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Eryendôr

Die Landkarte: 


 

Prolog: Der Beginn des Bösen

Sehnsucht

 

Dunkel der Nacht,

Herz mit Kälte bedacht.

Sinn des Lebens nicht erkannt,

in Einsamkeit verrannt.

Schmerz leise verschwunden,

Deine Augen gefunden. 

Zum Lachen gebracht,

Licht der Liebe entfacht.

Wege durch Zeit gespalten,

mich nicht festgehalten.

Spuren ins Herz gebrannt,

meine Gedanken begannt -

und schreckliche Sehnsucht entflammt.

 

 

 

 

 

♛♛♛

 

 

Ein kleiner Junge von etwa Sieben mit rabenschwarzen Haaren saß auf einer sonnenbeschienen Lichtung und lachte fröhlich und unbeschwert. Eine leichte Brise fuhr durch seine Haare und zerzauste sie, doch das Kind störte das nicht. Es spielte weiter mit einem jungen Vogel, der fröhlich krähte und vor dem Kind auf und ab hüpfte. Der Junge klatschte vollkommen entzückt von der Krähe in die Hände und kreischte vor Freude. Es war ein warmer Tag in Eryendôr und die Sonne stand an einem wolkenlosen Himmel.
Die Wiese war prächtig, hunderte von wunderschönen Blumen wetteiferten darum, wer wohl die schönste war. Umrandet war die Lichtung von Bäumen, die so einen dicken Stamm hatten, dass dieser nicht einmal von sieben Elfen umfasst werden konnte. Sie reckten sich ihn die höhe und ließen ihre hellgrünen Blätter zu einer dichten Baumkrone wachsen.
Eine Elfe kam aus dem Dickicht des Waldes hervor und betrat die Lichtung. Sie war wunderschön und trug ein helles, sommerliches Kleid, welches ihren Rücken frei ließ. Sie lächelte, weil sie ihr Kind lachen sah, erstarrte aber sofort, als sah, dass er mit einem Raben spielte.
„Weg mit dir!“, rief sie laut und der Vogel flatterte ängstlich davon. Mit großen, fast schwarzen Augen guckte der Junge seine Mutter an und sein Lachen erstarb. Dann guckte er wieder zu der Stelle, wo der Vogel verschwunden war und fing auf einmal an zu weinen. Er schrie so laut, dass einige andere Vögel verärgert aus den Baumkronen flogen und auch die Mutter sich die empfindlichen Ohren zuhielt.
„Nein, nicht weinen Glorícus.“, sagte sie beschwichtigend, doch der Junge hörte nicht auf sie. Er heulte weiter und da geschah es: Der kleine Rabe, den die Mutter gerade verscheucht hatte, kam zurück, doch er hatte viele weitere Krähen mitgebracht. Sofort hörte Glorícus auf zu schreien und klatschte wieder in seine Hände. Die Raben jedoch stürzten sich auf seine Mutter und hackten wild auf sie ein.
„Detîner!“, rief plötzlich eine mächtige Stimme und die Raben bewegten sich nicht mehr. Sie blieben in der Luft stehen, mitten während ihres Angriffs und nur ihre Augen bewegten sich noch wild umher, als würden sie die Quelle dieser Stimme ausmachen wollen.
Ein schlanker, groß gewachsener Elf betrat die Lichtung. Er strahlte Selbstvertrauen und Mut aus, gleichzeitig aber schien er auch fürsorglich und gutherzig zu sein. Er hatte bronzefarbene Haare, die ihm in leichten Wellen bis zu den Schultern gingen. Seine Kleidung war in einem eleganten braun gehalten und er trug lederne Schnallen an beiden Armen.
An einem ebenfalls braunen Gurt um seiner Hüfte trug er ein langes Schwert, auf dessen Griff seine linke Hand ruhte. Langsam ging er zu seiner Gattin, die verheulten Augen seines Sohnes folgten ihm bei jeden Schritt, doch der Junge wagte es nicht, erneut zu schreien.
Vor seinem Vater hatte er mehr Angst als vor seiner Mutter, da er viel öfter Magie anwandte.
Edor reichte der verängstigten und mit Kratzern an Händen und im Gesicht übersäten Elfe die Hand und holte sie zwischen den beweglosen Tieren hervor.
Anthea stand eine Träne in den Augen, als sie den Mund aufmachte und mit zitternder Stimme fragte: „Was ist nur mit unserem Sohn los, Edor? Er spielt nicht nur mit Krähen, sie gehorchen ihm auch noch! Eine Krähe ist das Zeichen des Bösen! Was sollen wir bloß tun? Meinst du, mit ihm werden die Wölfe wiederkommen?“
Auch wenn er seine geliebte Gemahlin nur zu gerne getröstet hätte, wusste er einfach nicht, was er sagen sollte. Das einzige, was er in diesem Moment tun konnte, war ihre Wunden zu heilen und den Jungen wieder in den Palast zu bringen. Auf dem Weg dorthin trafen sie auf ihr ältestes Kind, welches wie seine Mutter blonde Haare hatte.
„Glorícus! Wo warst du, wir haben dich alle gesucht!“, meinte der Zehnjährige, doch in seiner Stimme schwang kein Vorwurf, sondern Erleichterung mit.
„War bei Raben.“, meinte Glorícus nur, wehrte sich aber nicht gegen die Umarmung seines Bruders.
„Du musst nicht immer zu den Raben gehen.“, klärte ihn sein Bruder auf und sah ihm in die Augen: „Ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst.“
„Mamma und Papa hassen mich.“, schluchzte der Junge und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Gámo schaute böse zu seinen Eltern hinauf und nahm seinen Bruder dann wieder in den Arm. Er konnte ja noch nicht verstehen, dass nur wirklich böse Elfen die Raben befehligen konnten. Krähen suchten sich nur Elfen als Meister, die genauso hinterhältig, hasserfüllt und böse waren wie sie selber.

♛♛♛

 

Viele Jahre vergingen und der Junge wuchs auf zu einem Mann und er wurde immer mehr zum Außenseiter. Wenn er durch Tarsis ging, folgten im Geflüster und viele Händler schlossen ihren Stand, wenn er etwas kaufen wollte. Sie glaubten daran, dass der Rabenjunge Unglück über sie bringen würde und so sprach keiner ein Wort mit ihm.
Nur bei seinen Geschwistern fühlte er sich geliebt und akzeptiert. Seine Eltern dagegen hatten Angst vor ihm, genauso wie das Volk. Viele Stunden verbrachte er alleine mit den Raben, auf der Lichtung auf der schon lange keine Blumen mehr wuchsen. Da seine Eltern ihm die Magie verboten und somit nicht lehrten, brachte er sie sich selber bei. Auch das Kämpfen untersagten sie ihm aus Angst, dass er sie eines Tages angreifen würde.
Glorícus versuchte zu verstehen, dass es das Beste für ihn wäre, doch er fühlte sich immer schlechter und irgendwann, als ihn seine Eltern wieder wie ein kleines Kind auf sein Zimmer schickten, passierte ihm der Unfall wie vor so vielen Jahren auf der Lichtung.
Das in ihm verschlossene Böse brach die Türen seines Gefängnisses und kämpfte sich an die Oberfläche. Er schrie um Hilfe, wollte nicht, dass das Böse die Kontrolle übernahm, doch er konnte sich nicht mehr halten. Kurz bevor er den vernichtenden Spruch über die Lippen bringen konnte, fühlte er eine vertraute Hand auf seiner Schulter und eine flüsternde Stimme neben seinem Ohr: „Du musst das nicht tun, Glorícus. Ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst.“
Glorícus schreckte zusammen und schaffte es, wieder die Kontrolle über seinen Körper zu erlangen. Seine Schwester und sein Bruder standen hinter ihm und sie umarmten sich lange.

Doch das Königspaar stand wie verloren in dem Zimmer ihres eigenen Kindes. Sie hatten schon viele Elfen geschickt, um das Orakel der Feen nach einer Antwort zu fragen, doch niemand war zurückgekehrt. Sie waren verzweifelt, was sollten sie mit Glorícus machen, einem Elfen der offensichtlich von dem Bösen befallen war?
Da löste sich Gámo aus der Umarmung und trat vor. Mit mächtiger Stimme, die sehr an die seines Vaters erinnerte, sprach er: „Ich werde das Orakel der Feen aufsuchen und für meinen Bruder antworten finden.“
„Gámo! Unsere besten Männer sind an dieser Aufgabe gescheitert.“
„Aber deine besten Männer haben nicht wirklich gewusst, für was sie kämpfen, Mutter. Sie alle fürchteten Glorícus doch genauso sehr wie ihr! Aber er ist mein Bruder und ich werde ihm helfen.“
Glorícus ging auf seinen Bruder zu, der verschieden nicht hätte sein können. Er war dürr und einen Kopf kleiner, hatte ein ausgemergeltes Gesicht und seine Augen huschten schnell umher, wie die eines gejagten Tieres. Gámo jedoch war groß und gut gebaut, hatte ein sanftes und freundliches Gesicht und strahlte Selbstsicherheit aus, genau wie sein Vater.
„Das würdest du für mich tun?“, fragte Glorícus ungläubig und ein Funken Hoffnung flackerte in seinen Augen. Hoffnung, dass nicht ganz Eryendôr ihn hasste und fürchtete, Hoffnung dass alles wieder normal werden könnte, wenn er nur endlich von den Elfen akzeptiert würde, wie er war. Denn immer wenn er sich ungeliebt oder nicht gewollt fühlte, dann schien es, als ob sein Herz langsamer schlug und sich immer schwächer gegen das Böse wehren konnte. Es war fast so, als würde es langsam zu Stein. Nur die liebevollen Gesten und Blicke seiner Geschwister bewahrten ihn vor der Schwärze.

 

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Es war wieder Sonjei und Gámo war immer noch nicht zurück gekehrt. Iphigenia und Glorícus machten sich große Sorgen um ihren Bruder, doch auch das ganze Volk trauerte. Viele glaubten, dass er genau wie alle anderen Elfen, die versucht hatten, das Orakel zu finden, gestorben war.
Ein lauter Ruf ließ Glorícus hochschrecken und er blickte Iphigenia an.
„Er ist wieder da!“, schallte es durch die Bäume hinauf zum Fenster des Königspalastes.
Die beiden Geschwister sprangen auf und sprinteten zum südlichen Tor von Tarsis.
Ein gekrümmt gehender Elf mit zerfetzter Kleidung und vielen Narben kam auf sie zu. Seine Haare waren mit Matsch und Blut verklebt und seine Lippen waren ausgetrocknet und an manchen Stellen aufgeplatzt. Er sah die Elfen, die sich in einem Kreis um ihn versammelt hatten, an, doch seine Augen suchten eine bestimmte Person. Dann hatte er sie gefunden und seine warmen, braunen Augen blickten in die kalten, schwarzen seines Bruders. Eine Träne floss ihm über die Wange und dann sagte er etwas unter großen Schmerzen:
„Glorícus wird wüten, Ferrania entsteht,

Der dunkle Fürst wird grausam herrschen.
Eine schwarze Zeit,in der die Hoffnung verweht
Doch zur Rettung wird die Krone gefundn‘

Sie besiegt den Fürsten mit ihrer großen Macht

Und ihr Träger gibt auf Eryendôr Acht.“

 

 

 

 

Kapitel 1

Wir kennen uns nie ganz, und über Nacht sind wir andere geworden, schlechter oder besser.

 

 

Theodor Fontane 

 

 

Flammen umgaben mich. Das Feuer leckte an meiner Haut wie an einem begehrten Dessert, dennoch verschlangen sie mich nicht. Für mich fühlten sie sich zwar heiß an, dennoch genoss ich diese Hitze.  Sie war mein Zuhause. 

„Perfekt, Caraleya. Mach so weiter und du wirst die mächtigste Feuerbändigerin von ganz Eryendôr.“, hörte ich das Lob meines Vaters und öffnete meine Augen. Als ich meine Umgebung wieder wahrnahm, wurde ich auch wieder in die Realität zurückgezogen. 

Ich stand auf dem umzäunten Trainingsplatz von dem Schloss meines Vaters, dem dunklen Fürsten. Die Mauern waren aus dunklen Sandsteinen gebaut, sowie der Rest des Schlosses. Es lag direkt am Alluth Gebirge, auf einem separaten Berg und viele Diener, die sich ihm widersetzt hatten, waren schon in die Tiefe geworfen worden. Nur zwei massive Stahltore waren der Eingang in den Berg und somit in das Schloss. 

Von der Eingangshalle führten riesige Treppen nach oben in die eigentlichen Räume, die entweder durch riesige Fenster oder Fackeln beleuchtet waren. Von außen sah der Palast mit seinen runden Türmen und blauen Dächern wirklich eindrucksvoll und schön aus, doch im inneren war alles schwarz oder blutrot. 

„Geh jetzt bitte zum Training, ich werde mit deinem Bruder seine Fähigkeiten üben, deine Mutter ist heute zu beschäftigt.“, fuhr Glorícus fort und zeigte mir dann mit einer Handbewegung, dass ich entlassen war. 

Ich lief zu dem kleinen Häuschen am Rande des Platzes, wo wir und umziehen konnten, und schlüpfte in meine Sportkleidung. Auf dem Weg zu meinem Trainer sah ich Belâmy und winkte ihm fröhlich zu. Er hatte grade sein Training hinter sich und war verschwitzt, dennoch schenkte er mir ein Lächeln und hob die Hand zum Gruß. 

Bel war mein großer Bruder, und er war äußerlich ein Abbild von unserem Vater: schwarze Haare und fast schwarze Augen, groß gebaut und außerdem hatte auch er diese Ausstrahlung, die einen in Angst versetzte. Glorícus hatte große Hoffnungen in ihn, denn irgendwann würde Bel in seine Fußstapfen treten. 

Ich schloss die Tür des Häuschens hinter mir und lief leichtfüßig rüber zu der dem Teil des Trainingsplatzes, wo alle Soldaten ausgebildet wurden. Natürlich hatten mein Bruder und ich eine abgesperrte Sektion und eine Einzelstunde, dennoch konnten wir zu den Soldaten blicken. 

„Caraleya. Da bist du ja, drei Minuten zu spät.“, schnauzte unser Trainer und warf mir ein Schwert zu. Ich musste schnell reagieren, damit ich es nicht fallen ließ und mich so vor allen hier blamierte. 

Unser Trainer war gut zwei Köpfe größer als ich und auch doppelt so breit. Er strotzte nur so vor Kraft und seine Arme waren so muskulös, dass er sie nicht mehr an den Körper anlegen konnte. Da ihm kein normales Oberteil passte, musste er welche für sich anfertigen lassen, Training gab er jedoch immer oberkörperfrei. 

„Lass dich nicht umbringen.“, warnte mich mein Lehrer kurz, bevor er mich angriff. Dem ersten Schlag wich ich geschickt aus, und holte dann zur Gegenattacke aus. Morthyr, mein Trainer, hatte jedoch schon damit gerechnet, dass ich ausweichen würde und so hatte er seine Verteidigung schon wieder eingenommen, bevor ich zuschlagen konnte. 

„Zu langsam, Caraleya.“, knurrte Morthyr und machte dann einen kurzen Ausfallschritt nach vorne. Hätte ich seinen Vorhaben nicht schon gekannt, wäre ich jetzt auf den Trick reingefallen, aber mit dem Wissen, was er als nächstes Tun würde, duckte ich mich unter seinem Schwert hinweg, drehte mich um ihn herum und schlug ihm von der anderen Seite sein Schwert aus der Hand. Siegessicher hielt ich ihm mein Schwert an die Kehle, doch Morthyr gab sich nicht so schnell geschlagen. Mit einem hämischen Grinsen zog er schnell einen Dolch aus seinem Gürtel und Schlug das Schwert weg, sich selber einen kleinen Kratzer gebend. Da ich nun die schwerere und unhandlichere Waffe hatte, war mein Vorteil, die Geschwindigkeit, verschwunden. Nun musste ich wirklich aufpassen, dass ich nicht von dem kleinen, aber scharfen Dolch getroffen wurde und immer wenn ich versuchte, ihn zu treffen, konnte er meine Attacke blocken. 

Nachdem wir fünf Minuten so gekämpft hatten, wurde mir die ganze Sache zu bunt und ich konzentrierte mich auf meine Fähigkeiten.  Feuer schien durch meine Adern zu fließen und ich übertrug die Hitze auf mein Schwert und das nächste mal, als unsere Klingen sich berührten, übertrug ich die gesamte Hitze auf seinen Dolch. 

„ARGH!“, schrie Morthyr und ließ den Dolch fallen. Mit einem Grinsen hielt ich ihm mein Schwert an die Kehle und erntete einen Applaus von den Soldaten, die bei unserem Kampf zugeschaut hatten. 

„Ihr sollt trainieren, Schwachköpfe!“, schrie mein Trainer die jungen Männer an, anscheinend konnte er Niederlagen immer noch nicht so gut wegstecken. Sofort verstummte der Beifall und jeder auf dem Trainingsplatz wandte sich wieder seiner Aufgabe zu.  

„Für heute war das genug, morgen geht es zum Bogenschießen“, raunzte Morthyr und das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Leichtfüßig lief ich zu der Tür, die ins Innere führte und lächelte einen Wachmann an, der jedoch nur mürrisch grummelte. Ich ließ mich nicht von ihm beirren und lief die Treppen zu meinem Zimmer hinauf, welches im nördlichen Turm lag, sodass ich einen guten Ausblick über das Gebirge und den Theînar Wald hatte. Das Zimmer wirkte viel heller und einladender als der Rest des Schlosses, da die Steine hier hellgrau waren und die Kerzen in dem Kronleuchter immer munter brannten. Das Zimmer war zweistöckig, unten war der Turm noch in der Mauer eingelassen, doch oben, wo mein Doppelbett stand, war der Raum ganz rund. Meine Bettwäsche war dunkelrot, sowie viele meiner Kleider. Auch die Vorhänge, die ich in kalten Wintern oder Nächten vor die Fenster ziehen konnte, waren in der Farbe gehalten. 

Erschöpft warf ich mich auf mein Bett und atmete erst einmal durch, denn bis hier oben musste man viele Treppenstufen steigen. Mir war es jedoch viel lieber als das Zimmer meiner Eltern, welches sich im Herz des Schlosses, fast unter der Erde befand. 

Als ich wieder zu Atem gekommen war, stemmte ich mich hoch und ging zu meinem Riesigen Schrank, der voll mit den wunderschönsten Kleidern war. 

Heute Abend würde meine Familie einen Ball veranstalten, denn obwohl der Dunkle Fürst grausam herrschte, konnte meine Mutter ihn dazu bringen, manchmal Spaß zu haben. Für ihn gebot sich die Möglichkeit, die reichen Landwirte einzuschüchtern und allen zu zeigen, wie mächtig er war, also willigte er ein, Bälle in dem Schloss zu halten. 

Zu diesem Ball hatte er aber zusagen müssen, denn ich feierte in meinen neunzehnten Geburtstag hinein. Endlich würde ich als vollwertige Elfe angesehen und konnte auch die schwierigen Sprüche meistern.

Das wunderschöne Kleid, welches ich mir extra für diesen Anlass hatte nähen lassen, hing schon an der Tür des Schrankes und bewundernd strich ich über den sanften Stoff. Da es noch der dritte Sonjei war, würde es auf keinen Fall regnen und auch nicht sehr kühl draußen sein. Daher war der Stoff ziemlich dünn, ging aber trotzdem bis zum Boden. 

Ich freute mich schon darauf, das Kleid endlich anzuziehen, doch erst musste ich mich duschen und dann auch noch ein paar Stunden warten, bis die Feier endlich losging. 

Nachdem ich mich fertig gewaschen hatte, trocknete ich meine Haare mithilfe der Hitze meines Feuers. Ich musste einfach meine Hände entzünden wollen, dann jedoch kurz davor abbrechen und versuchen, dieses Gefühl zu behalten. So wurden sie immer heißer und mit ein wenig Übung könnte ich jetzt auch Kleidung trocknen, die von den Hausdamen gewaschen worden war. 

Gerade, als ich mein Unterkleid über den Kopf gezogen hatte, welches aus türkiser Spitze bestand, klopfte es an meiner Falltür, die nach oben ins Schlafzimmer führte. Hastig stellte ich mich hinter die Trennwand, die hoch zu meinen Schultern ging, dann durch die Spitze war ich sehr entblößt. 

„Herein!“

Die Tür öffnete sich ein kleinen Spalt und ein schwarzer Schopf kam zum Vorschein. Kurz darauf erkannte ich die schwarzen Augen, die viel mehr leuchteten als die meines Vaters. 

„Belâmy!“, rief ich fröhlich, kam jedoch trotzdem nicht hinter der Trennwand hervor. Als mein großer Bruder erkannte, was ich gerade machte, lief er rot an. 

„Oh, ich kann auch später wiederkommen“, stotterte er und ich musste lachen, denn mit Mädchen kannte er sich wirklich kein bisschen aus. 

„Nein, gib mir nur das blaue Kleid, welches an der Schranktür hängt!“, ordnete ich an und er leistete Folge. Nachdem er es mir überreicht hatte, schlüpfte ich hinein. Das Kleid war eher ein langer Rock und eine Schlaufe, die ich mir über den Kopf zog, um meine Brust zu bedecken. Der Rücken wurde ganz fei gelassen, doch dank des Unterkleides war dort nun die Spitze zu erkennen, genauso wie in meinem Ausschnitt. Jetzt, da ich fast fertig angezogen war, lief ich zu Bel und fiel ihm um den Hals. 

Er hatte sich auch schon fertig gemacht und sah wirklich gut in der schwarzen Kleidung aus, obwohl er mir mit etwas mehr Farbe besser gefallen hätte. Einzig sein lockeres Leinenhemd und der Gürtel für sein Schwert waren dunkelgrün, womit er auf seine Gabe anspielte. 

Als ich ihn umarmte, umhüllte mich der so vertraute Geruch von frischer Erde, Heu und Zitrone. Es war sein Duft und ich liebte ihn über alles. 

„Ich habe mein Geschenk schon hier, willst du es aufmachen?“, fragte Belâmy in mein Ohr und brachte mich sofort zum Lächeln. Sanft löste er sich aus der Umarmung und reichte mir ein kleines Päckchen. 

Voller Vorfreude machte ich es auf und darin lag eine Kette. Ein blaugrüner Kallait hing an einem schwarzen Lederband, welches hinten zugeknotet werden konnte. Der Stein passte perfekt zu meinem Kleid und unseren Heilern zufolge solle er Schutz bieten, und auch eine heilende Wirkung haben. Ich glaubte so etwas zwar nicht, aber dennoch war es ein wunderschönes Geschenk. 

„Sie ist einfach perfekt!“, teilte ich meinem Bruder mit, der mich erwartungsvoll angesehen hatte. 

Wieder umarmte ich ihn und bat ihn anschließend, mir die Kette anzulegen. 

Wir redeten noch eine Weile über seine Angebetete Zophia, die er sich nicht traute anzusprechen, bis meine Zofe eintrat und meine Haare richten wollte. 

Belâmy verzog sich lieber und meinte, dass er unten im Ballsaal auf mich warten würde. 

 

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 Als ich den Saal betrat, schlug mir zuerst der köstliche Duft des Buffets entgegen, welches unsere Köche gezaubert hatten. 

Am Ende des Saals, welcher von vier riesigen Kronleuchtern erhellt wurde, standen der kleine Thron von Glorícus und daneben ein verzierter Stuhl für seine Gemahlin. Von dort würden sie ihre Gäste empfangen und um Mitternacht durfte ich mich auf den Stuhl setzen, um die Geschenke zu empfangen. 

Das Buffet war links von der Tür aufgestellt, auch ein paar runde Tische standen hier, während das Orchester auf der rechten Seite spielen sollte. Dort waren auch die Fenster gelegen und so konnte man jetzt auf die Wüste hinausschauen, später die Sterne begutachten. Direkt bei dem kleinen Thron gab es auch eine Tür, die nach draußen führte. Dort waren überall blutrote Rosen und hellblaue Nelken, beides meine Lieblingsblumen. Auch im Saal waren diese Blumen vertreten und auch mein Parfum bestand daraus. 

„Caraleya, du siehst wirklich bezaubernd aus!“, kam die Stimme meiner Mutter von der Tür, die zur Terasse führte, denn sie und Bel hatten sich dort unterhalten, als ich zu ihnen gestoßen war. 

„Vielen Dank, Mutter. Du siehst natürlich auch hübsch aus“, lächelte ich und ließ mich von Helaina auf die Wange küssen. Sie trug ein dunkelgrünes Kleid mit hellgrüner Spitze am Ausschnitt und auch in ihr Haar war ein hellgrünes Band geflochten. Genau wie meine Frisur, war ihre kompliziert hochgesteckt und geflochten, doch sie trug einen Mittelscheitel, während ich einen Seitenscheitel bevorzugte. 

„Euer Vater wird jeden Moment eintreffen, und auch die Gäste sollten pünktlich um acht hier sein. Du weißt ja, wie sehr Glorícus Unpünktlichkeit verabscheut.“

„Dürfen wir uns schon etwas zu Essen holen? Ich verhungere gleich!“, fragte Bel und wie zur Unterstützung seiner Worte knurrte sein Magen. 

„Nein. Erst, wenn die Gäste kommen, dürft ihr euch von dem Buffet etwas holen.

 

♛♛♛

 

Die große Uhr über der Eingangstür zeigte drei Minuten vor Zwölf, als mein Vater mir bedeutete, sich neben ihn zu setzen. Ich hatte gerade mit Bel getanzt, doch sofort leistete ich dem Befehl folge und schritt auf den Stuhl zu, der mit Gold verziert worden war. 

„Seid alle leise“, sagte mein Vater fast flüsternd, sodass es natürlich bei dem Lärm im Saal unterging. Ich verdrehte die Augen, denn ich wusste, worauf das hinauslaufen würde: eine Demonstration seiner Macht. 

„Wenn ich nicht auf mich hört, werde ich euch erstarren lassen müssen“, flüsterte Glorícus und wieder reagierte keiner. 

„Detîner!“, rief der Dunkle Fürst auf einmal laut und seine Stimme hallte mächtig durch den Saal. Alle Anwesenden wurden zu Statuen, konnten kein Glied mehr regen. Auch ich, Helaina und Belâmy waren starr, doch meine Mutter war genauso mächtig wie ihr Gemahl und so schüttelte sie den Zauber einfach ab und schritt zu mir auf das Podest. Auch ich murmelte in meinem Kopf ,Loritomí!‘, doch nichts geschah. Mein Vater war viel zu mächtig für mich. 

Es war nun so still in dem Raum, dass man eine Ratte hätte hören können, die über den Teppichboden huschte. Doch auch die Tiere wären eingefroren worden, also bewegten sich nur die Herrscher des Landes. 

„Vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid. Es wird Zeit, meiner Tochter Geschenke zu überreichen und ich hoffe, ihr habt euch alle etwas besonderes überlegt“, Glorícus grinste bösartig, bevor er weiter sprach: „Ich selbst habe natürlich auch eine Kleinigkeit für sie. Apperí“

Die beiden Flügeltüren öffneten sich genau in dem Moment, als die Uhr Zwölf schlug und draußen ein Feuerwerk ertönte. Zum Glück hielt ich meinen Kopf so, dass ich aus dem Augenwinkel die Lichter sehen konnte, die mir immer so viel Freude bereiteten. 

„Loritomí!“, sagte Helaina, denn sie schien es für sinnlos zu befinden, wenn manche Gäste die bunten Farben am Himmel gar nicht sehen konnten. Sofort wandten sich alle Köpfe zum Fenster und ein ,Ah‘ oder ,Oh‘ ging durch den Raum. 

„Schatz, du hast mir grade den Auftritt versaut“, sagte Glorícus seelenruhig, doch ich wusste, dass er genau dann am gefährlichsten und wütendsten war. 

„Ich habe das Feuerwerk organisiert und Caraleya soll es auch sehen und genießen können. Oder möchtest du etwa nicht, dass unsere Tochter glücklich ist?“

„Unterstell mir niemals, dass ich meine Tochter nicht liebe, Helaina!“, drohte mein Vater jetzt, denn auf diesem Gebiet war er wirklich sehr empfindlich. 

„Jetzt streitet euch nicht!“, ging ich dazwischen, aus Angst, dass die beiden sich gleich bekämpfen würden: „Ich finde das Feuerwerk toll, aber danach werde ich die ganze Aufmerksamkeit auf dein Geschenk richten, Vater.“

Dieser schien damit besänftigt worden sein, denn er nickte lächelnd und lehnte sich dann zurück, um das Feuerwerk zu begutachten. 

 

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Nachdem alle Gäste mir ein Geschenk überreicht hatten, durfte ich endlich wieder auf die Tanzfläche. 

Suchend schaute ich mich nach meinem Bruder um, doch stattdessen tippte mir ein blonder Elf auf die Schulter: „Mylady, darf ich Ihnen die Ehre erweisen und mit Ihnen Tanzen?“

Schon seinem Tonfall nach war dieser Elf sehr von sich überzeugt, doch bevor ich nein sagen konnte, hatte er mich schon fest an sich gezogen und wirbelte mich umher. 

„Ihr seid wirklich bezaubernd schön“, säuselte er, während ich aufpassen musste, dass er mir nicht auf die Füße trat. Mit seinen Muskeln, die ich durch die dünne Kleidung erkennen konnte und seinen Haaren, die etwas länger waren als meine, sah er eigentlich ganz gut aus, doch er war wirklich nicht mein Typ. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass er nur mit mir tanzte, weil ich die Prinzessin war. 

„Darf ich übernehmen?“, fragte eine sehr bekannte Stimme und erleichtert ließ ich die schwitzigen Hände meines Partners los, um wieder mit Bel zu tanzen. Mit einem enttäuschten Gesicht zog der Elf weiter, um sich eine andere Dame zu schnappen, mit der er flirten konnte. 

„Du hast mich wirklich gerettet!“, grinste ich fröhlich, während wir zum Takt des jetzt langsamen Liedes hin- und her wiegten. 

„Ach wirklich? Dann schuldest du mir also jetzt etwas?“, meinte Belâmy und lächelte dabei sein schelmisches Lächeln. Ich fragte mich, wieso er nur vor Frauen so schüchtern war, wenn er doch so gut aussah. 

„Hast du schon irgendetwas im Sinn?“

„Ja, jetzt wo du es sagst“, druckste er zu meinem Erstaunen herum: „Kennst du Julíetta? Sie ist die mit dem gelben Kleid und den wunderschönen braunen Augen.“

Ich kicherte los, doch als ich das Gesicht meines Bruders sah, wurde ich sofort wieder ernst. Er dagegen blickte niedergeschlagen auf den Boden: „Vergiss es.“

„Nein, nein! Soll ich sie ansprechen?“, fragte ich sofort und bereute, dass ich kichern hatte müssen. Bel hatte mich noch nie gefragt, ob ich eine Dame für ihn ansprechen könnte und jetzt wollte ich die Chance nutzen. Ich kannte Julíetta zwar nicht persönlich, aber jeder sprach gut über die Tochter des reichsten Landwirten von Ulongarr, dem kleinen Dorf nicht weit von unserem Schloss. 

„Ich hatte gedacht, wenn du für mich herausfindest, was sie so alles mag, kann ich sie damit beeindrucken“, erklärte er mir mit so einem süßen Gesichtsausdruck, dass ich sofort zustimmen musste. 

Also ließ ich die Hände meines Bruders los und tanzte mich zu der Elfe in dem gelben Kleid, welches einen ziemlich gewagten Ausschnitt hatte. Ihre hellbraunen Haare hatte sie nur zum Teil hochgesteckt und eine Traube von Jungs hatte sich schon um sie gebildet. 

„Julíetta? Würdest du mir eine Minute schenken?“, fragte ich und bekam auch sofort die Aufmerksamkeit der hübschen Elfe mit Sommersprossen auf ihrer Stupsnase. 

„Oh, Prinzessin! Natürlich!“, sagte sie überrascht, entschuldigte sich bei ihren Verehrern und folgte mir zum Buffet. 

„Ich habe schon viel von dir gehört und wollte mich mal selber vergewissern, ob du wirklich so herzensgut bist, wie alle behaupten“, kam ich sofort zum Punkt, während ich mir eine Weintraube in den Mund steckte. Julíetta errötete leicht, antwortete mir aber mit fester Stimme: „Ich hoffe, dass ich diesen Gerüchten gerecht werden kann.“

„Was ist denn deine Lieblingsblume, Lieblingsfarbe und Lieblingsessen?“, fragte ich offen und erntete ein lachen. 

„Man könnte meinen, dass du mit mir ausgehen möchtest.“

„Nein, aber vielleicht können wir ja Freundinnen werden“, sagte ich schnell, doch ich hatte schon gemerkt, dass ich zu direkt gewesen war. Hoffentlich hatte sie den wahren Grund meiner Fragen nicht bemerkt, doch leider war sie schlauer als ich dachte. 

„Hat dich vielleicht dein Bruder vorgeschickt, um mehr über mich zu erfahren?“, fragte sie mit einem Schmunzeln, sodass sie auch mir gleich sympatisch war. 

„Nun ja, das könnte auch sein“, gab ich grinsend zu, während ich weiter Weintrauben aus der riesigen Schüssel stibitzte. 

„Lilie, gelb und Torte“, sagte die Elfe und zwinkerte mir zu. Sie war etwas größer als ich, und mit ihren langen Beinen war sie vielleicht die Schönste im Raum. 

„Danke, ich werde es ihm ausrichten“, lächelte ich und wollte gerade gehen, als sie mich am Handgelenk zurückhielt.
„Mein Verlobter ist vor einem Jahr gestorben. Genau an diesem Tag, also ist glaube ich heute nicht der beste Zeitpunkt, um mit mir zu flirten“, flüsterte sie, danach ließ sie meine Hand los und widmete sich wieder dem Essen. 

Geschockt von dieser Information ging ich zurück zu meinem Bruder, der schon gespannt wartete. Gezwungen setzte ich ein Lächeln auf, doch er bemerkte natürlich sofort, dass etwas nicht stimmte: „Was ist denn los, Feuerteufel?“ 

Ich spürte, wie mein Mundwinkel zuckte, denn so nannte er mich immer, wenn er mich aufmuntern wollte. 

„Lilie, gelb und Torte“, sagte ich, doch auch wenn er verstanden hatte, was ich meinte, ließ er nicht locker: „Ich kenne doch das Gesicht! Was ist denn passiert? Ist sie schon verlobt?“

„Das war sie. Er ist genau vor einem Jahr, am 1.3. Sonjei gestorben. An meinem Geburtstag.“

Belâmy‘s Lächeln erstarb und seine Augen verloren den glücklichen Ausdruck. 

„Oh“, war das einzige, was er noch sagen konnte. Die Topfpflanze, die neben ihm stand, verblühte augenblicklich und wurde braun. So wirkten sich seine Gefühle immer auf die Pflanzenwelt aus, auch wenn Helaina ihm immer wieder versuchte zu zeigen, es zu verbergen. Obwohl sie keine Pflanzen wachsen oder blühen lassen konnte, versuchte sie ihm so gut wie möglich mit seiner Gabe zu helfen. Glorícus fand es zwar sinnlos, doch Helaina meinte, dass auch Pflanzen gefährliche Waffen sein könnten. 

 

♛♛♛ 

 

Am nächsten Morgen wachte ich mit einem schlechten Gefühl auf, denn der Rest des Abends war nicht so schön verlaufen, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Bel war verschwunden und noch viele Elfen hatten sich bei mir eingeschleimt, ohne mich wirklich kennen zu wollen. Alle waren auf die Krone und das Geld aus.

Noch etwas verschlafen quälte ich mich aus dem Bett und zog mich für das Frühstück an. 

Unten konnte ich schon die Stimmen meiner Eltern hören, die sich angeregt unterhielten und gerade, als ich die Tür aufmachen wollte, hörte ich Bel hinter mir.

„Tut mir Leid wegen gestern! Ich wollte deinen Geburtstag nicht versauen“, sagte er leise, sodass unsere Eltern ihn nicht hören würden. 

„Ist schon vergessen. Aber nur, wenn du heute morgen mit mir trainierst!“, grinste ich, während ich ihn fest umarmte. Auch wenn Glorícus manchmal grausam oder herzlos sein konnte, wir beide wussten Dank des anderen, was es bedeutete, geliebt zu werden. 

Nach einiger Zeit lösten wir uns voneinander und Belâmy‘s Augen schienen zu Funkeln, als er die Kette an meinem Hals als sein Geschenk erkannte. 

„Du hast mir doch die zwei besten Geschenke gemacht: Dich und diese wunderschöne Kette!“, sagte ich, was zwar sehr schnulzig klang, aber im Kern die Wahrheit war. Es war das persönlichste Geschenk gewesen. 

 

♛♛♛

 

Nachdem Bel und ich für etwa zwei Stunden - unter dem strengen Blick von Morthyr - zusammen trainiert hatten, musste ich mir den Schweiß von der Stirn wischen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und der dritte Sonjei war immer der heißeste Monat des Jahres. Die Bauern mussten ihre Felder bewässern oder gar nicht bestellen, denn auf Regen konnten sie erst wieder in sechzig Tagen hoffen, wenn langsam der Winter begann. Doch oftmals regnete es nur wenige Tage, bevor es so kalt wurde, dass es dann den restlichen Wonla schneite und erst im Ferbes wieder wärmer wurde. 

„Mach dein Bogenschießen.“, raunzte Morthyr und holte mich so aus meinen Gedanken. 

Ich hatte mit Bel auf einer Bank neben dem Trainingsplatz gesessen und wir schauten uns gemeinsam an, wie die Soldaten trainierten, doch Morthyr mochte es gar nicht, uns bei einer Pause zu sehen.

Er holte meinen geliebten Bogen aus seiner Waffenkiste und fast schon übereifrig legte ich das Schwert zurück, denn Bodenschießen bedeutete gleichzeitig reiten und ich hatte mein Pferd schon seid zwei Tagen nicht mehr sehen dürfen.  Schnell nahm ich unserem Trainer den Bogen aus der Hand, sanft über das helle Holz streichend. 

Den Köcher schwang ich über die Schulter und schnürte ihn fest, dann ging ich zu den Pferdeställen. Um dorthin zu kommen, musste ich die lange Treppe nach unten laufen, aber das war es wert, denn unten erwartete mich Nevith und die Freiheit. Ohne auf meinen Trainer zu warten, sattelte ich mein Pferd und öffnete die Stalltür. 

Sonne erleuchtete die dunklen Ställe, die auch in dem Berg waren, jedoch nur zum Hof und nicht zur Eingangshalle führten. Nevith war schon aufgeregt und wieherte, ungeduldig endlich wieder galoppieren zu können. 

„Ist ja gut mein Junge, gleich dürfen wir wieder raus.“, flüsterte ich ihm zu, nachdem ich die Stalltür wieder geschlossen hatte. 

Ich stellte mein linkes Bein in den Steigbügel und schwang mich dann hoch. Ein Glücksgefühl durchströmte mich, als ich endlich wieder im Sattel saß. 

„Na los, Nevith. Zeig was du drauf hast!“, rief ich fröhlich und drückte leicht mit meinen Hacken zu, um dem Rappen zu signalisieren, dass es losging. Das ließ sich Nevith auch nicht zweimal sagen und sofort preschte er los, auf die unendliche Wiese hinaus. Diese östliche Seite des Palastes führte weg von den Bergen und würde ich hier lange genug die Wiese entlang reiten, würde ich irgendwann in das Gebiet der Feen kommen. Doch die Feen waren gefährlich und viel machtvoller als wir Elfen und somit hatte es noch keiner geschafft, zu dem allbekannten Orakel zu kommen, welches einem seine eigene Zukunft voraus sagte und einem auch ein Geschenk mitgab, wenn man alle Aufgaben gemeistert hatte. Oder so waren die Gerüchte und die Geschichten in den Büchern. 

Mein Vater hatte mir erzählt, dass sein Bruder, Gámo, dort einmal Hilfe suchte, doch es nie zurück geschafft hatte. Über seine Schwester, Iphigenia, sprach er auch nie, dennoch wusste ich, dass es sie geben musste, da auch von ihr in den Geschichtsbüchern die Rede war. 

Das quietschen der Seile schreckte mich aus meinen Gedanken und ich holte schnell einen Pfeil aus meinem Köcher, um bereit für die Übung zu sein. Glorícus hatte hier draußen viele hölzerne Elfen aufstellen lassen, die alle mit Seilen verbunden waren. Wenn man vom Schloss aus hier her ritt, sprach unser Magier ein einfaches Wort und die Elfen fingen an, den Übenden anzugreifen. 

Sie konnten sogar mit Speeren werfen und trafen bei meinem ersten Versuch meinen rechten Oberschenkel. Glorícus sagte mir, dass es mir eine Lehre sein sollte, um nicht noch einmal so unaufmerksam zu sein und ich nahm mir diese Worte zu Herzen. Seid dem trainierte ich immer härter, um vielleicht irgendwann Anerkennung von meinem Vater zu bekommen. 

Ich zielte auf das rote Herz eines Angreifers und Schoss. Treffer. Nevith galoppierte immer weiter, sprang über kleine Büsche und wich ,toten‘ Elfen aus und ich schoss alles ab, was sich bewegte. Bogenschießen war meine beste Qualität, und ich konnte hier draußen Stunden verbringen, ohne dass ich merkte, wie viel Zeit wirklich vergangen war. 

Erst als die Sonne den Horizont berührte und ich das Wolfsgeheul hörte, war ich mir bewusst, dass ich den ganzen Nachmittag geübt hatte. Nevith wurde unruhig und ich musste schnell zum Schloss, um nicht von den Wölfen angegriffen zu werden. 

Ich brauchte etwa eine Viertelstunde, um nahe zur Stalltür zu kommen und dort wartete auch schon meine Mutter auf mich. 

„Was denkst du dir denn dabei, Caraleya? Du hättest getötet werden können von den Biestern!“, schimpfte Helaina mit mir und nahm die Zügel meines verschwitzen Pferdes, um es in den Stall zu führen. 

„Es tut mir Leid, Mutter.“, murmelte ich und trottete hinter ihr her.

Das Knacken eines Zweiges ließ mich herumfahren und für einen kurzen Augenblick schaute ich in zwei helle, eisblaue Augen. Diese Augen gehörten zu einem riesigen, schwarzen Wolf. Dann schaute er nach oben und wie in Trance folgte ich seinem Blick: Der rote Mond schien auf uns herab und tauchte uns in ein gespenstisch rotes Licht. Auch der weiße Mond war da, jedoch viel kleiner als der rote. Meistens waren die beiden auf einer Linie, sodass man nur den roten sah, doch alle dreißig Tage berührten sie sich, sodass sie zusammen aussahen wie eine acht. Ich schaute wieder zu dem Wolf, doch er war verschwunden, mit der Dunkelheit verschmolzen, die uns jetzt umgab. 

„Caraleya! Wirst du wohl rein kommen!“, hörte ich die strikte Stimme meiner Mutter und mit einem letzten Blick auf die zwei Monde lief ich zu der Stalltür und schloss sie dann hinter mir. 

Plötzlich fuhr ein stechender Schmerz durch meinen Kiefer und ich viel mit einem Schrei auf die Knie. Reflexartig fasste ich mit meinen Händen an meinen Mund und schrie erneut auf, als ich mir in die Hand stach... mit meinen Zähnen.
„Cara, was ist los?“, fragte Helaina ängstlich und sprintete zu mir. Als sie sah, was mit meinem Mund geschah, weiteten sich ihre Augen und sie zog mich auf die Beine. 

„Es passiert. Du musst sofort von hier verschwinden, verstehst du mich? Geh aus dem Stall raus und dann in die Berge und komme nie zurück, hörst du?“, sagte sie eindringlich, während sie mich in Richtung Stalltür schob. Ich versuchte zu antworten, doch mein Kiefer und meine Zähne schmerzten so sehr, dass ich nichts sagen konnte. 

„Bitte, mein Kind. Glorícus wird dich umbringen, wenn er das erfährt.“

Ich hatte meine Mutter noch nie so besorgt erlebt. Ihre grünen Augen waren immer noch vor Schock geweitet und ich meinte sogar eine Träne darin erhaschen zu können. 

Was passiert mit mir?, wollte ich fragen, doch es kam nur ein Nuscheln heraus. 

„Du musst nach Líam, meine süße Tochter. Dort wirst du ein neues Zuhause finden.“, sagte Helaina und ohne ein weiteres Wort schloss sie die Stalltür vor mir, mich in der Dunkelheit alleine lassend. Der Schmerz in meinen Zähnen klang ab, und als ich wieder ertastete, was mit meinem Mund passiert war, fühlte er sich an wie immer. 

„Was ist hier los?“, fragte ich mich, doch alles blieb still. Selbst die Wölfe hatten aufgehört zu heulen. Warum war meine Mutter so besorgt gewesen? Sollte ich einfach wieder rein gehen, und einfach in mein Bett gehen? 

Noch bevor ich jedoch die Stalltür berührt hatte, kam ein weiter Schmerz über mich. Dieses Mal umfasste er meinen ganzen Kopf, meine Augen schienen nach innen gezogen zu werden und meine Nase schien mehrmals zu brechen. Das Trommelfell meiner Ohren schien zu platzen und ich konnte nur noch eine schrille Glocke hören. Ich wusste nicht, ob ich schrie oder nicht, alles was ich wollte, war das der Schmerz aufhörte. 

Dunkelheit, wohlige Stille umgab mich. 

Ich überlegte, ob ich jetzt Tod war, vielleicht hatte mich jemand vergiftet? Deswegen wollte meine Mutter mich bestimmt aus dem Schloss haben, damit ich nicht noch weitere mit dem Gift ansteckte. Doch irgendwie machte meine Theorie keinen Sinn. Nichts machte mehr Sinn, doch das war mir egal. 

„Hey. Aufwachen!“ drang eine energische Stimme an mein Ohr. Ich fühlte, wie ich gerüttelt wurde und somit aus der Dunkelheit kam.

Als ich meine Augen öffnete, war es für einen kurzen Augenblick immer noch dunkel, doch dann gewöhnten sich meine Augen an die Schwärze der Nacht und auf einmal wurde alles heller. Ich konnte zwar eine Farben erkennen, dennoch sah ich alles in verschiedenen Grautönen. Ich sah das Schloss hoch über mir aufragen, und den Kopf eines Mädchens, welches wie ein verschrecktes Reh umherschaute. 

„Wer bist du?“, brachte ich mit kratziger Stimme hervor und sie schaute mich an. Ein leichter Schauer lief mir über den Rücken, als ich ihre gelben Augen sah, die fast leuchteten in der Dunkelheit, und die das einzige waren, was ich in Farbe sehen konnte. 

„Ich bin Sam, und wir müssen hier verschwinden!“, knurrte sie und reichte mir eine Hand, um mir hochzuhelfen. Ich hatte gedacht, dass mein Kopf noch brummen würde, doch ich fühlte mich besser denn je. 

Auf einmal drang lautes Geschrei an mein Ohr, als würde mein Vater direkt neben mir stehen und mir eine Moralpredigt halten. Hektisch sah ich mich um, doch außer mir und dem zierlichen Mädchen war keiner zu sehen. 

„Findet sie! Sucht in dem ganzen Schloss, auf der Wiese, sogar in den Bergen wenn es nötig ist!“, vernahm ich Ferris‘ Stimme und fragend schaute ich Sam an. 

„Er redet von dir.“, sagte Sam nur knapp und drehte sich dann auf dem Absatz um. Ohne mich noch weiter zu beachten, rannte sie los. Einen kurzen Moment wusste ich nicht so recht, was ich machen sollte, doch dann sprintete ich hinter dem fremden Mädchen her. 

Sie war zwar schnell, dennoch holte ich sie mit Leichtigkeit ein und so liefen wir Seite an Seite in Richtung Alluth Gebirge. Ein Gebirge, welches ich bisher nur in strikter Aufsicht meiner Mutter betreten hatte. 

Je weiter wir den Palast hinter uns ließen, desto freier fühlte ich mich. Bis jetzt war mir nie aufgefallen, dass ich wie ein Vogel in einem goldenen Käfig dort gelebt hatte. Mir war immer gesagt worden, was ich tun sollte, was ich anziehen sollte, mit wem ich reden sollte. Ich hatte meine Eltern nie hinterfragt, aber ich hatte auch nie das Gefühl der Freiheit gekannt. 

Jetzt rannte ich mit einer Fremden durch die Täler des Gebirges, gejagt von meinem eigenen Vater. Vielleicht hatte ich es noch nicht ganz verstanden und ich würde es morgen bereuen, doch in diesem Moment fühlte es sich einfach richtig an. Als ob ich zu diesem Mädchen gehörte. 

 

♛♛♛

 

Wir waren noch fast zwei Stunden weiter gelaufen und ich hatte meinen Körper bis an sein äußerstes gepusht, doch irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Das Training, was ich am Tag absolviert hatte, machte es nicht einfacher, weiter zu gehen und so beschloss Sam, dass wir in einer Höhle rasten könnten. Dankbar folgte ich ihr in die Dunkelheit, in der Sogar meine Augen jetzt nichts mehr erkennen konnten. 

Ich wollte grade mein Feuer herbeirufen, als Sam meinen Arm festhielt.

„Warte kurz.“, flüsterte sie und fing dann auf einmal an zu singen. Ihre Stimme war weich und samt, wie süßer Honig umwaberte mich das Lied. Ich verstand nicht, was sie sang, denn es schien in einer anderen Sprache zu sein. Ich erkannte die Worte auch nicht von der Alten Sprache und so ging ich davon aus, dass sie wohl auch ihre eigene Sprache hatte. Die Worte gingen ineinander über und formten, auch wenn ich nichts verstand, in meinem Kopf eine Geschichte. 

Langsam erleuchtete blaues Licht die Dunkelheit und ich konnte erkennen, dass es von den Wänden zu kommen schien. Doch als es immer heller wurde, merkte ich, dass nicht die Steine selber strahlten, sondern die Tierchen, die darauf saßen. Sie sahen aus wie Schmetterlinge auf einer Blume, doch sie schienen ihre Flügel nicht bewegen zu können und so waren sie unfähig, wegzufliegen. 

„Was sind das für Tiere fragte ich und drehte mich wieder zu Sam, die aufgehört hatte zu singen. Das Licht wurde wieder schwacher, dennoch konnte ich jetzt etwas erkennen. 

„Das sind Sholaki. Nachts schlafen sie hier und tagsüber fliegen sie herum, um das Sonnenlicht aufzutanken, von dem sie leben.“

„Aber wieso fliegen sie jetzt nicht weg? Und das Licht, ist das nicht dann ihre Lebensenergie?“, fragte ich neugierig während ich mich auf den harten Boden setzte. 

„Naja, ich kann sie mit meinem Lied für ein paar Stunden kontrollieren. Und das blaue Licht ist nicht so schlimm, das können sie ohne Schaden drei Stunden oder so abegeben.“, erklärte Sam und nutze das Tuch, welches sie um ihren Kopf geschlungen hatte, als Kissen. Jetzt erst sah ich, dass sie schwarze Haare bis über ihre Schulter hatte. Ihre Augen sahen auch auf einmal olivgrün aus, und nicht mehr gespenstisch gelb. Sie hatte eine schmale Nase und dünne Augenbrauen, sowie einen schmalen Mund. Irgendwie war alles schmal an ihr, schmal aber sehr muskulös. 

„Du solltest auch ein bisschen Schlafen, nimm die Jacke als Kopfkissen, frieren wirst du hier drin nicht. Die Sholaki sind wirklich wärmend.“, murmelte Sam, die schon fast eingeschlafen war. 

Auch ich merkte jetzt, wie müde ich war und schaffte es nicht mal, meine Trainingsjacke auszuziehen, sondern legte meinen Kopf einfach auf meinen linken Arm. Es war zwar nicht die gemütlichste Position, dennoch viel ich schnell in einen unruhigen Schlaf. 

 

Glorícus wird wüten, Halvania entsteht, 

Der dunkle Fürst wird grausam herrschen.
Eine schwarze Zeit,in der die Hoffnung verweht
Doch zur Rettung wird die Krone gefunden

Sie besiegt den Fürsten mit ihrer großen Macht

Und ihr Träger gibt auf Eryendôr Acht.“

 

Ich schreckte aus meinem Schlaf hoch und sah mich um. Alles war stockfinster, doch neben mir konnte ich das gleichmäßige Atmen von meiner Begleiterin hören. 

Diese Worte, irgendwo hatte ich sie schon gelesen. Als ich mich erinnerte, zog ich scharf die Luft ein und schüttelte ungläubig den Kopf. 

Es war im ersten Sonjei gewesen und unsere Familie war mit den Pferden - und vielen Soldaten- in das kleine Dorf Ulongarr geritten. Dort wollte Vater verkünden, dass er die Bezahlung an ihn um fünf Argíver erhöhen würde und natürlich waren alle Dorfbewohner verärgert gewesen. Viele hatten geschrieen: „Wartet, bis die Krone gefunden wird. Ihr seid nicht der rechtmäßige Herrscher!“ und auf eine Hauswand waren diese Zeilen geschrieben worden. Ich wusste, dass mein Vater der dunkle Fürst war, doch was hatte es mit dieser Krone auf sich? 

Doch da ich diese Fragen alle selber nicht beantworten konnte, legte ich mich wieder hin und schloss die Augen, um in einen unruhigen Schlaf zu fallen. 

 

Kapitel 2

Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, 

sondern den Jahren mehr Leben zu geben.

 

 

Alexis Carrel

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Morgen wachte ich von dem Geruch von Kaninchen auf und verwirrend genug war, dass ich kein Feuer riechen konnte, den Geruch dennoch lecker fand.

Ich öffnete meine Augen und sah, wie Sam einen Hasen roh verspeiste, Blut um ihren Mund und Hunger in ihren Augen.

Das erste Mal, seid ich ihr gefolgt war, überkam mich Angst. Konnte ich ihr überhaupt vertrauen? Gestern hatte sie ausgesehen wie ein unschuldiges Kind, doch jetzt aß sie ohne weiteres ein totes Kaninchen.

