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Die Flucht



Der Schattenfalke glitt an Wolkenfetzen entlang und fixierte das Gebirgsgelände unter ihm. Keine Bewegung entging den scharfen Augen des Greifvogels.
Befellte Zweibeiner, die haarigen Eiern glichen, huschten zwischen den Felsen. Der Falke zog die Flügel an den Körper und sackte ein paar Meter ab, ehe er die Schwingen ausbreitete und vom Wind getragen seine Kreise zog. Er stieß einen hohen Schrei aus, der von den Klippen um ein Vielfaches zurück geworfen wurde. Die Kreaturen am Boden verharrten und warfen verunsicherte Blicke in den Himmel. Verglichen mit dem Falken waren sie blind. Gegen die grauen Wolken entdeckten sie den Luftjäger nicht, während die Raubvogelaugen jedes einzelne Haar des falschen Fells erkannten. Der Vogel schrie noch einmal, als die Zweibeiner ihren Wettlauf fortsetzen.
Er verlor an Höhe, ohne die Gruppe aus den Augen zu lassen. Ein Junges der pelzlosen Felldiebe rannte an der Spitze und sah sich wiederholt nach den ausgewachsenen Verfolgern um.
Der Falke ließ einen neuen Schrei erklingen und, zurück geworfen von den Felsen, musste man auf der Erde meinen, ein ganzer Schwarm Greifvögel machte sich bereit. Die Männer blieben stehen, suchten den Himmel ab und deuteten mit Speeren nach oben. Der Schattenfalke blieb versteckt. Das kleine Tier glitt unter den Wolken dahin, bis er den Sonnenstrahl entdeckte, der sich einen Weg zu bahnen vermochte. Im Lichtstrahl breitete der Vogel seine Schwingen aus. Er verharrte reglos in der Luft, fand den Fluss des Lichts und schwebte in ihm.
Auf dem Boden war die Wirkung verheerend. Ein riesiger Schatten huschte über die Zweibeiner und ließ sie panisch nach Schutz suchen. Der Falke stieß seinen Schrei erneut aus, ehe er drehte und im selben Lichtschein zurück flog
Die Jäger kauerten zwischen den Felsen. Nur der kleinste jagte weiterhin die steinigen Wege entlang und ließ schützende Nischen unbeachtet.
Der Schattenfalke schlug mit den Flügeln und sein wesentlich größeres Abbild am Grund tat es ihm gleich. Sein Schrei hallte von den Klippen wider, doch der Mensch rannte weiter.
Die Wolken zogen vor die Sonne und mit dem Lichtstrahl schwand der große Schatten.
Der Luftjäger ließ sich davon nicht irritieren. Er legte die Flügel an und fiel in den Sturzflug. Die scharfen Augen fixierten das haarige Ei, den Schopf des Zweibeiners.
Dann nahm er eine Bewegung war und sah direkt an ihm vorbei. Im letzten Augenblick breitete er die Schwingen aus. Seine Federn streiften die Wangen des Jungen. Er richtete sich gegen den Wind auf und erwischte die Felsmaus mit den Krallen.
Das Nagetier zuckte noch, doch der Greifvogel beachtete es nicht. Er blieb am Boden sitzen und blickte zu dem Menschen hinauf.
Dieser blieb erschrocken stehen und starrte auf den Vogel hinunter. Der Schattenfalke konnte die Hitze in dem Knaben geradezu sehen. Er wandte den Blick ab, spannte die Flügel und hob mit seiner Beute in die Luft.



„Danke.“ Câyleân war überzeugt, dass der Schattenfalke ihm das Leben gerettet hatte. Lächelnd sah er dem aufsteigenden Vogel nach.
Das Geräusch fallender Steine ließ ihn zusammenzucken und erinnerte ihn daran, dass er keine Zeit hatte, den Falken zu bewundern. Hektisch hielt er Ausschau nach einem Weg zwischen Spalten und Klippen und rannte weiter.
Der Junge hatte zwölf Sommer am Fuß der Berge erlebt. Er kannte die Gefahren losen Gerölls und plötzlicher Abgründe ebenso gut, wie den Schrei des Riesenadlers. Vor dem vermeintlichen Laut des gefährlichsten aller Tiere im Vorgebirge, hatten die Verfolger Schutz gesucht. Auch der Knabe hätte schwören können, dass der gewaltige Greifvogel über ihnen kreiste, als er den Schatten sah. Doch der Vogel ängstigte ihn weniger, als die Männer, die ihn verfolgten.
Câyleâns Herz schlug rasend und die kalte Luft brannte bei jedem Atemzug in seinen Lungen. Er biss die Zähne zusammen und huschte hinter einen größeren Felsen. Fahrig strich er sich das schweißnasse Haar zurück und lauschte auf die Schritte seiner Verfolger. Noch hatten sie nicht aufgeholt. Der Knabe hörte lediglich die rauen Stimmen von den Wänden widerhallen. Lange konnte er diesen Vorsprung nicht halten. Er drehte sich und schaute am Steilhang vor ihm empor. Dort oben lag die Höhle. In den vielen Gängen, die in der Grotte ihren Ursprung hatten, konnte er seine Verfolger abhängen. Câyleân atmete tief durch und machte sich an den Aufstieg. Es waren nur ein paar Meter, allerdings führten sie beinahe senkrecht eine raue Felswand hinauf. Dank der dünnen Ledersohlen seiner Fellstiefel spürte der Junge genau, wo er die Füße hinsetzen musste. Câyleân wusste, dass er nicht hinunterschauen sollte. Doch wenn man erst in so einer Wand hing, sich mit Fingern und Zehen festklammerte, dann sagte sich so etwas leicht. Als der Bursche aufgeregte Rufe hörte, wagte er einen Blick über die Schulter.
Unter ihm hasteten mehr als ein halbes Dutzend Männer zwischen den Felsen umher. Sie hielten Speere in ihren Händen und einer blieb sogar stehen und hob seinen Bogen. Die anderen erreichten nun den Brocken, hinter dem Câyleân sich Sekunden zuvor noch versteckte. Der Junge wandte den Blick rasch wieder nach oben und kletterte weiter. Er zuckte zusammen als ein Pfeil dicht neben ihm in den Fels stieß und ein Steinsplitter seine Wange ratschte. Die Jäger töteten ihn, wenn sie ihn fingen. Daran hatte er keinen Zweifel mehr. Der Gedanke beflügelte ihn ebenso, wie das Wissen um die nahe, schützende Höhle. Irgendwo unter ihm rollten kleine Steine. Einer der Männer fluchte lautstark. Der Knabe ließ sich nicht beirren. Er hörte, wie ein zweiter Pfeil über ihm im Gestein einschlug, und dankte still den Göttern, dass der schlechteste Schütze den Bogen hielt. Schließlich erreichte er den Eingang der Grotte, zog sich keuchend über die Kante, kroch weiter und rappelte sich auf.
Câyleân wankte mehr in die Dunkelheit, als dass er lief. Noch durfte er sich keine Pause gönnen. Die Gänge lagen am Ende der Höhle und die musste er wenigstens erreichen. Kaum ließ er den Eingangsbereich hinter sich, umschloss ihn Schwärze. In der Finsternis konnte der Knabe nur wenig erkennen. Flüsternd zählte er seine Schritte, um nicht gegen plötzlich aufragende Felssäulen zu laufen oder über Risse und Spalten im Boden zu stolpern. Den ganzen Sommer hatte der Junge mit Dânael in dieser Höhle gehaust. Er kannte sie und hielt ohne Umwege auf einen der Gänge zu. Dort drückte er sich rasch in eine schmale Nische und lauschte.
Rund um Câyleân tropfte es plätschernd von Stalaktiten. Das Geräusch wurde so oft von den Wänden zurückgeworfen, dass er kaum zu unterscheiden vermochte, welcher helle Klang zu einem neuen Tropfen und welcher zu einem Echo zählte. Abgesehen von dieser Tropfenmelodie, der Câyleân zu anderer Zeit gerne gelauscht hätte, vernahm der Junge nur seinen eigenen Herzschlag. Er versuchte flacher zu atmen und sein Herz leiser schlagen zu lassen, denn so laut wie es pochte, konnte es den Verfolgern gar nicht entgehen. Als ein paar Minuten lang nichts geschah – dem Knaben kam es wie eine kleine Ewigkeit vor – keimte neue Hoffnung in ihm auf. Die Männer hatten den Steilhang vielleicht nicht überwinden können und aufgegeben.
Doch dann zuckte Câyleân zusammen und drückte sich noch tiefer in die Nische. Als er die schweren Schritte seiner Verfolger hörte, wusste er, dass sie die Höhle betraten. Der Junge verstand die gereizten Stimmen, die von den Wänden widerhallten, zwar nicht, aber sie klangen alles andere als beruhigend. Spitze Steine bohrten sich in seinen Rücken. Er hielt die Luft an, als die Männer sich dem hinteren Teil der Grotte näherten. Den Geräuschen nach waren sie bereits ganz nah.
Plötzlich gellte ein unterdrückter Schmerzensschrei von den Felsen wider. Gleich darauf machten die Schritte kehrt. Trotz seiner Angst musste der Knabe grinsen. Sicher war einer der Verfolger in der Dunkelheit gegen eine Kante gestoßen. Zu seinem Glück hatten die Jäger keine Fackeln dabei. Noch einmal hörte der Junge die rauen Stimmen der Männer. Dann lauschte er den schweren Schritten, die sich langsam entfernten, und atmete erleichtert auf.
Câyleâns Augen gewöhnten sich rasch an die Finsternis und der Bursche erkannte wenigstens die Umrisse der Felsen. Vorsichtig schlich er zurück zum Eingang der Höhle. Hinter einem aufragenden Tropfstein hockte sich der Junge hin und blickte hinüber zu der breiten Öffnung. Vor dem grauen Herbsthimmel erahnte er den Umriss eines breitschultrigen Mannes. Câyleân wusste genau, wo die Decken, Fackeln und Vorräte lagen. Wenn er sich im Schatten der Vorsprünge hielt, konnte er sie sicher unbemerkt erreichen. Er musste sich beeilen, denn die Männer kämen bald mit eigenen Feuerstäben zurück. Das Lager der Jäger war nicht weit entfernt. Geduckt huschte der Knabe so schnell und leise wie möglich an der Felswand entlang. Als er die Lagerstelle erreichte, wickelte er Fackeln und Proviant in eine Decke und knotete aus dieser einen Sack. Unsicher warf er immer wieder einen Blick zu der Wache. Seine Hände zitterten vor Anspannung und Furcht ebenso wie vor Kälte. Leise schulterte er den Deckensack und schlich an der Wand entlang zurück.
Ein Kläffen aus der Ferne ließ den Jungen zusammenzucken. Die Männer brachten Hunde mit. Die Tiere waren darauf abgerichtet, Fährten aufzuspüren und Beute zu erlegen. Nun konnte er sich noch so leise bewegen, die Tiere witterten seine Spur innerhalb von Minuten. Alle Vorsicht zurücklassend, rannte der Bursche zum dunklen Gang im hinteren Teil der Grotte. Hinter ihm erklang ein Warnruf, der ihn zum stehen bleiben bewegen sollte. Câyleân dachte nicht daran, der Anweisung zu folgen.
Nach wenigen Schritten im Tunnel lief er langsamer. Hier kannte er sich nicht so gut aus, wie in der Höhle. Um nicht zu stürzen, tastete der Flüchtende mit einer Hand an der Wand entlang. Schon bald hörte er das Plätschern des Gurgelwassers. Der unterirdische Fluss war an dieser Stelle weder sehr breit, noch zu tief. Er konnte ihn durchqueren und hoffen, dass die Jäger ihn im Labyrinth dahinter nicht fanden.
Der Knabe verwarf die Idee sogleich. Die Männer würden seine nassen Fußspuren entdecken und ihm leicht folgen können. Und wenn die Spur erst trocken wäre, nämen die Hunde die Witterung auf. Das Gewirr der Gänge nutzte Câyleân dann nicht das Geringste.
Der Junge schluckte schwer, als er erkannte, dass er dem Fluss würde folgen müssen, wollte er entkommen.
Er war kein guter Schwimmer und bei dem Gedanken an das eiskalte Wasser schlug sein Herz vor Angst wie wild. Obendrein wusste er nicht, wo der Fluss hinführte, wie tief das Wasser oder wie reißend die Strömung war.
Am Ufer angekommen, hob der Flüchtling den Sack über den Kopf, damit dieser nicht nass wurde, und watete in das frostige Gurgelwasser. Im ersten Moment blieb ihm die Luft weg, als die Kälte in seine Beine stach.
Hundegebell drang, durch das Echo um ein vielfaches verstärkt, an sein Ohr und ließ ihn schneller gehen. Den Geräuschen nach waren die Männer bereits im Tunnel.
Der Knabe hielt sich am flacheren Rand des Flusses und watete fröstelnd mit dem Strom. Schon nach wenigen Schritten war er von tonnenschweren Fels des Gebirges und von greifbarer Dunkelheit umschlossen.
Bei jedem Schritt tastete er erst mit dem Fuß, um auf dem glatten Untergrund Halt zu finden. Die Verfolger mit den Fackeln kamen schnell näher und die Hunde waren gute Schwimmer. Wenn sie ihn erreichten, würden sie ihn zerfleischen. Das kalte Wasser ging ihm inzwischen bis zum Bauch und Câyleân spürte seine Beine taub werden. Die Strömung zerrte mit jedem Schritt stärker an seinen Füßen und er hatte Mühe nicht umzufallen. Immer wieder blickte er über die Schulter zurück. An der Stelle, wo der Junge in den Fluss gewatet war, konnte er einen Feuerschein erkennen. Da verlor er plötzlich den Halt im Wasser und tauchte unter. Kälte hüllte ihn ein wie einen Kokon. Câyleân musste sich zwingen ruhig zu bleiben und nicht aus lauter Panik nach Luft zu schnappen. Er strampelte mit den Beinen, spürte Grund unter seinen Füßen und stieß sich ab. Nach Luft ringend tauchte er auf und hielt seine Vorräte umklammert. Er schickte ein kurzes Stoßgebet an die Götter, diese Flucht heil zu überleben, während die Strömung ihn mit sich riss.
Câyleân versuchte, sich irgendwo festzuhalten und zugleich nicht in Panik zu geraten. Er war blind. Der Stein war viel zu glitschig und die Strömung zu stark. Festhalten war unmöglich. Der Junge versuchte, sich in der Mitte treiben zu lassen, doch hatte er schon Mühe an der Wasseroberfläche zu bleiben und den Sack mit den Vorräten festzuhalten. Die Eiseskälte machte ihm zu schaffen und schnell tat ihm jeder Muskel weh. Ein stechender Schmerz zuckte durch seinen Kopf, als er gegen die Felsdecke stieß. Ihm blieb gerade noch Zeit Luft zu holen, ehe er unter Wasser gezogen wurde.
Während er mit einer Hand an der Felsdecke entlang strich und mit der anderen den Sack umklammerte, riss die Strömung Câyleân mit. Seine Lunge brannte und er suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit aufzutauchen. Endlich stieß er mit dem Kopf durch die Wasseroberfläche und zog die Luft keuchend und hustend in seine Lunge. Um ihn herum war nichts als Finsternis. Das kalte Wasser und der Fels waren eine einzige schwarze Masse. Erschöpft ließ sich Câyleân weiter treiben.

Die Nomaden



Im Lager des Stammes herrschte Totenstille. Eben hatten noch alle geplappert, gelacht und waren ihrem Tagwerk nachgegangen. Die unbekümmerte Stimmung lag wie der ferne Hall eines Echos über den Zelten. Nun starrten die Siedler zu dem halben Dutzend Männer, die dicht gedrängt zurückkamen. Sie hielten Köpfe und Speere gesenkt und auf ihren Schultern trugen sie einen ihrer Kameraden, der rot von Blut war. Ein Bein und ein Arm standen merkwürdig verdreht vom Körper ab. Câyleân sah das Gesicht des verletzten Jägers nicht, aber er hatte ein Gefühl, als hätte sich eine große, kalte Hand um sein Herz gelegt. Ein Schrei zerriss die Luft und Câyleâns Kopf ruckte herum. Es war ein grausamer, hysterischer Schrei. Ein Laut tiefsten Schmerzes und tiefster Verzweiflung, wie ihn nur ein Weib ausstoßen konnte, deren Mann auf diese Weise heimgetragen wurde. Câyleân sah seine Mutter auf die Jäger zurennen. Erst im letzten Moment hielten die anderen Frauen sie fest. Die Männer setzen ihren Weg zum Zelt des Ältesten fort. Der Junge beobachtete, wie die Jäger hineingingen und kurz darauf ohne den Gefährten hinaus kamen. Er fühlte, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte, und glaubte doch, er wäre gar nicht da. Um ihn herum wurde geflüstert und getuschelt. Cainar war einer der besten Jäger des Stammes. Er kannte jeden Trick und jeden Kniff. Cainar wusste, wie sich ein Tier verhielt, wenn es verletzt oder furchtsam war. Seit der Mannesweihe war Cainar niemals bei einer Jagd verwundet worden. Die Frauen und Alten fragten die Jäger aus und die Männer erzählten von den Wollnashörnern, von dem Steinschlag und von der Falle, in welcher Cainar gestanden hätte. Niemand achtete auf Câyleân. Nur die Hand auf seiner Schulter drückte fester zu. Er hob nicht den Blick um zu sehen, wer ihn hielt. Endlich wandte er sich von dem Getuschel ab und hielt nach seiner Mutter Ausschau. Er sah gerade noch, wie sie im Zelt des Ältesten verschwand. Câyleân ballte die Hände zu Fäusten und wollte ihr nach, doch die Hand hielt ihn fest. Wütend drehte er sich um, bereit jeden notfalls mit Fäusten zurückzuweisen, der ihn aufhalten wollte. Doch er blickte in das Gesicht seines Bruders und aus Dânaels Augen rannen Tränen.



