Cover

Leseprobe

Table of Contents

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

Nachwort

 

 

 

 

 

 

Outback Love

2. Auflage, Juli 2018

Copyright © 2018 Marina Schuster

Covergestaltung: Marina Schuster

Bildmaterial: © Can Stock Photo / Aoosthuizen;
© Can Stock Photo / artfotoss

Lektorat / Korrektorat: Björn Baldin

 

Marina Schuster

c/o Papyrus Autorenclub

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin

kontakt@marina-schuster.com

http://www.marina-schuster.com

 

 

Der Inhalt dieses Buchs/eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Das Kopieren, Vervielfältigen sowie die Weitergabe oder der Weiterverkauf in jedweder Form ist untersagt. Alle Rechte sind vorbehalten. Der Nachdruck - auch auszugsweise - ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin gestattet.

 

Alle Charaktere, Namen und die Handlung in dieser Geschichte sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

 

 

Kapitel 1

»Nein.«

Es war nur ein Flüstern, doch es drückte all die Hilflosigkeit aus, die Holly Stanton in diesem Moment überfiel.

Vergeblich versuchte sie, den Motor des Leihwagens wieder in Gang zu bringen, als eine erneute Welle des Schmerzes durch ihren Unterleib raste. Sie legte die Stirn auf das Lenkrad und konzentrierte sich auf eine ruhige und gleichmäßige Atmung.

Ein. Aus. Ein. Aus.

Die Wehe ließ nach, Holly angelte ein Papiertaschentuch vom Beifahrersitz und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Gleichzeitig stiegen ihr Tränen in die Augen. Wie hatte sie nur so naiv sein können? Wenn sie auch nur für fünf Minuten ihren Verstand eingeschaltet hätte, säße sie jetzt nicht hier fest. Auf einer staubigen Straße, mitten im australischen Outback, meilenweit entfernt von jeglicher medizinischer Hilfe. Um sie herum nichts als Sand, Steine, verdorrte Gräser und Fliegen – Tausende von Fliegen. Nicht einmal ein funktionierendes Handy hatte sie dabei, aber das hätte ihr hier draußen vermutlich sowieso nichts genutzt.

Marree war die nächste Siedlung, doch Holly hatte keine Ahnung, wie weit es bis dahin noch war. Es war etwa drei Stunden her, seit sie in Mungerannie getankt hatte. Dort war alles in bester Ordnung gewesen, sowohl mit dem Auto als auch mit ihr. Sie hatte etwas gegessen und war weitergefahren. Dann war plötzlich ihre Fruchtblase geplatzt und die Wehen hatten eingesetzt. Erst nur schwach und kaum spürbar, inzwischen jedoch immer stärker und in immer kürzeren Abständen.

Eigentlich war es zu früh. Zwei Wochen hätte sie noch Zeit gehabt. Jetzt würde sie ihr Baby hier in dieser Wildnis zur Welt bringen, irgendwo im Niemandsland von South Australia.

Und alles nur, weil …

Holly bemerkte eine Staubwolke im Rückspiegel. Sie drehte sich um und schaute aus dem Rückfenster des Jeeps, sah, dass der rötliche Nebel sich langsam näherte, und erkannte schemenhaft die Konturen eines Trucks.

Hastig öffnete sie den Sicherheitsgurt, drückte die Wagentür auf und kroch schwerfällig hinaus. Eine neuerliche Wehe rollte über sie hinweg, und gebeugt vor Schmerz stolperte sie auf die Straße.

»Boss …«

Im gleichen Moment trat Cameron Conell bereits fluchend auf die Bremse und riss das Lenkrad herum. Der hinterste von drei Aufliegern brach aus, brachte den gesamten Road Train ins Schlingern, und die zweihundert Rinder an Bord protestierten aufgeregt. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es Cameron, das Fahrzeug wieder unter Kontrolle zu bekommen und seine kostbare Fracht vor Schaden zu bewahren.

In einer riesigen Staubwolke kam der Truck zum Stehen, und wütend sprang Cameron aus dem Fahrerhaus, gefolgt von seinem Angestellten Adam Harlow.

»Sind Sie verrückt geworden?«, brüllte er, während er auf Holly zulief.

