Cover

1

Das »Red Lantern« war kein Ort, an dem anständige Frauen sich aufhielten.
Doch die siebzehnjährige Joanna Shepherd lief so selbstverständlich durch das rauchgeschwängerte Hinterzimmer des Bordells, als wäre sie hier aufgewachsen, und das war sie tatsächlich.
Allerdings war sie nicht eine der Prostituierten, ihre Aufgabe beschränkte sich lediglich darauf, bei den illegalen Pokerrunden Häppchen und Getränke zu servieren.
»Hey Süße, bring mir noch einen Whiskey«, orderte einer der Männer am Spieltisch, ein alter, dicker Kerl mit einem grauen Haarkranz um die runzelige Glatze.
Seine Augen glitten lüstern über Joannas Rückseite, als sie davoneilte, um ihm das Gewünschte zu besorgen.
Sekunden später stellte sie den Jack Daniels vor ihn hin, wich geschickt seiner Hand aus, mit der er versuchte, ihren Po zu betatschen, und zog sich wieder auf ihren Platz neben der Tür zurück.
Angespannte Stille lag im Raum, alle konzentrierten ihre Aufmerksamkeit auf die zwei Männer, die sich am Spieltisch gegenübersaßen.
»Big Bill«, der Besitzer des »Red Lantern« zog genüsslich an seiner Zigarre und beobachtete mit kaum verhohlener Freude seinen Kontrahenten, einen etwa dreißigjährigen Mann mit blonden Haaren und blassblauen Augen.
Die beiden waren die Einzigen, die in dieser Runde noch übrig waren. Alle anderen waren bereits ausgestiegen und warteten nun mit angehaltenem Atem darauf, dass die Karten auf den Tisch gelegt wurden.
»Full House«, sagte Bill jetzt triumphierend und blätterte drei Damen und zwei Achten auf die mit grünem Filz überzogene Tischplatte.
Thomas Prescott ließ sich Zeit. Er trank einen Schluck aus seinem Whiskeyglas, schaute dann zu Joanna und zwinkerte ihr freundlich zu. Anschließend drehte er gelassen seine Karten um.
»Straight Flush«, lächelte er und sah zufrieden, wie Bill blass wurde.
Er sah aus, als würde er jeden Moment einen Herzinfarkt bekommen. Seine Gesichtsfarbe wechselte von Weiß zu einem tiefen Rot, er schnappte nach Luft, und die übrigen Teilnehmer der Pokerrunde zogen es vor, sich schnellstens zu verabschieden. Bills Wutausbrüche, wenn er beim Pokern verlor, waren ihnen nur allzu gut bekannt, und es war besser, sich jetzt nicht in seiner Nähe aufzuhalten. Die Summe, um welche die beiden gespielt hatten, war astronomisch hoch, garantiert würde er gleich anfangen, durchzudrehen.
Die Tür schloss sich hinter den Männern, Joanna, Bill und Thomas Prescott waren alleine im Raum. Joanna wartete mit angehaltenem Atem auf Bills Wutanfall, doch seltsamerweise blieb er heute ruhig – sehr ruhig.
»Nun Bill«, der Blonde beugte sich ein Stück nach vorne und lächelte den fettleibigen Bordellbesitzer an, »zusammen mit der Summe vom letzten Mal schuldest du mir jetzt 75.000 Dollar. Zahlst du bar oder willst du mir einen Scheck ausstellen?«
Bill schluckte. »Ich … ich bin im Moment nicht so bei Kasse«, murmelte er unbehaglich. »Ich könnte dir 10.000 geben und den Rest dann nach und nach.«
Toms Lächeln verschwand. »Tut mir leid, aber so lange kann ich nicht warten.«
»Eventuell kann ich noch weitere 20.000 auftreiben«, bot Bill an und nagte nervös an seiner wulstigen Unterlippe.
»Das ist zu wenig.« Tom betrachtete einen Augenblick seine gepflegten Fingernägel. »Ich wäre allerdings bereit, dir ein Angebot zu machen.«
Bill nickte eifrig. »Okay, ich höre.«
»Nun«, Tom warf einen bedeutsamen Blick in Joannas Richtung, »ich denke, das sollten wir unter vier Augen besprechen.«

»Lizzy, du sollst zum Boss kommen.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand die junge Frau mit den grellblond gefärbten Haaren wieder, und Elizabeth Shepherd, genannt Lizzy, erhob sich mit einem müden Seufzer vom Bett.
Der letzte Freier war gerade erst gegangen, und sie hätte sich gerne ein wenig frisch gemacht, doch sie wusste, dass es besser war, »Big Bill« nicht warten zu lassen.
Rasch warf sie sich einen Morgenrock über das durchsichtige Negligé, verließ dann das kleine Zimmer und eilte den Gang entlang, der von ein paar Wandlampen in ein schummriges, rotes Licht getaucht wurde.
Sie stieg die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, durchquerte den Flur, der sich von dem im Obergeschoss kaum unterschied. Stimmengewirr und Gelächter aus der Bar begleiteten sie auf ihrem Weg zu Bills Büro. Sie wusste, dass sie sich dort drinnen wenig später auch wieder um Kunden bemühen musste, sie hatte ihr Soll für den heutigen Abend noch nicht erfüllt.
Doch zunächst musste sie das Gespräch mit Bill hinter sich bringen. Hoffentlich war er mit dem Wochenendgeschäft zufrieden, dann würde er vielleicht etwas gnädiger gestimmt sein als sonst.
Zögernd klopfte sie an die Tür am Ende des Ganges, und als ein unwirsches »Ja« ertönte, trat sie ein.
William Striker, von den Mädchen und in einschlägigen Kreisen »Big Bill« genannt, thronte hinter seinem Schreibtisch. Er hatte eine Zigarette im Mundwinkel hängen und blätterte in irgendwelchen Papieren herum. Seine massige Gestalt füllte den Bürostuhl, auf dem er saß, völlig aus, er wirkte, als hätte man ihn mit Gewalt dort hineingepresst.
In einem Sessel auf der anderen Seite des Zimmers saß ein junger, blonder Mann. Er musterte Elisabeth, sagte jedoch nichts.
»Lizzy«, begrüßte Bill sie jovial, »komm her, setz dich.«
Langsam kam sie näher, ließ sich auf dem Stuhl vor dem Tisch nieder und schaute ihn abwartend an.
»Ich möchte mit dir über Joanna reden«, begann er ohne Umschweife. »In ein paar Monaten wird sie achtzehn, und du weißt, dass ich sie nicht ewig durchfüttern kann. Sie hat die Schule beendet, und es wird Zeit, dass sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient. Mr. Prescott hier«, er deutete auf den Blonden, »ist bereit, ihr einen Job zu geben.«
»Einen Job?«, fragte sie ahnungsvoll. »Du meinst …«
Sie führte den Satz nicht zu Ende, aber es war auch so klar, woran sie dachte.
Bevor Bill antworten konnte, hatte Tom Prescott sich erhoben und kam mit einem beruhigenden Lächeln auf Elisabeth zu.
»Nein, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, es ist eine anständige Arbeit. Ich suche ein Kindermädchen für meinen Neffen, und ich denke, Ihre Tochter wäre ganz gut dafür geeignet. Es ist eine Chance für Joanna, hier herauszukommen und ich versichere Ihnen, dass es ihr bei uns an nichts fehlen wird.«
Schweigend musterte Elisabeth ihn. Er machte einen seriösen Eindruck, seine Kleidung sah teuer aus und er wirkte sehr gepflegt. Trotzdem war ihr nicht recht wohl bei dieser Sache. Warum bot ein Mann wie er Joanna einen Job an? Es gab schließlich genug Möglichkeiten, eine Betreuerin für seinen Neffen zu finden, dazu muste er nicht ein unbekanntes Mädchen aus einem Bordell holen.
»Du solltest nicht zu lange überlegen Lizzy«, gab Bill jetzt zu bedenken. »So ein Angebot wird sie bestimmt nicht wieder bekommen.« Als Elisabeth immer noch zögerte, fügte er hinzu: »Wenn es dir nicht recht ist, kann Joanna natürlich auch für mich arbeiten, sobald sie volljährig ist.«
Elisabeth zuckte zusammen. Ihr war klar, von welcher Art Tätigkeit Bill sprach, und sie würde alles dafür tun, um das zu verhindern. Obwohl sie nicht begeistert davon war, Joanna mit einem völlig fremden Mann mitgehen zu lassen, erschien ihr das dennoch die bessere Alternative zu sein.
»In Ordnung«, nickte sie daher resigniert, »sieht ja wohl nicht so aus, als hätte ich eine große Wahl.«
Ein zufriedenes Lächeln glitt über Bills feistes Gesicht.
»Ich wusste doch, dass du vernünftig sein würdest. Es ist wirklich in Joannas Interesse, glaub mir.«
»Ihrer Tochter wird nichts geschehen, das verspreche ich Ihnen«, bekräftigte Tom Prescott jetzt auch noch einmal. »Sie hat freie Kost und Logis und bekommt alles, was sie benötigt. Darüber hinaus werde ich jeden Monat eine feste Summe auf ein Sparkonto einzahlen, so hat sie ein kleines Startgeld für die Zukunft, wenn wir ihre Dienste nicht mehr benötigen.«
Elisabeth nickte schweigend, und Bill schob ihr ein paar Papiere über den Schreibtisch.
»Gut, dann unterschreib bitte den Arbeitsvertrag, und eine Vollmacht für Mr. Prescott.«
»Eine Vollmacht?« Sie runzelte die Stirn.
»Nur eine Vorsichtsmaßnahme«, erklärte Tom Prescott ruhig. »Sie erklären damit Ihr Einverständnis, dass ich Joanna mitnehmen darf, und vorübergehend von Ihnen als Aufsichtsperson eingesetzt bin. Außerdem bin ich dadurch auch berechtigt, im Notfall medizinische Entscheidungen zu treffen.«
Nachdem sie die Papiere kurz überflogen und für in Ordnung befunden hatte, setzte Elisabeth ihre Unterschrift darunter. Bill überreichte Tom jeweils ein Exemplar, die Kopien verstaute er in seinem Schreibtisch.
»Okay, dann geh jetzt Joanna holen«, forderte er Elisabeth auf. »Du hast eine halbe Stunde Zeit, um ihr alles zu erklären, ihre Sachen zu packen und dich zu verabschieden.«

»Wohin fahren wir?«, wollte Joanna wissen, nachdem sie festgestellt hatte, dass der blonde Mann namens Tom seine Limousine aus New Orleans heraus in Richtung Norden steuerte.
»Zu unserem Anwesen«, sagte er und mit einem raschen Seitenblick auf ihr angespanntes Gesicht grinste er belustigt. »Du wirst doch nicht etwa gedacht haben, dass ich dich verschleppen will?«
Sie gab keine Antwort und zuckte nur mit den Achseln. Obwohl ihre Mutter ihr alles erklärt hatte, und Tom Prescott einen netten Eindruck machte, war ihr die ganze Sache nicht geheuer, und sie beschloss, sich lieber zurückzuhalten.
»Keine Angst«, fuhr er amüsiert fort, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Niemand wird dir irgendetwas tun.«
Sie wagte nicht, ihm noch weitere Fragen zu stellen, also drückte sie sich schweigend in die Ecke des Beifahrersitzes. Angestrengt schaute sie aus dem Fenster in die Dunkelheit und fragte sich, wohin er sie wohl bringen würde. Trotz ihrer Befürchtungen ließ das gleichmäßige Geräusch des Motors sie irgendwann einnicken. Als sie wieder zu sich kam, war es bereits hell. Einem Schild zufolge befanden sie sich ein paar Meilen vor Memphis, sie waren also in Tennessee.
Bei Millington verließ Tom den State Highway und folgte einer Landstraße. Nachdem sie einen kleinen Ort namens Hickory Hollow durchquert hatten, fuhren sie eine Weile über schmale Straßen, die zwischen Wäldern hindurchführten. Kurz darauf bog er in eine breite Allee ab, an deren Ende die weißen Mauern eines Herrenhauses zu erkennen waren. Hohe Eichen mit ineinander verschlungenen Baumkronen säumten den Weg. Die Äste waren über und über mit Spanischem Moos behangen, was ihnen ein unheimliches Aussehen verlieh.
Ehe sie das Haus erreichten, hielt er plötzlich an.
»Wir sind gleich da«, erklärte er, »und bevor ich dich meiner Familie vorstelle, werde ich dir noch ein paar Verhaltensregeln geben. – Du wirst mit keiner Silbe erwähnen, woher du kommst, zu niemandem«, schärfte er ihr ein. »Sie würden nicht begeistert sein, wenn sie hören, dass ich dich aus einem Bordell geholt habe. Du bist eine weitläufige Verwandte eines guten Freundes von mir, und deine Mutter ist vor kurzem verstorben, daher bist du auf diese Stelle angewiesen. Am besten hältst du ganz den Mund über alles, was deine Vergangenheit anbelangt, das ist auch in deinem eigenen Interesse.«
Joanna nickte stumm, und er fügte beruhigend hinzu: »Keine Angst, niemand wird dir den Kopf abreißen. Halte dich einfach an meine Anweisungen, und alles ist in Ordnung.«
»Und was genau soll ich tun?«, fragte Joanna unsicher.
Er lächelte. »Du brauchst dich zunächst nur um meinen Neffen zu kümmern, alles Weitere wird sich finden.«

2

Wenige Minuten später stoppte Tom den Wagen vor dem imposanten Herrenhaus. Beeindruckt riss Joanna die Augen auf. Es handelte sich um eine der typischen Südstaaten-Villen, die zu den Zeiten der Sklaverei überall erbaut worden waren. Das Haus war riesig, eine breite Veranda führte rundherum, Säulen trugen den Balkon des ersten Stockwerks und das Dach.
Tom, der ihr erstauntes Gesicht bemerkt hatte, grinste. »Ich habe dir doch gesagt, es wird dir gutgehen – du wirst hier alles haben, was du dir schon immer gewünscht hast.«
Zögernd stieg Joanna aus dem Auto und schaute sich um, aber er ließ ihr nicht lange Zeit, die Villa und die Umgebung zu bewundern.
»Komm«, forderte er sie auf und nahm ihren Arm, »ich werde dich jetzt meiner Familie vorstellen.«
Ohne zu zögern, zog er sie mit sich ins Haus, durchquerte mit ihr die riesige Eingangshalle und blieb vor einer Tür stehen.
»Denk daran, kein falsches Wort«, mahnte er sie nochmals.
Sie nickte und er stieß die Tür auf, schob sie vor sich her in den Raum hinein. Es handelte sich um ein großes Esszimmer, an dessen langgezogenem Tisch, der in der Mitte stand, drei Personen beim Frühstück waren.
Am oberen Ende der Tafel saß ein Mann mit kurzem, dunklen Haar, rechts von ihm eine blonde Frau, die einen ebenfalls hellhaarigen Jungen neben sich hatte. Alle drei hatten bei ihrem Eintreten überrascht den Kopf umgewandt und die Frau war die Erste, die ihre Sprache wiederfand.
»Du hättest Bescheid sagen sollen, dass du um diese Uhrzeit schon Besuch mitbringst«, erklärte sie ein wenig ungehalten und taxierte Joanna abschätzig.
»Meine liebe Olivia, es handelt sich nicht um Besuch, sondern um das neue Kindermädchen für Michael.«
»Was?« Entgeistert riss die Blonde die Augen auf. »Dieses Mädchen? Das ist doch selbst noch ein halbes Kind. Wie alt ist sie? Siebzehn? Achtzehn?«
»Joanna, darf ich dir die Familie vorstellen?«, sagte Tom ungerührt. »Mein Bruder Jake Prescott, meine Schwägerin Olivia Prescott und mein Neffe Michael.«
»Guten Morgen«, murmelte Joanna und schaute unbehaglich von einem zum anderen.
Während Olivia ablehnend das Gesicht verzog, betrachtete Michael Joanna mit unverhohlener Neugier. Jake Prescott jedoch starrte sie an, als hätte er ein Gespenst gesehen, und ihr wurde immer mulmiger.
»Was für eine seltsame Familie«, ging es ihr irritiert durch den Kopf.
Unterdessen hatte Tom Joanna zum Tisch geführt. Er ließ sich neben seinem Bruder nieder und deutete auf den Stuhl zu seiner Linken.
»Setz dich«, befahl er Joanna, »du hast doch sicher Hunger nach der langen Fahrt.«
Widerspruchslos nahm sie an seiner Seite Platz, während ein Dienstmädchen sofort beflissen ein Gedeck vor sie hinstellte.
Zuvorkommend goss Tom ihr Kaffee ein, reichte ihr dann eine Platte, von der sie sich ein wenig Rührei und Schinken auf den Teller tat.
Niemand sprach ein Wort, es herrschte eine unangenehme Stille, und Joanna fühlte sich alles andere als wohl in ihrer Haut.
Während sie aß, musterte Joanna unauffällig die einzelnen Mitglieder der Familie Prescott.
Michael, der ihr direkt gegenübersaß, war wie seine Mutter blond und hatte blaue Augen, Joanna schätzte ihn auf etwa vierzehn Jahre. Er war insgesamt eher schmächtig, trug eine Jeans und ein rotes Poloshirt.
Olivia Prescott war schätzungsweise dreißig Jahre alt, sie war in ein elegantes Kostüm gekleidet, dessen Pfirsichton ihre blasse Haut noch fahler erscheinen ließ. Die Pupillen in ihren fast schwarzen Augen waren kaum zu erkennen, was ihnen ein lebloses Aussehen verlieh. Sie war ausgesprochen dürr, und ihre Hände, die geziert mit dem Besteck hantierten, erinnerten Joanna an Spinnenbeine.
Sie schaute zu Jake Prescott, der am Kopfende des Tisches saß, und als dieser plötzlich den Kopf hob und sie seinem Blick begegnete, blieb ihr beinahe der Bissen im Hals stecken.
In seinen grauen Augen lag eine beängstigende Mischung aus Zorn und Ungläubigkeit, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Er wirkte drohend und dunkel, genauso dunkel wie seine Kleidung, die aus einer schwarzen Jeans und einem schwarzen Hemd bestand. Der Schatten eines Dreitagebarts auf Wangen und Kinn gab seinem Gesicht ebenfalls ein düsteres Aussehen. Sein Mund, der zu zwei schmalen Strichen zusammengepresst war, ließ deutlich erkennen, dass er von ihrer Anwesenheit keineswegs begeistert war.
Rasch senkte sie den Kopf und konzentrierte sich wieder auf ihren Teller, während sie sich fragte, wie sie es in dieser feindseligen und bedrückenden Atmosphäre aushalten sollte. Sie war es nicht gewohnt, dass man sich beim Essen so anschwieg, im »Red Lantern« war es immer lebhaft zugegangen. Die Mädchen dort besaßen zwar keine Reichtümer, aber sie hatten zumindest Herz und Humor, etwas, was dieser Familie hier scheinbar völlig abging.
»Nach dem Frühstück zeige ich dir dein Zimmer«, sprach Tom plötzlich mitten in ihre Gedanken hinein. »Ich nehme an, es ist in Ordnung, wenn du im Dienstbotentrakt wohnst?«
Sie schaute ihn kurz an und nickte zurückhaltend. »Ja, natürlich.«
Ein breites Lächeln zog über sein Gesicht. »Na dann – herzlich willkommen auf Magnolia Haven.«

Jake Prescott stand am Fenster seines Arbeitszimmers und beobachtete mit zusammengepressten Lippen das junge Mädchen, welches mit Michael durch den Garten spazierte. Das kastanienfarbene, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene Haar schimmerte rötlich in der Sonne, die enge Jeans und die hellblaue Bluse betonten ihre schlanke Gestalt. Sie hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt und schien Michael aufmerksam zuzuhören, während er ab und zu mit den Händen in eine Richtung wies und dabei etwas erzählte. Offenbar machte er sie mit dem üppigen Wirrwarr aus Bäumen und Blumenstauden, Schlingpflanzen und Moos, Rasenflächen und kleinen Teichen vertraut.
Unangenehme Erinnerungen stiegen in ihm auf, und er wandte sich verärgert ab.
Im gleichen Moment betrat Tom den Raum.
»Du wolltest mich sprechen?«
»Wer ist dieses Mädchen?«, begann Jake ohne Umschweife.
»Joanna Shepherd.«
»Herrgott, muss ich dir alles einzeln aus der Nase ziehen? Wie kommst du dazu, sie einfach hier anzuschleppen? Du hättest das vorher mit mir besprechen müssen.«
»Es tut mir leid«, beeilte Tom sich zu sagen, »ich war der Meinung, du wärst damit einverstanden. Sie ist eine entfernte Verwandte eines alten Freundes von mir. Ihre Mutter ist vor kurzem verstorben, und er hat händeringend nach einer Anstellung für sie gesucht. Ich war ihm noch einen Gefallen schuldig, und da ich wusste, dass du und Olivia schon seit einer Weile nach einem Kindermädchen für Michael suchen, dachte ich, das wäre eine gute Lösung.«
»Kindermädchen«, zischte Jake verächtlich durch die Zähne, »Sie ist ja selbst noch ein halbes Kind. Wie alt ist sie?«
»Siebzehn.«
»Siebzehn«, wiederholte Jake und schüttelte den Kopf. »Meine Güte, sie könnte Michaels Schwester sein, aber doch nicht seine Gouvernante.«
Betont gleichgültig zuckte Tom mit den Achseln. »Gut, wenn du so sehr dagegen bist, schicke ich sie eben wieder weg. Sie hat mir leidgetan, und ich hatte gehofft, wir könnten etwas Gutes für sie tun, aber offenbar habe ich mich da geirrt.«
Jake starrte ihn einen Moment an, wandte sich dann um und ließ seinen Blick erneut aus dem Fenster schweifen. Er sah Michael auf einer der steinernen Bänke sitzen. Joanna war vor ihm in die Hocke gegangen und streichelte das glänzende Fell eines schwarzen Labradors, der vor ihr auf dem Boden lag. Die Tatsache, dass Monty, der normalerweise Fremden gegenüber nicht so zutraulich war, ihre Berührungen offensichtlich sehr genoss, brachte Jake für einen Augenblick aus dem Konzept.
Plötzlich hatte er einen Kloß im Hals, er räusperte sich, um das kratzige Gefühl loszuwerden.
»In Ordnung, von mir aus kann sie hierbleiben«, nickte er dann, ohne seinen Bruder dabei anzusehen.
Tom, der Jake genau beobachtet hatte, und an seiner Miene erkannt hatte, was in ihm vorging, lächelte zufrieden.
»Sehr schön, ich wusste, doch dass du ein Herz hast, auch wenn du es gern unter deiner rauen Schale versteckst.«
Einen Moment schaute Jake ihn schweigend an, dann wandte er sich ab. »Wir werden es mit ihr versuchen«, sagte er leise. »Aber wenn es nicht klappt, wird sie sofort wieder gehen.«

Wenig später führte Tom ein ähnliches Gespräch mit Olivia.
»Was hast du dir nur dabei gedacht?«, fragte sie ihn vorwurfsvoll, während sie mit ihren perfekt manikürten Fingernägeln nervös auf dem polierten Holz des kleinen Sekretärs herumtrommelte. »Reicht es dir nicht, deine Gelüste in einschlägigen Etablissements auszuleben? Musst du deine Spielzeuge jetzt auch noch hier ins Haus bringen?«
»Du wirst doch nicht etwa eifersüchtig sein?« Tom grinste breit. »Keine Angst meine Liebe, ich habe nicht die Absicht, mich an diesem Mädchen zu vergreifen.«
Irritiert starrte sie ihn an. »Und was soll das Ganze dann? Du wirst mir wohl nicht ernsthaft erzählen wollen, dass du sie für geeignet hältst, Michael zu erziehen? Sie ist ja selbst noch ein halbes Kind«, wiederholte sie unwissentlich Jakes Worte.
»Allerdings tue ich das«, erklärte Tom geduldig und gab die gleiche Geschichte zum Besten, die er bereits seinem Bruder aufgetischt hatte.
»Oh, Thomas Prescott, der großherzige Wohltäter«, höhnte Olivia. »Was bist du doch für ein Menschenfreund. Es hat nicht zufällig etwas damit zu tun, dass sie aussieht wie …«
»Du solltest besser deine Zunge hüten, Schätzchen«, fiel er ihr drohend ins Wort.
»Nenn mich nicht Schätzchen«, fauchte sie ihn an.
Er lächelte spöttisch. »Wir sind wohl ein wenig empfindlich heute, was? Es gab eine Zeit, da hat es dir ganz gut gefallen, wenn ich dich Schätzchen genannt habe.«
»Das ist lange vorbei«, zischte sie.
Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht und wich einer eisigen Miene, die durch die Kälte in seinen blassblauen Augen noch verstärkt wurde.
»Richtig, und du tust gut daran, dich auf meine Seite zu stellen«, riet er ihr schroff. »Du wirst von Joanna begeistert sein und ein Loblied auf sie singen, hast du mich verstanden? Andernfalls werde ich Jake dein kleines Geheimnis erzählen müssen, und dann bist du die längste Zeit hier auf Magnolia Haven gewesen.«

3

Der restliche Sonntag rauschte an Joanna vorbei, ohne dass sie wirklich etwas mitbekam.
Nachdem Tom sie auf ihr Zimmer gebracht hatte, packte sie ihre wenigen Habseligkeiten aus.
Danach war es Zeit für das Mittagessen, anschließend hatte Michael sich angeboten, sie ein wenig herumzuführen. Jetzt saß sie auf ihrem Bett und versuchte, die Flut von Eindrücken in ihrem Kopf zu sortieren.
Die überraschende Eröffnung, dass sie mit einem wildfremden Mann mitgehen musste.
Der Abschied von ihrer Mutter.
Die Ankunft hier im Herrenhaus und die bedrückende Atmosphäre.
Die Ablehnung von Olivia, die ihr sofort entgegengeschlagen war.
Die düstere Miene von Jake und der merkwürdige Blick, mit dem er sie angesehen hatte.
Die Gedanken in ihrem Kopf drehten sich wie ein Karussell, es war beinahe zu viel, um das alles verarbeiten zu können.
Erst nach dem Abendessen kam sie ein wenig zur Ruhe, und nach und nach auch zu der Überzeugung, dass sie es schlechter hätte treffen können. Zwar hatte Toms Familie sie nicht gerade mit Begeisterung empfangen, doch sie hoffte, dass sich das reservierte Verhalten mit der Zeit legen würde. Schließlich war sie eine vollkommen Fremde, der sie ihren Sohn anvertrauen sollten, da war es ja kein Wunder, dass sie erst einmal misstrauisch und zurückhaltend waren.
Außerdem hatte sie ein sehr schönes Zimmer, wie ihr nun bewusst wurde.
Der Raum war größer und komfortabler, als sie es sich je hätte träumen lassen. An einer Wand befand sich ein etwas breiteres Messingbett, flankiert von einem Nachttisch mit einer kleinen Lampe mit Opalglasschirm darauf.
Ein Kleiderschrank und eine Kommode aus poliertem Nussbaum boten mehr Platz für Kleidung, als sie jemals brauchen würde. Vor dem bodentiefen Fenster stand ein schmaler Schreibtisch aus dem gleichen Holz, direkt daneben führte eine Tür auf den rundumlaufenden Balkon hinaus.
Ein weicher, heller Teppich und zarte Spitzengardinen rundeten das Bild ab und ließen den Raum behaglich wirken. Wenn da nicht der leichte Windhauch gewesen wäre, der durch die offene Balkontür einen zarten Duft von Magnolien hereinwehte, hätte sie fast geglaubt, alles nur geträumt zu haben.
In einem Schubfach des Sekretärs fand sie Briefpapier, Kuverts und einige Stifte.
Sie setzte sich hin und verfasste ein paar Zeilen an ihre Mutter, in denen sie ihr mitteilte, dass es ihr gutging.
Gerne hätte Joanna sie angerufen, doch das einzige Telefon im »Red Lantern« stand in Bills Büro, und er ließ niemals eines der Mädchen dort telefonieren. Ein Handy hatten sie sich auch nie leisten können, also blieb ihr keine andere Wahl, als zu schreiben.
Nach einer kurzen Beschreibung des Hauses und ihres Zimmers fügte sie noch hinzu, dass alles in Ordnung sei, und es keinen Grund gäbe, sich Sorgen zu machen. Über den wenig freundlichen Empfang verlor sie kein Wort, sie wollte nicht, dass ihre Mutter sich unnötig Gedanken machte.
Als sie fertig war, schob sie den Brief in einen Umschlag und verstaute ihn in der Schublade, mit dem Vorsatz, ihn so bald wie möglich zur Post zu bringen.
Nach einer ausgiebigen Dusche zog sie sich ein Nachthemd an und legte sich ins Bett. Schlafen konnte sie jedoch nicht, immer wieder grübelte sie, warum Tom ausgerechnet sie als Kindermädchen für seinen Neffen ausgesucht hatte. Außerdem schien Michael schon ein wenig zu alt zu sein, um beaufsichtigt zu werden, und sie fragte sich, was von ihr erwartet wurde.
Doch dann beschloss sie, sich nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen. Bestimmt würde Tom ihr noch erklären, was sie zu tun hatte. Sie würde sich an seine Anweisungen halten, ihre Arbeit erledigen, so gut es ihr möglich war, und könnte hier in Magnolia Haven eine ruhige und angenehme Zeit verbringen.

Es dauerte nicht sehr lange, bis Joanna feststellte, dass ihr Aufenthalt auf Magnolia Haven keineswegs ruhig und angenehm werden würde.
Als sie am nächsten Morgen nach unten kam, und das Esszimmer betrat, um das Frühstück mit der Familie einzunehmen, warf Olivia ihr einen feindseligen Blick zu, setzte dann jedoch sofort ein falsches Lächeln auf.
»Ich glaube, du hast dich in der Tür geirrt, Joanna. Geh in die Küche, du wirst deine Mahlzeiten dort mit den anderen Dienstboten einnehmen«, sagte sie betont freundlich.
Joanna nickte schweigend, drehte sich um und wollte zur Tür gehen, als Jake plötzlich sagte: »Es ist schon in Ordnung, setz dich hier hin, du kannst ruhig mit uns essen.«
Es war das erste Mal seit ihrer Ankunft, dass sie ihn sprechen hörte, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Seine Stimme klang tief und warm, gleichzeitig jedoch auch autoritär und befehlsgewohnt.
»Entschuldige Jake, aber Tom hat sicher nicht vorgesehen, dass wir sie wie ein Familienmitglied behandeln sollen«, murmelte Olivia leicht vorwurfsvoll.
»Nun, Tom ist nicht da, und ich entscheide jetzt, dass sie mit uns isst, basta.«
Olivia schwieg, doch der Blick, mit dem sie Joanna bedachte, sprach für sich. Die Blonde hatte gestern bereits keinen Hehl aus ihrer Abneigung gemacht, soeben war sie allerdings endgültig zu einer Feindin geworden, das war Joanna sofort klar.
Da Olivia spürte, dass Jake sie beobachtete, setzte sie rasch ein verbindliches Lächeln auf. »Wo ist Tom denn?«, wechselte sie schnell das Thema.
»Geschäftlich unterwegs«, war Jakes knappe Antwort.
Diese Auskunft gefiel Joanna überhaupt nicht. Tom war der Einzige hier gewesen, der ihr halbwegs normal und nett erschienen war, abgesehen von Michael. Jetzt war er ohne ein Wort zu sagen verschwunden und hatte sie mit seinem düster wirkenden Bruder und dessen unfreundlicher Frau hier alleine zurückgelassen.
»Hoffentlich kommt er bald zurück«, dachte sie im Stillen, und versuchte, die unbestimmte Angst in ihrem Inneren zu unterdrücken.
Sie konzentrierte sich auf ihren Teller, was ihr nicht weiter schwerfiel, denn es war wieder das gleiche bedrückende Schweigen eingekehrt, welches bereits am Sonntag alle drei gemeinsamen Mahlzeiten begleitet hatte.
Umso erschrockener war sie, als Jake jetzt auf einmal das Wort an sie richtete.
»Hat Tom dir gesagt, was deine Aufgaben als Kindermädchen für Michael sein werden?«
Ohne ihn anzusehen schüttelte sie stumm den Kopf und hörte, wie er leise seufzte.
»Gut, dann werde ich das wohl übernehmen müssen. – Die Vormittage verbringt Michael mit Lernen, zu diesem Zweck kommt täglich außer samstags und sonntags ein Hauslehrer hierher. Diese Zeit kannst du für dich nutzen. Nach dem Mittagessen betreust du Michael bei den Hausaufgaben, und anschließend verbringst du seine Freizeit mit ihm. Wir wohnen hier sehr abgelegen, daher hat er nur selten Freunde zu Besuch, es geht also vorwiegend darum, dass du ihm ein wenig Gesellschaft leistest. Nach dem Abendessen hast du wieder frei, ebenso wie an den Wochenenden. Du kannst dich im Haus aufhalten, wo du möchtest, solange du niemanden störst. Falls du in die Stadt fahren willst, kannst du dir einen Wagen leihen.«
Er hatte das alles völlig sachlich heruntergespult und schien jetzt fertig zu sein, also nickte Joanna zustimmend.
»In Ordnung.«
»Gut. Wenn du irgendwelche Fragen oder Wünsche hast, kannst du dich an Olivia oder mich wenden, solange Tom nicht da ist.«
Geräuschvoll faltete er eine Tageszeitung auseinander und verschanzte sich dahinter, was ihr deutlich machte, dass das Thema somit für ihn erledigt war.
Unter Olivias kritischen Blicken beendete sie ihr Frühstück, und als Michael aufstand, entschuldigte Joanna sich und folgte ihm.
»Wo findet dein Unterricht statt?«
»Wir haben oben einen Raum dafür«, erklärte er ihr. »Möchtest du ihn sehen?«
»Ja, gerne.«
Gemeinsam stiegen sie die breite, geschwungene Treppe hinauf, und zum wiederholten Male seit ihrer Ankunft bewunderte Joanna die luxuriöse Eleganz des Hauses. Überall an den Wänden hingen Gemälde, kostbar aussehende Vasen standen auf viktorianischen Tischen. In der Mitte der Halle prangte ein riesiger Kristallleuchter, der an einer schweren Metallkette von der hohen Decke herabhing. Der Hallenboden war mit Marmor gefliest, die Wohnräume besaßen alle blankpolierte Mahagoniböden, auf denen dicke, flauschige Teppiche die Schritte dämpften.
Noch immer konnte sie es kaum fassen, dass sie jetzt hier wohnte. Selbst die Räume im Dienstbotenflügel wirkten wie ein Palast im Vergleich zu dem schäbigen Zimmer, das sie mit ihrer Mutter im »Red Lantern« bewohnt hatte.
Mit einem leisen Seufzen stellte sie fest, dass sie sich beinahe wie Aschenputtel vorkam – aber eben nur beinahe. So verlockend dieser ganze Reichtum war, er ließ sie dennoch nicht vergessen, dass sie hier nur geduldet war. Und er konnte auch nicht über das merkwürdig unterkühlte Verhalten hinwegtäuschen, das die Mitglieder der Familie Prescott an den Tag legten.
Sie waren in der oberen Etage angekommen und Michael öffnete die Tür zu einem der Zimmer. Als Joanna hineintrat und sich umsah, stieß sie einen kleinen überraschten Laut aus. Es sah hier fast aus wie in einem richtigen Klassenraum. An einer Wand war eine riesige Tafel angebracht, an einer anderen hing eine große Weltkarte.
In einem Bücherregal gab es alle möglichen Schulbücher, angefangen von der ersten Klasse bis hin zu Nachschlagewerken, die eher für Studenten geeignet schienen. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit mehreren Stühlen, Joanna sah einige Hefte darauf liegen sowie diverse Stifte.
»Wurdest du schon immer zu Hause unterrichtet?«, fragte sie neugierig, und blätterte interessiert in einem der Schreibhefte herum.
»Nö. Am Anfang war ich in Millington in der Schule, aber irgendwann fand meine Mutter es besser, mir einen Privatlehrer zu besorgen.«
»Warum?«
Michael zuckte gleichgültig mit den Achseln. »Keine Ahnung, es gab da wohl so ein paar Probleme.«
»Was denn für Probleme?«, wollte Joanna wissen, doch in diesem Moment öffnete sich die Tür und ein junger Mann mit rötlichen Haaren kam herein.
»Guten Morgen«, grüßte er höflich und sein Blick blieb fragend auf Joanna ruhen.
»Guten Morgen, ich bin Joanna Shepherd, Michaels neues Kindermädchen«, beeilte sie sich zu sagen.
»Robert Hines, der Hauslehrer.«
Mit einem kleinen Lächeln reichte er ihr die Hand, Joanna schüttelte sie kurz und wandte sich zur Tür.
»Ich lasse euch dann mal alleine, bis später.«
Mr. Hines hielt sie zurück. »Joanna, wenn du möchtest, kannst du ruhig hier bleiben, ich denke, Michael hat nichts dagegen.«
Michael schüttelte den Kopf, und ein freudiges Strahlen glitt über Joannas Gesicht. Sie hatte es immer geliebt, zur Schule zu gehen. Abgesehen davon, dass sie so für ein paar Stunden dem tristen Rotlichtmilieu entkommen konnte, wusste sie, dass ihre einzige Chance im Leben darin bestand, dass sie so viel wie möglich lernte. Doch irgendwann hatten ihre Mitschüler herausgefunden, aus welchen Verhältnissen sie kam, und fortan war sie ständig derben Bemerkungen und manchmal sogar Handgreiflichkeiten ausgesetzt gewesen. Der Schulbesuch war seitdem zu einer einzigen Tortur geworden, und sie hatte drei Kreuzzeichen gemacht, als sie vor ein paar Wochen ihren Highschoolabschluss in der Tasche gehabt hatte. Sie hatte gute Noten gehabt, und wäre zu gerne aufs College gegangen, aber natürlich hatte ihre Mutter sich das nicht leisten können.
Hier hätte sie jetzt eine neue Chance, etwas zu lernen, und spontan beschloss sie, die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.
Sie nickte hastig, und Robert Hines deutete auf den Stuhl gegenüber von Michael.
»Gut, dann setz dich hierhin, wir beginnen mit Mathematik.«
Mit Feuereifer konzentrierte Joanna sich auf den Unterricht und der Vormittag schien wie im Flug zu vergehen. Sie fühlte sich äußerst wohl, was nicht zuletzt daran lag, dass Robert sehr nett war und weder er noch Michael sich amüsierten, wenn sie etwas Falsches sagte.
»Vielleicht habe ich ja doch Glück gehabt«, dachte sie zufrieden, während sie dem Lehrer zuhörte, »vielleicht war es eine günstige Fügung des Schicksals, die mich hierher gebracht hat.«