Câyleân stöhnte schmerzvoll auf. Er drehte sich auf hartem Fels und stieß mit dem Fuß gegen einen kleinen Stein, der ins Wasser rollte. Seine Augenlider flatterten und Tränen rannen über seine ohnehin nassen Wangen, doch er wachte nicht auf. Langsam beruhigte sich sein Herzschlag.

Er spürte den warmen Atem seiner Mutter im Haar. Sie hielt ihn mit beiden Armen umschlungen und schützte ihn so vor allem Unheil der Welt.
„Wir haben uns“, sagte sie und schob den Jungen auf Armeslänge von sich, um ihn anzusehen. Câyleân blinzelte. Seine Mutter war wunderschön. Obwohl man auf dem ersten Blick das Fremde an ihr sah, war sie die schönste Frau im Lager. Sie hatte grüne Augen mit silbernen Sprenkeln darin. Sie bedeuteten Hoffnung und allein ihr Anblick ließ das Herz des Knaben leichter werden.
„Ich werde immer bei dir sein, Cây“, sprach die Mutter weiter und ihre Stimme war so rein wie der erste Frühlingsmorgen. Niemals brachte sie Worte der Lüge, des Verrats oder des Betrugs zustande. Sie konnte hart und klirrend wie der kalte Winter sein, wenn die Mutter wütend wurde; Câyleân wusste das aus eigener Erfahrung. Doch die meiste Zeit war sie sanft und rein wie nichts, was er sonst jemals gesehen hatte. Sie legte die linke Hand auf Câyleâns Brust, gleich über dem Herzen, und erklärte lächelnd: „Hier werde ich immer bei dir sein, mein Sohn, und hier.“ Damit hob sie die Hand und tippte ihm mit ihren schmalen, zarten Fingern gegen die Stirn. „Vergiss das niemals, hörst du?“
Câyleân wollte antworten, doch in diesem Moment wurde das Fell vor dem Eingang zur Seite gezogen und sein Bruder trat mit seiner Tante ins Zelt.
„Sie sind aufgebracht“, sagte Anuja. „Es sieht nicht gut aus.“
Die Mutter löste sich von ihrem Sohn und trat zu ihrer Schwägerin, der Schwester ihres verstorbenen Mannes Cainar. Câyleân wischte sich rasch mit einer Hand über die Augen und schaute zwischen den Frauen hin und her. Sie waren gute Freundinnen, Verwandte durch Cainar und doch so unterschiedlich wie Tag und Nacht.
Anuja war noch jung, doch auf ihrem Gesicht und an ihrem Körper zeichnete sich bereits das karge Leben der Nomaden ab. Um ihre Augen und Mundwinkel waren schon die ersten Falten zu sehen, die im Alter zu Schluchten werden und ein Ebenbild des Vorgebirges bilden würden, in dem der Stamm im Sommer lebte. Bei der Mutter konnte Câyleân nicht ein Fältchen entdecken. Trotz des kargen Lebens hatte sie ein feines Gesicht, eine zarte, helle Haut und eine schmale, grade Nase. Anuja war nicht hässlich. Ihr Gesicht war runder, ihrer Nase flacher und breiter und ihre Haut eher rotbraun wie der Schlick am Fluss. In den Augen der Nomaden war sie eine Schönheit. Câyleân wusste, dass einige Männer seiner Tante nachsahen, obwohl sie vergeben war. Sie war stämmig, wie die meisten Steppenbewohner, aber nicht dick. Von seiner Mutter behaupteten viele Wanderer, sie sei so dürr, dass man sie zerbrechen könnte, fasste man sie zu hart an. Câyleân fand seine Mutter nicht dürr. Sie war schlank und zierlich. Und wo Anuja dickes, beinahe borstiges, braunes Haar hatte, schimmerte der Schopf der Mutter in den Farben der Sonne. Das lange, weiche Haar glänzte golden, wie ein Sonnenstrahl, der durch eine Wolkendecke brach. Es glitzerte, wie die Sonne, wenn sich ihre Strahlen im Fluss brachen. Und wenn die Himmelsscheibe am Abend feuerrot in der Steppe versank, dann brannte das Haar der Mutter mit dem Gras um die Wette.
Die beiden Frauen sprachen von der Versammlung. Der Fluss war giftig und machte die Menschen des Lagers krank. Alte und Kinder waren schon gestorben. Statt zu jagen waren die Männer ausgeschwärmt um gutes Wasser zu finden, aber der Weg in die Berge war gefährlich. An diesem Tag waren nur zwei von den ausgezogenen drei Männern zurückgekommen. Der Riesenadler hatte den Dritten geholt. Die Nomaden waren wütend. Sie hatten Angst, Hunger und Durst. Einige redeten im Fieber. Andere waren stumm vor Schmerz und Trauer, weil sie ihre Kinder verloren hatten. Es musste etwas getan werden! Selbst Câyleân war klar, dass es so nicht weiter gehen konnte, aber sie suchten nach einem falschen Weg.
Die Mutter war nicht zu der Zusammenkunft geladen worden. Er selbst ebenfalls nicht, aber er war auch noch zu jung. Er war das einzige Kind des Lagers, das nicht krank geworden war. Dânael war ebenso gesund geblieben, zählte jedoch fast zu den Männern. Immerhin durfte er an den Versammlungen teilnehmen. An diesem Tag hatte er auf sein Recht bestehen müssen, denn die Erwachsenen hatten auch ihn nicht dabei haben wollen. Und nun kamen Dânael und Anuja früher zurück. Ihre Worte klangen warnend und dazu die der Mutter, die sich so nach Abschied anhörten. Das alles war einfach – falsch. Als die Mutter sich eine seidige Haarsträhne aus dem Gesicht strich und die Spitze ihres Ohres sichtbar wurde, noch etwas, das sie von den Nomaden unterschied, da brach es aus Câyleân heraus: „Aber das ist doch nur, weil du anders bist!“
Die beiden Frauen verstummten und sahen ihn an. Dânael, der die ganze Zeit schweigend zwischen ihnen gestanden hatte, legte schützend einen Arm um die Mutter. Câyleân wusste, dass sein Bruder ähnlich dachte. Er hatte die Gedanken nur ausgesprochen.
„Ja“, sagte die Mutter und zog ihre Söhne in die Arme. „Aber das wird an ihrer Wut nichts ändern.“
„Das ist nicht gerecht“, nuschelte Câyleân und vergrub sein Gesicht an der Brust der Mutter. Er hörte, wie Dânael fragte: „Und was willst du dagegen tun?“
Die Mutter schüttelte den Kopf. „Ich kann gar nichts tun. Ich kann ihre Körper heilen, aber nicht den Schmerz in ihrem Inneren, Dân.“ Sie sprach rasch weiter, denn der ältere Sohn setzte an, sie zu unterbrechen. „Wenn das ihre Medizin ist, wenn sie glauben, dass es besser wird, wenn ich gehe, so werde ich fortgehen.“ Schweigen folgte auf diese Worte. Im Zelt wurde es so still, dass sie die aufgebrachten Stimmen der Versammlung hören konnten. Einzelne Worte waren gar zu verstehen und diese drängten zur Eile. Die Mutter schob ihre Söhne sanft aber bestimmt in die Arme der Tante. „Ich weiß, dass du gut auf sie achtgeben wirst, Anuja. Sie sind die Söhne deines Bruders.“
„Und ich werde sie lieben wie meine Söhne“, entgegnete Anuja. Ihre Stimme klang merkwürdig belegt. Die Mutter wandte sich um und griff nach ihrem Schultersack, in dem sie bereits alles verstaut hatte, was sie brauchte.
„Wohin wirst du gehen?“, fragte Dânael. Câyleân kannte seinen Bruder gut. Er hatte nichts tun können, als der Vater starb, aber sicher wollte er nicht tatenlos zusehen, wie die Mutter verschwand. Diese kannte ihren Sohn jedoch noch besser. Sie zögerte wertvolle Momente, ehe sie antwortete: „Ich gehe auf die andere Seite des Schattengebirges. Die Elfen werden mich wieder aufnehmen.“



Das eintönige Rauschen des Gurgelwassers drang tief in die Gedanken des Knaben und schürte seine Angst. Er kauerte an einer Felswand, die Beine eng an sich gezogen und mit den Armen umschlungen. Bei jeder Bewegung des Kopfes spürte er einen stechenden Schmerz, der sich, wenn der Junge sich nicht regte, nur mit einem dumpfen Pochen bemerkbar machte. Kleidung und Haare waren immer noch nass und ließen ihn vor Kälte zittern.
Câyleân erinnerte sich nicht, wie er auf diesen Felsvorsprung gekommen war. Es bestand die Möglichkeit, dass es einfach Glück war oder eine Fügung des Schicksals. Unter Umständen hatte er auch auf seine letzten Kraftreserven zurückgreifen können und sich hinauf gezogen. Und es war tatsächlich nicht auszuschließen, dass ihm die Götter geholfen hatten. Dann allerdings hatten die Götter eine recht merkwürdige Art zu helfen. Câyleân drohte zwar nicht mehr zu ertrinken, aber dafür vor Angst wahnsinnig zu werden.
Die Dunkelheit um ihn war geradezu greifbar. Um den Jungen herum war nichts anderes zu hören als das Rauschen des Wassers. Câyleân hatte keine Vorstellung davon, wie groß der Fels war, auf dem er hockte. Er fürchtete ins Wasser zu fallen, wenn er sich zuviel bewegte. Zudem glaubte er Schatten in der Dunkelheit zu erkennen. Der Bursche hatte versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren. Er hatte ein Feuer machen wollen, doch das war an dem aufgeweichten Zunder und dem fehlenden Holz gescheitert. Hunger nagte an ihm, aber das Brot und das Pökelfleisch waren nass. Kälte, Hunger, Dunkelheit und Angst vertrieben jeden vernünftigen Gedanken und ließen ihn verzweifeln.
Niemand wusste, dass er hier war – ganz allein auf einem Felsen, in einem Berg, umgeben von nichts als Finsternis und eisigem Wasser. Sein einziger Gefährte war seine Fantasie und die spielte ihm grausame Streiche. Die Nomaden wussten vielleicht wo er war. Allerdings bestünde deren Hilfe lediglich darin, ihm ein möglichst schnelles Ende zu bereiten – davon war der Junge überzeugt. War dort nicht die Stimme eines Jägers? Câyleân hielt den Atem an und lauschte. Er konnte nichts vernehmen als das eintönige Rauschen, das ihm jedes Zeitgefühl nahm.
Wie lange war er wohl schon hier? Wie lange war er bewusstlos gewesen? Wie sollte er hier wieder raus kommen? Was sollte er tun? War er den Jägern wirklich nur entkommen, um nun wahlweise zu erfrieren, zu verhungern oder vor Angst zu sterben? So grausam konnte das Schicksal nicht sein. Wenigstens würde er nicht verdursten müssen. Câyleân fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar und ertastete eine beachtliche Beule. All die Ängste und die Schmerzen ließen den Knaben keinen sinnvollen Gedanken fassen. Schlafen, dass war das Einzige, was ihm einfiel. Er sollte schlafen und Hunger, Schmerz und Angst vergessen. Ob er jemals wieder aufwachen würde? Câyleân war sich nicht sicher, aber etwas anderes blieb ihm ohnehin nicht über. Die Götter hatten ihn hier her geführt und nun blieb ihm nichts anderes, als ihnen auch weiterhin zu vertrauen und sein Leben in ihre Hände zu geben.

„Die Hexe ist tot!“ Der Jubelschrei der Männer schallte von weitem zu dem Lager hinüber. „Alles wird gut, die Hexe ist tot!“
Câyleân wollte aufspringen und aus dem Zelt laufen, doch Dânael hielt ihn fest. Beschwörend sah der ältere den jüngeren Bruder an und legte einen Finger an die Lippen. Câyleân nickte schließlich. Zusammen hockten sie sich an den Eingang des Zeltes und schoben das Fell vorsichtig ein Stück zur Seite. Viel konnten sie nicht erkennen. Frauen und einige Kinder und Greise liefen auf die Jäger zu. Die meisten von ihnen stimmten in das Jubelgeschrei mit ein. Im ganzen Lager herrschte eine Stimmung, als wäre eine gewaltige Last von allen genommen worden, als würde die erdrückende Hitze endlich weichen und jeden Moment ein herrlicher Regenschauer auf sie hinab prasseln.
Es war eine trügerische Stimmung. Die Hitze blieb ebenso wie in den letzten Wochen und nicht einmal eine Wolke zeigte sich am Himmel. Im Zelt war es so drückend heiß, dass die beiden Jungen nur flach atmeten. Dem Jubel nach versammelten sich die Nomaden am Rande des Zeltdorfes. Dânael lauschte dem Geschrei noch einen Moment, dann zog er das Fell wieder vor den Eingang und stieß den Jüngeren zurück.
„Pack Fackeln und Kerzen ein, schnell“, wies er den Bruder an. Câyleân saß auf dem Boden und sah zu, wie Dânael Brot, Eier und Rauchfleisch auf seine Decke warf. Er konnte sich nicht rühren. Am liebsten wäre er hinaus gelaufen und hätte – ja was? Er wusste genau, was die Jubelschreie bedeuteten, aber was sollte er dagegen unternehmen? Er war nur ein Kind, Dân noch kein ganzer Mann und zusammen hatten sie nicht mehr als einen Speer, Dâns Bogen und ein paar Messer, zu denen ihnen aber genug Hände fehlten, um sie zu halten.
„Nun mach schon!“, herrschte Dânael ihn an. „Willst du hier warten, bis sie uns auch umbringen?“ Câyleâns Augen wurden groß. Dann sprang er auf und tat, was der Bruder sagte. Fackeln, Kerzen, Zunder und Feuersteine landeten in seiner Decke. Der Blick des Jungen huschte durch das Zelt und gleich darauf landeten die Essschalen der Knaben auf dem Feuerzeug. Câyleân sah, wie sein Bruder die Waffen anlegte und schob sein eigenes Messer in den Gürtel. Eigentlich war es nur zum Zerteilen des Essens gedacht, viel zu klein um als Waffe zu taugen, aber etwas anderes hatte er nicht. „Was ist mit Anuja?“, fragte Câyleân, während er die Decke zu einem Sack zusammenfasste. Als er sich umdrehte, schnitt Dânael eben die rückwärtige Zeltbahn auf. „Dân!“, rief Câyleân seinen Namen etwas lauter und hielt ihn an der Schulter fest. Der Ältere drehte sich um und sah seinen Bruder an. In Dânaels Augen war reine Entschlossenheit zu lesen. „Sie ist eine von ihnen. Sie werden ihr nichts tun.“ Sanft aber bestimmt schob er Câyleâns Hand zur Seite und fügte hinzu: „Und sie kann uns nicht beschützen.“
Câyleân wollte es nicht wahr haben, aber er wusste, dass Dân Recht hatte. Unsicher warf er einen Blick über die Schultern zum Eingang, während sein Bruder den Riss vergrößerte. Das Geschrei der Nomaden hatte sich verändert. Es klang nun weniger nach Jubel, sondern mehr nach grimmiger Entschlossenheit.
„Wo willst du denn hin, Dân?“ Câyleân merkte selbst, dass seine Stimme zitterte. Er bewunderte Dânael, weil der so ruhig und besonnen blieb. Der Bruder schob sein Messer in die Hülle am Gürtel und warf einen prüfenden Blick hinaus. Als er den Kopf wieder einzog, flüsterte er: „Zum Schattengebirge. Wir gehen zum Fluss hinunter und nutzen das Schilf als Deckung.“ Câyleân sah den ernsten Blick Dâns und schluckte. Nervös wisperte er: „Aber der Fluss ist giftig.“
„Du sollst ihn auch nicht austrinken, Dummkopf.“ Câyleân wusste, dass Dânael es nicht so meinte, aber gerade jetzt tat ihm die kleine Stichelei weh. Er wurde am Arm gefasst und nach einem weiteren, sichernden Blick aus dem Zelt geschoben. Die Stimmen der Nomaden klangen nun regelrecht gefährlich, aber sie waren nur auf der anderen Seite zu hören. Câyleân erkannte Anujas wohlbekanntes Gekeife und wusste, sie würde für die Jungen sprechen.
„Cây.“ Dânael hockte neben dem Knaben und sah ihn lächelnd und aufmunternd an. „Du schaffst das Cây. Ich glaube an dich.“ Auch Câyleân musste lächeln. Genau das waren immer die Worte des Vaters gewesen, wenn einer der Jungen eine schwierige Aufgabe zu lösen hatte oder vor einem Problem stand. Dânael erhob sich und zog den Jüngeren mit. „Lauf!“, rief er.



Unruhig bewegte sich Câyleân im Schlaf. Er hatte das Gefühl, nicht allein zu sein, doch dieser ungute Eindruck mischte sich in seine Träume und verflocht sich dort mit seinen Erinnerungen.

