen nicht weiter. Verstehen wir uns?"

"Ja-a ..." Eifrige Kopfnicker Verenas.

"Alles also beim alten bei Ihnen, Frau Tümmel?" wiederholte Kommissar Moinson die Frage.

"Ja!" Geradeaus fixierte Verena ausschließlich einen rottönernen, bauchigen Blumentopf mit Rippenstreifen rundum.

"Keine Neuigkeiten, die uns interessieren könnten?"

"Nein! Weiß aber auch nicht, was 'Neuigkeiten' sein könnten, die Sie interessieren würden ..."

"Schauen Sie mich an, Frau Tümmel!" verlangte Kommissar Moinson. "Wenn Sie sprechen, schauen Sie bitte mich an, Frau Tümmel."

Verena gehorchte.

"Nichts hat sich bei Ihnen geändert, Frau Tümmel, alles ist gleich?" Die Augenbraue, die Kommissar Moinson fragend hochgezogen hatte.

"Ja! Alles genau das gleiche. Keine Änderungen, bei nichts." Schulterzucken Verenas. "Hat sich nichts Neues getan."

 

"Gut!" konstatierte Kommissar Moinson, der ein kleines Weilchen am Monitor gelesen hatte. "Hier habe ich ein Protokoll am Bildschirm. Von den Streifenpolizisten Holger Ernst und Tim Rainer Schmitz verfertigt. Am Schluß von Ihnen unterschrieben, Frau Tümmel. Herr Ernst und Herr Schmitz, die beiden haben Sie, Frau Tümmel, am Dienstag letzter Woche nachmittags in der Innenstadt aufgegriffen. Dann Sie anschließend augenblicklich hierher auf das Polizeiinspektion verbracht. Nachdem Sie, Frau Tümmel, von woanders die Flucht ergriffen hatten, eine stadtweite Fahndung nach Ihnen ausgelöst worden war. Das stimmt, nicht wahr, Frau Tümmel?"

"Ja, war so", gestand Verena. "Kann ich nicht abstreiten."

An die Probleme, die sie hatte, dachte Verena.

Neue Tränen begannen Verena die Wangen hinunterzulaufen.

Das alte Papiertaschentuch war Verena vom linken Oberschenkel, wo es aufgelegen war, heruntergerutscht, am Parkettboden gelandet. Nicht die allergeringste Absicht hatte Verena, es deswegen wieder aufzuheben.

Aus der Brusttasche ihres Hemdes holte Verena die Packung Papiertaschentücher. Ein papiernes Taschentuch zog Verena heraus, wischte sich damit unter den Augen.

 

 

"Am Nachmittag des Dienstags letzter Woche, haben Sie den Kollegen Ernst und Schmitz zu Protokoll gegeben, Frau Tümmel, haben Sie Ihre Wohnung früh nachmittags verlassen. Für ein Vorstellungsgespräch. In der Näherei Bichl wollten Sie sich vorstellen. Halb drei Uhr, der vereinbarte Termin." Mit offenem Blick guckte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der für Kommissar Moinson den Part nahm, Verena an.

"Ja-a ..." Kopfnicken Verenas.

"Um für Ihr Vorstellungsgespräch zur Näherei Bichl zu gelangen, Frau Tümmel, müssen Sie über die Gildebrücke gehen ..." Das Kinn rieb Herr Polizeihauptmeister Dischinger sich her.

"Ich-ich ..." Heiß war es Verena, sehr heiß.

"In dem von den Kollegen Ernst und Schmitz verfertigten Protokoll dieses Nachmittags steht", setzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger fort, "daß Sie erst durch die Stadt gegangen sind. Dann sind Sie bei der Gildebrücke angekommen. Dort waren zwei Jugendliche, haben Sie ausgesagt, Frau Tümmel. Männliche Teenager. Sechzehn, siebzehn Jahre alt. Mit Sportlermützen am Kopf. Das hätten Sie bei zwei Burschen ja nicht ungewöhnlich gefunden, daß Sie bei ihnen stehenbleiben hätten müssen. Sie sind deswegen nicht weitergegangen - haben Sie den Kollegen Ernst und Schmitz zu Protokoll gegeben, Frau Tümmel -, weil Sie gesehen haben, daß sich die beiden Jungs mit einem Seil wie so zwei Bergsteiger im Gebirge aneinandergebunden hatten. Und nicht nur das: Die beiden waren so komisch bespaßt miteinander, haben sich umarmt und die Handflächen hergepatscht. Anschließend sind die zwei mit ihren Wanderschuhen an den Füßen unten auf das Brückengeländer gestiegen. Das haben Sie genau gesehen, sagten Sie aus, Frau Tümmel. Klar und deutlich hätten sie das mit den beiden gesehen gehabt. Mit den Augen."

"Hab' ich auch", konnte Verena nicht an sich halten. "Habe alles ganz deutlich gesehen. Genau so. Alles war so. Total real. Hab' den beiden zugeschaut, wie sie sich gegenseitig geholfen und gesichert haben, am Aufgang des Brückenbogens so angespitzte, lange Eisenstäbe, die fächerartig an eine große Metallkugel unten angeschweißt sind, zu überwinden. Die zwei sind drübergeturnt. Hatten nicht viele Probleme damit."

 

"Gute Beschreibung", lobte Kommissar Moinson, der Verena beim Sprechen beobachtet hatte. "Steht alles wirklich auch genauso in dem Protokoll der Herren Schmitz und Ernst drinnen, was Sie gemeint haben, daß Sie gesehen hätten, Frau Tümmel ..."

Die Mundwinkel Verenas zuckten links und rechts. Zum Davonlaufen fand Verena die Welt.

"Die beiden im Teenageralter", kehrte die Stimme von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger Verena zurück, "die sich mit einem Kletterseil aneinanderbanden, hatten - Ihrer Aussage nach, Frau Tümmel -, den Selbstmörderschutz des Brückenaufgangs überwunden. Immer höher hinauf, daß die beiden gestiegen sind. In der Mitte des Brückenbogens oben sind die Jungs angekommen. Dort sind die zwei geblieben. Haben sich niedergehockt, die Füße baumeln lassen. Gerade wollten Sie sich entscheiden, Frau Tümmel, mit der Gafferei aufzuhören, endlich wegzugehen, weil Sie ja zu Ihrem Vorstellungsgespräch in der Näherei Bichl wollten, da ist einer von denen mitten auf der Brücke droben aufgestanden. Angefangen hat er, am schmalen metallenen Grat da oben herumzutanzen. Der zweite hat dann kurz darauf ganz genau das gleiche gemacht, ist auf die Beine hoch, hat getanzt. Die zwei wären wahnsinnig, haben Sie gedacht, Frau Tümmel; die würden noch abstürzen, wenn die so weitermachten. Jetzt müßte etwas von Ihnen, Frau Tümmel, unternommen werden. Ehe das droben ein böses Ende nehmen würde ..."

"Ja - das, konnt ni-nicht zu-schau-en ...", flüsterte Verena kopfnickend.

"Sie haben überlegt, Polizei und Feuerwehr, die müßten schnell verständigt werden, Frau Tümmel ..." Mit geschürzten Lippen glotzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena dumpf an.

"Da-das hab' i-ich, ja-a ..." Die Hände rang Verena in ihrem Schoß, schaute mit dem Blick einer Verzweifelten auf Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Muß man doch ..."

Ein Schnalzgeräusch ließ Kommissar Moinson hören, daß Verena zusammenzuckte, ihr Augenpaar schnell nach rechts Kommissar Moinsons sitzender Gestalt zuwandte.

Den nächsten seltsamen Augenaufschlag, den Kommissar Moinson für Verena vorzeigte.

 

"In Ihrer Aufregung sind Sie, Frau Tümmel, auf einen jungen Mann zugelaufen", setzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger fort. "Der erste, der in Ihrer Nähe zufällig des Weges gekommen ist."

"Ja, mußte ich doch!" entfuhr es Verena aufgebracht. "Von der Ampel unten ist er in meine Richtung gekommen. Jemand anders war da nicht. Mußte zu ihm laufen, ihn ansprechen. Schließlich hatte ich nichts, mit dem ich telefonieren hätte können. Hab' ihm kurz gesagt, was auf der Brücke oben los ist. Hab' gefragt, ob er telefoniert. Oder er mich telefonieren läßt."

"Roland Gieber, so heißt der junge Mann." Die Augen hatte Herr Polizeihauptmeister Dischinger beim Sprechen auf den Rechnermonitor gerichtet. "Ist Praktikant in einer Rechtsanwaltskanzlei. In dem Protokoll Roland Giebers steht, Sie hätten sich aufgeregt aufgerührt, ihn bedrängt, Ihnen, Frau Tümmel, sofort sein Handy zu geben, damit Sie die Polizei und die Feuerwehr anrufen könnten. Als er Ihnen, Frau Tümmel, das Telefon gegeben hatte, Sie damit telefonierten, hat Roland Gieber erst hochschauen können. Dorthin, den Brückenbogen hoch, wo die jungen Kerls, von denen Sie, Frau Tümmel, ihm dahergeredet haben, sein sollten. Aber Roland Gieber hat droben auf der Bogenmitte nichts und niemanden gesehen. Keinen Menschen. In der Zwischenzeit hatten Sie, Frau Tümmel, mit dem Handy von Herrn Gieber allerdings bereits die Polizei verständigt. Die Feuerwehr wurde ebenfalls von Ihnen herbeigerufen."

Ein müder, trauriger Seufzer Verenas.

"Innerhalb kürzester Zeit war Polizei vor Ort auf der Gildebrücke. Und die von der Feuerwehr, die waren nicht viel langsamer. Drei Einsatzwägen der Feuerwehr, daß sich schließlich auf der Brücke befanden ..."

"Tja ...", meinte Verena zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Was hätte ich sonst machen sollen? Es war alles so wirklich gewesen. Klar und deutlich hatte ich alles gesehen. Ich kann doch nicht zusehen, wie zwei junge Leute ..."

Ein absurdes Lächeln, das Kommissar Moinsons Lippen umspielte.

Für ein besseres Gefühl Verenas für ihre gegenwärtige Umwelt war das, was Verena bei Kommissar Moinson wahrnahm, nicht zu gebrauchen.

 

"Den Beamten von der Polizei und dem Brandmeister von der Feuerwehr", war die Fortsetzung von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, "haben Sie, Frau Tümmel, wiederholt, daß Sie zwei jungen Kerlen dabei zugeschaut hätten, wie sie den Brückenbogen hoch wären. Droben, auf der Mitte der Brücke, daß die Teens plötzlich herumzuspinnen und zu tanzen angefangen hätten. Nur, niemand war von unten dort droben in der Mitte des Bogens zu entdecken ... Vielleicht, sagte man sich, daß man keinen der beiden, von denen Sie sprachen, Frau Tümmel, mehr sah, weil sie bereits abgestürzt wären. Feuerwehrmänner sind hoch, sich auch von oben in jede Richtung einen Überblick zu verschaffen ..."

Nichts, das Verena einfiel, was Verena großartig zu ihrer Verteidigung daherschwätzen hätte können.

"Als man sich das nächstemal nach Ihnen umschaute, Frau Tümmel, waren Sie verschwunden." Den Zeigefinger, den Herr Polizeihauptmeister Dischinger für Verena hob. "Nirgendwo mehr waren Sie in der näheren Umgebung zu entdecken. Die Flucht, die Sie ergriffen hatten, Frau Tümmel. Weil Ihnen aufgegangen war, daß der Ärger bald riesig für Sie werden könnte. Unauffällig, daß Sie sich in die Gaffermenge da reingedrängt und sich davongemacht haben ..."

"Bin nur schnell weg von da ..." Unumwunden, das Eingeständnis Verenas, daß Verena eilig vom Platz abgehauen war. "Dachte nur noch, nichts wie weg. Nichts wie weg jetzt."

Auf ein neues stürzten Tränen Verena die Wangen hinunter.

 

Das Geschluchze Verenas ließ nach.

"Um es zusammenzufassen, Frau Tümmel", übernahm Kommissar Moinson die Rederei, "Sie haben einen Einsatz von Polizei und Feuerwehr verursacht. Zweimal eine Straßensperrung, wobei der Verkehr über die Brücke in beiden Fahrtrichtungen zum Stillstand gekommen war. Längere Staus auf den Zufahrtstraßen zur Brücke ... Das ganze Programm."

"I-ich ..." Der Kehlkopf hüpfte Verena. Es blieb für Verena dabei, daß die Welt zum Davonlaufen war.

"Noch mal, Frau Tümmel", verlangte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verenas Aufmerksamkeit. "Einen Einsatz der Feuerwehr haben Sie verursacht. Mit drei Feuerwehrfahrzeugen. Dazu war Polizeieinsatz. Mit sechs Wägen. Polizisten haben für die schnelle Sperrung der Gildebrücke gesorgt. Daß der Verkehr auf der Brücke unfallfrei zum Erliegen gekommen ist. Darüberhinaus haben Sie, Frau Tümmel, im weiteren Verlauf der Geschichte die Flucht ergriffen. Eine stadtweite Fahndung wurde nach Ihnen eingeleitet. In der Innenstadt, daß Sie von den Kollegen Ernst und Schmitz festgenommen wurden, ehe Sie in das große Modehaus da hineinlaufen konnten, in das Sie sich flüchten wollten. Was sagen wir nun dazu, Frau Tümmel?"

"Nichts!" brach es zur Überraschung Verenas bei Verena aus. "Mir fällt dazu eigentlich nichts ein. Außer dem - sollten Sie da dran denken, das meinen -, daß ich nicht einen müden Penny übrig hab'. Nicht einen einzigen. Daß ich viel was für was zahlen kann, glaub' ich nicht. Werd' ich vor Gericht gezerrt, wird's auch nicht besser. Das einzige, was ich vielleicht kann, ist, die Tagessätze, zu denen ich verurteilt werde, in einer Gefängniszelle abzusitzen ..."

Das äußere Aussehen eines Mannes hatte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der Verena liebend gerne tätlich angegriffen hätte.

"Nur, erst mal muß man mich verurteilen", konnte Verena nicht an sich halten, nachsetzend anzubringen. "Solange könnt' ich noch auf freiem Fuß sein. Oder besteht Fluchtgefahr? Dann muß man mich einsperren. Lande ich jetzt sofort in einer Zelle hier im Gebäude?"

"Hahaha!" Kommissar Moinson, der loslachte.

Kommissar Moinsons Gelächter. Während Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Lippen aufeinanderpreßte, feindselig nach Verena hinstarrte.

 

 

"Die Geschichte mit den Jungs auf der Brücke am letzten Dienstag ..." Das Kinn rieb sich Kommissar Moinson her. "Gefunden wurde von den jungen Kerlen, die Sie am letzten Dienstag gesehen haben wollten, bei aller Sucherei den Fluß hinab keiner. Keiner von denen. Nirgends. Zumindest nicht die letzte Woche. Sie wissen, wovon ich spreche, Frau Tümmel?"

"Nein, weiß ich nicht." Großäugig guckte Verena kopfschüttelnd auf Kommissar Moinson. "Was soll ich wissen?"

Die Augenbraue, die Kommissar Moinson hochschob. "Sie lesen Zeitung, Frau Tümmel?"

"Nein, eine Zeitung kann ich mir nicht leisten. Es sei denn, ich fisch' sie mir wo in der Stadt aus dem Abfallkorb, wenn ich eine in einem drinnen seh'. Kann sein, daß ich dann Zeitung lese."

"Dann hören Sie lokales Radio? Oder sehen den lokalen Fernsehsender?"

"Nein! Tue ich nicht." Richtiggehend biestig, trotzig, daß Verena sich anhörte. Verena, die sich zu fragen anfing, wie das für Verena in Verenas Situation weitergehen sollte. Schüchterne Zurückhaltung, öfters Tränen - all das wäre für Verena sicherlich weitaus besser gewesen, als das andere im Augenblick.

"Was wollen Sie mir jetzt hier sagen, Frau Tümmel?" Ungläubiges Kopfschütteln Kommissar Moinsons. "Sie meinen, Sie wissen nicht, Frau Tümmel? Sie wollen behaupten, daß Sie nichts wissen? Von nichts was wissen?"

"Was sollte ich wissen?" Leiser, Verenas Worte, Verena, die eine innere Erschütterung überkommen hatte.

Durchaus eine Ahnung, die Verena hatte, daß es Verena heiß aufstieg.

"Im Lokalradio und im regionalen Fernsehen war es ein Thema, Frau Tümmel, in der Zeitung hat es gestanden. Im Internet kann man es sofort finden. Hat mir Herr Dischinger gesagt, daß es dafür viele Ereignisse gibt. Und Sie meinen hier zu mir, daß Sie keine Ahnung haben? Ausgerechnet Sie, Frau Tümmel."

Das Gesicht vergrub Verena in ihren Handflächen.

 

"Manchmal wundert's mich, wie etwas zugeht, Herr Moinson", meinte Herr Polizeihauptmeister Dischinger zu Kommissar Moinson an seinem Schreibtisch hinüber.

"Was?" erkundigte sich Kommissar Moinson bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

"Nun, das, daß die Lokalseite der Zeitung das ausführlich gebracht hat, das heute noch bringt", erwiderte Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Genauso wie der ganze Rest vom Fernsehen und vom Radio hier. Alles und jedes mit Artikeln, gesendeten Beiträgen dabei. Seit Montag. Zeitung, Radio, Fernsehen, Internet. Während von den Geschehnissen vom letzten Dienstag, bei denen Frau Tümmel hier mit von der Partie war, nichts als so ein mickriges Artikelchen in der Zeitung gestanden war. Ansonsten fand das von Dienstag letzter Woche nirgends größere Resonanz. Trotz dem Einsatz von Polizei und Feuerwehr samt längerer Brückensperrung, den Verkehrstaus. Als hätte es letzten Dienstag nicht stattgefunden."

"Hat doch eigentlich auch nicht, Herr Dischinger, oder? War nichts, um das man viel Aufheben hätte machen müssen. Oder - war was ...?"

"Stimmt schon." Kopfkratzen bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Ja, ist wahr. Aber, andererseits ..."

"Wirklich, Frau Tümmel?" kam Kommissar Moinson auf Verena zurück. "Kein Mensch hat sich ausführlicher mit Ihnen wegen dem von letzter Woche am Dienstag unterhalten mögen? Kein Reporter - ob von der Zeitung, vom örtlichen Radio oder vom regionalen Fernsehsender - hat Sie belästigt? Auch kein Blogger, so was? Glaub's ja nicht. Dabei sind Sie so interessant, Frau Tümmel ... Was einer in Ihnen nicht alles Interessantes entdecken könnte."

"Bin nicht interessant", wies Verena den Anwurf Kommissar Moinsons mit heiserer Stimme zurück.

"Nicht?" Das mit der hochgezogenen Braue wiederholte Kommissar Moinson. "Sie ist nicht interessant, Herr Dischinger, sagt sie ..."

Herr Polizeihauptmeister Dischinger präsentierte geschürzte Lippen.

 

Die Flasche Mineralwasser, aus der sie zittrig ein paar Schlucke getrunken und deren Verschluß sie fahrig wieder draufgedreht hatte, stellte Verena auf die Schreibtischkante zurück.

"Letzte Woche am Dienstag, Frau Tümmel ...", redete Kommissar Moinson Verena an, bezeigte damit, daß das Moment der Ruhe für Verena vorbei war. "Letzte Woche am Dienstag, da war nachmittags Ihr Anruf bei der Polizei und bei der Feuerwehr ..."

"Das ka-kann ich nicht abstreiten, daß i-ich die Polizei und die Feuerwehr an-angerufen hab'", meinte Verena niedergeschlagen.

"Für die von der Polizei und für die Feuerwehr - Einsätze für nichts." Den Zeigefinger hob Kommissar Moinson für Verena.

Verena wußte nicht, was Verena dem früher bereits von Verena Gesagten hinzufügen hätte sollen.

"Das, was seit Montag dieser Woche für Schlagzeilen sorgt, in der Zeitung im Lokalteil geschrieben steht, bei den restlichen Medien die Runde macht, davon wissen Sie also nichts?" wollte Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Aufmerksamkeit Verenas zurück. "Genauso, wie es im lokalen Fernsehen, im Lokalradio, im Internet für Beiträge und erhöhte Klickzahlen sorgt. Heute morgen hab' ich bei der Fahrt in die Arbeit die nächsten Reporterberichte dazu gehört. Via Autoradio. Und die letzten Tage hat unser kleiner heimatlicher Fernsehsender das Format lokaler Nachrichten immer damit aufgemacht. Aber Sie, Frau Tümmel, wollen nichts davon wissen. Sie behaupten, nichts zu wissen, Sie, Sie -!"

"Nur die Ruhe, Herr Dischinger!" verlangte Kommissar Moinson von seinem Gegenüber. "Keine Aufregung, bitte!"

Herr Polizeihauptmeister Dischinger winkte ab.

"Was meinen Sie, worum es sich bei allem dreht, Frau Tümmel? Warum sind wir, wir drei Süßen, hier in diesem Raum?" Starr fixierte Kommissar Moinson Verena.

"Kei-keine Ahnung. Weiß nich-nicht."

"Doch, doch, Frau Tümmel! Sie wissen, meine Liebe ..."

"Nein!"

"Doch!"

"Nein, nein!"

"Doch, doch!"

Die Lippen, die Verena fest aufeinanderpreßte.

"Dann sagen Sie es ihr, Herr Dischinger. Teilen Sie es ihr bitte in allen Einzelheiten mit."

"Das, was am Montag los war, Frau Verena Tümmel ..." Die Schultern rührte Herr Polizeihauptmeister Dischinger wie einer, der sich wegen Verspannungen locker machen mußte. "Worum es sich seit Montag dieser Woche in allen lokalen Nachrichtenmedien dreht, ist folgendes: Zwei junge Burschen haben sich aufgemacht, die Gildebrücke hochzusteigen. Sie hatten beide ein Seil zwischen sich, das heißt, sie waren aneinander angeseilt. Sich gegenseitig sichernd, haben sie den Selbstmörderschutz der Brücke überwunden. Mehrere Passanten auf der Brücke haben den beiden von unten bei ihrem Treiben zugeschaut. Beobachtet, wie die zwei auf allen vieren auf dem Brückenbogen immer höher hinauf sind. Bis die Kerle oben auf der Bogenmitte angekommen waren. Droben, daß sich die beiden hingehockt haben. Größere Sorgen um die beiden hatte sich bis dahin keiner der Zuschauer gemacht, so wie sie sich vorher beim Aufstieg geschickt angestellt hatten. Bis es dazu kam, daß der eine von denen aufgestanden war. Auf die Füße ist er hoch. Um mit ausgebreiteten Armen herumzustehen. Dann hat der dann voll zu spinnen angefangen. Am schmalen Grat der Brücke droben hat der herumgetanzt. Der zweite ist tatsächlich auch auf die Beine hoch, hat dem anderen seine Tanzeinlage nachgemacht. Zusammen haben sie droben auf der Gildebrücke getanzt. Bis der eine - gerade war der erste Streifenwagen mit unseren Kollegen auf der Gildebrücke angekommen - den anderen gerempelt hat. Der Wahnsinn. Angerempelt hat der ihn ..."

"Nein!" entfuhr es Verena zischend.

"Ah, Sie kennen es, Frau Tümmel? Sie kennen es also ...?" Herr Kommissar Moinson schaute, den Kopf schiefgelegt, nach Verena. "Ihr Ding ... Das Ding, Frau Tümmel, das, das Sie der Polizei, der Feuerwehr gemeldet haben. Nur, daß Sie das am Dienstag letzter Woche getan haben. Während das, was Herr Dischinger hier detailreich mitteilt, am Montag war ... Am Montag dieser Woche. Diesen Montag."

"Weil der Kollege nicht sofort gefallen ist, hat der andre seinen Kumpel gleich noch mal angerempelt", ließ Herr Polizeihauptmeister Dischinger, willens, seine Geschichte zu beschließen, hören. "Jetzt hat der sein Gleichgewicht wirklich verloren, ist abgestürzt. Mit dem anderen zusammen. Anders konnte das nicht kommen."

Verena schniefte.

 

 

Das Kinn hatte Verena zur Brust herabgesenkt, um den bohrenden Blicken von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Kommissar Moinson für kurze Augenblicke zu entkommen.

"Die beiden am Montag haben sogar Namen, Frau Tümmel." Kommissar Moinson seufzte. "Wollen Sie von Herrn Dischinger wissen, Frau Tümmel, was für Namen ihre Eltern den beiden Bürschchen bei der Geburt gegeben haben?"

Eigentlich konnte Verena gut da drauf verzichten, das zu wissen.

"Thomas hat der eine geheißen - der andere Bastian", informierte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena ohne weiteres. "Hübsche Namen. Viele Fragen, die sich im nachhinein stellen, Frau Tümmel. Den Eltern, der Öffentlichkeit. Fragen solcherart: Warum klettern Thomas und Bastian den Bogen der Gildebrücke rauf? Warum fangen die beiden an, droben auf der Brücke rumzuspinnen? Wenn der eine den anderen anrempelt, muß das doch schließlich kommen, wie es kommen muß: Absturz. Thomas und Bastian mußten beide wissen, daß sie miteinander abstürzen könnten. Wegen dem Seil, mit dem Thomas und Bastian sich aneinandergebunden hatten. Das mußten die beiden wissen. Der eine wie der andere. Hinein ins Wasser des Flusses, daß es für beide ging. Recht kühl, das Wasser. In dem Fluß, in dem es auch ansonsten eine starke Strömung gibt. Wegen dem miesen Wetter der letzten Tage mehr Wasser und noch mehr Strudel und stärkere Strömung als normal zu der Jahreszeit. Momentan an einer verkehrten Stelle ins Flußwasser zu geraten, wirklich nicht das Angesagteste. Ohnehin muß jeder selbst bei schönstem Wetter aufpassen, nicht zu weit vom Ufer weg unbeobachtet in den Fluß hineinzuschwimmen. Überall am Flußufer stehen Schilder rum. Die die Leute vor den Strudeln, vor der Strömung warnen. Die, die schwimmen, sollen darauf achtgeben, was mit dem anderen ist. Falls es zu einer Überraschung kommt. Die Gefahr, daß ein Schwimmer dem Sog eines Strudels nicht entkommen kann, ist auch an den allerschönsten Sommertagen und bei heißen Temperaturen stark gegeben."

Verena, die Herrn Polizeihauptmeister Dischinger mit großen Augen anguckte, blies die Wangen auf.

 

"O ja, Frau Tümmel!" Ein vielsagendes Kopfnicken von Kommissar Moinson. "Am Montag hat es die Toten gegeben. Zwei Leichen. Der Fluß, der hat Thomas und Bastian ertränkt und ein bißchen weiter unten wieder ausgespuckt. Nicht weit unterhalb der Gildebrücke sind Thomas und Bastian von einem Suchkommando auf der von hier aus gegenüberliegenden Uferseite gefunden worden."

Kein Kommentar, der Verena einfiel.

"Zwei Familien, die um ihre Söhne weinen", war es Kommissar Moinsons Anhang. "Aber, sie, die Söhne, sind im Grunde genommen auch selber schuld."

Unglücklich guckte Verena von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger zu Kommissar Moinson und zurück.

"So falsch sind Sie also damit nicht gelegen, als Sie Polizei und Feuerwehr gerufen haben, Frau Tümmel", klang es von Kommissar Moinson auf.

"Was wollen Sie damit sagen?" entfuhr es Verena, Verena, der das Herz bis zum Hals schlug.