»Es tut mir leid.«

»Es tut Ihnen leid? Ist das …«

In diesem Moment bemerkte er ihren gerundeten Bauch und ihr schmerzverzerrtes Gesicht, und schlagartig wurde ihm klar, was hier los war.

Scheiße, schoss es ihm durch den Kopf. Einmal im Jahr machte er diese Tour und dann das. Plötzlich war seine Kehle wie zugeschnürt.

»Das ist kein guter Platz dafür, Lady«, sagte er unsicher. »Es wird doch hoffentlich noch ein bisschen dauern, oder?«

»Ich … ich weiß es nicht«, presste sie heraus. »Wie weit ist es bis Marree?«

»Etwa eine Stunde.«

»Können Sie …«, Holly krümmte sich erneut zusammen, »können Sie mich mitnehmen? Mein Auto ist kaputt.«

»In diesem Zustand könnten Sie ja sowieso nicht mehr fahren«, brummte Cameron. Vorsichtig legte er ihr einen Arm um die Taille. »Kommen Sie.«

»Meine Tasche und mein Gepäck …«

»Adam, nimm die Sachen von der Lady«, befahl er, während er Holly zum Truck führte.

Behutsam hob er sie die Stufen zum Fahrerhaus hinauf und stellte erstaunt fest, dass sie trotz ihres Leibesumfangs leicht war wie eine Feder.

»Krabbeln Sie nach hinten in die Koje und legen Sie sich hin«, ordnete er an.

Holly quetschte sich zwischen den Sitzen hindurch und schob den Vorhang, der die Schlafkabine abtrennte, zur Seite. Mit einem leisen Stöhnen ließ sie sich auf die weiche Matratze sinken und schloss die Augen.

Sekunden später hatte Adam Hollys Handtasche und die kleine Reisetasche verstaut, und die beiden Männer kletterten wieder ins Fahrerhaus.

»Okay«, Cameron griff zum Zündschlüssel und nickte Adam zu, »hoffen wir, dass wir es bis Marree schaffen.«

Ein gequälter Aufschrei ließ ihn zusammenzucken und er wurde blass.

»Tja Boss«, Adam schob seinen Hut ins Genick und kratzte sich am Kopf, »ich glaube, daraus wird nichts.«

Einen Moment lang saß Cameron wie erstarrt da. Dann griff er entschlossen nach dem Funkgerät und war kurz darauf mit Peter Durby verbunden, einem Arzt der Royal Flying Doctors.

»Wie weit ist die Geburt vorangeschritten?«, wollte Dr. Durby wissen, nachdem Cameron seinen Namen genannt und in knappen Worten die Lage geschildert hatte.

»Keine Ahnung. Die Wehen kommen ungefähr im Minutentakt.«

»Gut, also wird es nicht mehr lange dauern. Sie werden das Kind zur Welt bringen müssen.«

»Ich … soll das Kind zur Welt bringen«, wiederholte Cameron beklommen.

Gott, warum musste ausgerechnet ihm das passieren? Er leitete ein weltweites Firmenimperium, jonglierte täglich mit riesigen Geldbeträgen und befehligte ein Heer von Angestellten – aber ein Baby entbinden? Das war eine Sache, der er sich überhaupt nicht gewachsen fühlte.

Der Arzt hingegen schien zuversichtlich zu sein. »Ich leite Sie an, Sie schaffen das.«

»Sieht so aus, als bliebe mir nichts anderes übrig«, murmelte Cameron. »Okay, was soll ich tun?«

»Holen Sie alles an sauberen Decken und Handtüchern, was Sie finden können. Waschen Sie sich die Hände, sofern das möglich ist. Beobachten Sie die Frau und unterstützen Sie sie während der Wehen, so gut es geht. Sobald der Kopf des Babys zu sehen ist, sagen Sie Bescheid, ich gebe Ihnen dann die einzelnen Schritte durch. Wenn das Kind da ist, wickeln Sie es ein, um es warmzuhalten, die Nabelschnur brauchen Sie nicht zu trennen. Mehr müssen Sie nicht tun – im Normalfall. Ich bleibe auf Stand-by, falls es Probleme gibt.«

»Sehr beruhigend«, brummte Cameron und übergab Adam das Mikro. »Halt das fest und bete.«

Er stieg aus, öffnete eine Klappe hinter der Fahrertür und nahm einen Wasserkanister heraus. Mit ein wenig Flüssigseife reinigte er sich die Hände, kletterte danach wieder zurück in die Kabine und schob sich zwischen den Sitzen hindurch in die Schlafkoje.