Dânael und Câyleân hockten nebeneinander auf einem Felsvorsprung und blickten hinunter ins Tal. Der trockene Sommer war einem nebeligem Herbst gewichen und das Lager der Nomaden war noch nicht einmal zu erahnen. Dennoch war es da. In ein oder zwei Wochen brachen die Nomaden die Zelte ab und zogen hinab in die Tundra. Den Winter verbrachten sie niemals im Vorgebirge, denn während Schnee und Eis das Land beherrschte, war kaum Nahrung zu finden.
Câyleân seufzte tief und schaute seinen Bruder von der Seite her an. Dân sah der Mutter sehr ähnlich. Er hatte ebenso weiches, helles Haar. Obwohl er ein junger Jäger war und kein Schwächling, war er ebenso zierlich und schlank. Und Dân hatte ihre Augen. Diese grünen Seelenfenster mit den silbernen Sprenkeln, die immerzu Hoffnung versprachen. Jedes Mal, wenn Dânael dem Jüngeren Mut machte, schimmerten seine Augen genau wie die der Mutter, als sie sich von den Söhnen verabschiedet hatte. Allerdings war in seinen Augen immer öfter grimmige Entschlossenheit zu sehen. Seit jenem heißen Sommertag, an dem die Jäger den toten Körper der Mutter singend ins Lager getragen hatten, wich dieser Ausdruck nur selten aus Dâns Augen. Auch jetzt war er zu sehen und Câyleân wusste, dass sein Bruder grübelte.
Er seufzte noch einmal tief. Dân ließ sich nicht stören. Wenn er grübelte war es, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Früher war er nicht so gewesen. Bevor sie aus dem Lager geflohen waren, war Dânael ebenso so ein fröhlicher Junge gewesen, wie Câyleân.
Der Knabe beobachtete den Bruder weiter, prüfend, ob er sich äußerlich ebenso verändert hatte, wie innerlich. Und tatsächlich, obwohl Dâns Gesicht immer noch die feinen Züge der Mutter hatte, konnte Câyleân nun harte Linien darin erkennen, die ihn an den Vater erinnerten. Sonst hatte der Ältere nichts vom Vater. Ganz im Gegensatz zu Câyleân.
Der Jüngere hatte ebenso spitze Ohren wie der Bruder und die Mutter, obwohl die Ohren der Kinder kürzer und weniger auffällig waren. Doch Câyleâns Haar war braun wie der Fels des Schattengebirges und seine Augen dunkel wie die des Vaters. Er war nicht dick, abgesehen von Dân immer noch der schlankste unter den Nomadenjungen, aber hätte er neben einem Elfen gestanden, wäre er sich sicher dick vorgekommen. Cainar hatte immer gesagt, Cây sei eine gelungene Mischung zwischen Vater und Mutter.

Wenn der Junge zweifelnd behauptete, er habe nichts von seiner Mutter als die spitzen Ohren, hatte der Vater stets lachend entgegnet, es sei nicht wahr und er müsse blind sein. Câyleân trug die silbernen Sprenkel seiner Mutter in den braunen Augen und sein Haar war bei weitem nicht so borstig wie das des Vaters, sondern weich und seidig. Aber diese Dinge hatte der Junge nie gemeint.
Die Mutter hatte magische Kräfte gehabt. Sie hatte Wunden und Verletzungen heilen können, wenn sie nur ihre Hände darauf legte. Sie kannte die Rätsel der Natur und wusste sie zu nutzen. Sie wusste um die Geheimnisse der Schönheit, der Gesundheit und der friedlichen Tiere und die Nomaden hatten stets Nutzen aus ihrer Gabe gezogen.
Dânael beherrschte ganz ähnliche Geheimnisse. Als Dân noch so jung wie Câyleân war, hatte er einmal den gebrochenen Flügel eines Falken geheilt. Die Knaben mussten den Eltern versprechen, niemanden im Lager von Dâns Fähigkeiten zu erzählen. Damals hatten die Brüder es nicht verstanden, doch die Eltern hatten richtig gehandelt.
Als die Nomaden krank wurden, aber die Kinder der Elfe gesund blieben und als sie den Menschen des Stammes nicht helfen konnten, da wurde aus der guten Frau die böse Hexe.
Câyleân seufzte noch einmal tief und vertrieb die Gedanken an Mutters Tod. Eigentlich war er froh, dass Dân ein wenig der elfischen Magie geerbt hatte. Sie hatten den Plan das Gebirge irgendwie zu überwinden und die Familie der Mutter zu finden. Dânael hatte die Höhle mit dem Labyrinth aus Gängen gefunden. Bis jetzt hatten sie den richtigen Tunnel noch nicht entdeckt, aber der große Bruder war zuversichtlich. Immerhin verliefen sie sich Dank der Magie auch nie, wenn sie die Gänge erkundeten.
„Ich werde hinuntergehen“, sagte Dânael mit einem Mal. Seine unerwarteten Worte ließen den Jüngeren regelrecht zusammenzucken. „Wir werden den Winter über hier bleiben und weiter suchen“, erklärte Dânael und stand auf. Er schaute auf den Bruder hinab und Câyleân konnte wieder diesen entschlossenen Ausdruck in den grün-silbernen Augen erkennen. Dânael sprach weiter und drehte sich dabei um. „Wir könnten ein paar Wollziegen brauchen. Ich werde zu Brondar gehen und zusehen, dass er tauscht.“
Câyleân sah dem Älteren sprachlos nach und versuchte, dessen Gedankengänge zu folgen. „Brondar?“, hakte er ungläubig nach. Schließlich sprang er auf und rannte den schmalen Felspfad entlang, Dân nach. „Bist du vollkommen wahnsinnig?“
Brondar war der beste Jäger des Stammes. Obwohl die Ältesten über wichtige Dinge entschieden, hatte Brondar den ganzen Stamm gegen die Mutter der Jungen aufgehetzt.
„Nein, bin ich nicht“, behauptete Dânael und balancierte weiter den halsbrecherischen Pfad entlang. Câyleân folgte ihm mühelos aber etwas vorsichtiger. „Die Wollziegen werden uns über den Winter bringen und uns stehen Vaters Tiere zu.“
„Und du glaubst wirklich, die überlässt er uns einfach so?“, hakte Câyleân zweifelnd nach. Doch trotz aller Ungewissheit lief ihm allein bei dem Gedanken an gebratene Wollziege das Wasser im Mund zusammen. Er konnte geradezu das Feuer knacken hören, über dem das Tier gedreht wurde. Genießend schloss er die Augen und leckte sich über die Lippen.



Als er die Augen öffnete, blinzelte Câyleân in ein kleines Feuer, dass die Dunkelheit vertrieb. Gleich vor dem Feuer lag ein flacher Stein und darauf etwas Fleisch, Kletterbohnen und Schwarzwurz.
Es dauerte einen Moment, bis Câyleân begriff, dass das kleine Feuer dicht vor ihm wirklich da war und nicht etwa seinem Traum entsprang. Erschrocken setzte er sich auf und schaute sich um. Niemand war zu sehen. Nur das Feuer brannte knisternd, der Fluss rauschte und auf der Rinde lagen die duftenden Speisen. Câyleân hatte solchen Hunger, dass er zugriff und das würzige Essen verschlang. Erst als er an den letzten Bissen kaute, dachte er darüber nach, wie das Feuer und die Speisen wohl hier her gelangt waren.
Unruhig ließ der Junge seinen Blick umherwandern. Nun bei Licht stellte er fest, dass der Felsvorsprung, auf dem er hockte, doch größer war, als er angenommen hatte. Die Decke war gerade so hoch, dass er aufrecht stehen konnte. Tropfsteine hingen herab und ließen die Grotte über dem Fluss aussehen, wie das zahnbewehrte Maul eines Ungeheuers. Das Feuer ließ Schatten an der Felsdecke und zwischen den Tropfsteinen tanzen und Trugbilder von heimlichen Beobachtern entstehen. Doch außer den Schatten und der Fantasie des Knaben regte sich nichts. Kein Hinweis darauf, wie jemand hergekommen sein könnte.
Mit gemischten Gefühlen lehnte sich der Junge wieder gegen den Fels. Erleichtert bemerkte er nun, dass seine Kopfschmerzen nachgelassen hatten. Dafür taten ihm die Muskeln und Glieder vom Liegen auf dem harten Stein weh.
Câyleâns Augen wanderten immer wieder vom Feuer, zum reißenden Fluss und über die Felswände. Er konnte sich nicht erklären, wie das Essen oder das Holz hier her gekommen waren. Wer es ihm so fein bereitet hatte, war ein noch größeres Rätsel.
Die Nomaden waren es gewiss nicht. Die hätten ihn wohl eher im Schlaf erschlagen. In dem Moment wurde dem Burschen bewusst, wie angreifbar er auf dem Stückchen Felsen war und der Gedanke jagte ihm einen Schauer über den Rücken.

Langsam brannte das Feuer runter, ohne dass es eine Spur des geheimen Gönners gab. Câyleân nutzte die Zeit und bereitete seine Vorräte aus, um zu prüfen, was noch brauchbar wäre. Die Decke, die Fackeln und der Zunder waren nass. Der Bursche breitete sie zum Trocknen aus. Auch das Brot und das Rauchfleisch waren ganz aufgeweicht, aber wegwerfen wollte er es nicht. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, ob und wann sein unbekannter Helfer wieder kommen würde.
Schließlich hockte Câyleân an der Felswand und schärfte seine einzige Waffe – das kleine Messer, das grad zum Fleisch schneiden genügte.
Während des monotonen Geräusches des Schleifsteins und des rauschenden Flusses glitten die Gedanken des Knaben zurück.

Die Nomaden hatten die Brüder schon von weitem gesehen, denn als die Beiden den steilen Weg endlich hinter sich gebracht hatten, hatte sich auch der Nebel gehoben. Nun standen sie da, Brondar und die anderen Jäger des Stammes, und erwarteten die Knaben, als würden sie einen feindlichen Stammesführer entgegen treten.
Câyleân schmerzte dieser Anblick. Der Stamm war Zuhause und Familie seit er denken konnte. Die Jäger hatten ihn und Dânael ebenso beschützt wie die übrigen Kinder der Sippe. Und nun standen sie sich als Rivalen gegenüber.
Die Jäger hielten alle ihre Speere in den Händen. Brondars Waffe war mit bunten Federn und den Knochen kleiner Nagetiere geschmückt. Er war groß, stämmig und für seinen Jähzorn bekannt. Alle Nomaden im Lager fürchteten und respektierten ihn und sogar in anderen Sippen und Stämmen kannte man Brondars Name. Der Einzige, der ihn nicht fürchtete, war der weise Olezkar. Aber Olezkar war ein alter Mann, fast blind und so lahm, dass er höchstens noch den Wettlauf gegen eine Schnecke gewann. Obwohl er der Älteste des Stammes war, hatte seine Stimme kein Gewicht mehr, wenn der ganze Stamm gegen ihn sprach.
Die Jäger hatten sich ein gutes Stück vor dem Zeltlager aufgebaut. Am Rande dessen standen die Frauen und Kinder und all jene, die nicht auf die Jagd gingen. Câyleân versuchte Anuja zu entdecken, doch es gelang ihm nicht. Aus der Ferne sahen sie alle gleich aus.
„Sie wird nicht da sein“, raunte Dânael leise. Câyleân hob den Blick zu ihm und verzog leicht das Gesicht. Dânael hatte ebenso wie die Jäger seinen Speer in der Hand. Und wie Brondars Speer war auch seiner mit Federn geschmückt. Dânael hatte beinahe den ganzen Sommer allein im unwegsamen Gebirge zugebracht, nur mit einem Kind an seiner Seite. Das war weit mehr, als der Stamm gewöhnlich von einem Halbwüchsigen erwartete, der sich Mann nennen wollte. Dânael sah es als sein gutes Recht als Anführer eines Stammes aufzutreten – auch wenn sein Stamm nur zwei Köpfe zählte.
„Was willst du tun?“, fragte Câyleân leise. Angesichts der versammelten Jäger begriff er nicht, warum Dân so ruhig blieb.
„Handeln“, entgegnete der große Bruder. Er atmete tief durch, trat einen Schritt vor und rief: „Ich grüße dich, Brondar, Sohn des Jurek, größter Jäger vom Stamm der Sommerwanderer! Ich bin Dânael, Sohn des Cainar, Ältester vom Stamm des Schattenberges!“
Auf der Seite der Jäger herrschte Schweigen. Dann brachen die Männer in Gelächter aus. Selbst aus dem Lager konnte Câyleân lachende Stimmen hören. Der Junge fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut. Unsicher schaute er zu Dânael hinauf, doch der stand stolz und lächelnd da und ließ nicht erkennen, dass ihm das Gelächter etwas ausmachte.
„Du willst einen Stamm anführen?“, spottete einer der Männer. „Du darfst dich noch nicht einmal Mann nennen!“
Brondar sah das wohl etwas anders. Er war der Erste, der aufhörte zu lachen. Vielleicht lag es daran, dass Dânael immer noch keine Miene verzog, doch nun hob Brondar gar eine Hand und gebot seinen Männern Schweigen. Câyleân konnte nicht anders, als seinen Bruder bewundern. In diesem Moment war Dân für ihn wirklich der Anführer eines Stammes und am liebsten wäre er gesprungen und hätte gejubelt. Doch er hielt sich zurück, drückte das Bündel Felle an sich und biss sich feixend auf die Unterlippe.
„Was willst du, Dânael, Sohn der Hexe?“, fragte Brondar und übertönte all jene, die noch lachten. Schlagartig war es still.
Das überschwängliche Gefühl in Câyleân wurde von einer Woge kalter Wut weggespült und er spürte, wie er rot wurde. Dânael blieb jedoch auch jetzt ruhig. Nur sein Lächeln wich einem ernsten, harten Ausdruck.
„Ich will Handeln!“, rief er. Auf der Seite der Jäger fingen erneut einige an zu lachen, doch Dânael sprach deutlich und unbeirrt weiter. „Ich tausche Felle gegen die Wollziegen meines Vaters!“
Einer der Jäger trat vor und wetterte: „Kein Fell ist eine Ziege wert! Du willst uns doch betrügen, wie die Hexe uns betrog! Die Felle sind vergiftet!“
Câyleân hielt die Luft an. Der Jäger war Sebes, der im Sommer zwei Kinder am giftigen Wasser verloren hatte.
Dânael tat gar nichts. Er stand still da und sah unentwegt Brondar an, ohne die übrigen Männer zu beachten. Schließlich befahl der Anführer Sebes mit einigen gezischten Worten zurück. Die Jungen verstanden nicht, was Brondar sagte, aber Sebes sah nicht glücklich aus. Der große Jäger trat daraufhin selbst vor und erklärte: „Sebes hat Recht. Kein Fell ist eine Ziege wert.“
Câyleân musste ihm widerstrebend zustimmen. Sie hatten nur ein paar Felle von Steinmardern, die nicht einmal besonders gut waren. Doch der Ältere ließ sich noch immer nicht beirren. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein neues Lächeln ab, als er mit der freien Hand auf den kleinen Bruder deutete und sprach: „Ich habe eine Feder des Riesenadlers. Ich tausche!“
Der Jüngere atmete tief durch, zog die Feder zwischen den Fellen hervor und hielt sie hoch in die Luft, damit auch wirklich jeder sie sehen konnte. Ein Raunen war auf der Seite der Jäger zu hören. Die Adlerfeder schimmerte prachtvoll in Gold und Bronze und schien alles Grau des Herbsttages zu vertreiben. Eine Feder des gefürchtetsten aller Lufträuber war so schwer zu bekommen, dass sie leicht zwei oder drei Ziegen wert war.
Kostbare Momente verstrichen, in denen die Jäger flüsternd auf Brondar einsprachen. Dânael stand weiterhin stolz und selbstsicher da, während Câyleân vor Aufregung und Anspannung von einem Fuß auf den anderen trat. Schließlich nickte Brondar. „Wir tauschen. Lass mich sehen, wie viel deine Feder wert ist.“
„Einverstanden“, entgegnete Dânael. Er drehte sich zu dem jüngeren Bruder um und trat vor ihn. Câyleiân erschrak, als er sah, wie Dânaels Stirn von Schweiß glänzte. „Ist alles in Ordnung?“, fragte er unsicher. Der Ältere nickte und lächelte. „Du wartest hier. Halt die Augen offen, Cây, und sei wachsam.“
Der Knabe nickte, doch Dânaels ernste Worte machten ihm deutlich, wie ernst auch ihre Lage war und dass sie den Jägern selbst jetzt nicht trauen durften. „Sollten wir nicht lieber verschwinden?“, wagte er leise zu fragen. Der Bruder griff kopfschüttelnd nach dem Bündel Felle und der Feder und erwiderte: „Wir brauchen die Tiere. Es wird schon alles gut gehen.“ Dânael zwinkerte dem kleinen Bruder zu, zerwuselte ihm das Haar und wandte sich um.
Câyleân wusste sich nicht zu helfen. Sein großer Bruder marschierte stolz und aufrecht auf die Jäger zu, mit nichts als einem Speer und ein wenig Handelsgut in den Händen. Auf der anderen Seite lösten sich Brondar, Sebes und ein weiterer Mann aus der Gruppe.
Câyleâns Herz klopfte schneller und doch hatte er das Gefühl, die Jäger hätten mehr Angst vor ihm und Dân, als sie die Jäger fürchteten, denn die drei Männer hielten immer noch ihre Waffen in den Händen.
Rund herum wurde es still. Die übrigen Jäger und die Menschen im Lager beobachteten ebenso aufmerksam wie Câyleân, wie Brondar die kostbare Adlerfeder entgegen nahm und prüfend betrachtete. Der Junge konnte nicht verstehen, was die kleine Gruppe besprach. Es waren riskante Momente, die sich in die Länge zogen, sodass er es kaum noch aushielt. Alle konnten sehen, wie Dânael und Brondar endlich nickten. Dânael streckte eine Hand vor um den Handel zu besiegeln – und dann geschah alles gleichzeitig.
Sebes hob seinen Speer und aus den Reihen der Zuschauer im Lager ertönte ein Warnruf. Brondar drehte sich nach dem Ruf um. Câyleân schnappte nach Luft und zugleich stieß Sebes seinen Speer in Dânaels Leib. Der Knabe erkannte Anuja, die immer noch schrie und versuchte, Dânael zu Hilfe zu kommen, aber von anderen Frauen festgehalten wurde. Er sah, wie Brondar sich weiter drehte und Sebes grob zurückstieß. Dânael stand dort, den Speer im Leib und starrte den Anführer der Jäger fassungslos an. Dann ließ er den eigenen Speer fallen und sackte in die Knie. Câyleân stand immer noch dort, wo er die ganze Zeit gestanden hatte, unfähig sich zu bewegen oder irgendetwas zu tun. Sein Blick war auf den Bruder gerichtet, der nun am Boden lag und sich nicht mehr rührte.
Als der Junge endlich den Kopf hob, waren die übrigen Jäger bereits auf dem Weg zu ihm und kamen mit jedem Herzschlag näher. Câyleân drehte sich um und rannte.