"Das, daß Sie die Polizei und die Feuerwehr gerufen haben, das war nicht so falsch", erwiderte Kommissar Moinson. "So falsch sind Sie damit nicht gelegen. So falsch war das nicht. Wenn Sie damit, Polizei und Feuerwehr zu rufen, auch ein bißchen früh dran waren. Knapp eine Woche zu früh. Letzten Dienstag, daß Sie die Polizei gerufen haben, die Feuerwehr, Frau Tümmel. Daß aber das passiert ist, was Sie gesehen haben, das war dann erst anfangs dieser Woche. Am Montag. Am Montag dieser Woche. Das am Montag dieser Woche, das ist Realität. Unleugbare Realität. Mit zwei Leichen. Den Leichen von zwei jungen Kerlen. Deren Beerdigungen jetzt bevorstehen."

Großäugig glotzte Verena auf Kommissar Moinson, Kommissar Moinson, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte, Verena Tümmel gespannt eins herstarrte.

 

"Was haben Sie vorhin mal gemeint, Frau Tümmel?" Abwinken Kommissar Moinsons. "Daß Sie sich Sorgen machen, daß wegen dem vor einer Woche von Ihnen verursachten Einsatz von Feuerwehr und Polizei eine Schadenersatzforderung oder dergleichen auf Sie zukommen könnte? Nein, Frau Tümmel, da kann ich Sie beruhigen. Ich denke nicht, daß Sie sich deswegen Sorgen machen müssen."

"Ja, muß i-ich nich-nicht ...?" Über die Wange wischte Verena sich mit fahriger Hand.

"Nein! Auch wenn letzten Dienstag, dem Tag, an dem Sie Polizei und Feuerwehr gerufen haben, Frau Tümmel, eigentlich nichts war, was den Einsatz von sechs Polizeiwägen und drei Feuerwehrautos gerechtfertigt hätte." Die Schulter zuckte Kommissar Moinson. "Wie's aussieht, wird der Staat die Kosten übernehmen. Wird der Staat die Kosten für die Einsätze voll abdecken. Der Staat wird das tun. Das tun müssen."

Es klopfte an die Fläche der Bürotüre in Verenas Rücken.

"Herein!" rief Herr Polizeihauptmeister Dischinger.

 

 

Verena hatte sich unwillkürlich auf dem Sitzpolster ihres Holzstuhls im Ecken-, Kantenstil zur Tür hin umgewandt.

Herrn Wachmann Ernst sah Verena in die Büroräumlichkeit hereinkommen.

Ein großes, schwarzes Serviertablett, auf dem sich die verschiedensten Kleinigkeiten befanden, trug Herr Ernst mit beiden Händen in den Raum herein.

"Ja, ist es denn schon die Zeit ...?" redete Herr Polizeihauptmeister Dischinger seinen Kollegen Ernst an, dem mit lediglich einen weißen Stern auf den Schulterklappen seines dunkelblaufarbenen Uniformjacketts.

"Die Zeit, daß Sie - ö! - sagten, daß ich kommen soll ...", gab Herr Ernst, der stehengeblieben war, zur Antwort. "Bin pünktlich, Chef."

"Das sind Sie, Herr Ernst, das sind Sie." Freundlich zustimmendes Kopfnicken von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, das Herrn Ernst galt. "Paßt gerade wirklich alles bestens für eine kleine Unterbrechung, Ablenkung hier. Stellen Sie das Tablett bitte bei mir da ab, Herr Ernst."

"Mach' ich, Chef", meinte Herr Ernst.

Zu Herrn Polizeihauptmeister Dischingers Seite des senkrecht gestellten Doppels Schreibtische begab sich Herr Ernst. Das Tablett plazierte Herr Ernst bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger auf eine Tischstelle, auf der zwei dünne schwarzlederne Mappen herumlagen.

"Danke, Herr Ernst!" Großzügig nickte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Herrn Ernst hin. "Warten Sie bitte draußen, ja?"

"Ja!" Militärisch schlug Herr Ernst die Hacken gegenüber von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger zusammen. Das gleiche unternahm Herr Ernst für Kommissar Moinson. Herr Ernst, um sich in Folge auf dem Absatz umzuwenden.

Durch die graue Bürotüre, durch die er hereingekommen war, marschierte Herr Ernst wieder hinaus.

Leise, daß die Bürotür, von Herrn Ernst zugezogen, ins Schloß fiel.

 

"Aahhh!" vernahm Verena Kommissar Moinson.

Eiligst wandte Verena sich wieder am Sitz herum, direkt Kommissar Moinson zu.

Von seinem Sitzplatz am braunen Bürodrehstuhl hatte Kommissar Moinson sich erhoben. Mit nach oben gestreckten Armen dehnte, streckte Kommissar Moinson sich ausgiebig. "Das tut gut! Sitzerei ist Plackerei. Auch Sitzen ist Plackerei."

"Ich hätte hier Würstchen für Sie im Angebot, Frau Tümmel, Wiener Art", fing Herr Polizeihauptmeister Dischinger an. "Mit Senf und Brötchen. Ich sehe Wurstbrötchen. Welche mit Käse. Mit Käse und Wurst, Tomate und Gurke belegte Baguette. Alles frisch eingekauft ..."

Distanziert beäugte Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

Kommissar Moinson setzte sich aus dem Stand abrupt in Bewegung, schritt an Verena vorüber, war sogleich hinter Verena.

Herum mußte Verena sich auf ihrem Stuhl wenden, Kommissar Moinson im Blick zu behalten.

 

Der Mineralwasserkasten war aus Verenas Sicht rechter Hand von der Bürotüre an die weißgestrichene Raumwand geschoben.

Fasziniert beobachtete Verena Kommissar Moinson dabei, wie Kommissar Moinson erst zwei Flaschen Mineralwasser mit Glasgeklingel aus dem Hartplastikkasten herausholte. Dann noch mal zwei.

Mit den Flaschenhälsen zwischen den Fingern beider Hände ging Kommissar Moinson zur Tischkante von Herrn Polizeihauptmeister Dischingers Schreibtisch. Die Mineralwasserflaschen positionierte Kommissar Moinson in Reihe nebeneinander hinter dem schwarzen Serviertablett mit den eßbaren Kleinigkeiten, schob dafür einen großen metallenen Papierlocher immer weiter seitlich, daß es für einen stiftgefüllten Plastikbecher gefährlich wurde, nicht umzufallen.

 

"Kommen Sie, Frau Tümmel, tun Sie sich keinen Zwang an", verlangte Kommissar Moinson, der sich Verena zugewandt hatte, freundlich zu ihr hinablächelte. "Suchen Sie sich was aus. Es ist für jeden mehr als genug da. Sie müssen doch Hunger haben, Frau Tümmel. Es ist lange Mittagszeit gewesen. Bitte, warum sollen wir stundenlang mit Ihnen reden wollen - und Sie hungern lassen?"

Die Stirn in Falten, glotzte Verena.

"Bitte, greifen Sie zu, Frau Tümmel", setzte Kommissar Moinson mit seiner schönsten Freundlichkeitsmiene fort. "Los, suchen Sie sich was aus. Was immer Sie wollen, dürfen Sie sich nehmen."

Einladend deutete Kommissar Moinsons Zeigefinger auf das in Klarsichtfolien eingewickelte Tablettallerlei.

Bloß vorbeugen mußte Verena sich, den Arm mit der Hand vorne dran losschicken. Um mit den Fingern zuzugreifen.

Freundliche Verhaltensweisen, hinter denen verbarg sich allerdings zumeist irgendwas. Ein Hintergedanke. Das war Verena sich bewußt.

Mit zwei hochrangigen Polizeibeamten, daß Verena sich in einem Büro im Polizeigebäude aufhielt, eins, das auf unbestimmte Weise keine gewöhnliche Büroräumlichkeit war.

Das Thema mit den Vorkommnissen auf der Gildebrücke, das wurde außerdem, Verenas Meinung nach, mit zu vieler Ausführlichkeit behandelt. Viel zu hintergründig. Die Frage war: Was verbarg sich hier? Am Ende, daß sich bestimmt wenig ergab, das allzu erfreulich war. Nicht für Verena Tümmel.

Nach Hause, daß Verena wollte. Nur heim.

Bloß, wo war das, Verenas Zuhause? War Verenas Zuhause noch irgendwie Verenas Zuhause? Wo war Verena im Augenblick daheim?

 

Daß Verena mit Polizisten zusammen gespeist hätte, das war Verena im Leben noch nicht passiert.

Kommissar Moinson schob sich, auf seinem braunen Bürodrehstuhl hockend, das letzte Stück seines mit Käse, Wurst, Tomaten- und Gurkenscheiben belegten Baguettes in den Mund.

Mit einer papiernen Serviette wischte Kommissar Moinson über die Lippen, sich die Finger ab.

Herr Polizeihauptmeister Dischinger hatte sich Wiener Würstchen mit Senf auf einem Papptellerchen und zwei der Brötchen dazu munden lassen. Darauf eines der Käsebrötchen.

Drei Wurstbrötchen und eines der langen Käse-, Wurst-, Tomaten- und Gurkenscheibenbaguettes, die Verena ganz verspeist hatte, resümierte Verena. Hinterdrein ein mit Käse und Wurst versehenes Bauernbrotdoppel ... Das Ganze hatte Verena mit Mineralwasser hinuntergespült.

Nun bemerkte Verena bei sich einen vollen Magen. Völlegefühl.

Rülpsen hätte Verena mögen. Nur, wäre das wirklich zu Verenas Vorteil gewesen?

Schnell legte Verena, die ihren Mund für ein Gähnen öffnen wollte, sich die Hand vor.

Von Kommissar Moinson, der Verena gemütlich breit angrinste, schaute Verena zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

 

Komisch, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger auf seinem Drehstuhl dahockte.

Die maskenhafte Miene, mit der Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena betrachtete, war für Verena nur schwer zu durchblicken. Alles mögliche konnte Verena in den Gesichtsausdruck von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hineininterpretieren. Am Schluß jedoch nichts von einem übermäßig freundlichen Überschwang.

Die angenehmeren Worte, die Verena dafür in den Sinn kamen, waren solche wie "distanziert", "befremdet".

"Bitte!" ließ Verena hören. "Bitte! Ich muß schnell mal aufs Klo ..."

Unverzüglich, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger sich von seinem Drehstuhlpolster auf die Füße hochschwang. Auf seinen Füßen stand Herr Polizeihauptmeister Dischinger.

Zur grauen Bürotüre eilte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, öffnete diese.

"Herr Ernst, Frau Tümmel möchte aufs Klo!" informierte Herr Polizeihauptmeister Dischinger seinen Kollegen, Herrn Wachmann Ernst, der außerhalb auf der hölzernen Wartebank herumhockte. "Wenn Sie, Herr Ernst, Frau Tümmel zeigen würden, wo hier oben die Klos sind ... Dann begleiten Sie Frau Tümmel bitte wieder ohne größere Umwege hierher zurück, ja?"

"Ja, Herr Dischinger, wird gemacht!" hörte Verena Herrn Ernst.

"Lassen Sie sich ruhig Zeit, Frau Tümmel", meinte Kommissar Moinson zu Verena. "Spätestens in einer Viertelstunde, zwanzig Minuten sind Sie dann frisch hier drinnen wieder zurück. Unsere Unterhaltung ist noch nicht zu Ende, Frau Tümmel. Wir haben noch ein paar Kleinigkeiten miteinander zu bereden."

"Ja, Herr Kommissar!" Kopfnicken Verenas.

Unsicher, daß Verena sich auf die Beine erhob. Von den zusammengeschobenen, senkrecht gestellten Schreibtischen und ihrem Holzstuhl taumelte Verena nach der Seite weg wie eine Betrunkene.

 

 

Zurückgekehrt war Verena in das Zimmer mit der römischen Nummer "IV".

Die Bürotüre fiel hinter Verena ins Schloß, zugezogen von Herrn Ernst, dem Wachmann, Streifenpolizisten.

Herum wandte sich Verena, betrachtete die graugestrichene Fläche der Tür. Dann richtete sich Verenas Blick auf die weiße Uhr mit den schwarzen Zeigern.

Zwei Minuten nach drei Uhr am Nachmittag war es.

Wahnsinn, welche Sprünge die Zeit machen konnte.

 

Herr Ernst hatte sich darüber beklagt, daß Verena eine geschlagene Viertelstunde auf der Kloschüssel gehockt hätte. Also mußten es jetzt so sechzehn, siebzehn Minuten sein, die Verena gebraucht hatte, in diese obskure Räumlichkeit eines Büros im Hauptgebäude der Polizeiinspektion zurückzukehren.

Mit einem Seufzer drehte Verena sich auf dem Absatz herum, trippelte zu dem Holzstuhl im Ecken-, Kantenstil, plazierte ihr Hinterteil auf dem roten Sitzpolster.

Das brachte Verena in ihrer gegenwärtigen Situation mitnichten irgendwie weiter, daß Verena die erste war, die in die Büroräumlichkeit zurückgekehrt war. Weiterhin wußte Verena nichts Genaues darüber, wie es mit Verena weitergehen sollte. Und diese Information, die schien die herausragende dieses Tages für Verena zu sein.

Ob es für Verena heute noch mal nach Hause in die Wohnung ging, das war nämlich die Frage.

Inwiefern Verena ihre Wohnräumlichkeiten überhaupt jemals wiedersehen würde, das war die nächste, die Gewicht hatte. Schweres Gewicht.

Verena hatte da so einen Verdacht. Hegte diesen in ihrem Innern.

 

Das Lüftungsgeräusch der weiterhin eingeschalteten technischen Gerätschaften drängelte sich, weil Verena alleine blieb, Verena ins Bewußtsein.

Der Flachbildschirm bei Kommissar Moinson auf der Schreibtischepassage war momentan so hingedreht, daß Verena einen guten Blick auf die schwarze Bildschirmfläche hatte.

Unvermittelt hellte sich der dunkle Bildschirm Kommissar Moinsons auf, als hätte das mit Verena, der Betrachterin, zu tun.

Was für Verena durchaus im Bereich des Möglichen war. Steuerung mit Gedanken. Hätte Verena einen Impuls erwischt, hätte passend geschaut.

Ein installiertes Programm war Verena vorstellbar, eins, mit dessen Hilfe Verena vom Kopf bis zu den Füßen ununterbrochen einem Scannvorgang ausgesetzt war. Gewissermaßen die Gedanken Verenas, die durch das Rechnerprogramm ausgelesen wurden. In Worte übersetzt, in eine Grafik.

Ins Reich der Fabeln war derartiges nicht unbedingt zu verweisen, hatte Verena die richtigen Informationen.

 

Ein gelbes, handflächengroßes Rechteck einer Nachricht, das seitlich rechts am Schirm von unten hochkam.

Um die schwarze Schrift des Textes zu lesen, hätte Verena vom Stuhl aufstehen müssen, sich unmittelbarer vor den Schirm hinbegeben.

Schließlich verschwand die programmierte Einrichtung nach ein paar längeren Augenblicken wieder, indem sie hinabfuhr. Wie es jedenfalls für den Betrachter aussah.

Wahrscheinlich, daß das lediglich eine Bekanntmachung vom eingerichteten Rechnerschutz war, daß sich Dateien aktualiert hatten. Oder daß alles sich am aktuellen Stand befand.

Irgendwas in der Art.

 

Das am Schirm war nicht der Bildschirmhintergrund, ging es Verena auf.

Ein weißes Dokument mit schwarzen Schriftzeilen stand am Bildschirm offen. Wie unbeabsichtigt offengelassen.

Etwas, das für Verena schnell durchzulesen wäre, erhob Verena sich, begab sich direkter vor den Bildschirm.

Also möglicherweise kein absichtsloses Moment bei der Geschichte, daß da Text zu lesen wäre. Schließlich hatte Verena mit sich zu kämpfen, ob Verena sich nicht doch auf die Füße stellen sollte, vor den Flachbildschirm am Schreibtisch Kommissar Moinsons hinzutreten.

Das Problem dabei für Verena: Jede Sekunde, daß Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger in die Büroräumlichkeit zurückkehren konnten. Entdeckten die beiden polizeilichen Herrschaften Verena unmittelbar vor dem Rechnerschirm, die Hand an der "Maus", Verena, lustig, diese zu rühren - würde es Tatsache sein, daß dringend bei Verena nachgefragt wurde, was Verena denn da Schönes anstelle. Was Verena im Sinn hätte. "Was wollen Sie am Monitor, Frau Tümmel? Das System zum Absturz bringen ...?"

 

Nach rechts wandte sich Verenas Blick, der grauen, in die Raumwand eingelassenen Glasfläche zu.

Unter Umständen stand dort ein Beobachter im Nebenraum. Jemand, der Verena dabei zuschaute, was Verena eben alleine so anstellte. Verena, die sich alleingelassen und unbeobachtet wähnte.

Entweder Kommissar Moinson. Oder Herr Polizeihauptmeister Dischinger. Beide im Team.

Oder irgendwer, den Verena bis dato nicht zu Gesicht gekriegt hatte.

Mitarbeiter, die ihnen zur Verfügung standen, um von ihnen beauftragt zu werden, gab es im ganzen Polizeigebäude für Kommissar Moinson und Herrn Polizeihauptmeister Dischinger jede Menge.

 

 

Die Türklinke in Verenas Rücken wurde abrupt heruntergedrückt, die Tür hörbar aufgerissen.

Auf ihrem Holzstuhl, daß Verena vor Schreck heftig zusammenzuckte.

Unverzüglich, daß Verena sich am Sitzpolster ihres Stuhles umwenden mußte, denjenigen mit großen Augen anzugucken, der voll Ungestüm in die Räumlichkeit hereinstürmte.

"Eh, sind wir zurück vom Klo, Frau Tümmel?" Die Frage Kommissar Moinsons, der derjenige war, der als erstes den Büroraum betreten hatte. "Alles wieder klar dort?"

An der Seite Kommissar Moinsons, daß sich Herr Polizeihauptmeister Dischinger aufbaute, Herr Polizeihauptmeister Dischinger, mit der Miene eines gereizten, angenervten Mannes, der sich mit Dingen abgeben mußte, die in Wahrheit kein Mensch brauchte.

"Haben Sie's bemerkt, Frau Tümmel - ist's Ihnen bei Ihrer Rückkehr hierher aufgefallen?" erkundigte sich Kommissar Moinson bei Verena, Kommissar Moinson, der sich an Verena vorbei zu seinem Schreibtischplätzchen hinbegab. "Der Reinigungsdienst ist auch für fünf Minuten hier gewesen. Wieder alles bröselfrei. Der Plastikmüll entfernt, das Tablett mitgenommen. Können wir unsere nette Unterhaltung mit Ihnen in aller Ruhe in geordneten Verhältnissen fortsetzen. Ist das nicht herrlich, Frau Tümmel?"

"Pah-aff!" kommentierte Verena mit gedämpfter Stimme.

 

Das mit dem dauernden Starren auf Verenas Gesicht und Gestalt durch Kommissar Moinson und Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, das nahm für Verena langsam ein geradezu unerträgliches Ausmaß an.

"Also, Frau Tümmel ..." Kommissar Moinson, der unvermittelt losredete, Verena ansprach. "Das Geschehnis auf der Gildebrücke am Montag dieser Woche hier in der Stadt, das endete damit, daß zwei junge Männer in den Fluß stürzten und im Wasser ertranken. Tot wurden sie ans Flußufer geschwemmt. Das ist unwiderlegbare Realität. Während das letzte Woche, am Dienstag, als Sie, Frau Tümmel ... Auf Ihre Meldung hin wurde am Dienstag am Nachmittag die Gildebrücke von der Polizei beidseitig gesperrt. Feuerwehr- und Polizeiautos und alles bevölkerte die Brücke. Ohne daß irgendwas gewesen wäre, was das gerechtfertigt hätte. Nicht das geringste war. An diesem Dienstag und auch nicht die Tage drauf. Suchergebnis: gleich Null. Nicht eine einzige Meldung, daß irgendwo an den Ufern des Flusses Leichen junger Burschen aufgefunden worden wären. Es war nichts. Überhaupt nichts. Außer, daß Sie für Betrieb sorgten, Frau Tümmel."

Die Lippen hatte Verena fest aufeinandergepreßt. Die Röte spürte Verena, die Verena in die Wangen geschossen war.

"Aber, am Montag dieser Woche - da war es", setzte Kommissar Moinson fort. "Zweimal die gleiche Geschichte, Frau Tümmel. Das eine mal stimmt sie, das andere mal nicht. Die von Dienstag letzter Woche ist nicht wahr. Die am Montag dieser aber schon. Was sagen wir denn da nur dazu, Frau Tümmel?"

Verena schniefte.

"Zwei Ereignisse, die sich beide ungefähr gleich abspielen, haben wir hier", hielt Kommissar Moinson es für Verena nochmals fest. "Nur, das eine Ereignis, bei dem Sie mittendrinnen mit dabei waren, Frau Tümmel - bei dem, bei dem hapert es an der Realität der Vorkommnisse. So ziemlich."

"I-ich ...", schaffte Verena hervor.

"Welche Schlüsse ziehen wir nun daraus, Frau Tümmel?" Scharf blickte Kommissar Moinson Verena an. "Was sollen wir daraus schließen? Würden Sie mir bitte dazu etwas sagen."

"Wei-weiß nicht. Wa-as de-denn ...?"

 

"Es ist nicht das erste Mal, daß Sie Polizei verständigten beziehungsweise dafür sorgten, daß Polizei verständigt wurde, Frau Tümmel!" Mit dem Zeigefinger tippte Kommissar Moinson zweimal auf die Kante seines Schreibtisches. "Tatsächlich gibt es beinahe knapp einmal im Jahr ein solches Vorkommnis mit Ihnen. Hier in der Stadt. Oder in der Umgebung der Stadt. Im Laufe der Zeit, daß eine hübsche Sammlung zusammengekommen ist. Von Polizeibeamten dokumentiert. Nicht wahr, Herr Dischinger?"

"Ein hübscher Ordner ist das, Herr Moinson." Mit dem Kopf nickte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Kommissar Moinson hinüber. "Hat Gewicht. Die Blätter Papier ebenso wie die Datei am Rechner."

"Haben Sie das gehört, Frau Tümmel, Frau Verena Tümmel?" Die Augenbraue hatte Kommissar Moinson für Verena hochgezogen. "Haben Sie das gehört? Gehört, was für eine auffällige Person Sie im Grunde genommen sind, Frau Tümmel?"

Zum Davonlaufen fand Verena ihre Lage. Aber, Verena, die konnte sich nicht hochschaffen, Verena blieb an Ort und Stelle am Stuhl hocken.

Immer nur der eine Schluß für Verena: Floh Verena aus der Büroräumlichkeit im Polizeigebäude - wo landete Verena dann? In den Armen von Herrn Wachmann Ernst am Fenstergang draußen. Herr Ernst, der auf der Holzbank nur auf so eine Gelegenheit wartete. Für gröbere Geschichten mit Verena.

 

 

"Vor dem auf der Gildebrücke war das mit dem Drogeriemarkt." Groß guckte Kommissar Moinson Verena an.

"Ein Herr Herbert Rauch hat Mitte Oktober des letzten Jahres die Polizei verständigt", übernahm Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Daß ein Überfall wäre, hat Herr Herbert Rauch informiert. Der Drogeriemarkt in der Selbstraße, der eben überfallen würde. Ein Vermummter mit Pistole ... Ein Schuß wäre auch schon gefallen ... Eine Zwei-Mann-Streife war in der Nähe. Keiner der Beamten hatte es schießen gehört, was jedoch nichts heißen mußte. Beide Kollegen, als sie verständigt worden waren, sind hingelaufen, am Drogeriemarkt angekommen. Sie, Frau Tümmel, haben die Kollegen vorgefunden. Sie. Nur Sie. Wegen jenes Herrn Rauch. Wegen des beherzten Zugriffes von Herrn Rauch. Weil Herr Rauch Sie festgehalten hat. Davonmachen hätten Sie sich gern wollen, Frau Tümmel. Abgehauen wären Sie liebend gerne. Warum? Weil Herr Rauch - mit Ihnen an der Seite, Frau Tümmel - unbedingt am Schaufenster des Drogeriemarkts nachschauen hatte müssen, was im Drogeriemarkt los wäre. Da sieht Herr Rauch - wie Sie das sehen, Frau Tümmel - die Verkäuferin hinter der Kasse sitzen. Gerade bedient die Verkäuferin eine Kundin. Eine einzige Kundin. Niemand sonst drinnen, als wäre überhaupt nichts. Und es war tatsächlich auch nichts. Herr Rauch sagt zu Ihnen, Frau Tümmel, es wäre kein Überfall. Da würde kein Mensch den Drogeriemarkt überfallen. Daraufhin wollten Sie, Frau Tümmel, weglaufen. Einfach von Herrn Rauch abhauen. Das hat Herr Rauch allerdings zu verhindern gewußt, daß Sie weggerannt sind. Sie hat Herr Rauch eingefangen, Sie in den Schwitzkasten genommen. Sie, Frau Tümmel, hat Herr Rauch meinen Beamten übergeben - und keinen Räuber, der den Drogeriemarkt in der Selbstraße überfallen hätte. Sie waren schließlich auf der Inspektion hier, Frau Tümmel."

Verena, der die Tränen die Wangen hinunterliefen, schneuzte sich in das Papiertaschentuch, das sie aus ihrer Hosentasche herausgefingert hatte.

"Eine Anzeige gegen Sie hat es am sechzehnten Oktober letzten Jahres auch gegeben, Frau Tümmel", fügte Kommissar Moinson dem Gesagten hinzu. "Dafür, daß Sie grundlos dafür gesorgt haben, daß Polizeibeamte zu dem Drogeriemarkt kommen hatten müssen. Außerdem wegen groben Unfugs. Und der Erregung öffentlichen Ärgernisses. Ja, das reicht denn auch. Kann man was mit anfangen."

 

"Ja, erinner' mich", brachte Verena leise hervor. "Erinner' mich, daß ich nach dem beim Drogeriemarkt ein paarmal Post bekommen hab'. Ein paarmal mußte ich hierher ins Polizeigebäude kommen ..."

"Knapp zwei Monate später, Mitte Dezember, wurde Ihnen jedoch in einem amtlichen Schreiben hochoffiziell die Mitteilung gemacht, daß von der Anzeige gegen Sie offiziell wieder Abstand genommen würde."

"Ja. Ich konnt's nicht glauben."

Die Tatsache, daß die Anzeige gegen Verena Tümmel zurückgezogen wurde, die hatte bei Verena damals vor einem Jahr Mitte Dezember viele Fragen aufgeworfen hatte. Voll brachte Kommissar Moinson Verena das ins Bewußtsein zurück.

Bis zum heutigen Tag, daß sich das Rätsel, daß alle Fisimatenten, die mit dem im Drogeriemarkt in der Selbstraße zu tun hatten, für Verena plötzlich ein Ende nahmen, nicht aufgelöst hatte. Davon abgesehen, daß Verena die Gedanken daran verdrängte.

 

"Mann!" rief Herr Polizeihauptmeister Dischinger aus, mit dem Effekt des Abrupten, daß Verena ziemlich zusammenzuckte. "Das läßt sich nicht widerlegen. Das läßt sich alles nicht widerlegen. Das mit dem vermeintlichen Überfall auf den Drogeriemarkt in der Selbstraße war nicht das Ende der Fahnenstange war. Das, was ich vorhin wiedergegeben habe, damit hatte es sich nicht. Die Geschichte geht weiter. Sie hat eine Fortsetzung. Sie wissen, wovon ich spreche, Frau Tümmel?"