4

Das Mittagessen verlief wieder in kühler Stille, anschließend machten Michael und Joanna sich an ihre Aufgaben.
»Und was nun?«, fragte Joanna, als sie damit fertig waren.
»Wir könnten ein bisschen ausreiten, dann kann ich dir das Anwesen zeigen«, schlug Michael vor.
»Ich kann nicht reiten.«
»Kein Problem, ich bringe es dir bei, es ist nicht schwer.«
Joanna zögerte einen Moment, sie war sich nicht sicher, ob sie sich das wagen sollte. Pferde waren ihr immer riesig und ein wenig gefährlich erschienen. Doch schließlich nickte sie, es konnte ja nicht schaden, wenn sie es wenigstens versuchte. Das Herrenhaus war ziemlich abgelegen, und da sie keinen Führerschein besaß, wäre das Reiten eine Möglichkeit, sich zumindest in der näheren Umgebung des Hauses frei bewegen zu können.
Gemeinsam liefen sie hinüber zu den Ställen, wo sie von einem älteren Mann begrüßt wurden.
»George, sattle mein Pferd, und für Joanna kannst du Daisy fertigmachen«, befahl Michael. An Joanna gewandt erklärte er: »Daisy ist schon alt und sehr friedfertig, sie ist für den Anfang bestens geeignet.«
Es dauerte nicht lange, bis George die beiden Tiere zu ihnen nach draußen brachte, und Michael deute auf eine kleine eingezäunte Koppel hinter dem Stall.
»Wir üben erstmal hier ein bisschen, bevor wir uns auf einen Ausritt wagen.«
Er band sein Pferd an der hölzernen Umzäunung fest, und half Joanna höflich, auf Daisys Rücken zu steigen. Ein wenig unsicher klammerte sie ihre Hände am Sattel fest. Michael nahm Daisy beim Zügel und führte sie gemächlich im Kreis herum, während er Joanna alles Mögliche erklärte und ihr Anweisungen gab, wie sie mit dem Tier umgehen musste.
»Willst du es einmal alleine versuchen?«, fragte er nach einer Weile.
Sie nickte zögernd, und er bestieg sein Pferd. Im Schritt ritten sie nebeneinander her, fielen dann in einen langsamen Trab.
»Das klappt doch schon recht gut«, rief er ihr nach ein paar Runden zu, »Du bist ein Naturtalent.«
Joanna lachte und trieb Daisy mit einem leichten Schenkeldruck zu etwas mehr Tempo an. Tatsächlich machte ihr das Ganze riesigen Spaß, sie hätte nie gedacht, dass sie ihre Angst so schnell überwinden würde.
»Gut, dann lass uns einen kleinen Ausritt machen«, nickte Michael ihr zu.
Er hielt auf das Tor zu, beugte sich herab und öffnete es. Joanna folgte ihm, und wenig später trabten sie die breite Allee entlang. Danach ging es eine Weile über Wiesen und Waldwege, und schließlich kehrten sie in einem weiten Bogen nach Magnolia Haven zurück.
Als sie am Stall ankamen, trafen sie auf Jake und der Ausdruck in seinen Augen war dermaßen wütend, dass Joanna es mit der Angst zu tun bekam.
»Wer hat dir erlaubt, auszureiten?«, fuhr er Michael an.
»Ich … niemand …«, stammelte der überrascht.
Ehe Joanna wusste, wie ihr geschah, griff Jake nach ihrem Arm und zog sie vom Pferd. Sie fiel ihm entgegen wie ein nasser Sack und stieß einen erschrockenen Laut aus. Doch er hatte sie fest gepackt und setzte sie sicher auf dem Boden ab.
»Bring die Tiere rein«, befahl er Michael in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. »Und in Zukunft wirst du mich erst fragen, bevor du irgendjemandem ein Pferd gibst.«
Der Junge presste die Lippen zusammen, sagte aber nichts und verschwand im Stall.
Wie angewurzelt hatte Joanna dagestanden und die Szene beobachtet, ohne zu begreifen, warum Jake sich so aufregte. Er stapfte mit weit ausholenden Schritten aufs Haus zu und mit einem verständnislosen Kopfschütteln folgte sie Michael in den Stall.
»Was war das denn eben?«, fragte sie ihn leise, während sie ihm half, die Tiere trockenzureiben.
»Ach, nur einer seiner Anfälle«, winkte Michael gelassen ab. »Er ist manchmal ein bisschen komisch, aber das darfst du nicht so ernst nehmen, er wird sich wieder beruhigen.«
Obwohl Joanna Jakes Reaktion immer noch nicht nachvollziehen konnte, beschloss sie, nicht mehr weiter nachzufragen. Immerhin war er Michaels Vater und sie wollte nicht den Eindruck erwecken, als wolle sie gegen ihn hetzen. Außerdem war es wohl besser, sich nicht in irgendwelche Familienangelegenheiten einzumischen, die ganze Situation war sowieso schon beängstigend genug, auch ohne dass sie sich irgendwelchen Ärger einhandelte.

Ein paar Tage vergingen, und allmählich bekam das Leben auf Magnolia Haven für Joanna eine gewisse Routine. Morgens nahm sie an Michaels Unterricht teil, nachmittags spazierten sie gemeinsam durch den Garten, oder saßen in dem großen Wohnraum im Erdgeschoss und spielten Schach oder Backgammon. Nach dem Abendessen zog Joanna sich in ihr Zimmer zurück, wo sie meistens noch eine Weile in einem der Schulbücher las und dann frühzeitig schlafen ging.
Irgendwann entdeckte sie durch Zufall neben dem Wohnzimmer eine Bibliothek. Die Verbindungstür hatte offengestanden, und als sie ein wenig neugierig den Raum betrat, hielt sie überrascht die Luft an. Die Wände waren mit Bücherregalen bedeckt, die vom Boden bis zur Decke reichten. Es gab einen Schreibtisch, und vor dem großen Fenster stand eine gemütliche Couch, die förmlich zum Hineinkuscheln und Lesen einlud.
Sie lief an den Regalen entlang, streifte ehrfürchtig mit den Fingern über die Buchrücken. Es gab Sachbücher, klassische Literatur, Sagen, Romane – alles, was das Herz begehrte.
Von diesem Tag an verbrachte sie ihre Abende in der Bibliothek. Mit »Schuld und Sühne« von Dostojewski machte sie es sich auf dem Sofa bequem und las, bis ihr vor Müdigkeit fast die Augen zufielen. Anfangs hatte sie ein wenig Angst gehabt, vielleicht hätte sie erst fragen sollen, ob sie sich überhaupt hier aufhalten durfte. Doch dann fiel ihr ein, dass Jake gesagt hatte, sie könne sich überall im Haus bewegen, solange sie niemanden störte, und das tat sie ja nun wirklich nicht. Zu ihrer Verwunderung war sie hier stets allein, der Raum schien völlig ungenutzt zu sein, und sie fragte sich, wie man eine so herrliche Bibliothek besitzen konnte, ohne den Wunsch zu verspüren, sich darin aufzuhalten und zu lesen.
Eines Abends jedoch öffnete sich plötzlich die Tür und Jake kam herein.
Joanna zuckte erschrocken zusammen und sprang so hastig auf, dass das Buch von ihrem Schoß rutschte und mit lautem Poltern auf den Parkettboden fiel.
Rasch wollte sie sich bücken, um es aufzuheben, doch Jake war schneller. Er nahm es und warf einen Blick auf den Titel.
»Schuld und Sühne – schwere Kost«, stellte er überrascht fest.
»Es ist interessant«, sagte sie unsicher, »aber ich gehe dann jetzt besser.«
Er reichte ihr das Buch. »Nicht nötig, bleib ruhig und lass dich von mir nicht stören.«
Seine Stimme klang zwar bestimmt, jedoch nicht unfreundlich, und so setzte sie sich zögernd zurück auf die Couch. Sie sah, wie er an ein Regal ging, einen dicken Folianten herausnahm und sich damit am Schreibtisch niederließ. Wenig später schien er völlig darauf konzentriert zu sein, und so vertiefte sie sich ebenfalls in ihren Roman.
Nach ein paar Minuten war sie so versunken, dass sie nicht bemerkte, wie er immer wieder den Kopf hob und sie anschaute.
Er beobachtete ihr Mienenspiel, sah, wie sie sporadisch an ihrer Unterlippe nagte, wie sie an manchen Stellen erstaunt die Augenbrauen hob, wie sie ab und zu lächelte. Als ihm bewusst wurde, dass er sie anstarrte, senkte er rasch den Blick und richtete seine Aufmerksamkeit auf seine Lektüre.
Nach etwa einer Stunde legte sie ihr Buch weg und erhob sich.
»Gute Nacht«, wünschte sie ihm leise, während sie zur Tür ging.
Er nickte nur stumm, und sie verließ den Raum, ohne zu bemerken, dass er ihr nachdenklich hinterher schaute.

An einem der nächsten Abende hatte Joanna »Schuld und Sühne« zu Ende gelesen und war auf der Suche nach neuer Lektüre. Sie überflog die Buchrücken und ein dickes, in schweres Leder gebundenes Buch, welches keinen Titel auf der Außenseite trug, sprang ihr ins Auge.
Als sie es gerade herausgezogen und auf den Schreibtisch gelegt hatte, um nachzusehen, worum es sich handelte, ging plötzlich die Tür auf und Jake kam herein.
»Ah, du hast unsere Familienchronik gefunden«, stellte er fest.
»Familienchronik?«, wiederholte sie überrascht und schlug die erste Seite auf.
Ganz oben stand ein Datum, der dritte März 1804, danach folgte eine in einer unleserlichen Handschrift geschriebene Eintragung.
»Ja, Magnolia Haven ist schon über 200 Jahre im Besitz der Prescotts, und hier drin ist alles lückenlos festgehalten.«
Neugierig betrachtete Joanna die Aufzeichnungen. »Das klingt spannend, schade, dass man es kaum entziffern kann«, sagte sie dann enttäuscht.
»Wenn es dich interessiert, kann ich dir ein bisschen davon erzählen«, bot er an, und ohne lange zu zögern nickte sie.
Wenig später saßen sie zusammen auf der Couch, Jake hatte das Buch auf dem Schoß und blätterte langsam durch die Seiten, während er ihr den Inhalt wiedergab. Seine Schilderungen waren unterhaltsam, und gebannt lauschte sie ihm, wie er von den Anfängen der Baumwollpflanzungen auf Magnolia Haven berichtete, von der Zeit der Sklaverei und des Sezessionskriegs bis hin zur Gegenwart. Zwischendurch ließ er sie die Zeichnungen betrachten, die vereinzelt zwischen den Einträgen gemacht worden waren. Joanna stellte ihm etliche Fragen, die er alle geduldig beantwortete, und sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie gar nicht bemerkten, wie die Zeit verging.
»Vielleicht sollten wir für heute Schluss machen, es ist bereits spät«, sagte er irgendwann, und erschrocken stand sie auf.
»Es tut mir leid, ich wollte Sie gar nicht so lange aufhalten.«
»Schon gut«, winkte er ab, »wenn du willst, können wir das morgen Abend gerne fortsetzen.«
Joanna zögerte einen Moment, dann nickte sie zaghaft. »Das wäre schön.«
Sie wünschte ihm rasch eine gute Nacht und verschwand. Als sie kurz darauf in ihrem Bett lag, ging ihr durch den Kopf, dass Jake Prescott offenbar doch nicht ganz so düster und unfreundlich war, wie es nach außen den Anschein hatte.

5

Von diesem Abend an trafen Joanna und Jake sich regelmäßig in der Bibliothek.
Es war beinahe wie eine Art Unterricht, er erzählte ihr immer mehr von der Geschichte seiner Vorfahren und der Entwicklung der Plantage. Seine Art, die Ereignisse zu beschreiben, war fesselnd, ebenso wie seine Stimme, und sie hing fasziniert an seinen Lippen und wurde nicht müde, ihm Fragen zu stellen.
Er genoss es, wie sie begierig alle Informationen in sich aufsog, und stellte fest, dass sie trotz ihres jungen Alters eine erstaunliche Reife besaß.
»Würden Sie heute noch Sklaven hier arbeiten lassen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?«, fragte sie eines Abends nachdenklich, und entlockte ihm damit ein kleines Lächeln.
»Nein, natürlich nicht«, betonte er, »das wäre auch nicht nötig, inzwischen gibt es Maschinen, die den größten Teil der Arbeit übernehmen.«
Nach kurzem Zögern bot er an: »Wenn dich das interessiert, können wir mal einen Ausritt über die Felder machen und ich zeige dir alles.«
»Au ja«, sie strahlte über das ganze Gesicht und zupfte an ihrer Jeans, »ich würde doch zu gerne sehen, woraus dieses Ding hier gemacht ist.«
Er lachte leise, es war ein warmes und tiefes, leicht heiseres Lachen, und überrascht sah sie ihn an.
Als er ihren Blick bemerkte, wurde er sofort wieder ernst. Er räusperte sich und nickte. »In Ordnung, dann machen wir am Samstagnachmittag einen kleinen Ausflug.«

Der Samstag kam, und ein wenig nervös machte Joanna sich am Nachmittag auf den Weg zum Stall. Olivia war mit Michael zu irgendwelchen Bekannten gefahren, und Tom war immer noch nicht von seiner Geschäftsreise zurück, sodass sie mit Jake alleine unterwegs sein würde.
Bereits von weitem sah sie ihn, unverkennbar in seinen schwarzen Jeans und dem obligatorischen schwarzen Hemd. Er war dabei, ein Pferd zu satteln, und Monty, der Labrador, lief aufgeregt um ihn herum.
»Hallo«, grüßte sie ihn zurückhaltend und tätschelte Monty zur Begrüßung den Kopf.
»Du kommst genau richtig«, Jake machte eine Kopfbewegung in Richtung der sandfarbenen Stute, »Ich habe Amber für dich fertiggemacht.«
Kritisch beäugte sie das Tier, das ihr um einiges größer und bedrohlicher erschien als Daisy. Jake bemerkte ihren unsicheren Blick und lächelte. »Keine Angst, sie ist ganz friedlich und ich werde gut auf dich aufpassen.«
Ehe Joanna wusste, wie ihr geschah, hatte er sich auch schon zu ihr heruntergebeugt, sie gepackt und in den Sattel gehoben.
Sekunden später saß er auf seinem Pferd, und langsam setzten sie sich in Bewegung. In einem leichten Trab entfernten sie sich vom Herrenhaus, begleitet von Monty, der den Ausflug sichtlich genoss. Es dauerte nicht lange, bis sie die Baumwollfelder erreicht hatten. Die Ernte stand kurz bevor, es sah aus, als hätte es geschneit. Überall zwischen den dunklen Stängeln leuchteten die aufgeplatzten Baumwollkapseln wie kleine, weiße Wattebäusche.
Erstaunt über die scheinbar endlose Weite der Felder schaute sie ihn an.
»Das ist ja riesengroß – gehört das alles Ihnen?«
»Meinem Vater. Ich kümmere mich nur darum.«
Sie runzelte die Stirn. »Ihrem Vater? Ich habe ihn noch nie gesehen, seit ich hier bin. Wohnt er nicht hier?«
»Er ist in einem Sanatorium, es geht ihm nicht so gut«, murmelte Jake ausweichend, und sie spürte, dass ihm dieses Thema unangenehm war.
»Es tut mir leid, ich wollte nicht neugierig sein«, sagte sie zerknirscht.
»Schon gut«, winkte Jake ab und kam schnell wieder auf die Baumwolle zu sprechen. »Wir sind mitten in der Ernte«, erklärte er, »Dafür haben wir Maschinen, die bis zu acht Reihen gleichzeitig abpflücken können.«
»Und dann?«
»Danach wird die Baumwolle in Ballen gepresst und kommt zur Entkörnung in die Egreniermaschine, welche die Fasern von den Kapselresten trennt. Anschließend werden noch einmal Ballen gefertigt, und dann wird das Ganze nach Memphis zur Qualitätskontrolle gebracht.«
Er erläuterte ihr noch etliche Details, und sie spürte förmlich, mit wie viel Liebe und Begeisterung er an seiner Arbeit hing. Seine Augen leuchteten, und überrascht stellte sie fest, dass er ziemlich sympathisch aussah, wenn er lächelte.
»Aber ich langweile dich bestimmt«, riss er sie nach einer Weile aus ihren Gedanken.
»Oh nein, gar nicht«, betonte sie schnell. »Ich finde das wirklich sehr interessant. Denkst du, ich könnte mir das einmal ansehen?«
Unbewusst war ihr das ‚Du‘ herausgerutscht, sie bemerkte es erst, als er sie etwas irritiert anschaute.
»Entschuldigung«, murmelte sie verlegen, und rechnete damit, dass die entspannte Stimmung jetzt verflogen sein würde.
Doch er lächelte nur und nickte. »Ja, natürlich.«
Er machte eine halbe Kehrtwendung und schlug eine andere Richtung ein, und Joanna folgte ihm. Wenig später erreichten sie eine riesige Lagerhalle, und höflich half er ihr vom Pferd.
Sie betraten die Halle, Jake schaltete das Licht an, und Joanna schaute sich staunend um.
Etliche große Maschinen waren nebeneinander aufgereiht, Körbe mit Baumwolle standen herum, an einer Wand waren unzählige Ballen aufgeschichtet.
Zusammen liefen sie durch die Halle, er erklärte ihr die Funktionsweise der Geräte, und war erstaunt darüber, dass sie so viel wissen wollte und alles so begierig in sich aufsog.
Lächelnd beobachtete er, wie sie in einen der Körbe fasste, ein Büschel Baumwolle herausnahm und es mit den Fingern betastete.
»Das fühlt sich so weich an, wie Watte. Kaum zu glauben, dass daraus so fester Stoff wird, immerhin müssen die Jeans ja einiges aushalten.«
»Baumwolle ist aufgrund ihrer Struktur sehr reißfest, die getrockneten Fasern verhaken sich regelrecht miteinander«, erklärte er. »Beim Spinnen werden die Fasern dann ineinander verdreht, je mehr, desto fester wird das Garn.«
Schließlich hatte er ihr alles gezeigt, und sie machten sich auf den Rückweg. Nachdem sie die Pferde versorgt hatten, schlenderten sie hinüber zum Haus, und in der Halle angekommen, bedankte Joanna sich bei ihm für die Führung.
»Nichts zu danken, es hat mir auch Spaß gemacht«, lächelte er, »ich freue mich, dass du so großes Interesse an der Baumwolle hast. Ich fahre am Donnerstag nach Memphis in unsere Spinnerei – vielleicht hast du Lust, mitzukommen?«
Spontan nickte sie. »Ja sicher, gerne.«
»Gut.« Er wandte sich um und ging auf eine Tür zu, hinter der, wie sie inzwischen wusste, sein Arbeitszimmer lag. Dort drehte er sich noch einmal zu ihr um und sagte leise: »Es war ein sehr schöner Nachmittag.«

Ungeduldig fieberte Joanna dem Donnerstag entgegen. Der Ausritt mit Jake hatte ihr großen Spaß gemacht, und zu ihrem Erstaunen hatte sie festgestellt, dass sie sich in seiner Gegenwart sehr wohl fühlte. Er war nett, intelligent und wusste sie mit seinen Geschichten und Erzählungen bestens zu unterhalten. Der erste negative Eindruck, den sie von ihm gehabt hatte, war verflogen, sie begann allmählich, ihn mit anderen Augen zu sehen.
Während des Unterrichts hatte sie Mühe, sich auf die Ausführungen von Robert zu konzentrieren, ständig schweiften ihre Gedanken zu dem bevorstehenden Besuch der Spinnerei. An den Abenden saß sie wie gewohnt in der Bibliothek, aber zu ihrer Enttäuschung ließ Jake sich nicht blicken.
Als der Donnerstag endlich gekommen war, rechnete sie beinahe damit, dass er seine Einladung vergessen hätte, doch nach dem Frühstück nickte er ihr vor dem Verlassen des Esszimmers kurz zu und sagte: »Wir treffen uns dann in einer halben Stunde in der Halle.«
Kaum war er zur Tür draußen, fragte Olivia stirnrunzelnd: »Darf ich erfahren, was ihr vorhabt?«
»Mr. Prescott hat mir angeboten, ihn nach Memphis zu begleiten, um mir dort die Spinnerei anzusehen«, erklärte Joanna zurückhaltend.
»So, die Spinnerei«, wiederholte Olivia gedehnt und warf ihr einen giftigen Blick zu. »Du weißt schon, dass du als Kindermädchen für Michael engagiert bist und nicht als Begleitservice für Jake.«
»Natürlich«, beeilte Joanna sich zu sagen, »es ist eine Ausnahme, und wir sind bestimmt bis zum Mittag wieder zurück.«
»Das will ich hoffen, ich werde es nicht dulden, dass du deine Pflichten vernachlässigst.«
Schweigend trank Joanna ihren Kaffee aus, bat Michael anschließend, sie bei Robert zu entschuldigen und verließ das Esszimmer.
In ihrem Zimmer bürstete sie sich noch einmal über die Haare, band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen, nahm ihre Tasche und ging dann hinunter in die Halle.
Jake wartete schon auf sie, und kurze Zeit später saßen sie in seinem Jeep und waren unterwegs nach Memphis. Zuerst war Joanna ein wenig befangen, irgendwie kam es ihr jetzt plötzlich doch etwas seltsam vor, mit diesem Mann, den sie eigentlich kaum kannte, durch die Weltgeschichte zu fahren. Aber sie spürte instinktiv, dass ihr von ihm keine Gefahr drohte, außerdem hätte er bereits in der Lagerhalle Gelegenheit gehabt, ihr etwas anzutun, wenn er das gewollt hätte. Als er dann auch noch anfing, locker zu plaudern, waren ihre Bedenken verflogen, und sie begann, sich zu entspannen.
Sie verbrachten den ganzen Vormittag in der Spinnerei, die viel größer war, als sie sich vorgestellt hatte, es war eine richtige Fabrik. Jake führte sie herum, zeigte und erklärte ihr alles, und voller Begeisterung hörte sie ihm zu, stellte Fragen und konnte nicht genug bekommen.
Anschließend fuhren sie zum Hauptsitz der »Prescott Cotton Company«, wo Jake sich länger mit dem Geschäftsführer unterhielt. Joanna bemerkte, dass der Mann sehr respektvoll mit Jake umging, ebenso wie die übrigen Mitarbeiter es während ihres Rundgangs getan hatten, offenbar war er ein guter Chef, den alle mochten. Ihr war auch nicht entgangen, dass einige der Frauen an den Maschinen ihm schmachtende Blicke zugeworfen hatten, und sie konnte es verstehen. Jake war ein gutaussehender Mann, mit seinen dunklen Haaren, den strengen Gesichtszügen und der hochgewachsenen, kräftigen Statur wirkte er äußerst attraktiv.
Es war bereits nach zwölf Uhr, als sie wieder im Auto saßen, doch zu Joannas Erstaunen schlug Jake nicht den Weg in Richtung Millington ein, sondern fuhr weiter nach Memphis hinein.

6

»Wohin wollen Sie denn?«, fragte Joanna nach einer Weile zaghaft.
Jake lächelte. »Ich dachte, wir gehen etwas essen, und ich zeige dir ein wenig von der Stadt – warst du schon mal in Memphis?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das nicht. Aber ich habe Ihrer Frau versprochen, dass wir bis zum Mittag wieder zurück sind, damit ich mich um Michael kümmern kann.«
»Meiner Frau?«, wiederholte er verblüfft.
Irritiert schaute sie an. »Ja, Mrs. Prescott.«
Er lachte leise. »Nein, da hast du wohl etwas falsch verstanden. Olivia ist nicht meine Frau, und Michael ist auch nicht mein Sohn, falls du das dachtest – ganz so alt bin ich noch nicht.«
»Oh«, entfuhr es ihr verlegen, »tut mir leid.«
Aus irgendeinem unerklärlichen Grund war sie plötzlich irgendwie erleichtert. Sie wusste nicht warum, aber die Tatsache, dass er nicht mit Olivia verheiratet war, gefiel ihr.
»Ihr Bruder hat sie als seine Schwägerin vorgestellt, deswegen war ich der Meinung …«, fuhr sie fort, doch Jake unterbrach sie.
»Sie war die Frau unseres älteren Bruders, der vor einigen Jahren verstorben ist«, erklärte er, und für einen Moment wirkte er genau so düster wie in den ersten Tagen ihres Aufenthalts.
»Das tut mir sehr leid. Er muss sehr jung gewesen sein. Wie … wie ist es passiert?«
»Er ist in unserem Haus die Treppe heruntergestürzt. Dabei hat er sich eine schwere Hirnverletzung zugezogen, an der er drei Tage später gestorben ist.«
Er schwieg abrupt, und sie spürte, dass ihm dieses Thema unangenehm war, also hakte sie nicht weiter nach.
»Was gibt es in Memphis denn zu sehen?«, fragte sie stattdessen.
»Oh, so einiges«, erwiderte er, und als sie ihn von der Seite anschaute, bemerkte sie, dass er bereits wieder ein wenig lächelte. »Wir fahren mit der Schwebebahn hinüber nach Mud Island. Dort gibt es den River Walk, eine originalgetreue Nachbildung des Mississippi-Deltas sowie ein Museum. Ich dachte mir, das könnte dich vielleicht interessieren – es sei denn, du möchtest lieber Graceland sehen?«
»Graceland«, Joanna lachte, »nein, ich glaube, das brauche ich nicht.«
Sie verbrachten einen entspannten und amüsanten Nachmittag in dem kleinen Vergnügungspark. Nachdem sie etwas gegessen hatten, besichtigten sie das Museum und wateten anschließend barfuß durch die mit Wasser gefüllte Nachbildung des unteren Mississippi. Dabei spritzten sie sich gegenseitig nass und alberten miteinander herum. Ganz nebenbei erfuhr Joanna einiges über die Geschichte des Flusses, und wie immer nahm sie alles wissbegierig in sich auf.
Während all der Jahre in New Orleans hatte sie nie Gelegenheit gehabt, irgendwelche Ausflüge zu machen. Ihre Mutter hatte kein Geld für solche Dinge gehabt, und so war Joanna nie über die nähere Umgebung des »Red Lantern« hinausgekommen, ausgenommen ihren Schulweg sowie sporadische Besuche beim Arzt oder gelegentliche Einkäufe.
Umso mehr genoss sie diesen Nachmittag, was nicht zuletzt auch daran lag, dass Jake offenbar ebenso viel Vergnügen dabei hatte wie sie.
Es war bereits später Abend, als sie sich auf den Heimweg machten, und Joanna war von den ganzen Eindrücken des Tages so müde, dass sie während der Fahrt einnickte.
Als sie auf Magnolia Haven ankamen, stellte Jake den Wagen ab und betrachtete einen Moment Joannas schlafendes Gesicht. Sie wirkte so zart und verletzlich, und spontan streckte er die Hand aus und berührte sanft ihre Wange.
»Joanna«, murmelte er leise.
»Jake«, flüsterte sie schläfrig, ohne die Augen zu öffnen, und ein Lächeln huschte um ihre Mundwinkel.
Abrupt zog er die Hand weg. »Aufwachen, wir sind da«, sagte er schroffer als beabsichtigt.
Langsam kam sie zu sich, richtete sich auf und schaute ihn irritiert an, verwundert über seinen Ton.
»Es tut mir leid, ich bin wohl eingeschlafen.«
»Schon gut, lass uns hineingehen«, brummte er unwirsch, wich dabei jedoch ihrem Blick aus.
Müde folgte Joanna ihm nach drinnen, während sie sich unbehaglich fragte, was passiert war, dass die heitere Stimmung des Nachmittags jetzt so plötzlich verschwunden war.
Als sie ins Haus kamen, stellte Joanna fest, dass Jake nicht der Einzige war, der schlechte Laune hatte. Sie wollte ihm gerade eine gute Nacht wünschen, als Olivia wie ein Racheengel aus dem Wohnzimmer geschossen kam. Ihre Augen sprühten vor Zorn, und Joanna hatte den Eindruck, als wolle sie auf sie losgehen. Doch im selben Moment bemerkte sie Jake und sie bemühte sich, ihren Ärger unter Kontrolle zu halten.
»Es war ausgemacht, dass du am Mittag wieder zurück bist«, sagte sie gedehnt.
»Sie kann nichts dazu, es war meine Schuld«, erklärte Jake.
Olivia lächelte ihn an. »Schon gut, entschuldige, ich wollte dir ja auch keinen Vorwurf machen. Ich möchte nur sicher sein, dass sie ihre Pflichten nicht vernachlässigt.«
Er hob die Augenbrauen. »Das wird sie nicht, keine Sorge«, betonte er. »Also Schluss jetzt mit der Diskussion.«
Seine Stimme klang hart und ließ keinen Widerspruch zu. Olivia drehte sich mit zusammengepressten Lippen um und ging wieder ins Wohnzimmer zurück, jedoch nicht, ohne Joanna noch einen bösen Blick zuzuwerfen.
Unsicher schaute Joanna zu Jake, doch der hatte sich bereits abgewandt.
»Gute Nacht«, warf er ihr kühl über die Schulter zu, und Sekunden später fiel die Tür seines Arbeitszimmers hinter ihm ins Schloss.

Das Frühstück am nächsten Morgen verlief wie gewohnt, abgesehen davon, dass Olivias Augen ständig kleine Blitze in Joannas Richtung schossen. Jake verschanzte sich beharrlich hinter seiner Zeitung und vermied es, Joanna anzusehen.
Müde und ohne rechten Appetit zwang sie sich ein paar Cornflakes hinunter und begriff nicht, warum Jake sich ihr gegenüber plötzlich wieder so abweisend verhielt.
Die ganze Nacht hatte sie wachgelegen und gegrübelt, was sie getan haben könnte, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Aus irgendeinem Grund tat es ihr weh, dass er nach diesem wunderschönen Tag jetzt so kühl zu ihr war. Sie hatte die gemeinsamen Stunden sehr genossen und der Gedanke, dass es nun damit vorbei sein könnte, löste eine seltsame Traurigkeit in ihr aus.
Auf einmal ging die Tür auf und Tom kam herein.
»Guten Morgen«, grüßte er fröhlich und setzte sich auf seinen Platz zwischen Jake und Joanna.
Olivia lächelte scheinheilig. »Seit wann bist du denn zurück?«, wollte sie wissen, während Jake nur einen desinteressierten Blick auf seinen Bruder warf und sich dann wieder hinter seiner Zeitung vergrub.
»Seit Mitternacht ungefähr«, er gähnte ungeniert, »und so fühle ich mich auch.«
»Nun, wenn du nachher ausgeruht genug bist, hätte ich dich gerne gesprochen«, erklärte Olivia.
Tom nickte. »Natürlich meine Liebe, wann immer du willst.«
Der Rest des Frühstücks verlief in gewohntem Schweigen und Joanna war froh, als es endlich Zeit für den Unterricht war.
Zusammen mit Michael ging sie nach oben, und als Robert sie wenig später nach ihrem gestrigen Tag fragte, berichtete sie mit leuchtenden Augen von der Spinnerei und ihrem Ausflug nach Mud Island.
»Hört sich so an, als hättest du einen sehr schönen Tag gehabt«, stellte er fest.
»Ja«, sie lächelte, »den hatte ich tatsächlich.«

»Schaff dieses Mädchen aus dem Haus«, verlangte Olivia im gleichen Moment aufgebracht von Tom.
»Tut mir leid, aber diesen Wunsch kann ich dir nicht erfüllen«, grinste er. »Was ist denn los? Weshalb bist du so wütend auf sie?«
»Du hast gesagt, dass sie sich um Michael kümmern soll, doch offenbar hat sie andere Dinge im Kopf«, zischte Olivia.
»Andere Dinge?«
»Sie treibt sich herum.«
»Sie treibt sich herum?«, wiederholte Tom in einem Ton, von dem er genau wusste, dass er Olivia zur Weißglut brachte.
»Hör auf mich nachzuäffen wie ein Papagei«, fauchte sie ihn dann auch sogleich wie erwartet an. »Sie treibt sich mit Jake herum.«
»Oh«, war Toms einzige Reaktion darauf.
»Sie ist mit ihm ausgeritten, sie sitzen jeden Abend zusammen in der Bibliothek, und gestern waren sie den ganzen Tag in Memphis und sind erst spät zurückgekehrt«, berichtete sie zornig. Gehässig fügte sie noch hinzu: »Weiß der liebe Gott, was sie dort gemacht haben.«
»Das hört sich ja fast so an, als wärst du eifersüchtig.«
»Unsinn.«
»Warum regst du dich dann so auf? Jake ist alt genug, um zu wissen, was er tut.«
»Eben du sagst es«, giftete sie, »er ist alt genug – aber dieses dahergelaufene Weibsbild nicht. Ich verstehe nicht, wie er in seinem Haus solche Dinge tun kann.«
»Vaters Haus«, betonte Tom, »Noch ist es das Haus unseres Vaters.«
Sie machte eine abwehrende Handbewegung. »Wie auch immer, ich will, dass sie hier verschwindet.«
»Wie gesagt, es tut mir leid, doch das geht nicht.« Er erhob sich und lief zur Tür. »Sie wird so lange bleiben, wie ich es für nötig halte, und ich rate dir noch einmal sehr eindringlich, mir nicht in die Quere zu kommen.«

Nach dem Unterricht ging Joanna in ihr Zimmer. Bis zum Mittagessen war noch eine halbe Stunde Zeit und sie wollte sich einen Moment hinlegen. Nach wie vor machte sie sich Gedanken über Jakes seltsames Verhalten, und sie sehnte sich nach ein wenig Ruhe.
Doch kaum hatte sie sich aufs Bett gelegt, klopfte es an die Tür, und mit der irrsinnigen Hoffnung, dass es vielleicht Jake sei, sprang sie auf und öffnete.
»Ach Sie sind es«, entfuhr es ihr enttäuscht, als sie Tom sah.
»Hast du jemand anderen erwartet?«, lächelte er.
Hastig schüttelte sie den Kopf. »Nein.«
»Ich wollte mich nur mal erkundigen, wie es dir geht«, erklärte er, während er ins Zimmer trat und die Tür hinter sich zuzog. »Wie gefällt es dir auf Magnolia Haven?«
»Eigentlich ganz gut«, sagte sie aufrichtig. »Ich habe alles, was ich brauche, ich verstehe mich gut mit Michael, es könnte nicht besser sein.«
»Das freut mich. Es tut mir leid, dass ich so lange weg war. Was hast du denn in der Zwischenzeit so gemacht?«
Sie berichtete ihm vom Unterricht, und dass sie oft in der Bibliothek saß und las, und erzählte auch von ihrem Ausritt mit Jake und ihrem Tag in Memphis.
»Na, das hört sich doch wirklich so an, als würdest du dich wohlfühlen«, lächelte Tom zufrieden. »Und weil alles so gut klappt, habe ich eine kleine Belohnung für dich – du wirst am übernächsten Samstagabend mit mir zu einer Party gehen.«
»Zu einer Party?«, wiederholte sie entgeistert.
Er nickte. »Ja. Unsere Nachbarn, die Forsythes, geben ein Fest und die ganze Familie wird daran teilnehmen. Ich möchte, dass du mich begleitest.«
»Aber …«
»Kein aber«, unterbrach er sie. »Wir werden nach dem Mittagessen losfahren und ein passendes Kleid für dich kaufen gehen, ich nehme nicht an, dass du ein Abendkleid besitzt.«
Als sie nur stumm den Kopf schüttelte, lächelte er, und zum ersten Mal fiel Joanna auf, dass seine blassblauen Augen trotz des Lächelns eiskalt wirkten.
»Gut, damit wäre das geklärt.« Er legte einen Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht nach oben. »Ich werde dafür sorgen, dass du die schönste Frau auf diesem Ball bist – die Männer werden dir zu Füßen liegen.«

7

Am Nachmittag fuhr Tom mit Joanna nach Millington. Vor einem Bekleidungsgeschäft stellte er den Wagen ab, und wenig später befand Joanna sich in einer Umkleidekabine und probierte etliche Abendkleider an, die eine eifrige Verkäuferin herbeibrachte. Sie führte Tom die Kleider vor, und schließlich hatten sie eines gefunden, welches ihm zusagte.
»Wenn wir schon mal hier sind, können wir auch noch ein paar andere Sachen für dich kaufen«, bot er an.
»Aber … das kann ich nicht annehmen«, wehrte Joanna ab.
»Unsinn. Immerhin arbeitest du für eine der reichsten und angesehensten Familien in Tennessee, und ich möchte, dass du einen guten Eindruck machst.«
Kurz darauf hatten sie einiges ausgesucht, Jeans, Blusen, Röcke, Kleider, mehrere Paar Schuhe und auch Unterwäsche. Zwar war es Joanna ein bisschen unangenehm gewesen, sich von einem wildfremden Mann seidene und spitzenbesetzte Slips und BHs kaufen zu lassen, doch sie hatte nicht gewagt, zu widersprechen.
Ohne mit der Wimper zu zucken bezahlte Tom den für Joanna furchtbar teuer erscheinenden Preis für die Sachen, und wenig später waren sie auf dem Rückweg nach Magnolia Haven.
Im Haus angekommen trug Tom die Einkäufe in ihr Zimmer.
»Du kannst mir deine alte Kleidung gleich mitgeben, ich sorge dafür, dass sie weggeworfen wird«, verlangte er.
Joanna leerte eine der Einkaufstüten aus und stopfte den spärlichen Inhalt der Kommode und des Kleiderschranks hinein.
»Gut«, nickte er zufrieden, als sie ihm die Tüte reichte, »du hast ja jetzt genug andere Sachen, die du tragen kannst.«
»Vielen Dank«, murmelte sie verlegen, »ich weiß gar nicht, warum Sie das alles für mich tun.«
Er grinste. »Nennen wir es eine lohnenswerte Investition.«

Nachdem Tom das Zimmer verlassen hatte, fiel Joanna wieder ein, dass sie ihn fragen wollte, wo sie die Briefe aufgeben konnte, die sie an ihre Mutter geschrieben hatte. Inzwischen waren es mehrere, und sie hatte die Umschläge in ihrem Schreibtisch aufbewahrt. Da ja niemand wissen durfte, wo sie herkam, hatte sie es nicht gewagt, sie zur übrigen Post zu legen, die täglich abgeholt wurde, denn natürlich stand der Name des »Red Lantern« darauf. Das nächste Postamt war in Millington, zu weit entfernt, um es ohne Auto zu erreichen, und sie hatte auch niemanden bitten wollen, sie dorthin zu fahren.
Rasch nahm sie die Kuverts aus der Schublade und eilte ihm hinterher.
»Mr. Prescott, warten Sie.«
Tom blieb stehen und drehte sich um. »Ja?«
»Ich habe hier ein paar Briefe an meine Mutter, und ich wusste nicht, wo ich sie aufgeben sollte. Könnten Sie das vielleicht für mich tun?«
»Natürlich«, er nickte, »es ist gut, dass du sie nicht in die übrige Post getan hast. Ich werde mich auch in Zukunft darum kümmern.«
Joanna händigte ihm die Umschläge aus. »Vielen Dank.«
»Kein Problem, du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du etwas brauchst.«
Mit einem zufriedenen Lächeln schaute er ihr hinterher, bis sie in ihrem Zimmer verschwunden war. Dann steuerte er auf sein Schlafzimmer zu, welches auf der anderen Seite der Treppe lag. Dort nahm er den silbernen Brieföffner von seinem Schreibtisch und schlitzte geschickt die Kuverts auf. Nachdem er den Inhalt entnommen hatte, machte er es sich auf seinem Bett bequem und begann zu lesen.

