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Snake in dem Hotel nach einem Konzert.

„Gangster dieser Welt, es gibt einen Gangster, dem ihr niemals entkommen könnt. Das eigene Ego.“

William Burroughs.

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“, fragte er sich als er sich auf seinem Bett im Hotelzimmer eine Zigarette anzündete. Von draußen klopfte es an seiner Tür. Er überlegte, ob er überhaupt öffnen sollte. Man wisse niemals, was von draußen kommen mag, wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Welche Ahnung habe wohl ein Hain von Gräsern, wenn die Vögel tief fliegen. Welche Ahnung ein paar Würmer, die aus dem Erdreich ihren Kopf durch die Decke der Erde bohren. Es klopfte wieder. Snake trank einen Schluck Whisky. Endlose Ketten von Gedanken schossen durch seinen Kopf und ließen ihn in Trance fallen. Die Erinnerung an die letzten Konzerte war immer noch präsent. Konzerte, die wie ein urwüchsiger Ausbruch elektronischer Energie sich in die Sinne hineinbrannten, um die innere Ekstase zu entfesseln.

Hoffentlich sind das keine Chinesen oder nervige Groupis und erst Recht nicht einer der Herren von der Mordkommission. Snake fasste sich an seine schwarze Lederhose, die seinem schwarzen Leib eine tänzerische Eleganz verlieh. Die Lederhose und er waren eins. Sie passte wunderbar zu seinem selbstgeschaffenen Image als Black Snake. Das Zimmer hatte etwas klassisches im Stile der zwanziger Jahre. Samtbezogene Sitzgarnituren, ein riesengroßes Bett in barocken Stil, hohe Decken und Fenster und Kronleuchter aus zahlreichen Glassteinen untermalten diesen Eindruck. Ein hoher Schrank und eine große Kommode mit großen, halbrundförmigen Spiegel standen an der Wand. Im Raum verteilt schmückten einzelne Kerzenständer mit flammenden Kerzen die Atmosphäre.

So machte mich Hauch des Todes mich des Verfalls zittern
Des Abends, trunkene Glocken läuteten die Nacht
In Glütiger Wein der Röte am Herbstlaub verwittern
In dunklem Brunnen die Eine im Blauen tief erwacht

„Was war gestern Abend bloß passiert“, fragte er sich immer und immer wieder. Normalerweise zählte er sich nicht zu der Art Mensch, die im Vollrausch völlig die Kontrolle über sich selbst verlieren. Seine Einstellung bestand eben aus jenem Wechselspiel aus Kontrollverlust, Ekstase, Berechnung und Manipulation. „Was um aller Götter Namen ist gestern bloß passiert?“. Vor ein paar Tagen endete seine Tournee über die sieben Kontinente seines Unterbewusstseins, dass er beschlossen hatte, ein paar Tage in diesem Hotel am Rande der Ewigkeit zu verbringen. Das er unter Entspannung verstand, sich einfach mit einem Berg voller Drogen, Alkohol und jungen Mädchen zu vergnügen, war kein offenes Geheimnis. Seiner Weltsicht zufolge diente es dem Suchen nach Inspirationen für seine Gedichte, die er größtenteils musengeschwängert in der Ekstase des Rausches aus sich selbst ausströmen ließ in den Flüssen des Verlangens der Quelle seiner Eingebungen. Seinem ausgesprochenen Hang für ambivalente Erotik kündeten einige Spielzeuge, die auf dem Boden zerstreut lagen, neben den leeren unzähligen Flaschen Rotwein und Absinth.

Ein Berg von zerrissenen Buchfragmenten und allerlei Zeitungsresten stapelten sich unorganisiert in willkührlicher Ordnung auf dem mit Klamotten übersättigten Fußboden. Die Totenkopfaschenbecher waren überlaufende Nikotingräber im Wurmbett des Todes. Ein Grab, was viel zu klein war, um die endlosen Zigaretten in sich aufzunehmen, dass sie wie überschüssige Reste über den Rand empor quollen, eingebettet und umhüllt von Aschenbergen verbrannter Momente.
Die unheilschwangere und dichte Luft stank nach einer Mischung aus Räucherwerk, Zigaretten, stinkenden Klamotten, Alkoholresten und Schweiß, in denen sich Spuren von Verfall und Verwesung abzeichnete.

„Was soll der ganze, verrückte Scheiß überhaupt?“

Es klopfte in der Penetranz eines unaufhörlichen Untergang, der sich langsam und stetig über ihn zusammenzog und ihn mitriss in ferne Ufer. Die Schimmer der goldenen Abenddämmerung malten den blauen Himmel in den Farben der Sehnsucht, in denen sich im Abendrot die Nacht abzeichnet.
Er hatte sich gestern mit seinen Bandkollegen und anderen Freaks in der Bar getroffen, um auf den großartigen Erfolg anzustoßen und zu feiern. Der Unterschied zwischen ihm und seinen Kollegen bestand darin, dass sie einfach Musik spielten während er sich die Musik und die Drogen als Lebenseinstellung gesucht hatte. Eine Philosophie, die sich versuchte, jeden Widerspruch zwischen Geist und Körper, zwischen Gott und Tier in einer unaussprechlichen Ekstase des Bewusstseins zu vereinen, was sich in Snakes Verehrung für die Schriften von Friedrich Nietzsche und die Poesie von William Blake und Artur Rimbaud ausdrückte. Ob sein konstanter Drang zur Übertreibung wirklich die Essenz war, die diese Geister in ihren Schriften heraufbeschworen, blieb offen. Das eben jene dionysische Anschauung, die sich versuchte, den Menschen in seiner ganzen Tief und Abgründigkeit nicht aus der allgegenwärtigen Schöpfung voller Lust, Ekstase, Verlangen sowie Tod, Verfall, Zerstörung auszuschließen sondern als fleischgewordener Gott sich zum Übermenschen zu erheben, der die Kraft hat, die Schöpfung selbst zu lenken und zu steuern. Die Kraft freigesetzter Energie in der Entfesselung tiefgründiger Gedanken, die sich wie ein wildes Biest durch die Welten fressen um sie als Traumfragmente im Spiegellabyrinth wieder als Kodexe in das Reptiliengehirn auszuscheißen. Symbolfragmente verschlüsselter Wahrheiten, die mit der größten Lüge Namens Gott in seiner Teufelsform vernetzt sind. Ein ewiges Drama was Leben bezeichnet wird. Ein Leben gleich einer Reise unter dem Mondlicht auf der ewigen Reise zu sich selbst, ohne sich je wirklich verloren zu haben. Und eine Reise unter eine goldenen Sonne in die ewige Morgendämmerung der Wiedergeburt im Leben selbst. Eine perfekte Voraussetzung für Pervercity. Menschlich, allzu menschlich ist die göttliche Anmaßung, sich alles herauszunehmen, was dem eigenen Empfinden und der eigenen Manifestation von Wünschen und Begierden nützlich ist. Die Wiedergeburt des Fleisches aus dem Feuer des Geistes.