"Bit-te - i-ich ...", entfloh es Verena, hob ihre Handflächen wie zur Abwehr.

"Das ist die Wirklichkeit. Das kann als Tatsache nicht von der Hand gewiesen werden." Mit den Knöcheln seiner Hand boxte Herr Polizeihauptmeister Dischinger gegen den Schreibtischrand. "Menschenskind, Herr Moinson, ich könnte ...! Ich könnte diese Frauensperson da, ich könnte sie -! Wie so eine nur immer frei herumläuft ... So eine ... So eine ..."

"Herr Dischinger, das brauchen wir hier nicht", tadelte Kommissar Moinson Herrn Polizeihauptmeister Dischinger am anderen Schreibtisch. "Unterlassen Sie das bitte, so zu sprechen. Wir bewahren die Ruhe, ja? Erregung, aggressive Verhaltensweisen, so was, das hilft uns in dem Fall nicht weiter. Mir nicht, Ihnen nicht. Sparen Sie sich alles weitere Frau Tümmel gegenüber. Würde sagen, wir machen genauso weiter wie bisher. Wie besprochen. Wenn Sie das nicht bringen können, es nicht schaffen, sich zu zügeln, würde ich Sie bitten, Herr Dischinger, hier rauszugehen. Ich kann das mit Frau Tümmel hier gut auch alleine. Gut kann ich das auch allein."

"Jaja! In Ordnung." Die Handflächen präsentierte Herr Polizeihauptmeister Dischinger Kommissar Moinson. "Ich reg' mich ja schon ab ..."

"Na denn!" Der Blick Kommissar Moinsons hatte sich am Gesicht Herrn Polizeihauptmeister Dischingers festgesaugt. "Würd' ich auch sehr drum bitten! Anders wären Sie hier wirklich fehl am Platz. Unmittelbar."

 

 

"Elf Tage später, am siebenundzwanzigsten Oktober letzten Jahres", sprach Herr Polizeihauptmeister Dischinger mit monotoner Stimme in den Büroraum hinein, "war dann das. Dieses Ereignis. Eins, das sich nicht von der Hand weisen läßt. Es ist unbestreitbare, dokumentierte Realität. Also ... Die Zentrale hier in der Dienststelle erreichte ein Anruf, den Drogeriemarkt in der Selbstraße betreffend. Achtzehn Uhr dreiunddreißig, der genaue Zeitpunkt des Anrufs. Grund: ein Überfall. Ein Maskierter mit Pistole würde eben den Drogeriemarkt in der Selbstraße überfallen."

"Herr Dischinger, Frau Tümmel, hatte seine Kollegen von der Streife angewiesen, vermehrt ein Auge auf den Drogeriemarkt in der Selbstraße zu haben. Das hatte mit Ihnen zu tun, Frau Tümmel." Den Finger hatte Kommissar Moinson für Verena erhoben. "Muß erklären, daß das ein Schluß war, den Herr Dischinger hier wegen frührer Geschehnisse, bei denen Sie eine Rolle spielten, Frau Tümmel, gezogen hatte. Herr Dischinger wollte das alles jetzt ganz genau wissen. Sozusagen seine Gedanken bestätigen. Öfters als üblich am Tag haben Kollegen beim Drogeriemarkt in der Selbstraße vorbeigeschaut."

Kommissar Moinson guckte Verena an, als ob Verena einen Kommentar abgeben sollte. Bloß, Verena, die hielt ihren Mund geschlossen.

"Demnach, Frau Tümmel waren die Kollegen von der Streife nicht ganz zufällig in der unmittelbaren Umgebung des Drogeriemarktes, als etwas passierte. Als tatsächlich etwas passierte. Die Kollegen hatten es nicht sehr weit, zum Drogeriemarkt zu laufen, als ein Schuß gefallen war. Weithin im Umkreis war der Knall zu hören." Mit der Unterkante der Faust haute Kommissar Dischinger auf die Tischfläche.

 

"O ja, Frau Tümmel, o ja ..." beendete Kommissar Moinson das Schweigen zwischen den Anwesenden in der Büroräumlichkeit im Polizeigebäude. Mit dem Zeigefinger deutete Kommissar Moinson auf den Flachbildschirm, den er vor sich hatte. "Steht alles auch bei mir in dem Protokoll, den Herrn Dischingers Kollegen am Ort am siebenundzwanzigsten Oktober verfaßt haben. Das, was Sie, Frau Tümmel, elf Tage zuvor, am sechzehnten Oktober, gesehen, gesehen zu haben glaubten, um die Polizei zu rufen, das steht auf dem anderen Protokoll. Muß ich nur groß machen."

Verena blinzelte Kommissar Moinson traurig ins Gesicht.

"Meine Kollegen waren im Nu beim Drogeriemarkt angekommen", war Herr Polizeihauptmeister Dischinger wieder derjenige, der übernahm. "Im gleichen Moment wurde die gläserne Ein-, Ausgangstüre des Marktes aufgerissen. Ein Mann ist aus dem Drogeriemarkt herausgestürmt. Eine schwarze Haube, in die Sehschlitze hineingeschnitten waren, hatte er sich übers Gesicht heruntergezogen. In der einen Hand hatte der Räuber eine Plastiktüte, in der anderen die Waffe. Mit ihren hochgehaltenen Pistolen haben die Kollegen den Verbrecher angerufen, er soll stehenbleiben, die Hände hochnehmen. Unser Mann hat die Situation sofort verstanden, Schußwaffe und Tüte weggeworfen, die Hände gehoben. Denke, hätte ich an seiner Stelle nicht anders gemacht. Hatte schließlich nur ein echt aussehendes Pistolenimitat, der Fritze, schußbereit mit drei Platzpatronen. Höchstens Selbstmord hätte er begehen können."

 

"Wieder ein Erfolg für die örtliche Polizei hier. Ein weiterer Verbrecher, auf frischer Tat ertappt."

Die Mundwinkel herabgezogen, nickte Kommissar Moinson lobend zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hinüber.

"Ohne Herrn Dischinger, der mir am anderen Schreibtisch hier gegenübersitzt, hätte es die Festnahme wahrscheinlich so nicht gegeben. Hätte Herr Dischinger die Kollegen von der Streife nicht angewiesen, ein vermehrtes Auge auf diesen bestimmten Drogeriemarkt zu haben - vielleicht wäre der Räuber mit dem Geld aus der Kasse des Drogeriemarkts unerkannt getürmt. Und das, Frau Tümmel, hat Herr Dischinger nur getan, weil Herr Dischinger sich nach dem sechzehnten Oktober sicher war. Sicher war Herr Dischinger sich, daß sich die Tage nach dem sechzehnten Oktober in dem Drogeriemarkt in der Selbstraße wirklich etwas abspielen würde. Und Herr Dischinger hat sich nicht darin getäuscht. Auch wenn es ganze elf Tage gedauert hat, bis sich das von Herrn Dischinger Erwartete tatsächlich ereignet hat. Was sagen Sie, Frau Tümmel? Sagen Sie was? Fällt Ihnen dazu etwas zu sagen ein?"

An Kommissar Moinson starrte Verena vorbei.

 

 

"Will Ihnen nun das auseinandersetzen, Frau Tümmel, weshalb ich hier in die Stadt gekommen bin, mir gestern extra ein Zimmer hier im Städtchen genommen habe", meinte Kommissar Moinson, der die Wasserflasche, aus der er mehrere Schlucke getrunken hatte, zuschraubte, zu Verena. "Es hat - zweieinhalb Jahre ist das heute schon wieder her - aus Berlin so ein kleines Rundschreiben gegeben. Per e-Mail in sämtliche Städte mit Polizei verschickt. Praktisch an jede Polizeistation, auf jede Wache, für jedes Revier. In dem Schreiben wird jeder leitende Polizeiangestellte, Wachleiter, Kommissar und so weiter, aufgefordert, nach Berlin Dinge zu melden, die den Beamten während ihrer tagtäglichen Arbeit so unterkommen, untergekommen sind - und gewissermaßen nicht mit normalem, gesundem Menschenverstand zu erklären sind oder waren."

"Gibt's das?" entfuhr es Verena.

"Warum soll's das nicht geben?" stellte Kommissar Moinson die Gegenfrage.

"Gibt's keine anderen Probleme auf der Welt?" schaffte Verena launig hervor. "Müßte man der Welt mal sagen, das ... Das, daß ..."

 

"Hm, Frau Tümmel ..." Hinten am kahlen Kopf kratzte Kommissar Moinson sich. "Soviel Aufmerksamkeit hat dieses Schreiben in der breiten Öffentlichkeit bis heute nicht erregt. Beinah' würd' ich sagen, gar keins. Gar keins, seit's draußen ist. Nicht, daß ich wüßte. Weiß von nichts aus Presse, Funk, Fernsehen. Nichts aus dem Internet. Niemanden interessiert's."

Zu Kommissar Moinson blinzelte Verena hin.

"Nun ja, Frau Tümmel, denken können Sie von mir aus darüber, was Sie wollen." Die Schulter zuckte Kommissar Moinson. "Herr Dischinger hier hat dieses Anschreiben jedenfalls aufmerksam durchgelesen. Hat sich den Inhalt gemerkt. Und als das Protokoll - das mit dem ersten Geschehnis in der Selbstraße, bei dem Sie mittendrinnen dabei waren, Frau Tümmel - Herrn Dischinger auf dem Tisch gelegen war, hat Herr Dischinger sich so seine Gedanken gemacht. Mit der Folge, daß Herr Dischinger eine e-Mail geschrieben hat. Nach Berlin. Mit dem Protokoll der Kollegen, was die Geschichte mit dem Drogeriemarkt angeht, im Anhang. Außerdem ausführliche Protokoll-Abhandlungen, ein paar weitere Geschichten betreffend, die sich die vergangenen Jahre mit Ihnen, Frau Tümmel, hier in der Gegend abgespielt haben. Und, stellen Sie sich vor, Frau Tümmel - ich habe das e-Mail-Anschreiben durch Herrn Dischinger ein gutes Ding gefunden, damals, nachdem ich es aufmachte und alles durchlas. Das nächste war, daß ich mich mit Herrn Dischinger in Verbindung gesetzt habe. Und, nachdem dann der Überfall auf den Drogeriemarkt in der Selbstraße tatsächlich Realität geworden war, da waren Sie und alles frühere mit Ihnen, Frau Tümmel, nur noch um so interessanter."

"Wirklich nicht zu fassen!" rief Verena aus. Auf Kommissar Moinson stierte Verena, verzweifelt und wild.

 

"Sie haben meinen Ausweis gesehen, Frau Tümmel. Ich habe mich Ihnen vorgestellt." Den hochgerecktem Zeigefinger pendelte Kommissar Moinson zweimal hin und her. "Ich bin Kommissar. In Diensten des LKA. Beamter zur besonderen Verwendung. Ich bin Mitarbeiter der Soko Para.

"'So-ko Pa-ra' ...", wiederholte Verena abgehackt jede Silbe, schüttelte den Kopf. "'ne 'Soko Pa-ra' - gibt's das ...?"

"Ja, 'Soko Para', die gibt's - was dagegen?" fuhr Kommissar Moinson Verena unvermittelt regelrecht an. "Wie der Name 'Para' aussagt, untersucht die Soko Para sogenannte paranormale Fälle. Wovon ich spreche, liebe Frau Tümmel: Allem mit einem möglichen derartigen Hintergrund gehen wir hinterher. Das heißt, wir nehmen uns bestimmte Geschichten, Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart vor, in denen von der Polizei ermittelt wurde. Alles, was irgendwie komisch, undurchsichtig, übernatürlich ausgesehen hat oder aussieht, daß man damit als gewöhnlicher Ermittlungsbeamter nicht richtig zurechtgekommen ist, war, nehmen wir uns noch mal eingehend vor. Wenn wir davon Meldung erhalten, kümmern wir uns noch mal eingehend darum. Versuchen, die Geschichte noch mal auszuleuchten."

"Ah - ja?" Kopfschütteln Verenas.

"Was denn?" erkundigte sich Kommissar Moinson bei Verena. "Was ist denn? Dürfen wir das etwa nicht, einer scheinbar schauderhaften Sache, die sich noch nicht restlos erklärt hat, noch mal hinterhergehen? Was stört Sie denn daran, Frau Tümmel? Was stört Sie denn daran? Was denn? Vielleicht stört Sie am meisten nur das, daß wir dabei auf Sie gestoßen sind! Auf Sie, Frau Tümmel!"

 

Wie Herr Polizeihauptmeister Dischinger sie, Verena, anguckte, guckte jemand eine Mißgeburt an.

Oder so ein komisches Insekt, das ihm zufällig untergekommen war. Eins, das er am liebsten auf der Stelle mit irgendwas in der Hand erschlagen oder zwischen den Fingern zerdrückt hätte.

Bloß, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger das nicht unmittelbar so tun durfte, weil das für Herrn Polizeihauptmeister Dischinger angesichts der Gegenwart von Kommissar Moinson nicht großartig angesagt war.

Wäre Kommissar Moinson jedoch nicht anwesend - und wichtig für Herrn Polizeihauptmeister Dischinger gewesen -, möglicherweise, daß sich gerade nicht viel Erfreuliches bei und mit Herrn Polizeihauptmeister Dischinger abgespielt hätte, was Verena Tümmel und Verena Tümmels Gesundheit anging.

 

Mit zittriger Hand beschäftigte Verena sich damit, sich mit ihrem papiernen Taschentuch Wange, Stirn und Nase herzuwischen. Tunlichst, daß Verena es dabei vermied, Kommissar Moinson oder Herrn Polizeihauptmeister Dischinger anzusehen.

"Sprichwörtlich könnte man sagen, was Sie angeht, Frau Tümmel: Treffer versenkt. Nach dem Drogeriemarktereignis habe ich mit Herrn Polizeihauptmeister Dischinger mir gegenüber erst mal Stillschweigen vereinbart. Außerdem das, daß Sie noch eine Zeitlang in Ruhe gelassen und beobachtet werden." Ein befreundetes Kopfnicken von Herrn Kommissar Moinson zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hinüber. "Auf das nächste Ereignis mit Ihnen, Frau Tümmel, wollten wir warten, Herr Dischinger und ich." Mit der Zeigefingerspitze klopfte Kommissar Moinson dreimal auf die Schreibtischkante. "Zwar haben Herr Dischinger und ich darauf bald ein dreivierteltes Jahr warten müssen. Aber, das Warten hat sich gelohnt. Hat sich wirklich gelohnt. Am Montag dieser Woche war das mit den Jugendlichen auf der Gildebrücke hier in der Stadt. Den zwei, die von der Brücke abstürzten. Die Wirklichkeit jenes Vorkommnisses, das Sie, Frau Tümmel, am Dienstag letzter Woche vorhergesehen haben. Beinahe in allen Einzelheiten. Eine große Sache. Eine ganz, ganz große. Wie die Dinge überhaupt immer größer werden, bei Ihnen, Frau Tümmel, in der letzten Zeit. Würde fast sagen, man könnte das Ganze mit Frau Verena Tümmel in den Nachrichten bringen ..."

 

Die Unterlippe, die Verena sich voll innerer Unruhe herkaute.

Wenn Verena die richtigen Schlüsse zog, den Tatsachen scharf ins Auge blickte, konnte es für Verena gut möglich sein, daß Verena den Abend nicht in ihrer Stadtwohnung, sondern in der Klatsche der unmittelbaren Umgebung des Städtchens verlebte.

Verena Tümmel, die in die "Irre" einfuhr. Eine Reise in die örtliche Irrenanstalt machte. Auf unabsehbare Zeit ins Bezirksklinikum.

Wo alle hinreisten, die das Pech hatten, auffällig zu werden.

Finden konnte man bei psychiatrischen Sitzungen am Schluß bei jedem irgendwas. Immer und zu jeder Zeit. Wenn man wollte. Bis hin zur Gemeingefährlichkeit.

Und das bei Frau Verena Tümmel. Das, mit dem Frau Verena Tümmel momentan ins hellste Licht der Aufmerksamkeit geraten war - gesund war das nicht, mit so was entdeckt zu werden. Höchstwahrscheinlich, daß sich das als unheimlich schwierig für Frau Verena Tümmel herausstellte, von hinter der hohen Mauer aus der Klinikparkanlage rauszukommen.

 

 

"Wirklich, Frau Tümmel, ein Riesending, das, daß Sie letzte Woche am Dienstag gemeldet haben, daß etwas auf der Gildebrücke los sein sollte. Was dann nicht war. Nicht das bißchen. Dann aber - am Montag die Woche drauf - Wirklichkeit wurde. Wirklich ist es geworden. Es ist geschehen. Wahnsinn. Wahnsinn."

Mit großen Augen schaute Kommissar Moinson Verena an.

"Als ich den Text von Herrn Dischinger hier - Herrn Polizeihauptmeister Dischinger - am Schirm gelesen habe, der aussagte, daß in dem Fall die Wirklichkeit eingetreten ist - mußte ich das auf der Stelle noch mal lesen. Gestern hatte ich mich von allem losgeeist, bin aus Berlin abgereist. Um Sie so schnell wie möglich zu sehen, Frau Tümmel. Mich mit Ihnen von Auge zu Auge zu unterhalten. Ihnen in die Augen zu sehen."

Heiß liefen Verena die Tränen nur so die Wangen hinab. Die Welt, ein einziger Schrecken für Verena. Kommissar Moinson, Horror in Potenz.

 

"Sie haben Gesichte, Frau Tümmel." Starr glotzte Kommissar Moinson seltsam auf Verena. "Sie sehen Dinge als Realität, Frau Tümmel, Dinge, die sich jedoch erst Tage später tatsächlich ereignen. Erst ein paar Tage drauf, daß sie sich vergleichbar in der Art abspielen. Die Dinge, die Sie bereits als Wirklichkeit gesehen haben."

Ein Schniefgeräusch, das Verena vernehmen ließ.

"Fast könnte man sogar sagen, Frau Tümmel, Sie sind dort, wo ein Unglück stattfinden wird."

Beide Augenbrauen hatte Kommissar Moinson hochgezogen, riß die Augen weit auf.

"Sind Sie an einem solchen Ort eingetroffen, wo ein Unglück passieren wird, werden die Szenen Ihnen unmittelbar real. Szenen, die sich jedoch erst in nächster Zukunft tatsächlich abspielen werden. Ah, was ich gerne wissen möchte, Frau Tümmel: Sie sind in einer Szene gefangen, nicht wahr? Jedesmal dauert es eine Weile, bis Sie aus den Eindrücken vor ihren Augen zu sich kommen ... Wie ist das dann, Frau Tümmel, wenn Sie feststellen, daß etwas, das Sie für Wirklichkeit gehalten haben, nicht Wirklichkeit ist?"

"Wie ich mi-ich dann fühle, wenn ... - wol-len Sie von mir wissen?" Am liebsten hätte Verena, obwohl ihr das Tränennaß nur so herunterlief, lauthals losgelacht. "Was denken Sie? Zum Davonlaufen. Zum Davonlaufen, fühle ich mich. Ich fühle mich dann, ich könnte davonlaufen ..."

"Das tun Sie ja auch, Frau Tümmel, davonlaufen." Die Stirn gerunzelt, linste Kommissar Moinson Verena ins Gesicht. "Das heißt, wenn man Sie davonlaufen läßt ... Wenn man es zuläßt, daß Sie davonlaufen."

 

"Ja, was denken Sie denn?" entfloh es Verena voller Erregung. "Daß das angenehm ist, mittendrinnen zwischen Leuten zu stehen - wenn sie anfangen, dich komisch anzugucken? Ich seh' das doch dann an denen ihren Augen, daß sie beginnen, sich zu fragen. Sich Fragen zu stellen, was mich angeht. Wenn sie mich für plemplem halten. Eine Spinnerin. Da war überhaupt nicht das, was ich zu ihnen gesagt hab', daß sein sollte. Nichts, das war. Nicht irgendwas. Und ich bin die, die hat dafür gesorgt, daß Polizei kommt, die Feuerwehr ... Für nichts ist Polizei da. Die Feuerwehr. Aber, was soll ich vorher dagegen tun? Ich bin wie drinnen gefangen, in dem Bild gefangen. In dem, was ich gesehen habe. Ich kann das doch nicht, einfach so weggehen. So tun, als wäre nichts. Wenn vor meinen Augen etwas ist. Wenn gerade ein Unglück passiert. Kann doch nicht so tun, als ob ich nichts sehen würd', nichts mitbekäme, wenn ... Wenn ..."

"Sehr lobenswert von Ihnen, Frau Tümmel. Wirklich, sehr lobenswert. Tatsache." Die Mundwinkel hatte Kommissar Moinson herabgezogen, nickte mehrfach mit dem Kopf. "Das gereicht Ihnen wirklich zu aller Ehre, Frau Tümmel. Muß ich schon sagen. Muß wirklich eine Sache sein, wenn Sie zu sich kommen, aus dem Gesicht und der Aufregung aufwachen. Und wenn Sie feststellen, daß eigentlich nichts um Sie her wirklich so ist, wie Sie das als zuvor noch als die Wirklichkeit wahrgenommen hatten."

"Ja!" Blinzelnd, ihr Papiertaschentuch vor dem Mund, beguckte Verena sich Kommissar Moinson.

 

"Nun, Frau Tümmel ...?"

Der auffordernde Blick Kommissar Moinsons, sie solle irgendwas reden, lastete schwer auf Verena. Bockig preßte Verena ihre Lippen fest aufeinander, schwieg.

Ausgiebig beschäftigte Verena sich damit, sich mit dem papiernen Taschentuch in der Hand die Wangen, Stirn und unter den Augen zu wischen. Dasselbe wieder von vorne.

"Hm, es dauert eine geraume Weile, bis die Realität des Gesichts, der Vision Sie verläßt ...", verlangte Kommissar Moinson die Wiederholungsschiene, beharrte auf seinem Thema. "Sie haben vorhin ein bißchen etwas davon anklingen lassen, Frau Tümmel, wie Sie sich fühlen, wenn Sie zu sich kommen, aus einer Szene erwachen. Das bemerken müssen, daß Sie ..."

"Ich ka-kann da-as nur wie-wiederholen: Es ist schreck-schrecklich!" Verena schluchzte. "Ich bin mir des Gesehenen und des Geschehens so sicher gewesen. Mittendrinnen komme ich nicht auf den Gedanken, daß es nicht real sein könnte, was ist, wissen Sie. Bis ich dann ... Die Augen der Leute sind plötzlich andere ... Plötzlich werd' ich von Leuten mit einem anderen Blick wie noch vor ein paar Augenblicken angesehen. Komisch wird man zu mir. Da fängt's mir zu dämmern an. Zu dämmern, daß ... Daß wieder ... Daß ich wieder ..."

 

"Tja, schlimm, Frau Tümmel. Alles schon schlimm."

"Ja! Letzte Wo-che auf der Gildebrücke - da-as wa-war schli-imm ..." Der Blick Verenas, deren Augen zuvor einen Punkt am Uniformjackett Kommissar Moinsons fixiert hatten, huschte für ein Sekündchen über Kommissar Moinsons Gesicht. "Oder am Drogeriemarkt, da sagt der Mann dann zu mir: 'Hab' ich mir doch gedacht, daß da kein Schuß war, Sie -! Hab' ich mir doch gedacht, daß ich keinen gehört hab'. Sie wollen mich verarschen, was? Wollen sich wichtig machen, was? So eine sind Sie, was? Bleiben Sie ja da, Sie -! Sie -!' Oder das, was der Busfahrer da ... Der bei der Beethoven-Schule da an der Haltestelle ... Der hat sich herabgebeugt, unter den Bus zu schauen. Stellt sich wieder auf die Füße. Mich schaut er an wie ein Irrer. An schreit mich der Mann: 'Sie blödes Drecksstück, Sie. Da ist kein Kind unterm Bus, Sie Stück Scheiße. Da ist kein Kind. Ich hab' kein Kind umgefahren, Sie Drecksstück. Ich nicht. Komm her, du dreckige Hure - schau selber drunter. Schau selber drunter, du Stück Scheiße, ob ich ein Kind umgefahrn hab' ... Schau nach, ob da ein Kind drunter ist. Ist da ein Kind drunter? Ich seh' keins.' Der Schlag hätte mich fast getroffen, als mir das schlagartig klar wurde, daß ... Daß ich wieder ... Daß ich wie-der ... Geschüttelt hat mich der Busfahrer, mich gestoßen. Am Boden bin ich gelegen, der Mann, der den Schulbus fährt, schlägt auf mich herab, tritt auf mich ein ..."

 

 

"O ja, Frau Tümmel ..." Kopfnicken Kommissar Moinsons. "Auch über diesen der Polizei gemeldeten Vorfall am Parkplatz des Beethoven-Gymnasiums weiß ich Bescheid. Habe sämtliche darüber verfertigten Protokolle gelesen. Auch das hat Herr Dischinger mir auf meinen Computer geschickt."

"Da-das wa-war schli-schlimm, da-das mit dem Bus-fah-fah-rer ...", stotterte Verena. "Wirk-wirklich schlimm. Ein schlimmes Erlebnis."

"Weiß nicht, wie ich mich in der Situation verhalten hätte, wäre ich der Busfahrer gewesen", meinte Herr Polizeihauptmeister Dischinger distanziert, kühl. "Wenn ich mir vorstelle, daß jemand von draußen - zu mir als Busfahrer auf meinem Sitz hinter dem Lenkrad - hereinruft, ich hätte eben im Moment ein Kind über den Haufen gefahren ..."

Laut, daß Verena aufschluchzte.

"Der Busfahrer, der aussteigen und nachsehen hatte müssen, hat schließlich total durchgedreht", setzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger fort. "Der Mann hat Frau Tümmel gepackt, hergeschüttelt, ihr die Beine weggetreten. Am Boden ist Frau Tümmel gesessen - hat der Busfahrer sie aufgefordert, noch mal ganz genau unter dem Bus nachzusehen. Ob sie unter dem Bus ein überfahrenes Kind daliegen sehen würde. Dann hat der Busfahrer angefangen, auf Frau Tümmel einzutreten. Zum Glück sind zwei Lehrer des Beethoven-Gymnasiums dazugekommen gewesen. Die beiden Lehrer sind dazwischengegangen, haben verhindert, daß Frau Tümmel was Schlimmeres passiert ist. Sonst hätte der Busfahrer Frau Tümmel wahrscheinlich krankenhausreif getreten. Oder sogar Schlimmeres mit Frau Tümmel gemacht."

"Es wa-war al-les so kla-klar, wa-was ich ge-se-hen hat-te ..." Voll am Flennen war Verena; der Rotz lief bei Verena. In ihr papiernes Taschentuch schneuzte Verena sich. "I-ich ... I-ich ..."

"Außer einem blutigen Näschen, ein paar Prellungen und blaue Flecken hat Frau Tümmel trotz der Treterei des Busfahrers nichts abgekriegt", hörte Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger resümieren. "Die Anzeige des Busfahrers gegen Frau Tümmel wurde die folgenden Wochen drauf zurückgezogen. Auch die des Busunternehmens. Als Grund für den Rückzug der Anzeige hat der Anwalt des Busfahrers angegeben, daß 'sein Mandant und sein Umfeld mit seinen Verhaltensweisen gegenüber Frau Tümmel nicht mehr glücklich' wären. Tja, haben auch die Ereignisse mit was zu tun, die sich eine Woche drauf abspielten. An gleicher Stelle. Mit demselben Busfahrer ..."