Holly hatte die Augen geschlossen und stöhnte, während sie sich vor Schmerzen krümmte.

»Okay Lady, wir werden jetzt Ihr Baby zur Welt bringen«, erklärte er selbstbewusster, als er sich tatsächlich fühlte.

»Was?«

»Keine Angst, es wird alles gut gehen«, beschwichtigte er sie, allerdings mehr, um sich selbst zu beruhigen.

Vorsichtig kniete er sich neben sie auf die Matratze und kramte in der Ablage unter der Kabinendecke nach Handtüchern.

Eine erneute Wehe rollte über Holly hinweg, sie schrie kurz auf und verfiel dann in ein Gemisch aus Hecheln und Stöhnen.

»Ist der Kopf schon zu sehen?«, klang die Stimme des Arztes aus dem Funkgerät.

»Ich weiß es nicht.«

»Sie müssen nachschauen.«

Cameron biss sich auf die Lippen. »Okay.« Als Holly sich wieder entspannte, holte er tief Luft. »Lady, es wäre wohl sinnvoll, wenn Sie …«, er stockte, »also … Sie sollten sich ein wenig frei machen.«

»Ich finde, wir sind ein bisschen zu alt für Doktorspiele«, keuchte sie mit einem Anflug von verzweifeltem Humor. »Außerdem kenne ich Sie doch überhaupt nicht.«

»Cameron Noah Conell, 36 Jahre, 1,87 Meter groß, Sternzeichen Stier. Ich mag Pizza, Bier, Bowling und Segeln, und ich hasse Karotten, heiße Milch und Golf. Mein Lieblingsfilm ist ‚High Noon‘, meine Lieblingsfarbe Blau, und ich stehe total auf Country Music. Ach ja, und ich bin katholisch und wähle die Labor Party.« Er legte den Kopf schief und schaute sie an. »Reicht Ihnen das fürs Erste?«

Holly musterte ihn eingehend. Sein volles, fast schwarzes Haar war etwas zu lang und lockte sich an den Spitzen, ein paar vorwitzige Strähnen hingen ihm in die Stirn. Das kantige Kinn war von einem dunklen Dreitagebart umgeben, der sich bis zu den hohen Wangenknochen hinzog. Eine leicht gebogene Nase über schmalen, energischen Lippen, die er angespannt zusammengepresst hatte. Das Ungewöhnlichste an ihm waren allerdings seine Augen. Noch nie hatte sie eine so seltsame Farbe gesehen, eine Mischung aus Grün, Braun und Grau, die ihnen einen geheimnisvollen und gleichzeitig sehr warmen Ausdruck verlieh.

Instinktiv spürte Holly, dass sie ihm vertrauen konnte, doch selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hatte sie wohl kaum eine andere Wahl.

»Gut«, nickte sie daher schließlich, »aber machen Sie wenigstens den Vorhang zu. Ich muss Ihrem Kollegen ja nicht auch noch eine Show liefern.«

Unwillkürlich musste Cameron lächeln. »In Ordnung.«

Rasch zog er den Sichtschutz vor und knipste die Innenbeleuchtung an.

»Helfen Sie mir«, bat Holly ihn.

Zögernd schob Cameron ihr Kleid nach oben, enthüllte ihren gewölbten Bauch, und sie hob die Hüften an.

»Ich bin übrigens Holly, Holly Stanton«, sagte sie, während er ihr vorsichtig den winzigen Slip abstreifte. »Und normalerweise stelle ich mich vor, bevor ich mir von einem Mann das Höschen ausziehen lasse«, fügte sie trocken hinzu.