Sich die Liebe, die Trauben in den Mund stecken
Den Mundraum erfüllen, mit Wonne beglücken
Zu kosten, den Trauben, des Honigs den Saft
Mit lächelnden Lippen sich heiter entzücken
Im Feuer der Liebe, die Blüte so zauberhaft

Sein aciddurchdrungenes Bewusstsein fühlte sich in dem Geschehen fast aufgelöst, wären nicht diese Attacken paranoider Gedankengänge, die ihn immer wieder telepathisch überfluteten. Das Zimmer, was vor ein paar Tagen ein Inbegriff strenger Ordnung war, hatte sich im Taumeltanz seiner Exzesse in eine polymorph perverse Bruststädte niederer Instinkte verwandelt, die durchdrungen war vom Charme morbider Süße. Der Totenkopf auf seiner Kommode starrte grinsend in die unaussprechliche Leere als würde er das nackte Geheimnis entblößen. Der blutverschmierte Slip entzog sich vollkommen seiner Einschätzung. Vielleicht solle er einfach mal ein wenig aufräumen. Gegen die Fluten von telepathischen Einströmungen wusste er keinen Rat. Er kannte das Phänomen schon länger, doch seitdem er hier an diesem Ort war, hatte es sich fast ins unermessliche potenziert.

Es klopfte. Er glaubte jedesmal, die Wände würden näher rücken um ihn zu zerquetschen. Dass er sich seit Tagen in einem Strudel von formverändernden Mustern seiner Objektwahrnehmung befand, daran hatte er sich gewöhnt. Farben, die wie flüssiges Öl überall um in herum regenbogengleich und leuchtinnig und farbverstärkt flossen. Muster, deren Strukturen sich permanent in andere Muster fließend verwandeln in allen Oberflächen, die sich wölbten als würden sie atmen. Wie eine große und alte, machtvolle Schlange, die sich in allem windet, erschienen ihm die Wände des Raumes, in denen er immer wieder das Gefühl hatte, als würden brennende Augen ihn anstarren.

Ein Flatscreenfernseher stand in der Mitte des Zimmers. Snake zappte wie vom Teufel gejagt dauernd zwischen den Sendern herum. In jedem Kanal erschien immer wieder nach ein paar Sekunden ein immergleicher Spot, in dem eine junge Frau mit roten Haaren in einer eigentümlich verruchten Stimme zu jazziger Musik sang. Er war völlig fertig und stellte sich Fragen, ob es nicht vielleicht mit seinem Lebensstil läge. Immer wieder dieser seltsame Clip, der unmöglich von einem Musiksender entspringen konnte. Snake beschlich das ungewisse Gefühl, dass die junge Sängerin immerwährend ihn beim Singen anstarrte. Sie sang ein skurriles Lied, in dem immer wieder zwischen den Strophen das Wort Underperception in beschwörend vulgärer Samtheit vernehmbar war. Und draußen, außerhalb des Fensters funkelte ein Meer von leuchtenden Sternen, die sich aus der schwarz der Nacht herausschälten. Juwelen unbestimmter Sehnsucht, deren Pulsieren sich durch die Dunkelheit einer Mondnacht den Leib der allgebährenden Göttin ein altes Lied zu singen schienen, eine Melodie, die sich über dem großen Meer als Spiegelbild im Bildermeer abzeichnete. Und immer wieder dieses Pulsieren, was sich kribbelnd über seine Körper in Wellen ausdrückte. Ein Kribbeln, was sich durch seine Chakren durchschlängelte wie ein antike Schlange in der Beschwörung uralter Geheimnisse, die verborgen der Eitelkeit im Herzen der Welt vergraben waren.

„Wer ist da?“, schrie er laut in den Raum hinein. Keine Antwort. Dann ging er zur Tür und öffnete sie. Zwei junge Damen in Reizwäsche. Eine trug einen schwarzen Minirock, eine andere trug eine blutrotfarbenen Seidenkimono. Sie waren leicht angetrunken und kicherten. Eine davon war eine junge Japanerin, die ihn gestern besucht hatte. Sie hatte eine blutschwarzrote Seidenrose in ihrem Haar eingeflochten. Sie machte einen Knicks und presste die Knie aneinander.
„Wir müssen dringend weg von hier, was hier gestern passierte“, sagten sie grinsend und stürmten zielstrebig auf seine Badezimmer, knallten die Tür zu.
„Wir müssen mal ganz dringend, Süßer, sei uns bitte nicht böse“, hauchte ihm die ältere von beiden entgegen. „Komm schon, Süßer, du weißt ja gar nicht, wie viele von uns Bescheid wissen.“