Auch ihre Kleidung viel mir jetzt erst richtig auf, sie trug ein langes, hellbraunes Shirt, welches ihr bis zu den Knien ging, sich jedoch beim Bauchnabel teilte und so ihre beige Hose zeigte, die sie in die ledernen Schule gesteckt hatte. Die einzig freie Haut war ihr Gesicht, der untere, muskulöse Teil ihres Bauches und der Oberarm, zwischen dem Shirt und den Handschuhen, die sie trug. Bei den Handschuhen waren die Finger abgeschnitten und sie gingen ihr bis über den Ellenbogen, in der gleichen Farbe gehalten, wie die Hose.

„Mh, magst du auch eines? Ich hab auch für dich eins gejagt. Ich meine, weil du bei dem ganzen noch neu bist und so.“, mampfte die Schwarzhaarige munter und ließ sich von meinem angewiderten Ausdruck nicht stören. Langsam griff ich nach dem zweiten Hasen und rümpfte die Nase, als ich das tote Fleisch in meinen Händen hielt. Als ob ich das so essen würde!

Kurzerhand ließ ich den Hasen in Flammen aufgehen und erschreckte Sam fast zu Tode, die das Feuer anfauchte. Ihre Augen hatten wieder angefangen zu glühen und ich konnte nun ihre beachtlichen Fangzähne sehen.

Ich löschte das Feuer und schaute sie aufmerksam an.

„Du bist eine von den Wölfen, aber warum hilfst du mir? Ich bin eine Elfe, ihr hasst uns doch.“, sagte ich kühl und biss in meinen jetzt schön gerösteten Hasen.

„Benutze niemals dein Feuer, wenn du in Líam überleben willst.“, zischte Sam und wandte sich den Resten ihres Kaninchens zu.

„Ich werde überhaupt nicht nach Líam gehen, wenn du mir jetzt nicht sofort erklärst, was hier los ist!“, fuhr ich das Mädchen an. Sie zeigte sich unbeeindruckt von meinem Ausraster und stand gemütlich auf, um mir ebenbürtig zu sein, denn wir waren beide etwa gleich groß.

„Hast du das denn nicht schon selber herausgefunden? Dein Kiefer tut weh, dein ganzer Kopf schmerzt wie Hölle und auf einmal kannst du im dunklen sehen und noch besser hören als selbst ein Elf. Du bist halb Wolf, halb Elf, Caraleya. Mein Bruder wusste es schon vor langer Zeit, er hat dich ... als eine von uns erkannt.“, erklärte Sam und mit jedem Wort kam sie näher an mich heran, bis ihre Nase fast die meine berührte. Ich konnte das Blut um ihren Mund riechen, ich konnte sogar den Sand an ihr riechen und ganz deutlich war auch der Geruch von- Familie. Ihr Aroma zeigte mir, dass ich in ihr Rudel gehörte.

„Aber das bedeutet, dass einer von meinen Eltern fremd gegangen ist!“, stotterte ich und auf einmal kam alles zusammen. Helaina war fremd gegangen, und nur ihre Macht hatte Glorícus meine wahre Herkunft verschwiegen. Irgendwie hatte sie meine Wolfsympome im Schach gehalten, deswegen durfte ich nie nachts nach draußen. Sie hatte Angst gehabt, dass der Mond den Wolf in mir Wecken würde und genau das hatte er gestern Nacht getan.

„Kann ich mich ganz in einen Wolf verwandeln?“, flüsterte ich ehrfürchtig und meine tiefgrünen Augen blickten für eine ganze Weile in die olivfarbenen von Sam.

„Du bist noch nicht so weit, außerdem ist es sehr schmerzvoll das erste Mal und wir haben noch einen langen Tag vor uns.“, antwortete sie mir Schlussendlich und ging dann an mir vorbei zum Eingang der Höhle.

„Iss dein Kaninchen, Líam wartet zwar, aber mein Bruder nicht so gerne.“

 

♛♛♛

 

Die Sonne brannte unerbittlich auf unsere Köpfe, und wäre ich keine Feuerbändigerin, wäre ich bei der Hitze bestimmt schon kollabiert. Ich wunderte mich, wie Sam dieses extreme Klima aushielt, doch dann erinnerte ich mich, dass sie ja in Líam aufgewachsen war. Sie war die Hitze gewohnt, und ich müsste mich jetzt auch an sie gewöhnen. Ich müsste mich daran gewöhnen, rohes Kaninchen zu essen und ich müsste lernen zu jagen. Außerdem würde ich mich an das Rudel gewöhnen müssen. Ich war im Palast oft alleine gewesen, und außer meinen großen Bruder und meine Mutter hatte ich nie wirklich jemanden geliebt.

Bei Sam jedoch hatte ich mich von der ersten Sekunde an wohl gefühlt, so wohl, dass ich ihr in die Berge gefolgt war. Es fühlte sich an, als wäre sie Familie. Während wir dem Fluss folgen, der anscheinend zur Wüste führte, stellte ich mir selber immer wieder die Frage, ob Sam vielleicht wirklich Familie war. Sie hatte zwar schwarze Haare und ich rote, doch sie könnte auch die Haarfarbe von unserem Vater geerbt haben.

„Sam? Ich wollte dich was fragen.“, stotterte ich und schaute angestrengt auf meine Hände.

„Spucks schon aus.“

„Ja, also ich wollte fragen... sind wir Schwestern? Also Halbschwestern?“, fragte ich und verfluchte diese Frage als ich sie ausgesprochen hatte. Sam lachte nicht, sondern blieb stehen und schaute mir in die Augen.

„Wir sind beide Teil desselben Rudels. Wir sind nicht durch Blut verwandt, dennoch ist der Bond zwischen uns stark. Dein Vater, Luvòn, war einst der Alpha von Líam, doch er betrog uns, indem er sich für Helaina entschied und nie wieder gesichtet wurde. Mein Vater war der beste Freund von Luvòn und er hat dessen Verschwinden nie richtig verkraftet.“, erklärte Sam leise.

Ich spürte, wie Tränen meine Wangen hinunterrollten, doch ich wischte sie energisch weg. Ich wollte mir nicht ausmalen, wie es geschehen war, doch leider wusste ich es schon. Helaina hatte Ausritte bei Nacht schon immer geliebt, und so hatte sie wahrscheinlich meinen Vater kennengelernt. Vielleicht liebte sie ihn sogar, doch ihre Liebe für Macht war größer - deswegen blieb sie bei Glorícus und hoffte vielleicht, dass ich wirklich von ihrem Mann war und nicht von einem Wolf.

„Wie geht es weiter?“, fragte ich mit brüchiger Stimme und kickte einen Stein weg, der im Grass lag. Wir beide gingen weiter, die schöne Aussicht der Berge ignorierend.

„Naja, der Alpha wird vom weißen Mond gewählt. Stirb ein Alpha - oder ist er nicht mehr würdig, wird ein anderer gewählt bei dem nächsten hervortreten des weißen Mondes. Und gewählt wurde mein Bruder.“

„Also ist mein Dad tot?“, brachte ich mit tränenerstickten Stimme hervor. Sam legte mir behutsam ihre Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf.

„Oder er war es nicht mehr wert, der Alpha zu sein. Sein Rudel zu verlassen ist wohl das schlimmste, was man machen kann.“

„Aber wo kann er denn sein?“, überlegte ich, doch auf diese Frage bekam ich keine Antwort.

„Lass uns weiter gehen.“, meinte Sam und lief voraus. Sie bewegte sich noch schneller und geschmeidiger als eine Elfe und ich konnte ihr ansehen, dass die Natur ihr zuhause war. Und jetzt auch meins. Ich atmete tief ein, um die Luft der Berge in meine Lungen kommen zu lassen, die Gerüche von Gras, Tieren und Blumen.

 

Nach etwa drei Stunden hatten wir endlich das Ende des Gebirges erreicht, doch jetzt kam erst der schwierige Part: Durch die Wüste wandern. Sam wies mich an, hier zu warten, bis sie mit der Jagd fertig war, ich solle ihre Trinkbeutel auffüllen und so viel wie möglich trinken, da wir eine lange Reise vor uns hätten und der Fluss nicht immer für Wasser sorgen würde.

Ich trank also, bis mein Bauch gluckerte und füllte die Beutel auf, die an Sams Gürtel gehangen hatten. Als ich fertig mit meiner Aufgabe war, vertrieb ich mir die Zeit damit, Figuren aus Feuer entstehen zu lassen. Verträumt schaute ich einem Pferd zu, wie es in der Luft galoppierte, da kam Sam hinter ein paar Büschen hervor, mit etwa sieben Kaninchen über der Schulter.

„Du scheinst aber hungrig zu sein.“, scherzte ich, doch Sam schien Essen sehr ernst zu nehmen.

„Nur zwei sind für uns, die anderen musst du dem Alpha übergeben und um Annahme in unserem Rudel bitten.“, erklärte sie, während sie die beiden Wasserbeutel wieder an ihrem Gürtel befestigte. Dann reichte sie mir vier Kaninchen und mit angewidertem Gesichtsausdruck schwang ich sie mir über die Schulter. Noch nie zuvor hatte ich mein Essen gesehen, bevor es zubereitet worden war und jetzt merkte ich, wie froh ich darüber war.

„Na dann mal los.“, sagte ich und ging den ersten Schritt auf den heißen Sand. Sam folgte mir und übernahm dann die Führung, immer weiter süd-westlich.

Wir liefen und liefen über den Sand, mal auf kleinere Berge von Sand, mal auf den Kuppen und doch schien es mir, als würden wir nicht einen Kilometer weiter kommen.

 

„Erzähl mir was von dir.“, sagte ich nach ein paar Stunden, in denen wir fast nur schweigend hintereinander her gelaufen waren. Ich hatte Schweißperlen im Gesicht, und mein Trainingsoutfit war auch noch nie so voll geschwitzt gewesen. Und ich war eigentlich jemand, der nicht so schnell ins Schwitzen geriet. Sam dagegen hatte nicht mal einen kleinen Schweißfleck unter ihrem Arm.

„Mein ganzer Name ist Samâgra Durothil. Ich entstamme einer ehrenvollen Reihe Wölfe, und mein viele Mal Ur- Großvater hat sogar noch in Tarsis gewohnt und hat geholfen, das Land zu regieren. Das war natürlich, bevor die Elfen uns verstoßen haben, weil sie Angst vor uns bekamen.“

„Oh, ich kenne die Geschichte gar nicht, wie die Wölfe verstoßen wurden. Im Palast wurde darüber nie viel gesprochen und in den Büchern habe ich nur gelesen, dass Edonur Durothil abgedankt hat als König.“, meinte ich geschockt und wartete gespannt auf mehr Informationen.

„Ja, und er war genau wie du: ein Kind von Wolf und Elf. Damals waren wir alle, das gesamte Volk ein riesiges Rudel, doch nur die Adeligen durften miteinander Kinder bekommen. Diese Kinder waren mächtiger als Wölfe oder Elfen, und somit auch gefährlich. Es wurde ein Rat gegründet, mit sechs Wolfsmitgliedern und sechs Elfenmitgliedern, um den König oder die Königin in Schach zu halten. Doch irgendwann wurde ein Elf von einem Wolf umgebracht. Niemand wusste wieso, doch die Elfen schoben es auf den weißen Mond. Sagten, dass wir uns dann nicht unter Kontrolle hätten. Da es im Volk viel mehr Elfen als Wölfe gab, wurden wir vertrieben und Edonur dankte ab als König. Wir flohen in die Wüste, zu einem Rudel, welches schon lange hier gehaust hatte und bauten unsere Stadt. Líam.“

Sie starrte in die weite Ferne, als sie zu Ende erzählt hatte und ich schwieg, nicht ganz sicher, wie ich mit der Geschichte umgehen sollte. Wenn das, was Sam eben behauptet hatte, wahr war, dann würden die Wölfe mich wahrscheinlich hassen und fürchten. Außerdem wäre alles, was mir beigebracht worden war, falsch. Nicht die Wölfe waren brutal gewesen und der Dunkle Fürst musste sie mit Magie stürzen, und wahrscheinlich waren die Elfen in Tarsis auch nicht dafür, die Wölfe wieder an die Macht zu bringen. Aber wie dann war der Dunkle Fürst an die Macht gekommen? Und warum war sein Herz so voller Hass?

Stundenlang dachte ich über alles nach, doch irgendwie machte es immer noch keinen Sinn.

Die Sonne berührte schon den Horizont und Sam und ich hatten unsere Hasen verspeist, doch immer noch war keine Stadt in Sicht.

„Sam, wann sind wir da?“, fragte ich, während ich mich durch den Sand schleppte, der einen festhalten zu schien.

„Oh, habe ich vergessen das zu erwähnen? Wir müssen hier übernachten und werden erst morgen Abend in Líam sein. Ist ein ziemlich langer Weg, vor allem in menschlicher Form.“

Mein Magen zog sich zusammen, als ich daran dachte, noch eine Nacht in der Wildnis zu schlafen und ich vermisste jetzt schon mein flauschiges Bett. Ganz zu schweigen von Schokolade.

„Warum sagst du mir erst jetzt, dass wir zwei Tage brauchen? Vielleicht wäre ich einfach im Palast geblieben.“, platzte es mir heraus, doch Sam lächelte nur.

„Die Reise ist es wirklich wert! Líam ist beeindruckend und wenn du erst mal gelernt hast, dich in einen Wolf zu verwandeln, fühlt sich der Palast wie Gemüse, wenn du Schokolade haben kannst!“, versprach sie und grinste noch breiter, als sie mein Gesichtsausdruck sah.

„Du meinst... du kennst Schokolade? Habt ihr die in Líam?“, fragte ich mit großen Augen und Wasser im Mund.

„Ja, aber nur zu besonderen Anlässen. Wir müssen es klauen oder kaufen bei den Dörfern von Ferrania und das ist wegen der Wachen nicht immer einfach.“, erklärte sie.

„Aber Schokolade ist echt teuer! Wie könnt ihr euch das leisten, wenn ihr in der Wüste wohnt?“, hackte ich nach, und Sam schenkte mir einen schelmischen Blick: „Naja, wir haben viele Edelsteine und Diamanten in der Wüste. Damit sind die meisten auch zufrieden.“

Mein Mund klappte auf und fassungslos starrte ich sie an: „Wenn ihr so reich seid, warum bleibt ihr in der Wüste? Ihr könntet euch die armen Elfen kaufen, und den Dunklen Fürsten besiegen! Dann würdet ihr im Luxus leben.“

Die Schwarzhaarige wurde wieder ernst und schritt weiter voraus, dann flüsterte sie eher zu sich selbst, so leise, dass ich es nur dank meiner perfekten Wolfsohren hören konnte: „Wir wollen akzeptiert werden. Erkaufen wir uns eine Armee, sind wir nicht besser als der Dunkle Fürst. Wir brauchen Loyalität, wir sind Wölfe.“

 

♛♛♛

 

Die Nacht war ereignislos verlaufen und auch die hälfte des Tages war schon verstrichen. Mit gesenkten Köpfen und ohne die Kraft, miteinander zu sprechen, gingen wir nebeneinander her, die Hasen eingewickelt von einem besonderen Tuch, welches sie anscheinend haltbar gegen die Sonne und die Hitze machen sollte.

„Da! Cara, wir sind da!“, ertönte der freudige Schrei meiner Begleiterin und als ich hoch schaute, sah ich drei riesige Torbögen aus Stein, die hintereinander standen und so der einzige Weg zwischen den riesigen Bergen aus Sand waren, die sich vor uns auftürmten. Nirgendwo konnte ich irgendwelche Wachen erkennen als wir auf die Tore der Stadt zugingen. Wir waren nun in einem Tal, umgeben von Steinen und Sand, die höher waren als sogar die Mauern unseres Palastes. Würden sie einstürzen, würden sie uns alle unter sich vergraben. Doch ich versuchte nicht daran zu denken und wandte meinen Blick zu der Stadtmauer und der Stadt dahinter. Ich konnte hohe Türme erkennen, und alles war sandfarben oder weiß gehalten. Je näher wir kamen, desto mehr erstaunte mich Líam. Draußen, vor den Mauern, waren viele Trainingsplätze, auf denen Einwohner kämpften, als Mensch oder Wolf. Viele Grüßten Sam freudig, doch alle schenkten mir nur verwirrte und argwöhnische Blicke.

„Ignorier sie einfach. Solange du bei mir bist, können sie dir nichts anhaben.“, raunte Sam mir zu, als wir gerade durch die Tore gingen.

Alle hier trugen Kleidung wie Sam, die aus Leder oder Wolle gemacht worden war, und bei manchen nicht wirklich viel von ihrem Körper bedeckte.

Schnurstracks lief Sam durch die Häuser durch, zu dem riesigen Turm in der Mitte von Líam. Hier wohnte wohl der Alpha.

„Das ist ja hier alles so prunkvoll und zivilisiert!“, entschlüpfte es mir, doch ich bereute meine Worte sofort wieder.

„Was hast du erwartet? Nur weil wir Wölfe sind, heißt das nicht, dass wir auf dem Boden in Zelten schlafen.“, sagte Sam nur, da wir jetzt bei dem Turm, zu dem auch noch eine schlossähnliche Kuppel gehörte, angekommen waren. Hier gab es zwei Wachen vor der Tür, doch als sie Sam sahen, öffneten sie diese sofort.

„Bist du bereit, meinen Bruder zu treffen? Lass dich nicht einschüchtern, er kann etwas - furchterregend sein. Doch im inneren ist er ganz anders. Achja, er heißt übrigens Damien“, meinte meine Begleiterin und öffnete dann die Tür vom Flur in einen riesigen Raum, der mich an den Thronsaal von Glorícus erinnerte, nur dass hier alles fröhlich und hell eingerichtet war.

„Da bist du wieder, Schwester.“, ertönte eine tiefe Stimme von oben und ich sah, dass der Alpha gerade die Treppen hinunter kam. Hier war also der Weg in den Turm.

Der Mann, der noch die letzten Stufen herunterkam und dann zu uns trat, war wirklich ein Herrscher. Wie der Dunkle Fürst hatte er einfach diese selbstsichere Ausstrahlung. Damien hatte schwarze Haare, wie seine Schwester, eine schlanke Nase und schmale Lippen, wobei die untere etwas größer war. Ein Drei-Tage-Bart umrahmte seinen Mund, dennoch waren seine ausgeprägten Kieferknochen noch zu sehen. Seine Augenbrauen waren buschig und seine Augen einfach außergewöhnlich. Im Inneren waren sie hellgrün, doch außen schwarz wie seine Pupille. Sein Oberkörper war bis über seinem Bauchnabel frei, denn er trug nur einen breiten Schutz aus Leder, der an einen übergroßen Gürtel erinnerte. An seinen beiden Armen hatte er auch noch Schnallen aus dem gleichen Leder und er trug eine schwarze Hose. Seine Muskeln waren wirklich beeindruckend, und ich musste dagegen ankämpfen, mich ihm zu Füßen zu werfen. Ich konnte spüren, dass er mein Alpha war, doch das wollte ich ihn wirklich nicht merken lassen.

„Du bist also Caraleya. Meine Schwester hat mir schon viel von dir erzählt.“, sagte Damien und als er meinen Namen aussprach, konnte ich die Schmetterlinge in meinem Bauch nicht mehr leugnen.

Kapitel 3

Wie süß ist alles neue Kennenlernen. 

Du lebst so lange nur als du entdeckst.

 

 

Christian Morgenstern

 

 

 

 

„Ja, die bin ich.“, brachte ich mit Mühe hervor und ich konnte hören, wie Sam sich schlapp lachte. Nervös zwirbelte ich meine langen Haare um meinen Finger, als er um mich herumging, um mich zu mustern. 

„Du siehst durchtrainiert aus, doch deine Wölfin ist sehr verdrängt und weggeschlossen. Trotzdem erkennst du mich als Alpha an, nicht wahr?“, fragte Damien mit einer Stimme, die gleichzeitig weich wie Honig und rau war. Ich wollte ihn nicht anhimmeln, und ich versuchte mein bestes, nicht so auszusehen, als wäre ich ihm unterlegen. Und das war ich auch eigentlich nicht. Ich war eine gute Kämpferin und ich beherrschte das Feuer. Locker würde ich ihn besiegen können. 

„Ich merke, dass dieses Rudel irgendwie meine Familie ist. Und gestern hatte ich Fangzähne und konnte im Dunklen sehen. Außerdem habe ich schon die Geschwindigkeit und das Hörvermögens einer Wölfin.“, zählte ich auf, doch Damien behielt seine steinerne Miene und schien sich nicht für mich zu freuen. 

„Du musst noch härter trainieren, um hier zu überleben. Nicht etwa Kampf, sondern jagen, stehlen oder handeln. Du musst die Traditionen der Wölfe beherrschen und schlussendlich wirst du dich in ein Tier verwandeln können. Wir mögen Elfen nicht besonders und du stinkst nur so danach. Sam, bring ihr angemessene Kleidung und zeige ihr dann die Stadt.“, befahl der Alpha und sofort sprintete Sam los, aus dem Saal raus und wahrscheinlich zu ihrem Zimmer. 

Verwundert schaute ich Damien an: „Habt ihr keine Diener dafür?“

„Diener? Sklaven meinst du?“, schnauzte er mich an und ich merkte, dass ich das falsche Thema angschnitten hatte. Mit großen Schritten kam er auf mich zu und jetzt konnte ich seinen Geruch intensiv wahrnehmen. Er war so betörend, irgendwie roch er herbe und verlockend, sodass ich automatisch einen kleinen Schritt nach vorne machte, um es noch intensiver riechen zu können. 

Damien nahm diesen Schritt anscheinend als ein Zeichen wahr, dass ich mich nicht vor ihm fürchtete, denn er spannte seine Muskeln an und baute sich noch mehr vor mir auf, sodass ich mich auf einmal ganz klein fühlte. Seine Macht überschwemmte mich, nur noch unsere beiden Herzen waren jetzt in dem riesigen Raum zu hören, meines deutlich schneller schlagend. Seine Nase berührte fast meine und dann ließ er seine Augen rot leuchten, sodass ich noch mehr spürte, dass er der Alpha war. Wie gebannt starte ich ihn an, langsam wurden seine Augen wieder grün, und ich verlor mich in ihnen. 

„Also ich habe hier etwas für dich - woah! Was ist denn hier los?“, hörte ich die Stimme von Sam, die wohl gerade zurückgekommen war. 

„Leute, was tut ihr da? Damien, lass sie gehen!“, rief Sam und zerrte ihren Bruder weg von mir. Sofort wurde mir bewusst, wie peinlich das gerade ausgesehen haben musste und ich fühlte, wie ich rot anlief. 

„Tut mir Leid.“, murmelte ich und war froh, dass Sam schnell das Outfits hochhielt. Dann zog sie mich, ohne dass ich mich viel wehrte, zu einer weiteren Tür des Raumes, hinter welcher sich ein leeres, großes Zimmer befand. 

„Zieh das an.“, befahl sie mir und ich folgte ihrem Willen, immer noch an die Augen von Damien denkend. Ich hatte mich bei noch keinem Mann so gefühlt wie bei ihm. Bei keinem Ball, keinem Date, keinem Kampf. Er hatte mich dominiert, doch ich konnte noch nicht so ganz sagen, wie ich darüber dachte. 

„Wow, du siehst echt so super aus!“, riss mich Sam aus meinen Gedanken und ich blickte in den Spiegel, der fast eine gesamte Wand bedeckte. 

Ich trug eine braune Hose, die in meine Stiefel gesteckt war und mit einem Gürtel befestigt war, der genau wie Sams Wasserbeutel und ein Messer halten konnte. Ein Tierleder war außerdem daran befestigt, welches etwas aussah wie ein Rock, der an meiner rechten Seite bis unter mein Knie ging. Mein Top war sehr locker und ging mir nur bis unter den Bauchnabel. Mit Wolle, die dick verflochten war und in meinem Nacken zusammenging, war es befestigt, sodass mein Rücken fast ganz frei war. Außerdem hatte ich noch eine Art Handschuhe an, die alle meine Finger frei ließen, mir jedoch bis zu meinem Oberarm gingen und mich so schützten, da sie auch aus Leder waren.  

Meine langen, roten Haare waren nicht wie sonst zu einem Dutt oder einem Zopf hochgesteckt, sondern offen und so wirkte ich viel wilder, irgendwie ungezähmt.

„Ich liebe es!“, flüsterte ich und meinte es auch wirklich so. Ich hatte schon viele Kleider und Trainingsklamotten angehabt, doch dieses Outfit war einfach so anders. Es brachte mich einen Schritt weiter, ein Teil des Rudels zu werden. Jetzt musste ich nur noch deren Vertrauen gewinnen und ihnen zeigen, dass ich ihnen wohlgesonnen war. 

 

♛♛♛

 

Wir waren jetzt schon durch die halbe Stadt gelaufen und immer mehr Gestaltenwandler folgten uns. Ich konnte sie tuscheln hören, doch ich ließ mich davon nicht beeindrucken. Als ich mit meiner Familie Dörfer besucht hatte, waren uns noch viel größere Menschenmassen gefolgt und diese hatten uns viel schlimmere Schimpfwörter an den Kopf geworfen. 

„Also das hier ist die Schule für unsere Kinder, jeder muss hingehen, sonst bekommt er keinen Job. Außer vielleicht Trainer oder so.“, erklärte Sam gerade und deutete auf ein riesiges Gebäude vor uns. Er war fast perfekt rund und mit eines der höchsten Gebäude hier. 

„Oben ist auch eine Bibliothek eingebracht, meist Papyrusrollen, die von Hand beschrieben sind. Nur einige konnten Bücher aus Tarsis mitnehmen. Wahrscheinlich nichts gegen eure Bibliothek aber naja.“

„Also bis jetzt hat mich Líam nur überrascht, positiv überrascht.“, lächelte ich und nahm mir fest vor, diese Bibliothek mal zu besuchen. 

Hier in der Stadt war es etwas kühler als außerhalb, doch die Sonne schien immer noch unerbittlich auf uns hinab, sodass die Straßen flimmerten. Nachdem ich mir alle weiteren, wichtigen Gebäude angeguckt hatte, war es schon wieder dunkel geworden und Sam brachte mich zurück in das Haupthaus. 

„Du kannst im Gästezimmer schlafen, das liegt nur ein paar Zimmer von meinem entfernt.“, teilte Sam mir mit, als wir in ihrem Zimmer angekommen waren. Sie hatte ein Doppelbett darin, sowie einen Schrank und einen Tisch aus dunklem Eichenholz. Auch hier war alles so prunkvoll gestaltet, dass ich gegen meinen Willen kichern musste. Ich hatte gedacht, dass die Gestaltenwandler wie wilde Tiere lebten, dass sie barbarisch waren und jetzt stand ich im Zentrum ihrer Stadt, in einem Zimmer, welches meinem in nichts nachstand. 

„Was ist denn?“, fragte Sam, die sich grade vor mir umzog, Hemmungen wegen ihrer Nacktheit schien sie keine zu haben. 

„Naja, ich hätte einfach nicht gedacht, dass ihr hier auch so gut lebt wie ich zu Hause.“, stotterte ich, und schaute angestrengt auf meine Finger, da ich sie so nackt nicht anschauen konnte. Niemand war in meinem Leben vor mir nackt gewesen, nicht mal meine Mutter. Es schickte sich nicht. 

„Das Leben hier ist schon ganz schön hart. Du hast heute die sonnige Seite kennengelernt, doch es herrscht eine Knappheit an Essen, wirklich nicht alle Häuser sehen so schön aus von innen wie außen und wir haben keine Diener oder Helfer, schon gar keine königlichen Köche oder so. Manche Wölfe leben lieber außerhalb der Mauern in Zelten, die du beim Kommen noch nicht gesehen hast, und Damien`s Platz als Alpha ist hart erkämpft. Manchmal fordern jüngere ihn zu einem Kampf heraus und wenn sie ihn besiegen, dann  wird er mit dem nächsten vollen, weißen Mond ein Alpha.“

Ich schaute wieder zu Sam hoch, als sie zu Ende geredet hatte. Sie hatte sich schon ein Nachthemd übergezogen und saß jetzt auf der Kante ihres Bettes. Ich fühlte mich ein wenig beschämt und empfand es für das beste, mein Zimmer aufzusuchen. 

Leise schloss ich die Tür hinter mir und schaute mich um, doch ich wusste ja nur, dass das Gästezimmer in der Nähe war, leider hatte Sam noch nicht gesagt wo. 

„Brauchst du einen Diener?“, kam eine unverkennbare Stimme von hinter mir und schon spürte ich seine mächtige Ausstrahlung, die mir Gänsehaut verlieh. 

„Ich suche nur das Gästezimmer.“, flüsterte ich, reflexartig zusammenzuckend, als ich seine große Hand auf meiner Schulter spürte. 

„Du musst keine Angst vor mir haben, Caraleya. Ich beiße nur manchmal.“, schmunzelte Damien und da ich mich langsam zu ihm gedreht hatte, konnte ich den Schalk in seinen Augen glitzern sehen. 

„Ich, ich habe keine Angst vor dir.“, sagte ich, doch das stottern und der eingezogene Kopf machte mich nicht gerade glaubwürdig. „Respekt. Ich respektiere dich und meine Wölfin spürt, dass du der Alpha bist.“

„Interessant.“, murmelte er, während er leichten Druck auf mein Schulterblatt ausübte, um mich zum gehen zu bewegen. Wir gingen nicht weit, da hielt er auch schon wieder an und deutete auf die Tür vor uns: „Das ist das Gästezimmer.“

Ich hatte schon die Tür fast wieder hinter mir geschlossen, als mir noch etwas einfiel: „Warst du der schwarze Wolf mit den blauen Augen in der Nacht, als Sam mich abgeholt hat?“

Damien blickte mich nur an, dann veränderten sich plötzlich seine Augen. Sie wurden blutrot und die eines Monsters, doch immer noch konnte ich Damien darin erkennen. 

„Ich habe die Augen eines Alpha‘s. Blaue Augen haben nur Wölfe, die ohne Rudel leben. Dein Vater war auch ein schwarzer Wolf.“, erklärte Damien mit monotoner Stimme, während seine Augen wieder zu ihrer normalen Farbe zurückfanden. 

Hoffnung durchströmte meine Brust und ich konnte ein lächeln nicht verkneifen. „Dann hat er über mich gewacht, all die Jahre!“, quiekte ich aufgeregt, doch kurz darauf wurde ich wieder traurig und ernst. Wo lebte mein Vater so ganz alleine? Er konnte unmöglich glücklich sein ohne sein Rudel.

„Freu dich nicht zu früh, Caraleya. Eryendôr ist gefährlich für einen einsamen Wolf, vor allem wenn er nur noch in seiner animalischen Form herumläuft.“

Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand im Dunklen des Schlosses. 

Ich schloss die Tür und schmiss mich auf mein Bett. Das Gesicht in meinem Kissen vergraben dachte ich über alles nach. Jetzt, da ich sicher in einer Stadt lag, merkte ich, dass ich meinen großen Bruder vermisste. Er war zwar manchmal  nervig und wir waren meist in einem Kampf um die Aufmerksamkeit unserer Eltern gewesen, doch ich liebte ihn trotzdem über alles und fragte mich, was er jetzt wohl machte. Was meine Mutter ihnen allen erzählen würde. Glorícus würde sie nicht töten können, dafür war sie zu mächtig, denn obwohl er wahrscheinlich der beste Feuerbändiger war, konnte sie eine Armee von Toten beherrschen, die sie einfach aus Staub erstehen ließ. Viele Elfen empfanden das Element Erde als das Schwächste, doch sie hatte es mit dunkler Magie geschafft, ihnen das Gegenteil zu beweisen. 

 

♛♛♛

 

Am nächsten Morgen wurde ich von Sam geweckt, die wie ein verrücktes Huhn auf meinem Bett herumsprang. 

„Ich hab gute Laune, steh endlich auf, damit wir kämpfen können.“, rief sie und als sie mit dann auch noch meine Bettdecke weggezogen hatte, gab ich auf und zog mich um, damit ich mit ihr zum Frühstück gehen konnte. 

Wir gingen zusammen wieder in den Saal, in dem ich gestern Damien kennen gelernt hatte, und jetzt bemerkte ich, dass er auch in einer Ecke einen Tisch beinhaltete. Sam hatte schon in einer Holzschale eine Frucht daraufgestellt, die von außen wie ein sandiger, stacheliger Stein aussah. Außerdem lag dort der Hase, den sie gefangen hatte und zu meinem Glück oder Pech, ich war mir nicht so sicher, war er schon von seinem Fell befreit worden und lag nun blutig in einer anderen Schale. 

„Na dann, guten Appetit. Damien kommt später dazu, er ist schon laufen gegangen heute.“, erklärte Sam und biss herzhaft in das linke Bein des Tieres. Blut lief ihr das Kinn hinunter und ich spürte, wie mein Magen bei dem Gedanken an rohes Fleisch am morgen rebellierte. 

„Wie ist man die Leslòh?“, fragte ich stattdessen, da ich die Frucht nur aus Büchern kannte. 

„Oh, das ist eigentlich ganz einfach. Du haust sie gegen etwas hartes und spitzes - oder nutzt einfach dein Messer- und dann kannst du das Innere essen. Nur musst du aufpassen, dass du kein Sand in den Mund bekommst.“

„Wascht ihr die Früchte nicht? Dann geht der Sand ab.“, fragte ich, während ich vorsichtig eine Leslòh aus der Schale nahm und versuchte so viel Sand wie möglich abzukratzen, ohne mich an den Stacheln zu verletzen. 

„Wasser ist hier ziemlich heilig. Damit Dreck abzuwaschen wäre unwürdig.“, teilte Sam mir zwischen ihren Bissen mit. Ihre Augen waren wieder Gelb und ihre Fangzähne gewachsen. Vorsichtig holte ich mein Messer raus und versuchte, die Frucht aufzuschneiden. Leichter als gedacht durchschnitt ich die Außenhülle und im blaues Fruchtfleisch klebte an dem Messer. 

„Probier es!“, lachte Sam, als sie meinen verwirrten Gesichtsausdruck sah. Ich führte die Frucht an meinen Mund und biss hinein, überrascht wie saftig und sauer sie schmeckte. Ich konnte es nicht mit irgendetwas vergleichen, was ich je gegessen hatte, doch es war wirklich lecker. 

 

„Also bist du jetzt frisch zum trainieren?“, fragte Sam nachdem ich noch vier weitere Leslòh verspeist hatte. 

„Fit wie noch nie, diese Früchte geben einem echt Energie!“, strahlte ich und lachte fröhlich, froh endlich mal eine richtige Freundin gefunden zu haben, die mich nicht nur wegen meines Geldes mochte. 

„Wartet kurz.“, dröhnte die mächtige Stimme von Damien durch den Raum. Sofort hörten Sam und ich auf, herumzualbern, drehten uns zu ihm um und lauschten seinen Worten. 

„Caraleya, ich möchte dir jemanden vorstellen.“, sagte er und hinter seinem Rücken kam eine alte Frau hervor, die graue Haare hatte und einen langen Pelzmantel trug. Sie hatte eine lange Narbe im Gesicht, welche von ihrem Haaransatz der linken Gesichtshälte über ihr linkes Auge führte und dann an ihrem rechten Ohr endete. 

„Das ist Elashá. Sie ist eine der ältesten Wölfe und sie wird dir, Caraleya, unsere Sprache beibringen. Es ist wichtig, dass du unsere Sitten und unsere Sprache kannst, damit du wirklich in dem Rudel aufgenommen werden kannst. Noch bist du nur ein Gast, doch wenn du dich das erste Mal verwandelst und mit uns an einem Vollmond durch die Wüste läufst, dann gehörst du wahrlich dazu. Also trainiere hart.“

Mit diesen Worten stieg er die Treppen zum Turm hinauf und ließ uns mit der Frau alleine. 

„Dobré ráno, Välk-Díotě“, sagte die Frau und kam erstaunlich schnell auf mich zu. 

„Guten Morgen, Wolfs- Elfe.“, übersetzte Sam flüsternd und dankbar nickte ich ihr zu. 

„Dobré ráno.“, versuchte ich ihr nachzusprechen, doch es klang ziemlich lächerlich. 

„Wir bekommen dich schon hin, mein Kind.“, sagte die Gestaltenwandlerin, die mich inzwischen einmal umkreist hatte. Ihr Akzent war sehr stark und auch in dieser Sprache rollte sie das ,R‘. 

„Du wirst mit mir jeden Abend üben, ich zeige dir meine Hütte und dann werden wir machen, dass du bald Jåzyrk sprichst.“, erklärte sie mir, doch es klang eher wie ein Befehl, den ich nicht verweigern sollte. „Ja, Ma‘am.“, sagte ich, doch das fing mir zwei böse Blicke ein. „Nicht Ma‘am. Ažena. So spricht man Ältere an.“, flüsterte Sam mir zu und ich korrigierte schnell meinen Fehler, denn ich wollte diese Sprache wirklich gerne lernen und Elashá auf keinen Fall verärgern. 

„Ja, Ažena!“

„Dobrý, Caraleya. Wir sehen uns dann heute Abend bei Sonnenuntergang bei mir. Sei nicht zu spät.“, betonte Elashá und verließ den Saal. 

Sam verdrehte die Augen und grinste wieder so spitzbübisch wie eben.

„Na dann, Caraleya, sei nicht zu spät!“, ahmte Sam der alten Dame nach, und obwohl ich das etwas respektlos fand, musste ich kichern. 

„Auf zum Training.“, forderte ich die Schwarzhaarige auf und griff sie spielerisch jetzt schon an. Da ich den Überraschungsmoment auf meiner Seite hatte, war Sam schon nach einigen Sekunden im Schwitzkasten und ergab sich lachend. 

„Ich bin so froh, dass ich die beschissene Aufgabe hatte, diese Nacht das Schloss zu beobachten!“, meinte sie, als ich sie wieder frei gelassen hatte und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. 

 

 

♛♛♛

 

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug und jeden Abend fiel ich wie ein Stein im Bett, gerade noch dazu fähig, mein Nachthemd anzuziehen. 

Ich trainierte mit Sam, las in der Bibliothek, übte mit Damien meine Wölfin hervorzurufen und mit der alten Elashá, die ich ins Herz geschlossen hatte, übte ich die Sprache der Wölfe. 

Jedes Mal beendete sie ihren Unterricht mit einem Lied, welches ,Měsíc je slunce välků‘ - Der Mond ist die Sonne der Wölfe- hieß. Sie erklärte mir, dass jedes Kind dieses Lied kannte und abends vorgesungen bekam. 

So langsam verstand ich mehr und mehr von der Sprache und auch meine Aussprache verbesserte sich.  

Irgendwie berührte mich das Lied, als ich es übersetzt hatte, denn es erinnerte mich an meinen Vater, wie er jetzt alleine durch die Welt lief, mit seinen eisblauen Wolfsaugen. Doch vielleicht war ich ja der rote Wolf, der zu ihm stieß und ihm zeigte, dass wir alle eine Familie waren. 

„Passt du auf?“,  fragte Elashá harsch und wäre ich nicht superschnell, hätte mich die geworfene Leslòh wohl am Kopf getroffen. 

„Ba, Ažena!“, sagte ich schnell und leckte mir etwas grimmig meine Wunden an der Hand, welche von der Frucht kamen. 

„Dobrý, Caraleya. Weiter geht es.“, sprach meine Lehrerin und setzte ihre Vorlesung aus einem alten Buch fort. Ich musste mich konzentrieren, um auch nur ein Wort zu verstehen. 

 

So vergingen Tage wie Stunden und ich fühlte mich mehr und mehr wie einer von ihnen, ein Wolf.

Ich erwischte mich sogar eines morgens, wie ich mir einfach einen saftigen, frischen Hasen wünschte. Doch als ich ihn dann dort auf dem Tisch sah, konnte ich mich einfach doch nicht überwinden. Und so blieb ich bei den Früchten, und mittags und abends aß ich mein heimlich geröstetes Fleisch. 

Gerade war ich mit Sam auf dem Trainingsplatz und absolvierte mein Sprinttraining, als Damien den Platz betrat. Ohne, dass ich es verhindern konnte, spürte ich schon wieder Schmetterlinge im Bauch und wollte ihm außerdem beweisen, wie gut ich war. So schnell ich konnte, sprintete ich um die Hindernisse, doch plötzlich spürte ich meine Wölfin mehr denn je. Sie freute sich über diese Geschwindigkeit und wollte schneller laufen, so schnell ich konnte. Doch mein Körper war noch nicht soweit und so stolperte ich über meine eigenen Füße, verfing mich in einem Busch und stürzte, Gesicht voran, auf den sandigen Boden. 

„Cara! Alles okay?“, rief Sam und in sekundenschnelle war sie auch schon bei mir. 

Ich hatte mir meinen ganzen Rücken aufgekratzt und auch meine Finger bluteten ein wenig. Doch nichts tat mehr weh als das Schamgefühl, welches meinen Magen in Flammen setzte. Ich wünschte mir einfach, im Boden zu versinken. Theoretisch könnte ich in einem riesigem Feuer verschwinden, doch dann würde ich wohl noch mehr Schaden anrichten. 

„Ja, mir gehts gut. Bin gestolpert.“, nuschelte ich und stellte mich mit Hilfe von Sam wieder auf meine Füße. Doch plötzlich durchzuckte ein stechender Schmerz meinen Magen, der wohl nichts mehr mit Scham zu tun hatte. Ich keuchte auch und krümmte mich, meinen schmerzenden Bauch haltend. 

„Was ist?“, fragte Sam besorgt, doch so plötzlich, wie die Schmerzen gekommen waren, klangen sie auch wieder ab. 

„Ich weiß auch nicht so recht. Magenkrampf.“, antwortete ich knapp und wollte mich gerade wieder an die Übung machen, als der Schmerz wiederkam. Dieses mal war es nicht so schlimm, dennoch verzog ich das Gesicht. 

„Du musst zu unserem Heiler! Er wird wissen, was mit dir los ist!“, meinte Sam energisch und ich musste zugeben, dass das wohl die beste Idee war. 

Mit beiden Händen über meinem Bauch lief ich an Damien vorbei zum Stadttor. Ich war schon fast bei dem Haus des Heilers angekommen, als ich jemanden hinter mir hörte: „Warte.“

 

 

 

 

Kapitel 4

Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft -

vielmehr aus unbeugsamen Willen

 

 

Mahatma Ghandi

 

 

 

 

Da stand er vor mir, mit seiner autoritären Ausstrahlung, die mir immer noch ein bisschen Angst einjagte. 

„Cara, du kannst nicht einfach so weglaufen, ich mache mir Sorgen um dich!“

Ich setzte mein abfälligen Blick auf, die Schmerzen in meinem Magen ignorierend. „Ich wollte zum Heiler und ich habe noch nicht bemerkt, dass du dich um mich sorgst.“

Damien knurrte und kam näher: „Ich sorge dich um mich, du bist ein Teil meines Rudels.“

Ich wusste nicht genau, ob das Gefühl, mich übergeben zu müssen auf Nervosität rührte oder von meinem schmerzenden Magen, aber ich wollte es auf keinen Fall riskieren, den heißesten Typ in ganz Líam anzukotzen und so drehte ich mich schnell um und lief weiter zu dem Heiler. 

Nur leider war Damien schneller und packte mich am Arm, um mich zu ihm herumzuwirbeln. Großer Fehler! 

Ich schmeckte schon die bittere Magensäure in meinem Mund, als es geschah: I entleerte meinen Mageninhalt von den Füßen des Alphas.

„Oh, das tut mir so Leid!“, stammelte ich, als ich wieder hochkam, doch die Pause dauerte nicht lange an und ich hatte gerade noch Zeit, mich in eine andere Richtung zu drehen, bevor noch ein Schwall aus meinem Mund auf den Boden klatschte. 

Ich spürte eine kleine Hand auf meinem Rücken, die dann auch meine Haare nahm, um sie vor dem Erbrochenen zu schützen, doch es war eh schon zu spät dafür. 

„Wir bringen dich jetzt zum Heiler.“; hörte ich die vertraute Stimme von Sam und ich folge ihr auch blind, als sie mich weiter zerrte, weg von meinem Erbrochenen. 

Drei Minuten später saßen wir in den gemütlichen Sesseln des Heilers und er untersuchte mich einmal von Kopf bis Fuß. 

„Ich glaube du hast dir einfach den Magen verdorben. Du bist neu hier, vielleicht bekommt dir das rohe Fleisch noch nicht so gut, aber sobald du dich in eine Wölfin verwandelt hast, willst du es nur noch so essen.“, vermutete der Heiler, doch ich wusste schon jetzt, dass seine Theorie falsch war, denn ich hatte ja noch nie rohes Fleisch hier gegessen. Nur diese Früchte, und die aß ich schon seid Wochen ohne irgendwelche Folgen. 

„Vielen Dank, Drakûh.“, lächelte Sam, welche die ganze Zeit ihre Hand auf meiner Schulter gelassen hatte. 

„Oh, und gegen die Kratzer auf deinem Rücken habe ich eine heilende Salbe. Sie ist zwar sehr selten, doch für die Tochter unseres ehemaligen Alphas habe ich natürlich noch welche übrig.“, bemerkte er schnell, als ich gerade aufgestanden war und verschwand in einem Hinterzimmer, welches mit einem Tierfellvorhang abgeschirmt war vor unseren Blicken.   Ich sah, wie Sam ihre Augen verdrehte während er weg war, jedoch sofort wieder ein Lächeln aufsetzte, als er zurückkam. 

„Hier. Hezký den.“, sagte Drakûh und gab mir einen Beutel mit einer gelblichen Salbe darin.

„Vielen Dank. Hezký den.“, meinte ich gedankenverloren, und verließ mit Sam das nach Weihrauch riechende Haus. 

„Du hast noch nie rohes Fleisch gegessen, oder?“, fragte Sam sofort, nachdem wir die Tür hinter uns geschlossen hatten und ein paar Schritte gegangen waren. 

„Nein, aber vielleicht verträgt mein Magen ja einfach nicht so viel von der Frucht.“, vermutete ich, den Beutel mit der Salbe fest umklammert. 

„Vielleicht.“, murmelte ich, doch so wirklich sicher war ich mir nicht. Mein Magen hielt viel aus, da würde so ein bisschen Leslòh nicht gleich zum Übergeben führen. 

Als wir am Turm angekommen waren, holte Damien uns ein, in der Eingangshalle stellte er uns dann zur Rede: „Was hat Drakûh diagnostiziert? Geht es dir gut?“

Ich nickte müde und ließ Sam alles erklären, was bei dem Heiler passiert war. Es viel mir schwer, meine Augen offen zu halten und ein leichter, pochender Schmerz machte sich in meinem Kopf breit. 

„Ich muss schlafen.“, brachte ich gerade noch so hervor, da spürte ich schon die Schwärze und ich merkte, wie ich umkippte. 

„Cara! Was ist los? Cara!“, hörte ich noch aus weiter Ferne, doch dann vernahm ich nichts mehr, ich schwebte in einer schmerzfreien, schwarzen Masse.

 

„Vielleicht bekommt sie nicht genug Wasser? Sie ist dehydriert.“, hörte ich eine dumpfe weibliche Stimme. 

„Es gibt auch noch eine Möglichkeit, die ihr alle noch nicht angesprochen habt. Nur keiner wagt es, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.“

Langsam kam ich aus der Dunkelheit hervor und vernahm wieder den harzigen Geruch von Weihrauch. Mein Kopf schmerzte immer noch leicht, und aus irgend einem Grund fühlte ich mich sehr, sehr glücklich, als ob ich alles tun könnte, was ich wollte. 

„Ich finde dich toll!“, schrie ich fast, sofort danach musste ich kichern. Ich hatte meine Augen noch geschlossen, doch langsam öffnete ich sie jetzt und sah drei sehr besorgte Gestaltenwandler über mir stehen. 

„Warum macht ihr alle so traurige Gesichter?“, lallte ich und hob meine Hand, um Damiens Bart zu streicheln. Er verzog nicht die Miene, als ich seine stoppelige Wange berührte, doch in mir löste es mehr Schmetterlinge aus denn je. Verdammt, warum vergötterte ich ihn nur so, wenn er mich bestimmt total dämlich fand?

„Findest du mich dämlich?“, fragte ich vorsichtshalber, wurde dann aber durch Sam‘s schwarze Haare abgelenkt, die links neben mir baumelten. „Ich fürchte, dass Euer Vorschlag zutrifft, Alfa. Der Parasit hat wohl schon das Hirn befallen und ich weiß nicht, ob wir ihn noch abtöten können. Wir Wölfe sind zwar immun, doch sie hat auch eine Elfenseite, daher konnte der Parasit in ihren Körper gelangen.“, hörte ich die Stimme des Heilers sagen, doch ich verstand nicht so recht, was er meinte. 

„Aber dieser Parasit kommt nur durch eine Wunde in den Körper und er wird nur durch die Leslòh übertragen. Also musste die irgendwie mit einer Wunden stelle ihres Körpers die Schale der Frucht berührt haben.“, erzählte die Stimme von Sam, und da erinnerte ich mich an etwas: „ Elashá hat Leslòh nach mir geworfen, doch ich hab sie gefangen und mich gepikt.“

„Da haben wir die Ursache.“, seufzte der Heiler und schüttelte den Kopf, als würde jemand sterben. Seine schulterlangen, blonden Haare bewegten sich bei jeder Bewegung mit und brachten mich zum Kichern. 

„Der Parasit ist zwar schon in ihrem Gehirn, aber wenn sie sich in einen Wolf verwandelt, kann dieser ihn vielleicht abstoßen!“, schlug Damien vor. 

„Wolf verwandeln, ja!“, quiekte ich und klatschte vergnügt in die Hände. 

„Das können wir nicht machen, sie ist noch nicht bereit dafür!“, empörte sich Sam und stemmte beide Hände in die Hüfte, während sie ihrem Bruder böse Blicke zuwarf. 

„Das ist wahrlich unsere einzige Möglichkeit. Und wir müssen sie einfach dazu zwingen, sich zu verwandeln. Denn einen direkten Befehl von ihrem Alpha muss sie nachkommen.“, hörte ich den Heiler sagen, doch irgendwie langweilte mich das hier alles viel zu sehr, ich wollte lieber raus in die Sonne und dort herumlaufen. Ohne auf den Protest meiner drei Aufpasser zu achten, stand ich also auf - und viel sofort schreiend auf die Knie. Mein Kopf fühlte sich an wie in Feuer gelegt, alles brannte, wurde heiß und der Schmerz war unerträglich. 

„Tu es jetzt, Damien!“, schrie der Heiler. Kurz darauf spürte ich große, warme Hände auf den Meinigen und ein Befehl wurde mir ins Ohr geflüstert: „Verwandel dich in einen Wolf.“

Ich konnte spüren, wie die Wölfin in mir gegen ihren Käfig ankämpfte, doch ich war schwach und der Schmerz zu stark. Ich hörte meine eigenen Schreie kaum noch, doch dann wurde mein Kopf erhoben und ich blickte in zwei leuchtend rote Augen, die mich energisch anschauten. 

Plötzlich schienen sich alle Knochen in meinem Körper zu bewegen, manche brachen sogar. Der Schmerz war jetzt so groß, dass mir wieder schwarz vor Augen wurde und ich kurz davor war, wieder in Ohnmacht zu fallen. Nur zwei rote Punkte in der Dunkelheit hielten mich wach, befahlen mir, weiterzumachen. 

„Ich kann nicht!“, stöhnte ich unter Schreien, gerade als sich meine Wölfin ganz befreit hatte. Hörte ich ihr heulen nur in meinem Kopf oder war ich das selber? 

Inzwischen war ich auf allen vieren, die Farben meiner Umgebung schwanden, alles wurde grau, blau oder gelb. Nur das stechende rot von Damiens Augen blieb und hielt mich fest, half mir durch den Schmerz zu kommen. 

Bald jedoch konnte ich nicht mehr auf allen Vieren stehen und ich legte mich hin, schlussendlich gab ich nach und ließ mich wieder in die Schwärze fallen. 

 

Ich spürte Sand unter mir, warmer, weicher Sand. Ich spürte die Sonne auf meinem Rücken und eine kühle Brise strich über meinen Körper. 

Ich roch den herben Duft von Damien, Vermischt mit dem wilden Duft von Sam. Ich roch rohes Fleisch, nicht weit weg von mir. 

Ich hörte Stimmen, die Diskutierten, außerdem das knurren eines Wolfes. Nein, nicht eines Wolfes, es war das knurren meines Alphas. 

Die Stimmen wurden lauter und deutlicher, doch irgendwie hallten sie trotzdem noch in meinem Kopf herum. 

,Sie wacht langsam wieder auf. Sie ist stark, ich hab dir gesagt sie schafft es.‘

,Ja, aber es war ein großes Risiko. Wir müssen mehr auf sie Acht geben, schließlich ist sie unsere große Hoffnung.‘

Vorsichtig öffnete ich die Augen und erschrak, als ich zwei schwarze Wölfe vor mir stehen sah. Obwohl ich fragen wollte, was hier los war, brachte ich nur ein winseln hervor. Vorsichtig stellte ich mich wieder auf alle Viere, als ich plötzlich bemerkte, dass ich auf Pfoten stand. Ich war ein Wolf geworden!

,Willkommen in unserem Rudel.‘, hörte ich die Stimme von Damien in meinem Kopf und als ich dem schwarzen Wolf mit den roten Augen anschaute, merkte ich, dass wir uns wohl in Wolfsform telepathisch unterhalten konnten. 

,Was ist passiert? Ich erinnere mich nur noch, dass ich bei dem Heiler im Bett lag, und dann kamen furchtbare Schmerzen.‘

,Du hast dich das erste mal in eine Wölfin verwandelt, das ist sehr schmerzvoll. Außerdem warst du von dem Parasit der Leslóh befallen. Er hatte seine Eier in deinen Magen gelegt, und durch den Sturz warst du schwach genug, dass er auch in dein Hirn dringen konnte. Die Eier hast du jedoch erbrochen und den Parasiten als Wölfin bekämpft. Du müsstest also jetzt ungezieferfrei sein.‘, erklärte Sam und ihre gelben Augen ruhten auf mir. 

,Muss ich mich jetzt wieder zurückverwandeln?‘, fragte ich traurig und auch etwas ängstlich, denn die Schmerzen wollte ich nicht gerne noch einmal spüren. 