"Tja ..." Das Kinn rieb Kommissar Moinson sich her, während er großzügig Verena zunickte. "Eine Woche drauf ... Eine Woche drauf, Frau Tümmel ... Eine Woche drauf ..."

 

"Die da, SIE hatte das Unglück vorhergesehen, Herr Moinson", ließ sich Herr Polizeihauptmeister Dischinger fast wie atemlos vernehmen. "Die Woche drauf, am Donnerstag, daß es wirklich war. Also, die Busse haben die Schulkinder wie üblich nach Schulschluß an ihren gewöhnlichen Haltestellen abgeholt. Der gleiche Busfahrer am gleichen Halteplatz ... Anke Klaus, dreizehn Jahre, hatte drüben bei den Autoparkplätzen mit Freundinnen geschwatzt, Freundinnen, die mit dem Auto geholt wurden. Plötzlich hatte Anke, die Dreizehnjährige, bemerkt, daß der eigene Bus, mit dem sie mit heimfahren sollte, wollte, lange da war. Die letzten, die eben am Einsteigen waren. Beeilte sie sich nicht sofort, würde der Bus ohne sie abfahren ... Also mußte Anke von den Parkplätzen auf der gegenüberliegenden Straßenseite losrennen. Rüber über die Straße. Um dann ... Unglückliche Umstände waren das. Vom Bus wurde Anke umgefahren. Der Busfahrer war kurz vor dem Anfahren vom zänkischen Gekreisch zweier Mädchen abgelenkt gewesen, hatte von der Dreizehnjährigen im toten Winkel seines Busses nur etwas mitbekommen, weil er zufällig meinte, es hätte vorn irgendwie etwas gegeben. Einen seltsamen Schlag. Angehalten hat der Busfahrer schnell mal, ist ausgestiegen. Unter seinem Bus ist Anke, die Dreizehnjährige, gelegen. Ein schreckliches Unglück."

"Für den Busfahrer eine ernste Angelegenheit, Frau Tümmel." Den Finger, den Kommissar Moinson für Verena hob.

"Anke Klaus, die Dreizehnjährige, hatte schwere Verletzungen davongetragen", übernahm Polizeihauptmeister Dischinger wieder seinen Sprechpart. "Tage hat das Mädchen im Krankenhaus mit dem Tod gekämpft. Bis es wieder besser mit Anke wurde. Das reinste Glück, daß die Kleine das überlebt hat. Auf alle Fälle war der Busfahrer seinen Job los. Dazu hatte er jede Menge Ärger am Hals. Obwohl die Dreizehnjährige mit dem Leben davongekommen ist. Weil, er, der Busfahrer, mußte besser achtgeben, konnte sich nicht einfach ablenken lassen. Dann losfahren, ohne groß umzugucken ..."

 

"Was sollen wir nur zu allem sagen, Frau Tümmel, Herr Dischinger und ich?" sprach Kommissar Moinson Verena an. "Mich wundert das eigentlich nicht, daß der Busfahrer seine Anzeige gegen Sie zurückgezogen hat. Aber Sie, Frau Tümmel, jetzt hätten Sie zum Gegenschlag ausholen können, den anzeigen ..."

Den Verschluß der Wasserflasche am Tisch beschaute sich Verena intensiv.

"In dem Protokoll, das die Kollegen Remke und Heinders damals, nachdem die Szene zwischen Ihnen, Frau Tümmel, und dem Busfahrer war, mit Ihnen hier im Gebäude verfertigt haben, steht zu lesen, daß das mit Ihren unvermittelten, lebhaften Visionen nach dem Unfalltod Ihres Sohnes und Ihres Ehemannes angefangen hat ..." Mit gerunzelter Stirn betrachtete Kommissar Moinson Verena.

Als hätte sie irgendwelche Schmerzen, stöhnte Verena.

"In dem Protokoll steht des weiteren, daß Sie, Frau Tümmel, sagten, daß Sie das mit dem Unfalltod Ihres Ehemannes und ihres Sohnes noch anders wahrgenommen hätten." Die Augenbraue hatte Kommissar Moinson hochgezogen, las am Rechnerschirm Zeilen. "Eher als Traumbild im Schlaf. Als bösen Traum, der schließlich zur Realität geworden sei. Im Morgengrauen seien Sie immer aus ihrem Alptraum aufgewacht, hätten gekreischt und geflennt, Dinge aufgeführt. Ihr Ehemann neben Ihnen im Ehebett, der habe gegen die Aufregung bei Ihnen erst mal nicht viel tun können ..."

"Ja-a ..." Kopfnicken Verenas.

"Genau, Frau Tümmel!" Ein Nicker mit dem Kopf Kommissar Moinsons. "Eher eine von Ihnen geträumte Vorausahnung war das. Das sagten Sie gegenüber unseren Kollegen Remke und Heinders. Das änderte sich dann aber ... Nach dem Ableben Ihres Mannes und Ihres Sohnes hatten Sie keine großartig nennenswerten Träume mehr. Nichts mehr dergleichen. Dafür stellten sich bei Ihnen bildhafte, unmittelbare Gesichte ein. Visionen des Augenblicks von Unglücken. Wenn Sie in der Stadt oder an anderen Orten unterwegs waren, blickten Sie irgendwann plötzlich Szenen, Szenen, die Sie für real hielten, die jedoch alles andere als real waren, wenn Sie zu sich kamen, aus ihnen erwachten. Bloß, daß das, was Sie gesehen hatten, stellten Sie, Frau Tümmel, fest, Tage später tatsächlich zur Realität wurde. Sagen Sie was, Frau Tümmel. Reden Sie mit mir."

"Nein!" zischte Verena. "Ich will Ihnen nichts sagen. Nicht mit Ihnen reden. Am liebsten würde ich hier fortgehen. Bitte, lassen Sie mich nach Hause gehen."

 

 

"Den Kollegen Remke und Heinders haben Sie damals ziemlich detailliert erzählt, Frau Tümmel", kehrte Verena die Stimme von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger zurück, "wie das war, als Sie die allererste Ihrer Visionen hatten ... Es war Samstag, Wochenende. Sie waren mit dem Fahrrad unterwegs. Einfach nur so sind Sie wegen dem schönen Wetter von Zuhause aufgebrochen, sind mit dem Frauengangrad durch die Gegend geradelt. Dabei sind Sie in Pleithen, einem kleinen Dörfchen hier in der Umgebung, an einem Garten vorübergeradelt. Dort, in dem großen Garten, befand sich ein hoher Kirschbaum. An diesen Kirschbaum war eine lange Metalleiter angelehnt. Auf der Leiter stand ein Mann oben. Kaum, daß sie den Mann ein paar Momente gesehen hatten, ist der Mann abgestürzt. So zur Seite, daß Sie den Sturz durchs Geäst nicht genau verfolgen haben können. Sie meinten allerdings, Sie würden einen dumpfen Aufprall vernehmen. Dann aber nichts mehr."

"Habe den Mann ganz deutlich sehr hoch auf der Leiter oben am Baum gesehen", schaffte Verena niedergeschlagen hervor. "Seitlich ist er gekippt, rein zwischen die Äste. Wie ein nasser, schwerer Sack. Abgestürzt. Bestimmt ein Herzanfall, war meine Vermutung. Weil - ich habe keinen Hilfeschrei von ihm gehört, nichts. Ich ... - hören Sie -, ich ... Ich bitte Sie ..."

"Ist doch alles gut, Frau Tümmel", versuchte Kommissar Moinson einen beruhigenden Tonfall. "Nur die Ruhe. Ich bin ja da."

"Ja ...?"

"Ja!"

"Der dicke Mann auf der Leiter ..." Wild schaute Verena, die die Szene mit dem Mann auf der Leiter in einem Moment vor ihrem geistigen Auge ablaufen sah, Kommissar Moinson ins Gesicht. "In allen Einzelheiten kann ich alles in meiner Erinnerung sehen. Auch heute noch. Alles ganz klar. Als wär's erst vorhin oder gestern gewesen ... Überhaupt hab' ich viele klare, deutliche Bilder in meinem Kopf ... Von allem, was ich gesehen hab'."

"Nun, Frau Tümmel, mich stört das nicht", meinte Kommissar Moinson. "Überhaupt nicht stört mich das."

 

 

Ein paar Schlucke Wasser hatte Verena aus der Mineralwasserflasche trinken müssen.

Zittrig stellte Verena die zugeschraubte Glasflasche vor sich auf den Schreibtischrand.

Ein Kopfnicker Kommissar Moinsons zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hinüber.

"Um diese Geschichte von Ihnen fortzusetzen, Frau Tümmel ...", nahm Herr Polizeihauptmeister Dischinger wieder seine Rolle. "Auf der Straße sind Sie mit Ihrem Fahrrad herumgestanden. Weil Sie nichts weiter gehört und gesehen haben, haben Sie sich gedacht, Sie müßten was unternehmen. Ja, Sie dachten, so einfach könnten Sie sich das nicht machen, in die Pedale zu treten, wegzuradeln, als wäre nichts gewesen. An den Gartenzaun haben Sie Ihr Fahrrad gelehnt. Die Gartentüre haben Sie aufgezogen. Den Aufweg sind Sie zum Haus gerannt. An der Haustüre haben Sie geläutet. Die Dame des Hauses hat Ihnen die Tür geöffnet. Der Frau haben Sie atemlos alles berichtet, was Sie glaubten, die Augenblicke zuvor in allen Einzelheiten gesehen zu haben. Dann ist der Hausherr plötzlich drinnen am Flur aufgetaucht. Den Kopf hat der Mann geschüttelt, gemeint, daß er erst nächste Woche daran denke, auf den Kirschbaum zu steigen. Die Kirschen bräuchten noch ein bißchen Sonne. Erst nächste Woche, nächste Woche, da wären die Kirschen richtig reif."

"I-ich hab' gedacht, wo-wo bin i-ich denn? Ich spinne doch nicht." Bei sich beguckte Verena die Handfläche der linken Hand. "Wenn ni-nicht der, ei-einer muß vo-vom Baum ge-gefallen sei-sein. Meinte der Mann der Frau, es könnte höchstens jemand aus der Nachbarschaft auf dem Kirschbaum oben gewesen sein. Wenn einer der Buben mit der Leiter auf den Baum rauf ist, abgestürzt. Nachgesehen werden müßte auf alle Fälle. Liegen lassen könnte man niemanden. Nur weil er sich an ein paar Kirschen vergriffen hat. Der Krankenwagen müßte gerufen werden, wenn jemand dort am Boden lag. Zu dritt sind wir zu dem Kirschbaum gelaufen ..."

"Kein Mensch war aber dort beim Baum!" brachte Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Tatsache für Verena auf den Punkt. "Als Sie mit dem Hausherrn und seiner Frau um den Kirschbaum herumschritten, war dort immer noch kein Mensch. Niemand. Und eine Leiter war auch nicht drangelehnt, an den Kirschbaum ..."

"I-ich konn-konnte es nicht be-greifen ..." Kopfgeschüttele Verenas. "Ein-fach nich-nicht glau-glauben. Niederge-gekniet ha-hab' ich mi-mich, wo-wo ich dach-dachte, da-da müßte der liegen ... Ein Ab-druck de-der Lei-ter hätte i-in der Er-de sei-sein müs-sen. Ich konn-konnte es nich-nicht fas-sen, daß i-ich mir da-das mit de-dem Mann au-auf der Lei-ter nur ein-eingebildet gehabt hät-hätte."

 

Ihr lautes Geschluchze hatte Verena wieder eingestellt.

"Aber, eine Woche drauf ...", durchbrach Kommissar Moinson die Stille zwischen den in dem Büroraum im Polizeigebäude anwesenden Personen. "Eine Woche drauf ... Aus der Zeitung haben Sie es erfahren, Frau Tümmel, steht hier."

"Ja!" kam es resigniert von Verena. "Wa-war nie ei-eine große Zeitungsleserin. Aber es wa-war Wochenende. Der Samstag drau-drauf, dieses Wochenende. Da-da ha-hab' ich am Vormittag zufällig Zeitung gelesen. Am Küchenti-tisch. Als ich den Lokaltei-teil aufgeschlagen hab', ha-hab' ich die Augen aufge-aufgerissen. Die Überschrift wa-war - 'Infarkt im Kirschbaum'. Ein Bild de-des Kirschbaums. Der O-ort: Plei-then. Das au-auf dem Fo-to, da-das war der Baum, da-das ha-hab' ich so-sofort gewußt. Der Baum in dem Garten ... Der Bau-aum, vo-von de-dem ich de-den Mann ab-abstürzen se-sehen hab'. Ge-gesehen ha-hab', wie der ab-abstürzt. Das glei-gleiche sta-stand un-ungefähr in dem Artikel zu le-lesen, was ich ..., per Zufall. Es wa-war für mich so was vo-von un-unfaßbar. Nichts an-andres, a-als das, was ich ge-gesehen hatte, sta-stand in dem Artikel. Der Wahn-sinn!"

"Der Artikel in der Zeitung war die Abbildung des realen Geschehens", schnarrte Kommissar Moinson. "Von etwas, das Sie, Frau Tümmel, eine Woche zuvor vorausgesehen hatten. In sämtlichen Details."

"J-ja ...!" Ein mattes Kopfnicken Verenas. "So ka-kann ma-man das au-auch sa-gen. Hab' ich wirklich nicht fas-fassen können, was ich in der Zeitung gelesen hatte. War scho-schon ein komischer Zufall. Bin Sonntag am Nachmittag so-sogar extra nach Pleithen geradelt. Vor dem Haus mit dem Kirschbaum bin ich an-angekommen. Hab' keinen Menschen dort im-im Frei-en gesehen. Niemand, der zu mir herausgekommen wäre. Obwohl ich eigentlich gut für jeden zu sehen war, der zu-zufällig rausschaute. An der Haustür zu läuten, das hab' ich mich dann nicht getraut. Konnte das nicht. Bin dann nach ein paar Mi-nuten von dort weg. Was sollte es? Was hatte ich denn mit den Leuten zu tun? Ha-hab' dann das Ganze verdrängt ... Ist mir auch ganz gut gelungen, nicht weiter dran zu denken. Bi-bis ..."

"... zur nächsten Begebenheit ungefähr derselben Art, wollten Sie sagen, Frau Tümmel, ja?" beendete Herr Polizeihauptmeister Dischinger, alles andere als freundlich, angenehm im Ton sich anhörend. "Das wollten Sie uns jetzt hier sagen, nicht wahr? Sie, Frau Tümmel, ja? Sie wollten das sagen - ja? Bis Sie dann wieder was zu sehen glaubten - was, wie es sich herausstellte, dann nicht war? Bis es dann aber Wirklichkeit wurde - ein paar Tage drauf, nicht? Dann, daß es wirklich passiert ist, nicht wahr?"

"Nein, Herr Dischinger - so geht das nicht! Hören wir jetzt hier auf. Das reicht uns jetzt hier. Das reicht." Abwinken Kommissar Moinsons zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger am gegenüberliegenden Schreibtischplatz hinüber. "Wir wollen mit Frau Tümmel nicht jeden einzelnen Fall durchkauen. Das sollen dann andere mit ihr machen. Deswegen bin ich nicht hierher in die Stadt gekommen. Mir geht's um was anderes."

Müde, traurig linste Verena Kommissar Moinson ins Gesicht, Kommissar Moinson, der wegen Herrn Polizeihauptmeister Dischinger ungehalten war. Eindeutige Blicke in dieser Hinsicht hatte Kommissar Moinson für Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

 

 

"Haben Sie eigentlich schon einmal an Ihre ganze Lebenssituation gedacht, Frau Tümmel?" erkundigte sich Kommissar Moinson, nachdem Verena mehrere Schlucke aus der Mineralwasserflasche getrunken hatte, die Flasche zuschraubte.

"Wa-as ...?"

"Mehrere Jahre schon jetzt sind Sie keiner geregelten Arbeit mehr nachgegangen, liebe Frau Tümmel. Den Antrag auf Privatinsolvenz, Jahre her heute, daß Sie den gestellt haben. Drei, glaube ich. Ihre Schulden sind Sie deswegen heute noch nicht los. Sie leben praktisch nur von staatlichen Zuwendungen. Viel von dem Geld, das Sie monatlich überwiesen bekommen, bleibt nicht für Sie übrig. Kaum etwas, das Sie sich leisten können. Man sieht das unter anderem daran, daß Sie sich hier in der Stadt zweimal die Woche für Lebensmittel anstellen."

Nichts Großartiges, das Verena darauf zu sagen einfiel. Um die Lippen Verenas herum zuckte es.

 

"Haben Sie eigentlich schon einmal überlegt, Frau Tümmel, sich für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung zu stellen?" erkundigte sich Kommissar Moinson. "Sich von Fachleuten untersuchen zu lassen? Von Wissenschaftlern?"

"Wie mei-meinen ...?" schaffte Verena, die die Augen aufriß, mit belegter Stimme hervor, räusperte sich. "Wie meinen Sie da-as?"

"Bitte, Frau Tümmel, nicht lange irgendeine künstliche Aufregung hier von Ihnen." Beide Handflächen zur Beruhigung präsentierte Kommissar Moinson Verena. "Sie müssen sich hier wegen nichts erregen. Es hört sich doch eigentlich alles viel schlimmer an, als es tatsächlich ist: 'sich untersuchen zu lassen' ... Ich bitte Sie! Wir sind heute nicht im Dritten Reich. Kein Forscher bohrt mehr in den Kopf, macht sonst Sachen, nur zum Schaden des Probanden. Es hat in der Hirnforschung große Fortschritte gegeben. Sehr, sehr große."

"Versteh' nicht." Kopfschütteln Verenas. Obwohl Verena durchaus meinte, ein bißchen was davon zu begreifen, worauf Kommissar Moinsons Worte abzielten.

Bespaßt sich fühlen mußte Verena Tümmel sich deswegen jedoch nicht.

"Was ist daran nicht zu verstehen, Frau Tümmel?" Eindringlich sah Kommissar Moinson Verena an. "Sie haben so Gesichte, Visionen. Die Fälle mit Ihnen, die polizeibekannt sind, die haben sich gehäuft. In der jüngsten Zeit werden die Sachen auch immer größer, die Sachen da mit Ihnen ..."

Die Augen schlug Verena angesichts von Kommissar Moinsons Blick nieder.

"Denken Sie an die Geschichte auf der Gildebrücke, Frau Tümmel", vernahm Verena Kommissar Moinson. "Deren Wirklichkeit war am Montag dieser Woche. Dann das mit dem Raubüberfall auf den Drogeriemarkt. Den Unfall Ankes, der Dreizehnjährigen, mit dem Schulbus auf dem Parkplatzgelände ihres Gymnasiums hier in der Stadt. Das läßt sich alles nicht leugnen, daß Sie, Frau Tümmel, diese Vorkommnisse vorausgesehen haben. Wir können es schwarz auf weiß in unseren Protokollen nachlesen. Zuerst die Protokollseiten mit Ihnen, Frau Verena Tümmel - dann die anderen Seiten, nachdem sich die Dinge Tage darauf wirklich ereignet haben. Als sie Realität wurden."

"I-ich ..." Ein Stöhnlaut entschlüpfte Verena; der Kehlkopf hüpfte Verena wie verrückt.

 

"Immer ist's dasselbe, Frau Tümmel", redete Kommissar Moinson. "Sie hatten ein Gesicht. Was sich als Realität vor Ihren Augen abspielte, das hat Sie veranlaßt, die Polizei anzurufen. Die Polizei ist gekommen. Die Polizisten stellten fest, daß nichts war, weswegen man sie herbeirufen hätte müssen. Man hat Sie, Frau Tümmel, festgenommen, auf die Inspektion mitgenommen. Später wieder freigelassen. Schließlich sinnlos, Sie lange festzuhalten und wegzusperren."

"Ins Klinikum hätte man sie eigentlich bringen können, ins Klinikum ..."

Auf Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, der das gesagt hatte, mußte Verena starren. Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der Verena feindselig anglotzte. Wie eine Persona non grata. Jemand, der ihm, Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, voll gegen den Strich ging.

 

"Hören Sie bitte mir zu, Frau Tümmel!" verlangte Kommissar Moinson Verenas Aufmerksamkeit zurück. "Ich bin hier der, der wichtig ist für Sie. Niemand sonst."

Traurig blinzelte Verena Kommissar Moinson an.

"Sehen Sie, Frau Tümmel, ich denke an Sie." Den Zeigefinger, den Kommissar Moinson für Verena hob. "Ihre gesamte Lebenssituation ist verzweifelt. Vielleicht, daß Sie diese ändern möchten. Meine Überlegung wäre also, daß es möglich wäre, daß Sie vielleicht nichts dagegen hätten, wieder ein geregeltes Monatseinkommen zu beziehen. Gleichzeitig könnte ich dafür Sorge tragen, daß Sie von einem Moment auf den anderen wieder vollkommen schuldenfrei sind. Ihre Schulden zurückzuzahlen - das, was Ihnen solche Probleme, Sorgen bereitet, Frau Tümmel ... Für den Staat sind diese Beträge nichts als 'peanuts'. Das hätten wir alles gleich. Eine Unterschrift auf einen Scheck - zack! Weg sind Ihre Schulden. Allerdings müßten Sie sich im Gegenzug dazu mit allem einverstanden zeigen, was ich von Ihnen verlange, Frau Tümmel. Was würde ich von Ihnen verlangen? Nicht viel Schlimmes. Zuerst einmal, Frau Tümmel - daß Sie mit mir mit nach Berlin kommen. Als nächstes, daß Sie in dem Beschäftigten- und Probandenvertrag das Einverständnis geben, daß Sie sich wissenschaftlichen Untersuchungen zur Verfügung stellen, Frau Tümmel. Schließlich sind Sie - als jemand, der so Gesichte, Visionen hat, die ein paar Tage, ein, zwei Wochen drauf Realität werden -, eine Person, die für die Wissenschaft von höchstem Interesse ist. Ihr Gehirn, ihre Gehirnströme ..."

"Glau-glau-glaube nich-nicht, da-daß i-ich ...", stotterte Verena.

Verena fühlte sich im Augenblick wie eine, der gerade eigentlich alles auf der Welt zuviel war. Wenn Verena, zur Seite weggekippt wäre, Verena, der es schwarz vor Augen wurde, niemand hätte sich darüber wundern dürfen.

"Drei Tage gebe ich Ihnen Zeit, Frau Tümmel", unterrichtete Kommissar Moinson Verena. "In drei Tagen müssen Sie mir Bescheid sagen, wie Sie sich entschieden haben. Es ist Ihre Entscheidung, eine, die Sie sich gründlich überlegen sollten. Auf alle Fälle wäre es besser, wenn Sie freiwillig eine Entscheidung träfen. Ihre freie Entscheidung ist uns wichtig, Frau Tümmel."

"Ja ...?" Starr fixierte Verenas Blick Kommissar Moinson.

"Wissen Sie was, Frau Tümmel?" Ins Gesicht grinste Kommissar Moinson Verena.

In ihr Papiertaschentuch trompetete Verena.

"Drei Tage, Frau Tümmel, die ich noch anderes hier in der weiteren Umgebung zu erledigen habe." Die Schulter zuckte Kommissar Moinson. "Drei Tage also, die Sie Zeit haben, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, mit mir nach Berlin mitzukommen. In den drei Tagen können Sie noch in aller Ruhe Dinge hier in der Stadt regeln, Kleinigkeiten, die Sie geregelt haben wollen."

Der Mund stand Verena offen. Mit dem papiernen Taschentuch wischte Verena sich Stirn und Wangen her.

 

"Im Grunde denke ich überhaupt nicht daran, Frau Tümmel, daß Sie mir einen ablehnenden Bescheid geben."

Die Handflächen rieb Kommissar Moinson aneinander, betrachtete bei sich die Fingernägel.

"Hören Sie, Frau Tümmel, ich sag's Ihnen noch mal: Was geschieht Ihnen denn groß bei Untersuchungen im Labor? Sicher nichts, was Ihnen nicht in jedem anderen stinknormalen Schlaflabor auch passieren kann. Na, Sie bekommen Elektroden zum Messen der Hirnströme auf den Kopf geklebt. Oder so eine Badekappe mit den Elektrodenflächen oben aufgesetzt. Sie fahren für Bilder Ihres Hirns in die Tomo-Röhre ein. EKG wird gemessen. Mensch, bei keinem ärztlichen Gesundheits-Check Ihres Hausarztes passiert Ihnen mehr. Mit Wissenschaftlern verschiedener Fakultäten führen Sie ein paar interessante, angenehme Gespräche. Sonst ist nicht viel. Mit Sicherheit nicht. Und dafür kriegen Sie einen hübschen Batzen Geld auf Ihr Konto. Haben Kohle zu Ihrer freien Verfügung. Zum Ausgeben. Außerdem sind Sie schuldenfrei ..."

"Un-und - wa-was wä-re da-dann so-sonst noch so mei-meine Ar-beit ...?" wollte Verena stotternd wissen. "Was müß-müßte i-ich so-sonst noch tun, fü-für mein Ge-eld?"

"Nach Ihren Aufgabenbereichen, Pflichten, daß Sie mich fragen, Frau Tümmel?" An der Schläfe kratzte Kommissar Moinson sich mit dem Mittelfinger.

"Wa-was mu-muß ich al-les fü-für Sie tun?" setzte Verena zögerlich hinterher.

"Ihre Fähigkeit ist es, Ereignisse vorauszusehen, ehe diese stattfinden, Frau Tümmel", antwortete Kommissar Moinson Verena. "Erst ein paar Tage drauf, in der Zukunft, daß das, was Sie gesehen haben, Wirklichkeit wird. Das heißt, wenn Sie etwas blicken, daß etwas in Ihre Wahrnehmung kommt - tut sich dann das auch wirklich so. Ein paar Tage drauf. Hm, sogar wahrscheinlich, daß nichts dagegen unternommen werden kann. Oder dagegen getan werden sollte. Sonst würden Sie das ja nicht so lebhaft vor Auge haben - wenn sich das dann nicht auch so abspielt. Hat es ja bisher immer. Immer haben sich die Geschichten dann wirklich ereignet, die Sie gesehen haben ... Eine verflucht vielschichtige Angelegenheit ist das. Verflucht vielschichtig. So was von vielschichtig. Wie eine Zeitreise. Wie das Problem einer Zeitreise. Zum Beispiel - auf jemanden wie diesen Räuber mit der Spielzeugpistole im Drogeriemarkt hier in der Stadt, auf so einen bräuchten Polizisten eigentlich immer nur zu warten. Um ihn dann festzunehmen und abzuführen. Auf frischer Tat ertappt - peng! Das war es für den, er wird einfach weggeführt und in die Zelle gesperrt. Eine verhältnismäßig simple Geschichte. Weil im Grunde keiner dabei größer zu Schaden kommt. Nur - was sollen wir unternehmen, wenn Sie, Frau Tümmel, vorausgesehen haben, daß es Tote gibt? Was tun, wenn da wirklich tote Leute sind? Wie die zwei Jungs, die von der Gildebrücke gestürzt sind. Weil - wenn das die einzige Möglichkeit ist, die wir haben ... Nicht einzugreifen, obwohl wir genau darüber Bescheid wissen, alle warnen könnten ... Eine schwer vermittelbare Angelegenheit, die uns in einen Gewissenszwiespalt bringt. Müßten wir nicht informieren, daß ...? Könnten wir das, was Frau Tümmel gesehen hat, nicht doch verhindern ...? Das müssen wir doch, Leben retten. Oder? Steht das nicht zuoberst, an erster Stelle, Leben retten? Wenn wir nicht Leben retten - müssen wir das geheimhalten. Niemand, der das erfahren darf, daß wir ..., obwohl wir ..."