Er runzelte die Stirn und nahm es wortlos zur Kenntnis. Was auch immer die beiden dabei dachten, blieb schleierhaft. Von inneren des Badezimmers hörte man das Geräusch der strömenden Dusche, in denen sich immer wieder die wonnigen Klänge wollüstiger Begeisterung einwoben. Klänge, die wie aus einer anderen Welt zu kommen schienen. Je mehr er sich auf klanglichen Ausgeburten dieser Lust konzentrierte, desto mehr erschien ihm das Ganze befremdlich, arschgehurte Mundgeburten, surreal, auf bestimmte Art und Weise reptilienhaft. Immer wieder fiel er in eine Wachtrance, aus der sein Unterbewusstsein ihn mit Bildern speiste. Und immer wieder resonierte sein Geist mit eigenwilligen Quellen, die ihn telepathisch kontaktierten. Die beiden Frauen im Badezimmer schienen eine der Quellen zu sein, von denen Bilder einer entsetzlichen und obskuren Welt ausgingen. Eine Welt, die ihn keinem Buch zu finden war. Bilder, die sich zu geistigen Filmen verdichteten, die sein Bewusstsein befangen hatten und in auf eine Reise mitnahmen. Immer wieder sah er Szenen voller morbider Schönheit und abscheulicher Abgrundhaftigkeit in den Blütestadien des Verfalls. Küsse voller Süße voller Schlamm, in denen sich Juwelen funkeln wenn es dem Liebenden zückt in den Farben der Begierde auf eine Welt unterhalb der Tagseite des Seine. Eine Welt des dunklen Mond, die selbst dem großen Meer ein ewiges Geheimnis ist.

Nach Tagen des Rausches hatten sich die Kategorien seiner Anschauung ein wenig in der Achse des Gewohnten verschoben. Er legte sich wieder auf sein Bett. Ihm kam es so vor, als hätte er vollkommen den Überblick über das Geschehen verloren. Von Einflüssen überflutet, die sich im Wechselspiel der drogenspezifischen Eingebungen, suchte er seinen Bezug zu dem Ganzen aufzubauen erstellte er sich eine Playlist auf seinem PC mit Thrash-Metal der härteren Gangart.

Und feuchter Wind weht allen Graben
Dienend der Schönheit die Rosenglut
Den Rippen der Bäume sitzen Raben
Im Samte dem Roten mit Feuerblut

„Was ist gestern passiert?“, fragte er sich immer und wieder. Das hier in diesem Hotel es gestern zu einem Mord gekommen ist, war schlimm genug. Viel schlimmer war die Tatsache, dass er es vielleicht ein wenig mit den Drogen übertrieben hatte. Er wusste beim besten Willen nicht mehr, wieviel Koks, wieviel Speed und wieviel MDMA er die ganze Zeit in sich hineingestopft hatte. Über die LSD-Trips hatte er eh den Überblick verloren, da er sie wie Smarties zu sich nahm. Von dem Ketamin ganz zu schweigen. Seine Kollegen und Freunde wussten um seinen ausgesprochenen Hang zur inszinierten Übertreibung und seine Eigenheit, in gewissen Grenzstadien der Ekstase einen überaus präsenten Hang zur Unstillbarkeit und Maßlosigkeit zu zelebrieren.

Wogen der Hitze schossen durch seinen Körper, dass er beschloss, seine hautenge Lederhose mit einem luftigen, blauen Wickelrock zu tauschen. Außerdem hatte er nach ein paar hammerharten Metalsongs keinen Bock mehr auf diese Musik, dass er sich für progressive Housemukke entschied. Beschwingt tanzte er durch das Zimmer, nahm eine Ecstasypille und spülte sie mit einem Schluck Sekt herunter. Er fragte sich, was es wohl mit den beiden auf sich hatte , die unverblühmt in das Hotelzimmer gestürmt kamen. Seine Tür stand für jeden offen, der Lust hatte, mit ihm ein wenig Spaß zu haben. Seit Tagen war es ein einziges Durchgangszimmer für die Freunde des ausgedehnten Nachtlebens.

Snake wusste im Grunde immer noch nicht, wo er sich genau aufhielt. Die Musik war beendet, die Lichter gingen aus als dieser merkwürdige Typ erschien. Er trug braunen Trenchcoat und einen Humphrey Bogart Hut und empfahl ihm und seinen Kollegen ein Hotel der besonderen Art. Verrucht, schräg, edel, zwielichtig, amourös, glamourös hatte ihnen der Mann versprochen. Das Hotel am Rande des Nirgendwo trug den seltsamen Namen: „The bad Cave, the last Hope on lost highway.”

“Some are born the sweet delight on the ride to the other side”, hauchte die samtschwarze Stimme in ihm in der beschwörenden Betörung eines süßen Sommerweines.

Sie würden ihren Aufenthalt mit Sicherheit nicht bereuen hatte er ihnen versprochen. Die Fahrt glich einem Trip in eine seltsame Zwischenwelt, die von einem befremdlichen Unterweltcharakter gezeichnet war. Keine Ahnung, wie viel Zeit zerfloss, als sie den verregneten Highway ins Nirgendwo fuhren. Ihn beschlich das Gefühl, in eine unbekannte Welt zu fahren. Schon auf der Abfahrt nahm er die starke Resonanz für telepathische Empfindsamkeit wahr. Wie ein unsichtbares Kraftfeld, was die Luft zu magnetisieren schien, nährte es seine Wahrnehmung mit jenem unbestimmten Kribbeln, das sich an seinem ganzen Körper entlang schlängelte wie eine nackte Schlange. „Hey, Leute, ist doch einfach ein großer Joke, Freunde, take it easy, habt Mut zum ungewöhnlichen“. Schon auf der Fahrt konsumierten sie einige verführerische Pülverchen und genehmigten sich den einen oder anderen Trip. Ein Gefühl, wie ob man die Wirklichkeit wie in einem großen Tunnel durchfahren würde, doch wo lag das Ziel. Wartete am Ende der Reise das wahre Leben in der Wahrheit oder doch nur der Tod, dessen kalter Schnitt ins Herz das Leben vom Leben trennt um eine offene Wunde zu lassen, in dem das Nichts wuchert. Als wäre das Leben selbst eine einzige, irrwitzige Reise durch die Annehmbarkeit und Ablehnung, deren Süße gleich einem Kuss der Göttin glich.