,Bist du verrückt? Jetzt, da du schonmal eine Wölfin bist, kommst du natürlich mit uns jagen!‘, sagte Sam aufgeregt und sprang um mich herum wie ein kleines Kalb. 

Schon bei dem Wort ,Jagen‘  lief mir das der Speichel in mein Maul und ich fletschte die Zähne um zu zeigen, dass ich mitkommen würde. 

,Super! Wir laufen mit noch zwölf weiteren Wölfen nördlich, zum Wald um Tarsis herum. Dort gibt es viel Wild.‘

,Aber werden euch die Elfen nicht erwischen?‘, fragte ich besorgt und schaute auf die vielen Wölfe, die sich jetzt hier vor den Mauern der Stadt einfanden. Die meisten waren braun, viele grau, einige weiß und nur noch ein anderer schwarz. Da fiel mir ein, dass ich ja meine eigene Farbe noch gar nicht kannte, doch grade schienen Sam und Damien sehr beschäftigt, sodass ich sie nicht stören wollte. Vielleicht ging die Fellfarbe ja nach Haarfarbe, doch dann würde es nicht so viele grau. Ich würde einfach einen guten Zeitpunkt abwarten müssen, um Sam oder Damien zu fragen. 

,Seid ihr alle bereit?‘, dröhnte nun die mächtige Stimme Damiens in meinem Kopf und sofort konzentrierte ich mich wieder auf das Geschehen. 

Damien und Sam liefen voraus, gefolgt von allen anderen Wölfen, die sich nicht nach irgendeiner Ordnung aufstellten. 

,Komm zu mir nach vorne, Cara!‘, meinte Sam und so lief ich etwas schneller über den Sand, um zu ihr zu kommen. Es war viel einfacher als Wolf über den Sand zu huschen, da ich mein Gewicht auf vier leichtfüßige Pfoten verteilte. Außerdem merkte ich, dass ich total in Form war und noch stunden laufen konnte, obwohl ich noch eine kleine Verletzung an meinem Rücken hatte. 

 

♛♛♛

 

Eine Nacht hatten wir alle zusammen auf dem Sand geschlafen, als Rudel zusammen gekuschelt, um die Kälte der Nacht zu überstehen. Danach ging es weiter, jetzt mit knurrendem Magen und einer trockenen Kehle. Als Wölfe waren wir zwar schneller, doch wir konnten nichts transportieren.  

Und so liefen wir einen weiteren Tag durch, bis wir endlich an einen Fluss kamen, an dem auch die Graslandschaft begann. 

Sofort stürzten wir uns in das wohlige Nass, füllten unsere Mägen mit Wasser und spielten im Fluss. 

,Und wie findest du es bis jetzt so als Wölfin?‘, fragte Damien mich. Ich schaute mich um, versuchte ihn im Wasser zu finden, da sprang mich ein riesiger Wolf von der Seite an und zusammen rollten wir durch das Wasser. Der andere Wolf war viel stärker, doch ich merkte, dass er nur spielen wollte. 

,Bitte, ich ergebe mich.‘, lachte ich, als ich schon wieder im Wasser war und nach Luft schnappen musste. 

,Natürlich tust du das.‘, knurrte kein anderer als der Alpha der Wölfe. 

Als ich wieder hochkam, merkte ich, dass uns alle anstarrten, und wäre ich in meinem Elfenkörper, würde ich jetzt wohl rot anlaufen. ,Genug vergnügen. Ab hier müssen wir vorsichtig sein, sonst finden die Elfen uns. Denkt daran, manche von ihnen besitzen Kräfte. Sie können die Elemente beherrschen. Gebt Acht.‘

Damiens Befehl wurde sofort erhört und alle tapsten sofort zum Ufer, schüttelten sich das Wasser aus dem Fell und teilten sich in drei Gruppen auf. 

,Du kommst mit uns.‘, teilte Sam mir mit und die schwarze Wölfin schien eine Kopfbewegung nach Westen, in Richtung Meer, zu machen. 

Aufmerksam und auf jedes Geräusch achtend, trottete ich den beiden schwarzen Wölfen hinterher, in das Dickicht des Waldes hinein. 

Doch bevor wir die Bäume erreicht hatten, fiel mir noch etwas ein: ,Welche Fellfarbe habe ich eigentlich?‘

,Du bist ein wunderschöner, rotbrauner Wolf‘, antwortete Damien und ich musste innerlich über das Kompliment, aber auch meine Fellfarbe grinsen. Rot war meine Farbe, und dies war meine Bestimmung.

Möge die Jagd beginnen.

Kapitel 5

Ein Abschied verleitet immer dazu etwas zu sagen, 

was man sonst nicht ausgesprochen hätte.

 

 

Michel de Montaigne

   

 

 

Als wir die Bäume erreicht hatten, war die Sonne schon untergegangen und Stille legte sich über den Wald. 

Mit meinen Wolfsaugen konnte ich trotzdem alles perfekt erkennen, wenn auch nur in verschiedenen Grautönen. 

'Konzentrier dich auf den Geruch von Fleisch und Blut, Höre auf den Schlag eines Herzens', erklärte Damien mir und ich befolgte seinen Befehl. Um mich besser auf meine anderen Sinne konzentrieren zu können, schloss ich die Augen. 

Eine Weile lang konnte ich nur die flatternden Herzen der Vögel hören, doch bald hörte ich ein größeres Herz, nicht weit entfernt von mir. Es kam von Westen, nahe am Meer.

'Ich hab was!', knurrte ich, denn mein großer Hunger machte sich bemerkbar. Ich öffnete meine Augen und ließ meine Wölfin und meine Instinkte übernehmen. Ohne auf Damien und Sam zu warten, sprang ich über einen umgestürzten Baum und verschwand im Dickicht. 

'Wo läufst du hin? Die Herde von Rehen ist östlich!', hörte ich die harsche Stimme meines Anführers, doch ich spürte die Besonderheit dieses Herzens. Es schien sogar fast mit Magie gefüllt zu sein. 

Ich sprintete weiter, meine Pfoten trugen mich lautlos über das Gras, doch trotz meiner Geschwindigkeit waren die Konturen aller Bäume scharf. Freude durchströmte mich, ich fühlte mich freier als je zuvor. 

Als ich merkte, dass der Herzschlag immer lauter wurde, verlangsamte ich meine Schritte. Vorsichtig näherte ich mich weiter, doch die Bäume wurden immer weniger, und nach einigen Schritten spürte ich Sand unter meinen Pfoten. Ich war am Strand angekommen. 

'Cara, komm sofort zurück! Da ist ein Elf am Strand!', schnauzte Sam mich an, doch auch auf sie hörte ich nicht. Die Magie dieses Herzens schien mich gerade so anzuziehen. 

Ohne über die Konsequenzen nachzudenken, tapste ich auf den Strand, aus dem Schutz der Bäumen heraus.

Am Meer stand ein großer, schlanker Elf mit dunkelblonden Haaren. Er trug lederne Kleidung mit einem braunen Wollshirt und einem Bogen mit Köcher über seiner Schulter. 

Doch das faszinierende an diesem Anblick war die riesige Wassersäule, die aus dem Meer emporstieg. Er war also ein Wasserbändiger. Vorsichtig näherte ich mich weiter, bis er mich auch hörte und sich blitzschnell umdrehte, den Bogen gespannt und einen Pfeil auf meinen Kopf gerichtet. Hinter ihm krachte die Wassersäule zusammen und Wasser umspülte seine Knöchel. 

Ich war unfähig, mich zu bewegen und für ein paar Minuten starrten wir uns einfach nur an. Ich starrte in seine hellblauen Augen, die außen etwas dunkler wurden. Er hatte volle Lippen, eine gerade Nase und einen Ring in seinem rechten Ohr, nicht in seinem Ohrläppchen, sondern etwas darüber, etwa in der Mitte des Ohres.

'Weg da, Caraleya! Das ist ein Befehl!', schrie Damien mich an, fast gleichzeitig ertönte ein Krachen aus Richtung des Waldes. 

Mit großen Sprüngen kam der schwarze Wolf auf uns zu und stellte sich zwischen mich und den Elfen, mit gefletschten Zähnen und einem tiefen Knurren in der Kehle.

Vor Schreck ließ der Elf seinen Bogen fallen, errichtete aber schnell eine Wand aus Wasser vor sich. Damien drehte sich um, durchbohrte mich mit einem drohenden Blick und lief wieder zurück zum Wald. 

Mit einem letzten Blick auf die Wasserwand folgte ich ihm, wissend, dass ich eine Strafpredigt vor mir hatte.

'Was hast du dir dabei nur gedacht? Er hat dich fast umgebracht!'

'Hat er nicht, er hat nicht geschossen', verteidigte ich den Unbekannten, obwohl ich nicht mal wusste, wieso. 

Damien knurrte mich an und ehe ich noch weiter reden konnte lag ich schon unter ihm, seine roten Augen gebannt auf mich gerichtet. 

,Er ist ein Elf und du warst eine Wölfin. Wir sind Feinde, nur Angst hat diesen Schwächling davon abgehalten, zu schießen.‘, knurrte Damien zähnefletschend. 

,Ich hab Hunger, ihr Zwei!‘, unterbrach Sam unsere kleine Rangelei, bei der Damien offensichtlich zeigen wollte, dass er mein Alpha war. 

Grummelnd ließ er von mir ab und lief in Richtung Osten, wo er die Rehe vermutet hatte. 

'Kommt mit.', befahl er uns. Ohne zu zögern liefen wir beide hinterher, getrieben von Hunger.

Als hätten wir es schon oft geprobt, pirschten wir uns an die Herde von sieben Tieren heran und ich suchte mir eines aus, welches schon humpelte und eine leichte Beute würde. 

Von drei verschiedenen Punkten sprangen wir aus dem Dickicht auf die Lichtung und ich spürte das Fleisch meines Tieres unter meinen Krallen. 

Alles andere schaltete ich ab, in diesem Moment war ich nur auf den Kampf ums Leben fixiert. 

Das Tier sprang herum, versuchte mich abzuwerfen und blökte laut. Ich jedoch ließ nicht locker, krallte mich fest und versuchte meine langen Fangzähne in den Hals des Rehs zu stoßen.

Nach einem langen Kampf fand ich endlich die pulsierende Ader und tötete das Tier mit einem festen Biss.

Warmes Blut floss in meinen Rachen, mit einem Ruck zog ich mir Fleisch ab und verschlang es gierig. 

Auch Damien und Sam waren erfolgreich gewesen und verspeisten ihre Tiere genüsslich. 

'Wenn ihr mit der Jagd fertig seid, treffen wir uns wieder am Fluss.', befahl Damien und ich wusste, dass er diese Nachricht an uns alle gerichtet hatte. 

 

Wieder am Fluss angekommen, wuschen wir alle unser Fell im Klaren Wasser, welches durch das Blut rot gefärbt wurde. 

'Ich höre jemanden kommen!‘, warnte ich die anderen und guckte erschrocken hoch, doch niemand außer mir schien den Herzschlag einer Elfe zu hören, der da auf uns zukam. 

,Niemand kommt, reagier dich ab!‘, meinte eine männliche Stimme, die glaube ich von einem der grauen Wölfe kam. 

Doch ich war sicher, dass ich etwas gehört hatte und so lief ich aus dem Wasser, schüttelte mein Fell und schlich in die Richtung, aus der die Elfe kam. 

,Komm zurück!‘, sagte Damien sofort, doch Sam beschwichtigte ihn: ,Vielleicht will sie sich noch einen Vogel oder so schnappen. Denk doch daran, wie abenteuerlustig wir waren.

Obwohl es ihrem großen Bruder nicht gefiel, tat er nichts um mich aufzuhalten. So leise wie möglich schlich ich mich durch das Dickicht und fand schon bald, wonach ich gesucht hatte: Der blonde Elf stand dort, Bogen und Köcher wieder über seiner Schulter und mit einem selbstbewussten Grinsen auf dem Gesicht. 

„Ich wusste es doch. Du bist nicht so wie die anderen Wölfe.  Ich habe mich geschützt, kein Gestaltenwandler könnte mich wahrnehmen. Doch du, du bist anders. Dein Herz ist voller Magie, also bist du auch irgendwie eine Elfe“, dachte der Elf laut, während er langsam näher kam. Als ich zurückschreckte, blieb er stehen und hob seine Hände. „Ich tue dir nichts. Ich brauche sogar deine Hilfe. Wir Elfen in Tarsis werden uns nicht mehr lange vor Glóricus verstecken können und wenn er kommt, wird er uns dem Erdboden gleich machen. Nur ein sehr mächtiges Geschöpf, wie du eines bist, kann ihn besiegen. Bitte. Hilf uns.“

Er hörte sich wirklich verzweifelt an, trotzdem hatte ich noch Zweifel. Ich wusste nicht recht, ob ich ihm vertrauen konnte, denn was er da verlangte war ein Krieg gegen meine alte Familie. 

Langsam ging ich weiter rückwärts, bis ich mit der Nacht verschmolz, dann drehte ich mich um und lief zurück zu meinem Rudel. 

,Da bist du ja wieder. Wir wollten grade los.‘, informierte mich Sam. 

Einige Wölfe hatten noch mehr als ein Reh erledigt und trugen ihre Beute jetzt mit ihrem Maul, oder mit Hilfe von anderen auf ihrem Rücken. Ich schätzte, dass wir diese nicht als Proviant, sondern für Líam brauchten. 

,Ich weiß, dass ihr alle müde seid und am liebsten schlafen wollt, doch ihr müsst noch einmal alle Kraft zusammen nehmen. Ihr kennt ja das Prozedere. Zwei Tage hin, einen Tag zurück.‘

Geschockt blickte ich den mächtigen Wolf an. Sollten wir etwa die ganze Strecke nach Líam ohne Pause zurücklegen? Die anderen Wölfe murrten nicht, sie wussten ja schon, wie die Jagd ablief. 

Also folgten wir Sam und Damien wieder zurück in die Wüste, weg von dem wunderschönen Wald und weg von dem geheimnisvollen Jungen. Immer wieder dachte ich an seine Worte, doch mein Instinkt sagte mir, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Vor allem meine Wölfin lehnte sich auf, mit ihm zu arbeiten und außerdem hatte ich gerade erst eine neue Familie gefunden, da konnte ich sie nicht schon wieder verlassen. 

 

♛♛♛

 

 

Unruhig wältze ich mich in meinem Bett hin und her, unfähig wieder einzuschlafen. Seid sechs Tagen war ich jetzt schon wieder in Líam und hatte meinen bekannten Alltag aufgenommen, doch immer noch hatte ich denselben Traum. Ich träumte von dem Jungen, wie er mich an der Hand nahm und mir dankte. Ich spürte eine Verbundenheit zu ihm, die ich nicht erklären konnte. Plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz in meiner Brust und wenn ich runter guckte, sah ich, dass dort eine Schwertspitze war. Ich spuckte Blut und viel zu Boden. Jemand stand über mir und lachte hämisch, setzte sich selbst eine goldene Krone auf. Doch nie erkannte ich, wer diese Person war und immer wachte ich auf, wenn alles schwarz wurde. 

Ich stöhnte. Erst träumte ich von einer komischen Prophezeiung, in der es um eine Krone ging und jetzt hatte ich Träume von einer Krone und meinem Tod. 

Es stellten sich mir einfach immer mehr Fragen, doch keine konnte ich beantworten. Tagsüber, zwischen meinen Trainingseinheiten, wälzte ich Bücher in der Bibliothek, doch keines konnte mir bis jetzt helfen. 

Irgendetwas ging hier vor sich, und ich musste einfach herausfinden, was es war. Nur leider ging das nicht von der Wüste aus, denn hier vertraute ich sogar Sam noch nicht genug, um ihr von meinen Träumen zu erzählen. 

 

Nachdem ich noch weitere zehn Minuten erfolglos versucht hatte, einzuschlafen, befreite ich mich von meiner Decke, zog mir schnell meine Sachen an und schlich mich aus dem Zimmer. 

Ich war noch nie in dem Turm gewesen, doch genau dort wollte ich jetzt sein. Ich wollte mir den Himmel ansehen und  mir über alles einen Überblick verschaffen. 

So leise wie möglich öffnete ich die Tür zu dem Esssaal, der nachts von niemandem bewacht wurde. Meine Schritte hallten von der Decke wieder, und ich betete, dass Damien nicht aufwachte, der hier irgendwo schlief. 

Stufe für Stufe erklomm ich die Treppe, die in Spiralen nach oben führte. Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich fing an, hoch zu sprinten. 

Als ich endlich die letzte Stufe erreicht hatte, musste ich noch eine Falltür wegschieben, dann war ich endlich oben angekommen. 

Eine frische Brise zerzauste meine Haare und die Sterne funkelten auf mich herab. Es war wirklich ein atemberaubender Anblick auf die Stadt von hier oben, und weit in der Ferne konnte man auch die Lichter des Palastes erkennen, welches von dem dunklen Fürsten bewohnt war. Wieder nach längerer Zeit musste ich an mein altes Leben denken und an meinen großen Bruder. Er fehlte mir wirklich sehr, doch energisch wischte ich die Träne weg, die einsam über meine Wange rollte. 

„Ich gehe hier auch gerne hoch.“

Erschrocken fuhr ich herum und stand plötzlich direkt vor Damien. Mein Herz schien einen Schlag auszusetzen und wieder kribbelte es in meinem Bauch. Warum musste er nur so heiß sein? 

„Hier kann man gut nachdenken.“, flüsterte er, doch selbst diese Worte klangen in seinem Mund verführerisch. Ich biss mir auf die Lippe, streckte ihm instinktiv meine Brust entgegen, um mich attraktiver zu machen. Warum reagierte mein Körper nur so auf ihn? Mein Gehirn fühlte sich wie Matsche an, während mein Herz wie verrückt schlug und sich das Kribbeln und die Hitze in mir stieg. Lust. 

„Ja, das kann man.“ ,entgegnete ich, doch ich fühlte mich nur dumm, als ich es sagte. 

Lange blickten wir uns wieder an, kamen uns unbewusst immer näher und ich konnte bald seine Hand auf meiner Hüfte spüren. Damien tastete meinen Rücken entlang, vorsichtig als würde er eine zerbrechliche Puppe in der Hand halten. Er war an meinem Nacken angekommen, und plötzlich packte er meine Haare. 

Überrascht keuchte ich auf und umklammerte seinen muskulösen Rücken, denn ich wollte jeden Zentimeter, der noch zwischen uns war, vernichten. 

Alles in mir schrie: Küss ihn endlich! Doch ich war unfähig, meinen Kopf zu bewegen, da er mich sicher fest hielt. 

„Du machst mich wahnsinnig, Cara.“, knurrte der Alpha und ich konnte erkennen, wie sich seine ausgeprägten Wangenknochen anspannten. 

Man konnte die Spannung zwischen uns förmlich spüren und ich fühlte mich, als würde ich explodieren, wenn ich ihn jetzt nicht endlich küssen konnte. 

„Bitte!“, flehte ich, rieb mich an ihn, nur damit er mich endlich erlösen würde. 

Dann, endlich, berührten seine Lippen meine. Nur die erste Berührung war zart, dann wurde der Kuss immer wilder, sein Geruch umhüllte mich und ich verlor mich in ihm. Meine Augen waren geschlossen, sodass ich jede Berührung noch deutlicher spürte. Seine Hände auf meinem Rücken, sein stählerner Nacken unter meinen Fingern. Seine weichen Lippen, seine fordernde Zunge. Er stöhnte mehrmals, dann stieß er mich sanft weg, um sein Shirt auszuziehen. 

Doch nur durch diese kurze Unterbrechung wurde ich wieder in die Realität zurück geschleudert. Ich wollte ihn verlassen, die Wölfe verlassen. Und ich hatte genug über Gestaltenwandler gelesen, dass ich jetzt wusste, dass sie sich nur mit einem paarten. Sie konnten küssen, so viele sie wollten, doch nur mit dem zukünftigen Partner durften sie schlafen. 

„Warte, was tust du da?“, fragte ich leise, weil ich selber noch mit mir kämpfen musste. Ein Teil von mir wollte Damien einfach nur küssen, doch der andere hielt das für eine beschissene Idee. 

„Was ist denn?“ Damien hatte sein Shirt ausgezogen und kam wieder auf mich zu, seine beachtlichen Muskeln angespannt. 

„Ich werde nach Tarsis gehen.“, eröffnete ich ihm, doch dann bereute ich es sofort wieder. Ich fürchtete, dass Damien ausrasten würde und ehrlich gesagt fürchtete ich mich immer noch etwas vor ihm. Er konnte sehr temperamentvoll sein. 

„Caraleya, du bist ein besonderes Mädchen. Und wir Wölfe denken seid deiner Geburt, dass du dazu bestimmt bist, uns zu retten. Dafür musst du die Krone finden und den dunklen Fürsten besiegen.“, erklärte Damien ganz ruhig, immer noch auf mich zukommend, während ich langsam zurückwich. 

Ich runzelte die Stirn, verwirrt über seine Worte. Ich spürte die hölzerne Absperrung hinter mir, und streckte meine Arme aus, damit Damien mir nicht wieder zu nah kommen konnte und mich ablenkte. 

„Warte, woher weißt du von der Krone?“, fragte ich, während ich versuchte nicht auf die Muskeln unter meinen Händen zu achten. 

„Jeder kennt die Prophezeiung, Cara. Auch der dunkle Fürst sucht nach der Krone, um sie zu zerstören. Ich weiß, dass du deinen Weg gehen musst, doch ich wollte mich nur gebührend verabschieden. Nicht, dass du mich vergisst.“, neckte der Schwarzhaarige mich und strich mir sanft über die Wange. 

„Komm doch mit mir!“

„Ich kann nicht, ich muss bei meinem Rudel bleiben. Doch Sam wird dich begleiten und dich beschützen.“, flüsterte Damien. Er war schon wieder viel zu nah an mir und ich starrte auf seine wundervollen Lippen, die ich jetzt nur zu gerne küssen würde. 

„Aber was, wenn ich der Aufgabe nicht gewachsen bin.“, sagte ich, doch meine Worte waren hohl und eigentlich wollte ich nur diesen Moment mit dem Jungen verbringen, in den ich mich in so einer kurzen Zeit Hals über Kopf verliebt hatte. 

Ich wusste nicht, ob er meine Gefühle erwiderte, oder ob er mich einfach nur benutzte, aber sein Kuss war einfach zu verlockend, um ihm zu widerstehen. 

Mit einem leisen Seufzer gab mein Verstand also auf und ließ meinem Herzen freie Bahn. Meine Lippen fanden wieder seine und leidenschaftlich küssten wir uns. An dem wohl romantischstem Platz in ganz Líam. 

Morgen würde ich verantwortungsvoll sein, morgen würde ich mir einen Plan überlegen, doch jetzt gerade war mir die Welt egal. 

Jetzt gab es nur ihn und mich.

 

♛♛♛

 

Ich wusste nicht mehr, wie lange wir uns jetzt küssten, doch ich wollte nicht, dass es jemals aufhörte. Jeder Kuss war neu, es wurde nie langweilig und sein warmer Körper hielt die Kälte der Nacht fern. 

„Ich muss jetzt schlafen, und das solltest du auch“, murmelte Damien inzwischen den Küssen und schob mich sanft von sich. Verdutzt starrte ich ihn an, als er sein Oberteil wieder anzog und dann zu den Treppen ging. 

„Warte, was meinst du? Warum gehst du auf einmal weg?“, fragte ich und versuchte die Traurigkeit in meiner Stimme zu verstecken. Damien drehte sich nicht zu mir um, blieb aber stehen. 

„Ich hatte nicht genug Zeit, um dich wirklich kennen zu lernen. Trotzdem wird heute Abend nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir uns küssen.“

Nach diesen Worten ging er weiter, die Treppe hinunter und verschwand in der Dunkelheit. Ich drehte mich erneut zu Líam um und berührte meine Lippen, um mich an den Kuss zu erinnern. Mein Lächeln konnte ich nicht verkneifen und obwohl ich wusste, dass ich ihn noch nicht wirklich lieben konnte, wusste ich nicht, wie ich dieses glückselige Gefühl sonst beschreiben sollte. 

 

Kapitel 6

Es hat sich bewährt, an das gute im Menschen zu glauben, 

sich aber auf das Schlechte zu verlassen.

 

 

Alfred Polgar

 

 

 

 

Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass ich jetzt schon aufbrechen würde, doch mein Rucksack war gepackt, die Wasserbeutel aufgefüllt und Sam an meiner Seite. Ich wollte sie erst nicht mitnehmen, doch Damien hatte darauf bestanden und es war wirklich schwer, ihm etwas auszuschlagen. 

Die Nacht mit ihm war perfekt gewesen, wir hatten uns bis zum Sonnenaufgang geküsst und unterhalten, doch nach ein paar Stunden Schlaf war er wieder der andere, irgendwie distanzierte Alpha gewesen. Vielleicht musste er ja seinen Pflichten nachgehen, und ich versuchte auch, ihn zu verstehen, doch bei der freundlichen Umarmung, die er mir zum Abschied gab, hätte ich ihn am liebsten einfach noch einmal geküsst. 

„Viel Glück und Erfolg auf eurer Reise.“, rief er uns noch nach, als wir der Stadt schon den Rücken zugekehrt hatten und jetzt auf die unendliche Wüste zugingen. 

 

„Warum wolltest du Líam so plötzlich verlassen?“, fragte Sam nach ein paar Stunden, in denen wir schweigend nebeneinander her gegangen waren. 

„Ich habe so viele Fragen.“, antwortete ich, doch sie war mit dieser Antwort nicht zufrieden, schien sogar etwas sauer auf mich zu sein und stapfte weiter, ohne mich eines Blickes zu würdigen. 

„Sam. Was ist denn los? Du musst auch nicht mitkommen!“, sagte ich verwirrt und nahm ihren Arm, um sie zurückzuhalten. Doch Sam schüttelte mich ab und drehte sich zu mir um, sodass ihre jetzt  gelben Augen in meine blickten. 

„Ich dachte wir wären Freunde, Cara! Ich habe dir alles von mir erzählt und ich habe dir vertraut. Ich dachte nur, dass du auch mir vertraust. Aber das ist anscheinend nicht der Fall.“, platzte sie heraus. Ihre Augen wurden wieder normal, und ich konnte erkennen, wie verletzt sie wirklich war. Mit mir selbst ringend, öffnete ich den Mund, doch keine Worte kamen hervor. Ich wusste nicht, ob ich ihr meine Träume anvertrauen könnte, doch wenn ich es nicht täte, würde ich sie vielleicht verlieren. 

„War ja klar, dass du mir nichts sagst. Was bin ich für dich? Nur die Schwester des Aplhas-“, fing Sam wieder an, nachdem sie sich schon umgedreht hatte und weiter Richtung Norden ging. 

„Ich habe Träume.“, rief ich ihr plötzlich hinterher, selber überrascht von meinen Worten. Sam blieb stehen, eine Hand auf ihrem Schwert und die andere um eine Schnüre des Rucksacks. Langsam drehte sie sich wieder zu mir um. 

„Ich träume von dem Elfen, den ich am Meer gesehen habe und dann träume ich von meinem Tod. Ich träume von der Krone und von der Prophezeihung.“

Sam rührte sich nicht, sie schien zu überlegen. Lange standen wir einfach nur da und schauten uns an, dann kam sie auf mich zu. Eine Träne hatte ich in mein Auge geschlichen und lief jetzt meine Wange herunter, doch liebevoll wischte Sam sie weg. 

„Auf dir liegt ziemlich viel Druck. Du hast nicht mal vor einem Monat herausgefunden, dass ein Wolf dein Vater ist, obwohl du mit der Vorstellung aufgewachsen bist, dass wir böse sind. Du hast es toll gemeistert. Du hast dich, bevor du eigentlich bereit warst, in eine Wölfin verwandelt. Zwar musstest du dich danach drei Tage ausruhen, doch das ist auch normal. Und ich habe gemerkt, dass da etwas zwischen dir und dem Elf am Meer war. Selbst Damien hat es gemerkt, doch er war wohl etwas... eifersüchtig.“

Bei dem Wort machte mein Herz einen Satz und wider meines Willens musste ich lächeln. Alles, was Sam mir erzählt hatte, ließ mich besser fühlen. 

„Ich bin nur eingeschnappt, dass du jetzt doch wieder zu den Elfen zurück willst, obwohl du alles in Líam hattest. Doch das ist selbstsüchtig, denn eigentlich will ich nur meine Freundin nicht verlieren.“, sprach Sam weiter und jetzt musste ich wirklich weinen. Noch nie nannte mich jemand seine Freundin und Sam schien es wirklich so zu meinen.

„Ich hab dich wirklich lieb gewonnen!“, flüsterte ich. Und dann schlang ich meine Arme um sie, wie ich sonst nur meinen Bruder umarmte, mein Gesicht in ihren schwarzen Haaren, die von der Sonne warm waren. 

„Ich hab einfach das Gefühl, dass die Elfen in Tarsis mich jetzt mehr brauchen.“, versuchte ich mich zu erklären, doch Sam unterbrach mich: „Ich weiß. Ich habe einen Alpha als Bruder. Nur... such dir keine bessere Freundin als mich.“

„Es gibt keine bessere Freundin als dich“, entgegnete ich, doch dieser Satz war so kitschig, dass wir beide lachen mussten. 

Froh darüber, mich wieder mit Sam vertragen zu haben, lösten wir uns aus der Umarmung und gingen weiter, damit wir unser Nachtlager noch rechtzeitig erreichen konnten. 

 

 

♛♛♛

 

  

 

Erst jetzt merkte ich, wie viel schneller wir als Wölfe waren, dann nach der zweiten Übernachtung und einem weiten halben Tag erreichten wir erst die Wälder. 

"Und du meinst wirklich, dass du denen helfen musst?", fragte Sam und ich meinte sogar etwas Angst in ihrer Stimme zu hören. 

"Ich weiß es. Dieser Elf, er kam mir so vertraut vor und ich habe das Gefühl, dass hier gute Elfen leben.", erklärte ich erneut, während ich vorsichtig in den Wald ging. Obwohl die Sonne am höchsten Punkt stand, wurde das Licht hier von den Bäumen abgeschirmt. 

Als ich hier als Wolf rumgelaufen war, hatte ich nicht diese Farbpracht gesehen, und jetzt überwältigte sie mich. Ich war est ein paar Mal in Wäldern gewesen, da ich nahe einem Gebirge aufgewachsen war. 

Die Blätter der Bäume waren hellgrün und schwankten leicht hin und her. Manche von den Bäumen hatten einen so dicken Stamm, dass wohl nicht mal zwölf Elfen ihn umfassen konnten und aus den Baumkronen kam das fröhliche Gezwitscher vieler Vögel. Das Gras roch frisch und hatte eine dunklere Farbe als die Blätter, zwischendurch schauten einige Blumen zu uns hoch, ihre Hälser gereckt und ihre Farben wunderschön.

Es war schon der vierte Ferbes, sodass nun alle Blüten blühten, alle Blätter gewachsen waren und die Temperatur sogar im Wald anstieg. 

Etwa zehn Minuten wanderten wir ziellos umher, hielten uns jedoch immer nördlich. Irgendwo hier musste doch die Stadt sein, von der aus mal Eryendôr beherrscht wurde. 

"Detîner!", hörte ich eine weibliche Stimme und plötzlich konnte ich keinen Muskel mehr bewegen. Ich kannte diesen Zauber, Glorícus hatte ihn mir schon als Mädchen beigebracht. Er ließ den Gegner erstarren und kostete wenig Kraft, konnte dennoch mit einem einfachen Gegenzauber aufgehoben werden. Ich blieb trotzdem erstarrt, um den Elfen zu zeigen, dass wir in guter Absicht gekommen waren.

"Wer seid ihr und was wollt ihr?", kam eine raue, männliche Stimme aus der gleichen Richtung, doch ehe ich antworten konnte, sprang eine Elfe leichtfüßig aus einem Baum neben uns und landete sanft auf dem Boden. 

Sie war in derselben Braun wie die Bäume gekleidet und hielt ein Schwert in ihrer rechten Hand. Ihre braunen, langen Haare trug sie offen und ihre hellbraunen Augen musterten uns aufmerksam. 

„Wie Tányl schon gefragt hat: Wer seid ihr?“, fragte sie, während sie mit der Spitze ihres Schwertes auf unsere Köpfe zeigte. Sie war wirklich eine hübsche Elfe, mit geschwungenen Augenbrauen, einer langen Nase und vollen Lippen. 

In meinem Kopf flüsterte ich ,Loritomá‘, und sofort hatte ich meinen Körper wieder unter Kontrolle. Ich knickste vor der Brünette und ihr Schwert ignorierend stellte ich mich vor: „Ich bin Caraleya Shyr, und ich komme in Frieden. Ich würde gerne mit der Reîne sprechen.“

Die Elfe vor mir schien schon nach meinem Namen ehrfürchtig zurückgewichen zu sein, denn sie wusste nun, dass ich die Tochter von Glorícus Shyr war, dem dunklen Fürsten. 

„Das kommt gar nicht in Frage!“, sagte die männliche Stimme von eben und ein schlanker Elf mit hellblonden, fast weißen Haaren schritt auf uns zu. Seine Haare hingen ihm ins Gesicht und waren auch hinten etwas länger, nur seine spitzen Ohren guckten hervor. Er hatte kleine Augen, eine etwas knollige Nase und volle Lippen, die von einem hellen Bart umrandet wurden. Nur seine Augenbrauen waren dunkelbraun, welches sein grimmiges Bild noch mehr verstärkte. 

„Wir lassen doch nicht die Tochter von dem dunkeln Fürsten nach Tarsis. Sie spioniert doch nur für ihn!“, sagte er mit seinen Armen vor der Brust verschränkt. „Okay, dann soll der Prinz halt kommen und sie sich ansehen. Er wird schon mit ihr fertig werden.“, meinte die Braunhaarige, doch der andere Elf grinste amüsiert: „Sie ist eine Feuerbändigerin, er ein Wasserbändiger. Das wird bestimmt eine tolle Begegnung.“

„Woher weißt du das?“, fragte die Elfe, ihre Frage auf meine Feuerkraft bezogen. 

„Guck dir doch ihre Haare an. Außerdem ist ihr Vater einer, wenn du mal Bücher lesen würdest anstatt die ganze Zeit durch den Wald zu laufen, wüsstest du das.“, schnauzte der Elf sie an, doch sie ließ sich von ihm nicht runtermachen. 

„Soll ich Shîa herbeirufen?“, fragte sie kess, das Kinn schon etwas arrogant erhoben. 

„Entschuldigung, wir wollen eure kleine Streiterei ja nicht unterbrechen, aber können wir jetzt bitte mit jemandem reden, es kann auch hier draußen sein, und es kann auch der Prinz sein.“, unterbrach ich die beiden, bevor noch diese Shîa herbeikam, was auch immer sie war. Dem Gesichtsausdruck von dem Weißhaarigen nach, war sie ziemlich furchteinflößend. 

,Hilf mir! Ich kann mich nicht bewegen!‘, hörte ich Sams verzweifelte Stimme in meinem Kopf und ich musste mir ein Lachen verkneifen, als ich sie da so bewegungsunfähig stehen sah, gerade ein Bein in der Luft und ein fröhliches Grinsen auf dem Gesicht. Anscheinend hatte auch sie die Natur des Waldes genossen. 

„Könntet ihr bitte meine Freundin befreien?“, fragte ich höflich die beiden Elfen, um ihnen zu zeigen, dass ich nichts böses wollte. Widerwillig sprach Tányl den Zauber, überlegte dann kurz und lief weg. 

Die Elfe verdrehte die Augen, doch als sie sich uns zuwandte, fing sie an zu strahlen. 

„Bist du eine Gestaltenwandlerin?“, fragte sie dann Sam und schien auf einmal völlig begeistert zu sein. 

„Uhm, ja.“, antwortete Sam etwas verwirrt, da genau diese Elfe noch vor kurzem ein Schwert auf uns gehalten hatte. 

„Habt keine Angst, ich bin Keya. Ich bin ein riesiger Fan von Gestaltenwandlern! Ich musste nur so böse tun, wegen Tányl. Er ist immer so griesgrämig und ernst. Wie heißt ihr eigentlich? Also du meine ich, ich weiß ja schon, dass du Caraleya Shyr bist. Du bist aber nicht böse oder?“, sprudelte Keya hervor und schaute uns beide dann erwartungsvoll an. 

Sam und ich schauten uns an und irgendwie mussten wir alle drei dann laut loslachen. 

„Ich heiße Samagra, aber du kannst mich Sam nennen.“, meinte die Wölfin und knickste höflich vor der Elfin. Sie musste es sich von mir abgeguckt haben, denn in Líam machte man so etwas nicht. 

„Sam, echt nett dich kennen zu lernen! Ich bin Erdbändigerin und verstehe mich super mit Tieren, deswegen bin ich richtig neidisch auf euch Gestaltenwandler!“, sagte Keya und pfiff zur Unterstützung ihrer Worte eine Melodie, woraufhin ein Vogel auf ihrer Schulter landete. 

„Kannst du auch richtig die Erde bewegen?“, fragte ich aufgeregt, denn meine Mutter konnte nur Tote auferstehen lassen. Betrübt schüttelte Keya den Kopf, sodass der Vogel wieder zurück zu seinem Baum flatterte. 

„Aber Néldor kann das. Er kann buchstäblich Berge bewegen!“, gab sie dann fröhlich und mit Bewunderung in der Stimme Preis.

„Keya!“, dröhnte die raue Stimme Tányls durch den Wald, und plötzlich stand er auch neben uns, während ein Windstoß unsere Haare zerzauste. 

„Luftbändiger?“, fragte ich belustigt, doch dann merkte ich, dass Tányl wirklich nicht so nett war wie Keya. 

„Prinz Jhuvak Shyr, Sohn von Reîna Iphigenia Shyr und dem mächtigen Drachentöter Zelphar. Er wird bestimmen, ob ihr nach Tarsis dürft oder auf der Stelle umgebracht werdet.“, kündigte Tányl and und aus irgendeinem Grund bekam ich plötzlich eine Gänsehaut. 

„Die machen aber ein Drama darum“, raunte mir Sam ins Ohr, doch auch Keya konnte sie hören und kicherte, womit sie sich einen sehr finsteren Blick von Tányl einfing. 

Etwas weiter entfernt konnte ich ein schwarzen Hengst erkennen, welcher auf uns zu galoppiert kam. 

Ich dachte mir grade noch was der Prinz denn für ein komischer Typ war, dass er mit einem Pferd zu uns reiten musste, als ich ihn erkannte. 

Mit seinen dunkelblonden Haaren und hellblauen Augen war es unverkennbar, dass dieser Elf der war, den ich am Meer getroffen hatte. Innerlich schlug ich mir selber gegen die Stirn und wieder würde ich alles dafür geben, im Boden versinken zu können. 

Jhuvak blieb hinter Keya und Tányl stehen und stieg von seinem Pferd ab, seine Augen die ganze Zeit auf mich fixiert, als würde er mich irgendwoher kennen, sich aber nicht mehr erinnern woher. Ich war ja auch ein Wolf gewesen, als ich ihn das letzte Mal sah, also wunderte mich seine Verwirrung nicht.  

Plötzlich stutzte ich und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Er war eigentlich mein Cousin, der Sohn von der Schwester meines Vaters, der doch nicht mein Vater war. Vielleicht hatte ich deswegen diese Verbundenheit gespürt, vielleicht hatte ich deswegen das Gefühl gehabt, ihm helfen zu müssen. Weil er irgendwie doch zu meiner Familie gehörte. 

„Du bist Caraleya Shyr, die Tochter des dunklen Fürsten?“, fragte der junge Elf, doch ich konnte ihm ansehen, dass ein Teil in seinem Puzzle fehlte. Er verstand nicht, warum ich hier mit einem Gestaltenwandler stand, und noch konnte er die Verbindung zu dem Wolf nicht aufbauen. 

Ich lächelte, holte einmal Luft und fing dann an, meine Geschichte zu erzählen. 

 

Als ich alles erklärt hatte - mit Unterbrechungen von Keya und der Hilfe von Sam- starrten mich die drei Elfen nur noch fassungslos an. 

„Also du bist der Wolf gewesen.“, stammelte der eben noch so selbstbewusste Prinz. 

„Und du bist nicht wirklich mit mir verwandt.“, war der zweite Satz, für den er sich einen amüsierten Blick von Sam einfing, die mir dann telepathisch mitteilte, dass er wohl auf mich stand. Das wiederum ließ mich rot werden und nun kicherte auch Keya. 

„Warum lachst du? Findest du diese Situation etwa lustig?“, fragte Tányl grimmig, doch Keya überging seinen Kommentar einfach. 

„Also, können wir jetzt mit der Königin sprechen?“, fragte ich etwas ungeduldig, zugegeben auch von Hunger getrieben. 

„Natürlich.“, versicherte Jhuvak und schwang sich wieder auf sein Pferd. 

„Tányl, wärest du so lieb und berichtest meiner Mutter, dass ich in Kürze da sein werde?“

ordnete er an und Tányl nickte.  Kurze Zeit musste er sich konzentrieren, dann umkreiste ihn ein kleiner Tornado und hob ihn in die Luft. So schnell wie ein Vogel zischte er dann in die Luft und war verschwunden. 

„Das ist ja so cool!“, hauchte Sam überwältigt, was Keya noch einen kleines Kichern entlockte. 

„Das ist doch alles nur Show. Ihr solltet ihn mal kämpfen sehen!“, lachte sie und Sam schaute sie beeindruckt an: „Ist er denn noch besser darin?“

„Nein, er kämpft echt schlecht!“

„Jetzt reißt euch mal Zusammen, ihr Kichererbsen!“, sagte Jhuvak in strengem Ton, da auch ich jetzt angefangen hatte zu Lachen. 

„Keya, verbinde ihnen die Augen.“, ordnete der Prinz an und Keya gehorchte sofort, denn sie wusste anscheinend, wann der Spaß aufhörte. 

„Es tut mir echt Leid!“, sagte sie, als sie zwei schwarze Tücher hervorholte und damit unsere Augen verband.

Von der Brünette geführt stapften wir noch eine Weile durch den Wald, bis wir immer näher kommende Stimmen hörten. Es waren wirklich viele Stimmen, ich schätzte, dass wir uns also dem Marktplatz der Stadt näherten. Wir mussten wie Idioten aussehen, wie wir mit verbundenen Augen vorsichtig umhertappten. 

„Du kannst sie jetzt abnehmen.“, befahl Jhuvak. Ich zuckte zusammen, da mir sein Befehl so laut vorkam. 

Als Keya unsere Binden abgenommen hatte, staunte ich nicht schlecht, denn wir waren immer noch von Bäumen umgeben und weit und breit war kein Marktplatz zu sehen. 

Auch hörte ich jetzt die Stimmen nicht mehr so deutlich wie vorher, nur noch die zwitschernden Vögel. 

„Hier ist unser Palast.“, erklärte der blonde Elf und da ich selber in einem Palast, gebaut in einen Berg, aufgewachsen war, bemerkte ich die kleine Tür in dem riesigen Baum vor uns sofort. 

Jhuvak sprach einige Worte in der Alten Sprache, doch er flüsterte sie so schnell und leise, dass ich sie nicht verstand. Plötzlich öffnete sich die Tür und gab den Blick frei auf eine hölzerne Treppe, die um den Kern des Baumes nach oben führte. 

So unterschiedlich schienen sich die beiden Geschwister also doch nicht zu sein. Auf jeden Fall hatten beide große Angst, angegriffen oder entdeckt zu werden. 

„Nach dir!“, bot mir Sam großzügig an und verbeugte sich sogar etwas, doch ich ging nicht auf ihre Spielerei ein, sondern schritt erhobenen Hauptes auf die Stufen zu, die mich nun zu der Feindin meines Vaters führen würde. Also meines Stiefvaters.

Kapitel 7

Die Männer sind nicht immer was sie scheinen, 

allerdings sind sie selten etwas Besseres.

 

 

Queen Victoria

 

 

 

 

Vorsichtig stieg ich die Treppe im inneren des Baumes hoch, welche nur ab und zu spärlich durch ein kleines Loch in der Rinde des Baumes beleuchtet wurde. Die Stufen schienen unendlich nach oben zu gehen und ich musste gestehen, dass ich hier drin ein wenig Platzangst bekam. Obwohl ich in einem Berg wohnte und Tunnel gewohnt war, schienen die Wände hier besonders eng zu sein. 

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, sah ich Licht von oben kommen und nach sieben weiteren Stufen erreichte ich eine Platform. Ich trat aus dem inneren des Baumes hervor und staunte nicht schlecht, denn die Aussicht von hier oben war atemberaubend. Die Platform, auf der ich jetzt stand, war wohl der höchste Platz des Palastes und diente gleichzeitig als Aussichtsturm. Von hier aus konnte ich bis zu dem Alluth-Gebirge gucken, und hinter mir sah ich auch das Meer. Unter dieser Platform herum konnte ich nur Geäst und Blätter sehen, doch irgendwo musste ja auch der Palast oder eher das Baumhaus der Königin sein. 

„Ihr könnt es noch nicht sehen, weil sie es euch noch nicht erlaubt hat.“, erklärte Jhuvak etwas hochnäsig, als er unsere verwirrten Gesichter sah. 

„Wow, ihr könnt es wirklich nicht sehen?“, fragte Keya aufgeregt, sie schien überrascht, dass der Zauber funktionierte, um ihren Palast zu schützen. 

Plötzlich flimmerte das Bild der Bäume und als würde jemand ein Tuch wegnehmen, wurde der Blick auf ein riesiges Komplex aus Brücken, Plattformen und Zimmergroßen Bienenstöcken aus Holz frei, die an den Stämmen der Baume oder an den Ästen befestigt waren. Dem erstaunten Gesicht von Sam nach zu urteilen, konnte sie den Palast jetzt auch sehen. 

„Das ist ja echt super hier! Und hätte ich nicht so eine Höhenangst, würde ich es wohl noch mehr genießen.“, sagte sie mit etwas zittriger Stimme. Dass die sonst so furchtlose Sam Angst vor etwas Höhe hatte, hätte ich nicht gedacht, doch irgendwie beruhigte es mich, dass auch sie eine Schwachstelle hatte. 

„Na dann, auf in den Thronsaal!“, meinte Keya enthusiastisch und trat auf eine Hängebrücke zu unserer rechten, die zu einem großen Bienenstock führte. 

„Ach, diese Zimmer, die hier alle rumhängen sind übrigens Abëya. Für den Palast haben wir nur mehrere miteinander verbunden, aber wenn ihr hier schlaft, bekommt ihr euer eigenes irgendwo weiter unten in den Bäumen. Vielleicht ja sogar eins neben meinem!“, plapperte Keya fröhlich, während sie leichtfüßig über die Brücke lief, die bei ihren Bewegungen schwankte. 

Sam neben mir schüttelte ängstlich den Kopf, als sie die Brücke sah und flüsterte die ganze Zeit „Ich will nicht sterben“, vor sich hin. 

„Sam, du schaffst das schon! Ich gehe hinter dir und sollte irgendetwas passieren, fange ich dich auf!“, versuchte ich sie aufzumuntern, doch es half nicht. 

Jhuvak, der uns zugehört hatte, lächelte Sam freundlich an und legte beruhigend eine Hand auf ihre. Verwirrt beobachtete ich die beiden, überrascht, dass der Prinz auch so einfühlsam sein konnte. Doch auf irgendeine Weise störte mich auch, dass Jhuvak so nah an Sam war, schließlich hatte ich die Verbundenheit mit ihm gespürt. 

„Ich bin ein Wasserbändiger. Falls du möchtest, kann ich dich in einer Wasserkugel über die Brücke schweben lassen. Überleg es dir, denn meine Mutter wartet nicht gerne.“

Der Satz erinnerte mich an Damien, denn das hatte Sam über ihn gesagt. ,Mein Bruder wartet nicht gerne‘. Ich fühlte, wie mein Herz schneller schlug, als ich an ihn dachte. Er war mein erster Kuss gewesen, und egal wie lange es dauerte, ich würde bestimmt auf ihn warten. 

 

Als wir Sam endlich dazu gebracht hatten, über die Brücke zu gehen, wartete Keya schon ungeduldig vor der Tür des Abëya‘s, welches wohl den Thronsaal darstellen sollte. 

„Seid ihr bereit, die Rêine zu treffen?“, fragte Keya fröhlich und ohne unsere Antwort abzuwarten, öffnete sie die Tür. 

Der Raum, den wir jetzt betraten war wunderschön. Zwar hatte er nicht die Größe wie in Glorícus' Thronsaal oder der in Líam, jedoch strahlte er am meisten Freundlichkeit und Wärme aus. 

Alle Möbel hier waren aus Holz gefertigt, nur die Sessel und Stühle hatten einen weichen, mattweißen Bezug, der wohl aus Schafwolle gefertigt war.

Am Fenster stand ein großer Elf mit braunen, schulterlangen Haaren. Er trug eine elegante Robe und schien der König zu sein. In dem Sessel rechts von der Tür saß eine Elfe mit langen, blonden Haaren. Die sah wunderschön aus mit ihrer hellen Haut und ihren hellblauen Augen, die sehr an Jhuvak‘s erinnerten.

Sie trug ein blaues Kleid, welches ihre Augen betonte und insgesamt sah sie aus wie eine zerbrechliche Puppe. 

„Willkommen in Tarsis.“, sprach sie mit einer glockenhellen Stimme. Ich konnte gar nicht glauben, dass sie die Schwester des dunklen Fürsten sein sollte, so verschieden waren die beiden.

„Vielen Dank, Rêine.“, sagte ich höflich und knickste vor der Königin. 

Sam tat er mir nach, doch sie hielt sich eher bei der Tür, während ich weitere Schritte in den Raum hinein ging. 

 

"Also du bist die Tochter meines Bruders.", fragte Iphigenia, während sie sich elegant aus dem Sessel erhob. Sie sah nicht erschrocken oder ängstlich aus, sondern eher hoffnungsvoll. Sie erhoffte sich, dass ihr Bruder vielleicht doch lieben konnte, dass er vielleicht sogar mich liebte. 

"Nein, Reîne. Ich bin die Tochter von Helaina und einem Gestaltenwandler, mit dem meine Mutter eine Affäre gehabt hat." , antwortete ich höflich, doch anstatt dass sie noch etwas erwidern konnte, mischte sich ihr Mann ein: "Du bist also eine Dryadále? Und deine Freundin eine Wölfin auch nach dem Gestank zu urteilen. Und die Beiden werden nach Tarsis gelassen? Wisst ihr nicht, wie gefährlich sie sind!"

"Ich gab die Erlaubnis, dass die Beiden her kommen, denn sie können uns helfen. Mit Caraleya können wir den Dunklen Fürsten besiegen!", rechtfertigte sich Jhuvak vor seinem Vater und nach seinem Unterton zu schließen, wollte er den König beeindrucken. 

Der muskulöse Elf schien einen Moment zu überlegen, bevor er ein gefälschtes Lächeln aufsetzte und seine Arme verschränkte.

"Ich werde euch einem Sicherheitstest unterziehen, und wenn meine Wachen euch für kein Sicherheitsrisiko halten, dürft ihr unter der Aufsicht meines Sohnes und Tányl hier leben und trainieren, bis ich euch befehle, die Krone zu suchen.", erklärte Zelphar, und auch Iphigenia's eindringliches Geflüster konnte ihn nicht umstimmen. Ich hatte bei diesem Elfen ein mulmiges Gefühl im Magen und ich konnte spüren, dass ich mich vom Knurren zurückhalten musste.

"Sehr schön. Was genau beinhaltet dieser Test?", fragte ich übertrieben höflich, und aus den Augenwinkeln sah ich Keya's heimliches Grinsen.

"Nichts schlimmes, Liebes. Wir werden nur testen, was deine Elementfähigkeiten sind und unter welchen Bedingungen ihr euch in einen Wolf verwandelt. Außerdem werden wir prüfen, wie gefährlich ihr als Wölfe selber seid.", erklärte Iphigenia liebevoll, und ich musste an das Sprichwort 'Gegensätze ziehen sich an' denken.

Sam verdrehte ihre Augen, während ich ehrlich gesagt etwas Angst vor diesem Test hatte. Ich wusste nicht, ob ich ihnen meine ganze Feuerkraft zeigen sollte und im Gegensatz dazu war ich unsicher, ob ich meine Wölfin kontrollieren konnte, wenn sie gereizt würde. Ich hatte mich schließlich erst einmal verwandelt und da geschah es auf Befehl des Alphas.

"Natürlich werden wir uns diesem Test unterziehen, wir wollen euch zeigen, dass die Wölfe den Elfen freundlich gesinnt sind.", sprach Sam und knickste im Anschluss noch einmal höflich.

Ich stimmte ihr zu, doch Zelphar schaute immer noch sehr grimmig. Es würde schwer werden, ihn von uns zu überzeugen.

Iphigenia hingegen schien uns schon jetzt in ihr Herz geschlossen zu haben, denn breit lächelnd rief sie eine Zofe herbei, die auf einem vollen Tablett alle Köstlichkeiten trug, die ich in Líam so vermisst hatte. 

Bei dem Anblick von dem knusprigen Beîthys, einem Tier mit Ziegenkörper und Vogelkopf, sowie Flügeln,  lief mir das Wasser im Mund zusammen und selbst Sam konnte nicht verbergen, dass das Essen köstlich aussah. 

Auch wenn sie es lieber roh aß, verschlang sie ein ganzes gebratenes Bein des Tieres. Auch die Kartoffeln und die Kräuter, die als Beilage dienten, schaufelte sie sich mit den Händen in den Mund, die angewiderten Blicke der Elfen im Raum ignorierend. Ich hingegen aß mit Besteck, auch wenn ich es Sam am liebsten gleichgetan hätte. 

„Also, Méleina wird euch eure Abëya zeigen, welche natürlich nah beieinander liegen und durch eine Brücke in den Bäumen verbunden sind, sodass ihr euch immer besuchen könnt.“, erklärte die Königin, immernoch mit einem Lächeln auf dem Gesicht. 

Da ich so viel Freundlichkeit von Elfen nicht gewohnt war, wurde mir dieses Lächeln langsam unheimlich, doch ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und umarmte sie sogar zum Abschied. 