Cameron schmunzelte. »Nun, ich würde sagen, das war gerade noch rechtzeitig.«

Im selben Moment bäumte Holly sich unter der nächsten Wehe auf. »Oh Gott«, schrie sie und krallte sich in seinen Arm, »ich glaube, es ist so weit.«

»Gut Holly, ich muss nachsehen, okay?«

»Von mir aus, tun Sie, was Sie wollen, aber machen Sie, dass das aufhört«, stöhnte sie.

»Ich werde es versuchen«, murmelte er und drückte dann sanft ihre Beine auseinander. Ihm stockte fast der Atem, als er sah, dass sich ein dunkler Haarschopf bereits den Weg in die Freiheit bahnte. »Es ist beinahe da«, stieß er aufgeregt hervor, »Holly, Sie haben es gleich geschafft.«

Im Nachhinein konnte Cameron sich nicht mehr daran erinnern, was er im Einzelnen getan hatte. Wie in Trance war er den Anweisungen des Arztes gefolgt, und als er Holly den winzigen, schreienden Jungen auf den Bauch legte, war er so erleichtert wie noch nie zuvor.

»Da ist er«, flüsterte er aufgewühlt, während er fürsorglich eine Decke über Mutter und Kind ausbreitete, »er ist wunderschön.«

»Ist er gesund?«, fragte Holly erschöpft.

Cameron lächelte. »Ich denke schon, zumindest ist alles dran. Wir sehen jetzt zu, dass Sie in die nächstgelegene Klinik kommen, und dort wird man sich um Sie und den Kleinen kümmern.«

Als er nach vorne krabbeln wollte, hielt sie ihn fest. »Können Sie bei mir bleiben?«

»Ja, sicher.« Er steckte den Kopf durch den Vorhang. »Adam, fährst du weiter?«

»Klar, Boss.«

»Fahrt zum Etadunna Flugfeld, da nehme ich euch in Empfang«, tönte es aus dem Funkgerät. »Und übrigens Cameron – gut gemacht.«

»Nur dank Ihrer Unterstützung, Doc«, wehrte Cameron ab, doch in seiner Stimme schwang ein bisschen Stolz mit.

Während Adam auf den Fahrersitz rutschte und den Motor startete, zog Cameron sich wieder in die Schlafkoje zurück. Er setzte sich neben Holly, die ohne jede Scheu ihr Kleid heruntergezogen und das Baby an die Brust gelegt hatte, wo es zufrieden nuckelte.

»Wie fühlen Sie sich?«, fragte er.

»Ziemlich fertig«, gab sie ehrlich zu.

»Ruhen Sie sich ein bisschen aus, ich achte auf den kleinen Kerl.«

Holly nickte, lehnte sich in die Kissen und schloss die Augen. Vorsichtig drehte Cameron sich auf die Seite und legte einen Arm über ihren Bauch, damit er mit einer Hand das Kind festhalten konnte. Unbeweglich lag er da, betrachtete das winzige Wunder und fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich.

Fünfzig Minuten später rollte der Road Train auf den Etadunna Airport, eine schmale, unbefestigte Piste abseits der Straße, und mit Bedauern ließ Cameron Holly und das Baby los.

Der Arzt begrüßte die beiden Männer, krabbelte zu Holly in die Kabine und kletterte kurz darauf aus dem Führerhaus.

»Mutter und Kind sind wohlauf«, sagte er zufrieden und grinste Cameron an, der zusammen mit Adam abwartend neben dem Truck stand. »Sollten Sie jemals einen Job brauchen, sagen Sie mir Bescheid, ich stelle Sie als Hebamme ein.«

Abwehrend hob Cameron die Hände. »Nein danke, ich glaube, dieses eine Mal hat mir für mein ganzes Leben gereicht.«

Dr. Durby schmunzelte. »Ja, das kann ich mir vorstellen. – Ich bin gleich zurück, ich hole eine Trage.«

»Nicht nötig.«

Cameron stieg in den Truck, reichte dem Arzt das Baby hinaus und half Holly dann vorsichtig aus der Kabine. Mühelos hob er sie anschließend auf seine Arme und folgte Dr. Durby zu seiner Maschine, die startbereit auf dem Flugfeld stand.

»Wohin fliegen Sie, Doc?«, wollte Cameron wissen.