Das Hotel schien am Rande des Nirgendwo zu stehen an einem Ort, der den Kindern eine Warnung war, ihn niemals bei wachen Verstand aufzusuchen. Ein silberner Mond an der Schwelle zum Vollmond in einer grauen Wolkenschicht, die ab und an aufriss wie das Maul eines Biestes. Ein Hotel für die Kinder der Nacht, die auf den Weltmeeren des Unterbewusstseins verloren in der Finsternis träumend auf der Suche nach der goldenen Morgenröte. Im Hotel nahmen sie erst einmal einen Drink an der riesigen Bar, die von vielen Lichtern erhellt wurde. Die Bar hatte den Charakter eines klassischen Salons. Viele runde Tische standen herum, an denen Sessel gruppiert waren, wo zahlreiche Gäste saßen, die genüsslich an ihren Drinks nippten. Merkwürdige Gestalten, die wirkten, als wären sie aus irgendwelchen klassischen Filmen entsprungen. Aufreizende Damen in Ballkleidern, prachtvoll geschmückt, kicherten und tranken aufreizend ihre Cocktails. Andere hackten auf Tischen die verräterischen Pulverchen um sie zu schmalen Linien zu ordnen, die gierig in ihren Nasen verschwunden. Die meisten Männer trugen einen Hemden mit Jackets.

Goldenes Licht umhüllte das Geschehen. Frauen in hübschen Kleidern, die ihre einladenden Titten betonten, bedienten sie lächelnd. Immer wieder hörte man ein Kichern im vergnügten Tonfall der Begeisterung. Snake nickte seinen Kollegen zu, sich erst einmal einen Drink zu genehmigen. Der Mann mit dem Trenchcoat, dessen vernarbtes Gesicht in Furchen den Eindruck voller durchzechter Nächte zeigte, nickte nur als sie zusammen ihren ersten Absinth anstießen. Die grüne Fee, das Elixier der nächtlichen Entzückung, leuchtete verführerisch im kräftigen opalen Grün, was vom goldenen Licht des Raumes durchfunkelt wurde. Snake schwenkten sein Kelch wie als ob er ihr ihm Geheimnis entlocken wollte. Es war eine großartige Idee, Absinth mit Champagner zu vermischen, ein überaus literarischer Cocktail für die Freunde nächtlicher Entzückung im Schleiertanz. Die Perlen im Glas tanzten wie Feen der Glückseligkeit im grünen Bad, was von goldenem Licht verzaubert war. In der Hingabe eines Liebhaber zündete er den Zuckerwürfel mit einem Streichholz an und ließ ihn langsam karamellisieren bis die braune, süßliche Melange langsam in den grünen Zauber tropfte, den er danach mit Wasser in jenen verräterischen milchig grünen Tonfall verwandelte. Auf die Idee, pures MDMA dort einzustreuen, konnte nur Snake kommen. „Wenn ich schon mit der grünen Fee tanze, dass soll es in Liebe geschehen“, sagte er und kippte alles auf Ex herunter.

„An Freuden soll es euch nicht mangeln, meine Freunde. Wir haben hier alles, was ihr wollt. Drogen, Frauen, Mädchen, Musik“, sagte er, seine Augen glänzten wie ein Raubtier, was auf der Jagd ist.

Und an all dem mangelte es die nächsten Tage und Nächte nicht. Zufälligerweise waren zur selben Zeit zwei andere befreundete Bands im Hotel, die auf ähnliche Art und Weise von einem Konzert abgeholt wurden. Dass sich jenes in eine namenlose Ausschweifung entpuppen würde konnte bis dahin keiner ahnen. Die Stunden flossen dahin wie sich Wassertropfen im Meer auflösen zu einem ewig fortlaufenden Spiel der Momente als gäbe es niemals einen Morgen und hätte niemals ein gestern gegeben. Nach Tagen konsequenter und folgerichtiger Übertreibung spielte nichts mehr eine besondere Rolle. Artur Rimbaud sagte einmal, dass ein wahrer Dichter erst in der konsequenten Desillusionierung aller Sinne in den Zustand visionärer Wahrnehmung sich versetzen könne, in dem ihm die Verse wie von unsichtbaren Flügeln eingegeben, sich ekstatisch und wild zu Papier bringen.

Normalerweise stellte so etwas keine sonderliche Angelegenheit dar. Doch jene Eskapade schleuderte ihn in Gefilde, die ihm bis dato nicht erschlossen waren. Ausgerechnet jene Frau Namens Barbara, die mit der er in Pervercity unterwegs war, steigerte sich die Intensität ins Unergründliche, als sie in diese namenlose Schwärze im Herzen der Ekstase eindrangen. Seine Freunde hatten ihn gestern verlassen. Er hatte keinen Plan davon, was alles so die letzten Tage im einzelnen passierte. Doch als es zu diesem Mord in diesem einen Zimmer kam, stand alles auf Kopf. Wer sollte ein Interesse daran, jemand hier einfach kaltblütig umzubringen?

Er lief in seinen Zimmer auf und ab und tanzte zu den elektronischen Klängen. Immer wieder flossen die Wahrnehmungsmuster zu tanzenden Farbspielen, die sich aus den Formen herausschälten. Er musste aufpassen, dass er nicht über die ganzen verstreuten Objekte stolperte. Irgendwann überkam ihm das zwingende Gefühl sich auf dem Klo zu entleeren. Mit einer Mischung aus Neugierde und Instinkt öffnete er die Tür, was auch immer sich im Badezimmer abspielen würde.

Ein atemloser Schreck durchfuhr ihn als er sah, dass die beiden Frauen wie vom Erdboden verschluckt waren. Der Raum war leer. Die Luft hatte den eigenartigen Charakter einer unaussprechlichen Rätselhaftigkeit. Wo waren diese beiden Frauen hin, die in das Zimmer eingedrungen waren. Auf dem Boden lagen zwei Slips und ein großer, rabenschwarzer Dildo, der mit rotbraunen Spuren beschmiert war. Er nahm den Fetisch in seine Hand und betrachtete ihn gründlich in seine Hand. Schwarzer Glanz leuchtete in seiner dunklen Obsidianoberfläche, die mit funkelnden Bergkristallen bestückt war. Sein eindrucksvoller Charakter wurde durch seine Größe offenbar, die die Frage aufwarf, welches Loch wohl groß genug sei, um eine Entsprechung zu finden.