Wie üblich saß Joanna am Abend in der Bibliothek und war in ihre Lektüre versunken, als Jake plötzlich hereinkam.
»Hallo«, grüßte sie ihn zurückhaltend, und er lächelte.
»Hey.«
Er ging auf sie zu, hob ihr Buch ein wenig an und warf einen Blick auf den Titel.
»Gesellschaftstänze«, sagte er überrascht. »Willst du tanzen lernen?«
»Ich muss wohl«, erklärte sie unbehaglich. »Ihr Bruder möchte, dass ich ihn am nächsten Samstag zu der Party begleite, und ich nehme an, dass dort getanzt wird.«
Einen Augenblick lang machte er ein verblüfftes Gesicht, dann nickte er. »Ja.« Nach einem kurzen Zögern fügte er hinzu: »Ich glaube allerdings nicht, dass du das Tanzen so lernen wirst.«
»Schade, ich fürchte, ich werde mich ganz schrecklich blamieren.«
»Weißt du was?« Er ging zu einem kleinen Schrank, öffnete ihn und ein CD-Spieler kam zum Vorschein. »Wenn du möchtest, bringe ich es dir bei.«
Einen Moment kramte er in den CDs herum, wählte schließlich eine aus und wenig später ertönte eine getragene Melodie. Er nahm ihr das Buch aus der Hand, legte es beiseite und zog sie von der Couch hoch.
»Darf ich bitten, Mylady?«, fragte er mit einer leichten Verbeugung.
Sie lachte. »Gerne. Aber ich warne Sie, ich werde mich vermutlich reichlich ungeschickt anstellen, und Ihnen garantiert mehr als einmal auf die Füße treten.«
»Bei deinem Federgewicht werde ich es überleben«, schmunzelte er. Er legte einen Arm um ihre Taille, griff mit der anderen nach ihrer Hand. »Keine Angst, entspann dich und vertrau mir. Ich werde es dir zeigen, ganz langsam, Schritt für Schritt.«
Bereitwillig ließ sie sich von ihm führen, folgte seinen Anweisungen und passte sich seinen Bewegungen an.
»So ist es gut«, lobte er sie nach einer Weile, »du bist ein Naturtalent.«
Gemächlich drehten sie sich zu den Klängen des Walzers, und irgendwann war Joanna entspannt genug, nicht dauernd auf ihre Füße zu sehen. Weich schmiegte sie sich in Jakes Arme und bemerkte, wie angenehm es sich anfühlte, mit ihm zu tanzen. Sein Griff war fest, ohne grob zu sein, er führte sie so sicher, dass sie sich in perfektem Einklang bewegten.
»Ich glaube, das reicht für heute«, sagte er nach etwa einer Stunde, und mit Bedauern löste sie sich aus seinen Armen.
Er stellte die Musik aus und schaute sie fragend an. »Morgen Abend wieder?«
»Ich möchte Ihnen keine Mühe machen«, erwiderte sie zurückhaltend, obwohl sie am liebsten spontan ja gesagt hätte.
»Es macht keine Mühe«, lächelte er, »im Gegenteil. Ich habe schon lange nicht mehr getanzt, und es hat mir großen Spaß gemacht.«

Von diesem Abend an trafen Jake und Joanna sich wieder regelmäßig in der Bibliothek und setzten ihre Tanzstunden fort. Nach und nach zeigte er ihr weitere Standardtänze, brachte ihr geduldig alle nötigen Schritte bei und erklärte ihr nebenbei, was sonst noch zu beachten war.
Sie lernte schnell, wurde immer sicherer, und obwohl sie nach drei Tagen alles fast perfekt beherrschte, behielten sie ihre abendlichen Verabredungen bei. Sie tanzten, unterhielten sich, alberten miteinander herum, und genossen es, so ausgelassen und unbeschwert zu sein.
Am Freitagabend tanzten sie zwei Stunden ununterbrochen zusammen. Selbstvergessen schwebte Joanna in Jakes Armen über das Parkett, doch plötzlich geriet sie aus dem Takt, stolperte über ihre eigenen Füße und fiel gegen ihn.
Aus einem Reflex heraus packte er sie etwas fester und drückte sie an sich.
»Ich glaube, für heute ist es genug, sonst wirst du morgen keinen Fuß mehr vor den anderen setzen können«, lächelte er.
Sie hob den Kopf und schaute ihn verlegen an. »Entschuldigung. Ich hoffe, das wird mir morgen Abend nicht passieren – ich bin so fürchterlich nervös.«
»Keine Sorge«, beruhigte er sie, »du machst das hervorragend und es wird nichts schiefgehen.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Wenn du möchtest, werde ich den ersten Tanz mit dir tanzen, das wird dir vielleicht ein bisschen die Angst nehmen.«
»Das würde es sicher«, sagte leise, »ich würde mich sehr freuen.«
Einen Moment sahen sie sich in die Augen und plötzlich bemerkte Jake, dass er sie immer noch viel zu dicht an sich gedrückt hielt. Rasch machte er sich von ihr los.
»Dann solltest du jetzt schlafen gehen, damit du morgen ausgeruht bist. – Gute Nacht.«
»Gute Nacht«, murmelte sie unsicher und ging zur Tür.
Mit einem nachdenklichen Blick schaute er ihr hinterher und hatte das unbestimmte Gefühl, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Mit zitternden Fingern zog Joanna den Reißverschluss des Abendkleids zu. Sie stand vor dem Spiegel in ihrem Zimmer und betrachtete sich unbehaglich. Das Kleid war sündhaft teuer gewesen, und für ihren Geschmack sah es auch genauso sündhaft aus. Eng schmiegte sich der tiefgrüne, weiche Seidenstoff an ihren schlanken Körper, ließ ihre sehr weiblichen Formen mehr als nur erahnen. Der Ausschnitt war recht offenherzig, kleine Strasssteine lenkten den Blick auf ihr Dekolleté, wo der Ansatz ihres Busens freizügig hervorblitzte.
Es war ein traumhaftes Kleid, eigentlich hatte sie sich schon immer gewünscht, einmal so etwas zu tragen. Doch nun, wo sie es anhatte, fühlte sie sich alles andere als wohl darin, und sie musste wieder an Toms Bemerkung denken.
»Ich werde dafür sorgen, dass du die schönste Frau auf diesem Ball bist – die Männer werden dir zu Füßen liegen.«
Sie hatte keine Ahnung, was er damit gemeint hatte, und hoffte, dass er das nur so dahingesagt hatte. Schließlich war sie seine Begleitung, und es war ihm vermutlich nur daran gelegen, sich mit ihr nicht zu blamieren.
Mit fahrigen Bewegungen verteilte sie ein wenig Make-up auf ihrem Gesicht. Normalerweise schminkte sie sich nicht, sie hatte eine zarte, klare Haut, die sie nicht unter Schichten von Farbe zu verstecken brauchte. Doch vor lauter Nervosität hatte sie die letzten Nächte nicht gut geschlafen und dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, die sie nun ein bisschen zu kaschieren versuchte. Sie trug noch etwas Lippenstift und einen Hauch Parfüm auf und betrachtete sich dann kritisch im Spiegel.
Eines der Mädchen, die im Haus arbeiteten, hatte ihr geholfen, die Haare hochzustecken, und zusammen mit dem Kleid und den hochhackigen Schuhen erkannte sie sich kaum wieder.
Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es Zeit war, nach unten zu gehen. Sie legte sich die zum Abendkleid passende Stola um, griff nach der kleinen Handtasche, die Tom ihr ebenfalls gekauft hatte, und verließ das Zimmer.
Als sie die Treppe herunterkam, standen alle bereits in der Halle und waren im Aufbruch begriffen.
Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf Toms Gesicht aus, als er sie sah.
Jake, der seine Reaktion bemerkt hatte, drehte sich um und folgte seinem Blick. Seine Augen weiteten sich überrascht, und für einen kurzen Moment sah Joanna ein seltsames Flackern darin, das sie nicht richtig deuten konnte.
Bevor sie dazu kam, sich weitere Gedanken darüber zu machen, hatte er sich wieder abgewandt, und im gleichen Augenblick platzte Olivia verärgert heraus: »Was hat das denn zu bedeuten? Sie wird doch nicht etwa mit uns zum Ball gehen?«
Unangenehm berührt hielt Joanna inne, aber da machte Tom bereits einen Schritt auf sie zu und reichte ihr galant seinen Arm.
»Joanna ist meine Begleitung für den heutigen Abend«, erklärte er lächelnd.
Ohne sich weiter um Olivia oder seinen Bruder zu kümmern, öffnete er die Haustür und schob Joanna hinaus. »Du fährst mit mir.«

8

An diesem Abend bekam Joanna zum ersten Mal einen Eindruck vom gesellschaftlichen Ansehen der Familie Prescott und von den Kreisen, in denen sie verkehrte.
Wieder einmal hatte sie das Gefühl, ins neunzehnte Jahrhundert zurückversetzt worden zu sein. Die Veranstaltung erschien ihr weniger wie eine Party, sondern mehr wie ein Ball zu der Zeit vor dem Sezessionskrieg.
Belmont Manor, das Herrenhaus, in welchem das Fest stattfand, ähnelte Magnolia Haven. Es war ebenso groß und prächtig und zeugte vom Wohlstand der Familie Forsythe. Für das Fest selbst war das geräumige Wohnzimmer hergerichtet worden. Man hatte alles stilvoll geschmückt, es gab ein Büffet, das keine Wünsche offen ließ, livrierte Kellner liefen herum und reichten Getränke. In einer Ecke hatte eine kleine Kapelle ihre Instrumente aufgebaut und spielte zum Tanz auf. In loser Reihenfolge wechselten sich die südstaatentypischen Dixie- und Blues-Klänge mit Walzern und sanften, romantischen Melodien ab.
Zwei große Flügeltüren, die auf eine Terrasse hinausführten, waren weit geöffnet, und eine leichte Brise wehte den Duft von Magnolien herein.
Alle Anwesenden waren ausnahmslos festlich gekleidet, die Frauen trugen kostspielige Abendroben, die Männer elegante Smokings. Schmuck glitzerte überall an den Hälsen, Handgelenken und Fingern, goldene Zigarettenetuis und Feuerzeuge wurden gezückt, es war wirklich eine sehr illustre Gesellschaft.
Alles in allem war es eine Atmosphäre, die Joanna nur aus Filmen kannte, und sie fühlte sich fürchterlich deplatziert. Sie hatte Angst, irgendetwas falsch zu machen, und fürchtete, man würde ihr ihre Herkunft am Gesicht ablesen können.
Die Prescotts wurden von allen mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßt, und in sämtlichen Gesprächen war deutlich zu bemerken, dass man ihnen großen Respekt entgegenbrachte.
Tom, dem Joannas Nervosität scheinbar überhaupt nicht auffiel, führte sie zwischen den Leuten herum und stellte sie vor. Er nannte jedoch nur ihren Namen und erwähnte mit keiner Silbe, dass sie Michaels Kindermädchen war. Man begegnete ihr mit Freundlichkeit, die Blicke der Frauen waren allerdings nicht ganz so begeistert wie die der Männer.
»Siehst du«, flüsterte Tom ihr nach einer Weile ins Ohr, »ich habe dir doch gesagt, du wirst heute Abend die schönste Frau sein. Die anderen Damen wittern in dir bereits ernsthafte Konkurrenz.«
Joanna schwieg, sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, es gefiel ihr nicht im Geringsten, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Zusammen mit Jake und Olivia blieben sie bei einer kleineren Gruppe von Gästen stehen, und Joanna lauschte schweigend der angeregten Unterhaltung.
Dann wurde der Tanz eröffnet, die Kapelle stimmte einen Walzer an, und mit Schrecken bemerkte Joanna, dass ein älterer Mann zielstrebig auf sie zukam. Augenblicklich fingen ihre Knie an zu zittern, doch im selben Moment nahm Jake ihren Arm.
»Darf ich bitten?«, fragte er höflich, und sie nickte erleichtert.
Er führte sie auf die Tanzfläche, und wie sie es geübt hatten, überließ sie sich seiner Führung. Ihre ersten Schritte waren etwas unsicher, aber nach und nach entspannte sie sich und genoss es, mit ihm über das Parkett zu schweben.
Jake hatte Mühe, sich auf den Takt zu konzentrieren. Obwohl er Joanna im Laufe der letzten Tage häufig so in seinen Armen gehalten hatte, war es dieses Mal völlig anders. Sie trug keine Jeans und kein T-Shirt, sondern dieses Kleid, dessen Anblick ihm bereits vorhin auf der Treppe fast den Atem genommen hatte. Aus seiner Höhe hatte er jetzt einen ausgezeichneten Blick auf ihr Dekolleté, und krampfhaft richtete er seine Augen auf ihr Gesicht.
»Himmel, sie ist noch ein Kind«, machte er sich klar.
Doch ihre vollen Brüste, die sich leicht gegen seinen Oberkörper drückten, und die weichen Bewegungen ihrer Hüfte signalisierten ihm das Gegenteil. Mühsam probierte er, an etwas anderes zu denken, hielt sie so weit von sich entfernt, wie es nur möglich war, und war froh, als der Tanz endlich vorüber war.
Er geleitete sie von der Tanzfläche und übergab sie seinem Bruder. Vom Tablett eines vorbeilaufenden Kellners nahm er sich ein Glas Whiskey und zog sich dann wortlos auf die Terrasse zurück.
Dort verharrte er im Schatten einer Säule und beobachtete mit finsterer Miene, wie Tom Joanna zum Tanzen aufforderte. Wenig später drehten die beiden sich zu den Klängen eines langsamen Walzers. Als er sah, wie eng Tom Joanna an sich drückte, wie graziös und geschmeidig sie sich in seinen Armen bewegte, gab es ihm einen Stich. Tom sagte irgendetwas zu ihr, und sie lächelte, ohne sich bewusst zu sein, wie anziehend und begehrenswert sie in diesem Moment aussah. Jake ließ kein Auge von ihr, in einer Hand hatte er das Whiskeyglas, die andere hatte er zu einer Faust geballt und tief in der Hosentasche seines Anzugs vergraben.
»Warum versteckst du dich denn hier draußen?«, ertönte Olivias Stimme neben ihm. »Komm, lass uns hineingehen und auch ein wenig tanzen.«
»Keine Lust«, erwiderte er knapp und trank einen großen Schluck aus seinem Glas.
Sie folgte seinem Blick und presste die Lippen zusammen. »Findest du es richtig, dass dein Bruder sich hier vor aller Augen mit diesem Mädchen abgibt?«
Wortlos drehte Jake sich um und ließ sie stehen. Er ging nach drinnen, nahm sich einen neuen Whiskey und lehnte sich an den Kamin, seine Aufmerksamkeit weiterhin ärgerlich auf Joanna und Tom gerichtet.
Nach einer Weile tippte ein älterer Mann auf Toms Schulter und wollte ihn ablösen. Lächelnd räumte Tom seinen Platz und Joanna blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und mit dem Fremden zu tanzen.
Gutgelaunt schlenderte Tom auf seinen Bruder zu.
»Netter Abend, oder?«, fragte er beiläufig.
»Ja, nett«, brummte Jake einsilbig.
Im gleichen Moment bemerkte er, dass Joannas Tanzpartner seine Hand von ihrer Taille zu ihrem Po hinabgleiten ließ, und ihr erschrockenes Gesicht zeigte deutlich, dass ihr das keineswegs gefiel.
Mit einer heftigen Bewegung knallte Jake sein Glas auf das Kaminsims und stürmte mit langen Schritten auf die Tanzfläche.
»Entschuldigung«, sagte er mit mühsamer Beherrschung zu dem Mann, »aber wir müssen jetzt gehen.«
Ohne Rücksicht auf die erstaunten Blicke rings um sie herum zog er die überraschte Joanna am Arm hinter sich her nach draußen. Kurz darauf fand sie sich in seinem Auto wieder. Sobald sie sich angeschnallt hatte, ließ er den Motor an und trat heftig das Gaspedal durch, sodass der Wagen einen Satz nach vorne machte.
Ängstlich klammerte sie sich an ihrem Sitz fest, und wagte es nicht, auch nur einen Ton zu sagen. Sie hatte keine Ahnung, weshalb er so wütend war und wollte ihn nicht weiter reizen, also starrte sie schweigend aus dem Fenster in die Dunkelheit.
Mit Vollgas preschte er über die Landstraße in Richtung Magnolia Haven, und es dauerte nicht lange, bis sie die Auffahrt zum Haus entlangfuhren.
Die Räder waren noch nicht richtig zum Stillstand gekommen, da löste Joanna bereits ihren Gurt. Jakes Wut war ihr nicht geheuer und sie hielt es für besser, so schnell wie möglich aus seiner Reichweite kommen. Sie öffnete die Tür, schob ihr Kleid ein wenig hoch und wollte gerade ein Bein aus dem Wagen schwingen, da packte er sie am Arm.
»Schläfst du mit Tom?«
»Was?«
»Ich will wissen, ob du mit meinem Bruder Sex hast«, wiederholte er grimmig.
Fassungslos starrte sie ihn an. »Nein, natürlich nicht«, betonte sie vehement, »Ich bin siebzehn.«
Für einen Moment verhakten sich ihre Blicke ineinander, der ihre voller Empörung angesichts seiner Frage, der seine zornig und lodernd. Dann löste er abrupt seinen Griff und senkte den Kopf.
»Ja«, sagte er tonlos, »ich weiß.«

Unglücklich lag Joanna auf ihrem Bett und ließ ihren Tränen freien Lauf. Es war das erste Mal, seit sie aus New Orleans fortgegangen war, dass sie weinte, und die ganzen, angestauten Gefühle der letzten Wochen brachen jetzt sintflutartig aus ihr heraus.
Die Trennung von ihrer Mutter, Olivias giftige Blicke, Jakes unberechenbare Launen, all das kochte nun in ihr hoch und vermischte sich zu einem bitteren Cocktail, der ihr unablässig neue Tränen in die Augen trieb.
Jake. Was hatte ihn bloß so wütend gemacht? Dachte er wirklich, sie würde mit seinem Bruder schlafen, nur weil sie ein paar Mal mit ihm getanzt hatte? Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie beinahe annehmen, dass er eifersüchtig war. Doch das war natürlich Unsinn, sicher hatte er nur Angst, dass Tom irgendwelche Scherereien bekam.
Jake. Ihr war klar, dass es nach diesem Abend mit seinem freundlichen Verhalten nun wohl endgültig vorbei sein würde, und der Gedanke daran tat ihr seltsamerweise weh. In seinem Beisein hatte sie keinen Moment an ihre Herkunft gedacht. Er hatte sie vergessen lassen, dass sie hier auf Magnolia Haven nur geduldet war, und sie hatte seine Nähe sehr genossen.
Jake. Sie sah sein Gesicht vor sich, seine kühlen, grauen Augen, die so warm und amüsiert funkeln konnten, den energischen Mund, das markante Kinn mit dem Dreitagebart. Sie dachte daran, wie wohl sie sich in seiner Gesellschaft fühlte, wie schön es gewesen war, in seinen Armen zu liegen und mit ihm zu tanzen. Ihr Herz begann schneller zu klopfen, und entsetzt sprang sie vom Bett hoch, lief panikartig im Zimmer auf und ab.
»Nein«, dachte sie immer wieder, »nein.«
Obwohl sie bisher noch nie verliebt gewesen war, ahnte sie doch, was dieses seltsame Pochen ihres Herzens zu bedeuten hatte, und sofort verbot sie sich, an so etwas zu denken. Auf keinen Fall durfte sie anfangen, irgendwelche Gefühle für Jake Prescott zu entwickeln, niemals. Er war ein Fremder, etliche Jahre älter als sie, und er hatte keine Ahnung, aus welchen Verhältnissen sie stammte. Es war absolut idiotisch, kindische, romantische Gedanken zu hegen, nur weil er ein bisschen freundlich zu ihr gewesen war.
»Es ist nur, weil du dich so allein fühlst«, machte sie sich klar. »Du vermisst deine Mutter und sehnst dich danach, dass jemand dich in den Arm nimmt und tröstet, weiter nichts.«

9

Jake stand am Fenster in seinem Zimmer und schaute in die Dunkelheit hinaus.
Er wusste nicht, wann es angefangen hatte.
War es bereits im gleichen Moment gewesen, als er Joanna an jenem Morgen im Esszimmer zum ersten Mal gesehen hatte?
War es auf dem Ausritt gewesen, als sie sich so voller Begeisterung für seine Arbeit interessiert hatte?
War es in Memphis geschehen, als sie so fröhlich und unbeschwert miteinander herumgealbert hatten?
War es passiert, als sie abends in der Bibliothek zusammen getanzt hatten?
Oder war es ihr Anblick in diesem Kleid gewesen, der ihm plötzlich bewusst gemacht hatte, dass er Gefühle für sie hegte, die nicht sein durften?
Mit einem gequälten Aufstöhnen legte er seine Stirn an das kühle Glas der Fensterscheibe.
Wann auch immer es begonnen hatte, es musste sofort wieder aufhören. Auf keinen Fall durfte er diese Gedanken zulassen. Sie war gerade mal siebzehn Jahre alt und er achtundzwanzig, und das genügte, um zu wissen, dass sie absolut tabu für ihn war.
Er sah ihr Gesicht vor sich, ihre tiefgrünen Augen, die ihn so fröhlich und dennoch immer ein wenig traurig anlächelten. Er dachte an ihren Lerneifer, an ihren scheinbar unstillbaren Durst nach Wissen. Er dachte daran, wie liebevoll sie seinen Namen ausgesprochen hatte, als er sie nach der Rückfahrt von Memphis geweckt hatte, und wie weich und anschmiegsam sie sich heute Abend beim Tanzen angefühlt hatte.
Sie war so zart, so verletzlich und weckte seinen Beschützerinstinkt, er wünschte sich, sie in seine Arme zu nehmen und festzuhalten, und noch viel mehr.
»Nein«, stieß er hart hervor, »Nein.«
Mit zornigen Schritten ging er in seinem Zimmer auf und ab, fragte sich dabei immer wieder, was in ihn gefahren war.
Sein Liebesleben, sofern vorhanden, war bisher vollkommen normal gewesen, er hatte stets Frauen bevorzugt, die in seinem Alter waren. Es war ihm rätselhaft, wieso er plötzlich anfing, Gefühle für ein Mädchen zu entwickeln, das elf Jahre jünger war als er.
»Egal«, murmelte er energisch, »es ist völlig egal, ich werde nicht mehr daran denken, und mich schon gar nicht zu irgendetwas hinreißen lassen, was fatale Konsequenzen haben würde. Ich werde ihr aus dem Weg gehen, und damit ist die Sache erledigt.«

Nach dem Fiasko auf dem Ball hatte Joanna eine schlaflose Nacht und einen ebenso qualvollen Sonntag verbracht. In den wenigen Minuten, die sie sich bei den Mahlzeiten gesehen hatten, hatte Jake konsequent vermieden, sie anzusehen, ansonsten hatte sie ihn nicht zu Gesicht bekommen. Obwohl ihr sein ablehnendes Verhalten weh tat, hatte sie beschlossen, sich nichts daraus zu machen, es war sicher das Beste so.
Ein bisschen hatte sie damit gerechnet, dass Tom irgendetwas wegen des überraschenden Aufbruchs auf dem Ball zu ihr sagen würde, sie hatte vermutet, er würde deswegen sauer sein. Zu ihrer Erleichterung schien ihm das jedoch gar nichts ausgemacht zu haben, während der Mahlzeiten gab er sich so locker wie immer, und sie war froh darüber.
Am Sonntagabend setzte sie sich an ihren Schreibtisch und verfasste einen langen Brief an ihre Mutter. Sie berichtete von dem Fest, beschrieb alles ausführlich, und erzählte dann auch von Jake.
»… Jake ist der jüngere Bruder von Mr. Prescott, er ist sehr nett und hat sich viel um mich gekümmert. Für die Party hat er mir extra das Tanzen beigebracht, und es hat mir großen Spaß gemacht. Du hättest ihn gestern Abend sehen sollen, er sah ausgesprochen gut aus in seinem Smoking, und als wir zusammen getanzt haben, kam ich mir beinahe vor wie Cinderella mit ihrem Prinzen. Das Ende war jedoch nicht so märchenhaft, aus irgendeinem Grund war Jake plötzlich ziemlich wütend und hat mich nach Hause gefahren. Zuerst habe ich vermutet, dass er eifersüchtig war, doch das ist natürlich völlig abwegig. Trotzdem fand ich es schade, dass er so verärgert war, und ich hoffe, er wird sich beruhigen, denn ich mag ihn sehr gern. Ehrlich gesagt glaube ich sogar, ich habe mich ein bisschen in ihn verliebt. Aber Du brauchst Dir keine Gedanken zu machen, ich weiß, dass so eine Schwärmerei mir nur Ärger einbringen wird, und ich werde das ganz schnell wieder vergessen. Allerdings könnte ich ein wenig Trost gebrauchen, und ich wünschte, Du könntest jetzt bei mir sein und mich in die Arme nehmen.
Vielleicht findet sich bald mal eine Möglichkeit, dass wir uns sehen können, ich wünsche es mir sehr. Ich denke an Dich, alles Liebe, Joanna.«
Danach steckte sie den Brief in ein Kuvert, adressierte es und verstaute es im Schreibtisch. Anschließend zog sie sich aus und legte sich in ihr Bett. Sie hatte gehofft, dass es ihr guttun würde, sich alles von der Seele zu schreiben, doch schnell stellte sie fest, dass das ein Trugschluss gewesen war. Nach wie vor kreisten ihre Gedanken um Jake, und als sie endlich einnickte, begleitete das Bild seiner zornig blitzenden Augen sie wie in der Nacht zuvor in den Schlaf.

Am anderen Tag nach dem Unterricht fand Joanna eine Gelegenheit, Tom den Umschlag zu übergeben. Wie beim letzten Mal zog Tom sich damit in sein Schlafzimmer zurück, und als er gerade begonnen hatte, zu lesen, klopfte es verhalten an die Tür. Er öffnete, und zu seiner Überraschung stand Robert davor.
»Was hast du hier zu suchen?«, zischte Tom ärgerlich und zog ihn hastig ins Zimmer.
»Ich wollte nur mal hören, was los ist«, erklärte der Rothaarige. »Joanna war heute so geistesabwesend und bedrückt – ist irgendwas passiert?«
»Nichts, was nicht wie geplant gelaufen wäre«, grinste Tom. Er wedelte mit dem Brief herum. »Schauen wir doch mal, was sie so schreibt.«
Rasch überflog er das Schreiben und las Robert den letzten Teil laut vor.
»Na, das hört sich ja gut an«, bestätigte dieser lächelnd. »Wirst du ihn absenden?«
»Bist du bescheuert? Natürlich nicht«, fuhr Tom ihn an. »Ihre Mutter würde durchdrehen, wenn sie das liest. Am Ende kommt sie auf die Idee, die Kleine hier wegzuholen oder hetzt mir gar die Cops auf den Hals. Die anderen waren harmlos, die habe ich abgeschickt, damit die Alte beruhigt ist, aber dieser hier wird zufällig in der Post verschwunden sein.«
Er nahm den Brief und verstaute ihn in seinem Schreibtisch. Mit einem zufriedenen Lächeln drehte er sich wieder um. »Es läuft alles wie geplant, besser hätte es gar nicht klappen können. Nicht mehr lange, und wir sind am Ziel.«
»Und dann? Hast du keine Angst, dass sie dich verpfeift?«
»Keine Angst, das wird sie schon nicht, dafür werde ich sorgen.«
Robert verzog unbehaglich das Gesicht. »Ich weiß nicht, irgendwie habe ich doch ein bisschen Bedenken.«
»Jetzt mach dir keine Gedanken, ich habe alles unter Kontrolle«, beruhigte Tom ihn. Er legte ihm eine Hand an die Wange und streichelte ihn zärtlich. »Bald sind wir die Herren auf Magnolia Haven.«

Ein paar Tage vergingen, und alles lief seinen gewohnten Gang. Joanna nahm am Unterricht teil, verbrachte die Nachmittage mit Michael, zog sich abends jedoch wieder wie am Anfang in ihr Zimmer zurück. Jake war immer noch völlig distanziert zu ihr, und sie wollte auf keinen Fall riskieren, ihm in der Bibliothek zufällig über den Weg zu laufen.
Einerseits vermisste sie ihn, sie sehnte sich nach seiner Gesellschaft und hätte ihn gerne gefragt, weshalb er so wütend auf sie war. Doch andererseits wusste sie, dass es besser war, dieser Sache nicht weiter auf den Grund zu gehen. Es war sicherer für ihren Seelenfrieden, die Dinge auf sich beruhen zu lassen.
An einem Abend saß Joanna an dem kleinen Schreibtisch in ihrem Zimmer und schrieb einen Brief an ihre Mutter. Inzwischen hatte sie auch eine Antwort auf ihre vorherigen Schreiben bekommen. Elisabeth war froh, dass es Joanna gutging, freute sich, dass sie auf Magnolia Haven so ein komfortables Leben hatte, und hoffte ebenfalls auf ein baldiges Wiedersehen.
Joanna hatte das Fenster weit geöffnet, um ein wenig der kühlen Abendluft hereinzulassen, und plötzlich hörte sie einen unterdrückten Schrei.
Sie hielt inne und lauschte. Einen Augenblick war es still, und sie dachte schon, sie hätte sich getäuscht. Da vernahm sie ein leises Wimmern, das zweifelsfrei aus dem Raum neben dem ihren kam. Er wurde von Martha, einem der Dienstmädchen, bewohnt, und Joanna überlegte einen Moment, ob sie nachsehen sollte, was los war.
Nach kurzem Zögern stand sie auf und verließ ihr Zimmer. Martha war immer nett zu ihr gewesen, und vielleicht ging es ihr nicht gut.
Zaghaft klopfte sie an Marthas Tür, und als statt einer Antwort erneut ein klägliches Jammern ertönte, drückte sie entschlossen die Klinke herunter.
Der Anblick, der sich ihr bot, ließ ihr den Atem stocken.
Martha lag auf ihrem Bett, ihr Unterkörper war entblößt, zwischen ihren Schenkeln kniete Michael mit heruntergelassener Hose und versuchte mit Gewalt, dem sich heftig wehrenden Mädchen seinen Willen aufzuzwingen.
»Hör auf dich so anzustellen, du Miststück«, zischte er gerade und schlug Martha mit der flachen Hand ins Gesicht.
»Michael«, rief Joanna entsetzt, »Was um Himmels willen tust du da?«
Der Junge ließ von der weinenden Martha ab, stieg vom Bett und drehte sich völlig ungeniert zu Joanna um.
»Reg dich nicht auf, wir haben nur ein bisschen Spaß«, erklärte er gelassen, während er seine Hose in Ordnung brachte.
Geschockt starrte sie ihn an, nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen.
Mit gleichgültigem Gesicht kam Michael auf sie zu, schob sich wortlos an ihr vorbei aus der Tür und verschwand.
Nachdem sie sich von ihrem ersten Schreck erholt hatte, trat Joanna zu Martha ans Bett.
»Bist du okay? Hat er …?«
Verlegen zog die junge Frau ihr Kleid herunter. »Nein, du bist gerade noch rechtzeitig gekommen.«
»Du musst es seiner Mutter erzählen«, riet Joanna ihr.
»Nein«, hastig schüttelte Martha den Kopf, »auf keinen Fall. Es ist ja nichts passiert, also lass uns das am besten vergessen.«
Ungläubig schaute Joanna sie an, betrachtete die roten Abdrücke auf ihrer Wange, die davon zeugten, dass Michael ihr mehr als eine Ohrfeige gegeben hatte.
»Wie kannst du nur sagen, dass nichts passiert ist, er hat dich geschlagen, und wenn ich nicht hereingekommen wäre, hätte er vermutlich noch Schlimmeres getan. Wenn du nicht mit Olivia reden willst, dann werde ich es tun.«
»Bitte«, beschwor Martha sie, »bitte lass das. Ich will keinen Ärger haben, und ich will auch meinen Job hier nicht verlieren.«
Joanna zögerte, doch der Blick in Marthas Augen war so angsterfüllt und flehentlich, dass sie schließlich nachgab.
»Gut, ich möchte nicht, dass du Schwierigkeiten bekommst. Aber du solltest in Zukunft gut auf dich aufpassen, wenn er merkt, dass er ungestraft davonkommt, wird er es vielleicht nochmal versuchen.«
»Ja«, nickte Martha hastig, »ich werde ab sofort meine Tür abschließen.«
Mit einem tiefen Seufzen stand Joanna auf und ging zur Tür.
»Joanna«, hielt Martha sie zurück, und als sie sich zu ihr umdrehte, lächelte die junge Frau sie an. »Danke, das werde ich dir nicht vergessen.«

10

Wenig später lag Joanna in ihrem Bett, aber sie konnte nicht schlafen. Immer wieder hatte sie das Bild vor Augen, wie Michael über der wehrlosen Martha kniete und sie schlug, und ihr war hundeelend.
»Meine Güte, er ist doch erst vierzehn«, ging es ihr durch den Kopf. »Wie kommt er dazu, so etwas zu tun?«
Dann fiel ihr ein, dass sie schon öfter beobachtet hatte, wie gefühllos Michael sich benahm. Ohne jeglichen Grund hatte er auf ihren Spaziergängen Blumen abgeknickt, hatte Käfer oder andere kleine Tiere unter seinen Schuhen zertreten, und einmal hatte er einem Schmetterling die Flügel ausgerissen. Obwohl sie sich an diesem Verhalten gestört hatte, hatte sie sich nichts dabei gedacht. Nach der Szene in Marthas Zimmer war sie sich jedoch nicht sicher, ob Michael nicht ein ernstzunehmendes Problem hatte.
Nach ihren Jahren im »Red Lantern« waren ihr solche Dinge nicht fremd. Zwar hatte ihre Mutter immer versucht, das alles von ihr fernzuhalten, aber sie hatte genug mitbekommen. So wusste sie auch, dass es Männer gab, die einen Reiz darin fanden, anderen Schmerzen zuzufügen, sie zu quälen oder zu demütigen.
Unruhig drehte sie sich in ihrem Bett hin und her, überlegte, ob es nicht vielleicht doch besser war, mit Olivia darüber zu sprechen. Dann sah sie jedoch Olivias hochmütiges Gesicht vor sich, ihre kalt blitzenden Augen, den bösartig verkniffenen Mund, und sie ahnte, dass es keinen Sinn hätte. Abgesehen davon, dass sie vermutlich sowieso kein Wort glauben würde, würde sie ihren Zorn bestimmt an Martha auslassen, und das war das Letzte, was Joanna wollte.
Außerdem konnte sie selbst keinen zusätzlichen Ärger gebrauchen. Jakes Verhalten belastete sie ohnehin schon genug, und sie wollte die angespannte Atmosphäre nicht noch verschärfen, indem sie sich ungebeten in Familienangelegenheiten einmischte.