Eines Kommentars gegenüber Kommissar Moinson enthielt Verena sich lieber.

 

 

"Hahaha!" prustete Kommissar Moinson unvermittelt los vor Lachen, nachdem es ein geraumes Weilchen Stille in der Büroräumlichkeit gegeben hatte. "Eh, Frau Tümmel ...? Glaube nicht, daß jeder Politiker, jede Politikerin das wollen wird, daß wir Sie, Frau Tümmel, dorthin schicken, wo er, sie demnächst hinreisen wird. Nein, wirklich nicht."

Die Lippen schürzte Verena.

"Darüber sollten Sie sich aber keine Gedanken machen, Frau Tümmel", sagte Kommisar Moinson mit spöttischer Miene. "Was Sie für uns tun werden und was nicht, das hat nicht Ihre Sorge zu sein. Sicher ist nur eins, nämlich das, daß wir hübsche, nette Einsatzgebiete für Sie finden werden. Sehen Sie, Frau Tümmel, dann in der Umgebung einer bestimmten Person, zum Beispiel des organisierten Verbrechens, etwas voraus - werden wir zusehen, was wir mit diesen Informationen anstellen können. Was nicht. Sie allerdings, Frau Tümmel, sollten sich darüber keinen Kopf machen."

"Ni-nicht ...?"

"Nein!"

 

Den Blick hob Verena von ihren verschränkten Händen, die sie eingehend in Augenschein genommen hatte, hoch, um Kommissar Moinson eins hinzublinzeln. "Und - wenn ich nun nicht einwillige, mit Ihnen nach Berlin mitzukommen?"

"Tja, drei Tage haben Sie Zeit, sich das scharf zu überlegen", gab Kommissar Moinson zur Antwort.

"Wenn ich nun nicht mit Ihnen nach Berlin mitkommen möchte, wenn ich mich dagegen entscheide, das zu machen - was wird dann ...?" beharrte Verena auf dem Thema.

"Dann haben wir auch kein größeres Problem miteinander. Dann reise ich in drei Tagen ohne Sie hier ab." Die Schulter zuckte Kommissar Moinson. "Viel lieber denken wir daran, daß Sie mit mir mit nach Berlin kommen. Wenn Sie, Frau Tümmel, mit mir mit nach Berlin kommen, dann sorgen wir dafür, daß Sie mit Ihren Gesichten, Visionen - wie immer wir es nennen wollen - nicht an das Licht der breiten Öffentlichkeit gezerrt werden. Sozusagen schirmen wir Sie vor der Welt ab. Kein Mensch erfährt viel von uns, was mit Ihnen eigentlich los ist."

"Sonst nich-nichts?" Auf Kommissar Moinson starrte Verena.

"Das reicht doch, oder?" Die Augenbraue, die Kommissar Moinson hochgezogen hatte. "Schauen Sie, liebe Frau Tümmel: Ich habe wirklich keine Ahnung, warum dem so ist. Aber bisher haben Sie hier in der Stadt und in der Umgebung der Stadt, was die öffentliche Resonanz angeht, nicht viel ausgelöst. Soviel, wie ich von Herrn Dischinger weiß. Nur ein einzigesmal, das hat Herr Dischinger mir mitgeteilt, daß Sie, Frau Tümmel, in einem lokalen Zeitungsartikel eingehender als diejenige erwähnt wurden, die ein bestimmtes Unglück eigentlich schon eine Woche früher vorausgesehen hatte. Das war damals, als die Geschichte mit dem Busfahrer auf dem Gelände der Schulbushaltestellen des - wie heißt es schnell noch? - Beethoven-Gymnasiums war. Da hatte einer der Reporterleute Ihren Namen, Frau Tümmel, sogar ausgeschrieben gehabt - 'Verena Tümmel', 'Frau Verena Tümmel'. Die Tatsache hat der Reporterknilch in seinem Zeitungsartikel hervorgehoben festgehalten, daß der Polizei eine Woche vor dem Busunglück mit der Dreizehnjährigen bereits ein Vorfall ähnlicher Art gemeldet worden war. An genau der gleichen Bushaltestelle. Mit ausgerechnet dem gleichen Busfahrer, der eine Woche drauf Anke soundso überfahren hat. Auch da sollte ein Mädchen von dem Bus überfahren worden sein. Was jedoch, wie sich glücklicherweise herausgestellt hatte, da noch nicht der Realität entsprochen hatte. Na, auf diesen Zeitungsschrieb hin war nicht viel, Frau Tümmel, oder? Oder? Da war nichts. Nichts war, Frau Tümmel, was sich an Ihrer Haus- oder Wohnungstür abgespielt hätte. Kein Mensch, der das mit dem Artikel, in dem Sie, Frau Tümmel, sogar namentlich erwähnt wurden, ernster genommen hätte. Nicht wahr? Unbelästigt sind Sie geblieben. Trotz allem. Bisher immer, daß niemand Sie näher betrachtet hat."

Unwillig nickte Verena Kommissar Moinson hinüber.

 

"Sehen Sie das beziehungsweise Ihr Problem, Frau Tümmel?" erkundigte sich Kommissar Moinson. "Sie haben das mit der breiten Öffentlichkeit und der Aufmerksamkeit, die Leute einem entgegenbringen, bis heute noch überhaupt nicht kennengelernt. Vielleicht, weil die Verena-Tümmel-Fälle bisher immer einzeln und nicht zusammenhängend gesehen wurden. Nicht als Häufung. Keine Ahnung, warum. Dabei waren doch immer Sie die Frau, Frau Tümmel. Immer war es ein und dieselbe Person - Sie, Frau Tümmel. Frau Verena Tümmel, die Weissagerin. Frau Verena Tümmel, das Orakel."

"Ach, Sie meinen, Sie, Sie würden ...?" flüsterte Verena. "Mehr müssen Sie nicht machen, denken Sie?"

"Genau, Frau Tümmel! Haargenau das." Kopfnicken Kommissar Moinsons. "Eigentlich muß nichts anderes getan werden, als Sie der Öffentlichkeit zum Fraß vorzuwerfen. Die Fragestellung: Was passiert mit Ihnen, wenn Sie aus Ihrer Deckung draußen sind, Frau Tümmel ...? Haben Sie darauf eine Antwort?"

 

Auf die Füße war Verena gesprungen.

Sonst aber war nichts. Nicht das bißchen was bei Verena. Keinen Millimeter, daß Verena sich von der Stelle fortbewegte.

Neugierig guckte Kommissar Moinson auf Verena.

Während Herr Polizeihauptmeister Dischinger ausschaute, als würde er bloß auf das warten, was Verena Tümmel als nächstes unternehmen würde. Auf das, was Verena Tümmel noch anstellen wollte. Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der Verena Tümmel gerne ...

"Wovon ich spreche, Frau Tümmel", nahm Kommissar Moinson schließlich wieder das Wort, "der ganze Spaß mit Ihnen, der muß bei der Presse nur richtig lanciert werden. Vielleicht spielen sich dann die unglaublichsten Dinge bei Ihnen ab. Sie, Frau Verena Tümmel, könnten zu einer Berühmtheit werden. Der Wahnsinn, Frau Tümmel. Herr Dischinger, mir hier an seinem Schreibtisch gegenüber - der Sie, Frau Tümmel, nicht übermäßig gern hat - ist schon von Berufs wegen mit dem einen oder anderen Zeitungsfritzen, dergleichen Leuten bekannt ... Hm, Sie verstehen, was ich Ihnen damit sagen möchte, Frau Tümmel?"

"Ja!" gab Verena durchaus zu.

"Glauben Sie mir, Frau Tümmel, wenn Herr Dischinger richtig anfängt, stehen Sie demnächst in der Zeitung, sind namentlich ganz oben in den Nachrichten des Lokalradios. Die Reporter vom lokalen Fernsehsender stehen bei Ihnen an der Wohnungstüre." Mit der Zunge schnalzte Kommissar Moinson. "Könnte eine richtige Fortsetzungsserie werden, das mit Ihnen. Für all das könnte Herr Dischinger gewissermaßen sorgen. Mit allen Fällen, die der Polizei bis heute mit Ihnen bekannt geworden sind. Überlegen Sie mal, Frau Tümmel: Was die von Herrn Dischinger schon erfahren, darüberhinaus wollen die Medienleute noch recherchieren ... So Interviews mit Leuten aus Ihrer Nachbarschaft, Frau Tümmel. Jedem wird ein Mikro unter die Nase gehalten. Verwandten, Bekannten von Ihnen. Den Schwiegereltern. Mann, Mann, Mann, unglaublich, das mit Frau Tümmel. Das, wie Frau Verena Tümmel plötzlich die Auflage des Käseblatts steigert. Und das nur wegen des Lokalteils. Denken Sie, Frau Tümmel, die Einschaltquoten des Lokalradios ... Frau Verena Tümmel schraubt die in die Höhe. Und der örtliche Fernsehsender, der hat mehr Zuschauer als üblich. Der Grund, der heißt Frau Verena Tümmel. Die Klicks im Internet, die muß man sich mal vorstellen. Weil jeder was von Verena Tümmel wissen möchte. Die nächste Nachricht, die Frau Verena Tümmel zum Mittelpunkt hat ..."

Müde seufzend hockte Verena sich wieder mit ihrem Hinterteil auf die Polsterfläche des Holzstuhls nieder.

 

"Das Interviewer-Team des Regionalfernsehens, Frau Tümmel ... An Ihrer Haustür, daß alle paar Minuten geläutet wird. Ständig, daß sie alle direkt vor Ihrer Wohnungstür auf der Matte stehen, Frau Tümmel. Im Haus, draußen vorm Haus, nebenan ..." Kommissar Moinson, der sich sichtlich an seinen Worten ergötzte, fixierte Verena mit seinen wissend spöttischen Augen. "Haben solche Leute erst mal über einen Bescheid gekriegt, wird man sie nicht leicht wieder los. Irgendwann müssen Sie ja wieder zur Haustür raus, Frau Tümmel. Gehen Sie dann aus dem Haus hinaus, haben SIE sich schon wieder unvermittelt wie aus dem Nichts vor Ihnen aufgebaut. Das Mikrophon wird Ihnen, Frau Tümmel, unter die Nase gehalten. Im Hintergrund hat der Kameramann seine Linse auf Sie gerichtet. Fotos werden von Ihnen geschossen, ununterbrochen. Wirklich ununterbrochen. Was die Kamera an Speicherplatz hergibt. Und solche Kameras haben viel Speicherplatz. Kann sogar eine Direktübertragung sein, in die regionale Nachrichtensendung ... Was da alles mit Ihnen los sein kann, Frau Tümmel, tsts! Ist das vorstellbar? Können Sie sich das vorstellen, Frau Tümmel?"

Keinerlei Regung, die Verena Herrn Moinson diesmal zeigte.

"Es müssen bald längst nicht mehr nur die lokalen Medien sein, mit denen Sie es zu tun kriegen, Frau Tümmel." Mit der Zunge schnalzte Kommissar Moinson. "Bundesweit könnten SIE gepilgert kommen. Alles, was man sich vorstellen kann. Film, Funk und Fernsehen. Öffentlich, privat. Die Redakteure der europa-, sogar der weltweiten Regenbogenpresse. Immer auf der Jagd nach dem nächsten Riesending, mit dem sie eine erste Seite, eine Sendung fürs Boulevardpublikum aufmachen können. Paparazzis haben Sie am Hals, Frau Tümmel. Die legen sich wegen Ihnen auf die Lauer, Frau Tümmel. Wegen Ihnen. So interessant sind Sie geworden."

Ihr Kopfschütteln wiederholte Verena, Verena, die von Kommissar Moinson zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger guckte. Und zurück. Hilflose Blicke Verenas.

 

"Und erst das Internet, Frau Tümmel ..." Abwinken Kommissar Moinsons. "Der kleinste Arsch hat heute einen größeren, kleineren Auftritt im Internet. Kann dafür sorgen, daß Sie, Frau Tümmel, eine eigene Seite im weltweiten Netz bekommen. Stellen Sie sich das nur vor! Herr Dischinger oder ich - wir dürfen so was nicht mit Ihnen machen. Uns ist das nicht so gestattet. Was andere Leute aber durchaus tun dürfen. Irgendwer könnte das einfach machen. Weil er, sie Lust drauf hat. Es ihm, ihr nichts ausmacht. Vielleicht einer, eine aus Ihrer neuen Anhängerschaft, Frau Tümmel. Ein 'Fan'. Weil Sie es ihm, ihr besonders angetan haben, Frau Tümmel. Er, sie könnte eine Extraseite eröffnen. Die alleine Sie zum Mittelpunkt hat, Frau Tümmel. Jeden Tag, jede Stunde mit einer frischen Neuigkeit von Ihnen. Mit der will er, sie die Welt versorgen. Mit der sich Ihre Berühmtheit nur immer noch mehr steigert. Verena Tümmel, die Frau von nebenan, die Dinge voraussieht. Das, was die Frau sieht, geschieht. Meint sie, etwas wäre passiert, in der Zukunft wird es zur Realität. Und zwar mit todsicherer Wahrscheinlichkeit. Weil das vielfach bereits war, daß, wenn Sie, Frau Tümmel, etwas wie wirklich vor Ihren Augen gesehen haben, was zu dem Zeitpunkt jedoch noch nicht wahr war, ein paar Tage drauf tatsächlich Wirklichkeit geworden ist ... Bei Frau Verena Tümmel ist das Geschehen bewiesen. Ein harter, unleugbarer Fakt. Frau Verena Tümmel, die kann Dinge voraussehen. Frau Tümmel, die Seherin. Die Weissagerin. Das Orakel Frau Tümmel. Wo immer Sie hinkommen, Frau Tümmel, Sie werden auf der Stelle erkannt. In jedem Supermarkt beim Einkaufen ... Wer möchte aber immer nur ein Autogramm von Ihnen? So viele böse Menschen gibt es auf der Welt. Lynchjustiz ... Vielleicht meinen welche, Sie wären ein unheiliges, böses Monster, Frau Tümmel. Vom 'Satan' besessen, vom 'Satan' gesandt ... Eine Hexe. Eine, die brennen sollte. Nur, weil Sie anders sind. Sie anders sind als andere, Frau Tümmel. Weil Sie so Dinge sehen, Dinge, die sich in Echt ereignen, echt wahr."

Bei Verena hatten die Tränen wieder wie toll zu laufen angefangen. Mit dem papiernen Taschentuch in der Hand wischte Verena sich unter den Augen, die Wangen her.

 

"Ja, es gibt genügend Spinner, durchgeknallte Menschen auf der Welt, Frau Tümmel." In die Hände klatschte Kommissar Moinson, begeistert von sich selber. "Denken Sie nur, Religion. Religiöse Fanatiker. So was. So was gibt's überall. Immer und überall. Bei denen gibt es dann überhaupt keine Hemmungen. Für nichts. Das sind die hemmungslosesten Leute, die Sie sich vorstellen können, Frau Tümmel. Fanatiker bringen einen schneller um, als man kurz schauen kann. Denen kann man nichts erklären. He, Frau Tümmel, kennen Sie eigentlich den einen oder anderen Pfarrer hier in der Stadt? Muß da, wo Sie für das tägliche Brot anstehen, Frau Tümmel, nicht gebetet werden?"

Den Kopf schüttelte Verena.

"Na ja, Frau Tümmel! Sie bekommen die Lebensmittel ja auch verpackt ausgehändigt. Müssen Ihre Mahlzeiten mit dem Zeugs am oder jenseits vom Ablaufdatum später daheim selber zubereiten ..." Zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger auf die Schreibtischseite schaute Kommissar Moinson mit belustigtem Gesichtsausdruck hinüber. "In Berlin gibt's dafür mancherorts kirchliche Armenspeisungen. Da werden von den Anwesenden vorm und nach dem Essen dann erst mal einige Gebete gesprochen. Gedankt für das schöne Mahl, das ER geschenkt hat. Von allen."

Die Augen schlug Verena gegenüber Kommissar Moinson nieder. Bei sich beguckte Verena die Oberschenkel, den blauen Hosenstoff.

"Hm, Frau Tümmel!" fing Kommissar Moinson aufs neue an. "Vielleicht, daß Sie ein Stadtpfarrer demnächst an der Wohnungstür besucht. Könnte sein, daß Sie es richtig schwer haben, den Mann draußen vor der Tür zu halten. Sie glauben das gar nicht. Versucht ja nur, in allerlei Glaubensfragen mit Ihnen zu diskutieren, Frau Tümmel. Dazu so nett, verständnisvoll über Ihr bisheriges Leben zu labern. Auf Ihre momentane Lebenssituation könnte er zu sprechen kommen. Richtig freundliche, allseits beliebte, angesehene Männer und Frauen gibt es da, die Priesterämter bekleiden ..."

"I-ich - i-ich ..." stotterte Verena.

Eine wegwerfende Handbewegung machte Kommissar Moinson zu Verena hin. "Vielleicht ist der Priester, der Sie besucht, Frau Tümmel, irgendwann nicht mehr alleine. Sondern hat ein, zwei höhergestellte Kirchenleute bei sich. Alles wegen Ihren Gesichten, Visionen, Frau Tümmel. Nur, weil die Leute plötzlich genauer darüber Bescheid wissen, daß es so was bei Ihnen gibt. Gesichte, Visionen, seherische Fähigkeiten ... Das ist in jeder Religion ein Riesenthema, Frau Tümmel. Denken Sie nicht? Was glauben Sie, wie interessant Sie für solche Leute sind, Frau Tümmel ..."

Der Kehlkopf hüpfte Verena.

 

"Vielleicht erleben Sie Telefonterror, Frau Tümmel ...", beendete Kommissar Moinson längeres Schweigen. "Anrufer bedrohen Sie, Anrufer, die Sie für ein leibhaftiges Monstrum halten. Würde mich nicht wundern, Frau Tümmel, daß Sie plötzlich aufpassen müssen, nur kurz auf die Straße zu gehen. Sage ja, es gibt viel zu viele Spinner auf der Welt. Viel zu viele. Die einem mit dem Messer ... Hinterrücks ... Glaubt man überhaupt nicht ..."

Das linke Augenlid zuckte Verena, bemerkte Verena bei sich.

 

"Um auf das zuvor zurückzukommen, Frau Tümmel ..." Die Mundwinkel hatte Kommissar Moinson tief heruntergezogen. "Sind Sie eigentlich das, was man eine religiöse Person nennt?"

Kopfschütteln Verenas.

"Dachte nur ... Wegen Ihren Gesichten, Visionen, die eigentlich ziemlich unheimlich, verstörend sind. Die oder der eine oder andere, der würde daraufhin wahrscheinlich religiös werden, würde ich meinen."

Schulterzucken bei Kommissar Moinson.

"Ist mir eigentlich so was von egal, ob Sie religiös sind oder nicht. Rede das eigentlich nur deswegen zu Ihnen, Frau Tümmel, weil ich Sie zum Denken bringen möchte."

"Ja?" Verena stierte Kommissar Moinson an.

"Ja, Sie zum denken bringen, Frau Tümmel. Daß Sie nachdenken. Sie wissen jetzt also ein bißchen was davon, was bei Ihnen los sein könnte, wenn Sie in drei Tagen nicht mit mir nach Berlin mitkommen. Was ich Ihnen im Gegensatz dazu anbiete, das ist Schutz. Relativ vernünftigen Umgang mit Ihnen. Ein geregeltes Einkommen. Geld am Konto, Frau Tümmel, fast für nichts. Also, wenn das nichts ist, Frau Tümmel ..."

Nur in einer Tour Kommissar Moinson anblicken, zu sonst nichts war Verena in der Lage.

"Hm, Frau Tümmel!" Den braunledernen Bürodrehstuhl schob Kommissar Moinson zurück, klatschte sich zweimal mit den Handflächen auf die behosten Oberschenkel. "Hier wäre jetzt eigentlich alles gesagt. In drei Tagen setze ich mich wieder mit Ihnen in Verbindung, ja? Bis in drei Tagen sollten Sie wissen, was Sie wollen."

Nichts, das Verena sagte.

"Ah, sollte ich nichts von mir hören lassen, Frau Tümmel, rufen Sie bitte im Laufe des nächsten Tages hier auf der Polizeiinspektion an. Die Nachricht von Ihrem Anruf wird an mich weitergeleitet. Eventuell sind Sie, Frau Tümmel, auch in der Lage, haben Sie das Geld für die Fahrkarte, alleine im Zug nach Berlin zu reisen. Das dürfte wirklich kein größeres Problem für Sie sein, sind Sie in Berlin angekommen, eine Adresse zu finden ..."

Den Mund hatte Verena weit offen stehen, während Verena großäugig auf Kommissar Moinson gaffte.

"Gut denn, Frau Tümmel!" Auf die Füße erhob sich Kommissar Moinson. "Das wär's jetzt hier. Herr Dischinger und ich, wir haben Sie heute lange genug in Anspruch genommen, hier aufgehalten. Dafür möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Bitte, Sie können nach Hause gehen. Drei Tage. Bitte, denken Sie über alles nach. In drei Tagen dann, ja? Warten wir ab, wie's in drei Tagen bei mir ausschaut. Aber eher doch wahrscheinlich, daß ich in drei Tagen persönlich für Sie da sein werde. Na denn! Auf Wiedersehen, Frau Tümmel! Auf Wiedersehen!"

 

 

 

Straße

 

 

 

Die WC-Türe zog Verena nach innen auf, schritt hinaus.

Hinter sich schloß Verena die graufarbene Tür, sie am Knauf zuziehend.

"He, Frau Tümmel!" vernahm Verena eine allzu vertraute Stimme seitlich links neben sich, schrak zusammen. "Schön, daß Sie da heute wieder rauskommen ..."

 

Mit großen Augen wandte Verena sich Herrn Ernst, dem Streifenpolizisten und Handlanger von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, zu.

"Hat Ihnen gefallen, wieder mal bei uns am Klo, Frau Tümmel, nicht wahr?" setzte Herr Ernst neu an. "Wollten ja beinahe nicht wieder rauskommen, da. Dachte fast, das nimmt kein Ende, das mit Ihnen und Ihren großen und kleinen Geschäften. Sind auch saubere Kabinen, Schüsseln und Brillen. Geht man gern rein, setzt sich drauf. Und lange. Lange, was?"

Verena war sich sicher, daß es besser für Verena war, den Mund zu halten, nichts darauf zu erwidern.

"Entschuldigen Sie, Frau Tümmel! Entschuldigen Sie, Frau Tümmel!" Eine leichte Verbeugung deutete Wachmann Ernst an. "Muß Sie leider aufhalten, liebe Frau ..."

Nach dem Haltegriff des knapp an die weiße Mauer hingeschobenen Koffers auf Rollen langte Herr Ernst wichtig.

"Sehen Sie, was ich hier habe, Frau Tümmel?" Herr Ernst schob den Rollkoffer vor sich hin, schwang den Arm wichtig. "So sind wir. Extra wurde das Ding von uns in einem Fahrzeug für Sie abgeholt. Weil, die dort, die auf der Station, die haben schon vor einer Weile ihren Laden dichtgemacht. Arbeitsschluß. Jetzt da noch extra hinzulatschen, wäre wirklich vergebene Liebesmüh'. So können Sie jetzt von hier aus direkt nach Hause in Ihre Wohnung marschieren. Schnell heim, zum Fernsehschauen. Das heißt, wenn nichts dazwischenkommt."

Die Lippen schürzte Verena.

 

"Da sagen Sie nichts mehr, Frau Tümmel, was?" Breit grinste Herr Ernst. "Für alles wird von uns Sorge getragen. Sogar Ihren Koffer holen wir für Sie ab. Extra für Sie. Ist das kein Dienst am Kunden? Oder ist er das nicht?"

Zwei wie Herr Ernst dunkelblau uniformierte Polizisten schritten in der großen Vorhalle beim Vorderausgang des Polizeigebäudes nahe den WCs an Verena vorüber. Ohne dem Geschehen bei den Klosettüren großartig Beachtung zu schenken.

Wollte Verena etwas von irgendwem, mußte Verena auf sich aufmerksam machen. Vielleicht mit Schreierei.

Andererseits, ob es Verena viel half, durch die Gegend zu plärren oder herumzukreischen? Schließlich war Herr Ernst, der Verena gegenüber, Polizeibeamter. Wie die meisten anderen vor Ort Polizei waren.

Erklärte Herr Ernst Herbeigekommenen Dinge, war es sicherlich Herr Ernst, dessen Seite die richtige war. Das Gegenteil, das müßte bewiesen werden. Von Verena.

 

"Warten Sie, Frau Tümmel!" klang Herr Ernst auf, obwohl Verena sich kein bißchen was von der Stelle gerührt hatte. "Bitteschön, ich helfe Ihnen auch weiterhin gerne. Für Sie fahr' ich den Koffer da auch hier raus. Nennen Sie das auch 'Dienst am Kunden'."

Einen Schluchzlaut ließ Verena vernehmen.

In Bewegung schaffte sich Herr Ernst, den Koffer auf Rollen, der Verenas Eigentum war, hinter sich herziehend.

Abrupt verhielt Herr Ernst im Schritt, guckte zu Verena zurück.

 

"Was ist denn los, liebe Frau Tümmel?" erkundigte sich Herr Ernst bei Verena, der Tonfall Herrn Ernsts, als wäre Verena ein kleines Kind, das unvernünftig war und nicht folgte. "Los, los, los. Los, kommen Sie. Sie müssen weiter. Hier können Sie nicht bleiben. Ist nicht vorgesehen."

Tränen, die Verena die Wangen herunterstürzten.

"Ah!" entfuhr es Herrn Ernst, der die Augenbraue hochgezogen hatte. "Sie wollen doch schon dableiben? Dachte zwar, das wär erst in drei, vier Tagen, daß Sie hierher zurückkommen ... Aber klar, wenn's sein muß, haben wir hier Vollpension. Essen und Trinken frei. Könnte vielleicht auch heute schon was zu regeln sein. Für Sie. Für Sie, Frau Tümmel. Hm, soll ich ...? Soll ich das für Sie tun, liebe Frau? Sofort was für Sie hier klarmachen? Kann ich sicher was organisieren ... Obwohl's mir lieber wäre, Sie kämen mit mir mit."

"Nein, ich komme schon!" erklärte Verena.

"Na denn!" Erkennbar zufriedenes Kopfnicken von Herrn Ernst zu Verena hin.

Abermals, daß Herr Ernst losmachte. Nicht vergaß, den Rollkoffer Verenas mit der Hand hinterherzuziehen.

 

 

Vorbei an den senkrecht stehenden Stahlstangen der Sicherheitsschleuse für Hereinkommende begab Herr Ernst sich zur doppelten Ein- und Ausgangstüre aus Glas und mit Metallstreben, auf dem Fuß gefolgt von Verena.

"Immer gern, immer wieder zu Ihren Diensten, Frau Tümmel", säuselte Herr Ernst, Herr Ernst, der Verena den einen der Glastürflügel für den öffentlichen Kundenverkehrs hinaus und -ein der geräumigen Vorhalle mitten der Vorderfront des großen Hauptgebäudes der Polizeiinspektion am Querstangengriff aufhielt.