»Ins Port Augusta Hospital«, erklärte der Mediziner. »Es müssen einige Untersuchungen gemacht werden, und Mutter und Kind sollten zwei oder drei Tage zur Beobachtung dortbleiben.«

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Cameron erschrocken.

»Es ist nur zur Sicherheit, immerhin ist der Kleine ein wenig zu früh dran. Aber er ist kräftig und munter, es dürfte also keine Probleme geben.«

Am Flugzeug angekommen, setzte Cameron Holly vorsichtig ab.

Zögernd ließ sie ihn los und schaute ihn an. »Vielen Dank für Ihre Hilfe«, sagte sie leise.

Einen Moment hielten sich ihre Blicke fest, und Cameron bemerkte, dass ihre Augen von einem erstaunlich tiefen Blau waren. Der leichte Wind wehte ihr eine ihrer dunklen Locken ins Gesicht, und ohne nachzudenken, hob er die Hand und strich sie ihr hinters Ohr.

»Alles Gute«, wünschte er ihr zögernd, »auf Wiedersehen.«

Ein wehmütiger Zug spielte um ihren Mund, als sie sich plötzlich nach vorne beugte und ihn auf die Wange küsste. »Ich werde Sie nie vergessen, Cameron Noah Conell.«

Kapitel 2

Auch Cameron konnte den Zwischenfall nicht vergessen. Nachdem er und Adam die Rinder wohlbehalten nach Adelaide gebracht und verkauft hatten, flog er wie geplant zurück nach Sydney. Dort saß er am nächsten Tag wieder in seinem klimatisierten Büro im achtzehnten Stockwerk des Conell-Tower in der Harringtonstreet in Downtown. Sein bester Freund und stellvertretender Geschäftsführer der Conell Pty. Limited, Brian Jennings, war gerade dabei, ihn auf den neuesten Stand zu bringen.

»… Verhandlungen mit der Gewerkschaft, sie wollen fünf Prozent, ich habe ihnen drei avisiert, aber das letzte Wort hast natürlich du.« Der dunkelblonde Mann schwieg und betrachtete Cameron, der mit seinen Gedanken offensichtlich ganz woanders war. »Cam?«

»Wie? Jaja, tu, was du für sinnvoll hältst, du weißt, dass ich volles Vertrauen zu dir habe.«

»Du hast mir gar nicht zugehört, oder? Was ist los?«

»Nichts«, murmelte Cameron, »mach weiter.«

Brian legte seine Unterlagen beiseite und musterte den Freund eingehend. »Lass mich raten – es geht um die Frau und das Kind, richtig?«

»Holly Stanton, ja. Ich würde gerne wissen, ob alles in Ordnung ist.«

»Nun, vermutlich wird ihr Mann inzwischen bei ihr sein und sich um sie kümmern.«

»Ja, vermutlich. Aber wenn nicht? Ihrem Akzent nach ist sie keine Australierin, vielleicht ist sie ja ganz alleine hier.«

»Wenn es dich so brennend interessiert, dann ruf doch in der Klinik an und erkundige dich«, schlug Brian vor.

Cameron stand auf, trat ans Fenster und ließ seinen Blick über den Fährhafen und die Harbour Bridge schweifen. Das muschelförmige Dach der Sydney-Opera strahlte im Sonnenlicht, in der Bucht glitten unzählige Boote über das tiefblaue Wasser. Sofort sah er Hollys Augen vor sich, und einem spontanen Impuls folgend wandte er sich zu seinem Schreibtisch und drückte eine Taste der Sprechanlage.

»Mrs. Patton, buchen Sie mir einen Flug nach Port Augusta, in der nächstmöglichen Maschine.«

»In Ordnung, Sir.«

»Ach, und reservieren Sie mir ein Zimmer in irgendeinem Hotel dort.«

»Für welche Dauer?«

Er zögerte. »Eine Woche sollte reichen«, sagte er dann.