Der Klodeckel stand offen. „Was soll der Scheiß bloß“, fragte er sich immer und immer wieder. Im Klowasser schwamm eine blutrote Seidenrose.
Auf der Kommode entdeckte eine Lederhandtasche, die er durchwühlte. Neben den üblichen Accessoires junger Damen entdeckte er ein Bild. Das Bild zeigte eine junge Dame mit roten, lockigen Haaren, die ihn an etwas erinnerte. Sein Geist wühlte in seinen Erinnerungen, doch er fand keine Schlüssel, um sich daraus einen Reim zu machen. Immer wieder kamen ihm Bilder einer seltsamen und obskuren Welt in den Sinn, die ihm auf seltsame Art vertraut schien, obwohl er keine Ahnung hatte, wo sich die Welt bewegte. Dass es Dinge zwischen Himmel und Hölle gibt, die sich dem üblichen Verstehen entgegensetzten, war ihm vertraut. Seitdem er sich erinnern konnte, trug die er die Gabe des Traumreisens in sich selbst. Immer wieder vermischten sich die Eindrücke verschiedener Ebenen mit seinen Alltagsebenen.

Es klopfte wieder. „Nicht wieder, nein, wer weiß, was für eine kranke Scheiße ist das jetzt wieder.“
Er riss die Tür auf. Draußen stand ein Kollege. Mit seinen langen Haaren und seiner Sonnenbrille sah er aus wie das Klischee eines Rockstar.
„Hey, Alter, was geht ab, immer noch wach“, stürmte er los.
„Klar, keine Ahnung, kann auch nicht schlafen. Das ganze Zeugs haut tierisch rein. Komm doch rein, willste was trinken?“
„Cool, da sag ich nicht nein“
Beide machten sich an der kleinen Minibar zu schaffen und stimmten in ein ausschweifendes Gespräch über die letzten Tage an. Sie unterhielten sich über die üblichen Themen wie Frauen, Musik, Drogen, Konzerte.
„Sag mal, Snake, hast du manchmal auch so komisches Gefühl hier. Ich meine das Hotel, irgendetwas stimmt hier nicht.“
Snake schaute ihn an, sein Blick bohrte sich durch die Gläser der Sonnenbrille während er an diese beiden Frauen dachte, die spurlos verschwunden waren.
„Keine Ahnung, ich finds schon ziemlich cool hier. Der Laden hat echt Stil.“
„Hey, Mann, das dachte ich auch, doch irgendwie ist hier was echt nicht in Ordnung. Meine, der Mord ist schon schlimm genug. Der arme Roomboy tut mir echt leid. Einfach jemanden blutrünstig im Fahrstuhl zu enthaupten ist echt kein Spaß.“
„Oh Mann, du hast echt das Talent einen runterziehen zu müssen.“
„Das hat nichts mit runterziehen zu tun. Du weißt ja gar nicht, was mir heute passiert ist“, sagte der Typ hysterisch aufgebracht.
„Naja, schlimmer als zwei Frauen, die spurlos im eigenen Badezimmer verschwinden, kann es wohl auch nicht“, entgegnete Snake lakonisch und zündete sich eine Zigarette an.
Der Typ geriet förmlich außer sich und schrie völlig entgeistert herum.
„Was, zwei Frauen, die spurlos verschwinden. Ich glaube, ich spinne. Weißt du, was mir heute passiert ist. Ich komme von der Bar, gehe in mein Zimmer, einfach ein bisschen chillen und verspüre das unmissverständliche Verlangen meine Blase zu entleeren. Gehe ins Badezimmer und du wirst nicht glauben, was ich dort gesehen habe?“
„Naja, vermutlich eine Badewanne und ein Klo und ein paar alte Socken von dir, die du schon seit Tagen vergessen hast zu waschen.“
„Snake, mir ist nicht nach dummen Scherzen zumute. Wenn du in deinem Badezimmer zwei junge Frauen siehst, die sich in einer Art und Weise vergnügen, dass man nur bleich werden kann, dann ist einem nicht mehr nach Lachen und dummen Scherzen zumute“, schrie der Typ, dessen Namen im Rausch der Selbstvergessenheit schon vergessen hatte, bevor er sich ihn überhaupt merken konnte.
„Komm, die eine hat die andere mit dem Duschschlauch gefesselt und sie gezwungen, das Vater Unser zu beten.“
„Vergiss es, Snake, schenke mir lieber noch einen ein, bevor ich vollkommen den Nerv verliere.“
Snake hatte schon längst den Überblick verloren. Neben den Ereignissen der letzten Tage, die noch unverdaut als Resterinnerung in seinem Unterbewusstsein ihm auf der Lauer lagen verspürt er überhaupt keine Lust, sich mehr als notwendig mit den Problemen anderer Menschen zu beschäftigen. Seine Wahrnehmung, die aus regenbogenfarbenen Farbmustern bestand, die sich in schlangenförmigen Mustern in einem Meer von Spiralen bewegte, ließen ihn alles, was länger als ein paar Momente Bestand hatte, völlig im Nichts zerfließen. Muster, deren fein-stoffliche Prägung sich in mehreren sich überlappenden Ebenen mit den Konturen der materiellen Erscheinung vermischt zu einem wilden Farbenspiel in der Ekstase der Wahrnehmung
„Komm schon, bevor du restlos hier den Verstand verlierst zeige ich mal, was mir heute passiert“, sagte Snake und deutete ihm mit einem Glas Sekt an, dem Gast in das Badezimmer zu folgen. Dort zeigte er ihm die Seidenrose im Klo und verräterisch glitzernden Obsidiandildo.
„Ich hab keine Ahnung, was hier los ist. Die beiden Frauen stürmen in mein Zimmer, verschwinden in meinem Badezimmer und ein paar Momente sind sie verschwunden, bis auf die seltsamen Objekte, die von ihnen übriggeblieben sind.
Der Typ nahm das Objekt in seine Hand und lachte hysterisch.
„Snake, so einen makabren Scherz kannst nur du dir erlauben. Keine Ahnung, was du dir wieder so gegeben hast, doch das ergibt ja überhaupt keinen Sinn.“
Das schwarze Objekt faszinierte den Typen.
„Ich möchte wissen, was das für Frauen sind, die du mit so einem steilen Teil hier im Bad bearbeitet hast?“
„Mann, ich hab nichts gemacht, die kamen einfach hier reingelaufen und sind verschwunden. Glaubst du, ich will dich verarschen?“
„Du bist einfach völlig durch, Snake, seit Tagen feierst du dich selbst. Die Tür steht immer auf, Leute kommen und gehen und du stellst dich an wegen zwei Frauen, die mal auf dein stilles Örtchen wollen.“
„Du hast doch angefangen, nicht ich. Weiß immer noch nicht, was du mir sagen willst mit deinen seltsamen zwei Frauen.“
„Ach ja, ein Snake stellt sich an wegen zwei jungen Dingern, die plötzlich verschwinden und ich, der bemerkt, dass sich zwei Frauen auf einmal in seinem Badezimmer aufhalten ohne das dort hineingegangen sind soll völlig logisch und nachvollziehbar sein“, schrie der Typ zurück.
Snake drückte wieder die Fernbedienung, doch sein Bemühen, die seltsame rothaarige Frau im Fernsehen wegzuklicken, scheiterte wie immer. Von den Erdnussflips, die er verspeiste, erwartete er Erleichterung als er sie im irrwitzigen Tempo in sich hineinstopfte.
„Mal im Ernst. Zwei Frauen, die verschwinden und zwei Frauen, die irgendwo einfach so auftauchen. Kann es nicht sein, dass es da einen Zusammenhang“, fragte er den Typ laut.
„Nun, was rein irgendwie rein geht, muss auch irgendwo wieder raus. Wie sollen zwei junge Frauen denn im Klo verschwinden und in einem anderen Zimmer wieder herauskommen. Ich kann mir viel vorstellen, doch das gibt es einfach nicht“, sagte Snake Stirn runzelnd. Immer wieder kamen ihm die Erinnerungen an die beiden hoch, an die seltsamen, echsenhaften, lustverzerrten Geräusche aus dem Badezimmer.
„Was haben die beiden denn verrücktes gemacht“, wollte er wissen. „Und erzähl mir nichts von irgendwelchen seltsamen Fetischen.“
„Mit Sicherheit werde ich dir nichts davon erzählen, wenn zwei hübsche Frauen sich im Badezimmer vergnügen und sich zu sonst etwas hinreißen lassen.“
„Lass mal, ich will es gar nicht mehr wissen, genug von diesen Stories. Ich brauch mal ein bisschen Entspannung.“
„Das würde ich auch sagen. Du solltest echt mal was ruhiger treten. Ich weiß nicht, was du die letzten Tage hier alles gemacht hast, doch damit hast du dir nicht unbedingt Freunde gemacht.“
„Erzähl mir bitte mehr, ich hab wohl ein wenig den Überblick verloren.“
„Sag mal, Kumpel, hast du vielleicht ein paar Gewürzgurken für mich?“
„Gewürzgurken?“
„Genau, ich hab eine Schwäche dafür.“
„Sorry, damit kann ich dir nicht dienen, Wie wäre es mit Quarktaschen?“
„Quarktaschen? Auch gut, sind zwar keine Gurken, aber her damit.“
Snake besorgte seinem eigentümlichen Gast diese augenblicklich. Jener stopfte sie schmatzend in sich hinein und fuhr mit dem Thema fort:
„Den Überblick verloren nennst du das. Es spricht ja nichts dagegen, ein wenig sich an den verbotenen Früchte zu bedienen, doch als die paar jungen Damen hier erschienen ist es echt total ausgeufert.“