Zelphar bedeutete Tányl mit einem Kopfnicken, dass er uns bewachen sollte und Tányl schien sichtlich gerührt zu sein. 

Eine kleine, braunhaarige Elfe führte uns zurück über die Brücke und die Stufen herunter, und auch Keya folgte uns. Sie schien die einzige in dem Thronsaal gewesen zu sein, die sich wirklich für uns und die Gestaltenwandler interessierte und sie nicht fürchtete. 

 

„Also, hier sind wir.“, meinte Méleina und deutete auf zwei Abëya, die etwa sieben Meter in der Luft waren und den Stamm des Baumes umfassten. Hier konnte man sie nur durch eine Leiter, die in den Baum geritzt war, erreichen, denn der Stamm war nicht dick genug für Stufen im inneren. 

Wir waren von dem Palast etwa fünf Minuten hier her gelaufen und viele Blicke folgten uns. Ich hatte viele Abëya in den Bäumen gesehen, doch sonst konnte ich nichts von der Stadt ausmachen. Nur der stärker werdende Geruch nach Meerwasser zeigte mir, dass wir entweder nach Norden oder Westen gegangen waren. 

„Eure Abëya werden heute Nacht bewacht werden, damit ihr euch nicht wegschleichen könnt, also denk gar nicht erst daran. Morgen früh wird Méleina euch wecken, und ich werde euch mit dem Prinzen“

„und mir!“, warf Keya schnell ein, verstummte dann aber unter dem zornigen Blick Tányls. 

„Also, ich werde euch in der Stadt herumführen. Danach werdet ihr den Test absolvieren und wenn ihr diesen bestehen solltet, dann werdet ihr bleiben dürfen.“, erklärte der Luftbändiger mit einem ernsten Gesicht. 

Méleina verbeugte sich kurz vor uns und lief dann schnell zurück in Richtung Palast, während Keya sich herzlicher von uns verabschiedete: „Ich freue mich schon sehr auf morgen! Macht euch keine Sorgen wegen des Tests, ich bin sicher ihr besteht ihn. Ich bin schon so gespannt mehr über Gestaltenwandler zu erfahren!“

Mit einem Lächeln lief auch sie davon, ihr Abëya schien noch weiter am Meer zu liegen. 

Ohne Tányl eines Blickes zu würdigen, stiegen wir beide die Leiter hoch, Sam jedoch nicht ganz ohne Angst. Oben angekommen waren wir auf einer kleinen Platform vor der hölzernen Tür, die viel weniger prunkvoll gestaltet war als die zum Thronsaal. Mit etwas Mühe öffnete ich sie, doch als ich das Zimmer betrat, war ich von ihm überrascht. 

Der ganze Raum war etwa fünf mal fünf Meter breit, wurde jedoch durch den Stamm des Baumes geteilt, der durch die Mitte wuchs. direkt vor uns stand ein Schreibtisch, der aus dem Baum zu wachsen schien, und rechts von uns war ein Regal an der Wand. Das Doppelbett war auf der anderen Seite des Stammes, und es sah wirklich sehr kuschelig aus. 

„Wow, und ich dachte es ist schrecklich in einem Baumhaus zu leben.“, staunte Sam, während sie mit ihren Fingerspitzen über den weichen Stoff der Decke fuhr. 

„Ist wirklich schön hier.“, musste auch ich zugeben, und da es ein wirklich anstrengender Tag war, vielen wir beide ins Bett, ohne uns noch über alles hier unterhalten zu können. 

Diese Nacht träumte ich nichts, und ich war sehr dankbar für die wohlige Schwärze. 

 

♛♛♛

 

Sonnenstrahlen schienen auf mein Gesicht und eine kühle Brise strich über meine Haut, als ich langsam aufwachte. 

Ich setzte mich auf, wobei ich vorsichtig den Arm meiner Freundin von meinem Bauch nehmen musste und ging auf Zehnspitzen zu dem Fenster, welches zu dem Pfad zeigte, auf dem wir gestern Abend hier her gegangen waren. 

Es war ein sonniger Tag und schon einige Elfen waren auf den Beinen. Ich konnte manche in Sportkleidung sehen, die in Traingskleidung in Richtung Palast liefen, andere wiederum schienen auf einem Feld arbeiten zu gehen oder mit großen Eimern Wasser zu holen. 

Ein Klopfen an der Tür ließ mich kurz zusammenschrecken, doch schnell fasste ich mich wieder und öffnete die Tür.  Kein anderer als der Prinz persönlich stand dort, ein Bodyguard hinter ihm. Es sah ziemlich ulkig aus, wie beide sich auf die kleine Platform quetschten und dabei versuchten, seriös auszusehen. 

„Was für eine Ehre.“, grinste ich spöttisch, doch Jhuvak überging meinen Unterton und betrat wie selbstverständlich  unser Zimmer. 

„Sollte Méleina uns nicht wecken?“, fragte ich kess und stupste Sam an, die immer noch tief zu schlafen schien. 

„Ich dachte mir, dass ich das selber in die Hand nehmen werde, schließlich bist du so etwas wie Familie.“, entgegnete der Prinz, nachdem er den dunkelhaarigen Bodyguard reingewunken hatte.  Er stellte einen hellbraunen Sack auf den Boden und holte daraus frische Kleidung. Darunter waren zwei Trainingsoutfits, zwei prachtvolle Kleider und zwei Nachthemden, die der Elf alle auf dem Schreibtisch drapierte. 

„Ihr müsst euch waschen gehen, etwa vier Minuten von hier ist ein See, Keya wird ihn euch zeigen. Dann zieht ihr euch die Kleider für das Mittagessen und den Rundgang an, und die Trainingsklamotten sind für danach.“, erklärte der blonde Elf und verließ dann den Abëya, um uns etwas Privatsphäre zu geben. 

„Ich hasse Elfen.“, maulte Sam und vergrub ihren Kopf im Kissen, doch ich nutzte diese Gelegenheit, um mir das schönere Kleid auszusuchen. Obwohl ich das Leben in der Wüste genossen hatte, vermisste ich wirklich die wundervollen Kleider, die ich zu festlichen Anlässen tragen durfte. Und diese beiden Kleider zählten zu zwei der schönsten, allein schon durch ihre Farben. 

Das Eine war türkisgrün mit einem Rückenausschnitt, wobei der obere Teil mit golden Ranken bestickt wurde und eine vergoldete Rose am Ausschnitt vorne saß. 

Das andere Kleid war rot und wurde am Hals von einem goldenen Reif zusammengehalten, der hinten in zwei Riemen zu einem breiten Gürtel an der Taille führte. Auch dieses Kleid hatte mehr Rückenausschnitt und keinen Vorne. 

„Du musst das grüne nehmen, das betont deine Augen!“, hörte ich Sams Stimme hinter mir. Schon das zweite Mal an diesem Morgen zuckte ich zusammen, da ich gar nicht bemerkt hatte, wie sie aufgestanden war. Ich musste wohl sehr angespannt sein wegen des Tests heute. 

„Du hast Recht.“, pflichtete ich ihr bei, doch jetzt, da ich an den Test gedacht hatte, konnte ich mich nicht mehr an der Schönheit der Kleider erfreuen.

Kapitel 8

Sage nicht alles, was du weißt, 

aber wisse immer, was du sagst.

 

 

Matthias Claudius

 

 

Lachend spritzte ich Sam Wasser ins Gesicht, als Keya sie von hinten untertauchte.  Doch siegen lassen wollte ich die Elfe nicht, also schubste ich sie von Sam runter und tauchte sie selber unter Wasser. 

„Frieden!“, hörte ich ihr ersticktes Gluggern und sofort ließ ich sie gehen. Lachend standen wir nun alle nebeneinander in dem seichten Wasser des Sees, in dem wir uns waschen sollten. Nur in Unterwäsche waren wir in das Wasser hinein getapst, doch schon nach einigen Minuten hatten wir sehr viel Spaß in dem See gehabt. 

Um ehrlich zu sein, konnte ich mich nicht erinnern, wann ich so viel Spaß mit zwei Freundinnen gehabt hatte. Wahrscheinlich nie. 

„Ich bin so froh, dass ihr zwei gekommen seid! Vorher war alles hier so langweilig.“, grinste Keya, die jetzt in Richtung des Ufers watete, wo unsere Kleider über Baumstümpfen hangen. 

Auch Sam und ich folgten ihr, und die Unbeschwertheit schien mit dem abtropfenden Wasser zu verfliegen. Angst legte sich wieder über mich, und auch Zweifel. War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen, Líam zu verlassen, um diesen Elfen zu helfen, die uns so offensichtlich nicht vertrauten? 

Ein Schrei riss mich aus meinen Gedanken, und als ich mich nach der Ursache umsah, erkannte ich Sam und Keya am Ufer, die beide mit Wurzeln kämpften, die sich um ihre Beine geschlungen hatten. 

„Kannst du sie nicht einfach kontrollieren?“, fragte Sam Keya panisch, doch diese konnte nur lachen: „Ich kann nur mit Tieren kommunizieren, nicht mit Bäumen!“

Ich sprintete die letzten Meter aus dem Wasser und das Ufer entlang zu der Stelle, an welcher Sam und Keya gefangen waren. 

Auf dem Weg ließ ich schon die Hitze des Feuers durch meinen Körper fließen, sodass eine kleine Flamme in meiner Hand entstand. Ich musste vorsichtig vorgehen, damit ich nur die Wurzeln verbrannte und nicht meine Freundinnen, doch außerdem wollte ich nicht selbst zum Opfer der Wurzeln werden. 

„Shîa, hilf uns!“, schrie Keya verzweifelt, deren ganze Beine jetzt schon umschlungen waren. 

„Komm nicht näher, sie werden auch dich fesseln.“, bedeutete Sam mir, doch ich hörte nicht auf sie und hielt meine Flamme an die Wurzeln der Bäume. Sie schienen sich zurückzuziehen, doch gerade als ich dachte, dass ich es schaffen würde, packte mich eine Wurzel an meinem Arm und zog mich unsanft auf den feuchten Boden, sodass mein Feuer erlosch. Mein Kopf schien etwas hartes getroffen zu haben, den alles wurde irgendwie verschwommener und als ich mir zu der pochenden Stelle fasste, konnte ich eine warme Flüssigkeit spüren. 

 

Dachtest du, du kannst mir entkommen, Caraleya? 

Niemals.

 

Ich schreckte hoch, doch die rasche Bewegung meines Kopfes löste eine Welle von Schmerz und starken Schwindel aus. 

Langsam nahm ich wahr, dass ich immer noch auf dem Boden lag, neben mir Sam und Keya, beide schienen noch bei Bewusstsein zu sein und kämpften sich langsam aus dem Wurzelgewirr heraus, welches jetzt aufgehört hatte, sich zu bewegen. 

„Habt ihr das auch gehört?“, fragte ich mit schwacher Stimme, die mächtigen Worte schallten immer wieder in meinem Kopf. Es war die Stimme von Glorícus gewesen, doch wie war er in meinen Kopf gekommen? 

„Was meinst du? Ich habe hier weit und breit niemanden gesehen. Glaubt ihr das ist Teil des Tests?“, fragte Keya. 

„Das wäre doch viel zu einfach“, knurrte Sam, während sie mit ihrer linken Hand versuchte, eine Wurzel um ihren Hals zu zerkratzen. 

„Da bist du ja endlich!“, meinte Keya erleichtert, als ein riesiges Tier auf die Lichtung schritt. Es war größer als ein Wolf, hatte jedoch die gleiche Statur. Sein Fell war weiß mit einigen schwarzen Streifen, die ein elegantes Muster bildeten. Die Ohren des Tieres waren spitzer als Wolfsohren und seine Augen leuchteten nicht gelb oder rot, sondern grün. 

„Das ist Shîa?“, fragte Sam erstaunt und ich konnte nun verstehen, warum Tányl Respekt vor Keya hatte, wenn so ein monströses Tier ihr gehorchte. 

„Ja, das ist meine beste Freundin, ich kenne sie schon seid ihrer Geburt und wären Nigrå in Tarsis erlaubt, würde ich ihr keine Sekunde von der Seite weichen.“, schwärmte die Schwarzhaarige. 

„Aber uns wird sie auch nichts tun?“, fragte ich, ehrfürchtig betrachtete ich das Tier, wie es langsam auf uns zukam. Diese Haltung erinnerte mich leider viel zu sehr an meine Haltung als Wölfin, wenn ich jagen ging. „Natürlich nicht! Sie guckt sich nur nach einer Gefahrenquelle um, aber das sind nur die Wurzeln, Shîa. Du musst sie zerbeißen.“ Die letzten Worte waren an den Nigrå gerichtet und es schien Keya auch verstanden zu haben, dann mit einem riesigen Sprung landete Shîa auf der Wurzel, welche Keya festhielt und zerschlug das Holz mit einer Pranke. Schnell schloss ich meine Augen, um mich vor Splittern zu schützen, und als ich sie wieder öffnete, was Keya frei, jedoch immer noch in Unterwäsche, dreckiger als zuvor und auch noch mit einigen Kratzern und blauen Flecken. 

„Jetzt sie.“, befahl Keya, da sie bemerkt hatte, dass Sam sich schon fast freigekratzt hatte mit ihren Wolfskrallen. 

Shîa sprang jetzt auch auf mich zu und ein Geruchswelle von Beîthysblut, vermischt mit Schlamm kam mir entgegen, was mich sogar etwas beruhigte, denn sie musste grad gefressen haben. 

Ein Krachen ertönte, als das Tier meine Fesseln zerstörte und auch ich spürte nach Kurzem die schöne Freiheit meiner Beine und Arme. 

Vorsichtig richtete ich mich auf, doch ich musste mich an einen Baum stützen, um mein Gleichgewicht zu halten. 

„Du blutest ja!“, rief Sam überrascht und kam schnell zu mir, um mich zu stützen. 

„Wir müssen sofort zur Krankenstation“, schlug Sam vor, doch Keya schüttelte den Kopf: „Erst müssen wir uns sauber machen und Kleidung anziehen, sonst wird das Bild der Elfen von euch als sittenlos nur verstärkt.“

„Sie hat Recht“, brachte ich hervor und setzte meinen linken Fuß in Richtung Wasser. Sofort waren beide Mädchen zur Stelle, um mir weiter zu helfen. In diesem Moment war ich so dankbar, dass ich die beiden gefunden hatte und sie als meine Freundinnen bezeichnen konnte. 

 

♛♛♛

 

Es hatte etwa zehn Minuten gedauert, uns erneut zu waschen und dann fertig anzuziehen, und ich hatte mich wie eine Puppe gefühlt, da ich selber nur schwer mithelfen konnte. 

Danach hatten die beiden mich zu einem Ort gebracht, der sehr viele Betten beinhaltete und an einem Fluss gelegen war. 

Eine etwas pummelige Elfe mit hellblonden, fast sogar hellblauen Haaren war auf uns zugekommen und hatte mich mit besorgter Miene auf eines der Betten verfrachtet. 

Plötzlich brannte eine Stelle an meinem Hinterkopf und anschließend fühlte ich, wie ein Leinentuch darumgebunden wurde. 

Danach wurde es schwer, meine Augen offen zu halten und ich sank in einen wohligen Schlaf ohne Träume. Für eine kurze Zeit konnte ich alles vergessen. 

 

„Cara. Wach auf, sie wollen einen Bericht. Sie wollen wissen, was passiert ist.“

„Bitte wach auf.“

Langsam wurden die Stimmen immer lauter und schon zum zweiten Mal heute kam ich aus der Schwärze der Ohnmacht zurück. 

Um mich herum standen Sam und Keya, jedoch auch noch Jhuvak, Tányl und Iphigenia. Die Heilerin war jedoch nicht zu sehen. 

„Wie geht es dir, Kind?“, fragte die Königin besorgt. 

„Ich fühle mich ein wenig zermatscht“, krächzte ich und fasste an meinen Kopf, doch anstatt eines Verbandes konnte ich nur meine Haare und keinesfalls eine Beule spüren. Mein Erstaunen musste sich auf mein Gesicht abgezeichnet haben, denn Jhuvak grinste: „Aquenîa ist wirklich eine mächtige Heilerin. Deine kleine Wunde war ein Einfaches für sie.“

Ich lächelte dankbar, während ich mich langsam aufsetzte. Mir wurden zwar mehrere Hände angeboten, um mir zu helfen, doch ich wollte es alleine schaffen. Als ich dann auf Augenhöhe von den Anwesenden war, erzählte ich ihnen von der Stimme. 

„Dein Bruder hat es geschafft, Pflanzen hier zu bewegen, wenn er noch in der Burg ist?“, fragte Keya erstaunt und ängstlich zugleich. 

„Es war ein mächtiger Zauber und er muss die beiden sehr viel Kraft gekostet haben“, überlegte Iphigenia laut. 

„Wir müssen die Krone finden“, ertönte Jhuvak‘s Stimme in die Stille hinein, und damit sprach er das aus, was alle gedacht hatten. Wenn Glorícus so mächtig war, dass er mich hier aufspüren konnte, dann hatten wir wirklich nur mit einer so großen Macht die Chance auf einen Sieg. Ein weiteres Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, doch ich versuchte mein bestes, es zu ignorieren. Es war Angst um meinen Bruder. Was hatte sein Vater bloß mit ihm gemacht, nachdem ich fort war? Früher hätte er mir niemals weh getan und heute hatte er mit eine Platzwunde am Kopf verpasst. 

„Was geht hier vor sich?“

Schnell wischte ich mir die Träne aus dem Gesicht, welche sich langsam ihren Weg über meine Wangen gebahnt hatte. Alle schauten zum Eingang, von wo aus kein anderer als Zelphar hereingekommen war. 

„Nicht mal einen Tag seid ihr beiden hier uns schon gibt es Ärger! Ich sollte euch einfach sofort umbringen lassen. Nichts als Ärger seid ihr für Tarsis“, schimpfte der König. Ich hätte erwartet, dass sich jetzt wenigstens sein Sohn auf seine Seite stellte, doch niemand rührte sich oder versuchte uns festzuhalten. 

„Schatz, es war nicht ihre Schuld. Sie wurden von Glorícus angegriffen-“

„also weiß der dunkle Fürst jetzt genau, wo wir uns befinden? Seid mehr als zwanzig Jahren verstecken wir uns vor ihm, ohne dass er uns gefunden hat und jetzt schafft er es wegen ihr“, schrie er nun fast und deutete auf mich.  Beschwichtigend hob ich die Hände: „Wir werden sofort verschwinden. Es tut uns Leid, dass wir Ärger für Sie waren.“

„Nein, Süße. Ihr könnt jetzt nicht gehen, ihr müsst euch ausruhen! Ihr schlaft wenigstens noch eine Nacht hier bei uns, dann könnt ihr aufbrechen“, erwiderte Iphigenia.

„Ich werde mit euch gehen“, sagte Keya entschlossen und nahm meine Hand. Als ich in ihre Augen schaute, sah ich die Entschlossenheit, die ich von mir selber kannte. Sie würde mit uns kommen, ob wir wollten oder nicht. Also lächelte ich ihr zu und nickte fast unmerklich mit dem Kopf, doch sie schien es bemerkt zu haben und grinste jetzt über beide Ohren. 

„Ich werde auch mit euch gehen“, offenbarte Jhuvak, und alle schauten ihn verdutzt an. Ich meinte zu erkennen, dass Zelphar kurz hämisch grinste, bevor auch er erschrocken schaute, doch vielleicht hatte ich mir das auch nur eingebildet. 

„Tányl, du wirst Jhuvak auf Schritt und Tritt begleiten, ich werde meinen Sohn nicht alleine durch Eryendôr reiten lassen“, befahl Zelphar. Auch kam es mir seltsam vor, dass der König so schnell zustimmte, doch kein anderer schien sich zu wundern. Jedenfalls nicht äußerlich. Ich würde darüber heute nacht mit Sam reden, vielleicht hatte sie es ja auch bemerkt. 

„Du willst wirklich, dass unser Sohn da raus geht? Eryendôr ist sehr gefährlich“, entschlüpfte es Iphigenia, die jetzt zu ihrem Sohn schritt und ihn fest umarmte. „Du wolltest das doch auch, meine Königin“, besänftigte sie Zelphar und strich ihr liebevoll über ihr hellblondes Haar. 

Ich runzelte die Stirn, denn diese beiden würde ich einfach nicht verstehen. Vielleicht war einfach die ganze Familie etwas komisch. 

 

♛♛♛

 

Den restlichen Nachmittag hatten wir noch mit Essen und Planen verbracht. Iphigenia würde uns jedem ein Pferd stellen, außerdem neue Kleidung, die sie in unser Zimmer gelegt hatte. Dazu füllte sie unseren Wasservorrat auf und morgen würden wir uns eine Waffe aussuchen dürfen. 

Jetzt berührte die Sonne fast den Horizont und Sam lag neben mir im Bett. Das andere Abeya hatten wir gar nicht genutzt. 

„Hast du auch gemerkt, dass sich Zelphar sehr auffällig benommen hat?“, fragte Sam, die schon ihre Augen geschlossen hatte. Mit ihren schwarzen Haaren auf dem hellen Kissen und mit ihrer gebräunten Haut sah sie wirklich wunderschön aus. 

„Ja, er war nicht überrascht darüber, dass Jhuvak auch mitwollte“, murmelte ich, denn auch meine Augen wurden immer schwerer. 

„Meinst du, die Beiden haben das geplant?“

„Ich weiß es nicht. Wir müssen auf jeden Fall bei Jhuvak aufpassen. Er kann manchmal sehr nett sein und ich habe auch diese Verbundenheit gefühlt, doch je länger ich hier bin, desto verwirrender wird das alles“, antwortete ich. 

„Gute Nacht, Cara.“

Cara, bist du noch wach?

„Ja, du?“, fragte ich verwirrt, bevor ich merkte, dass die Stimme in meinen Gedanken war. 

Damien, bist du das?, fragte ich hoffnungsvoll und sofort fing mein Herz an, wie wild zu schlagen. 

Ja. Ich warte am Strand auf dich.

So leise wie möglich stieg ich aus dem Bett, schlüpfte in meine Kleidung und kämmte meine langen Haare. Es war wirklich noch früh, gerade begann der Sonnenuntergang und tauchte die Baumgipfel über uns in wunderschönes, hellorangenes Licht. 

Rasch kletterte ich die Leiter des Baumes hinunter und lief dann in Richtung See, in dem wir heute Mittag noch unbeschwert gebadet hatten. Obwohl ich Damien mir nicht gesagt hatte, wo genau er am Strand stehen würde, konnte ich seinen Geruch schon bald wahrnehmen und folgte diesem. Da ich aufpassen musste, dass ich von keinem gesehen wurde, musste ich manchmal einen Umweg gehen, doch es dauerte nicht lange, da wurde Damien‘s Geruch so stark, dass ich allein dadurch schon ein Kribbeln in meiner unteren Bauchgegend spürte. Warum hatte dieser Gestaltenwandler nur eine so starke Wirkung auf mich? 

„Schön, dass du kommen konntest.“, knurrte eine tiefe Stimme in mein Ohr, während seine weichen Lippen meine Haut streiften und mich ein Schauer der Lust überwältigte. 

Als hätten wir es geübt, drehte ich mich um in seine starken Arme, dann hob er mich hoch, während ich meine Hände in seine schwarzen Haare grub. Langsam ließ er mich wieder runter, und die ganze Zeit blickte ich in seine perfekten Augen. Doch bevor unsere Lippen sich endlich berührten, schmunzelte er: „Wir müssen noch kurz warten, ich möchte dir etwas zeigen.“

 

Kapitel 9

 

Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, 

gehört es dir - für immer.

 

Konfuzius

 

 

Ich lächelte, und glücklich lief ich hinter ihm her, als er seinen Weg durch den Wald bahnte. Ich konnte noch einige Vögel zwitschern hören, doch die meisten Tiere hatten sich schon in ihnen Unterschlupf zurückgezogen und somit kehrte langsam Stille ein, die nur durch unsere Füße auf dem Laub gestört wurde. 

„Wohin führst du mich?“, fragte ich wie eine verliebte Gans, und schon jetzt schämte ich mich für diese dumme Frage. Was machte dieser Mann nur mit mir? Ich war früher eine sehr selbstbewusste Frau gewesen, die wusste, wie stark sie war und bei ihm fühlte ich mich wie ein Mädchen. 

„Wirst du noch sehen. Gleich sind wir da.“

 

Nach ein paar Minuten ließen wir die letzten Bäume hinter uns und standen nun am Strand. Der Anblick auf den Sonnenuntergang war atemberaubend. 

Der Wind zerzauste meine roten Haare, und der Geruch von Salz vermischte sich mit dem von Damien. Die Wellen brachen an der Küste, leckten an dem Land, bevor sie sich wieder zurückzogen und neuen Platz ließen. 

„Es ist wunderschön“, hauchte ich, wie erstarrt nur auf das Meer hinausblickend. 

„Genau wie du“, sagte Damien, doch als ich ihn ansah um den Schalk in seinen Augen zu erkennen, war da nur etwas anderes. Er schien das Kompliment ernst zu meinen, denn niemals hatte mich jemand so ehrlich angesehen, niemals hatte jemand für mich das Tor zu seiner Seele geöffnet. 

Der Kuss wirkte wie eine Erlösung für mich, sofort schlang ich meine Arme um einen Hals, um ihm noch näher zu sein. Obwohl uns nur noch Kleidung trennte, waren wir dennoch viel zu weit entfernt und ich musste mich beherrschen, um das nicht zu ändern. 

„Du machst mich verrückt, Prinzessin“, knurrte der Alpha herrisch, dennoch liebevoll. Bei dem Kosenamen löste ich mich von ihm und biss mir instinktiv auf meine Unterlippe. Gespielt unschuldig schaute ich ihn an: „Prinzessin?“

„Ja, du bist meine Prinzessin und ich werde dich immer wie eine behandeln, denn weniger verdienst du nicht.“

Mein Bauch fühlte sich an, als würde eine Horde Schmetterlinge darin herumfliegen und glücklich lächelte ich ihn an: „Du bist der süßeste Gestaltenwandler von Ganz Eryendôr.“

„Hey, ich bin nicht süß!“, verteidigte sich Damien lachend, doch das Grübchen in seiner rechten Wange überzeugte mich vom Gegenteil. 

 

Wir amüsierten uns noch eine Weile, doch mit der aufkommenden Dunkelheit kamen auch wieder die dunklen Gedanken. Ich merkte, wie mein Lächeln erstarb, da ich eigentlich gar nicht lachen sollte. Glorícus hatte mich gefunden und sobald er seine Kräfte wieder beisammen hatte, würde er uns angreifen. Er selber war ein mächtiger Feuerbändiger, meine Mutter konnte die Toten für ein paar Stunden wiederbeleben und Bel konnte die Bäume kontrollieren, die unser Schutz sein sollten. 

„Was ist los, Prinzessin?“, fragte Damien, der nun auch nicht mehr lächelte, sondern sehr besorgt wirkte. 

„Ach nichts, du musst dich schon genug um dein Rudel kümmern“, antwortete ich niedergeschlagen, nachdem ich mich in den Sand gesetzt hatte. Ich spürte, wie der Schwarzhaarige sich neben mich setzte, doch in dieser Situation konnte er mir nun wirklich nicht helfen oder mich beschützen. Diesen Kampf, gegen meine alte Familie, musste ich alleine kämpfen.

„Du bist eine tapfere Kriegerin, ich bin sicher, dass du den Kampf, den du vor dir hast, meistern wirst. Du bist ein besonderes Mädchen, Caraleya. Zweifel nicht an dir, sonst machst du es deinen Feinden noch leichter.“

Lächelnd schaute ich ihn jetzt an und sanft küsste er mich. Doch bevor dieses Märchen zu schön werden konnte, richtete er sich wieder auf. Danach zog er auch mich auf die Füße, um mir in die Augen zu sehen. „Erneut muss ich dich verlassen, Prinzessin. Aber wenn du jemals Hilfe brauchst, musst du nur den Mond anheulen und ich werde da sein.“

Mit diesen Worten ließ er meine Hand los und verschwand in der Dunkelheit. So kitschig sie auch gewesen sein mochten, mir bedeuteten sie trotzdem alles. 

 

♛♛♛

 

„Wach auf, du Schlafmütze!“, erklang eine eindringliche Stimme in meiner Traumwelt und weckte mich unsanft.

„Was ist denn los, nur noch fünf Minuten Bel“, nuschelte ich, bevor ich merkte, dass Sam und nicht mein Bruder über mir stand und mich leicht rüttelte. 

„Warum bist du denn so müde heute? Sonst bist du immer vor mir wach“, neckte sie mich, als ob sie wüsste, dass ich gestern erst nach Mitternacht zurück ins Bett geschlüpft war. 

Ohne ihr zu antworten, stieg ich aus dem Bett und zog die Kleidung an, die Iphigenia uns zur Verfügung gestellt hatte. Sie war wirklich weich und bequem, doch durch das harte Leder an Unterarmen, Brust und Rücken würde sie uns vor leichten Angriffen schützen. Beide von uns hatten jetzt nur Brauntöne und Schwarz an, sodass wir in den Bergen gut getarnt sein würden. 

Da die drei Elfen, die uns begleiteten, nicht durch die Wüste wandern wollten, würden wir am Gebirge entlang reiten, bis wir zu dem großen See kämen und danach würden wir weiter nach Osten reiten, bis zu dem Wald der Feen gelangten. 

Und dort würde erst der gefährliche Part beginnen, denn die Feen waren zwar viel kleiner als wir, jedoch auch viel mächtiger. Nach Meerjungfrauen - die einem nur gefährlich wurden, wenn man auf See war - waren sie die tödlichsten Kreaturen Eryendôrs. 

Wir hatten beschlossen, dort zu suchen, da jeder andere Teil des Landes schon von den Elfen aus Tarsis erkundschaftet worden war. 

„Oh, ihr seht wahrlich toll aus!“, lächelte Keya, die inzwischen in unser Zimmer gekommen war. Sie selber hatte eine ähnliches Outfit an, schon ihr Schwert in der Hand und das Schild über den Rücken geschnürt, sodass sie etwas an eine Schildkröte erinnerte, obwohl das Schild so klein war, dass es nicht über ihren schmalen Rücken herausragte. 

„Danke, du aber auch“, entgegnete Sam das Kompliment und schnürte aus Gewohnheit den Wasserbeutel an ihren Gürtel. 

„Dann lass und eure Waffen aussuchen, dort treffen wir bestimmt auch auf die Jungs.“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging aus der Tür, ich folgte ihr und mir auch Sam. 

Als wir auf dem Boden standen, gingen wir erst einmal in Richtung Palast, bogen jedoch kurz vor dem riesigen Baum rechts ab und folgten einem Weg, den ich zuvor noch nicht gelaufen war. 

Schon bevor wir den Trainingsplatz erreichten, konnte ich schon den Klang der Schwerter hören, außerdem das Stöhnen einiger Elfen. 

„Da wären wir“, sagte Keya dann, als wir das Tor zu der großen Wiese erreichten, auf der auch schon viele trainierten. In der Mitte der Lichtung standen der Prinz und sein neu ernannter Leibwächter, Tányl. Jhuvak beobachtete seine Soldaten mit Sorgfalt und Sorge in seinen Augen. Zu seinem Glück schien er auch etwas von der Güte seiner Mutter abbekommen haben und nicht nur von dem herrschsüchtigen seines Vaters. Jetzt erst viel mir auf, dass ich noch gar nicht wusste, welches Element Zalphar kontrollieren konnte, oder ob er überhaupt von einem der Götter abstammte. 

„Los, gehen wir zu ihnen“, schlug Sam vor und stolzierte auch schon voran, wohl wissend, dass sie durch ihren Wolfsgeruch viel Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Jetzt weiß ich, wie du dich anfangs in Líam gefühlt hast“, flüsterte sie mir zu, als Keya und ich zu ihr aufgeschlossen waren. 

„Ja, aber du bleibst ja nicht mehr lange“, entgegnete ich, doch dann konnte ich meine Zunge nicht zügeln und fügte hinzu: „obwohl du trotzdem noch Zeit hast, dich vor dem Prinzen zu blamieren.“

Böse blickte mich Sam an, doch jetzt hatten wir die Beiden schon erreicht und so konnte sie nichts erwidern. 

„Ich habe euch ja schon von weitem gerochen, habt ihr heute nicht geduscht?“, fragte Tányl schnippisch, ohne uns überhaupt zu begrüßen. „Und ihr steht hier nur auf einem Trainingsplatz, könnt ihr etwa nicht kämpfen?“, schoss Sam zurück, ihre zornig funkelnden Augen jetzt auf den Luftbändiger gerichtet. 

„Ich kann sehr gut kämpfen“, verteidigte sich Tányl und beide hatten sogar schon nach einem Schwert gegriffen, als sich der Prinz zwischen sie gestellt hatte. 

„Es gucken schon alle! Wir sollten als Einheit dastehen und nicht so aussehen, als würden auch wir den Wölfen nicht trauen!“

„Och schade, ich hätte diesen Kampf wirklich gerne gesehen“, grinste ich und zwinkerte meiner besten Freundin zu, der auch der Schalk in den Augen abzulesen war. 

„Sucht euch eure Waffen aus“, befahl Jhuvak mit einer Strenge in seiner Stimme, die ich nur von Damien und meinen Eltern kannte. Sie waren halt alle geborene Anführer und wirklich gut darin, denn sofort gehorchten die beiden Streithähne. 

Jetzt lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf die Bögen und Pfeile, die in der Mitte zu genüge standen. Sofort viel mein Blick auf einen reich verzierten Bogen, der aus hellerem und dunklerem Holz gefertigt war, wobei die helleren Teile wie Flammen geformt waren. Auch die Pferdehaare, die die Sehne des Bogens darstellten, waren reißfest und schwangen gut, sodass der Pfeil hart geschossen werden konnte. Ich schnallte mir noch einen Ledernen Köcher über die Schulter, und schon juckte es mir in den Fingern, meine neue Waffe auch zu benutzen. 

Ich schaute mich um und entdeckte auch schon den Stand für die Bogenschützen, wo einige Elfen trainierten. In einer flüssigen Bewegung zog ich einen Pfeil, griff ihn mit der linken Hand und spannte den Bogen. Die erschrockenen Ausrufe der anderen ignorierend, ließ ich los und schaute dem Pfeil hinterher. Ohne, dass er jemanden traf, schlug er genau in die Mitte der Zielscheibe ein und Glück breitete sich in meinem Körper aus. Immer, wenn ich einen Pfeil abschoss, fühlte ich mich endlich mal wieder wie der Herr der Lage. Seid ich vor etwa vierzig Tagen von dem Palast geflohen war, spielte das Schicksal mit mir. Doch eines konnte mir keiner nehmen, und das war die Macht über meine Pfeile. 

„Bist du verrückt, Caraleya? Du hättest jemanden treffen können“, raunte Jhuvak mir leise zu, da mich alle anstarrten. 

Doch entgegen meinen und vor allem des Prinzen Erwartungen fingen plötzlich alle an zu klatschen und zu johlen. 

„Das war echt ein perfekter Schuss“, lobte mich ein Elf, der am nächsten zu mir stand und küsste meine Hand. Perplex lächelte ich und dankte ihm, sowie dem nächsten und dem nächsten. Alle schienen meinen Schuss für etwas ganz besonderes zu halten, und bis mir jemand sagte: „Ich weiß, du wirst die Krone finden“, war mir schleierhaft, warum. Aber nach dem Satz wurde mir klar, dass sie alle Hoffnung brauchten und es war wenigstens ein Funken Hoffnung für sie, dass ich eine gute Bogenschützin war. 

„Ich habe selber gesehen, was das für ein super Schuss war, doch Caraleya und ich müssen uns jetzt auf den Weg machen, um die Krone zu finden“, rief Jhuvak, um das Gejohle zu übertönen. 

Ich dankte also noch einer letzten Elfe, bevor ich Jhuvak, Tányl, Sam und Keya folgte, die vom Trainingsplatz schritten.

Sam hatte sich ebenfalls einen Bogen genommen und so waren wir alle bewaffnet, als wir zu den Ställen kamen. Genüsslich schloss ich meine Augen, um den Geruch der Pferde einzuatmen und zum ersten Mal vermisste ich Nevith. Ich hoffte, dass mein Bruder ihn noch reiten würde und er nicht nur im Stall stehen musste. 

„Da seid ich ja, meine Lieben“, tönte Iphigenia‘s glockenhelle Stimme aus einer der Boxen und dort stand sie, neben einer wunderschönen Fuchsstute, in Reitgarnitour. 

„Stehen unsere Pferde bereit, Mutter?“

„Ja mein Schatz. Zelphar ist jedoch im Schloss geblieben, er muss sich noch um einiges kümmern. Jetzt, da Glorícus weiß, wo wir sind, müssen wir auf alles vorbereitet sein“, antwortete die Königin mit hängenden Schultern. 

Jhuvak strich ihr liebevoll über den Rücken, bevor er sich uns zuwandte und uns sagte, wie unsere Pferde hießen. 

 

♛♛♛

 

„Bald haben wir das Ende des Waldes erreicht“, informierte Tányl uns, denn er trug die Karte bei sich und führte unsere kleine Gruppe an. Hinter ihm ritt Jhuvak, dann Kaya, Sam und ich bildete das Schlusslicht. 

Es hatte eine Weile gedauert, bis wir Sam auf das Pferd bekommen hatten, denn alle Tiere witterten die Wölfin in ihr und bekamen Angst, und nur Keya konnte dann endlich eines genug beruhigen, damit es Sam vertraute. Bei mir verhielten sich die Pferde nicht so, da meine Elfenseite immer noch etwas stärker war. 

„Gut, wenn wir schnell sind, werden wir den Hinweg in etwa vier Tagen schaffen“, erklärte Jhuvak erneut, danach trat wieder Stille ein. Keiner von uns schien zu wissen, was wir sagen sollten und seid der Reaktion von Zelphar vertraute ich Jhuvak nicht mehr so recht. 

„Keya, du bist doch so ein Plappermaul, erzähl was“, meinte Tányl und auch wenn es ein wenig beleidigend gesagt war, hatte er Recht. 

„Besser Plappermaul als so still wie ein Stein“, rechtfertigte Keya sich und auch Sam verteidigte sie: „Ja, und wenigstens ist sie freundlich im Gegensatz zu dir. Also wenn du dich mit ihr anlegen willst, musst du zuerst einmal gegen mich kämpfen, Feigling.“

Eine Windböe, die plötzlich meine Haare zerzauste, prophezeite nichts Gutes und so mischte ich mich ein, ehe noch jemand verletzt wurde: „Bitte hört auf zu streiten. Wie Jhuvak schon gesagt hat, wir müssen zusammenhalten und die Krone finden. Denn wenn wir uns gegenseitig schwächen, wird es für Glorícus nur noch einfacher, uns zu besiegen.“

„Danke, Caraleya. Also wie wär‘s, wenn wir uns alle ein wenig besser kennen lernen“, schlug Jhuvak vor, doch von Sam und Tányl kam nur ein schnauben. „Das wird bestimmt eine lustige Reise, ich kann mir das jetzt schon bildlich vorstellen, wie wir durch die wunderschönen Berge reiten - die ich übrigens noch nie betreten habe- und zwei von uns sich die ganzen Zeit streiten. Die anderen Beiden versuchen es zu schlichten, und ich? Ich reite neben euch her und rede vor mich hin, denn das ist ja das, was ich am besten kann.“

„Da ist ja wieder unser Plappermaul!“, meinte Tányl, doch dieses Mal schien er es irgendwie liebevoll gemeint zu haben. 

Keya lachte und rief: „Hey, ich versuche nur die Stimmung aufzulockern!“ „Ja und ich glaube du hast das auch geschafft“, grinste ich und musste mich ducken, um einem tief hängenden Ast auszuweichen. 

„Also wer will seine Geschichte als erstes Preisgeben?“, fragte Sam und zu meiner Überraschung fing Tányl an zu reden. 

„Also ich bin in Ulongarr geboren. In einer kleinen Hütte wohnte ich mit meiner Mutter, meinem Bruder und meinem Vater. Wir waren Bauern, wie fast jeder dort und mussten viele Steuern an den Dunklen Fürsten bezahlen. Eines Tages wurde die Steuer wieder erhöht, und da gab es einen Aufstand auf dem Marktplatz. Doch die Soldaten des Fürsten waren viel zu stark für uns, somit verlor ich an diesem Tag alles. Meine Mutter konnte den Verlust ihres Mannes und Sohnes nicht verkraften und somit verstarb sie einige Monate später. Ich bin aufgebrochen, um Tarsis zu finden und zu helfen, den Dunklen Fürsten zu besiegen.“

Nach seinen Worten sprach keiner von uns mehr ein Wort und es waren nur die Vögel und die Hufe der Pferde auf dem feuchten Boden zu hören. 

„Das hast du ja noch nie erzählt“, flüsterte Keya vorsichtig, als wolle sie die Stille nicht unterbrechen, wäre aber trotzdem zu neugierig, um zu schweigen. 

„Ich habe es nie für nötig befunden. Aber jetzt wisst ihr, wofür ich kämpfe und ich würde mein Leben geben, um den Dunklen Fürsten zu besiegen.“

„Das ist sehr mutig von dir“, sagte Sam und ich hörte wirklich Anerkennung aus ihrer Stimme heraus. Sie schätzte es wirklich, für die Familie zu kämpfen, denn für sie war ihr Rudel das wichtigste. 

„Danke“, entgegnete Tányl mit tonloser Stimme „Wer will als nächster?“

Kapitel 10

ein bisschen Freundschaft ist mehr wert,

 als die Bewunderung der ganzen Welt,

 

 

Otto von Bismarck

 

 

Nachdem wir mit etwas gedrückter Stimmung den Wald verlassen hatten, ritten wir jetzt auf die Berge zu. Sie erinnerten ein wenig an viele Giganten mit grüner Kleidung aus Tannen und einem weißen Häubchen, welches aus Schnee bestand, und sogar den Sonjei überlebte, da es so kalt dort oben war. nur die Berge nahe der Wüste waren kahler, dort gab es nur Geröll und kleine Sträucher. 

„Wow, die sehen ja wunderschön aus“, hauchte Keya, während sie ihrem Pferd leicht in den Bauch drückte, damit es schneller ritt. 

„Warte, wir müssen hier vorsichtig sein“, rief Jhuvak ihr hinterher, doch Keya preschte schon davon. 

„Reiten wir hinterher“, lachte Sam, und auch sie trieb ihr Pferd zum Galopp an. 

Jhuvak und ich schauten uns kurz an, der Prinz nickte und ich schnalzte mit der Zunge. Mein Schimmel schnaubte, dann galoppierte es los, den beiden Mädchen hinterher. 

Die Sonne wurde heute von schweren Wolken verdeckt und eine frische Brise kühlte den Schweiß, der sich langsam auf meiner Haut bildete. Schon nach einigen Minuten hatte ich die Beiden eingeholt, da sie wieder in einen Trab verfallen waren und kurz darauf kamen auch Jhuvak und Tányl zu uns. 

„Am besten nehmen wir den Weg am Fluss entlang, dann müssen wir nicht die Berge erklimmen, wenn sie in unserem Weg sind“, schlug Tányl vor. Wir fanden alle, dass es eine gute Idee war, doch bevor wir den Fluss erreichen würden, brauchten wir noch etwa einen halben Tag. 

Also ritten wir weiter, manchmal durch Täler, manchmal jedoch mussten wir auch einen Berg zur Hälfte erklimmen, um weiter nach Süden reiten zu können. 

Manchmal unterhielten wir uns, manchmal ritten wir schweigsam nebeneinander her und während wir dem Fluss immer näher kamen, erreichte die Sonne ihren Höhepunkt und fing danach an, langsam zum Horizont zu wandern. 

Einmal rasteten wir, um die Pferde grasen zu lassen, und bei Sonnenuntergang waren wir an unserem Rastplatz angekommen.

„Ich finde die Berge wirklich faszinierend“, betonte Keya erneut und blickte verträumt zu den weißen Spitzen der Giganten. Reflexartig schaute ich nach links, wo sich hinter vielen Bergen der Palast meiner alten Familie lag. Früher hatte ich die Berge immer als Unantastbar gesehen, da ich sie nie alleine betreten durfte und so überwältigend mussten sie jetzt auch für Keya erscheinen. 

„Also, hier können wir unser Nachtlager aufschlagen“, meinte der Prinz und war auch schon von seinem Pferd gestiegen, um es im Fluss trinken zu lassen.

Wir anderen taten es ihm nach und banden die Pferde anschließend an Bäumen fest, die am Ufer standen, damit sie grasen und wir zu Abend essen konnten. 

 

♛♛♛

 

Die Dunkelheit war schon hereingebrochen und mit ihr breitete sich auch die Kälte aus, die wir durch mitgebrachte Schaffelle und mein Feuer bekämpften. Nur durfte ich mein Feuer nicht zu groß werden lassen, damit uns die Späher von Glorícus nicht sehen konnten. 

„Ich finde es wirklich so unglaublich, was du alles mit Feuer machen kannst! Ich kenne zwar einen Feuerbändiger in Tarsis, aber der kann es nur erschaffen und zähmen, nicht aber solche Figuren machen. ich bin ein riesiger Fan von dir, auch dass du halb Wolf bist ist so super!“

„Keya, beruhige dich. Ich kann auch Figuren aus Wasser formen. Ist gar nicht so schwer“, fiel Jhuvak der Elfe ins Wort, während er eine Wassersäule aus dem Fluss und zu uns schweben ließ. Mit einem siegessicherem Grinsen formte er es zu einer Rose, die sich langsam entfaltete und zu Keya schwebte. 

„Ich muss gestehen, dass das auch sehr beeindruckend war“, meinte Sam und auch Keya schien die Rose gefallen zu haben. Auch ich wusste, wie man eine Rose formte, doch Jhuvak schien die Anerkennung mehr zu brauchen. Also schenkte ich ihm ein lächeln und biss in meinen Hasenschenkel, den ich schön geröstet hatte. 

„Wir sollten jetzt schlafen, wenn wir morgen fit sein wollen“ , empfahl Tányl, der anscheinend die Reiseleitung übernommen hatte. 

„Wer hat dich eigentlich zum Anführer erklärt?“, fragte Sam und blickte den Elfen mit blutverschmiertem Mund und einem Funkeln in den Augen an. 

„Niemand, aber ich habe die Karte gezeichnet. Wenn du gerne möchtest, kannst du uns morgen auch gerne durch das Gebirge führen“, entgegnete der Weißhaarige. Nach einem kurzen Blick zu Keya wusste ich, dass wir beide dasselbe dachten. Die beiden würden nicht aufhören zu streiten, wenn wir sie nicht unterbrechen würden. 

„Also lasst uns jetzt schlafen gehen und morgen kann Sam die Führung übernehmen, sie kennt sich schließlich auch am besten in diesem Gebiet aus.“

„Das halte ich für eine sehr gute Idee“, stimmte Jhuvak mir zu und lächelte mir zu, als hätte er mir etwas wirklich tolles getan, indem er mich unterstützte. Verunsichert lächelte ich zurück und legte mich dann auf das feuchte Gras, mit einem Schaffell unter meinem Kopf und den beiden Mädchen neben mir. 

Irgendetwas was komisch an dem Prinzen. Erst schien er wirklich meine Hilfe zu brauchen, und jetzt war er so selbstsicher und tat, als müsse er mich beschützen. 

Doch von dem, was ich bis jetzt gesehen hatte, war er für mich keine Gefahr und somit würde ich ihn einfach im Auge behalten. 

Meine Augen wurden immer schwerer und schon ein paar Minuten später schlief ich ein. 

 

Es kam mir vor, als hätte ich nur fünf Minuten geschlafen, als ein Knurren an mein Ohr drang. Er hörte sich an, als würde es von einem großen Tier, vielleicht einem Wolf kommen. Ich öffnete meine Augen und diese gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit, sodass sie wohl jetzt gelb leuchten mussten. Ich konnte zwei weitere gelbe Punkte in der Dunkelheit erkennen, welche zu Sam gehörten. 

,Es ist auf jeden Fall kein Wolf‘, informierte sie mich, doch sie klang nicht besorgt. 

,Sollten wir uns verwandeln?‘

,Nein, du wirst das nicht schaffen und zu verletzlich sein, während du es tust. Der Geruch des Tieres kommt mir aber bekannt vor‘, meinte Sam und zog tief die Luft ein, um besser riechen zu können. 

Das Knurren ertönte erneut, dieses Mal viel lauter und ich hörte riesige Pranken auf dem Gras. Da jedoch kein Geruch von Blut in meine Nase stieg, hatte das Tier nicht kürzlich gefressen und war wahrscheinlich auf Nahrungssuche. 

,Wo ist es?‘, fragte ich Sam, doch auch diese schaute sich immer noch um. 

Plötzlich spürte ich einen heißen Atem im Nacken und eine feuchte Nase beschnupperte mich. 

,Es ist ein schwarzer Riese, ein Bär! Deshalb konnten wir ihn nicht sehen, sein Fell ist so dunkel wie die Nacht selbst‘, verkündete Sam plötzlich, stolz, dass sie das Rätsel gelöst hatte. Ich jedoch zuckte bei dem plötzlichen Klang der Stimme zusammen, was den Bären erschreckte, sodass er sich auf seine Hinterbeine stellte und laut brüllte. 

„Ich hab die Kekse nicht gegessen!“ Keya schrak hoch, wie von einer Tarantel gestochen, und lenkte somit die Aufmerksamkeit des Karnòbri auf sich. 

Auch Jhuvak und Tányl waren jetzt wach, doch keiner konnte den Bären vor ihnen erkennen, den ich nur sehr wenig sah. 

„Was ist hier los?“, fragte der Prinz „Ich kann eure Augen sehen, doch ihr habt nicht so gebrüllt, oder?“

„Es ist ein Karnòbri. Er steht genau neben mir auf seinen Hinterpfoten und schaut zu euch“, erklärte ich flüsternd, um den Bären nicht weiter zu beunruhigen.

„Mein Schwert liegt hier auf dem Boden“, meinte Tányl und streckte langsam den Arm aus, um es zu greifen. 

Doch nun schien der Bär genug von der Warterei zu haben und ließ sich wieder auf alle Viere fallen, um zu den Elfen hinüberzugehen. In wenigen Sekunden war er bei Jhuvak, der ihm nun schutzlos ausgeliefert war, als Tányl anfing, mit dem Messer auf einen Stein zu schlagen. Er hatte sich in Kampfposition aufgestellt und vertraute anscheinend nur auf sein Gehör, denn den Bären konnte er immer noch nicht sehen. 

„Komm her, du Mistvieh“, knurrte der Luftbändiger und ich konnte erkennen, wie er einen kleinen Minitornado auf seiner Handfläche entstehen ließ. 

Der Bär ließ sich ablenken, war jetzt jedoch sichtlich genervt von dem ganzen Hin- und Her. Mit gefletchten Zähen entfernte er sich wieder von dem Prinzen und sprang auf einmal auf Tányl drauf. Dieser war so überrascht, dass es ihn sofort umwarf und er sein Schwert fallen ließ. 

Ich löste mich auf meiner Starre und wollte grade einen Pfeil auf das Biest abschießen, als ich schon das vertraute Surren und dann das Heulen des Karnòbri hörte. Mit einem Pfeil in der Schulter war der Bär jedoch nur noch wütender geworden und so schlug er mit einer Pranke auf den am Boden liegenden Tányl ein, dann drehte er sich zu uns um. 

Auch ich schoss jetzt meinen Pfeil ab und traf seinen Nacken, doch die Haut des Bären war zu dick, und so brüllte er erneut, bevor er auf uns zukam. 

„Wir werden hier sterben“, bemerkte Sam trocken, ihren Blick starr auf den Weißhaarigen Elfen gerichtet, der in einer Lache seines eigenen Blutes lag. 

„Werden wir nicht!“, meinte ich und schoss einen weiteren Pfeil ab, der genau das Auge unseres Jägers traf. Der Bär heulte auf und setzte erneut zum Sprung an, doch plötzlich rammte ihn etwas von der Seite. 

Ein weiteres Tier war nun über ihm und schlug mit seinen gigantischen Krallen auf ihn ein. Der Bär jedoch wehrte sich mit aller Kraft und schaffte es, sich unter dem weißen Tier hervor zu kämpfen, sodass sie sich nun gegenüberstanden und anfauchten. 

„Shîa!“

Die Nigrå zuckte bei ihrem Namen kurz mit ihren Spitzen Ohren, konzentrierte sich jedoch weiter auf den Kampf. So plötzlich, wie der Bär auf Tányl gesprungen war, sprang der Karnòbri jetzt auch auf Shîa zu, doch sie schien das erahnt zu haben und so sprang sie ihm mit weit geöffnetem Maul entgegen. Ihre langen Fangzähne bohrten sich in den Hals des schwarzen Riesens und ich konnte das Blut daraus spritzen sehen. 

Während ich diesen Kampf noch gespannt verfolgt hatte, waren Sam und Jhuvak schon zu Tányl gelaufen, Keya jedoch hatte sich auch Sorgen um ihre Nigrå gemacht. 

Jetzt, da Shîa den schwarzen Riesen getötet hatte, lief ich auch zu Tányl und hockte mich neben ihn. 

„Satis seignâ“, murmelte Jhuvak immer wieder, während er Wasser aus dem Fluss über das Gesicht des Elfen fließen ließ, welches des Bär sehr verunstaltet hatte. Die Spuren seiner Krallen fingen bei seinem linken Auge an und führten bis zu seinem Ohr. Durch Jhuvak‘s Heilkräfte bluteten die drei Striche nicht mehr, doch Narben würden zurückbleiben, falls er überhaupt wieder aufwachte. 

Als ich ihn da so liegen sah, durchströmten mich Furcht, Trauer und Schuldgefühle. Wir hätten nicht so dumm sein dürfen, uns nicht über alle Tiere hier richtig zu informieren. Denn jetzt, wo ich darüber nachdachte, erinnerte ich mich, dass Licht die größte Schwachstelle des schwarzen Riesen war. Hätte ich also einfach nur mein Feuer bennen lassen, wäre der Karnòbri wahrscheinlich nicht zu unserem Lagen gekommen. 

„Es ist nicht deine Schuld“, flüsterte Sam mir zu, und strich mir beruhigend über die Schulter, ihren Blick jedoch immer noch auf Tányl gerichtet. 