Die Zwerge



„Warum bist du traurig, kleiner Halbelf?“
Die tiefe Stimme ließ Câyleân zusammenzucken. In Gedanken, Erinnerungen und Schmerz gefangen, hatte er nicht gehört, dass jemand näher gekommen war. Erschrocken rutschte er dichter an die Felswand und musterte die Gestalt, die neben dem Feuer stand.
Noch niemals hatte der Bursche so einen kleinen, alten Mann gesehen. Das Männchen ging ihm höchstens bis zur Schulter. Orangerote Haare wuchsen aus einem runden Eisenhelm mit einer Spitze in der Mitte. Câyleân wusste natürlich, dass Haare nicht aus einem Helm wuchsen, doch da nur ein paar Fransen hervor lugten, sah es genau so aus. Von dem Gesicht des Männchens war nicht viel zu erkennen, denn ein buschiger Bart, ebenso so feuerrot wie das Haar, nahm den größten Teil davon ein. Den runden Bauch umspannte ein lederner Wams und erst dort baumelte die Spitze des Bartes. An einem breiten, braunen Gürtel hingen allerlei Dinge, darunter eine kleine Handaxt, eine Laterne aus Metall, mehrere Beutel und ein Wasserschlauch.
Câyleân blinzelte und seine Augen wanderten noch einmal an dem Kerlchen hinauf. Erst dabei bemerkte er, dass es überhaupt eine Nase hatte, die klein und knubbelig aus dem Bart schaute. Zwischen den vielen Falten und Furchen, die das Gesicht oberhalb des Bartes prägten, entdeckte der Junge zwei kleine, runde Augen. Dem Knaben war durchaus bewusst, dass es sich nicht gehörte, aber er konnte nicht anders, als sich langsam zu erheben und auf das Männchen zuzugehen. Er beugte sich etwas vor. Dann fand er in dem bauschigen Bart tatsächlich einen Mund, der ihn anlächelte. Eines der Augen, sie waren grau, wie Câyleân feststellte, zwinkerte ihm zu und das Männchen sprach mit einer tiefen Stimme, die gar nicht zu diesem kleinen Körper passte: „Bist du fertig?“
Erschrocken wich der Knabe zurück an die Felswand. Einen Moment lang war er sich nicht sicher, ob dieses Kerlchen tatsächlich vor ihm stand oder ob er sich das einbildete. „Wer bist du?“
Das Männchen schüttelte den Kopf. „Nein, nein, so geht das nicht. Ich habe zuerst gefragt. Warum bist du so traurig?“
Câyleân überlegte. Er war wegen vielem traurig. „Ich bin allein.“
Sein Gegenüber lachte leise. Es war ein tiefes, herzhaftes Lachen. „Du bist ein Lügner, kleiner Halbelf. Du bist nicht allein.“
Der Junge runzelte die Stirn. Er hatte wirklich einen miesen Tag und war ganz und gar nicht in der Stimmung ausgelacht zu werden. Als der kleine Mann näher trat, griff der Junge nach seinem Messer, aber das Männchen holte lediglich einen Holzscheit aus seinem Sack und legte ihn ins Feuer.
„Ich bin Grosch“, erklärte es.
Câyleân beobachtete ihn schweigend. Grosch drehte sich zu ihm und sah ihn aus seinen grauen Augen an. Trotz seiner Körpermasse bewegte sich der Bärtige gewandt und beinahe lautlos. Nun wunderte sich der Knabe nicht mehr, dass er ihn nicht gehört hatte.
„Hast du einen Namen, kleiner Halbelf?“, stellte das Männchen eine neue Frage.
Der Junge nickte langsam. Grosch sah ihn noch einen Augenblick erwartungsvoll an, dann lachte er leise. „Na gut, du hast Recht, kleiner Halbelf. Frag.“
Irritiert hob Câyleân eine Augenbraue an und neigte den Kopf etwas seitlich. „Was soll ich fragen?“
„Was immer du wissen willst, kleiner Halbelf“, lachte Grosch. „Wie lautet dein Name?“
„Wie bist du hier hergekommen?“, stellte der Knabe eine Gegenfrage anstatt zu antworten. Der kleine Mann schüttelte darauf nur wieder den Kopf. „Nein, nein, so geht das nicht. Ich habe zuerst gefragt, Frage und Antwort. Wie lautet dein Name?“
Grosch gab sich hartnäckig. Aber wenn er der jenige war, der das Feuer und das Essen gemacht hatte, war er auch der Einzige, der dem Knaben helfen konnte. Also atmete der Junge einmal tief durch um sich selbst zu beruhigen, bevor er antwortete: „Mein Name ist Câyleân, Sohn des Cainar, Jüngster vom Stamm des Schattenberges.“
„Aha“, Grosch sah ihn verständnislos an. „Ich nenne dich Cây“, beschloss er. Câyleân nickte. Zu Hause hatten sie ihn ebenfalls Cây genannt. Aber der Gedanke an Zuhause tat weh. Lieber dachte er darüber nach, wie er hier raus kommen sollte. Und dazu musste der Bursche wissen, wie dieser kleine Mann hier her gekommen war.
„Durch den Gang bin ich her gekommen“, antwortete das Männchen auf die Frage des Kindes.
„Durch welchen Gang?“ Câyleân hatte keinen Gang gesehen. Als Grosch auf die hintere Felswand deutete, stand der Junge auf und betrachtete den Fels genauer. An dieser Stelle war er übersäht mit kantigen Vorsprüngen. Zwischen den dunklen Schatten entdeckte der Bursche einen Spalt. Grosch beobachtete den Jungen, während der die Wand genauer in Augenschein nahm. „Was machst du hier ganz allein, Cây?“
„Ich bin weg gelaufen“, murmelte er leise und wandte sich wieder zu Grosch. „Wo führt der Gang hin?“
„Tief ins Gebirge“, erklärte Grosch bedeutungsschwer.
„Führt er nicht irgendwann hinaus?“, wollte Câyleân wissen.
Grosch schüttelte den Kopf und sagte seinen Spruch auf: „Nein, nein, so geht das nicht. Frage und Antwort.“
„Aber du hast nichts gefragt“, gab der Knabe zu bedenken.
Grosch runzelte die Stirn. Er sah beleidigt aus und beschwerte sich: „Du hast mir auch gar keine Zeit gelassen, Cây.“ Sofort schob er seine Frage nach: „Vor wem bist du weggelaufen?“
Câyleân zögerte. Was wäre, wenn Grosch ihn zum Stamm zurückschickte?
Der kleine Mann zuckte mit den Schultern und ging an den Sachen des Knaben entlang. „Keine Antwort, keine Frage“, brummelt er leise.
Seufzend trat der Junge zu ihm und hockte sich hin, um seine Habseligkeiten einzusammeln. „Vor den Nomaden bin ich weggelaufen.“
„So, so. Vor den Nomaden“, brummelte Grosch, während er dem Knaben zusah. „Ich kenne die Nomaden. Sind ein raues Volk. Aber nicht so rau wie wir Zwerge.“ Er kicherte leise und tief.
„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet“, erinnerte ihn Câyleân, während er die Decke zu einem Sack zusammenband. Dass die Nomaden rau waren, wusste er selber.
„Hm, stimmt, du hast Recht, Cây“, nickte Grosch: „Der Weg führt nach draußen, ja, Cây.“
„Dann lass uns gehen“, forderte der Junge den Zwerg auf und hing sich den Sack über die Schulter.
„Gehen? Wohin?“ Grosch blinzelte zu ihm hinauf.
„Nach draußen natürlich.“
„Nein, nein, nein.“ Der Zwerg schüttelte entschieden den Kopf. „Menschen dürfen nicht unter das Gebirge durchgehen.“
Überrascht sah Câyleân ihn an. „Warum nicht?“
„Weil das verboten ist, Cây“, erläuterte Grosch, ziemlich ungenau für den Geschmack des Jungen. „Darum.“
„Aber ich bin doch ein Halbelf“, gab er zu bedenken: „Das hast du selbst gesagt.“
„Hmm.“ Grosch legte die Hände an seinen runden Bauch und wiegt den Kopf. Sein Bart wackelte dabei hin und her. „Ein Halbmensch bist du aber genauso, Cây.“
Grübelnd nagte der Knabe mit den Zähnen auf der Unterlippe und schlug vor: „Dann gehe ich eben nur den halben Weg unter dem Gebirge.“ Wenn er erst soweit gegangen war, müsste Grosch ihm auch den restlichen Weg zeigen, überlegte Câyleân. Oder er würde ihn alleine finden.
Der kleine Mann dachte wirklich über den Vorschlag nach und nickte dann: „Einverstanden. Den halben Weg kannst du drunter durchgehen, Cây.“
Grosch wandte sich dem Gang zu und ging vor. Er nahm die Laterne von seinem Gürtel und klappte eine der vielen Metallklappen auf. Die Felswand wurde von ruhigem, gelbem Licht angestrahlt.
„Aber bleib bloß nicht zurück“, brummelte Grosch, während er in den dunklen Gang trat. „Ich warte nicht auf dich.“
Câyleân nickte zu den Worten und folgte dem Zwerg. Hinter ihnen verlosch das kleine Feuer auf dem Felsvorsprung.

Grosch führte Câyleân durch endlose Gänge und Windungen immer tiefer in das Gebirge. Dem Jungen kam es vor, als seien sie schon seit Stunden unterwegs, ebenso gut konnten es aber erst einige Minuten sein. In der Dunkelheit, nur mit dem gelben Licht der Laterne, hatte er jedes Zeitgefühl verloren. Seine Füße schmerzten zunehmend und auch das Pochen in seinem Kopf hatte wieder angefangen.
Wenn der Zwölfjährige mal eine Frage stellte, dann nur im Flüsterton, denn die Stimmen hallten unheimlich von den rauen Wänden wieder. Der Zwerg gab sich wortkarg auf die Fragen des Knaben, besonders auf jene, wie lang die Reise dauern würde. Schließlich gab Câyleân es auf. Immerhin fragte Grosch ihn auch nicht mehr aus. Der Junge mochte nicht mehr an die Erlebnisse der letzten Stunden denken. So trotteten sie weiter durch das Dunkel, mal durch schmale, mal durch breite Gänge. Wahllos schien Grosch einige Abzweigungen in dem Labyrinth zu wählen und inzwischen war sich Câyleân nicht mehr sicher, dass er alleine zurück finden würde; nicht dass er auch zurück wollte. Ob der Zwerg überhaupt noch wusste, wo sie hingehen? Oder hatten sie sich verlaufen? Schon einige Male, hatte der Knabe das Gefühl, der Bärtige würde ihn im Kreis führen. Mit Gewissheit konnte er es natürlich nicht sagen, die Felswände sahen sich zu ähnlich. Mehr schlafend als wachend tappte Câyleân dem Zwerg hinterher und stolperte beinahe, als sie an einer in den Fels geschlagenen Treppe ankamen. Grosch schaute einmal über die Schulter zurück, ließ sich aber sonst nichts anmerken. Die Treppe führte nach unten. Die Stufen waren flach, schmal und von vielen Füßen ausgetreten, aber wenigstens trocken. Das Gurgelwasser musste ein ganzes Stück entfernt sein, überlegte Câyleân still für sich. Die Treppe war so schmal, dass kaum zwei Kinder nebeneinander gehen konnten. Der raue Fels zu beiden Seiten, ließ in dem Knaben ein Gefühl aufkommen, als würde er das Gewicht des ganzen Gebirges auf den Schultern tragen. Im Schein von Groschs Laterne konnte er sehen, dass die Decke so niedrig war, dass ein erwachsener Mann nur gebückt gehen konnte.
Mit einem Mal hob Câyleân aufmerksam den Blick und versuchte über den kleinen Mann hinweg etwas zu erkennen. Die Luft roch nun nicht mehr so abgestanden und modrig wie bisher. Vielleicht hatten sie den Ausgang schon erreicht? Das konnte sich der Junge allerdings nicht vorstellen. Über das Gebirge würde die Reise sicherlich Wochen dauern. Da konnten sie den Weg unten durch, doch kaum in ein paar Stunden bewältigen. Oder waren sie am Ende schon Tage unterwegs?
Völlig in Gedanken versunken, merkte Câyleân erst nach einigen Schritten, dass auf einmal die Wände zu beiden Seiten einfach weg waren. Wie angewurzelt blieb der Knabe stehen. Sein Herz hämmerte in der Brust.
„Grosch?“ Vorsichtig klang die Knabenstimme und noch unheimlicher kam es ihm vor, als sie nicht wie bisher mit einem Echo zurück schallte, sondern ebenso von der Dunkelheit verschluckt wurde, wie das Gestein rund herum.
Der Zwerg war schon ein paar Stufen weiter unten, drehte sich nun zu dem Jungen um und sah fragend hinauf. „Ja?“
„Wo.. wo sind wir hier?“ Ein Zittern klang in der Stimme mit. Câyleân traute sich nicht, noch einen weiteren Schritt zu tun. Er musste sich nicht umsehen, wusste einfach, dass es zu beiden Seiten der schmalen Treppe steil hinab ging, in endlose, schwarze Tiefe. Sein Blick blieb auf dem gelben Licht der Laterne fixiert. Feine Schweißtropfen traten auf die Stirn des Jungen. Er glaubte, aus den Augenwinkeln eine Bewegung gesehen zu haben, als wolle die Finsternis nach ihm greifen und ihn ebenso verschlingen wie Wände und Decke.
„Wo wir sind?“, vollkommen überflüssig wiederholte der Zwerg die Worte und sah sich um, als würde er erst jetzt bemerken, dass sie auf dieser lebensgefährlichen Treppe ohne Geländer gingen. Die greifbare Dunkelheit kümmerte ihn kein Stück. „Wir sind auf der Lagsch-Treppe, benannt nach Lagsch, dem Eifrigen. Lagsch war mein Urururgroßonkel. Oder eigentlich der Vetter meines Onkels Kuhn, der der Sohn der Tante Ebra meines Urgroßvaters Derg war. Wobei man eigentlich eher sagen könnte, dass...“, Grosch hielt in der Aufzählung seiner Ahnenfolge inne und schaute zu Câyleân hinauf. Dem Jungen stand der Mund offen. Fassungslos sah er zu dem Zwerg hinunter und meinte schließlich: „Hätte dein Ururur-Lagsch nicht wenigstens ein Geländer anbringen können?“
Grosch zuckt gleichmütig mit den Schultern und entgegnete: „Wir Zwerge brauchen keine Geländer. Hast du etwa Angst?“
„Angst?“ Câyleân lachte unsicher. „Nein, nein ich habe keine Angst. Ich will nur nicht da runter fallen, wo ich nicht einmal weiß, ob ich jemals irgendwo ankomme um mir die Knochen zu brechen!“ Unbewusst sprach der Junge lauter und immer noch gab es kein Echo seiner Stimme.
Grosch sah den Knaben eine Weile ernst an. Câyleân wurde schon unruhig und das schlechte Gewissen nagte an ihm, weil er den Zwerg angeschrieen hatte. Immerhin konnte Grosch nichts dafür, dass dieser Lagsch keine vernünftigen Treppen bauen konnte. Da brummte der kleine Mann halblaut und doch verständlich: „Menschen sollten nicht durch das Gebirge. Noch nicht einmal halbe. Die Höhlen sind kein Ort für Elfen und Menschen.“
Schuldbewusst senkte Câyleân die Augen und riskierte dabei einen vorsichtigen Blick in den Abgrund. Nichts als gähnende Schwärze lauerte dort. Zitternd atmete der Knabe tief durch und setzte vorsichtig einen Schritt auf die nächste Stufe. „Du hättest mich wenigstens vorwarnen können“, meinte er doch recht kleinlaut.
„Du hast nicht gefragt.“ Noch einmal zuckte Grosch mit den Schultern und drehte sich um. „Können wir nun weiter gehen? Das Mittagessen wird kalt.“
Mittagessen? Für einen Moment vergaß Câyleân die Abgründe um ihn. Es war doch Nachmittag, als er vor Brondar und dessen Männern geflohen war. Und überhaupt würde ihn interessieren, woher Grosch wissen konnte, ob es Morgen, Mittag, Abend oder tiefste Nacht war. Kopfschüttelnd aber ganz vorsichtig ging der Junge weiter. Schritt für Schritt, nur nicht an den Abgrund denkend, in die Erde hinab.