Snake war ganz in sich versunken, nippte an seinem Glas und schwieg. Sein Versuch, im Schleier des Vergessens nach Spuren zu suchen, endeten jedesmal bei einer handvoll Bilder, die zusammenhangslos in Fragmenten zersplittert die Membran seiner Erinnerung berührte. Er wusste, er war im Geheimnis der Stadt unterwegs mit einer Frau, doch was er genau dort gesucht hatte, konnte er nicht mehr in seinem benebelten Trancezustand rekonstruieren. Selbst seine oft präsente Empfindsamkeit für telepathische Anregungen und Schlüssel, verlor sich in dieser Sintflut an inneren Eindrücken und Worten. Das einzige, was er auf irgendeine absonderliche Art und Weise in sich wusste war die Ungewissheit, dort etwas unfassbares gemacht zu haben, was sich auf die Struktur im Traumgewebe der Synthese auswirkte.
Stadt ferne Träume, Echsen, grün, ein Dschungel, ein Pyramide und immer, immer wieder dieser Ort, keine Form, ein Loch, was Finsternis öffnet, dann, ein Tropfen, tropft auf Wasser, wilde Bilder, tausend Bilder, sie, die eine, der Ort, den niemand sehen darf und er, das ungestüme, weitaus ungebremste, dort, wo nichts mehr bleibt außer ewigem Rest an Resten, dann wieder, holographischer Irrsinn, viele Formen, die aus vielen sich hervorbringen, ein Universum neben Millionen und doch Millionen in einem, und überall, diese Fäden, Netzkabel des Unwertigen, Saugekabel der Leere und über wieder Würmer, ein Aufplatzen und dann die eine, wie sie wühlt, sich durchwühlt und er, Bilder der Kindheit, Bilder der Bühnengewalt, Bilder aus vielen Zeiten und keine Ordnung.