Am nächsten Morgen begegnete Michael Joanna, als wenn nichts vorgefallen wäre. Sowohl beim Frühstück als auch während des Unterrichts benahm er sich vollkommen harmlos und unschuldig. In seinen Augen bemerkte sie jedoch einen lauernden Ausdruck, als würde er darauf warten, dass sie irgendetwas sagte.
Dieser Blick machte ihr Angst, doch sie versuchte, sich nichts davon anmerken zu lassen. Äußerlich völlig ruhig und gelassen verhielt sie sich wie immer. Allerdings achtete sie sorgsam darauf, sich mit ihm alleine nicht mehr allzu weit vom Haus zu entfernen, damit sie notfalls um Hilfe rufen konnte.
Einige Tage später begannen die Sommerferien, und wie in den öffentlichen Schulen auch hatte Michael für zwei Monate keinen Unterricht.
Als Tom Joanna erklärte, dass sie ans Meer fahren würden, war sie äußerst überrascht.
»Wir haben ein Ferienhaus in der Nähe von Virginia Beach, dort verbringen wir jedes Jahr unseren Urlaub, und du wirst uns natürlich begleiten.«
Voller Vorfreude packte sie ihren Koffer, die Aussicht auf ein paar Wochen am Strand ließen die unangenehmen Gedanken an das Erlebnis mit Michael verblassen.
Schließlich saßen sie in Toms Limousine und waren unterwegs in Richtung Virginia Beach. Tom fuhr, Olivia hatte es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht, Michael saß hinten bei Joanna. Sie quetschte sich in die äußerste Ecke, ängstlich darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen.
Jake war auf Magnolia Haven geblieben, er musste sich um die Geschäfte kümmern, und Joanna wusste nicht, ob sie darüber traurig oder froh sein sollte. In den letzten Tagen war er ihr gegenüber unverändert kühl und abweisend gewesen, er hatte überhaupt keine Notiz von ihr genommen, und noch immer tat sein Verhalten ihr weh.
Auf halber Strecke machten sie in Knoxville Rast, dort übernachteten sie in einem kleinen Motel. Zu Joannas Erleichterung bekam sie ein eigenes Zimmer, sie hatte bereits befürchtet, vielleicht mit Olivia oder gar mit Michael in einem Raum schlafen zu müssen.
Als sie am nächsten Nachmittag endlich die Küste erreichten, entschädigte der Anblick des Atlantiks Joanna sofort für all die quälenden Stunden der letzten Wochen.
Obwohl sie in New Orleans aufgewachsen war und somit den Golf von Mexiko praktisch vor der Haustür gehabt hatte, hatte sie doch nie Gelegenheit zum Schwimmen oder Sonnenbaden gehabt.
Das Ferienhaus lag direkt am Meer, ein wenig oberhalb des Ufers in den Dünen. Es war hell und geräumig, und es gab mehrere Schlafzimmer und zwei Bäder, sodass Joanna einen Raum für sich hatte.
Nachdem sie ausgepackt hatte, schlüpfte sie rasch in eine kurze Hose und ein Top und lief an den Strand hinunter. Sie zog sich die Schuhe aus und plantschte eine Weile mit den Füßen im Wasser herum. Danach setzte sie sich in den warmen Sand, schaute den Möwen zu und beobachtete ein paar Schiffe, die wie Spielzeuge am Horizont entlangglitten.
Die Sonne glitzerte auf den Wellen, kleine weiße Schaumkronen zierten die Kämme, ein leichter Wind wehte ihr salzige Luft ins Gesicht, und sie fühlte sich fast wie im Paradies.
Verträumt ließ sie etwas Sand durch die Finger rinnen, und plötzlich ging ihr durch den Kopf, dass es noch viel schöner sein könnte, wenn Jake hier wäre.

Sehr schnell stellte Joanna fest, dass Tom sie offenbar nicht nur Michaels wegen mitgenommen hatte, und dass dieser Urlaub für sie keine Erholung sein würde.
Da es im Ferienhaus kein Personal gab, hatte Olivia es scheinbar vorgesehen, Joanna mit allen anfallenden Arbeiten zu beauftragen.
Kaum war sie von ihrem ersten Ausflug an den Strand zurückgekehrt, stand Olivia auch schon zornsprühend vor ihr.
»Was fällt dir ein, einfach zu verschwinden? Du bist nicht hier, um dich auszuruhen. Geh nach oben und bezieh die Betten, und danach wirst du das Essen machen.«
Wortlos ging Joanna ins Obergeschoss und richtete die Schlafzimmer für Olivia, Tom und Michael her. Anschließend begann sie mit der Zubereitung des Abendessens und wieder einmal war sie froh, dass sie im »Red Lantern« zwar kein gewöhnliches, aber doch ein sehr lehrreiches Leben geführt hatte.
Die Frauen dort hatten sich immer selbst versorgen müssen, und Joanna war ihnen so oft wie möglich beim Kochen zur Hand gegangen oder hatte ihnen über die Schulter gesehen. Da das Bordell ein Schmelztiegel aller Nationalitäten gewesen war, kannte sie nicht nur die für New Orleans typische kreolische Küche, sondern auch eine Menge anderer Gerichte.
So gelang es ihr ohne Probleme, aus den Lebensmitteln, die sie auf dem Weg zum Strandhaus noch besorgt hatten, eine leckere Mahlzeit zu zaubern.
Tom und Michael schienen mit dem Essen zufrieden zu sein, nur Olivia hatte es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht, kein gutes Haar an Joanna zu lassen.
»Was soll denn das sein?«, zischte sie und hielt mit angewidertem Gesicht einen gebratenen Hühnerschenkel hoch. »Wie ekelhaft, das trieft ja vor Fett.« Sie starrte Joanna missbilligend an. »Geh und mach mir ein Sandwich«, befahl sie dann.
Joanna nickte schweigend und ging in die Küche, um das Gewünschte zuzubereiten.
Doch selbst danach war Olivia noch nicht zufrieden, sie nörgelte ununterbrochen herum und Joanna war klar, dass sie hier keine leichte Zeit haben würde.

Tatsächlich nutzte Olivia in den nächsten Wochen jede Gelegenheit, um Joanna zu schikanieren. Es war fast so, als würde sie Jakes Abwesenheit nutzen, um ihrer ganzen angestauten Wut auf Joanna freien Lauf zu lassen.
Sie musste die Badezimmer schrubben, die Schlafzimmer aufräumen, die Küche putzen. Kaum hatte Joanna alles gereinigt, stieß Olivia etwas um oder warf etwas herunter, damit sie wieder von vorne beginnen musste. Von ihrem Liegestuhl auf der Terrasse aus kommandierte sie Joanna herum, ließ sich von ihr bedienen und fand immer irgendetwas auszusetzen.
Joanna schwieg und fügte sich, sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, dagegen aufzubegehren. Wenn sie sich wagen würde, zu widersprechen, würde sie sich nur noch mehr Olivias Zorn zuziehen, und das war das Letzte, was sie wollte.
Tom unternahm nur halbherzige Versuche, Olivia zu bremsen. Oft bekam er es jedoch gar nicht mit, er war viel mit Michael am Strand oder in Virginia Beach unterwegs.
Ab und zu begleitete Olivia ihren Sohn und Tom auf einem ihrer Ausflüge. Diese Zeit nutzte Joanna aus, um schwimmen zu gehen, ebenso wie die frühen Morgenstunden, wenn alle noch schliefen.
Sie zog sich dann ihren Bikini an, nahm sich ein Handtuch und lief ein Stück am Ufer entlang zu einer kleinen Bucht. Dort schwamm sie im Meer, oder lag in der Sonne und hing ihren Gedanken nach. Die Ruhe beflügelte ihre Fantasie, sie träumte davon, irgendwann mit ihrer Mutter ein ganz normales Leben führen zu können. Große Wünsche hatte sie nicht, sie legte keinen Wert auf Reichtum und Luxus. Einen anständigen Job, ein kleines Häuschen, und einen netten, liebevollen Mann, das waren die Dinge, nach denen sie strebte.
Häufig dachte sie dabei auch an Jake, doch diese Bilder schüttelte sie immer rasch von sich ab. Es gab keinen Grund, sich solch sinnlosen, kindischen Schwärmereien hinzugeben.

11

Dann war er plötzlich da. Die ersten vier Wochen der Ferien waren fast herum, als Jake auf einmal wie aus dem Nichts in der Küche auftauchte. Joanna war gerade damit beschäftigt, das Abendessen zu kochen, während Tom, Olivia und Michael auf der Terrasse saßen.
»Hallo Joanna«, hörte sie seine tiefe Stimme hinter sich, und sie hätte vor Schreck beinahe die Salatschüssel auf den Boden fallen lassen.
»Hallo Mr. Prescott«, grüßte sie ihn zaghaft und hoffte, dass er ihr die Freude über sein Hiersein nicht allzu sehr ansehen würde. »Ihre Familie ist draußen.«
»Ich weiß, ich wollte mir nur etwas zu trinken holen, ich habe ziemlichen Durst nach der langen Fahrt«, erklärte er zurückhaltend.
Rasch nahm sie ein Glas aus dem Schrank und öffnete den Kühlschrank.
»Mineralwasser?«
Er nickte, und sie griff nach der Flasche, füllte das Glas voll und reichte es ihm. Dabei berührten sich ihre Finger kurz, und sie bemerkte, wie er zusammenzuckte.
»Danke«, murmelte er und verließ hastig die Küche.
Dann hörte sie undeutliches Stimmengemurmel von der Terrasse, offenbar war dort eine angeregte Unterhaltung im Gang.
Mit etwas weichen Knien fuhr Joanna mit der Zubereitung des Essens fort, und eine knappe Stunde später saßen sie alle gemeinsam am Tisch.
Die Mahlzeit verlief wie immer schweigend, und Joanna war froh darüber, denn selbst Olivia, die sonst kein gutes Haar an ihren Kochkünsten ließ, war still. Jakes Anwesenheit hielt sie anscheinend von ihren sonstigen Gemeinheiten ab.
Während sie aßen, hatte Joanna Gelegenheit, Jake unauffällig zu betrachten. Er sah müde und abgespannt aus, als hätte er schon länger nicht mehr richtig geschlafen. Seine Wangen waren ein wenig eingefallen, sein Gesicht wirkte dadurch noch härter und kantiger, und irgendwie hatte sie den Eindruck, als hätte er in den letzten Wochen kaum etwas gegessen.
»Der Urlaub wird ihm guttun«, dachte sie unwillkürlich, und im nächsten Moment fiel ihr ein, dass sie ja gar nicht wusste, ob er überhaupt hierbleiben würde.
Aber als sie den Tisch abgeräumt und das Geschirr gespült hatte, und in ihr Zimmer hinaufging, sah sie in der Halle einen großen Koffer stehen. Es sah danach aus, als hätte Jake doch einen längeren Aufenthalt geplant, und ihr Herz machte einen kleinen Sprung.
Sie mahnte sich zur Vernunft, es dauerte jedoch ewig, bis sie so weit zur Ruhe gekommen war, dass sie einschlafen konnte.
Ihre Freude wurde allerdings sehr schnell gedämpft, denn als sie am nächsten Morgen auf den Flur hinauskam, sah sie Tom durch seine geöffnete Schlafzimmertür hindurch seine Sachen packen.
Sie ging zu ihm hinüber und schaute ihn fragend an. »Fahren Sie nach Hause?«
»Wir fahren«, korrigierte er sie, während er ein paar Hemden in den Koffer legte.
»Oh«, murmelte sie enttäuscht. »Okay, dann gehe ich packen.«
»Nein, du nicht«, warf er ihr zu, »Olivia und ich reisen ab, du bleibst hier bei Michael und Jake.«
Wiederum entfuhr ihr ein überraschtes »Oh.«
Zufrieden lief sie nach unten, um das Frühstück zu machen, und als Tom und Olivia sich anschließend verabschiedeten, fühlte sie sich grenzenlos erleichtert.

Mit der Abreise von Tom und Olivia änderte sich der Tagesablauf im Ferienhaus grundlegend.
Weder verlangte Jake von Joanna, dass sie kochen sollte, noch kommandierte er sie herum, wie Olivia es getan hatte.
Wenn Joanna frühmorgens vom Strand zurückkam, bereitete sie das Frühstück zu. Jake war zwar meistens schon auf und hatte ihr mehrmals Hilfe angeboten, doch sie hatte es abgelehnt. Zum einen hielt sie es für besser, sich nicht unnötig in seiner Nähe aufzuhalten, zum anderen machte es ihr Spaß, ihn ein wenig zu verwöhnen. Sie wusste inzwischen genau, wie er seinen Kaffee mochte, was er am liebsten aß, und vergaß auch nicht, ihm die Tageszeitung bereitzulegen, die jeden Morgen geliefert wurde.
Mittags begnügten sie sich mit ein paar Sandwiches, und abends fuhren sie fast immer nach Virginia Beach und gingen essen. Wenn sie sich dann doch einmal entschieden, zu kochen, half Jake ihr trotz ihres Widerspruchs in der Küche, und selbst Michael beteiligte sich an den anfallenden Arbeiten.
Obwohl Jake sich nach wie vor sehr distanziert verhielt, so sprach er inzwischen zumindest wieder mit Joanna, und die Atmosphäre war zwar kühl, aber einigermaßen erträglich.
Dadurch, dass sie jetzt nicht mehr so viel zu tun hatte, hatte sie auch tagsüber Gelegenheit, an den Strand zu gehen, und das nutzte sie weidlich aus. Sie plantschte ausgiebig im Meer herum, lag mit einem Buch auf ihrem Handtuch und las, oder döste einfach nur entspannt in der Sonne vor sich hin.
Manchmal war sie ganz allein, manchmal war Michael dabei, und Jake kam ebenfalls sporadisch hinuntergelaufen. Meistens schwamm er ein paar Runden, lag eine Weile in der Sonne und zog sich dann wieder ins Haus oder auf die Terrasse zurück.
Nach einigen Tagen hatte sich die anfängliche Anspannung ein bisschen gelockert, und Joanna begann, den Urlaub in vollen Zügen zu genießen.
An einem Tag in der Mitte der siebten Woche waren sie zu dritt am Strand. Michael lag auf dem Bauch und schlief, Jake war in einen Roman vertieft, und Joanna beschloss, sich ein wenig abzukühlen.
Sie lief in die Brandung hinein, warf sich in die Wellen, schwamm eine Weile herum, genoss das kalte Wasser auf ihrer von der Sonne erhitzten Haut und machte sich dann auf den Rückweg zum Ufer. Als sie auf ihr Handtuch zulief, bemerkte sie plötzlich, wie Jake sein Buch sinken ließ und sie anschaute. Ihre Blicke trafen sich, und als sie in seine Augen sah, erkannte sie darin etwas, was sie schon oft gesehen hatte. Es war der gleiche Ausdruck, mit dem die Männer in Bills Hinterzimmer sie oft angesehen hatten, derselbe, mit dem auch einige Jungs in der Schule sie bedacht hatten, nachdem sie erfahren hatten, woher sie kam.
Doch seltsamerweise verspürte sie keine Abneigung oder Angst. Im Gegenteil, ihr Puls begann auf einmal wie wild zu rasen, denn es war Jake, der sie so ansah, und dessen graue Augen so dunkel und verlangend schimmerten.
Sekundenlang spürte sie, wie sein Blick über ihren Körper strich, dann senkte er hastig den Kopf und verschanzte sich wieder hinter seinem Buch.
Mit weichen Beinen legte sie die restlichen Schritte zu ihrem Handtuch zurück und ließ sich darauf fallen, drehte sich auf den Bauch und vergrub das Gesicht in ihren Armen.
Ihr Herz hämmerte wie verrückt, während ihre Gedanken wilde Purzelbäume schlugen. Plötzlich begann sie zu begreifen, weshalb er sich so abweisend verhielt. Sie ahnte, warum er sich auf dem Ball so aufgeführt hatte, und wieso er sie gefragt hatte, ob sie mit Tom schlief.
Eine nie gekannte und übermächtige Wärme strömte auf einmal durch sie hindurch und ihr wurde fast schwindelig davon.
»Jake«, dachte sie hilflos, »Wie kann das nur sein?«

Die Buchstaben tanzten vor Jakes Augen. Er wusste, dass er sich verraten hatte, er hatte es in Joannas Blick gesehen. Das kurze, irritierte Flackern, dann dieses winzige Aufleuchten, welches ihm sofort klarmachte, dass er einen Fehler begangen hatte.
»Jetzt weiß sie es«, dachte er unglücklich, »Ich hätte nicht hierherkommen dürfen.«
Eigentlich hatte er nicht die Absicht gehabt, ins Ferienhaus zu fahren. Doch er teilte sich jedes Jahr den Urlaub mit seinem Bruder, vier Wochen Tom, vier Wochen er, damit die Firma nicht ohne Aufsicht war. Es waren ihm auch keine plausiblen Argumente eingefallen, warum er es dieses Mal nicht so machen wollte. Wie hätte er denn begründen sollen, dass es besser war, wenn er Joanna aus dem Weg ging? Er konnte ja nicht einmal sich selbst erklären, was mit ihm los war, geschweige denn seinem Bruder.
Also war er hierher gefahren, in der Hoffnung, dass Joanna zusammen mit Tom abreisen würde. Als Olivia bekundet hatte, dass sie keine Lust hätte, sich länger hier in der Einöde zu langweilen, hatte er aufgeatmet, denn sie würde Michael mitnehmen, und das bedeutete, dass Joanna ebenfalls nach Hause fahren würde.
Allerdings hatten sie ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Tom hatte darauf bestanden, dass Michael wie jedes Jahr die Ferien komplett ausnutzen solle, und so war Joanna nun auch hier.
Er, Jake, hatte nichts dagegen tun können, nichts, was nicht irgendwie verdächtig gewirkt hätte.
Anfangs hatte er noch geglaubt, sich gut genug unter Kontrolle zu haben, dass die Situation nicht zu einem Problem werden würde. Schließlich war er ein erwachsener Mann und kein pubertierender Jüngling. Es sollte also möglich sein, normal mit ihr umzugehen, ohne dass diese verbotenen Gefühle in seinem Inneren an die Oberfläche kamen.
Doch das war es nicht. Sie jetzt täglich in seiner Nähe zu haben, zerrte an seinen Nerven. Er genoss es viel zu sehr, dass sie sich so um ihn kümmerte, er war erstaunt darüber, dass sie so genau wusste, was er gerne mochte, und alles tat, damit es ihm gutging. Sie erzeugte eine Wärme in ihm, die er so noch nie gespürt hatte und er sehnte sich danach, mehr davon zu erleben.
Als sie dann eben mit diesem winzigen Bikini aus dem Wasser gestiegen war, hatte sie ihn vollends aus der Fassung gebracht. Ihre weichen Rundungen, die unzähligen Wassertropfen auf ihrer sonnengebräunten Haut, in denen sich das Sonnenlicht glitzernd brach, ihr entspanntes, glückliches Gesicht – das war zu viel gewesen.
Er hatte sie nicht so ansehen wollen, er wusste, dass er sie nicht so ansehen durfte. Doch er hatte sich nicht gegen das heftige Begehren wehren können, das sie in ihm hervorrief und durch das verräterische Leuchten in ihren Augen unbewusst noch verstärkt hatte.
»Joanna«, dachte er hilflos, »Wie kann das nur sein?«

12

Nach dieser Begebenheit am Strand war Jake genau so distanziert wie zuvor, nur mit dem Unterschied, dass Joanna nun den Grund dafür kannte, und Jake es wusste.
Jake konnte es sich nicht verzeihen, dass er sich für einen kurzen Moment nicht unter Kontrolle gehabt hatte, und ihm war klar, dass das nicht noch einmal vorkommen durfte.
Joanna wusste, warum er sich plötzlich wieder zurückzog und wusste auch, dass es das Beste für sie beide war.
Ohnmächtig standen sie der Situation gegenüber und bemühten sich, gegen die Gefühle in ihrem Inneren anzukämpfen.
So schlich die Zeit qualvoll langsam dahin, und schließlich neigte sich der Urlaub dem Ende zu.
An einem Morgen, vier Tage vor ihrer geplanten Abreise, machte Joanna einen Spaziergang am Strand entlang. Sie genoss die Wärme der Sonne, die trotz der frühen Uhrzeit schon recht kräftig brannte und hing ihren Gedanken nach. Sporadisch bückte sie sich, um eine Muschel aufzuheben, die sie in den umgestülpten Saum des Kleides legte, das sie über ihrem Bikini trug.
Ohne es zu bemerken, hatte sie sich dabei immer weiter vom Haus entfernt, und als sie in einer kleinen, abgelegenen Bucht ankam, setzte sie sich für einen Moment in den Sand.
»Hi Joanna«, hörte sie auf einmal Michaels Stimme.
Erschrocken zuckte sie zusammen. Seit dem Vorfall mit Martha war sie mit ihm nicht mehr alleine gewesen, zumindest nicht außer Rufweite anderer Leute. Ihr wurde ein wenig mulmig und rasch stand sie auf.
»Hallo Michael«, sagte sie zurückhaltend, »ich wollte gerade zum Haus zurücklaufen.«
»Warum denn so eilig«, lächelte er, »es ist so schön hier, lass uns doch noch einen Moment bleiben.«
»Ich … ich muss das Frühstück machen.«
Sie wollte gehen, aber da griff er nach ihrem Kleid, welches sie vorne hochgeschürzt hatte, um die Muscheln darin aufzubewahren.
»Was hast du denn da? Zeig mal.«
»Hör auf damit«, erwiderte sie scharf.
Sie versuchte, ihm das Kleid wegzuziehen, doch er hatte seine Finger so fest hineingekrallt, dass der dünne Stoff riss. In hohem Bogen flogen die Muscheln heraus und verteilten sich ringsum im Sand.
Voller Panik wollte sie loslaufen, aber da hatte er sie bereits am Arm gepackt.
»Ich mag es, wenn die Mädchen sich wehren«, grinste er und stieß sie grob zu Boden.
»Lass das, lass mich gehen«, schrie sie ihn an, als er sich auf sie warf, und trat wild um sich.
Mit einer Kraft, die man bei seinem schmächtigen Aussehen gar nicht vermutet hätte, hielt er sie fest und zerrte ihr mit einem heftigen Ruck das Kleid herunter.
»Komm schon, gib es ruhig zu, es macht dir doch auch Spaß.«
Gewaltsam drückte er ihre Beine auseinander und wollte gerade nach ihrem Bikinihöschen greifen, als er plötzlich nach hinten gerissen wurde.

Mit einem verblüfften Ausdruck im Gesicht fiel Michael auf den Rücken und starrte entgeistert auf Jake, der wutentbrannt über ihm stand.
»Verschwinde«, presste Jake mühsam beherrscht heraus, »mach, dass du zurück ins Haus kommst, auf der Stelle.«
Michael rappelte sich auf, warf Jake einen zornigen Blick zu, drehte sich dann um und rannte wie von Furien gehetzt davon.
»Jake«, flüsterte Joanna erleichtert und schloss die Augen, »Gott sei Dank.«
Er kniete sich neben ihr auf den Boden und nahm sie in den Arm.
»Joanna«, murmelte er erschüttert, »ist alles in Ordnung?«
»Ja, du bist gerade noch rechtzeitig gekommen.«
Zitternd schmiegte sie sich an ihn, und er drückte sie fest an sich, streichelte sanft ihren Rücken. Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust, hörte sein Herz schlagen, laut und schnell. Eine beruhigende Wärme ging von ihm aus, und sie fühlte sich unendlich geborgen und beschützt.
»Was machst du eigentlich hier?«, fragte sie, als sie sich nach einer ganzen Weile wieder ein wenig gefangen hatte.
»Ich war in den Dünen spazieren und wollte gerade zum Haus zurückgehen, als ich dich schreien gehört habe«, erklärte er.
»Was … was wird jetzt passieren?«
»Mach dir keine Gedanken, ich werde das regeln.« Sanft legte er einen Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht auf, so dass sie ihn ansehen musste. »Du brauchst keine Angst zu haben, ich werde dafür sorgen, dass er so etwas nicht noch einmal tut«, betonte er eindringlich.
Tränen stiegen ihr in die Augen. »Es tut mir so leid.«
»Das braucht es nicht, ich weiß, dass es nicht deine Schuld gewesen ist.«
Sein Blick hielt den ihren fest, behutsam strich er ihr übers Haar, beugte sich nach einem kurzen Zögern langsam zu ihr herunter.
»Nicht weinen«, sagte er leise und küsste ihr zärtlich die Tränen weg.
Seine Lippen verweilten einen Moment auf ihren Augenlidern, streiften dann sacht an ihrer Wange entlang und legten sich vorsichtig auf ihren Mund.
Sie hielt ganz still, genoss diese wunderbaren Empfindungen, die sie durchströmten, und wagte es nicht, sich zu rühren, aus Angst, sie könne durch eine falsche Bewegung den einzigartigen Zauber dieses Augenblicks zerstören.
Zart liebkoste er ihre Lippen, stellte erregt fest, dass sie genauso gut schmeckte, wie sie roch, nach Sonne, Salz und ein bisschen nach Pfirsich. Er fuhr mit seiner Zungenspitze die Konturen ihres Mundes nach, strich sanft über ihre Mundwinkel und die Vertiefung zwischen ihren Lippen.
Instinktiv kam sie ihm entgegen, öffnete ihren Mund ein wenig. Ihre Zungen berührten sich kurz, und sie hatte das Gefühl, als hätte sie einen Stromschlag bekommen, tausend Blitze schossen mit solcher Macht durch sie hindurch, dass sie glaubte, zu verglühen.
In diesem Augenblick krächzte eine Möwe direkt über ihnen.
Abrupt löste er sich von ihr und sprang auf.
»Wir sollten jetzt besser zurückgehen«, sagte er rau.
Mit einem raschen Blick auf ihr Kleid, das zerrissen im Sand lag, zog er sich sein T-Shirt über den Kopf und gab es ihr.
»Zieh das an.«
Immer noch vollkommen verwirrt von den Empfindungen, die sein Kuss in ihr ausgelöst hatte, stand sie auf und streifte sich das Shirt über.
Schweigend liefen sie nebeneinander her, beide sorgfältig darauf achtend, genügend Abstand zwischen sich zu lassen.
Als sie im Haus ankamen, war alles totenstill.
»Am besten legst du dich eine Weile hin, um dich von dem Schreck zu erholen«, schlug Jake vor, ohne sie dabei anzusehen.
Sein Tonfall machte jedoch klar, dass es sich keineswegs um einen Vorschlag, sondern um einen Befehl handelte, also nickte sie und stakste auf weichen Beinen die Treppe hinauf.
Verstört ließ sie sich auf ihr Bett sinken, während ihre Gedanken wild um die Ereignisse am Strand kreisten.
Sie sah Michael vor sich, sah das eiskalte Lächeln in seinem Gesicht, mit dem er sie zu Boden geworfen hatte.
Dann schob sich ein anderes Bild davor, Jakes Augen schauten sie liebevoll und besorgt an, sein Kopf beugte sich zu ihr, er küsste sie sanft.
»Jake«, dachte sie sehnsüchtig.
Mit einem gequälten Aufseufzen rollte sie sich in sein T-Shirt. Sie sog den Duft seines Aftershaves ein, der dem Stoff anhaftete, und fuhr sich mit dem Finger über ihren Mund, auf dem sie immer noch Jakes Lippen fühlte.
So verharrte sie regungslos und fragte sich bang, wie es nun weitergehen würde.
Nach einer ganzen Weile klopfte es an die Tür und sie zuckte zusammen.
Auf ihr leises »Ja« kam Jake herein. Seine Miene war ernst und sie hielt den Atem an.
»Ich bringe Michael jetzt zum Flughafen nach Norfolk, er wird die nächste Maschine nach Memphis nehmen.«
Sie warf ihm einen unsicheren Blick zu. »Und … und was ist mit mir?«
»Du bleibst hier bei mir«, erklärte er, ohne sie dabei anzusehen. »Wir fahren wie geplant am Wochenende zurück. Sicher wird es dir guttun, dich ein paar Tage von diesem Zwischenfall zu erholen.«
Es dauerte einige Sekunden, bis sie sich der Bedeutung seiner Worte bewusst wurde.
Sie würden alleine sein.
Ganz allein.
Nur sie und Jake.
Vier Tage lang.
Und vier Nächte.
Ihr Herz begann unkontrolliert zu hämmern, sie spürte, wie ihre Hände anfingen zu zittern.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, fügte er abweisend hinzu: »Das war übrigens Toms Idee.«
Dann fiel auch schon wieder die Tür hinter ihm zu.

Es war bereits dunkel, als Jake das Haus verließ und die paar Schritte zum Strand hinunterging. Langsam schlenderte er am Ufer entlang, während er versuchte, das Durcheinander in seinem Inneren zu sortieren und einen klaren Kopf zu bekommen.
Noch nie hatte er sich so zerrissen und hilflos gefühlt, und so unendlich schuldig.
Er machte sich bittere Vorwürfe, dass er sich zu diesem Kuss hatte hinreißen lassen.
Ihm war bewusst, dass er eine Grenze überschritten hatte, und er verachtete sich dafür.
Gleichzeitig wünschte er sich mehr, er sehnte sich danach, Joanna in seinen Armen zu halten, ihre zarte Haut zu streicheln, ihren schlanken, weichen Körper zu spüren.
Er wollte sie lieben, sich in ihr verlieren, sie nie mehr loslassen.
Alles in ihm schrie nach ihr, und er konnte nicht begreifen warum, wusste er doch ganz genau, dass es nicht sein durfte.
Das Schlimme an der ganzen Sache war, dass er die Situation durch sein unbedachtes Handeln noch schwieriger gemacht hatte.
Er hatte nicht gelogen, es war tatsächlich Toms Vorschlag gewesen, dass er mit Joanna bis zum Ende der Ferien hier bleiben sollte.
»Dann kann sie sich noch ein bisschen von dem Schreck erholen, und Olivia und ich überlegen uns inzwischen in Ruhe, was wir mit Michael machen sollen«, waren Toms Worte gewesen.
Notgedrungen hatte Jake zugestimmt. Auf keinen Fall hätte er Joanna mit Michael zurückfliegen lassen, und es kam ebenso wenig infrage, dass er ihr zumutete, stundenlang mit Michael zusammen im Auto zu sitzen. So oder so hätte sie mit ihm alleine zurückfahren müssen, so oder so würden sie auf dem Rückweg übernachten müssen, also machten die vier Tage auch keinen Unterschied mehr.
Aber nun stand er hier und fragte sich, wie es ihm gelingen sollte, seine Gefühle bis zum Wochenende unter Kontrolle zu behalten, wo es doch jetzt so einfach wäre, das zu tun, wonach er sich seit Wochen sehnte.
Er hasste sich für diese Gedanken, doch sie verstärkten sich von Tag zu Tag, und er war machtlos dagegen.
Resigniert bückte er sich nach einer großen Muschel und warf sie ins Wasser. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als sich wieder hinter seinem Panzer aus Unnahbarkeit zu verstecken. Er würde ihr damit weh tun, aber es war die einzige Möglichkeit, wie er sie vor sich schützen konnte.

13

Wie an jedem Morgen war Joanna auch nächsten Tag schon früh auf. Nach einem kurzen Spaziergang am Strand machte sie das Frühstück, und als sie gerade dabei war, den Tisch zu decken, kam Jake die Treppe herunter.
Er wünschte ihr knapp einen guten Morgen, setzte sich dann hin und schlug die Zeitung auf.
Seit er gestern zum Flughafen gefahren war, hatte sie ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen, und obwohl sie damit gerechnet hatte, dass er wieder zu seiner abweisenden Haltung zurückkehren würde, tat es ihr weh.
Schweigend aß sie ein paar Löffel Cornflakes, betrachtete ihn dabei unauffällig. Er sah elend aus, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, ein bitterer Zug lag um seinen Mund, und sie ahnte, dass er die ganze Nacht nicht geschlafen, sondern sich genauso gequält hatte wie sie.
Als sie bemerkte, dass er seinen Kaffee ausgetrunken hatte, goss sie ihm nach und wollte ihm wie gewohnt Milch hineingeben, da riss er ihr mit einer heftigen Bewegung die Milchpackung aus der Hand.
»Lass das, das mache ich selbst.«
Sie zuckte zusammen, stand schweigend auf, räumte den Tisch ab und spülte das Geschirr. Danach nahm sie ihre Badesachen und ging an den Strand.
Jake sah ihr nach, wie sie die wenigen Schritte durch die Dünen zurücklegte. Der Anblick ihrer schmalen Schultern, die sie leicht zusammengezogen hatte, als wolle sie in sich hineinkriechen, schnitt ihm ins Herz. Er fühlte sich schlecht, er wusste, dass es nicht fair war, sie so zu behandeln. Schließlich konnte sie nichts dafür, dass er nicht in der Lage gewesen war, sich zu beherrschen.
Wütend auf sich selbst sprang er auf, so ruckartig, dass sein Stuhl dabei umkippte. Mit einem leisen Fluch hob er ihn wieder auf, stürmte dann die Treppe hinauf in sein Schlafzimmer.
Unruhig lief er dort auf und ab, wie ein Tiger im Käfig wanderte er ununterbrochen hin und her und versuchte, diesen nervenaufreibenden Sturm in seinem Inneren zu dämpfen.
Schließlich blieb er am Fenster stehen und schaute hinaus. Er sah Joanna am Ufer sitzen, den Kopf auf die Arme gelegt, die sie um ihre angezogenen Beine geschlungen hatte. Sogar auf diese Entfernung konnte er erkennen, wie unglücklich sie war, und er ertrug den Gedanken nicht, dass er dafür verantwortlich war.
Spontan drehte er sich um und verließ das Zimmer. Wenig später ließ er sich neben ihr in den Sand fallen.
»Es tut mir leid«, sagte er leise, »ich wollte dich nicht verletzen.«
Sie hob den Kopf und schaute ihn an und wusste, dass seine Worte nicht nur dem Vorfall mit der Milchpackung galten.
»Schon gut.«
»Wie … wie geht es dir?«
»Ich bin okay«, behauptete sie, und er sah in ihren Augen, dass sie log.
»Versuch das Ganze zu vergessen«, er wich ihrem Blick aus, »es wird nicht noch einmal vorkommen.«
»Was wird mit Michael passieren?«, wollte sie wissen, obwohl ihr klar war, dass er nicht davon gesprochen hatte.
Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es noch nicht, das werden wir entscheiden, wenn ich wieder zurück bin. Auf jeden Fall wird er nicht ungestraft davonkommen.«
»Es war nicht das erste Mal, dass er so etwas getan hat«, erklärte sie nach kurzem Zögern.
»Was?« Entsetzt starrte er sie an. »Hat er dich schon öfter belästigt?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, mich nicht«, beschwichtigte sie ihn und berichtete ihm, was in Marthas Zimmer vorgefallen war.
»Das glaube ich nicht«, murmelte er fassungslos. »Warum hast du mir das nicht sofort erzählt?«
»Wie denn, du bist mir doch ständig aus dem Weg gegangen«, schoss es ihr durch den Sinn. Laut sagte sie: »Ich hatte es Martha versprochen, und ich konnte ja auch nicht ahnen, dass er das Gleiche bei mir versuchen würde. Außerdem wollte ich Sie nicht damit behelligen.«
Bei ihrer förmlichen Anrede zuckte er unmerklich zusammen.
»Du hättest es besser tun sollen«, betonte er grimmig. »Dann wäre dir das gestern erspart geblieben.«
»Ja, vielleicht. Aber es ist ja zum Glück nichts Schlimmeres passiert.«
Ihre Blicke trafen sich kurz, unsicher, verlegen, und in dem Bewusstsein, dass sie erneut nicht von Michael sprachen.
»Ja, zum Glück«, wiederholte er bestimmt und erhob sich. »Und ich werde dafür sorgen, dass es auch so bleibt.«

Am Abend stand Joanna in der Küche und war dabei, Tomaten für einen Salat zu schneiden, als Jake hereinkam.
»Du brauchst nicht kochen, wir fahren nach Norfolk und essen dort«, erklärte er. »Geh dich umziehen.«
Sie stutzte, fragte sich, was ihn jetzt dazu bewog, mit ihr auszugehen, obwohl er bis auf das kurze Gespräch am Strand den ganzen Tag ihre Gesellschaft gemieden hatte. Doch sein Ton hatte völlig ruhig geklungen, und als sie ihn unauffällig anschaute, konnte sie auch in seinem Gesicht keinerlei Regung erkennen, also nickte sie.
»Okay.«
Rasch lief sie nach oben, tauschte Shorts und Top gegen ein Sommerkleid, während sie sich überlegte, dass er vermutlich beschlossen hatte, zu einem normalen Umgang zurückzukehren.
Sie war froh darüber. Auch wenn er betont hatte, dass sich der Kuss am Strand nicht wiederholen würde, bedeutete es doch, dass er zumindest nicht die Absicht hatte, sich weiterhin so abweisend und feindselig zu benehmen.
»Vielleicht finden wir ja wieder zu unserem lockeren und unbeschwerten Verhältnis zurück«, dachte sie hoffnungsvoll, als sie nach unten ging.
Tatsächlich sah es so aus, als hätte sie damit recht.
Sie verbrachten einen angenehmen Abend miteinander, aßen Spaghetti in einer kleinen Trattoria, bummelten anschließend noch durch die Innenstadt und unterhielten sich über alles Mögliche.
Jake wirkte nahezu so entspannt wie bei ihrem Ausflug nach Memphis. Lediglich seine krampfhaften Bemühungen, ihr nicht zu nahe zu kommen und sie nicht zu berühren, zeigten ihr, dass es in ihm ganz anders aussah.
Auch der nächste Tag verlief ruhig, sie frühstückten gemeinsam, danach ging Joanna an den Strand, während Jake sich mit seinem Laptop auf die Terrasse setzte, um zu arbeiten.
Am Abend fuhren sie über den Chesapeake Bay Bridge-Tunnel, einer 23 Meilen langen Brückenkonstruktion, hinüber auf die Delmarva-Halbinsel. In Cape Charles, einem kleinen Ort an der Westküste der Insel, aßen sie zu Abend und spazierten anschließend über die Strandpromenade. Dort herrschte ziemlicher Betrieb, etliche Urlauber waren genau wie sie damit beschäftigt, sich die Auslagen der Geschäfte und Verkaufsstände anzusehen. Nachdem sie sich in dem Getümmel einmal fast aus den Augen verloren hätten, griff Jake nach ihrer Hand.
»Nur damit ich dich nachher nicht suchen muss«, erklärte er, als er ihren überraschten Blick bemerkte.
Sie nickte. »Ja, es ist ein ganz schönes Gedränge hier.«
Hand in Hand setzten sie ihren Bummel fort, und Joanna genoss die Wärme seiner Finger, die er fest um die ihren geschlungen hatte.
Gemütlich schlenderten sie an den Ständen entlang, betrachteten die Auslagen, und plötzlich blieb er stehen.
»Warte kurz«, bat er und ging auf einen Verkaufsstand zu, an dem Pareos angeboten wurden.
Sie sah, wie Jake mit dem Verkäufer sprach, der daraufhin ein großes Tuch aus einem Berg von Textilien hervorzog. Jake schüttelte den Kopf, sagte irgendetwas, der Mann kramte weiter herum und hielt ihm schließlich ein anderes Tuch hin. Jake nickte zufrieden und Sekunden später stand er wieder vor ihr.
»Das ist für dich«, lächelte er und reichte ihr das Wickeltuch. »Ein kleines Andenken an den Urlaub.«
Erfreut strich sie mit ihren Fingern über den seidigen Stoff, auf dessen smaragdgrünem Untergrund sich filigrane türkisfarbene und dunkelblaue Muster ineinander schlangen.
»Es ist wunderschön, vielen Dank.«
»Die Farbe passt genau zu deinen Augen«, erklärte er mit leicht belegter Stimme. Er räusperte sich. »Wie sieht es aus, hast du Lust auf ein Eis?«, fragte er dann betont locker.
Sie nickte und strich sich über den Bauch. »Ich bin zwar pappsatt vom Essen, aber ein Eis geht bestimmt noch rein.«
Mit einem leisen Lachen legte er ihr seinen Arm um die Schultern und dirigierte sie ein Stück die Promenade entlang zu einem Eisstand.
Wenig später hatten sie jeder eine Eiswaffel in der Hand, wie selbstverständlich nahm er sie wieder in den Arm, und nach kurzem Zögern schlang sie einen Arm um seine Hüfte.
So bummelten sie langsam zum Auto zurück, und als er sie dort schließlich losließ, hatte Joanna plötzlich das Gefühl, zu frieren.
Eine knappe Stunde später lag sie in ihrem Bett, und mit dem Gedanken an Jake und den schönen Abend schlief sie zufrieden ein.