»Gut, wird gemacht.«

Anschließend schaute Cameron seinen Freund fragend an. »Kannst du mich noch ein paar Tage vertreten?«

»Jederzeit, das weißt du doch. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob es klug ist, was du da tust.«

»Ich fühle mich einfach verantwortlich und möchte mich selbst davon überzeugen, dass es Mutter und Kind gut geht.«

»Das ließe sich mit einem Telefonat schneller erledigen«, erwiderte Brian trocken. Als Cameron keine Antwort gab, erhob er sich und legte ihm die Hand auf den Arm. »Cam«, sagte er leise, »du kannst geschehene Dinge nicht rückgängig machen.«

»Ja, ich weiß«, murmelte Cameron bitter, »aber das habe ich auch nicht vor.«

Sechsundzwanzig Stunden später betrat Cameron das Port Augusta Hospital. An der Anmeldung erkundigte er sich nach Hollys Zimmer.

»Sind Sie der Ehemann?«, fragte die ältere Dame und schaute ihn über den Rand ihrer Brille hinweg prüfend an.

»Ein guter Freund«, schwindelte er.

»Nun, wenn das so ist, können Sie mir vielleicht weiterhelfen …«, sie zögerte kurz, »es gibt da ein kleines Problem.«

Cameron runzelte die Stirn. »Was ist los?«

»Mrs. Stanton ist nicht versichert, und hat wohl auch kein Geld, um die Behandlung zu bezahlen. Ihrem Pass nach ist sie Engländerin und anscheinend auf Urlaub hier.«

Ohne zu zögern, nahm Cameron seine Kreditkarte aus der Brieftasche und schob sie über den Tisch. »Ich komme für alle Kosten auf.«

»In Ordnung, Mr. Conell«, lächelte die Frau nach einem raschen Blick auf die Karte. »Mrs. Stanton liegt im ersten Stock, Zimmer 114.«

Cameron bedankte sich mit einem knappen Kopfnicken und stand wenig später vor der entsprechenden Tür. Nach einem kurzen Klopfen trat er ein und hielt augenblicklich den Atem an.

Die Luft in dem kleinen Krankenzimmer war abgestanden und roch nach den Ausdünstungen der vier Frauen darin sowie nach Desinfektionsmitteln. Trotz der heruntergelassenen Jalousien hing eine drückende Hitze über dem ganzen Raum, gegen die auch der Ventilator an der Decke nichts ausrichten konnte.

Holly lag auf einem Bett am Fenster, sie hatte das Baby im Arm und die Augen geschlossen.

Langsam ging Cameron näher und blieb am Fußende stehen. Einen Moment lang betrachtete er das friedliche Bild, dann räusperte er sich leise.

»Hallo.«

Sie fuhr hoch und blinzelte erstaunt. »Cameron – was tun Sie denn hier?«

»Ich wollte nach Ihnen sehen, und natürlich auch nach dem Kleinen.«

Holly lächelte. »Uns geht es gut.«

»Das freut mich.« Behutsam strich er dem Baby über den Kopf. »Er ist ein Prachtkerl. Wissen Sie schon, wie er heißen soll?«

»Noah.«

»Im Ernst?«, fragte er überrascht.

»Ja«, nickte sie. »Schließlich verdanken wir Ihnen, dass alles gut ausgegangen ist, und außerdem finde ich den Namen sehr schön.«

Sekundenlang hatte Cameron einen Kloß im Hals, er schluckte ein paar Mal und reichte Holly dann einen Blumenstrauß und ein in buntes Papier gewickeltes Päckchen. »Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.«

»Vielen Dank, aber das wäre nicht nötig gewesen«, lächelte sie verlegen. Sie legte die Blumen auf das Nachtkästchen und entfernte das Geschenkpapier von der Schachtel. Gespannt nahm sie den Deckel ab, und ein silbernes Kinderbesteck kam zum Vorschein.

»Ich hoffe, so etwas haben Sie noch nicht«, sagte Cameron, und bemerkte im gleichen Moment, dass ihr Tränen in die Augen schossen. »Holly«, murmelte er hilflos, während er in seiner Jeans nach einem Taschentuch suchte, »nicht weinen.«

Behutsam wischte er ihr über die Wangen, doch der Tränenstrom wollte nicht versiegen und so setzte er sich zu ihr, nahm sie in den Arm und strich ihr tröstend übers Haar.

»Möchten Sie mir erzählen, was los ist?«, fragte er, als sie sich schließlich ein wenig beruhigt hatte.