Jhuvak hatte aufgehört, die Wunde zu heilen, da jetzt alle drei Kratzer nur noch rosafarbene Narben waren und er nicht mehr für seinen Beschützer tun konnte. 

„Bitte wach auf!“

„Komm schon, du hattest doch noch so viel vor“, meinte Keya und ich konnte eine Träne erkennen, die leise ihre Wange hinunterlief. Mit zwei Fingern fühlte ich an seinem Hals und stellte fest, dass sein Puls nur noch sehr schwach war. 

„Er hat viel Blut verloren“, sagte ich mit erstickter Stimme und innerlich hatte ich die Hoffnung für ihn schon aufgegeben. Normalerweise müsste ein Heiler ihm viel länger als Jhuvak helfen, damit auch alle weiteren Verletzungen heilen konnten, doch die Kraft des Prinzen schien am Ende zu sein. 

„Wird mir schwarz vor Augen, oder ist die Nacht noch dunkler geworden?“, fragte er jetzt und bevor wir etwas sagen konnten, kippte er zur Seite weg. 

„Nein, nicht du auch noch!“, rief ich verzweifelt und legte seinen Kopf auf meinen Schoß, damit er nicht so hart liegen musste. 

Ohne, dass ich es kontrollieren konnte, musste ich plötzlich anfangen zu weinen. Tränen bildeten sich in meinen Augen und liefen die Wangen hinunter, obwohl ich sie schnell mit meiner Hand wegwischte. 

„Alles läuft schief! Alle glauben, dass ich eine Art Wunder und die Retterin bin, aber was ist, wenn das einfach alles nicht stimmt?“, schluchzte ich. Energisch wischte ich die Tränen, die einfach nicht aufhören wollten zu fließen, weg. Ich schämte mich für diesen Ausbruch, den ich ja auch schon in der Wüste gehabt hatte, doch ich hatte ihn nicht verhindern können. Mein Körper, der so lange unter Glorícus strenger Elternschaft standgehalten hatte, hielt den Druck einfach nicht mehr aus. 

„Hey, Cara. Sag so etwas doch nicht! Alle bewundern dich zurecht. Also ganz abgesehen davon, dass du die Schönste in ganz Tarsis bist, bist du etwas ganz besonderes“, versuchte Keya mich aufzuheitern und gegen meinen Willen musste ich grinsen, als sie mich die Schönste genannt hatte. 

„Ja, mein Vater war ganz eingeschüchtert von deiner Macht“, krächzte Jhuvak. 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so glücklich sein würde, seine Stimme zu hören, doch das schnelle Schlagen meines Herzens zeigte es sehr deutlich. Ich hoffte, dass er das nicht bemerken würde. 

„Wie geht es Tányl?“

Sam schüttelte traurig den Kopf und als ich seinen Puls fühlte, war dieser noch schwacher als vorhin. 

„Ich kann ihn weiter heilen“, forderte der Prinz, doch sanft hielt ich ihn zurück. 

„Das könnte dich umbringen, Heiler dürfen nicht zu viel Magie abgeben“, erklärte ich ihm, obwohl er diese Regel wohl schon ganz am Anfang seiner Ausbildung gelernt hatte. 

„Warum machst du es denn nicht?“, fragte Sam verzweifelt, obwohl sie als einziges Mädchen nicht weinte. 

„Nur Wasserbändiger können die Kunst des Heilens erlernen. Dafür können sie aber kein Wasser einfach so entstehen lassen, sie brauchen immer eine Quelle.“

„Wir sollten noch ein bisschen schlafen und für morgen auf das Beste hoffen“, schlug Keya vor und wir alle fanden, dass es wohl am vernünftigsten war, das zu tun. 

Ich schlief neben Tányl, um ihn mit meinem Feuer schön warm zu halten und um weitere wilden Tiere fern zu halten. 

Den flachen Atemgeräuschen von dem Luftbändiger zuhörend, schlief ich langsam ein.

Kapitel 11

Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, 

Mut ist der Beweis, dass es etwas wichtigeres gibt als Angst

 

 

Ambrose Redmoon

 

 

Am nächsten Morgen wachte ich durch das leise weinen eines Mädchens auf. Vorsichtig öffnete ich die Augen und erkannte Sam, wie sie auf der anderen Seite von Tányl saß und seine Hand hielt. Die weißen Haare des Elfen waren im starken Kontrast zu den schwarzen der Gestaltenwandlerin, die ihren Kopf gesengt hatte, als würde sie beten. 

Plötzlich, für den Bruchteil einer Sekunde schien ein großen Mann hinter ihr zu stehen. Er hatte kurze, braune Haare und graue Augen. Sein freier Oberkörper war über und über mit Narben bedeckt und er hatte Bogen und Köcher über seiner Schulter. Doch gerade, als ich ihn gesehen hatte, verschwand er auch schon wieder. 

Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn mir eingebildet hatte, doch bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, hörte ich Tányl tief Luft holen. Es war, als wäre er fast ertrunken und musste jetzt um seine Luft kämpfen. Sam ließ sofort seine Hand los, stand blitzschnell auf und rannte so schnell sie konnte weg, wahrscheinlich ein Kaninchen fangen. 

Tányl hatte von alledem nichts mitbekommen und als er seine Augen aufschlug, sah er nur mich neben sich. 

„Was ist passiert?“, fragte er, doch als ich sein linkes Auge sah, war ich wie gelähmt. Es war vollkommen rot, nur seine Pupille war noch zuerkennen, doch diese schien sich den Lichtverhältnissen nicht mehr anpassen zu können, denn die war geweitet, wie gestern Abend. 

„Was ist mit meinem Auge? Ich kann links nur noch weiß sehen!“, meinte er dann und die Panik in seiner Stimme war nicht zu überhören. 

„Du wurdest von einem Karnòbri angegriffen, und er hat mit seinen Krallen sein Gesicht getroffen. Dein Auge konnten wir nicht retten“, erklärte ich so ruhig wie möglich, doch beruhigt hatte ich ihn dadurch nicht. 

„Ich kann also nie wieder etwas auf meinem linken Auge sehen? Wie soll ich dann kämpfen?“

„Es tut mir so Leid, Jhuvak hat getan, was er konnte.“

„Hat jemand meinen Namen gesagt?“, fragte der Prinz, der erleichtert lächelte, als er sah, dass Tányl am Leben war. 

„Du hast mich also zusammengeflickt? Ich stehe für ewig in deiner Schuld, mein Prinz“, meinte Tányl ergeben und versuchte sogar, aufzustehen, um sich zu verbeugen. Doch ich hielt ihn am Boden, denn er sollte erstmal seine Kräfte sammeln. 

„Keya kann ja wirklich durch alles schlafen“, scherzte Jhuvak und betrachtete die braunhaarige Elfe neben ihm. Wahrscheinlich wollte er von Tányl‘s Auge ablenken, doch das schaffte auch schon Sam, die mit drei Kaninchen in der Hand zu uns gelaufen kam. „Oh, dich hat Laethus geschickt, ich bin am verhungern!“, rief Tányl glücklich. Sam grinste und warf und zwei zu, während sie ihre Fangzähne in das dritte Kaninchen stieß. 

„Das ist so ekelig“, kommentierte Tányl bei dem Anblick des Blutes und Sam funkelte ihn wieder böse an. Es war wohl alles wieder beim alten. 

Mit meinem Feuer röstete ich die anderen Kaninchen und nachdem wir Keya wachbekommen hatten, packten wir unsere Sachen zusammen, um weiter zu ziehen. 

„Wo ist Shîa?“, fragte ich Keya etwas besorgt, doch diese lächelte. 

„Sie ist bei uns, hält sich aber auf Abstand, um die Pferde nicht zu erschrecken. War ihre Idee“, informierte sie mich und ich staunte nicht schlecht, wie intelligent diese Nigrå war. 

 

♛♛♛

 

Nach zwei weiteren Tagen, die ohne gefährliche Zusammenstöße verlaufen waren, erreichten wir das Ende des Alluth Gebirges und blickten jetzt auf die riesige Grasfläche, die wir nur noch überqueren mussten, um zu dem Wald der Feen zu gelangen. 

Doch anstatt direkt zu dem Wald zu reiten, wollten wir erst südlich zu dem kleinen Dorf Custø, in welchem wir unsere Wasservorräte füllen könnten und eine Nacht ruhig schlafen konnten. Dann, mit gestärkten Kräften wollten wir zu den Feen reiten und versuchen, die Krone zu finden. 

Tányl hatte versucht, tapfer zu wirken und jammerte nicht über sein Auge, doch ich hatte mit Jhuvak abgesprochen, dass wir ihn vielleicht lieber in Custø zurückließen. Ohne sein linkes Auge würde er nicht perfekt kämpfen können und genau das würde im Feenwald nötig sein. 

 

Es dauerte nur einige Stunden, bis wir das Dorf erreichten und die Sonne stand jetzt an ihrem höchsten Punkt. Die Pflanzen auf den Feldern waren fast verdorrt, denn es hatte lange nicht mehr geregnet. Der Sonjei war sehr heiß gewesen und das bedeutete meist einen sehr kalten Wonla. 

Außerdem konnte eigentlich kein Bauer das Wasser bändigen und somit waren sie ganz den Launen der Natur ausgeliefert. 

„Du könntest ihnen helfen“, schlug ich vor, als ich über die armen Bauern nachdachte, die wahrscheinlich genau wie Tányl‘s Familie viele Steuern bezahlen mussten. 

„Es erfordert viel zu viel Kraft, das Wasser vom Fluss über die ganzen Felder zu sprühen. Ich werde ihnen helfen, wenn Iphigenia wieder an der Macht ist. Denn sie kann Wasserbändiger aus Tarsis her schicken, die auf so etwas spezialisiert sind“, entgegnete Jhuvak. 

„Also wenn ich so etwas könnte, würde ich diesen Leuten sofort helfen“, äußerte Sam ihre Meinung, doch zu meinem Erstaunen fing Tányl nicht wieder einen Streit mit ihr an. 

„Wir müssen uns einfach auf unsere Aufgabe konzentrieren, will der Prinz damit sagen“, meinte Keya schnell, da sie - wie ich - erkannt hatte, dass Jhuvak ein verletzliches Ego hatte. 

 

Wir ritten gerade auf das Stadttor zu und passierten die Wachen, als jemand von den Bauen plötzlich schrie: „Das ist Caraleya Shyr, die vermisste Tochter des Dunklen Fürsten!“

Innerlich schlug ich mir mit der Hand gegen die Stirn, denn es war wirklich töricht von mir gewesen, einfach so in ein Dorf zu spazieren, wenn ich von meinem Stiefvater gesucht wurde. 

Ich warf den anderen einen hektischen Blick zu und jede Faser meines Körpers schrie mich an, endlich zu fliehen. Gerade noch rechtzeitig trieb ich mein Pferd zum Galopp an, denn alle Elfen, die in meiner Nähe standen, versuchten mich von dem Rappen zu zerren und sie boxten sich sogar gegenseitig aus dem Weg, nur um mich als Erster zu erwischen. Glorícus musste eine ziemliche Summe für mich ausgestellt haben, denn jetzt wurden sogar schon Messer genutzt, um sich aus dem Weg zu schlagen. Das Gefühl der Schuld erfüllte mich erneut und aus dem Augenwinkel konnte ich die Bauern sehen, die auf den Boden fielen und sich dann nicht mehr regten. 

„Schneller, Cara!“

Jetzt kamen uns auch die Wachen des Tores auf ihren Pferden hinterher und erst jetzt merkte ich, dass auch diese Soldaten von dem Dunklen Fürsten waren. Verdammt!

„Wir müssen es nur bis zum Grodhnuwald schaffen, dort werden sie uns nicht folgen“, rief ich, den anderen in Richtung Osten folgend. 

Wir mussten an den Stadtmauern vorbei reiten, da wir von Westen gekommen waren und nach Osten wollten und somit waren wir einem Pfeilhagel ausgesetzt. 

Ich hörte jemanden schreien und es klang weiblich, doch jetzt konnte ich mir keine Gedanken um Verletzte machen, denn jeder musste hier alleine so schnell wie möglich weg. 

Ich beschwor mein Feuer in meiner Hand und warf es hinter mich. Mit einem kurzen Blick nach hinten murmelte ich: „Feiroco perdeíga!“

Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie sich das Feuer zu einem Drachen formte, der alles in seiner Nähe entweder mit seinen Flügeln oder seinem Schwanz aus Feuer in Flammen aufgehen ließ. 

Er würde jedoch nicht lange dort bleiben, denn desto weiter ich mich entfernte, desto schwerer würde es werden, den Zauber aufrecht zu erhalten. Als ich ein Ziehen in meinem Herzen spürte, brach ich den Zauber sofort ab, sodass das Feuer nun wieder verschwinden würde. Die meisten Wächter hatten es sowieso schon geschafft, daran vorbei zu reiten. Einige warfen Speere nach uns, doch keiner von ihnen traf uns. 

 

Nach einigen Minuten im vollen Galopp erreichten wir die Grenzen des Feengebietes. Sofort konnte ich die machtvolle Magie spüren, die in den kleinen Biestern steckte und die Pferde wurden nervös. 

„Weiter! Wenn wir die Bäume erreicht haben, gehen wir zu Fuß weiter“, hörte ich den Befehl Jhuvak‘s und ich musste zugeben, dass es wohl die Beste Idee war. Pferde waren in diesem Gebiet viel zu ängstlich, um nützlich zu sein. 

„Ich will ja keine Spaßbremse sein, aber zu Fuß bin ich glaub ich nicht mehr so gut“, meinte Sam und ich konnte hören, wie sie die Zähne zusammenbiss, um die Schmerzlaute zu unterdrücken. 

Wir alle schauen uns nach ihr und ich zog scharf die Luft zwischen den Zähnen durch, als ich den Pfeil sah, der in ihrem rechten Oberschenkel steckte. Wir alle hatten ein paar Kratzer von dem Beschuss der Wachen abbekommen, doch Sam hatte es am schlimmsten erwischt. 

„Ich kann dich grad leider nicht sehen, da du links von mir reitest“, kommentierte Tányl, der am weitesten vorne ritt. 

„Ha, sehr witzig.“

„Nein, das meine ich Ernst, Sam. Was ist passiert?“, entgegnete der Weißhaarige. 

„Jetzt ist keine Zeit zum Plaudern“, meinte Jhuvak und schwang sich von seinem Pferd, welches sofort Reißaus nahm. Dann lief er zu der Gestaltenwandlerin, die sich mit unterdrückten Schmerzensschreien vom Pferd schwang. Jhuvak stützte sie jetzt und ich eilte zur Hilfe, um ihren linken Arm über meine Schulter zu legen. 

„Die Pferde werden hoffentlich kommen, wenn wir sie rufen“, meinte Keya und es klang eher wie eine Frage als eine Aussage. 

„Du bist doch die Tierflüsterin“, stöhnte Sam, die sich vorsichtig, aber trotzdem möglichst schnell immer weiter zum Herz des Feenwaldes bewegte, gestützt von mir und dem Prinzen. 

Wir konnten die Rufe der Wächter hören, die jetzt vor dem Wald standen, doch entgegen unserer Hoffnungen kamen uns drei Wächter hinterher. Auch sie waren von ihren Pferden abgestiegen, doch mit ihren Schwertern sahen sie bereit für einen Kampf aus. 

„Übernimm du Sam“, befahl Jhuvak mir und zog sein Schwert, während er auf die Krieger losstürmte. Auch Tányl hatte seine Wurfmesser gezückt und warf eines nach dem anderen ab. Keines jedoch traf sein Ziel und eines verfehlte nur knapp den Prinzen. 

„Tányl, komm her und hilf Sam“, rief ich ihm zu, da ich merkte, dass er uns ohne sein Auge im Kampf mehr schaden würde. Ich kannte zwar einen blinden Kämpfer, der bei uns auf dem Trainingsplatz viele besiegt hatte, doch es würde wohl einige Zeit dauern, bis Tányl sich an seine Sicht gewöhnt hatte. 

„Ich merk doch, dass du nur selber kämpfen willst“, grummelte dieser scherzhaft und stützte nun Sam, sodass ich mit meinem Pfeil und Boden auf die drei Wächter losgehen konnte, aus denen jetzt fünf geworden waren. 

„Bring sie weg hier“, rief ich noch schnell nach hinten, kurz darauf schoss ich schon meinen ersten Pfeil ab und traf einen Neuankömmling, der jaulend zu Boden ging. 

Auch Jhuvak und Keya kämpften sehr gut, Keya eher defensiv mit ihrem Schild und Jhuvak sehr offensiv ohne sehr auf seine eigene Sicherheit zu achten. 

Zusammen schafften wir es, alle nachkommenden Wachen zu töten und nachdem ich meine Pfeile wieder eingesammelt hatte, liefen wir den beiden anderen hinterher. 

„Gut gekämpft“, lobte Jhuvak mich. Ich lächelte geschmeichelt, erwiderte jedoch nichts und konzentrierte mich weiter auf den Weg. 

Der Wald hier war ganz anders als um Tarsis herum, denn die Bäume waren hier alle so dünn wie mein Oberschenkel und waren nur an der Krone belaubt. Um jeden Baum wuchs jedoch auch ein Busch und das Gras ging bis zu meinen Knöcheln und war dunkelgrün. Es gab keine Stelle die kahl oder plattgetreten war, da die Feen fliegen konnten und sonst keiner hier entlang ging. 

„Es wird langsam dunkel, wir sollten lieber hier als weiter im Inneren unser Lager für die Nacht aufschlagen“, meinte Tányl, der mit Jhuvak Sam trug. Sie hatte sich zuerst geweigert, doch mit den immer schlimmer werdenden Schmerzen war sie dann eingeknickt. Also wurde sie jetzt getragen, der Pfeil immer noch in ihrem Bein. 

„Jhuvak, du heilst ihre Wunde so gut es geht und wir schauen uns nach Gefahren um. Tányl, du bliebst hier uns baust das Lager auf“, ordnete ich an. 

„Ah, weil ich mich nicht umschauen kann? Wegen meinem Auge, richtig?“

„Hör doch endlich mal auf mit deinen komischen Kommentaren“, keifte Sam plötzlich, sodass sich alle zu ihr umschauten: „Ich finde es nicht witzig, dass du dein linkes Auge verloren hast, aber du scheinst es nicht zu verstehen.“

„Ich verstehe es, Wolfskind. Aber ich finde es wichtiger, meine Angst zu bekämpfen und im Moment schaffe ich das nur mit komischen Kommentaren“, wehrte Tányl sich mit zusammengebissenen Zähnen. Dann widmete er sich unseren Rucksäcken, als wäre nichts geschehen. 

Keya und ich warfen uns einen kurzen Blick zu, dann liefen wir los, in einem großen Bogen um unsere Freunde herum, um potentielle Gefahren zu eliminieren. 

„Pssst. Seid ihr verrückt?“

„Was hast du gesagt?“, fragte Keya mich und blieb abrupt stehen, sodass ich fast in sie hineinlief. 

„Ach, du hast das auch gehört? Ich dachte schon, dass ich jetzt völlig den Verstand verliere“, meinte ich erleichtert, aber als ich merkte, was das bedeutete, wurde mir etwas mulmig zumute. 

„Hallo? Wer ist da?“, fragte ich zaghaft und schaute mich gespannt um. 

„Ihr müsst hier so schnell wie möglich weg. Die Feen werden euch umbringen!“

„Wer bist du“, fragte jetzt Keya und drehte sich so schnell um ihre eigene Achse, dass sie fast das Gleichgewicht verlor. 

Ich hörte ein kichern, doch es war so glockenhell und rein, dass es nur von einer Fee entstammen konnte. Jetzt, da ich wusste, wer mit uns redete, konnte ich auch das schnelle Flattern ihrer Flügel hören. 

Blitzschnell drehte ich mich zu dem Flattern um und sah die erste Fee in meinem Leben. 

Sie war nur etwa so groß wie meine Hand, mit durchsichtigen, silber schimmernden Flügeln und blasser Haut. Grüne Schnörkel zogen sich über ihren ganzen Körper, und ihre silbernen Haare glänzten im Sonnenlicht. Sie trug eine silberne Hose und auch ein silbernes Oberteil, welches ihr nur bis zum Bauchnabel ging. Ihre Augen waren komplett schwarz und sie grinste hämisch. 

„Ah, endlich siehst du mich“, kicherte sie und flog einmal um meinen Kopf, wobei sie eine leichte silberne Spur hinterließ. 

„Du bist eine Fee“, staute Keya, während sie langsam näher kam, um die Kreatur zu betrachten. Ich war verwundert, denn Feen sollten die gefährlichsten Kreaturen ganz Eryendôrs sein, doch im Moment schien sie harmlos, abgesehen von ihren gruseligen Augen. 

„Ja, die bin ich. Und ihr fünf habt in unserem Wald nichts zu suchen.“

„Aber wir müssen die Krone finden“, versuchte ich ihr zu erklären, doch sie schien das schon zu wissen. 

„Ich weiß, wer ihr seid und warum ihr hier her gekommen seid, Caraleya. Doch ich kann euch sagen, dass diese Reise nicht gut für euch ausgeht. Ich habe versucht, dich mit Träumen zu warnen, doch du hast nicht gehört“, flüsterte die Fee und bei ihren letzten Worten kam sie so nah zu mir geflogen, dass sie mich fast berührte und ihre starke Magie anfing, mich einzuschüchtern. 

„Doch zur Rettung wird die Krone gefunden. Sie besiegt den Fürsten mit ihrer großen Macht, und ihr Träger gibt auf Eryendôr Acht. Deswegen seid ihr doch hier, nicht? Ich sage euch, hier wirst du die Krone nicht finden und mehr verlieren als gewinnen“, fügte die Fee hinzu. Bevor ich sie noch irgendetwas fragen konnte, flitzte sie davon und hinterließ nur silbernen Staub, der langsam zum Boden schwebte. 

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Keya, und ehrlich gesagt hatte ich keine Antwort auf diese Frage.

Kapitel 12

 

Der Sinn des Reisens besteht darin, 

die Vorstellung mit der Wirklichkeit auszugleichen, 

und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, 

sie so zu sehen, wie sie sind. 

 

 

Samuel Johnson

 

 

Sehr verwirrt und eingeschüchtert von den Worten der Fee, machten Keya und ich uns auf den Rückweg. Ich hatte es geschafft, einen Vogel zu schießen und Keya sammelte einige Kräuter, die essbar waren. 

„Ich versteh das nicht. Was meinst du wollte sie uns sagen? Also ich meine es war ja eigentlich klar, was sie wollte. Sie hat uns gewarnt, dass wir hier weg sollen! Und sie wusste deinen Namen“, plapperte Keya vor sich hin, ohne mir Zeit zu geben, auf sie einzugehen.

„Vielleicht sollten wir lieber hier weg“, fügte sie hinzu und ich konnte die Angst in ihren Augen erkennen. 

„Keya, jetzt sind wir so weit gekommen. Wir können doch nicht jetzt aufgeben“, versuchte ich sie zu beruhigen, doch sie schien mich gar nicht richtig zu hören, sondern redete weiter vor sich hin. 

 

Wir erreichten nach etwa fünf Minuten wieder unser Camp, da wir einmal in einem Kreis herumgelaufen waren und außer der Fee war uns nichts gefährliches aufgefallen. 

„Ich will deine Hilfe nicht, Prinz“, hörte ich die Stimme von Sam und als wir zu den Drei stießen, konnte ich sehen, dass der Pfeil immer noch in Sam‘s Bein steckte. 

„Was ist denn hier los? Sam, warum hast du ihn dich nicht heilen lassen?“, fragte ich besorgt und schaute mir ihr Bein an. Die Wunde fing langsam an zu eitern und der Pfeil musste wirklich bald entfernt werden, wenn sie sich keine Infektion einfangen wollte. 

„Warum lässt du dir nicht helfen?“, fragte Keya besorgt und jetzt wurde ihr Gesichtsausdruck noch ängstlicher. 

„Ich will keine Hilfe von einem Elfen!“, spuckte Sam, während sie verzweifelt versuchte, ihre Schmerzen nicht zu zeigen. 

„Aber du brauchst sie“, meinte Tányl einfühlsam und hockte sich neben die Schwarzhaarige, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein. 

Lange schauten sich die beiden an, und eine angespannte Stille breitete sich aus. Plötzlich ertönte ein Knacken, als Sam die Pfeilspitze abbrach und den Pfeil mit einem Ruck aus ihrem Bein zog. Das Blut, welches durch das Holz gestoppt worden war, sprudelte jetzt aus der Wunde und Sam entwich ein Schmerzensschrei. 

„Heil die Wunde, Jhuvak!“, schrie Sam fast und sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen, damit wir ihre Schwäche nicht sehen konnten. 

Ich musste dieses Mädchen wirklich bewundern, denn sie war wirklich zäh und tapfer. 

„So etwas hätte ich niemals ohne Betäubungsmittel durchgestanden“, meinte Keya respektvoll und ich konnte ihr nur zustimmen. 

Jhuvak goss etwas Wasser von unseren Beuteln auf die Wunde und sagte wieder die Worte: „Satis seignâ!“

Mit erstaunen beobachtete ich, wie erst die Blutung aufhörte, und sich die Wunde schließlich langsam schloss. Nur eine kleine Narbe, so groß wie ein Nadelkopf, blieb dort und Sam zog schnell die Luft ein. 

„Was ist, tut es weh?“, fragte Jhuvak, doch sie schüttelte den Kopf, die Augen wie gebannt auf ihr Bein gerichtet: „Es ist unglaublich. Und unheimlich zugleich. Nur den Göttern sollte es gestattet sein, Leben zu retten.“

„Bilde dir jetzt nichts darauf ein!“, lenkte ich schnell ein, bevor sein Selbstbewusstsein noch mehr wuchs. 

„Ihre Worte nicht meine“, zwinkerte Jhuvak, doch Keya unterbrach uns. 

„Shîa?“, fragte sie vorsichtig, während sie gebannt auf eine Stelle hinter Sam blickte. Auch wir anderen schauten jetzt dorthin, doch ich konnte nur ein silbernes Blitzen erkennen, was im nächsten Moment auch schon wieder weg war. 

„Keya, da ist Shîa nicht“, versuchte Sam der Elfe weiß zu machen, doch diese schien wie erstarrt. 

„Nein! Nein!“, schrie sie auf einmal und rannte an uns vorbei zu der Stelle, wo sie anscheinend ihre Nigrå sah. 

Tränen liefen ihr über die Wangen und sie legte ihren Kopf auf einen Stein, der aus der Erde ragte. 

„Was ist denn hier los?“, fragte Sam, und dieses Mal wusste selbst Tányl keine Antwort. In keinem Buch in Eryendôr wurde beschrieben, warum die Feen so gefährlich waren, oder was ihre Magie bewirkte. „Sie scheint sich Shîa einzubilden und etwas schreckliches ist wohl mit ihr passiert“, vermutete ich, dem entsetzten und todtraurigen Gesicht meiner Freundin zu schließen. 

„Das ist meine letzte Warnung“, hörte ich wieder die glockenhelle Stimme der Fee, die wir auch im Wald getroffen hatten. „War das eine Fee?“, fragte Jhuvak erstaunt und erst jetzt merkte ich wie blöde Keya und ich im Wald geguckt haben mussten, denn so sahen jetzt auch die anderen drei aus. Sam hatte sich inzwischen erhoben und stützte sich an den Baum, an dem sie gelehnt hatte, während sich die beiden Jungs hektisch umschauten. 

„Wir Feen mögen keine Besucher, also dreht sofort um und verlasst den Wald, solange ihr noch könnt.“

Ich konnte nur noch einen Blick auf den silbernen Staub erhaschen, der einige Meter von uns auf den Boden schwebte, doch die Fee selbst bekam keiner von uns zu Gesicht. 

„Wir müssen so schnell wie möglich hier weg! Hier gibt es nur Unheil und sie hat uns doch gesagt, dass die Krone nicht einmal hier ist“, ertönte die erstickte Stimme von Keya und als ich sie ansah, waren die Tränen auf ihrem kindlichen Gesicht noch nicht getrocknet. Sie hatte den Kopf erhoben und blickte uns entschlossen an. „Keya, du kannst dieser Fee doch nicht glauben“, meinte ich mit ruhiger Stimme und strich mir ein paar Haare hinters Ohr.

„Sie hat dich gerade sehen lassen, wie deine Shîa stirbt! Ich wäre an deiner Stelle auf Rache aus“, verkündete Sam. Doch Keya schüttelte benommen den Kopf, immer noch geschockt. „Ich habe wirklich geglaubt, dass es real sei. Ich habe ihr Fell unter mir gespürt, doch plötzlich war es nur noch ein Stein. Es hat einen Grund, warum Feen die gefährlichsten Wesen in ganz Eryendôr sind. Keiner ist hier lebend raus gekommen.“

„Doch. Mein Onkel hat es geschafft und er hat die Prophezeiung über die Krone gemacht“, wandt Jhuvak ein und ich musste die Stirn runzeln. 

„Glorícus selbst hat die Prophezeiung gefunden?“, fragte ich verwirrt und ungläubig, denn er hätte sie wohl kaum verraten. 

„Nein, sein älterer Bruder, Gâmo. Er wollte nur helfen, doch dadurch hat er alles nur schlimmer gemacht“, erklärte Jhuvak. 

„Aber warum hat er die Prophezeiung dann erzählt?“, fragte Sam neugierig, während sie sich auf ihr Schaffell setzte. 

„Er hatte seinen Bruder nie belogen. Er war ein sehr ehrenvoller Mann und ich kann nur träumen so zu sein, wie er.“

„Deswegen bist du also mitgekommen? Du wolltest deinem Onkel ein kleines bisschen näher sein?“, fragte ich und auf einmal machte alles Sinn. Deswegen hatte Zelphar schon gewusst, dass Jhuvak mit uns käme. Das Volk hatte Gâmo bestimmt verehrt, und Zelphar war ein schlauer König. Er brauchte die Anerkennung des Volkes für einen so heftigen Krieg wie der gegen den Dunklen Fürsten. Es war nur gut für ihn, wenn sein Sohn es Gâmo gleichtat und auch zu den Feen ging, um das Land zu retten. 

„Ja, denn er war mein Vorbild. Obwohl ich ihn nie gekannt habe, weiß ich, dass er der gütigste Elf in ganz Eryendôr war. Meine Mutter hat mir erzählt, dass er sogar seinen Bruder liebte, der doch schon längst vom Bösen gefangen war.“

„Versteht ihr das hier denn nicht? Wir müssen aus diesem verfluchten Wald raus, sonst werden wir alle nicht mehr leben, um den Dunklen Fürsten zu besiegen“, sagte Keya panisch und schaute sich immer wieder um, aus Angst wieder Shîa zu entdecken. 

„Wir sollten erst einmal schlafen“, schlug Tányl vor: „Es wird schon dunkel und wir werden uns nur verirren.“

„Er hat Recht, Keya. Morgen früh werden wir sofort umkehren, doch jetzt sollten wir alle erst einmal schlafen“, unterstützte ich den Weißhaarigen, der sich auch schon auf den Boden gelegt hatte. 

„Nein ihr versteht das alle nicht. Wir können nicht warten“, meinte Keya verzweifelt und fing erneut fast an zu weinen. Beruhigend strich ich ihr mit der Hand über die Schulter und schaffte es, sie mit leichter Gewalt in das weiche Gras zu ziehen. 

„Jhuvak wird die erste Wache übernehmen. Er passt gut auf uns alle auf, hörst du? Wir schaffen das.“

„Ja, wir schaffen das“, wiederholte Keya schläfrig und rollte sich auf dem Boden zusammen. Behutsam strich ich ihr über den Kopf und legte mich dann neben sie, da sie meine Hand fest in ihrer hatte. 

„Bitte Jhuvak?“, murmelte ich noch, denn mehr traute ich mir nicht zu. Am liebsten wäre ich in Tränen ausgebrochen, denn genau dieses Verhalten kannte ich auch von meinem Bruder. 

Als wir Kinder waren und von unserem Vater bestraft wurden, schmiedete er auch immer mitten in der Nacht Pläne, sofort zu verschwinden. Seine Augen wurden starr und er packte hecktisch alles zusammen. Ich war zwar kleiner als er, doch ich schaffte es irgendwie, ihn zum Bett zu zerren. Dort redete ich ruhig auf ihn ein und auch er kauerte sich zu einer Kugel zusammen und zog mich an sich, um nicht alleine sein zu müssen. Vielleicht war das ja eine Sache unter Erdbändigern, auf jeden Fall vermisste ich Bel jetzt wieder mehr denn je und hoffte, dass Jhuvak mein leises Schluchzten nicht hörte. 

Nach einiger Zeit, in der ich immer nur das Gesicht von meinem Bruder vor mir sah, wenn ich die Augen schloss, schlief ich dann endlich ein. 

 

♛♛♛

 

„Aufwachen, Cara“, drang eine männliche Stimme in meine Gedanken. 

Damien?

Ich spürte, wie jemand meine Haare zur Seite strich und mir einen Kuss auf die Stirn drückte. Mein Herz begann zu flattern und Glück durchströmte meinen Körper. Doch dann stutzte ich: Der Geruch, der meine Nase füllte war nicht etwa der des Alpha‘s sondern der von meinem Bruder!

Wie vom Blitz getroffen sprang ich auf und zog dabei fast Keya mit hoch, die immer noch meine Hand fest umschlossen hielt. 

„Was ist denn los?“, murmelte sie, schlief jedoch dann weiter, ohne mich noch weiter zu beachten. 

Hecktisch blickte ich mich um, doch nur Schwärze umgab uns. Ich hatte wohl nur geträumt, und doch war der Traum so echt gewesen. Gerade wollte ich mich wieder hinlegen, als ich jemanden rufen hörte. 

„Tányl? Bist du da? Ich brauche dich!“

Der Luftbändiger schreckte aus dem Schlaf hoch und stellte sich hin, seine Augen geweitet, um irgendetwas erkennen zu können. Langsam wurde es heller und ein paar Sonnenstrahlen fielen durch das Laub zu uns hinab. War es nicht eben noch Nacht gewesen? Wer hatte überhaupt den letzten Wachdienst gehabt? 

„Faslyn? Wo bist du, was ist passiert?“, rief Tányl und blickte sich in dem Wald um, der mir immer gespenstischer vorkam. Der Elf fuhr sich durch seine langen Haare, um sie zu richten, während er sich hektisch umschaute. 

„Wer ist Faslyn?“, fragte ich, während ich mich ihm vorsichtig näherte. Ich hatte schon eine dunkle Vorahnung und der ungläubige Blick des Elfen bestätigte sie leider. 

„Mein Bruder, ich würde diese Stimme überall erkennen! Ich muss ihm folgen“, sagte Tányl und der sonst so gefasste und intelligente Luftbändiger schien völlig aufgelöst. 

„Ich fliege kurz hoch, vielleicht sehe ich ihn da besser.“

„Nein, Tányl! Bleib hier“, versuchte ich ihn aufzuhalten, doch als ich bei ihm ankam, konnte ich nur noch seinen Schuh streifen, dann war er schon in den Baumkronen verschwunden. 

„Das kann doch nicht wahr sein“, murmelte ich. Gerade wollte ich die anderen wecken, damit wir zusammen nach Tányl suchen konnten, doch da passierte schon das nächste Unglück: Der Vater von Jhuvak kam auf uns zu, mit einer funkelnden Krone auf dem Haupt und Überheblichkeit ins Gesicht geschrieben. 

„Du hast es mal wieder nicht geschafft, Jhuvak. Ich bin Zelphar, der Drachentöter und selbst ohne ein Element zu beherrschen, konnte ich die Drachen verbannen. Doch du, du hast es nicht einmal geschafft, die Krone zu holen.“

Ich hatte spüren können, dass der Prinz immer näher zu mir gekommen war und jetzt fühlte ich seinen Atem auf meiner Haut. Weil ich selber wusste, was es hieß, seinen Vater zu enttäuschen, und ich das oft mit Bélamy durchgemacht hatte, griff ich instinktiv nach seiner Hand. Er drückte sie leicht, und als ich ihn ansah, konnte ich erkennen, dass er schmunzelte: „Mein Vater muss erst kommen und mich fertig machen, damit du meine Hand hälst?“

Verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen und ließ schnell wieder los, während Zelphar irgendwie immer durchsichtiger wurde. 

„Woher wusstest du, dass er nicht real ist?“, fragte ich erstaunt, denn fast hätte ich es auch geglaubt. 

„Ich habe mich darauf eingestellt, dass die Feen so versuchen, uns zu besiegen. Ich glaube nicht, dass sie gut in einem Kampf sind, sie verwirren ihre Opfer nur durch solche Gedankenspiele“, erklärte Jhuvak und grinste: „Und ich dachte immer, Tányl sei der Schlauste von uns.“

Obwohl es mir auf der Zunge brannte, Jhuvak über seinen Vater und Drachen auszufragen, wurde mir bewusst, dass wir jetzt erst nach Tányl suchen mussten. 

„Shîa, bitte! Ich bin es doch, Keya. Wir sind Freunde, weißt du noch?“

Jetzt erst bemerkte ich die Nigrå, die knurrend vor uns stand uns kurz davor war, anzugreifen. Keya versuchte sie aufzuhalten, doch es war, als würde das Tier sie gar nicht wieder erkennen. 

„Wir müssen ihr irgendwie klar machen, dass Shîa nicht real ist“, sagte ich zu dem Prinzen und der nickte. 

„Ich kümmere mich um Keya, du um Sam“, befahl er mir, doch dieses Mal gehorchte ich ihm ohne Widerspruch. 

„Sam? Du musst aufwachen. Wir müssen weiter“, flüsterte ich der Gestaltenwandlerin ins Ohr und rüttelte leicht an ihren Schultern. 

„Sam“, sagte ich jetzt lauter, da sie sich nicht rührte. 

„Es tut mir Leid, Bitte verzeih mir!“, schrie sie plötzlich und zuckte zusammen, wobei ihr die Haare ins Gesicht fielen. Gerade, als ich diese zur Seite streichen wollte, schlug sie die Augen auf und blickte mich mit starrem Blick an. Eine Träne bildete sich in ihrem linken Auge und lief einsam ihre Wange hinunter, ohne dass Sam sie wegwischte. Anscheinend gönnte sie sich einen Augenblick der Schwäche, denn als die Träne auf dem Boden aufkam, setzte sie sich entschlossen auf und räusperte sich. 

„Ist alles gut bei dir?“, fragte ich vorsichtig, obwohl ich ihre Antwort schon kannte. 

„Natürlich. Mir geht es super. Muss ich Wache halten, oder gehen wir weiter?“

„Wir gehen weiter, wir müssen Tányl suchen“, sagte ich knapp, denn wir mussten uns wirklich beeilen, sonst würde der Luftbändiger schon bald außer Reichweite sein. 

Jhuvak hatte es geschafft, Keya einigermaßen zu beruhigen und so packten wir hastig alle Sachen zusammen, um uns auf den Weg zu machen. 

Gerade, als ich den Wasserbeutel an meinem Gürtel befestigte, fiel mein Blick zu einem Busch rechts von mir. Von dort blickten mich zwei eisblaue Wolfsaugen an. 

Mein Herz fing an wie wild zu schlagen und meine Eingeweide schienen sich zu verknoten. Konnte das wirklich mein Vater sein? Ich wusste ja, dass er alleine durch die Gegend streunte, vielleicht hatte er hier ein neues Zuhause gefunden. 

„Luvón?“, fragte ich begeistert, vielleicht würde ich endlich meinen leiblichen Vater kennen lernen. 

„Cara, das ist nicht dein Vater“, meinte Sam sofort, während Jhuvak und Keya noch nicht wussten, von wem ich sprach. 

„Aber siehst du nicht die blauen Augen? Er will, dass ich ihm folge!“, entgegnete ich entschlossen und ging auch schon auf das Gebüsch zu, als mich jemand an der Taille packte und einfach hoch hob. 

„Hey, lass mich los!“, beschwerte ich mich, doch als ich wieder zu dem Busch schauen konnte, waren die Augen verschwunden. Jhuvak setzte mich vorsichtig ab, doch ich war keinesfalls erfreut über sein Eingreifen. 

„Was tust du da?“, fragte ich erbost und schubste ihn mit aller Kraft von mir weg, obwohl ich dadurch keinen großen Schaden anrichtete. 

„Caraleya, er ist nicht real“, sagte der Prinz mit seiner beruhigenden Stimme, doch ich war mir hundert Prozent sicher gewesen, dass dieser schwarze Wolf nicht von den Feen gemacht wurde, sondern dass er wirklich mein Vater war. 

„Was fällt euch besseres ein, als ihm zu folgen?“

„Eigentlich hat sie Recht. Selbst wenn er von den Feen war, werden sie uns wohl zum selben Ort wie Tányl führen, oder?“, stellte Sam fest, obwohl Zweifel in ihrer Stimme lag. 

„Okay, dann folgen wir zwei geheimnisvollen blauen Wolfsaugen. Das ist wirklich eine perfekte Idee. Nicht! Ich habe euch ja gleich gesagt, dass wir hier verschwinden sollten. Ich fühle mich hier nicht wohl“, meinte Keya verängstigt und ging so nah wie möglich bei Jhuvak, anscheinend schien sie zu glauben, dass er sie schützen könne. 

„Sei nicht so ein Angsthase, Keya. Los, Cara. Du gehst vor, es ist dein Hirngespinst“, befahl Sam und verstaute ihren Bogen, als würde sie keine Gefahr befürchten. 

 

Kapitel 13

 

Die Lösung ist immer einfach, 

man muss sie nur finden.

 

Alexander Solschenizyn 

 

 

„Wir laufen jetzt schon seid Stunden diesen Augen hinterher und Tányl haben wir immer noch nicht entdeckt. Ich sage, wir drehen um. Wenn wir überhaupt noch wissen, wo wir sind. Der Wald ist nämlich riesig“, beschwerte Keya sich, ihr Schwert gezückt und bereit für einen Angriff, der noch nicht gekommen war. 

„Entspann dich. Ich habe das Gefühl, das wir uns dem Ende des Waldes nähern“, meinte Sam und sie sollte damit auch Recht behalten. Nach und nach wurden die Bäume weniger dicht und schon bald standen wir am Fuß eines Berges, der sich so hoch erstreckte, dass sein Gipfel im Nebel lag. 

Auf einmal spürte ich die Anwesenheit meines Vaters erneut und drehte mich schnell nach rechts, um ein Blick auf ihn erhaschen zu können. Doch anstatt dass er weglief, wie sonst immer, blieb er ruhig stehen, die blauen Augen auf mich gerichtet. Für einen kurzen Moment schimmerte etwas Menschlichkeit in seinen Augen, doch dann wurde er wieder zum Tier und knurrte mich an. 

„Warum verwandelt er sich nicht einfach in einen Menschen?“, fragte ich Sam, als wir alle langsam in Richtung Berg gingen, den Wolf nicht aus den Augen lassend. 

„Ich glaube, er war schon zu lange ein Wolf. Sein tierischer Instinkt hat die Oberhand gewonnen, nur seine starke Liebe zu dir hält ihn davon ab, uns anzugreifen“, erklärte die Schwarzhaarige: „Ich halte ihn auf, ihr könnt schonmal auf den Berg steigen.“

„Er ist mein Vater, er wird mich nicht angreifen“, meinte ich aufgebracht, doch das aggressive Knurren des Wolfes unterstützte meine Worte nicht. 

„Ohne das Rudel kann er mit niemandem reden, und so wird er immer wilder“, erklärte Sam und fing schon an, sich in einen Wolf zu verwandeln. 

„Los, lauft!“, rief Jhuvak und packte mich am Arm, um mich von den beiden schwarzen Wölfen wegzuziehen. 

„Dad!“, rief ich verzweifelt, doch ich wehrte mich nicht gegen den festen, aber sanften Griff des Prinzen. 

So schnell wir konnten liefen wir das Gras des Berges hoch, doch es war sehr steil und unsere Kraft war bald am Ende. Als Keya auf Geröll ausrutschte und sich die Hände beim Fall aufschürfte, gingen wir langsamer, unser schnelles Atmen füllte die immer dünner werdende Bergluft. 

„Meint ihr, dass Tányl hier oben ist?“, fragte ich zwischen meinem keuchendem Atem und Jhuvak nickte. Ich wartete darauf, dass er noch etwas sagte, doch er schien seine Luft zum Atmen zu brauchen. 

Hier oben wuchsen kleine Bäume, die uns nur bis zur Brust gingen und an denen man sich gut festhalten konnte, falls der Hang zu steil wurde. Schweigend kletterten wir immer weiter den Berg hoch, bis wir an einen Bach kamen. Dort stillten wir unseren Durst und folgten ihm dann. Nun übertönte das Rauschen des Baches die Stille, doch auch hier konnte ich ein paar Vögel und die Warnrufe von Murmeltieren hören. 

„Da ist ein Wasserfall!“, schrie Jhuvak, der vorne ging. 

„Lasst uns auf Sam warten, bevor wir hoch klettern“, schlug Keya vor und wir alle befanden das als eine gute Idee.  Also warteten wir vor dem wunderschönen Wasserfall, der aus einem See zu fließen schien. 

Nach wenigen Minuten kam ihnen eine sehr zerkratzte Sam entgegen, deren Haare zerzaust waren und ihre Augen schienen irgendwie tot. 

„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte ich entsetzt und lief zu ihr, vorsichtig damit ich nicht in den Fluss trat. 

„Dein Vater hat nur versucht, mich umzubringen“, meinte Sam sarkastisch und rieb sich die Augen. Als sie mich danach anlächelte, schien die alte Sam wieder da zu sein. 

„Was ist mit der Wunde an deinem Hals? Die sieht ganz schön gefährlich aus“, warf Jhuvak ein und war auch schon dabei, Sam zu heilen. Zu meiner Verwunderung ließ sie es ohne Widerstand geschehen. Vielleicht hatte sie endlich eingesehen, dass wir uns gegenseitig helfen mussten, um hier zu überleben. 

„Wollen wir dann dort hoch?“, fragte Keya ungeduldig, als würde sie alles hier einfach schnell hinter sich bringen wollen. 

 

Es war ein harter Aufstieg gewesen, doch als ich oben angekommen war, machte der Ausblick die Kletterei wieder wett. Von hier oben konnte man einen klaren See mit türkis blauem Wasser sehen, welcher friedlich auf der Ebene des Berges lag, der dahinter noch weiter hoch ging. Südlich von uns konnten wir den Feenwald sehen, und auch zu dem Alluth-Gebirge blicken. 

„Hier oben ist alles so friedlich“,  seufzte Keya, die nach mir hoch gekommen war. Auch Jhuvak und Sam waren beeindruckt von der Aussicht, doch am glücklichsten waren wir über den Anblick von Tányl am anderen Ende des Sees. Er war über das Wasser gebeugt und schien mit jemandem zu reden. 

„Tányl!“, rief ich aufgeregt und sprintete um den See, mir folgten auch Jhuvak und Keya, Sam war nicht so schnell und kam langsamer hinterher. 

Tányl schreckte hoch, als er seinen Namen hörte, so als wäre er aus einer Trance erwacht. Dann richtete er sich auf und als er uns entdeckte, breitete sich ein erleichtertes Lächeln auf seinem Gesicht aus. 

„Caraleya, Jhuvak, Keya, Sam! Ihr habt mich gefunden!“

Glücklich umarmte ich ihn, denn trotz meiner Bedenken hatte ich es geschafft, uns alle hier her zu bringen. 

„Hey, ich hab nie so eine Umarmung bekommen“, beschwerte sich Jhuvak schmunzelnd und erntete einen liebevollen Knuff in die Magengrube. 

„Sind das Meerjungfrauen?“, fragte Keya, die skeptisch das Wasser betrachtete. 

„Nein, Meerjungfrauen leben nur in Salzwasser. Hier leben Nixen, die sind harmlos und sehr nett“, erklärte Tányl. Der Prinz schlug ihm lachend auf den Rücken: „Endlich haben wir unsere wandelnde Bibliothek wieder.“

„Wollen wir nicht weiter nach der Krone suchen?“, fragte Sam, die etwas nervös schien. 

„Was ist denn los?“, fragte ich besorgt, bis mir wieder einfiel, dass sie ja Höhenangst hatte. Mitfühlend streichelte ich ihr den Rücken und dankbar schenkte sie mir ein Lächeln. 

„Geh nicht, Tányl!“, hörte ich eine säuselnde Frauenstimme, die nur von den Nixen stammen konnte. Tányl drehte sich sofort zu den Oberkörpern um, die aus dem Wasser schauten. Keya zog scharf die Luft ein, als sie bemerkte, dass diese Wesen völlig nackt waren und nur ihre wunderschönen, langen Haare ihre Busen bedeckten. 

Eine Meerjungfrau mit goldenen Haaren winkte dem Elfen und eine andere warf ihm einen Handkuss zu. 

„Besuch uns wieder!“, flötete die Blonde und ich konnte sehen, wie der Luftbändiger rot anlief. 

„Wie ich sehe, hast du viel Spaß gehabt, während wir uns um dich Sorgen gemacht haben!“, beschwerte sich Jhuvak halbherzig und irgendwie mussten wir alle lachen. Vielleicht waren wir zu angespannt. 

„Wollen wir weitergehen, oder sollen wir euch Jungs lieber bei den reizenden Nixen lassen?“, fragte Sam verbissen. Sie war schon weiter hoch gegangen, immer auf den Nebel zu. 

„Woher wisst ihr eigentlich, dass wir da hoch müssen?“, fragte Keya, doch auch auf diese Frage wusste Tányl eine Antwort: „Mir haben es die Nixen erzählt, aber ich wollte hier auf euch warten.“

„Und ich weiß es wegen meinem Vater. Also können wir ja gar nicht falsch liegen“, fügte ich hinzu, während ich Sam schon folgte. 

„Ihr seid doch alle verrückt“, murmelte Keya, die das Schlusslicht unserer Gruppe bildete. 

 

♛♛♛

 

Es hatte etwa eine Stunde gedauert, bis wir den Nebel erreichten und wir alle waren sehr erschöpft vom Wandern. Obwohl wir lange laufen konnten, war es doch etwas anderes, einen Berg hinaufzugehen und dabei immer aufpassen zu müssen, wo man hintrat. Manche Steine auf unserem Weg waren locker und rollten bei der kleinsten Berührung nach unten, während andere so fest waren, dass wir darauf sitzen konnten, um kurz etwas zu trinken. 

„Seid ihr bereit für den Abscédat aneima?“, fragte Tányl dramatisch und ich übersetzte für Sam: „Wir nennen ihn den Berg der Geister, da viele Elfen gespenstische Laute von hier gehört haben.“

„Aber ihr wisst, dass es keine Geister gibt?“, fragte Sam, doch es klang eher wie eine Aussage. 

„Das stimmt, aber der Legende nach wohnt hier der Gott der Luft, Leathus“, erklärte Tányl „und hier gehen die Seelen der Verstorbenen in das Reich der Toten. Und wenn man sich zu lange in dem Nebel aufhält, sieht man die Seelen der Toten.“

„Woher weißt du das alles? Ist es notwendig, dass man die Seele jedes Toten sieht?“, fragte Sam etwas verängstigt, als fürchtete sie, jemand ganz bestimmten zu sehen.

„Wir können auch im Laufen reden“, funkte der Prinz dazwischen und ich beeilte mich, um neben ihm zu gehen. Schon bei den Elfen hatte ich gemerkt, dass er von diesen Gedankenspielen nicht beeindruckt war und so dachte ich mir, dass es am sichersten neben ihm war. 

„Meinst du, dass du einen Toten sehen wirst?“, fragte Jhuvak mich, während wir durch den dicken Nebel stapften. Schon jetzt konnten wir den See der Nixen nicht mehr sehen und auch vor uns war fast nichts zu erkennen. 

Der Berg wurde bald so steil, dass wir mit allen Vieren klettern mussten und ich war so angestrengt, dass ich dem Prinzen nicht antworten konnte. 

Für mich gab es wohl nur eine Person, die mir erscheinen könnte und das war meine frühere Hebamme, die für mich wie eine zweite Mutter gewesen war. Einmal hatte sie sich vor meinem Vater über meine Erziehung beschwert und wurde sofort in den Tod gestürzt. 

„Tányl, du bist es wirklich“, kam eine Stimme von rechts und ich wusste, dass es sein Bruder sein musste. 

„Mein Sohn, wie schön ist es, dich zu sehen“, sagte eine tiefere Stimme und ich vermutete, dass dies sein Vater war. Als ich mich nach rechts drehte, konnte ich drei Personen neben uns stehen sehen. Sie sahen sehr real aus, nur ihr schweben verriet, dass sie nur die Geister ihrer selbst waren. 

Die Frau hatte dunkelblonde Haare und ein liebevolles Lächeln auf dem Gesicht. Der Vater, hatte weiße Haare, genau wie sein Zwillingsbruder, der seine Haare jedoch kürzer als Tányl trug. Alle drei sahen so friedlich und entspannt aus, dass ich sie für einen kurzen Moment beneidete. Doch sofort schämte ich mich für meine Gedanken und widmete mich Tányl, der sofort erstarrt war, als er seine Familie gesehen hatte. 

„Mein Schatz, was ist mit deinem Auge passiert? Komm zu uns, wir können dich heilen“, sagte seine Mutter mit sanfter Stimme und ich konnte erkennen, dass der Luftbändiger schon einen kleinen Schritt nach vorne machte. Er schien wie in Trance, diese Gedankenmagie schien ihn am meisten zu beeinflussen. 

„Tányl, du musst bei uns bleiben. Du kannst leben!“, meinte Jhuvak uns schnipste seinem Leibwächter, der auf dieser Reise zu seinem Freund geworden war, vor dem Gesicht herum. 

„Es tut mir so Leid, dass ich dich enttäuscht habe“, hörte ich plötzlich eine viel zu vertraute Stimme hinter mir und machte einen Satz nach hinten, als ich die Seele erkannte, die da schwebte. Ich löste eine kleine Gerölllawine aus, doch keiner wurde verletzt. 

Die schwarzen Haare, das schmale Gesicht, die Person hinter mir war keine andere als Sam! Ungläubig schaute ich von der Seele zu der lebendigen Sam und wieder zurück. Auch die echte Sam war leichenblass geworden und schüttelte den Kopf, als wollte sie nicht glauben, was gerade passierte. 

„Sam, was ist hier los?“, fragte Keya, die als erste ihre Stimme wiedergefunden hatte. 

„Ja, Sam. Was ist hier los?“, fragte die schwebende Sam und ihre Stimme klang nicht so friedlich wie die von Tányls Mutter. 

„Das ist Alessândra, meine Zwillingsschwester“, stotterte Sam, die aussah, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. 

„Du hast mir nie von ihr erzählt!“, meinte ich, doch ich vermutete schon, dass etwas schreckliches mit ihr passiert war. 

„Wir waren zusammen Nachts jagen, obwohl Damien es uns verboten hatte. Wir waren zu dem Wald nach Tarsis gelaufen und hatten schon unsere Beute gefangen. Alessândra wollte sofort gehen, doch ich hielt es für eine bessere Idee, weiter vorzudringen und einen Blick auf die Elfen zu werfen. Doch plötzlich hörte ich ein vertrautes Surren und dann ging der schwarze Wolf neben mir zu Boden.“ Bei den letzten Worten konnte Sam nicht mehr an sich halten und schluchzte laut. Schnell ging ich zu ihr und zog sie in eine feste Umarmung. 

„Ist schon okay. Es ist nicht deine Schuld“, flüsterte ich ihr leise zu, und die anderen Drei schwiegen, um uns etwas Privatsphäre zu gewähren. 

Sam nickte und löste sich langsam aus meiner Umarmung. Als wir beide wieder zu der Stelle guckten, wo Alessândra schwebte, war diese verschwunden. Die Gestaltenwandlerin wischte sich ihre Tränen weg, schniefte und straffte dann ihre Schultern.  

„Lasst uns weiter gehen“, sagte sie. Ihre Stimme wollte ihr noch nicht so recht gehorchen, doch wir sagten nichts dazu und liefen schweigsam weiter. Tányl schien immer noch darüber nachzudenken, was seine Familie gesagt hatte und angstvoll beobachtete ich ihn, denn ich fürchtete, dass er vielleicht lieber sterben wollte, um mit ihr vereint zu sein. 

Der Weg von Geröll, dem wir gefolgt waren, wurde jetzt wieder flacher und atemberaubende Blumen wuchsen an beiden Seiten. 

„Solche Blumen habe ich noch niemals gesehen!“, staunte Keya und bückte sich zu einer türkisblauen Blüte hinunter, deren Blätter länger als mein Unterarm waren und die würzig roch. 

„Fasst nichts an!“, warnte Tányl, der zielstrebig voran schritt, ohne den Blumen nur eines Blickes zu würdigen „Ich kann Leathus Macht schon spüren, wir sind ganz nah am Tor in die Welt der Toten.“ 

Wir mussten uns beeilen, um dem Luftbändiger folgen zu können, doch dann prallte Sam gegen ihn, als er plötzlich stehen blieb. 

„Autsch!“, beschwerte sie sich, aber als sie sich umschaute, fiel ihr die Kinnlade runter. 

Ich war immer noch in dem Nebel und so lief ich das letzte Stück, um auch sehen zu können, was die beiden sahen. Nachdem ich bei Sam angekommen war und mich umgeschaut hatte, wusste ich, dass dieser Ort wohl der schönste und zugleich grausamste in ganz Eryendôr war. 

Wir waren über dem Nebel angekommen und konnten auf das weiß hinunterschauen. Aus dem Nebel kamen traurige und verzweifelte Schreie und manchmal konnten wir die Gesichter der Seelen erkennen. Der Gipfel des Berges war etwa zehn mal zehn Schritte breit, doch der meiste Platz wurde von einem riesigen goldenen Tor eingenommen, in welchem Ranken und Blätter eingeritzt waren. Die Tore waren geschlossen, beide Türen waren pechschwarz und aus Holz gemacht. Vor dem Tor blühten noch viel schönere Blumen in einer so großen Vielfalt, dass nicht eine doppelt vorhanden war. Ein Weg aus goldenen Steinen führte zu dem Tor, neben welchem zwei Statuen standen, die schwarze Riesen darstellten. 

Tányl erschauderte bei dem Anblick der Giganten, doch mein Blick wanderte zu den Köpfen, denn auf beiden Statuen befand sich jeweils eine goldene Krone.

Kapitel 14

 

Mancher findet sein Herz nicht eher, 

als bis er seinen Kopf verliert

 

 

 

Friedrich Nietzsche 

 

 

„Wir haben sie gefunden“, flüsterte Sam ehrfurchtsvoll und ging langsam auf die Kanróbri zu. 

„Warte!“, rief Tányl und legte ihr eine Hand auf die Schulter „Ich habe zwar nur ein Auge, aber selbst ich kann zwei Kronen erkennen.“

„Und eine von beiden ist die richtige. Wir sollten sie einfach beide holen“, unterstützte Keya die Schwarzhaarige, doch ich hatte auch begriffen, was Tányl sagen wollte. Leathus war bekannt als der listige Gott, und die meisten Luftbändiger liebten es, Streiche zu spielen. 

„Worauf Tányl hinauswill, ist, dass es nicht einfach sein wird, diese Kronen zu beschaffen. Leathus wird sie mit Rätseln geschützt haben.“

„Als ob es nicht schon schwer genug war, hier her zu gelangen! Will dieser Gott überhaupt, dass Eryendôr gerettet wird?“, erboste sich Sam und auf einmal zerzauste ein heftiger Windstoß unsere Haare. 

„Beleidige niemals einen Gott, vor allem nicht vor seinem Haus!“, quiekte Keya, straffte jedoch dann ihre Schultern  und rief: „Leathus, Gott der Luft, zeige dich!“

Der Wind wurde stärker, doch die Blumen und auch der Nebel unter uns wurde nicht berührt, nur unsere Haare flogen in alle Himmelsrichtungen, als sich ein Menschengroßer Tornado vor uns bildete. 

Im inneren wurde er immer dunkler, nahm Gestalt an, als der Wind sich so plötzlich legte, wie er gekommen war. Vor uns stand ein großer Elf mit kurzen, braunen Haaren und grauen Augen. Ich musste nicht seine Narben oder den Bogen sehen, um zu erkennen, dass dies der Mann war, den ich neben Tányl gesehen hatte. 

„Ihr wollt die Krone nehmen, doch nur wer würdig ist, darf sie tragen. Ich werde euch also Aufgaben stellen, wenn ihr sie meistert, dürft ihr die Krone holen. Versagt ihr jedoch, dann muss ich euch mit mir ins Reich der Toten nehmen“, erklärte der Gott und mir lief bei seinen Worten ein Schauer über den Rücken. 

„Wir sind bereit für deine Aufgaben“, sagte Jhuvak selbstsicher, tastete jedoch gleichzeitig nach meiner Hand, um sie kurz zu drücken. Bei der Berührung musste ich lächeln und fühlte mich etwas mutiger. 

„Nun denn. Zuerst werde ich euren Zusammenhalt testen, denn nur gemeinsam könnt ihr Glóricus aufhalten. Wem aus der Gruppe misstraut ihr jeweils am meisten? Und sagt die Wahrheit, sonst werdet ihr der Krone nicht näher kommen.“

Verwirrt schauten wir uns an, doch Tányl antwortete als erster: „Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich vertraue Sam am wenigsten.“

Empört baute sich Sam vor dem Weißhaarigen auf: „Wie bitte? Habe ich dir je Grund gegeben, mir zu misstrauen? Ist es, weil ich eine Wölfin bin?“

Ich meinte zu erkennen, dass ihre Augen kurz gelb leuchteten, und sie schien gekränkt zu sein. Vielleicht war es nicht nur meine Einbildung gewesen und sie mochte diesen Luftbändiger mehr, als sie zugeben wollte. 

„Bitte, ich vertraue dir auch am wenigsten!“, meinte sie, ohne Tányl antworten zu lassen und kam kopfschüttelnd zu mir, sodass ich sie in den Arm nehmen konnte. 

„Ich vertraue eigentlich allen hier, doch Jhuvak ist der Prinz und ich diene ihm ja, also vertraue ich ihm vollkommen, genauso wie Tányl, denn er ist auch mein Freund, auch wenn wir uns manchmal streiten und Caraleya, nun ja, sie soll die Retterin von Eryendôr sein, also-“, sagte Keya schnell, doch Sam unterbrach sie: „Also vertraust auch du mir am wenigsten. Ihr alle vertraut mir nicht, so ist es doch.“

„Das stimmt nicht, Samagra. Es ist nur so, dass ich Tányl uns Keya schon länger kenne als dich und Cara, sie ist eben die Retterin“, stammelte Jhuvak, was ihm gar nicht ähnlich sah. Normalerweise war er immer so selbstbewusst. 

„Ich vertraue dir, Sam“, verteidigte ich meine Freundin laut, damit sie nicht noch mehr verletzt wurde: „Du bist meine beste Freundin und dir kann ich alles anvertrauen. Ich verdanke dir mein Leben, denn du hast mir gezeigt, dass ich zu einem Rudel gehöre. Deinetwegen weiß ich, dass mein Vater kein grausamer Tyrann ist.“

Kurz zuckten Sam‘s Mundwinkel und das gelb erleuchtete erneut, doch dann grinste sie wieder kess und umarmte mich liebevoll. „Danke, das bedeutet mir viel.“

„Doch wem misstraust du am meisten?“, fragte Laethus geduldig. Ich biss mir auf die Lippe, nachdem Sam sich aus der Umarmung gelöst hatte und schaute in die erwartungsvollen Gesichter der Elfen, die ich schon als meine Freunde bezeichnete. 

„Es tut mir so leid. Jhuvak“, flüsterte ich, doch der Prinz hatte mich gehört. Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen, denn ich wusste, dass ich ihn durch meine Worte verletzt hatte. Ich hoffte, dass er mich jetzt fragen würde, warum, damit ich es ihm erklären konnte, doch er blieb still. 

„Einer von euch hat nicht ganz die Wahrheit gesagt“, meinte der Gott ruhig, als erwartete er, dass diese Person sofort vor treten würde. Und das tat sie auch, denn so leise wie möglich murmelte Sam: „Jhuvak.“

„Nun gut, das werde ich gelten lassen“, sagte Laethus mit seiner Stimme, die vom Wind getragen wurde und so wie ein Echo in dem Nebel klang. 

„Doch das war der leichte Teil der Aufgaben, jetzt folgt der anspruchsvolle Teil, der euch alle an eure Grenzen treiben wird. Einer von euch muss lösen das Rätsel, einer von euch muss bekämpfen die Angst, einer von euch die Biester besiegen, einer von euch die Wahrheit ans Licht bringen und einer von euch wird die Krone kriegen.“

Lange schwiegen wir alle, und nur die vereinzelten Schreie der unglücklichen Seelen durchbrach die vollkommene Stille, die hier über dem Nebel herrschte. Keine Tiere lebten hier, kein Bach plätscherte sogar der Wind hatte sich gelegt. 

Wir blickten uns an, nur Jhuvak mied meine Augen und wir alle überlegten, welche Aufgabe wir am besten meistern konnten. Ich selbst wusste nicht, was ich machen sollte, denn ich wusste nicht, was ich erwarten konnte. Keine der Aufgaben würde leicht sein, nicht einmal die Krone zu bekommen. 

„Ich werde das Rätsel lösen. Ich bin der Luftbändiger, und früher habe ich oft welche mit meinem Bruder gelöst. Noch dazu bin ich ein unbrauchbarer Kämpfer und den Seelen hier kann ich nicht widerstehen“, sagte Tányl mit beschlagener Stimme, anscheinend hatte er wieder an seine Familie gedacht, seine Mutter, die ihn zu sich gebeten hatte. 

Jhuvak nickte, als hielte er diese Idee für die Beste und fügte dann hinzu: „Und ich werde die Angst bekämpfen. Ich lebe schon mein ganzes Leben in Angst vor dem Dunkeln Fürsten und es wird Zeit, dass ich sie besiege.“

„Ich besiege die Biester, ich bin schließlich der Tierflüsterer. Vielleicht kann ich sie ja dazu bewegen, für uns zu kämpfen“, versuchte Keya zu scherzen, doch sofort widersprach ich ihr, denn ich fand es viel zu gefährlich, dass sie gegen Biester kämpfen sollte, wenn es ihr so weh getan hatte, als Shîa scheinbar verletzt gewesen war. 

„Das kann ich nicht zulassen, ich werde gegen die Biester kämpfen, du kannst die Wahrheit herausfinden.“

„Nein, Cara. Wir brauchen dich mehr als mich. Du musst den Dunklen Fürsten besiegen und vielleicht lernst du etwas über ihn, was du noch nicht wusstest und womit du ihn schlagen kannst. Ich werde die Biester besiegen“, sagte Keya bestimmt und zog ihr Schwert und ihr Schild, bereit für einen Kampf. 

„Dann werde ich wohl die Krone holen“, meinte Sam entschlossen und ich lächelte ihr zu: „Dann kannst du ihnen beweisen, dass wir dir vertrauen können!“

Ich konnte sehen, wie sich die Kiefermuskeln des Prinzen anspannten, als er seine Zähne fest aufeinander biss, doch er erhob keinen Einwand. Es tat mir im Herzen weh, dass er mich jetzt so ignorierte, denn er war zu meinem Freund geworden, nur sein Verhalten in Tarsis und auch das seines Vaters waren so eigenartig gewesen. Außerdem vertraute ich ihm ja, nur vertraute ich den anderen etwas mehr. 

„So soll es sein“, sprach der Gott und unterbrach damit meine Gedanken. Schnell blickte ich von Jhuvak zu Laethus, der tief Luft holte und dann pustete. Weißer Rauch kam aus seinem Mund, der uns alle einhüllte und es unmöglich machte, noch etwas zu erkennen. Selbst meine eigenen Hände konnte ich nicht mehr erkennen, wenn ich sie mir nicht direkt vor die Augen hielt. 

„Seid ihr noch da?“, rief Jhuvak und Erleichterung durchströmte mich beim Klang seiner Stimme. 

„Ja, ich bin hier!“, rief Keya. Auch Tányl und Sam antworteten und so wusste ich, dass alle wohlauf waren. Zumindest jetzt noch. 

„Der Nebel lichtet sich, ich bin immer noch auf der Wiese. Doch sie ist jetzt unendlich und ihr seid alle erstarrt!“, informierte Tányl uns, Angst in seiner Stimme. 

„Konzentriere dich auf deine Aufgabe“, dröhnte die Stimme des Gottes in unseren Ohren. 

„Ich war einst ein Stern, doch jetzt glitzert nur der Schnee, den ich erschaffe. Wer bin ich?“

Ich runzelte die Stirn und dachte über diese Frage nach. Ich hatte keinen Schimmer, worauf der Gott hinaus wollte. Klar, ich hatte schon einmal Sternschnuppen gesehen, doch niemals war ein Stern gefunden worden und ob ein Gestein vom Himmel Schnee erschaffen konnte, bezweifelte ich sehr. 

„Nun, weißt du die Antwort oder scheitert ihr schon bei der ersten Aufgabe?“, fragte der Gott, der ungeduldig zu werden schien. 

„Ich weiß die Antwort. Sterne, die vom Himmel fallen, werden zu Feen. Diese leben friedlich in ihrem Wald und begleiten manchmal verlorene Seelen zum Abscédat aneima. Doch es gibt einige besondere Feen, die ohne Flügel geboren werden. Da sie von ihrem Volk nicht angenommen werden, essen sie eine Frigônei von den Nixen. Dadurch wachsen sie, doch diese Alge hat den Nebeneffekt, dass sie dann nur im Eis leben können und Schnee erschaffen“, sagte Tányl in einem Atemzug und musste erst einmal tief einatmen, als er fertig war. 

Ich konnte zwar nichts sehen, doch ich spürte, wie überrascht der Gott war, dass Tányl die Antwort gewusst hatte. 

„Das ist richtig. Doch jetzt kommt die zweite Aufgabe“, meinte Laethus mit seiner tiefen Stimme, die wirklich sehr angenehm klang, wenn man nicht gerade um sein Leben fürchten musste. 

„Ich kann mich bewegen“, informierte Jhuvak uns: „Ich kann euch alle erstarrt sehen. Hoffen wir, dass ich so gut wie Tányl bin.“

„Du schaffst das!“, feuerte Keya ihren Prinzen an und ich musste unwillkürlich schmunzeln, denn ich konnte mir genau ihr fröhliches Gesicht und ihre kindliche Unschuld vorstellen. 

„Nun gut. Bezwinge deine Angst oder stirb bei dem Versuch“, sagte Laethus. Plötzlich wurde es kalt in dem Nebel und ich konnte das Gefühl der Angst spüren, wie es sich immer weiter ausbreitete. 

Plötzlich sah ich verschwommene Bilder um mich herum, die alle nur kurz scharf wurden und meine größten Ängste darstellten. Einmal konnte ich Damien erkennen, wie er vor meinen Augen ein anderes Mädchen küsste. Doch dann wurde der Kuss immer heftiger und die beiden fingen an, sich auszuziehen. Kurz wurde das Bild wieder verschwommen, doch als es wieder scharf wurde, zuckte ich kurz zusammen. Dort stand mein Vater, Luvón, als hoch gewachsener Elf. Ich konnte sein Gesicht nicht wirklich erkennen, doch ich wusste genau, dass dies mein Vater war. Doch er war bösartig und schrie mich an: „Ich habe nicht für dich gekämpft, denn du bist mir nicht wichtig! Ich will dich nicht kennenlernen, ich wollte es niemals.“

Ich biss mir auf die Lippe, um meine Tränen zurückzuhalten und musste mich daran erinnern, dass ich meinen Vater an dem Abend gesehen hatte, als ich aus dem Schloss geflohen war. Er hatte mir geholfen, meine neue Familie zu finden. 

Das Bild verschwamm wieder und jetzt tauchte mein Bruder vor mir auf, seine Augen unschuldig, wie ich sie in Erinnerung hatte.
„Warum hast du mich verlassen, kleine Schwester?“, fragte er traurig, sodass ich ihn einfach nur umarmen und fest drücken wollte. Doch dann merkte ich, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Er blickte an sich herunter und als ich seinem Blick folgte, sah ich einen Pfeil in seiner Brust. 

„Du hast mich getötet“, sagte mein Bruder ruhig, als das Blut sein weißes Hemd rot färbte. 

„Nein, nein! Bitte! Bel! Ich liebe dich doch!“, heulte ich los, während ich auf die Knie sank und mein Gesicht in meinen Händen vergrub. Fast hörte ich den triumphierenden Schrei von dem Prinzen nicht, der anscheinend seine Angst bezwungen hatte. 

„Die Angst habt ihr bezwungen, doch könnt ihr das auch mit den Biestern tun?“, fragte der Gott und ich stellte mir vor, wie er hämisch grinste. 

„Ich werde das Tier besiegen oder umstimmen!“, sagte Keya, doch obwohl sie selbstbewusst klingen wollte, konnte ich aus ihrer Stimme hören, dass auch sie gerade geweint hatte. 

Ich konnte ein tiefes Grummeln hören und plötzlich einen lauten Ruf eines Bären. Mit jedem Faser meines Körpers hoffte ich, dass Keya nicht gegen den schwarzen Riesen kämpfen musste, denn diese Tiere waren nur bösartig und liebten das Töten. 

„Ich weiß, welche Krone die richtige ist! Der Bär hat eine rote Zunge“, versuchte Keya zu erklären, doch dann konnte sie nicht mehr weitersprechen und wir hörten einen dumpfen Laut. Der Bär war wohl auf sie zugesprungen, sodass sie zur Seite hatte laufen müssen.

Lange Zeit konnte ich nur das knurren des Bär‘s, seine Klauen auf ihrem Schild und das keuchen von der Elfe hören.  

Plötzlich ertönte ein markerschütternder Schrei, gefolgt von dem schmerzerfüllten Heulen des Bär‘s.  

„Was ist denn passiert?“, fragten die beiden Jungs gleichzeitig, doch ich merkte, wie sich der Nebel lichtete. Keya hatte es also geschafft, den Karnóbri zu töten, doch zu welchem Preis? 

Zuerst konnte ich Tányl, Jhuvak und Sam neben mir sehen, doch als mein Blick auf Keya fiel, die bewegungslos auf dem Boden lag, entwich mir ein entsetzter Schrei. Das Leder ihrer Rüstung war zerschnitten wie Butter und aus der Wunde blutete es viel zu schnell. 

„Geh nicht zu ihr. Du musst deine Aufgabe erfüllen, sonst ist sie umsonst gestorben“, hörte ich die Stimme des Gottes, der nicht mehr auf der Lichtung stand. 

Ich konnte das entsetzte Keuchen der Jungs hinter mir hören, doch ich gehorchte Laethus und straffte meine Schultern. 

„Bist du bereit, die Wahrheit über den Dunklen Fürsten herauszufinden?“, fragte Laethus und ich nickte eifrig. Desto schneller ich meine Aufgabe erledigen konnte, desto schneller konnten wir Keya helfen. Sie würde hier nicht sterben, nicht wenn Jhuvak sie vielleicht retten könnte. 

„Nun gut. Gehe in der Zeit zurück und du wirst die Wahrheit ans Licht bringen. Du musst nur die richtige Blume finden“, erklärte Laethus. 

„Tányl, hast du eine Idee für mich, welche Blume ich hier suchen muss?“, fragte ich, doch zu meiner Überraschung wusste der Luftbändiger nicht, welche Blume mich die Wahrheit finden lassen würde. 

„Beeil dich, sonst kann ich Keya nicht mehr retten!“, rief Jhuvak panisch, doch das machte es nicht einfacher, diese Blume zu finden. 

Ich blickte mich um, lief zu einigen von den wunderschönen Blumen, aber keine schien die richtige zu sein. Gerade, als ich aufgeben wollte, merkte ich, wie eine weiße Blume ihre Blätter langsam schloss, als würde sie wieder zur Knospe werden. Erleichtert atmete ich auf, doch irgendetwas hielt mich davon ab, sei zu pflücken. Ich bückte mich zu der Blume hinunter und roch an ihrem bezaubernden Duft. 

Plötzlich merkte ich, wie ich selber zu Staub wurde. Meine Hände lösten sich auf, dann meine Beine und schließlich mein ganzer Körper. Die anderen Blumen wurden immer größer und ich näherte mich dem Inneren der Blüte, die sich schloss, als ich ganz in der Blume war. Schwärze umgab mich, doch ich merkte, wie mein Körper wieder Gestalt annahm. 

„Hallo?“, fragte ich, aber niemand antwortete mir. Nicht einmal der Gott. War dies die richtige Blume gewesen, oder würde ich jetzt für immer in der Dunkelheit gefangen sein? 

Ich erkannte einen winzigen weißen Punkt rechts von mir und lief schnell darauf zu. Der Punkt wurde größer und größer. 

Plötzlich war alles weiß. 

 

♛♛♛

 

Verwirrt öffnete ich meine Augen. Ich war in einer Elfenmasse, die sich alle um einen Elfen scharrten, der auf dem Boden lag. 

„Gámo! Ich bitte dich, komm zu mir zurück“, hörte ich eine sehr vertraute Frauenstimme und erspähte die blonden Haare der Königin. Der Elf auf dem Boden hatte bronzefarbene Haare, die jedoch durch Dreck verschmutzt waren und seine Kleider waren zerfetzt. Seine braunen Augen blickten starr in den Himmel, es war klar, dass seine Seele seinen Körper schon verlassen hatte. 

Erst jetzt bemerkte ich den mageren Elfen, der auch neben dem Toten saß und als ich die schwarzen Haare und Augen erkannte, schienen sich meine Eingeweide zu verknoten. Ich blickte auf den Dunklen Fürsten, doch in diesem Augenblick sah er nicht böse oder grausam aus, sondern verzweifelt und traurig. 

„Macht Platz! Der König kommt!“, sagte eine Wache hinter mir und alle Elfen traten sofort zurück, damit das damalige Königspaar zu ihren Kindern gehen konnte. Die Königin sah Iphigenia sehr ähnlich, und als sie ihren toten Sohn erblickte, schlug sie die Hand vor den Mund und sank auf die Knie. Sie schien zu geschockt zu sein, um weinen zu können, doch der König war gar nicht traurig. Anstatt seine Frau und Tochter zu trösten, packte er Glorícus am Kragen und verpasste ihm eine schwungvolle Ohrfeige, die dem jungen Elfen die Tränen in die Augen trieb. 

„Es ist deine Schuld, dass dein Bruder tot ist! Wir hätten dich wegsperren sollen, als wir noch die Chance hatten!“, schrie Edor seinem eigenen Sohn ins Gesicht und für einen Augenblick fühlte ich mit dem Elfen, der bald der grausamste Elf Eryendôr‘s sein würde. 

„Vater, wie kannst du nur so etwas sagen! Es ist nicht seine Schuld“, verteidigte Iphigenia ihren Bruder und drängte sich zwischen die beiden, damit Edor ihn nicht noch einmal schlagen konnte. 

„Was sollen wir denn tun?“, fragte der König seine kleine Tochter, und ich merkte, wie verzweifelt er war. 

Glorícus wird wüten, Ferrania entsteht, 

Der dunkle Fürst wird grausam herrschen.
Eine schwarze Zeit,in der die Hoffnung verweht
Doch zur Rettung wird die Krone gefundn‘

Sie besiegt den Fürsten mit ihrer großen Macht

Und ihr Träger gibt auf Eryendôr Acht.“, wiederholte der schwarzhaarige Junge die Prophezeiung mit unbewegter Miene und warf einen letzten Blick auf seinen großen Bruder, bevor er sich umdrehte und langsam auf die Berge zuschritt. 

„Warte, Glorícus!“, rief Iphigenia ihm hinterher, doch sie machte keine Anstalten, ihm hinterherzulaufen. 

„Ferrania. Das steinerne Land. Ich werde einfach alleine in den Bergen leben, ihr glaubt eh schon daran, dass ich böse bin“, meinte der Schwarzhaarige traurig und am liebsten würde ich ihn einfach trösten. Auf einmal merkte ich, wie ich auch wirklich anfing zu laufen und alle aus meinem Weg gingen. Ich legte Glorícus die Hand auf die Schulter, jetzt erst merkte ich, dass ich nicht in meinem eigenen Körper war. 

„Darf ich mit dir kommen?“, fragte mein Körper und die Stimme erinnerte mich an jemanden. 

„Wenn du mit dem dunklen Fürsten leben willst“, scherzte der Elf und ich hörte mich lachen. Jetzt war ich hundert Prozent sicher, dass dieses hier der junge Körper meiner Mutter war. 

„Du brauchst deine Familie nicht mehr, Glorícus. Ich bin immer für dich da. Ich bin auch eine Außenseiterin, genau wie du. Zusammen werden wir unbesiegbar und bald herrschen wir über ganz Eryendôr. Dann werden sie dich akzeptieren und bereuen, dich weggeschickt zu haben.“

 

 

♛♛♛

 

Plötzlich wurde ich aus dem Körper gezogen und die Szene wurde immer kleiner, während ich als Blütenstaub aus der Blüte schwebte und dann auf der Wiese wieder Gestalt annahm.

Kapitel 15

 

Oh welche Zauber liegen in diesem kleinen Wort: 

Daheim

 

 

 

Emanuel Geibel 

 

 

„Meine Mutter ist diejenige, die Glorícus auf die dunkle Seite gezogen hat“, stammelte ich vor mich hin, als ich auf die anderen zuging. 

Für einen kurzen Moment hatte ich Keya vergessen, die gerade auf de Wiese verblutete, doch als ich sie dort liegen sah, sprintete ich zu den anderen und erzählte kurz, was ich erlebt hatte. 

„Also ist Helaina daran Schuld, dass Glorícus so grausam geworden ist“, schlussfolgerte Jhuvak, doch das schien nicht die Wahrheit zu sein, die ich herausfinden musste. 

„Ich glaube es geht eher um dich, nicht um ihren Mann“, sagte Sam leise, als wüsste sie selbst schon, um was es ging. 

Angestrengt dachte ich nach, Helaina war anscheinend auf Macht aus, sie wollte ganz Eryendôr beherrschen und was war machtvoller, als eine Dryadale? 

„Ich weiß es jetzt. Sie hat Luvón benutzt, um mich zu zeugen. Sie hatte gehofft, aus mir eine Kampfmaschine zu machen und die Elfen zu unterwerfen“, krächzte ich mit belegter Stimme, die ganz zu versagen drohte. Als mich der Nebel umhüllte, merkte ich, dass dies die Wahrheit war. Meine eigene Mutter hatte mich nicht geliebt, und die glücklichen Kindheitserinnerungen waren bestimmt nur Show gewesen, um mich an sie zu binden. 

„Ich kann die Macht der Krone spüren!“, hörte ich Sam, die sehr aufgeregt schien. 

„Warte, warum kannst du Elfenmagie spüren?“, fragte Tányl misstrauisch, doch mich verwunderte es nicht, schließlich hatte ich auch die Feenmagie spüren können. 

„Ich habe die Krone!“, rief Sam aufgeregt und ich merkte, wie sich der Nebel langsam verzog. 

Wir hatten es wirklich geschafft, die Krone zu finden und die Aufgaben zu lösen. Glücklich wollte ich Sam umarmen, doch von ihr fehlte jede Spur. 

„Du hättest mir vielleicht nicht vertrauen sollen“, erklang ihre Stimme aus dem Nebel. 

Ich erstarrte. 

„Cara, wir brauchen deine Hilfe“, drang die Stimme von Jhuvak in meine Gedanken, doch es fühlte sich an, als müsste sie erst durch den dichten Nebel kämpfen, der sich scheinbar um mich gebildet hatte. Ich konnte spüren, wie sich meine Brust zusammenzog und mein Herz zu schmerzen schien. War dies das Gefühl, verraten zu werden?  Ich hatte noch nie jemandem so vertraut, wie dieser Gestaltwandlerin und jetzt war sie einfach mit unserer einzigen Hoffnung, Eryendôr zu retten, weggelaufen. 

Ich spürte, wie jemand meine Schulter rüttelte und dann umschlossen zwei große Hände mein Gesicht. Wie in Trance blickte ich in die blauen Augen des Prinzen. 

Plötzlich spürte ich seine Lippen auf meinen und der Nebel schien wie weggeblasen. Sein Kuss war so anders wie der von Damien, er war vorsichtig und sanft, während Damien fordernd und leidenschaftlich geküsst hatte. 

Auch wenn sich der Kuss gut anfühlte, musste ich an Damien denken, denn er war derjenige, der das Kribbeln in meinem Körper auslöste, nicht Jhuvak. 

Ich riss mich also los und ohne es wirklich zu wollen, verpasste ich dem Prinz eine Ohrfeige.
„Autsch! Wofür war das denn bitte?“

„Du hast mich einfach geküsst!“, rechtfertigte ich mich, doch innerlich war ich ihm dankbar, denn jetzt blickte ich genau auf die regungslose Keya, die jede Sekunde dem Tod näher war. 

„Wir müssen eine rosa Blume mit fast goldenem Kern finden, die Dalishka. Nur sie kann Keya noch retten“, rief Tányl. Er selber durchsuchte schon das Blumenfeld, war aber noch nicht fündig geworden. 

„Ich versuche, sie noch am Leben zu halten, solange ihr sucht“, teilte der Prinz mir mit  und lief wieder zu der Braunhaarigen. 

Ich stockte, als ich den Gott neben ihr sah. Er streckte seine Hand nach ihr aus und sie griff nach ihr. Doch er war nicht ihr Körper, der sich bewegte, sondern nur ihre Seele. 

„Nein, stopp!“, rief ich und alle drei Jungen schauten mich an. 

„Tányl, such weiter!“, befahl ich dem Luftbändiger, während ich zu Keya und Jhuvak sprintete. Ich musste den Gott aufhalten, damit er uns Keya nicht nehmen konnte. 

Aus dem Augenwinkel sah ich etwas glitzerndes im Gras, doch erst zwei Schritte weiter realisierte ich, dass es die Dalishka sein musste. Ich drehte mich mitten im Lauf um, sodass ich fast hinfiel, mich jedoch mit beiden Händen noch festhalten konnte. So schnell wie meine Beine mich trugen, rannte ich zurück zu der Stelle, wo es geglitzert hatte und dort blühte wirklich eine rosa Blume mit goldener Mitte.  

Vorsichtig pflückte ich sie, sprintete damit zurück zu Jhuvak und übergab sie ihm. Ich keuchte von dem ganzen Laufen, doch Jhuvak schien genau zu wissen, was er mit der Blume tun musste. 

Schwer atmend setzte ich mich neben Keya und beobachtete den Prinzen, wie er das Baumwolloberteil der Elfe am Kragen etwas zerriss. Er schob es über ihre linke Schulter, sodass ihr Schlüsselbein und etwas ihrer Brust frei war. Genau dazwischen legte er die Blume, den Stiel hatte er vorher abgemacht. 

Mit Freude sah ich, dass der Gott der Seelen Keya‘s Hand losließ und wieder unsichtbar wurde. Kurz bevor ich ihn nicht mehr sehen konnte, blickte er mich kurz an und ich konnte Erleichterung in seinen braunen Augen erkennen. Er schien sich zu freuen, dass wir die Elfe hatten retten können. 

Die Blume begann, sich in Keya‘s Haut einzubrennen während goldene Fäden aus dem Kern zu ihren zahlreichen Verletzungen schwebten und diese mit einem zischen heilten. Weißer Rauch stieg von den Wunden auf, der sich etwa einen Fuß über ihrem Körper bündelte. Nachdem alle Wunden zu Narben geworden waren, schlängelten sich auch die goldenen Fäden in den Rauch und färbten ihn dunkelrot. Langsam sank der Nebel auf den Körper zurück und hüllte Keya ein. 

„Meint ihr, dass die Dalishka sie retten kann?“, fragte ich, während ich das Spektakel mit aufgerissenen Augen betrachtete. Ich hatte zwar schon einmal etwas von dieser Blume gelesen, doch nicht gedacht, dass sie wirklich so mächtige Kräfte besaß. 

„Sobald sich der Rauch rosa färbt und sich dann verzieht, wird sie wieder gesund“, erklärte Tányl, der nervös seine Finger knetete. 

„Und wie lange dauert das?“, fragte ich, denn der Rauch schien eher dunkler als heller zu werden. 

Kaum hatte ich die Frage gestellt, meinte ich ein leises stöhnen aus dem Rauch zu hören. Etwas bewegte sich im inneren, die Bewegungen erinnerten mich an ein kleines Küken, welchen vergeblich versuchte zu schlüpfen.
„Keya!“, rief ich und wollte ihr gerade aus dem Rauch helfen, da hielt Tányl meine Hand fest. 

„Sie muss es alleine schaffen“, ermahnte er mich. Widerwillig zog ich meine Hand zurück und musste hilflos dabei zusehen, wie meine Freundin um ihr Leben kämpfte. 

„Er wird rosa!“, schrie Jhuvak aufgeregt und ich musste fast lachen, so mädchenhaft klang er dabei. 

Ich kniete mich neben die rosa Wolke und beobachtete gespannt, wie sie langsam durchsichtiger wurde. Darunter konnte ich schon Keya erkennen, die sich langsam regte und stöhnte. Als sich das letzte Rauchwölkchen verzogen hatte, hustete die Elfe und schlug die Augen auf. 

„Hey, wie geht es dir?“, fragte ich sofort, doch dann merkte ich selber, wie dumm es war, diese Frage zu stellen. Keya stützte sich unter Schmerzen mit ihren Händen vom Boden ab und setzte sich neben mich. Ihr Blick wanderte zu der blumenförmigen Narbe an ihrem Schlüsselbein, dann schaute sie uns alle nacheinander an. Die Blume hatte auch in ihren Augen ihre Spuren hinterlassen, denn sie wurden außen immer goldener. 

„Wo ist die Krone?“, fragte Keya und erst jetzt viel mir wieder ein, dass Sam uns einfach verlassen hatte. 

„Sie ist weg“, meinte Tányl niedergeschlagen, doch Jhuvak hatte noch nicht aufgegeben und nahm seine Sachen, um gleich aufzubrechen. 

„Wo willst du denn hin?“, fragte Keya, doch ich wusste schon, dass es nur einen Ort gab, wo Sam hingehen konnte: nach Líam. Erst jetzt merkte ich, dass es wohl alles geplant sein musste. Deswegen hatten sie mich so herzlich aufgenommen, nur damit Sam mit mir gehen würde und dann die Krone stehlen. Ich merkte, wie meine Wölfin rebellierte, als ich so schlecht von meinem Rudel dachte, doch vielleicht waren sie ja nicht wirklich mein Rudel. 

„Wir müssen nach Líam und das so schnell wie möglich“, schlussfolgerte jetzt auch Tányl. 

„Also am schnellsten würde es mit Archeyptos funktionieren, doch sie lassen Elfen eigentlich niemals auf sich reiten“, meinte Keya und aus irgendeinem Grund schmunzelte sie dabei. Ich war froh, dass wir sie durch Tiere auf andere Gedanken bringen konnten und sie wieder fit schien. 

„Aber du hast es geschafft?“, fragte ich, denn nur deshalb konnte sie so gut gelaunt sein. 

„Korrekt. Wartet kurz“, lächelte Keya, anschließend schloss sie die Augen und öffnete den Mund. So blieb sie etwa zwei Minuten, doch noch nichts geschah. 

„Was machst du da?“, fragte ich verwirrt, doch Tányl gebot mir, leise zu sein. 

Jhuvak und Tányl schauten hoch in den Himmel, also hatt ich es ihnen gleich, doch bis jetzt konnte ich nur Nebel und Wolken erkennen. 

Plötzlich erkannte ich eine Art Vogel, die immer näher zu kommen schien. Je näher die Tiere kam, desto größer wurde n sie und als die Vier vor uns landeten, waren sie so groß wie eine Nigrå, jedoch sahen sie aus wie Adler mit weißen Federn am Rücken, hellblauen am Bauch. Ihre Augen waren gelb wie unsere Wolfsaugen und ihre Schnäbel so scharf wie mein Messer. Sie zuckten unruhig mit dem Kopf, doch Keya ging unerschrocken auf sie zu und streichelte zärtlich den Kopf von dem größten Tier. Auch wenn sie die letzten Tage so ängstlich war, mit Tieren fühlte sie sich einfach wohl. 

„Und wir sollen auf denen fliegen?“,  fragte Jhuvak und wenn ich ihn nicht besser kannte, würde ich sagen, dass er Angst davor hatte. 

„Natürlich, steigt auf, bevor sie wieder losfliegen!“, rief Keya, die schon auf dem Rücken des größten Archeyptos gesetzt hatte. Auch ich näherte mich jetzt dem Vogel, der mir am harmlosesten erschien und streichelte vorsichtig seinen Hals. Er ließ es über sich ergehen und so kletterte ich schnell auf den Rücken des Männchens, bevor er es sich anders überlegen konnte. 

Auch Jhuvak hatte sich auf ein Archeyptos geschwungen und suchte vergeblich einen Ort, um sich festzuhalten. Überall waren nur Federn. 

Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, stieß sich der Vogel mit aller Kraft ab und machte ein paar kräftige Flügelschläge, um sich in die Luft zu schwingen. Schnell gewannen wir an Höhe, doch jetzt merkte ich, dass Tányl nicht auf seinem Vogel saß. Kurz breitete sich Panik in mir aus, doch kurz darauf erinnerte ich mich daran, dass er ja selber fliegen konnte. Jetzt konnte ich mich ganz auf das Festhalten konzentrieren, was schon schwierig genug war. 

Nach einigen Minuten durchstießen wir die Wolkendecke und hatten nun den schönsten Blick über Eryendôr. Rechts von uns konnte ich in weiter Ferne das Eisland erkennen, vor uns lag das Alluthgebirge und Glorícus‘ Burg und zu unserer Linken erstreckte sich das Meer. Wo ich darüber nachdachte, fragte ich mich, ob die flügellosen Feen vielleicht dort lebten. Wie viele es wohl von ihnen gab? 

 

♛♛♛

 

Es hatte etwa sechs Stunden gedauert, bis wir zu der Wüste gekommen waren, und über dem Sand flogen die Vögel noch langsamer, da sie müde wurden und nicht gerne hier waren. Es gab keine Beute für sie, aber die Gefahr, selber zum Festmahl der Wölfe zu werden. 

Keya redete die ganze Zeit ruhig auf die Vögel ein und öffnete manchmal ihren Mund, anscheinend konnte sie die Schreie der Vögel imitieren, die selbst für Elfen zu hoch waren, um sie zu hören. 

„Da, dort ist Líam!“, schrie Tányl aufgeregt und außer Atem. Er hatte sich nach vier Stunden Flug auch auf einen Vogel gesetzt, um etwas zu verschnaufen, doch jetzt flog er wieder selber und begünstigte sogar den Wind für die Archeyptos, damit sie nur noch gleiten mussten. 

 „Wir landen dort, vor den Toren“, befahl ich, denn hier kannte ich mich besser aus als die Drei. 

Wir wirbelten viel Sand auf, als wir landeten und sofort flogen die Vögel davon, als wir den Boden berührten. Sie mochten die Hitze gar nicht, sondern zogen die Kälte der Luft oder des Waldes vor. 

Der Staub hatte sich gerade verzogen, da merkte ich, dass wir von den Gestaltenwandlern umzingelt waren, mit mindestens zwanzig Pfeilen, die auf unsere Köpfe zielten.
„Ich bin Caraleya Shyr und ich bin gekommen, um mit Damien Durothil zu reden!“, sagte ich und versuchte, dabei so selbstbewusst wie möglich zu klingen. 

„Seid wann so formal?“, fragte Damien kess, der nun aus dem Tor geschritten kam, mit einem wunderschönen Mädchen hinter ihm. Ein schmerzvolles Stechen breitete sich in meinem Herzen aus und es fühlte sich an, als würde sich meine Brust zusammenziehen. Wer war sie und warum schienen die beiden so vertraut? Doch dann fiel mir wieder ein, dass er mich ja nur bezirzt hatte, um mein Vertrauen zu gewinnen. Ich musste gegen die Tränen ankämpfen, als mir klar wurde, dass jedes seiner wunderschönen Worte nichts bedeutet hatten. Ich konnte fast hören, wie mein Herz in tausend kleine Splitter zerbarst, und jedes einzelne Stückchen schmerzte. 

„Cara?“, fragte Jhuvak besorgt und legte mir eine Hand auf die Schulter. Instinktiv musste ich lächeln bei der Berührung, denn ein Gefühl der Sicherheit überkam mich. Auch wenn ich Jhuvak zuerst misstraut hatte, jetzt war er mein bester Freund geworden.

Ich räusperte mich: „Damien, du hast etwas, was mir gehört und ich fordere es zurück!“

Damien grinste frech und kam auf uns zu, doch je näher er kam, desto mehr verschwand sein Lächeln und Sorge breitete sich auf seinem Gesicht aus. 

„Wo ist Sam?“, fragte er geschockt. Fast hätte ich ihm die ahnungslose Nummer abgekauft, doch ich schaffte es, mich nicht in seinen Augen zu verlieren und machte mich etwas größer. 

„Das musst du doch wissen, du hast sie doch mit uns geschickt, um die Krone zu holen!“

Verwirrt schaute Damien mich an, dann wanderte sein Blick zu Jhuvak: „Du warst das doch, du hast ihr den Kopf verdreht, du hast sie gegen mich aufgestachelt! Wo hast du meine Schwester versteckt?“

Die Gestaltenwandlerin hinter ihm musste ihn zurückhalten, damit er nicht auf den Prinzen losging, und wie von selbst stellte ich mich vor den Blonden, um ihn im Ernstfall zu beschützen. Jhuvak schien das aber nicht zu gefallen, denn er schob mich beiseite und grummelte: „Ich kann es locker mit dem aufnehmen!“

„Stop!“, rief Tányl und hob beide Hände wie um zu zeigen, dass er nicht plante, die Wölfe anzugreifen: „Wenn wir euch glauben und ihr Sam wirklich nicht habt, wo ist sie dann?“

Plötzlich durchzuckte mich ein wirklich ungutes Gefühl, von dem ich hoffte, dass es sich nicht bewahrheiten würde.

Kapitel 16

 

Die Freunde nennen sich aufrichtig, 

Die Feinde sind es

 

 

 

Arthur Shopenhauer 

 

 

„Meint ihr, dass Sam von dem Dunklen Fürsten gefangen genommen wurde, als sie nach Líam wollte?“, fragte ich so leise, dass der Satz schnell mit dem Wind fortgetragen wurde. Doch alle hatten ihn gehört und niemand wagte es, etwas zu sagen. 

Auch wenn Sam uns betrogen hatte, ich wünschte ihr nicht, eine Gefangene von dem Dunklen Fürsten zu sein. Sie war mir immer noch wichtig. Doch langsam breitete sich eine andere Erkenntnis aus: Wenn Glorícus Sam hatte, dann besaß er auch die Krone und damit die letzte Hoffnung der Elfen, Eryendôr zu befreien. 

„Nein, das ist unmöglich. Sie ist viel zu clever für diesen grausamen, herrschsüchtigen -“

„Er ist mein Stiefvater“, bemerkte ich tonlos, denn auch wenn ich selbst wusste, was für Schaden Glorícus bei vielen Elfen angerichtet hatte, irgendwo war er immer noch meine Familie. Zumindest solange, bis ich meinen leiblichen Vater wirklich gefunden hatte. Außerdem wusste ich jetzt auch, dass Glorícus nicht von Grund auf böse war.

„Wir müssen nach Tarsis und uns auf einen Krieg vorbereiten. Ohne die Angst vor der Krone wird der Dunkle Fürst so schnell wie möglich angreifen!“, stellte Jhuvak fest. 

„Kämpft ihr mit uns?“, fragte Tányl, doch die Frage war überflüssig, denn alle Gestaltenwandler knurrten und wichen sofort zurück. 

„Könnten wir euch vielleicht Pferde abkaufen?“, fragte Jhuvak und löste ein allgemeines Kichern aus, in welches ich auch einstimmen musste. Der Prinz sah nicht glücklich darüber aus. Eingeschnappt wie ein kleines Kind fragte er: „Was ist? Warum lacht ihr alle?“

„Hier gibt es keine Pferde! Sie sind doch alle halb Raubtier“, klärte Keya Jhuvak auf und dieser straffte die Schultern, doch sein Gesicht sah aus, als würde er am liebsten im Boden versinken. 

„Natürlich. Das wusste ich natürlich. Dann müssen wir nach Tarsis laufen, oder kannst du diese Vögel erneut herbeirufen?“

„Nein, hier her werden sie nicht erneut kommen, es sei denn wir hätten etwas großes zu Fressen“, meinte Keya niedergeschlagen. 

„Desto schneller wir losgehen, desto schneller sind wir da“, sagte Tányl und schnürte seinen Beutel enger, um sich auf die Reise vorzubereiten. 

„Ihr wisst schon, dass die Reise als Elf zwei Tage dauern wird?“, fragte ich und ich merkte, wie gut es sich anfühlte, sich mal besser auszukennen als die anderen. 

„Was ist denn dein Vorschlag, oh schlaue Caraleya?“, neckte mich Jhuvak, doch ich ignorierte seinen Sarkasmus einfach. 

„Ich laufe als Wölfin voraus, dann schaffe ich es in einem halben Tag nach Tarsis. Dort verständige ich die Königin und sie wird die schnellsten Pferde für euch schicken“, antwortete ich und hoffte, dass meine Wölfin es wirklich in nur einem halben Tag schaffen würde. 

„Das klingt nach einem Plan“, meinte Jhuvak zufrieden und ging schon los. 

„Es war nett, euch kennen zu lernen!“, meinte Keya fröhlich und winkte den Gestaltenwandlern, die erstaunlicherweise zurück winkten. Vielleicht hatte sie ja eine Wirkung auf die Wölfe in ihnen und deshalb waren sie ihr wohlgesonnen. 

„Geht zurück in die Stadt!“, befahl Damien seinem Rudel, kurz darauf spürte ich seine Hand auf meiner Schulter. 

„Meinst du wirklich, dass du für so einen langen Weg gewappnet bist? Hast du dich überhaupt schon nach deiner ersten Verwandlung noch einmal in deine Wölfin verwandelt?“

Ich schüttelte den Kopf, doch gleichzeitig versuchte ich alles, um meine Wölfin meinen Körper übernehmen zu lassen. Es fühlte sich an, als wäre sie eingeschlafen und nur langsam räkelte sie sich unter meinen Berührungen. 

„Ich kann dir helfen“, flüsterte Damien und schob meine Haare zur Seite, um meinen Nacken zu küssen. Sofort war meine Wölfin wach und wollte mehr von ihrem Alpha spüren. Doch ich konnte mich noch unter Kontrolle halten, auch wenn ich ihn so gerne einfach nur geküsst hätte. 

„Was soll das?“

„Was meinst du?“, fragte Damien unschuldig, als hätte es das Mädchen vorhin gar nicht gegeben. Immer wenn ich daran dachte, dass diese beiden sich küssten, drehte sich mir der Magen um. 

„Na die Gestaltenwandlerin vorhin. Hast du sie auch geküsst wie mich?“

Damien gluckste und begann wieder, meinen Hals mit sanften Küssen zu übersähen. 

„Was ist mit dem Prinzen? Ich habe gesehen, wie er dich ansieht. Doch wir sollten jetzt alles andere vergessen. Ich werde dir helfen zum Wolf zu werden, damit du Eryendôr retten kannst.“

Erst jetzt erinnerte ich mich wieder, dass ich ja eigentlich schlecht auf ihn eingestellt sein musste. Er war immer noch derjenige, der mich benutzt hatte. Seinetwegen war die Krone weg, seinetwegen war jetzt Sam verschwunden.

Doch sein Geruch und seine Berührungen ließen meinen Verstand vernebeln und durch sein herrisches Knurren wurde meine Wölfin immer aktiver. Ich spürte das bekannte pochen im Unterleib und meine Atmung wurde schwerer, als ich versuchte, ihm zu widerstehen. Ich spürte seine Hände auf meiner Haut, wie sie meinen Körper erkundeten. 

Plötzlich, ohne dass ich es selber wirklich getan hätte, drehte ich mich um und küsste Damien. Es schien wie ein lang ersehntes Geschenk, sofort fanden wir unseren Rhythmus wieder und seine Hände ruhten auf meiner Hüfte, während ich seine Haare mit meinen zerzauste. 

,Verwandle dich jetzt. Caraleya!‘

Augenblicklich merkte ich, wie ich wieder die roten Augen in meinen Gedanken sah, und die Wölfen übernahm meinen Körper. Meine Knochen brachen, meine Haare wurden länger und meine Kleidung verschwand mit meinem menschlichen Körper. 

Schon jetzt merkte ich, dass der Schmerz gemindert war im Gegensatz zum ersten Mal, als ich mich verwandelt hatte. Trotzdem krümmte ich mich unter den Schmerzen und wimmerte, die Schreie unterdrückend. Ich wollte nicht, dass Jhuvak und die anderen hörten, wie sehr ich unter der Verwandlung litt. 

,Sehr gut, meine Hübsche, du hast es fast geschafft‘, ertönte Damien‘s Stimme in meinem Kopf und diese Worte halfen mir wirklich, mich in meine Wölfin zu verwandeln, ohne Ohnmächtig zu werden. 

,Bist du bereit?‘, fragte Damien, als ich wieder normal sehen konnte und nicht mehr alles rot und verschwommen vor meinen Augen tanzte. Ich schaute nach links, dort stand der schwarze Alphawolf und blickte auf mich herab. Sein Wolf war um einiges größer als alle anderen, wohl eines der Vorteile eines Alpha‘s. 

,Willst du etwa mitkommen?‘, fragte ich erstaunt und geschmeichelt zugleich. Denn warum würde Damien nach Tarsis, die Stadt der Elfen kommen, wenn ich ihm nicht doch irgendwie wichtig war. 

,Meine Schwester wird vermisst. Ich werde nicht hier bleiben und tatenlos zusehen!‘

So schnell die Freude gekommen war, verflog sie auch wieder bei diesen Worten. Natürlich. Er tat es für seine Schwester, nicht für mich. 

,Dann lauf, ich folge dir‘

 

♛♛♛

 

Wir waren jetzt schon acht Stunden gelaufen und mein Körper streikte mehr und mehr. Der Sand unter meinen Pfoten schien immer heißer zu werden und meine Lunge kollabierte langsam. Ich hechelte, um wenigstens etwas Kühlung zu bekommen, doch die Sonne brannte unerbittlich auf mein wärmendes Fell. Anscheinend kam die Wölfin nicht so gut mit Hitze zurecht wie mein Elfenkörper. 

,Ich kann nicht weiter laufen!‘, informierte ich Damien und wurde auch gleich langsamer. 

,Deswegen laufen wir normalerweise nachts‘, bemerkte dieser, hielt aber sein Tempo und zwang mich, wieder schneller zu laufen. 

Nach etwa einer halben Stunde konnte ich nur noch träge einen Fuß vor den anderen setzten, doch da hörte ich auf einmal das plätschern von Wasser und mein Kopf schoss nach oben, um mich nach der Quelle umzusehen. 

Dort war er, der See und der Anfang des Waldes. Neue Energie durchströmte mich und mit einem großen Satz sprang ich in das kühle Nass. 

,Cara, wir haben etwas wichtiges zu tun!‘, erinnerter Damien mich und wenn ich ein Mensch gewesen wäre, hätte ich bestimmt meine Augen verdreht. Als ob ich vergessen hatte, warum wir hier waren, doch ich brauchte nur für ein paar Sekunden eine Abkühlung, um nicht einen Hitzeschlag zu erleiden. 

,Ich bin doch schon fertig. Verwandeln wir uns jetzt?‘

,Ja, aber ich würde an deiner Stelle aus dem Wasser kommen.‘

Obwohl ich es eh schon geplant hatte, folgte ich seinem Befehl und schüttelte mich am Ufer kräftig, um mein Fell ein wenig zu trocknen. Dann dachte ich an meinen Elfenkörper und daran, die Wölfin wieder in mir zu haben. Die Rückverwandlung war weitaus leichter und weniger Schmerzhaft, sodass ich im nu spürte, wie sich mein Körper zurück verwandelte. 

Nach einigen Minuten hockte ich auf allen Vieren auf dem Waldboden und rappelte mich schnell auf, denn Damien hatte nicht so lange gebraucht und blickte mich amüsiert an. 

„Was, hatten wir nicht etwas vor?“, fragte ich patzig und lief voran zum Tor von Tarsis, damit er meine Schamröte nicht sehen konnte. 

Anders als beim letzten Mal waren nicht zwei, sondern gleich zehn bewaffnete Elfen am Eingang stationiert und einer von ihnen rief sofort „Detîner!“, als er uns erblickte. 

Mit Leichtigkeit schüttelte ich den Zauber ab, hob aber trotzdem die Hände, damit die Wachen sehen konnten, dass ich nichts böses wollte. Mit Genugtuung erkannte ich, dass Damien sich immer noch nicht bewegen konnte. Endlich fühlte ich mich einmal mächtiger als der Alpha. 

„Ich bin Caraleya Shyr und ich verlange, die Reîne sofort zu sprechen!“

Schon bei meinem Namen kam ein blondes Mädchen auf uns zu gerannt und verbeugte sich vor mir. 

„Es tut uns Leid, Prinzessin. Wer ist Ihr Begleiter? Ein Gestaltenwandler, nehme ich an?“, meinte sie und rümpfte die Nase, obwohl sie auch Damien nett anlächelte. 

Jemand schien den Gegenspruch gesprochen zu haben, denn plötzlich konnte der Schwarzhaarige sich wieder bewegen und verbeugte sich auch. Ich war beeindruckt, denn als Alpha war er es bestimmt nicht gewohnt, sich vor jemandem wie einer Wache zu verbeugen. 

„Es ist sehr dringend, meine Schöne, also würden wir gerne rein kommen“, säuselte Damien mit seiner Flirtstimme und ich meinte zu erkennen, dass er ihr zugezwinkert hatte. 

Mein Herz schien sich zusammenzuziehen, hatte er denn alles vergessen, was er zu mir gesagt hatte? Mich hatte er doch so leidenschaftlich geküsst und zu mir war er der perfekte Mann gewesen. Doch dann fiel mir wieder ein, dass es ja alles nur ein Spiel gewesen war, dass er nichts für mich empfunden hatte und mich nur um den Finger wickeln wollte. Was ihm auch sehr gelungen war. Leider. 

Ich konnte sehen, wie die Elfe errötete und uns bedeutete, ihr zu folgen. 

„Na, kannst du mal wieder deine Finger nicht von heißen Jungs lassen?“, schallte eine weibliche Stimme von den Bäumen. Ich sah mich nach der Quelle um, als plötzlich jemand genau vor uns landete. Sie hatte kurze, braune Haare und blitzende braune Augen, die versprachen, dass sie für jeden Spaß zu haben war. Doch irgendetwas hatte sie an sich, dass mich sehr an jemanden erinnerte.

„Ich bin Eméry. Und ihr solltet meine Schwester dabei haben“, stellte sie sich vor. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Es musste Keya‘s Schwester sein. Mit den vollen Lippen und dem rundlichen Gesicht sahen die beiden fast gleich aus, doch Eméry wirkte im Gegensatz zu Keya viel erwachsener. 

„Ja, darum geht es ja. Sie, Tányl und Jhuvak sind noch in der Wüste“, erklärte ich gerade, da riss Eméry schon die Augen auf: „Wie bitte?“

„Deswegen wollten wir zur Königin. Sie soll ein paar schnelle Pferde schicken, damit wir die Drei so schnell wie möglich zurück bekommen“, erklärte Damien ruhig und legte Eméry dabei eine Hand auf den Arm. Hatte er auch schon so mit Frauen geflirtet, als ich das erste Mal bei ihm war? Wenn ja, dann war es mir nicht aufgefallen. 

„Ich verstehe. Lucya, flieg zur Königin und sag ihr Bescheid“, ordnete Eméry an und die Blonde erhob sich sogleich in die Luft, so wie ich es von Tányl kannte. 

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn reinlassen darf“, meinte Eméry, wobei sie ihren Kopf etwas zur Seite kippte: „Und denk gar nicht daran, mit mir zu flirten, denn ich bin grad nicht so gut auf Jungs zu sprechen.“

„Ich darf aber rein, und ich muss die Königin immer noch sprechen. Dass die Drei in der Wüste sind, ist nicht die einzige schlechte Neuigkeit.“

Eméry stöhnte: „Na super, die Woche wird ja immer besser. Ich begleite dich zum Palast, der sexy Wolf soll draußen bei den anderen Wachen bleiben.“

Damien knurrte, widersprach jedoch nicht. 

„Dann komm, dein Freund ist schon bei denen gut aufbewahrt“, neckte Eméry und ich merkte sofort, wie ich rot wurde. Zum Glück hatte ich dem Alpha schon den Rücken zugekehrt. 

„Er ist nicht mein Freund!“, nuschelte ich, in der Hoffnung, dass er es nicht hören würde. 

„Deine Blicke sprechen Bände! Auf jeden Fall findest du ihn gut“, meinte Eméry wohlwissend. 

„Du scheinst Erfahrung zu haben“, meinte ich, immer noch rot im Gesicht. Wir waren schon auf halben Weg zum Palast, und viele Elfen starrten uns neugierig an. 

„Ja, die habe ich. Auf dem Gebiet Liebe und Jungs bin ich die Expertin. Und das wissen alle hier in Tarsis“, lachte die Brünette und zwinkerte einem vorbeilaufendem Elfen zu. 

Dass sie die Schwester von Keya war, erkannte ich wirklich nur an ihrem Aussehen. 

„Da sind wir schon“, sagte sie nach ein paar Minuten und hielt vor dem riesigen Baum, der den Palast in seinen Ästen trug. 

Sie ließ mir den Vortritt und mit einem mulmigen Gefühl im Magen stieg ich die Stufen hoch, die mir auch jetzt wieder unendlich lang vorkamen. 

Als wir wieder auf der Platform ankamen, konnte ich den Palast auf Anhieb sehen, also musste der Zauber wohl nur einmal gelöst werden. Zielstrebig ging Eméry auf die Brücke zu, die ich mit Sam, Keya und Jhuvak vor ein paar Tagen noch überschritten hatte. Ich fühlte einen kleinen Stich im Herzen, als ich an Sam dachte, denn bevor sie verschwunden war, hatte sie uns betrogen. Meine einzige wahre Freundin war doch nur an Macht interessiert gewesen. 

Ich verscheuchte den Gedanken, vielleicht hatte sie auch ihre Gründe gehabt, warum sie die Krone brauchte. Jetzt mussten wir uns erst einmal auf ihre Rettung konzentrieren. 

Bevor Eméry auch nur klopfen konnte, ging schon die Flügeltür auf und ein sehr zornig dreinblickender Zelphar erwartete uns.

„Was hast du dir nur dabei gedacht, meinen Sohn alleine in der Wüste zu lassen?“, schnaubte der wütende König, während Iphigenia mit Sorge in den Augen auf dem Sofa saß. 

„Habt ihr denn schon Pferde losgeschickt?“, fragte ich und ging gar nicht weiter auf Zelphars Frage ein. Er schien immer schlecht gelaunt zu sein

„Natürlich haben wir schon jemanden gesandt, damit er gerettet wird! Und wer von euch hat die Krone? Oder war alles umsonst?“

Niedergeschlagen senkte ich den Kopf, denn jetzt kam der unangenehme Teil: „Samagra hat die Krone, doch wir wissen nicht, wo sie sich befindet.“

Zelphar schnaubte selbstgefällig und wie ich es befürchtet hatte, redete er jetzt lange darüber, dass er gewusst hatte, man dürfe Gestaltenwandlern nicht trauen. 

„Aber Sam ist vielleicht in Gefahr und wurde von Glorícus geschnappt“, unterbrach ich ihn, was mit einem vernichtenden Blick bestraft wurde. 

„Also ist die Krone jetzt auch noch bei dem Dunklen Fürsten?“, tobte Zelphar, sodass seine Adern an der Schläfe herausstanden und sich sein Kopf rot färbte. 

„Liebling, beruhige dich“, mischte sich jetzt Iphigenia ein und legte eine ihrer zarten Hände auf die Schultern ihres Mannes. Allein die Berührung ließ den Drachentöter enspannter wirken und außer Atem ließ er sich auf einen Sessel sinken. 

„Ohne die Hoffnung sind wir bei einem Angriff verloren“, flüsterte Zelphar und wenn er das so leise, so ruhig sagte, machte es mir noch viel mehr Angst. 

„Wir könnten sie doch aus seinen Fängen retten“, schlug Eméry vor, doch mir schien diese Option sehr riskant. Es würde fast unmöglich werden, in das Schloss einzudringen, geschweige denn, jemanden von dort zu retten. 

„Vorerst können wir und nur für einen Krieg vorbereiten und vielleicht sogar die Wölfe auf unsere Seite bringen“, sprach Iphigenia ruhig mit ihrer samtenen Stimme.

„Bei allem Repekt, meine Königin, aber wir können keinesfalls mit den Wölfen kämpfen! Sie sind gefährlich und diese Samagra ist erst daran Schuld, dass wir uns in dieser Situation befinden“, erboste sich sofort Zelphar. 

„Nun, ich weiß zwar nicht, warum Samagra die Krone entwendet hat, dennoch wollte sie damit sicher das gleiche bezwecken, wie wir: den Dunklen Fürsten schlagen. Also wäre es dumm, nicht mit unseren Feinden Frieden zu schließen, wenn wir zusammen unseren gemeinsamen Feind besiegen können.“

Langsam wuchs in mir der Respekt vor der Reîne, denn diese Worte waren wirklich weise und bewegten mich zum nachdenken. Es stimmte, dass Sam uns die Krone gestohlen hatte, doch vielleicht wollte sie nur das Beste für ihr Volk. Gerade die Wölfe hatten es schwer, niemand vertraute ihnen und auch wenn Líam eine großartige Stadt war, würden sie sich im Wald wohler fühlen.  

„Wir könnten anfangen, mit ihrem Alpha zu reden. Ich habe gehört, er steht vor unseren Toren“, fügte Iphigenia hinzu, da kein anderer im Raum etwas gesagt hatte.

Kapitel 17

 

Wenn über das Grundsätzliche keine Einigkeit besteht, 

ist es sinnlos, miteinander Pläne zu machen

 

 

 

Konfuzius 

 

 

„Was unterstellt ihr mir?“, fragte Damien und das rot in seinen Augen leuchtete für einen Moment auf. Er war nun auch in dem Thronsaal,  saß auf einem Sessel, während wir anderen standen und ihm erzählt hatten, was ich vermutete. 

„Warum sollte ich meiner Schwester sagen, dass sie alleine die Krone durch das halbe Land tragen soll, wenn sie doch viel sicherer bei euch gewesen wäre? Ich liebe meine Schwester mehr als alles andere, vor allem mehr als diese bescheuerte Krone! Für uns Wölfe ist sie nichts wert, uns ist egal, wer den Krieg gewinnt. Denn von euch hochnäsigen Elfen würde uns keiner Vertrauen. Und wir brauchen Vertrauen, Loyalität, um ein Volk zu sein. Wir könnten es uns nicht erkämpfen oder erzwingen!“

Ich stutzte bei den Worten, denn genau das hatte Sam mir auch erzählt, als ich von den wertvollen Schätzen in Líam erfahren hatte. Die Wölfe wollten sich keine Armee kaufen, um den Krieg zu gewinnen. Sie wollten sich ihr Vertrauen zurückgewinnen und deswegen hatte Sam sich so über mich gefreut. Vielleicht hatte sie gehofft, dass ich vermitteln könnte zwischen den beiden Parteien. Und doch hatte ich Damien grade unterstellt, die Elfen bestohlen zu haben. 

„Das ist ja alles eine schöne Geschichte, aber wir kaufen sie dir nicht ab, Wolf!“, spuckte Zelphar verächtlich, doch Iphigenia beruhigte ihn. 

„Wenn du also die Wahrheit sagst, warum sollte Samagra die Krone nehmen und mit ihr weglaufen?“, fragte sie dann sanft, sodass sich Damien sichtlich entspannte. Nur der Muskel an seinem Kiefer zuckte noch, als würde er fest auf seine Zähne beißen und wieder locker lassen. Ich wusste, dass es der falsche Zeitpunkt war, doch diese Kante seines Kiefers sah wirklich sexy aus. Schnell schüttelte ich den Kopf, um dem Gedanken nicht weiter nachzuhängen. 

„Ich verstehe das ja auch nicht. Ich habe doch nur Angst um sie und will sie heile zurück. Elfen mögen uns nicht gerne und vor allem in den Händen von Glorícus-“er blickte mich kurz an, bevor er weitersprach: „- weiß ich nicht, ob sie lange überleben wird.“

Eine Welle der Schuld überrollte mich, obwohl ich nichts mit dem Verhalten von meinem Stiefvater zu tun hatte. Angestrengt starrte ich auf meine Finger, um Damien nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Ich fühlte mich nicht nur für Glorícus schuldig, sondern auch dafür, den Wölfen nicht vertraut zu haben, obwohl sie sich so gut um mich gekümmert hatten. Plötzlich formte sich eine Idee in meinem Kopf und so verrückt sie auch klingen mochte, für Damien, vor allem aber für Sam würde ich es riskieren.

„Wir werden sie befreien“, kündigte ich selbstbewusst an und schaute in die grünen Augen des Alpha‘s: „Ich reite zur Burg und tausche mein Leben gegen das deiner Schwester. Ich kann sagen, dass ich jetzt doch auf ihrer Seite kämpfen will und wenn ich nah genug an Glorícus bin, kann ich ihn davon überzeugen, dass er Tarsis nicht angreift oder ich werde ihn... töten.“

Iphigenia schlug die Augen nieder und auch Damien guckte entsetzt bei meinen Worten. Nur Zelphar zuckte nicht mit der Wimper und Eméry‘s Gesicht konnte ich nicht erkennen, da sie hinter mir stand. 

„Ist er nicht dein Vater?“, fragte sie jedoch jetzt unverblümt, sodass ich mich zu ihr umdrehte. Sie fuhr gerade mit der Hand durch ihre Haare, da sie ihr in das Gesicht gefallen waren. Ich konnte nicht anders, als zu bemerken, dass sie wirklich sexy und wild aussah mit ihrer schwarzen Kleidung, den zerzausten Haaren, den dunklen Augenbrauen und ihren braunen Augen, die mit schwarzem Eyeliner umrandet waren. Wenn ich ein Junge wäre, würde ich sicherlich sogleich mit ihr flirten. 

„Er ist mein Stiefvater, mein richtiger Vater ist ein Gestaltenwandler“, kommentierte ich tonlos, irgendwie immer noch fasziniert von ihrem Aussehen.

„Aber ich will Eryendôr befreien und wenn er nur so geht, dass werde ich es tun. Obwohl meine Mutter wohl das größere Problem ist, denn sie hat Glorícus angestachelt, dass er sich an seiner Familie rächt“, enthüllte ich die Wahrheit, während ich mich wieder zu den anderen umdrehte. 

„Also ist vielleicht noch etwas Gutes in meinem Bruder? Vielleicht können wir ihn noch retten?“, fragte Iphigenia hoffnungsvoll und ich konnte nicht anders als sie für ihr großes Herz zu bewundern. 

„Ja, oder dies ist alles ein genialer Trick und Caraleya hat Sam zu ihrem Vater geschickt. Am Ende arbeiten die Wölfe noch mit dem Dunklen Fürsten zusammen!“, schnaubte Zelphar, Hass in seinen Augen, als er Damien anblickte. Einer dieser Gestaltenwandler musste ihm etwas schlimmes angetan haben, damit er sie so verabscheute. 

„Ich bin auf eurer Seite, Zelphar. Ich habe gesehen, was Glorícus für Schaden angerichtet hat und wie viel Schmerz er verbreitet hat und ich will ihn um jeden Preis besiegen.“ 

„Ich denke es wäre das Beste, wenn ihr euch erst einmal ausruht und wir darüber reden, wenn Jhuvak wieder hier ist“, schlug Iphigenia vor und erst jetzt merkte ich, wie erschöpft ich wirklich war. Nur mit Mühe konnte ich ein Gähnen unterdrücken. 

„Ich muss leider zu meinem Rudel zurück“, versuchte Damien sich rauszureden, doch Iphigenia bestand darauf, dass er sich erst einmal hinlegte. Er könne den Abëya von Sam nutzen. 

Nach fünf Minuten war er überredet und zusammen mit zwei Wachen gingen wir zu den altbekannten Bäumen mit den Baumhäusern in ihren Ästen. 

Zuerst gingen wir in ihres, und dort ließen die Wachen uns auch in Ruhe. Sie teilten uns mit, dass sie uns wecken würden, wenn die Drei aus der Wüste kämen. 

Als die Wachen die Tür geschlossen hatten, blickte ich in die grünen Augen und sofort breitete sich eine Hitze in meinem Körper aus. Langsam kam er näher zu mir, ein Knurren in der Kehle und einen starren Blick auf mich gerichtet. 

„Du glaubst mir jetzt aber, oder?“, fragte er mit seiner tiefen Stimme, während mich sein herber Geruch erreichte. 

„Ich glaube dir“, flüsterte ich und biss mir auf die Lippe, da er immer weiter zu mir kam. Er durfte mir nicht ansehen, was für eine Wirkung er auf mich hatte, denn ich hatte immer noch das Mädchen vor den Toren von Líam in Gedanken. 

„Annelie ist nur eine Freundin“, knurrte er und war mir jetzt schon so nah, dass ich förmlich die Funken spüren konnte. Schon längst war ich seinem Zauber verfallen, langsam näherten sich unsere Lippen und ich konnte seinen Atem auf meinem Gesicht spüren. 

Bevor sich unsere Lippen jedoch berührten, zog er sein Oberteil aus. Als ich seine Muskeln sah, lief mir das Wasser im Mund zusammen und endlich berührte ich seinen weichen Mund. Schon von der ersten Berührung an waren wir leidenschaftlich und kurzerhand hob er mich hoch und warf mich auf das Bett. Mir entwich ein Stöhnen, als er sich über mich beugte und mich wieder küsste. Sofort schlug mein Herz so schnell, dass zu zerbersten drohte. Meine Hände erkundeten seinen Körper oder fuhren durch seine schwarzen Haare, doch auch seine blieben nicht still und wanderten sogar unter mein Oberteil. 

Ich hielt meine Augen geschlossen, während wir uns küssten, aber dabei merkte ich, wie müde ich wirklich war. Meine Gedanken drifteten ab und obwohl ich mir nichts schöneres vorstellen konnte, als Damien zu küssen, wurde ich immer schläfriger. 

„Cara? Schläfst du etwa?“, fragte Damien erstaunt, nachdem er von mir runtergerollt war. Ich schaute nach rechts in sein attraktives Gesicht, welches sich so nah neben meinem befand, gestützt auf seinen linken Arm. 

„Mhh“, brachte ich heraus, danach schloss ich meine Augen wieder. Zu meiner Überraschung spürte ich, wie Damien seinen Arm unter meinen Kopf schieben wollte und hob diesen sofort, um es ihm zu erleichtern. Als hätten wir schon immer so geschlafen, drehte ich mich zu ihm um, legte meinen Kopf auf seine Brust und schlief zu dem ruhigen Pochen seines Herzens ein. 

 

Ich träumte wieder von Jhuvak, wie er mich an der Hand nahm und mir dankte. Ich spürte die Verbundenheit zu ihm, die ich auch am Meer wahrgenommen hatte. Plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz in meiner Brust und als ich runter guckte, sah ich, dass dort eine Schwertspitze war. Ich spuckte Blut und viel zu Boden. Jemand stand über mir und lachte hämisch, setzte sich selbst eine goldene Krone auf. Und zum ersten Mal erkannte ich, dass diese Person Samagra war. Sie hatte jetzt auch das blutige Schwert in der Hand, doch dann viel sie plötzlich um wie eine Marionette und es wurde augenblicklich alles schwarz.

 

 

 

♛♛♛

 

„He, ihr Turteltäubchen!“, riss mich eine Stimme aus meinem Albtraum. Sofort riss ich die Augen auf und setzte mich aufrecht hin. Beschämt merkte ich, dass vor mir Eméry mit einem wissenden Blick stand und mir zuzwinkerte. 

„Die Wachen waren schon alarmiert, als dein Abëya leer war, Caraleya. Doch ich wusste sofort, wo du dich rumtreibst. Hoffentlich konntest du dich trotz deinem heißen Bettpartner gut erholen, denn Jhuvak, Keya und Tányl sind wieder da.“

Auch wenn mich ihre Worte erröten ließen, mochte ich ihre Art, einfach alles ehrlich und gerade heraus zu sagen. Doch noch mehr freute ich mich natürlich darüber, dass die Drei zurück in Tarsis waren, wo wir jetzt über unser weiteres Vorgehen reden konnten. 

Damien zog sich inzwischen sein Oberteil wieder an und zusammen gingen wir nach draußen. Überrascht stellte ich fest, dass gerade die Sonne aufging. Wir hatten also die ganze Nacht durchgeschlafen. 

Schnell liefen wir zu dem Palast, wobei mir auffiel, dass uns gar keine Wachen mehr begleiteten. Es war schon suspekt, dass sie uns auf einmal vertrauten, vor allem bei dem Verhalten von Zelphar.
Vielleicht hatten Keya und Tányl ihn davon überzeugen können, dass wir beide nur helfen wollten. Jhuvak traute ich nicht zu, dass er sich gegen seinen Vater stellte. 

Nach einigen Minuten - wir waren das letzte Stück gesprintet, sodass Eméry keine Chance hatte mitzuhalten und erst später ankam - erreichten wir den Palast und erklommen die Stufen. Ich musste zugeben, dass ich ein wenig aus der Puste war, ich musste also wirklich wieder mehr trainieren. 

Der gewohnten Weg über die Brücke erinnerte mich schmerzhaft an Sam und plötzlich fühlte ich mich schuldig, dass ich gestern so glücklich mit Damien gewesen war. Was, wenn sie gerade die größten Schmerzen erlitt, gefoltert wurde oder vielleicht sogar schon - nein, daran konnte ich einfach nicht glauben. Sam durfte einfach nicht tot sein, denn sie war für mich meine erste richtige Freundin gewesen. Schnell schob ich den Gedanken beiseite und konzentrierte mich lieber auf das Wiedersehen mit den Dreien. 

Als die Tür aufschwang, zog ich erschrocken die Luft ein, denn Keya, Tányl und auch Jhuvak hatten massive Sonnenbränder auf ihrem Gesicht, und auch an den Körperteilen, die nicht von Kleidung geschützt waren. Da unsere Heilung schnell voran schritt, hatte ich bis jetzt nur Elfen mit Sonnenbrand gesehen, die von Glorícus gefoltert wurden. Nachdem sie für einen ganzen Tag in der Sonne an einem Pfahl gebunden waren, wurden sie mit einer Bürste abgeschrubbt, bis die verbrannte Haut ab war und die Gefolterten der Ohnmacht nahe waren. Ein Schauer lief mir bei der Erinnerung an die grausamen Folterungen über den Rücken. Warum war ich nie eingeschritten und hatte den armen, wahrscheinlich unschuldigen Elfen geholfen? 

Bittere Entschlossenheit reifte wieder in mir, ich würde meinen Stiefvater umbringen, wenn es sein musste.

„Cara, es geht dir gut!“, seufzte zu meiner Überraschung Juhvak erleichtert und ich meinte, dass er fast einen Schritt auf mich zugehen wollte, doch entweder sein Vater oder der muskelbepackte Damien hielten ihn davon ab. 

„Da wir ja jetzt alle hier sind, und mein Thronsaal durch Wolfsgestank verpestet wird-“, Zelphar hielt inne, als seine Frau ihn böse ansah. Kurz räusperte er sich und versuchte anscheinend, kein schlechtes Wort über Gestaltenwandler zu verlieren:“ müssen wir über unsere Taktik nachdenken. Zu meinem Unverständnis wollt ihr alle Samagra retten-“

Wieder wurde Zelphar unterbrochen, doch dieses Mal durch das böse Knurren meines Begleiters, dem ich sanft meine Hand auf den Arm legte. Ein Glücksgefühl durchströmte mich, als er wirklich aufhörte zu knurren und mir stattdessen einen Arm um die Taille legte. 

Auch Keya, Tányl und Jhuvak guckten böse, wobei mich direkt anblickte und den Kopf schüttelte. Was er damit sagen wollte, war mir nicht bewusst, doch ich würde ihn später fragen. 

„Wir können in sein Schloss eindringen und sie retten“, schlug Damien entschlossen vor, was Zelphar zum amüsierten schnauben bewegte. 

„Das ist unmöglich, das Schloss ist viel zu gut geschützt. Aber wir könnten Gloricus dazu bewegen, sich mit mir zu treffen und ich werde ihr Leben gegen meines tauschen“, sagte ich, wobei sich diese Szene wie ein Dejavue anfühlte. 

Sofort hörte ich mehrere Stimmen, die protestierten. Ich würde wohl einige Überzeugungskraft benötigen, um meinen Willen durchzusetzen, doch andererseits fühlte ich mich geschmeichelt, weil sie sich so um mich sorgten. 

„Diese Unterhaltung führt doch zu nichts! Wir müssen uns auf einen Krieg vorbereiten und du hattest versprochen, dass Caraleya dem Volk Mut macht!“, erboste sich Zelphar in Richtung seiner Königin. Überrascht blickte auch ich Iphigenia an, die etwas zu erröten schien: „Ja, aber ich wollte sie zu einem passenderen Zeitpunkt und mit mehr Taktgefühl fragen. Ihr müsst doch hungrig sein. Alëssandra? Hast du die Tabletts dabei?“

Den letzten Satz richtete sie an die kleine Elfe mit knallroten Haaren, die gerade mit einem Tablett voller Getränke in den Thronsaal gekommen war. Alëssandra - dieser Name kam mir sehr bekannt vor und verzweifelt versuchte ich mich zu erinnern, wo ich ihn schon einmal gehört hatte. Es war noch gar nicht so lange her gewesen...
„Ihre Schwester!“, rief ich laut aus, ohne es wirklich gewollt zu haben. Jetzt blickten mich acht Elfen verständnislos an, sodass ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht schoss. 

„Alessandra, das war doch der Name von Sam‘s Zwillingsschwester“, erklärte ich. 

„Wie kommst du denn jetzt darauf?“, fragte Keya, die sich schon ein Glas Wasser geschnappt hatte und es gerade trinken wollte. 

Damien jedoch runzelte verwirrt die Stirn: „Ihre beste Freundin hieß Alessandra. Aber sie ist schon vor einigen Jahren verunglückt. Sie hat gar keine Zwillingsschwester.“

Nun waren Tányl, Keya, Jhuvak und ich diejenigen, die verwirrt die Stirn runzelten, doch keiner von uns sagte noch etwas zu dem Thema, da wir alle unseren Gedanken nachhingen. Ich versuchte, die Person im Nebel wieder hervorzurufen, doch jetzt war ich mir gar nicht mehr so sicher, dass sie genauso aussah, wie Sam. Doch diese hatte doch Zwillingsschwester gesagt? Vielleicht waren sie ja auch so gute Freundinnen, dass sie sie als Schwester ansah. 

„Das ist doch jetzt nicht wichtig. Hältst du jetzt eine Rede oder nicht?“, grunzte Zelphar und unterbrach so meine Überlegungen. 

„Ich weiß nicht“, stammelte ich.
„Du kannst das, Cara. Du kannst den Menschen Hoffnung geben, sogar als du nur einen Pfeil abgeschossen hast, waren sie schon vollauf begeistert“, meinte Jhuavk unterstützend und sah mich so lieb mit seinen blauen Augen an, dass ich nicht widerstehen konnte und ja sagen musste. 

„Na gut, ich werde es tun. Aber nur, wenn ihr mich dann Sam retten lasst.“
„Das ist nicht fair!“, protestierten Tányl und Keya, doch ich konnte in Jhuvak‘s Augen sehen, dass er mich verstand. Er schien zu wissen, dass mich nichts davon abbringen konnte, Sam zu helfen und auch Damien drückte leicht meine Taille, was ich als Einverständnis deutete. Nicht dass ich seine Erlaubnis brauchte, denn ich würde Sam so oder so retten. Auch wenn sie mit der Krone weggelaufen war, irgendeinen Grund musste sie gehabt haben und ich wollte herausfinden, welchen. 

„Dann müssen wir dir aber ein schönes Kleid anziehen!“, lächelte Iphigenia, glücklich darüber endlich ein freudiges Thema anzuschneiden. 

„Dürfen wir helfen?“, fragten Keya und Eméry wie aus einem Mund und brachten alle, außer Zelphar, zum Lachen.

„Natürlich!“, sagte ich sofort, schob behutsam Damien‘s Hand von meiner Taille und folgte Iphigenia in ein weiteres Zimmer hinter dem Thronsaal, welches auch nur durch eine Brücke erreicht werden konnte. Diese jedoch war überdacht und hatte wunderschöne Portraits von Königen an ihrer Wand, unter denen ich auch Edor und seine Frau erkennen konnte. 

Als Iphigenia die nächste Tür öffnete, vergaß ich für kurze Zeit alle meine Sorgen, denn die Kleider, die Schuhe, der Schmuck und auch der Duft hier drin waren atemberaubend schön. Viele bunte Blumen schmückten die Fenster und der ganze Raum bestand eigentlich nur aus Schränken und Puppen, die auch schon Kleider trugen. 

„Das ist wunderschön!“, seufzte Eméry und zeigte auf ein tiefblaues Kleid mit eine, gewagten Aussschnitt bis zum Bauchnabel, der bei den Brüsten von einem Band zusammengehalten wurde. 

„Das werde ich niemals anziehen!“, protestierte ich sofort, weil ich selber auch schon einen Liebling gefunden hatte: Ein schneeweißes Kleid mit silbernen Flammen, die sich vom Saum bis zur Taille hoch züngelten. Ich fand diesen Kontrast so wundervoll, die Kälte der Farben und die Hitze des Elementes, welches sie darstellten. Außerdem war es auch mein Element. 

„Dieses Kleid ist für dich gemacht, Caraleya“, lächelte Iphigenia und zu meinem Glück ging sie genau auf das Kleid zu, welches mir so gut gefiel: „Ich habe es extra für dich schneidern lassen. Es ist weiß, wie die Unschuld.“

„Ich liebe es!“, sagte ich strahlend, während ich über den weichen Stoff fuhr, der so leicht war, dass er in meinen Händen zu fließen schien. 

„Es ist wirklich das perfekte Kleid. Und die Jungs wirst du ganz verrückt machen darin“, kommentierte Eméry, sodass mir schon wieder die Röte ins Gesicht schoss. Warum musste sie immer so offen alles sagen, was sie dachte? Und ob es stimmte? Würde mich Damien darin wirklich hübsch finden?

Kapitel 18

Wie kann man einen Mensch beklagen, der gestorben ist? 

diejenigen sind zu beweinen, die ihn geliebt und verloren haben

 

 

 

Helmuth von Moltke

 

 

Nervosität durchströmte mich, als ich mit Eméry und Keya als meine Begleiterinnen zum Podest des Palastes schritt. Sie beide hatten auch die Kleider bekommen, die sie sich ausgewählt hatten und danach durfte ich nur noch eine Kleinigkeit essen, bevor Zelphar mir ein Blatt in die Hand drückte und mir ausdrücklich verbot, irgendetwas anderes als das Geschriebene zu sagen. Iphigenia war schon vorgegangen und erklärte dem Volk, dass ich gleich mit Jhuvak reden würde und sogar von hier konnte ich den Applaus schon hören. 

Jhuvak erwartete mich hinter der Tür zum Podium und ich musste zugeben, dass er wirklich gut aussah mit seinem weißen Anzug mit Wassermuster, welches in dem gleichen Blauton wie seine Augen gehalten war und diese somit noch mehr betonte. Auch er schien zu denken, dass ich gut aussah, denn als ich, verlegen grinsend, vor ihm stand, klappte ihm für kurze Zeit der Mund auf, bevor er es merkte und ihn schnell wieder schloss. 

„Du siehst wirklich bezaubernd aus, Caraleya!“, brachte er dann hervor und ich konnte mir schon das Gesicht von Eméry vorstellen, wenn sie sagte: ,Ich hab dir doch gesagt, dass du heiß aussiehst. Wie eine eisige Feuerprinzessin.‘

„Vielen Dank“, entgegnete ich mit einem selbstzufriedenen Lächeln. Wenn Jhuvak mich gutaussehend fand, dann auch hoffentlich Damien. Vielleicht würde dann jede andere Gestaltenwandlerin aus seinem Kopf verbannt und wir beide könnten uns wieder so küssen wie damals, auf dem Turm. 

Nein, erst einmal musste ich ihn erneut zur Rede stellen. Ich war mir nämlich immer noch nicht sicher, ob er die Worte am Stand wirklich so gemeint hatte. Doch wenn das mit Sam nicht geplant gewesen war, dann hätte er gar keinen Grund gehabt, mich um den Finger zu wickeln. Das hoffte zumindest mein naives Herz. 

„Cara, wir sind dran! Komm“, flüsterte Jhuvak sanft in mein Ohr und nahm wie selbstverständlich meine Hand, um mit mir zusammen vor das Volk zu treten. 

Als ich durch die Türen trat, sah ich zuerst den Rücken der Reîne, über welchen ihr wunderschönes Haar fiel, doch dann erspähte ich die ganzen Elfen, die gespannt zu uns hinaufblickten. 

Jetzt rutschte mir mein Herz endgültig in die Hose und nur die warme Hand des Prinzen hielt mich davon ab, wegzulaufen. Ich erblickte Damien in der hintersten Reihe, bewacht von Zelphar und einem weiteren Elf. Er blickte sehr grimmig drein, auch als ich ihm ein Lächeln zuwarf. 

„Ich hab meinem Vater gesagt, dass er euch keine Wachen auf den Hals hetzen soll", flüsterte Jhuvak mir zu, der Damien wohl auch erblickt haben musste. Ich lächelte leicht, als Jhuvak einen kleinen Schritt nach vorne machte. Also deswegen hatte nur Eméry uns zum Schloss geführt.

„Wir begrüßen euch alle sehr herzlich. Ich weiß ihr habt alle Angst vor diesem Krieg und auch ich wünschte, wir könnten ihn vermeiden. Außerdem wisst ihr auch, dass wir die Krone nicht haben, doch auch diese Tatsache bedeutet nicht, dass wir Glorícus ausgeliefert sind. Wir haben Caraleya, die erste Dryadale seid vielen Jahren und mit ihr können wir es schaffen, den Dunkeln Fürsten zu besiegen", sprach Jhuvak zu den Elfen, während seiner ganzen Worte hatte er jedoch meine Hand nicht losgelassen. Vielleicht wollte er den Elfen Verbundenheit zeigen, vielleicht spürte er aber auch dieses wohlige Gefühl, was sich durch seine Berührung in mir ausbreitete. Es beruhigte mich genug, dass ich jetzt einen kleinen Schritt vortreten konnte und auch meinen Teil sagen konnte.

„Der Dunkle Fürst ist grausam. Er mordet aus Vergnügen und selbst seiner Familie hat er nie Liebe gezeigt", begann ich den Text von Zelphar zu zitieren, obwohl ich unwillkürlich an den Tag denken musste, als er fröhlich gelacht hatte, weil ich meinen Bruder beim Bogenschießen geschlagen hatte. Er war nicht nur böse, doch das wollten die Dorfbewohner natürlich nicht hören. Und ich durfte nicht daran denken, wenn ich ihn umbringen wollte.
„Er interessiert sich nicht einmal für seine Untertanen, niemand ist ihm wichtig. Doch Zelphar und Iphigenia, sie unterstützen euch. Denn wir sind ein Volk, was zusammenhält. Ganz recht, ich habe wir gesagt, denn ich gehöre zu euch und ich werde mit euch kämpfen. Wir brauchen keine Krone, um die Dunkelheit zu besiegen. Wir brauchen nur Mut und Zusammenhalt!"

Die letzten Worte musste ich schreien, denn die Menge hatte begonnen zu gröhlen und zu klatschen.

„Caraleya! Caraleya!", riefen viele, doch ich hörte auch die Namen der Königin und des Prinzen heraus. Jhuvak zog mich wieder zu sich heran und gemeinsam verbeugten wir uns vor den Bauern oder Soldaten, was diese veranlasste, noch lauter zu jubeln.

„Das hast du perfekt gemacht", lobte Jhuvak mich, während wir winkend zurück hinter den Vorhang gingen, sodass Iphigenia noch irgendwelche organisatorischen Dinge erklären konnte.

„Du hast das echt perfekt gemacht! Ich war mir nicht so sicher, ob du schlecht über deinen Vater reden könntest, aber ich glaube wenn ich so einen Vater hätte, würde ich das auch machen", überschwemmte mich Keya mit einem Redefluss, schaute jedoch dann bedrückt auf den Boden, als sie gemerkt hatte, was sie so alles von sich gegeben hatte.

„Ich habe deine Plapperei irgendwie vermisst, auf dem Berg warst du so still", lachte ich und umarmte meine Freundin. Diese winselte jedoch vor Schmerz, als ich sie drückte und erst jetzt erinnerte ich mich an den Sonnenbrand. Bei beiden, Jhuvak und Keya war er wirklich gut überschminkt worden, doch er musste immer noch verheilen und das würde sicher noch bis morgen dauern.

„Wollen wir ein wenig durch den Wald gehen? Ich muss dir noch den weiteren Plan erklären", meinte der Prinz, der immer noch meine Hand hielt.
„Gut", antwortete ich und folgte dem Blonden zum Ausgang des Palastes.

„Weiß Damien, dass er Konkurrenz hat?", rief Eméry uns hinterher, sodass ich rot anlief und instinktiv Jhuvak's Hand losließ.

Auch mein Begleiter sagte kein Wort mehr, bis wir auf dem Waldboden waren und eine Weile nebeneinander her gelaufen waren.

„Siehst du mich als Konkurrenz von Damien an?", fragte er dann plötzlich und blieb so abrupt stehen, dass ich in ihn hineinlief. Ich strauchelte, doch bevor ich hinfallen konnte, hatte Jhuvak meine Arme gepackt und zog mich zu sich heran. Jetzt war sein Gesicht nur Zentimeter von meinem Entfernt und ich konnte erkennen, wie rot vom Sonnenbrand er wirklich war. Auf seiner Nase begann sich seine Haut schon zu pellen.

„Was?"

Mehr konnte ich gerade irgendwie nicht sagen, denn diese Frage hatte ich nun wirklich nicht erwartet.

„Naja, ich habe dich geküsst, doch du hast noch nichts dazu gesagt. Aber auch du musst doch diese Verbundenheit zwischen uns beiden spüren, diese Funken, ich habe noch nie für ein Mädchen so empfunden", stammelte der sonst so selbstbewusste Prinz vor sich hin, doch er wandte nicht seinen Blick ab. Seine himmelblauen Augen waren in meinen grünen verhakt, als gäbe es in der Welt nur ihn und mich.

Schnell schüttelte ich das Gefühl und damit auch seine Hände ab und trat einen Schritt zurück. Wie konnte er denn glauben, dass zwischen uns romantische Gefühle waren? Ich hatte immer nur Damien im Kopf gehabt und diese Verbundenheit hatte ich darauf zurückgeführt, dass wir fast eine Familie waren. Hatte ich ihm falsche Signale gegeben? Nein, ich hatte ihn sogar deutlich abgewiesen.

„Jhuvak, ich habe dir eine Ohrfeige gegeben, als du mich geküsst hast!", fing ich an zu erklären, doch plötzlich schlang sich etwas um meinen Fuß. Ich blickte nach unten und konnte gerade noch die Wurzel erkennen, als ich auch schon umgeworfen wurde. Schneller als letztes Mal schlangen sich duzende Wurzeln um meinen Körper und hielten mich am Boden fest, doch dieses Mal verletzte mich keine. Ich ahnte schon, was als nächstes kommen würde und schon wurde mir wieder schwarz vor Augen.

 

Triff mich am Baum der Verzweiflung, in einer Stunde. Komme alleine oder ich werde nicht kommen.

Ich habe ein kleines Geschenk für dich.

 

„Cara?", riss mich eine besorgte Stimme aus der Dunkelheit. Ich stöhnte, als ich die Augen aufmachte und sah das Gesicht von Jhuvak nur verschwommen.

„Ich wollte sichergehen, dass es dir gut geht, bevor ich Hilfe hole", setzte er an, gleichzeitig bemerkte ich, dass ich immer noch von den Wurzeln festgehalten wurde.

„Du brauchst keine Hilfe mehr zu holen!", knurrte eine mir sehr bekannte Stimme und ich konnte seine Füße auf dem trockenen Waldboden hören. Da sich Damien sehr nach einem Wolf anhörte, schloss ich, dass er sich schon halb verwandelt hatte. Das entsetzte Gesicht von Jhuvak gab mir Bestätigung, kurz darauf spürte ich sein weiches Fell an meinem Gesicht, während der Alphawolf mit seinen Krallen das Holz bearbeitete.

Nach einigen Minuten war mein linker Arm und mein linkes Bein frei, dann widmete sich der Wolf meiner rechten Hälfte, während Jhuvak viel vorsichtiger die Wurzel an meinem Hals anschnitt. Irgendwie kam ich mir echt bescheuert vor, wie ich hier lag, Arme und Beine von mir gestreckt. Und dann wurde ich auch noch von zwei heißen Jungs befreit. Von dem einer mir seine Gefühle offenbart hatte und gleichzeitig der Prinz war!

„Wir müssen dieses Gespräch noch beenden, denn vor dem Krieg will ich wissen, was du denkst“, flüsterte mir Jhuvak ins Ohr, während er weiter schnitt. Ich hoffte sehr, dass Damien das nicht gehört hatte. Oder vielleicht wäre es gut, wenn er es hörte, denn dann würde er neidisch oder wenigstens neugierig werden. 

„Ich soll Ferris in einer Stunde allein beim Baum der Verzweiflung treffen“, wechselte ich schnell das Thema und es funktionierte wirklich prächtig, denn sofort hatte ich die Aufmerksamkeit der beiden Jungs. 

Du wirst da nicht alleine hingehen!, hörte ich die Stimme von Damien fast zeitgleich zu Jhuvaks besorgten Worten in meinem Kopf. Ich musste fast schmunzeln über die Besorgnis der Beiden, doch es gab wichtigeres als mein Ego. 

„Ich muss und ich werde alleine gehen und dann kann ich ihn ein für alle mal stoppen.“

„Du glaubst doch nicht, dass du ihn alleine besiegen kannst, oder?“, fragte Jhuvak fast abfällig, dass es fast kränkend war. In einem kleinen Anflug von Wut setzte ich kurzerhand meine Haut in Flammen und ließ dabei auch die trockenen Wurzeln erglühen. Damien, der immer noch wie ein Wilder gekratzt und gebissen hatte, winselte bei der Hitze und Jhuvak ließ zischend sein Messer fallen.

Obwohl ich jetzt auch mein wunderschönes Kleid angesengt hatte, waren wenigstens alle meine Fesseln gelöst und ich konnte -etwas unbeholfen- aufstehen. 

Damien hatte sich zurückverwandelt und leckte sich seine verbrannte Lippe, wobei er mich böse anblickte. Ein Schauer fuhr mir über den Rücken, da der Alpha immer noch sehr einschüchternd auf mich wirkte mit seinen dunklen Haaren und den roten Augen, ganz zu schweigen von seiner Größe und den Muskeln. 

„Bei Ignavia, das ist ja immer noch heiß“, fluchte Jhuvak hinter mir, der wohl grade sein Messer aufheben hatte wollen. Doch jetzt lag es wieder im Gras und nichts deutete darauf hin, dass es die Haut bei der Berührung verbrennen konnte. 

Mit einem winzigen Lächeln auf dem Gesicht bückte ich mich, um das Metall aufzuheben, welches sich für mich angenehm warm anfühlte. Doch schon war die amüsante Sekunde vorbei und ich musste mich wieder auf das wesentliche konzentrieren. 

„Also, ich werde alleine gehen. Ich kann ja eine Rüstung anziehen und meinen Bogen mitnehmen, das hat er mir nicht verboten. Und ihr könnt ganz in der Nähe warten“, erklärte ich den Jungs noch einmal, doch dieses Mal versuchte ich so überzeugt zu klingen, dass sie keine Anstalten machen würden, mich aufzuhalten. 

Die Beiden blickten sich an, ihre Blicke verhakten sich und still schienen sie sich einig geworden zu sein, denn sie nickten sich verschwörerisch zu. 

„Na gut, wir werden dich gehen lassen, doch wir müssen meine Eltern darüber informieren und du wirst do gut geschützt, dass er dir nicht weh tun kann“, sagte Jhuvak schlussendlich mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. Auch wenn ich gerne gesagt hätte, dass ich mich selber verteidigen kann, wollte ich keinen Streit mehr mit den Elfen anfangen, da sie mir schon viel Freiraum gaben. Also ließ ich mich bereitwillig von ihnen in die Mitte nehmen und ging zurück zum Palast, etwas beschämt wegen meines angesengten Kleides. 

„Was ist denn mit dir passiert?“, empfing uns eine verwirrt dreinblickende Keya, die wohl gerade auf dem Weg zu ihrem Abëya gewesen war. Ich blickte runter auf mein Kleid, welches in Fetzten an mir hing zu den blauen Flecken, die sich von den Wurzeln auf meiner Haut gebildet hatten. Sie würden schnell heilen, doch für jemand Außenstehenden musste es aussehen, als wäre ich angegriffen worden oder so. 

„Ist eine längere Geschichte und Zeit haben wir jetzt nicht“, grummelte Damien grimmig, wobei er mich weiter zum Palast zog. Ich blickte die Brünette entschuldigend an, doch schon konnte ich sie nicht mehr sehen und musste wieder die vielen Stufen hinaufsteigen. Fliegen wie Tányl musste man können! 

 

♛♛♛

 

„Okay, wenn alles nach Plan verläuft, dann haben wir heute schon fast den Krieg gewonnen“, meinte Jhuvak aufgeregt. Er hatte sich neben Kayen in das hohe Gras nahe des Waldrandes gelegt und beide hielten ihre Waffen bereit. In den Bäumen hatte Zelphar noch weitere Bogenschützen postiert, sodass ich wirklich nicht alleine war, so wie es Ferris eigentlich gefordert hatte. Ich hoffte, dass er trotzdem noch kommen würde. 

Nachdem ich mich aufgerichtet hatte und meinen Brustpanzer zurechtgerückt hatte, ging ich erhobenen Hauptes auf den uralten Baum zu, der inmitten dieses Feldes stand. Es war eine Weide, der Stamm war um sich selbst gewachsen, sodass das Ganze aussah, wie ein Mädchen, welches auf den Knien hockte und bitterlich weinte. Viele Elfen gingen hier hin, wenn sie sich nicht mehr zu helfen wussten und beteten zu Leathus, damit er ihre Seele befreite. 

„Du bist nicht alleine gekommen“, ertöne eine eisige Stimme über dem Feld, doch nirgends war der dunkle Fürst zu erkennen. 

„Sie werden nichts tun, solange du mir nichts tust“, rief ich, immer noch wusste ich nicht, wo sich denn mein Stiefvater befand. Ich näherte mich dem Baum, aus dem plötzlich ein paar verschreckte Vögel hinaus flatterten, als Helaina, Glorícus, Sam und zu meinem Entsetzen aus Bel hinaustraten. 

„Bel! Geht es dir gut?“, fragte ich sofort, denn seine Miene schien wie aus Stein gemeißelt. Aber auch Sam sah sehr mitgenommen aus, leichenblass und mit tiefen Augenringen. Sie blickte auf den Boden, am Arm gepackt von meiner Mutter. Helaina’s rote Haare waren zu einer hübschen Frisur geflochten, doch auch sie sah angestrengt aus, als hätte sie eine schwere Aufgabe zu ertragen. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass sie hinter allem Bösen steckte, sonst wäre ich instinktiv zu ihr gelaufen und hätte sie umarmt. Sie war doch meine Mutter und ich wollte immer noch nicht glauben, dass alle meine Kindheitserinnerungen von ihr nur gespielt waren. 

„Caraleya“, flüsterte sie sanft, so wie sie es immer getan hatte, wenn ich von Alpträumen geplagt aufgewacht war. Mein Herz schien sich zusammenzuziehen und ich hielt meine Kette fest, als würde sie mein Anker sein. Vielleicht gewährte mir der Kallait wirklich Schutz, vor allem auf emotionaler Ebene konnte ich diesen gebrauchen. 

„Kämpfe nicht gegen uns, wir sind doch deine Familie! Dein Vater hat mir vergeben, dass ich dich unehelich bekommen habe und auch er ist der Meinung, dass wir eine Kämpferin wie dich brauchen“, sagte Helaina in so einem samtweichen Tonfall, dass ich fast zu ihr gehen wollte. 

Cara! Konzentriere dich!, hörte ich auf einmal die Stimme  von Damien in meinem Kopf und sofort konnte ich wieder klar denken. 

„Gib Sam frei und ich werde freiwillig mit euch gehen“, sagte ich so selbstsicher wie möglich und schritt weitere Meter auf die Vier zu. Es würde schwierig werden, Glorícus umzubringen und dabei aufzupassen, dass Bel und Sam nichts geschehen würde. Deswegen wollte ich Sam ersteinmal sicher bei ihrem Bruder wissen, bevor ich mein Messer in den Körper meines Stiefvaters rammen würde. 

Zu meiner Überraschung ließ Helaina Sam los und diese ging langsam auf mich zu, bis wir uns gegenüber standen. 

„Sam? Ist alles okay bei dir?“, fragte ich besorgt, denn sie sah wirklich grauenhaft aus. Ihre schwarzen Haare fielen ihr fettig ins Gesicht und ihre Haut schien ausgetrocknet. Wahrscheinlich hatten sie die Elfe an den Hitzestuhl gefesselt. Obwohl ich mich wunderte, warum sie dann noch so kalt und weiß war. 

Sie umarmte mich nur, doch anstatt ihres üblichen, wilden Geruchs konnte ich nichts mehr riechen. 

„Geh du jetzt“, flüsterte sie, ihre Stimme klang gebrochen. Dann ließ sie mich los, blickte mich entschuldigend an und lief an mir vorbei. Jedoch nicht bis zu ihrem Bruder, denn sie blieb dort stehen, wo ich anfangs gestanden hatte. 

„Sehr schön, Caraleya. Stell dich zu deinem Bruder und lass dir von mir das Geschenk überreichen!“, frohlockte Glorícus mit einem gierigen Gesichtsausdruck, den er sonst immer nur beim Töten bekam. Da fiel es mir endlich wie Schuppen von den Augen und als der Dunkle Fürst seiner Frau das Zeichen gab, lief ich so schnell ich konnte zu Sam. Alle diese Zeichen, die totengleichen Augen, ihre blasse, aber trockene Haut und dass sie uns betrogen hatte. Wie konnte ich es nicht früher gesehen haben? 

Doch meine Mutter schnipste nur einmal mit dem Finger und Sam brach vor mir zusammen, wie eine Puppe deren Fäden man losgelassen hatte. Wie in Zeitlupe bekam ich mit, wie die Schützen auf meine grausame Familie schoss, doch Glorícus verbrannte jeden Pfeil in der Luft. Hinter ihnen trat ein unscheinbares Mädchen mit hellen, blonden Haaren unter der Weide hervor und hob ihre Arme. Sofort hob ein sanfter Wind alle Vier in die Höhe und egal wie viele Pfeile die Schützen schossen, kein einziger traf sein Ziel. 

„Du hast dich für die falsche Seite entschieden, Tocher!“ schrie Helaina, Verachtung auf dem letzten Wort: „Ich dachte ich hätte dich besser erzogen. Morgen wirst du mit deinen Freunden sterben.“

Mit diesen Worten flogen sie immer weiter davon, getragen von der Macht des Mädchens. 

„Sam! Sam, bitte wach auf!“, hörte ich die verzweifelten Schreie von Damien, doch ich wusste, dass Sam schon lange tot gewesen war. Helaina hatte es geschafft, sie über so große Distanz am Leben zu erhalten, doch sie war bei dem Wolfsangriff gestorben. Dem Angriff von meinem Vater. 

Schluchzend fiel ich auf die Knie, sodass das Gras jetzt so hoch war, wie ich selbst auch. 

Die tröstende Hand auf meiner Schulter nahm ich fast gar nicht wahr, denn eine Welle aus Schmerz und Erinnerungen brach über mich hinein. 

Meine Mutter hatte Sam wie eine Puppe benutzt, doch wir hatten die richtige Sam in dem Nebel gesehen. Die richtige Sam wollte uns warnen, doch wir waren nicht skeptischer gewesen. 

Mein Vater hatte meine beste Freundin umgebracht, und ich hatte auch noch die Idee gehabt, ihm zu folgen. Wie sollte ich jemals mit der Schuld leben können?

 

Kapitel 19

 

Wer kämpft, kann verlieren

wer nicht kämpft, hat schon verloren

 

 

 

Bertolt Brecht

 

Hektik. Viele Elfen liefen um mich herum, riefen Anweisungen oder schliffen ihre Waffen. 

Ich konnte die Wärme von Jhuvak spüren, der neben mir saß und einen Arm um mich gelegt hatte. Die ganze Zeit redete er auf mich ein, doch ich verstand nicht ein Wort von dem, was er sagte. Nur meinen Herzschlag konnte ich hören. Er schien irgendwie eine beruhigende Wirkung auf mich zu haben, genau wie die Kette meines Bruders, die ich fest umklammert hielt. 

Damien hatte ganz anders als ich reagiert, er hatte geschrieen und um sich geschlagen, als die Elfen Sam anfassen wollten. Als Jhuvak mich mit sanfter Gewalt von der Lichtung gezogen hatte, saß er immer noch neben ihr, halb verwandelt und heulte herzzerreißend traurig. Ich wusste nicht, ob er das Rudel herbeirief oder ob er alleine trauerte, doch ich wollte ihn nicht stören, vor allem, weil ich verantwortlich für den Tod seiner Schwester war. Wie hatte ich nur je denken können, dass sie uns einfach verlassen hatte? 