Jake lag noch lange wach. Seine Gedanken kreisten ebenfalls um den Abend und um Joanna. Er stellte fest, dass es ein wunderbares Gefühl gewesen war, so eng umschlungen mit ihr über die Promenade zu laufen, fast so, als wären sie ein Liebespaar.
Er hatte das nicht geplant, aber die romantische Beleuchtung, ihr unbeschwertes Lachen und ihre Begeisterung für die Dinge um sie herum hatten seine guten Vorsätze sehr schnell zunichtegemacht. Es war ihm völlig natürlich erschienen, sie in den Arm zu nehmen, sich wenigstens für kurze Zeit einzubilden, dass sie zu ihm gehörte, dass es keine elf Jahre Altersunterschied und keine Gesetze gab, die zwischen ihnen standen.
»Wenn es nur für immer so sein könnte«, dachte er sehnsüchtig.
Mit einem gequälten Seufzen drehte er sich auf die andere Seite. Nein, er musste aufhören, sich solchen Träumen hinzugeben. Noch ein Tag, und dann würden sie nach Magnolia Haven zurückkehren, zurück in den Alltag, zurück in die Realität, die ihm verbot, in Joanna mehr als ein siebzehnjähriges Mädchen zu sehen.

14

Liebevoll strichen Joannas Finger über den weichen Stoff des Tuchs, während sie sich im Spiegel betrachtete. Sie hatte es über ihrem Bikini einmal um sich herumgeschlungen und die Enden dann in ihrem Nacken verknotet.
»Es wird mich immer an diesen Urlaub erinnern«, dachte sie wehmütig, »an Jake und an seinen Kuss.«
Als sie nach unten kam, hatte Jake bereits das Frühstück gemacht und saß am Tisch. Sein Blick fiel auf das Tuch, und seine Augen leuchteten freudig auf.
»Du siehst hübsch aus damit«, stellte er zufrieden fest.
»Es ist wirklich wunderschön, ich werde es immer in Ehren halten«, versprach sie, und ein Anflug von Trauer glitt über sein Gesicht.
»Heute ist unser letzter Tag – was hast du geplant?«, fragte er, nachdem sie mit dem Frühstück fertig waren.
»Ich wollte ein paar Muscheln sammeln, die anderen habe ich verloren, als …«
Sie sprach nicht weiter, doch er verstand auch so.
»Gut, dann lass uns einen Spaziergang machen und schauen, was wir alles finden.«
Wenig später waren sie am Strand unterwegs, schlenderten gemächlich am Wasser entlang, sammelten Muscheln, unterhielten sich dabei und alberten herum.
Als es ihnen zu warm wurde, stürzten sie sich in die Wellen, schwammen eine Weile und lieferten sich eine ausgelassene Wasserschlacht.
Joanna genoss es in vollen Zügen, so unbeschwert mit ihm herumzutoben. Er schien so glücklich und unbekümmert zu sein, und hatte nichts mehr mit dem düster wirkenden Mann gemein, den sie am ersten Tag in Magnolia Haven kennengelernt hatte.
Im Gegensatz zum vorigen Abend achtete er jedoch wieder darauf, immer genügend Abstand zu ihr zu halten, und sie war ein wenig enttäuscht. Die wohlige Wärme, die seine Nähe gestern in ihr ausgelöst hatte, war ihr noch sehr deutlich in Erinnerung, und sie wünschte sich nichts mehr, als dass er sie in seine Arme nehmen würde. Doch er tat nichts dergleichen, und voll Bedauern machte sie sich wie so oft in den letzten Tagen klar, dass es so besser war.
Irgendwann am frühen Nachmittag kehrten sie zum Haus zurück, und bereits von weitem sahen sie eine Gestalt auf der Terrasse stehen, die ihnen zuwinkte.
Überrascht beschleunigten sie ihr Tempo, und als sie näher kamen, entpuppte sich die Person als ein Freund von Jake.
»Phillip, was machst du denn hier?«, begrüßte Jake ihn erstaunt.
»Ich hatte in Norfolk zu tun, und da ich wusste, dass du hier bist, dachte ich mir, ich schaue mal auf einen Sprung herein«, erklärte der etwa dreißigjährige, braunhaarige Mann lächelnd. »Ich hoffe, ich störe dich nicht?«
»Unsinn, du doch nicht«, wehrte Jake ab und drehte sich zu Joanna um.
»Joanna, das ist Phillip Carlisle, ein guter, alter Freund und mein Anwalt. – Phillip, Joanna Shepherd, Michaels Kindermädchen.«
Phillip reichte Joanna höflich die Hand. »Guten Tag.«
»Hallo«, murmelte sie zurückhaltend.
Dann wandte Phillip sich wieder an Jake. »Michaels Kindermädchen – ist Michael auch hier? Ich habe ihn nirgends gesehen.«
Jakes Gesicht verfinsterte sich. »Er war hier, aber es gab da … ein kleines Problem.«
Fragend hob Phillip die Augenbrauen, doch bevor Jake weiterreden konnte, sagte Joanna: »Möchten Sie vielleicht etwas trinken? Ich könnte Kaffee kochen.«
»Ja gerne, wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht.«
Sie schüttelte den Kopf und verschwand im Haus. Kurz darauf hatte sie Kaffee zubereitet und legte ein paar Schokoladencookies in eine Schale. Zusammen mit zwei Tassen stellte sie alles auf ein Tablett und brachte es nach draußen auf die Terrasse, wo die beiden Männer es sich in den Korbstühlen bequem gemacht hatten.
Zuvorkommend füllte sie erst Phillips, dann Jakes Tasse, und wie gewohnt fügte sie für Jake ein wenig Milch und zwei Löffel Zucker hinzu.
Da sie nicht sicher war, ob es Jake recht sein würde, wenn sie sich einfach dazusetzte, zog sie sich wieder ins Haus zurück. Mit einem Buch machte sie es sich auf der Couch gemütlich, während Phillip und Jake sich angeregt unterhielten.
Gegen Abend steckte sie ihren Kopf zur Tür hinaus und schaute Phillip fragend an.
»Ich mache jetzt Essen – Sie bleiben doch sicher noch?«
Als sie sah, wie Jake überrascht die Augenbrauen hob, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie sich, ohne es zu wollen, gerade wie die Gastgeberin aufgeführt hatte.
»Ich … Entschuldigung … natürlich nur, wenn es Ihnen recht ist, Mr. Prescott«, stammelte sie mit feuerrotem Kopf.
Einen Moment war es totenstill, dann lächelte Jake. »Natürlich ist es mir recht.« Er wandte sich an Phillip. »Ich wäre böse, wenn du nicht bleiben würdest – du musst unbedingt Joannas Essen probieren, sie ist eine hervorragende Köchin.«
Mit einem verlegenen Nicken flüchtete sie ins Haus. Als sie in der Küche stand und eine Paella zubereitete, fragte sie sich, was in sie gefahren war, sich zu benehmen, als wäre sie Jakes Ehefrau. Irgendwie war es ihr so völlig normal erschienen, sich um seinen Gast zu kümmern. Sie hatte keine Sekunde darüber nachgedacht, dass sie nur eine Bedienstete und nicht die Hausherrin war.
Glücklicherweise schien Jake es ihr nicht übel genommen haben, und auch Phillip hatte sich offenbar nichts dabei gedacht, denn das gemeinsame Abendessen verlief entspannt und sehr harmonisch. Die beiden Männer kannten sich schon von klein auf, waren gemeinsam zur Schule gegangen und hatten am gleichen College studiert. Phillip erzählte allerlei Anekdoten aus ihrer Jugend, berichtete haarklein, was sie alles angestellt hatten, und während es Jake teilweise etwas peinlich zu sein schien, unterhielt Joanna sich bestens. Dadurch, dass sie nur das Leben im »Red Lantern« gehabt hatte, war ihre Kindheit nicht gerade das gewesen, was man als normal bezeichnen konnte. Phillips Geschichten entschädigten sie ein wenig dafür, und sie war natürlich auch begierig darauf, mehr über Jake zu erfahren.
Nachdem sie einen Obstsalat zum Dessert gegessen hatten, verabschiedete Phillip sich.
»Vielen Dank für die nette Bewirtung«, zwinkerte er Joanna zu, »ich werde leider nicht oft so verwöhnt.«
Verlegen gab sie ihm die Hand, und Jake brachte Phillip zur Tür.
»Ich weiß, dass es mich nichts angeht«, sagte Phillip zögernd, »Aber ist es Zufall, dass sie aussieht wie …«
»Sei still«, unterbrach Jake ihn scharf. »Du hast recht, es geht dich nichts an, und ich will auch nichts davon hören.«

Unterdessen räumte Joanna den Tisch ab und begann, das Geschirr zu spülen.
Wenig später kam Jake in die Küche.
»Das Essen war sehr lecker, danke, dass du dir so viel Mühe gemacht hast.«
»Ich habe es gerne getan«, erwiderte sie aufrichtig, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen.
Er blieb einen Moment hinter ihr stehen und betrachtete sie.
Mit leicht nach unten geneigtem Kopf schrubbte sie konzentriert an einem Teller herum. Aus ihrem Haar, das sie lose am Hinterkopf hochgebunden hatte, waren ein paar kleine Strähnen herausgerutscht und ringelten sich sanft an ihrem schlanken Hals entlang. Sie trug noch immer das Tuch, ihr Rücken und ihre Schultern waren nackt, ihre Haut schimmerte goldbraun und sah weich und samtig aus.
Sein Hals wurde plötzlich eng und staubtrocken, ohne nachzudenken, trat er einen Schritt auf sie zu, beugte sich zu ihr herunter und küsste ihren Nacken. Ihr Geruch und ihr Geschmack nach Sonnencreme, Salz und Pfirsich berauschten ihn so sehr, dass er nicht mehr in der Lage war, klar zu denken. Langsam fuhr er mit seinem Mund über ihr Schlüsselbein, tupfte kleine, zärtliche Küsse auf ihre seidige Haut, liebkoste sie sanft mit seiner Zungenspitze.
Er spürte, wie sie anfing zu zittern, und er spürte, dass es keine Angst war, die sie erschauern ließ. Sie bog ihren Kopf ein wenig zur Seite und genüsslich küsste er ihren Hals. Dabei drehte er sie vorsichtig zu sich herum, wanderte mit seinen Lippen weiter zu ihrem Mund und setzte dort das behutsame Spiel seiner Zunge fort.
»Jake«, flüsterte sie heiser und schlang ihm die Arme um den Hals.
Sehnsüchtig erwiderte sie seinen Kuss, sie öffnete ihren Mund und kam seiner suchenden Zungenspitze entgegen. Ihre Finger streichelten seinen Nacken, griffen dann in sein Haar, während sie sich dichter an ihn schmiegte.
Ihm war klar, dass sie spüren musste, wie erregt er war, doch da sie nicht zurückwich, zog er sie nach kurzem Zögern noch enger an sich. Ihre vollen, festen Brüste, die sich gegen seinen Oberkörper drückten, ihr weicher, nachgiebiger Körper und das immer leidenschaftlicher werdende Spiel ihrer Lippen brachten ihn schier um den Verstand.
Mit einem leisen Stöhnen ließ er seine Hände über ihren Rücken gleiten, streichelte zärtlich über ihre warme, samtige Haut.
In diesem Augenblick läutete im Wohnraum das Telefon und riss ihn schlagartig aus seinem Rausch.
»Geh nicht, lass es klingeln«, bat sie sehnsüchtig, doch da hatte er sich auch schon von ihr losgemacht.
Sekundenlang starrte er sie ungläubig und entsetzt an, dann drehte er sich um und floh aus der Küche.

15

Wie festgefroren stand Joanna da und kämpfte gegen ihre Tränen an.
»Vielleicht kommt er ja wieder zurück«, dachte sie hoffnungsvoll, während sie mit den Fingerspitzen über ihre geschwollenen Lippen tastete.
Sie brannten, genau wie die Stellen ihrer Haut, die er geküsst und berührt hatte, und genau wie ihr ganzer Körper, der regelrecht in Flammen zu stehen schien. Diese Gefühle waren völlig neu für sie, sie waren beängstigend und wundervoll zugleich und sie sehnte sich danach, mehr davon zu erleben. Ihr Puls raste bei dem Gedanken daran, was geschehen wäre, wenn das Telefon sie nicht unterbrochen hätte.
Obwohl sie keinerlei Erfahrung in diesen Dingen besaß, hatte sie im »Red Lantern« doch genug mitbekommen, um zu wissen, was zwischen Mann und Frau vor sich ging. Aber das, was sie gerade in Jakes Armen erlebt hatte, ließ sich in keiner Weise mit den derben Schilderungen der Mädchen vergleichen.
Dass es so wunderschön und aufregend sein konnte, so gefühlvoll und intensiv, so zärtlich und leidenschaftlich, hätte sie nicht gedacht. Sie hatte regelrecht gespürt, wie ihr Körper zum Leben erwacht war, hatte gefühlt, wie Jakes Küsse und Berührungen das Feuer in ihrem Inneren immer mehr entfacht hatten. Jetzt wünschte sie sich nichts sehnlicher, als diesen Weg mit ihm weiterzugehen, herauszufinden, wie es sich anfühlen mochte, ihm ganz zu gehören.
Sie wusste, dass er sich auch danach sehnte, sie hatte es in seinen Augen gesehen, und sie hatte es vorhin, als er sie an sich gepresst hatte, sehr deutlich bemerkt.
Nervös lauschte sie dem leisen, unverständlichen Gemurmel, welches aus dem Wohnzimmer zu ihr herein klang, dann war es plötzlich still.
Unbehaglich harrte sie noch eine Weile aus, hoffte, betete, dass er wieder hereinkommen und sie in seine Arme nehmen würde.
Aber schließlich wurde ihr klar, dass sie vergeblich wartete. Sie hätte es wissen müssen, sein Gesicht, bevor er die Küche verlassen hatte, hatte eine deutliche Sprache gesprochen.
Zögernd trat sie hinaus in den Wohnraum und stellte fest, dass Jake nicht mehr da war. Vermutlich war er in sein Zimmer gegangen, und obwohl sie maßlos enttäuscht war, konnte sie gleichzeitig verstehen, warum.
Mit hängenden Schultern schlich sie die Treppe hinauf, hielt vor seiner Tür einen Moment inne, und überlegte, ob sie hineingehen und mit ihm reden sollte.
Doch dann schüttelte sie den Kopf und ging in ihr Schlafzimmer, es war besser ihn jetzt in Ruhe zu lassen. Aufgewühlt und unglücklich zog sie sich aus und legte sich ins Bett.
»Jake«, war ihr letzter Gedanke, als sie nach langem Grübeln endlich in den Schlaf hinüberdämmerte, »warum muss das alles nur so kompliziert sein?«

Es hatte Jake alle Kraft gekostet, nach dem Telefonat hinauf in sein Zimmer zu gehen. Obwohl er zunächst völlig schockiert über sein eigenes Verhalten war, wäre er am liebsten in die Küche zurückgegangen und hätte da weitergemacht, wo sie unterbrochen worden waren. Er stand dermaßen unter Strom, dass er nur noch daran denken konnte, Joanna in seinen Armen zu halten, und sie zu lieben. Mit Sicherheit hätte er diesen Wunsch nicht mehr gehabt, wenn er auch nur eine Sekunde das Gefühl gehabt hätte, dass sie nicht dazu bereit gewesen wäre. Natürlich hatte er gespürt, dass sie völlig unerfahren war, aber er hatte genauso gespürt, dass sie ihm mit allen Sinnen entgegengekommen war, dass sie seine Liebkosungen genossen hatte.
»Verdammt Joanna, warum hast du mich nicht zurückgehalten?«, fluchte er in Gedanken, um sich nächsten Moment klarzumachen, dass es seine Aufgabe gewesen wäre, sich unter Kontrolle zu haben.
Er konnte sie nicht dafür verantwortlich machen, auch wenn ihre leidenschaftliche Reaktion ihn immer weiter vorangetrieben hatte. Schließlich war er der Erwachsene, der wissen musste, was er da tat, und sie war ein unschuldiges Kind.
Nein, korrigierte er sich sofort, sie war keinesfalls ein Kind, weder von ihrer körperlichen noch von ihrer geistige Reife. Sie war eine Frau – die Frau, die er über alle Maßen begehrte und für die er viel tiefer empfand, als er durfte.
Ihm war bewusst, dass sie auf ihn wartete, und ihm war bewusst, dass er eigentlich mit ihr reden müsste.
Doch das konnte er nicht, er traute sich selbst nicht mehr über den Weg, er wusste genau, was passieren würde, wenn er jetzt die Küche betrat.
Mit schweren Schritten schleppte er sich in sein Zimmer und sackte dort aufs Bett. Morgen würden sie nach Hause fahren. Gleich nach dem Frühstück. Er würde keine Minute länger hierbleiben als nötig, und er würde die ganze Strecke durchfahren, er würde sich nicht durch eine Übernachtung in einem Motel erneut in Versuchung führen lassen.
Wenn sie erst einmal in Magnolia Haven waren, würde er kein Problem haben, ihr aus dem Weg zu gehen.

Als hätte sie es geahnt, stand Joanna am anderen Morgen bereits abreisefertig im Wohnraum, als er nach unten kam.
Sie saß mit gesenktem Kopf am Tisch und schaute auch nicht auf, als er ihr leise einen guten Morgen wünschte, erwiderte nur kaum hörbar seinen Gruß. Er war froh darüber, denn er hätte es jetzt nicht ertragen können, ihr in die Augen zu sehen.
Schweigend nahmen sie ihr Frühstück ein, wobei sie beide lediglich eine Tasse Kaffee tranken und das Essen nicht anrührten.
Anschließend räumte Joanna das Geschirr weg, während er die Koffer in den Wagen brachte, und nachdem sie die Fensterläden geschlossen und die Tür abgesperrt hatten, fuhren sie los.
Die Stimmung war bis zum Zerreißen gespannt, daran änderte auch die Musik aus dem Autoradio nichts. Jake konzentrierte sich verbissen auf die Straße und verbot es sich, den Kopf zu drehen und sie anzusehen. Joanna starrte krampfhaft aus dem Fenster und hatte alle Mühe, die Tränen zurückzuhalten.
Nachdem sie acht Stunden gefahren waren, und Joanna feststellte, dass Jake offenbar die Absicht hatte, die gesamte Strecke an einem Stück durchzufahren, fühlte sie sich noch elender. Zwar hatte sie nicht damit gerechnet, dass er sich ihr erneut nähern würde, aber sie hatte zumindest gehofft, dass sie miteinander reden würden, dass sie sich aussprechen würden, über das, was geschehen war, und das, was sie beide bewegte.
Irgendwann bemerkte sie, dass er sich müde den Nacken rieb, und sie fing an, sich Sorgen zu machen. Sie würden mindestens sieben weitere Stunden unterwegs sein, und wenn er schon nicht schlafen wollte, so war es doch wenigstens sinnvoll, dass er sich die Beine vertrat und vielleicht eine Tasse Kaffee zu sich nahm.
Er schien ihre Gedanken gelesen zu haben, denn kurz darauf verließ er die Interstate 81 und hielt an einer Raststätte an.
»Wir machen eine kleine Pause«, erklärte er und sie nickte nur.
Sie nutzte die Gelegenheit, um schnell zur Toilette zu gehen und sich im Waschraum ein wenig frisch zu machen. Als sie zum Wagen zurückkam, hatte Jake zwei Becher Kaffee in der Hand und reichte ihr einen davon. Ihre Finger berührten sich, und ein Stromschlag zuckte durch sie hindurch. Sekundenlang verschmolzen ihre Blicke miteinander, und die Hilflosigkeit und Verzweiflung, die sie in seinen Augen sah, trafen sie bis ins Mark.
Am ganzen Körper zitternd ließ sie sich auf den Beifahrersitz fallen, während er eine Weile auf und ab lief. Als er schließlich einstieg, schien er sich beruhigt zu haben, denn er startete wortlos den Motor und fuhr wieder los.
In den frühen Morgenstunden erreichten sie Magnolia Haven. Jake parkte den Wagen, und als Joanna aussteigen wollte, hielt er sie plötzlich am Arm fest.
»Es tut mir leid«, sagte er leise. »Bitte sei mir nicht böse.«
Sie schaute ihn an, sah, wie sehr er litt, und ihr Herz krampfte sich zusammen. Mühsam widerstand sie der Versuchung, ihm über die Wange zu streicheln und schüttelte nur leicht den Kopf.
»Ich bin dir nicht böse, und es muss dir auch nicht leidtun – wir können beide nichts dafür.«

16

»Meine Güte, jetzt mach nicht so ein Drama daraus.« Kopfschüttelnd schaute Tom seinen Bruder an. »Michael ist nun mal in einem Alter, wo er anfängt, sich für diese Dinge zu interessieren und er wollte eben ein bisschen herumprobieren.«
»Das hatte nichts mit Interesse zu tun, und auch nichts mit Herumprobieren«, sagte Jake grimmig. »Oder findest du es normal, dass er mit Gewalt versucht, ein wehrloses Mädchen zum Sex zu zwingen? Du hättest nur mal sehen sollen, mit welcher Brutalität er sich auf Joanna gestürzt hat.« Bei der Erinnerung an die Szene am Strand hatte Jake alle Mühe, ruhig zu bleiben. »Ich lasse es mir gefallen, wenn er sich irgendwelche Heftchen anschaut, sich selbst befriedigt oder von mir aus auch mit den Mädchen herumknutscht, das haben wir schließlich alle getan. Aber das, was da passiert ist, ist in keinster Weise in Ordnung gewesen.«
»Er ist eben frühreif, so etwas kann vorkommen und wir sollten ihm deswegen keine Vorwürfe machen«, erwiderte Tom gelassen. Als er bemerkte, dass Jake kurz vorm Explodieren war, fügte er beschwichtigend hinzu: »Ja, ich gebe ja zu, dass er ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen ist. Doch mehr als ihm eine Standpauke halten können wir ja wohl nicht tun.«
Müde rieb Jake sich den Nacken. »Ich glaube kaum, dass ihn eine Gardinenpredigt beeindrucken wird, immerhin war das nicht das erste Mal, dass er so etwas getan hat.«
»Wie kommst du denn darauf?«
»Das spielt keine Rolle. Also – was machen wir?«
Olivia, die bis jetzt nur schweigend dagesessen und zugehört hatte, mischte sich nun ein. »Wir könnten ihn in ein Internat geben«, schlug sie vor.
»Ein Internat? Meinst du nicht, das wäre etwas übertrieben?«, widersprach Tom sofort.
Diese Idee gefiel ihm gar nicht. Wenn Michael nicht mehr hier wäre, gäbe es auch keinen Grund, weshalb Joanna länger hierbleiben sollte, und das passte ihm überhaupt nicht in den Kram. Er brauchte sie hier, noch hatte er sein Ziel nicht erreicht.
»Was schlägst du denn sonst vor?«, fragte Olivia achselzuckend. »Sollen wir erst warten, bis etwas Schlimmeres passiert? Denkst du, mir gefällt es, dass mein Sohn sich so entwickelt?«
Tatsächlich war sie von dem Vorfall keineswegs begeistert. Gleichzeitig witterte sie aber in dieser Situation ihre Chance, Joanna loszuwerden, und dafür war sie gerne bereit, Michael für eine Weile wegzuschicken. Sobald dieses Weibsbild verschwunden wäre, könnte Michael zurückkommen und alles wäre in Ordnung.
Tom schaute sie böse an und wandte sich dann wieder an Jake. »Wer sagt denn, dass es Michaels Schuld war? Vielleicht hat Joanna ihn ja auch provoziert.« Als Jake ihm einen finsteren Blick zuwarf, fügte er hastig hinzu: »Nicht absichtlich natürlich. Aber du weißt doch selbst, wie das ist. Sommer, Sonne, Strand, ein knapper Bikini – da können die Gefühle schon mal überkochen.«
Lauernd beobachtete er seinen Bruder und die Tatsache, dass dieser rasch den Kopf senkte, sagte ihm mehr als genug.
»Ich bin trotzdem für das Internat«, beharrte Olivia. »Wir können ja ein renommiertes Institut aussuchen, das wird ihm auf jeden Fall nicht schaden.«
Tom schnaufte genervt. »Jake, was meinst du?« Er war sich beinahe sicher, dass Jake nicht zustimmen würde, doch zu seinem Erstaunen nickte dieser.
»Ja, ehrlich gesagt halte ich das auch für die beste Lösung.«
Olivia setzte ein zufriedenes Lächeln auf. »Gut, dann wäre das Thema ja wohl erledigt.«
»Und was machen wir mit Joanna?«, fragte Tom gedehnt, während er fieberhaft überlegte, wie er verhindern konnte, dass Joanna Magnolia Haven verlassen musste.
»Nun, sie wird dahin zurückkehren, wo sie hergekommen ist«, erklärte Olivia achselzuckend und versuchte, sich ihre Freude nicht allzu deutlich anmerken zu lassen.
Jake wurde ein wenig blass unter seiner Sonnenbräune, sagte jedoch nichts.
»Das kann sie nicht«, widersprach Tom. »Ihre Mutter ist erst kürzlich gestorben, wo soll sie denn hingehen? Sie besitzt weder finanzielle Mittel noch eine Ausbildung.« Im gleichen Moment hatte er eine Idee. »Wobei – wie wäre es denn, wenn sie in der Firma arbeiten würde?«, wandte er sich an Jake. »Wie ich gehört habe, hat sie sich sehr für die Baumwolle interessiert.«
»Das ist doch Schwachsinn«, wandte Olivia sofort ein. »Soll sie am Ende vielleicht noch einen Posten als Geschäftsführerin bekommen, oder wie stellst du dir das vor?«
Tom schüttelte den Kopf. »Nein, ich hatte da eher an eine Ausbildung gedacht. Sie könnte alles von der Pike auf lernen, und falls sie danach gehen möchte, hätte sie wenigstens etwas in der Hand.«
Olivia wollte erneut widersprechen, aber Tom warf ihr einen warnenden Blick zu. »Ich denke, das sind wir ihr schuldig, nach dem, was Michael getan hat. Oder wollt ihr sie einfach so auf die Straße setzen? Am Ende läuft sie noch zur Polizei und zeigt Michael an und dann haben wir hier einen riesigen Ärger.«
»Ich glaube nicht, dass sie das tun würde«, murmelte Jake.
»Trotzdem, ich finde, wir sollten uns großzügig zeigen und etwas für sie tun – ich fühle mich da auch ein bisschen persönlich verpflichtet, schließlich habe ich sie hierher geholt.«
Olivia presste verärgert die Lippen zusammen, während Jake müde den Kopf in die Hände stützte.
Er wusste, dass es besser wäre, wenn er diesen Vorschlag ablehnen und Joanna gehen würde. Es würde ihm das Herz zerreißen, aber es war der einzige Weg, wie er sein Problem lösen konnte. Solange sie in seiner Nähe war, würde er nicht aufhören, sich nach ihr zu sehnen, das wusste er inzwischen mit erschreckender Sicherheit. Doch andererseits brachte er es nicht fertig, sie einfach wegzuschicken, und schon gar nicht in eine ungewisse Zukunft.
Eine Weile haderte er mit sich, überlegte, ob es nicht eine andere Möglichkeit gäbe.
Schließlich nickte er resigniert. »In Ordnung, ich lasse sie in der Firma arbeiten. Henry Miller soll sie unter seine Fittiche nehmen und ihr alles zeigen. Sie kann hierbleiben – sofern sie das überhaupt noch möchte.«

»Ins Internat?« Michaels Stimme überschlug sich beinahe. »Ohne mich.«
»Es wird dir nichts anderes übrigbleiben«, erklärte Tom.
»Alles nur wegen dieses kleinen Miststücks«, fauchte der Junge zornig. »Dabei ist gar nichts passiert, und ich hatte ja gar nicht die Absicht, ihr irgendetwas zu tun, ich wollte sie nur ein bisschen erschrecken. Außerdem ist sie selbst Schuld, was musste sie sich auch ständig in diesem knappen Bikini da herumräkeln.«
»Das mag ja sein, aber dein Onkel Jake erwartet, dass du eine angemessene Bestrafung bekommst, und du kannst froh sein, dass du mit dem Internat davonkommst.«
Ein verächtliches Grinsen zog über Michaels Gesicht. »Jake. Der muss gerade die Klappe aufreißen, der ist doch selbst scharf auf sie. Du hättest nur mal sehen sollen, wie er sie die ganze Zeit angestarrt hat. Ich wette, die beiden haben es miteinander getrieben, nachdem ich weg war.«
In Toms kalten Augen blitzte es kurz auf. »Wie auch immer, deine Mutter und ich haben bereits ein Institut herausgesucht und konnten glücklicherweise kurzfristig einen Platz für dich bekommen. Es ist ein sehr renommiertes und angesehenes Internat, und du wirst dich dort sicher wohlfühlen. Morgen früh reist du ab.« Als Michael erneut widersprechen wollte, legte er ihm die Hände auf die Schultern und schaute ihn eindringlich an. »Hör zu, es wird nicht für lange sein, okay? Joanna wird bald verschwunden sein, und dann kannst du wieder zurückkommen. Und wenn du jetzt kein großes Theater machst, verspreche ich dir, dass du vorher noch ein wenig Spaß mit ihr haben kannst – als kleine Entschädigung gewissermaßen.«

Joanna lag auf ihrem Bett und starrte blicklos an die Decke. Obwohl sie bereits seit vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen hatte und sich völlig zerschlagen fühlte, konnte sie keine Ruhe finden.
Sie dachte an Jake, dem sie mehr Gefühle entgegenbrachte, als es gut für sie beide war.
Sie dachte an Michael, an seinen brutalen Übergriff und daran, dass sie ihm jetzt wieder jeden Tag begegnen musste.
Sie dachte an Olivia, an ihre Schikanen und Feindseligkeiten, und grübelte, wie das alles weitergehen sollte.
Plötzlich riss ein Klopfen an der Tür sie aus ihren Gedanken. Sie stand auf, drehte den Schlüssel herum und öffnete vorsichtig.
»Jake«, entfuhr es ihr überrascht, und sofort fing ihr Herz an, wie verrückt zu hämmern.
»Darf ich einen Moment hereinkommen?«, fragte er ruhig, doch sie sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, so gelassen zu bleiben.
Sie nickte und ließ ihn vorbei, schloss dann die Tür hinter ihm und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.
»Wir werden Michael in ein Internat geben«, begann er ohne Umschweife. »Wir sind uns einig, dass er auf keinen Fall hierbleiben kann, und wir hoffen, dass man ihm seine … seine seltsamen Anwandlungen dort austreiben kann.«
Nach einem kurzen Moment des Überlegens wurde ihr plötzlich die Tragweite dieser Entscheidung bewusst.
»Das … das heißt, ich muss Magnolia Haven verlassen?«, fragte sie erschrocken, und schwankte dabei zwischen Erleichterung und Panik.
Der Gedanke, Jake nicht mehr zu sehen, schnürte ihr augenblicklich den Hals zu.
»Nein.« Er räusperte sich. »Wenn du möchtest, kannst du in der Firma arbeiten. Du wirst die Möglichkeit haben, alles von Grund auf zu lernen, sodass du eine solide Ausbildung hast.«
»Ich darf also hierbleiben?«
»Wenn du das willst, ja.« Er bemerkte, wie ihre Augen anfingen zu strahlen. »Das war Toms Vorschlag, nicht meiner«, betonte er rasch. »Ich wollte dir nur Bescheid sagen, du kannst es dir bis morgen in Ruhe überlegen.«
»Da gibt es nicht viel zu überlegen, ich bin einverstanden«, erklärte sie bestimmt.
»Gut. Tom wird dann alles mit dir besprechen.«
Er ging auf die Tür zu, wollte wieder gehen, doch sie blieb reglos davor stehen und schaute ihn an.
»Ich weiß, dass ich das nicht fragen sollte, aber – was ist mit uns?«, fragte sie leise.
»Was soll mit uns sein?« Seine Stimme klang rau. »Joanna, du weißt, dass das, was passiert ist, nie hätte passieren dürfen, und wir müssen das vergessen.«
»Wie kann ich das, wenn ich auch weiterhin mit dir unter einem Dach wohnen werde?«
»Dann wäre es vielleicht doch besser, du würdest gehen«, presste er mühsam heraus.
»Willst du das?«, flüsterte sie tonlos. »Schau mir in die Augen und sag mir, dass ich Magnolia Haven verlassen soll, und ich werde es tun.«
In ohnmächtiger Verzweiflung hob er die Hände und ließ sie wieder sinken. »Verdammt, nein, natürlich will ich das nicht«, fuhr er sie an. »Ich will, dass du hier bleibst. Ich will, dass du bei mir bleibst. Ich will dich festhalten und nie mehr loslassen. Ich will dich beschützen und für dich da sein. Ich will dich lieben, auf jede erdenkliche Art, ich will mit dir schlafen und alles mit dir tun, was ein Mann mit einer Frau nur tun kann. Aber es ist falsch, verstehst du? Allein, dass ich überhaupt solche Dinge denke oder sage, ist falsch.«
Sie schluckte und schaute ihn hilflos an. »Wie kann etwas falsch sein, das sich so gut und richtig anfühlt?«
»Es ist nun mal so, und wir werden uns damit abfinden müssen«, sagte er resigniert. »Also lass uns das vergessen – es ist besser so.«