Ins Freie hinaus schritt Verena, Verena, der die Dauerfrage im Kopf kreiselte, welche Ideen Herr Ernst, der Wachmann in voller Uniformmontur, weiter bei Verena verfolgte. Verena das Modell ihres rollenden Reisekoffers zu übergeben, das hätte Herrn Ernst im Grunde eigentlich vollauf reichen müssen.

Die fünf Betonstufen hinunter zum hufeisenförmigen roten Pflastersteinhalbkreis, dessen Querschnitt an die Teerfläche des Gehsteigs anschloß, stieg Verena.

 

Herum wandte Verena sich zögerlich, Herrn Ernst zu, Herr Ernst, der oben auf der Gehfläche stehengeblieben war. Dort herumstand.

Anscheinend, daß Herr Ernst darauf gewartet hatte, daß Verena sich zu ihm umdrehte und zu ihm, Herrn Ernst, großäugig heraufglotzte.

Das fiel Herrn Ernst nicht ein, nachdem er sich Verena hinnickend oben in Bewegung schaffte, das Kofferteil, das samt seinem Inhalt Verena gehörte, beim Heruntersteigen der Stufen lange anheben zu wollen. Dabei schaute Verena zu, wie Herr Ernst den Koffer auf Rollen einzeln schwer von Stufe zu Stufe abwärts hüpfen ließ.

Glasflaschen im Kofferinnern, die bei jedem Hüpfer aneinanderschlugen. Hell aufklangen, klirrten.

Ob bei dem Unternehmen drinnen im Kofferteil irgendwas Gläsernes Sprünge bekommen hatte oder gar zerbrach, das konnte Verena nicht sagen. Jedenfalls  bemerkte Verena nichts, daß Soße unten aus dem Stoff des Koffers herauszutropfen anfing.

Unmittelbar, unmittelbar schien erst mal nichts kaputt zu sein.

"Hier wären wir nun, Frau Tümmel, wir beiden Hübschen", meinte Herr Wachmann Ernst an der Seite Verenas.

"Danke dafür, daß Sie mir meinen Koffer hier jetzt übergeben ...", brachte Verena mit einigermaßen fester Stimme über die Lippen, wollte mit ihrer Rechten nach dem Haltegriff des Koffers fassen.

"Nein, warten Sie schnell, Frau Tümmel", zischte Herr Ernst, der Verena durchdringend anstarrte.

Mitten in der Bewegung, daß Verena verharrte, nicht mit ihren Fingern den metallenen Quergriff umfaßte.

"Denk' mir, Frau Tümmel, ich begleite Sie noch ein paar Meter Ihres Weges." Munter, daß Herr Ernst Verena angrinste. "Macht Ihnen doch nichts aus, oder? Polizeischutz ist immer gut. Oder haben Sie was gegen Polizeischutz?"

Ihren Mund, den Verena geschlossen hielt.

"Los, kommen Sie, Frau Tümmel, gehen wir zusammen ein paar Meter hier weg." Mit einem Seitwärtszucken des Kopfs untermauerte Herr Ernst, der Streifenpolizist, seine Worte. "Oder wollen Sie nicht heimgehen ...? In meiner Begleitung ist's doch auf dem Heimweg auch schön, oder?"

 

 

"Ah, Frau Tümmel!" hörte Verena Herrn Ernst plötzlich, nachdem Herr Ernst und sie, Verena, nebeneinander auf dem Gehsteig spazierend, in die nächste Seitenstraße außerhalb jeglicher Sicht vom Polizeigebäude aus eingebogen waren. "Bleiben wir schnell mal kurz hier stehen, ja?"

Verena gehorchte, schaute zur Seite auf die Rennräder in der Auslage des Schaufensters des Fahrradgeschäfts "MeinRad".

"He, Frau Tümmel!" war Herrn Ernsts Ausruf. "Die letzten Tage hab' ich öfters mit Roland über Sie geredet. Roland ist mein bester Freund. Auch Polizist. Fährt aber mit jemand anders Streife. Während ich mit meinem Kollegen - ö! - momentan hauptsächlich zu Fuß in der Stadt unterwegs bin."

Der Schaufensterscheibe von "MeinRad", daß Verena sich im Stehen zugewandt hatte, daß Herr Ernst das ebenfalls unternehmen mußte, wollte Herr Ernst linker Hand von Verena bleiben.

"Mann, Mann, Frau Tümmel!" stieß Herr Ernst sichtlich aufgeregt heiser hervor. "Mann, Mann, Frau Tümmel! Sie sehen Dinge voraus, Frau Tümmel. Sehen heute Dinge, die aber erst in der Zukunft passieren ... Mann, Mann! Daß ich da nicht schon früher draufgekommen bin? Roland muß da erst draufkommen. Mich drauf aufmerksam machen. Auf die Möglichkeiten. Auf die Möglichkeiten, die es da gibt. Mann, Mann! Dabei kenne ich Sie, Frau Tümmel, schon ein paar Tage länger als Roland. Mann, Mann! Darauf hätte ich längst selber kommen müssen. Und jetzt hauen Sie in drei, vier Tagen auch noch hier aus der Stadt ab ..."

"Wei-weiß ich no-noch ni-nicht, ob i-ich ...", stotterte es aus Verena heraus.

"Ja, würd' ich auch sagen, bleiben Sie einfach hier in der Stadt, Frau Tümmel." Kopfnicken Herrn Ernsts. "Bleiben Sie einfach hier in der Stadt. Ist doch auch schön."

 

Die Polizistenschirmmütze in seiner Hand drehte Herr Ernst, sah Verena im Scheibenglas von "MeinRad" bei Herrn Ernst gespiegelt.

"Menschenskind, Frau Tümmel!" eröffnete Herr Ernst die Rede wieder. "Roland war der, der draufkommen hat müssen. Roland hat gemeint, wir hätten Sie längst mitnehmen sollen, Frau Tümmel. Ins Kasino."

"Wa-was ...?" Voll perplex war Verena, guckte links nach der Seite auf Herrn Ernst. "Wo-hin? Ins Ka-si-no ...?"

"Genau, Frau Tümmel!" Kumpelhaft grinste Herr Ernst seitlich auf Verena herunter. "Roulette, Blackjack, Poker ... Ganz egal. Hauptsache, es wird gewonnen. Wir gewinnen."

 

Schwer mitgenommen vom Gehörten war Verena schluchzend ein paar Meter von "MeinRad", dem Fahrradverkaufs- und -reparaturenladen, weggetaumelt.

Unmittelbar, daß Herr Ernst mit Verenas Rollkoffer Verena auf dem Fuß folgte. Wie Verenas Schatten.

Als Verena sich wegen ihren weichen Knien seitlich von einem Ausfahrtstor mit der Schulterpartie an die graue Hauswand angelehnt hatte, baute Herr Ernst sich breitbeinig unmittelbar Verena gegenüber auf.

"Roland und ich, wir fahren morgen abend mit Angie und Birgi, unseren Frauen, nach Weidenstetten, ins Kasino Reiter", unterrichtete Herr Ernst. "Es ist unser Wunsch, Frau Tümmel, daß Sie mit uns mitkommen. Uns begleiten. Was zum Anziehen fürs Kasino werden Sie sicher haben, oder?"

Ungläubiges Kopfschütteln Verenas.

"Wir zahlen Ihnen alles, Frau Tümmel!" meinte Herr Ernst, heiser vor Aufregung, mußte sich räuspern. "Den Eintritt ins Kasino. Was Sie essen, trinken. Nicht den allerkleinsten Cent müssen Sie selber zahlen. Auch spielen müssen Sie nicht. Sie schauen einfach nur zu. Mit Ihrer Fähigkeit, heute Dinge zu sehen, die in der Zukunft geschehen, schauen Sie nur einfach Leuten beim Spielen zu. Zum Beispiel am Roulettetisch, ja? Mehr müssen Sie nicht tun, Frau Tümmel. Mehr nicht. Sie sind bei uns dabei, schauen wo beim Spielen zu."

Nichts, das Verena dazu zu sagen einfiel.

"Mensch, Mensch, Frau Tümmel, stellen Sie sich das vor: Sie mal im Kasino. Sie in einem Kasino ... Was Sie essen, trinken, für nichts müssen Sie zahlen. Sie stehen einfach nur am Roulettetisch rum. Oder woanders an einem Tisch. Wo immer Sie gerade Lust haben. Ein Weilchen, daß Sie das schon gemacht haben, zuzuschauen. Dann sehen Sie plötzlich eine Kugel, daß die gefallen ist. Eine Zahl ... Die ist aber in Wirklichkeit nicht gefallen. Weil, wie Sie später mitbekommen, das überhaupt nicht war, daß diese Zahl da gefallen ist. Weil die Zahl, die Zahl wird erst in ein paar Tagen wirklich fallen. In ein paar Tagen. In ein paar Tagen in der Zukunft. Ah, und wenn Sie uns dann auch noch denjenigen beschreiben könnten, der mit dieser Zahl gewinnen wird, Frau Tümmel. Dann ... Wenn wir dann zwei, drei, vier, fünf Tage drauf mitkriegen, daß einer oder die bestimmte Person auf die Zahl setzt ... Jemand, von dem Sie gesprochen haben, Frau Tümmel. Ja, wenn der setzt ... Dann setzen wir auch eine größere Summe auf die Zahl. Bingo! Ganz einfach."

Den Kopf schüttelte Verena.

"Warum denn nicht, Frau Tümmel? Warum denn nicht?" Großäugig stierte Herr Ernst, dem Schweißtropfen auf der Stirn, den Oberlippen entstanden waren, perlten, aus seiner Höhe auf Verena herunter. "Was ist da denn groß dabei? Wo ist da auch nur das allerkleinste Problem? Finde nicht, daß wir hier irgendein Problem haben, Frau Tümmel. Kriegen von dem Gewinn auch was ab, hören Sie? Einen hübschen Batzen, haben wir was Größeres gewonnen."

 

"Reden Sie mit mir, Frau Tümmel!" verlangte Herr Ernst ungeduldig. "Reden Sie mit mir!"

"Wenn i-ich a-aber mor-gen im Ka-si-no nichts se-he?" erkundigte Verena sich mit Gestottere. "We-wenn ni-nichts ist ...?"

"He, wenn Sie sagen, daß Sie vielleicht in der Stadt bleiben, nicht in drei, vier Tagen mit diesem Kommissar Moinson aus der Stadt abreisen - sehe ich nicht, was dann sein sollte. Ist sicher kein Problem für uns, daß Sie öfters mit Roland und mir, Angie und Birgi mit ins Kasino mitfahren. Bei Vollpension. Sie haben was im Magen. Und wir setzen alles auf Zahl, Frau Tümmel. Alles auf Zahl." Vor Begeisterung klatschte Herr Ernst in die Hände. "Wir sprengen die Bank! Mit Ihnen zusammen sprengen wir die Bank, Frau Tümmel."

"A-aber ..." entfloh es Verena. Verena, der nichts einfiel, wie sie Herrn Ernst entkommen konnte.

Einfach wegzulaufen, das würde Verena nicht hinhauen. Im Nu, daß Herr Ernst Verena wieder eingefangen hatte. Außerdem würde Verena daraufhin gröber von Herrn Ernst angefaßt werden. Wenn Herr Ernst, der sich bis jetzt höflich verhielt, weil er was von Verena wollte und auf Verenas freien Willen setzte, nicht ein paarmal auf Verena einschlug. Um Verena deutlich zu machen, was Sache war.

 

"Ach, kommen Sie, Frau Tümmel. Nichts mit Aber, oder?"

"A-aber - so geht da-das nich-nicht, mit mir im Ka-si-no ...", versuchte Verena, bei Herrn Ernst einen kleinen Hauch Zweifel anzubringen.

"Was sollte so nicht gehen, Frau Tümmel?" Eine wegwerfende Handbewegung Herrn Ernsts. "Morgen abend kommen Sie mit Roland und mir, Birgi und Angie mit. Basta. Übermorgen auch. Zumindest die nächsten Tage. Die paar Tage müssen wir ausnützen. Mit Ihnen. Unbedingt. Ehe Kommissar Moinson kommt, Sie mitnimmt."

"A-aber, we-wenn ich nie jemanden ge-ge-gewinnen se-he ...", beharrte Verena mit ihrem Gestottere auf dem Punkt, Verena, der die Tränen auf einmal wie noch was die Wangen herunterliefen. "Se-he do-doch immer nur die-die schlech-schlechten Sa-chen vor-voraus. Und i-ich will die ei-gentlich nich-nicht se-sehen. Es pas-siert mir. Da ka-kann i-ich nich-nichts da-für. Wie wä-re i-ich son-sonst a-arm ...? O-der ha-hab' ich vie-viel Ge-eld ...?"

 

"Passen Sie ganz scharf auf, Frau Tümmel", fing Herr Ernst wieder an, nachdem Herr Ernst Verena ein Weilchen mit herabgezogenen Mundwinkeln betrachtet hatte. "Passen Sie jetzt ganz scharf auf, Frau Tümmel: Sie kommen morgen mit Roland und mir, Birgi und Angie im Auto mit. Daß das klar ist, ja? Was andres gibt's nicht."

"Nein!" stieß Verena trotzig hervor.

"Sie kommen mit Roland, Birgi und Angie und mir mit", raunte Herr Ernst. "Morgen, übermorgen. Zumindest die Tage nützen wir aus. Ehe Sie, Frau Tümmel ..."

"Nein!" trotzte Verena zu Verenas Überraschung ziemlich entschlossen.

"Und ob Sie werden! Etwas andres würd' ich mir gut überlegen, Frau Tümmel." Das Antlitz eines Mannes, der zu allem fähig war, brachte Herr Ernst näher an Verena heran. Bis auf Kußnähe.

Die weit aufgerissenen Augen von Herrn Ernst glotzten auf Verena. Erzählten davon, daß es für Verena knapp war; äußerst knapp war es für Verena, nicht am Ort etwas abzubekommen.

 

"Herr Di-schin-ger und Herr Kommissar Moinson ...", erinnerte Verena zaghaft. "We-wenn Herr Di-schin-ger und Kommissar Moin-son erfahren, da-daß Sie mi-mich hier ange-hen, Herr Ernst ..."

"Ach nee! Damit wollen Sie mir kommen? Vergessen Sie das, ja? Hören Sie lieber, was ich Ihnen sage. Was ich Ihnen zu sagen habe: Sie werden Ihres Lebens hier in der Stadt ab morgen abend nicht mehr froh, wenn Sie nicht einverstanden sind. Wenn Sie nicht tun, was ich von Ihnen erwarte, daß Sie tun, ja? Sie kriegen zuerst mal die Probleme, Frau Tümmel, würd' ich sagen. Sie kriegen welche, ja? Höchstpersönlich sorge ich für Ihre Probleme."

Ein wenig trat Herr Ernst von Verena zurück, um Verena den Zeigefinger unter dem Wangenknochen in das Nachgiebige, Weiche der Wange zu bohren.

"Au-a!" ließ Verena hören, Verena, der der Fingerstich von Herrn Ernst nicht direkt größeren Schmerz bereitete.

 

 

Das Empfinden von etwas Unangenehmem an Verenas Wangenhälfte blieb, als Herr Ernst den Finger nach langen Augenblicken wieder dort weggetan hatte.

"Was tun Sie denn bei der Frau da ...?" vernahm Verena eine helle, glockenreine Jungmädchenstimme. "Wollen Sie nicht damit aufhören?"

Ein vielleicht vierzehn-, fünfzehnjähriges Freundinnen-, Schwesternpaar blickte Verena. Mädels, die angesichts der Szene mit dem Polizisten in dunkelblauer Uniform, der eine sich mit dem Rücken an die Hausmauer drückende Frau Ende dreißig, Mitte vierzig bedrängte, mitten im Schritt innegehalten hatten.

 

Die zwei blondhaarigen Mädchen, die schräg nebeneinander dastanden und von der Seite auf Herrn Ernst und Verena starrten, kleideten sich voll im Partner-Look.

Enge, schwarze Röhren-Jeans, schwarzglänzende Bausche-Anoraks. Jeweils einen breiten, braunledernen Schulranzen wie aus Ururomas Zeiten trugen die beiden am Rücken.

"Verzieht euch bloß schnell hier weg, ihr Schnepfen!" gellte Herr Ernst. "Seht ihr beiden nicht, daß ich Polizei bin? Hier ist Einsatz. Ich mach' hier nur meine Arbeit. Und euch beiden geht das nichts an, wie ich die mache. Wie euch alles nichts angeht, was hier gerade los ist. Das ist eine rein dienstliche Angelegenheit, die mit euch beiden nicht das geringste zu tun hat. Also - verzieht euch, ihr beiden. Verzieht euch."

 

Nach Herrn Ernst, daß zwei Paar Art große, braune Rehaugen unverdrossen komisch linsten.

"Mensch, Mensch! Könnte das nicht möglich sein? Na, das - daß ich euch zwei Hübschen vorhin dabei zugeschaut hab', wie bei euch was gelaufen ist?"

Den Zeigefinger, daß aufgepaßt werden sollte, hob Herr Ernst aufwärts.

"Bei so einem, den ich von Berufs wegen bestens kenne, bei dem habt ihr mit Geldscheinen bezahlt. Ja, das habt ihr. Das hab' ich gesehen. Mit meinen eigenen Augen. Da hab' ich dann gewartet. Weil ich das gesehen hab', was ich gesehen hab'. Und, tatsächlich - mein Freund, der mir schon etwas länger bekannt ist, der da weggegangen war -, der kommt wieder. Nach zwei, drei Minuten kommt der wieder. Die Droge, die ihr euch bei ihm bestellt hattet, hat der Mistkerl dabei. Die hat er euch gebracht. Euch in die Hände übergeben. In euren Ranzen habt ihr zwei Schönheiten den Stoff wo dazwischengeschoben. Hab' ich alles haarscharf beobachtet. Haargenau mitbekommen. Ganz astrein. Könnt ich alles nicht besser gesehen haben. Was sagt ihr zwei also, wenn ich von euch verlange, daß ihr beiden eure Ranzen jetzt jede Sekunde hinten herunternehmt. Damit ich reinschauen kann, in eure braunen Schulranzen da. Einfach, weil ich Polizei bin und das von euch beiden verlangen kann, darf, werdet ihr das tun. Weil ihr das hübsch macht, wenn ich das möchte. Wenn ihr das nicht macht ... Das heißt, wenn ihr zwei euch nicht jetzt gleich schnell verzieht, macht ihr zwei das. He, bloß nicht so schauen! Als ob ich ... Als ob ich nicht was ... Als ob ich nichts hätte. Ja, glaubt ihr Schwestern denn, daß ich nichts habe, das ich finden könnte ...?"

In die eine Hosentasche langte Herr Ernst bei sich, anschließend in die andere.

Zwei Klarsichtplastiktütchen von Handflächengröße, die Herr Ernst aus der Tasche seiner Uniformhose herausholte.

Grinsend präsentierte Herr Ernst die Tütchen mit dem weißen Inhalt zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände.

"Das kann ich bei euch zwei Hübschen finden." Höhnisch grinste Herr Ernst breit. "In euren Schulranzen. Wenn ich will, lege ich euch Handschellen an. In denen führe ich euch hier ab. Eure Eltern daheim kriegen aus der Inspektion Anrufe, sofort auf die Polizei zu kommen ... Verstehen wir uns?"

Die blonden Pferdeschwanzträgerinnen, die sich von der Ganztagsschule auf den Weg heimwärts gemacht hatten, wandten sich mit ihren verschreckten Rehaugen und mit reichlich roter Farbe in den sympathischen Gesichtern stumm abrupt von der Szene ab.

Flott, daß davongeschritten wurde. Ohne Blick zurück.

 

 

"Machen wir auch, daß wir hier weiterkommen, Frau Tümmel", meinte Herr Ernst, der Verena grob am Oberarm anpackte. "Mann, Mann!"

"Sie tun mir weh", stieß Verena hervor, wollte sich von Herrn Ernst losreißen.

"Dann kommen Sie einfach, ja?" raunte Herr Ernst, der Verena losließ. "Dann tue ich Ihnen auch nicht weh."

"Ja!" Kopfnicken Verenas.

 

"Weiß überhaupt nicht, welche Probleme es hier zwischen uns gibt, Frau Tümmel", plapperte Herr Ernst aufgeregt, der neben Verena herschritt. "Denke, morgen nachmittag gegen halb vier, fünf hole ich Sie in Ihrer Wohnung ab. Dann fahren wir beide zu Roland. Bei Roland schauen wir, was Birgi Schönes für Sie im Kleiderschrank hat. Birgi ist zwar größer wie Sie. Aber Birgi kann in kürzester Zeit Röcke, Hosen für jede Konfessionsgröße anpassen. Dann werden auch Sie abends im Kasino was hermachen. Das verspreche ich Ihnen. Sie waren sicher noch nicht oft in einem Kasino, oder?"

Nichts, das Verena zum Daherlabern einfiel.

"Müssen Sie nicht lange selber bei sich daheim rumsuchen, Frau Tümmel", war Herr Ernst weiter in bester Quassellaune. "Birgi macht das schon. Birgi macht Sie hübsch, passen Sie auf. Passen Sie auf, Sie werden nach was ausschauen. Behalten können Sie die Klamotten dann auch gleich. Und wenn wir die nächsten Tage die Bank sprengen, hat sowieso keiner von uns mehr lange größere Sorgen."

Die Augen Verenas suchte Herr Ernst vorgebeugt, um Verena so etwas wie ein freundliches, gewinnendes Lächeln zu zeigen.

 

"Morgen komme ich also so um halb vier, fünf zu Ihnen in die Wohnung, Frau Tümmel", wiederholte Herr Ernst, der stehenblieb und Verenas Unterarm losließ, das Gesagte von zuvor. "Daß ich zu Ihnen raufkomme, darauf können Sie sich verlassen. Sie sollten aufmachen."

"A-aber i-ich kann Ihnen und Ih-rem Freund kei-keinen Ge-winn verspre-sprechen", versuchte Verena sich noch mal, die Tatsache an den Mann zu bringen. "Und i-ich will da-das auch nich-nicht, daß ich wie-der so ein Unglück voraus-sehe. Sie können doch nicht ernsthaft glau-ben, daß i-ich ..."

"Hören Sie doch mit Ihrer dummen Sülze auf!" Eine wegwerfende Handbewegung von Herrn Ernst. "Daß Sie mir morgen um halb vier, fünf ja in der Wohnung oben sind. Wäre nicht gesund für Sie, daß ich hinaufmache - und Sie sind nicht in Ihrer Wohnung. Sollten Sie überhaupt nicht dran denken. Könnt sein, daß ich dann andere Saiten bei Ihnen aufziehe. Daß wir uns richtig kennenlernen. Verstehen wir uns?"

Nach linker Hand auf Herrn Ernst guckte Verena matt.

 

 

Am Arm packte Herr Ernst Verena aufs neue unvermittelt, zog Verena in so eine Passage zwischen zwei Häusern hinein. Einsam und verlassen schien der Durchgang.

"Jetzt hören Sie mir mal ganz genau zu, Sie Mißgeburt!" Zur Hausmauer, daß Herr Ernst Verena nach rückwärts stieß. "Keine Ahnung, wie Sie das bis heute gemacht haben, daß Ihnen kein Mensch draufgekommen ist. Aber - das hat sich die Tage jetzt erledigt. Leute hier haben Zusammenhänge hergestellt. Vorbei ist das mit Ihrem Riesenglück."

Verena, der das Herz raste, glotzte mit weit aufgerissenen Augen auf Herrn Ernst, den uniformierten Wachmann, dem seine Polizeimütze leicht schief am Kopf oben saß.

"Daß wir uns hier glasklar verstehen, Frau Tümmel." Den Zeigefinger stach Herr Ernst Verena tief in die linke Brust. "Im Mittelalter hätte man, hätte man das von Ihnen erfahren, einen Hexenprozeß mit Ihnen veranstaltet. Der Hexerei wären Sie angeklagt worden. Gefoltert hätte man sie, in einer Tour gefoltert. Als Hexe hätte man Sie zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Unter Ihrem Hintern hätte das Feuer lichterloh zu brennen angefangen, sag' ich Ihnen."

"Bit-te, i-ich wi-will ja ...! Bit-te!" versuchte Verena, beruhigend auf Herrn Ernst einzuwirken.

 

"Glaub bloß nicht, Hexe, daß es so was nicht auch heute noch gibt." Ganz nahe brachte Herr Ernst sein schwitziges Gesicht an das von Verena heran. "Kennen Sie Pfarrer Dreisam? Ach, mir egal, ob Sie den kennen. Für die Totenkirche hier in der Stadt ist Pfarrer Dreisam verantwortlich. Kollegen von mir haben die letzten Wochen zweimal die Sakristei und die Privaträume von Pfarrer Dreisam durchsucht. Und warum hat die Polizei die Räumlichkeiten von Pfarrer Dreisam auf den Kopf gestellt? Ich sag' es Ihnen: Weil so eine junge Braut ins Krankenhaus gefahren worden ist. Bei der Kleinen hat Pfarrer Dreisam über Monate hinweg einen Exorzismus durchgeführt. Einen Exorzismus. Das hat Pfarrer Dreisam die letzten Jahre zwar schon öfters bei ein paar gemacht. Aber diesem Mädel ist der Spaß nicht gut bekommen. Mit dem Tod ringt sie. Seit dem letzten Abend in Pfarrer Dreisams Wohnzimmer liegt die Süße im Koma."

"Ich-ich ...", schaffte Verena hervor, versuchte erfolglos, mit beiden Händen Herrn Ernsts Oberkörper von sich wegzuschieben. "Bit-te ...!"

"Ein Exorzismus ist das, was Pfarrer Dreisam mit der gemacht hat", flüsterte Herr Ernst Verena ins Ohr. "Sie wissen doch, was das ist, ein 'Exorzismus'? Eine Teufelsaustreibung. Den Teufel hat Pfarrer Dreisam der Kleinen auszutreiben versucht. Und den Teufel auszutreiben - das wäre sicher auch was, was Sie gut gebrauchen könnten, Frau Tümmel, Sie Hexe!"

 

Von Verena, daß Herr Ernst abrupt einen Schritt zurückgetreten war. Verena gegenüber stemmte Herr Ernst die Arme in die Hüften.

Mit dem Handrücken wischte Verena sich die Nasenflügel her, während sie Herrn Ernst schluchzend anstierte.

Wasser und Rotz, das heulte Verena.

"Wissen Sie was, Frau Tümmel?" öffnete Herr Ernst aufs neue den Mund.

Kopfschütteln Verenas, weil Verena nichts wußte.

"Pfarrer Dreisam hat meinen Kollegen erzählt, daß die Austreibung des Teufels bei dem jungen Fräulein schon gewisse Erfolge gezeigt gehabt hätte. Das Böse war an dem Abend dabei, aus dem Mädel herauszufahren. Aber - ehe das zur Gänze passieren hat können, daß der Dämon aus ihr ausgefahren ist, war die kleine Schlampe urplötzlich ein paar Momente bei sich, wach, wieder sie selber. Hat schlimme Flüche gegen Pfarrer Dreisam und das Kreuz von sich gegeben. Alles Futter für den Dämonen. Der ist mit aller Macht in sie zurück hineingefahren. Aufgebäumt hat das Mädchen sich, hat Pfarrer Dreisam erzählt. Sich aufgebäumt, daß Pfarrer Dreisam meinte, ihr würde das Rückgrat brechen. Danach war die Kleine nur noch regungslos. Wie tot. Gegen den Willen von Pfarrer Dreisam hat die Mutti der Teenagerin den Notarzt gerufen. Konnte Pfarrer Dreisam nichts dagegen machen. War für Pfarrer Dreisam einfach nichts dagegen zu machen. Die Eltern wollten ihr Kind nicht sterben lassen. Vor allem die Mutter wollte nicht."