„Sag mal, was ist das für ein seltsamer Typ, der uns hier hingebracht hat“, fragte der Typ mit den langen Haaren, der inzwischen seine Sonnenbrille abgenommen hatte.
„Keine Ahnung, der war einfach dort und hat uns auf eine kleine Privatpartie eingeladen. Wir haben uns gar nichts dabei gedacht.“
„Genau wie bei uns. Im Grunde hab ich als Bassist der Purpur-Mushroom-Invasion kaum etwas mit großen Exzessen zu tun. Hab eh keinen Bock auf altertümliche Rockstarklischees. Doch was hier so passierte, Mann.“
„Ich finds geil, die ganzen kleinen und dummen Idioten mit ein wenig Show zu verpeilen, zu entsetzen und zu begeistern, jeder sucht hier seinen wahren Willen.“
„Und dein wahrer Wille ist es, Drogen zu nehmen, sich wie ein Arschloch zu verhalten und Spuren der Verwüstung hinter sich zu lassen Snake?“
„Vergiss es, Typ, du wirst es nicht verstehen. Der wahre Wille eines Menschen liegt nicht in altertümlichen Moralvorstellungen eingemauert sondern in dem grenzenlosen Ausleben und Manifestieren seiner eigenen Möglichkeiten.“
„Um alles in der Welt auf Teufel komm raus?
„Die Welt, du meinst, die oberflächliche, reduzierte Welt der Dinge, die wir glauben, aufgrund von Konturen in Begriffe und Formeln fassen zu können oder die Welt dahinter?“
„Ich meine, die Welt, in der wir mit anderen zusammen leben“
„Glaubst du wirklich, die meisten Menschen würden wissen, dass sie leben?“
„Nun, vermutlich sieht eine Welt voller Leichen was knochiger aus“, lachte er Typ wie ein wiehernder Gaul im Wüstenstaub einer endlosen Trockenwüste.
Snake lachte hintergründig und nahm einen weiteren, kräftigen Schluck Whisky zu sich.
„Naja, manchmal ist das Leben doch nichts anderes wie eine immerwährende Reise in den Tod. Von Leben zu Leben, von Tod zu Tod.“
Beide lachten und schauten sich lange tief in die Augen.
Snake durchbrach die bedrohliche Stille, die sich wie eine Schlange um ihr Bewusstsein legte um alles in sich einzuschlingen drohte.
„Was ist schon der menschliche Wille, mein Freund. Eine Summe verschiedener Instinkte und Reflexe, Programme und Angewohnheiten, die sich im Furzgeblähe Namens Ego zusammenschustern zu der eigentümlichen Vorstellung, man habe ein ICH. Ein ICH, was einen dauernd verarschen und bescheißen will.“
„Naja, rücksichtslose Egomanie ist wohl auch nicht die Lösung“, konterte der Typ und biss sich auf die Lippe, als würde es ihm peinlich sein, eine solche Aussage zu treffen.
„Was heißt hier Egomanie. Ich bin nichts anderes als ein großer, durchgeknallter Narr mit einem Schwanz und einem Arschloch. Ein Arsch von einem Tier, der sich seiner eigenen Göttlichkeit bewusst ist. Und was Moral betrifft, scheißegal. Die Menschen sind so verfangen in ihren Beschränkungen ihrer Vorstellungen von Gut und Böse“.
„Und was ist gut und was ist böse?“
„The evil is just another part of this fucking game.”
Snake lachte und fuchtelte mit seiner Hand in der Luft als würden sie auf magnetischen Linie pulsieren, die dem Tanz einer Schlange glich.
„Was willst du machen, ewig den leidenden Opferprinzen spielen oder endlich das Leben deinen Vorstellungen gemäß gestalten. Und außerdem“, grinste er.
„Wer weiß schon, wer wir hier in Wahrheit sind. Vor allen Dingen, wo wir hier in Wahrheit sind und was die ganze Show überhaupt soll.“
„Was bleibt zu tun?“
„Feiern, Spaß haben, Drogen, Sex, Musik, Lust, Rausch, Ekstase, alles, was das Herz in Wahrheit. Und natürlich Liebe, unendliche Liebe zu allem.“
„Als wäre die Welt eine einzige Partie willst du sagen.“
„Nun, poetischer ausgedrückt, das Welt ist eine Feier deiner eigenen Glückseligkeit, wo alle mit dir tanzen und dir zu Füßen liegen.“
„Eine ziemlich mystisch Beschreibung von Crowley, was?“
„Nun, ich denke, keiner hat diese Schriften wirklich verstanden.
„Glaubst du, dass Crowley seine eigenen Schriften verstanden hat?“
„Die Zeit war noch nicht bereit für ihn. Oder wie Nietzsche sagte, erst kommt der Untergang, der Verfall und danach beginnt das neue, das Große und unbeschreibliche.“
Beide unterhielten sich noch eine Weile über Magie, Crowley und die Vorzüge eines exzessiven Lebens, wobei der Typ eher eine kritische Haltung einnahm während Snake eher einen gegenteiligen Anspruch vertrat.

its just the night of love
just another way to love
with kisses of desire
without doubt of sin
with blood of fire
without loose of win


„Was hat es eigentlich mit diesem seltsamen Hotel in Wahrheit auf sich“, fragte der Typ einen leicht genervten Snake. „Das mit den Frauen ist schon echt seltsam. Und mit dem seltsamen Morden ebenfalls. Ich weiß echt nicht, was es sich mit dem Hotel so auf sich hat.“
„Weiß nicht, der Typ, der uns hier hingefahren Ort, ist irgendwie eigenartig.“
Snake wusste, was der andere sagte. Im Hotel passierten immer wieder seltsame Eigenarten, auf die er sich keinen Raum machen konnte. Er wusste immer noch, was kürzlich in der Bar unten passierte. Einer der zahlreichen Blackouts, wo sich sein Bewusstsein verdunkelte als würde er in einen tiefen Froschbrunnen stürzen, wo nur noch sein ES aus ihm heraus spricht. Frei, ungewiss, unbestimmt und unbewusst sein im großen, weiten Meer des Unbewusstseins wie ein Pirat auf der Suche nach immer neuem Rausch und Abenteuern. Immer wieder warfen ihm danach einige Gäste einen missbilligenden Blick zu. Ein Hotel, über dem der silberne Mond niemals müde zu werden scheint. Ein tiefer Mond, der seine Kinder zu sich ruft durch die Schatten und Winde der Sehnsucht wie Geister in Nebel gehüllt, aus denen sich die Sinne trinken.
Beide bemerkte erst jetzt, wie benommen sie von den Drinks und den anderen Ingredienzien geworden waren. Chillige elektronische Musik hüllte das polymorphe Chaos im Zimmer in einen Hauch Unberührtheit, alles zu vermeiden, überhaupt Ordnung hineinzubringen.