17

Nachdem Jake gegangen war, ließ Joanna sich weinend auf ihr Bett fallen. Der ganze angestaute Schmerz der letzten Wochen brach aus ihr heraus.
»Ich will, dass du bei mir bleibst. Ich will dich festhalten und nie mehr loslassen. Ich will dich lieben …«, hallten Jakes Worte in ihrem Kopf.
»Das will ich doch auch«, flüsterte sie verzweifelt. »Wie kann es falsch sein, wenn wir beide das Gleiche wollen?«
Im nächsten Moment ging ihr durch den Sinn, dass es vielleicht doch vernünftiger wäre, wenn sie Magnolia Haven verlassen würde. Es würde ihr das Herz brechen, aber so musste sie wenigstens nicht mit ansehen, wie Jake sich ihretwegen weiter herumquälte.
Dann dachte sie daran, dass sie nirgends hingehen konnte, außer zurück ins »Red Lantern«, und was sie dort erwartete, das wollte sie sich lieber nicht ausmalen. Andererseits war sie bereit, alles auf sich zu nehmen, wenn sie wüsste, dass es Jake besser gehen würde. Wenn sie nicht mehr da wäre, würde er zur Ruhe kommen und sie irgendwann vergessen.
Während sie unglücklich hin und her überlegte, klopfte es erneut an die Tür, und Sekunden später schob Tom sich ins Zimmer.
»Hallo Joanna«, lächelte er und warf einen forschenden Blick auf ihr verweintes Gesicht. »Was ist los – freust du dich nicht über Jakes Angebot?«
Rasch wischte sie sich die Tränen ab. »Ja, sicher«, nickte sie, »aber … ich glaube, es wäre besser, wenn ich gehen würde. Wenn Michael nicht mehr da ist, gibt es ja keinen Grund, warum ich noch länger hierbleiben sollte. Außerdem mache ich mir Vorwürfe wegen der ganzen Sache.«
»Das ist doch Unfug«, beschwichtigte er sie. »dich trifft keine Schuld. Und ich würde es begrüßen, wenn du hierbleibst, schließlich habe ich mich deiner Mutter gegenüber verpflichtet, gut für dich zu sorgen. Was würde sie sagen, wenn ich dich nun einfach so auf die Straße setzen würde?« Joanna schien nicht wirklich überzeugt zu sein, und er fügte eindringlich hinzu: »Oder liegt dir so viel daran, ins ‚Red Lantern‘ zurückzukehren? Du wirst dort keine rosige Zukunft haben, und das weißt du. Ich habe mich bei Jake dafür eingesetzt, dass du in der Firma arbeiten kannst, also enttäusche mich jetzt bitte nicht.«
Offenbar hatte er den richtigen Ton getroffen, denn Joanna nickte kaum wahrnehmbar.
»Schon gut«, sagte sie niedergeschlagen, »ich habe Ihrem Bruder gesagt, dass ich das Angebot annehme.«
»So ist es gut, du bist ein braves Mädchen«, grinste Tom sie aus seinen blassblauen Augen an. »Ich nehme an, Jake hat sich ebenfalls darüber gefreut.«
Betont gleichgültig zuckte sie mit den Achseln, doch er beobachtete sie genau, und als er sah, wie ihre Augenlider einen Moment nervös flatterten, lächelte er zufrieden in sich hinein.
»Mach dir nicht so viele Gedanken, es wird dir in der Firma bestimmt gefallen«, versprach er. »Du wirst eine umfassende Ausbildung bekommen, und wenn du dich gut anstellst, sorge ich dafür, dass du bald zur Geschäftsleitung gehörst.«
Ahnungsvoll schaute sie ihn an. »Werde ich dann mit Ihnen zusammenarbeiten?«
»Ja, mit mir auch«, er warf ihr einen eindringlichen Blick zu, »aber vor allem mit Jake.«

Am anderen Morgen reiste Michael ab und für Joanna begann ein neuer Abschnitt auf Magnolia Haven. Da es ihr erster Arbeitstag war, brachte Tom sie nach Memphis in die Firma. Dort wurde sie von Henry Miller in Empfang genommen und freundlich begrüßt. Er machte mit ihr noch einmal einen ausgedehnten Rundgang, dann übergab er sie einer Mitarbeiterin in einem der Büros.
»Sie fangen hier an, und nach und nach werden Sie auch noch den Rest der Firma kennenlernen«, erklärte er ihr. »Wir werden Ihnen alles über Buchführung, Vertrieb und Logistik beibringen, und wenn Sie hier fertig sind, haben Sie eine umfassende Ausbildung, die Ihnen sämtliche Türen öffnen wird.«
Joanna bedankte sich und richtete sich dann an ihrem künftigen Arbeitsplatz ein.
Von nun an nahm die Tätigkeit in der Firma den größten Teil ihres Tages ein. Da sie keinen Führerschein besaß, brachte George sie morgens nach Millington, von dort aus fuhr sie mit dem Bus nach Memphis zur »Prescott Cotton Company«. Nach und nach bekam sie einen Eindruck davon, wie riesig das Firmenimperium der Prescotts war. Es gab nicht nur ein Baumwollanbaugebiet auf Magnolia Haven, sondern etliche, die sich quer über die südlichen Bundesstaaten verteilten und auch ein paar im Ausland. Neben dem Verkauf der Baumwolle, der die Haupteinnahmequelle bildete, gab es mehrere Spinnereien, die sich auf die Herstellung von hochwertigen Garnen spezialisiert hatten. Die ‚Prescott Qualitätsgarne‘ wurden weltweit vertrieben und stellten ebenfalls einen beachtlichen Teil der Einnahmen dar. Da die Abfälle der Baumwollpflanzen auch verwertet wurden, gab es noch diverse kleinere Geschäftsbereiche, wie zum Beispiel die Produktion von Viehfutter aus den Samenhülsen.
Obwohl Jake ihr schon einiges darüber erzählt hatte, war Joanna beeindruckt von der Vielfältigkeit und dem Erfolg des Familienunternehmens.
Begierig sog sie alles in sich auf und kniete sich mit Feuereifer in ihre neuen Aufgaben. Zum einen wollte sie diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen, zum anderen war sie froh, dass sie sich so von Jake und ihrem Kummer ablenken konnte.
Sie war den ganzen Tag in der Fabrik und kehrte abends erst spät zurück, so bekam sie Jake nicht zu Gesicht und musste nicht ständig an ihn denken. An den Wochenenden vergrub sie sich in ihrem Zimmer, saß dort am Fenster und vertiefte sich in die Unterlagen, die sie sich zum Lernen mitgenommen hatte. Lediglich zu den Mahlzeiten ging sie nach unten, und wenn sie ihn dann blass und so düster wie anfangs auf seinem Platz sitzen sah, krampfte sich ihr Herz jedes Mal zu einem harten, schmerzenden Stein zusammen.
Auch abends, wenn sie in ihrem Bett lag, schweiften ihre Gedanken immer wieder zu Jake. Die Sehnsucht nach ihm saß wie ein schmerzhaftes Geschwür tief in ihr drin und sie wünschte sich, sie könnte bei ihm sein, ihn spüren und in seinen Armen einschlafen.
So vergingen die Tage, angefüllt mit Arbeit, und die Nächte, angefüllt mit Träumen von etwas, was niemals sein würde.

Drei Wochen später hatte Jake einen Termin bei Phillip Carlisle in der Kanzlei.
»Jake«, begrüßte Phillip ihn erfreut, »schön dich zu sehen. Setz dich.«
Sie nahmen auf der wuchtigen, ledernen Sitzgarnitur in Phillips Büro Platz, er goss ihnen beiden einen Whiskey ein und schaute Jake dann fragend an.
»Was führt dich zu mir?«
»Es geht um Joanna Shepherd«, erklärte Jake nach kurzem Zögern. »Ich würde gerne dafür sorgen, dass sie finanziell abgesichert ist.« Phillip hob leicht eine Augenbraue, und Jake fügte hastig hinzu: »Sie macht jetzt eine Ausbildung in der Firma und ich möchte, dass sie anschließend in der Lage ist, irgendwo Fuß zu fassen. Sie ist mittellos und hat sonst niemanden, und ich fühle mich in gewissem Maße verantwortlich für sie.«
Phillip betrachtete prüfend sein angespanntes Gesicht. »Bist du sicher, dass es tatsächlich das ist, was du willst?«
»Was? Wie meinst du das?«, fragte Jake irritiert.
»Komm schon, ich kenne dich jetzt so viele Jahre – du brauchst mir nichts vorzumachen. Es geht dir in Wirklichkeit doch gar nicht um eine finanzielle Absicherung, oder? Als ich dich in Virginia Beach besucht habe, war nicht zu übersehen, dass du dich zu ihr hingezogen fühlst.«
Abwehrend hob Jake die Hände. »Sie ist erst siebzehn«, sagte er schroff.
»Spielt das eine Rolle?«
»Was ist denn das für eine Frage?«, knurrte Jake. »Klar spielt das eine Rolle, das solltest du als Anwalt ja wohl am besten wissen.«
»Sicher, was das Gesetz anbelangt, weiß ich das natürlich. Ansonsten bin ich der Meinung, dass es unwichtig ist, ob sie siebzehn oder siebzig ist. Sofern sie sich aus freien Stücken mit dir einlässt – und soweit ich das beurteilen konnte, erwidert sie deine Zuneigung – hast du keinen Grund, dir irgendwelche Vorwürfe zu machen.«
Entgeistert starrte Jake ihn an. »Willst du mir damit etwa sagen, dass es in Ordnung wäre, wenn ich eine Beziehung mit ihr anfange?«
»Was wäre daran so schlimm?«
Jake sprang auf. »Phillip, es gibt Gründe, warum es diese Verbote gibt.«
»Jetzt beruhige dich mal wieder«, beschwichtigte Phillip ihn. »Ja, es gibt Gründe, warum es diese Gesetze gibt, und es ist auch gut, dass es sie gibt. Allerdings darf ich dich darauf aufmerksam machen, dass Tennessee einer der wenigen Bundesstaaten ist, in denen die Schutzaltersgrenze bei achtzehn liegt. In anderen Staaten liegt sie bei siebzehn oder sogar bei sechzehn. Was also bei uns verboten ist, ist ein paar Meilen weiter erlaubt. Unabhängig davon bin ich persönlich der Meinung, dass man diese Sachen nicht an einer Zahl festmachen kann. Geistige und körperliche Reife hat nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun, das weißt du so gut wie ich.« Jake wollte ihn unterbrechen, aber er hob die Hand und fuhr fort: »Versteh mich nicht falsch, ich bin der Letzte, der irgendwelche Übergriffe propagieren und gutheißen würde, im Gegenteil, ich hätte nichts gegen härtere Strafen einzuwenden. Doch in deinem Fall liegen die Dinge ja wohl ein wenig anders, es geht schließlich nicht darum, dass du sie benutzen willst, um deine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Du hast Gefühle für sie, und sie ganz offenbar auch für dich, ich kann darin nichts Verwerfliches sehen.«
»Herrje, ja«, sagte Jake händeringend. »Trotzdem … ich bin mir über meine Gefühle im Klaren, aber ist sie das ebenfalls? Vielleicht verwechselt sie Zuneigung mit Dankbarkeit, vielleicht glaubt sie lediglich, in mich verliebt zu sein, weil sie sich alleine fühlt. Sie ist viel zu jung, um das beurteilen zu können, und genau deswegen steht sie unter dem Schutz des Gesetzes. Ich wäre ein Schwein, wenn ich ihre Unerfahrenheit ausnutzen würde.« Unruhig lief er hin und her. »Ich habe mich sowieso schon zu Dingen hinreißen lassen, die ich niemals hätte tun dürfen, und du kannst mir glauben, dass ich mich deshalb mehr als schlecht fühle. Und jetzt kommst du und willst mir einreden, dass es egal ist?«
»Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie nicht weiß, was sie tut«, erklärte Phillip ruhig. »Abgesehen davon, dass sie mir wesentlich reifer und vernünftiger vorkam als manche Frauen in unserem Alter, habe ich gesehen, wie sie dich angeschaut hat. Sie hat es genossen für dich zu kochen, es macht ihr Spaß, dich zu umsorgen, sie weiß sogar, wie du deinen Kaffee trinkst. Glaub mir, sie ist sich sehr wohl im Klaren darüber, was sie für dich empfindet.«
»Würdest du genauso reden, wenn sie deine Tochter wäre?«, fragte Jake aufgebracht.
»Da ich weiß, dass du kein Mann bist, der mit ihr spielen oder sie ausnutzen würde – ja.«
Verstört ließ Jake sich wieder auf die Couch sinken. »Du rätst mir also ernsthaft dazu, dass ich meinen Gefühlen nachgeben soll? Rechnest du dir vielleicht im Stillen schon aus, wie hoch dein Honorar sein wird, wenn du mich vor Gericht verteidigen musst?«
Sein Ton war trocken, doch Phillip sah ihm deutlich an, wie sehr ihm seine Zweifel zu schaffen machten.
»Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter«, lächelte er. »Sicher wäre es nicht einfach, und ihr müsstet äußerst vorsichtig sein. Aber du hättest zum ersten Mal seit vielen Jahren die Chance, wieder glücklich zu sein – willst du darauf verzichten?«
»Ich habe Angst«, gestand Jake leise. »Ich habe Angst, sie zu enttäuschen. Ich habe Angst, mehr von ihr zu erwarten, als sie will, und ich habe Angst, dass sie mich irgendwann dafür hassen wird.«
Freundschaftlich klopfte Phillip ihm auf die Schulter. »Ich kann dich verstehen, wenn du allerdings wirklich etwas für sie empfindest, solltest du deíne Bedenken vergessen und dich auf dein Gefühl verlassen.« Er zwinkerte Jake zu. »Außerdem wird sie ja nicht ewig siebzehn bleiben.«
Dann wurde er wieder ernst. »Nur eine Frage noch«, fügte er zögernd hinzu. »Hat es etwas mit ihrer Ähnlichkeit mit …«
Abwehrend hob Jake die Hände. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich nichts davon hören will.«

18

An einem Freitagnachmittag ein paar Tage später wurde Joanna zu Henry Miller ins Büro gerufen.
»Hallo Miss Shepherd«, begrüßte er sie freundlich. »Nehmen Sie Platz, ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen.«
Ein wenig nervös setzte Joanna sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, während sie sich fragte, was er von ihr wollen könnte.
»Wie gefällt es Ihnen in der Firma?«, wollte er wissen, »Fühlen Sie sich wohl?«
Joanna nickte. »Ja, die Arbeit macht mir großen Spaß.«
»Das ist schön.« Er lächelte und nahm eine Mappe aus einer Schublade seines Tisches. »Sie haben sich ja inzwischen mit den Produktionsabläufen so weit vertraut gemacht, und es wäre an der Zeit, dass Sie sich jetzt mit anderen Dingen befassen. Daher haben wir vorgesehen, dass Sie an einem Grundkurs über Buchführung teilnehmen. So haben Sie die Möglichkeit, schon einmal ein bisschen in die Theorie hereinzuschnuppern, bevor wir Sie auf unsere Konten loslassen.«
»Ein Seminar?«, wiederholte Joanna ungläubig.
»Ja. Sie fahren für drei Tage nach Nashville, am Montag geht es los – natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind.«
»Ja, sicher bin ich das«, nickte sie begeistert.
»Gut.« Er reichte ihr die Mappe. »Hier steht alles drin, was Sie wissen müssen, und da finden Sie auch ihr Bus-Ticket und die Hotelreservierung. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und viel Erfolg.«
»Vielen Dank«, sie stand auf und gab ihm die Hand, »und ein schönes Wochenende.«
Immer noch völlig verdutzt von dieser überraschenden Eröffnung ging sie zurück in ihr Büro, welches sie sich mit zwei anderen Kolleginnen teilte. Es dauerte einen Moment, bis sie das Ganze verdaut hatte, dann breitete sich Freude in ihr aus. Sie nahm sich vor, auf diesem Kurs so viel wie möglich zu lernen, damit Jake mit ihrer Arbeit zufrieden sein konnte.

Am Montagmorgen in aller Herrgottsfrühe brachte George Joanna zur Greyhound Bus Station in Memphis. Sie war reichlich aufgeregt und hoffte, dass alles klappen würde, sie war noch nie alleine unterwegs gewesen, zumindest nicht auf so einer weiten Strecke.
Doch ihre Befürchtungen waren grundlos. Knapp vier Stunden später traf sie wohlbehalten im Renaissance Nashville Hotel ein. Mit einem erleichterten Aufatmen ließ sie sich an der Rezeption den Schlüssel aushändigen und fuhr dann mit dem Fahrstuhl hinauf in die zwölfte Etage.
Als sie ihr Zimmer betrat, entfuhr ihr ein leiser, überraschter Schrei. Wenn sie bisher gedacht hatte, dass Magnolia Haven der Inbegriff von Eleganz und Komfort war, so übertraf das hier all ihre Vorstellungen. Der Raum war riesig, durch die bodentiefen Fenster hatte man einen fantastischen Ausblick auf Nashville. An einer Wand stand ein breites Bett, das mit seinen seidenen Decken und Kissen mehr als einladend aussah. Es gab eine gemütliche Sitzecke, einen Schreibtisch sowie einen großen Flachbildfernseher und eine gutgefüllte Minibar. Das angrenzende Bad war ebenso luxuriös. Die Wände und der Boden waren mit Marmor gefliest, neben einem Waschbecken und dem WC gab es eine geräumige Dusche und eine überdimensionale Badewanne direkt vor dem Fenster. Zu ihrem Entzücken war alles vorhanden, was man für die Körperpflege benötigte. Kleine Dosen und Tuben mit Duschgel, Badesalz, Creme und diversen anderen Pflegeprodukten waren überall drapiert, in einem Körbchen entdeckte sie sogar einige Kondome. Ein halbes Dutzend flauschiger Handtücher hing über einem beheizbaren Halter, an einem Haken daneben zwei Bademäntel.
»Oh mein Gott«, dachte Joanna entgeistert, »das kann doch nur ein Irrtum sein.«
Vorsichtig ging sie herum, traute sich gar nicht, etwas anzufassen. Sie war wie erschlagen, niemals hätte sie sich träumen lassen, je in ihrem Leben in so einem Zimmer zu wohnen.
Schließlich hatte sie sich ein bisschen gefangen und packte ihre Sachen aus. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es Zeit war, sich auf den Weg zu ihrem Seminar zu machen.
Mit dem Fahrstuhl fuhr sie hinunter in den zweiten Stock, wo sich der Tagungsraum für die Schulung befand.
Es waren bereits ein paar andere Teilnehmer anwesend, und nachdem auch der Kursleiter eingetroffen war, gab es eine kurze Vorstellungsrunde. Jeder erzählte mit wenigen Worten, woher er kam und in welcher Firma er arbeitete, dann begann das eigentliche Seminar.
Bis zum Abend saß Joanna im Tagungsraum, hörte den Erklärungen des Dozenten zu, absolvierte etliche praktische Übungen, und als sie gegen achtzehn Uhr in ihr Zimmer kam, schwirrte ihr der Kopf.
Sie entschied sich, auf das Abendessen zu verzichten, und nach einer ausgedehnten Dusche fiel sie todmüde in ihr Bett und war binnen weniger Minuten eingeschlafen.
Der nächste Tag war genauso anstrengend. Nur unterbrochen von einer kurzen Mittagsmahlzeit dauerte die Schulung von neun bis achtzehn Uhr an, und wie am Tag zuvor beschloss Joanna, sich statt des Abendbrots ein ausgiebiges Bad zu gönnen. Entspannt lag sie in der Badewanne, genoss den Ausblick auf die Skyline von Nashville und wünschte sich, sie könnte diesen wunderbaren Aufenthalt gemeinsam mit Jake genießen.
Eine Stunde später saß sie, nur mit einem Hotelbademantel bekleidet, auf dem Bett und überlegte gerade, ob sie sich einen Film ansehen oder lesen sollte, als es plötzlich klopfte.
Verwundert stand sie auf und ging zur Tür, öffnete sie zögernd einen Spalt.
Im gleichen Augenblick wurden ihre Knie weich, ihr Puls schoss unkontrolliert in die Höhe und ein warmes Glücksgefühl durchströmte sie.
»Jake«, flüsterte sie ungläubig, »was machst du denn hier?«

Einen Moment lang blieb Jake reglos vor der Tür stehen und ließ seinen Blick über Joanna gleiten. Ihr Gesicht war leicht gerötet vom heißen Wasserdampf, ihr Haar, noch feucht vom Baden, fiel in wilden Locken über ihre Schultern. Der weiße Bademantel schmiegte sich eng um ihren schmalen Körper, oben stand er ein wenig offen, sodass Jake den Ansatz ihrer Brüste sehen konnte. In ihren Augen lag ein hoffnungsvolles Strahlen, grün und tiefgründig schauten sie ihn an, und er glaubte, darin zu ertrinken.
Sie sah so süß und verführerisch aus, dass er sie am liebsten auf der Stelle in seine Arme gerissen hätte, doch irgendwie gelang es ihm, sich zu beherrschen.
»Wenn es dir nicht recht ist, gehe ich wieder«, brummte er, erschrocken über das brennende Verlangen, das ihr Anblick in ihm auslöste.
»So habe ich das nicht gemeint. Komm rein.«
Sie trat ein Stück zur Seite und schaute ihn abwartend an.
»Ich sollte nicht hier sein«, murmelte er unsicher, »aber zu wissen, dass du nicht da bist … ich musste dich sehen.«
Ihr ohnehin schon rasender Herzschlag verdoppelte sich noch, und sie versuchte, den Sinn seiner Worte zu begreifen. »Heißt das, du … wir …?«
Sie wagte nicht, den Satz zu Ende zu bringen, doch er verstand sie auch so, und verfluchte sich im gleichen Moment, dass er hierher gekommen war.
Was hatte er sich nur dabei gedacht? Was sollte er ihr denn sagen? Dass keine Minute verging, in der er nicht an sie dachte? Dass er sich danach verzehrte, sie endlich in seinen Armen zu halten? Dass er nicht mehr in der Lage war, sein Verlangen nach ihr zu bezähmen?
Was ihm vor ein paar Tagen noch wie eine gute Idee erschienen war, kam ihm nun vollkommen idiotisch und geschmacklos vor. Verdammt, sie war noch unschuldig, wie konnte er da nur geglaubt haben, er könne einfach hier aufkreuzen und …
»Jake?«
»Es war ein Fehler, hierher zu kommen«, sagte er rau. »Ich werde wieder gehen.«
Sie schaute ihn an, versank für einen Moment in seinen Augen, las die unausgesprochenen Wünsche und Gefühle darin, und nahm all ihren Mut zusammen.
»Nein, Jake, bleib«, bat sie flüsternd.
Sie öffnete die Tür ein Stück weiter und machte eine kleine, auffordernde Bewegung mit der Hand. Ohne den Blick von ihr abzuwenden, trat er einen Schritt ins Zimmer, drückte die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen.
»Jo«, sagte er hilflos, »du weißt, was es bedeutet, wenn ich hierbleibe.«
»Ja. Möchtest du es nicht?«
Er schluckte. »Ich denke, du kennst die Antwort. Aber was ist mit dir?«
»Es gibt nichts, was ich mir mehr wünschen würde«, bekannte sie aufrichtig.
»Bist du dir sicher, dass du das wirklich willst? Ich möchte nicht, dass wir irgendetwas tun, was du morgen vielleicht schon bereuen wirst.«
Mit einem kleinen Lächeln trat sie auf ihn zu und hob den Kopf nach oben, damit sie ihm in die Augen sehen konnte.
»Ja«, sagte sie fest. »Ich bin mir sicher. Ich will dich.«

19

Mit einem leisen Aufstöhnen griff Jake in Joannas Nacken, vergrub seine Hand in ihrem Haar und beugte sich zu ihr herunter. Er presste seine Lippen auf ihren Mund, hungrig und verlangend, und spürte voller Erregung, dass sie ihm sofort leidenschaftlich entgegenkam. Während ihre Zungen augenblicklich einen wilden Tanz begannen, schlang sie ihre Arme um seinen Hals, streichelte ihn zärtlich. Er legte seine andere Hand an ihre Hüfte, zog sie an sich und fühlte, wie sich ihr weicher Körper dicht an ihn schmiegte. Fest drückte sie sich gegen seinen Unterleib und brachte ihn damit fast um den Verstand.
Unter Küssen schob er sie langsam zum Bett, setzte sich hin und zog sie zwischen seine Beine.
Mit zitternden Fingern öffnete er ihren Bademantel und streifte ihn ihr dann behutsam von den Schultern.
Seine Augen wanderten über ihre Brüste, die sich milchig-weiß von ihrer übrigen gebräunten Haut abhoben. Die Spitzen waren rosig und richteten sich unter seinem Blick auf, reckten sich ihm verlockend entgegen. Ihr Bauch war flach und straff, ihre Taille schmal, das Bikinihöschen hatte ebenfalls einen hellen Abdruck hinterlassen.
»Oh mein Gott«, stöhnte er auf und zog sie zu sich heran. »Du bist wunderschön.«
Er umfasste sie mit beiden Händen und küsste ihren Bauch, spielte mit seiner Zunge in ihrem Bauchnabel, während er zärtlich ihren Po streichelte.
Sie vergrub ihre Finger in seinem Haar, erschauerte unter seinen Liebkosungen, seufzte leicht auf, als er seinen Mund ein kleines Stück tiefer wandern ließ.
»Ich möchte dich überall berühren und küssen«, sagte er heiser, als er sie nach einem kurzen Moment wieder freigab. »Ich möchte dich fühlen und schmecken.«
Er zog sie neben sich aufs Bett, drückte sie sanft in die Kissen und küsste sie fordernd, umspielte ihre Zunge, kostete ihren Mund und streichelte unablässig ihre weiche Haut.
Ohne Scheu griff sie nach seinem Hemd und begann es aufzuknöpfen, streifte es ihm ab und ließ ihre Hände über seine kräftigen Schultern und seine muskulöse Brust gleiten. Etwas ungeschickt machte sie sich an seinem Gürtel zu schaffen, er kam ihr zur Hilfe und hatte sich wenig später von Jeans und Shorts befreit.
Er bemerkte ihren leicht erschrockenen Blick und lächelte. »Du brauchst keine Angst haben, es wird nichts geschehen, was du nicht möchtest, das verspreche ich dir.«
»Es ist nur … ich habe noch nie …«, stammelte sie unsicher.
Mit einem liebevollen Kuss unterbrach er sie. »Ich weiß. Mach dir keine Gedanken und vertrau mir, ich werde versuchen, dir nicht wehzutun.«
Zärtlich ließ er seine Lippen über ihren Hals hinab wandern, küsste die Vertiefung zwischen ihren Brüsten, nahm eine der Spitzen in den Mund und umkreiste sie mit seiner Zunge, während er mit seinem Daumen über die andere rieb.
Heiße Schauer rieselten durch sie hindurch, pulsierten wie Strom in ihren Adern und sammelten sich in ihrem Unterleib.
Er ließ seine andere Hand über ihre Haut wandern, strich über ihren Bauch, ihre Hüften, ihre Schenkel und schob sachte ein Stück ihre Beine auseinander.
Vorsichtig berührte er ihren Schoß, liebkoste sie, bis er ihren empfindlichsten Punkt gefunden hatte und verweilte dort, reizte sie sanft, steigerte ihre Erregung immer weiter.
Ganz behutsam begann er, mit seinen Fingern ihr Inneres zu erkunden, genoss das leise Stöhnen, das kaum hörbar aus ihrem Mund kam, und streichelte sie, bis er spürte, dass sie für ihn bereit war.
Während er sie ausgiebig küsste, angelte er nach der kleinen, quadratischen Verpackung, die er zuvor aus seiner Hosentasche genommen und aufs Bett gelegt hatte. Rasch streifte er sich das Kondom über und schob sich dann auf sie.
»Ich werde jetzt zu dir kommen, Liebling«, sagte er leise und schaute ihr in die Augen. »Es wird vielleicht am Anfang etwas unangenehm sein, versprich mir, dass du mir sofort sagst, wenn ich aufhören soll.«
Sie nickte. »Ich möchte dich glücklich machen, Jake«, flüsterte sie ihm zu.
»Das wirst du«, lächelte er, »das wirst du ganz bestimmt. Ich werde dich lehren, mich glücklich zu machen, und du wirst es sehr schnell lernen, genau wie das Tanzen – Schritt für Schritt. Du wirst sehen, dass es gar nicht schwer ist, und ich werde dafür sorgen, dass es für dich genauso schön sein wird. Mach dir keine Gedanken und entspann dich.«
Vorsichtig senkte er sich über sie, während er ihren Blick mit dem seinen gefangen hielt. Als er ihren Schoß berührte, spürte er, wie sie sich ihm öffnete, und behutsam drang er in sie ein.
Er fühlte, wie sie sich kurz verkrampfte, hielt inne und küsste sie zärtlich.
»Es wird gleich besser werden, Liebling«, versprach er ihr und merkte, dass sie sich sofort wieder entspannte.
Als er sie vollständig ausfüllte, verharrte er einen Moment bewegungslos, kostete mit allen Sinnen das erregende Gefühl, so eng mit ihr verschmolzen zu sein. Dann fing er an, sich langsam in ihr zu bewegen und in ihren Augen konnte er sehen, dass sie es genoss.
»Jake«, murmelte sie nach einer Weile, »du musst mir sagen, was ich tun soll.«
»Leg deine Beine um mich«, befahl er ihr heiser, »und mach einfach das, was dir gefällt. Hab keine Hemmungen, du darfst alles tun, was du möchtest und musst dich für nichts schämen.«
Augenblicklich schlang sie ihre Beine um ihn, er spürte, wie sich ihre Schenkel gegen seine Hüften pressten. Er schob eine Hand unter ihren Po, hob sie ein wenig an, sodass er noch tiefer in sie eindringen konnte, und sie drängte ihm ihr Becken entgegen, fing an, seine Bewegungen zu erwidern.
»So ist es gut«, flüsterte er ihr zufrieden ins Ohr, »lass dich einfach gehen.«
Leise stöhnend wand sie sich unter seinen sanften Stößen, und als sie bemerkte, wie stark sie ihn damit erregte, steigerte sie ihr Tempo. Es fiel ihm immer schwerer, sich zurückzuhalten, und schließlich griff er nach ihren Hüften und hielt sie fest.
»Langsam Liebling«, bremste er sie, »sonst wird es sehr schnell vorbei sein.«
Gemächlich nahm er sein Liebesspiel wieder auf, küsste sie, liebkoste abwechselnd ihre Brüste mit seinem Mund und genoss es, wie sie darauf mit kleinen Seufzern und wilden Bewegungen ihres Beckens reagierte.
Er spürte, wie sie sich allmählich immer mehr anspannte, wie ihr Atem immer hastiger und flacher wurde, ihre Haut immer heißer. Seine ganze Erregung drängte in seinen Unterleib, ballte sich dort zusammen und wartete schmerzhaft auf Erlösung.
Sie schaute ihn an, ihre Augen waren weit geöffnet, Überraschung, Lust und Angst lagen darin, und er lächelte.
»Wehr dich nicht dagegen«, raunte er ihr zu, »lass es zu, es wird das Schönste sein, was du je erlebt hast – schenk es mir.«
Im selben Moment bog sie ihren Rücken durch, und ihr ganzer Körper bebte.
»Jake«, schrie sie leise auf, »oh Gott, Jake.«
Ihre Finger krallten sich in seine Hüften, sie versuchte, ihn noch enger an sich zu ziehen, er spürte, wie ihr Unterleib pulsierte, und mit einem kehligen Stöhnen stieß er tief in sie hinein und ließ seiner Erregung freien Lauf.
»Jo«, keuchte er, während die Wellen des Höhepunkts seinen Körper überrollten, »meine süße, wundervolle Frau.«

»Oh Gott, Jake, ist es immer so?«, fragte Joanna atemlos, und streichelte durch sein verschwitztes Haar.
Er hob seinen Kopf, den er erschöpft auf ihre Brust hatte sinken lassen, und lächelte sie an. »So und noch besser.«
»Noch besser?«, wiederholte sie erstaunt. »Das kann nicht sein, es war einfach …«
»… unglaublich?«, vollendete er ihren Satz, und sie nickte.
»Ja, unglaublich und wunderschön und aufregend.«
»Oh ja, das war es allerdings, ich habe es noch nie so erlebt«, murmelte er zufrieden und küsste sie zärtlich.
Vorsichtig löste er sich von ihr, legte sich mit einer geschickten Bewegung neben sie und zog sie in seine Arme. Sie kuschelte sich an seine Brust und hörte das Schlagen seines Herzens, laut und immer noch rasend schnell.
Schweigend lagen sie da, lauschten dem Nachklang ihres Liebesakts und kosteten das Gefühl aus, sich so nahe zu sein.
»Ich hoffe, du bereust es nicht«, sagte er nach einer Weile.
»Warum sollte ich das?«
»Es war dein erstes Mal, und eigentlich hättest du es unter anderen Umständen erleben sollen«, erklärte er leise. »Mit einem Mann, der offen zu dir stehen kann und sich nicht mit dir in einem Hotelzimmer verstecken muss. Mit einem Mann, mit dem du dich ganz offiziell treffen darfst, und nicht Angst haben musst, dass du bei etwas Verbotenem ertappt wirst. Mit einem Mann, der dir mehr bieten kann als heimlichen Sex und verstohlene Zärtlichkeiten.«
Er klang äußerst bedrückt, und der traurige Ton in seiner Stimme schmerzte sie.
»Jake, ich will nicht mehr«, machte sie ihm klar. »Ich will dich, und wenn das bedeutet, dass wir nur im Verborgenen zusammen sein können, dann ist das in Ordnung.«
»Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich habe sehr tiefe Gefühle für dich, aber gleichzeitig bin ich mir auch bewusst, dass ich dir das eigentlich gar nicht zumuten dürfte. Es ist egoistisch von mir, zu verlangen, dass du dich darauf einlässt.«
Sie legte ihren Kopf in den Nacken und sah zu ihm hoch. »Das habe ich doch schon längst, bereits seit einer ganzen Weile. Ich habe mich nach dir gesehnt, seit wir in Memphis waren. Anfangs habe ich mir diese Gedanken verboten, weil ich nicht gewusst habe, dass es dir genauso geht. Vielleicht habe ich es gespürt, aber ich war mir nicht sicher. Richtig bemerkt habe ich es erst an dem einen Tag am Strand, als du mich so angesehen hast. In diesem Moment wusste ich, dass ich mit meinen Gefühlen nicht alleine bin. Von da an konnte ich an nichts anderes mehr denken, als an dich, und daran, mit dir zusammen zu sein, und das möchte ich immer noch.«
»Du weißt, was es für Konsequenzen haben wird, wenn irgendjemand etwas davon erfährt«, sagte er zögernd. »Es gibt harte Strafen für das, was ich mit dir getan habe.«
»Was wir miteinander getan haben«, betonte sie. Sie küsste ihn und strich ihm liebevoll über die Wange. »Jake, ich möchte nicht, dass dir irgendetwas passiert, das ist das Letzte, was ich will. Wenn dir das zu riskant ist, kann ich das verstehen, dann werde ich mich mit der Erinnerung an diese Nacht begnügen und nicht auf weitere Stunden mit dir hoffen. Aber wenn du dazu bereit bist, bin ich es auch, und ich verspreche dir, dass von mir keine Menschenseele etwas davon erfahren wird. Ich werde alles tun, um dich zu schützen.«
Er schluckte. »Es wird nicht leicht sein. Wir werden unentwegt aufpassen müssen, und werden nur wenige Gelegenheiten haben, uns zu sehen. Wir müssten auf viele Dinge verzichten, die ein normales Liebespaar tun kann, und ständig mit der Angst leben, erwischt zu werden. Willst du dir das wirklich antun? Du könntest ohne mich eine sorglose Zukunft haben.«
Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und schaute ihn eindringlich an. »Du dummer Kerl, wie könnte ich denn ohne dich eine sorglose Zukunft haben?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Ich bin in dich verliebt, denkst du etwa, das kann ich so ohne Weiteres vergessen?«
»Es sind nur knapp zweieinhalb Monate bis zu deinem Geburtstag«, murmelte er nachdenklich und spielte mit seinen Fingern in ihrem Haar, »zweieinhalb Monate gehen schnell herum.«
»Ja, das tun sie.« Sie lächelte und strich sanft über seine Brust, ließ ihre Hand zärtlich über die feinen, dunklen Härchen auf seinem Bauch nach unten gleiten. »Die Nacht übrigens auch – wolltest du mir nicht noch etwas beibringen?«
»Jo«, sagte er entrüstet, während er spürte, wie sehr ihre Liebkosung ihn bereits wieder erregte.
Vorsichtig berührte sie ihn.
»Zeig mir, wie ich dich glücklich machen kann, Jake«, raunte sie mit ihren Lippen an seinem Mund, »Ich möchte wissen, was dir gefällt und was du dir wünschst.«
Mit einem leisen Aufstöhnen schloss er seine Hand um die ihre.
»Du bist alles, was ich mir wünsche«, flüsterte er rau, »für immer.«

20

»Sag mal, woher wusstest du eigentlich, in welchem Hotel ich bin?«, fragte Joanna am nächsten Morgen, als sie zusammen im Bett saßen und frühstückten.
Jake lächelte. »Du hast wohl vergessen, dass ich der Chef bin? Außerdem habe ich veranlasst, dass du zu dieser Schulung gehst, und ich habe auch das Hotel ausgesucht.«
Sie legte den Kopf schräg und blinzelte ihn misstrauisch an. »Du hattest das also geplant?«
»Okay, erwischt«, grinste er. Dann wurde er wieder ernst. »Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich das tun soll. Aber schließlich hat meine dunkle Seite gewonnen.« Er drückte ihr einen Kuss aufs Haar. »Apropos Schulung – ich sage es nur ungern, doch du solltest dich jetzt besser duschen und anziehen.«
Joanna verzog das Gesicht und krabbelte aus dem Bett. »Spielverderber«, murmelte sie, während sie sich ihre Kleidung zusammensuchte und ins Bad ging.
»Das habe ich gehört«, rief er ihr nach, und schaute ihr lächelnd hinterher.
Zu gerne wäre er ihr gefolgt, aber dann würde sie garantiert zu spät kommen. Müde und glücklich stellte er das Tablett mit dem Frühstück auf den Boden und rollte sich in die Decke, dachte an die letzte Nacht.
Trotz ihrer Unerfahrenheit war Joanna eine sehr leidenschaftliche und ungehemmte Geliebte gewesen, sie war ganz und gar eine Frau, das hatte er mit jeder Faser seines Körpers gespürt. Als ihm durch den Kopf ging, dass es noch viele Dinge gab, die er ihr zeigen und beibringen würde, machte sich sein Verlangen sofort aufs Neue bemerkbar.
»Na toll«, seufzte er, »wie soll ich das in Zukunft bloß aushalten? Ich werde sie ständig sehen und wissen, wie wundervoll sie ist, und ich darf sie weder küssen noch berühren.«
Ihm wurde bewusst, dass es jetzt noch schwerer werden würde als zuvor, und er betete inständig, dass sie das hinbekommen würden, ohne dass jemand Verdacht schöpfte.
Als Joanna aus dem Bad kam, war er fast wieder eingeschlafen.
Mit einem liebevollen Lächeln betrachtete sie seinen muskulösen Rücken, der mit seiner Sonnenbräune einen reizvollen Kontrast zu dem strahlenden Weiß der Seidenlaken bildete. Sie sah die leicht rötlichen Striemen, die ihre Fingernägel hinterlassen hatten, beugte sich über ihn, und strich mit ihren Lippen sanft darüber.
»Ich gehe jetzt, Liebling«, flüsterte sie zärtlich.
Er sog scharf die Luft ein. »Dann geh schnell, bevor ich dich nicht mehr weglasse.«
Sie lachte und ging zur Tür. »Bis später – wie lange bleibst du eigentlich?«
Er hob den Kopf und blinzelte sie müde an. »Bis morgen. Danach fliege ich nach Atlanta und bleibe dort bis zum Freitag, es würde zu sehr auffallen, wenn wir beide gleichzeitig zurückkämen. Ich lasse mich von Tom am Flughafen abholen, so wird niemand misstrauisch werden.«
»Gut«, lächelte sie zufrieden, »dann überleg dir schon mal die Lektion für meine Mittagspause.«
Er nahm ein Kissen und warf es in ihre Richtung. »Wenn du nicht sofort gehst, werde ich dir gleich eine Lektion geben, du hungriges Weib.«
Mit einem glücklichen Lachen hauchte sie ihm einen Kuss zu und verschwand.