»Ich habe gar nichts«, flüsterte sie mit brüchiger Stimme, »nichts für das Baby, kein Geld und kein Dach über dem Kopf. Ich habe keine Ahnung, wie ich die Krankenhausrechnung bezahlen soll, und ich weiß nicht, wo ich hingehen soll, wenn ich hier rauskomme.«

»Die Dame an der Anmeldung sagte mir, Sie sind aus England – wollen Sie nicht nach Hause zurückkehren?«

Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte Panik in ihren Augen auf. »Nein«, erwiderte sie hastig, »auf keinen Fall.«

»Und Ihr Mann?«

»Ich bin nicht verheiratet.« Holly biss sich auf die Lippen. »Ehrlich gesagt, bin ich über eine Jobvermittlung im Internet hierher gekommen. Ich sollte mich in Birdsville mit einem John Walters treffen, einem Rancher, der angeblich jemanden für die Verwaltungsaufgaben suchte. Doch als ich dort ankam, sagte man mir, dass es weit und breit niemanden mit diesem Namen gibt. Ich habe mein ganzes Geld für die Jobagentur, das Flugticket, den Leihwagen und die Übernachtungen ausgegeben. Ich dachte, ich würde hierbleiben, aber offenbar hat man mich über den Tisch gezogen«, gestand sie verschämt.

Nachdenklich betrachtete Cameron ihr Gesicht. Es war die verrückteste Geschichte, die er je gehört hatte, und er fragte sich, ob das tatsächlich die Wahrheit war.

»Ich hätte Ihnen das nicht erzählen sollen«, sagte Holly verlegen. »Bestimmt halten Sie mich jetzt für völlig naiv.«

»Naja, zumindest für unvorsichtig.«

Sie nickte bedrückt. »Ja, das war ich wohl.«

Einen Moment herrschte Schweigen, dann schlug Cameron vor: »Wie wäre es, wenn Sie für eine Weile auf meiner Ranch bleiben?«

»Was?«

»Ich besitze eine Cattle-Station, etwa 75 Meilen nördlich von Birdsville«, erklärte er. »Dort ist genug Platz, sodass Sie und das Baby eine Zeit lang unterkommen könnten – zumindest, bis Sie wissen, wie es weitergehen soll.«

»Aber ich kenne Sie doch gar nicht.«

Cameron verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. »Ich dachte, über diesen Punkt wären wir inzwischen hinaus. Außerdem waren Sie bereit, ans entgegengesetzte Ende der Welt zu reisen, um bei einem wildfremden Mann einen Job anzunehmen.«

»Das ist etwas anderes«, murmelte Holly peinlich berührt. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das kann ich nicht annehmen. Sie haben schon genug für mich getan. Wenn Sie nicht gewesen wären …«

»Eben, und deswegen fühle ich mich auch ein bisschen verpflichtet.« Behutsam streichelte Cameron dem Baby über die Wange und erhob sich. »Ich komme morgen wieder«, versprach er. »Ruhen Sie sich aus und denken Sie inzwischen über meinen Vorschlag nach.«

Wenig später stand Cameron erneut an der Anmeldung. »Bitte veranlassen Sie, dass Miss Stanton ein Einzelzimmer bekommt.«

Die Frau zuckte mit den Schultern. »Es tut mir leid Sir, aber so etwas haben wir hier nicht. Ich könnte sie in einem Raum unterbringen, der im Moment nicht belegt ist, wenn allerdings weitere Patienten kommen …«

»In Ordnung, tun Sie das«, unterbrach Cameron sie ungeduldig, »und sorgen Sie dafür, dass sie alles hat, was sie braucht, die Kosten spielen keine Rolle.«

»Natürlich Sir, ich kümmere mich darum.«

»Gut«, nickte er zufrieden, und fügte dann einer spontanen Eingebung folgend hinzu: »Ach, und geben Sie mir bitte die Heimatanschrift von Miss Stanton, ich werde ihre Familie benachrichtigen.«

Die Frau runzelte die Stirn, und für einen Augenblick sah es so aus, als wolle sie widersprechen. Doch Cameron strahlte eine solche Autorität aus, dass sie schließlich den Computer einschaltete und die Adresse auf einen Notizzettel schrieb, den sie ihm überreichte. »Aber verraten Sie niemandem, dass ich das getan habe, ich komme sonst in Teufels Küche.«

Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln. »Natürlich nicht. Vielen Dank.«

Wenig später stand er in seinem Zimmer im Augusta Courtyard Motel, schaute hinaus auf die Hauptstraße und fragte sich, ob er einen Fehler gemacht hatte.