Seit Grosch vom Essen gesprochen hatte, knurrte Câyleân der Magen. Der Hunger ließ ihn sogar die Kopfschmerzen und die Angst vor dem Abgrund vergessen. Je länger er ging, umso sicherer wurden seine Schritte auf der schmalen Treppe. Câyleân versuchte die Stufen zu zählen, aber als er fünfmal bei hundert angekommen war, gab er auf. Als das Ende in Sicht kam, atmete er erleichtert auf. Links und Rechts hatte er nun wieder steinige Wände um sich. Der Gang war kaum breiter, als die Treppe zuvor und ebenso finster wie alle anderen Gänge auch, aber wenigstens konnte der Junge nicht mehr hinunter fallen. Nur die Decke war höher, schon fast wieder zu hoch für den Geschmack des Knaben, denn das Ende des grauen Steins verlor sich irgendwo in der Dunkelheit. Dennoch, das Echo, das seine Schritte auf dem Steinboden verursachten, wirkte beruhigend. Besonders, weil so nicht auffiel, dass Grosch sich immer noch lautlos bewegte.
Plötzlich blieb der kleine Mann mitten im Gang stehen, so das Câyleân beinahe in ihn hinein gelaufen wäre. „Was ist denn los?“, fragte der Junge in nicht unbedingt freundlichem Tonfall. Er war hungrig, durstig, müde und Kopf und Füße taten ihm weh. Alles was er wollte, war etwas zu Essen und einen Platz zum Schlafen. Und dieser schmale Gang sah nicht danach aus, als würde er eines von beidem bereithalten.
„Wir sind da“, entgegnete der Zwerg.
Da? Câyleân hob eine Augenbraue und versuchte über den Zwerg hinweg etwas im Schein der Laterne zu erkennen. Aber alles was er sah, war ein Stück des engen Ganges, Felsen und Dunkelheit.
„Und wo soll dieses Da sein?“, hakte der Bursche nach.
Grosch drehte sich geschwind zu ihm um, funkelte aus diesen felsgrauen Augen zu dem Jungen hoch und zischte: „Willst du wohl still sein und keine unnötigen Fragen stellen?“ Câyleân, der eben noch etwas sagen wollte, klappte den Mund zu und sah betroffen zu dem kleinen Mann hinunter. Grosch hob den Zeigefinger der freien Hand und sprach eindringlich und mahnend weiter: „Ich hoffe dir ist klar, Cây, dass ich das Gesetz breche, wenn ich dich weiter mit nehme. Du musst jetzt leise sein. Keine Fragen, bis ich wieder etwas anderes sage. Hast du verstanden, Cây?“
Der Junge schluckte und nickte. So ernst hatte er den Zwerg bisher noch nicht erlebt. Er wollte fragen, was denn wohl mit Grosch passierte, wenn dieser erwischt würde, aber er hob sich die Frage für später auf. Dennoch hatte er ein schlechtes Gewissen. In Schwierigkeiten wollte Câyleân seinen Führer schließlich nicht bringen.
Grosch drehte sich um und grummelte leise etwas Unverständliches in seinen Bart. Da begann auf einmal die Luft vor den Beiden zu flimmern. Dann strahlte es so hell, dass Câyleân die Augen zukneifen musste und sich abwendete.
„Wir können weiter gehen“, hörte der Junge die tiefe Zwergenstimme. Als er den Gang entlang blinzelte, glaubte der Knabe seinen Augen nicht zu trauen. Überall in der Dunkelheit schimmerten gelbe Lichter und als Câyleân genauer hinschaute, konnte er in der Höhe schmale Stege erkennen, die die Wände links und rechts verbanden. Überall im Fels waren schmale Stufen gehauen und Löcher ließen auf weitere Gänge schließen. Es sah wunderbar aus.
Fragen schwirrten im Kopf des Kindes. Wie hatte Grosch das gemacht? Nur Sekunden zuvor war das alles noch nicht da gewesen. Oder war es schon da, und er hatte es nur nicht gesehen? Konnte der Zwerg vielleicht zaubern und hatte die vielen Lichter mit Magie entzündet? Doch der Junge hielt sich zurück. Keine Fragen, hatte Grosch gesagt, und daran wollte er sich vorerst halten.
Der Zwerg ging weiter und wandte sich einigen schmalen Stufen zu, die auf der linken Seite in den Stein gehauen waren. Zögernd folgte ihm Câyleân. Die kleine Treppe endete an einer dunklen Tür. Der Knabe meinte, sie bestünde aus Holz, aber als er die Hand ausstreckte und mit den Fingern darüber glitt, fühlte sie sich an wie kalter Stein. Im Schein der Laterne erkannte der Junge seltsame Zeichen aus kurzen, geraden Linien, die in die Tür geritzt waren.
Grosch warf ihm einen tadelnden Blick zu, aber in seinem Bart lächelte der Mund schon wieder. Mit einem Finger an den Lippen deutete der Zwerg dem Jungen, leise zu sein. Dann öffnete er die Tür.

„Grosch Grenzgänger! Hast du eigentlich eine Ahnung wie spät es ist? Seit über zwei Stunden koche ich den Eintopf auf dem Herd!“
Câyleân sah unsicher zu Grosch hinunter, als dieser tiefe und überaus verärgerte Ruf ertönte, kaum dass der Zwerg die Türe geschlossen hatte. Dieser warf dem Jungen einen entschuldigenden Blick und ein schiefes Lächeln zu. „Meine Frau. Wenn es um das Essen geht, ist sie etwas eigen.“
Câyleân nickte und folgte dem kleinen Mann auf dessen Wink in die Zwergenbehausung.
Die Höhle, die das Zwergenhaus darstellte, war so niedrig, dass ein erwachsener Mann nur gebückt hätte gehen können. Der Boden war mit einem weichen Teppich ausgelegt, bei dem der Junge nicht genau sagen konnte, aus welchem Material er bestand. An den Wänden hingen überall Felle der verschiedensten Tiere. Grosch führte den Knaben in eine gemütliche Küche. Unsicher blieb Câyleân in dem Durchgang stehen, während sein Blick durch den Raum glitt. Die Möbel in dem warmen Zimmer waren alle aus Stein gehauen und so klein, als wären sie für Kinder gemacht. Am Herd stand eine rundliche Frau, genauso klein wie Grosch, mit flachsblonden, langen Haaren, die zu einem Zopf geflochten waren. Eben drehte sie sich mit einem Kochlöffel in der Hand um, wohl um ihren Mann weiter die Meinung zu sagen, doch blieb ihr Mund offen stehen, als sie Câyleân in der Tür erblickte.
„Wir haben Besuch, Liebes“, erklärte Grosch unnötiger Weise.
Der erstaunte Ausdruck auf dem Gesicht der Zwergenfrau verdüsterte sich, als sich tiefe Furchen auf ihrer Stirn bildeten.
„Das sehe ich!“, brummte sie Grosch zum verwechseln ähnlich und sprach gleich weiter auf ihren Gatten ein. Davon konnte der Knabe allerdings kein Wort verstehen. Es musste die Zwergensprache sein, überlegte er still und lauschte dem Gebrummel der Beiden. Câyleân fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut.
Schließlich waren die beiden Zwerge still und starrten den Halbelf einige Sekunden lang an. Grosch räusperte sich und meinte dann: „Cây, das ist meine Frau Gine, ein wahrer Schatz mit einem hervorragendem Rezept für Eintopf.“
Câyleân nickte der Frau zögernd zu und murmelte ein leises: „Hallo.“
Gine nickte ebenso knapp, ihr Blick war nur wenig freundlicher, und wandte sich wieder dem Herd zu. „Erst einmal solltet ihr essen. Der Junge sieht ja halb verhungert aus“, meinte sie und begann schon zwei Schüsseln mit dem herrlich duftenden Eintopf zu füllen.
Zu Beginn des Essens war nur das Geklapper der Löffel zu hören. Die Suppe war wirklich gut und nachdem Câyleân die Zwergenfrau wegen ihrer guten Kochkünste lobte, füllte sie ihm die Schüssel neu.
„Du willst also auf die andere Seite der Berge“, fing Gine schließlich doch ein Gespräch an. Câyleân konnte nur nicken, denn er hatte den Mund gerade voll.
„Und warum willst du hinüber? Warum bleibst du nicht auf deiner Seite?“
Der Junge ließ den Löffel sinken und sah unsicher zwischen den Beiden hin und her. Grosch schien sich nicht am Gespräch beteiligen zu wollen. Er löffelte nur weiter seinen Eintopf ohne aufzusehen. Als Câyleân nicht gleich antwortete, sprach Gine weiter: „Du gehörst nicht auf die andere Seite der Berge. Du solltest umkehren.“
„Ich gehöre nicht auf diese Seite der Berge“, erklärte der Knabe mit leiser aber bestimmter Stimme. Die braunen Augen mit silbernen Sprenkeln ruhten in den Augen der Zwergin. Câyleân bemerkte, dass ihre Augen nicht so felsgrau waren, wie die von Grosch. Gines Augen schimmerten wie flüssiges Silber.
„Ich… die Nomaden wollen mich töten. Ich kann nicht auf dieser Seite der Berge bleiben“, erzählte der Bursche verzweifelt.
Gines Silberaugen verengten sich skeptisch. Vielleicht konnte sie nicht verstehen, warum die Nomaden einen der ihren töten wollten. Und wie sollte sie auch verstehen, dass Câyleân gar nicht wie die Nomaden war, nicht zu ihnen gehörte.
„Er ist ein Halbelf“, ertönte die tiefe Stimme von Grosch, als wollte er die Gedanken des Jungen in Worte fassen. Gine brummte unbestimmt vor sich hin. „Auf jeden Fall gehört er nicht hier her.“
Grosch schüttelte den Kopf während er auf einem Stück Fleisch kaute. „Er soll doch auch gar nicht hier bleiben. Ich bringe ihn zum alten Pass. Das ist genau die Hälfte des Weges.“
„Die Hälfte des Weges“, wiederholte Gine immer noch skeptisch. Streng betrachteten ihre Silberaugen den Zwerg. Dieser nickte bestätigend. „Ja, weil er ein Halbelf ist, immerhin.“

Câyleân lag im Dunkeln auf einem Lager aus Fellen und Decken. Nach den ganzen Strapazen der letzten Zeit hatte er tief aber scheinbar viel zu kurz geschlafen. Im Zwergenhaus war noch alles still und dunkel. Grosch und Gine schliefen sicher noch.
Gine… In Gedanken drehte sich Câyleân auf die Seite und zog die Decke bis zur Nasenspitze hoch. Diese Frau war merkwürdig. Sie war nett. Sie hatte ihm zu Essen gegeben, sich mit ihm unterhalten und ihm dieses Lager bereitet. Und nachdem er von dem Mord der Nomaden an Mutter und Bruder erzählt hatte, hatte die Zwergenfrau versprochen, für genug Wegzehrung zu sorgen. Aber ihre Abneigung gegenüber dem Jungen konnte sie trotz allem nur schwer verbergen. Sie schien die Menschen regelrecht zu verachten. Gine hatte dem Jungen eingeschärft, das Haus nicht allein zu verlassen. Das würde nur Ärger bedeuten, so sagte sie. Warum wollte sie nicht, dass er hier unten war? Warum durfte ein Mensch nicht durch das Schattengebirge gehen? Warum durfte aber ein Elf über oder unter die Berge? So viele Fragen, aber Câyleân traute sich nicht um Antworten zu bitten. Er hatte das Gefühl, die Antworten könnten ihm nicht gefallen. Und da war noch eine Frage, die den Knaben beschäftigte. Vor etwa 18 Wintern war eine Elfe über das Schattengebirge gekommen; oder unten drunter, da war der Bursche nicht so sicher. Kannten Grosch und Gine seine Mutter vielleicht? Könnten die beiden ihm Dinge erzählen, über die seine Mutter immer geschwiegen hatte? Câyleân war neugierig, aber zugleich fürchtet er die Antworten. Was, wenn die Elfen weniger so waren, wie die Mutter es immer berichtet hatte?
Wenn die Mutter von ihrer Familie sprach, was selten genug vor kam, erzählte sie von Wesen, deren Haar in allen Farben des Regenbogens schimmern sollte. Laut der Mutter lebten alle Elfen in Verbundenheit mit der Natur und die Natur selbst sollte den Elfen eine Magie schenken, mit der sie anderen Wesen helfen könnten.
Was, wenn sie den alten Legenden der Nomaden viel mehr glichen?
Es gab Geschichten, nach denen die Elfen im Schattengebirge leben sollten. Das wusste Câyleân nun besser. Gerüchten zufolge sollten die Elfen aber kleine Kinder aus ihren Wiegen entführen und weit entfernt im Wald aussetzen.
Und was, wenn sie genauso dachten wie die Nomaden? Wenn sie ihn nicht bei sich haben wollten, weil er kein ganzer Elf war? Câyleân atmete langsam durch. Wenn er nicht fragte, würde er niemals eine Antwort erhalten und sich nur weiter quälen. Und wo sollte er hin, wenn nicht zur Familie seiner Mutter? Er kannte niemanden außer den Nomaden, die ihn hassten und töten wollten. Nein, so kam er nicht weiter. Die Nomaden waren seine Vergangenheit und die Elfen würden seine Zukunft sein. Die musste er nun finden. Vielleicht half Grosch ihm dabei. Vielleicht konnte der Junge den Zwerg überreden, ihn ganz unter die Berge durch zu führen. Câyleân nahm sich vor, Grosch zu fragen, wenn sie unterwegs waren und Gine nicht dabei war. Grosch kannte sicher auch den Weg zu den Elfen.
Auf einmal war das Geräusch einer Tür zu hören, wie sie geöffnet und wieder geschlossen wurde. Câyleân runzelte die Stirn und setzte sich auf. In dem Zwergenhaus gab es keine Türen, nur die am Eingang. Vielleicht war Grosch losgegangen, um ihre Reise schon vorzubereiten. Nein, jetzt konnte der Knabe den gelblichen Schein einer Laterne im Durchgang zum Flur erkennen. Möglicher Weise hatte Grosch oder Gine das Haus verlassen, während er schlief. Gähnend streckte sich der Halbelf, hielt aber mitten in der Bewegung inne, als im Durchgang ein fremder Zwerg mit einer Laterne in der Hand erschien.
Der Zwerg betrachtete den Jungen im gelben Licht. Viel konnte Câyleân nicht von ihm erkennen. Der Knabe schluckte trocken und ließ langsam die gehobenen Arme sinken. Gine hatte ihm doch ausdrücklich eingeschärft, dass kein anderer Zwerg ihn hier unten sehen durfte.
„So, so, du bist also der kleine Halbelf“, sprach der Zwerg. Seine Stimme war fast so dunkel und brummig wie die von Grosch, aber er klang nicht wirklich böse. Câyleân nickte langsam und schob die Decke von sich, um aufzustehen. Der kleine Mann hob seine freie Hand und beschrieb einen Bogen in der Luft. Plötzlich entflammten alle Kerzen in der Küche und Câyleân musste geblendet die Augen schließen.
„Und Grosch soll dir also den Weg durch die Höhlen zeigen“, mutmaßte der Fremde. Der Junge blinzelte ins Licht und versuchte mehr von dem Zwerg zu erkennen. Zögernd fragte er nach: „Bekommt Grosch nun Ärger deswegen?“
„Ärger?“ Der kleine Mann lachte rau. „Schon möglich, dass er Ärger bekommt, aber sicher nicht von mir.“
Allmählich gewöhnten sich die Augen des Burschen an das Licht und er betrachtete sein Gegenüber genauer. Der Zwerg klappte eben die Laterne zu und hing sie an seinen Gürtel, der einen Bauch umspannte, der beinahe ebenso dick war, wie der von Grosch. Überhaupt sah der Zwerg Grosch sehr ähnlich, nur das bei diesem der Bart kürzer war und seine Haare so blond waren wie Gines. Allerdings hatte Câyleân noch nie einen anderen Zwerg gesehen, als diese beiden und es war durchaus möglich, dass sich alle so ähnlich sahen. Verlegen senkte der Knabe den Blick, als er bemerkte, wie der Zwerg ihn betrachtete; eben so, als hätte dieser noch nie in seinem Leben einen Menschen oder Elf oder gar einen Halbelf gesehen.
„Ich... ähm... mein Name ist Câyleân“, stotterte der Bursche unsicher: „Und... und ja, Grosch führt mich auf die andere Seite der Berge.“
Wieder lachte der Zwerg rau und hob beschwichtigend eine Hand. „Nun bleib mal ruhig, Jungchen, ich will dich ja nicht gleich fressen. Ich bin Pag Grenzgänger, der Sohn von Grosch.“