Der Typ, der ganz versunken in seinen Drink schaut, sagte plötzlich:
„Weißt du, was noch seltsamer ist als die seltsamen Frauen und Gäste. Hast du dir mal die Mühe gemacht, die Gänge des Flurs ein wenig zu erkunden?“
Snake schüttelte den Kopf
„Mann, irgendetwas stimmt mit den Zimmern nicht. Es scheint, das sich über Nacht immer die Nummern einzelne Flurpassagen vertauschen. Anfangs dachte ich noch, ich würde einen Film fahren oder hätte Hallus, doch das kann es auch nicht sein.“
„Was soll denn nicht stimmen?“
„Die Anordnungen stimmen nicht. Üblicherweise folgen die Zahlen einer logischen, aufsteigenden Reihe ohne Ausnahmen.“
Snake schüttelte sich und brüllte:
„Wenn du jetzt sagst, ich würde nicht mehr auf Zimmer 333 schlafen, werde ich alles, was ich hier noch an Drogen habe, komplett vertilgen und aus dem Fenster springen.“
Er stand auf und raste zur Tür, öffnete sie. Wie eine feuriges Brandmal in goldenen Zeichen prangte er Zahl an der Außenseite seiner Tür. Beiden stand der Schreck in den Augen als sie beide im gleichen Momente die Zahl sahen.

666

Sechshundert sechsundsechzig schoss es ihnen durch den Kopf und beide schüttelten den Kopf. „Was soll der ganze Scheiß eigentlich hier?“, fragte Snake den Typen. „Hast du dich eigentlich mal gefragt, ob nicht mehr etwas seltsames passieren könnte. In Filmen wird immer so gerne eine Riesenshow aus allem gemacht, doch die Realität sieht oft langweilig dagegen aus. Snake grinste diabolisch in sich hinein, sich bemühend, keinen Gedanken über Pervercity zu verlieren. Plötzlich knallte die Tür ohne erkennbaren Grund zu.
Dann klopfte es. Es hörte sich in seiner minutenlangen Wiederholung wie ein die Trommel eines altertümlichen Rituals an. Oder der Versuch, einen geheimen Code zu knacken. Die beiden saßen wie in einem Totenkerker gefesselt, erstarrt an der Minibar und verloren kein einziges Wort. Irgendwann öffnete Snake die Tür. Auf der Tür stand gar keine Zahl mehr sondern ein Zeichen, eine Sigille, ein Symbol aus den Untiefen einer magischen Welt der Sinnbilder. Doch einen Reim konnte er sich nicht darauf machen, denn ihre Strukturen schienen keinem bekannten System zu entspringen.

„Sweetheart“, hörte er eine überaus vulgär anmutende Stimme aus dem Flur.
„Meine Freundin hat schon viel von dir gehört. Sie kann es kaum erwarten, dich endlich mal kennenzulernen“
Er kniff seine Augen zusammen und fragte lakonisch:
„Und mit wem habe ich die Ehre?“
„Ein besonderer Gast des Hauses, die Mädels sind begeistert und wir auch“, fuhr ein markante männliche Stimme dazwischen. Erst jetzt erkannte er die junge Dame mit den lockigen braunen Haaren, die in einem überaus sinnlichen Latex-Dress und High-Heels wie eine Spinne wirkte. Sie leckte sich mit ihrer Zungenspitze ihre blutrot geschminkten Lippen. Daneben stand der Mann, der sie von dem Konzert abgeholt und zu dem Hotel geführt hatte. Snake wusste nicht, ob er bei dem Anblick mit Schrecken, Staunen oder subtiler Erregung reagieren sollte. Er entschied sich für die letztere Reaktion. Der Mann trug einen schwarzen BH, Netzstrümpfe, ein feminin wirkendes Kleid, hatte schwarz lackierte Fingernägel, rote Lippen und lachte laut. Der maskuline Tonfall dessen passte in keinster Art und Weise zu seinem Äußeren.

„Nun, Sir, wir haben schon viel von ihnen gehört. Unsere gute Freundin in Pervercity hat uns schon einiges von Ihnen erzählt. Sie sind mir vielleicht eine Nummer hier. Raffiniert, Junge, ich mag Jungen mit Stil und erzählen sie mir nicht, das dir das deine Mama beigebracht hat.“
„Mister Burden würde sich sehr freuen, wenn wir kurz zusammen gemeinsam verschwinden um uns ein wenig zu vergnügen“, lachte die Dame in einem dominanten Tonfall als sie selbstbewusst in sein Badezimmer schritt und sich den nachtschwarzen Vibrator nahm.
„So so“, grinste sie als mit ihrer Zungenspitze über das kalte Schwarz züngelte und Snake lüstern verschlingen wollte. „Mister Burden, da ist ja unser gutes Teil, mein Mädchen von mir hat es schon vermisst.“
Burden lachte laut.
„Wissen sie eigentlich, wie wertvoll dieser Scheiß hier ist. Obsidian dieser Qualität ist selten?“
„Auf was wollen sie eigentlich hinaus?“
„Komm schon, sag dem Typen, dass er sich verpissen soll und wir werden sehen, was man mit einem Dämonenkristall alles anfangen soll. Oder willst du, dass wir so einiges von dir an die Öffentlichkeit bringen?“

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Tag der Veröffentlichung: 06.04.2011

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