Joanna konnte es kaum abwarten, bis es endlich Mittag war. Die Zeit schien quälend langsam dahinzukriechen, und ihr war nur allzu bewusst, dass jede Minute, die sie mit Jake verbringen konnte, kostbar war.
Als der Kursleiter um zwölf Uhr schließlich die Mittagspause ankündigte, schoss sie wie von der Tarantel gestochen von ihrem Stuhl hoch.
»Ich esse heute nicht zu Mittag, ich lege mich ein bisschen hin, ich habe Kopfschmerzen«, erklärte sie der jungen Frau, die neben ihr saß, und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten.
Eilig steuerte sie auf den Fahrstuhl zu, drückte ein paar Mal ungeduldig auf den Rufknopf, und als sie endlich auf ihrer Etage war, hastete sie mit fliegenden Schritten über den Gang.
Mit zitternden Fingern zog sie die Codekarte durchs Schloss und befürchtete plötzlich, dass Jake weg sein könnte. Doch als sie ins Zimmer kam, saß er gemütlich auf dem Bett, der Fernseher lief und er hatte eine aufgeschlagene Zeitung auf dem Schoß.
»Du bist ja ganz außer Atem«, lächelte er, als er sie sah.
»Wir haben eine Stunde«, erklärte sie und krabbelte neben ihn.
»So langsam bekomme ich Angst«, schmunzelte er, während er die Zeitschrift beiseitelegte und anfing, ihre Bluse aufzuknöpfen. »Ich weiß nicht, ob ich diesen Stress auf Dauer aushalten kann.«
Als sein Blick auf ihren dunkelroten Spitzen-BH fiel, der mehr enthüllte als verbarg, schnappte er nach Luft.
»Meine süße Jo«, murmelte er erregt und küsste ihre Brüste durch den hauchdünnen Stoff hindurch, »offenbar weißt du, wie du mich zum Durchhalten bringst.«
Kurz darauf fielen sie hungrig übereinander her, und als Jake ihr eine knappe Stunde später beim Anziehen zuschaute, betete er stumm, dass die Wände dick genug waren, um zu verhindern, dass die benachbarten Gäste die Polizei anrufen würden.

Als Joanna am Abend ins Zimmer kam, saß Jake angezogen auf der Couch und schien bereits auf sie zu warten. Wie üblich trug er eine schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd, seine Haare waren noch feucht vom Duschen, und bei seinem Anblick schmolz sie förmlich dahin.
»Ich dachte mir, wir gehen aus«, erklärte er auf ihren fragenden Blick hin. »Wir können irgendwo etwas essen, und einen Bummel über den Broadway machen.«
»Ist das nicht zu gefährlich? Was ist, wenn wir gesehen werden?«
Er winkte ab. »Hier kennt uns niemand, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir in einer Stadt mit über 500.000 Einwohnern ausgerechnet jemandem begegnen, der weiß, wer wir sind.« Nach einer kurzen Pause fügte er schmunzelnd hinzu: »Außerdem halte ich es für viel gefährlicher, die ganze Zeit hier mit dir im Zimmer zu bleiben – du wirst morgen nicht mehr sitzen können, wenn das so weitergeht.«
Gespielt vorwurfsvoll knuffte sie ihn in die Rippen. »Das werde ich auch so nicht – du warst heute Mittag nicht gerade sehr zurückhaltend.«
Erschrocken schaute er sie an. »Habe ich dir wehgetan?«
Sie lachte. »Nein, es ist alles in Ordnung. Im Gegenteil, ich fand es äußerst … aufregend.«
»Jo«, er packte ihren Arm und schob sie zur Tür, »kein weiteres Wort, sonst fällt das Abendessen aus.«
Wenig später saßen sie in einer der unzähligen Musikbars, die sich am Broadway aneinanderreihten. Jake bestellte zwei Portionen Brunswick Stew, dazu für sich ein Glas Rotwein, für Joanna ein Mineralwasser.
»Schade, dass du den Wein nicht trinken darfst, er ist wirklich hervorragend«, sagte er bedauernd. »Aber ich will keinen unnötigen Ärger riskieren.«
»Das macht nichts«, lächelte sie. »Du kannst mich nachher draußen vor der Tür küssen, und dann werde ich ausgiebig davon kosten.«
Jake verschluckte sich beinahe und warf ihr einen tadelnden Blick zu. »Joanna Shepherd, du bist ganz schön unanständig, weißt du das?«
»Nun Mr. Prescott, Sie sollten sich nicht beklagen, schließlich sind Sie mein Lehrmeister.«
Sie neckten sich eine Weile, aßen, und lauschten der Livemusik. Zwischendurch unterhielten sie sich, Joanna berichtete von ihrem Seminar und schwärmte von ihrer Arbeit.
Lächelnd hörte Jake ihr zu, und war aufs Neue fasziniert von dem Eifer, mit dem sie sich für alles interessierte.
»Sieht so aus, als ob es dir in der ‚Prescott Cotton Company‘ gefällt«, stellte er schmunzelnd fest. »Muss ich am Ende Angst haben, dass du mir meinen Job wegnimmst?«
»Das hatte ich nicht vor, aber jetzt, wo du das so sagst … vielleicht sollte ich mal drüber nachdenken«, erwiderte sie scherzend. »Dafür müsste ich allerdings erstmal wissen, was du eigentlich den ganzen Tag so treibst.«
Er grinste. »Aha, ich sehe schon, du denkst wohl, ich sitze nur da, scheuche die Angestellten herum und zähle das Geld, ja?«
»So ungefähr«, gab sie verlegen zu.
Ein leises, tiefes Lachen von ihm löste ein warmes Kribbeln in ihrem Bauch aus. »Nein, da muss ich dich enttäuschen. Auch wenn es so aussieht, als ob ich nur auf der faulen Haut liege, habe ich einiges zu tun. Ich bin häufig unterwegs, schaue mich nach neuen Absatzmärkten um oder pflege bestehende Geschäftsverbindungen. Kunden zu akquirieren und bereits gewonnene Abnehmer zu betreuen ist ein wichtiger Bestandteil in unserer Branche, das überlasse ich nicht gerne einem Angestellten. Hin und wieder besuche ich Messen, um mich über aktuelle Technologien und Produkte zu informieren. Doch du hast recht, der Hauptanteil meiner Arbeit besteht darin, am Schreibtisch zu sitzen und den Überblick zu behalten. Es muss alles koordiniert und organisiert werden, das erfordert viel Zeit und Geduld.«
»Das sind eine Menge Aufgaben für eine Person«, stellte sie fest.
»Ich bin ja nicht ganz alleine«, erklärte er, »Tom unterstützt mich, er betreut und kontrolliert regelmäßig unsere Plantagen und Fabriken.«
»Aber du trägst die Verantwortung für alles.«
»Ja, seit unser Vater …«, er stockte kurz und fuhr dann fort: »Unser Vater hatte vor einer Weile einen schweren Schlaganfall. Zuerst haben wir befürchtet, er würde nicht durchkommen, doch jetzt ist er in einem Sanatorium, und wir hoffen, dass er sich irgendwann wieder erholt.«
Mitfühlend griff sie nach seiner Hand, strich sanft über die feinen Härchen auf seinem Handrücken. »Das tut mir sehr leid.«
Einen Moment schaute er sie abwesend an, dann schloss er seine Finger um die ihren, drückte sie liebevoll und lächelte. »Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zum Trübsal blasen. Lass uns noch ein bisschen Downtown unsicher machen.«
Er zahlte, und wenig später bummelten sie eng umschlungen den Broadway entlang. Nach einer Weile bestand Jake darauf, in einem der unzähligen Shops ein paar Cowboystiefel für Joanna zu kaufen. Nachdem sie etliche Modelle anprobiert hatte, fanden sie schließlich ein Paar, das ihm gefiel.
»Jake, die sind viel zu teuer«, protestierte sie, als sie das Preisschild sah, »das kannst du nicht machen.«
Er lachte unbekümmert. »Doch, kann ich. Es macht mir Spaß, dich zu verwöhnen, daran wirst du dich gewöhnen müssen.«
Anschließend spazierten sie noch ein Stück an der romantisch beleuchteten Uferpromenade des nahegelegenen Cumberland River entlang. Sie hielten sich an der Hand, blieben ab und zu stehen, um sich zu küssen, und fühlten sich genauso frei und unbeschwert wie die vielen anderen Liebespaare, die überall herumliefen.
Gegen Mitternacht kehrten sie zum Hotel zurück.
»Es war ein schöner Abend«, sagte Joanna, als sie ihre Schuhe abstreifte.
Jake zog sie in seine Arme und küsste sie. »Und es wird wohl leider der letzte für längere Zeit gewesen sein«, murmelte er bedauernd. »Bist du dir sicher, dass du auf das alles verzichten willst?«
»Ich dachte, das hätten wir bereits besprochen«, sie zupfte sein Hemd aus der Hose, »also lass uns unsere letzten Stunden mit etwas Sinnvollem verbringen.«
»Und was schlägst du vor?«
Sie zog seinen Kopf zu sich herunter und flüsterte ihm ins Ohr: »Du hast mich letzte Nacht überall geküsst – ich möchte das für dich auch tun, ich möchte wissen, wie du schmeckst.«
Ein heiserer Laut entrang sich seiner Kehle. »Jo, du machst mich wahnsinnig«, stöhnte er, »wie kann das sein, dass du dich überhaupt nicht genierst, mir solche Dinge zu sagen?«
Sie schmunzelte. »Du hast gesagt, ich soll das tun, was mir gefällt, und ich glaube, das würde mir sehr gefallen – und dir vermutlich ebenfalls.«
Mit einer geschickten Bewegung packte er sie, hob sie hoch und trug sie zum Bett.
»Oh ja«, sagte er rau und ließ sich mit ihr in die Kissen fallen, »und ob mir das gefallen würde.«

21

Glücklich kuschelte Joanna sich mit dem Rücken an Jake. Es war noch früh am Morgen, und obwohl sie sich stundenlang geliebt hatten, war sie schon wieder wach.
Sie bereute keine Sekunde der letzten zwei Tage. Jake war der liebevollste, einfühlsamste und zärtlichste Mann, den sie sich nur wünschen konnte. Selbst wenn es sehr ungestüm geworden war, hatte er Rücksicht auf sie genommen, und nichts verlangt, was sie nicht von sich aus zu geben bereit war.
Das, was sie mit ihm erlebt hatte, hatte ihre kühnsten Vorstellungen übertroffen, wobei diese Vorstellungen vorwiegend von den nicht besonders vertrauenerweckenden Schilderungen der Mädchen aus dem »Red Lantern« geprägt gewesen waren. Bisher hatte sie stets geglaubt, dass Sex eine Sache war, die lediglich dem Vergnügen der Männer diente. Die Abfälligkeit, mit der die Frauen darüber gesprochen hatten, hatte sie annehmen lassen, dass es unangenehm und widerwärtig sein müsste. Nun begriff sie, worin der Unterschied lag – das, was zwischen ihr und Jake passierte, war nicht nur Sex, sondern es war Liebe. Ja, sie liebte ihn, dessen war sie sich völlig sicher, sie hätte niemals all diese Dinge mit ihm tun können, wenn sie ihn nicht lieben würde.
Sie wusste, dass auch er sie liebte, und auf einmal fühlte sie sich ganz klein und schlecht. Er hatte keine Ahnung, wer sie wirklich war, wo sie herkam, und auf welchem Wege sie nach Magnolia Haven gelangt war. Das Herz wurde ihr schwer, als sie daran dachte, dass sie ihm das verschweigen musste, nur zu gerne hätte sie ihm die Wahrheit gesagt, er hatte es nicht verdient, belogen zu werden.
Plötzlich kam ihr in den Sinn, was geschehen würde, wenn sie ihm alles erzählen würde und begann zu träumen. Sie stellte sich vor, wie er ihre Mutter aus dem »Red Lantern« holen würde, wie sie gemeinsam weggehen und ein neues Leben beginnen würden. Ihre Mutter würde bestimmt kein Problem damit haben, dass Jake elf Jahre älter war, wenn sie ihn erst einmal kennengelernt hätte. Sie könnten zusammen sein, irgendwo, wo niemand sie kannte und unangenehme Fragen stellen würde, wo es kein Gesetz gab, welches ihnen verbot, sich zu lieben.
Ob sie es wagen sollte, ihm alles zu erzählen? Wie würde er darauf reagieren?
Sie seufzte erneut und spürte im gleichen Moment, wie er sich hinter ihr bewegte. Sekunden später fühlte sie seine Lippen an ihrem Nacken, er küsste sie zärtlich und umschlang sie mit seinen Armen, drückte sie fest an sich.
»Warum seufzt du so?«, murmelte er schläfrig, »Woran denkst du?«
»Jake«, flüsterte sie zaghaft, »darf ich dich was fragen?«
»Alles, was du willst, Liebling.«
Sie zögerte. »Warst du schon mal in einem Bordell?«
»Was?«
»Ob du …«
»Das habe ich schon verstanden«, sagte er scharf. »Wie kommst du denn auf diese Idee? Denkst du, ich hätte es nötig, für Sex zu bezahlen? Glaubst du wirklich, dass ich auch nur einen Fuß in so ein Etablissement setzen würde?«
Joanna schluckte. »Es tut mir leid«, murmelte sie betroffen.
»Wie um Himmels willen kommst du denn auf so etwas?«
Fieberhaft sann sie nach einer Ausrede. So wie er reagiert hatte, war ihr klar, dass sie ihm nicht die Wahrheit sagen konnte. Er würde sie verachten, und er würde dann sicher nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen.
»Ich dachte nur … naja … vielleicht bist du etwas Besseres gewohnt … Frauen mit mehr Erfahrung …«, stammelte sie hilflos.
»Jo, glaubst du denn, dass es mir darum geht?«, fragte er schockiert. »Meine Güte, ich will doch nicht ein Stück willenloses Fleisch unter mir haben. Ich will eine Frau, die sich mir aus Liebe hingibt, die dabei etwas für mich empfindet. Das, was in diesen Häusern passiert, ist nicht mit dem zu vergleichen, was hier zwischen uns geschieht, niemals. Diese Frauen verkaufen ihre Körper für Geld, und die Männer die dort hingehen, haben nur ihre Befriedigung im Sinn. Es geht da weder um Gefühle noch hat das etwas mit Liebe zu tun. Ich habe so etwas noch nie in Anspruch genommen und werde das auch nie tun. Wie kannst du nur denken, dass das besser sein könnte, als das, was du mir gegeben hast?«
»Verzeih mir, ich wollte dich damit nicht kränken«, flüsterte sie unglücklich.
»Jo«, er küsste zärtlich ihren Nacken, »meine süße, kleine Jo – hör auf dir Gedanken über solche Dinge zu machen, du bist absolut perfekt für mich.« Er fuhr mit seinen Lippen über ihren Hals zu ihrem Ohr, liebkoste es mit seiner Zunge, kehrte anschließend zu ihrem Nacken zurück und biss leicht hinein. Sanft streichelte er über ihre Hüfte und ihren Po und schob dann ihr Bein nach vorne. »Du bist besser als alles, was ich mir je vorstellen könnte. Ich werde es dir beweisen, Liebling«, raunte er heiser.
Vorsichtig drang er in sie ein, hielt sie fest, verharrte still in ihr, bewegte sich ein wenig, hielt wieder inne, küsste ihren Hals, verteilte kleine, zärtliche Bisse auf ihrer Schulter. Er liebte sie bedächtig und gefühlvoll, und sie war so von ihm erfüllt, dass sie nicht mehr wusste, wo sie aufhörte und er begann.
»Jo«, hörte sie seine Stimme wie durch Watte, »meine wundervolle, süße Jo, ich liebe dich.«
Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ich liebe dich auch Jake«, flüsterte sie, »ich liebe dich sehr.«

»Ich werde nicht mehr da sein, wenn dein Seminar zu Ende ist«, erklärte Jake Joanna mit erzwungener Ruhe. »Mein Flug nach Atlanta geht in zwei Stunden.«
Sie standen sich im Hotelzimmer gegenüber, fertig angezogen, die Taschen waren bereits gepackt.
»Ich weiß.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. »Ich vermisse dich jetzt schon.«
»Jo, wenn ich wieder in Magnolia Haven bin, werde ich dir aus dem Weg gehen. Ich werde nicht mit dir sprechen und werde weiterhin abweisend zu dir sein. Ich möchte, dass du das weißt und nicht verletzt bist. Niemand darf auch nur den geringsten Verdacht schöpfen, und du musst mir versprechen, dass du keiner Menschenseele einen Ton sagen wirst.«
»Mach dir keine Sorgen, ich weiß, was auf dem Spiel steht und werde bestimmt nichts erzählen.«
»Ich werde versuchen, so oft wie möglich eine Gelegenheit zu finden, dass wir uns sehen und zusammen sein können, aber das wird nicht einfach sein.«
Sie nickte und er griff in seine Jackentasche, nahm eine Visitenkarte heraus. »Das ist die einzige Person, die Bescheid weiß. Wenn irgendetwas sein sollte, kannst du dich jederzeit an ihn wenden.«
»Phillip Carlisle? Ist das nicht dein Freund, der dich im Ferienhaus besucht hat?«
»Ja, und er hat mein vollstes Vertrauen, er wird uns unterstützen, was auch immer passieren wird.«
Sie steckte das Kärtchen in ihre Handtasche, schaute ihn dann unsicher an. »Ich glaube, ich muss jetzt gehen, sonst komme ich zu spät«, murmelte sie unglücklich.
»Machs gut Liebling, ich werde an dich denken, jede Minute.« Er nahm sie in den Arm, küsste sie zärtlich, und sie schmiegte sich sehnsüchtig an ihn.
»Ich auch«, sagte sie leise, »jede Sekunde.«

Als Joanna am späten Donnerstagnachmittag auf Magnolia Haven eintraf, fühlte sie sich leer und verlassen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie den Tag herumgebracht hatte, alles war an ihr vorbeigerauscht, ohne dass sie wirklich etwas mitbekommen hätte. Der Rest des Seminars, die Busfahrt, die Fahrt von Millington nach Hause – sie konnte sich nur vage daran erinnern. Ihre Gedanken kreisten um Jake, sie vermisste ihn bereits jetzt schmerzlich, und fragte sich, wie sie das in Zukunft aushalten sollte. Doch die Tatsache, dass er sie liebte, dass sie eine Chance haben würden, zusammen zu sein, wenn sie nur eine Weile durchhielten, gab ihr Kraft.
Irgendwann würde sie ihm auch die Wahrheit über ihre Vergangenheit sagen können. Ihr war bewusst, dass sie es nicht besonders geschickt angefangen hatte. Es war kein Wunder, dass er darauf so ablehnend reagiert hatte. Bestimmt würde sich einmal eine passende Gelegenheit bieten, sie musste nur Geduld haben.
Nachdem sie ihre Tasche ausgepackt hatte, war es bereits Zeit fürs Abendessen. Sie hatte keinerlei Lust, Tom und Olivia zu begegnen, und sie hatte auch ein wenig Angst, dass man ihr am Gesicht ablesen könne, was in Nashville geschehen war. Doch es würde auffallen, wenn sie nicht erschiene, also straffte sie ihre Schultern, atmete noch einmal tief durch und ging nach unten.
Wie erwartet begegnete Olivia ihr mit den üblichen, feindseligen Blicken, und Tom musterte sie die ganze Zeit, beobachtete akribisch genau jede ihre Handbewegungen.
»Nun, wie war denn dein Seminar?«, fragte er nach einer Weile, und obwohl er völlig harmlos erschien, glaubte sie doch, einen lauernden Unterton in seiner Stimme zu hören.
»Ob er etwas ahnt?«, schoss es ihr sofort durch den Kopf. »Unsinn, wie sollte er?«, beruhigte sie sich dann gleich wieder. »Jake ist offiziell in Atlanta, also wieso sollte Tom etwas vermuten? Du bist nur nervös, reiß dich zusammen.«
Trotzdem nahm sie sich vor, auf der Hut zu sein.
»Gut«, erwiderte sie daher so gelassen wie möglich. »Ich habe einiges gelernt, und ich denke, das werde ich im Betrieb sehr gut gebrauchen können.«
»Das ist schön«, sagte Tom gedehnt. »Und – hat dir Nashville gefallen?«
»Ich habe nicht viel von der Stadt gesehen, ich war die ganze Zeit im Hotel. Der Kurs war ziemlich anstrengend, da war ich abends zu müde, um auszugehen.«
»Aha«, war seine Antwort, dann schwieg er, und Joanna hoffte, dass das Thema damit erledigt sein würde.
Sie war froh, als das Abendessen endlich vorbei war, und sie sich auf ihr Zimmer zurückziehen konnte.
Müde zog sie sich aus und ließ sich in ihr Bett fallen. Nach ein paar Minuten stand sie wieder auf, nahm das Tuch aus der Kommode, welches Jake ihr in Cape Charles gekauft hatte, und kuschelte sich damit in ihr Kissen.
»Jake«, dachte sie sehnsüchtig, »du fehlst mir.«

22

Endlich war es Freitag, und mit gemischten Gefühlen ging Joanna nach unten zum Abendessen. So sehr sie sich darauf freute, Jake zu sehen, so viel Angst hatte sie gleichzeitig, sich durch irgendetwas zu verraten.
Als sie das Esszimmer betrat, saßen Jake und Olivia bereits am Tisch, und mit gesenktem Kopf ließ sie sich auf ihrem Platz nieder. Wenig später erschien auch Tom und das Essen wurde aufgetragen. Wie immer verlief die Mahlzeit schweigend, und während Joanna sich mühsam ein paar Bissen herunterzwängte, konnte sie an nichts anderes denken, als dass Jake dort keinen Meter von ihr entfernt saß. Manchmal glaubte sie, seinen Blick zu spüren, doch sie wagte es nicht, aufzusehen.
»Wie sind deine Geschäfte in Atlanta verlaufen, Jake?«, fragte Tom nach einer Weile beiläufig, und Joanna hielt den Atem an.
»Gut«, erklärte Jake ruhig. »Sieht so aus, als würden wir mit Farlow-Industries ins Geschäft kommen, wir sind uns nur über den Preis nicht ganz einig geworden. Es kann sein, dass ich in absehbarer Zeit noch einmal hinfliegen muss.«
»Na das hört sich doch sehr positiv an«, nickte Tom. »Und sonst? Hattest du einen schönen Aufenthalt?«
»Ja, es war okay.«
»Übrigens, wie du ja sicher weißt, hatte Olivia am Dienstag Geburtstag, und wir geben nächsten Samstag ein kleines Fest. Nichts Aufwändiges, etwa dreißig Gäste, ein bisschen Essen und Trinken und eine Kapelle für den Tanz. – Ich hoffe, es ist dir recht.«
»Sicher«, gab Jake einsilbig zurück.
»Gut.« Tom wandte sich an Joanna. »Du wirst natürlich auch dabei sein.«
»Ja, danke«, murmelte sie unbehaglich.
Einen ganzen Abend in Jakes Nähe zu sein, ihn zu sehen, ohne mit ihm zu sprechen oder gar mit ihm zu tanzen – das erschien ihr jetzt schon wie die reinste Folter. Jake schien es ähnlich zu gehen, als sie einen verstohlenen Blick auf sein Gesicht warf, sah sie, dass ihm dieser Gedanke ebenfalls nicht gefiel.
»Jake«, Tom schaute ihn fragend an, »Joanna bräuchte dann für morgen Abend noch ein neues Kleid, sie kann ja schlecht das andere noch einmal tragen. Würdest du vielleicht morgen früh mit ihr nach Millington fahren?«
»Kannst du das nicht machen?«, brummte Jake ablehnend.
»Tut mir leid, aber ich bin anderweitig beschäftigt.«
Jake seufzte. »Also gut, von mir aus, wenn es unbedingt sein muss.«
Joannas Herz machte einen kleinen Hüpfer, doch im gleichen Moment mischte sich Olivia, die bis jetzt nur schweigend zugehört hatte, ein.
»Das trifft sich ja gut, dann begleite ich euch, ich brauche nämlich auch noch ein Kleid«, sagte sie süßlich. Vertraulich legte sie eine Hand auf Jakes Arm und warf Joanna einen kurzen, giftigen Blick zu. »Schließlich ist es meine Geburtstagsfeier, und da sollte ich ja wohl der strahlende Mittelpunkt sein.«

Der Einkauf am Samstagmorgen verlief alles andere als angenehm. Während Joanna sich äußerst zurückhaltend benahm, führte Olivia sich unmöglich auf. Sie war mit nichts zufrieden, hatte an sämtlichen Kleidern etwas auszusetzen und scheuchte die Verkäuferinnen herum. Jake saß unterdessen in einem Sessel, ließ genervt Olivias Modenschau über sich ergehen, und nickte gelangweilt bei jedem Modell, welches sie ihm vorführte.
Joanna brauchte nicht lange, bis sie etwas Passendes gefunden hatte. Nachdem sie drei Kleider anprobiert hatte, entschied sie sich für ein champagnerfarbenes, bodenlanges Abendkleid aus einem fließenden, weichen Stoff, der sich sanft um ihre schlanke Figur schmiegte. Der Teil oberhalb des Ausschnitts bis hin zu den kurzen Ärmeln bestand aus feingewirkter Spitze, sodass ihr Dekolleté zwar bedeckt war, aber dennoch sehr verführerisch zur Geltung kam.
Als sie für einen Moment aus der Kabine trat, um sich Jake zu zeigen, leuchteten seine Augen bewundernd auf. Er strahlte sie an und nickte, und mit einem glücklichen Lächeln verschwand sie wieder und zog sich um.
Die Verkäuferin brachte ihr passende Schuhe, danach warteten sie auf Olivia, die immer noch nicht fertig war. Irgendwann hatte Olivia sich schließlich für ein leuchtend rotes Kleid entschieden, dessen enger Schnitt ihre magere Gestalt noch dürrer aussehen ließ. Der extrem tiefe Ausschnitt war für ihren kaum vorhandenen Busen äußerst unvorteilhaft, doch offenbar fühlte sie sich sehr sexy darin. Sie drehte sich vor Jake hin und her, und als dieser nur mit einem leisen Seufzen nickte, stolzierte sie zufrieden in die Umkleidekabine.
Als sie das Geschäft endlich verließen, bestand Olivia darauf, zu einem Frisör zu fahren.
»Meine Haare sehen fürchterlich aus«, klagte sie auf dem Weg dorthin und schaute Jake erwartungsvoll an, in der Hoffnung, er würde ihr widersprechen.
Doch er reagierte überhaupt nicht, und mit zusammengekniffenen Lippen stieg sie vor dem Frisiersalon aus.
»Ich warte hier im Wagen«, brummte Jake.
Olivia warf einen raschen Blick auf Joanna und setzte ein falsches Lächeln auf.
»Joanna, meine Liebe, komm ruhig mit. Deine Haare sehen aus wie Stroh, ein wenig Pflege würde dir sicher auch einmal ganz guttun.«
Insgeheim hatte Joanna gehofft, eine Gelegenheit zu haben, für eine Weile mit Jake allein zu sein, und dieser wohl ebenfalls, denn er verzog kaum merklich die Mundwinkel nach unten.
Doch dann nickte er ihr kurz zu, und resigniert folgte sie Olivia in den Laden.
»Jerome, ich brauche etwas Extravagantes für einen Ball heute Abend«, befahl sie dem herbeieilenden Coiffeur, und fügte mit einer Kopfbewegung in Joannas Richtung ungnädig hinzu: »Für sie reicht Waschen und Föhnen.«
Jerome griff mit beiden Händen in Joannas lange Haare. »Oh ja, das ist völlig ausreichend«, sagte er begeistert, »Sie haben wundervolles Haar, Chérie, füllig, glänzend und weich wie Seide.«
Mit hasserfüllt verzogenem Gesicht ließ Olivia sich auf dem Frisierstuhl nieder, und allmählich begriff Joanna, weshalb sie sich die ganze Zeit so feindselig verhielt – sie war eifersüchtig.
Joanna hatte oft genug erlebt, wie sich die Mädchen im »Red Lantern« wegen eines wohlhabenden Freiers gegenseitig fast an die Gurgel gegangen waren. Auch wenn man das nicht miteinander vergleichen konnte, so erkannte sie die Anzeichen nun doch sehr deutlich.
»Ob sie in Tom verliebt ist?«, ging es Joanna durch den Kopf, während eine der Frisörinnen ihr die Haare wusch. »Oder gar in Jake?«
Die angenehme Kopfmassage bei der Haarwäsche lenkte sie jedoch recht schnell von diesen Gedanken ab, und als sie eineinhalb Stunden später den Salon verließen und sie das kurze, liebevolle Aufflackern in Jakes Augen sah, war dieses Thema wieder vergessen.

Der Wohnraum war festlich geschmückt, eine Kapelle hatte in einer Ecke ihre Instrumente aufgebaut, und die Möbel waren ein wenig umgestellt worden, um Platz für den Tanz zu schaffen. Im angrenzenden Esszimmer war ein opulentes Büffet angerichtet, es gab eine Bar, und livrierte Kellner liefen umher und reichten Champagner und Häppchen.
Die Gäste saßen und standen in kleinen Gruppen herum, plauderten angeregt, es wurde viel getrunken und gelacht, die Stimmung war locker und fröhlich.
Joanna saß alleine auf einem Sofa, schaute den Paaren auf der Tanzfläche zu und bemühte sich, nicht zu Jake hinüberzusehen, der mit Phillip Carlisle und einem anderen Mann am Kamin stand und sich unterhielt. Er trug einen eleganten, dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine Krawatte, und als sie irgendwann doch verstohlen zu ihm hinschaute, ließ sein Anblick ihr Herz höherschlagen.
»Ach Jake, ich wünschte, wir könnten wenigstens einmal zusammen tanzen«, dachte sie sehnsüchtig.
»Hallo Joanna«, riss eine Stimme sie aus ihren Gedanken, und als sie aufschaute, sah sie Robert Hines vor sich stehen.
»Hallo Mr. Hines«, grüßte sie ihn erfreut, »schön Sie zu sehen.«
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite«, erwiderte er charmant, »du siehst entzückend aus.« Sie wurde ein wenig rot und wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, doch da fuhr er bereits fort: »Dieses Kleid ist zu traumhaft, um damit hier auf dieser Couch zu sitzen – möchtest du tanzen?«
Sie zögerte einen Moment, dann nickte sie. »Ja, gerne.«
Robert geleitete sie zur Tanzfläche, zog sie an sich und begann, sich mit ihr zu den Klängen des Walzers über das Parkett zu bewegen. Er war ein einigermaßen passabler Tänzer, und auch wenn er sie viel zu eng an sich drückte, genoss sie den Tanz.
Sie tanzten eine ganze Weile, unterhielten sich dabei, und anschließend legte Robert ihr besitzergreifend den Arm um die Taille.
»Wie wäre es mit einem Glas Champagner?«
»Ich darf noch keinen Alkohol trinken«, wollte sie widersprechen, doch da schob er sie schon zur Bar.
»Kein Problem«, lächelte er und bestellte ihr einen Orangensaft, während er für sich selbst einen Whiskey orderte.
Er wich nicht mehr von ihrer Seite, tanzte mit ihr, machte ihr Komplimente, brachte ihr Essen vom Büffet und hatte ständig seinen Arm um ihre Taille. Joanna hatte beinahe den Eindruck, als wolle er mit ihr flirten, und die Situation war ihr äußerst unangenehm. Da sie jedoch nicht wusste, wie sie ihn abwehren sollte, ohne eine unschöne Szene heraufzubeschwören, ließ sie ihn gewähren.
Jake, dem das Ganze nicht entgangen war, hatte alle Mühe, sich seinen Zorn nicht anmerken zu lassen. Mit versteinertem Gesicht unterhielt er sich mit Tom, Phillip und ein paar anderen Gästen und hätte Robert am liebsten den Hals umgedreht. Doch ihm war bewusst, dass ein falsches Wort von ihm zu einem Eklat geführt hätte, also beherrschte er sich und versuchte, nicht dauernd zu den beiden hinüberzusehen.
»Jake, du hast heute Abend noch gar nicht mit Joanna getanzt«, sagte sein Bruder jetzt auch noch ahnungslos, und Jake ballte die Hand in seiner Hosentasche zur Faust.
»Ich habe keine große Lust zu tanzen«, erklärte er scheinbar gleichgültig, obwohl er nichts lieber getan hätte, als Joanna in seinen Armen zu halten.
Phillip, dem Jakes Nöte nicht entgangen waren, lächelte. »Nun, dann werde ich wohl mal mein Glück versuchen.«
Jake warf ihm einen dankbaren Blick zu und Sekunden später stand Phillip bei Joanna und Robert.
»Miss Shepherd, darf ich Sie um diesen Tanz bitten?«
Froh, Robert endlich entrinnen zu können, nickte sie. »Gerne.«
»Ich dachte, ich rette Sie, bevor Jake sich dazu hinreißen lässt, etwas Falsches zu tun«, erklärte Phillip schmunzelnd, als sie sich langsam über die Tanzfläche bewegten.
Joanna zuckte zusammen, doch dann erinnerte sie sich, dass Jake ihr gesagt hatte, er vertraue Phillip, und sie entspannte sich wieder.
»Ja, vielen Dank. Mir war die Situation ebenfalls ziemlich unangenehm, aber ich wusste nicht, was ich machen sollte.«
»Kein Problem«, nickte Phillip, »für Jake würde ich alles tun, er ist mir ans Herz gewachsen wie ein eigener Bruder. Ich freue mich, dass er endlich eine Frau gefunden hat, die ihn glücklich macht, selbst wenn die ganze Sache ein wenig schwierig ist. Er hat Sie sehr gern.«
»Ich ihn auch«, murmelte Joanna verlegen.
»Übrigens«, fuhr Phillip fort, »wir werden gleich eine kleine Unterhaltung führen, und ich will Sie vorwarnen, damit Sie sich nicht wundern. Ich werde mit Ihnen flirten und mich wie ein verliebter Gockel aufführen, und ich möchte Sie bitten, darauf einzugehen. Jake ist eingeweiht, und ich werde Ihnen so die Möglichkeit verschaffen, ein paar Tage miteinander zu verbringen.«
Überrascht sah Joanna ihn an, doch da schob er sie bereits von der Tanzfläche auf Jake und Tom zu.
»Miss Shepherd ist wirklich eine ausgezeichnete Tänzerin«, lächelte er. Er beugte sich über Joannas Hand, hauchte einen Kuss darauf und schaute ihr tief in die Augen. »Und eine überaus charmante dazu.«
Joanna wurde flammend rot, riss sich dann aber zusammen und erwiderte seinen Blick. »Vielen Dank, Mr. Carlisle.«
»Sag mal Jake, wäre es möglich, dass Miss Shepherd vielleicht ein paar Tage Urlaub bekommen kann? Ich mache einen kleinen Bootstrip mit meiner Jacht, und ich würde mich außerordentlich freuen, wenn sie mich begleiten würde.« Er wandte sich an Joanna. »Natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind.«
»Ja, sehr gerne«, nickte sie rasch.
Gleichgültig zuckte Jake mit den Achseln. »Warum nicht?«
»Hältst du das für eine gute Idee?«, fragte Tom stirnrunzelnd. »Ich meine, immerhin ist Joanna noch nicht volljährig, und wir sind schließlich verpflichtet, ein Auge auf sie zu haben.«
»Oh, du musst dir keine Gedanken machen«, schmunzelte Phillip, »dieses Angebot mache ich in allen Ehren, ich habe nicht vor, Miss Shepherd zu nahe zu treten.«
Sein Gesicht ließ jedoch einen ganz anderen Eindruck entstehen, und allmählich wurde es Joanna doch ein bisschen mulmig.
Phillip lächelte und schaute Jake an. »Nun, um zu beweisen, dass ich keine unlauteren Absichten habe – wie wäre es, wenn du uns begleitest, Jake? Dir würde es auch guttun, ein wenig abzuschalten, und du könntest ja sozusagen die Anstandsdame spielen. Platz genug ist ja an Bord.«
»Ich weiß nicht«, brummte Jake, »ich habe eigentlich gar keine Zeit für so etwas.«
»Also ich halte das für eine gute Idee«, betonte Tom jetzt. »Du siehst in letzter Zeit so abgespannt aus, ich denke ebenfalls, dass dir ein wenig Erholung nicht schaden könnte. Und ich finde wirklich, wir sollten Joanna nicht alleine auf so eine Reise schicken – nichts gegen dich, Phillip.«
Jake zögerte, dann nickte er schließlich. »Gut, von mir aus. Und wann soll das stattfinden?«
»Nächstes Wochenende wollte ich losfahren, und wir werden eine Woche unterwegs sein«, erklärte Phillip und wandte sich wieder an Joanna. »Kommen Sie, gönnen Sie einem einsamen Mann noch ein wenig Spaß.«
Er zog sie mit sich auf die Tanzfläche, und völlig überrumpelt folgte Joanna ihm.
»War doch gar nicht so schwer, oder?«, grinste er sie an, während er sie an sich zog. »Freuen Sie sich auf zehn wundervolle Tage mit Jake.«