Das Liuant



Grauer Stein und Dunkelheit, wohin Caylean auch blickte. Er hatte das Gefühl, seit Monaten keinen frischen Wind gespürt und die Sonne nicht gesehen zu haben.
Mit Rucksäcken voll Verpflegung und Decken waren Câyleân, Pag und Grosch Grenzgänger aufgebrochen. Die Zwerge hatten dem Jungen gesagt, er dürfe nicht durch das Dorf gehen. So nahmen sie einen Umweg über die Lagsch-Treppe und durch enge Gänge in kauf, der sie einen ganzen Tag kostete. In dieser Zeit hatte Câyleân noch versucht Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten. Doch die einzige Antwort, die Grosch gab, lautete: „Nein, nein, so geht das nicht. Frage und Antwort.“ Eine Frage stellte der Zwerg allerdings nicht. Câyleân konnte diesen Spruch bereits im Schlaf aufsagen.
Auch auf die Bitte des Knaben, ihn doch ganz unter das Gebirge durch zu führen, zeigte Grosch sich stur. Er wollte den Jungen bis zum alten Pass bringen – keinen Schritt weiter.
Sie liefen bereits den vierten oder fünften Tag. Ganz sicher war der Halbelf nicht. Sie gingen schweigend und zumindest Câyleâns Stimmung war ebenso finster wie alles um ihn herum. Um Lampenfett zu sparen, nutzten sie immer nur eine Laterne und das meiste Licht wurde von den Schatten der massigen Zwergenkörper verschluckt.
Zu allem Überfluss zerrt das Echo an Câyleâns Nerven. Er versuchte so lautlos wie Grosch vor und Pag hinter ihm zugehen, aber es gelang ihm nicht.
Grosch blieb so unerwartet stehen, dass Câyleân beinahe in ihn hinein rannte.
„Was ist denn los?“, fragte der Junge gähnend, aber der Zwerg hob eine Hand zum Zeichen, dass er still sein sollte. Pag, der bisher das Schlusslicht bildete, drängte sich an dem Halbelf vorbei zu seinem Vater. Câyleân lehnte sich an die Felswand und warf den beiden Zwergen einen missmutigen Blick zu. Grosch und Pag brummten leise in der Zwergensprache aufeinander ein, von welcher der Bursche kein Wort verstand. Seufzend lehnte der Zwölfjährige den Kopf zurück und strich mit den Fingern über den kühlen Fels. Plötzlich hielt er inne. Unter seinen Fingerspitzen spürte er Unebenheiten, als hätte jemand etwas in den Stein geritzt. Câyleân warf einen kurzen Blick zu Vater und Sohn. Sie beachteten ihn nicht. Leise hockte sich der Junge hin und öffnete vorsichtig eine Klappe seiner Laterne. Im gelben Lichtschein erkannte er eingeritzte Linien. Es waren Schriftzeichen, ganz ähnlich jenen, die Câyleân auf der Tür zum Zwergenhaus gesehen hatte. Leider konnte der junge Halbelf in keiner Sprache lesen oder schreiben und zwergisch verstand er schon gar nicht. Die Zeichen mochten Wegweiser sein, an denen sich Grosch orientierte und die ihm bisher nicht aufgefallen waren.
„Cây!“ Die tiefe Stimme des älteren Zwergs ließ den Knaben erschrocken zusammen fahren. Beinahe hätte er die Laterne fallen lassen. „Spar das Licht. Du wirst es noch brauchen“.
Der Halbelf nickte seufzend und deckte den gelben Schein zu, während er sich aufrichtete. „Was bedeuten die Zeichen?“, verlangte er zu wissen. Bevor Grosch seinen Spruch aufsagen konnte, trat Pag dazwischen. „Es ist eine Warnung. Du musst nun sehr leise sein, Cây. Der Weg ist gefährlich.“ Pags Stimme klang ruhig und dennoch warnend. So ähnlich hatte der Vater sich immer angehört, wenn er Dânael und Câyleân etwas besonders Wichtiges erklärt hatte.
„Warum? Was ist da vorne?“, erkundigte sich der Junge im Flüsterton und sah von einem Zwerg zum anderen.
„Das Liuant“, erwiderte Grosch knapp und ging weiter.
Ein Liuant? Was im Namen der Berge sollte ein Liuant sein? Câyleân wollte fragen, aber Pag bedeutete ihm still zu sein. Der jüngere Zwerg hielt den Knaben fest und ließ den Vater vorgehen.
„Das Liuant ist ein riesiger Wurm, der sich durch den Fels gräbt“, wisperte Pag und schob den Halbelf mit einigem Abstand zu Grosch vor sich her. „Damals, als die großen Weisen das Gesetz bekannt gaben, dass Menschen nicht länger durch das Schattengebirge dürfen, brachten sie das Liuant als Wächter her. Normalerweise hält sich der Wurm nur auf der anderen Seite des Gebirges auf, an der Grenze zu Lâgiin.“
„Lâgiin? Was ist das?“, unterbrach Câyleân den Zwerg flüsternd.
„Das Reich, das hinter dem Gebirge beginnt. Eigentlich soll das Liuant nur die Menschen abhalten. Aber immer wieder verschwinden Zwerge, die diesen Weg weiter als zum alten Pass gehen. Man hört nie wieder von ihnen.“
Câyleân warf Pag einen betroffenen Blick zu. „Warum dürfen die Menschen eigentlich nicht durch das Gebirge? Warum gibt es diesen Wächter hier?“ Der Bärtige winkte ungeduldig ab. „Später, später. Hör mir zu. Die Schrift, die du gesehen hast, besagt, dass hier ganz in der Nähe Gänge vom Liuant gefunden wurden.“
„Und du meinst, wir könnten diesem Wurm hier wirklich begegnen?“, unterbrach der Junge den Zwerg noch einmal. Pag nickte. „Das Liuant wittert Menschen Meilenweit, heißt es. Und du bist nun einmal ein Halbmensch.“
Câyleân blieb wie angewurzelt stehen und sah bestürzt zu dem kleinen Mann hinunter. „Du meinst es kommt auf uns zu? Wegen mir?“, fragte der Knabe erschocken, so dass Pag leise zischte und einen Finger gegen die Lippen legte. „Ich weiß es nicht. Vielleicht sind noch andere Menschen im Gebirge“, beschwichtigte er gedämpft.
Andere Menschen? Câyleân runzelte skeptisch die Stirn. Wer sollte das sein? Außer den Nomaden vielleicht. Kein sehr aufbauender Gedanke. Leise seufzend wandte er den Blick Grosch nach, der ein Stück weiter stehen geblieben war. „Dein Vater glaubt, dass dieser Wurm wegen mir hier ist.“
„Ja“, Pag hob seine Stimme weiterhin nicht an, fasste den Halbelf am Ärmel und zog ihn mit sich: „aber er mag dich und er wird dir weiterhin helfen. Er hat es dir versprochen und ein Grenzgänger bricht niemals sein Wort.“
Ein Brummen zeugte davon, dass Grosch diese letzten Worte hörte. Mit seiner Laterne leuchtete der Zwerg den Gang vor ihnen ab und bei dem, was Câyleân in dem Schein entdeckte, blieb ihm der Mund offen stehen.
Der schmale Gang sah aus wie abgebrochen. Etwas wirklich Großes hatte den Weg von der Seite her einmal durchquert. Ein Hang von losem Geröll führte in einen gigantischen Tunnel hinab. Die Drei kletterten vorsichtig hinunter und schließlich hob Grosch die Laterne und ließ sie heller leuchten. Nun konnten sie erst richtig erkennen, dass sie in einem riesigen, runden Gang mit unebenen Wänden standen. Gut zwanzig Schritte mochte dieser Tunnel im Durchmesser haben und der Gedanke daran, wie groß wohl der Wurm sein musste, verschlug den Dreien die Sprache.
„In welche Richtung wird es gekrochen sein?“, hauchte Pag schließlich. Grosch hob die Schultern und leuchtete beide Richtungen der Höhle ab. Er trat an die geneigten Wände und betastete prüfend den rauen Fels. Schließlich deutete er mit der Laterne den Tunnel hinab und brummte leise: „Die Grabspuren führen dort lang. Heißt natürlich nicht, dass es den Weg nicht auch in die andere Richtung benutzt.“
Pag schluckte und leuchtete in die Entgegengesetzte Richtung. Im Licht erkannten sie, dass der Gang ein wenig abschüssig verlief. „In welcher Richtung es auch sein mag, wir müssen nach oben“, entschied Grosch, dämpfte sein Licht und sah zu Câyleân hoch: „Wir müssen sehr leise sein. Und bis wir am Pass sind, gibt es keine längere Rast mehr.“

Stundenlang wanderten Grosch, Câyleân und Pag den Tunnel des Liuant entlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Der Weg wurde immer steiler und mühseliger. Grosch verlangsamte das Tempo dennoch nicht.
Câyleân hatte das Gefühl, dass der alte Zwerg diesen Teil des Höhlenlabyrinths so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Übel nehmen konnte er es ihm nicht, doch Müdigkeit zerrte an dem Jungen und seine Füße spürte er ohnehin kaum noch.
Endlich blieb Grosch stehen und wandte sich zu den beiden Jüngeren um. Mit seiner tiefen Stimme wisperte der Zwerg: „Wir machen eine kurze Pause.“
Câyleân atmete erleichtert auf und sank auf den rauen Fels. Die Zwerge nahmen ihre Rucksäcke ab, packten Brot aus und tranken von ihren Wasserschläuchen. Der junge Halbelf war jedoch selbst zum Essen zu müde. Er benutzte seinen Rucksack als Kissen und machte es sich auf dem Steinboden so bequem wie möglich. Die leisen Stimmen der Zwerge sanken zu einem einschläfernden Gemurmel, das den Jungen beinahe sofort in traumlose Ruhe zerrte.

„Cây. Cây wach auf.“
Der Knabe brummte leise, schob die Hand weg, die seine Schulter rüttelte, und drehte sich auf die Seite. „Klein’ Moment noch“, nuschelte er.
„Nein. Jetzt. Sofort.“
Eine kräftige Hand fasste den Jungen am Arm und zog ihn auf die Beine. Schlaftrunken rieb sich Câyleân über die Augen und blinzelte Grosch an. Er hatte das Gefühl, die Augen eben geschlossen zu gehabt.
„Los. Geh schon.“
Grosch drückte ihm den Rucksack in die Arme und schob ihn vorwärts.
„Was ist denn los?“, nuschelte der Bursche, aber noch während er die Worte aussprach, fiel es ihm wieder ein. Sie waren in der Höhle eines Menschen fressenden Riesenwurms. Schlagartig war Câyleân wach und sah sich um, während er seinen Rucksack anlegte und von allein weiter lief.
„Kommt der Wurm?“, erkundigte er sich im Flüsterton und schob gleich die nächste Frage nach: „Wo ist Pag?“
„Pag ist voraus geeilt und kundschaftet den Weg aus“, brummte der Zwerg. Câyleân bemerkte, wie der Ältere immer wieder über die Schulter zurück schaute, doch er selbst musste auf den Weg vor ihnen achten. Die Laterne des kleinen Mannes brachte nur wenig Licht und der Boden war uneben und voll loser Steine, die das Liuant beim Tunnelbau verloren hatte.
Alleine hätte Câyleân sicher schneller laufen können, schließlich hatte er längere Beine als der Zwerg, aber er blieb bei Grosch. Immerhin war es nur seine Schuld, dass ein Menschenfressender Riesenwurm hinter ihnen her war, der wohl auch einen alten Zwerg nicht verschmähte. Außerdem stellt sich rasch heraus, dass der Zwerg zwar nicht ganz so schnell, dafür aber ausdauernder war. Während der Junge schon bald nach Atem rang, trieb Grosch ihn immer weiter an. Und dass, obwohl der Weg inzwischen noch steiler hinauf führte.
Câyleân überkam mit einem Mal ein merkwürdiges Gefühl. Er glaubte, die schweren Schritte der Nomaden hören zu können, wie sie ihn erst vor wenigen Tagen jagten. Erst allmählich wurde ihm bewusst, dass es andere Geräusche waren. Es brauchte noch eine Weile, bis er es als ein eigenartiges Kratzen auf Stein erkannte. Das muss das Liuant sein, schoss es dem Burschen durch den Kopf. Er wurde noch schneller, ohne dass der Zwerg ihn weiter antreiben musste.
„Dreh dich nicht um“, hörte er dessen tiefe Stimme hinter sich, nun nicht mehr geflüstert. Câyleân wollte gar nicht wissen, wie nah dieser Riesenwurm war und lief keuchend weiter. Die schmerzenden Beine und die Müdigkeit waren vergessen. Unvermittelt tauchte etwas höher der Beiden ein fahles, gelbes Licht auf und gleich darauf war die Gestalt Pags zu erkennen. Die raue Stimme des jüngeren Zwergs hallte von den Wänden wieder: „Beeilt euch! Weiter vorne ist die Treppe zum Pass noch intakt!“
„Warte nicht auf uns! Lauf!“, rief Grosch seinem Sohn zu. Doch der regt sich nicht. Die Laterne in der Hand erhoben, stand Pag wie festgewachsen da und starrte an den beiden Flüchtenden vorbei.
Nun konnte auch Câyleân nicht mehr anders. Er hielt inne und schaute in den abschüssigen, dunklen Gang zurück.
Weiter unten konnte er zuerst nur ein fahles, rundes Etwas ausmachen. Dann erkannte der Knabe, dass dieses Etwas auf sie zu kam. Immer deutlicher waren Konturen und Einzelheiten des Liuant zu sehen. Ein riesiger, bleicher Wurm mit zwei merkwürdigen, schaufelartigen Gliedmaßen und zwei schwarze Augen, jedes größer als Câyleâns Kopf.
Der junge Halbelf spürte, wie er vor Angst erstarrte. Kälte kroch seine Beine, seinen Bauch und die Brust hinauf und erreichte sein Herz. Er fühlte sich wie festgefroren, konnte sich nicht rühren und meinte tatsächlich, weißen Dampf vor seinem Mund zu sehen.
Erst ein neuer grober Stoß von Grosch ließ den Knaben wieder zu sich kommen.
„Beweg dich, Junge“, brummte der Zwerg und schob Câyleân unbarmherzig vor sich her. Stolpernd eilte der Bursche den steilen Gang weiter hinauf. Vor sich sah er nur das schwache, gelbe Licht von Pags Laterne. Der jüngere Zwerg drehte sich nun endlich um und lief in die Richtung zurück, aus der er kam.
Câyleân betete, dass der Gang nicht mehr allzu lang war und sie die Treppe bald erreichten, von der Pag gesprochen hatte. Vielleicht würde das Liuant dann die Verfolgung aufgeben. Der Halbelf hörte den Wurm nun nicht nur, er spürte auch ein dumpfes Vibrieren im Fels.
Pag blieb weiter vorne stehen. Als Câyleân und Grosch bei ihm ankamen, hörte der Junge den alten Zwerg erleichtert aufatmen. Sie hatten die Treppe zum Pass erreicht. Der große, vom Liuant gegrabene, Tunnel führte weiter in den Berg, während die Treppe schmal und steil seitlich abging. Wie schon in den meisten alten Gängen hätte ein erwachsener Mann nicht aufrecht auf der Treppe gehen können. Sie war von undurchdringlichem Fels umschlossen und so schmal, dass die drei Flüchtenden hintereinander laufen mussten.
Pag behielt die Führung und damit Câyleân auf den ausgetretenen Stufen nicht stolperte, ließen sie alle drei ihre Laternen leuchten. Der Halbelf hoffte im Stillen, dass die Treppe nicht zu lang war. Ein Ende konnte er nicht ausmachen. Dafür hörte er das riesige Liuant.
Nun, wo der Wurm sich erst durch den Fels graben musste, gewannen sie langsam an Vorsprung. Für die beiden Zweige war dies allerdings kein Grund, das Tempo zu drosseln. Sie scheuchten den Jungen immer weiter die Stufen hinauf. Der Knabe wagt es nicht länger sich zu beschweren, obwohl er am Ende seiner Kräfte angelangt war und mehr taumelte denn lief. Er brauchte seinen kostbaren Atem für den Aufstieg.