 

Verena zitterten die Beine derart, daß Verena vollauf damit beschäftigt war, nicht die körnige, graue Mauer herunterzurutschen, sich mit dem Hinterteil auf die Teerfläche zu setzen.

"Ha, Frau Tümmel, Pfarrer Dreisam war im Nu wieder auf freiem Fuß." Breit grinste Herr Ernst. "Wie eh und je bevölkert Pfarrer Dreisam die Sakristei der Totenkirche, feiert drinnen Messen. Nur der Bischof ruft seitdem fast täglich bei Georg - Herrn Dischinger - im Büro an. Unterhält sich mit Georg über Gott und die Welt, gutes Essen und Kochsendungen im Fernsehen. Genau weiß Georg, was der Bischof von ihm möchte. Daß wir von der Polizei Pfarrer Dreisam ... Daß wir den Dreisam ..."

Laut schniefte Verena mehrmals.

"Kommt die junge Frau - die behandelnden Ärzte sagen, es gäbe durchaus Anzeichen, darauf hoffen zu können - demnächst im Klinikum wieder zu sich, erwacht aus dem Koma, fehlt ihr am Schluß nicht viel, Frau Tümmel, unternehmen die Eltern der Kleinen aus eigenen Stücken wegen dem Geschehenen wahrscheinlich herzlich wenig." Die Schulter zuckte Herr Ernst. "Mutti und Vati wollten den Exorzismus durch Pfarrer Dreisam ja schließlich auch haben ... Haben ihn bestellt. Dann ist Pfarrer Dreisam voll aus dem Schneider. Von uns wird er nicht mehr belästigt."

Ein letztes verbliebenes Papiertaschentuch fingerte Verena für sich aus der dünnen Plastikhülle ihres Päckchens. In das papierne Tuch schneuzte Verena sich lautstark.

"Damit hätte sich für Pfarrer Dreisam wieder mal alles zum Guten gewendet. Sauber aus dem Schneider." Neues Schulterzucken bei Herrn Ernst. "Läßt sich nicht von der Hand weisen, noch einen netten Nebeneffekt hat die Geschichte, daß es Pfarrer Dreisam so richtig freut: Die Totenkirche ist die Tage bei den Metten, steht Pfarrer Dreisam oben auf der Kanzel, wieder voller. Hat schließlich jede Menge schöne lokale Presse gekriegt, der Mann, Frau Tümmel. So hat alles seinen Nutzen."

 

 

"Hahaha!" lachte Herr Ernst los, nachdem Herr Ernst Verena eine Zeitlang nur angestarrt hatte.

"Bit-te, Herr Ernst, i-ich ka-kann Ihnen do-doch nicht ver-sprechen, daß ...", wollte Verena den nächsten Versuch starten, bei Herrn Ernst Vernunft in die Sache zu bringen. "Sie kön-nen da-das do-doch nicht i-im Ernst mei-nen ..."

"Nein, Frau Tümmel!" Abwinken bei Herr Ernst. "Jetzt halten Sie wieder schnell den Mund. Ich bin der, der redet. Sie sind die, die mir zuhorcht, ja? Ich meine, ich muß Ihnen noch was erzählen. Das sollten Sie sich mal vorstellen. Nämlich das, wie das kommen könnte, wenn ich das mit Ihnen und Ihrer besondern Gabe, Dinge als Wirklichkeit zu sehen, die dann aber am Ort überhaupt nicht sind, sich dafür aber ein paar Tage drauf in der Zukunft tatsächlich real dort ereignen, bei Pfarrer Dreisam anlande. Zwar so, daß Pfarrer Dreisam das auch versteht, was ich ihm sage. Daß Pfarrer Dreisam ein Licht aufgeht, Frau Tümmel. Na, was denken Sie sich, Frau Tümmel, auf welche Ideen Pfarrer Dreisam bei Ihnen kommen könnte? Pfarrer Dreisam, der gerne den Teufel austreibt. Ein Teufelsaustreiber ist der."

Geschniefe Verenas, Geschneuze in ihr Papiertaschentuch hinein.

"Frag' mich, Frau Tümmel: Könnt's nicht sein, daß hier in der Stadt dann schon morgen eine richtige Hexenjagd losgeht?" Die Mundwinkel zog Herr Ernst herunter, kratzte sich nachdenklich am Kinn. "Pfarrer Dreisam, der die Mine lostritt. Von der Kanzel in der Totenkirche herunter ... Der richtige Mann für so was, Pfarrer Dreisam. Und die Hexe, hinter der die Leute her sind, sind - Sie, Frau Tümmel!"

Auf Herrn Ernst in seiner dunkelblauen Polizeiuniform glotzte Verena hilflos.

 

"Hm, Frau Tümmel, beten Sie eigentlich viel in Ihrem Leben?" erkundigte sich Herr Ernst.

Den Kopf schüttelte Verena.

"Nein ...?" Die Augenbraue, die Herr Ernst überrascht hochzog. "Dachte mir, Sie ... Wenn Sie schon so Sachen haben, die ... Na, da dacht' ich mir jetzt doch glatt, Frau Tümmel, die müßte religiös sein ... Aber sie ist's nicht, sagt sie. Auch gut. Mir ist's so was von egal."

"Herr Ernst, i-ich ..." Die Arme hob Verena Herrn Ernst flehentlich entgegen.

"Halten Sie den Mund! Hab' ich nicht gesagt, daß ich der bin, der redet?" Mit dem Daumen nach rückwärts zeigte Herr Ernst auf sich. "Wissen Sie, Frau Tümmel, noch einen Einfall hab' ich. An was Pfarrer Dreisam noch denken könnte. Was noch mit Ihnen passieren könnte. Den, daß Pfarrer Dreisam vielleicht eine aufgeregte e-Mail verschickt. Inhalt des Briefes, Sie, Frau Tümmel. Sie und Ihre seherischen Fähigkeiten. Ja, Pfarrer Dreisam verschickt 'nen Brief. Auf den Brief hin eilen schnell höhergestellte Kirchenleute zu Pfarrer Dreisam. Um auf Pfarrer Dreisam einzuwirken. Na, daß Pfarrer Dreisam sich von wegen dem mit der Hexe beruhigt, Frau Tümmel. Könnte wirklich möglich sein, daß die so lange auf Pfarrer Dreisam einreden, bis Pfarrer Dreisam das einsieht, daß es besser ist, die Dinge ruhiger zu sehen. Ob das aber ruhiger für Sie wäre? Jetzt stellen Sie sich das mal vor, Frau Tümmel: Hinter dicken Klostermauern könnten Sie die Tage verschwinden. Mit ein bißchen gutem Zureden, Frau Tümmel, könnt's sich abspielen, daß Sie ganz freiwillig mitkommen. Im abgedunkelten Wagen abgefahren werden. Zu Nonnen in einem weiter entfernteren Kloster geht die Reise. Ah, Frau Tümmel, so Nonnen da, mit denen ganz alleine ... So Nonnen, weit und breit mit denen alleine auf der Welt - da sind die hundertpro in der Lage, einen zu allem zu bekehren, was sie nur wollen. Könnt gut sein, daß sie das mit jedem könnten, wer immer denen unterkommt. Echt wahr! Dauert alles vielleicht überhaupt nicht lange, dann sind Sie, Frau Tümmel, eine Nonne. Eine Nonne wie die anderen Nonnen. Dann gibt es sie, die 'Nonne Verena' - hahaha!"

 

Ihre schwachen Knie fühlten sich für Verena so an, daß Verena sich nur wunderte, daß Verena weiter dastand, nicht am Teerboden unten hockte.

Die Gedanken, Überlegungen, die Herr Ernst Verena gegenüber aussprach, die hatten es für Verena in sich. Waren von einer Art, daß sie Verena im Innersten zutiefst anfaßten.

"Die Nonne Verena wird mit ihrem frommen, heiligen Wesen und den sich bewahrheitenden Visionen landauf, landab immer berühmter. Auf Pilgerfahrt begeben sich gottesfürchtige Leute. Zu der geheiligten Klosterfrau Verena zu gelangen. Vor Klosterfrau Verenas von jeder Sünde gereinigte Gestalt und ihr in Gott erleuchtetes Antlitz zu treten. Vor die Klosterfrau Verena. 'Klosterfrau Verena' - hahaha!"

"Nein!"

"Und ob, Frau Tümmel - hahaha!"

Mit todernster Miene besah Herr Ernst sich Verena ausgiebig.

"Immer noch haben Sie aber Glück, Frau Tümmel", sagte Herr Ernst wieder, zuckte die Schulter. "Mich interessiert so was nicht. Das, was ich gerade zu Ihnen gesagt hab' - das ist nicht mein Plan. Das heißt, wenn es so nicht sein muß, interessiert mich das nicht. An einer 'Klosterfrau Verena' bin ich nicht interessiert."

"Nich-nicht ...?" hörte Verena sich.

"Aber ja doch, Frau Tümmel!" hielt Herr Ernst die Tatsache bestimmten Tones fest. "Mich interessieren keine 'Seelen'. Oder so was. Was mich interessiert, ist Geld, Frau Tümmel. Geld. Nur Geld. Geld will ich. Weil ich Geld brauche. Geld brauche ich. Einen Haufen Geld. Sonst nichts. In nächster Zukunft hab' ich größere Summen nötig."

Blinzelnd schaute Verena distanziert auf Herrn Ernst, den Polizeibeamten.

 

"Wissen Sie was, Frau Tümmel?" zischte Herr Ernst Verena hin.

"Nei-nein ...", gab Verena zur Antwort, statt stillzubleiben.

"Daß heute auch schon ein guter Tag wäre, mit Ihnen ins Kasino zu fahren", unterrichtete Herr Ernst. "Die letzte Woche hätte es auch schon ein paar schöne gegeben, die wir ... Schöne, wie heute. Heute, das ist ... Heute, das ist der nächste verlorene Tag."

"Ja-a ...?" kam es gepreßt von Verena.

"Ja-a, Frau Tümmel!" Schulterzucken bei Herrn Ernst. "Was soll ich machen? Morgen vormittag, hat Herr Hinrichs, der Fatzke von der Bank, gesagt, daß sie sich endgültig entschieden haben werden, nachdem sie die letzten Unterlagen ja bereits am Freitag vorletzter Woche bekommen haben, ob Angie den Bankkredit bekommt. Das hat Angie mir am Handy gesagt."

 

Verenas Gedanken überschlugen sich.

Birgi war die Frau Rolands, des Freundes und Kollegen von Herrn Ernst. Angie, das war die Ehefrau Herrn Ernsts. Und Angie, Herrn Ernsts Gattin, die nahm extra einen frischen Kredit bei der Bank auf. Einen Bankkredit, anscheinend lediglich für einen einzigen Zweck - daß mit der Geldsumme im Kasino gespielt werden konnte.

Nicht einfach nur so. Um vielleicht im Kasino hin und wieder kleinere Beträge zu setzen. Morgen am Abend, da war angedacht, daß Verena Tümmel im "Spielkasino Reiter" mit von der Partie war. Und Verena Tümmel, die würde für Herrn Ernst und Angie, Roland, Herrn Ernsts Kumpel, und dessen Gemahlin Birgi der Mittelpunkt von allem sein.

Sobald Verena sich im entferntesten irgendwie seltsam aufführte oder andeutungsweise bekanntmachte, daß sie, Verena, was bei irgendwem wahrgenommen hätte. Irgendwas von einem größeren Gewinn von einem Mann, einer Frau, der, die zum Beispiel bereits am Roulettetisch herumsaß. Dann würde diejenige Person von Herrn Ernst, Roland, Angie und Birgi aufs schärfste ins Auge gefaßt werden. Setzte er, sie ausgerechnet auf eine bestimmte Zahl, die Verena Herrn Ernst und seinem Freund Roland nennen hatte müssen, von der Herr Ernst, Roland, Angie und Birgi nun dachten, das wäre die Zahl der Zahlen, die für einen größeren Gewinn fiel - sollte der Betrag, den Angie als Kredit bei der Bank aufgenommen hatte, auf diese eine Zahl gesetzt werden. Nicht ein kleiner Teilbetrag, sondern die ganze Summe.

Wenn die Kugel dann aber nicht auf die Zahl fiel - weil das, was Verena in ihrer Aufregung veranstaltet hatte, ein Fehlalarm war. Eine Tatsache, die Verena Herrn Ernst, Roland, Angie und Birgi nicht plausibel hatte machen können, ehe sie auf die Zahl setzten. Dann war alles Geld, das Herrn Ernsts Frau Angie bei der Bank aufgenommen hatte, auf einen Schlag weg. Und Verena, die war mit Herrn Ernst, Angie, Roland und Birgi zusammen. Würde mit Herrn Ernst, Angie, Roland und Birgi aus dem Kasino hinausgehen müssen. Mit ihnen im Auto abzufahren, nach Hause. Und unterwegs ...

 

"Ihre dämliche Visage sollten Sie sich fürs Kasino Reiter morgen abend abgewöhnen", empfahl Herr Ernst Verena, daß Verena zusammenzuckte, aus ihren Gedankengänge zu sich kam.

Mit dem Kopf nickte Verena, zeigte Herrn Ernst, daß Verena Herrn Ernst und all seine Worte verstanden hatte.

"Wenn ich morgen nachmittags gegen vier, fünf bei Ihnen an der Wohnungstür läute, sollten Sie daheim sein, Frau Tümmel, ja? Etwas anderes würde ich Ihnen wirklich nicht empfehlen." Den Zeigefinger hielt Herr Ernst Verena als Warnung unter die Nase. "Kein Herumgezicke von Ihnen, nichts. Wäre Ihrer Gesundheit nicht förderlich. Es gibt einige Möglichkeiten, die ich habe, Frau Tümmel, tun Sie nicht das, was ich von Ihnen will. Ein bißchen was davon, was bei Ihnen los sein könnte, habe ich Ihnen ja auseinandergesetzt. Pfarrer Dreisam und so. Was den angeht."

"Ja-a, ha-hab' scho-schon ver-verstanden", krächzte Verena.

"Aber - es könnte schon noch mehr sein, das ich mit Ihnen anstellen könnte, Frau Tümmel ..." Nach dem Haltegriff von Verenas Rollkoffer langte Herr Ernst. Näher zu Verena schob Herr Ernst den Koffer auf Rollen heran. Dann trat Herr Ernst zweimal mit seinem eisenbeschlagenen Schuh nach dem zähen Stofftuch des Koffers.

Deutlich erlauschte Verena, wie im Kofferteil Glas zerbrach, Plastik knackend nachgab.

"Glauben Sie mir, genau das gleiche, das mache ich auch mit Ihnen", raunte Herr Ernst. "Jederzeit. Wenn's sein muß. Tun Sie nicht das, was ich von Ihnen will, sollten Sie sich das gut, gut überlegt haben. Morgen zwischen vier, fünf sehen wir uns, Frau Tümmel. In Ihrer Wohnung. Wenn Sie sich nichts brechen wollen."

Bei sich, daß Verena mitgekriegt hatte, daß Verena sich die Hosen voll machte. Alle Geschäfte, die Verena da erledigte.

"Gut denn! Hier wäre alles gesagt. Wir haben uns verstanden, Frau Tümmel, glaube ich." Die Hacken schlug Herr Ernst vor Verena zusammen, entbot Verena einen militärischen Gruß. "Dann hätten wir das hier für heute. Ich muß jetzt weiter, glaub' ich, die Arbeit ruft. Bis morgen um vier, fünf rum, Frau Tümmel. Schönen Tag noch!"

Ruckartig wandte Herr Ernst sich von Verenas Gestalt ab, Verena, die an der Hausmauer lehnte.

Entschlossenen Schrittes begab Herr Ernst sich die Meter die Passage zwischen den Stadthäusern hinauf. Auf dem Gehsteig befand Herr Ernst sich schnell, verschwand für Verena nach rechts und außer Sicht.

 Mit dem Rücken, daß Verena am grauen, körnigen Verputz der Hauswand auf den geteerten Boden herabrutschte.

Nicht glauben wollte Verena das, daß Herr Ernst, der vor einigen Augenblickchen Verena so ungeheuer gegenwärtig war, wirklich weggegangen war, Verena mit sich alleine zurückließ.

 

 

Dem nächsten orangenen Tropfen, dem Verena dabei zuschaute, wie er größer und größer wurde. Bis er sich von der Lederkante löste, auf die Lache Orangensaft unter dem Rollkoffer platschte.

"Was ist denn mit Ihnen los?" fragte eine beunruhigte Altmännerstimme.

Verena, die vor Schreck zusammengezuckt war, guckte mit weit aufgerissenen Augen von ihrem Sitzplatz am geteerten Boden hoch.

Auf einen ältlichen, grauhaarigen Mann, der sich auf einen Eisenstock stützte, daß Verena starrte.

Eine grobe, fusselige, grüne Strickweste trug der Rentner bis oben hin zugeknöpft am Oberkörper. Eine weite, dunkelbraune Alter-Mann-Hose an den Beinen. Braune Hausschuhe befanden sich an den sockenfreien Füßen.

 

"Fehlt Ihnen irgendwas?" erkundigte sich der Alte bei Verena.

Den Kopf schüttelte Verena.

"Aber - mit Ihnen ist doch irgendwas passiert ...", war die Fortsetzung des Sechzig-, Siebzigjährigen, der auf Verena herunterglotzte. "Und ein Geruch, ein Geruch geht von Ihnen weg - o Mann! Wie am Klo. Hat Sie wer überfallen? Sind Sie etwa geschlagen worden? Sind Sie verletzt? Hab' mein neues Handy dabei - soll ich schnell die Polizei rufen?"

"Nei-nein, bit-bitte nicht!" lehnte Verena das Angebot ab.

Unverzüglich nun, daß Verena sich ungelenk dranmachte, sich mit den Handflächen auf der Teerfläche abstützend auf die Beine hochzurappeln.

 

"Mir fehlt nichts, mein Herr. Nicht das geringste. Sie müssen sich wirklich nicht extra bemühen. Wegen mir. Echt nicht."

"So, wie Sie ausschauen, liebe Frau, sollte ich aber ...", meinte der Greis, der fahle, eingefallene Wangen hatte, nachdenklich, fuhr sich durch das kurze, graue Haar. "Sagen Sie, warum wollen Sie denn nicht, daß ich die Polizei rufe?"

"Weil die Polizei bis eben da war!" fauchte es übellaunig aus Verena heraus, Verena, die ihren Rollkoffer am Haltegriff packte. "Bis vor einem Augenblick war noch Polizei da! Ein Polizist. Jetzt ist der Polizist fort."

 

"Ein Po-li-zist ...?" wollte der Rentner die ihm mitgeteilte Neuigkeit nicht recht glauben. "Ein Polizist soll hier gewesen sein? Hab' aber beim Herauskommen aus der Tür keinen Polizisten hier am Zwischengang gesehen. Nur Sie. Nur Sie, liebe Frau. Sie sind hier am Erdboden rumgesessen ..."

"Weil der Polizist schon weg ist", versetzte Verena gereizt. "Bis vorhin war er noch da - jetzt ist er weggegangen, der Polizist. Sie hätten vielleicht zuschauen sollen, mal früher zur Haustür rauszukommen. Dann hätten Sie IHN gesehen, den Polizisten. Den Polizisten, der ... Der ... Ach, hören wir auf! Vielen Dank! Wirklich, Sie müssen nichts für mich tun. Gar nichts. Mir geht's supi. Ganz, ganz supi. Brauch' keine Polizei. Heute nicht mehr. Hatte genügend Polizei. Das dürfen Sie mir glauben. Auf Wiedersehen!"

Ab wandte Verena sich von dem altgewordenen Kerl. Den Koffer auf Rollen hinter sich herziehend, eilte Verena aus der vielleicht zweieinhalb Meter breiten Passage zwischen zwei mehrstöckigen Stadthäusern hinaus. Ohne von hinterrücks den Ruf einer Altherrenstimme oder sonst irgendwas zu erlauschen.

 

 

Auf dem gepflasterten Trottoir wählte Verena die Richtung, die auch Herr Ernst genommen hatte. Die, die Verena möglichst weit fort von dem Polizeigebäude und den Polizeibeamten, die es bevölkerten, wegbrachte.

Hinter Glascontainern verborgen, daß Verena sich die Hosen herunterzog und sich mit einem zufällig bei den Sammelcontainern auf dem Boden herumliegenden, ursprünglich mal weißen Männerhemd notdürftig reinigte.

Als Verena mit allem einigermaßen zu ihrer Zufriedenheit fertig war, steckte Verena das Hemd in den Container für das Braunglas, ließ es herabfallen.

 

Soweit es Verenas Stinkerei anging, mußte es eben so sein, daß Verena ein bißchen unangenehmer, strenger roch als gewöhnlich üblich.

Mußte auch nicht sein, daß sich Leute länger bei und mit Verena aufhielten.

Verena selber bereitete das mit dem Stinken Verenas wirklich das allerkleinste Problem im Moment. Verena, die hatte andere Sorgen. Ganz, ganz andere.

 

Die Zebrastreifen hinüber bewältigte Verena. Der Straßenkreuzungen waren einige, die Verena im leichten Nieselregen, den Koffer auf Rollen hinter sich herziehend, zählte. Ansonsten war Verena wie benebelt im Kopf. Einen richtig klaren Gedanken konnte Verena in keinster Weise fassen.

Schließlich entdeckte Verena sich auf dem geteerten Weg, der die Anhöhe hinter dem alten Rathaus hinaufführte. Verena, wie bei einer Bewußtwerdung.

Paßte ausgezeichnet, der Ort. Denn da war ein Widerstreben in Verena. Eine Abneigung, die in Verena stärker und stärker angewachsen war: mir nichts, dir nichts nach Hause zu gehen, drinnen im Gebäude die Stiegen in die heimatliche Wohnung raufzusteigen.

 

Bei der zweiten grüngestrichenen Parkbank für Spaziergänger, daß Verena mit ihrem Rollkoffer anhielt.

Traurig seufzte Verena.

Trotz des nieselnden Wetters, daß Verena sich auf die Sitzfläche der hölzernen Bank niederhockte.

Durch das wenig dichte Grün des aufgewachsenen Gebüschs, daß Verena matt, müde auf die Umrisse diverser weißgestrichener Häuser mit roten Dächern hinabblickte.

 

Es blieb eine Horrorvorstellung für Verena: Verena kam daheim im Wohngebäude zur Haustür hinein. Da standen zwei Polizeibeamte in der Vorhalle. Zwei Polizisten, die sich mit Käthe, der fetten Hausmeistersfrau, unterhielten. So vertraut über dies und das und die Welt, daß sie mit Käthe sprachen.

Verena, daß die Polizeileute entgegenschauten, mit den Köpfen Verena hinnickten.

Die netten Herren von der Polizei hätten nach Verena Tümmel gefragt, plapperte es aus Käthe heraus. Frau Tümmel, die müßte eigentlich doch bald heimkommen, hätte sie, Käthe, den Beamten gesagt. Und da, da wäre sie schon, sie, Verena Tümmel, wie für die Beamten bestellt.

Böserweise "Fettauge"-Käthe, die Gemahlin des Hausmeisters, die, nachdem sich die Polizeiherrschaften Verena zugewandt hatten, sich um Verena kümmerten, bei allem zuschaute und -horchte, was bei Verena geredet wurde. Jede Kleinigkeit bekam "Fettauge"-Käthe haarklein mit, worüber Verena Tümmel unterrichtet wurde. Was die Herren in Polizeiuniform von Verena Schönes wollten.

Vielleicht hatten die Beamten den Wunsch, daß Verena Tümmel mit ihnen mitkommen sollte. Auf der Stelle.

Eine hübsche Neuigkeit für "Fettauge"-Käthe. Dazu geeignet, als Nachricht überall in der Nachbarschaft verbreitet zu werden.

 

Uniformierte Abgesandte konnten das sein, die Kommissar Moinson losgeschickt hatte.

Aber auch sonstwie Uniformträger, auf Reisen.

Im Auftrag von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. Von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger zu Frau Verena Tümmel gesandt. Aus Gründen, auf die Verena beim Dasitzen auf der Parkbank momentan nicht recht kommen konnte.

Nur eins, das Verena dazu einfiel. Und zwar das, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger, wie Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger einschätzte, durchaus in der Lage war, ohne größeren Verdruß seine eigenen Süppchen zu kochen.

 

Zu guter Letzt die eine Möglichkeit. Die, daß Herr Ernst, der Streifenpolizist, und sein uniformierter bester Kumpel Roland bei Verena zu Hause auf Verena warteten.

Grinsend, daß Herr Ernst für Verena die Mitteilung bereit hatte, daß für Verena der erste ihrer Kasinobesuche schon an diesem Abend fällig wäre. Noch heute, daß Verena mit ihm, Herrn Ernst, und mit Roland mitkommen sollte. Ins "Kasino Reiter". Oder sonst ein Kasino fürs nächste Glücksspiel.

Birgi müßte nur einfach schnell ein Kleid für Verena fertigmachen. Schließlich sollte Verena im Spielkasino repräsentabel sein.

Ein Abendkleid war für Verena das mindeste, was sein mußte. Ein bißchen Ausschnitt.

Auch einer ohne größere Oberweite verhalf Birgi zu ein wenig vorzeigbarem Brustumfang. Für Birgi kein Problem, man mußte Birgi nur machen lassen.

Herr Ernst und Kumpan Roland, die lachten. Herr Ernst und Roland, sie lachten.

Von irgendwoher unterhalb drang Verena real Männergelächter an die Gehörgänge.

 

 

Das Geniesele, das hörte langsam wieder auf, stellte Verena fest.

So oder so, Nieseln, Regen oder sonst eine Feuchtigkeit vom Himmel herunter - für Verena echt die kleinste ihrer Sorgen.

Ein Schluchzer entrang sich Verenas Brust.

Die Frage für Verena, was Verena nun weiter mit sich anfangen sollte. Was konnte Verena unternehmen, solange Verena sich noch glücklich in Freiheit und für sich selbst befand?

Drei Tage Zeit zumindest. Oder vier Tage. Bis Verena sich spätestens bei der Polizei melden mußte. Um sich am gleichen Tag auf die Reise nach Berlin zu machen.

Zusammen mit Kommissar Moinson, die Fahrt. Oder Verena alleine, mit einer Zugkarte. Die Verena vielleicht selber am Bahnschalter kaufen durfte. Eventuell in Begleitung von Polizeibeamten, die Verena Geleitschutz gaben, Verena beim Einsteigen in den Zug zuschauten.

Stieg Verena Stunden später in Berlin nicht aus dem Zug, würde das Fahndung heißen.

 

Wie das in drei Tagen mit Kommissar Moinson genau ablaufen sollte, davon hatte Verena keine klare Vorstellung. Außer, daß Kommissar Moinson gemeint hatte, daß er sich mit Verena in Verbindung setzen wollte.

Das konnte nicht nur ein Telefonat bedeuten.

Bestimmt bestand die Möglichkeit, daß Kommissar Moinson überraschend bei Verena an der Wohnungstüre auftauchte, bei Verena Tümmel in der Wohnung klingelte.