23

Robert stand vom Bett auf, zog sich einen seidenen Hausmantel über und warf einen Blick auf Tom, der nackt und nachdenklich auf den zerknitterten Laken lag.
»Herrgott, Tom, jetzt zieh doch nicht so ein Gesicht, ich habe dir doch schon gesagt, dass es mir leidtut. Ich habe mir wirklich die größte Mühe gegeben.«
Tom machte eine abwehrende Handbewegung. »Darum geht es ja gar nicht – obwohl es die ganze Sache natürlich sehr vereinfacht hätte, wenn Jake die Kontrolle verloren hätte.«
»Was ist es dann?«
»Es sieht so aus, als hätte Jakes lüsterner Freund Phillip ein Auge auf Joanna geworfen, und so wie es aussieht, scheint sie nicht abgeneigt zu sein. Er hat sie auf eine Bootsfahrt eingeladen, und sie hat nichts Besseres zu tun gehabt, als sofort darauf anzuspringen.«
»Oh«, war Roberts einziger Kommentar.
»Wenigstens fährt Jake mit, um auf die beiden aufzupassen«, fuhr Tom mehr zu sich selbst fort, »auch wenn das nicht unbedingt das ist, was ich im Sinn habe.«
Robert schaute ihn erstaunt an. »Wieso? Das ist doch perfekt.«
»Ist es eben nicht«, murmelte Tom, »ich habe immer noch keine Gewissheit, ob alles wirklich so läuft, wie ich es vorgesehen habe. Außerdem habe ich keinerlei Möglichkeit, das Ganze zu kontrollieren, wenn die Drei irgendwo auf dem Meer herumschippern.«
»Das wird schon, du musst bloß ein wenig Geduld haben«, versuchte Robert ihn aufzumuntern. »Bis jetzt sieht alles positiv aus.«
»Ich habe aber keine Geduld mehr, mir läuft die Zeit davon. Sergio Caliente sitzt mir im Genick, und Big Bill wartet auch.« Er seufzte. »Vielleicht hast du ja recht, und ich sollte mir nicht so viele Gedanken machen.«
Mit einem Grinsen drehte er sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Wenn ich mir vorstelle, was wir anschließend mit dem ganzen Geld machen werden, versüßt mir das die Wartezeit doch erheblich.«

Joanna hatte keine Ahnung, wie sie die Woche bis zu ihrer Abreise herumgebracht hatte. Irgendwie hatte sie ein merkwürdiges Gefühl bei dieser Sache, aber die wenigen, freudigen Blicke, die Jake ihr zuwarf, wenn sie unbeobachtet waren, ließen sie ihre Bedenken rasch vergessen. Die Aussicht, ein paar Tage mit ihm verbringen zu können, beflügelte sie, und endlich war der Freitag gekommen.
Eifrig packte sie ihren Koffer und selbst Olivias verkniffene Miene und spitze Bemerkungen konnten ihre Freude kaum trüben.
Am frühen Nachmittag brachte George sie und Jake nach Memphis zum Flughafen, wo sie eine Maschine nach Fort Lauderdale bestiegen. Joanna war wahnsinnig aufgeregt, was nicht nur daran lag, dass sie zum ersten Mal flog, sondern vor allem an Jake, der neben ihr saß, und ihr ab und zu unauffällig über die Hand streichelte.
In Fort Lauderdale angekommen fuhren sie mit einem Taxi zum Hafen, wo Phillip sie bereits an Bord seiner Jacht erwartete.
»Na ihr Zwei«, empfing er sie lachend, »das hat doch alles prima geklappt.«
»Ja«, sagte Jake glücklich. »Gott sei Dank, ich hatte wirklich so meine Bedenken.«
Er zog Joanna in seine Arme und küsste sie zärtlich. »Ich habe schon befürchtet, dieser Flug würde nie herumgehen.«
Phillip schmunzelte. »Wir legen gleich ab. Wenn ihr wollt, könnt ihr nach unten gehen, ihr seid dort ganz ungestört.«
»Das ist ein nettes Angebot, aber ich glaube, die zwei Stunden, bis wir auf der Insel sind, können wir auch noch warten«, lächelte Jake. »Wir haben zehn Tage Zeit und müssen nichts überstürzen.«
Joanna wurde rot. »Kann mich mal jemand aufklären, was ihr eigentlich vorhabt?«, murmelte sie verlegen.
»Nun, was Jake vorhat, kannst du dir sicher denken«, grinste Phillip. »Was mich anbelangt, so werde ich euch auf die Bahamas bringen, euch da absetzen und in zehn Tagen wieder abholen.«
»Bahamas?«, wiederholte Joanna verständnislos. »Ich dachte, wir machen eine Bootsfahrt.«
»Das ist nur zur Tarnung«, erklärte Phillip. »Jake hat ein kleines Häuschen auf Abaco Island gemietet. Ihr seid dort völlig für euch und könnt eure Zeit genießen, ohne dass ihr mich ständig im Genick sitzen habt.«
»Ist das wahr?«, fragte Joanna ungläubig und schaute Jake an. »Zehn Tage, nur wir zwei, ganz alleine?«
Er lächelte und küsste sie. »Ja Liebling, es sei denn, du überlegst es dir anders und möchtest lieber nach Magnolia Haven zurück.«
»Nein, auf keinen Fall«, sie kuschelte sich an ihn, »ich werde jede einzelne Sekunde genießen.«

Nachdem sie Freeport auf Grand Bahama erreicht hatten, verabschiedeten Jake und Joanna sich von Phillip und flogen von dort aus mit einer kleinen Chartermaschine nach Abaco Island weiter. Dort nahmen sie sich einen Leihwagen, kauften auf dem Weg zu ihrem Cottage noch ein paar Lebensmittel ein, und es war später Abend, als sie endlich angekommen waren.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, riss Jake Joanna in seine Arme.
»Liebling«, flüsterte er sehnsüchtig, »du hast mir so gefehlt.«
Sie schmiegte sich an ihn. »Du mir auch.«
Jake hob sie auf seine Arme, trug sie in den kleinen Schlafraum, und ließ sich mit ihr aufs Bett fallen.
»Auch auf die Gefahr hin, dass du denkst, ich wäre nur an einem interessiert, möchte ich jetzt keine Sekunde länger warten«, murmelte er, während er hastig ihr Kleid hochschob und ihr Höschen abstreifte.
Lächelnd öffnete sie seine Jeans, und einen Augenblick später fielen sie ungestüm übereinander her.
»Entschuldige«, keuchte er, als sie sich kurz darauf atemlos in den Armen hielten, »aber ich konnte die ganze Zeit an nichts anderes denken. Dich ständig in meiner Nähe zu haben und dich nicht berühren zu dürfen, war die reinste Folter.«
»Es ging mir genauso«, gestand sie ihm, »ich hatte fürchterliche Sehnsucht nach dir.«
Er seufzte. »Es ist wirklich nicht leicht, ich hoffe, wir halten das auf Dauer durch. Dir permanent aus dem Weg zu gehen, dich nicht anzusehen, nicht öfter als nötig mit dir zu reden, das fällt mir sehr schwer. Ich war mehr als einmal drauf und dran, abends in dein Zimmer zu schleichen, um dich wenigstens kurz zu sehen und mir einen Kuss zu stehlen.«
»Das darfst du auf keinen Fall tun«, sagte sie erschrocken. »Wenn dich irgendjemand sieht, wird es fürchterlichen Ärger geben.«
»Ich weiß.« Liebevoll streichelte er über ihre Wange. »Mach dir keine Sorgen, ich werde mich zurückhalten, selbst wenn es nicht einfach ist. Als dieser Robert an Olivias Fest dauernd um dich herumscharwenzelt ist, hätte ich ihm nur zu gerne die Zähne eingeschlagen.«
»Es hat mir ebenso wenig behagt, aber was hätte ich denn tun sollen? Mir wäre es auch lieber gewesen, du wärst an seiner Stelle gewesen.«
»Übrigens«, er lächelte, »ich kam noch gar nicht dazu, dir das zu sagen: Du hast wundervoll ausgesehen in diesem Kleid – ich hatte Mühe, dich nicht die ganze Zeit anzuschauen.«
Sie strich mit ihren Fingern über seine Bartstoppeln und hin zu seinem Mund.
»Das lag doch bestimmt nur daran, dass du genau wusstest, was sich darunter befindet«, neckte sie ihn.
»Hm, ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst«, ging er auf ihren scherzhaften Ton ein.
»Wie wäre es, wenn du deine Erinnerung etwas auffrischst?«, forderte sie ihn auf. »Zieh mich aus und schau nach.«
Er zupfte an ihrem T-Shirt und zog es ihr über den Kopf, streifte ihren BH ein Stück nach unten und betrachtete ihre Brüste.
»Ich sehe schon«, murmelte er erregt, während er sich herunterbeugte, um eine der Spitzen mit dem Mund zu liebkosen, »das wird ein anstrengender Urlaub werden.«

Viel zu schnell vergingen die Tage, die Jake und Joanna auf Abaco Island verbrachten. Sie genossen jede Minute ihrer gemeinsamen Zeit, wussten sie doch, dass sie bald vorüber sein würde.
Tagsüber waren sie am Strand, schwammen im herrlich kristallklaren Meer, lagen im Sand und dösten in der Sonne, oder lasen und unterhielten sich. Sie unternahmen lange Spaziergänge, schlenderten eng umschlungen am Ufer entlang, blieben immer wieder stehen, um sich zu küssen oder eine seltene Muschel zu bewundern, die sie gefunden hatten.
Manchmal zog Jake sie einfach ins Wasser, zog ihr den Bikini aus und liebte sie in der sanften Brandung der Wellen, bis ihr beinahe schwindelig wurde vor lauter Glück und Lust.
Abends fuhren sie ein paar Mal nach Marsh Harbour, aßen dort in einem kleinen Restaurant und bummelten anschließend über die Hafenpromenade. Die übrigen Abende verbrachten sie im Haus, Joanna kochte, und Jake ließ sich nur allzu gerne von ihr umsorgen. Danach saßen sie dicht aneinander geschmiegt draußen auf der Terrasse und schauten sich den Sonnenuntergang an, schweigend, und völlig versunken in der romantischen Atmosphäre und ihrer Liebe füreinander.
Die Nächte waren voller Leidenschaft, sie liebten sich, als gäbe es kein Morgen mehr, als wollten sie so viel wie möglich von ihrer Nähe in sich aufnehmen, um die vor ihnen liegende Zeit zu überbrücken. Immer wieder forderte Joanna Jake auf, ihr zu zeigen, was ihm gefiel, und er genoss es, sie anzuleiten und zu sehen, wie bereitwillig und vorbehaltlos sie seine Wünsche erfüllte. Umgekehrt tat er alles, um sie ebenso glücklich zu machen, und wenn sie irgendwann in den frühen Morgenstunden erschöpft und zufrieden in seinen Armen einschlief, bereute er keine Sekunde, dass er seine Bedenken über Bord geworfen hatte. Er liebte sie, und er wusste, dass er sie nicht mehr verlieren wollte, egal wie schwierig die Umstände jetzt auch sein mochten.
Schließlich kam der Tag der Abreise, und schweren Herzens packten sie ihre Sachen.
Als sie in den Mietwagen stiegen, warf Joanna einen letzten, wehmütigen Blick auf das kleine Haus.
»Schade«, sagte sie leise, »es war so wunderschön, ich wünschte, wir könnten für immer hierbleiben.«
Jake beugte sich zu ihr und küsste sie sanft. »Sei nicht traurig Liebling«, tröstend strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, »ich werde alles dafür tun, dass wir bald wieder so eine Gelegenheit bekommen. Irgendwie werden wir die Zeit überstehen.«

24

Wenig später saßen sie gemütlich an Deck von Phillips Jacht. Ein junger Mann in einer Matrosenuniform hatte ihnen Essen und Getränke serviert, und während sie aßen, unterhielten sie sich angeregt.
Joanna saß neben Jake, er hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt, und sie ließ ihren Blick verträumt über das Meer gleiten. Die Sonne war im Begriff, unterzugehen und tauchte alles in ein warmes, rot-goldenes Licht, und Joanna dachte an die Tage im Cottage, wünschte sich erneut, sie müssten nicht nach Magnolia Haven zurückkehren.
»Was meinst du dazu, Liebling?«, riss Jake sie plötzlich aus ihrer Verzauberung.
»Was?« Irritiert schaute sie ihn an. »Entschuldige, ich habe nicht zugehört.«
»Das merke ich«, lächelte er. Dann wurde er wieder ernst. »Phillip sagte gerade, es gäbe eine Möglichkeit, wie wir jetzt schon offiziell zusammen sein könnten – wir könnten heiraten.«
»Heiraten?«, wiederholte sie entgeistert. »Jake, das geht nicht, wir kennen uns doch noch gar nicht so lange.«
Er lachte leise. »Lange genug, um zu wissen, dass du die richtige Frau für mich bist.«
»Soll das etwa ein Antrag sein?«, fragte sie verblüfft.
»Ich denke schon, auch wenn es vielleicht nicht ganz der übliche Weg ist«, erklärte er schmunzelnd.
»Aber …«
»Es wäre die beste Lösung«, mischte Phillip sich jetzt ein. »Sicher würde es zunächst eine Welle von empörten Aufschreien geben, dass ein Mann in Jakes Alter ein siebzehnjähriges Mädchen heiratet. So etwas ist selbst in der heutigen Zeit immer noch etwas, das die Gemüter erregt. Doch dadurch bräuchtet ihr euch nicht mehr zu verstecken und vor eventuellen Konsequenzen fürchten. Vom Gesetz her wäre es erlaubt, du bräuchtest nur die Einwilligung deines Vormunds.«
Joanna dachte an ihre Mutter und das »Red Lantern«, und daran, dass Jake nach wie vor keine Ahnung von ihrer Vergangenheit hatte. Panik stieg in ihr auf.
»Ich … dazu würde mein Onkel niemals sein Einverständnis geben«, sagte sie rasch. »Er ist sehr konservativ, und ich glaube, er würde mich umbringen, wenn er wüsste, dass ich mit Jake …«
Sie stockte und hoffte, dass das Thema damit vom Tisch sein würde, während sich ihr Herz schmerzhaft zusammenzog. Nur zu gerne würde sie Jakes Frau werden, nicht nur, weil sie ihn liebte, sondern vor allem, um ihn zu schützen. Wenn sie heiraten würden, hätte er nichts mehr zu befürchten, und sie bräuchten sich nicht zu verstecken. Doch ihr war klar, dass Jake dann erfahren würde, woher sie kam, und das wollte sie unbedingt vermeiden. Sie zweifelte nicht daran, dass er sich von ihr abwenden würde, wenn er herausfand, dass sie die Tochter einer Prostituierten war und ihr bisheriges Leben in einem Bordell verbracht hatte.
Irgendwann würde sie es ihm sagen, aber sie musste den richtigen Zeitpunkt abwarten, und der war auf keinen Fall jetzt schon gekommen.
»Bist du sicher?«, fragte Phillip behutsam. »Vielleicht könnte ich einmal mit ihm reden.«
Joanna schüttelte den Kopf. »Das hat keinen Sinn. Er hat eiserne Moralvorstellungen, er hat meine Mutter immer schlecht behandelt, hat sie spüren lassen, wie sehr er sich dafür schämt, dass sie mich unehelich zur Welt gebracht hat. Deswegen konnte er es nach ihrem Tod auch kaum erwarten, mich loszuwerden. Er wollte nicht, dass ich in seinem Haus bleibe, er meinte, ich wäre ein Bastard und die Leute würden mit den Fingern auf mich zeigen«, schwindelte sie.
»Schon gut Liebling«, Jake zog sie tröstend an sich, »quäl dich nicht damit herum.«
Tränen stiegen ihr in die Augen, sie fühlte sich so elend bei dem Gedanken, ihn anzulügen.
»Es tut mir so leid«, flüsterte sie unglücklich.
Beruhigend streichelte er ihre Wange. »Das braucht es nicht. Es ist zwar schade, aber wir werden das auch so hinbekommen. Noch knapp zwei Monate bis zu deinem Geburtstag, und ich werde dir dann ganz offiziell einen Antrag machen – ich hoffe, du hast mich bis dahin nicht schon satt und wirst ja sagen.«
»Ach Jake«, sie schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn, »ich sage jetzt schon ja, und daran wird sich nichts ändern.«

Nach einem letzten, innigen Kuss verließen Jake und Joanna Phillips Jacht. Kurz darauf saßen sie im Flugzeug nach Memphis und waren wenige Stunden später in den Alltag auf Magnolia Haven zurückgekehrt.
Ein paar Tage vergingen. Trotz der widrigen Umstände gelang es Jake, eine Möglichkeit zu finden, dass sie sich treffen konnten.
Am Ufer des Mississippi gab es einen alten Schuppen, in dem früher die Baumwolle gelagert wurde, bevor sie von da aus mit einem Boot verschifft wurde. Das Gebäude war halb verfallen, das Holz morsch und verwittert, doch für ihre Zwecke reichte es vollkommen aus.
Jake hatte ein paar Decken und Kissen dorthin gebracht, und in einer Ecke ein gemütliches Lager geschaffen, auf dem sie ungestört miteinander kuscheln und sich lieben konnten.
Der Schober war mit einem zwanzigminütigen Ritt über die Baumwollfelder bequem zu erreichen, und sie trafen sich dort, so oft sie konnten.
Es war nicht immer ganz einfach, einen geeigneten Zeitpunkt zu finden, zu dem sie sich unbemerkt fortstehlen konnten. Zu diesem Zweck hatte Jake Joanna ein Handy besorgt, auf dem er sie anrief, wenn er sie treffen wollte. An diesen Abenden zog sie sich nach dem Essen wie üblich auf ihr Zimmer zurück, während Jake sich noch eine Weile mit Olivia und Tom im Wohnzimmer aufhielt.
In der Zwischenzeit schlich sie zum Stall, sattelte Amber, führte sie leise ein Stück vom Haus weg und ritt dann zum Schuppen, Jake folgte ihr nach einer angemessenen Zeit.
Manchmal musste sie sehr lange auf ihn warten, je nachdem, wie er sich, ohne einen Verdacht zu erwecken, von Olivia und Tom loseisen konnte. Hin und wieder gelang es ihm nicht, unauffällig zu verschwinden, und sie wartete vergeblich auf ihn.
Doch all die Umstände taten ihrem Glück keinen Abbruch, sobald sie sich in den Armen lagen, dachten sie nicht mehr an die ganzen Schwierigkeiten, die mit ihrer Liebe verbunden waren. In den wenigen, gestohlenen Stunden vergaßen sie alles um sich herum, und genossen die gemeinsame Zeit.
»Die nächsten drei Tage werden wir uns nicht sehen können, Liebling«, erklärte Jake ihr eines Abends bedauernd, nachdem sie sich ausgedehnt geliebt hatten. »Ich muss geschäftlich nach Denver, und ich kann dich leider nicht mitnehmen, das würde zu sehr auffallen.«
Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und strich mit den Fingern zärtlich über seine Brust.
»Schon gut, ich werde es irgendwie überstehen.«
»Ja«, er seufzte, »ich auch – irgendwie. Es bleibt uns ja nichts anderes übrig.«
»Bereust du es?«, fragte sie leise.
»Bist du verrückt? Auf keinen Fall, ich möchte keine Sekunde der Zeit mit dir missen, selbst wenn sie immer nur sehr kurz ist.«
»Dann bin ich ja beruhigt«, lächelte sie, »ich dachte schon, du hättest vielleicht genug von mir und diesen ganzen Heimlichkeiten.«
Er drehte sie auf den Rücken, beugte sich über sie und küsste sie verlangend. »Ich werde nie genug von dir bekommen, meine süße Jo«, murmelte er sehnsüchtig und ließ seine Hände über ihren Körper wandern, »ich bin verrückt nach dir.«
»Jake«, mahnte sie, »wir sind bereits sehr lange hier – sollten wir uns nicht lieber auf den Rückweg machen?«
Er schob sich über sie. »Ich möchte dich noch einmal spüren, schließlich muss ich es drei Tage ohne dich aushalten.«
Mit einem leisen Aufstöhnen schlang sie ihre Beine um ihn und zog seinen Kopf zu sich herunter. »Gut mein Liebling«, raunte sie ihm ins Ohr, »dann werde ich jetzt alles dafür tun, dass du mich nicht vergisst.«

Eine halbe Stunde später saß Joanna alleine im Schuppen. Jake war bereits zum Haus zurück geritten, und sie wartete noch eine Weile, um sicher zu sein, dass man sie nicht zusammen sehen würde.
Versonnen strich sie mit ihrer Hand über die Decken, dachte an Jake, und daran, wie intensiv sie sich soeben geliebt hatten. Manchmal hatte sie das Gefühl, als hätte Jake recht gehabt. Es wurde von Mal zu Mal schöner, je vertrauter sie miteinander wurden, desto mehr konnten sie sich fallen lassen, und es gab nichts, dessen sie sich voreinander schämten.
Mit einem glücklichen Lächeln stand sie auf und wollte gerade die kleine Petroleumlampe löschen, als sie plötzlich ein Geräusch hinter sich hörte.
Erschrocken fuhr sie herum und sah eine Gestalt in der Tür des Schuppens stehen.
»Jake?«, fragte sie unsicher, in der Annahme, er habe vielleicht etwas vergessen. »Jake, bist du das?«
»Nein meine Liebe, ich bin es«, vernahm sie zu ihrem Entsetzen Toms Stimme. »Dein Jake ist bereits zurück im Haus.«
Sie hörte, wie die Tür verriegelt wurde, dann kam er näher, und trotz des gedämpften Lichts konnte sie das kalte Lächeln in seinen Augen sehen. Panik überfiel sie, doch sie bemühte sich, ruhig zu bleiben.
»Was … was wollen Sie?«
»Nachsehen, was ihr zwei Hübschen hier so treibt«, erklärte er mit einer unheimlichen Ruhe.
»Nichts«, sagte sie hastig, »gar nichts, ich bin alleine hier.«
Er grinste. »Das weiß ich. Ich habe gesehen, wie Jake weggeritten ist.«
»Wir haben uns nur unterhalten.«
»Sicher«, erwiderte er zynisch und warf einen Blick auf die Decken, »deswegen habt ihr es euch hier auch so kuschelig eingerichtet – um euch zu unterhalten.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen«, sagte Joanna abwehrend, während sie fieberhaft überlegte, was sie nun tun sollte.
Sie musste Jake um jeden Preis beschützen, auf keinen Fall durfte Tom etwas von ihrer Beziehung erfahren.
Im gleichen Moment machte er einen schnellen Schritt nach vorne und brachte sein Gesicht dicht vor ihres.
»Hör auf mit dem Theater Schätzchen, du weißt genau, worum es geht. Mein lieber Bruder
schläft mit dir, und das nicht erst seit heute«, zischte er.
Sie zuckte zusammen. »Das ist nicht wahr«, behauptete sie, so energisch sie nur konnte. »Wir treffen uns ab und zu, aber wir unterhalten uns nur. Er erzählt mir viel über die Baumwolle und die Firma, und …«
Tom packte sie am Arm und stieß sie unsanft zu Boden.
»Hör auf mit diesen Märchen, du kleines Luder, ich weiß genau, dass du es dir von ihm besorgen lässt, also spar dir deine Ausreden. Von mir aus könnt ihr es treiben, so oft ihr wollt, dafür habe ich dich schließlich hierher geholt.«
Entsetzt starrte sie ihn an, glaubte sich verhört zu haben.
»Was?«
Er lachte boshaft. »Ja, da staunst du, was? Als ich dich bei Bill gesehen habe, war mir klar, dass der liebe Jake seine Finger nicht lange bei sich behalten würde, und ich habe beschlossen, mir das zunutze zu machen.«
»Ich … ich verstehe nicht …«
»Du bist so naiv, kleine Joanna«, grinste er hämisch. »Hast du wirklich geglaubt, du sollst für Michael das Kindermädchen spielen? Das war doch nur ein Vorwand, um dich hier nach Magnolia Haven zu bringen. Mein eigentlicher Plan war, dass Jake sich so sehr in dich verlieben würde, dass er sämtliche moralischen Werte vergisst und ein Verhältnis mit dir anfängt. Und dank deiner süßen, unschuldigen Art hat das ja tatsächlich bestens funktioniert.«
»Aber … warum?«
»Ganz einfach: Ich will Magnolia Haven und die Firma haben, denn sie gehören nicht Jake, sondern mir. Nach dem Tod unseres anderen Bruders wäre ich eigentlich der Erbe gewesen, denn Jake ist der Jüngste von uns Dreien. Doch unser Vater hat verfügt, dass ich Magnolia Haven nur bekomme, wenn sowohl Andrew als auch Jake freiwillig verzichten würden. Nun, Andrew weilt nicht mehr unter uns, und du wirst Jake dazu bringen, mir alles abzutreten. Er ist so verschossen in dich, dass er sogar riskiert, wegen dir in den Knast zu wandern, da wird er dir diesen kleinen Wunsch sicher nicht abschlagen.«

25

Wie erstarrt lag Joanna am Boden und versuchte zu begreifen, was Tom ihr da gerade erzählt hatte. Deswegen hatte er sie also nach Magnolia Haven gebracht. Er hatte sie manipuliert und benutzt, in der Hoffnung, Jake um sein Vermögen zu bringen, und sie war ihm blauäugig in die Falle gegangen, hatte ihm Jake völlig ahnungslos ans Messer geliefert.
Hätte sie je auch nur den Hauch eines Verdachts gehabt, was Tom vorhatte, hätte sie sich niemals mit Jake eingelassen. Gefühle hin oder her, auf keinen Fall hätte sie sich dafür hergegeben. Doch nun war es zu spät, Toms perfider Plan war aufgegangen, und sie fühlte sich so hilflos und elend wie noch nie zuvor in ihrem Leben.
»Nun kleine Joanna, wie sieht es aus? Bist du bereit, mir zu dem zu verhelfen, was mir zusteht?«, fragte Tom jetzt lauernd.
Ihr Kampfgeist erwachte, sie würde nicht zulassen, dass Jake wegen ihr verlor, was ihm am meisten bedeutete. Er liebte Magnolia Haven, es würde ihm das Herz brechen, es aufzugeben.
»Nein«, sagte sie entschieden, »Nein, das werde ich nicht tun.«
Tom lachte böse. »So, du willst dich also widersetzen«, stellte er zufrieden fest. »Gut, dann kann ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, ich mag es, wenn Frauen sich wehren.«
Bevor Joanna einfiel, wo sie diesen Satz schon einmal gehört hatte, packte er sie an ihrem T-Shirt und riss sie vom Boden hoch. In Sekundenschnelle hatte er ihr mit der flachen Hand rechts und links ins Gesicht geschlagen, so kräftig, dass ihr Funken vor den Augen tanzten.
»Du wirst tun, was ich sage, hörst du?«, zischte er, und angewidert bemerkte sie, dass seine Stimme seltsam erregt klang. »Du wirst Jake dazu bringen, dass er auf Magnolia Haven verzichtet.«
»Nein«, presste sie wieder heraus, und erneut schlug er zu, dieses Mal so heftig, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.
Er ließ sie los, und sie sackte auf den Boden. Sekunden später war er über ihr.
Mit Schwung holte er zu einem neuen Schlag aus, aber bevor er ihn ausführen konnte, riss Joanna ihr Knie nach oben und rammte es ihm mit voller Wucht in den Schritt.
Ein schmerzerfüllter Aufschrei entrang sich seiner Kehle, er rollte sich auf die Seite, krümmte sich zusammen und hielt sich den Unterleib.
Rasch sprang sie auf, wollte aus seiner Reichweite fliehen, doch da packte er sie mit einer Hand am Knöchel. »Du kleines Biest«, fluchte er, »das wirst du mir büßen.«
Er zerrte an ihrem Bein, wollte sie wieder auf den Boden ziehen, aber sie trat ihm mit ihrem freien Fuß, so fest sie konnte, in den Bauch, und mit einem Aufheulen ließ er sie los.
»Warte nur, du Miststück, wenn ich dich in die Finger kriege, werde ich dich so zurichten, dass dein Jake dich ein paar Wochen lang nicht wiedererkennen wird«, keuchte er wütend.
Mühsam versuchte er, sich aufzurappeln und unterdessen schaute Joanna sich nach etwas um, was sie zur Verteidigung benutzen konnte.
An einer Wand entdeckte sie eine Stange aus Metall, die schwer und stabil aussah. Sie machte einen Satz darauf zu, packte sie und schwang sie mit beiden Händen drohend über ihrem Kopf.
»Lass mich gehen«, forderte sie nervös. »Lass mich gehen, und ich werde Jake nichts von deinen schmutzigen Machenschaften erzählen, andernfalls schlage ich dir den Schädel ein.«
Mit einem spöttischen Lachen richtete Tom sich auf. »Netter Versuch Schätzchen, aber das kannst du vergessen.« Er schwankte ein Stück auf sie zu. »Bist du bei Jake im Bett eigentlich auch so wild?«
»Keinen Schritt weiter«, stieß sie voller Panik hervor, doch da streckte er bereits die Hand nach ihr aus.
Ohne zu überlegen holte sie aus und schlug ihm die Metallstange seitlich gegen den Kopf. Es gab ein dumpfes Geräusch, er schaute sie einen Moment völlig überrascht an, dann sackte er in sich zusammen und fiel auf den Boden.
Heftig atmend und benommen blieb Joanna eine Weile stehen, die Stange fest umklammert, und rechnete damit, dass er jede Sekunde aufstehen und sich wieder auf sie stürzen würde. Doch er rührte sich nicht, und langsam ging sie näher.
»Tom«, sagte sie unsicher und schubste ihn mit dem Fuß an.
Es kam keine Reaktion, also nahm sie nach kurzem Zögern die Petroleumlampe und leuchtete ihm ins Gesicht. Erschrocken hielt sie den Atem an, als sie das dunkelrote Rinnsal sah, welches aus einer klaffenden Wunde an seiner Schläfe auf den Boden lief.
Ungläubig starrte sie darauf und taumelte dann schockiert ein paar Schritte zurück.
»Oh mein Gott«, dachte sie erschüttert, »ich habe ihn umgebracht.«

Fassungslos sackte Joanna in sich zusammen. Wie erstarrt hockte sie auf den Knien, konnte ihren Blick nicht von Tom abwenden, dessen Augen sie immer noch überrascht ansahen, und dessen Blut langsam aus der Wunde sickerte.
Sie konnte nicht einmal weinen, sie war wie gelähmt, nur in ihrem Kopf hämmerte es fortwährend: »Ich habe ihn umgebracht … ich habe ihn umgebracht …«
Im Nachhinein wusste sie nicht mehr, wie lange sie so dagehockt und ihn angestarrt hatte. Irgendwann konnte sie seinen Anblick nicht mehr ertragen und rappelte sich auf.
Voller Panik lief sie auf und ab, überlegte, was sie nun tun sollte. Ihr erster Gedanke war, zu Jake zu gehen und ihm alles zu erzählen. Doch nach kurzem Überlegen verwarf sie diesen Einfall wieder, wie sollte sie ihm denn klarmachen, dass sie seinen Bruder erschlagen hatte? Selbst wenn sie ihm von Toms perfidem Plan berichtete, er würde ihr vermutlich kein Wort glauben, er hatte schließlich keinen Grund anzunehmen, dass Tom irgendetwas Derartiges tun würde.
Spätestens, wenn die Polizei hier eintraf, würde sich sowieso herausstellen, woher sie kam, und kein Mensch würde ihr abnehmen, dass sie in Notwehr gehandelt hatte. Sie war eine Mörderin, Jake würde sich von ihr abwenden und sie würde für den Rest ihres Lebens in einem Gefängnis sitzen.
Es blieb ihr nur eine Möglichkeit: Flucht.
Wenn sie sofort verschwand, hatte sie eine gute Chance, sich nach New Orleans durchzuschlagen, bevor jemand etwas bemerken würde. Jake fuhr morgen früh weg, er würde sie zunächst nicht vermissen, und bis er zurückkam, wäre sie über alle Berge. Olivia kümmerte sich sowieso nicht um sie, wahrscheinlich würde sie froh sein, wenn Joanna verschwunden war. Sie könnte im »Red Lantern« untertauchen, niemand würde sie dort vermuten, der Einzige, der wusste, dass sie dort sein könnte, war tot. Lieber würde sie sich von Bill an irgendwelche Freier verschachern lassen, als Jakes Augen zu sehen, wenn er erfuhr, dass sie seinen Bruder getötet hatte.
Wie in Trance legte sie die Stange beiseite und beugte sich zu Tom hinunter. Hastig und ohne dabei in sein Gesicht zu schauen, zog sie seine Brieftasche aus der Hose. Neben einer Kreditkarte und ein paar anderen Dingen fand sie knapp hundert Dollar, die für eine Fahrkarte nach New Orleans reichen würden. Schnell steckte sie das Geld in ihre Jeans, suchte dann nach Toms Wagenschlüssel. Nachdem sie diesen ebenfalls eingesteckt hatte, richtete sie sich wieder auf und griff nach der Petroleumlampe.
Sie eilte zur Tür, und als sie die Lampe löschen wollte, hatte sie plötzlich eine Idee. Sofort machte sie kehrt, nahm die Decken und Kissen und legte sie in der Mitte des Schuppens auf einen Haufen. Danach trug sie alles zusammen, was ihr irgendwie brennbar erschien und warf es dazu. Vorsichtig entfernte sie den Glaszylinder von der Lampe und hielt die Flamme an eine der Decken, bis diese sich entzündet hatte. Sie schmiss alles auf den Boden und rannte zur Tür.
Sekunden später hatte sie den Riegel geöffnet, stürzte hinaus ins Freie und hinüber zu Amber, die an einem Holzpflock angebunden war und friedlich auf sie wartete. Sie machte sie los und gab ihr einen kleinen Klaps, und wie erwartet lief das Tier sofort los.
Mit wenigen Schritten war sie bei Toms Wagen und setzte sich hinein. Zwar hatte sie noch nie ein Auto gesteuert, doch sie hatte Jake auf ihren Fahrten aufmerksam zugesehen, und war sich sicher, dass sie es irgendwie schaffen würde, nach Millington zu kommen. Es war mitten in der Nacht, also war nicht anzunehmen, dass sie in irgendeine Kontrolle geraten würde.
Sie brachte den Sitz in eine passende Position, legte sich den Gurt an und startete mit zitternden Händen den Motor. Die ersten Meter war sie ein bisschen unsicher, aber dann stellte sie fest, dass es tatsächlich gar nicht so schwer war, das Fahrzeug zu steuern.
Vorsichtig fuhr sie auf den schmalen Wegen in Richtung Magnolia Haven und bog kurz vor dem Herrenhaus in die breite Zufahrtsstraße ein.
Langsam rollte sie die Allee entlang, hielt am Ende an und drehte sich noch einmal um, warf einen letzten Blick auf das Haus, dessen weiße Mauern trotz der Dunkelheit gut zu erkennen waren.
Tränen stiegen ihr in die Augen.
»Mach es gut Jake«, flüsterte sie mit brüchiger Stimme, »ich liebe dich, und ich hoffe, du wirst mir eines Tages verzeihen können.«

Fortsetzung in Teil 2 »Mittagsglut«

 

Impressum

Texte: M. Schuster
Bildmaterialien: Brandonrush, Wikimedia Commons – Coverdesign: Marina Schuster
Tag der Veröffentlichung: 15.10.2012

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