Câyleân konnte später nicht sagen, wie lange sie die Treppe hinauf geklettert waren. Aus der Ferne hörte er immer wieder das Poltern des Liuant und das Knirschen der Felsen, die der Wurm heraus brach. Es war ein hohes, kreischendes Geräusch, das in den Ohren wehtat. Erst allmählich wurde dem Jungen bewusst, dass er zitterte. Weißer Dampf hing bei jedem Atemzug vor seinem Mund. Die Luft war inzwischen frischer und ein leichter, aber eisiger Wind wehte ihm durch das Haar. Die Kälte war um vieles mehr willkommen als der grausige Wurm.
Die Aussicht auf Tageslicht, die Sonne zu sehen und endlich aus dieser Höhlenwelt heraus zu kommen, spornte Câyleân weiter an.
Und dann, nach einer Ewigkeit wie es dem Knaben vorkam, sah er Licht. Ein Lächeln zeichnete sich auf den zitternden Lippen des Jungen ab. Die letzten Stufen holte er zu Pag auf und stieß ihn sogar zur Seite, als er am Ausgang angekommen auf die Knie sank.
Keuchend huschten die Augen des Burschen umher. Für einen Moment war er geblendet und registrierte kaum, wie Pag noch weiter lief und Grosch an ihm vorbei drängte.
Alles war weiß. Die Berge und Felsvorsprünge waren Schnee bedeckt soweit das Auge reichte. Und an dieser Stelle reichte das Auge bemerkenswert weit. Mit wackligen Knien richtete Câyleân sich auf und blickte staunend über den Vorsprung hinweg, auf dem sie ausgekommen waren. Wo er auch hinschaute, er sah nur verschneite Berge, deren Spitzen, die nun gar nicht mehr so hoch erschienen, von weißgrauen Wolken umfangen waren. Niemals zuvor hatte der Halbelf etwas Vergleichbares gesehen. Die Aussicht war atemberaubend und für den Augenblick war selbst das monströse Liuant vergessen.
Grosch und Pag hielten sich nicht mit Staunen auf. Der jüngere Zwerg stapfte bis an die Kante des Vorsprungs. Câyleân war immer noch viel zu sehr von dem Anblick der Berge gefangen, um darauf zu achten, was sein Begleiter dort tat. Erst als er diesen allzu bekannten und gefürchteten Laut hörte, zuckte er zusammen. Seit seiner frühesten Kindheit war dem Jungen eingeschärft worden, dass er sich verstecken sollte, wenn er den Ruf des Riesenadlers vernahm. Mit einem Mal spürte Câyleân die ganze Kälte des Winters und der Höhenluft bis tief in sein Herz dringen. Hinter ihm grub sich ein Menschenfressender Riesenwurm durch den Berg und vor ihm sollte nun der gefürchtete Riesenadler auftauchen? Panisch suchte er nach den Zwergen. Grosch und Pag waren keineswegs derart kopflos. Aufmerksam suchten sie den wolkigen Himmel ab. Da ertönte erneut der Schrei des Adlers. Câyleân schaute hektisch über die Schulter zurück zur Treppe. Er konnte das Liuant noch nicht sehen, aber der Wurm kam unaufhaltsam näher. Das Kreischen und Poltern wurde lauter und inzwischen bebte der Berg unter seinen Füßen.
„Grosch!“, rief der Bursche nach dem Zwerg und stapfte durch den Schnee auf ihn zu. „Wir müssen hier weg! Wo ist der Pass?“
Grosch beachtete ihn nicht. Statt dessen deutete er mit ausgestrecktem Arm zum Himmel. In diesem Augenblick durchbrach der Riesenadler die Wolkendecke.
Noch nie zuvor hatte der Junge ein solches Tier aus dieser Nähe gesehen. Allein der Schnabel war fast so lang, wie Câyleân groß war. Die Klauen an den riesigen Greiffüßen waren sicher messerscharf. Doch trotz aller Furcht kam der Knabe nicht umhin, die Schönheit dieses Königs der Lüfte zu bewundern. Voll Eleganz schwebte das Tier unter den Wolken, die Schwingen weit ausgebreitet. Das Federkleid schimmerte in allen Gold- und Bronzetönen. In majestätischer Anmut zog der Riesenadler die Flügel an und sank hinunter. Câyleân wollte davon laufen. Sein Verstand schrie ihm zu, dass dies die einzige Möglichkeit wäre, den gigantischen Klauen zu entkommen. Doch er konnte sich nicht rühren. Seine Beine wollten ihm einfach nicht gehorchen. Zudem wurde der Junge von Grosch festgehalten. Ihm war nicht aufgefallen, dass der Zwerg die ganze Zeit auf ihn einredete: „Hast du gehört, Cây? Du brauchst keine Angst haben. Er wird dich sicher über die Berge bringen, aber du musst dich beeilen.“
Der Knabe nickte ganz von allein ohne den Sinn der Worte zu begreifen. Er konnte den Blick nicht abwenden, als der riesige Vogel viel zu dicht neben Pag landete. Fassungslos beobachtete Câyleân, wie der junge Zwerg auf den Greifvogel zu lief und das Tier seinen Kopf senkte um den Schnabel an dem Zwerg zu reiben. Pag verlor dabei beinahe das Gleichgewicht. Câyleân konnte nicht begreifen, dass der Zwerg sich gar nicht fürchtete, sondern im Gegenteil ganz vertraut mit dem Adler war.
„Da... das ist un-glaublich“, stammelte er.
„Ja, ja“, brummte Grosch unwirsch und schubste den Jungen vor sich her auf den Adler zu. „Du kannst später staunen, wenn du in der Luft bist.“
„In.. in der Luft? Ich.. ich soll fliegen? Damit?“ Câyleân wirbelte zu seinem Führer herum und schüttelte den Kopf. Das konnte Grosch unmöglich ernst meinen. Aber der ältere Zwerg schob den Jungen einfach weiter. Selbst Brondar hätte spielend aufrecht unter den Flügeln des Adlers hindurch gehen können. Erst bei Pag angekommen ließ Grosch den Burschen in Ruhe. Doch nun sprach der jüngere Zwerg auf das Kind ein, ein wenig hektisch und doch bestimmt: „Ich wünsche dir alles Gute und viel Glück auf deiner Reise, Cây. Und ich hoffe, dass du die Elfen findest. Und –“ Pag blickte über die Schulter zurück zur Treppe, als die Felsen ohrenbetäubend laut krachten und der Boden erneut bebte. Wieder zu dem Halbelf hochsehend, drückte er ihm eine kleine, hölzerne Flöte in die Hände. „Hier, damit kannst du den Adler rufen, aber sei vorsichtig. Er wird schnell launisch, wenn man ihn nicht aus einem wirklich guten Grund ruft.“
„Ja, ja. Alles Gute. Und nun beeil dich, Junge“, Grosch unterbrach seinen Sohn und zog am Hemd des Knaben. „Los, hoch mit dir“, forderte er ihn auf und deutete auf den Adler, der seine riesigen Schwingen senkte. Câyleân blickte noch einmal unsicher zwischen den Zwergen hin und her, fasste dann in die langen Federn des Vogels und kletterte auf dessen Rücken hinter den Kopf. Der Bursche hatte kaum Zeit, sich richtig hinzusetzen und seinen beiden Helfern einen Dank zuzurufen, da schlug der Riesenadler bereits mit seinen Flügeln und hob vom Boden ab. Schnell ließen sie den Vorsprung unter sich. Der Adler flog eine Schleife und Câyleân neigte sich vorsichtig ein Stück zur Seite, um noch einen Blick zurück zu werfen. Eben in diesem Moment brach das bleiche Liuant durch die Felswand und richtete sich mit einem grausamen Kreischen auf. Der junge Halbelf sah noch, wie Grosch und Pag umher rannten, dann durchstieß der Adler die Wolkendecke und ein dunkelblauer Himmel, übersäht von unzähligen Sternen, bereitete sich vor ihm aus.

Die Gefangenschaft



Câyleân saß zwischen den Federn des Riesenadlers und blickte über das Wolkenmeer unter ihm. Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Die Angst, den Halt im Federkleid zu verlieren und hinunter zu fallen hatte ihn nicht schlafen lassen. Doch während er wach war, quälten ihn die Erinnerungen an die Zwerge. Nun vertrieb der herrliche Anblick unter ihm selbst diese Gedanken.
Der nachtschwarze Himmel nahm ganz langsam eine violette Färbung an. Weiße Wolken wurden von der aufgehenden Sonne beschienen rosa. Je höher die helle Scheibe stieg, desto mehr schwand die Dunkelheit, die Sterne verblassten und aus Violett wurde helles Blau.
Über den Wolken herrschte weiterhin Stille. Es war eine friedliche Stille, gleich einem schönen Traum. Câyleân gab sich diesem Traum hin und vergaß alles, was unten auf der Erde geschah. Hier gab es keine Hetze und keine Flucht. So friedlich konnte nur der Himmel selbst sein. Für Câyleân war es ein beruhigender Gedanke. Zu Wissen, dass seine Eltern und sein Bruder diesen Frieden nun jeden Tag haben würden, minderte ein wenig seine Traurigkeit. Es war nicht schwer sich in den Wolkenbergen die Gesichter seiner Lieben vorzustellen. Die Mutter, wie sie an ihrer Lieblingsstelle am Fluss saß und einfach nur auf das Wasser blickte. Der Vater, wie er mit strahlendem Gesicht nach Hause kam, ein erlegtes Bergschaf auf den Schultern. Dânael, wie er mit Jalna um die Wette lief. Câyleân sog die frische Luft tief in seine Lungen und zog die warme Felldecke fester um seine Schultern. Trotz der dichten Adlerfedern war die Nacht so hoch oben bitter kalt gewesen. Erst langsam brachte die aufgehende Sonne auch Wärme. Der Junge strich sich das braune Haar aus der Stirn. Allzu lange konnte der Flug nicht mehr dauern. Die höchsten Gipfel des Schattengebirges lagen bereits seit einer Weile zurück. Wie weit ihn der Adler wohl ins Land tragen würde?
Lâgiin – so hatte Pag dieses Land genannt. Der Gedanke an die Zwerge tat weh. Câyleân hoffte, dass Grosch und Pag dem Liuant entkommen waren. Er hatte sich nicht einmal richtig bei ihnen bedanken können. Ob er sie jemals wieder sehen würde? Der Junge hoffte es.
Der Knabe richtete sich ein wenig auf dem Rücken des Riesenadlers auf, als dieser die Flügel anlegte und tiefer sank. Der Wind schlug dem Halbelf ins Gesicht und zerzauste ihm das Haar. Für Minuten war er von dichten, weißen Wolken eingehüllt. Die Luft war feucht und er konnte kaum seine eigene Nasenspitze erkennen. Es war der dichteste Nebel, den der Halbelf jemals erlebt hatte. Bei der Kälte in dieser Höhe war es alles Andere als eine schöne Erfahrung. Er war froh, als sie die Wolken hinter sich ließen und das Land sich unter ihm ausbreitete. Ein weiteres Mal in so kurzer Zeit kam er aus dem Staunen nicht heraus. Noch niemals hatte er so etwas gesehen. Câyleân kannte das raue Vorgebirge und die weite Tundra, die westlich am Schattengebirge grenzte. Dort war alles gelb, braun und grau. Aber dieses Land war bunt. Soweit das Auge reichte, entdeckte Câyleân riesige Wälder, Ebenen und sanfte Hügel. Die vorherrschende Farbe war grün. Im Sommer musste das ganze Land in allen nur vorstellbaren Grüntönen leuchten. Doch auch hier hielt der Herbst Einzug – wenn auch ganz anders, als der Junge es gewohnt war. Statt Grau in Grau und in nasskalten Nebel getaucht, war die Welt unter ihm mit gelben, orangen, roten und violetten Flecken übersäht. Ab und zu wurde das Gesprenkel unterbrochen von dem blauen Band eines Flusses oder einem glitzernden Bach. An einigen Stellen vermutete der Junge Dörfer, denn dort stiegen Rauchsäulen zum Himmel empor. „Bring mich zu diesen Dörfern“, flüsterte der Knabe. Der Adler dachte nicht daran. In einer enger werdenden Spirale, die Schwingen weit ausgebreitet, schwebte er hinab zur Erde. Je tiefer sie sanken, desto mehr Feinheiten machte der Dunkelhaarige aus. Sie waren noch gar nicht so weit vom Schattengebirge weg. Wo das Land von hoch oben so hell, farbig und voller Leben aussah, wirkte es nun mehr und mehr bedrückend und düster. Der Schatten des Gebirges lag über dem Land, so nah waren sie diesem. Obwohl die Sonne inzwischen höher stand und die meisten Wolken vertrieb, wurde es nicht wesentlich wärmer.
Endlich landete der Riesenadler auf einer weiten Ebene. Câyleân raffte Decke und Rucksack zusammen und rutschte auf dem goldbronzenen Federkleid des Adlers hinunter. Dem Jungen blieb nicht einmal genug Zeit sich zu bedanken, da breitete der Vogel schon wieder seine Schwingen aus und hob sich in die Lüfte.
Lächelnd blickte der Halbelf dem großen Vogel nach, dessen Federkleid in der Sonne schimmerte. Den Kopf langsam wieder senkend, glitten seine Augen an dem Gebirge entlang, das aus der Ferne seinen bedrohlichen Schatten warf. Nein, nie wieder wollte Câyleân dort hin. Er wollte auch nicht zurück blicken. Seine Zukunft lag in die andere Richtung und eben dorthin wandte er sich. Dort, wo er vom Himmel aus das weite, lebendige Land sah. Dort mussten die anderen Elfen leben, das Volk, von dem seine Mutter abstammte.

Den ganzen Tag wanderte Câyleân einsam über die grüne Ebene. Er begegnete niemandem und sah nicht einmal ein Tier, geschweige denn einen Menschen oder Ähnliches. Irgendwann setzte er sich hin und aß von den Vorräten, die ihm Gine Grenzgänger mitgegeben hatte. Die Gelegenheit nutzte er auch gleich, seine wenigen Habseligkeiten zu überprüfen. Er breitete seine Felldecke aus und setzte sich darauf. Aus dem Rucksack kramte er etwas Trockenfleisch und ein halbes Laib Brot. Wenn er sparsam war, reichte es noch für das nächste Frühstück. Der Wasserschlauch war noch zur Hälfte gefüllt. Außerdem besaß er sein Messer, die Laterne der Zwerge und die kleine Flöte von Pag, mit der er den Riesenadler anlocken konnte.
Sehr weit würde der Junge damit nicht kommen. In der Ferne sah er einen Wald und hoffte, ihn bis zum Abend zu erreichen. Dort würde er sicher einen Bach oder eine Quelle finden und Tiere jagen können.
Als die Sonne hinter den Bergen versank, erreichte der Junge sein Tagesziel. Im Schein seiner Laterne betrachtete er die hohen Bäume. Nie zuvor hatte er so hohe Pflanzen gesehen und ihm wurde bewusst, dass es in diesem Land sicher sehr viel gab, das er noch nicht kannte. Unter einem der Bäume legte der Bursche seine Sachen ab und sammelte auf dem Boden liegende Zweige, um ein Feuer zu entfachen. Immer wieder blickte er sich dabei um. Irgendetwas war seltsam in diesem Wald. Es war zu still. Câyleân hörte das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln und seinen eigenen Atem. Nicht einmal das Gezwitscher von Vögeln oder das Summen von Insekten vernahm er. Dabei hatte der Junge immer geglaubt, so ein Wald müsste voller Leben sein.
Es dauerte nicht lange, bis Câyleân ein kleines Feuer entfacht hatte und sich in die Felldecke einwickelte, ein mageres Abendbrot zu essen.

Mitten in der Nacht erwachte Câyleân, ohne einen Grund dafür zu finden. Es war niemand da, der ihn hätte wecken können. Der Wald um ihn herum war immer noch still. Und doch hatte der Junge das Gefühl, nicht allein zu sein, beobachtet zu werden. Gespannt lauschte er in die Nacht. Das Feuer war zu einem Haufen Glut zusammen gesunken. Câyleân lag mit dem Rücken dazu, aber er hörte das trockene Holz in der Hitze knacken. Der Wind rauschte gleichmäßig durch die Baumwipfel. Es klang, als würde der Wald atmen und ebenso wie er in die Dunkelheit lauschen. Der Herzschlag des Waldes ging schwer und dumpf und fügte sich so harmonisch in das Rauschen, dass Câyleân sich ganz bewusst daran erinnern musste, dass ein Wald gar keinen Herzschlag besaß. Als diese Erkenntnis endlich im Kopf des Knaben greifbar war, pochte sein eigenes Herz so schnell, als sei er eben die Treppe zum Pass im Schattengebirge hinauf gerannt. Er war nicht mehr allein. Câyleân bemühte sich, Ruhe zu bewahren und horchte auf weitere Geräusche. Tatsächlich erkannte er ein Rascheln von Stoff und Leder. Mit Schrecken dachte er an seinen Rucksack. Er lag hinter ihm, neben dem Feuer und darin sein Messer. Der Junge fluchte lautlos. Seine einzige Waffe war so nah und zugleich so unerreichbar, dass sie ebenso gut auf der anderen Seite der Berge hätte liegen können.
Ganz langsam drehte sich der Halbelf um und erstarrte mitten in der Bewegung. Er blickte genau auf die Spitze eines Speers, die mit Widerharken versehen war. Die Speerspitze bewegte sich von dem Gesicht des Jungen zu dessen Brust und weiter zum Bauch. Câyleân folgte ihr mit dem Blick und sah noch weiter. Neben sich erkannte er ein paar Pferdehufe mit weißen Fesseln – der Herzschlag des Waldes. Ganz langsam hob der Bursche den Kopf und schaute hinauf. Über den Fesseln wurde das Fell des Pferdes, nichts anderes konnte es sein, rotbraun. Doch dann weiteten sich die Augen des Jungen. Etwa an der Stelle, wo der Hals des Pferdes anfangen sollte, befand sich der Oberkörper eines jungen Mannes. Seltsame Muster waren auf die nackte, helle Haut gemalt. Câyleân hob den Kopf noch weiter und blickte in ein durchaus hübsches Gesicht. Es wurde von einer rotbraunen Mähne eingerahmt, deren Farbe nur an den Schläfen von weißen Strähnen unterbrochen wurde. Das Haar war lang und reichte dem Pferdemann bis zum Rücken. Trotz dieser Zeichen der Reife, wirkte das Gesicht nicht älter als Dânael gewesen war.
Der Halbelf schluckte hart. Seine Augen huschten zu dem Speer, den der Pferdemann in seiner Hand hielt und dessen Spitze immer noch auf ihn gerichtet war, und wieder hoch zu diesen gelben, leuchtenden Augen.
„Wer bist du?“, nur leise kamen die Worte über die Lippen des Jungen. Der Pferdemann antwortete nicht. Drohend hielt er weiter den Sperr hoch, doch seine gelben Augen glitten von Unsicherheit geprägt zwischen dem Feuer und dem Halbelf hin und her. Vorsichtig fuhr sich Câyleân mit der Zunge über die Lippen und setzte sich langsam auf. Die Spitze des Speers folgt seinen Bewegungen unnachgiebig und endlich sprach auch der Pferdemann: „Steh auf. Lauf nicht weg. Ich bin schneller als du. Du gehörst mir.“ Der Knabe schluckte noch einmal hart, ehe er der Anweisung folgte und sich erhob. Seine Augen huschten über die Gestalt und weiter durch den dunklen Wald, wobei er sich seine Chancen ausrechnete. Um Zeit zu gewinnen fragte er: „Was hast du vor?“
„Du kommst mit mir. Ich habe dich gefangen“, antwortete der Pferdemann. Câyleân runzelte überlegend die Stirn. Wenn das Wesen so schnell wie ein richtiges Pferd war, sah es mit einer Flucht wirklich schlecht aus. Den Blick wieder zu dem Fremden angehoben, meinte er: „Du hast mich nicht gefangen, du hast dich nur angeschlichen während ich schlief.“
Die Mundwinkel des Pferdemannes zuckten. „Das Ergebnis ist dasselbe. Du wirst mit mir kommen. Wenn du nicht weg läufst, werde ich dir nichts tun. Räum deine Sachen zusammen und lösch das Feuer.“
Câyleân atmete einmal tief durch. Irgendwie hatte er sich seinen Start in diesem neuen Land anders vorgestellt. Doch mit einem Blick auf den spitzen Speer und das Seil, das der Fremde in der anderen Hand hielt, ergab er sich vorerst in sein Schicksal. Mit wenigen Handgriffen rollte er seine Felldecke zusammen und packte seine Habseligkeiten in den Rucksack. Unter den wachsamen Blicken des Pferdemannes bedeckte der Knabe das Feuer mit Erde, hob den Rucksack auf die Schultern und richtete sich schließlich wieder auf. „Und was jetzt?“, verlangte er zu wissen. „Jetzt gehst du.“ Der Pferdemann deutete mit seinem Speer in den Wald hinein.