Befand Verena sich für niemanden in der Stadtwohnung, nirgends in der Nachbarschaft ihres Wohnhauses - war zuerst eine stadtweite Fahndungsmaßnahme, Frau Verena Tümmel betreffend, fällig. Mit Meldungen im Lokalradio.

Im Halbstundentakt, daß nach den Welt- oder den Lokalnachrichten, bunten Boulevard- und Sportmeldungen und dem Verkehr eine detaillierte Beschreibung von Frau Verena Tümmels Aussehen verlesen wurde. Dazu am Schluß des kleinen Textes die beiläufige Erwähnung, daß Frau Verena Tümmel geistig verwirrt war. Wenn jemand Frau Verena Tümmel gesehen hätte, bitte umgehend eine Information an die Polizei.

Blieb Frau Verena Tümmel verschollen, daß die Polizeioberen dafür Sorge tragen würden, daß der Fall Verena Tümmel in den Fokus sämtlicher Medien geriet.

Die behördlichen Fahndungsunternehmungen, die über die Dimension einer Regionalfahndung ausgeweitet wurden. Landesweit, daß daraufhin nach Frau Verena Tümmel Ausschau gehalten würde.

 

Vor ihrem geistigen Auge blickte Verena Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger.

Miteinander beredeten Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Situation, der man sich durch Verena Tümmels Verschwinden gegenübersah.

Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger, eins waren die beiden polizeilichen Herrschaften sich gewiß: daß Frau Verena Tümmel ohne Geld nicht weit kommen konnte. Nur eine Frage der Zeit, bis den Kollegen Frau Verena Tümmel irgendwo ins Netz ging. Man die Frau eingefangen hätte.

 

Traurig seufzte Verena.

Kommissar Moinson und Herr Polizeihauptmeister Dischinger, die hochherrschaftlichen Staatsbeamten, Polizeidienst - sie hatten mit dieser Einschätzung der Lage Verena Tümmels vollkommen recht. Sahen das total richtig. Beide wußten sie ja genauestens darüber Bescheid, daß Verena nicht viel Geldwertes besaß. Nichts hatte Verena, das Verena zu Geld hätte machen können.

Verenas Scheckkarte, am Monatsanfang zum Eintippen der Geheimzahl und für den gewünschten Geldbetrag gut. Dann konnte Verena die Plastikkarte, die andere alle paar Tage in den Schlitz des Bankautomaten einschoben, für den Rest des Monats vergessen.

Der Schmuck, der Verena einmal gehört hatte, den hatte Verena bereits in der Vergangenheit nach und nach verkauft. Oder einzelne Schmuckstücke waren Verena verlorengegangen. Weil Verena Dinge versetzt und beim Pfandleiher nicht wieder auslösen hatte können.

Alles, bis Verena entdeckte, daß Verenas Schmuckschatulle leer war.

Nichts mehr als satte Luft drinnen im Innern, wenn Verena die Schatulle aufklappte.

 

An Verenas Rechner war die Festplatte kaputtgegangen.

Unversichert gab es an dem Gerät nicht die leiseste Möglichkeit der kleinsten Reparatur. Ohne eine gewisse Geldsumme nicht einmal billigen, hergerichteten Ersatz. Überhaupt: Woher eine neue Lizenz?

Höchstens, daß Verena, hätte Verena das gewollt, das Stück Altrechner für ein paar Cents an gewerbetreibende Leute verscherbeln hätte können. Welche, die das Geräteinnere ausschlachteten.

Verenas letztes Handy war schon beim Kauf veraltet gewesen.

Der Telefonanbieter, bei dem Verena den Vertrag abgeschlossen hatte, hatte die bei Frau Verena Tümmel gesperrte Nummer in der Gegenwart zu einhundert Prozent einem anderen Kunden zugewiesen.

 

Faßte Verena das Ganze für sich zusammen, sagte das Verena nichts anderes als das, Verena, die hatte, besaß - nichts. Das reine Garnichts.

Nicht das bißchen irgendwas. Für nichts. Voll die Leere im Karton.

Verena war eine Person, chancenlos auf der Welt. Nichts, dem Verena entkommen konnte.

 

Trotzdem, das mußte Verena für sich festhalten, hatte Verena nicht die allergeringste Lust, sich in ihre Situation einzufinden.

Wie eine, die aufgegeben hatte, dröge, müde nach Hause zu latschen, den Rollkoffer hinterherziehend. Um daheim die Treppenstiegen hochzusteigen, sich in ihre vier Wände zu begeben. Dort drinnen, in der trauten Umgebung ihrer Wohnlichkeit, in trister Stimmung die nächstfälligen Ereignisse zu erwarten.

Einhundertprozentig keine solchen, die Herr Ernst, der Streifenpolizist, sich vorstellte. Zusammen mit seinem uniformierten Kumpan Roland. Ganz von den Gedanken abgesehen, die die Ehefrauen von Herrn Ernst und diesem Roland hatten.

Die Schwestern Angie und Birgi.

Die Schwestern Angie und Birgi kennenzulernen, die sich mit Herrn Ernst und mit Roland verheiraten hatten müssen - das hatte Verena in keinster Weise irgendwie nötig. Genausowenig wie Verena es nötig hatte, diesen Roland leibhaftig zu Gesicht zu kriegen.

Was hatte Verena denn davon, wenn die Schwestern Angie und Birgi die Netten waren? Während ihre Männer, liefen die Dinge anders als von ihnen ausgedacht, schnell den Koller kriegten. Die sofort zuschlugen. Mit flacher Hand. Der Faust. Einem Gürtel. Was immer die in die Finger kriegten.

 

Neue Papiere mit einer falschen Identität, die genauso echt wie die alten aussahen - die hätte Verena gebrauchen können.

Dazu: einen Besuch beim Chirurgen. Damit der Mann Verena das Gesicht leicht umoperierte. Verena die Brüste aufpeppte.

Daß Verena danach Mühe hatte, sich beim Blick in den Spiegel an ihr eigenes Aussehen zu gewöhnen. Weil Verena ziemlich eine Fremde aus dem Spiegelglas entgegenblickte.

Für all das hätte Verena jedoch reichlich Geldbeträge zur Verfügung haben müssen.

Leider, gerade Geld war das, das, was Verena fehlte. Schließlich der Punkt, bei Verena, ihre Armut.

Plötzlich, mitten in ihren Träumereien, traurigen Gedanken - hatte Verena einen Gedankenblitz.

Auf der Parkbank bei weiterhin leichtem Nieselregen dahockend, stieß Verena einen spitzen Schrei aus. Der eigene Aufschrei hallte Verena in den Ohren nach.

 

 

Auch Verena Tümmel war mal verheiratet gewesen.

"Tümmel" war der Name, den Verena mit ihrer Heirat angenommen hatte.

Schwiegereltern hatte Verena Tümmel. Die Schwiegereltern Verenas hießen Gerd und Rosa Tümmel.

Thomas, den Sohn von Gerd und Rosa Tümmel, den hatte Verena im Teenageralter kennengelernt.

Den Hof hatte Thomas Verena gemacht, sich mit Verena verlobt und Verena schließlich geehelicht.

Verena und Thomas Tümmel führten jahrelang durchaus keine schlechte Ehe. Vielmehr war das eine, die man lassen konnte, fand Verena.

Seit bald zehn Jahren, daß Thomas, Verenas Mann, nun tot war. Mit Thomas, dem Vater, war Hannes, Verenas Kind, bei dem Unfall auf der Autobahn verstorben.

Etwas, was Verena, die Ehegattin und Mutter, nicht hatte verhindern können, obwohl Verena tagelang die finstere Gewißheit von dem bald bevorstehenden Unglück in sich gehabt hatte. Angesprochen hatte Verena das Thema Thomas gegenüber. Öfter als oft hatte Verena mit Thomas über ihre schlimmen Träume geredet. Das war bei den Unterhaltungen nie unerwähnt geblieben, daß Dinge, die Verena nachts träumte, schon mal Realität wurden.

Trotz allem im Vorlauf war das böse Geschehen mit Thomas und Hannes. Was Verena sich im Schlaf zusammengeträumt hatte, es ereignete sich. Als bitterste Wahrheit und Gegenwart stellte es sich heraus. Als Tatsache, der im Grunde nicht zu entkommen war.

Es hatte Tote gegeben. Gestorben waren Thomas und Hannes, Verenas Familie. Bei dem Unglück mit dem überladenen Transporter auf der Autobahn.

 

In der Vergangenheit war Hannes immer gerne mit Mutti Verena und Vati Thomas im Auto mitgefahren, wenn es an Wochenenden oder in den Ferien auch unter der Woche auf Besuch zu den Schwiegereltern väterlicherseits ging.

Deutlich erinnerte sich Verena an jenes eingezäunte Grundstück, das an Wald grenzte.

Verenas Schwiegervater Gerd hatte das Stück Land im gleichen Jahr gekauft, als Thomas und Verena standesamtlich und drei Monate drauf kirchlich geheiratet hatten.

Auf dem Gelände existierte eine geräumige Blockhütte, die Gerd Tümmel, Thomas' Vater, fast alleine gebaut hatte. Nicht viel, daß Gerd Tümmel dabei jemand hatte helfen dürfen, wußte Verena von damals.

In der Hütte, von allerlei Gebüsch und Bäumchen umstanden, hatte es einen Holzofen mit Kochplattenaufsatz gegeben, entsann sich Verena. Thomas' elterliche Herrschaften hatten es außerdem gemocht, bei schönem Wetter unter freiem Himmel zu grillen.

 

Die Holzhütte, all das, was Verena in der Erinnerung hatte, mußte es eigentlich in der Gegenwart immer noch ähnlich geben.

Dorthin, zu dem umzäunten Grundbesitz Gerd und Rosa Tümmels, daß Verena aufbrechen konnte.

Ein Problem bei der Sache war lediglich, wie Verena den Maschendrahtzaun mit Stacheldraht, mit den Enden am Erdboden in den Beton eingelassen und in zwei Metern Höhe oben dreizeilig aufgesetzt angebracht, überwinden sollte. Anschließend dann jenes, ob sich der Schlüssel für die Hütte auch weiter in dem Versteck zwischen einer bestimmten Ritze am halb mannshohen Felsklotz befand, den Gerd Tümmel damals bei den Vorgesprächen für den Kauf des Grundstückes schon vor Ort vorgefunden und später nicht extra aus dem Erdboden ausgraben und entfernen lassen hatte.

 

An ihrem Schlüsselbund besaß Verena noch Schlüssel aus längst vergangener Zeit. Drei, vier Metallschlüssel, die Thomas ehedem gehört hatten.

Konnte gut Möglichkeit sein, daß das große Sicherheitsschloß aus Edelstahl an der Zauntüre die Jahre über nicht von Gerd Tümmel ausgewechselt worden war.

Daß Thomas von seinem Vater Gerd einen eigenen Schlüssel ausgehändigt bekommen hatte, damit Thomas auch selber mal mit Kind und Kegel auf des waldnahe Grundstück gelangen konnte, darauf entsann Verena sich.

Also konnte Verena möglicherweise ohne weiteres entdecken, daß Verena, kaum dort an der Maschendrahtzauntüre angekommen, auch schon das Sicherheitsschloß offen hatte.

 

Das war wirklich die Frage: Wer würde Verena in der alten Holzhütte, die Gerd Tümmel, Verenas Schwiegervater, gehörte, suchen?

Antwort: Tausendprozentig niemand.

Nicht nach all den Jahren, die seit den letzten Begegnungen Verenas mit den alten Tümmels vergangen waren.

Kontakt zu Gerd und Rosa Tümmel, ihren Schwiegereltern, hatte Verena seit dem Tod ihres Mannes Thomas und ihres Sohnes Hannes bei dem Verkehrsunfall nicht mehr großartig gehabt.

Nach dem Doppelbegräbnis und der Abwicklung sämtlicher behördlichen Modalitäten, die zu den Todesfällen dazugehörten, war Schluß.

In der Gegenwart sagten Frau Rosa und Herr Gerd Tümmel, wenn sie Leuten von der Polizei, die an ihrer Haustüre geläutet und denen sie die Türe weit aufgemacht hatten, nichts als die reine Wahrheit, wenn sie erzählten, daß sie Verena, wenn sie Verena auf der Straße sehen würden, kaum wiedererkennen würden. Richtig fremd wäre ihnen Verena, Thomas' frühere Ehefrau.

Daß Verena die Gattin ihres vor zehn Jahren bei einem Unfall auf der Autobahn verstorbenen Sohnes Thomas war, das hatte wirklich in keinster Weise zu bedeuten, daß die folgenden Jahre eine Beziehung zu Verena weiterzubestehen gehabt hätte. Nicht, nachdem Thomas den Todeswagen, in dem auch Hannes, Verenas Kind, ums Leben kam, bei zu hoher Geschwindigkeit gelenkt hatte. Thomas war der, der das Gaspedal getreten hatte. Auch wenn Thomas deswegen nicht der Auslöser des Autobahnunglücks mit tödlichem Ausgang gewesen war. Trotzdem hätte Thomas nicht mit dem Auto rasen müssen wie ein Rennfahrer.

 

 

Jetzt hatte Verena ein neues Ziel. Total unverhofft.

Etwas, das aus dem Raster fiel. Ein klein wenig abwägig war, was Frau Verena Tümmel anging.

Die Blockhütte, die Gerd Tümmel, Verenas Schwiegervater, vor Jahren beinahe im Alleingang gebaut hatte.

Zu dem mit einem Maschendrahtzaun umzäumten Grundstück Gerd und Rosa Tümmels, daß Verena aufbrechen konnte. Um zu gucken, ob einer der Schlüssel an Verenas Schlüsselbund - ein Andenken an längst vergangene Zeiten, die für Verena kaum mehr wahr waren - auch in der Gegenwart noch paßte.

Wenn Verena dort ankam, jenseits des Maschendrahtzauns war, bestand die Möglichkeit, daß Verena für ein paar Tage auf dem Gelände ihre Ruhe hatte.

Das hieß, bestimmt hatte Verena die, sollte Verena in der Holzlattenhütte Lebensmittel vorfinden. Zusätzlich zu denen, die Verena von der Sozialstation her in ihrem Koffer auf Rollen ohnehin mit sich herumfuhr.

 

Damit stand für Verena der Entschluß fest.

Ehe Verena sich jedoch auf den Vierzehn-Kilometer-Fußmarsch machte, brauchte Verena ein paar tüchtige Schlucke zu trinken.

Plötzlich hatte Verena das dringend nötig.

Vielleicht, daß Plastikfläschchen und -becher mit Trinkbarem in Verenas Rollkoffer waren.

Eine Limo verlangte sich Verena überhaupt nicht. Ein Milch-, Joghurtgetränk reichte Verena ebenfalls überallhin.

 

Stark aufpassen mußte Verena nur auf die Scherben.

Zumindest eine Glasflasche im Kofferinnern, die hatte Herr Ernst mit seinem eisenbeschlagenen Schuh kaputtgetreten.

Sich an einer kleinen, größeren Glasscherbe schlimmer zu schneiden. Oder an der scharfen Plastikkante eines Joghurtbechers. Das hätte Verena in ihrer momentanen Lebenslage zu guter Letzt noch gefehlt.

Am Schluß, hatte Verena sich schlimm geschnitten, daß jemand einen Notarzt für Verena rufen mußte. Im Sanka, daß Verena ins örtliche Klinikum gefahren werden würde.

Mitten zwischen Ärzten und Krankenschwestern auf der Chirurgie, daß Verena darauf landete. Statt auf dem Weg zu Schwiegervater Gerd Tümmels Grund und Boden in Waldnähe zu sein.

 

Nach dem Reißverschluß oben am Rollkoffer wollte Verena eben fassen, ihn langsam von der Mitte der breiten Fläche her nach rechts und hinunter aufzuziehen.

Mitten in der Bewegung, daß Verena jedoch innehielt.

Tatsächlich, so Geräusche an Verenas Ohren, wie verstohlene Schritte. Als ob jemand sich Verena auf leisen Sohlen näherte.

Das fand Verena komisch.

Den wollte Verena sehen, der da plötzlich des Teerweges herauf an Verena herangeschlichen kommen wollte.

Blitzschnell drehte Verena den Kopf nach rechter Hand zur Seite.

 

Vier, fünf Schritte von Verena entfernt, von unterhalb den geteerten Weg heraufgekommen, daß ein großgewachsener Mann reglos dastand.

Grauer Trenchcoat. Schwarzer Filzhut auf dem gesenkten Kopf. Dunkle Hose. Glänzende, schwarze Schuhe.

Der breitschultrige Fremde sah aus wie jemand, einem Detektiv-, Gangsterfilm einer längst vergangenen Zeitepoche entsprungen.

Die Realität der Gegenwart des anderen ließ sich nicht von der Hand weisen. Das war brutal.

 

Das Kinn hatte der Unbekannte zur Brust sinken lassen, als Verena zu ihm hingeblickt hatte.

Nun hob der Unbekannte seinen Kopf an, präsentierte Verena nach und nach sein Antlitz.

Als hätte Verena ein elektrischer Schlag getroffen, daß Verena zusammenzuckte. Verena kannte ihn. Erkannte ihn.

Kommissar Moinson!

Das war Kommissar Moinson. Kommissar Moinson war der Mann.

Mit ausdrucksloser Miene, daß Kommissar Moinson nach Verena hinstarrte.

 

 

"Nur die Ruhe, Frau Tümmel!" öffnete Kommissar Moinson den Mund für Verena. "Bitte, Frau Tümmel, nur die Ruhe. Schön da sitzenbleiben. Schön bleiben wir sitzen, ja?"

Bedächtig, als wäre bei ihm Zeitlupe geschaltet, schaffte Kommissar Moinson sich in Bewegung.

An die Parkbank, auf der Verena regungslos dahockte, daß sich Kommissar Moinson seitlich rechts zur Banklehne hinbegab.

"Dachte mir, Frau Tümmel", meinte Kommissar Moinson von der Seite her zu Verena herunter, "ich gehe Ihnen mal ein bißchen hinterher. Zuerst dachte ich, ich mach' das nur ein Stückweit. War nicht so schwer, Ihnen hinterherzukommen. Außerdem hat der Kollege - Ernst heißt der mit Namen, nicht? - Sie eng begleitet. Wurden von Wachmann Ernst ja ziemlich bedrängt und am Heimgehen gehindert, Frau Tümmel, nicht wahr?"

 

Mit aufgerissenen Augen glotzte Verena nach der rechten Seite zu Kommissar Moinson hoch; den Mund hatte Verena offen.

"Wissen Sie, Frau Tümmel", setzte Kommissar Moinson fort, "ich glaube, es ist besser, ich nehme Sie jetzt sofort mit mir mit. Nicht erst in drei, vier Tagen. Nicht, daß Ihnen noch was passiert, ehe ich zurückkehre. Etwas, was ich nicht möchte. Bitte, kommen Sie, Frau Tümmel!"

Auf die Füße brachte Verena sich hoch, ohne daß Verena die zittrigen Beine unter dem Gewicht von Verenas Oberkörpers weggeknickt wären. Nach dem Griff ihres Rollkoffers langte Verena.

"Nein, Frau Tümmel - nicht den Koffer!" rief Kommissar Moinson aus.

Weg zuckten Verenas Finger vom Haltegriff ihres Kofferteils auf Rollen.

"Den Koffer da, den lassen Sie bitte hier stehen, Frau Tümmel", meinte Kommissar Moinson. "Irgendwer wird den Koffer schon brauchen können. Oder der Koffer landet am Fundamt. Oder am Müll. Irgendwie wird das gute Stück schon entsorgt werden. Wen interessiert's?"

Verena schluchzte.

"Stell' mir vor, Frau Tümmel, daß wir beide in einem schnieken Restaurant schön was zusammen essen gehen", ließ Kommissar Moinson sich einschmeichelnd vernehmen. "Uns dort nett miteinander unterhalten. Haben wir beide doch kein Problem damit, oder? Dann reisen wir in meinem Wagen von hier ab. Hört sich das nicht gut an, Frau Tümmel?"

Unter dem Arm faßte Kommissar Moinson Verena hilfreich, nachdem Verena sich plötzlich vor Zittrigkeit und Schwäche mit beiden Händen auf der Rückenlehne der Parkbank abstützen mußte.

"Boah, Frau Tümmel!" entfuhr es Kommissar Moinson. "Gut riechen Sie momentan nicht gerade. Menschenskind, das ist ein Duft. Parfüm der Marke 'Klo'."

Verena war ganz und gar die Sprachlosigkeit in Person.

"Glaube, Frau Tümmel, Sie müssen die nächste Zeit mal unter die Dusche. Boah, Sie sind vielleicht Geruchsbelästigung!" Daumen und Zeigefinger hielt Kommissar Moinson sich unter die Nasenlöcher. "Frische Kleider brauchen wir für Sie ... Nein, solange das nicht ist, daß Sie geduscht haben, sich umgezogen - können wir uns nicht in einem teueren Restaurant blicken lassen. Wirklich nicht, Frau Tümmel. Reicht erst mal nur für einen Hamburger. Oder zweien von der Sorte. Aber nur, wenn Sie brav sind. Als allererstes müssen wir uns aber schnell Parfüm kaufen ..."

Weit, weit fort wünschte Verena sich.

"Also, Frau Tümmel ..." Mit der Zunge schnalzte Kommissar Moinson. "Wir können gut miteinander auskommen. Aber ich kann Ihnen, wenn's sein muß, auch eins mit dem Elektroschocker verpassen. Und Sie mit einer Spritze ruhigstellen und transportieren. Auch im Kofferraum. Je nachdem, wie Sie das haben wollen. Sie sich das wünschen, Frau Tümmel."

Ein trauriges Stöhnen war Verenas Kommentar.

"Bitte, Frau Tümmel, jetzt gehen wir erst mal in aller Ruhe zu meinem Wagen." Der Finger Kommissar Moinsons zeigte den Teerweg abwärts. "Und vergessen Sie bitte nicht, daß ich Polizist bin. Ich habe einen gültigen Ausweis. Auf dem draufsteht, daß ich Kommissar bin. Jedem kann ich den Ausweis vorzeigen, der den Ausweis gerne sehen möchte. Kein Problem. Sogar auf Kollegen von mir kann ich warten, Frau Tümmel, wenn's sein muß. Was soll's? Ist auch spaßig. Führen meine Kollegen Sie, Frau Tümmel, zu meinem Auto. Für Sie, Frau Tümmel - für Sie ändert sich deswegen also nicht das geringste. Nichts. Haben Sie mich verstanden?"

Keine Reaktion Verenas.

"Na denn! Dann gehen wir beiden Hübschen hier schön weg." Schulterzucken Kommissar Moinsons. "So weit steht mein Auto nicht von hier weg geparkt, Frau Tümmel, wenn ich mir das recht überlege. An einem Drogeriemarkt bin ich vorbeigekommen. Dort gibt's Parfüm. Los, kommen Sie jetzt. Es fängt zu regnen an. Mensch, jeden Moment schifft's richtig. Los, los, Frau Tümmel. Weg von hier."

 

 

 

Inhaltsangabe

 

"Die Augenzeugin"

von TeddeMehr

 

 

Inhalt:

 

1. Tafel

 

2. Polizei

 

3. Straße

 

 

* *

Die Handlung von "Die Augenzeugin" ist frei erfunden, ebenso alle in der Geschichte vorkommenden Namen.

Jede Ähnlichkeit der in "Die Augenzeugin" erwähnten Akteure, Charaktere mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig.

 

 

Die Geschichte "Die Augenzeugin" ist ein Märchen.

Die Lebensverhältnisse der in "Die Augenzeugin" beschriebenen Figuren sind demzufolge relativ, müssen nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. (Obwohl: Armenküchen, -speisung, 'Tafeln', die gibt es in Deutschland; das läßt sich vielleicht nicht leugnen.)

 

TeddeMehr, er möchte des weiteren darauf hinweisen, daß, unter anderem, bestimmte in "Die Augenzeugin" erwähnte Polizeiränge, -uniformen, Farbgebung von Polizeifahrzeugen und desgleichen nicht exakt der Gegenwart oder Vergangenheit entsprechen könnten. Solche Dinge unterliegen außerdem ständiger Veränderung.

 

 

 

 

(Am Schluß der Geschichte wird Verena von Kommissar Moinson entführt. Nach Berlin, daß die Reise Verenas geht ...

Muß man sich deswegen wirklich Sorgen um Verena machen?

Kommissar Moinson erzählte Verena eigentlich was davon, daß ihr in den wissenschaftlichen Instituten, an denen man sie untersuchen würde, nichts weiter geschehen würde. Allerhöchstens eine Haube mit Elektroden, daß sie aufgesetzt bekäme. Sonst nichts. Ein paar Gespräche mit interessanten, netten Wissenschaftlern und so fort, die Verena darüberhinaus zu führen hätte.

Das erregt bei niemandem größeren Kummer, nicht?

Jetzt liest man aber überall von Tieren. Affen, Ratten und so weiter. Denen werden die Köpfe mit Gestellen fixiert, Zylinder mit Meßgeräten drinnen operativ an, unter die Schädel verbracht.

Sieht also doch so aus, daß in Instituten in Schädeldecken gebohrt wird, gesägt und gehobelt.

SadoMaso an der wehrlosen Kreatur. Fast wie zu so Mengele-Zeiten. Horrormethoden aus dem Mittelalter im Dienste der Wissenschaft.

So kommt das wenigstens rüber, was an Neuigkeiten in die Öffentlichkeit drängt.

 

Was ginge da also ab bei einer wie Verena?

Verena, von der darüber informiert wurde, daß sie in Echt eine mysteriöse Fähigkeit hätte ... Jedenfalls, daß Verena mit so was auffällig und polizeilich aktenkundig wurde.

Nach ihrer Reise nach Berlin, daß Verena aus dem Grund irgendwo so Wissenschaftler treffen soll, darf ...

Wo wäre da dann am Ende der Unterschied zwischen so Labortieren und Verena?

Wenn man sich das mal genauer überlegt: Verena, eine von ganz unten. Quasi eine, aus dem gesellschaftlichen Bodensatz. Sehr vielen geht Verena nicht ab.

Fast, daß man hier auf die Idee kommen könnte, mit Verena dürfte man alles machen. Ganz nach Belieben.

Gut möglich, daß Verena entdecken könnte, daß auch sie nicht viel mehr ist als ein Labor-Affe. Einer, an dem Wissenschaftler einiges Unaussprechliches anfangen. Mancherlei, was denen einfällt. Mit dem Schädelbohrer, dem Skalpell. Mittels auf- und abschwellenden Reiz-, Schmerzimpulsen. Die Amplitude rauf und runter. Daß dafür gesorgt ist, daß was losgeht im Hirn.

Eine Person wie Verena, entkommt sie irgendwie diesem Milieu, dürfte sie am Ende nicht froh sein, die restlichen Tage ihres Lebens auf zwei Beinen gehend lediglich mit ein wenig Kopfweh zu verbringen? Die Asche Verenas, die könnte man in irgendeine Urne hineinschütten, ohne daß der Anhang des ursprünglichen Besitzers irgendwas des Treibens mitkriegt.)

 

 

-----

Impressum

Texte: TeddeMehr
Bildmaterialien: Bookrix-Vorlage
Tag der Veröffentlichung: 21.12.2012

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Diese Zeilen hier befinden sich auf "bookrix", im Sinne des Selbstveröffentlichungsmodells von "bookrix". Die Exklusivitätsrechte liegen beim Verfasser. Wer sich darüberhinaus was Rechte besorgen möchte, muß sich anderweitig drum bemühen.

Nächste Seite
Seite 1 /