Sein Gespür sagte ihm, dass an Hollys Geschichte irgendetwas nicht stimmte, oder dass sie ihm zumindest einen Teil verschwiegen hatte.

Welche Frau mit halbwegs gesundem Menschenverstand würde ihr letztes Geld ausgeben, um am anderen Ende der Welt einen Job anzutreten, ohne dass sie irgendeine Garantie dafür hatte? Und was war mit dem Vater des Babys? Falls sie tatsächlich nicht verheiratet war, musste es aber doch irgendwo einen Erzeuger geben. Hatte er sie sitzengelassen? War sie deswegen nach Australien gekommen? Um neu anzufangen und ihren Liebeskummer zu vergessen? Oder hatte sie irgendetwas auf dem Kerbholz und war auf der Flucht vor den Behörden?

Unwirsch schüttelte er den Kopf. Es gab tausend Möglichkeiten, und es war sinnlos, zu spekulieren. Vielleicht würde sie sich ihm ja anvertrauen, wenn sie erst einmal eine Weile auf Roseley Station war.

Andererseits …

Er nahm sein Handy und suchte aus dem Adressbuch die Nummer von Keith Latham heraus, einem langjährigen Freund, der eine Detektei besaß und sporadisch Aufträge für ihn erledigte.

»Cameron hier«, sagte er knapp, als Keith sich meldete. »Ich bräuchte ein paar Informationen über eine gewisse Holly Stanton. Sie ist Engländerin und wohnt in London, 37 Windermere Road.«

»Und was willst du wissen?«

»Alles, was du bis heute Abend in Erfahrung bringen kannst.«

Nachdem Cameron gegangen war, lehnte Holly sich in die Kissen zurück und dachte über sein Angebot nach. Sie war ihm dankbar für seine Hilfe und Fürsorge, aber es widerstrebte ihr, ihn in ihre Probleme hineinzuziehen. Außerdem fragte sie sich, weshalb er ihr diesen Vorschlag überhaupt gemacht hatte. Kein Mann lud einfach eine wildfremde Frau ein, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Nein, überlegte sie im nächsten Moment. Er machte einen anständigen Eindruck und so attraktiv, wie er war, hatte er es bestimmt nicht nötig, sich auf diese Art sein Vergnügen zu suchen. Garantiert war er verheiratet oder hatte eine Freundin, bei seinem guten Aussehen war er gewiss nicht alleine.

Vermutlich hatte er ihr diesen Vorschlag sowieso nur aus Höflichkeit gemacht, weil er sich irgendwie verpflichtet fühlte, sich um sie zu kümmern. Sicher rechnete er damit, dass sie ablehnte, und das sollte sie wohl auch besser tun.

Andererseits hatte sie kaum eine Wahl. Wenn sie nicht mit Noah auf der Straße sitzen wollte, und das würde zweifellos geschehen, blieb ihr nichts anderes übrig, als Camerons Angebot anzunehmen.

Noah regte sich, er ballte die kleinen Hände zu Fäusten und verzog weinerlich das Gesicht. Rasch knöpfte sie den Krankenhauskittel auf und legte das Baby an ihre Brust.

Sie beobachtete ihn, wie er eifrig trank, und eine Welle der Zärtlichkeit durchströmte sie.

»Ich werde dich beschützen«, flüsterte sie, während ihr erneut Tränen in die Augen stiegen, »es wird alles gut, das verspreche ich dir.«

Kapitel 3

Als Cameron nach dem Abendessen in sein Zimmer zurückkehrte, klappte er nervös seinen Laptop auf, und fand,

Impressum

Texte: Marina Schuster
Bildmaterialien: wallyir, Morguefile; diannehope, Morguefile – Coverdesign: Marina Schuster
Tag der Veröffentlichung: 02.08.2013

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /