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1

 »Lieber Jake,
es tut mir leid, dass ich es Dir auf diesem Wege sagen muss, aber ich glaube, es ist besser so. Es war eine schöne Zeit mit Dir, Du hast viel für mich getan und Dich um mich gekümmert, und ich bin Dir wirklich dankbar dafür.
Auf eine gewisse Art habe ich Dich sehr gern, doch in den letzten Monaten habe ich gemerkt, dass meine Gefühle für Dich nicht ausreichen, um mit Dir auf Dauer in dieser Einöde zusammenzuleben. Ich fühle mich zu jung, um mich jetzt schon fest zu binden, und auch, um die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, deswegen lasse ich Benjamin bei Dir. Ich weiß, dass Du gut für ihn sorgen wirst und es ihm bei Dir an nichts fehlen wird.
Bitte versuche, mich zu verstehen, und sei mir nicht böse, es war nie meine Absicht, Dich zu verletzen. Ich wünsche Dir sehr, dass Du eines Tages glücklich werden wirst.
Bitte verzeih mir, Joanna«

Jake saß am Küchentisch und starrte auf die Zeilen, bis die Buchstaben vor seinen Augen verschwammen.
Plötzlich sprang er auf, packte den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, und zertrümmerte ihn auf dem Tisch. Einen zweiten warf er mit solcher Wucht in die Küchenzeile, dass das Geschirr auf der Spüle zersprang und die Scherben meterweit flogen. Er fuhr mit dem Arm über die Arbeitsplatte, fegte alles herunter, was darauf stand. Tassen, ein Kochtopf und der Toaster knallten auf den Boden, die nagelneue Kaffeemaschine folgte.
Unablässig wütete er in der Küche herum, riss Schubladen heraus, schmiss sie in das Regal mit den Gewürzen und gegen den Kühlschrank. Wie von Sinnen zerrte er sämtliches Geschirr aus den Schränken, zertrümmerte es auf den Fliesen. Er wollte nur noch zerstören, wollte diesen tiefen, unendlichen Schmerz in seinem Inneren vernichten, der ihm fast die Luft zum Atmen nahm.
Über all dem Krach, den er veranstaltete, ertönte auf einmal ein leises Weinen, und abrupt hielt er inne. Einen Moment blieb er still stehen, betrachtete das Chaos, das er angerichtet hatte.
Dann setzte er sich langsam in Bewegung, Scherben knirschten unter seinen Füßen, als er ins Kinderzimmer hinüber ging. Er hob Benjamin aus seiner Wiege, nahm ihn auf den Arm und kuschelte sich mit ihm in den Schaukelstuhl, in dem Joanna immer mit ihm gesessen hatte. Zärtlich wiegte er seinen Sohn hin und her, drückte ihn fest an sich.
»Wir sind jetzt allein«, sagte er leise, »wir haben nur noch uns.«

Als Carol und Taylor am Nachmittag das Farmhaus betraten, hielten sie erschrocken inne. Eine Spur der Verwüstung zog sich durch die gesamte, offene Küche bis hinein ins Wohnzimmer, es sah aus, als hätte eine Granate eingeschlagen.
»Oh mein Gott«, entfuhr es Carol verstört. »Jake?«, rief sie dann laut, »Joanna?«
»Er ist hier«, hörte sie Taylor aus dem Kinderzimmer brummen, und rasch lief sie hinüber.
Dort saß Jake im Schaukelstuhl, Benjamin lag auf seiner Brust, und es sah so aus, als hätten sie schon Stunden so verbracht.
»Jake, um Himmels willen, was ist denn los?«, fragte sie erstaunt.
Mit eckigen Bewegungen stand er auf, legte Benjamin in seine Wiege und stapfte hinaus ins Wohnzimmer, Carol und Taylor folgten ihm mit ratlosen Gesichtern.
»Was ist passiert?«, wiederholte Carol ihre Frage.
Einen Moment starrte Jake stirnrunzelnd auf das Chaos, als könne er sich nicht erinnern, dass er derjenige war, der es angerichtet hatte. Dann zuckte er mit den Achseln.
»Joanna hat mich verlassen. Kurz vor unserer Hochzeit hat sie mich einfach sitzengelassen.«
»Vor der Hochzeit?«, fragte Taylor Jake irritiert. »Wieso Hochzeit? Ich dachte, ihr seid Geschwister?«
Carol warf Taylor einen mahnenden Blick zu, um ihm zu signalisieren, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um solche Fragen zu stellen, doch Jake machte eine abwinkende Handbewegung.
»Nein, das sind wir nicht. Wir … » Jake stockte und zuckte mit den Achseln. »Ach, ist auch egal.«
»Irgendwie kapiere ich gerade nur Bahnhof«, murmelte Taylor. »Aber nun wird mir so einiges klar – Benjamin ist dein Sohn, oder?«
»Ja.«
Ein verstehendes Lächeln glitt über Taylors Gesicht. »Deswegen. Ich habe mich schon gewundert, dass du so vernarrt in den Kleinen bist.«
Ein weiterer, strenger Blick von Carol brachte ihn zum Verstummen.
»Jake«, sagte sie leise, »bist du denn sicher, dass sie dich verlassen hat?«
Schweigend hielt Jake ihr den Brief hin, und hastig überflog sie die wenigen Zeilen, ließ den Zettel dann schockiert sinken.
»Ich glaube das nicht«, sie schüttelte den Kopf, »ich kann mir das nicht vorstellen. Sie liebt dich, und sie liebt Benjamin, sie würde nicht einfach weggehen und dich und ihren Sohn im Stich lassen. Vielleicht war sie irgendwie verwirrt, sie könnte Wochenbettdepressionen haben, so etwas soll manchmal ziemlich schlimm sein.«
»Über vier Monate nach der Entbindung?«, fragte Jake mit nahezu unheimlicher Ruhe.
Hilflos zuckte Carol mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Es könnte auch sein, dass ihr etwas passiert ist, vielleicht solltest du zum Sheriff gehen …«
Mit einer Handbewegung schnitt Jake ihr das Wort ab.
»Lass es gut sein«, sagte er müde, »ich muss den Tatsachen ins Auge sehen – sie ist weg, und sie wird nicht mehr zurückkommen.« Er ging in die Küche und fing an aufzuräumen.
»Jake, wenn du möchtest, bleibe ich hier und helfe dir«, bot Carol ihm an.
Er schüttelte den Kopf. »Nein danke, aber das ist nicht nötig. Am besten fahrt ihr wieder nach Hause.«
»Gut, wenn du das so möchtest. Ruf an, wenn du Hilfe brauchst, wir sind immer für dich da. Und melde dich, falls Joanna doch noch …«
Carol unterbrach sich und biss sich auf die Lippen. »Es tut mir so leid.«
Jake lächelte. »Schon gut, mach dir keine Gedanken. Es ist alles in Ordnung, ich komme klar.«

Es war mitten in der Nacht, als Joanna in New Orleans eintraf. Als sie aus dem Zug gestiegen war, blieb sie einen Moment stehen und überlegte. Nur zu deutlich erinnerte sie sich daran, was bei ihrer letzten Rückkehr geschehen war und ihr war klar, dass sie auf keinen Fall ins »Red Lantern« gehen würde. Zwar war sie inzwischen achtzehn, und Bill würde sie zu nichts zwingen können, aber er würde mit Sicherheit versuchen, sie unter Druck zu setzen, und sie wusste nicht, ob sie dem in ihrer momentanen Verfassung gewachsen sein würde.
Kurz entschlossen durchquerte sie die Bahnhofshalle und steuerte auf ein kleines, heruntergekommenes Hotel zu, welches sich in einer Seitenstraße befand. Sie hatte mit ihren Näharbeiten zwar kein Vermögen verdient, doch es würde ausreichen, um sich über Wasser zu halten, bis sie wusste, wie es weitergehen sollte.
Es dauerte nicht lange, bis sie ein Zimmer gemietet hatte, und müde stieg sie die Stufen in die erste Etage hinauf. Ein Pärchen kam ihr entgegen, ein älterer Mann und eine grellgeschminkte Frau, und ihr war klar, dass es sich bei dem Hotel um eine der unzähligen Absteigen handelte, die es rings um den Bahnhof gab. Ewig würde sie hier nicht wohnen können, aber wenigstens für ein paar Tage, bis sie eine Gelegenheit gefunden hätte, mit ihrer Mutter zu sprechen.
Der Raum war schäbig und schmuddelig, und als sie die Bettdecke beiseite zog und das fleckige, vergraute Laken darunter sah, verzog sie schaudernd das Gesicht.
Unwillkürlich erinnerte sie sich an das Hotel in Nashville, an das luxuriöse Zimmer und das breite, weiche Bett, in welchem sie und Jake sich zum ersten Mal geliebt hatten. Sofort schossen ihr Tränen in die Augen, und hastig wischte sie sie weg, verbot sich jeden weiteren Gedanken daran.
Mit einem Ruck zerrte sie die Decke wieder über das Bettlaken, breitete ihre Jacke über dem schmutzigen Kopfkissen aus und legte sich dann angezogen aufs Bett.
Sie knipste das Licht aus, starrte aus dem Fenster auf die Neonreklame des Hotels gegenüber, die grelle Lichtmuster auf den Boden des Zimmers malte, dachte an Jake und Benjamin, und fragte sich, ob der Schmerz jemals nachlassen würde.

2

Ein wenig nervös betrat Joanna am anderen Mittag das »Red Lantern« durch den Hintereingang. Wie beim letzten Mal auch wurde sie schnuffelnd von Devil begrüßt, und genau wie beim letzten Mal wollte sie die Treppe hinaufgehen, da öffnete sich plötzlich die Tür zu Bills Büro.
»Wen haben wir denn da?«, dröhnte Bills Stimme über den Gang, »Wenn das nicht unsere kleine Joanna ist.«
Sie drehte sich zu ihm um, fest entschlossen, sich nicht von ihm einschüchtern zu lassen.
»Ich möchte nur kurz zu meiner Mutter.«
Ein breites Grinsen zog über sein Gesicht. »Warum so hastig? Willst du nicht einen Moment in mein Büro kommen? Wir könnten ein wenig von alten Zeiten plaudern.«
»Ich habe es eilig«, erklärte sie, und einer spontanen Eingebung folgend fügte sie hinzu: »Ich werde im Hotel erwartet, wenn ich in einer halben Stunde nicht zurück bin, wird Jake die Polizei anrufen.«
Unsicherheit malte sich auf Bills Zügen ab. »Jake«, murmelte er gedehnt. »Jake Prescott?«
Fast unmerklich zuckte Joanna zusammen, und sie fragte sich, woher Bill Jakes Namen kannte. Vermutlich von Tom, ging es ihr dann durch den Kopf, aber das war jetzt auch egal.
»Ja, wir werden in Kürze heiraten«, betonte sie, »und ich möchte mit Mom über die Hochzeit sprechen.«
»Soso, du hast es also wirklich geschafft, diesen reichen Kerl um den Finger zu wickeln«, nickte Bill mit spöttischer Anerkennung. »Herzlichen Glückwunsch.«
Joanna wollte sich umdrehen und ihren Weg nach oben fortsetzen, da fügte er hinzu: »Tut mir leid Schätzchen, aber du kommst ein paar Tage zu spät.«
Sie hielt inne und schaute ihn an. »Was meinst du damit?«
»Deine Mutter lebt nicht mehr.«
Sämtliche Farbe wich aus Joannas Gesicht. »Du lügst«, keuchte sie entsetzt auf, »das ist nicht wahr.«
»Doch, ist es. Sie war bereits seit einer ganzen Weile krank, irgendeine …«
Joanna hörte ihm schon gar nicht mehr zu. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend stürzte sie die Treppe hinauf bis in den zweiten Stock. Sie stürmte über den Flur bis zu dem kleinen Zimmer, welches sie mit ihrer Mutter zusammen bewohnt hatte, und riss die Tür auf.
»Mom?«
Der Raum war leer, das Bett ordentlich gemacht, nirgends lag etwas herum, was darauf schließen ließ, dass hier jemand wohnte. Mit einem großen Schritt war sie am Kleiderschrank und öffnete die Türen. Nichts befand sich darin, ebenso wie in der Kommode, deren Schubladen sie nacheinander aufzog.
Panik stieg in ihr auf. Das konnte nicht sein. Das konnte einfach nicht sein. Sicher, Jake hatte erzählt, dass ihre Mutter sehr elend ausgesehen hatte, als er hier bei ihr gewesen war. Aber sie konnte doch nicht tot sein, das war unmöglich.
Als sie das Zimmer verließ, stieß sie mit Sherry zusammen, eine der Frauen, die mit Elisabeth enger befreundet war.
»Joanna, es tut mir so leid«, murmelte sie bedrückt, und in diesem Moment wurde Joanna klar, dass Bill die Wahrheit gesagt hatte.
Tränen schossen ihr in die Augen, und mit einem gequälten Aufstöhnen fiel sie Sherry um den Hals. Diese schob sie zum Bett, drückte sie sanft auf die Matratze und setzte sich neben sie.
»Scht, Kleines«, sagte sie leise und strich Joanna tröstend übers Haar. »Es war besser so. Sie hatte Magenkrebs, und sie wäre sowieso nicht mehr gesund geworden. Der Arzt war täglich mehrmals da und hat ihr Spritzen gegen die Schmerzen gegeben, sie hat also nicht leiden müssen. Irgendwann ist sie ganz friedlich eingeschlafen.«
Es dauerte eine Weile, bis Joannas Tränenstrom versiegt war.
»Auf welchem Friedhof ist sie?«
»Sie liegt auf dem St. Joseph Cemetery an der Washington Avenue, nicht weit von hier. Wir haben alle zusammengelegt, und es war eine schöne Beerdigung.«
»Danke«, murmelte Joanna tonlos, »danke, dass ihr euch um Mom gekümmert habt.«
Sherry lächelte traurig. »Schon gut, du weißt doch, dass wir alle zusammenhalten.« Sie stand auf und ging zur Tür. »Warte einen Moment, ich habe noch etwas für dich.«
Es dauerte nicht lange, bis sie zurückkam und Joanna ein kleines Päckchen in die Hand drückte. »Das ist von deiner Mutter. Sie hat es mir gegeben, bevor sie … ich sollte es für dich aufbewahren.«
Joanna nickte. »Danke. Ich werde jetzt besser gehen.«
»Alles Gute Kleines, viel Glück.«
Sie umarmte Sherry ein letztes Mal und stieg dann auf wackeligen Beinen die Treppen hinab.
Es sah so aus, als hätte Bill auf sie gewartet, denn er stand immer noch auf dem Gang.
»Nun, ich nehme an, du glaubst mir jetzt, oder?«
Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, lief sie an ihm vorbei auf den Ausgang zu.
»Hey, Moment«, rief er. Mit einem Satz war er bei ihr und packte sie am Arm. »Was ist mit dem Geld, das deine Mutter mir noch schuldet?«, zischte er mit seinem Gesicht dicht vor dem ihren. »Wie wäre es, wenn du es bei mir abarbeitest? Als Tochter bist du schließlich verpflichtet, dafür geradezustehen.«
Mit einer schnellen Bewegung riss sie sich von ihm los und funkelte ihn an. »Nimm deine dreckigen Finger von mir«, sagte sie kalt, »ich lasse mich von dir nicht mehr einschüchtern. Du hast meine Mutter und mich lange genug terrorisiert, damit ist jetzt Gott sei Dank Schluss. Und solltest du mir jemals wieder in die Quere kommen, wird Jake dafür sorgen, dass es das letzte Mal war, kapiert?«
Sie drehte sich auf dem Absatz um und verließ mit festen Schritten das Haus, während Bill ihr sprachlos hinterher starrte, bis die Tür hinter ihr zufiel.
»Miststück«, fluchte er leise, »lass dich hier bloß nie mehr blicken.«

Nachdem Joanna ins Hotel zurückgekehrt war, warf sie sich auf ihr Bett und ließ ihren Tränen freien Lauf. Es dauerte lange, bis sie sich so weit beruhigt hatte, dass sie sich mit dem Päckchen beschäftigen konnte. Mit zitternden Fingern wickelte sie das braune Packpapier ab und nahm den Deckel von der kleinen Schachtel.
Viel enthielt sie nicht, ein Brief lag darin, und eine silberne Kette mit einem Medaillon. Verwundert betrachtete sie das Schmuckstück und klappte dann den Anhänger auf. Zwei Fotos waren in die Innenseite geklebt, eines von ihr, und eines von einem Mann, den sie nicht kannte. Sie starrte das leicht vergilbte Bild an, bis ihr plötzlich auffiel, dass es eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr hatte. Ihr Herz fing an zu klopfen, als ihr bewusst wurde, dass es sich offenbar um ihren Vater handelte.
Mit fliegenden Fingern öffnete sie das Briefkuvert und begann zu lesen.
»Meine über alles geliebte Joanna,
bitte sei nicht allzu traurig, wenn Du das hier liest. Ich weiß, dass Dir das schwerfallen wird, aber versuch daran zu denken, dass ich nun alles hinter mir habe, und Du hast noch alles vor Dir. Ich kann in Ruhe gehen, denn ich weiß, dass es Dir gutgeht. Du hast einen Mann, der Dich liebt, und ein Kind, und ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass Du glücklich wirst.
Jetzt, wo Du weißt, was es bedeutet, jemanden zu lieben, kannst Du einige Dinge bestimmt besser verstehen, deswegen möchte ich Dir etwas erzählen, was mir seit Jahren auf der Seele liegt.
Du hast mich ein paar Mal nach Deinem Vater gefragt, und ich habe Dir immer gesagt, es wäre einer der Freier gewesen, und ich würde seinen Namen nicht kennen. Das ist nicht wahr, ich weiß sehr wohl, wer er war, denn es war der einzige Mann, den ich je geliebt habe.
Ich war sechzehn und habe als Hausmädchen für eine wohlhabende Familie in Atlanta gearbeitet. Er war der einzige Sohn, und obwohl er damals bereits verheiratet war und ein Kind hatte, haben wir uns ineinander verliebt. Es hat nicht lange gedauert, bis ich feststellte, dass ich schwanger war. Ich habe ihm nichts davon gesagt, denn ich wollte nicht, dass er meinetwegen irgendwelchen Ärger bekommt. Also habe ich gekündigt, noch bevor man mir etwas ansehen konnte, und bin mit meinem letzten Geld nach New Orleans gefahren, damit er mich nicht findet.
Dort bin ich dann an Bill geraten. Ich hatte kein Geld, kein Dach über dem Kopf und nichts zu essen, daher war ich dankbar, dass er mir angeboten hat, sich um mich zu kümmern. Anfangs war er sehr nett zu mir, hat mich gut behandelt und mir Geld gegeben, damit ich ein paar Sachen für Dich kaufen konnte. Als Du dann auf der Welt warst, hat er sein wahres Gesicht gezeigt, und als ich merkte, dass er ein Zuhälter ist, war es schon zu spät. Ich musste einen Schuldschein unterschreiben und mich verpflichten, das Geld bei ihm abzuarbeiten. Ein paar Mal habe ich versucht, wegzulaufen, doch ich bin nie weit gekommen. Seine Schläger haben mich immer wieder gefunden und zurückgebracht. Als er mir gedroht hat, dass Du es büßen müsstest, wenn ich noch einmal abhauen würde, habe ich mich in mein Schicksal gefügt.
Nun kennst Du die ganze Geschichte, und vielleicht wirst Du mich jetzt dafür verachten, dass ich mich mit einem verheirateten Mann eingelassen habe. Aber ich habe das nicht leichtfertig getan, ich habe ihn sehr geliebt, und das tue ich bis heute. Da ich nun nicht mehr in der Lage sein werde, für Dich da zu sein, sollst Du erfahren, wer es ist. Solltest Du jemals Hilfe benötigen oder in Schwierigkeiten sein, wende Dich an Richard Bentley. Es kann sein, dass Dir der Name bekannt vorkommt, seiner Familie gehört Bentley Industries, der Stahlkonzern. Deswegen habe ich auch seinen Namen für mich behalten, ich wollte ihn schützen, denn es hätte einen großen Skandal gegeben, und das wollte ich ihm nicht antun. Falls Du zu ihm gehst, dann nimm das Medaillon mit, er wird es wiedererkennen, denn er hat es mir damals geschenkt.
Ich hoffe, Du verurteilst mich nicht für das, was ich getan habe. Aber ich habe es nie bereut, denn aus dieser Liebe ist das Beste entstanden, was ich je hätte haben können, nämlich Du.
Das Einzige, was mir leid tut ist, dass Du all die Jahre mit mir in diesem Elend aushalten musstest – bitte verzeih mir dafür. Es ist kein Tag vergangen, an dem ich Dir nicht ein schöneres Leben gewünscht hätte, und ich bin froh zu wissen, dass sich dieser Wunsch erfüllt hat.
Jake ist ein anständiger Mann, er liebt Dich und er wird Dich und euer Kind auf Händen tragen, und diese Gewissheit gibt mir meinen Frieden.
Umarme Jake und gib meinem Enkelkind einen Kuss von mir, und was auch immer geschehen mag – halte dieses Glück fest.
In Liebe, Mom«

Fassungslos starrte Joanna auf die Zeilen, Tränen ließen die Buchstaben vor ihren Augen verschwimmen, tropften auf das Papier und ihre zitternden Hände.
»Halte dieses Glück fest« – diese Worte brannten sich in ihr Herz wie glühendes Eisen, und sie konnte nur noch daran denken, dass es dafür zu spät war.

3

Zwei Wochen vergingen, und nachdem Joanna ihren ersten Schock überwunden hatte, rappelte sie sich auf und versuchte, sich auf ihre Zukunft zu konzentrieren. Nach einigem Suchen gelang es ihr, einen Aushilfsjob als Kellnerin in einer Bar zu bekommen. Es war mehr eine Spelunke als eine Cocktailbar, der Laden war heruntergekommen, ebenso wie das Publikum, das darin verkehrte. Die Arbeitszeiten waren schlecht, die Bezahlung mies und die Trinkgelder äußerst spärlich, aber Joanna war froh, überhaupt etwas gefunden zu haben.
Sie begab sich auf Wohnungssuche, und nach einigen Misserfolgen bekam sie von einer Arbeitskollegin den Tipp, dass deren Bruder eine Mitbewohnerin suchte.
Zunächst war sie nicht davon begeistert, mit einem wildfremden Mann zusammenzuwohnen. Doch nachdem sie Brian dann kennengelernt hatte, waren ihre Bedenken rasch verflogen. Er war dreiundzwanzig, studierte Medizin, und war so locker und freundlich, dass ihr die Entscheidung nicht schwerfiel.
So zog sie in seine kleine Wohnung am Stadtrand von New Orleans um und allmählich pendelte sich ein geregelter Tagesablauf ein.
Wenn Joanna nachts um drei von der Arbeit nach Hause kam, fiel sie todmüde in ihr Bett und schlief meistens bis um zehn Uhr am nächsten Morgen.
Brian, der immer früh zur Uni ging, hatte ihr dann stets ein Frühstück gerichtet, und sie saß in der großen Küche, ließ es sich schmecken und studierte die Tageszeitung. Anschließend kaufte sie ein, räumte ein wenig auf, wusch die Wäsche und kochte. Bevor sie sich am späten Nachmittag auf den Weg zur Bar machte, stellte sie Brian sein Essen auf den Tisch, sodass er es nur noch aufwärmen brauchte.
An Brians freien Tagen und an den Wochenenden verbrachten sie ab und zu ein bisschen Zeit miteinander. Sie gingen ins Kino oder Eis essen oder trafen sich mit ein paar Freunden von ihm zum Picknicken im Stadtpark. Oft saßen sie auch einfach nur in der Küche zusammen, tranken Kaffee und unterhielten sich. Nach und nach entwickelte sich ein sehr herzliches, vertrautes Verhältnis zwischen ihnen, und es dauerte nicht lange, bis Joanna ihm ihre ganzen Sorgen und Nöte anvertraute.
»Ach Joanna, ich wünschte, ich könnte irgendetwas für dich tun«, seufzte Brian, als Joanna wieder einmal weinend in ihrem Zimmer saß, weil sie an Benjamin und Jake gedacht hatte.
»Niemand kann etwas tun«, erklärte Joanna resigniert.
»Aber so geht das doch nicht«, betonte er resolut. »Du solltest wenigstens deinen Sohn zu dir holen, es ist nicht gut, wenn ein Kind von der Mutter getrennt ist.«
»Was könnte ich Benjamin denn schon bieten? Ich bin froh, dass ich diesen Job in der Bar habe, und das Geld reicht gerade so, dass ich die Miete hier bezahlen und mir ein paar Lebensmittel leisten kann.« Joanna schüttelte den Kopf. »Nein, er hat es bei Jake besser, damit muss ich mich abfinden. Bei mir würde er in den gleichen ungeordneten und ärmlichen Verhältnissen aufwachsen wie ich, und das möchte ich auf keinen Fall.«
Nachdenklich schaute Brian sie an. »Ich habe nicht den Eindruck, dass es dir geschadet hat. Vielleicht hattest du viele Dinge nicht, die andere Kinder in deinem Alter gehabt haben, aber du hattest etwas, was wichtiger ist – die Liebe einer Mutter.«

Auch Jake hatte sich inzwischen einigermaßen mit seinem neuen Alltag ohne Joanna arrangiert. Mit Carols und Taylors Unterstützung hatte sich ein halbwegs normaler Tagesablauf eingespielt. Bereits am frühen Morgen fuhr Taylor zusammen mit Carol und der kleinen Alicia auf die Farm hinaus. Während die Männer auf den Feldern arbeiteten, versorgte Carol die beiden Kinder, kochte und kümmerte sich um den Haushalt. Abends übernahm Jake dann wieder die Betreuung von Benjamin, badete, wickelte und fütterte ihn.
Oft saß er mit ihm in dem Schaukelstuhl im Kinderzimmer, sang ihm leise etwas vor oder wiegte ihn einfach nur in seinen Armen hin und her. Er liebte seinen Sohn über alles und war fest entschlossen, ihn nicht unter der Situation leiden zu lassen. Jede freie Minute verbrachte er mit ihm, ließ sich von Carol Tipps und Hilfestellung geben und gab sich redlich Mühe, es dem Kleinen an nichts fehlen zu lassen.
Doch obwohl er seine ganze Aufmerksamkeit auf Benjamin richtete, konnte er den bohrenden Schmerz in seinem Inneren nicht verdrängen. Nach wie vor war er nicht bereit, auch nur ein Wort über Joanna zu sprechen, er benahm sich, als hätte es sie nie gegeben.
»Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn«, sagte Carol eines Morgens leise zu Taylor und warf einen bedeutsamen Blick auf Jake.
Dieser saß mit Benjamin im Schaukelstuhl im Kinderzimmer und fütterte ihn. Er sah erbarmungswürdig aus, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, hatten jeglichen Glanz verloren, waren umgeben von dunklen Rändern. Seine Wangen waren eingefallen, die Knochen traten deutlich hervor, genau wie am Rest seines Körpers, der ausgemergelt wirkte. Als er jetzt aufstand, um Benjamin zu wickeln, sah man seine Jeans um die Beine schlackern, als wäre sie mindestens drei Nummern zu groß. Seine Haltung war gebeugt wie die eines alten Mannes.
»Taylor, bitte rede du doch noch mal mit ihm«, drängte Carol. »Wenn er so weitermacht, wird er sich ins Grab bringen.«
»Er wird sich wieder fangen, allein schon wegen Benjamin«, versuchte Taylor sie zu beschwichtigen. »Er braucht nur ein bisschen Zeit.«
Trotzdem probierte er sein Glück, als Jake kurz darauf ins Wohnzimmer kam.
»Jake, ich weiß, dass du nicht darüber sprechen willst«, begann er vorsichtig, »aber du solltest dir doch noch einmal überlegen, ob du nicht nach Joanna suchen willst.«
Sofort machte Jake eine abwehrende Handbewegung. »Da gibt es nichts zu überlegen. Sie ist gegangen, basta.«
»Wenn du mir wenigstens mal zuhören würdest«, mischte Carol sich jetzt flehentlich ein. »Ich bin mir sicher, dass sie dich und Benjamin niemals im Stich gelassen hätte, nicht freiwillig.«
»Ich weiß, dass du es gut meinst, aber ich will davon nichts mehr hören.«
»Jake, bitte, du musst etwas tun …«
»Hör zu, ich bin dir wirklich dankbar, dass du dich um Benjamin kümmerst, doch das gibt dir nicht das Recht, dich in meine Angelegenheiten einzumischen«, fuhr Jake sie an. Sekunden später schaute er sie zerknirscht an. »Tut mir leid, ich wollte dich nicht anschnauzen.«
»Schon gut.« Sie ging zu ihm und legte ihm tröstend die Hand auf den Arm. »Es ist nicht leicht für dich, ich kann verstehen, dass du verletzt und enttäuscht bist. Aber bitte tu mir den Gefallen und denk wenigstens noch einmal in Ruhe über alles nach.«
»Jaja«, sagte er und machte eine gleichgültige Handbewegung, »ich denke darüber nach.«

Langsam rollte die schwarze Limousine auf das Herrenhaus von Magnolia Haven zu und kam vor dem Eingang zum Stillstand. George sprang heraus, lief um den Wagen herum und öffnete beflissen die hintere Tür.
Samuel Prescott stieg aus und ließ seinen Blick über die Fassade des Hauses gleiten, seine Augen funkelten. »Es ist schön, wieder daheim zu sein.«
»Ja Sir, wir freuen uns auch alle, dass Sie zurück sind«, nickte George und meinte das vollkommen aufrichtig.
Alle Bediensteten hatten sowohl Samuel als auch Jake sehr gerne gemocht, und waren mit Toms Regiment überhaupt nicht zufrieden. Zwar hätte keiner von ihnen je gewagt, auch nur einen Ton darüber verlauten zu lassen, aber sie waren sich alle einig, dass es gut war, dass der ‚alte Mr. Prescott‘ wieder da war.
Während George das Gepäck auslud, betrat Samuel das Haus und begab sich ohne Zögern ins Arbeitszimmer. Dort nahm er sich die Hauptbücher aus dem Schrank, setzte sich damit an den Schreibtisch und vertiefte sich darin. Es dauerte nicht lange, bis er sich einen ersten Überblick verschafft hatte, und nachdem er noch einen Anruf bei der Bank getätigt hatte, hatten sich seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt.
Zornig sprang er auf und lief mit großen Schritten auf und ab, fragte sich, wie es nur so weit hatte kommen können. Er mahnte sich zur Ruhe, er wusste, dass er jede Aufregung vermeiden sollte. Doch es fiel ihm schwer sich zu beherrschen, angesichts der Tatsache, dass Magnolia Haven kurz vor dem Ruin stand.
Mitten in diese sorgenschweren Gedanken platzte Tom herein.
»Vater«, entfuhr es ihm überrascht, »was machst du denn hier? Ich wusste ja gar nicht, dass du wieder gesund bist.«
Samuel drehte sich wie von der Tarantel gestochen herum und blitzte seinen Sohn an. »Nun, wenn du dir die Mühe gemacht hättest, mich gelegentlich zu besuchen, hättest du es wohl erfahren«, sagte er gedehnt, und bemühte sich, ruhig zu bleiben.
Tom schaute schuldbewusst auf die Bücher, die aufgeschlagen auf dem Schreibtisch lagen, und Samuel, der seinem Blick gefolgt war, fuhr fort: »Ich nehme an, dass das«, er deutete auf den Tisch, »der Grund dafür war, dass du dich nicht hast blicken lassen.«
»Vater, ich …«
»Spar dir deine Erklärungen, ich bin im Bilde. Da die Bücher jedoch äußerst schlampig geführt sind, kann ich nur hoffen, dass der Schaden, den du angerichtet hast, nicht ganz so groß ist, wie der erste Eindruck es vermuten lässt.«
»Es tut mir leid, ich habe mir wirklich die größte Mühe gegeben«, versuchte Tom sich zu rechtfertigen. »Jake ist einfach abgehauen, und du weißt, dass ich nie die Gelegenheit hatte, mich in alles einzuarbeiten. Ich stand von einem Tag auf den anderen alleine da und musste sehen, wie ich zurechtkomme.«
Samuel verzog spöttisch das Gesicht. »Ach, und deswegen warst du wohl auch gezwungen, eine Hypothek auf Magnolia Haven aufzunehmen, ja?«
»Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte«, murmelte Tom unbehaglich, und das war nicht einmal gelogen.
Er hatte das Geld gebraucht, um seine ganzen Spielschulden zu bezahlen, die er bei diversen Gläubigern angehäuft hatte. Immer wieder hatte er versucht, durch neue Spiele und Wetten etwas hereinzuholen, doch der Berg an Verbindlichkeiten war immer weiter angewachsen. Als ihm die Bank den Dispositionskredit nicht mehr erhöhen wollte, war ihm nichts anderes übrig geblieben, als Magnolia Haven zu verpfänden.
»Du sagtest, Jake ist abgehauen – wo ist er?«, fragte Sanuel jetzt, und ließ sich mit keinem Wimpernschlag anmerken, dass er über den Verbleib seines jüngsten Sohnes bereits im Bilde war.
Tom zuckte mit den Achseln. »Was weiß ich. Er ist mit einem Weibsbild durchgebrannt, das zuerst als Michaels Kindermädchen und später in der Firma gearbeitet hat. Von einem Tag auf den anderen hat er mich hier mit allem sitzen lassen, er hat mir Vollmachten ausgestellt und sich aus dem Staub gemacht.«
Lauernd beobachtete er die Reaktion seines Vaters, und obwohl dieser ahnte, dass es nicht ganz so gewesen sein konnte, ließ er sich seinen Zweifel nicht anmerken.
»Also schön«, nickte er nach einer Weile, »das wäre zunächst alles, lass mich bitte alleine.«
»Was … ich meine … wie geht es jetzt weiter?«, fragte Tom unsicher.
Samuel funkelte ihn an. »Das werde ich mir in Ruhe überlegen, sobald ich mir einen Überblick verschafft habe. Auf jeden Fall kannst du dir gewiss sein, dass deine Zeit in der Firma vorbei ist.«
Tom presste die Lippen zusammen. »Weißt du was?«, fuhr er seinen Vater zornig an, »Mach doch, was du willst. Ich werde bestimmt nicht warten, bis du in deiner unendlichen Selbstgerechtigkeit irgendeine Entscheidung getroffen hast. Renn hinter Jake her und kriech ihm in den Hintern, damit er zurückkommt, denn mich hast du heute hier zum letzten Mal gesehen.«

4

Direkt im Anschluss an das Gespräch mit seinem Vater ging Tom hinauf in sein Zimmer und packte seine Koffer. Es war besser, hier zu verschwinden, bevor das ganze Ausmaß seiner Aktivitäten ans Tageslicht kam.
Plötzlich stand Olivia in der Tür. »Willst du verreisen?«, fragte sie süffisant.
Wütend starrte Tom sie an. »Halt bloß den Mund.«
»Nun, vielleicht hättest du das Geld nicht so mit vollen Händen aus dem Fenster werfen sollen«, erwiderte sie ungerührt.
Blitzschnell streckte er den Arm über den Tisch und packte ihr Handgelenk.
»Du solltest nicht so schadenfroh sein«, zischte er, »vergiss nicht, dass dein Leben hier auch nur an einem seidenen Faden hängt, den ich jederzeit durchschneiden kann. – Ich werde mich jetzt erstmal absetzen, aber ich habe nicht die Absicht, das hier alles aufzugeben, nur damit das klar ist. Magnolia Haven steht mir zu, ich werde es bekommen, und du wirst mir dabei helfen.«
»Lass mich los«, verlangte sie, und versuchte, ihre Hand wegzuziehen, »du tust mir weh.«
»Ich werde dir noch viel mehr wehtun, wenn du nicht spurst«, drohte er. »Du wirst mit mir in Kontakt bleiben und mir alles berichten, was hier vor sich geht, verstanden?«
Olivia presste die Lippen zusammen und schwieg. Tom gab ihre Hand wieder frei und stand auf.
»Also meine Liebe, sieh zu, dass du das auf die Reihe bringst – andernfalls werde ich dafür sorgen, dass Jake und Vater erfahren, was du damals getan hast.«

Wenig später klopfte Olivia verhalten an die Tür des Arbeitszimmers. Auf Samuels »Herein« betrat sie den Raum und trat auf seinen Schreibtisch zu.
»Olivia, was kann ich für dich tun?«, fragte er und deutete auf die Couch. »Setz dich.«
Sie nahm Platz und verknotete nervös ihre Finger ineinander.
»Tom ist weg«, berichtete sie ihm. »Er hat seine Sachen gepackt, und so wie es aussieht, hat er wohl nicht die Absicht, zurückzukommen.«
»Ehrlich gesagt bin ich im Moment nicht allzu böse darüber. Er hat nahezu unser gesamtes Vermögen verprasst, und er kann froh sein, dass ich ihn nicht rausgeworfen habe. Spätestens, wenn er Geld braucht, wird er wieder auftauchen, da bin ich mir sicher. Bist du deswegen zu mir gekommen?«
»Nicht nur, da ist noch etwas. Ich würde Michael gerne aus dem Internat holen.«
Samuel runzelte die Stirn. »Wieso habt ihr den Jungen eigentlich dorthin geschickt?«
»Nun, es gab da so einen kleinen Zwischenfall«, erklärte sie zögernd.
»Zwischenfall?«, hakte Samuel nach.
Zufrieden stellte Olivia fest, dass Tom ihm offenbar nichts von dem Vorfall am Strand erzählt hatte, und beschloss kurzerhand, Michael als das Opfer darzustellen.
»Ja, in den Sommerferien. Tom und ich waren bereits wieder abgereist, und Michael war zusammen mit Jake und dieser … dieser Person noch dort im Strandhaus. Wir wissen natürlich nicht ganz genau, was vorgefallen ist, aber anscheinend hat dieses Mädchen versucht, Michael zu belästigen. Jake hat sie natürlich in Schutz genommen, und da er nicht damit einverstanden war, dass sie das Haus verlässt, hielt ich es für sinnvoll, Michael aus ihrer Reichweite zu bringen.«
Samuel hob überrascht die Augenbrauen, sagte jedoch nichts weiter, und so fuhr sie fort: »Wie auch immer, nachdem sie jetzt weg ist, wäre es wohl an der Zeit, dass er nach Hause kommt.«
»Ich halte das für keine gute Idee«, widersprach Samuel. »Du weißt so gut wie ich, dass das nicht der erste Zwischenfall war, und ich denke, Michael ist dort im Internat besser aufgehoben. – Sonst noch etwas?«
»Nein.« Olivia stand auf und ging zur Tür, drehte sich dort jedoch wieder um. »Doch, eine Frage noch: Was ist mit Jake? Wird er zurückkommen?«
»Ich wollte erst eine angemessene Zeit verstreichen lassen, bevor ich Kontakt zu ihm aufnehme«, erläuterte Samuel. »Aber ich glaube, jetzt, nachdem Tom weg ist, ist wohl der richtige Zeitpunkt gekommen.«

Jake hatte gerade Benjamin gefüttert und in seine Wiege gelegt, als es an die Tür klopfte. Mit müden Schritten schleppte er sich zur Tür und öffnete. Entgeistert riss er die Augen auf, als er Samuel dort stehen sah.
»Vater«, entfuhr es ihm überrascht, »was machst du denn hier?«
»Ich wollte dich sehen«, erklärte Samuel, und ließ sich nicht anmerken, wie sehr Jakes elendes Aussehen ihn erschreckte. »Darf ich reinkommen?«
»Ja, natürlich«, murmelte Jake und gab den Weg frei.
Samuel trat ein und sah sich um, drehte sich dann zu seinem Sohn um und betrachtete ihn.
»Du siehst nicht gut aus.«
Mit einer abwehrenden Handbewegung fegte Jake das Thema vom Tisch. »Wie geht es dir, Vater? Ich habe regelmäßig mit Phillip gesprochen, und er hat mir berichtet, dass du auf dem Weg der Besserung bist. Dass du allerdings inzwischen entlassen wurdest, wusste ich nicht.«
»Nun, wie du siehst, bin ich wohlauf«, lächelte Samuel. »Bis auf ein paar kleine Nachwirkungen habe ich wohl Glück gehabt.«
»Ich bin froh darüber«, sagte Jake aufrichtig.
»Was machst du hier?«, wollte Samuel wissen. »Baumwolle anbauen?«
Jake nickte. »Ja. Eine spezielle Sorte, Storm-proof-cotton.«
»Scheint nicht sehr lukrativ zu sein«, kommentierte sein Vater und ließ seinen Blick bedeutungsvoll durch den Raum schweifen.
»Es reicht aus.«
»Warum hast du Magnolia Haven verlassen?« Prüfend schaute Samuel seinen Sohn an.
Sofort verdüsterte sich dessen Miene. »Das ist eine lange Geschichte«, wich er einer direkten Antwort aus.
Er war nicht bereit, über irgendetwas zu sprechen, was auch nur annähernd mit Joanna zu tun hatte. Außerdem hatte Tom seinem Vater sicherlich irgendein Märchen aufgetischt, und er hatte keine Lust, verdrehte Tatsachen richtigzustellen, es war jetzt sowieso alles egal.
»Ich möchte, dass du zurückkommst, Jake«, erklärte Samuel eindringlich. »Magnolia Haven ist in ernsten Schwierigkeiten, Tom hat es ziemlich heruntergewirtschaftet, und ich brauche deine Hilfe.« Jake schwieg, und er fuhr fort: »Es ist dein Zuhause, es wird eines Tages dir gehören und du solltest dort sein bei deiner Familie, und nicht alleine in dieser ärmlichen Hütte hier.«
»Ich bin nicht alleine«, murmelte Jake. »Ich habe einen Sohn.«
Samuel tat überrascht. »Einen Sohn?«, wiederholte er staunend. »Das nenne ich doch mal eine gute Nachricht. Wo ist er?«
Mit einer Kopfbewegung, die seinem Vater bedeutete, ihm zu folgen, ging Jake ins Kinderzimmer und zeigte auf die Wiege. »Das ist Benjamin.«
Leise trat Samuel heran und betrachtete gerührt das kleine Wesen, welches unter einer bunten Decke lag und selig schlummerte. Liebevoll strich er ihm über den Kopf und schaute Jake an.
»Umso mehr ein Grund für dich, nach Hause zu kommen, Jake«, betonte er. »Dein Sohn wird dort alles haben, was er braucht. Du willst ihm doch sicher mehr bieten als das hier.«
Schweigend drehte Jake sich um und ging zurück ins Wohnzimmer, lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen eine Kommode.
»Er bekommt hier alles, was nötig ist, es fehlt ihm an nichts.«
»Das mag im Augenblick noch so sein, aber was ist, wenn er älter wird? Willst du ihm seine Zukunft verbauen?« Samuel machte eine kleine Pause und fügte hinzu: »Sei nicht töricht Jake. Du weißt so gut wie ich, dass der Baumwollmarkt stark umkämpft ist. Vielleicht hast du im Moment dein Auskommen, doch mehr als das hier wirst du nicht erreichen, egal wie hart du arbeitest. Warum willst du deine Energie für etwas verschwenden, was aussichtslos ist, wenn du auf Magnolia Haven alles hast? Ich weiß nicht, was zwischen Tom und dir vorgefallen ist, aber er ist weg, es steht deiner Heimkehr also nichts im Wege. Deine Frau ist natürlich ebenfalls willkommen – wo ist sie eigentlich? Ich würde sie gerne kennenlernen.«
Jake zuckte zusammen. »Es gibt keine Frau«, erwiderte er abweisend.
Aufmerksam betrachtete Samuel das Gesicht seines Sohnes. Der Schmerz war ihm deutlich anzusehen, offenbar hatte Jake dieses Mädchen wirklich geliebt. Erneut bedauerte er, dass er dazu gezwungen gewesen war, diese Beziehung zu beenden, aber es war das Beste so.
»Ein Grund mehr, nach Magnolia Haven zu kommen«, sagte er leise. »Dein Sohn braucht eine Familie und ich würde mich freuen, wenn ich mich um meinen Enkel kümmern kann.« Er ging zur Tür. »Ich will dich nicht drängen Junge. Denk noch einmal in Ruhe darüber nach, und wenn du dich dafür entscheidest, bist du jederzeit willkommen.«
Jake schaute ihn abwesend an. »In Ordnung Vater«, nickte er kaum merklich, »ich werde es mir überlegen.«

Joanna arbeitete wie eine Besessene. Zusätzlich zu ihrem Job in der Bar hatte sie wieder angefangen zu nähen. Sie hatte sich eine alte, gebrauchte Nähmaschine gekauft, und zunächst nur ein paar Sachen für sich angefertigt. Die Kolleginnen in der Bar und viele von Brians Bekannten waren davon so begeistert gewesen, dass sie schnell auch für sie Kleidungsstücke anfertigen musste. Inzwischen hatten sich ihre Nähkünste herumgesprochen, und sie bekam jede Menge Aufträge.
In ihrem Zimmer sah es mittlerweile beinahe aus wie in einem richtigen Atelier, und Brian zog sie oft damit auf.
»Du wirst irgendwann eine zweite Coco Chanel werden, wenn du so weitermachst«, frotzelte er häufig, und so kam es, dass er und seine Freunde sie schließlich nur noch Coco riefen.
Joanna nahm es gelassen hin, sie kniete sich in ihre Arbeit, um sich zu betäuben und nicht ständig an Jake und Benjamin denken zu müssen.
Zusätzlich zur Ablenkung hatte die Näherei den angenehmen Nebeneffekt, dass sie ein bisschen Geld beiseitelegen konnte. Als sie genug angespart hatte, kaufte sie sich ein kleines, gebrauchtes Auto.
»Ich glaube, die Karre wird nur vom Rost zusammengehalten«, neckte Brian sie, als sie ihn das erste Mal voller Stolz durch die Stadt kutschierte.
»Egal«, erwiderte sie fröhlich, »alt, aber bezahlt.«
Die Beziehung zu Brian war inzwischen sehr innig geworden, und Joanna spürte, dass er mehr für sie empfand als nur Freundschaft. Zu ihrem neunzehnten Geburtstag hatte er ihr ein Handy geschenkt, da sie ihr anderes in Texas zurückgelassen hatte. »Damit ich dich erreichen kann, wenn ich Sehnsucht nach dir habe«, hatte er bedeutungsvoll gesagt, und ihr war klar geworden, dass er Gefühle für sie hatte. Doch sie hatte ihn nicht im Unklaren darüber gelassen, dass ihr Herz immer noch Jake gehörte, und zu ihrer Erleichterung respektierte er das.
Er benahm sich zurückhaltend und kameradschaftlich, und sie war froh darüber, weitere Komplikationen konnte sie in ihrem Leben nicht gebrauchen.
Alles in allem ging es ihr gut, und sie wäre sicher zufrieden gewesen, wenn da nicht die langen, einsamen Nächte gewesen wären, in denen sie in ihrem Bett lag und sich die Augen aus dem Kopf weinte. Sie vermisste Benjamin, und sie sehnte sich nach Jake, und sie hätte alles dafür gegeben, in seinen Armen liegen zu können.
Doch sie war nach wie vor davon überzeugt, dass ihre Entscheidung richtig gewesen war, dass es das Beste war, was sie für Jake und ihren Sohn hatte tun können.

5

Der Abschied von Carol und Taylor war Jake schwergefallen, doch er wusste, dass sein Vater recht hatte, sein Platz war auf Magnolia Haven, vor allem jetzt, nachdem Joanna nicht mehr da war. Er hatte Taylor die Leitung der Farm übergeben, mit der Option, dass dieser alle Einnahmen aus den Baumwollverkäufen für sich behalten dürfe. Taylor hatte ihm versprochen, sich darum zu kümmern, bis er zurückkäme, aber Jake rechnete nicht damit, dass das jemals der Fall sein würde.
Als Jake am späten Abend die Allee entlangfuhr, die auf das Herrenhaus von Magnolia Haven zuführte, war sein Hals plötzlich wie zugeschnürt. Erinnerungen prasselten auf ihn herein, und er wünschte, er würde unter anderen, glücklicheren Umständen hierher zurückkehren.
Vor dem Eingang stellte er seinen Jeep ab, nahm den Kindersitz mit Benjamin heraus und ging ins Haus. Drinnen war es totenstill, und als er nach einem kurzen Blick ins Esszimmer und Wohnzimmer niemanden fand, lief er hinüber in die Küche. Es war bald Zeit für Benjamins nächste Mahlzeit und er musste seinen Brei zubereiten.
Als er den Raum betrat, stand Belinda, die Köchin, am Herd und rührte in einem Topf herum, am Küchentisch saß Martha und schnippelte Gemüse.
Als sie ihn sahen, ließen sie beide alles fallen und sprangen erfreut auf ihn zu.
»Mr. Prescott, wie schön, dass Sie wieder hier sind«, riefen sie wie aus einem Mund und stürzten sich dann voller Begeisterung auf Benjamin.
»Ist der süß«, sagte Martha und hob ihn sogleich aus seinem Sitz. »Komm her kleiner Mann, ich ziehe dir erstmal die Jacke aus.«
Ein winziges Lächeln spielte um Jakes Mundwinkel. »Er heißt Benjamin. Ich müsste seinen Brei kochen, er wird bald Hunger bekommen«, erklärte er.
»Das mache ich schon«, nickte Belinda und nahm ihm die Tasche aus der Hand.
Wenig später saß Jake am Tisch, fütterte Benjamin, und die beiden Frauen sahen ihm dabei zu und konnten sich kaum zurückhalten vor lauter Entzücken.
»Soll George eines der Zimmer als Kinderzimmer herrichten?«, fragte Belinda dann.
Jake schüttelte den Kopf. »Das hat Zeit, Benjamin wird zunächst bei mir im Schlafzimmer bleiben. George könnte allerdings mein altes Kinderbett vom Dachboden holen.«
»Natürlich.«
Belinda eilte davon, und Martha und Jake blieben in der Küche zurück.
»Mr. Prescott«, sagte Martha nach einer Weile zögernd, »ich weiß, dass mich das eigentlich nichts angeht, aber … Benjamins Mutter … ist sie auch da?«
Jake schaute sie einen Moment eindringlich an. »Nein«, erklärte er dann, »Benjamin und ich sind alleine.«
»Oh.« Martha war sichtlich unangenehm berührt. »Also … also wenn Sie möchten, könnte ich mich um Benjamin kümmern, wenn Sie anderweitig beschäftigt sind. Sie werden doch bestimmt wieder die Leitung der Geschäfte übernehmen?«
Jake zuckte mit den Achseln. »Das muss ich erst mit meinem Vater besprechen. – Ist er eigentlich da?«
»Nein, im Moment nicht, er ist noch in Memphis in der Firma. Nur Mrs. Prescott ist im Haus.«
»Aha«, war Jakes sparsame Antwort.
Nachdem Benjamin seinen Brei gegessen hatte, stand Jake auf. »Ich bringe ihn nach oben, bitte sorgen Sie dafür, dass mein Gepäck auf mein Zimmer gebracht wird.«
Mit Benjamin auf dem Arm stieg er die Treppe in den ersten Stock hinauf und betrat sein Schlafzimmer. Der Anblick des Bettes ließ ihn zusammenzucken, er dachte daran, wie er mit Joanna daringelegen hatte, wie sie sich im Arm gehalten und Pläne für ihre gemeinsame Zukunft gemacht hatten.
»Jo«, schoss es ihm voller Schmerz durch den Kopf, »Jo, warum hast du mir das angetan?«

»Jake.« Mit einem freudigen Aufschrei stürmte Olivia in Jakes Schlafzimmer. »Du bist zurück – endlich. Ich habe dich ja so vermisst.«
»Pst«, er hob den Zeigefinger an die Lippen und deutete auf die Wiege, in der Benjamin lag, »er ist gerade eingeschlafen.«
Sie warf einen kurzen Blick auf das Baby und versuchte krampfhaft, sich ihre Abneigung nicht anmerken zu lassen.
»Himmel, ich hatte ja gar keine Ahnung. Als Tom mir erzählt hat, dass du Vater wirst, konnte ich es kaum glauben«, erklärte sie mit gespielter Begeisterung. »Und er ist so niedlich, er sieht genau aus wie du.«
Jake runzelte die Stirn. »So, Tom hat dir also berichtet, dass ich Vater werde – was hat er dir denn noch gesagt?«
»Nun«, sie zögerte einen Moment, »wenn ich ihn richtig verstanden habe, bist du angeblich mit Joanna weggegangen.« Als sie seinen durchdringenden Blick bemerkte, fügte sie rasch hinzu: »Keine Angst Jake, von mir wird niemand etwas darüber erfahren. Ich kann das zwar nicht unbedingt gutheißen, aber ich verurteile dich natürlich auch nicht dafür. Wo ist sie denn eigentlich?«
»Nicht mehr da«, knurrte Jake, und Olivia hatte alle Mühe, ihre Freude nicht zu deutlich zu zeigen.
»Ach Jake, das tut mir wirklich leid für dich«, betonte sie und legte ihm mitfühlend eine Hand auf den Arm. »Vielleicht ist es ganz gut so, auf Dauer wärst du doch mit dieser Beziehung nicht glücklich geworden.«
»Ich glaube nicht, dass du das beurteilen kannst«, erwiderte er finster.
»Nein, sicher nicht«, beschwichtigte sie ihn rasch, »auf keinen Fall. Aber wie auch immer, ich bin froh, dass du zurück bist, und ich werde für dich und deinen kleinen Sohn da sein.«

Nach und nach nahm das Leben auf Magnolia Haven für Jake einen festen Rhythmus an. Samuel hatte die Leitung der Firma wieder in seine Hände gelegt, und er arbeitete wie ein Besessener, um das auszumerzen, was Tom mit seiner Verschwendungssucht angerichtet hatte. Ununterbrochen saß er im Arbeitszimmer, brütete über Unterlagen, führte Telefonate und knüpfte neue Geschäftskontakte. Er war froh darüber, dass er so viel zu tun hatte, betäubte die Arbeit doch ein wenig den Schmerz, der immer noch in seinem Inneren wütete.
Genau wie auf der Farm erinnerte alles hier ihn an Joanna, daran, wie es begonnen hatte. Deutlich sah er vor sich, wie sie an jenem Morgen im Esszimmer das erste Mal vor ihm gestanden hatte. Er sah sie im Abendkleid die Treppe herunterkommen, wunderschön und verführerisch. Er dachte daran, wie sie in der Bibliothek zusammen getanzt hatten, wie weich und anschmiegsam sie in seinen Armen gelegen hatte. Jede Faser seines Körpers schrie nach ihr und er fragte sich, ob diese qualvolle Sehnsucht jemals nachlassen würde.
Lediglich wenn er sich mit seinem Sohn beschäftigte, fühlte er sich ein wenig gelöster. Obwohl Benjamin genauso ein Teil von Joanna war wie von ihm, überwog die Liebe, die er für ihn empfand, doch alles andere. Er genoss es, Benjamin in seinen Armen zu halten, mit ihm zu spielen und ihn zum Lachen zu bringen. In diesen Momenten war er glücklich, und konnte für kurze Zeit seinen Kummer vergessen.
Wenn Jake arbeitete, kümmerte Martha sich aufopfernd um den Kleinen, und auch Olivia gab sich nach außen den Anschein, als läge das Kind ihr am Herzen.
Sie wusste, dass Benjamin der Schlüssel zu Jake war, also spielte sie mit ihm und fuhr ihn in seinem Kinderwagen spazieren, während sie nach einem Weg suchte, Jake endgültig für sich zu gewinnen.
Eines Nachmittags betrat Olivia nach kurzem Anklopfen das Zimmer ihres Schwiegervaters.
»Vater, ich muss mit dir sprechen, es ist dringend.«
»Was ist los?«, fragte er, während er die Zeitung zusammenfaltete, in der er gelesen hatte.
Sie setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel und schaute ihn eindringlich an. »Es geht um Jake«, begann sie vorsichtig. »Ich mache mir Sorgen. Ich wurde in den letzten Tagen mehrmals von Bekannten auf Benjamin angesprochen. Es gibt Gerede, alle fragen nach seiner Mutter und allerlei Gerüchte machen die Runde.«
»Davon habe ich noch nichts gehört«, erklärte Samuel ruhig. »Zu mir hat niemand etwas gesagt.«
Olivia seufzte. »Natürlich nicht, dafür haben die Leute viel zu viel Respekt vor dir, das würden sie auch nie tun. Aber hinter deinem Rücken wird geklatscht, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis man den näheren Umständen auf die Spur kommt.«
»Und was schlägst du vor?«
»Nun«, sagte sie zögernd. »Vielleicht wäre es gut, wenn … wenn Jake heiraten würde.«
Überrascht hob Samuel die Augenbrauen. »Heiraten«, wiederholte er gedehnt.
»Ja, ich denke, das wäre die beste Lösung. Wenn er heiratet und erklärt, dass seine Frau die Mutter von Benjamin ist, würde das sämtlichen Spekulationen die Grundlage entziehen.«
»Soso«, ein kleines Lächeln spielte um Samuels Mundwinkel, »und ich nehme an, du hast dir auch schon Gedanken darüber gemacht, wen er heiraten könnte, oder? Immerhin dürfte es nicht so leicht sein, eine Frau zu finden, die damit einverstanden wäre, sich als Benjamins Mutter auszugeben.«
Verlegen wich Olivia dem durchdringenden Blick ihres Schwiegervaters aus.
»Naja, also ehrlich gesagt – ich wäre dazu bereit«, erklärte sie mit rotem Kopf und fügte hastig hinzu: »Ich mag Jake, und es wäre wirklich das Beste für ihn und Benjamin, ich würde mich gut um die beiden kümmern.«
»Und jetzt erwartest du von mir, dass ich Jake diesen Vorschlag unterbreite?«
Sie nickte. »Ja. Es würde wohl ein bisschen seltsam aussehen, wenn ich ihm einen Antrag mache.«
Samuel stand auf, lief ein paar Mal nachdenklich auf und ab, blieb stehen und schaute aus dem Fenster in den Garten, wo Jake auf einer Decke auf der Wiese saß und mit Benjamin spielte.
»Gut«, sagte er nach einer Weile, »ich werde mit ihm sprechen.«

Noch am gleichen Abend bat Samuel Jake zu einem Gespräch ins Arbeitszimmer.
»Setz dich Junge, wir müssen uns unterhalten.«
Jake nahm auf der Couch Platz und schaute seinen Vater aufmerksam an. Aus seinem Tonfall hatte er bereits entnehmen können, dass es sich nicht unbedingt um etwas Angenehmes handeln würde, und er war gespannt, worum es ging.
»Du weißt, dass ich mich normalerweise nicht in dein Privatleben einmische«, kam Samuel ohne Umschweife zum Thema. »Dennoch muss ich es in diesem Fall tun. Du hast mir nie von Benjamins Mutter erzählt, aber anscheinend gibt es andere Leute, die da besser informiert sind als ich.«
Sofort verschloss sich Jakes Miene. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, knurrte er abweisend.
»Nun, dann muss ich wohl etwas deutlicher werden. Es wird hinter unserem Rücken geredet, und zwar nichts Gutes. Man munkelt, Benjamins Mutter wäre noch minderjährig gewesen, als du sie … als du mit ihr zusammen warst.«
»Es ist mir egal, was die Leute sagen«, betonte Jake schroff.
»Mir aber nicht«, gab sein Vater scharf zurück. »Unsere Familie genießt einen tadellosen Ruf, und ich wünsche, dass das so bleibt. Gerade in unserer jetzigen finanziellen Situation können wir es uns nicht leisten, dass man dich solcher Dinge bezichtigt. Niemand würde mehr Geschäfte mit uns machen wollen, und das wäre fatal. Außerdem möchte ich gar nicht daran denken, was passieren würde, wenn solche Vorwürfe laut erhoben werden.«
»Und was schlägst du vor?«
»Du musst heiraten.«
»Heiraten?« Jake lachte spöttisch auf. »Auf gar keinen Fall. Oder willst du mich wieder zwingen, so wie damals?«
»Jake, sei doch vernünftig. Das ist der einzige Weg, wie wir diese Gerüchte ohne großes Aufsehen aus der Welt schaffen können. Du heiratest, und wir geben deine Frau offiziell als Benjamins Mutter aus.«
Jake presste die Lippen zusammen. »Und ich vermute, du hast auch bereits eine geeignete Kandidatin im Auge, ja? Wer ist es? Deborah, die Tochter deines alten Studienfreundes, die er seit Jahren unter die Haube bringen will? Oder Bridget Gainsborough, die schon mit jedem Kerl im Shelby County im Bett war?«
»Olivia.«
»Was?« Entgeistert sprang Jake auf und hob abwehrend die Hände. »Oh nein Vater, vergiss es.«
Gebieterisch hob Samuel die Hand. »Du solltest in Ruhe darüber nachdenken, es ist das Beste für dich und Benjamin. Oder möchtest du riskieren, dass man dich wegen dieser Sache unter Umständen ins Gefängnis bringt und dein Sohn nicht nur ohne Mutter, sondern auch noch ohne Vater aufwachsen muss?«
»Ausgerechnet Olivia«, zischte Jake verächtlich. »Sie ist kalt und berechnend – was verlangt sie denn dafür?«
»Du tust ihr Unrecht«, versuchte Samuel ihn zu beruhigen. »Sie hat Benjamin sehr ins Herz geschlossen, und sie hat dich ebenfalls gern, ich bin mir sicher, dass sie dir eine gute Frau sein würde. Ich weiß, dass das jetzt sehr überraschend für dich kommt, aber lass es dir bitte durch den Kopf gehen – Benjamin braucht auch eine Mutter.«
Mit großen Schritten stürmte Jake zur Tür. »Ich will nichts mehr davon hören«, presste er zornig heraus, »Benjamin hat eine Mutter.«

6

Zehn Minuten später saß Jake auf seinem Pferd und preschte voller Wut zwischen den Baumwollfeldern entlang. Unbewusst schlug er dabei den Weg ein, der in Richtung des alten Schuppens führte. Als er bei den verkohlten Überresten angelangt war, war sein Ärger verflogen und eine tiefe Traurigkeit breitete sich in ihm aus.
Er stieg ab und lief die wenigen Schritte zum Mississippi hinunter, setzte sich dort am Ufer ins Gras und betrachtete das Mondlicht, das sich silbrig auf dem Wasser brach.
Mit den Fingern zupfte er an einem Grashalm und dachte nach. Im Prinzip wusste er, dass sein Vater recht hatte. Die Sache mit Joannas Alter schwebte immer noch wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt, und sollte es zu einer Anzeige und Verurteilung kommen, wäre Benjamin ganz allein. Außerdem wäre es für Benjamin gut, nicht nur ein Elternteil zu haben. Er war selbst ohne Mutter aufgewachsen, sie war gestorben, als er noch klein gewesen war. Ihm hatte stets etwas gefehlt, sein Vater hatte die Wärme und Herzlichkeit nicht ersetzen können, nach der er sich gesehnt hatte. Joanna hatte ihm all die Liebe und Zärtlichkeit gegeben, die er in seiner Kindheit vermisst hatte, und sie hätte sie auch Benjamin geben können; der Gedanke, dass ausgerechnet Olivia mit ihrer Gefühlskälte für seinen Sohn sorgen sollte, ließ ihn schaudern.
Natürlich war ihm schon des Öfteren aufgefallen, dass sie ihn mochte, doch er war nie darauf eingegangen. Zum einen war sie die Frau seines verstorbenen Bruders, zum anderen hatte er keinerlei Gefühle für sie. Dass sie jetzt offenbar einverstanden war, ihn zu heiraten und sich als Benjamins Mutter auszugeben, um ihn zu schützen, machte die Sache nicht unbedingt besser.
Er hatte keine Ahnung, was sie von ihm erwartete, auf keinen Fall war er dazu bereit, eine normale Ehe mit ihr zu führen. Wenn er sich dafür entscheiden sollte, musste das von Anfang an klargestellt werden. Es würde für ihn nie mehr eine andere Frau außer Joanna geben, sie war das Beste gewesen, was er je hätte haben können.
»Joanna«, dachte er unglücklich, »warum hast du mich alleine gelassen?«

Am anderen Morgen nach dem Frühstück packte Jake Benjamin in seinen Jeep und fuhr mit ihm nach Memphis. Dort stellte er seinen Wagen vor einem dreistöckigen Bürogebäude ab und betrat wenig später die Kanzlei von Phillip Carlisle.
Im gleichen Augenblick kam Phillip aus seinem Büro.
»Jake«, rief er erfreut aus, »Was machst du denn hier?«
Dann entdeckte er den Kindersitz mit dem Baby darin und beugte sich darüber.
»Das ist also das kleine Meisterstück, von dem du mir am Telefon berichtet hast?«
Jake lächelte. »Darf ich vorstellen? Benjamin Prescott, mein Sohn.«
»Das ist ja nicht zu fassen«, lachte Phillip und strich Benjamin über den Kopf. »Was für ein Prachtkerl – aber das ist ja auch kein Wunder, bei den Eltern.«
Das Lächeln verschwand aus Jakes Gesicht. »Hast du einen Moment für mich Zeit?«
Phillip warf ihm einen prüfenden Blick zu und nickte. »Klar, für dich doch immer. Mein nächster Termin ist erst um elf, wir können uns also in Ruhe unterhalten.« Nachdem er bei seiner Sekretärin zwei Tassen Kaffee geordert hatte, schob er Jake in sein Büro.
»Setz dich und schieß los. Was kann ich für dich tun?«
Jake zuckte mit den Achseln. »Das weiß ich noch nicht so genau, ich brauche deinen Rat.«
Auffordernd schaute Phillip ihn an, und Jake schilderte ihm kurz, was sich in den vergangenen Wochen ereignet hatte.
»Deswegen bist du wieder zurück, ich habe mich schon gewundert. Als wir das letzte Mal telefoniert haben, hast du dich so glücklich angehört.«
»Das war ich zu diesem Zeitpunkt auch noch«, erklärte Jake mit düsterer Miene. »Die Farm lief gut, Joanna und Benjamin waren wohlauf und wir wollten heiraten – dann ist sie abgehauen und hat mich sitzengelassen.«
Phillip schüttelte den Kopf. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie hat dich geliebt, das konnte doch ein Blinder sehen. Ich glaube nicht, dass sie einfach so weggegangen ist.«
Wortlos nahm Jake Joannas Brief aus der Hemdtasche und reichte ihn dem Freund. Phillip faltete das vom vielen Lesen inzwischen recht zerknitterte Papier auseinander und überflog es.
»Das heißt gar nichts«, betonte er und gab es Jake zurück, »Hast du mit ihr gesprochen?«
»Nein, ich weiß ja nicht einmal, wo sie ist.«
»Und du hast auch nicht nach ihr gesucht?«
»Nein. Nach diesem Abschiedsbrief hatte ich ja wohl keinen Grund dazu«, erklärte Jake bitter.
Phillip seufzte. »Jake, du bist doch sonst niemand, der so schnell aufgibt. Wieso lässt du dich von so ein paar Worten ins Bockshorn jagen? Du hast so viel auf dich genommen, hast Kopf und Kragen riskiert, um mit ihr zusammen zu sein – soll das denn alles umsonst gewesen sein? Ich bin mir sicher, dass an diesem Schreiben irgendetwas faul ist.«
Als Jake keine Antwort gab, sondern nur trübsinnig in seinen Kaffeebecher starrte, fügte er hinzu: »Jake, du spielst mit dem Gedanken, eine andere Frau zu heiraten, die eine Mutter für Benjamin werden soll – denkst du nicht, du solltest dich vorher mit Joanna unterhalten? Ich kenne einen zuverlässigen und diskreten Privatdetektiv, Arnold Miller, der für mich manchmal Ermittlungen durchführt. Ich könnte ihn beauftragen, sie zu finden.«
Eine Weile betrachtete Jake nachdenklich seinen Sohn, der seine kleinen Händchen nach den Spielzeugen ausstreckte, die über seinem Kindersitz angebracht waren, dann nickte er. »In Ordnung«, sagte er leise, »mach das.«

Ein paar Tage später rief Phillip Jake an und bat ihn, in die Kanzlei zu kommen. Er hatte sich am Telefon nicht äußern wollen, und so saß Jake jetzt unruhig in seinem Wagen und war unterwegs nach Memphis. Nachdem er den Jeep abgestellt und in den zweiten Stock hinaufgeeilt war, führte Phillips Sekretärin ihn sofort in das Büro des Freundes.
»Habt ihr sie gefunden?«, fragte Jake aufgeregt anstelle einer Begrüßung.
Phillip nickte. »Ja, das haben wir.«
»Und?«, bohrte Jake ungeduldig weiter, »Wo ist sie?«
»Es war nicht so einfach, sie zu finden«, wich Phillip einer direkten Antwort aus. »Ich habe vermutet, dass sie zu ihrer Mutter gegangen ist, nachdem sie dich verlassen hat. Also habe ich Miller auf das »Red Lantern« angesetzt. Dort haben wir herausgefunden, dass ihre Mutter nicht mehr am Leben ist.«
»Elisabeth ist tot?«, fragte Jake geschockt. »Bist du dir sicher?«
Phillip nickte. »Ja, es gibt keinen Zweifel. Miller hat mit einer der Frauen gesprochen, Elisabeth Shepherd ist an Magenkrebs gestorben, es muss kurz nach der Geburt eures Kindes gewesen sein. Sie hat ihm auch erzählt, dass Joanna da war, wie vermutet wollte sie zu ihrer Mutter. Allerdings hat sie nicht gesagt, was sie vorhat, aber wir konnten sie über die Sozialversicherungsnummer …«
»Phillip, das interessiert mich alles nicht«, knurrte Jake und riss ihm die Mappe, die er in der Hand hielt, weg. »Ich will wissen, wo sie ist.«
Bevor Phillip es verhindern konnte, blätterte er durch die Unterlagen und stieß auf ein paar Fotos. Er schluckte heftig, als er Joanna darauf erkannte – Joanna alleine, und Joanna mit einem jungen Mann. Die beiden liefen nebeneinander her, der Mann hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt, sie wirkten ziemlich vertraut. Auf einem anderen Foto saßen sie zusammen in einem Eiscafé, der Mann hatte sich zu Joanna gebeugt und schien ihr etwas zu erzählen. Sie lachte ihn an und sah völlig entspannt und glücklich aus. Es gab noch mehr davon, doch Jake wollte sie nicht sehen, schweigend legte er die Mappe auf den Tisch.
»Das war‘s dann wohl«, sagte er dumpf. »Sieht so aus, als hätte sie sich schnell getröstet.«
»Moment«, wollte Phillip ihn bremsen, »wir wissen ja gar nicht, ob es so ist, wie es aussieht. Der Mann heißt Brian Dartmoore, er studiert Medizin, und Joanna wohnt bei ihm. Seinem Vater gehört eine gutgehende Privatklinik in …«
»Wie schön für sie«, unterbrach Jake ihn bitter. »Offenbar hat sie sich jetzt den nächsten Trottel an Land gezogen, der sie aushält. Vermutlich ist sie deswegen weggegangen, weil ich ihr nichts mehr bieten konnte.«
»Jake …«
»Lass es, ich will nichts hören«, fiel er seinem Freund schneidend ins Wort. »Reden wir über den Ehevertrag.«
»Denk noch einmal in Ruhe darüber nach«, beschwor Phillip ihn. »Du weißt doch, was damals passiert ist.«
»Das ist lange her und spielt keine Rolle mehr. Wirst du nun diesen verdammten Vertrag aufsetzen, oder soll ich mir einen anderen Anwalt suchen?«

»Olivia, hast du vielleicht einen Moment Zeit für mich?«, bat Jake noch am gleichen Abend nach dem Essen.
Als sie nickte, forderte er sie auf, ihn ins Arbeitszimmer zu begleiten.
»Es geht um die Hochzeit«, kam er sogleich auf den Punkt, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. »Ich habe mich entschlossen, dein … dein Angebot anzunehmen.«
Olivias Augen blitzten freudig auf. »Jake, das freut mich wirklich sehr«, sagte sie leise.
»Es gibt da allerdings einige Bedingungen von meiner Seite«, sprach er ungerührt weiter.
»Sicher, was immer du willst.«
»Das Ganze wird eine reine Zweckehe sein, damit wir uns da richtig verstehen«, erklärte er. »Wir werden in der Öffentlichkeit als Paar auftreten, sofern es sich nicht vermeiden lässt, aber das wird alles sein, privat gehen wir jeder unserer Wege. Es wird kein gemeinsames Schlafzimmer geben, und auch sonst keinerlei Intimitäten zwischen uns.«
»Ja, natürlich«, murmelte sie, und versuchte krampfhaft, ihre Enttäuschung zu verbergen.
»Du wirst dich um Benjamin kümmern, und versuchen, ihm eine Mutter zu sein. Dafür bin ich bereit, dir monatlich eine größere Summe auf ein Konto zu zahlen, über das du frei verfügen kannst. Außerdem komme ich für Michaels Ausbildung auf, und er wird ebenfalls einen gewissen Betrag erhalten, sobald er volljährig ist, als kleines Startgeld sozusagen.«
»In Ordnung.«
»Weiterhin wirst du dich damit einverstanden erklären, dass du im Falle einer Scheidung keinerlei Rechte an Benjamin hast. Er ist mein Sohn, und er wird bei mir bleiben.«
»So weit wird es nicht kommen, Jake«, betonte sie leise.
»Trotzdem«, beharrte er, »ich hätte das gerne geregelt. Wir werden das Ganze schriftlich festhalten, damit es nicht irgendwann zu Missverständnissen kommt.«
Olivia biss sich auf die Lippe und nickte.
»Gut«, er schob ihr den Ehevertrag hin, den Phillip aufgesetzt hatte. »Bitte lies das durch und unterschreibe, wenn du einverstanden bist.«
Frustriert überflog Olivia das Dokument und überlegte, ob sie es wirklich unterzeichnen sollte. Zwar würde sie jetzt bekommen, was sie gewollt hatte, sie würde Jakes Frau werden, allerdings hatte sie sich das anders vorgestellt. Andererseits würde sich das alles vielleicht mit der Zeit geben. Wenn sie erst einmal verheiratet wären, könnte sie ihn sicher überzeugen, seine abweisende Haltung aufzugeben. Er war schließlich auch nur ein Mann, und kein Mann hielt es ewig ohne eine Frau in seinem Bett aus.
Entschlossen griff sie nach einem Stift und setzte ihren Namen auf das Blatt und auf die Kopie.
Jake reichte ihr einen der Verträge. »In Ordnung, dann lass uns über den Termin sprechen. Wenn es dir recht ist, können wir das am ersten Samstag im neuen Jahr erledigen, ich lege keinen Wert auf eine große Feier.«
»Ich weiß nicht, würde es denn nicht etwas merkwürdig aussehen, wenn wir so klammheimlich heiraten?«
Er zuckte mit den Achseln. »Kann sein, aber das ist mir egal. Ein Friedensrichter und zwei Trauzeugen reichen, warum sollten wir ein großes Aufheben darum machen?«

7

Die Hochzeit zwischen Jake und Olivia fand zwei Wochen später auf Magnolia Haven statt. Obwohl Jake ausdrücklich betont hatte, dass er eine Trauung im kleinen Kreis wünschte, hatte Olivia es sich in den Kopf gesetzt, etliche Freunde, Nachbarn und Bekannte einzuladen.
So waren im Wohnzimmer nun etwa dreißig Gäste versammelt, und Jake warf Olivia einen grimmigen Blick zu.
»Was soll das?«
»Ich dachte, es wäre so viel netter«, erklärte sie ihm, und fügte etwas leiser hinzu: »Jetzt schau nicht so böse, du willst doch nicht, dass jemand Verdacht schöpft, oder?«
Mühsam zwang Jake sich ein Lächeln ins Gesicht und trat zusammen mit ihr vor den Friedensrichter. Die Zeremonie war schnell vorüber, Samuel und eine Freundin von Olivia fungierten als Trauzeugen, und nach dem Ja-Wort rang Jake sich einen flüchtigen Kuss auf Olivias Wange ab.
Danach posierte er notgedrungen für ein paar gemeinsame Fotos, schnitt mit ihr die Hochzeitstorte an und sie eröffneten den Tanz. Anschließend zog er sich trotz ihrer Bitten sofort zurück.
»Ich habe dir gesagt, dass ich keine Lust auf dieses ganze Theater habe. Außerdem muss ich mich um Benjamin kümmern«, erklärte er abweisend und verschwand mit seinem Sohn auf dem Arm nach oben.
Er betrat das Kinderzimmer, spielte eine Weile mit Benjamin, fütterte ihn, machte ihn dann für die Nacht fertig und legte ihn in sein Bettchen.
Danach ging er hinüber in sein Schlafzimmer, stellte sich ans Fenster und schaute in den Garten hinaus. Draußen war es grau und trüb, die Dämmerung setzte bereits ein, ein leichter Nieselregen fiel, und das Wetter passte genau zu seiner Stimmung.
Er dachte an Joanna, an den Abend, als er ihr den Antrag gemacht hatte, und an die Pläne, die sie für ihre Hochzeit gehabt hatten. Bilder erschienen in seinem Kopf, er sah Joanna in einem weißen Kleid auf ihn zuschreiten. Ihre Augen strahlten ihn an, sie lächelte ihn liebevoll an, als sie deutlich »Ja, ich will«, sagte. Sie streiften sich gegenseitig die schmalen, goldenen Ringe über, die sie gemeinsam ausgesucht hatten, und küssten sich zärtlich.
Plötzlich verschwamm das Bild, an seiner Stelle war auf einmal der Mann, den er auf den Fotos in Phillips Büro gesehen hatte. Eine Welle von Schmerz durchflutete ihn. Er fuhr herum, griff nach einer Wasserkaraffe, die auf dem Nachttisch stand, und warf sie mit voller Wucht auf den Boden, wo sie mit einem dumpfen Krachen zerschellte.
Er ließ sich aufs Bett sacken, rollte sich zusammen, und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Wie jeden Abend wälzte er sich gequält hin und her, sah immer wieder Joannas Gesicht vor sich und schließlich schlief er ein.
Irgendwann spürte er, wie sich jemand an ihn schmiegte, wie eine Hand zärtlich an seinen Hüften entlang strich.
»Joanna«, stöhnte er benommen und drehte sich sehnsüchtig auf den Rücken.
Finger tasteten über seinen Bauch hinunter zu seiner Hose, streichelten ihn verlangend.
»Jake«, flüsterte eine Frauenstimme, »Jake, ich will dich.«
Im gleichen Moment war er hellwach. Er zuckte hoch, sprang mit einem Satz auf und schaltete das Licht ein.
Entsetzt starrte er auf Olivia, die nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidet auf seinem Bett lag und ihn anlächelte.
»Was soll das?«, fragte er schroff.
»Es ist unsere Hochzeitsnacht.«
»Hör auf damit«, fuhr er sie an, »es gibt keine Hochzeitsnacht, heute nicht und auch in Zukunft nicht.«
»Jake, ich weiß, dass du Joanna immer noch vermisst. Aber sie ist weg, und ich bin da – ich kann dich trösten, wenn du es möchtest.«
Er packte sie am Arm, zerrte sie vom Bett hoch und schob sie zur Tür.
»Nein, das möchte ich nicht«, sagte er scharf. »Wir haben eine geschäftliche Vereinbarung und weiter nichts. Du wusstest, worauf du dich einlässt, also tu das nie wieder, hast du mich verstanden?«

Noch nie hatte Joanna Weihnachten und Silvester so trostlos empfunden wie dieses Mal. Brian war bei seinen Eltern gewesen und hatte ihr angeboten, mitzukommen, doch sie hatte abgelehnt. Zum einen wollte sie ihm keine vergeblichen Hoffnungen machen, zum anderen wollte sie mit ihren Gedanken an Jake und Benjamin lieber alleine sein.
Eine Woche nachdem das neue Jahr begonnen hatte, saß sie morgens mit Brian, der noch Semesterferien hatte, beim Frühstück. Sie blätterte durch die Tageszeitung, als ihr im Gesellschaftsteil plötzlich ein kleines Bild ins Auge fiel. »Baumwoll-Erbe in festen Händen« lautete die Überschrift, und als sie genauer hinschaute, erkannte sie, dass es ein Foto von Jake und Olivia war. Er trug einen dunklen Anzug, sie ein weißes Kleid, und es gab keinen Zweifel daran, dass es sich um ein Hochzeitsfoto handelte. Joannas Puls begann zu rasen, und sie überflog den kurzen Artikel, der daneben abgedruckt war.
»Einer der begehrtesten Junggesellen Tennessees und Erbe der ‚Prescott-Cotton-Company‘, Jake Prescott, ist endlich unter der Haube. Die glückliche Braut ist keine andere als Olivia Prescott, die Witwe des vor einigen Jahren tödlich verunglückten Andrew Prescott. Gerüchten zufolge hat das Brautpaar einen gemeinsamen Sohn, der vor einigen Monaten während einer Europareise zur Welt kam. Dies wurde von der Familie bisher weder bestätigt noch dementiert.
Die Feier fand im kleinen Kreis auf dem Familiensitz statt, ob das frisch vermählte Paar Flitterwochen geplant hat, ist nicht bekannt.«

Kreidebleich ließ Joanna die Zeitung sinken, ihre Hände zitterten und kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Das war also Jakes große Liebe zu ihr gewesen. Offenbar hatte es nicht lange gedauert, bis er sich getröstet hatte, und dann ausgerechnet mit Olivia. Ob er schon immer Gefühle für sie gehabt hatte? Oder war sie einfach nur ein bequemer Ersatz? Joanna konnte es ihm nicht einmal übelnehmen. Schließlich war sie diejenige gewesen, die ihn verlassen hatte.
Nach dem Brief musste er davon ausgehen, dass sie niemals mehr zurückkehren würde, also warum sollte er sich nicht nach einer anderen Frau umsehen.
Trotzdem brannte der Gedanke daran wie Feuer in ihrem Inneren.
»Coco?«, fragte Brian stirnrunzelnd, »Was ist los, geht es dir nicht gut?«
Wortlos schob Joanna ihm die ‚Tribune‘ hin.
»Oh«, entfuhr es ihm überrascht, als er den Artikel gelesen hatte. »Das tut mir leid. Denkst du, er hat sie aus Liebe geheiratet?«
Abwesend zuckte Joanna mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.«
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass Olivia nun Benjamins Stiefmutter war, dass sie ihn zusammen mit Jake großziehen würde, und ihr drehte sich der Magen um. Sie sprang auf, eilte in ihr Zimmer, zog ihren Koffer unter dem Bett hervor, und warf wahllos ein paar Sachen hinein.
Brian war ihr gefolgt. »Was hast du vor?«
»Ich lasse auf keinen Fall zu, dass diese Frau meine Stelle als Mutter einnimmt«, erklärte sie entschlossen. »Ich werde Benjamin zu mir holen.«

Olivia hatte trotz der Abfuhr, die Jake ihr an dem Abend ihrer Hochzeit erteilt hatte, die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie war sich völlig sicher, dass sie Jake für sich gewinnen würde, wenn sie nur genug Geduld aufbrächte. Er konnte ja nicht ewig hinter diesem kleinen Weibsbild hertrauern. Sie war weg, und irgendwann würde er das begreifen und sich dem zuwenden, was er haben konnte – seine Ehefrau.
Sie nutzte jede Gelegenheit, um in seiner Nähe zu sein und ihn zu umgarnen, so auch an diesem Nachmittag.
»Kann ich irgendetwas für dich tun?«, fragte sie, nachdem sie kurz an die Tür zum Arbeitszimmer geklopft hatte.
Gleichgültig schüttelte Jake den Kopf, machte sich erst gar nicht die Mühe, zu antworten. Olivia ging ihm auf die Nerven, er hatte schon mehr als einmal bereut, dass er sich zu dieser Ehe hatte überreden lassen. Am liebsten hätte er alles wieder rückgängig gemacht, aber das würde die Situation noch schwieriger machen. Also biss er die Zähne zusammen und schwieg.
»Jake, du kannst dich nicht die ganze Zeit hier drin verkriechen«, betonte Olivia und kam auf ihn zu. Sie wollte ihm die Hände auf die Schultern legen, doch er warf ihr einen warnenden Blick zu, und so hielt sie sich zurück. »Wie wäre es, wenn wir gemeinsam mit Benjamin einen Spaziergang machen? Ein bisschen frische Luft würde dir guttun.«
»Nein danke«, knurrte er gereizt. »Lass mich bitte allein.«
»Aber …«
»Olivia«, seine Stimme wurde schneidend, »welchen Teil des Satzes ‚Lass mich bitte allein‘ hast du nicht verstanden?«
Abwehrend hob sie die Hände. »Ist ja gut«, murmelte sie frustriert, »ich gehe ja schon.«
Enttäuscht verließ sie das Arbeitszimmer, und kam gerade dazu, wie Martha die Haustür öffnete.
»Joanna«, hörte sie die junge Frau überrascht sagen, »was machst du denn hier?«
Olivia zuckte herum, eilte auf die Tür zu und schob Martha beiseite. Abschätzig ließ sie ihren Blick über Joanna gleiten.
»Was hast du hier zu suchen?«, fragte sie kalt.
»Ich möchte mit Jake sprechen.«
»Er ist nicht da.«
»Sein Auto steht aber draußen.«
Olivias Ton wurde noch ein paar Nuancen frostiger. »Bist du so schwer von Begriff? Er ist für dich nicht da, also verschwinde. Du hast schon genug Unheil gestiftet, und er will dich hier nicht mehr sehen.«
»Das möchte ich gerne von ihm selbst hören«, beharrte Joanna.
Blitzartig machte Olivia einen Schritt nach vorne und hielt ihr Gesicht dicht vor Joannas. »Hör mir gut zu«, zischte sie, »Du hast dich an Jake rangemacht und ihn ins Unglück gestürzt, hast ihn und unsere Familie in Verruf gebracht, und dann besitzt du die Dreistigkeit, hier aufzukreuzen, als wäre nichts geschehen? Du wirst sofort gehen, und dich hier nie wieder blicken lassen, hast du kapiert? Hau ab und lass meinen Mann in Ruhe, ein für alle Mal.«
Joanna presste die Lippen zusammen. »Würden Sie Ihrem Mann dann bitte etwas ausrichten?«
»Oh nein, das werde ich nicht tun«, lehnte Olivia ab, und hielt Joanna mit einem triumphierenden Lächeln die Hand mit dem Ehering vor die Nase. »Jake und ich sind jetzt verheiratet, und er will nichts mehr mit dir zu tun haben.« Sie bemerkte, wie Joanna blass wurde, und setzte nach. »Du wirst nicht etwa ernsthaft geglaubt haben, dass das mit dir etwas Ernstes war, oder? Es hätte dir doch klar sein müssen, dass du ihn niemals halten kannst. Er hat sein Vergnügen mit dir gehabt, und nun ist er da, wo er schon immer hinwollte, nämlich an meiner Seite«, versprühte sie ihr Gift. »Also gib es auf und verzieh dich, du bist hier nicht mehr willkommen.«

8

Nachdem Olivia ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte, stand Joanna eine Weile wie angewurzelt davor und versuchte, ihre Fassung wiederzufinden.
Es stimmte also tatsächlich. Jake hatte Olivia geheiratet. Obwohl sie es ja bereits schwarz auf weiß gelesen hatte, hatte sie bis vor ein paar Minuten immer noch die irrwitzige Hoffnung gehabt, es könne sich um einen Irrtum handeln.
Aber es war die traurige Realität, wie sie soeben festgestellt hatte, und ihr wurde hundeelend. Alles in ihr wehrte sich gegen diesen Gedanken, schrie auf bei der Vorstellung, dass er jetzt Nacht für Nacht diese Frau in seinen Armen hielt.
Olivias Worte hallten in ihren Ohren. »Du wirst doch nicht etwa geglaubt haben, dass das mit dir etwas Ernstes war …«
Hatte sie sich so in Jake getäuscht? Hatte er tatsächlich nur sein Vergnügen gesucht, und sie war zu naiv gewesen, um es zu bemerken? Waren all seine Worte von Liebe und Gefühlen nur Mittel zum Zweck gewesen, um sie herumzukriegen? Der Heiratsantrag, ihre Zukunftspläne – hatte er ihr das alles nur vorgemacht? Hätte er sie vielleicht sogar von sich aus verlassen, wenn sie ihm nicht zuvorgekommen wäre?
Tausend quälende Fragen schossen ihr durch den Kopf, und wie in Trance schleppte sie sich die paar Schritte zu ihrem Auto.
Mechanisch stieg sie ein, gurtete sich an und startete den Motor, rollte die Allee entlang zum Tor, ohne wirklich etwas von ihrer Umgebung wahrzunehmen.
Zwanzig Minuten später lag sie in der kleinen Pension in Millington, in der sie sich eingemietet hatte, auf dem Bett und weinte sich in den Schlaf.

Am anderen Morgen saß Joanna in ihrem Zimmer und schaute nachdenklich aus dem Fenster. Sie hatte nach wie vor die feste Absicht, Benjamin zu sich zu holen. Auf keinen Fall würde sie ihn Olivias Obhut überlassen, das kam nicht infrage.
Allerdings schien die Sache schwieriger zu sein, als sie anfangs gedacht hatte. Schließlich konnte sie nicht einfach nach Magnolia Haven fahren, das Kind nehmen und verschwinden. Das konnte sie Jake nicht antun, und das wollte sie auch nicht. Selbst wenn Olivias Behauptungen stimmten, und er sie, Joanna, nie wirklich geliebt hatte, so war er doch immer noch Benjamins Vater.
Sie würde sich also irgendwie mit ihm einigen müssen, und das würde nicht so leicht sein, da er ja offenbar keinen Kontakt mehr zu ihr haben wollte.
Einen Moment lang kam ihr der Gedanke, einen Anwalt einzuschalten. Doch sie verwarf diesen Einfall sofort wieder. Zum einen hatte sie kein Geld dafür, zum anderen würde Jake sicher nicht begeistert sein, wenn sie gleich mit solchen Geschützen aufwartete. Und wenn es hart auf hart käme, hätte sie sowieso die schlechtere Position. Abgesehen davon, dass er sich die besten Anwälte leisten konnte, hatte sie ihr Kind freiwillig verlassen, daraus würde ihr jeder Familienrichter einen Strick drehen.
Nein, es war besser, eine gütliche Einigung mit Jake zu erzielen – sofern sie ihn irgendwie zu einem Gespräch bewegen konnte.
Während sie vor sich hingrübelte, klopfte es plötzlich an die Tür.
»Jake«, durchzuckte es sie, um sich im gleichen Moment zu schelten. »Unsinn, er weiß doch gar nicht, dass du hier bist. Olivia hat es ihm bestimmt nicht erzählt.«
Sie öffnete und stieß einen Schrei der Überraschung aus.
»Martha.« Dann fiel ihr Blick auf den Kindersitz, den Martha in der Hand hatte, und Tränen schossen ihr in die Augen. »Benjamin, mein süßer Schatz.«
Mit fliegenden Fingern befreite sie ihn von den Gurten und hob ihn auf den Arm, drückte ihn an sich und küsste ihn immer und immer wieder.
Behutsam schob Martha sie ins Zimmer, griff nach dem Babysafe und folgte ihr. Sie schloss die Tür und beobachtete lächelnd, wie Joanna freudestrahlend ihren Sohn liebkoste.
»Meine Güte, er ist so groß geworden«, sagte Joanna nach einer Weile ungläubig zu Martha.
»Ja, sie wachsen schnell in dem Alter«, lachte Martha. »Wir müssen alle Nase lang neue Sachen für ihn kaufen.«
Diese Bemerkung dämpfte Joannas Überschwang ein wenig.
»Weiß Jake … Mr. Prescott, dass du hier bist?«, fragte sie zögernd.
Martha schüttelte den Kopf. »Nein. Nachdem ich gestern mitbekommen habe, wie Olivia dich abgefertigt hat, dachte ich mir, dass du bestimmt Benjamin sehen wolltest. Damit es keinen Ärger gibt, habe ich gesagt, ich mache einen Spaziergang mit ihm.«
»Wie hast du mich gefunden?«
»Naja, ich habe geahnt, dass du in der Nähe bleiben würdest. Also habe ich nacheinander ein paar Pensionen angerufen, und gleich bei der dritten hatte ich Erfolg.«
Joanna umarmte Martha. »Vielen Dank, du weißt ja gar nicht, wie froh ich darüber bin.«
»Doch, ich kann es mir vorstellen. Es muss sicher schwer für dich sein, dein Kind nicht bei dir zu haben.« Martha schwieg einen Moment. »Hat Jake … Mr. Prescott, meine ich, hat er dich sitzengelassen?«
»Nein.« Joanna schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn verlassen. Aber das ist eine lange Geschichte, und ich möchte nicht gerne darüber sprechen. – Wie geht es ihm?«
»Nicht so gut, er ist sehr blass und dünn«, sagte Martha zögernd. Als sie den schmerzvollen Ausdruck in Joannas Gesicht sah, fügte sie hinzu: »Du liebst ihn noch, oder?«
»Ja«, bekannte Joanna leise. »Doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Er ist mit Olivia verheiratet, und ich bin wegen Benjamin hier.«
»Wenn du mich fragst, ist diese Ehe eine Farce«, sprudelte Martha hervor. »Olivia schläft immer noch in ihrem alten Zimmer, und soweit ich das mitkriege, tut Jake alles, um ihr aus dem Weg zu gehen. Ich kann sowieso nicht verstehen, wie er diese kalte Schlange heiraten konnte.«
Joanna biss sich auf die Lippe. »Ich … es ist jetzt aber so«, presste sie mühsam heraus, »und ich muss mit ihm sprechen, wegen Benjamin. Könntest du ihm vielleicht eine Nachricht von mir geben?«
»Ja, klar. Du weißt doch, dass ich dir gerne helfe.«
Rasch kramte Joanna ein Blatt Papier und einen Stift hervor, setzte sich damit an den kleinen Tisch vor dem Fenster und begann zu schreiben.
»Lieber Jake,
vermutlich wirst Du überrascht sein, von mir zu hören, und bestimmt bist Du nicht begeistert. Ich würde Dich auch nicht behelligen, wenn es nicht wichtig wäre. Ich muss dringend mit Dir sprechen, es geht um Benjamin. Bitte ruf mich an, Joanna«

Sie notierte noch ihre Handynummer darunter, faltete das Blatt und reichte es Martha.
»Soll ich ihm sagen, dass du hier in der Pension bist?«
Joanna schüttelte den Kopf. »Nein, besser nicht. Ich möchte erst mit ihm reden, vielleicht lässt sich ja auch alles telefonisch klären, ohne dass …« Sie stockte, aber Martha verstand auch so.
»Okay, mach dir keine Gedanken, ich kriege das schon irgendwie hin.«
Eine Weile schmuste Joanna noch mit Benjamin, dann musste sie sich schweren Herzens von ihm verabschieden.
»Ich komme morgen wieder und bringe ihn mit«, versprach Martha.
»Sei vorsichtig, ich möchte nicht, dass du meinetwegen Ärger bekommst«, mahnte Joanna sie. »Ich glaube kaum, dass es Olivia gefallen würde, wenn sie etwas davon mitbekommt.«
Martha lachte. »Keine Angst, die ist so damit beschäftigt, Jake zu bezirzen, dass sie gar nichts anderes mitkriegt.«

Jake saß in seinem Arbeitszimmer, als es an die Tür klopfte.
»Herein«, brummte er missmutig, in der Annahme, es sei mal wieder Olivia.
»Mr. Prescott? Kann ich Sie einen Moment stören?«
Überrascht schaute er von seinen Unterlagen auf. »Martha. Ja, natürlich, komm rein.«
Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter, dann betrat sie schnell den Raum und zog die Tür hinter sich zu.
»Nun, was kann ich für dich tun? Ist etwas mit Benjamin?
»Nein, nein, Benjamin geht es gut«, beschwichtigte sie ihn. Sie zog Joannas Schreiben aus ihrer Hosentasche und reichte es ihm. »Das hier soll ich Ihnen geben.«
Jake faltete den Zettel auseinander, und bereits beim Anblick der Handschrift wurde er aschfahl im Gesicht. Er überflog die wenigen Zeilen, und seine Miene verfinsterte sich dabei.
»Wo hast du das her?«, fragte er scharf.
»Joanna war gestern hier. Sie wollte mit Ihnen sprechen, aber Mrs. Prescott sagte ihr, Sie hätten keine Zeit. Daraufhin hat sie mir diese Nachricht für Sie gegeben«, manövrierte Martha sich um die Wahrheit herum.
Zu ihrer Erleichterung wollte Jake nicht wissen, warum sie ihm den Brief nicht gleich ausgehändigt hatte. Mit zusammengepressten Lippen starrte er auf das Blatt, ein Muskel an seiner Wange zuckte. Schließlich riss er es mit heftigen Bewegungen in kleine Fetzen und warf es in den Papierkorb.
»Sollte Miss Shepherd noch einmal hier erscheinen, richte ihr bitte aus, dass sie sich nicht weiter bemühen braucht. Ich wünsche keinerlei Kontakt mehr mit ihr«, sagte er schroff.
»Aber Mr. Prescott …«
Er durchbohrte sie mit seinem Blick. »Habe ich mich klar ausgedrückt?«
»Ja, natürlich.«
»Gut, also geh wieder an deine Arbeit. Und schick bitte Mrs. Prescott zu mir.«
Widerstrebend lief sie zur Tür, hielt dort jedoch inne und drehte sich um.
»Sie machen einen Fehler«, sagte sie leise, »einen großen Fehler.«
Dann huschte sie schnell hinaus, und im gleichen Moment, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte sie drinnen ein dumpfes Krachen und das Splittern von Glas.

»Du wolltest mich …« Olivia blieb der Satz im Hals stecken, als sie die Scherben auf dem Fußboden sah. »Du meine Güte, Jake, was ist denn hier passiert?«
Er lehnte am Kamin, hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und schaute sie grimmig an.
»Hast du mir irgendetwas zu erzählen?«
»Was? Ich … nein …«, stammelte sie irritiert, »Wovon sprichst du?«
»Du hältst es also nicht für nötig, mich darüber zu informieren, dass Joanna Shepherd gestern hier war?«
Seine Stimme hatte einen gefährlichen Unterton, und Olivia zog unwillkürlich den Kopf ein.
»Ach das meinst du«, murmelte sie nervös. »Nun, ich hielt es nicht für so wichtig.«
»Nicht so wichtig«, wiederholte er erzwungener Ruhe, während die Zornesader an seiner Schläfe bedrohlich anschwoll. »Was wollte sie denn?«
Olivia schluckte. »Nichts von Bedeutung«, sagte sie ausweichend. »Sie hat nach dir gefragt, aber du warst beschäftigt, und da habe ich sie weggeschickt.«
»Wie zur Hölle kannst du dir anmaßen, zu beurteilen, was von Bedeutung ist und was nicht?«, brüllte er plötzlich los. »Du bist vielleicht meine Frau, doch das gibt dir nicht das Recht, mich zu übergehen. Was für mich wichtig ist, entscheide immer noch ich, hast du mich verstanden?«
Erschrocken wich sie einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände.
»Es tut mir leid«, sagte sie hastig, »Nach allem, was passiert ist, war ich der Meinung, dass du sie nicht sehen willst.«
Er machte einen Satz auf sie zu, packte sie an den Armen und brachte sein Gesicht dicht vor ihres.
»Tu so etwas nie wieder, hast du mich verstanden?«, zischte er eisig. »Sie ist die Mutter meines Sohnes, und wenn jemand sie von hier wegschickt, dann bin ich das, ist das klar?«
Mit einer ruckartigen Bewegung gab er sie frei und wandte sich zähneknirschend um, stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch, und ließ den Kopf sinken.
»Jake …«
»Lass mich bitte allein.«
»Jake, ich verstehe dich nicht«, erklärte sie in beschwörendem Ton. »Dieses Mädchen hat dir beinahe dein Leben ruiniert, und es wäre sicher in unser aller Interesse, wenn sie sich hier auf Magnolia Haven nicht mehr blicken lässt. Du weißt, was für dich auf dem Spiel steht, willst du das wirklich riskieren, nach allem, was sie dir angetan hat?«
Er drehte sich um und musterte sie abschätzig. »Olivia, ich habe dir gesagt, was ich zu dem Thema zu sagen habe, der Rest geht dich nichts an. Und jetzt solltest du besser gehen.«
Einen Moment schaute sie ihn vorwurfsvoll an, doch sein Blick war so drohend, dass sie nicht wagte, noch etwas zu erwidern. Hastig zog sie sich zurück, und nachdem die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, trat Jake ans Fenster und lehnte die Stirn an das kühle Glas.
»Warum?«, flüsterte er gequält. »Warum bist du hierher gekommen?«

9

Den ganzen Nachmittag hatte Joanna im Zimmer gesessen und auf ihr Handy gestarrt, als könne sie es durch bloße Willenskraft zum Klingeln bewegen.
»Jake, ruf an«, murmelte sie immer wieder wie ein Mantra, »bitte ruf doch an.«
Als es Abend war und ihr klar wurde, dass sie vergeblich wartete, versuchte sie sich zu beruhigen.
»Vielleicht hat Martha ja noch keine Gelegenheit gehabt, ihm die Nachricht zu geben«, sagte sie sich, als sie ins Bett kroch. »Bestimmt wird er sich morgen melden.«
Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es nicht so war, und als Martha am anderen Morgen mit Benjamin vorbeikam, bestätigte deren unglückliches Gesicht Joannas Vermutung.
»Was hat er gesagt?«, fragte sie leise, nachdem sie Benjamin aus seinem Sitz geholt und auf den Arm genommen hatte.
»Es tut mir so leid …«
»Er will nicht mit mir sprechen, richtig?«
Martha nickte. »Ja. Ich soll dir ausrichten, dass du dich nicht länger bemühen brauchst, und dass er keinen Kontakt zu dir wünscht.«
Mühsam schluckte Joanna die aufsteigenden Tränen herunter. »Gut, trotzdem vielen Dank.«
»Joanna«, Martha legte ihr tröstend die Hand auf den Arm, »gib nicht auf. Ich bin mir sicher, dass er dich immer noch liebt. Sein Gesicht, als er den Zettel gesehen hat …«
»Es geht nicht um ihn und mich, sondern um Benjamin«, unterbrach Joanna sie hastig. »Ich will nicht, dass Olivia meine Stelle einnimmt, sie würde ihm keine gute Mutter sein, das weiß ich.«
»Und was willst du jetzt machen?«
Joanna zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Aber ich werde meinen Sohn nicht der Obhut dieser Frau überlassen, ich werde einen Weg finden, auch wenn Jake sich querstellt.«

Nachdem Martha gegangen war, mit dem Versprechen, am nächsten Tag wieder mit Benjamin vorbeizukommen, dachte Joanna einen Moment darüber nach, was sie nun tun sollte.
Erneut kam ihr der Gedanke an einen Anwalt in den Sinn, und im gleichen Augenblick fiel ihr plötzlich Phillip Carlisle ein. Mit zitternden Fingern kramte sie die Visitenkarte hervor, die Jake ihr damals in Nashville gegeben hatte, und die sie seitdem immer in ihrem Portemonnaie aufbewahrt hatte.
»Wenn irgendetwas sein sollte, kannst du dich jederzeit an ihn wenden«, hatte Jake gesagt.
Vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem sie seine Hilfe in Anspruch nehmen konnte.
Sie überlegte kurz, ob sie ihn anrufen sollte, entschied sich dann aber dafür, direkt in die Kanzlei zu fahren. Zum einen hatte sie keine Zeit, um auf einen Termin zu warten, zum anderen war sie sich nicht sicher, ob Phillip sie nicht abwimmeln würde, immerhin war er Jakes Freund.
Wenig später war sie unterwegs nach Memphis, und es dauerte nicht lange, bis sie die Straße gefunden hatte, die auf der Karte angegeben war.
Sie stellte den Wagen ab und betrat das Bürogebäude.
Im Vorzimmer der Kanzlei wandte sie sich an die Frau hinter dem Schreibtisch.
»Guten Tag, ich möchte zu Mr. Carlisle.«
»Haben Sie einen Termin?«
»Nein, doch ich bin gerne bereit zu warten, bis er ein paar Minuten erübrigen kann, es ist sehr dringend.«
In diesem Moment ging die Tür zu Phillips Büro auf und er streckte den Kopf heraus.
»Mrs. Wheeler, suchen Sie mir bitte …« Abrupt brach er ab. »Joanna?«
»Phillip, ich weiß, ich hätte mich anmelden sollen, aber …«
»Schon gut.« Er schaute kurz auf die Uhr. »Ich brauche noch etwa eine halbe Stunde, wenn du so lange wartest, habe ich dann Zeit für dich.«
Joanna nickte, und er wandte sich an seine Sekretärin. »Verschieben Sie meine restlichen Termine für heute, und bringen Sie Miss Shepherd eine Tasse Kaffee.«
Mit einem aufmunternden Lächeln in Joannas Richtung verschwand er wieder in seinem Büro, und sie setzte sich in einen der bequemen Ledersessel, die im Vorzimmer standen.
Tatsächlich dauerte es gerade mal zwanzig Minuten, bis Phillip sich von seinem Mandanten verabschiedete und sie mit einer Handbewegung in sein Arbeitszimmer bat. Er bot ihr einen Platz auf der Couch an, ließ sich ihr gegenüber nieder und musterte sie einen Moment schweigend.
»Jake hat mir einmal gesagt, ich könnte mich an dich wenden, falls etwas sein sollte«, begann Joanna zögernd. »Ich weiß, dass du sein Freund bist, und wenn du mich wieder wegschickst, kann ich es verstehen. Aber ich brauche deine Hilfe, oder wenigstens einen Rat.«
»Keine Angst, ich werde dich nicht wegschicken, zumindest nicht, bevor ich mir angehört habe, worum es geht. Sollte ich danach das Gefühl haben, dass es einen Interessenkonflikt gibt, werde ich dir das sagen, in Ordnung?«
Sie nickte. »Okay. – Ich nehme an, dass du im Bilde bist, über das, was passiert ist?«
»Ja, ich kenne Jakes Variante der Geschichte. Wie wäre es, wenn du mir deine erzählst?«
»Ich … wirst du mit Jake darüber sprechen?«
Phillip schüttelte den Kopf. »Nein, nur wenn du es möchtest. Ansonsten unterliegt alles, was hier besprochen wird, der Schweigepflicht.«
Zögernd fing Joanna an zu schildern, was in Texas geschehen war. Sie berichtete von Samuel Prescotts Anruf, von Jakes Verhalten, als er aus Dallas zurückgekehrt war, und von ihrer Entscheidung, ihn zu verlassen. Sie legte ihm die Gründe für ihren Entschluss dar, und als sie geendet hatte, bemerkte sie, dass er Mühe hatte, die Fassung zu bewahren.
»Um Himmels willen Joanna«, sagte er schockiert, »warum hast du Jake nichts von diesem Telefonat erzählt?«
»Nein«, abwehrend hob sie die Hände, »das wollte ich nicht, und ich möchte dich bitten, das niemals zu erwähnen, er darf auf keinen Fall davon erfahren.« Phillip wollte etwas sagen, doch sie fuhr fort: »Er hat meinetwegen schon genug Ärger gehabt, ich bin schuld daran, dass Tom versucht hat, ihm Magnolia Haven wegzunehmen, sollte ich ihn denn auch noch gegen seinen Vater aufbringen? Außerdem weiß ich, dass Samuel Prescott das nur in Jakes Interesse getan hat, und er hat recht damit – es wäre egoistisch von mir gewesen, bei Jake zu bleiben.«
Phillip seufzte. »Das sehe ich zwar anders, aber gut, wenn du der Meinung bist, Jake das zu verschweigen, ist es deine Entscheidung. Und nun? Was erwartest du von mir?«
»Ich möchte Benjamin zu mir holen. Ich will nicht, dass Olivia ihn großzieht.«
»Du weißt also von der Hochzeit?«
»Ja, und obwohl ich denke, dass Benjamin es auf Magnolia Haven an nichts fehlen wird, will ich ihn nicht in den Händen dieser Frau wissen. Ich möchte allerdings eine einvernehmliche Regelung mit Jake treffen, ihm zuliebe, und auch Benjamin zuliebe. Ich habe versucht, Kontakt zu Jake aufzunehmen, doch er will mich weder sehen noch mit mir reden. Vielleicht kannst du vermitteln, und ihn zumindest zu einem Gespräch bewegen, von mir aus gerne hier in deinem Beisein.«
Nachdenklich rieb Phillip sich am Kinn. »Sicher, das kann ich, und das werde ich gerne tun. Sollte es allerdings auf einen Sorgerechtsstreit herauslaufen, muss dir klar sein, dass ich auf Jakes Seite stehen werde, obwohl ich deine Beweggründe durchaus verstehen kann.«
»Natürlich, das weiß ich. Ich hoffe, dass es erst gar nicht so weit kommt. Das Letzte, was ich möchte, wäre Jake vor ein Gericht zu zerren, allein schon wegen …«, sie stockte kurz und fuhr dann fort: »Falls er nicht bereit ist, sich mit mir zu einigen, werde ich Benjamin bei ihm lassen, auch wenn es mir das Herz bricht. Ich will nicht, dass Jake Schwierigkeiten bekommt.«
Phillip hatte einen dicken Kloß im Hals, er räusperte sich und sagte leise: »Du liebst ihn wirklich sehr, oder?«
Es war weniger eine Frage, als mehr eine Feststellung, und Joanna senkte rasch den Kopf.
»Wirst du mit ihm sprechen?«
»Ich werde es versuchen, aber ich kann dir nichts garantieren.«
Sie nickte. »In Ordnung. Ich wohne in einer Pension in Millington, ich habe noch genug Geld, um für ein paar Tage dort zu bleiben. Ich gebe dir meine Handynummer, bitte ruf mich an, sobald du etwas weißt.«
Rasch schrieb sie ihm die Nummer auf einen Zettel und stand dann auf.
»Auf Wiedersehen, und danke, dass du dir die Zeit für mich genommen hast.«
Er nahm ihre Hand und drückte sie. »Du bist eine wundervolle Frau, Joanna, und ich hoffe, dass Jake das auch begreifen wird.«

»Du wolltest mich sprechen?«
Jakes angespanntes Gesicht verriet, dass er bereits ahnte, worum es ging, also kam Phillip ohne Umschweife zur Sache.
»Joanna war hier.«
»Du bist mein Anwalt.«
»Richtig, und ich bin auch dein Freund, deswegen solltest du meinen Rat annehmen und mit ihr reden.«
»Ich wüsste nicht, worüber«, erklärte Jake abweisend. »Sie hat mich verlassen, und ich lege keinen Wert darauf, alte Dinge wieder aufleben zu lassen.«
»Herrje, sei doch nicht so stur«, Phillip schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, »du liebst sie doch immer noch, denkst du nicht, du solltest über deinen Schatten springen? Es verlangt ja niemand, dass du ihr gleich um den Hals fallen musst, aber gib ihr wenigstens die Chance zu einer Aussprache. Vielleicht hatte sie ja ihre Gründe …«
»Das interessiert mich nicht«, fiel Jake ihm schroff ins Wort. »Was kann es schon für Gründe geben, kurz vor der Hochzeit abzuhauen und ihren eigenen Sohn im Stich zu lassen? Ich habe sie auf Händen getragen, ich habe mich krumm und bucklig geschuftet, um uns etwas aufzubauen, und sie schleicht sich bei Nacht und Nebel davon. Was auch immer sie für Ausreden dafür haben mag, ich will es nicht wissen, verstehst du? Mein Leben ist gut, so wie es ist, und ich werde mich nicht wieder von ihr einwickeln lassen.«
Phillip seufzte. »Du wirst mit ihr reden müssen. Sie will Benjamin zu sich holen.«
»Nur über meine Leiche«, fuhr Jake ihn an und sprang auf. »Sie hat ihn einfach zurückgelassen, ein fünf Monate altes Baby, ohne jeden Skrupel. Damit hat sie ihr Recht auf ihn verwirkt. Was hat sie vor? Will sie das Sorgerecht einklagen? Bitte, nur zu. Ich werde ihr sämtliche Steine in den Weg legen, die ich nur finden kann, selbst wenn ich meinen letzten Cent für ein Heer von Anwälten ausgeben muss, das schwöre ich dir.«
»Jetzt komm mal wieder runter«, beschwichtigte Phillip ihn. »Sie wird nicht vor Gericht gehen, auch dann nicht, wenn du zu keiner einvernehmlichen Regelung bereit bist.«
»Was?« Irritiert schaute Jake ihn an. »Ich denke, sie will Benjamin? Sie wird ihn auf anderem Wege nicht bekommen.«
»Du weißt, was eine gerichtliche Auseinandersetzung zur Folge hätte. Benjamins Geburtsdatum, Joannas Geburtsdatum, der Zeugungszeitpunkt – du würdest dich damit selbst ans Messer liefern.«
Jake wurde blass. »Darauf läuft es also hinaus«, sagte er tonlos. »Sie will mir die Pistole auf die Brust setzen.«
»Um Himmes willen, nein, das hast du völlig falsch verstanden. Joanna hat nicht die Ansicht dich zu erpressen, das würde sie niemals tun«, betonte Phillip eindringlich.
»Ich verstehe nicht …«
»Verdammt, Jake, bist du denn so schwer von Begriff? Sie würde auf Benjamin verzichten, um dich zu schützen«, erklärte Phillip und fügte dann leise hinzu: »Vielleicht überlegst du dir noch einmal, ob du nicht doch mit ihr sprechen willst.«

10

Ein paar Tage vergingen, Tage, in denen Joanna sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen von Jake wartete. Phillip hatte sie zwar angerufen und ihr mitgeteilt, dass Jake nicht zu einem Gespräch bereit sei, aber sie hatte die Hoffnung dennoch nicht aufgegeben.
Sie hatte in der Bar angerufen und ihren Urlaub verlängert, und hatte kurz mit Brian telefoniert, um ihm Bescheid zu sagen, dass sie länger als geplant in Millington bleiben würde.
Das Warten und Herumlungern stellte ihre Geduld auf eine harte Probe, die einzigen Lichtblicke waren Marthas tägliche Besuche mit Benjamin.
Wenn Joanna ihren kleinen Sohn in den Armen hielt, konnte sie wenigstens vorübergehend all ihre Sorgen vergessen. Sie schmuste und spielte mit ihm, und wenn er sie fröhlich glucksend anlachte, wusste sie, dass ihre Beziehung zu Jake kein Fehler gewesen war. Benjamin war das wundervolle Produkt dieser Liebe, und sie bereute es keine Sekunde.
An einem Mittag, kurz, nachdem Martha mit Benjamin wieder gegangen war, klopfte es an Joannas Zimmertür. In der Annahme, es sei Martha, die etwas vergessen habe, öffnete sie und prallte erschrocken zurück.
»Jake.«
Ihre Stimme war nur ein Flüstern, sie wurde kreidebleich und machte unwillkürlich ein paar wackelige Schritte rückwärts.
Er folgte ihr, schloss die Tür, blieb dann stehen und musterte sie schweigend. Seine Miene war ausdruckslos, keine Regung ließ erkennen, was in ihm vorging. Wie früher war er völlig in Schwarz gekleidet, und zusammen mit den dunklen Ringen unter seinen Augen und dem Schatten seines Bartes sah er genauso düster aus wie an ihrem ersten Tag auf Magnolia Haven.
»Wie … wie hast du mich gefunden?«, brachte sie schließlich heraus, als sie sich ein wenig gefangen hatte.
»Ich bin Martha gefolgt«, erklärte er kühl. »Nachdem ich festgestellt habe, dass sie seit einer Woche immer um die gleiche Zeit mit Benjamin weggefahren ist, dachte ich mir, wen sie besucht.«
»Du hättest nicht herkommen müssen«, murmelte Joanna unsicher. »Ein Anruf hätte gereicht.«
Spöttisch hob er eine Augenbraue. »Ich wollte dir lieber ins Gesicht sehen, wenn du mir deine Ausreden für dein Verschwinden auftischst.«
»Ich habe keine Ausreden«, sagte sie leise. »Ich weiß, dass ich dich verletzt habe, aber das war nie meine Absicht. Ich bin gegangen, weil ich dir nicht im Wege stehen wollte. Du gehörst nach Magnolia Haven, und nicht auf eine heruntergekommene Farm, auf der du dich zu Tode schuften musst.«
»Und das ist dir so plötzlich eingefallen, ja?«
»Ich habe doch gemerkt, wie unglücklich du warst, als du die Baumwolle nicht verkaufen konntest. Du hast dir Sorgen gemacht, wie es weitergehen soll, und ich wollte nicht, dass du eines Tages mir die Schuld daran gibst, dass du von der Hand in den Mund leben musst.«
»Du hättest mit mir reden können, anstatt einfach abzuhauen«, entgegnete er aufgebracht.
»Du wärst nie nach Magnolia Haven zurückgekehrt, wenn ich dich nicht verlassen hätte.«
Er verzog die Mundwinkel zu einem mokanten Lächeln. »Tja, ich bin dort, du hast dein Ziel erreicht, Glückwunsch. Und was erwartest du nun von mir? Dass ich dich mit offenen Armen empfange und wir da weitermachen, wo wir aufgehört haben, als ob nichts gewesen wäre?«
»Deswegen bin ich nicht hier«, erwiderte sie spröde.
»Ach so, ich vergaß. Natürlich brauchst du mich jetzt nicht mehr, du hast ja einen neuen Lover, der sich um dich kümmert.«
Der sarkastische Ton in seiner Stimme ließ sie zusammenzucken.
»Was? Ich … ich habe keinen Lover.«
»Geliebter, Verehrer, Bettgefährte, wie auch immer du den Kerl nennen willst, mit dem du zusammenlebst«, fuhr er fort. »War er der Grund, weshalb du mich verlassen hast? Kann er dir mehr bieten als ich?«
»Brian ist mein Mitbewohner und sonst nichts«, setzte sie sich gegen seinen Angriff zur Wehr. »Außerdem hast du es gerade nötig, du hast ja nicht lange gebraucht, bis du dich mit Olivia getröstet hast.«
»Ich glaube nicht, dass das zur Debatte steht, ich war schließlich nicht derjenige, der einfach abgehauen ist.«
Langsam kam er auf sie zu. In seinen Augen lag ein bedrohliches Glitzern, und Joanna wich zurück, bis sie die Wand in ihrem Rücken fühlte. Mit der Geschmeidigkeit eines Raubtiers folgte er ihr und baute sich jetzt so dicht vor ihr auf, dass sie eine Ader an seinem Hals pulsieren sehen konnte.
»War er der Grund, weshalb du mich verlassen hast?«, fragte er gefährlich leise. Sein Atem streifte ihre Wange, als er sich noch weiter zu ihr beugte. »Kann er dir mehr bieten als ich?«
Sie spürte die Wärme seines Körpers, roch sein Aftershave, vermischt mit seinem ureigenen Geruch, und eine unbändige Hitze stieg in ihr auf. »Nicht …«, wollte sie ihn abwehren, doch da drängte er sie mit seinem ganzen Gewicht gnadenlos gegen die Wand.
»Ist er besser im Bett als ich?«, stieß er hervor, seinen Mund an ihrem Hals, »Tust du mit ihm all die Dinge, die wir zusammen getan haben? Oder vielleicht sogar noch mehr?«
Mit einer verzweifelten Heftigkeit presste er seine Lippen auf die ihren, küsste sie besitzergreifend, während er mit seinen Händen ihren Jeansrock nach oben schob, ihren Po umfasste und sie an sich drückte.
»Jo«, flüsterte er rau in ihren Mund, »Ist es besser als das
Sie spürte seine Erregung hart an ihrem Bauch, und mit einem leisen Aufstöhnen schlang sie ihre Arme um seinen Hals. Ihr Slip fiel einem kräftigen Zerren seiner Finger zum Opfer, er öffnete seine Hose und legte sich eines ihrer Beine um die Hüfte. Er nahm sie mit einem kehligen Laut, der einem Knurren ähnelte, und stieß ohne zu zögern sofort mit einem schonungslosen, unbarmherzigen Rhythmus in sie hinein. Sie klammerte sich an ihn, grub ihre Fingernägel in seinen Rücken, beantwortete jeden seiner Stöße mit einem lustvollen Keuchen. Schließlich schrie sie auf, sackte in einem übermächtigen Höhepunkt beinahe unter ihm weg. Er packte sie fester, stützte sie, und folgte ihr laut stöhnend mit einer letzten, kraftvollen Bewegung seiner Hüften.
Zitternd und nach Luft schnappend lehnten sie an der Wand, umklammerten einander erschöpft, bis sie schließlich zu Atem gekommen waren.
Jake löste sich wortlos von ihr, brachte seine Hose in Ordnung, wandte sich um und ging zur Tür.
Hastig zog Joanna ihren Rock herunter.
»Jake, warte«, hielt sie ihn zurück.
Er drehte sich wieder um und sie machte einen Schritt auf ihn zu.
»Du kannst doch jetzt nicht einfach so weggehen«, sagte sie zaghaft, »bitte lass uns reden.«
Einen Moment sah es so aus, als würde er ihrem Wunsch nachgeben wollen. Er betrachtete sie, ihr erhitztes Gesicht, ihre zerzausten Haare, ihre Lippen, die von seinen Küssen gerötet und geschwollen waren. Ein unsicheres Flackern trat in seine Augen, und sekundenlang wurde sein Blick weich. Dann schluckte er heftig und schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht nötig. Ich war nur hier, weil ich dir sagen wollte, dass Benjamin bei mir bleibt.«
Bevor sie darauf reagieren konnte, fiel die Tür hinter ihm zu.

Als Jake nach Hause kam, setzte er Benjamin in den Kinderwagen und machte einen Spaziergang. Zwischen den Baumwollfeldern hindurch lief er gemächlich bis hinunter zum Mississippi, und ließ sich dort am Ufer im Gras nieder. Er nahm seinen Sohn auf den Schoss, drückte ihn an sich und schaute aufs Wasser hinaus. Schon immer war er hier an den Fluss gegangen, wenn er nachdenken wollte. Der träge dahinfließende Strom hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn, und die hatte er jetzt besonders nötig.
Die Begegnung mit Joanna hatte ihn aufgewühlt, mehr als er erwartet hatte – dabei hätte er es wissen müssen. Er hatte vorgehabt, zu ihr zu gehen, und in Ruhe mit ihr zu reden, ihr zu sagen, dass er Benjamin nicht hergeben würde. Doch stattdessen hatte er völlig die Kontrolle verloren, wieder einmal waren seine Gefühle stärker gewesen als seine Vernunft, und wieder einmal hasste er sich dafür.
Ihr Anblick hatte alles in ihm hochkochen lassen, den Schmerz über ihr Verschwinden, die Eifersucht auf diesen anderen Mann, das körperliche Verlangen nach ihr, und auch die Liebe, die er trotz allem immer noch für sie empfand.
Er zupfte ein Schilfgras aus und kitzelte Benjamin damit, was dieser mit einem fröhlichen Quietschen quittierte. Zärtlich küsste er ihn aufs Haar, während er sich vorstellte, wie es wäre, wenn sie zu dritt hier sitzen würden. Joanna würde sich an ihn kuscheln, sie würden gemeinsam lachen und sich küssen und mit Benjamin spielen …
Ja, er wollte seinen Sohn behalten, das wusste er mit Sicherheit, aber er wollte auch Joanna zurück, wie er sich nun eingestehen musste. Sie war die Frau, die er liebte, die einzige Frau, mit der er sein Leben teilen wollte, daran würde sich nie mehr etwas ändern.
»Dein Dad ist ein Idiot«, flüsterte er Benjamin nach einer ganzen Weile ins Ohr und stand auf. »Er wird dich jetzt nach Hause bringen und dann versuchen, seinen Fehler wieder gutzumachen.« Benjamin ließ ein zustimmendes Glucksen hören, und Jake lächelte. »Du hast recht, hoffen wir, dass deine Mom vernünftiger ist als ich.«

11

Wie betäubt saß Joanna in ihrem Zimmer und starrte blicklos aus dem Fenster in die beginnende Abenddämmerung. Stundenlang verharrte sie nun schon so, regungslos und nicht in der Lage zu begreifen, was hier vorhin geschehen war.
Plötzlich riss ein Klopfen an der Tür sie aus ihrer Starre. Irritiert schaute sie sich um, bis sie erkannte, wo sie war, und es erneut an die Tür pochte, dieses Mal ein wenig kräftiger.
Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Gesicht nass war, und während sie aufstand, wischte sie sich mit dem Ärmel ihrer Bluse die Tränen ab.
Sie öffnete und glaubte, ein Déjà-vu zu haben.
»Jo, bitte, du musst mich anhören«, sprudelte Jake heraus, bevor sie etwas sagen konnte, und drängte sie ins Zimmer.
Mit dem Fuß drückte er die Tür hinter sich zu und zog Joanna in seine Arme.
»Bitte komm zurück zu mir«, flüsterte er in ihr Haar, während er sie so fest an sich presste, dass sie beinahe keine Luft mehr bekam. »Es tut mir leid wegen vorhin, ich habe mich benommen wie ein Idiot. Jo, ich liebe dich, du fehlst mir, und ich möchte, dass du wieder bei mir bist, bei mir und bei unserem Sohn. Komm mit mir nach Magnolia Haven und werde meine Frau.«
Eine heiße Welle des Glücks brandete in Joanna auf und durchströmte sie, und am liebsten hätte sie spontan ja gesagt. Gleichzeitig dachte sie jedoch an all die Hindernisse, die es nahezu unmöglich machten, dass sie ein gemeinsames Leben führen konnten. Vorsichtig löste sie sich aus seiner Umarmung.
»Jake, das geht nicht, und du weißt das.«
Er runzelte die Stirn. »Liebst du mich nicht mehr?«, fragte er leise.
»Doch, das tue ich«, bekannte sie aufrichtig. »Aber ich kann nicht einfach so mit dir nach Magnolia Haven kommen. Es sind so viele Dinge passiert – Olivia, Tom …« In Gedanken fügte sie hinzu: »… und dein Vater«, hütete sich jedoch, das laut auszusprechen.
Sanft schob er sie zum Bett, setzte sich und zog sie neben sich. Er nahm ihre Hände und schaute sie eindringlich an.
»Tom ist verschwunden«, erklärte er, »und Olivia …« Er seufzte und schüttelte den Kopf. »Diese Heirat war ein großer Fehler. Ich habe mich dazu überreden lassen, weil ich dachte, es wäre das Beste für Benjamin, und um irgendwelchen unangenehmen Fragen nach den Umständen seiner Zeugung vorzubeugen. Eigentlich wollte ich es nicht, aber nachdem ich dann erfahren habe, dass du mit diesem Kerl zusammen bist, war mir alles egal.«
»Brian ist nur mein Mitbewohner«, betonte Joanna, »es ist nie irgendetwas zwischen uns gewesen. Doch du bist jetzt mit Olivia verheiratet, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie von einer Scheidung begeistert sein wird.«
»Vermutlich nicht, aber die Ehe wurde nicht vollzogen, ich könnte eine Annullierung beantragen.«
»Du hast nicht mit ihr geschlafen?«
Er warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. »Hast du das etwa geglaubt? Hast du wirklich gedacht, dass ich mich jemals zu einer anderen Frau hingezogen fühlen könnte?«
»Du bist ein Mann, und …«
»Herrje, ja, ich bin ein Mann, und natürlich habe ich gewisse Bedürfnisse. Das heißt allerdings nicht, dass ich wahllos mit irgendwelchen Frauen ins Bett steige. Du bist diejenige, die ich begehre, das dürftest du doch heute Mittag wohl bemerkt haben«, erwiderte er heftig. Dann nahm er ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie zärtlich. »Es tut mir leid, dass ich so über dich hergefallen bin«, murmelte er weich, »aber es war so eine lange Zeit …«
»Es muss dir nicht leidtun, ich habe dich genauso sehr vermisst«, gab sie zu.
»Jo«, er zog sie dichter an sich, »das vorhin war nicht annähernd genug.«
»Mir auch nicht«, flüsterte sie sehnsüchtig. »Jake, ich will dich so sehr, dass es weh tut. Ich möchte dich lieben und dich spüren, und dich nie mehr loslassen. Aber wir müssen uns überlegen, wie es weitergehen soll …«
»Später Liebling, später«, sagte er rau und ließ sich nach hinten fallen, zog sie dabei mit sich und ließ seine Lippen verlangend über ihren Hals wandern. »Wir haben alle Zeit der Welt, denn ich werde dich nicht wieder gehen lassen.«

Es war beinahe Mittag, als Jake am nächsten Tag die Beine aus dem Bett schwang. »Dann werde ich mich wohl auf den Weg machen«, seufzte er und streckte sich. »Ich schicke Martha mit Benjamin zu dir, sie kann ruhig ein wenig länger bleiben. Inzwischen werde ich mit Olivia reden, und sie überzeugen, dass eine Aufhebung der Ehe das Beste für alle Beteiligten ist«, erklärte er, während er sich anzog.
Joanna setzte sich auf und wickelte sich in die Decke. »Und wenn sie nicht einverstanden ist?«
»Dann werde ich Phillip beauftragen, die nötigen Schritte einleiten.«
»Jake, das wird eine Menge Ärger geben«, gab sie zu bedenken. »Wenn Olivia nicht einwilligt, wie soll ich da jemals nach Magnolia Haven kommen und mit dir zusammen sein? Sie war noch nie sonderlich begeistert von mir, und wenn du sie jetzt wegen mir verlässt, wird sie nicht sehr gut auf mich zu sprechen sein.«
»Keine Sorge«, beruhigte er sie, »sollte sie Schwierigkeiten machen, werde ich sie daran erinnern, dass sie nur ein Gast auf Magnolia Haven ist. Wir haben sie und Michael bei uns wohnen lassen, weil sie mit meinem Bruder verheiratet war, aber sie hat keinen Anspruch darauf. Sollte sie quer treiben, wird sie gehen müssen.«
Joanna biss sich auf die Lippe. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es so einfach sein würde, Olivia würde garantiert nicht kampflos aufgeben. Außerdem war da immer noch Samuel, der es mit Sicherheit auch nicht dulden würde, dass sie, ein Mädchen aus einem Bordell, an Jakes Seite lebte oder ihn gar heiratete. Sie behielt ihre Bedenken jedoch für sich. Jake war so enthusiastisch und sie sehnte sich ebenso sehr danach, wieder mit ihm zusammen zu sein, vielleicht würde sich ja doch alles irgendwie finden.
»Mach nicht so ein finsteres Gesicht Liebling«, beruhigte Jake sie und gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Wange. »Ich komme heute Abend zu dir, und du wirst sehen, dass ich dann bestimmt gute Nachrichten für dich habe.«

Mit einem unguten Gefühl folgte Olivia Jake nach dem Mittagessen in sein Arbeitszimmer. Bereits seit Joannas unerwartetem Auftauchen vor eineinhalb Wochen war ihr äußerst unbehaglich zumute. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie davon ausgegangen, dass dieses Mädchen Geschichte war, dass Samuel sie erfolgreich aus Jakes Leben verdrängt hatte. Sie hatte gehofft, Jake würde sie irgendwann vergessen, und sich ihr, seiner Ehefrau, zuwenden. Doch Jakes Reaktion, die kalte Wut in seinen Augen, als er erfahren hatte, dass sie ihm Joannas Erscheinen verschwiegen hatte, hatte sie eines Besseren belehrt.
Als er sie jetzt zu diesem Gespräch bat, war ihr sofort klar gewesen, dass es sich um nichts Positives handeln würde, und ihre Vorahnung wurde auch sogleich bestätigt.
»Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden«, begann er ohne Umschweife, »ich möchte, dass wir unsere Ehe annullieren lassen.«
Olivia riss die Augen auf. »Was? Aber Jake …«
Mit einer unwirschen Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. »Diese ganze Sache war ein Fehler, das weißt du so gut wie ich. Wir sollten diese Farce beenden, und zwar einvernehmlich.«
»Das meinst du nicht ernst«, erwiderte sie tonlos. »Ich meine, ich weiß, dass wir keine Ehe führen, wie es normalerweise üblich ist, doch wenn wir uns ein bisschen Mühe geben würden, könnte sich das irgendwann ändern. Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall bereit dazu.«
Er schüttelte den Kopf. »Nein. Es wird sich nicht ändern, zumindest nicht, was mich anbelangt. Ich empfinde nichts für dich, und es wäre unfair von mir, dich unter diesen Voraussetzungen weiterhin an mich zu binden, ich hätte das sowieso nie tun dürfen. Ich möchte, dass wir diese Ehe auflösen, damit wir beide wieder frei sind.«
»Für dieses miese Flittchen«, ergänzte Olivia in Gedanken bitter. Laut sagte sie: »Jake, bitte, denk noch einmal darüber nach. Ich weiß, dass du keine Gefühle für mich hast, aber umgekehrt sieht das anders aus, sonst hätte ich mich nie darauf eingelassen, dich zu heiraten. Ich habe dich wirklich sehr gern, und deinen Sohn ebenfalls, und ich bin bereit alles zu tun, um dir eine gute Frau zu sein. Wenn du es nur zulassen würdest, könntest du mich eines Tages vielleicht auch ein kleines bisschen lieben.«
»Es tut mir leid, doch das wird nicht passieren«, erklärte er bestimmt. »Also lass uns das Ganze bitte regeln wie zwei erwachsene Menschen.«
»Was wird mit Benjamin?«, versuchte sie es erneut. »Er braucht eine Mutter, und du wirst sicher nicht wollen, dass man irgendwann auf ihn zeigt, weil sein Vater … du musst ihn schützen, und dich ebenfalls.«
Nervös spielte Jake mit dem silbernen Brieföffner herum, ließ ihn durch die Finger gleiten und bohrte kleine Löcher in die Schreibtischunterlage. Dieses Gespräch gestaltete sich nicht so leicht, wie er angenommen hatte. Es widerstrebte ihm, Olivias Gefühle zu verletzen, so wenig sie ihm auch bedeutete. Zum wiederholten Male bereute er, dass er sich auf diese idiotische Sache eingelassen hatte. Doch er hatte es getan, und jetzt musste er zusehen, wie er aus dieser Geschichte wieder herauskam.
»Olivia, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du mir deine Hilfe und Unterstützung angeboten hast«, betonte er ruhig. »Aber ich denke, es werden sich andere Mittel und Wege finden lassen, mit den Umständen fertig zu werden, auch ohne dass wir an dieser Verbindung festhalten. Also mach es mir bitte nicht schwerer, als es ohnehin schon ist, und willige in eine Annullierung ein.«
Sie merkte, dass sie ihn von seiner Entscheidung nicht abbringen konnte, und eine unbändige Wut stieg in ihr auf. Vermutlich wartete diese kleine Schlampe nur darauf, dass sie das Feld räumte, damit Jake ihr seinen Ring an den Finger stecken konnte. Bei dem Gedanken, dass Joanna wieder hier auf Magnolia Haven auftauchen und dann zusätzlich noch an Jake Seite leben würde, stieg Hass in ihr auf. Nein, so leicht würde sie es diesem Miststück nicht machen, sich Jake erneut unter den Nagel zu reißen.
»Tut mir leid Jake«, sagte sie mit erzwungener Ruhe, »aber das kann ich nicht. Ich habe dieses Eheversprechen nicht leichtfertig abgegeben, und ich werde es auch nicht leichtfertig zurücknehmen. Mir bedeutet unsere Ehe etwas, und ich hoffe, dass du ebenfalls irgendwann einsehen wirst, dass es das Beste für alle ist.«
Sie ignorierte sein überraschtes Gesicht, stand auf und ging zur Tür.
Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis Jake seine Verblüffung überwunden hatte. Er schmiss den Brieföffner auf den Tisch und sprang auf.
»Olivia, verdammt«, rief er ihr, entgegen seiner guten Vorsätze, ruhig zu bleiben, aufgebracht hinterher, »wie kannst du nur so unvernünftig sein? Hast du so wenig Stolz, dich einem Mann an den Hals zu werfen, der dich nicht liebt?«
Sie drehte sich um und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Du bist unvernünftig, Jake«, erwiderte sie gedehnt. »Immerhin hat dein Stolz dich auch nicht daran gehindert, dich mit einer Minderjährigen einzulassen.«

12

Nach einer weiteren gemeinsamen Nacht, in der Joanna schlaflos in Jakes Armen gelegen und sich die größten Sorgen gemacht hatte, waren sie am anderen Morgen unterwegs nach Memphis zu Phillip Carlisle. Während Jake und Joanna schweigend ihren Gedanken nachhingen, saß Benjamin hinten in seinem Kindersitz und brabbelte fröhlich vor sich hin.
Als sie das Vorzimmer der Kanzlei betraten, kam Phillip freudestrahlend auf sie zu.
»Na, wenn das nicht meine Lieblingsfamilie ist«, begrüßte er sie lachend. »Ihr wisst ja gar nicht, wie sehr ich mich freue, euch wieder zusammen zu sehen.«
Er beschäftigte sich einen Augenblick mit Benjamin, dann schob er Jake und Joanna in sein Büro.
»Jetzt macht nicht so finstere Gesichter, wir werden das alles irgendwie regeln«, versprach er, nachdem Mrs. Wheeler Kaffee serviert hatte.
»Ich fürchte, das wird nicht so einfach«, brummte Jake, »ich habe dir gestern am Telefon ja schon berichtet, dass Olivia sich querstellt.«
»Das wird ihr nicht viel nutzen«, erklärte Phillip unbekümmert, »du kannst immer noch die Scheidung einreichen.«
Jake schnaubte. »Das kann ja ewig dauern.«
»Das kommt ganz darauf an. In beiderseitigem Einvernehmen, zum Beispiel wegen unüberwindbarer Differenzen, wären es höchstens sechzig Tage. Da das jedoch offenbar nicht möglich ist, müssten wir vor Gericht gehen, und da liegt die Zeitspanne zwischen sechs Monaten und zwei Jahren«, erläuterte Phillip.
»So lange will ich nicht warten«, brauste Jake auf, »es muss doch eine andere Option geben. Was ist mit einer Annullierung? Schließlich wurde die Ehe nicht vollzogen.«
Phillip schüttelte bedauernd den Kopf. »Das ist kein Grund.« Er überlegte einen Moment. »Es gäbe da einen Weg, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob er dir gefallen wird.«
»Egal was es ist, ich werde es tun«, betonte Jake. »Also?«
»Du müsstest nachweisen, dass du körperlich nicht in der Lage bist, die Ehe zu vollziehen.«
Jake runzelte die Stirn. »Was? Du meinst, ich soll behaupten, dass ich …«
»… dass du impotent bist«, ergänzte Phillip. »In diesem Fall wäre es dem anderen Partner nicht zuzumuten, verheiratet zu bleiben. Außerdem kann das als Täuschung gewertet werden, wenn du es nicht vor der Eheschließung erwähnt hast, und in diesem Fall wäre eine Annullierung machbar.«
»Natürlich habe ich das nicht erwähnt«, knurrte Jake. »Zum einen hatte ich nie die Absicht, mich Olivia zu nähern, und zum anderen gibt es da nichts zu erwähnen.«
Phillip grinste. »Das hatte ich auch nicht angenommen.«
»Also schön, wenn es zum Ziel führt, dann machen wir das eben«, murmelte Jake missmutig.
»Aber das geht nicht«, mischte Joanna sich jetzt ein, »was ist mit Benjamin? Er ist ja wohl der beste Beweis, dass du nicht … dass du keinerlei Probleme hast.«
»Da hast du recht«, nickte Phillip, »es dürfte schwer werden, etwas anderes zu behaupten. Außerdem wird eine Annullierung immer über ein Gericht abgewickelt, und in Anbetracht der ganzen Situation sollten wir das lieber vermeiden.«
Jake sprang auf und lief verärgert hin und her. »Toll«, stieß er gereizt hervor, »das heißt, ich muss mit Olivia verheiratet bleiben, es sei denn, sie ist zu einer einvernehmlichen Trennung bereit.«
Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen, schließlich sagte Phillip: »Wenn ich dir einen Rat geben darf: Wir füllen heute noch einen Antrag auf Scheidung aus und begründen ihn mit unüberwindbaren Differenzen. Ich reiche das Ganze ein, und wenn Olivia die Papiere bekommt, und sieht, dass es dir ernst ist, lässt sie sich vielleicht zu einer Einigung bewegen. Wenn nicht, dann geht es eben seinen üblichen Gang, und ich werde versuchen, alles, was mit Benjamin oder Joanna zu tun hat, aus der Sache herauszuhalten. Natürlich gibt es keine Garantie, dass nicht doch jemand hellhörig wird, und es wird vermutlich auch eine geraume Weile dauern, aber ich denke, das ist der beste Weg.«
»In Ordnung«, stimmte Jake zu, »es bleibt mir wohl nichts anderes übrig.«
Joanna legte ihm die Hand auf den Arm. »Bist du sicher?«, fragte sie leise. »Warum lassen wir nicht alles, wie es ist? Ich habe Angst, dass dir etwas passiert.«
»Nein«, entgegnete er fest, »ich möchte, dass wir irgendwann zusammen sind, du, Benjamin und ich, also werde ich das Nötige tun. Ich habe von Anfang an gewusst, dass ich ein Risiko eingehe, und dazu werde ich jetzt auch stehen.«
»Wir könnten nach Texas zurückgehen«, schlug sie zögernd vor.
Er dachte einen Moment nach, dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Abgesehen davon, dass ich dich heiraten möchte und dir und unserem Sohn ein anständiges Leben bieten will, hat es keinen Sinn, ewig davonzulaufen. Die Vergangenheit würde uns immer wieder einholen, egal, wo wir uns verstecken.«

»Wir müssen uns überlegen, wie wir die Zeit bis zur Scheidung überbrücken«, sagte Jake, als er abends mit Joanna in der Pension im Bett lag. »Ich schätze, es wäre keine gute Idee, wenn du vorher zu mir ziehen würdest.«
»Nein, das wäre es auf keinen Fall«, stimmte sie zu. »Außerdem muss ich bald nach New Orleans zurück, ich habe nur noch ein paar Tage Urlaub.«
»Was hältst du davon, wenn ich uns hier irgendwo eine kleine Wohnung mieten würde? Wir könnten dort zusammen sein, und ich würde mit Benjamin ab und zu nach Magnolia Haven fahren, um meinen Vater zu besuchen.«
»Hältst du das für klug?«, fragte sie skeptisch. »Wenn du Olivia zu einer gütlichen Trennung bewegen willst, wäre es nicht sehr geschickt, sie gegen dich aufzubringen, indem du quasi mit einer anderen Frau zusammenlebst.«
»Du hast recht.« Er seufzte. »Also läuft doch alles wieder auf ein heimliches Verhältnis hinaus. Ich bleibe auf Magnolia Haven und wir sehen uns abends und an den Wochenenden.«
»Jake, ehrlich gesagt möchte ich mich auch nicht gerne von dir aushalten lassen. Ich könnte mit Benjamin in New Orleans bleiben, bis die Scheidung durch ist, und du könntest uns an den Wochenenden besuchen.«
»Das kommt gar nicht infrage«, brauste er auf. »Denkst, du ich lasse dich jetzt wieder gehen? Und ich möchte auch Benjamin bei mir haben, es reicht mir nicht, euch einmal in der Woche für ein paar Stunden zu sehen.«
Joanna schmunzelte und strich ihm liebevoll eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. »Abgesehen von der Tatsache, dass da auch noch Brian ist, stimmt‘s?«
»Ja, das auch«, brummte er widerstrebend. »Tut mir leid, aber du hast dir nun mal so einen eifersüchtigen Kerl ausgesucht, damit musst du leben.«
»Oh, wenn es immer so endet wie vorgestern Mittag, nehme ich das gerne in Kauf«, neckte sie ihn und stupste spielerisch ein paar Mal mit ihrer Hüfte gegen seinen Unterkörper.
»Jo«, stöhnte er leise und zwickte sie in die Taille, »hör auf mich vom Thema abzulenken.«
Sie balgten sich eine Weile herum, dann wurde er wieder ernst. »Okay, wenn du nicht möchtest, dass ich die Wohnung bezahle, biete ich dir einen Job in der Firma an. Du könntest für mich arbeiten, kannst hier in der Nähe bleiben, und wir können uns täglich sehen.«
»Für dich arbeiten?« Sie hob eine Augenbraue. »Beinhaltet das etwa auch irgendwelche gemeinsamen Geschäftsreisen?«
Jake grinste. »Ich denke, das lässt sich einrichten. Also – was hältst du davon?«
»Scheint so, als ob du nicht eher aufgibst, bis ich einverstanden bin, oder?« Ein Nicken war die Antwort und sie seufzte. »Sie sind ein ziemlich harter Verhandlungspartner, Mr. Prescott.«
»Stimmt Miss Shepherd«, er zog sie wieder enger an sich, »allerdings sind Sie daran nicht ganz unschuldig.«

Ein paar Wochen später hatte Joanna eine Wohnung in der Cross Creek Apartmentsiedlung in Millington gemietet. Sie bestand aus einem kombinierten Wohn- und Essraum mit offener Küche, einem Schlafzimmer und einem Bad. Ein weiterer kleinerer Raum, der eigentlich als Arbeitszimmer gedacht war, diente als Kinderzimmer für Benjamin. Es gab eine kleine Veranda, alles war voll möbliert und mit einem Preis von 785 Dollar erschwinglich. Zu der geschlossenen Appartmentanlage gehörten unter anderem ein Einkaufszentrum, ein Swimmingpool und ein Spielplatz, und Joanna war rundum zufrieden.
Ihren Job in der Bar in New Orleans hatte sie gekündigt, und auch ihr Zimmer bei Brian, der sie nur schweren Herzens gehen ließ.
»Ich wünsche dir alles Gute, Coco«, hatte er beim Abschied gesagt, »ich werde dich vermissen.«
»Vielleicht kommst du uns ja einmal besuchen, wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt«, hatte sie ihm versprochen.
Wie vereinbart hatte Jake ihr einen Job in der Firma gegeben, und so arbeitete sie nun in der Buchhaltung der ‚Prescott Cotton Company‘.
Die Abende und Wochenenden verbrachten sie so oft wie möglich gemeinsam. Jake hatte dann stets Benjamin dabei, sie gingen mit ihm auf den Spielplatz oder unternahmen kleinere Ausflüge in die Umgebung. Sie lebten beinahe wie eine richtige Familie, und obwohl sich das alles heimlich abspielte, war Joanna einigermaßen zufrieden. Manchmal hatte sie ein mulmiges Gefühl, doch wenn sie dann Jake und Benjamin beim Spielen zusah, war sie froh, die beiden bei sich zu haben, und schob die finsteren Gedanken beiseite.
Ihre Bedenken waren jedoch nicht unbegründet, denn es dauerte nicht lange, bis Olivia herausfand, wo Jake seine Freizeit verbrachte.
Seit dem Gespräch in der Bibliothek hatte er das Thema Trennung nicht mehr angesprochen, und so war sie davon ausgegangen, dass er es sich anders überlegt hätte. Doch dann waren die Scheidungspapiere zugestellt worden, und ihr wurde bewusst, dass er die Sache durchziehen würde. Nach wie vor war sie davon überzeugt, dass Joanna ihre Finger im Spiel hatte, und als sie feststellte, dass Jake oft ganze Nächte außer Haus verbrachte, ahnte sie, mit wem er sich traf.
Eines späten Nachmittags folgte sie ihm. In gebührendem Abstand fuhr sie hinter seinem Jeep her, und sah ihn zusammen mit Benjamin in der Cross Creek Apartmentsiedlung verschwinden. Sie stellte ihren Wagen ab und streifte über das weiträumige Gelände, und es dauerte nicht lange, bis ihre Vermutung bestätigt wurde. Dort saß Jake im Sandkasten, Benjamin hatte er auf dem Schoß, und hinter ihm auf der Umrandung, als wäre es das Natürlichste von der Welt, hockte dieses kleine Miststück und hatte ihre Arme um ihn gelegt.
Brodelnder Zorn kochte in ihr hoch. Am liebsten hätte sie sich auf Joanna gestürzt und ihr die Augen ausgekratzt, doch sie bezähmte sich und zog sich unauffällig zurück.
Sie wusste einen besseren Weg, dieses Flittchen ein für alle Mal loszuwerden, einen sehr wirkungsvollen, und danach würde Jake wieder ihr gehören – ihr ganz allein.

13

»Du bist in letzter Zeit oft unterwegs, Junge«, stellte Samuel einige Tage später fest, als er nachmittags zusammen mit Jake im Arbeitszimmer saß und ein paar geschäftliche Dinge besprach.
»Ich besuche Freunde«, erklärte Jake ausweichend.
Samuel hob eine Augenbraue. »Über Nacht?«
»Lass uns doch bitte beim Thema bleiben«, murmelte Jake unangenehm berührt, und fuhr übergangslos fort: »Wie gesagt, im Moment läuft alles ganz gut. Ich konnte einige neue Kunden gewinnen, die bereit sind, im Gegenzug zu einem angemessenen Rabatt größere Mengen unserer Garne abzunehmen. Somit sind zumindest die Löhne und Gehälter sicher, ohne dass wir irgendwelche Entlassungen vornehmen müssen. Ich schätze, das dürfte auch die monatlichen Belastungen für die Hypothek abdecken, sofern die Bank nicht auf die Idee kommt, uns die Daumenschrauben anzulegen. Wenn wir dann noch die Außenstände hereinholen, die aus dem Großauftrag offen sind, den Tom mit ‚Cranfield Industries‘ abgeschlossen hat, ist alles in trockenen Tüchern.«
»Das freut mich zu hören, Jake. Du hast dich enorm angestrengt, um das Desaster wieder in Ordnung zu bringen, das Tom angerichtet hat, ich bin wirklich stolz auf dich«, lobte Samuel zufrieden. »Trotzdem muss ich noch einmal auf dein Privatleben zu sprechen kommen, auch wenn dir das unangenehm ist. Ich sehe es nicht gerne, dass du dich nachts irgendwo herumtreibst.«
»Ich glaube nicht, dass dich das etwas angeht, Vater.«
»Du bist verheiratet, wenn du dich heimlich mit anderen Frauen triffst, geht mich das sehr wohl etwas an«, widersprach Samuel. »Oder soll ich erst warten, bis die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass du deine Frau betrügst?«
Jake seufzte. »Also gut, wenn du es unbedingt wissen willst – ich habe die Scheidung eingereicht.«
»Was? Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Wegen einer Affäre?« Samuel sah aus, als würde er jeden Moment einen Herzinfarkt bekommen.
»Jetzt beruhige dich doch«, beschwichtigte Jake ihn. »Nein, nicht wegen einer Affäre. Die Ehe mit Olivia war ein Fehler, ich hätte sie gar nicht erst heiraten dürfen. Ich habe keine Gefühle für sie, und das wird sich auch niemals ändern. Es ist besser, das zu beenden, in unser beiderseitigem Interesse.«
Samuel musterte ihn einen Augenblick schweigend. »Und was ist mit Benjamin? Was ist mit dem Gerede der Leute? Und der Tatsache, dass du wegen dieser ganzen unseligen Geschichte mit einem Fuß im Gefängnis stehst?«
»Nenn es nicht ‚eine unselige Geschichte‘«, fuhr Jake ihn an. »Joanna war das Beste, was mir je passieren konnte, und sie hat mir einen Sohn geschenkt, also nenn es nie wieder ‚eine unselige Geschichte‘. Das Gerede der Leute ist mir vollkommen egal, und auch die Ehe mit Olivia würde mich im Ernstfall nicht vor einer Strafe bewahren, das weißt du so gut wie ich. Das Ganze würde einer Überprüfung niemals standhalten, ergo ist es sinnlos, weiter daran festzuhalten.«
Müde schloss Samuel die Augen. »Du hast mir nie etwas von Benjamins Mutter erzählt«, murmelte er resigniert. »Du liebst sie wohl immer noch sehr.«
»Allerdings, das tue ich«, betonte Jake energisch. »Und das ist der Hauptgrund, warum ich die Scheidung von Olivia möchte. Ich will Joanna endlich heiraten, das wollte ich von Anfang an.«
»Dann ist sie also die Frau, mit der du dich triffst?«
»Ja.« Als Jake Samuels ablehnendes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Vater, wenn du sie kennen würdest, könntest du mich verstehen.«
»Vermutlich könnte ich es«, dachte Samuel, »aber ich will es nicht.«

»Was ist los?«, fragte Joanna, »Du bist so nachdenklich.«
Sie bereitete in der Küche einen Salat fürs Abendessen zu. Jake hatte gerade Benjamin in sein Bettchen gelegt und stand jetzt am Fenster des Wohnraums und schaute schweigend hinaus.
»Ich hatte heute ein Gespräch mit meinem Vater«, berichtete er, und Joanna zuckte unmerklich zusammen. »Ich habe ihm gesagt, dass ich mich von Olivia scheiden lassen werde, und er war nicht sonderlich begeistert davon.«
»Weiß er, dass wir … hast du ihm erzählt, dass du dich mit mir triffst?«
Jake nickte. »Er hat mich danach gefragt. Ich habe mir überlegt, ob ich ihn nicht einmal mitbringen soll. Es wäre schön, wenn ihr euch kennenlernen würdet.«
»Hältst du das für eine gute Idee?«, fragte Joanna zweifelnd, während eine unbestimmte Angst in ihr aufstieg. »Vielleicht sollten wir damit warten, bis … bis alles andere geregelt ist. Die Situation ist sowieso kompliziert genug. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sonderlich gut auf mich zu sprechen sein wird. Immerhin bin ich der Grund, dass du dich in Schwierigkeiten gebracht hast, und wenn er dann noch erfährt, woher ich komme …«
»Liebling«, Jake trat zu ihr und legte die Arme um sie, »du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Vater liebt Benjamin, und er wird auch dich lieben. Er möchte nur, dass ich glücklich bin, alles andere wird ihn nicht interessieren.«
»Ja, vielleicht hast du recht«, murmelte sie, obwohl sie ganz genau wusste, dass das Gegenteil der Fall war.
Sie kuschelte sich an Jake und barg ihr Gesicht an seiner Brust, sodass er es nicht sehen konnte. Ihr war klar, dass Samuel Prescott nichts unversucht lassen würde, um sie aus dem Leben seines Sohnes zu verbannen. Nachdem er jetzt wusste, dass sie und Jake sich wieder trafen, war es nur eine Frage der Zeit, bis er sie erneut unter Druck setzen würde. Sie fragte sich, ob sie dem gewachsen sein würde, und welche Aussicht ihre Beziehung zu Jake unter diesen Voraussetzungen überhaupt hatte.
Am liebsten hätte sie ihm die Wahrheit gesagt, hätte ihm von dem Telefonat erzählt. Doch er hatte bereits genug Kummer, und sie wollte ihn nicht vor die Wahl stellen, sich zwischen ihr und seinem Vater entscheiden zu müssen.
»Gut, wenn du es gerne möchtest, dann bring ihn irgendwann einmal mit«, sagte sie schließlich leise, während sie sich im Stillen vornahm, sich dieses Mal nicht so schnell einschüchtern zu lassen.
Womit auch immer Samuel Prescott ihr drohen würde, sie würde um Jake und Benjamin kämpfen.

Die Konfrontation mit Jakes Vater kam schneller als erwartet. Es hatte Samuel nur ein paar Telefonate gekostet, um herauszufinden, wo Joanna Shepherd sich aufhielt.
Er hatte sich von George zu den Cross Creek Apartments bringen lassen, und vom Wagen aus beobachtet, wie Jake zusammen mit Benjamin weggefahren war.
Nachdem er vom Verwalter die Wohnungsnummer erfahren hatte, stand er nun vor dem Appartement 7b und klopfte energisch an die Tür.
Joanna hatte wie gewohnt mit Jake und Benjamin gefrühstückt, und war gerade dabei, sich für die Arbeit fertigzumachen.
»Wieso benutzt er nicht seinen Schlüssel?«, dachte sie irritiert, in der Annahme, Jake hätte etwas vergessen.
Sie öffnete und riss im gleichen Moment erschrocken die Augen auf. Obwohl sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte, gab es keinen Zweifel daran, wer dort vor ihr stand.
»Hallo Miss Shepherd«, begrüßte Samuel sie mit einer sonoren Stimme, »darf ich einen Augenblick hereinkommen?«
Mit einem wortlosen Nicken trat sie an die Seite, und er betrat den Wohnraum. Während er sich aufmerksam umschaute, hatte sie Gelegenheit, ihn zu betrachten, und stellte fest, dass er Jake unglaublich ähnlich sah.
Trotz seiner dreiundfünfzig Jahre war Samuel Prescott immer noch ein attraktiver Mann. Das dichte, dunkle Haar war an den Schläfen bereits ergraut, die leicht gebräunte Haut war nur von wenigen Falten durchzogen. Seine Augen waren von einem klaren, kühlen Grau und drückten, genau wie der herrische Zug um seinen Mund, unverkennbar Autorität und Durchsetzungsvermögen aus.
»Ob Benjamin ebenfalls aussehen wird wie Jake, wenn er größer wird?«, schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf, und bei dem Gedanken musste sie lächeln.
»Was ist so erheiternd, Miss Shepherd?«, fragte Samuel gedehnt.
Er hatte sich zu ihr gewandt und musterte sie eindringlich.
»Ich … oh … ich habe gerade an Benjamin gedacht, und mich gefragt, ob er Jake irgendwann auch so sehr ähneln wird«, platzte sie verlegen heraus.
»Sie werden keine Gelegenheit haben, das herauszufinden«, griff er ohne Vorwarnung an. »Ich möchte, dass Sie aus dem Leben meines Sohnes verschwinden, und zwar endgültig. Eigentlich dachte ich, ich hätte mich bereits beim letzten Mal deutlich ausgedrückt, aber offenbar war das nicht der Fall. Daher noch einmal in aller Offenheit: Wenn Ihnen wirklich etwas an Jake und Benjamin liegt, dann lassen Sie die beiden in Ruhe.«
Sekundenlang war Joanna wie vor den Kopf geschlagen, doch sie gewann ihre Fassung sehr schnell wieder.
»Bei allem Respekt, Mr. Prescott, das kann ich nicht und das werde ich auch nicht. Ich liebe Ihren Sohn, und er liebt mich. Benjamin braucht eine Familie, und die werden wir ihm geben, mit Ihrem Einverständnis oder ohne«, erklärte sie ruhig.
»Benjamin hat eine Familie«, betonte Samuel, »und Jake hat eine Frau – eine Frau, die er mit Ihnen betrügt.«
»Eine Frau, die er nicht liebt«, konterte sie. »Wir wissen doch beide, dass diese Ehe eine Farce ist. Jake leidet unter der Situation, können Sie das denn nicht sehen? Ist es Ihnen so wichtig, Ihre Vorstellungen durchzusetzen? Wichtiger als das Glück Ihres Sohnes?«
Samuel machte eine Handbewegung, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen. »Das hatten wir bereits alles besprochen, Sie kennen meine Beweggründe. Was erhoffen Sie sich eigentlich? Finanzielle Vorteile? Sehen Sie sich als künftige Herrin von Magnolia Haven? Falls dem so ist, muss ich Sie leider enttäuschen. Sollten Jake und Sie an dieser Beziehung festhalten, werde ich ihn enterben.«
Angriffslustig reckte Joanna das Kinn vor. »Ich bin an Ihrem Geld nicht interessiert, das habe ich Ihnen auch schon einmal gesagt. Wir waren in Texas mit weitaus weniger zufrieden und glücklich, und das wären wir immer noch, wenn Sie sich nicht eingemischt hätten. Von mir aus enterben Sie ihn, wir können jederzeit wieder irgendwo neu anfangen.«
»Sie wissen, dass ich das nicht zulassen werde, genauso wenig wie beim letzten Mal.«
»Und Sie wissen, dass Ihr Einfluss nicht grenzenlos ist«, erwiderte sie bissig. »Selbst für Sie gibt es Orte auf der Welt, an denen Ihre Macht nicht einen Cent wert ist, und wenn es sein muss, werden wir einen solchen Ort finden.«
Eine ganze Weile starrten sie sich schweigend an, zwei Kämpfer, deren Blicke ein erbittertes Duell ausfochten.
Innerlich bis zum Zerreißen gespannt und zitternd hielt Joanna nach außen vollkommen ruhig der Attacke von Samuels grauen Augen stand.
»Gut«, sagte dieser schließlich, und keine Regung in seinem Gesicht ließ erkennen, was in ihm vorging. »Zumindest wissen wir nun beide, wo wir stehen.«
Er ging zur Tür, Joanna folgte ihm, und bevor er die Wohnung verließ, drehte er sich noch einmal um. »Ich weiß, dass Sie Jake lieben, aber ich liebe ihn auch, vergessen Sie das nicht.«
Die Drohung hinter seinen Worten war offensichtlich, doch sie ersparte es sich, darauf zu antworten.
Mit einem kurzen Kopfnicken wandte Samuel sich um und strebte auf den Ausgang der Wohnanlage zu.
»Jake hatte recht«, dachte er dabei wehmütig, »ich mag sie. Sie ist genau die Frau, die ich mir für ihn gewünscht hätte – aber sie wird niemals seine Frau werden.«

14

Joanna hatte an diesem Morgen Mühe, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Samuels unerwarteter Besuch hatte sie all ihre Kraft gekostet, es war ihr nicht leicht gefallen, ihm so selbstbewusst gegenüberzutreten. Noch immer zitternd versuchte sie, sich in eine Spesenabrechnung zu vertiefen, während sie sich fragte, was er nun wohl tun würde. Er würde nicht eher Ruhe geben, bis er sie endgültig aus Jakes Leben gedrängt hatte, daran gab es keinen Zweifel. Für den Moment war es ihr gelungen, sich ihm zu widersetzen, zumindest verbal, aber würde sie ihm auch die Stirn bieten können, wenn er schwerere Geschütze auffuhr?
»Miss Shepherd?«, riss eine wohlbekannte Stimme sie abrupt aus ihren Grübeleien, und als sie aufschaute, stand Jake vor ihr.
Erstaunt sah sie ihn an, es war ungewöhnlich, dass er hier auftauchte. Sein Gesicht war finster, und sofort bekam sie es mit der Angst zu tun. Hatte Samuel ihm von ihrem Gespräch erzählt?
»Jake«, wollte sie schon herausplatzen, doch mit einem Blick auf ihre Kollegin am Schreibtisch gegenüber schluckte sie es gerade noch herunter. »Mr. Prescott, was kann ich für Sie tun?«
»Ich hätte Sie gerne einen Moment gesprochen«, forderte er sie auf, und sie folgte ihm mit einem Nicken hinaus auf den Gang.
»Was ist los?«, fragte sie ahnungsvoll.
»Jo, du musst mir einen Gefallen tun«, erklärte er leise. »Ich brauche sämtliche Unterlagen aller Geschäfte, die zwischen August und Oktober letzten Jahres abgewickelt wurden. Transportkosten, Verpackungskosten, Abrechnung der Qualitätskontrolle, einfach alles, was an Belegen auffindbar ist.«
»Das wird einen Moment dauern.«
»Bitte so zügig wie möglich, und wenn es geht, ohne großes Aufsehen. Ich bin oben in meinem Büro, bring mir die Sachen hoch, sobald du alles zusammen hast.«
Sie nickte und betrachtete dann besorgt sein angespanntes Gesicht. »Jake, was ist passiert? Stimmt etwas nicht?«
»Noch nicht«, erwiderte er düster, »aber wenn wir nicht schnellstens etwas tun, steht uns eine Klage ins Haus, die unseren Ruin bedeutet.«

Ein paar Stunden später betrat Joanna das Büro der Geschäftsführung, und nachdem sie der Sekretärin ihren Namen genannt hatte, wurde sie direkt zu Jake vorgelassen.
Er saß an seinem Schreibtisch, einen Berg von Papieren vor sich, blätterte mit verbissener Miene darin herum und machte sich nebenbei Notizen auf einem Block.
»Hier sind die Belege, die du haben wolltest«, sagte sie und stellte einen großen Karton mit mehreren dicken Aktenordnern neben den Tisch. »Kann ich dir helfen?«, bot sie dann an, und Jake nickte.
Wenig später saßen sie auf dem Boden, wühlten sich gemeinsam durch die unzähligen Unterlagen, und es war beinahe zweiundzwanzig Uhr, als Jake schließlich genug Informationen beisammen hatte.
»Tom«, stieß er zornig aus, »dieser verdammte Dreckskerl. Er hat aus minderwertiger Baumwolle Garn anfertigen lassen und es als Qualitätsgarn an Cranfield Industries verkauft. Offiziell hat er die Wolle angeblich zu einem Dumpingpreis an einen unbekannten Zwischenhändler abgegeben, und den Überschuss in die eigene Tasche gesteckt.«
»Wie kann das sein? Du hast doch nach deiner Rückkehr alles kontrolliert, ist dir nichts aufgefallen?«
Jake schüttelte frustriert den Kopf. »Nein. Zum einen hat er die Unterlagen sehr geschickt manipuliert, und zum anderen habe ich natürlich nicht jeden Beleg einzeln überprüft. Ich war mehr darauf konzentriert, die Verluste hereinzuholen, die er verursacht hat, ich konnte ja nicht ahnen, dass er zu solchen Mitteln greifen würde.«
»Und jetzt?«
»Keine Ahnung«, müde rieb er sich den Nacken, »wir müssen versuchen, den Schaden irgendwie zu begrenzen. Abgesehen davon, dass Cranfield die Rechnung für das Garn noch nicht beglichen hat, droht er mit einer Schadensersatzklage in Millionenhöhe. Wenn er das wahr macht, verlieren wir alles, sowohl die Firma als auch Magnolia Haven. Ich muss mit Vater sprechen. Cranfield und er kennen sich gut, eventuell kann er mit ihm verhandeln.«
Mitfühlend legte sie ihm die Hände auf die Schultern und massierte sanft seine verspannten Muskeln.
»Mach dir keine Vorwürfe, es ist nicht deine Schuld«, sagte sie leise. »Du hast alles getan, was du konntest, und vielleicht findet sich ja eine Lösung.«
Er griff nach ihrer Hand und küsste sie. »Hoffentlich. Ich möchte gar nicht daran denken, was sonst passieren wird.«

Müde und erschöpft betrat Joanna gegen Mitternacht ihre Wohnung. Jake war nach Magnolia Haven gefahren, um mit seinem Vater zu sprechen, und sie hatte nur noch den Wunsch, in ihr Bett zu fallen, und diesen furchtbaren Tag zu vergessen.
Doch als sie sich nach der Post bückte, die hinter der Wohnungstür auf dem Boden lag, erwartete sie bereits der nächste Tiefschlag. Zwischen ein paar Rechnungen und Reklame fand sie einen Briefumschlag ohne Anschrift und ohne Absender.
Verwundert drehte sie ihn in den Fingern hin und her, dann riss sie ihn auf.
Er enthielt ein Foto und ein kleines Stück Papier. Sie faltete den Zettel auseinander, nur vier Worte standen darauf: »Er liebt nicht DICH«. Das Ganze war in krakeligen Druckbuchstaben geschrieben, zweifellos hatte jemand die falsche Hand benutzt, um die Handschrift zu verstellen.
Ein weiterer Blick auf das Bild genügte, um Übelkeit in ihr aufsteigen zu lassen.
Die Aufnahme zeigte einen etwa achtzehnjährigen Jake, der fröhlich in die Kamera grinste. Er hatte seinen Arm um eine junge Frau gelegt, die den Kopf in seine Richtung geneigt hatte und ihn verliebt anlächelte. Die beiden wirkten sehr vertraut, und Joanna stellte entsetzt fest, dass dieses Mädchen ihre Zwillingsschwester hätte sein können. Das kastanienfarbene Haar, das ovale, zarte Gesicht, die schmale Nase, der volle Mund – sie war das komplette Ebenbild von ihr. Die Augenfarbe war nicht zu erkennen, ihre Figur etwas dünner, der Busen ein wenig kleiner, aber sonst glich sie ihr wie ein Ei dem anderen.
Joanna ließ das Foto fallen, als hätte sie sich die Finger verbrannt. Dann bückte sie sich, hob es auf und starrte erneut darauf.
Wer war diese Frau? Hatte Jake sie geliebt? Und, was noch viel wichtiger war, liebte er sie, Joanna, nur, weil sie ihr ähnlich sah?
Das Bild verschwamm vor ihren Augen, ein anderes tauchte auf.
Das Esszimmer auf Magnolia Haven, der erste Morgen direkt nach ihrer Ankunft. Olivia und Michael, die am Frühstückstisch saßen, und Jake – Jake, der sie anstarrte, als sei sie ein Gespenst.
War das der Grund dafür gewesen? Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie trotz aller Intimität zwischen ihnen nur wenig von seiner Vergangenheit wusste.
Sie kannte seine Lieblingsgerichte, seinen Musikgeschmack, seine Ansichten über viele Dinge.
Sie kannte seine Mimik und Gestik, wusste, wann er glücklich war, wann er wütend oder traurig war.
Sie kannte jeden Zentimeter seines Körpers, seine Reaktionen auf ihre Zärtlichkeiten, seine Vorlieben und Wünsche beim Sex.
Sie war ihm so nah gewesen – aber offenbar nicht nah genug.
Mit zitternden Fingern schob sie Zettel und Bild wieder in das Kuvert. Müde und verstört ging sie hinüber ins Schlafzimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett. Voller Schmerz nahm sie Jakes Kopfkissen und vergrub ihr Gesicht darin, sog seinen Duft in sich auf und eine andere Frage formte sich in ihren Gedanken: Wer hatte ihr diesen Umschlag geschickt?
Sie dachte an Samuel Prescotts Besuch am Morgen. War dieses Foto seine Art, ihr klarzumachen, dass sie nicht die richtige Frau für seinen Sohn war?

Der nächste Vormittag verging, ohne dass Joanna etwas von Jake hörte. Ihr war klar, dass er damit beschäftigt war, die drohende Katastrophe von der Firma und Magnolia Haven abzuwenden, und sie war nicht böse darüber. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihm gegenübertreten sollte, ob sie schweigen oder ihn zur Rede stellen sollte.
Würde er ihr überhaupt die Wahrheit sagen? Würde er vielleicht sogar wütend darüber werden, dass sie anfing, in seiner Vergangenheit herumzustochern? Oder gab es eine ganz harmlose Erklärung, und die Dinge waren nicht so, wie sie aussahen?
Als Jake am Abend in der Wohnung anrief, um ihr mitzuteilen, dass er heute nicht vorbeikommen würde, hörte er sich sehr bedrückt an.
»Liebling, ich bleibe heute hier auf Magnolia Haven. Vater ist ziemlich mitgenommen, und ich möchte ihn nicht gerne allein lassen.«
»Natürlich. Gibt es denn etwas Neues? Konntet ihr bei Cranfield etwas erreichen?«
Er zögerte. »Ja, Vater konnte ihn zumindest davon überzeugen, dass er vorerst keine Klage einreicht«, erklärte er. »Aber damit ist es noch nicht ausgestanden. Seine Anwälte erwarten ein Vergleichsangebot, und das beläuft sich auf einen Betrag, den wir nicht aufbringen können, ohne die Firma und Magnolia Haven zu verkaufen.«
»Oh Jake«, murmelte sie betroffen, »das tut mir so leid. Ist es wirklich so viel?«
»Sie wollen 2,5 Millionen Dollar. Im Vergleich zu der Summe, die uns eine Schadensersatzklage gekostet hätte, ist das ein Klacks. Doch dadurch, dass Tom in den wenigen Monaten alles komplett heruntergewirtschaftet hat, weiß ich nicht, wo wir das Geld hernehmen sollen. Alles, was wir noch haben, steckt in der Firma, Magnolia Haven ist schon mit einer Hypothek belastet, und die Bank ist nicht bereit, uns einen derart hohen Kredit zu bewilligen. Es wird wohl auf einen Verkauf hinauslaufen, und selbst das wird nicht alle Verbindlichkeiten abdecken. Vielleicht müssen wir Konkurs anmelden.«
»Und es gibt keine andere Möglichkeit?«
»Wahrscheinlich nicht«, erklärte er niedergeschlagen. »Vater wird morgen versuchen, ein Privatdarlehen zu bekommen. Das dürfte aber auch schwierig werden, denn keiner seiner Freunde wird so ohne Weiteres 2,5 Millionen Dollar herausrücken.«
Sie schwiegen einen Moment, dann sagte Jake: »Ich muss jetzt Schluss machen. Es war ein harter Tag heute, und es werden wohl noch ein paar anstrengende Tage folgen. Ich melde mich morgen wieder bei dir, und wenn es klappt, schaue ich am Abend vorbei.«
»In Ordnung. Gib Benjamin einen Kuss von mir. Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Liebling. Ich liebe dich.«
»Ich dich auch«, flüsterte sie bedrückt und dachte an das Foto.
»Bis morgen, und mach dir keine Gedanken«, sagte er leise. »Was auch immer passieren wird, zwischen uns ändert sich nichts.«

15

Privatdarlehen. Er liebt nicht dich. Zweieinhalb Millionen Dollar. Zwischen uns ändert sich nichts. Konkurs.
Die ganze Nacht kreisten Joannas Gedanken um die vergangenen Ereignisse, und immer wieder ratterten die gleichen Dinge durch ihren Kopf.
Hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, Jake mit dem Foto zu konfrontieren und dem Wunsch, ihm zu helfen, hatte sie am frühen Morgen plötzlich eine Eingebung gehabt.
Sie duschte sich, trank in Ruhe eine Tasse Kaffee, und allmählich nahm der Plan Gestalt an. Es gab keine Garantie, aber es war zumindest einen Versuch wert.
Nachdem sie alles noch einmal durchdacht hatte, rief sie Jake auf seinem Handy an.
»Jo? Ist etwas passiert?«, fragte er besorgt anstelle einer Begrüßung.
»Nein, alles in Ordnung«, beruhigte sie ihn. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich ein paar Tage wegfahre. Dann hast du den Rücken frei und kannst dich ganz auf die Cranfield-Sache konzentrieren.«
»Wegfahren? Wo willst du denn hin?«
»Ich dachte, es wäre nett, Carol und Taylor zu besuchen«, schwindelte sie. »Ich vermisse die beiden, und sie würden sich bestimmt freuen.«
Er zögerte einen Moment. »Ich weiß nicht. Wie lange willst du denn wegbleiben?«
»Vielleicht zwei bis drei Tage, eventuell eine Woche – höchstens.«
»Na gut«, stimmte er schließlich zu, »auch wenn du mir furchtbar fehlen wirst. Aber du hast recht, ich werde nicht viel Zeit finden, mich um dich zu kümmern, also ist es keine schlechte Idee. Ich gebe in der Firma Bescheid, dass du eine Weile Urlaub nimmst.«
»Gut, vielen Dank.«
»Schon gut. Bestell Carol und Taylor schöne Grüße von mir. Wenn ich das alles hier hinter mir habe, können wir ihnen ja mal gemeinsam mit Benjamin einen Besuch abstatten.«
»Das wäre toll, bestimmt würden sie sich freuen.«
»Pass auf dich auf, Liebling«, sagte er eindringlich, »ich möchte dich heil und gesund zurückhaben.« Sie konnte hören, wie er schluckte, dann fügte er leise hinzu: »Du wirst doch zurückkommen, oder?«
»Ja, das werde ich«, versprach sie ihm, »Mach dir keine Gedanken. Wenn etwas sein sollte, kannst du mich jederzeit auf dem Handy anrufen.«
Sie verabschiedeten sich voneinander, und erleichtert legte Joanna den Hörer auf.
So weit, so gut. Das war der einfache Teil ihres Vorhabens gewesen. Wer auch immer ihr das Foto geschickt hatte, würde sicher mitbekommen, dass sie wegfuhr, und erst einmal annehmen, dass sie Jake verlassen hätte. Damit hätte sie dieses Thema zunächst auf Eis gelegt und konnte sich um das dringendere Problem kümmern: Geld für Magnolia Haven aufzutreiben.
Sie ging ins Schlafzimmer, nahm ihren Koffer vom Schrank und packte ein paar Sachen ein. Eine knappe halbe Stunde später saß sie in ihrem Auto und war auf dem Weg nach Atlanta.

Mit klopfendem Herzen stand Joanna am späten Nachmittag vor der gewundenen Einfahrt, die zu einer großen Villa führte, deren weiße Wände durch die Bäume hindurchschimmerten. Wehmütig stellte sie fest, dass das Gebäude sie an das Herrenhaus auf Magnolia Haven erinnerte, wenngleich es moderner und nicht ganz so prunkvoll aussah.
Rasch schob sie diesen Gedanken beiseite und versuchte, sich auf das vor ihr liegende Gespräch zu konzentrieren. Mit gemischten Gefühlen lief sie den gepflegten Kiesweg entlang, bis sie vor der Eingangstür der Villa stand. Nach einem tiefen Atemzug drückte sie auf die Klingel, und kurz darauf öffnete ihr ein livrierter Bediensteter, der sie hochmütig ansah.
»Ja, bitte?«
»Ich … ich möchte gerne zu Mr. Bentley – Mr. Richard Bentley.«
»In welcher Angelegenheit?«, fragte der Butler, während er seinen Blick naserümpfend über ihre Jeans und ihr T-Shirt gleiten ließ.
»Es … es ist privat«, erklärte Joanna und fügte dann noch hinzu: »Und wirklich sehr dringend.«
Der Mann öffnete den Mund, und sie rechnete bereits damit, dass er sie abweisen würde, da ertönte eine Stimme aus der Halle.
»Sheldon, wer ist da?«
Der Bedienstete drehte sich um. »Eine junge … Dame, Sir, sie möchte zu Ihnen.«
»Nun, was stehen Sie dann noch da herum? Lassen Sie sie herein und führen Sie sie in mein Arbeitszimmer, ich komme gleich.«
»Jawohl Sir.«
Der Butler gab den Weg frei und machte eine auffordernde Handbewegung. Zögernd betrat Joanna die Eingangshalle, folgte dem Mann danach zu einer Tür, die er öffnete. Er bedeutete ihr, einzutreten, und verschwand mit den Worten: »Mr. Bentley wird sofort da sein.«
Nervös schaute Joanna sich um. Der Raum ähnelte Jakes Arbeitszimmer auf Magnolia Haven. An einer Wand gab es Regale, die mit Büchern und Aktenordnern gefüllt waren, an der anderen befand sich eine lederne Sitzgarnitur mit einem Glastisch. Vor dem Fenster, durch das man in den Garten sehen konnte, stand ein wuchtiger Schreibtisch mit einem bequem aussehenden Bürosessel.
Während sie sich im Geiste noch ihre Worte zurechtlegte, wurde hinter ihr die Tür geöffnet, und sie drehte sich um.
Der Mann, der eingetreten war, war schätzungsweise Anfang vierzig, groß, sehr schlank, hatte dunkles, kurzgeschnittenes Haar, das an den Schläfen leicht ergraut war. Er trug einen hellgrauen Anzug, dazu ein dunkelblaues Hemd und eine dezent gemusterte Krawatte, die Füße steckten in ein paar elegant aussehenden Lederslippern. Warme, braune Augen schauten sie durch eine goldgeränderte Brille an, musterten sie aufmerksam.
Im gleichen Moment wurde Joanna bewusst, dass es ihr Vater war, der ihr dort gegenüberstand, und plötzlich hatte sie einen dicken Kloß im Hals.
»Guten Tag«, brachte sie krächzend heraus, »Mein Name ist …«
»Elisabeth«, sagte er im selben Augenblick fassungslos. »Mein Gott, du siehst genau aus wie sie.«
Tränen schossen ihr in die Augen. »Ich bin Joanna«, murmelte sie mit erstickter Stimme, »Joanna Shepherd, Elisabeths Tochter … und Ihre Tochter.«
Er schluckte, war offensichtlich zu aufgewühlt, um etwas zu sagen. Eine Weile standen sie bewegungslos da und schauten sich wortlos an. Schließlich fand er seine Sprache wieder, räusperte sich und deutete auf die Couch.
»Setz dich, ich denke, wir haben uns einiges zu erzählen.«
Joanna nickte und ließ sich zögernd auf der Kante des Sofas nieder. Sie beobachtete, wie er zu einem kleinen Schrank ging, sich einen Whiskey einschenkte und dann mit dem Glas in der Hand in einem Sessel ihr gegenüber Platz nahm.
»Wie geht es Elisabeth? Ist sie auch hier?«
»Nein«, Joanna schluckte, »Nein, sie ist … sie lebt nicht mehr.«
Er wurde blass. »Was? Aber wie …?«
Mit zitternden Händen kramte sie das Medaillon und den Brief aus der Tasche und reichte ihm beides. »Vielleicht sollten Sie das lesen.«
»Die Kette habe ich ihr damals zum Geburtstag geschenkt«, sagte er leise und strich liebevoll mit Fingern über den Anhänger.
Dann überflog er das Schreiben und ließ das Blatt anschließend sichtbar erschüttert sinken.
»Ich hatte ja keine Ahnung«, murmelte er tonlos. »War sie die ganzen Jahre bei diesem … diesem Zuhälter?«
Joanna nickte, und nach kurzem Zögern berichtete sie vom »Red Lantern«. Als sie fertig war, standen ihm die Tränen in den Augen.
»Es tut mir so leid, so unendlich leid. Wenn ich nur gewusst hätte …« Er stockte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ich habe deine Mutter sehr geliebt, aber ich war schon gebunden. Die Ehe mit Charlotte bin ich auf das Betreiben meiner Eltern eingegangen, sie waren der Meinung, mir eine ‚standesgemäße‘ Partie aussuchen zu müssen. Ich war nicht unglücklich mit ihr, doch die große Leidenschaft war es nie. Als deine Mutter anfing, bei uns zu arbeiten, habe ich mich Hals über Kopf in sie verliebt. Natürlich war an eine Scheidung nicht zu denken, abgesehen von dem Skandal, den es gegeben hätte, war zu diesem Zeitpunkt bereits mein Sohn David auf der Welt. Dann war Elisabeth plötzlich von einem Tag auf den anderen verschwunden, ohne ein Wort. Ich habe ganz Atlanta nach ihr abgesucht, habe einen Privatdetektiv auf sie angesetzt, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt. Irgendwann habe ich mich schließlich damit abgefunden und mich auf meine Ehe konzentriert. Charlotte weiß bis heute nichts von dieser Sache.« Er schwieg einen Moment und starrte nachdenklich in sein Glas. »Tja, sieht so aus, als hätte die Vergangenheit mich jetzt eingeholt«, murmelte er dann bedrückt vor sich hin.
»Ich … ich bin nicht hier, um Ihnen irgendwelchen Ärger zu machen«, erklärte Joanna rasch, innerlich sehr aufgewühlt von der ganzen Situation. »Es ist nur … ich brauche Hilfe.«
Als er sie fragend anschaute, berichtete sie ihm in groben Zügen von ihrer Beziehung zu Jake, und von den Schwierigkeiten, in die Tom seine Familie gebracht hatte. »Vielleicht wird Ihnen meine Bitte ziemlich unverschämt vorkommen, aber Sie sind der Einzige, der mir helfen könnte.«
Er pfiff leise durch die Zähne. »Zweieinhalb Millionen Dollar.«
»Ich weiß, es ist eine Menge Geld, doch es soll nur ein Darlehen sein. Jake wird wie ein Besessener arbeiten, um es zurückzuzahlen, und er wird es schaffen, wenn er die Chance dazu bekommt.«
»Du liebst ihn wohl sehr«, lächelte Richard.
»Ja, das tue ich«, erklärte Joanna ernst. »Ich will nicht, dass er alles verliert, zumal ich auch ein wenig daran schuld bin, dass es so weit gekommen ist. Wenn ich nicht gewesen wäre, hätte Tom niemals die Firma in die Finger bekommen. Außerdem wird es einmal das Erbe meines Sohnes sein, das ist der zweite Grund, warum ich unbedingt etwas tun möchte.«
Nach einem kurzen Moment des Schweigens nickte er schließlich. »Gut. Ich hatte in den all den Jahren keine Gelegenheit, mich um dich zu kümmern, das ist jetzt meine Chance, ein bisschen wieder gutzumachen. Die ‚Prescott Cotton Company‘ ist ein renommiertes Unternehmen. Ich kenne den alten Prescott von diversen gesellschaftlichen Anlässen, und wenn sein Sohn nur halb so zäh ist wie er, muss ich mir sicher keine Gedanken um die Rückzahlung machen. Ich werde mit deinem Jake sprechen und ihm meine Hilfe anbieten.«
»Nein«, sagte Joanna rasch, »ich möchte, dass Sie mir das Geld leihen, und ich werde es in die Firma investieren.«
Er runzelte die Stirn. »Ich nehme an, es gibt einen Grund dafür?«
»Ja, aber das ist sehr kompliziert.« Sie sah ihn eindringlich an und wechselte unbewusst zum vertraulichen ‚Du‘ über. »Bitte, vertrau mir. Ich schwöre dir, dass du jeden Cent zurückbekommen wirst, wir können das gerne schriftlich festhalten.«
»In Ordnung«, nickte er nach kurzem Überlegen, »du hast morgen 2,5 Millionen Dollar auf deinem Konto. Ich verzichte auf einen Schuldschein, du bist schließlich meine Tochter.« Er schmunzelte und fügte dann hinzu: »Nur eine Bitte habe ich – wenn sich die Wogen geglättet haben, möchte ich, dass du mich mit meinem Enkelsohn besuchen kommst.«
»Natürlich«, versprach Joanna und lächelte zaghaft, »das mache ich, Vater.«

16

Obwohl es bereits spät war, fuhr Joanna noch am gleichen Abend zurück nach Millington. Zuvor rief sie kurz bei Jake an, um ihm mitzuteilen, dass es ihr gut ging, und sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Wie erwartet, hatte sich bisher kein Geldgeber gefunden, und ein bisschen nervös machte sie sich auf den Heimweg.
Die restliche Zeit bis zum Morgen verbrachte sie mehr oder weniger schlaflos in ihrem Bett, und nach einem schnellen Frühstück stattete sie Phillip einen Besuch ab.
»Ich weiß, ich platze mal wieder ohne einen Termin hier rein, aber es ist dringend«, entschuldigte sie sich. »Es wird auch nicht lange dauern.«
Wenig später verließ sie die Kanzlei, mit Phillips Versprechen, Jake nichts zu erzählen, und einem Vertragsentwurf in der Tasche.
Zurück in ihrer Wohnung rief sie ihre Bank an, und vergewisserte sich, dass Richard den Betrag wie versprochen überwiesen hatte. Anschließend wählte sie Marthas Handynummer und hoffte, dass sie zu erreichen war. Tatsächlich hatte sie Glück und Martha meldete sich bereits nach dem ersten Klingeln.
»Ich bin es, Joanna«, begrüßte sie die junge Frau, die in den letzten Wochen zu einer guten Freundin geworden war. »Ist Jake da?«
»Nein, er ist in die Firma gefahren.«
»Allein oder mit seinem Vater?«
»Allein. Joanna, was …?«
»Gut. Ist Olivia da?«, fragte Joanna weiter.
»Die ist oben in ihrem Zimmer. Willst du mir nicht sagen, was los ist?«
»Später. Du musst mir einen Gefallen tun. Ich werde jetzt nach Magnolia Haven rausfahren, in etwa dreißig Minuten bin ich da. Ich stelle den Wagen außerhalb ab, damit mich niemand sieht. Ich möchte, dass du mich ins Haus lässt, ohne dass Olivia etwas mitbekommt. Ich muss mit Jakes Vater sprechen. Würdest du das tun?«
»Ja, natürlich«, erwiderte Martha entgeistert. »Joanna, bist du sicher, dass du weißt, was du tust?«
»Ich war mir noch nie so sicher«, bestätigte Joanna trocken. »Also, bis gleich.«
Eine knappe halbe Stunde darauf parkte sie ihr Auto in einem kleinen Seitenweg in der Nähe der Einfahrt von Magnolia Haven. Im Schatten der Bäume lief sie zum Haus und betete, dass man sie nicht erwischen würde, bevor sie Samuel gesprochen hatte.
Martha hatte anscheinend schon nach ihr Ausschau gehalten, denn als sie in Reichweite des Eingangs war, öffnete sich die Tür.
»Schnell, komm rein«, flüsterte sie verschwörerisch, »Olivia ist noch oben und Mr. Prescott ist im Arbeitszimmer.«
»Bitte pass auf, dass uns niemand stört, vor allem Jake nicht, falls er zurückkommen sollte. Lenk ihn irgendwie ab, bis ich wieder verschwunden bin«, wisperte Joanna zurück.
Martha nickte. »Okay, du kannst dich auf mich verlassen.«
Joanna trat auf das Arbeitszimmer zu, holte noch einmal tief Luft, klopfte an und schlüpfte rasch hinein, ohne auf eine Antwort zu warten.
Sie schloss die Tür hinter sich und ging dann mit festen Schritten auf Samuel zu, der sie mehr als erstaunt anschaute.
»Miss Shepherd«, entfuhr es ihm entgeistert, »Sie sind die Letzte, die ich hier erwartet hätte.«
»Hallo Mr, Prescott«, begrüßte sie ihn, »ja, wie Sie sehen, habe ich mich in die Höhle des Löwen getraut. Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.«
»Es tut mir leid, aber das ist kein guter Zeitpunkt. Ich nehme an, dass Jake Ihnen erzählt hat, was passiert ist.«
Joanna nahm auf einem der Stühle vor dem Schreibtisch Platz. »Ja, ich bin im Bilde, und deswegen bin ich auch hier. Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.«
»Ein Angebot? Wie darf ich das verstehen?«
»Ich bin bereit, Ihnen aus Ihrer Misere zu helfen, allerdings knüpfe ich daran einige Bedingungen.«
Ein abschätziges Lächeln glitt über Samuels Gesicht. »Ich wüsste nicht, wie ausgerechnet Sie dazu in der Lage sein sollten.«
Joanna stand auf und deutete auf den PC, der auf einem kleinen Seitentisch stand. »Darf ich kurz?«
Ohne Samuels Antwort abzuwarten, nahm sie die Maus in die Hand und öffnete den Browser. Sie gab die URL ihrer Bank ein, und nachdem die Seite geladen war, loggte sie sich in ihr Konto ein und rief ihren Kontostand auf. Mit dem Finger tippte sie auf das Guthaben.
»Ich nehme an, das dürfte reichen«, sagte sie ruhig.
Samuel starrte ungläubig auf den Bildschirm, dann wandte er sich wieder Joanna zu, blass und sichtlich erschüttert.
»Was haben Sie vor?«, murmelte er tonlos. »Wollen Sie sich die Firma und Magnolia Haven unter den Nagel reißen?«
Joanna schüttelte den Kopf. »Nein, das ist nicht meine Absicht.«
»Was wollen Sie dann?«, ächzte er verständnislos.
»Ich werde Ihnen das Geld zur Verfügung stellen, damit Sie den außergerichtlichen Vergleich mit Cranfield Industries abwickeln können. Ich werde Jake als neuen Eigentümer des gesamten Besitzes eintragen lassen, sobald wir verheiratet sind. Im Gegenzug dafür verlange ich, dass Sie Olivia dazu bewegen, in die Aufhebung der Ehe einzuwilligen. Und vor allem«, sie machte eine kurze Pause und schaute Samuel fest in die Augen, »möchte ich, dass Sie meine Beziehung zu Jake akzeptieren und nicht mehr versuchen, uns auseinander zu bringen. Ich habe Jake bisher nichts von Ihren ‚Interventionen‘ erzählt, und dabei werde ich es auch belassen. Er muss nicht erfahren, dass sein eigener Vater seine Existenz in Texas sabotiert hat.«
Samuel wurde noch eine Spur weißer. »Woher wissen Sie …?«
»Mr. Prescott, ich komme vielleicht aus schlechten Verhältnissen, doch ich bin nicht dumm. Als Jake nach Ihrem Telefonat mit mir plötzlich Probleme hatte, seine Baumwolle zu verkaufen, obwohl sie von erstklassiger Qualität war, war mir klar, dass Sie dahinter stecken. Wie gesagt, ich werde ihm nichts davon sagen, und auch nicht erwähnen, dass Sie mich mehr oder weniger erpresst haben, damit ich ihn verlasse. Dafür erwarte ich, dass sie uns künftig in Frieden lassen. Ich verlange nicht, dass Sie mir um den Hals fallen, aber Sie sollten Jake, Benjamin und mir eine Chance geben.« Sie schwieg einen Moment und fügte dann leise hinzu: »Ich wünsche mir ein erfülltes Familienleben, und ich würde mich freuen, wenn Sie ein Teil davon wären.«
Abrupt drehte Samuel sich herum und starrte aus dem Fenster.
Nach einer ganzen Weile räusperte er sich. »Haben Sie das mit Jake abgesprochen?«
»Nein. Er weiß weder, dass ich hier bin, noch von meinem Angebot und ich möchte auch nicht, dass er es erfährt. Er würde das Geld nicht annehmen, wenn er wüsste, dass es von mir ist. Ich will seinen Stolz nicht verletzen, sagen Sie ihm einfach, dass einer Ihrer Freunde Ihnen ein zinsloses Darlehen bewilligt hat.«
»Und wenn ich ablehne?«
»Mit dem Betrag, der mir zur Verfügung steht, können Jake, Benjamin und ich jederzeit irgendwo neu anfangen – es liegt also bei Ihnen.« Joanna nahm die Vertragsunterlagen aus der Tasche, die Phillip vorbereitet hatte. »Aufgrund unserer bisherigen Gespräche werden Sie sicher verstehen, dass ich eine schriftliche Vereinbarung treffen möchte, falls Sie sich entscheiden, auf meinen Vorschlag einzugehen. Hier sind alle Konditionen festgehalten, lesen Sie es sich bitte noch einmal durch. Wenn Sie bereit sind, zu unterschreiben, werde ich das Geld direkt im Anschluss auf Ihr Privatkonto überweisen, von dort aus können Sie es dann weiter transferieren.«
Schweigend überflog Samuel die Papiere und nickte resigniert. »Sieht so aus, als hätte ich keine andere Wahl, oder?«
»Doch Mr. Prescott, eines habe ich in den letzten Tagen gelernt: Man hat immer eine Wahl.«
Ein kleines Lächeln spielte um seine Mundwinkel, er griff nach seinem Füllfederhalter, setzte seine Unterschrift auf die Dokumente, reichte dann Joanna eines der Exemplare.
»Gut, dann brauchen wir die Übertragung von Magnolia Haven und der Firma nur noch notariell beglaubigen und im Grundbuch eintragen lassen, und alles ist in Ordnung. Ich werde jetzt gleich zur Bank fahren und die Überweisung des Geldes veranlassen.«
»Mir scheint, ich habe Sie unterschätzt«, sagte Samuel. »Sie würden eine gute Geschäftsfrau abgeben, und …«, er zögerte einen Moment, »eine gute Frau für Jake.«
Joanna lächelte. »Es freut mich, das zu hören, auch wenn ich Sie gewissermaßen zu dieser Einsicht zwingen musste. Aber ich liebe Jake, und ich verspreche Ihnen, dass ich alles tun werde, um ihn glücklich zu machen.«
»Ich weiß«, sagte er leise, »das wusste ich die ganze Zeit.«

Es gelang Joanna, Magnolia Haven ungesehen zu verlassen, und als sie schließlich wieder in ihrer Wohnung war, hätte sie am liebsten einen Freudentanz aufgeführt. Alles hatte wie geplant funktioniert, sie hatte Magnolia Haven und die Firma für Jake gerettet, die Scheidung von Olivia würde kein Problem mehr darstellen, und es sah so aus, als wäre Samuel Prescott endlich zur Einsicht gekommen.
Die Sache mit dem Foto war jedoch noch nicht ausgestanden und dämpfte ihre Euphorie. Nach wie vor war sie überzeugt, dass Samuel derjenige gewesen war, der den Umschlag in ihren Briefschlitz geworfen hatte. Auch wenn sie jetzt von ihm vermutlich nichts mehr zu befürchten hatte, blieb doch der quälende Gedanke, dass Jake vielleicht nicht um ihrer selbst willen mit ihr zusammen war, sondern weil sie ihn an eine andere Frau erinnerte.
Sie wusste, dass sie erst zur Ruhe kommen würde, wenn sie die Wahrheit kannte, und sie war sich nicht sicher, ob sie diese von Jake erfahren würde.
Nach längerem Überlegen kam sie zu dem Entschluss, dieses Problem zunächst zu vertagen, bis alle anderen Dinge geregelt waren. Jake würde sich über die neueste Entwicklung freuen, und sie wollte ihm diese Freude nicht verderben, indem sie in seiner Vergangenheit herumwühlte und irgendwelche Anschuldigungen erhob.
Als Jake sie gegen Abend anrief, war er, wie erwartet, bester Laune.
»Liebling, ich habe gute Neuigkeiten«, berichtete er begeistert. »Vater hat jemanden gefunden, der uns ein Darlehen gewährt, und Cranfield ist bereit, sich mit uns zu einigen. Magnolia Haven und die Firma sind in Sicherheit.«
»Jake, das ist toll«, stellte sie sich ahnungslos, freute sich jedoch aufrichtig darüber, dass er so glücklich war.
»Und es kommt noch besser«, fuhr er überschwänglich fort, »Offenbar hatte Vater ein Gespräch mit Olivia, und er hat sie wohl überzeugt, einer Annullierung der Ehe zuzustimmen. Ich werde also in Kürze ein freier Mann sein, und dann kann ich endlich das tun, wonach ich mich am meisten sehne: Dich zu meiner Frau machen.«
Sofort sah sie das Foto vor sich, und sofort versuchte sie, es wieder zu verdrängen. »Immer langsam, wir haben so lange gewartet, da müssen wir es ja nicht gleich überstürzen«, bremste sie ihn sachte.
»Apropos warten – wann kommst du zurück? Nachdem sich nun alles so positiv entwickelt hat, kann ich es kaum abwarten, dich im Arm zu halten, und ein bisschen mit dir zu feiern.«
»Soso, feiern willst du«, zog sie ihn auf, »du denkst doch bestimmt an etwas ganz anderes.«
»Erwischt«, gab er mit einem leisen Lachen zu. »Wie wäre es mit Champagner und Erdbeeren im Bett?«
»Das hört sich gut an. Also, wenn ich mich gleich morgen früh ins Auto setze, kann ich gegen Abend da sein.«
»Prima, dann sehen wir uns morgen Abend. Bestell Taylor und Carol einen schönen Gruß von mir, und sag ihnen, wir kommen sie bald besuchen. Und fahr bitte vorsichtig.«
»Mache ich«, versprach sie, »gib Benjamin einen Kuss von mir. Bis morgen, Liebling.«
Sie verabschiedeten sich, und mit einem leicht schlechten Gewissen legte Joanna den Hörer auf. Es behagte ihr gar nicht, Jake anzuschwindeln, aber in diesem Fall war es nötig gewesen. Sobald sich die Dinge eingependelt hatten, würde sie ihm alles erzählen, und er würde es ihr sicher nicht übelnehmen.
Sie rief kurz ihren Vater an, berichtete ihm, dass alles in Ordnung war, bedankte sich noch einmal bei ihm und krabbelte anschließend ins Bett. Nachdem jetzt ein großer Teil ihrer Probleme gelöst schien, fiel die Anspannung allmählich von ihr ab, und es dauerte nicht lange, bis sie eingeschlafen war.

17

Tatsächlich sah es so aus, als würde sich endlich alles zum Guten wenden. Wie vereinbart hatte Samuel Joanna als neue Eigentümerin sowohl der Firma als auch von Magnolia Haven eintragen lassen. Jake kniete sich voller Elan in die Arbeit. Obwohl sein Vater ihm nicht verraten wollte, wer der Geldgeber gewesen sah, sah er es als sein dringlichstes Anliegen, das Darlehen so schnell wie möglich zurückzuzahlen. Er war oft auf Geschäftsreisen, um neue Kunden zu gewinnen, was ihm auch gelang, denn glücklicherweise war der Vorfall mit Cranfield Industries nirgends bekannt geworden. Joanna begleitete ihn ab und zu; trotz der anstrengenden Verhandlungen genossen sie diese gemeinsame Zeit, ebenso wie die Abende, die sie sonst zusammen mit Benjamin in Joannas Appartement verbrachten.
Olivia hatte zähneknirschend in die Aufhebung der Ehe eingewilligt. Nachdem Samuel ihr damit gedroht hatte, dass sie andernfalls Magnolia Haven verlassen müsse, war ihr nichts anderes übrig geblieben. So gab es zwei Wochen nach Joannas Gespräch mit Samuel einen kurzen Termin vor Gericht, und anschließend war Jake ein freier Mann.
So glücklich Jake darüber war, so wütend war Olivia. Nach außen ließ sie sich nichts anmerken, innerlich jedoch kochte und brodelte sie. Ihr Hass auf Joanna wuchs ins Grenzenlose, und sie war fest entschlossen, Jake nicht kampflos aufzugeben.
Ein paar Tage nach der Annullierung der Ehe überraschte Jake Joanna mit einer Einladung zum Abendessen auf Magnolia Haven.
»Ich halte das für keine gute Idee«, versuchte sie ihm diesen Einfall auszureden. »Olivia wird sicher nicht begeistert davon sein, schließlich ist eure Trennung noch nicht so lange her.«
»Mach dir darüber keine Gedanken, Liebling«, beschwichtigte Jake sie. »Sie macht einen ganz gefassten Eindruck, ich glaube, sie hat eingesehen, dass es so besser ist. Außerdem möchte ich dich endlich meinem Vater vorstellen, er freut sich auch darauf, dich kennenzulernen. Und falls es dich beruhigt, ich habe Phillip ebenfalls eingeladen, du wirst also den Haien nicht ganz alleine zum Fraß vorgeworfen«, scherzte er.
»Wie tröstlich«, murmelte sie trocken.
Er zog sie in seine Arme und küsste sie liebevoll. »Na komm Liebling, sag ja. Irgendwann musst du es doch sowieso hinter dich bringen.«
Obwohl Joanna kein gutes Gefühl dabei hatte, ließ sie sich schließlich breitschlagen und sagte zu. Es war allerdings nicht nur der Gedanke an eine Begegnung mit Olivia, der ihr Sorgen machte.
Seit einer geraumen Weile hatte sie sich nicht wohlgefühlt, hatte das jedoch verdrängt und auf die ganze Aufregung geschoben. Gestern hatte ein Besuch beim Arzt bestätigt, was sie schon vermutet hatte: Sie erwartete ein zweites Kind. Die Spritze, die sie sich nach Benjamins Geburt in Texas hatte geben lassen, war natürlich längst abgelaufen. Durch ihre Trennung von Jake hatte sie es für überflüssig gehalten, weitere Verhütungsmaßnahmen zu ergreifen, sie hatte ja nicht ahnen können, dass sie wieder zusammenkommen würden. Offenbar hatte es gleich bei ihrer ersten leidenschaftlichen Begegnung gefunkt, denn sie war bereits Anfang des dritten Monats.
Sie war sich sicher, dass Jake sich darüber freuen würde, doch irgendetwas in ihr sträubte sich dagegen, es ihm zu sagen. Vermutlich würde er noch mehr auf eine baldige Heirat drängen, und angesichts des Fotos wusste sie nicht, ob sie sich darauf einlassen sollte.
Wenn sie zusammen waren, war Jake so liebevoll und zärtlich, wie sie es sich nur wünschen konnte. Er ließ keinen Zweifel daran, wie sehr er sie begehrte, und sie schalt sich eine dumme Pute, sich von einem anonymen Brief so verunsichern zu lassen. Doch der Absender hatte es geschafft, der Stachel saß in ihr und träufelte beständig kleine Mengen von Gift in ihre Gedanken.
Zusammen mit diesen Sorgen würde der Abend auf Magnolia Haven bestimmt kein Spaziergang werden, und sie hoffte, dass sie die Kraft haben würde, das alles zu überstehen.

Schließlich war der Tag gekommen, an welchem das Abendessen auf Magnolia Haven stattfand. Joanna hatte sich extra für diesen Anlass ein Cocktailkleid genäht. Es war aus schwarzem Satin, enganliegend, und betonte ihre schlanke Figur, der von der Schwangerschaft noch nichts anzusehen war. Der Ausschnitt war zwischen den Brüsten gerafft und mit einer Brosche aus Strasssteinen verziert, die den Blick dezent auf ihr Dekolleté lenkte. Dazu trug sie ein paar hochhackige Pumps und schwarze Seidenstrümpfe. Ihre Haare hatte sie im Nacken zu einem lockeren Knoten geschlungen, und sie hatte ein wenig Make-up aufgelegt, um ihre Blässe zu kaschieren.
Jake war extra nach Millington gefahren, um Joanna abzuholen, und als sie jetzt aus dem Schlafzimmer kam, leuchteten seine Augen auf.
»Du bist wunderschön«, sagte er bewundernd. Er neigte seinen Kopf zu ihr und fügte flüsternd hinzu: »Und sehr sexy. Am liebsten würde ich schauen, was du unter diesem Kleid trägst, aber ich fürchte, dann wird das Abendessen ausfallen.«
Sie lächelte und hob den Saum ein wenig an, bis die spitzenbesetzten Enden ihrer Strümpfe zu sehen waren. »Wie wäre es mit einem kleinen Vorgeschmack auf den Nachttisch?«
Mit einem hörbaren Zischen sog er die Luft ein. »Jo, du weißt schon, dass du ein gemeines Frauenzimmer bist, ja? Ich werde den ganzen Abend an nichts anderes denken können, vielen Dank.«
Lachend und sich neckend verließen sie die Wohnung, und als sie eine halbe Stunde später auf Magnolia Haven eintrafen, war Joanna einigermaßen entspannt. Sie schauten oben kurz nach Benjamin, der in seinem Bettchen lag und schlief, und gingen anschließend hinunter ins Esszimmer.
Phillip war ebenfalls bereits anwesend, er unterhielt sich mit Samuel, und nachdem sie sich kurz begrüßt hatten, stellte Jake Joanna seinem Vater vor.
»Jo, das ist mein Vater, Samuel Prescott. – Vater, das ist Joanna Shepherd, Benjamins Mutter und meine zukünftige Frau.«
»Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Mr. Prescott«, sagte Joanna höflich und reichte Samuel die Hand.
Formvollendet deutete er einen Handkuss an. »Die Freude ist ganz auf meiner Seite, herzlich willkommen in der Familie.«
Mit keiner Regung ließ er sich anmerken, dass dies nicht ihr erstes Zusammentreffen war, und auch Phillip hatte eine unbeteiligte Miene aufgesetzt.
Bevor sich eine Unterhaltung entspinnen konnte, betrat Olivia den Raum. Sofort hatte Joanna das Gefühl, die Temperatur im Zimmer wäre um mindestens zehn Grad gesunken.
Würdevoll stolzierte Olivia auf die kleine Gruppe zu, begrüßte Phillip, lächelte Samuel an und bedachte Joanna lediglich mit einem kühlen Nicken.
»Wollen wir dann essen?«, fragte sie liebenswürdig und legte Jake vertraulich eine Hand auf den Arm.
Wortlos machte er sich von ihr los, schlang Joanna einen Arm um die Taille und schob sie zum Tisch. Olivias Augen verengten sich kurz zu zwei wütenden Schlitzen, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle und hakte sich bei Phillip ein.
Samuel nahm am Kopfende der Tafel Platz, Jake saß rechts von ihm, Joanna an Jakes Seite. Olivia hatte sich links von Samuel platziert, Phillip neben ihr.
Der Tisch war festlich gedeckt, ein feines weißes Damasttischtuch war aufgelegt, in der Mitte prangte ein ausladendes Blumengesteck. Mehrere Kerzen in silbernen Haltern ließen die edlen Kristallgläser funkeln, die Gedecke bestanden aus kostbarem Porzellangeschirr und schwerem Silberbesteck. Man hatte sich offenbar Mühe gegeben, eine feierliche Atmosphäre zu erzeugen, doch Joanna nahm das überhaupt nicht war. Sie spürte Olivias feindselige Blicke auf sich, und wäre am liebsten aufgesprungen und gegangen.
Martha trug die Vorspeise auf, einen Meeresfrüchte-Eintopf, und eine ganze Weile löffelten alle schweigend ihre Suppe in sich hinein. Als Jake Joanna Wein eingießen wollte, lehnte sie ab und bat stattdessen um Wasser.
»Sie sollten ihn kosten, es ist ein 2007er Sauvignon Blanc aus dem Napa Valley, er schmeckt wirklich gut«, versuchte Samuel sie zu überzeugen.
»Vielen Dank, aber ich trinke normalerweise keinen Alkohol«, erklärte sie zurückhaltend.
Ein spöttisches Lächeln spielte um Olivias Mundwinkel. »Sie ist doch erst neunzehn«, kommentierte sie süßlich, als wäre Joanna gar nicht anwesend.
Jake warf ihr einen finsteren Blick zu, und Phillip, in der Absicht, die Situation durch einen Scherz zu entschärfen, sagte augenzwinkernd: »Vielleicht gibt es ja auch einen anderen Grund.«
Er hatte noch nicht richtig ausgesprochen, als Joanna bereits feuerrot wurde.
»Jo«, entfuhr es Jake ungläubig, »bist du etwa …?«
Sekundenlang überlegte sie, ob sie es abstreiten sollte. Es war mit Sicherheit weder der passende Ort noch der richtige Zeitpunkt für dieses Geständnis. Doch sie brachte es nicht fertig, Jake anzulügen, also nickte sie nur verlegen.
»Liebling,« ungeachtet der Zuschauer zog er sie in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen, »das ist die schönste Nachricht seit Langem.«
Auch Samuel und Phillip sahen erfreut aus, während Olivia blass wurde und sichtlich Mühe hatte, die Fassung zu bewahren.
»Na dann herzlichen Glückwunsch«, murmelte sie tonlos.
»Ja, ich schließe mich an, herzlichen Glückwunsch«, lächelte Samuel und hob sein Glas, »auf den neuen Familienzuwachs.« Nachdem sie miteinander angestoßen hatten, fügte er hinzu: »Nun, es sieht wohl so aus, als wäre es höchste Zeit, dass du nach Magnolia Haven kommst.«
Jake nickte. »Du bist mir zuvorgekommen, Vater, denn genau das wollte ich Joanna heute Abend fragen.« Er griff in seine Hosentasche und holte das kleine Kästchen hervor, welches Joanna nur zu gut bekannt war.
»Jake …«, wollte sie abwehren, doch er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest.
»Ich weiß, es ist vielleicht nicht unbedingt sehr taktvoll«, fuhr er mit einem entschuldigenden Blick in Olivias Richtung fort, »aber nachdem wir jetzt so viel hinter uns haben, will ich nicht länger warten.« Er schaute Joanna fest in die Augen. »Jo, ich bitte dich ganz offiziell, meine Frau zu werden und meinen Ring wieder anzunehmen. Und wie Vater es schon gesagt hat, ich möchte, dass du zu mir nach Magnolia Haven ziehst, damit wir endlich eine richtige Familie sein können.«
Einen Moment war es totenstill im Raum, nur das monotone Ticken der antiken Standuhr war zu hören. Joanna zögerte. Sie liebte Jake, doch sie wusste, dass es auch gute Gründe gab, die gegen eine Rückkehr nach Magnolia Haven sprachen, angefangen mit Olivia, deren Blicke nichts Gutes verhießen. Aber als sie in Jakes graue Augen sah, die sie so liebevoll und bittend anschauten, brachte sie es nicht übers Herz, nein zu sagen, und so nickte sie.
»Ja«, bekräftigte sie leise, »ich werde deine Frau.«

18

Bereits ein paar Tage später zog Joanna nach Magnolia Haven um. Anfänglich hatte sie äußerst gemischte Gefühle dabei gehabt, vor allem, wenn sie an Olivia dachte. Jake hatte jedoch nicht eher Ruhe gegeben, bis er sie überredet hatte, und als sie jetzt ihre Sachen in seinem Zimmer verstaute, war sie letztlich doch froh.
Endlich konnten sie zusammen sein, ohne dieses ständige Hin und Her. Sie konnten sich gemeinsam um Benjamin kümmern, und würden bald ein zweites Kind haben, das in der liebevollen Geborgenheit einer Familie aufwachsen würde. Es war bestimmt das Beste für alle, und so wie es aussah, hatte Olivia sich offenbar mit den Gegebenheiten abgefunden. Zwar ging sie Joanna angestrengt aus dem Weg und wechselte auch bei den Mahlzeiten kein Wort mit ihr, doch sie benahm sich auch nicht so feindselig, wie Joanna erwartet hatte. Dennoch lag eine fast greifbare Anspannung in der Luft, und Joanna rechnete ständig damit, dass irgendetwas geschehen würde.
In seiner gewohnt fürsorglichen Art hatte Jake darauf bestanden, dass Joanna aufgrund der Schwangerschaft nicht mehr arbeiten sollte. So verbrachte sie ihre Tage damit, sich um Benjamin zu kümmern, und nutzte die übrige Zeit, um zu nähen und zu lesen.
Als sie eines Nachmittags die Bibliothek betrat, bemerkte sie, dass ein Band der Familienchronik aufgeschlagen auf dem Tisch lag. Sofort musste sie daran denken, wie sie ganz am Anfang abends hier mit Jake gesessen hatte, und er ihr aus der Chronik vorgelesen und etliches dazu erzählt und erklärt hatte. Mit einem kleinen Lächeln trat sie näher und strich liebevoll mit den Fingern über die Seite, als ihr Blick plötzlich auf ein Datum fiel, der 23. Dezember, Jakes Geburtstag.
Neugierig las sie den Abschnitt, der in säuberlicher Handschrift verfasst war.
23. Dezember 1999
Heute ist Jakes achtzehnter Geburtstag. Morgen Abend werden wir im kleinen Kreis seine Verlobung mit Melissa Forsythe bekanntgeben.
25. Dezember 1999
Offizielle Verlobungsfeier bei den Forsythes auf Belmont Manor. Als Hochzeitsdatum haben wir den 13. Mai 2000 festgelegt, drei Tage nach Melissas Volljährigkeit.

Mit zitternden Fingern blätterte sie weiter. Es folgten etliche andere Einträge, bis Joanna irgendwann wieder auf den Namen Melissa stieß.
24. Februar 2000
Melissa ist schwanger. Harold Forsythe und ich haben vereinbart, den Hochzeitstermin auf den 11. März vorzuverlegen.

Ein paar Seiten später hielt Joanna die Luft an.
2. März 2000
Ein schreckliches Unglück ist geschehen. Melissa ist bei einem Ausritt vom Pferd gestürzt und hat sich das Genick gebrochen.
8. März 2000
Heute wurde Melissa in der Familiengruft der Forsythes auf dem Old Randolph Cemetery beigesetzt. Jake bestand auf einer stillen Trauerfeier im Kreis der Familien. Er ist krank vor Kummer und hat Schwierigkeiten, den Verlust zu akzeptieren.

Wie in Trance überflog Joanna die nächsten Seiten. Ab und zu wurde noch einmal erwähnt, dass Jake offenbar Probleme hatte, Melissas Tod zu verkraften, und in einem Abschnitt ging es darum, dass er sich vehement gegen neuerliche Heiratspläne wehrte. Danach folgten nur noch Aufzeichnungen über Magnolia Haven, das Thema Jake und Melissa war scheinbar erledigt.
Joanna lehnte sich auf dem Stuhl zurück und schloss die Augen.
Melissa. Sie war schwanger gewesen. Jake hatte also nicht nur die Frau verloren, die er liebte, sondern auch sein Kind. Sie sah das Foto von Melissa und Jake vor sich, stellte sich vor, wie glücklich die beiden gewesen waren, und sah dann einen gramgebeugten Jake vor einem Sarg stehen. Das Bild wechselte. Jake saß beim Frühstück am Esstisch, ganz in Schwarz gekleidet, düster und freudlos. Plötzlich machte alles einen Sinn. Sein entsetzter Blick, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Seine Reaktion, als sie mit Michael ausgeritten war. Seine teilweise übertriebene Fürsorglichkeit, sein besitzergreifendes Verhalten. Seine Bemerkung damals im Auto, er wolle sich nicht auch noch Vorwürfe machen, wenn dem Kind etwas zustieße.
Und nun begriff sie auch, weshalb Tom so sicher gewesen sein konnte, dass sein Plan funktionieren würde. Er hatte gewusst, dass Jake in ihr seine geliebte Melissa sehen und alles tun würde, um die damaligen Ereignisse ungeschehen zu machen, zumindest für sich.
Eine Welle des Schmerzes fegte durch sie hindurch, als ihr bewusst wurde, was das alles bedeutete. Jake lebte in der Vergangenheit, und sie, Joanna, war lediglich das Abbild einer toten Frau, die er immer noch liebte.

Völlig in sich versunken saß Joanna in der Bibliothek. Irgendwann öffnete sich leise die Tür und Samuel kam herein.
»Ah Joanna, da bist du ja. Ich habe dich gesucht. Ich wollte dich fragen, ob wir anlässlich eurer Verlobung eine kleine Feier veranstalten wollen, was meinst du?«
Sie wandte den Kopf und schaute ihn an. »Das halte ich für keine gute Idee«, murmelte sie tonlos. »Ich glaube nicht, dass es eine Hochzeit geben wird.«
Irritiert runzelte Samuel die Stirn und trat näher an sie heran. »Was ist denn los?«
Dann fiel sein Blick auf die Familienchronik und er seufzte.
»Deswegen also. Ich nehme an, Jake hat dir nichts davon erzählt?« Als sie nur stumm den Kopf schüttelte, fuhr er fort: »Mir ist klar, was du denkst. Aber bevor du irgendwelche voreiligen Schlüsse ziehst, solltest du mir vielleicht einen Moment zuhören.«
Er zog Joanna sanft von ihrem Stuhl hoch, schob sie zur Couch und ließ sich dann zusammen mit ihr darauf nieder.
»Das, was in der Chronik steht, ist nur ein Bruchteil der Dinge, die sich wirklich zugetragen haben«, erklärte er und schaute ihr fest in die Augen. »Melissa und Jake kannten sich schon seit frühester Kindheit, meine Frau und ich waren mit ihren Eltern befreundet und ich hatte geschäftlich mit Harold Forsythe zu tun. Nachdem Andrew gestorben war, und ich entschieden hatte, dass Jake eines Tages Magnolia Haven übernehmen soll, hielt ich es für sinnvoll, eine Ehe zwischen Melissa und Jake zu arrangieren. Ich weiß, das hört sich sehr antiquiert an, aber in unseren Kreisen ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass man versucht, Geld mit Geld zu verbinden. Harold und ich waren uns darüber einig, dass die beiden sich am Weihnachtsabend nach Jakes achtzehnten Geburtstag verloben sollten.
Melissa war in Jake verliebt, und obwohl ich wusste, dass er ihr lediglich Freundschaft entgegenbrachte, war ich überzeugt, dass das eine Basis für eine gute Ehe sein könnte. Ich war mir sicher, dass Jake ihre Gefühle irgendwann erwidern würde, wenn sie erstmal verheiratet wären. Jake war nicht begeistert von der ganzen Sache, aber er hat sich schließlich gefügt.
Die beiden haben sich also verlobt, und danach lief zunächst alles weiter wie zuvor. Melissa wohnte noch auf Belmont Manor, sie traf sich ab und zu mit Jake, sie gingen miteinander aus und machten Pläne für die Heirat.«
Er holte kurz Luft und fuhr dann fort: »Was danach geschah, weiß ich nicht in allen Einzelheiten, Jake hat sich darüber immer ausgeschwiegen. Melissa kam irgendwann zu mir, völlig aufgelöst, und erzählte, sie sei schwanger, und Jake würde sich weigern, sie zu heiraten. Daraufhin hatte ich eine längere Diskussion mit ihm, in deren Verlauf er behauptet hat, das Kind sei nicht von ihm. Ich wollte ihm das natürlich nicht glauben, und dachte, er wolle sich nur vor seiner Verantwortung drücken. Also habe ich damit gedroht, ihn zu enterben, wenn er Melissa nicht heiraten würde. Im Anschluss daran muss Jake wohl einen erbitterten Streit mit ihr gehabt haben, sie lief weinend aus dem Haus und ist auf Daisy weggeritten.
Irgendwann am Abend riefen ihre Eltern an, wollten wissen, ob sie noch bei uns wäre. Nachdem ich erzählt hatte, dass sie schon vor Stunden das Haus verlassen hatte, wurde ein Suchtrupp losgeschickt. Kurz darauf wurde sie gefunden, auf einem Weg zwischen den Baumwollfeldern, mit gebrochenem Genick. Daisy stand friedlich in der Nähe und graste, und bis heute weiß niemand, wie es zu diesem Unfall gekommen war.«
»Das ist ja schrecklich«, murmelte Joanna erschüttert.
»Ja, das ist es. Es war eine furchtbare Tragödie, und es hat lange gedauert, bis Jake darüber hinwegkam. Er hat sich die Schuld an dem Unglück gegeben, und sich ewig Vorwürfe gemacht.«
»Und das Kind … war es wirklich nicht von ihm?«
Samuel zuckte mit den Schultern. »Ganz genau weiß das nur Jake. Aber inzwischen bin ich mir sicher, dass er damals die Wahrheit gesagt hat. Er war selbst in diesem Alter schon viel zu anständig, um nicht zu seiner Verantwortung zu stehen. Hätte ich ihm geglaubt, wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen, mich trifft auf jeden Fall mehr Schuld an dem Ganzen als ihn.« Er schwieg einen Moment und fügte dann hinzu: »Du solltest dir keine Sorgen wegen dieser Sache machen. Er hat sie nicht geliebt, und du bist diejenige, der sein Herz gehört, nicht Melissa.«
Schweigend starrte Joanna ihn an. Sie dachte an die Versuche, die er unternommen hatte, Jake und sie auseinanderzubringen, und fragte sich, wie weit sie ihm überhaupt vertrauen konnte.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er: »Ich weiß, dass du dich wunderst, warum ausgerechnet ich dich jetzt davon überzeugen will, dass Jake dich wirklich liebt.«
Joanna nickte und er lächelte. »Jake ist der Einzige meiner drei Söhne, der mir nie Kummer gemacht hat. Er ist genau so, wie ich es mir gewünscht habe, fleißig, ehrlich, intelligent und er liebt Magnolia Haven. Das hört sich vielleicht so an, als hätte ich für meine anderen Söhne nichts übrig gehabt, aber das ist nicht so. Nur hatte Andrew leider nicht halb so viel Charakterstärke wie Jake. Bevor Olivia Andrew heiratete, war sie mit Tom zusammen. Als sie dann schwanger wurde, hat sie mit Andrew angebandelt und ihm das Kind untergejubelt. Obwohl er wusste, dass sie ihn belogen hat, hat er sich auf eine Heirat eingelassen, und er war nicht glücklich damit. Anstatt ihm dankbar zu sein, hat Olivia ihm das Leben zur Hölle gemacht, und er war zu schwach, um sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Stattdessen hat er angefangen, zu trinken, bis er eines Nachts im Vollrausch die Treppe hinuntergestürzt ist. Tom hatte es anscheinend nicht verwunden, dass Olivia ihn wegen seines Bruders abserviert hat. Er hat sich Männern zugewandt und fing irgendwann an zu spielen, und daran hat sich leider bis heute nichts geändert. Ich hatte mir geschworen, dass Jakes Leben erfreulicher und geordneter verlaufen sollte, deswegen habe ich ständig versucht, alles in die Hand zu nehmen und zu regeln. Das war auch der Grund, weshalb ich überhaupt nicht begeistert war, als ich von dir erfahren habe. Inzwischen habe ich allerdings eingesehen, dass es besser ist, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Jake wird nur glücklich werden, wenn er seinen Weg selbst bestimmen kann. Eine späte Erkenntnis, aber lieber spät als nie.«
Joanna hatte Mühe, das Gehörte zu verarbeiten. »Das heißt … Tom ist Michaels Vater?«, fragte sie schließlich ungläubig.
»Ja«, Samuel verzog das Gesicht, »und von ihm hat Michael wohl leider auch seinen Hang zur Brutalität geerbt. Tom war schon immer recht skrupellos und rabiat, und Michael kommt da wohl ganz nach ihm.«
»Jake hat mir nie etwas davon gesagt«, murmelte Joanna betroffen.
»Er weiß es nicht, und weder Tom noch Olivia ahnen, dass ich im Bilde bin. Ich hielt es für besser, diese Sachen nicht an die große Glocke zu hängen, und ich möchte dich bitten, dass du es auch für dich behältst.«
»Natürlich«, nickte Joanna, »Danke, dass du so viel Vertrauen zu mir hast.«
Samuel strich ihr väterlich über die Wange. »Danke, dass du meinen Sohn liebst. Ich habe dir Unrecht getan, das ist mir inzwischen klar geworden, und ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Vielleicht vertraust du mir ja irgendwann ebenfalls genug, um mir deine Geschichte zu erzählen, ich würde mich freuen.«
Bevor sie etwas sagen konnte, stand er auf und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um. »Ich hoffe, diese Sache mit Melissa wird nicht zwischen euch stehen«, betonte er eindringlich, und fragte dann: »Wie kam es eigentlich, dass du darauf gestoßen bist?«
Sie berichtete ihm kurz von dem Foto und dass die Chronik offen auf dem Tisch gelegen hatte.
»So ähnlich dachte ich mir das schon«, murmelte er, »ich werde dafür sorgen, dass so etwas nicht mehr vorkommt.«

19

Olivia saß in ihrem Schlafzimmer und blätterte in einer Illustrierten, als es plötzlich an die Tür klopfte und Samuel hereinkam.
»Vater«, entfuhr es ihr überrascht.
»Ich werde dich nicht fragen, weshalb du das getan hast«, begann er ruhig. »Ich möchte nur, dass du deine Sachen packst und Magnolia Haven verlässt.«
»Was? Aber warum?«, protestierte sie.
»Ich denke, du kennst den Grund. Da du es offenbar nicht lassen kannst, deine Intrigen zu spinnen, ist es besser, wenn du gehst. Jake und Joanna werden nicht zur Ruhe kommen, solange du hier bist.«
»Joanna, natürlich«, fauchte sie erbost. »Du willst also wirklich zusehen, wie dieses Flittchen sich hier breitmacht und Jake ins Verderben stürzt, ja? Dabei warst du doch selbst so daran interessiert, sie loszuwerden.«
»Das war ein Irrtum, den ich sehr bedaure.«
Beschwörend hob sie die Hände und machte einen Schritt auf ihn zu. »Du machst einen Fehler. Erst hat sie einen Keil zwischen Jake und Tom getrieben, und nun versucht sie, mich loszuwerden. Sie wird es auch noch schaffen, dich und Jake zu entzweien, und dann hat sie erreicht, was sie wollte, nämlich Herrin auf Magnolia Haven zu sein. Sie hatte es doch von Anfang an nur aufs Geld abgesehen, und dazu ist ihr offenbar jedes Mittel recht. Siehst du denn nicht, wie sie alle manipuliert?«
Samuel hob eine Augenbraue und warf ihr einen verächtlichen Blick zu. »Im Manipulieren bist ja wohl eher du die Meisterin. Entweder du gehst freiwillig und ich sorge dafür, dass du monatlich eine angemessene Summe erhältst, um sorgenfrei leben zu können, oder ich werfe dich hinaus, und du kannst zusehen, wo du bleibst.«
Empört starrte sie ihn an. »Vater, du kannst mich doch nicht einfach wegschicken. Immerhin bin ich die Andrews Witwe und die Mutter seines Sohns.«
»Toms Sohn, meinst du wohl«, erwiderte er trocken, und sie wurde blass.
»Du weißt es?«, ächzte sie geschockt.
»Allerdings. Du hast deine Spielchen gespielt, seit du das erste Mal deinen Fuß auf Magnolia Haven gesetzt hast, aber damit ist jetzt Schluss.«
Sie sah an seinem Gesicht, dass es keinen Sinn mehr haben würde, zu widersprechen, also nickte sie resigniert.
»Gut, wie du willst, ich werde gehen.«
»Gleich morgen«, betonte er und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um. »Es tut mir leid, dass es so weit kommen musste, aber du wirst verstehen, dass ich das nicht dulden kann. Und ich möchte dich bitten, dich künftig von Joanna und Jake fernzuhalten. Ich will dich nicht mehr in ihrer Nähe sehen, haben wir uns verstanden?«
Olivia nickte stumm, und er verließ den Raum. Sie starrte eine ganze Weile auf die geschlossene Tür, während sich in ihrem Kopf die Gedanken überschlugen. Dieses Miststück hatte alle so um den Finger gewickelt, dass sie nicht mehr in der Lage waren, klar zu denken. Vermutlich war sie es gewesen, die von Samuel verlangt hatte, sie, Olivia, vor die Tür zu setzen. Am liebsten hätte sie Joanna an den Haaren aus dem Haus gezerrt und sie davongejagt.
Doch leider war das nicht möglich, sie musste einen anderen Weg finden, wie sie Joanna loswerden konnte. Nach kurzem Überlegen griff sie zum Telefon und wählte Toms Handynummer.
»Ich bin es«, sprudelte sie anstelle einer Begrüßung heraus, »Tom, du musst etwas unternehmen.«
»Olivia, meine Liebe, du klingst ja so aufgeregt – ist dir ein Fingernagel abgebrochen?«
»Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Witze«, fauchte sie. »Du musst mir helfen, diese kleine Schlampe loszuwerden, bevor es zu spät ist.«
»Sprichst du von Joanna?«
»Ja. Sie ist auf Magnolia Haven, und sie hat Jake in ihren Fängen. Er wird sie heiraten, wenn wir nichts unternehmen.«
»Hast du mir nicht die ganze Zeit erklärt, es wäre alles in bester Ordnung?«, bellte er verärgert.
»Das war es ja auch«, log sie, »bis jetzt. Sie hat sich wieder hier eingenistet und Vater dazu gebracht, mich rauszuwerfen.«
Stichwortartig berichtete sie ihm, was sich in den letzten Tagen zugetragen hatte, und als sie fertig war, schnaubte Tom verächtlich in den Hörer.
»Wie konntest du nur so blöd sein, ihr dieses Foto zu schicken?«
»Ich konnte doch nicht ahnen, dass sie gleich zu Vater rennen und sich bei ihm ausheulen würde. Ich habe damit gerechnet, dass sie so schockiert ist, dass sie ihr Balg nimmt und abhaut.«
»Du bist selten dämlich«, knurrte er. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Gut, dann werde ich mich darum kümmern. Mein Geld geht sowieso langsam zur Neige, und es wird Zeit, die Dinge ein für alle Mal zu regeln.«
Olivia schluckte. »Aber du lässt Jake da raus, ja? Sorg einfach nur dafür, dass dieses Weibsbild von der Bildfläche verschwindet, okay?«
»Du kannst dich ganz auf mich verlassen«, erwiderte er, und sie konnte hören, wie er grinste, »es wird jeder das bekommen, was ihm zusteht.«

Als Jake und Joanna am anderen Morgen nach unten kamen, stand Olivia in der Halle, und George war gerade dabei, ihr Gepäck in ihren Wagen zu laden.
»Willst du verreisen?«, fragte Jake erstaunt.
»Ich ziehe aus«, erklärte sie knapp, und fügte dann spöttisch hinzu: »Ich will ja dem jungen Glück nicht im Wege stehen.«
Er gab keine Antwort, und ohne Joanna eines Blickes zu würdigen, trat Olivia einen Schritt auf ihn zu. Zuerst sah es so aus, als wolle sie ihn umarmen, doch der abweisende Ausdruck in seinem Gesicht hielt sie offenbar davon ab.
»Auf Wiedersehen, Jake«, sagte sie lediglich, »Ich wünsche dir alles Gute.«
Er nickte knapp. »Machs gut.«
Wenig später fiel die Haustür hinter ihr zu, und Jake atmete auf. Er legte Joanna seinen Arm um die Schultern und schob sie ins Esszimmer.
»Es ist besser so«, murmelte er dabei mehr zu sich selbst.
In den nächsten Tagen sah es tatsächlich so aus, als würde Jake recht behalten. Nachdem Olivia weg war, fühlte Joanna sich wesentlich freier und gelöster, und nach dem Gespräch mit Samuel hatten sich auch ihre Bedenken wegen des Fotos verflüchtigt. Sie hatte überlegt, ob sie Jake darauf ansprechen sollte, sich dann aber entschieden, es nicht zu tun. Vielleicht würde er es ihr eines Tages von alleine erzählen, und wenn nicht, würde sie das respektieren. So verbrachte sie ihre Zeit mit Benjamin, und oft gesellte sich auch Samuel zu ihnen, der seinen Enkel über alles liebte und verwöhnte. In Absprache mit ihm und Jake hatte sie Olivias Aufgabe übernommen, den Haushalt zu organisieren. Das Personal schien froh darüber zu sein, sie behandelten sie freundlich und zuvorkommend und vergötterten Benjamin.
Eines Mittags beim Essen brachte Samuel das Thema Verlobungsfeier wieder zur Sprache.
»Es wäre schön, wenn wir einen kleinen Empfang geben würden, um eure Verlobung offiziell zu verkünden«, erklärte er. Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: »Wir hatten so lange kein richtig schönes Fest mehr auf Magnolia Haven.«
Jake schmunzelte. »Ich glaube eher, dass du Angst hast, wir könnten es uns noch einmal anders überlegen.«
»Erwischt«, lachte Samuel. »Gönnt einem alten Mann doch seine romantischen Anwandlungen.«
»Was meinst du, Liebling?«, fragend schaute Jake Joanna an, »Hast du Lust, dich mit dem Vater deiner Kinder einer Meute von neugierigen Bekannten zu stellen?«
Joanna war einverstanden, und so machte sie sich in den nächsten Tagen an die Planung. Zusammen mit Belinda, der Köchin, besprach sie die Details für das Buffet, Martha unterstützte sie bei den sonstigen Vorbereitungen, und gemeinsam mit Samuel erstellte sie eine Gästeliste.
Nach kurzem Zögern hatte Joanna sich entschlossen, auch ihren Vater und Brian einzuladen. Richard hatte sie es zu verdanken, dass diese Verlobung überhaupt stattgefunden hatte, und Brian hatte ihr so viel Beistand geleistet, dass sie ihn beinahe wie einen Bruder betrachtete.
Die beiden waren außer Jake und Benjamin alles, was sie noch an Familie besaß, und sie wollte diesen Abend nicht ohne sie verbringen.
Schließlich waren alle Einladungen verschickt, und zwei Wochen später war der Tag der Feier gekommen.
Wohn- und Esszimmer waren festlich dekoriert, ein appetitliches Buffet war angerichtet, und je weiter es auf den Abend zuging, desto nervöser wurde Joanna.
Sie trug das grüne Abendkleid, welches sie damals angehabt hatte, als sie zu der Feier bei den Forsythes eingeladen waren. Martha hatte ihr geholfen, die Haare hochzustecken, und jetzt stand sie in Jakes Schlafzimmer vor dem Spiegel und zupfte zum wiederholten Male an ihrem Abendkleid herum.
Als Jake aus dem Bad kam, stieß er einen leisen, bewundernden Laut aus und trat hinter sie.
»Du siehst wundervoll aus, Liebling«, sagte er leise und küsste sie zärtlich auf den Nacken. Ihre Blicke begegneten sich im Spiegel, und er lächelte. »Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie du in diesem Kleid die Treppe heruntergekommen bist. Mir hat es fast den Atem genommen, und ich glaube, das war der Moment, in dem es endgültig um mich geschehen war.«
Joanna lehnte sich mit dem Rücken an seine Brust und schaute ihn über die Schulter hinweg direkt an.
»Weißt du noch, unsere Tanzstunden in der Bibliothek? Und wie aufgeregt ich an dem Abend der Party war? Und wie du den ersten Tanz mit mir getanzt hast?«
»Ja«, nickte er, »wie könnte ich das je vergessen? So viel ist passiert seitdem, aber trotzdem kommt es mir vor, als sei es erst gestern gewesen.« Er drehte sie zu sich um und drückte sie an sich. »Jo«, flüsterte er rau, »ich liebe dich, und ich werde alles tun, um dich glücklich zu machen, das verspreche ich dir. Die schlimmen Zeiten sind vorbei und ab jetzt werden wir nur noch schöne Tage haben.«

20

Ein wenig nervös stand Joanna neben Jake im Wohnzimmer und begrüßte zusammen mit ihm die ersten Gäste. Doch Jake hatte seinen Arm fest um ihre Taille gelegt, und so entspannte sie sich nach einer Weile. Alle waren freundlich zu ihr, sodass sich das Gefühl, nicht hierher zu gehören, allmählich legte.
Als ihr Vater hereinkam, lief sie ihm erfreut entgegen und umarmte ihn. »Es ist schön, dass du gekommen bist«, lächelte sie, und warf einen fragenden Blick auf die blonde Frau an seiner Seite.
»Das ist Charlotte, meine Frau«, stellte er vor, »Charlotte, darf ich dich mit meiner Tochter Joanna bekanntmachen?«
Etwas unsicher reichte Joanna ihr die Hand, doch Charlotte zog sie in ihre Arme und drückte sie herzlich an sich. »Richard hat mir alles erzählt, und wie du siehst, habe ich ihm verziehen«, erklärte sie mit einem kleinen Augenzwinkern, »Ich freue mich, dich kennenzulernen.«
»Ich mich auch«, nickte Joanna erleichtert. »Ich möchte euch gerne meinen künftigen Mann vorstellen.« Dann senkte sie ein wenig die Stimme und fügte hinzu: »Aber bitte kein Wort wegen des Geldes.«
»Natürlich nicht«, versprach Richard.
Sie führte Richard und Charlotte zu Jake und stellte sie vor, und verblüfft schaute Jake sie an.
»Dein Vater? Ich dachte …«
»Das ist eine lange Geschichte«, unterbrach Joanna ihn, »Wenn du dich anständig benimmst, erzähle ich sie dir vielleicht irgendwann.«
Er seufzte. »Da haben wir‘s, wir nicht mal verheiratet und schon erpresst sie mich.«
Nachdem sie einen Moment herumgealbert hatten, machte Joanna die beiden noch mit Samuel bekannt, und an seinem Blick erkannte sie, dass er nun ahnte, woher sie die 2,5 Millionen Dollar für den Vergleich bekommen hatte. Er sagte jedoch nichts, unterhielt sich angeregt mit Richard und nach einer Weile wollte dieser schließlich sein Enkelkind sehen.
Joanna begleitete ihn und Charlotte nach oben, und die beiden waren entzückt von Benjamin, der in seinem Kinderbettchen lag und selig schlummerte.
Als sie wieder nach unten kamen, hatte sich der Raum inzwischen gefüllt, und Joanna entdeckte Brian, der ein wenig schüchtern abseits stand. Sie eilte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.
»Brian, es ist so schön, dass du da bist«, begrüßte sie ihn überschwänglich.
Er hob sie hoch, wirbelte mit ihr ein paar Mal um die eigene Achse, hielt sie dann ein Stück von sich weg und grinste.
»Coco, du bist ja wirklich zu einer feinen Lady geworden.«
»Ach Unsinn, ich bin noch genau die Joanna, die ich immer war.«
Ein leises Räuspern erklang hinter ihnen, und als sie sich umdrehte, sah sie Jake da stehen, dessen Miene nicht gerade Begeisterung ausdrückte.
»Jake«, sie hakte sich bei ihm unter, »darf ich dir Brian vorstellen? – Brian, mein künftiger Mann Jake.«
Die beiden gaben sich höflich die Hand, und Joanna knuffte Jake unauffällig in die Seite. »Jetzt mach nicht so ein böses Gesicht«, flüsterte sie ihm zu, »er ist wirklich nur ein Freund und sehr nett.«
Jake murmelte etwas wie »das nächste Mal kontrolliere ich die Gästeliste«, gab sich dann aber einen Ruck und lächelte Brian an. »Wie sieht‘s aus, hast du Lust auf einen guten Whiskey?«
Wenig später standen die beiden Männer entspannt am Kamin und unterhielten sich angeregt, und es sah ganz so aus, als wäre das Eis gebrochen.
Nachdem alle Gäste eingetroffen waren, hielt Samuel eine kurze Ansprache, und gab die Verlobung von Joanna und Jake bekannt.
Leiser Applaus setzte ein, Glückwunsche wurden verteilt, und schließlich begann die kleine Band zu spielen.
»Darf ich um diesen Tanz bitten?«, klang Jakes weiche, tiefe Stimme an Joannas Ohr, und sie nickte.
»Nicht nur um diesen einen, hoffe ich«, lächelte sie ihn an.
Er führte sie in den Bereich des Wohnraums, der als Tanzfläche freigeräumt worden war, und zog sie an sich. Unter den wohlwollenden Kommentaren der Gäste drehten sie sich langsam im Kreis, und Joanna schmiegte sich glücklich in Jakes Arme.
»Es ist lange her, seit wir miteinander getanzt haben«, sagte Jake und schaute ihr liebevoll in die Augen, »ich wusste schon gar nicht mehr, wie schön es ist.«
»Oh ja, wir sollten das viel öfter tun«, wollte Joanna gerade erwidern, da bemerkte sie eine Bewegung an der Tür und ihre Stimme erstarb.
Abrupt blieb sie stehen, und verwundert folgte Jake ihrem Blick.
»Herzlichen Glückwunsch«, grinste Tom, während er sich durch die übrigen tanzenden Paare zu ihnen hinschob, »auch wenn ich nicht eingeladen war, möchte ich es mir trotzdem nicht nehmen lassen, euch zu gratulieren.«

Einen Augenblick stand Jake wie versteinert da, dann machte er einen Schritt auf Tom zu, der sich in herablassender Pose vor ihm und Joanna aufgebaut hatte.
»Richtig, du bist nicht eingeladen, deswegen würde ich es begrüßen, wenn du wieder gehst«, zischte er wütend.
»Warum denn gleich so kratzbürstig, lieber Bruder? Du könntest mich ruhig ein wenig an eurem Glück teilhaben lassen.«
Leises Gemurmel machte sich unter den Umstehenden breit, und bevor Jake etwas antworten konnte, hatte Samuel sich zu ihnen gesellt. Drohend funkelte er Tom an.
»Du bist hier nicht mehr willkommen«, erklärte er bestimmt, »nicht nach allem, was du dir erlaubt hast. Also bewahre wenigstens einen kleinen Rest von Anstand und verlasse mein Haus.«
Tom warf ihm einen spöttischen Blick zu. »Anstand, ja?«, wiederholte er gedehnt, »Etwa so viel Anstand, wie mein Bruder und«, er musterte Joanna abschätzig, »seine sehr junge Verlobte gehabt haben?«
Die Betonung, die er dem Satz gab, ließ keinen Zweifel daran, worauf er anspielte, und Jakes Miene verfinsterte sich.
»Möchtet ihr, dass ich deutlicher werde, oder können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?«, grinste Tom.
»Wir gehen ins Arbeitszimmer«, knurrte Samuel.
Er packte Tom am Arm und schob ihn aus dem Raum. Joanna wollte ebenfalls zur Tür gehen, doch Jake hielt sie zurück. »Bitte bleib hier«, murmelte er mit unterdrücktem Zorn, »Vater und ich regeln das schon.«
»Nein«, sie schüttelte den Kopf, »das betrifft mich genauso wie dich, und ich werde dich da jetzt nicht alleine lassen. Es wird Zeit, dass ein für alle Mal reiner Tisch gemacht wird.«
Bevor Jake sie davon abhalten konnte, eilte sie Samuel und Tom hinterher, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
»Ah, da haben wir ja fast die ganze Familie zusammen«, lächelte Tom bösartig, als sie kurz darauf im Arbeitszimmer standen, »wie nett.«
»Was willst du?«, fragte Samuel barsch. »Bist du hierher gekommen, um Ärger zu machen?«
»Das liegt ganz bei euch«, erklärte Tom kühl. »Gebt mir das, was mir zusteht, ich werde wieder verschwinden und alle sind zufrieden und glücklich.«
Jake ballte die Fäuste und wollte etwas sagen, doch Joanna kam ihm zuvor. »Falls du Magnolia Haven haben willst, hast du dich umsonst herbemüht.«
»Ach, und das hast du zu entscheiden, ja? Warum gehst du nicht in dein Bordell zurück und überlässt die Familienangelegenheiten uns?«
»Du Mistkerl, wage es nie wieder, so über meine Frau zu sprechen«, fauchte Jake und wollte sich auf ihn stürzen.
Beschwichtigend legte Joanna ihm die Hand auf die Brust und schaute Tom herausfordernd an.
»Allerdings habe ich das zu entscheiden«, sagte sie schneidend, »denn ich bin die Besitzerin von Magnolia Haven und der ‚Prescott Cotton Company‘.«
Sowohl Jake als auch Tom rissen überrascht die Augen auf, während Samuel die Lippen zusammenpresste. Tom war der Erste, der sich wieder gefangen hatte, er fing an zu lachen und schüttelte den Kopf.
»Netter Versuch Schätzchen, aber du brauchst dir keine Mühe zu geben. Ich finde es bewundernswert, wie du dich für meinen Bruder einsetzt, so dürfte es dir ja nicht schwerfallen, mit ihm hier zu verschwinden. Andernfalls werden sich vielleicht bald ein paar Leute mit dem Geburtsdatum eures Sohnes beschäftigen.«
Angriffslustig reckte Joanna das Kinn nach vorne. »Magnolia Haven gehört mir, und solltest du auf die Idee kommen, deine Drohungen wahr zu machen, werde ich es auf Benjamin überschreiben. Es würde dir nichts nutzen, Jake ins Gefängnis zu bringen, also vergiss es.«
»Du bluffst«, murmelte Tom, wirkte aber plötzlich verunsichert.
Joanna nickte Samuel zu. »Vater, würdest du ihm bitte die Papiere zeigen?«
Schweigend ging Samuel an den Schreibtisch, nahm die notariell beglaubigten Dokumente und den Auszug aus dem Grundbuchregister hervor.
Mit einer unwirschen Bewegung riss Tom ihm die Blätter aus der Hand und überflog sie. Während er las, wurde sein Gesicht erst blass, dann rot.
»Du verdammtes Miststück«, fluchte er, »das hast du dir ja fein ausgedacht. Von der Bordellschlampe zur Herrin auf Magnolia Haven, eine steile Karriere, herzlichen Glückwunsch.« Er starrte Jake an, der völlig fassungslos dastand. »Na mein lieber Bruder, glaubst du mir nun, was für ein durchtriebenes Weibsbild sie ist? Oder bist du immer noch der Meinung, dass sie nur deswegen mit dir zusammen ist, weil sie dich liebt?«
»Okay, das reicht jetzt«, Samuel packte ihn energisch am Arm und schob ihn zur Tür. »Verschwinde, und lass dich hier nicht mehr blicken.«
»Das wird euch noch leidtun«, tobte Tom, »so schnell lasse ich mich nicht ausbooten. Magnolia Haven gehört mir, und ich werde es auch bekommen, verlasst euch drauf.«
Die Tür fiel hinter ihnen zu, und nach einem kurzen Moment des Schweigens drehte Jake sich zu Joanna um. Sein Gesicht war weiß, in seinen Augen flackerte eine Mischung aus Ungläubigkeit und Schmerz.
»Jake, es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musstest«, sagte Joanna bedrückt.
Sie ging auf ihn zu und wollte ihm die Arme um den Hals legen, doch er schob sie von sich.
»Wir sollten zu unseren Gästen zurückgehen«, gab er tonlos zurück, »oder möchtest du die Verlobung lieber lösen, nachdem du ja sowieso schon hast, was du wolltest?«

21

Den restlichen Abend verbrachte Joanna wie in einem Kokon aus Nebel. Mit einem festgefrorenen Lächeln auf dem Gesicht beteiligte sie sich mechanisch an der Konversation, sorgte wie ein Roboter dafür, dass das Essen und die Getränke regelmäßig nachgefüllt wurden, und tanzte ein paar Mal mit ihrem Vater, Brian und Phillip. Immer wieder suchte ihr Blick Jake, der es jedoch tunlichst vermied, in ihre Richtung zu sehen.
Schließlich hatten sich die letzten Gäste verabschiedet, und wortlos wollte Jake nach oben gehen, da hielt Joanna ihn zurück.
»Jake, bitte lass uns miteinander reden.«
»Jetzt nicht mehr«, wehrte Jake ab, »ich bin müde.«
»Doch jetzt«, beharrte Joanna, und als sie sein ablehnendes Gesicht sah, fügte sie energisch hinzu: »Oder möchtest du, dass wir uns trennen? Damit hätte dein Bruder genau das erreicht, was er wollte.«
Er hielt kurz inne, seufzte und stieg die paar Stufen wieder hinab.
»Nein, du hast recht«, murmelte er resigniert. »Das will ich nicht.«
Sie setzten sich ins Wohnzimmer, und Joanna bat Samuel, der sie alleine lassen wollte, zu bleiben.
»Wir sollten das zusammen besprechen, es geht uns alle an.«
»Also gut«, sagte Jake, »Magnolia Haven und die Firma gehören dir. Darf ich wissen, weshalb? Und vor allem hätte ich gerne gewusst, ob du je die Absicht hattest, es mir zu sagen.«
»Spätestens bei unserer Hochzeit hättest du es erfahren, denn dann hätte ich es auf dich überschreiben lassen. Außerdem hätte ich einen Ehevertrag unterzeichnet, dass ich im Falle einer Scheidung keinerlei Ansprüche darauf erheben werde«, erklärte Joanna, und berichtete ihm, wie es dazu gekommen war. »Es gab keine andere Möglichkeit«, betonte sie, »und wenn ich es dir gleich gesagt hätte, hättest du es sicher abgelehnt.«
»Das stimmt«, nickte er und verzog das Gesicht. »Naja, in Anbetracht der Ereignisse heute Abend sollte ich wohl froh sein, dass es so ist.« Einen Moment schwieg er nachdenklich, dann schaute er seinen Vater an. »Was Tom da vorhin über Joanna gesagt hat …«
»Dein Vater weiß es«, unterbrach sie ihn, und fügte mit einem raschen Seitenblick auf Samuel hinzu: »Ich habe es ihm vor einer Weile erzählt, und es ist kein Problem.«
Samuel lächelte sie an, dankbar darüber, dass sie ihr Versprechen gehalten und seine Versuche, sie auseinanderzubringen, nicht erwähnt hatte.
»Allerdings«, fuhr sie an Samuel gewandt fort, »kennst du nicht die ganze Geschichte, und ich glaube, es ist an der Zeit, dass du alles erfährst.«
Ruhig schilderte sie ihm, wie Tom sie aus dem »Red Lantern« nach Magnolia Haven gebracht hatte, und was sich in der alten Scheune am Flussufer und vor ihrer Abreise nach Texas abgespielt hatte. Als sie fertig war, war Samuel sichtlich erschüttert.
»Das war also der Grund, warum du von Magnolia Haven weggegangen bist.«
»Ich hatte keine andere Wahl«, nickte Jake.
»Ich wusste, dass Tom keinen guten Charakter hat, aber dass er so durchtrieben ist, hätte ich nie gedacht«, sagte Samuel tonlos. »Er hat darauf spekuliert, dass du dich in Joanna verlieben würdest, weil sie Melissa ähnlich sieht.«
Jake sog scharf die Luft ein. »Vater …«
»Schon gut«, liebevoll griff Joanna nach seiner Hand, »ich weiß Bescheid über … über das, was damals geschehen ist.«
»Zumindest das, was ich ihr erklären konnte«, ergänzte Samuel.
»Du hast ihr also davon erzählt, ja?«
»Nein, ich habe es zufällig in der Familienchronik entdeckt«, beschwichtigte Joanna ihn, »und dein Vater kam dazu und hat mir erklärt, was passiert ist.«
Mit einer fahrigen Bewegung rieb Jake sich über die Stirn, als wolle er irgendwelche unliebsamen Gedanken verscheuchen.
»Nun, vielleicht ist es dann jetzt an der Zeit, auch damit ein für alle Mal abzuschließen«, murmelte er und holte tief Luft. »Wie Vater dir vermutlich gesagt hat, war es eine arrangierte Beziehung, ich habe für Melissa nie mehr empfunden als Freundschaft. Ich hatte zwar bereits einige Erfahrungen mit Frauen, doch was Liebe ist, wusste ich nicht, und ich dachte, es wird sich alles finden, deswegen habe ich eingewilligt. Knapp zwei Monate nach der Verlobung kam Melissa zu mir und erzählte mir, dass sie schwanger wäre. Sie wollte, dass wir den Hochzeitstermin vorverlegen, damit es kein Gerede gäbe, denn sie war erst siebzehn. Ich bin aus allen Wolken gefallen, denn außer ein bisschen Herumschmusen war zwischen uns nichts weiter passiert. Da ich mir aber nicht sicher war, ob dabei etwas schiefgegangen ist, sind wir zwei Tage später zum Arzt gegangen. Dort stellte sich dann heraus, dass sie bereits im dritten Monat war und das Kind also keinesfalls von mir sein konnte.«
Jake schloss einen Moment die Augen und holte tief Luft, und Joanna konnte deutlich sehen, wie schwer es ihm fiel, über diese Dinge zu sprechen. Unbewusst strich sie mit den Daumen über seine Handrücken, und nach einer Weile fuhr er fort: »Ich habe ihr gesagt, dass ich unter diesen Umständen die Verlobung sofort lösen werde. Zuerst hat sie geweint, dann geschimpft, und schließlich ist sie zu Vater gegangen, und hat behauptet, sie würde mein Kind erwarten, und ich würde mich weigern, sie zu heiraten. Es gab eine längere Diskussion zwischen Vater und mir. Er drohte mir, mich zu enterben, wenn ich Melissa mit dem Kind sitzen lassen würde, und wollte mir nicht glauben, dass es nicht von mir war. Ich war ziemlich wütend, und als ich aus dem Arbeitszimmer kam, stand Melissa dort. Ich habe sie angeschrien, wir hatten eine heftige Auseinandersetzung, die damit endete, dass sie weinend davonlief.
Was dann geschehen ist, weiß niemand von uns, sie wurde abends zwischen den Feldern gefunden, mit gebrochenem Genick.«
Nach einer erneuten, kleinen Pause schaute Jake Joanna fest in die Augen.
»Es tut mir leid, vielleicht hätte ich dir das längst erzählen sollen. Doch ich rede nicht gerne darüber, und ich wollte auch nicht, dass du dich in irgendeiner Weise verletzt fühlst. Mir war klar, wie das auf dich wirken muss, und das wollte ich vermeiden. Ich habe diese Dinge bis heute nicht vergessen, und ich mache mir immer noch Vorwürfe, dass ich Melissa nach diesem Streit habe weggehen lassen. Aber all das hat nichts mit dir zu tun, das schwöre ich dir beim Leben unserer Kinder. Als ich dich das erste Mal gesehen habe, war ich natürlich erschrocken, und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich dich wieder weggeschickt. Allerdings habe ich sehr schnell festgestellt, dass du ganz anders bist als sie, und obwohl ich mich lange dagegen gewehrt habe, habe ich mich immer mehr in dich verliebt. Ich liebe dich, Joanna Shepherd, und nicht, weil du ihr ähnlich siehst, sondern weil du mein Herz erobert hast. Du bist der Grund dafür, dass ich endlich wieder lachen kann und glücklich bin und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dich für den Rest meines Lebens an meiner Seite zu haben.«
Tränen schossen ihr in die Augen.
»Jake …«
»Pst, mein Liebling«, unterbrach er sie sofort, »sag jetzt nichts.« Er zog sie an sich und küsste sie zärtlich aufs Haar. »Ich hoffe, dass du mir vertraust, und wir sollten uns vielleicht versprechen, künftig keine Geheimnisse mehr voreinander zu haben.«
Sie nickte. »Ja, und ich bin froh, dass wir uns endlich einmal ausgesprochen haben und nichts mehr zwischen uns steht.«
»Das sehe ich auch so«, sagte Samuel nachdenklich, »denn nach dem, was heute Abend geschehen ist, fürchte ich, es werden neue Schwierigkeiten auf uns zukommen.«

Samuel sollte recht behalten. Zwei Tage später saßen sie morgens beim Frühstück, als Martha plötzlich sichtlich aufgeregt hereinkam.
»Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber draußen ist Sheriff Newton und möchte Mr. Prescott sprechen – Mr. Jake Prescott.«
Jake runzelte die Stirn und stand auf. »Ich bin gleich zurück.«
Er ging hinaus in die Halle und gab dem Sheriff die Hand.
»Hallo Peter, was gibt es denn?«
Peter Newton schob sich verlegen den Hut in den Nacken und nahm ein Schreiben aus seiner Jackentasche.
»Eine Vorladung für dich, ich dachte, ich bringe sie dir persönlich vorbei, anstatt einen meiner Männer zu schicken.«
Eine düstere Vorahnung beschlich Jake. Er faltete das Dokument auseinander, überflog es und wurde blass.
»Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes.«
»Nein, alles in Ordnung«, murmelte Jake betroffen, »danke, dass du dir den Weg hierher gemacht hast.«
Der Sheriff tippte an seine Hutkrempe. »Kein Problem, schließlich kennen wir uns ja schon lange genug.«
Sie verabschiedeten sich, und Jake starrte auf das Papier.
Er hatte stets damit gerechnet, dass man ihn zur Rechenschaft ziehen würde, ganz war diese Befürchtung nie aus seinem Kopf verschwunden. Doch jetzt, da er es schwarz auf weiß vor sich sah, war es wie ein Schlag ins Genick. Er und Joanna hatten so viel ausgestanden, und nun, wo sie endlich glücklich werden konnten, wurde ihnen ihre Liebe zum Verhängnis.
Hilflos ließ er die Hände sinken und schloss die Augen.
Es war weniger die Angst um sich selbst, die ihm plötzlich das Atmen schwer machte, als mehr die Sorge um Joanna, um Benjamin und um das ungeborene Kind.
Natürlich würde es ihnen an nichts fehlen, sein Vater würde sich um sie kümmern, das wusste er. Aber der Gedanke, dass die intimsten Dinge zwischen ihnen aufgewühlt und ihre Gefühle durch den Schmutz gezerrt werden würden, schnitt ihm ins Herz.
Mit schleppenden Schritten ging er ins Arbeitszimmer, griff zum Telefon und wählte Phillips Nummer.

22

Einen Tag später saßen Jake und Joanna in Phillips Büro.
»Macht euch keine Sorgen, das kriegen wir schon hin«, beruhigte Phillip sie. »Das ist ja noch keine Verhandlung, sondern eine Ermittlung. Der Staatsanwalt muss erst einmal ausreichend Beweise zusammentragen.«
»Nun, das dürfte ja nicht allzu schwierig sein«, sagte Jake resigniert. »Benjamin ist schließlich Beweis genug.«
Phillip schüttelte den Kopf. »Ich denke nicht, dass es so weit kommen wird, denn ohne Joannas Aussage wird seine Anklage auf wackeligen Beinen stehen.«
»Aber ich habe inzwischen auch eine Vorladung für die Anhörung bekommen«, wandte Joanna ein, »und wenn ich lüge, wird man das doch herausfinden.«
»Als Jakes Frau bräuchtest du nicht gegen ihn aussagen. Es wäre also das Beste, wenn ihr so schnell wie möglich heiraten würdet«, erklärte Phillip.
»Toll, genau so habe ich es mir immer vorgestellt«, brummte Jake sarkastisch. »Ich heirate, damit ich nicht ins Gefängnis muss – sehr romantisch, wirklich.«
Joanna strich ihm liebevoll über den Arm und lächelte. »Bisher war bei uns beiden doch alles ein wenig anders als bei gewöhnlichen Liebespaaren, warum sollte es unsere Hochzeit nicht auch sein? Außerdem wollten wir sowieso heiraten, dann tun wir es jetzt eben ein bisschen früher.«
»Wenn ihr einverstanden seid, könnte ich noch für diese Woche einen Termin bei einem Friedensrichter organisieren«, schlug Phillip vor. »Da hier in Tennessee kein Bluttest erforderlich ist, sollte das kein Problem sein.«
»Reicht die Zeit, dass du vorher einen Ehevertrag aufsetzen kannst?«, wollte Joanna wissen. »Es gibt da einige Dinge, die ich gerne schriftlich festlegen würde.«
Phillip grinste Jake an. »Wenn sie jetzt schon an die Scheidung denkt, solltest du es dir vielleicht noch einmal überlegen«, zog er ihn auf.
»Wir brauchen keinen Ehevertrag«, erwiderte Jake und zwickte Joanna in die Taille. »Ich habe nicht die Absicht, dich jemals wieder gehen zu lassen.«
»Aber Magnolia Haven …«, wandte sie ein.
»… wird nach der Hochzeit uns beiden gehören, und damit Ende der Diskussion«, vollendete Jake ihren Satz. Dann schaute er Phillip an. »Okay, weiter. Joanna braucht nach der Hochzeit also keine Aussage zu machen – und was ist mit allen anderen? Vater, Olivia, Tom?«
Phillip nahm einen Block und einen Stift. »Gehen wir alles mal ganz grob durch, damit ich ein paar Anhaltspunkte habe. Gibt es irgendjemanden, der bezeugen könnte, dass ihr miteinander geschlafen habt, bevor Joanna achtzehn war?«
»Was ist das denn für eine Frage? Natürlich nicht, oder denkst du, es hat jemand die Lampe gehalten?«, knurrte Jake genervt.
»Es hätte ja sein können, dass ihr überrascht wurdet.«
»Nein. Der Einzige, der definitiv Bescheid wusste, warst du.«
Phillip winkte ab. »Das ist egal, ich bin dein Anwalt. Was ist mit dem Hotel in Nashville? Ich nehme an, du warst so vorsichtig, dir ein eigenes Zimmer zu nehmen.«
»Ja. Außerdem war ich offiziell in Atlanta, das Thema sollte also gar nicht auf den Tisch kommen.«
»Gut. Also bleibt nur Benjamin und der Zeugungszeitpunkt.« Er schwieg, nahm einen Kalender zur Hand und rechnete. »Wenn Benjamin gezeugt wurde, als ihr auf Abaco Island wart, liegen zwischen dieser Zeit und Joannas Geburtstag knapp zwei Monate. Vielleicht könnten wir es so hinbiegen, als wäre es eine Frühgeburt gewesen.«
»Aber aus den Unterlagen meines Arztes und der Klinik ist doch ersichtlich, dass es nicht so ist«, gab Joanna zu bedenken.
»Diese Sachen unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht, da kein Kapitalverbrechen vorliegt, dürfte es dem Staatsanwalt schwerfallen, ohne dein Einverständnis da ranzukommen. Und da du nicht aussagen wirst, können wir hoffen, dass es so funktioniert«, erläuterte Phillip und wandte sich wieder an Jake. »Du wirst natürlich auch von deinem Recht, zu schweigen, Gebrauch machen. Also Kopf hoch, wir kriegen das schon irgendwie hin.«
»Und wenn nicht?«, fragte Jake gedehnt. »Womit muss ich rechnen?«
Phillip presste die Lippen zusammen. »Wenn es mir nicht gelingt, dich rauszupauken, sind zwei Jahre das Mindeste.«

Drei Tage später fand die Hochzeit von Jake und Joanna statt. Es war eine schlichte und nüchterne Zeremonie in Phillips Büro. Ein mit ihm befreundeter Friedensrichter führte die Trauung durch, Phillip und Mrs. Wheeler fungierten als Trauzeugen, und in weniger als fünfzehn Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt.
»Es tut mir so leid Liebling«, sagte Jake, als er abends zusammen mit Joanna im Bett lag, »ich hatte mir diesen Tag immer völlig anders vorgestellt, und du sicher auch. Ich verspreche dir, dass wir das irgendwann nachholen werden.«
»Das braucht es nicht. Es ist eine schwierige Situation, und keinem von uns ist zum Feiern zumute. Das Wichtigste ist doch, dass du hoffentlich unbeschadet aus dieser Sache herauskommst«, beruhigte Joanna ihn. Sie kuschelte sich an ihn und schaute ihm in die Augen, diese grauen Augen, die sie so sehr liebte. »Hast du es schon bereut?«, fragte sie leise.
»Nein, keine Sekunde.«
»Ohne mich wärst du jetzt nicht in dieser fatalen Lage. Ich mache mir solche Vorwürfe. Ich hätte Magnolia Haven verlassen sollen, damals, nach dem Vorfall mit Michael. Es war egoistisch von mir, dazubleiben und zu hoffen, dass du deine Meinung ändern würdest. Aber ich war zu diesem Zeitpunkt bereits so sehr in dich verliebt, dass ich mir keinerlei Gedanken über die Konsequenzen gemacht habe.«
Jake zog sie dichter an sich und streichelte liebevoll ihre Wange. »Dich trifft keine Schuld. Es war allein meine Entscheidung, schließlich war ich derjenige, der zu dir nach Nashville ins Hotel gefahren ist. Ich wusste, welches Risiko ich eingehe, und ehrlich gesagt, bedauere ich es nicht. Du bist das Beste, was mir je passiert ist, und ich möchte keine Minute unserer gemeinsamen Zeit missen.«
»Wenn ich in Texas nicht weggelaufen wäre, könnten wir immer noch dort sein, und …«
Er verschloss ihr den Mund mit einem Kuss. »Hätte, wäre, könnte – es hat keinen Sinn, sich zu zerfleischen, es lässt sich nicht mehr ändern.«
»Ich habe fürchterliche Angst.«
»Ich ebenfalls«, gab er leise zu. »Aber ich will nicht darüber nachdenken, nicht jetzt. Heute ist unsere Hochzeitsnacht, und selbst wenn wir keine schöne Feier hatten, sollten wir sie genießen. Ich möchte dich die ganze Nacht lieben, und auch die nächsten Nächte. Vielleicht wird es für eine lange Zeit das Letzte sein, was wir miteinander haben können.«

23

Die fünf Tage bis zur Anhörung zogen sich endlos dahin, dann war es schließlich so weit. In gedrückter Stimmung machten Jake, Joanna und Samuel sich auf den Weg nach Memphis. Vor dem Gerichtsgebäude wurden sie bereits von Phillip erwartet, der sie nach oben begleitete zu dem Raum, in welchem die Vorverhandlung stattfand.
Vor der Tür gab Phillip noch ein paar letzte Instruktionen.
»Denkt dran, ihr werdet beide von eurem Schweigerecht Gebrauch machen«, schärfte er Jake und Joanna nochmals ein. »Was auch immer da drinnen vorgetragen wird, lasst euch nicht zu irgendwelchen Äußerungen provozieren, ich übernehme das Reden.«
Kurz darauf traf Tom ein, der sie mit einem siegessicheren Lächeln bedachte und sich gegenüber von ihnen auf eine Bank setzte. Dann erschien Olivia, die sie keines Blickes würdigte, und als der Gerichtsdiener die Tür öffnete, um sie in den Raum zu bitten, tauchte auf einmal Big Bill am Ende des Gangs auf.
Als Joanna ihn sah, wurde sie blass und griff nach Phillips Arm. »Das ist Big Bill«, flüsterte sie ihm entsetzt zu, »was hat er denn hier zu suchen?«
Phillip zuckte mit den Schultern. »Mein Zeuge ist er nicht«, gab er leise zurück, »wir werden sehen. Aber wir müssen jetzt reingehen.«
Er schob Jake und Joanna in den Gerichtssaal, Samuel folgte ihnen. Während Jake und Phillip rechts an einem Tisch vor dem Absperrgitter Platz nahmen, setzten Joanna und Samuel sich in die erste Reihe hinter den beiden.
Tom, Olivia und Big Bill saßen auf der anderen Seite des Ganges, verteilt auf drei Reihen. Nicht nur Joanna war von Big Bills Anwesenheit unangenehm berührt, Tom schien sich genauso unbehaglich damit zu fühlen. Er warf ihm mehrmals prüfende Blicke zu, doch Bill saß vollkommen reglos auf seinem Stuhl und reagierte mit keinem Wimpernzucken. Ansonsten war der Saal leer, Phillip hatte um Ausschluss der Öffentlichkeit gebeten, was auch akzeptiert worden war.
Der Bezirksstaatsanwalt, Gene Evans, erschien, ließ sich an seinem Tisch links vor der Absperrung nieder, und wenige Minuten später kündigte der Gerichtsdiener das Erscheinen des Bezirksrichters Seymour Foggerty an. Alle standen kurz auf, der Richter nahm hinter seinem Pult Platz, dann wurde die Anhörung eröffnet.
Seymour Foggerty verlas die Anklageschrift, die Jake der Unzucht mit Minderjährigen bezichtigte und Jake musste seine Personalien abgeben, anschließend rief der Staatsanwalt Joanna als seine erste Zeugin auf.
»Ich bitte Miss Joanna Shepherd in den Zeugenstand.«
Phillip erhob sich. »Euer Ehren, Miss Shepherd ist inzwischen Mrs. Jake Prescott, und daher nicht verpflichtet, gegen ihren Mann auszusagen.«
Tom riss entgeistert die Augen auf, und der Staatsanwalt wirkte ebenfalls irritiert. »Seit wann?«
»Die Ehe wurde vor fünf Tagen geschlossen, hier ist die Heiratsurkunde.«
Mit dem Dokument in der Hand trat Phillip vor den Richtertisch, der Staatsanwalt folgte ihm, warf einen Blick darauf und verzog verärgert das Gesicht.
»Mrs. Prescott«, wandte sich der Richter an Joanna, nachdem die beiden Anwälte wieder saßen, »ist es richtig, dass Sie keine Aussage machen möchten?«
Joanna erhob sich. »Ja, Euer Ehren.«
Seymour Foggerty nickte, machte sich eine Notiz und forderte Gene Evans auf, fortzufahren.
Dieser rief Tom in den Zeugenstand.
Er wurde vereidigt, machte zunächst ebenfalls seine persönlichen Angaben und beantwortete dann die Fragen des Staatsanwalts.
»Mr. Prescott, Sie sind der Bruder des Anklagten?«
»Ja.«
»In welchem Verhältnis standen Sie zu dem Opfer, Mrs. Joanna Prescott, bevor sie Ihre Schwägerin wurde?«
Phillip hob die Hand. »Einspruch. Es ist nicht erwiesen, dass Mrs. Prescott Ziel eines wie auch immer gearteten Übergriffs meines Mandanten war, daher ist die Bezeichnung ‚Opfer‘ nicht angemessen.«
Der Richter belehrte den Staatsanwalt entsprechend, und dieser formulierte seine Frage um.
»Ich habe Mrs. Prescott als Kindermädchen für meinen Neffen Michael eingestellt, später hat sie in der Firma meines Vaters gearbeitet«, erklärte Tom.
»Beschreiben Sie das Verhältnis Ihres Bruders zu Mrs. Prescott, bevor er sie geheiratet hat.«
»Einspruch, Hörensagen«, meldete Phillip sich wieder zu Wort. »Was Mr. Tom Prescott gesehen zu haben glaubt ist kein Indiz dafür, dass mein Mandant sich tatsächlich strafbar gemacht hat.«
»Abgelehnt«, entschied Seymour Foggerty, »ich lasse diese Frage zu, um einen Eindruck vom Umgang des Anklagen mit Mrs. Prescott zu bekommen.«
Er nickte Tom zu, und dieser begann zu erzählen. Er berichtete von Jakes Ausritt mit Joanna, von dem gemeinsamen Besuch in Memphis und Jakes Verhalten auf dem Ball bei den Forsythes. Er behauptete, es sei Jakes Idee gewesen, zusammen mit Joanna noch länger im Ferienhaus zu bleiben, und ihr schließlich eine Anstellung in der Firma zu geben. Abschließend erzählte er von den Treffen im alten Schuppen und dass Jake mit Joanna nach Texas durchgebrannt sei, als sich herausstellte, dass sie schwanger war.
»Mein Bruder hat von Anfang an eine übertriebene Fürsorglichkeit an den Tag gelegt, und es war klar zu erkennen, welche Absicht sich dahinter verbarg.«
Jake saß mit geballten Fäusten da, und Phillip legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm.
»Einspruch«, rief er wieder, »Mr. Tom Prescott dürfte wohl kaum in der Lage sein, die Absichten meines Mandanten zu kennen.«
Foggerty nickte, notierte sich etwas, dann stellte Gene Evans noch ein paar Detailfragen, anschließend war Phillip an der Reihe.
»Mr. Prescott, bei all den Gelegenheiten, die Sie aufgezählt haben, wie oft waren Sie da persönlich anwesend?«, wollte er von Tom wissen.
»Nun ja«, druckste Tom herum und schwieg.
»Beantworten Sie die Frage«, wies der Richter ihn an.
»Genau genommen nur auf dem Ball.«
Phillip nickte zufrieden. »Alles andere basiert dann lediglich auf Dingen, die Sie durch dritte Personen erfahren haben?«
»Ja«, gab Tom zähneknirschend zu.
»Gut, kommen wir zu diesem bewussten Ball. Ist es nicht so, dass nicht mein Mandant, sondern Sie selbst Mrs. Prescott dorthin mitgenommen haben?«
»Ja.«
»Sie unterlag also an diesem Abend Ihrer Aufsichtspflicht?«
»Gewissermaßen ja.«
»Und Sie haben tatenlos mit zugesehen, wie Mrs. Prescott mit einem ihr fremden Mann tanzte und von diesem in ungehöriger Weise berührt wurde?«
»Das habe ich nicht mitbekommen«, begehrte Tom auf.
»Ist es möglich, dass mein Mandant es mitbekommen hat, und Mrs. Prescott aus diesem Grund nach Hause brachte, und nicht, weil er, wie Sie sagten, irgendwelche amourösen Absichten hatte?«
»Das kann sein, aber …«
»Danke Mr. Prescott«, unterbrach Phillip ihn.
»Aber …«
»Danke«, wiederholte Phillip etwas schärfer. »Kommen wir zu der bewussten Nacht in dem Schuppen. Haben Sie meinen Mandanten und Mrs. Prescott dort in einer eindeutigen Situation überrascht?«
»Ich sah ihn wegreiten«, erklärte Tom.
»Aber Sie haben nicht gesehen, was sich im Inneren des Gebäudes abgespielt hat?«
»Es lagen Decken in der Ecke, das lässt ja wohl nur einen Schluss zu.«
Phillip runzelte die Stirn. »Das beantwortet nicht meine Frage. Haben Sie mit eigenen Augen gesehen, dass mein Mandant und Mrs. Prescott dort sexuellen Kontakt miteinander hatten?«
»Nein.«
»Was ist geschehen, nachdem mein Mandant weggeritten war?«
Tom presste die Lippen aufeinander. »Das tut nichts zur Sache.«
»Gut, dann werde ich es Ihnen erzählen«, kündigte Phillip an.
»Einspruch«, meldete Gene Evans sich zu Wort. »Euer Ehren, was der Verteidiger hier vorzubringen versucht, ist für die Klärung der Schuldfrage völlig unerheblich.«
»Verzeihung Euer Ehren, aber das sehe ich anders«, insistierte Phillip. »Ich bitte um ein wenig Spielraum, um darzulegen, dass die Vorwürfe gegen meinen Mandanten auf das Fehlverhalten von Mr. Tom Prescott zurückzuführen sind.«
Der Richter bat die Anwälte zu sich nach vorne.
»Wir sind hier nicht in einer Verhandlung, also verzichten Sie bitte auf irgendwelche dramatischen Auftritte«, mahnte er. »Bleiben Sie sachlich und tragen nur das vor, was der Wahrheitsfindung dient.«
Dann kehrten beide zu ihren Plätzen zurück, und Phillip durfte das Kreuzverhör fortsetzen.
»Ist es nicht so Mr. Prescott, dass Sie Mrs. Prescott gedroht haben, ihre angebliche Affäre mit meinem Mandanten aufzudecken, wenn sie ihn nicht dazu bringen würde, Ihnen das väterliche Erbe zu überlassen?«
»Was? Nein«, behauptete Tom.
»Ist es nicht so, dass Sie Mrs. Prescott allein aus dieser Absicht heraus eingestellt haben?«
»Nein, ich …«
»Ist es nicht so, dass Sie handgreiflich wurden, als Mrs. Prescott sich weigerte, Ihrem Erpressungsversuch Folge zu leisten?«, attackierte Phillip Tom weiter.
Dieser sprang jetzt auf. »Das ist nicht wahr«, rief er zornig und deute mit dem Finger auf Joanna, »Sie hat mich angegriffen. Dieses miese Flittchen wollte mich umbringen, sie hat mich mit einer Stange niedergeschlagen und den Schuppen angezündet.«
Er war außer sich vor Wut und wollte seine Schimpftirade fortsetzen, doch da klopfte Seymour Foggerty mit seinem Hammer auf das Pult. »Ruhe, sofort Ruhe.«
Äußerlich völlig gelassen, aber mit einem zufriedenen Funkeln in den Augen setzte Phillip sich wieder hin. »Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.«

24

Nach einer zehnminütigen Pause wurde die Anhörung fortgesetzt, und der Staatsanwalt rief Olivia in den Zeugenstand. Wie Tom zuvor wurde auch sie vereidigt, gab ihre Personalien zu Protokoll, dann begann die Befragung.
»Mrs. Prescott, Sie sind die Witwe des ältesten Bruders des Angeklagten, Andrew Prescott?«
»Ja.«
»Gleichzeitig sind Sie die geschiedene Frau des Angeklagten?«
»Ja.«
»Hat der Angeklagte Sie aus Liebe geheiratet?«
»Einspruch, Spekulation. Die Zeugin kann die gefühlsmäßigen Beweggründe meines Mandanten nicht beurteilen«, wandte Phillip ein.
Gene Evans hob die Hand. »In Ordnung, ich formuliere die Frage um. Mrs. Prescott, hat der Angeklagte Sie gebeten, ihn zu heiraten, um sein Verhältnis zu Joanna Prescott zu vertuschen?«
»Nein.«
Der Staatsanwalt räusperte sich. »Mrs. Prescott, haben Sie die Frage verstanden?«
»Ja, natürlich.«
»Gut. Es war zwischen Ihnen also nie die Rede davon gewesen, dass Sie sich als die Mutter des von dem Angeklagten mit Joanna Prescott gezeugten Kindes ausgeben sollten?«
»Nein«, erklärte Olivia entschieden.
Jake warf Phillip einen fragenden Blick zu, dieser zuckte kaum merklich mit den Achseln.
»Mrs. Prescott«, Gene Evans blickte auf seine Papiere, »Ihnen ist bewusst, dass Sie unter Eid stehen?«
»Ja, das ist mir bewusst.«
»Nun, was genau war denn der Grund, den der Angeklagte Ihnen genannt hat, als er sie bat, seine Frau zu werden?«
»Er hat mich nicht gebeten, sondern ich habe es ihm angeboten«, berichtete Olivia. »Er war alleine mit seinem kleinen Sohn, und ich habe mich bereiterklärt, eine Mutter für das Kind zu sein.«
Verärgert presste Gene Evans die Lippen zusammen. »Gut, lassen wir das. In welchem Verhältnis standen Sie zu Mrs. Joanna Prescott?«
»Sie war das Kindermädchen meines Sohnes, und ich war sehr zufrieden mit ihr.«
»Auch als Sie Ihren Sohn in ein Internat geben mussten, weil Mrs. Prescott ihn zu sexuellen Handlungen verleitet hat?«
»Einspruch«, rief Phillip, »Abgesehen davon, dass es keinerlei Beweise für eine derartige Unterstellung gibt, ist es völlig irrelevant für die Ermittlung gegen meinen Mandanten.«
»Abgelehnt. Ich lasse diese Frage zu, bitte jedoch den Staatsanwalt, nicht weiter vom eigentlichen Thema abzuschweifen«, betonte der Richter und nickte Olivia zu. »Antworten Sie.«
»Mrs. Prescott trifft keine Schuld an diesem Vorfall«, erklärte sie ruhig. »Sie hat sich immer tadellos verhalten.«
Joanna, die damit gerechnet hatte, dass Olivia kein gutes Haar an ihr lassen würde, riss überrascht die Augen auf, ebenso wie Jake, der Phillip zuflüsterte: »Was tut sie da?«
»Keine Ahnung«, wisperte Phillip zurück, »aber so wie es aussieht, ist es zu unserem Vorteil.«
»Es war nicht das erste Mal, dass mein Sohn Michael sich … auffällig verhalten hat«, fuhr Olivia fort. »Bereits davor gab es diverse Vorkommnisse, und wir haben entschieden, dass ein Aufenthalt im Internat geeignet wäre, um …«
»Du Miststück«, platzte in diesem Moment Tom aus dem Zuschauerbereich dazwischen, und deutete auf Jake, »ihn sollst du ans Messer liefern, nicht unseren Sohn.«
»Ruhe«, der Hammer des Richters knallte wieder auf das Pult, »Setzen Sie sich und seien Sie still, sonst lasse ich Sie nach draußen bringen.«
»Mrs. Prescott …«, wollte der Staatsanwalt fortfahren, aber jetzt hatte sich auch Olivia erhoben.
»Du gehörst ans Messer«, zischte sie in Toms Richtung. »Du hast Joanna doch aus diesem Bordell geholt, damit du Jake um sein Erbe bringen kannst, du hattest das von Anfang an geplant.« Sie deute auf Big Bill. »Er kann das bezeugen, Euer Ehren.«
»Ruhe«, donnerte der Richter erneut, jedoch vergeblich.
»Ein Bordellbesitzer und eine Mörderin, tolle Zeugen«, höhnte Tom, und als Olivia blass wurde, setzte er nach: »Hast du etwa gedacht, es wäre nur eine leere Drohung gewesen? Oder hast du deinem geliebten Jake schon gebeichtet, dass du Melissa auf dem Gewissen hast?«
Erschrocken starrte Joanna ihn an, während Samuel scharf die Luft einsog. Jake war kreidebleich geworden und wollte aufspringen, doch Phillip hielt ihn am Ärmel fest und drückte ihn zurück auf seinen Stuhl.
An Jake gewandt fuhr Tom fort: »Ja, da guckst du blöd, was? Melissas Tod war kein Unfall, Olivia hat sie kaltblütig umgebracht. Sie hat euren Streit mitbekommen und ist Melissa zum Stall gefolgt. Ich war zufällig dort und habe gesehen, wie sie einen kleinen Stein unter Goldies Sattel gelegt hat.«
Der Richter wollte erneut mit dem Hammer auf den Tisch klopfen, doch Olivia war schneller.
»Ja«, sagte mit flammenden Augen in Jakes Richtung, »Ja, ich war es. Ich habe dich damals schon geliebt, aber du hattest nur Augen für sie. Ich wollte nicht, dass sie stirbt, ich wollte ihr nur einen Denkzettel verpassen, und habe gehofft, dass sie das Kind verliert, damit du sie nicht heiratest.« Wie von Sinnen starrte sie jetzt wieder Tom an. »Du wirst Magnolia Haven nicht bekommen, das schwöre ich dir. Es gehört Jake, ihm allein.«
»Du bist ja völlig irre«, gab Tom angewidert zurück. »Und nur zu deiner Information, du hättest dir die Mühe sparen können, denn das Kind war überhaupt nicht von Jake, sondern von mir.«
»Du Dreckskerl«, fuhr Jake nun hoch, und ließ sich nur mühsam von Phillip wieder beruhigen.
Dafür stand Samuel auf und machte ein paar Schritte auf Tom zu. »Du hast also die ganzen Jahre gewusst, dass Olivia dafür verantwortlich war und hast nichts gesagt«, presste er voller Abscheu heraus. »Was bist du nur für ein Mensch? Habe ich dich so erzogen?«
Herausfordernd stemmte Tom die Hände in die Hüften und warf seinem Vater einen hasserfüllten Blick zu. »Oh nein, das hast du nicht. Um mich hast du dich doch nie gekümmert, ich war ja nur der missratene Sohn. Andrew und Jake, das waren die Söhne, die dir wichtig waren, ich war in deinen Augen ja nur der letzte Dreck.«
»Das ist nicht wahr«, wollte Samuel widersprechen, aber Tom schnitt ihm mit einer zornigen Handbewegung das Wort ab.
»Lass es sein«, fauchte er ihn an, »es nutzt dir jetzt sowieso nichts mehr, dein geliebtes Magnolia Haven wird mir gehören. Ich habe Andrew aus dem Weg geräumt und ich werde auch dafür sorgen, dass Jake von der Bildfläche verschwindet …«
Er verstummte, denn im gleichen Moment bemerkte er das Entsetzen im Gesicht seines Vaters, und ihm wurde bewusst, dass er einen Fehler gemacht hatte.
»Was hast du getan?«, fragte Samuel tonlos. »Hast du Andrew von der Treppe gestoßen?«
Tom schwieg, und Samuel machte einen Satz nach vorne, packte ihn am Kragen seines Jacketts und schüttelte ihn. »Antworte mir«, schrie er mit hochrotem Kopf, »hast du Andrew umgebracht?«
In diesem Moment eilten mehrere Sicherheitsleute in den Saal. Jake zog seinen Vater von Tom weg, und innerhalb kürzester Zeit klickten Handschellen um dessen Gelenke. Er wurde abgeführt, ebenso wie Olivia, die ununterbrochen wie irre »Jake, ich liebe dich« vor sich hinmurmelte.
»Vater, bitte beruhige dich«, sagte Jake mit schneeweißem Gesicht und drückte Samuel auf einen Stuhl, »bitte, denk an deine Gesundheit.«
Seymour Foggerty räusperte sich. »Die Anhörung wird ausgesetzt, die Anwälte in mein Büro – sofort.«
Gene Evans und Phillip folgten dem Richter nach draußen, Big Bill verschwand ohne ein Wort, und Jake, Joanna und Samuel blieben alleine zurück.
Sichtlich erschüttert saß Samuel Prescott da und schaute Jake an.
»Er hat Andrew auf dem Gewissen«, flüsterte er, »mein Sohn ist ein Mörder.«

Phillip tauchte nicht mehr auf, und nachdem sie eine Weile gewartet hatten, beschloss Jake, dass sie nach Magnolia Haven zurückfahren sollten.
Immer noch völlig benommen von den Ereignissen im Gerichtssaal machten sie sich auf den Rückweg, und saßen dann im Wohnzimmer.
Jake hatte darauf bestanden, dass Samuel in sein Zimmer gehen und sich hinlegen sollte, doch dieser weigerte sich. »Ich bleibe hier, bis wir etwas von Phillip hören«, beharrte er. »Du bist der letzte Sohn, der mir noch geblieben ist, und ich werde mich bestimmt nicht ins Bett legen, solange ich nicht weiß, wie es jetzt weitergeht.«
Er hatte es sich auf der Couch bequem gemacht, während Jake am Fenster stand und in den Garten hinausschaute. Joanna hatte kurz nach Benjamin gesehen und kam nun mit einem Tablett mit Kaffee, Tee und Gebäck herein.
»Danke, aber ich bekomme nichts herunter«, lehnte Jake leise ab, als sie ihm ein Stück Kuchen reichen wollte.
Sie stellte den Teller wieder weg, schlang von hinten die Arme um ihn und lehnte ihren Kopf an seinen Rücken.
»Es dauert sehr lange – was glaubst du, was geschieht?«
»Ich weiß es nicht«, murmelte er, »ich nehme an, dass Tom und Olivia sich für das, was sie getan haben, verantworten müssen. Und was mit mir ist …«
Er verstummte, und sie drückte ihn an sich, streichelte sanft über seine Hände, die er vor der Brust verschränkt hatte.
So standen sie schweigend, bis plötzlich die Tür aufging und Martha Phillip hereinführte.
»Mr. Carlisle ist da«, verkündete sie und zog sich wieder zurück.
»Phil«, fragte Jake unsicher, da die Miene des Anwalts nichts verriet, »was ist los, sag schon?«
Gespannt schauten sie ihn an, und dann, nach ein paar endlos erscheinenden Sekunden, zog ein winziges Lächeln über sein Gesicht. »Es ist alles in Ordnung. Der Staatsanwalt hat die Anklage fallengelassen.«
»Was?«
Ungläubig starrte Jake ihn an, während Joanna einen Jubelruf ausstieß und Phillip um den Hals fiel.
»Danke, danke, danke«, rief sie immer wieder und küsste ihn dazu jedes Mal auf die Wange.
»Hey«, sagte er scherzhaft, »du solltest lieber deinen Mann küssen, bevor er mich zum Duell fordert.«
Joanna schmiegte sich an Jake, und er presste sie mit schmerzhaftem Druck an sich. Auch Samuel war überglücklich, er wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und bat Phillip dann, sich zu setzen und zu erzählen, was im Richterzimmer geschehen war.
»Fangen wir mit den unerfreulichen Dingen an«, begann Phillip, nachdem Joanna ihm eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt hatte. »Olivia und Tom sind in Haft, man wird sie beide wegen Mordes anklagen. Da sie vor mehreren Zeugen und in Anwesenheit eines Richters freiwillig gestanden haben, werden sie nicht mit einem blauen Auge davonkommen.«
»Wird … werden sie …?« Samuel wagte nicht, es auszusprechen, doch alle verstanden auch so, was gemeint war.
»Nein, ich schätze, die Todesstrafe werden sie nicht bekommen, mit einem guten Anwalt und einer geschickten Verteidigung wird es wohl höchstens eine lebenslängliche Haft werden«, erklärte Phillip. Dann schaute er Jake an. »Tja, und so wie es aussieht, hast du verdammtes Glück gehabt. Der Richter und der Staatsanwalt waren so fassungslos über das ganze Geschehen, dass ich Evans dazu bewegen konnte, die Anklage fallenzulassen. Normalerweise wird nicht so milde verfahren, aber beide waren sich einig, dass in diesem Fall besondere Umstände zum Tragen kommen. Die Tatsache, dass Joanna fast achtzehn war, sie freiwillig mit dir geschlafen hat und ihr inzwischen verheiratet seid, war dabei nur nebensächlich. Es gab auch noch ein paar juristische Feinheiten, mit denen ich dich jetzt nicht langweilen will – Fakt ist: Du hast es hinter dir, alter Junge.«
Freundschaftlich klopfte er Jake auf die Schulter und musste es sich gefallen lassen, dass dieser ihn umarmte und an sich drückte.
»Danke, das werde ich dir nie vergessen.«
»Schon gut«, wehrte Phillip verlegen ab, »du könntest dich ja dafür bedanken, indem du einen deiner nächsten Söhne nach mir benennst.«
Jake lachte und zog Joanna in seine Arme. »Söhne – das hört sich gut an, aber ich glaube, das muss ich erstmal mit meiner Frau besprechen.«

Epilog

Sanft schaukelte die Jacht auf den Wellen vor Abaco Island.
»Willst du, Jake Prescott, die hier anwesende Joanna Shepherd zu deiner dir angetrauten Ehefrau nehmen, sie lieben und ehren, sie achten und ihr treu sein, in guten wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod euch scheidet?«
Jake, in dunklem Anzug und Krawatte, schaute Joanna, die in einem langen, weißen Kleid vor ihm stand, liebevoll an. Seine Augen leuchteten, als er ihre Hände ergriff und fest mit »Ja, ich will« antwortete.
»Willst du, Joanna Shepherd, den hier anwesenden Jake Prescott zu deinem dir angetrauten Ehemann nehmen, ihn lieben und ehren, ihn achten und ihm treu sein, in guten wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod euch scheidet?«
Tränen glitzerten in Joannas Augen, als sie nickte und ebenso deutlich »Ja, ich will«, sagte.
Sie steckten sich gegenseitig die schmalen, goldenen Ringe an, der Pfarrer erklärte sie zu Mann und Frau und schloss mit den Worten: »Sie dürfen die Braut jetzt küssen.«
Vorsichtig, als hätte er Angst, sie zu zerbrechen, zog Jake Joanna in seine Arme, und senkte seine Lippen zu einem langen, innigen Kuss auf die ihren.
Die wenigen Gäste applaudierten, und in diesem Moment erscholl protestierendes Babygeschrei.
Lachend löste Joanna sich von Jake und nahm den kleinen Christopher Phillip aus seinem Tragesitz.
»Du hast eine kräftige Stimme, bestimmt wirst du einmal genauso ein gefürchteter Anwalt wie dein Patenonkel«, neckte sie ihren Sohn.
»Nun, ich hoffe nicht, dass das eben ‚Einspruch‘ heißen sollte«, flachste Jake.
Mit stolzgeschwellter Brust hob Phillip sein Champagnerglas. »Du wirst sehen, das wird das erste Wort sein, das ich ihm beibringe, und direkt danach kommt ‚Onkel Phillip‘.«
»Flip«, wiederholte Benjamin und kletterte auf den Schoß seines Vaters.
»Flip«, plapperte auch die kleine Alicia nach, die an den Händen ihrer Eltern auf und ab hopste.
Jake grinste. »Sieht so aus, als hättest du gerade ein paar neue Fans gewonnen.«
»Apropos«, Taylor knuffte ihn freundschaftlich, »habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass deine Farm inzwischen satte Gewinne abwirft? Wollt ihr nicht doch noch zurückkommen?«
Joanna schüttelte den Kopf. »Nein, so gerne wir euch in unserer Nähe hätten, wir haben uns entschieden, auf Magnolia Haven zu bleiben. Jake ist dort aufgewachsen, und es soll auch das Zuhause unserer Kinder werden.«
Samuel zwinkerte Joannas Vater zu. »Gott sei Dank, so kommen wir wenigstens in den Genuss unserer Enkelkinder.«
»Richtig, und ihr dürft sofort damit anfangen«, lachte Jake, »Jo und ich werden jetzt erst einmal ungestört unsere Flitterwochen genießen.«
»Worauf wartet ihr dann noch?«, fragte Carol und machte eine scheuchende Handbewegung, »auf, auf, ab mit euch.«
Unter Gelächter kletterten Jake und Joanna in das kleine Motorboot, welches neben der Jacht wartete. Brian reichte ihnen ihr Gepäck hinterher, und nach etlichen Abschiedsworten und scherzhaften Kommentaren nahmen sie wenig später Kurs auf den Hafen von Abaco Island.
»Endlich«, murmelte Jake, zog Joanna in seine Arme, und küsste sie leidenschaftlich. »Darauf habe ich mich bereits den ganzen Tag gefreut.«
»Ein paar Minuten musst du dich noch gedulden Liebling«, flüsterte sie ihm mit einem vielsagenden Blick auf den Mann am Steuer des Bootes zu.
Er lächelte. »Du hast recht, aber das macht nichts – was sind schon ein paar Minuten gegen den Rest unseres Lebens?«

ENDE

 

Impressum

Texte: M. Schuster
Bildmaterialien: Brandonrush, Wikimedia Commons – Coverdesign: Marina Schuster
Tag der Veröffentlichung: 15.10.2012

Alle Rechte vorbehalten

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