Am Stand der Sterne, die ab und zu durch die Baumkronen funkelten, konnte Câyleân erahnen, wie lange sie quer durch den Wald liefen. Der Pferdemann blieb stets dicht hinter dem Halbelf. Ab und zu spürte er gar die Speerspitze an seiner Schulter. Bisher waren sie schweigend gegangen. Der Junge war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt und ohnehin nicht sicher, ob diese Pferdegestalt ihm antworten würde. Er hatte sich vorgenommen, erst einmal zu tun, was das Wesen von ihm verlangte. Immerhin wurde er noch nicht verletzt und vielleicht war der Pferdemann nur so etwas wie ein Wächter des Waldes, der die Aufgabe hatte, jeden in das Lager zu bringen. Die Nomaden hatten meist solche Wächter, weil die verschiedenen Stämme oft im Streit miteinander lagen.
So hatte Câyleân beschlossen erst einmal abzuwarten. Doch mit der Zeit bekam er ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, von der Müdigkeit einmal ganz abgesehen, und mit Schweigen würde er nicht weiter kommen. „Wie weit gehen wir noch?“
„Bis der Morgen anbricht“, antwortete der Pferdemann hinter ihm mit ruhiger Stimme.
„Und wohin bringst du mich überhaupt?“, verlangte der Knabe weiter zu wissen.
„Das wirst du sehen, wenn wir da sind.“
Der Junge blieb stehen und drehte sich auf der Stelle zu seinem Wächter um. Sogleich drückte dieser die Speerspitze gegen seine Brust. Câyleân versuchte sich seine Furcht nicht anmerken zu lassen, blickte einmal auf die Spitze der Waffe und wieder zu dem Pferdemann hoch. „Warum können wir nicht Rast machen? Ich bin müde.“ Der Wächter ließ langsam seine gelben Augen über den Dunkelhaarigen gleiten. Beinahe hatte der Bursche das Gefühl, dass das Wesen den Wahrheitsgehalt seiner Worte prüfen wollte. Ein wenig Hoffnung keimte in dem Knaben auf, als die gelben Augen an seinen Ohren hängen blieben, deren Spitzen zwischen dem wirren, braunen Haar zu sehen waren. Grosch hatte gesagt, Menschen dürften nicht auf die andere Seite des Schattengebirges. Aber er war kein Mensch. Er war ein Halbelf. Vielleicht hatte dieser Pferdemann es bisher einfach nicht gemerkt.
„Du kannst noch laufen“, entschied der Bewaffnete schließlich. Er stieß Câyleân mit dem Speer gegen die Brust, so dass dieser ein paar Schritte rückwärts trat, um Abstand zwischen sich und der Spitze zu bringen. „Aber ich bin müde“, erwiderte der Junge unwillig: „Ich bin schon den ganzen Tag gelaufen. Mir ist kalt und ich muss mal.“ Der Pferdemann runzelte die Stirn und neigte den Kopf etwas seitlich, während er den Knaben weiterhin aufmerksam betrachtete. „Was?“
„Ich muss mal“, wiederholte Câyleân die letzten Worte und setzte erklärend hinzu: „pinkeln“. Der Pferdemann begann tatsächlich leise zu lachen. Er senkte den Speer ein wenig und deutete mit der anderen Hand auf den Waldboden. „Na dann mach.“
„Aber doch nicht hier vor dir!“ Entrüstet schüttelte der Knabe den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. Der Bewaffnete lachte erneut leise, doch rammte er mit einem kräftigen Stoß den Speer in den weichen Waldboden. Irritiert blinzelnd ging Câyleân noch zwei Schritte rückwärts. Sein Gegenüber bewegte sich jedoch schneller. Schon hatte er aus dem Ende des Seils eine Schlinge gemacht und legte diese um den Hals des Jungen. „Wenn du weg läufst, werde ich dich jagen und fangen und dann werden wir die ganze Nacht durch laufen“, erklärte er: „Wenn du nicht fliehst, werden wir ein paar Stunden lagern.“ Câyleân seufzte leise, doch nickte er. Er war wirklich hundemüde und eine Jagd würde er kaum lange durchhalten. Seine Augen glitten noch einmal über den Pferdemann, ehe er sich den dicht stehenden Bäumen zuwandte.

Câyleân lag auf der Seite auf dem harten Waldboden. Der Pferdemann hatte ihm die Hände auf dem Rücken zusammen gebunden und seine Füße an den Knöcheln gefesselt. Nur die Felldecke wärmte den Jungen, denn sein Wächter weigerte sich beharrlich ein Feuer zu entzünden. Der Rucksack lag außerhalb der Reichweite des Knaben. Obwohl Câyleân so müde war, fand er keinen Schlaf. In der Dunkelheit konnte er die Stämme der nahen Bäume nur erahnen. Er hörte den dumpfen klang der Hufe. Ab und zu sah er auch die Pferdebeine. Die weißen Fesseln hoben sich von dem Schwarz der Nacht ab. Der Pferdemann umrundete ihn immer wieder wachsam, durchstreifte die Bäume ohne sich zu weit zu entfernen.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragte der Knabe leise. Er war sicher, dass das Wesen ihn hörte, doch die Antwort ließ auf sich warten.
„Yalan“, erklang die ruhige Stimme schließlich dicht hinter ihm. Câyleân versuchte sich etwas zu drehen um zu seinem Wächter hinauf zu sehen.
„Nennt man dich auch irgendwie?“, wollte dieser wissen.
Der Junge nickte. „Câyleân.“ Er konnte nur die gelben, leuchtenden Augen über sich richtig erkennen. Von dem Gesicht sah der Gefesselte nichts. Doch in der Stimme des anderen erkannte er eine leichte Unsicherheit.
„Das ist aber ein Name der Elfen.“
Erneut nickte der Junge. „Ich bin ja auch ein Halbelf.“
Yalan schnaubte. Es klang wirklich wie ein Pferd. „Ein Halbmensch bist du, das reicht.“
Caylan runzelte die Stirn. „Wozu reicht es?“ Der Knabe hörte die dumpfen Hufschläge und dann Yalans leise Stimme etwas entfernt: „Du erfährst es, wenn wir da sind. Schlaf jetzt oder wir gehen weiter.“

Zum Frühstück gab es Pilze, Wurzeln und frisches Wasser. Yalan musste diese Dinge besorgt haben, während Câyleân schlief. Jetzt liefen sie schon wieder seit Stunden durch den stillen Wald. Der Pferdemann hatte dem Knaben das Seil um die Hüfte geschlungen und das andere Ende um das eigene Handgelenk. Câyleân konnte sich gut vorstellen, warum sein Wächter ihn nicht mehr frei laufen ließ. Wenn Yalan die ganze Nacht wachte, muss er nun erschöpft und müde sein. Vielleicht konnte der Halbelf eine Flucht wagen, aber er trottete brav vor dem Geschöpf her. In diesem Wald würde er sich nur verirren und womöglich nie wieder hinaus finden.
Die Blätter der Bäume waren rot, gelb und braun und einiges Laub hat sich schon auf dem Boden gesammelt. Es raschelte leise wenn sie hindurch gingen. Dies und das Rauschen des kühlen Windes in den Wipfeln waren noch immer die einzigen Geräusche. Am Stand der Sonne, die immer mal wieder einige Strahlen durch die Baumkronen schickte, erkannte der Halbelf, dass es beinahe Mittag war. Er fragt sich, wie lange sie wohl noch laufen mussten und wann Yalan eine Rast einlegte, um selbst ein wenig zu schlafen.
„Warum bist du nach Lâgiin gekommen?“
Câyleân zuckte regelrecht zusammen, als er die ruhige Stimme des Pferdemannes hinter sich vernahm. Bisher waren sie schweigend gewandert.
„Ich suche meine Familie.“
„Deine Familie ist auf der anderen Seite des Schattengebirges, bei den Menschen.“ In den Worten Yalans lag dieselbe Verachtung wie in der Nacht, als er ‚Halbmensch’ sagte. Es versetzte Câyleân einen Stich im Herzen. „Die Familie meiner Mutter“, erläuterte der Junge leise.
„Du meinst die Elfen“, mutmaßte Yalan.
Câyleân nickte.
Yalan lachte leise: „Taonânayâ würde nicht erlauben, dass du bei ihnen lebst.“
„Warum nicht? Wer ist das?“
„Taonânayâ ist die Königin der Elfen.“
„Und warum sollte sie nicht wollen, dass ich bei ihnen lebe? Nur weil ich ein Halbelf bin?“
„Halbmensch“, korrigierte Yalan. „Nein, weil Âsrinyâ fort gegangen ist.“
Âsrinyâ. Câyleân schnellte zu dem Pferdemann herum. Dieser bemerkte es nicht gleich. Er musste wirklich sehr müde sein. Aber der Halbelf achtete darauf gar nicht, stattdessen blickte er nur perplex zu Yalan hinauf. „Du kennst meine Mutter?“
Stehenbleibend runzelte Yalan die Stirn, als würde ihm eben bewusst, dass er etwas Falsches oder zuviel gesagt hatte. Seine leuchtenden, gelben Augen musterten den jungen Halbelf. „Geh weiter“, befahl der Pferdemensch und legte eine Hand auf die Schulter des Knaben, um ihn herum zu drehen. Doch Câyleân duckte sich mit einem Schritt zur Seite von der Hand weg.
„Nein! Du hast den Namen meiner Mutter genannt. Woher kennst du sie?“
„Ich antworte dir vielleicht, wenn es mir passt“, entgegnete Yalan mit ruhiger aber ernster Stimme: „Geh weiter.“
„Nein!“, Câyleân schüttelte entschieden den Kopf und wich gerade soweit von dem Pferdemann zurück, wie es das Seil zuließ. „Du kennst meine Mutter! Sag mir woher! Was weißt du über sie?“ Der Junge sprach aufgebracht und laut, doch Yalan zeigte sich davon nicht beeindruckt. Wachsam ruckte er den Kopf herum und blickte in das Dickicht der Bäume. Mit einem zischenden Laut brachte er den Knaben zum Schweigen. Câyleân war zwar immer noch aufgebracht, bemerkte aber doch, dass etwas anders war als zuvor. Schon nach wenigen Augenblicken wurde ihm auch klar was es war. Der Wald lebte.
Der Halbelf konnte Vogelgezwitscher hören und das Summen und Brummen von Insekten. Und da war noch etwas anderes. Mit einem Mal stellten sich seine Nackenhaare auf und es lief ihm kalt den Rücken hinab, denn er hörte ein Knurren zwischen den Bäumen und das Geräusch brechender Äste.

„Lauf.“ Yalans Stimme war nun gar nicht mehr ruhig und zudem nur ein Flüstern. „Los, lauf.“
Câyleân konnte nicht. Seine Beine wollten ihm nicht gehorchen. Starr vor Schreck blickte er auf den riesigen Fellberg, der zwischen den Bäumen hervor brach. Es war ein Bär, der aufrecht stehend auf sie zukam, bestimmt dreimal so groß wie der Junge und sicherlich hungrig.
Yalan reagierte schnell. An dem Seil zog er Câyleân zu sich heran, fasste dessen Arm und zog ihn auf seinen Rücken. Der Halbelf konnte kaum reagieren. Immer noch lag sein Blick auf dem riesigen Bären. Mehr aus Reflex schlang der Junge seine Arme um die Brust des Pferdemannes, als dieser sich aufbäumte. Die Vorderhufe wirbelten schützend und zugleich angreifend dem Bär entgegen. Das Ungetüm zeigte sich davon wenig beeindruckt. Mit Pranken, so groß wie der Kopf des Knaben, schlug es aus. Diese Klauen rissen sicher schwere und tiefe Wunden. Yalan zog die Flucht vor. Er wirbelte herum und schlug einige Haken zwischen den Bäumen hindurch. Der Bär ließ sich auf alle Viere hinab und setzte dem Pferdemann in einem schaukelnden Gang nach.
Câyleân hielt die Arme fest um den Körper des Pferdemenschen geschlungen und die Augen geschlossen. Er spürte wie dicht sie an Bäumen und Ästen vorbei preschten. Der Bär blieb dicht hinter ihnen. Durch seine Größe und Masse walzte er kleine Bäume einfach um und mähte eine regelrechte Schneise in den Wald. Dem Halbelf blieb für einen Moment die Luft weg, als er spürt, wie Yalan über eine Senke sprang, doch wagte er nicht die Augen zu öffnen. Er spürte den Herzschlag Yalans und hörte dessen keuchenden Atem. Lange konnte der Pferdemann diese Hetze sicherlich nicht aushalten. Nicht so erschöpft wie er war und mit dem zusätzlichen Gewicht des Jungen auf seinem Rücken. Schon bald hörte der Bursche den knurrenden Bären ganz nah. Er spürte dessen heißen Atem. Plötzlich hörte er die Bestie aufbrüllen. Es war ein Gebrüll des Schmerzes, der Wut und der Enttäuschung. Irgendetwas musste das Tier verletzt haben. Câyleân öffnete die Augen und drehte sich etwas auf Yalans Rücken um zurück zu blicken. Da spürte er einen stechenden Schmerz in seinem Oberarm. Der Halbelf stieß einen kurzen Schrei aus. Dann wurde es dunkel um ihn.

Leseprobe: Zwischen Wölfen und Königen


Dorchadas' Tor



Botschaft der Göttin




Vis Banken, Vlakkeland
Haus von Sorcha O‘Connor
18. Tag des Windumemánodt

im Jahre 1143
Früher Abend des Luönleys



Roberto

, konzentriere dich auf das Ritual, nicht auf meine Tochter.“
Ertappt huschten die Pupillen des jungen Mannes auf sein Gegenüber. Sorcha

hielt die Lider gesenkt und rührte sich nicht. Der Paese

wusste nicht zu sagen, ob sie die Lippen bewegt und die Worte ausgesprochen oder ob er sie lediglich gedacht hatte. Er warf einen verstohlenen Blick nach Links. Auch die Augen seines Bruders waren geschlossen. Wenn Mario

etwas bemerkt hatte, ließ er sich nichts anmerken. Roberto beschloss, es ebenso zu halten. Er atmete langsam durch, senkte die Lider und versuchte sich von allen Eindrücken zu befreien.

„Fühle dich selbst“, vernahm er Sorchas Stimme und immer noch war er nicht sicher, ob sie in Wirklichkeit sprach oder in seinen Gedanken. „Spüre deine Existenz, lausche deinem Herzschlag, horche auf deinen Atem.“
Die Tonlage der älteren Frau blieb eindringlich und monoton, dabei aber nicht einschläfernd. Roberto horchte in sich, lauschte auf seinen Körper, sein Innerstes und schließlich verschwanden alle störenden Empfindungen des Alltags. Zurück blieb Wärme, das Gefühl von Geborgenheit und Sorchas Stimme.
„Spürt den Kreis, euch und uns.“

Der Anweisung folgend konzentrierte sich der Schwarzhaarige auf jene, deren Hände er umfasste. Zu seiner Linken stand, sein Bruder, ein kleineres Ebenbild seiner selbst, sah man von dem Bart ab, den Mario jeden Morgen sorgsam stutzte. In der rechten Hand spürte er Eyleens

kühle Finger. Sie war Marios Frau und Sorchas Tochter. Roberto fühlte, das Gleichgewicht der beiden Menschen. Von ihrer Nervosität zu Beginn der Zeremonie war nichts geblieben. Dann berührte er eine Welle von Energie und Macht. Sorcha, die ihm gegenüberstand, war von ihnen die Erfahrenste. Sie leitete das Ritual und führte die Familie in eine andere Welt.
„Tretet in den Kreis.“

Sie gehorchten gleichzeitig, traten jeder einen Schritt vor und berührten sich an den Schultern. Der athletische Mann spürte den Teppich aus Bast kaum einen Lidschlag lang unter seinen bloßen Füßen, dann durchdrang er die Wand. Mario und Eyleen keuchten erschrocken auf und Roberto drückte beruhigend ihre Hände. Beide taten diesen kleinen Schritt, diese Reise in eine andere Welt, zum ersten Mal.
Die Wand war zähflüssig und klebrig wie Honig, aber eiskalt. Der Paese hatte das Gefühl um jeden Zentimeter kämpfen zu müssen, zog dabei Bruder und Schwägerin mit sich. Als die Kälte endlich nachließ, stand ihm Schweiß auf der nackten Haut. Er öffnete die Augen und sah sich um. Erst als Sorcha lächelnd die Hände von Mario und Eyleen losließ, tat er es ihr gleich.
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Impressum

Texte: Cover: © LiBro@Fotolia.com Câyleân: © LadyMarian@Avatarschmiede.de
Tag der Veröffentlichung: 04.05.2010

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Special Edition

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