Mit jeder Minute fühlte ich mich schlechter. Mein Plan war nach hinten losgegangen, jetzt hatten wir in Tarsis nichts. Keine Krone, keine Hoffnung und vor allem keine wunderbare Dryadale, die alle retten würde. In meiner Kondition war ich zu nichts zu gebrauchen. 

„Cara! Ich habe es grad erst erfahren, ich bin so schnell wie möglich gekommen!“, rief jemand aus der Menge und ich konnte Keya’s Stimme ausmachen. Mit tränenverschleierten Augen schaute ich hoch und konnte erkennen, dass nicht nur Keya, sondern auch ihre Schwester und Tányl vor mir standen. Auch Tányl sah aus, als hätte er geweint, doch jetzt war sein Ausdruck nur noch purer Hass.

„Ich bin Profitröster bei so etwas“, sagte Eméry leise, während sie mich auf die Beine zog: „Wir sollten uns einen ruhigen Platz suchen.“

Wie eine Puppe ließ ich mich von der Brünetten ziehen, froh endlich von den vielen Elfen wegzukommen. Diese Elfen wussten noch nicht, wie es war jemand geliebtes zu verlieren, doch der Krieg stand kurz bevor und übermorgen würden alle trauern oder Tod sein. Wenn wir überhaupt gewannen, denn im Moment hatte Glorícus die Überhand. 

Eméry setzte mich auf einen Stein und hockte sich vor mich, sodass ihre weichen, braunen Augen in meine blickten. Es war schön still hier, nur die Rufe von einigen Vögeln und das Knacken von Zweigen waren ab und zu zu hören. 

„Ich habe zwei Elfen umgebracht“, sagte Eméry gerade heraus und ihre Ehrlichkeit brachte mich aus der Fassung, sodass ich aus meiner Trance aufwachte.

„Was?“

„Ich wollte es nicht, ich habe Klën geliebt, doch meinetwegen ist er gestorben. Ich bin eine Nymphe, Cara. Ich wusste es nicht, bis ich den zweiten Elfen getötet hatte, den ich küsste“, erklärte die Brünette, doch ich war jetzt nur noch verwirrter als vorher.

„Warte, ich dachte es gibt nur Meerjungfrauen und Nixen. Von Nymphen habe ich noch nie gelesen“, sagte ich mit gerunzelter Stirn, doch ich wusste, dass ich schon einmal Geschichten von diesen Wesen gehört hatte. Sie lebten ursprünglich nur an Flüssen und waren auf jeden Elfen anziehend.
„Nymphen sind sozusagen die dritte Schwester der beiden, doch sie sind fast ausgestorben oder haben sich als Elfen getarnt und mit ihnen gepaart. Es ist wirklich nicht schlimm, eine Nymphe zu sein. Ich kann meine Luft Ewigkeiten anhalten und ich kann gut flirten, doch mein Kuss ist tödlich, wenn er zu lange andauert. Ich übernehme dann die Fähigkeiten des anderen, doch die Fähigkeiten sind ein Teil der Seele eines Elfen. Mit gespaltener Seele ist der Körper wie in Trance, halb im Schattenreich und halb hier. Deswegen holt Laethus den zweiten Teil der Seele auch noch zu sich, um die Elfen aus ihrem Leid zu befreien“, sagte Eméry, fast ohne Luft zu holen und jetzt erinnerte sie mich doch sehr an Keya. 

Doch die Informationen, die sie mir gerade gegeben hatte, waren wirklich faszinierend und beängstigend zugleich. Ohne es zu wissen, hatte sie also zwei Elfen getötet, die sie eigentlich liebte. So wie ich Sam durch mein Handeln umgebracht hatte. 

„Ich habe gelernt, mit dieser Schuld zu leben. Ich habe zwar die Toten betrauert, doch noch viel wichtiger war mir, die Vergebung der Angehörigen zu erlangen. Und du musst deine eigene Vergebung erlangen. Du musst erkennen, dass es nicht wirklich deine Schuld war, denn du hast sie geliebt und wolltest nur das Beste für sie.“

Eben noch hatte ich nicht weinen können, ich war einfach zu geschockt gewesen, doch jetzt bahnten sich die Tränen an und als eine meine Wange hinunterlief, konnte ich den Strom nicht mehr stoppen. Ohne noch etwas zu sagen, nahm Eméry mich in den Arm und hielt mich einfach fest.
„Ich kann doch jetzt nicht in den Krieg ziehen, ich wäre mehr Hindernis als Hilfe!“, schluchzte ich in den Schoß der Nymphe. 

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, der hat schon verloren. Das hat mein Vater immer zu mir gesagt, wenn er mich mal wieder bei einem Kampf besiegt hat und ich aufgeben wollte.“

Das war ein guter Spruch, so einen ähnlichen hatte Bel mir früher immer gesagt, wenn mein Stiefvater mal wieder zu viel von meinen Feuerkünsten verlangt hatte. 

Wenn du es versuchst, kannst du scheitern. Doch wenn du es nicht versuchst, bist du schon gescheitert. 

Weitere Tränen benässten den ledernen Rock von Eméry, unter welchem sie eine schwarze Baumwollhose trug. Diese Tränen galten jedoch meinem Bruder, denn er hatte furchtbar ausgesehen, das perfekte Abbild seines Vaters. Ich wollte gar nicht daran denken, was Glorícus und Helaina ihm erzählt hatten. 

Belámy.

Plötzlich fühlte ich, wie sich Entschlossenheit in meinem Körper ausbreitete und ich setzte mich auf, die Tränen mit meinen Fingern wegwischend. Kurz straffte ich die Schultern, bevor ich mich mit erhobenem Kinn vor Eméry stellte und meine Haare aus dem Gesicht strich. 

„Ich werde kämpfen und ich werde siegen. Glorícus und Helaina werden für alles bezahlen, was sie getan haben!“

Eméry stand jetzt auch auf und legte mir einen Arm um die Schulter: „Heb dir deine bewegenden Reden für das Volk auf, vor dem Krieg können wir sie wirklich gut gebrauchen!“

„Du hast Recht, doch jetzt muss ich erst einmal die Vergebung der Angehörigen erlangen“, sagte ich, wobei ich sanft ihren Arm von meiner Schulter schob. Ich musste jetzt alleine mit Damien reden. Ich hatte zwar Angst davor, dass ich mich nie wieder lieben könnte, doch ich wollte ihm nicht verschweigen, wie seine Schwester gestorben war. Wahrscheinlich hatte ihm noch keiner erklärt, was wirklich geschehen war. 

Eméry nickte mir zu, also drehte ich mich auf den Hacken um und sprintete los. Ich machte einen großen Bogen um den Palast und den Marktplatz, was etwas länger dauerte, doch ich wollte jetzt von niemandem gesehen werden. 

Nach etwa zehn Minuten erreichte ich wieder die Wiese des Baumes der Verzweiflung und wie ich erwartet hatte, war dort Damien immer noch alleine, nur mit seiner toten Schwester vor sich. 

„Damien?“, fragte ich vorsichtig, während ich langsam durch das hohe Gras auf ihn zuging. Der Angesprochene bewegte sich nicht, rührte keinen Muskel sondern starrte immer noch auf die geöffneten Augen von Sam. Es war grauenvoll, die sonst so wilde und fröhliche Gestaltenwandlerin so zu sehen, mit leeren Augen, die sich nie wieder mit Leben füllen würden. 

Da ich ihren Anblick so nicht mehr ertragen konnte, bückte ich mich zu der Leiche hinunter und schloss ihre Augen mit meinen Fingern. Damien ließ es reglos geschehen, er bewegte sich auch nicht, als ich ihm tröstend eine Hand auf die Schulter legte. 

Schweigend verharrten wir nun da, ich hockte neben Sams Kopf und Damien kniete neben ihrem Körper, der leicht verdreht das hohe Gras platt drückte. Damien’s wilder Geruch vermischte sich mit dem Gestank des Todes, den ich auch schon leicht riechen konnte, als Sam mich umarmt hatte. 

„Wie ist sie gestorben? Keiner hat sie auch nur berührt, sie konnte nicht einmal kämpfen“, erklang Damien’s belegte Stimme in der Stille und ich konnte hören, dass auch er geweint hatte. Mein Herz schien immer schwerer zu werden, die Last, die es zu tragen hatte, war fast nicht mehr auszuhalten. 

„Sie war schon lange vor heute Tod, meine - Mutter hat sie am Leben gehalten, sie wie eine Puppe gelenkt“, erklärte ich, wobei ich das Wort ‚Mutter‘ verächtlich ausspuckte. 

„Mit welcher dunklen Macht hat sie das Leben vorgetäuscht? Nur die Götter sollten über Leben und Tod entscheiden!“, erboste sich der Alpha, dem die Gaben der Elfen genauso fremd waren, wie Sam. Die Wölfe fürchteten sich vor der Fähigkeit der Elfen, die Elemente wie die Götter beherrschen zu können. 

„Mit der dunklesten. Helaina wollte ihren Eltern und den Elfen, die sie Ausgelacht haben beweisen, dass Erde kein schwaches Element ist und so hat sie es mit dunkler Magie zu einem sehr mächtigen Element gemacht. Doch nicht der dunkle Fürst hat Sam umgebracht, sondern ein Wolf mit blauen Augen, mein Vater.“

Langsam drehte Damien seinen Kopf zu mir und sah mich ungläubig an. 

„Luvón soll Sam umgebracht haben?“

Lange schaute ich ihn an, jetzt musste ich es ihm sagen. Musste ihm sagen, dass ich sie alleine gelassen hatte, dass ich dem Wolf an erster Stelle gefolgt war. 

„Wir waren im Wald der Feen und dort habe ich diesen schwarzen Wolf gesehen. Ich habe gespürt, dass es mein Vater gewesen ist und so sind wir ihm gefolgt, doch plötzlich wurde er zum wilden Tier. Sam befahl uns, uns in Sicherheit zu begeben und kämpfte alleine gegen das Tier. Als sie zu uns kam, dachte ich sie hätte überlebt, doch anscheinend war es nicht der Fall gewesen.“ Ich schluchzte bei dem Gedanken daran, dass ich die letzten Momente mit Sam nicht gewürdigt hatte. 

„Dann ist sie als Kriegerin gestorben und hat ihre Freunde erfolgreich beschützt. Das ist ein ehrenwerter Tod“, flüsterte Damien, beugte sich hinunter zu seiner Schwester und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann hob er sie vorsichtig hoch, bedacht darauf, dass ihr Kopf an seiner Schulter lehnte. 

„Ich werde sie begraben, Caraleya. Doch wir werden uns wiedersehen, denn ich werde morgen auf dem Schlachtfeld erscheinen.“

Verwirrt zig ich meine Augenbrauen zusammen und legte den Kopf schief. Hatte ich ihn falsch verstanden oder gab er mir gar nicht die Schuld, wollte mir jetzt sogar noch helfen?

„Aber es war meine Schuld, dass Sam gestorben ist! Du solltest mich hassen!“, rief ich ihm hinterher, sodass er sich wieder zu mir umdrehte, sein Gesicht total gefühllos: „ Nicht du hast ihr die Zähne in den Hals gerammt, aber auch nicht dein Vater. Hinter all dem, hinter der Unterdrückung der Wölfe, stecken die Elfen. Und wenn ich die Chance habe, eine der bösesten zu vernichten, dann werde ich das tun. Wir Wölfe spielen das Spiel nach den Regeln, an die sich sonst keiner hält. Morgen gibt es Krieg.“

Nach diesen Worten drehte er sich wieder um und ging im Licht der untergehenden Sonne auf die Wüste zu. Ich meinte in der Ferne schon das Heulen hören zu können, also waren schon einige Wölfe aufgebrochen, um Sam zu betrauern oder bei dem Krieg mitzukämpfen. 

Irgendwie fühlte ich mich nach diesem Gespräch befreit und entschlossen. Befreit, weil mir Damien vergeben hatte und entschlossen diesen Krieg zu gewinnen. Ich wusste jedoch, dass es schwierig, nahezu unmöglich sein würde. Also musste ich mich so schnell wie möglich mit Jhuvak zusammensetzen und einen brillanten Plan erstellen. 

 

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„Bist du bereit?“, fragte Jhuvak, der dicht neben mir stand und mit mir zusammen den Sonnenaufgang betrachtete. Wir beide hatten schon unsere Rüstungen an, welche nicht zu schwer waren und auch die Beweglichkeit nicht einschränkte. Meine Haare hatte ich hoch zu einem Zopf gebunden, den ich noch mit einem Fischgrätenzopf geflochten hatte. Meinen Bogen hatte ich schon über die Schulter gehängt, genauso wie meinen Köcher, der mit vielen explosiven Pfeilen geladen war. 

„Ich werde kämpfen“, sagte ich nur, denn ich hatte genug geredet, genug geplant und genug gewartet. Jetzt wollte ich kämpfen und ich wollte sowohl meinen Stiefvater als auch meine Mutter tot sehen. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich mich ertappte, wie ich solch schreckliche Gedanken hatte, doch ich wusste, dass dieser Krieg mich verändern würde, mich schon verändert hatte. Nie wieder könnte ich das Mädchen sein, welches sich nicht im Traum vorstellen konnte, jemals einem Elfen ein Haar zu krümmen. 

Ich musste der Wahrheit ins Auge sehen, denn nur so würde ich damit leben können, getötet zu haben. 

„Dann lass uns auf unsere Positionen gehen“, seufzte Jhuvak und mit einem letzten Blick auf den orangenen Horizont, drehten wir uns beide um. 

„Ich mache mir Sorgen um Tányl. Er redet nicht mehr und dieser Hass auf seinem Gesicht - ich glaube es hat ihm sehr weh getan, als Sam gestorben ist. Er mochte sie mehr, als er zugegeben hat“, fing Jhuvak an zu erzählen und seine Worte erinnerten mich an den Morgen, als Tányl um sein Leben gekämpft hatte. Damals hatte Sam sich zu ihm gesetzt und ihn liebevoll beobachtet, doch war sofort weggelaufen, als er wach wurde. 

„Sie mochte ihn auch mehr, als sie gesagt hat“, bemerkte ich nebenbei, doch es machte mich noch trauriger, dass die beiden niemals zusammen kommen würden. Glorícus hatte dem Weißhaarigen jetzt alles genommen und genau das machte ihn jetzt so gefährlich: er hatte nichts zu verlieren. Er würde unberechenbar sein, vielleicht sogar eine Gefahr für sich selbst. Außerdem konnte er immer noch nicht gut kämpfen mit seinem verletzten Auge. Die Heiler hier in Tarsis hatten alles versucht, um ihn wieder komplett zu heilen, doch es war unmöglich gewesen, ihm sein Augenlicht wiederzugeben. 

Wir hatten Tányl also zum Verletztenträger gemacht, er würde zwischen der Front und dem Krankenhaus hin- und her fliegen und den Schwerverletzten helfen, in Sicherheit zu kommen. Damit Tányl diesen Job annahm, musste Eméry ihre ganze Überredungskunst anwenden und heftig mit den Wimpern klimpern. Dass sie eine Nymphe war, hatte jetzt schon seine Vorteile gezeigt. 

nach einigen Minuten des Schweigens erreichten wir das Krankenzelt, in welchem die besten Heiler und auch Iphigenia die Verletzten versorgen sollten. Es war noch in den Bäumen vor den Augen der Angreifer geschützt, aber trotzdem nah genug, damit es kein allzu langer Weg war. 

„Sind alle Kinder in Sicherheit?“, fragte Jhuvak seine Mutter und diese nickte angespannt. Heute war der erste Tag, an dem ich sie nicht lächeln sah und irgendwie vermisste ich es. 

„Sind die Bogenschützen schon an ihrem Platz?“, fragte der Prinz weiter und wieder nickte Iphigenia. 

„Sind die versteckten Truppen in Position?“

„Ja, Zelphar ist vor ein paar Minuten gegangen“, antwortete die Reine dieses Mal und das Zittern in ihrer Stimme war nicht zu überhören. 

„Gut. Dann werden wir jetzt zu unseren Pferden gehen. Ich liebe dich, Mutter!“, sagte Jhuvak, umarmte seine Mutter herzlich und küsste sie auf die Wange. Bei diesem Anblick ging mir das Herz auf, denn genauso hätte ich mir meine Beziehung zu meiner Mutter immer gewünscht. Klar, es hatte auch schöne Tage gegeben, aber so liebevoll wie diese Beiden hatten wir uns nie umarmt. 

„Los, Jhuvak. Wir müssen gehen“, raunte ich dem blonden Elfen zu und zog ihn sanft von seiner Mutter weg, deren Augen schon verräterisch glitzerten. Sie nickte mir zu, doch bevor ich mich umdrehte, flüsterte sie: „Pass gut auf ihn auf.“

Ich lächelte ihr ermutigend zu, drehte mich aber um, ohne noch etwas zu sagen, denn ich wollte ihr nichts versprechen.

Schweigsam stiegen wir auf unsere Pferde und ritten auf die Lichtung des Baumes der Verzweiflung, denn wir glaubten, dass Glorícus von hier angreifen würde. Es war jedenfalls der einfachste Weg von seinem Schloss aus. Einige Elfen, die ihr eigenes Pferd besaßen, standen in einem kleinen Viereck hinter uns und der Rest hatte sich halbmondförmig um uns herum aufgestellt, alle in Rüstungen und bis auf die Zähne bewaffnet. 

„Wie schön, dass ihr euch alle versammelt habt, um euren neuen König zu begrüßen!“, ertönte eine Stimme aus den Bergen und kurz darauf preschte eine Fuchsstute auf die Lichtung, die einen goldenen Reiter trug. Als dieser den Helm hochklappte, war es wirklich Glorícus selbst, der nun alleine vor einer ganzen Armee stand. 

„Noch nicht angreifen!“, gab Jhuvak den Befehl und so harrten wir alle aus, warteten darauf, was wohl als nächstes geschehen würde. Von dort aus, wo auch der Dunkle Fürst hergekommen war, ritten nun drei weitere Pferde auf die Wiese, ein weißes und zwei schwarze Tiere trugen zwei Damen und einen Herren. Ich erkannte sofort Bel’s Rappen wieder, doch seine silber-grüne Rüstung war neu. Neben ihm ritt eine junge Elfen mit einem wunderschönen, hellgelben Kleid auf einem Schimmel und zu der anderen Seite Ritt meine Mutter, in einem Kleid aus Eisen, welches wie ein Kettenhemd gewebt war. Nur ihre Brust und ihr Bauch waren mit massivem Eisen geschützt und ihre Beide waren nicht zu sehen. 

Die Drei stellten sich hinter den Dunklen Fürsten, doch am meisten zog die Elfen meine Aufmerksamkeit auf sich, denn ich wusste, dass ich sie schon einmal gesehen hatte. Wenn mir nur der Name einfallen würde.

„Wollt ihr euch alle ergeben, oder wollt ihr hier sterben?“, fragte Glorícus hämisch und als wäre es geplant gewesen, marschierte jetzt die Armee von dem Dunklen Fürsten hinter ihm auf. Es wurden mehr und mehr, sodass ihre Anzahl die unsere bald bei weitem überstieg. 

„Ich hoffe, dass dein Plan funktioniert“, flüsterte Jhuvak mir ins Ohr, richtete sich dann jedoch wieder gerade auf und rief: „Wir werden gegen dich kämpfen und wir werden siegen!“

Hinter uns ertönte das Johlen der Elfen und auch ich stieß einen Kriegsschrei aus. 

„Und wenn ihr verliert, dann seid ihr alle - zumindest die Überlebenden - zu der Hochzeit dieser zwei Turteltäubchen eingeladen!“, fuhr Glorícus fort, als wäre er nicht unterbrochen worden. Ich konnte erkennen, wie Belâmy dem Mädchen eine Lilie überreichte und jetzt fiel es mir wieder ein: Es war Juliétta, das Mädchen, welches ich auf dem Ball getroffen hatte und deren Verlobter gestorben war. Jetzt drehte sie ihr Pferd um und ritt durch die Armee zurück, wahrscheinlich in Sicherheit, denn sie sah nicht aus wie jemand, der gut kämpfen konnte. 

„ANGREIFEN!“, schrie Jhuvak jetzt und sofort sausten Hunderte von Pfeilen über unsere Köpfe und in die Menge der gegnerischen Armee. Dadurch, dass Glorícus noch Juliétta hinterhergeblickt hatte, war dieser Überraschungsangriff gelungen und einige Soldaten fielen sogar verletzt zu Boden. 

Die Schlacht hatte begonnen.

Kapitel 20

 

Es gibt nichts schöneres als geliebt zu werden, 

geliebt um seiner selbst Willen oder vielmehr trotz seiner selbst

 

 

 

Victor Hugo

 

 

 Ich hörte die Schreie schon fast gar nicht mehr und auch den stinkenden Geruch des Blutes und des Todes blendete ich aus. Auf meinem Pferd hatte ich mir den Weg zu meiner Mutter gebahnt, denn sie war der Schlüssel zu allem. Wenn ich sie töten könnte, dann würde die ganze Armee zugleich umfallen, und ihre Seelen würden endlich Ruhe finden. Und ohne eine Armee würde auch der Dunkle Fürst sich geschlagen geben, sodass wir den Krieg gewinnen würden. So war jedenfalls der Plan. 

„Du Verräterin!“, hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme, aber ehe ich reagieren konnte, fiel mein Pferd plötzlich zur Seite und ich musste schnell abspringen, um nicht unter diesem begraben zu werden. Ich griff meinen Bogen, der an beiden Enden gefährlich scharf war, fester und blickte mich nach meinem Herausforderer um. 

Hätte ich nicht jahrelang Training bei ihm gehabt, würde ich jetzt wohl tot sein, doch ich kannte Morthyr’s Taktik und so bückte ich mich gerade rechtzeitig, damit er mir nicht den Kopf abhacken konnte. 

Als wäre ich in die Vergangenheit versetzt, kämpfte ich jetzt gegen meinen alten Trainer, der erstaunlicherweise noch flinker war, als ich ihn kannte. Wahrscheinlich hatte er nie sein ganzes Können gezeigt oder er war einfach nicht in Lebensgefahr gewesen. 

Schnell machte ich einen Ausfallschritt nach links und stach mit meinem Bogen zu, doch Morthyr hatte es erwartet und parierte mit seinem Schwert. 

Wir kämpften weiter in einem tödlichen Tanz, doch ich merkte, wie mein Gegner langsamer wurde. Er war zwar perfekt trainiert, doch seine Körpermasse machte ihn langsamer und das würde ich ausnutzen. Ich machte schnell einen Schritt nach hinten, wobei ich versehentlich einen von Glorícus Soldaten erstach, da diese nur wenig Rüstung trugen. Ich wartete, bis Morthyr auch einen Schritt nach vorne machte, dann Schlug ich mit dem Bogen zu, beschwor aber gleichzeitig mein Feuer in meiner linken Hand und als mein Trainer noch meinen Bogen Abwehrte, warf ich den Feuerball direkt auf sein Schwert. In Sekundenschnelle wurde es glühend heiß und er ließ es mit schmerzverzerrtem Gesicht los. Ich zögerte eine kleine Sekunde, schließlich war er mein Trainer und ich kannte ihn schon ewig, doch dann schlitzte ich ihm mit meinem Bogen den Hals auf, sodass er röchelnd zu Boden fiel. Schnell blickte ich woanders hin und entfernte mich von der Leiche, denn ich wollte mir Morthyr nicht länger ansehen, als nötig. 

Als ich mir den Weg durch die Kämpfenden bahnte, bemerkte ich, dass keiner der Toten mich angriff, vielleicht sah ich meiner Mutter so ähnlich, dass sie mich für ihre Herrscherin hielten, oder meine Mutter hatte ihnen befohlen, mich nicht anzugreifen. Als ich das noch dachte, schüttelte ich schon energisch den Kopf, denn so etwas würde ihr wahrscheinlich nicht einmal in den Sinn kommen. 

Kurz bevor ich bei ihr, Bel und Glorícus angekommen war, hörte ich ein lautes heulen, gefolgt von etwa ein duzend Wölfe, die auf die Lichtung stürmten. 

Riecht ihr den Tod? Die Elfen, die so danach stinken sind die Erschaffung von Helaina!, sagte ich in meinen Gedanken und hoffe, dass alle Wölfe es verstanden hatten. 

Glücklich darüber, dass Damien gekommen war, um auf unserer Seite zu kämpfen, lief ich weiter auf meine Mutter zu. Sie saß ganz entspannt auf ihrem Pferd, neben ihr Glorícus, welcher das ganze Spektakel zu genießen schien. 

Jetzt hörte ich den Schrei, welcher die geheimen Truppen ankündigte, die jetzt von beiden Seiten aus den Bäumen strömten und somit unsere Feinde einkesselten. Zelphar war ganz in meiner Nähe und mit Jhuvak zusammen kämpfte er sich seinen Weg zu Glorícus, denn die Beiden wollten ihn zusammen besiegen. 

Plötzlich stand Bel vor mir, mit seinem süßen Gesicht, welches früher so freundlich und hilfsbereit gewesen war, jetzt jedoch von Hass und Schmerz gezeichnet wurde. 

„Warum hast du mich verlassen?“, fragte er, wobei seine Stimme so traurig klang, dass es mir förmlich das Herz zerriss. 

„Ich musste gehen. Glorícus hätte mich umgebracht“, antwortete ich mit einem Kloß im Hals. Ich musste gerade sehr gegen das Bedürfnis kämpfen, meinen Bruder zu umarmen. 

„Du weißt ja gar nicht, was mit mir passiert ist. Hat es dich nicht geschert, dass ich gefoltert wurde?“, zischte Bel zwischen den Zähnen hindurch. Plötzlich, ohne irgendeine Vorwarnung, hieb er mit dem Schwert in meine Richtung und hätte ich nicht so schnelle Reflexe, wäre ich jetzt an meinem linken Bein schwer verletzt worden. 

Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Glorícus schmunzelte und seinen Sohn mit lauten Rufen ermutigte, während Helaina ganz still geworden war. Vielleicht hatte sie ja noch ein winzigen Rest Liebe für mich übrig. 

Dieser Kampf mit Bel war viel schwerer und gleichzeitig beängstigend für mich, da ich nie beabsichtigte, ihn zu verletzten, während er nicht darauf zu achten schien, mich am Leben zu lassen. Als ich nur eine Sekunde nicht aufpasste, schlug er mir mit dem Schwert den Bogen aus der Hand und stieß mich kraftvoll zu Boden, sodass der Aufprall den Sauerstoff aus meinen Lungen stieß. 

Ich keuchte und rutschte verzweifelt rückwärts, zu meinem Bogen, um mich verteidigen zu können. Mit einem Pfeil hätte ich ihn auch verwunden können, doch das brachte ich nicht übers Herz. 

Der schwarzhaarige Elf setzte sich nun auf mich, ließ Wurzeln aus der Erde wachsen, um meine Arme festzuhalten und legte die Klinge an meinen Hals. 

„Bitte, Bel. Wenn du da noch irgendwo bist! Ich liebe dich und ich wollte dich nie zurücklassen!“, flehte ich meinen Bruder an, doch plötzlich durchfuhr ein beißender und heftiger Schmerz meinen linken Unterarm. 

„Du trägst meine Kette noch“, stellte Bel fest, er redete so ruhig, als wäre dies eine normale Konversation. 

„Töte sie endlich!“, schrie sein Vater mit so viel Freude in der Stimme, dass mir fast übel wurde. Wie konnte man nur so grausam werden? Ich verstand schon, dass er sich ausgestoßen gefühlt hatte, doch ein so schwarzes und steinerndes Herz musste man auch fürchten. 

„Ich will dich nicht umbringen, Cara. Glorícus konnte die Krone nicht aufsetzten, es hat ihn immer umgehauen. Du bist die wahre Retterin und du musst ihn besiegen“, hauchte Bel mir ins Ohr, während ich immer noch vor Schmerzen schrie, denn die Wurzel schien mit einem Stachel etwas in meinen Arm zu ritzen. 

Glück durchströmte mich, ein so gutes Gefühl, dass der Schmerz auf einmal erträglicher wurde. Bel war noch da und er war auf der Guten Seite! Aber mein Glücksgefühl hielt nicht lange an, denn plötzlich wurde der Elf von einem monströsen Wolf von mir geschubst. 

Die Wurzeln lösten sich und ich schnappte mir meinen Bogen, rappelte mich hoch und sah, wie jetzt Damien mit Bel kämpfte. 

„Stopp! Hört sofort auf zu kämpfen!“, schrie ich, doch keiner von beiden schien mich zu hören. 

Beide hatten Mordlust in ihren Augen und sie würden kämpfen, bis einer starb. 

„Das wird sicher amüsant“, kicherte Helaina und auf einen Schlag schwanden alle töchtelichen Gefühle, die ich noch für sie aufgebracht hatte. Wenn das für sie amüsant war, dann war sie ein genauso herzloses Monster, wie ihr Mann. 

Aber das wusste ich ja schon, denn sie hatte ihn ja zur Rache angestiftet! 

Ich spürte, wie der Zorn meine Adern brodeln ließ und bevor ich mich zurückhalten konnte, stieß ich einen Kampfschrei aus, der sich sehr nach einem Brüllen anhörte, denn auch meine Wölfen hatte ihre Finger im Spiel. Sie freute sich schon sehr darauf, endlich wieder töten zu können und somit überließ ich ihr die Kontrolle. Ich verwandelte mich zwar nicht in das Tier, doch ich merkte, wie meine Zähne spitz wurden und meine Augen leuchteten jetzt auch gelb. Mit einem Sprung, den ich mir selber nie zugetraut hätte, sprang ich auf ihr Pferd und riss die Elfe dabei hinunter, so wie Damien Bel von mir gerissen hatte. Ich merkte, wie meine Haut schon glühte und ich kurz davor war, in Flammen aufzugehen. 

Doch bevor ich sie rösten konnte, hörte ich einen schmerzerfüllten Schrei von Jhuvak, wodurch ich kurz unkonzentriert war. 

„Liebe ist Schwäche“, knurrte meine Mutter und stieß mir, ohne mit der Wimper zu zucken, ihren Dolch in mein rechtes Bein. Der Schmerz war noch heftiger als Bellas Wurzeln, die meinen Arm aufgeschlitzt hatten und schreiend robbte ich von ihr hinunter. Ich konnte Brandspuren auf der Ungeschützten Haut sehen, doch sofort kamen mehrere Elfen angerannt, um ihre Herrscherin zu schützen. Sie griffen mich immer noch nicht an, aber ich musste mich erst einmal um meine Wunde kümmern. Der untere Teil meiner Oberschenkel war nicht von meiner Rüstung bedeckt, sondern wegen der Beweglichkeit nur mit sehr dickem Leder, welches das Messer nur wenig gebremst hatte. 

„Jhuvak?“, rief ich, denn ich wusste, dass er sich hier irgendwo aufhalten musste. Den Dolch zog ich noch nicht raus, so viel hatte ich in dem Heilkurs gelernt. 

„Cara!“, hörte ich eine schwache Stimme, gefolgt von dem Lachen Glorícus’. Verdammt! Zelphar und Jhuvak wollten ja gegen den Dunklen Fürsten kämpfen und dem Gehörten zufolge lief es gerade nicht sehr gut für die Beiden. 

Ich entdeckte meinen Stiefvater, welcher noch unversehrt auf seinem Pferd saß und Flammenbälle um sich warf. Einer davon musste Jhuvak getroffen haben, dann er lag mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden. 

„Nimm deine Wasserflasche!“, rief ich ihm zu, denn er schien vergessen zu haben, dass er Elfen heilen konnte. Ich lief zu ihm, wobei ich so viele Feuerbälle wie möglich auf Glorícus warf, der drauf und dran war, Zelphar zu besiegen.
„Ich habe gegen Drachen gekämpft, ich werde auch mit dir fertig!“, rief der König jedoch selbstsicher. Er trug eine sehr wertvolle, verzauberte Rüstung, welche vor Hitze schützte. 

Ich war inzwischen bei Jhuvak angekommen und kippte ein wenig Wasser über seine Wunde, sodass er sie heilen konnte. Es war eine Verbrennung an seinem Hals, die ziemlich schmerzhaft aussah, doch Jhuvak murmelte leise: „Satis seignâ!“, und ich konnte beobachten, wie sich die Haut langsam von rot und blutig neu bildete und wieder normal aussah. 

„Was hast du denn gemacht?“, fragte Jhuvak entsetzt, als er den Dolch in meinem Bein und meinen blutenden Arm sah. 

„Bitte heil mich einfach, damit ich dem dunklen Fürsten endlich mal zeigen kann, wie stark ich wirklich bin. 

Ohne noch etwas zu sagen, zog Jhuvak das Messer mit einem Ruck raus und kippte etwas Wasser darüber. Ich biss mir so stark ich konnte auf die Zähne, was etwas schwierig durch meine Fangzähne wurde, doch schon Sekunden später fühlte ich die Erlösung der Schmerzen. 

„Soll ich deinen Arm auch noch heilen?“, fragte Jhuvak, doch da sah ich, wie ein Feuerball auf uns zukam. 

„Weg da!“, schrie ich und stieß Jhuvak von mir, sodass das Feuer seine Haut nur streifte und einige seiner Haare ansengte. 

Ich ließ das Blut in meinen Adern wieder kochen, als ich mich langsam zu Glorícus umdrehte, meine gelb leuchtenden Augen auf sein grinsendes Gesicht fixiert. 

„Du kannst mich nicht besiegen, das konntest du nie. Du bist zu schwach“, rief mein Stiefvater gehässig und warf einen riesigen Feuerball auf mich, der jeden normalen Elfen sofort zu Asche verbrannt hätte. Das Blut auf meinem Arm, welchen Bel verletzt hatte, verdampfte und zum ersten Mal erkannte ich, was er mit der Wurzel hineingeritzt hatte: Eine Krone. Sie sah zwar nicht perfekt aus, doch sie gab mir das Vertrauen in mich selbst, welches ich für diesen Kampf gebrauchen würde. 

Bel hatte Recht, ich brauchte keine Krone, kein Objekt, um den Dunklen Fürsten zu besiegen. Ich war eine Dryadele, ich hatte ausgeprägtere Sinne als jeder Elf hier und ich konnte von Glorícus stärkster Waffe, seinem Feuer, nicht getötet werden. 

Auf einmal musste ich lächeln, ein verrücktes und mörderisches Lächeln, welches meine Wölfin anspornte, ihren Jagdinstinkt triggerte. Wo ich sie sonst immer als einen anderen Teil von mir angesehen hatte, merkte ich jetzt, dass sie ich war. Wir beide waren eins und ich konnte alle besiegen. Dieses Gefühl konnte ich nicht länger in mir behalten und so stellte ich mich vor meinen Gegner und brüllte. Es hörte sich an wie eine Mischung aus einem Wolfsgeheul und einem Schreien, welches so laut war, dass es viele Elfen, die schon aufgeben wollten, dazu brachte, laut mit zu rufen und ermutigt ihre Gegner zu schlagen. 

Als ich wieder Luft holte, sah ich, dass Glorícus von seinem Pferd stieg und sein riesiges, schwarzes Schwert aus der Scheide zog. 

„Vielleicht bist du mir doch ein ebenbürtiger Gegner“, knurrte der schwarzhaarige Elf, der mich um zwei Köpfe überragte. Er ließ seine Muskeln spielen und baute sich groß vor mir auf, doch in seiner Größe sah ich nur seine Trägheit. 

Ich konnte die Flammen, die an meinem Körper leckten, in seinen Augen sehen und auch er fing jetzt an, zu glühen. Sein ganzes Schwert, welches nur für ihn angefertigt worden war und mit beiden Händen benutzt wurde, fing jetzt an zu brennen. 

Jetzt, wo ich noch einige Meter von ihm entfernt war, schoss ich vier Pfeile blitzschnell hintereinander auf ihn ab, doch alle konnte er mit dem Schwert zerschneiden. 

„Hast du letzte Worte, Bastard?“, fragte Glorícus, der genüsslich langsam auf mich zukam: „Detîner!“

Das bekannte Gefühl der Bewegungsunfähigkeit kam über mich und innerlich fluchte ich, denn diesen Zauber hatte ich noch nie abschütteln können. 

Loritomí! Komm schon, ich muss mich bewegen!, rief ich in meinem Kopf, doch wie immer war meine Magie zu schwach für die meines Stiefvaters. Dieser kam immer näher, ich konnte die Siegessicherheit schon auf seinem Gesicht erkennen. 

Loritomí! Loritomí!, schrie ich in Gedanken, doch nichts tat sich. Dieser Feigling, traute er sich nicht einmal, gegen mich zu kämpfen? 

Nur noch zehn Schritte war er von mir entfernt. Neun, acht, sieben, sechs. 

Sollte mein Leben so enden? So würdelos, von meinem Stiefvater geköpft, während ich mich nicht einmal bewegen konnte. 

„Loritomí“, hörte ich ein leises röcheln, welches sich anhörte, als würde jemand dieses Wort unter großen Schmerzen sagen. 

Noch zwei Schritte war Glorícus von mir entfernt, er hatte schon sein Schwert erhoben, als ich meine Muskeln wieder bewegen konnte. Ich wusste nicht, wer den Zauber gebrochen hatte, doch ich hatte auch keine Zeit, um nachzuschauen. Alles, was ich wusste, war, dass ich jetzt im Vorteil war. Mein Angreifer schien nicht bemerkt zu haben, dass ich meinen Körper wieder unter Kontrolle hatte und so wartete ich bis zur letzten Sekunde, bevor ich zur Seite hechtete, meinen Bogen in einer Acht über meiner Schulter schwang und mit einem sauberen Schnitt die einzige verletzliche Stelle von Glorícus traf: Seinen Nacken. Der Dunkle Fürst, der noch in der Bewegung des Erstechen war, blickte mich kurz verdutzt an, bevor sein Kopf abgetrennt wurde und sein Körper in sich zusammensackte. 

Das Blut spritzte auf mein Bogen und meine Beine, sodass ich bei dem Anblick würgen musste. Da meine Knie plötzlich weich wurden, stützte ich mich auf meinen Bogen und blickte hoch. 

„NEIN!“, schrie ich verzweifelt, als registriert hatte, was ich sah. Rechts von mir kämpften Eméry und Keya zusammen gegen die Erschaffung von Helaina, die sich um ihre Königin geschart hatten, um sie zu beschützen.  

Doch vor mir, nur wenige Meter entfernt, lang ein regungsloser, schwarzhaariger Elf. Ein schwarzer Wolf stand über ihm, seine Schnauze blutig und seine Brust hob- und senkte sich schnell, es war ein harter Kampf gewesen. Damien hatte meinen Bruder umgebracht! Bel hatte mich mit seinem Zauber gerettet, und Damien hatte ihn getötet. 

Ich fühlte mich wie bei dem Moment, als Sam gestorben war, doch dieses Mal war der Schmerz verdoppelt, mein Herz schien in tausend Stücke zu zerspringen und jedes einzelne Stück bohrte sich in mein Fleisch, die Mühe, meine Tränen abzuwischen, machte ich mir gar nicht. 

Warum Bel? Er hatte nie einer Fliege etwas tun können, er war unschuldig gewesen. 

„Mein Sohn! Mein Mann! Ergreift den Wolf! Und DU, du undankbares, widerliches Kind! Ich habe dich auf die Welt gebracht, und du hast deinen VATER umgebracht! Ich werde dich töten!“, schrie Helaina außer sich vor Zorn und Trauer. Wie eine Furie kam sie auf mich zu, während ihre Erschaffungen sich auf die Wölfe stürzten, die in Richtung Wald zurückwichen. Eméry und Keya folgten, töteten zwar welche, doch die Masse schien zu groß. 

Starr blickte ich meine Mutter an, die auf mich zu sprintete. Jhuvak versuchte sie aufzuhalten, doch sie hetzte auch ihm fünf Erschaffungen auf ihn, von Zelphar war keine Spur zu erkennen. Er musste mitten im Schlachtfeld sein. 

Helaina schrie mir gemeine Beleidigungen an den Kopf, doch ich richtete mich mit emotionsloser Miene an, während ich mich aufrichtete. Meine Gefühle brodelten im Inneren, der Verlust meines Bruders war so grauenvoll, dass ich einfach nur noch schreien wollte. Ich konnte nicht mehr kämpfen, hatte diesen Krieg aufgegeben. Wofür sollte ich noch leben, wenn der Mann, für den ich Gefühle hatte, meinen Bruder getötet hatte? 

Und dann schrie ich. 

„Feiroco Perdeíga!“

Mein Feuer breitete sich aus wie meine Stimme, wie eine Bombe verbrannte alles in einem hundert Meter radius um mich herum. Wie in Zeitlupe sah ich das Gesicht meiner Mutter, wie ihr erschrockenes Gesicht verbrannte, wie sie nach hinten geschleudert wurde und sich nur noch wenig regte. Noch war sie am Leben, doch ich hatte keine Kraft mehr. Ich spürte, dass ich zu viel Kraft für diesen Zauber aufgewandt hatte, sodass ich auf die Knie fiel und meine Sicht verschwommen wurde. 

Etwas benommen nahm ich wahr, wie sich Jhuvak über meine Mutter beugte und ihr sein Schwert in ihr Herz rammte. Plötzlich fielen die Erschaffungen um, ihre Königin konnte ihnen kein Leben mehr einflößen. 

Glücklich merkte ich, wie ich auf das Gras fiel, denn selbst wenn ich jetzt sterben sollte, hatten wir den Krieg gewonnen. Meine Freunde waren in Sicherheit und ich würde zu meinem Bruder kommen. 

Wie einen alten Freund begrüßte ich die Schwärze, die mich umschloss und willenlos ließ ich mich fallen. 

Ich hatte gekämpft und ich hatte gesiegt.

Kapitel 21

 

Die Scherben einer Liebe

Lassen sich nie mehr zusammensetzen

 

 

 

Sully Prudhomme

 

 

Langsam öffnete ich meine Augen und blinzelte einige Male. Ich erblickte einen wolkenlosen Himmel, gleichzeitig stieg mir der Geruch von verbranntem Fleisch und Blut in die Nase. 

Stöhnend setzte ich mich auf, wobei ich merkte, dass ich inmitten eines kleinen Kraters saß. Mein Herz zog sich zusammen, als ich merkte, dass ich noch am Leben war und dass ich meine Familie umgebracht hatte. 

Meinen Bogen hatte ich in Kohle verwandelt und auch mein Köcher lag in Stücken neben mir. Langsam, damit ich nicht wieder auf den Boden fiel, stand ich auf und sah mich um. 

Ich war von Leichen umrundet, doch sonst konnte ich keinen Elfen erkennen. 

Lange Zeit schaute ich auf das Schlachtfeld. So viele Elfen hatten heute ihr Leben verloren und lagen jetzt regungslos in dem Gras, welches schon lange plattgedrückt worden war. Nur noch einige Halme standen aufrecht und die Weide war mit Blut bespritzt. Jetzt konnte man es wirklich als Baum der Verzweiflung bezeichnen, denn viele Witwen würden hier um ihre Männer trauern, viele Kinder sich fragen, warum ihre Väter oder Mütter sterben mussten. 

Ich hörte das beständige ‚tropf, tropf‘ des Blutes, welches von meinem Arm auf den Boden fiel, doch ich unternahm nichts wegen meiner Wunde. Jhuvak oder ein anderer Heiler hätte sie wohl schnell heilen können, doch ich wollte das nicht. Ich wollte eine Erinnerung an meinen Bruder, eine Erinnerung an diesen Krieg. 

Eine Träne bahnte sich ihren Weg über meine Wange, als ich meinen Bruder entdeckte, die Augen starr ins nichts gerichtet und seine Kehle von Fangzähnen aufgeschlitzt. Ich ging zu ihm, beugte mich zu ihm runter und schloss seine Augen, dann hob ich ihn hoch, so wie Damien es bei Sam gemacht hatte, doch es erwies sich als schwerer als gedacht, da er noch seine komplette Rüstung trug und außerdem größer war als ich selber. 

„Du musst das nicht alleine tun“, erklang eine beruhigende Stimme von hinter mir, eine Hand legte sich auf meine Schulter und ein samtener Duft umhüllte mich. Ganz klar der Duft von Jhuvak, der mir mal wieder half, alles irgendwie zu überleben. 

„Lass mich dir helfen.“

Da ich keine Kraft mehr hatte, nicht um Bel alleine zu tragen aber auch nicht, um mit dem Prinzen zu streiten, ließ ich es bereitwillig zu, dass er Bel unter die Arme griff und ihn hochhob. Ich wischte mein Gesicht an meinem Ärmel ab, bevor ich seine Füße nahm und zusammen trugen wir den leblosen Körper weg von dem Schlachtfeld, zum Wald hin. 

„Ich kenne eine Stelle, wo wir ihn begraben können“, schlug Jhuvak vor und ich folgte ihm einfach. Während wir schweigend immer weiter in den Wald gingen, beobachtete ich den blonden Elfen. Seine himmelblauen Augen waren gefüllt mit Trauer, Schmerz und Mitgefühl, sodass sein kleines Lächeln nicht authentisch wirkte. 

„Hier ist der perfekte Ort“, sagte er nach einer Weile und legte Bel vorsichtig in das frische Gras, welches fast so unberührt wie das der Feen wirkte. 

„Aber wie willst du ihn begraben? Ich habe keine Schaufel“, sagte ich niedergeschlagen, aber wieder hatte Jhuvak schon voraus gedacht und holte zwei hinter einem Baum hervor. 

„Falls du jetzt lieber alleine mit deinem Bruder sein möchtest, kann ich auch gerne gehen“, fing der Prinz an, doch ich unterbrach ihn sofort: „Nein. Es wäre schön, wenn du bleibst.“

♛♛♛

 

Das letzte bisschen Erde schüttete ich auf sein Grab, dann strich ich mir mit dem rechten Handrücken den Schweiß aus dem Gesicht. Es war schon Abend geworden und ein kühler Wind rauschte durch die Bäume, eine schöne Abkühlung für meinen schmerzenden Körper. 

„Du hast dir Dreck ins Gesicht geschmiert“, grinste Jhuvak und ich fand es schön, dass es dieses Mal ein richtiges Lächeln zu sein schien.
„Wirklich? Oh“, antwortete ich nur, wobei ich langsam auf ihn zuging, damit er es wegmachen konnte. 

„Warte, ich helfe dir.“ Der Prinz hob seine schmutzige Hand und strich mit dem Daumen über meine Stirn, dann musste er auf einmal lachen. 

„Was denn?“, fragte ich besorgt, sah ich so komisch aus?

„Es ist jetzt nur noch schlimmer geworden“, gluckste Jhuvak. Jetzt musste auch ich grinsen und bevor der Elf etwas dagegen unternehmen konnte, schmierte ich auch ihm Dreck in sein Gesicht. 

„Hey! Wofür war das denn?“

„Ich kann doch nicht auf mir sitzen lassen, dass du mich schmutzig machst“, scherzte ich und schmierte ihm noch etwas auf die Nase. 

„Jetzt reicht’s aber!“, drohte Jhuvak, doch als er mich festhalten wollte, um mich auch noch dreckiger zu machen, drehte ich mich blitzschnell um und sprintete davon, in Richtung Strand. 

Ich konnte die Schritte hinter mir hören, doch ich war viel schneller als Jhuvak, also erreichte ich den Strand mit einem großen Abstand. 

Eine große Figur stand dort am Meer, reglos und starrte auf den Horizont.
„Hallo?“, fragte ich vorsichtig, denn obwohl mir der Geruch schon bekannt vorkam, wollte ich sicherstellen, wer dort stand. Schnell drehte sich die Person und und ging auf mich zu, sowie ich auf ihn zuging. Jetzt war es klar, dass dies der Alpha war, der hier um seine Schwester trauerte. Er nahm eine unterwürfige Haltung an, als wir nur noch ein paar Meter voneinander entfernt waren und ging dann auch nicht näher auf mich zu. 

„Es tut mir so Leid wegen deines Bruders“, flüsterte er reuevoll und versetzte mir somit einen Stich ins Herz, der sich so Schmerzhaft anfühlte, als hätte jemand einen Dolch hineingestochen. 

„Ich weiß“, sagte ich nur, dann schwiegen wir beide, blickten uns nur an. 

„Hey, Cara! Du bist aber ganz schön flink, ich“, hörte ich die fröhlichen Ausrufe von Jhuvak, der wohl jetzt erst auf den Stand gekommen war und jetzt mich und Damien erblickte. 

„Was machst du denn hier?“, fragte er so aggressiv, dass ich mich kurz wunderte, ob es wirklich Jhuvak war, doch dann erinnerte ich mich daran, dass er in mich verliebt war und ich mich immer zu Damien bekannt hatte. Es war wirklich komisch daran zu denken, dass mir jemand sagte, dass er mich mochte und jetzt waren es auch noch zwei Jungs, die sich um mich stritten. Wer hätte das gedacht. 

„Ganz ruhig, Prinz. Ich bin nur hier, um meine Schwester zu betrauern, ihr seid zu mir gekommen“, wehrte sich Damien und ich musste ihm Recht geben. Er hatte nichts falsch gemacht. 

„Cara, komm. Wir gehen zum Palast“, meinte Jhuvak und zupfte an meinem Ärmel, doch ich konnte keinen Muskel bewegen. Die Augen dieses Gestaltenwandlers hatten mich festgenagelt, auch wenn ich ihn immer noch hasste, konnte ich ihm nicht widerstehen, meine Wölfen konnte es nicht. 

Die Wölfe ziehen heute noch um, in die Berge und das Schloss des Dunklen Fürsten. Wir wollen es etwas umdekorieren. Du bist immer herzlich Willkommen, ich hoffe du vergibst mir, ich habe dich beschützt denn ich dachte er will dich töten. Könnte ich die Vergangenheit ändern, würde ich das tun. 

Damien hob seine Hand und strich mir vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ohne ein weiteres Wort lief er danach an uns vorbei in den Wald, zu seinem Rudel. 

„Das war ja komisch, warum habt ihr euch so angestarrt?“, fragte Jhuvak mit einem komischen Gesichtsausdruck, den ich als Eifersucht deutete. Doch er brauchte wirklich nicht eifersüchtig zu sein, denn was auch immer Damien und ich gehabt hatten, ich befürchtete, dass es für immer vorbei war. Wir waren nicht gut füreinander, ganz im Gegenteil zu Jhuvak und mir. 

Er war immer für mich da gewesen und hier in Tarsis konnte ich mich wie zu Hause fühlen. Hier hatte ich meine Freunde, hier wurde ich als Heldin gefeiert. 

Nach all dem, was passiert war, brauchte ich jetzt einfach einen Elfen, mit dem ich alles teilen konnte und der mich wie das wichtigste Mädchen in Eryendôr behandelte. Ich brauchte Jhuvak, auch wenn meine Wölfen nach Damien sehnte, erinnerte mein Herz mich an die Scherben. Mein Gehirn schien sich für eine Seite entschieden zu haben, denn langsam ging ich auf den blonden Elf zu. Ich blickte abwechselnd in seine Augen und auf seinen Mund, biss mir auf die Lippe, als ich ihm schon so nahe war, dass mich sein Geruch umhüllte. 

Wir beide sagten nichts, doch er legte seine Hände auf meine Taille und zog mich näher, sodass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spürte und seinen Herzschlag hören konnte. 

Kurz vor seinen Lippen stockte ich kurz, ging einen Millimeter zurück, doch da übernahm er die Kontrolle und presste seine weichen Lippen auf meine. Es war nicht so ein Kuss wie auf dem Berg der Geister, denn dieses Mal wollte auch ich ihn küssen. Ich ließ ihn zwar nicht in mein Herz, denn dazu war es noch zu verletzt, doch ich legte mich in seine Hände. 

Ich wollte mit ihm eine seriöse Beziehung anfangen, um den wilden Damien zu vergessen, den ich wohl nie bändigen könnte. Ich hatte die Mädchen im Schloss nicht verstanden, warum wollten sie immer die Elfen, die mit so vielen etwas hatten, doch jetzt verstand ich sie. Sie wollten den Player zähmen, wollten etwas besonderes sein. So wie ich für Damien besonders sein wollte. Doch jetzt würde ich den besseren, den schlaueren Weg gehen und mich ganz auf den guten Jungen einlassen, der mich verehrte und alles für mich tat. Ihm würde ich vertrauen und vielleicht würde ich mich bald auch in ihn verlieben können. 

Langsam lösten wir uns voneinander, und als ich die Augen aufschlug, blickte Jhuvak mich verliebt an. 

„Du bist so wunderschön, Cara“, sagte er mit samtener Stimme, während er seine beiden Hände auf meiner Taille ließ, ohne mich gehen lassen zu wollen. 

„Du bist auch nicht ganz hässlich“, scherzte ich und Jhuvak schaute gespielt beleidigt, bis wir beide zu lachen anfingen. Ja, das zwischen uns beiden würde perfekt werden. Wer träumte nicht davon, den Prinzen zu heiraten? 

 

♛♛♛

 

Nach einer Weile am Strand entschieden wir uns, zu dem Krankenzelt zu gehen und zu schauen, ob noch jemand Hilfe brauchte. Sowohl Kaya, als auch Eméry und Tányl hatte ich nach der Schlacht noch nicht gesehen und ich hoffte, dass es ihnen gut gehen würde. 

Bewusst machte Jhuvak einen großen Bogen um das Grab meines Bruders und ich dankte ihm dafür, denn ich wusste nicht, ob ich sein Grab erneut sehen konnte, ohne komplett den Verstand zu verlieren. 

Das Krankenzelt war noch voller, als ich gedacht hatte und das, obwohl wir so viele Heiler hatten, die sich um die Verletzten sorgten. Als ich die vielen Wunden und Schmerzenslaute hörte, griff ich unbewusst nach der Hand des Prinzen. Als Jhuvak merkte, dass unsere Finger vereint waren, lächelte er mich kurz an und die erhoffte Wärme breitete sich in meinem Körper aus. 

„Cara! Da bist du ja. Ich hab mir schon solche Sorgen gemacht, weißt du? Ich bin schon überall hingelaufen, doch nirgends warst du und ich dachte schon-“, hörte ich die aufgeregte Stimme von Keya, die mit ihrer Schwester im Schlepptau auf uns zu kam. 

Glücklich umarmten wir uns alle, doch Jhuvak ließ ich nicht los. Es war mir egal, dass alle uns sehen konnten, ehrlich gesagt wollte ich sogar bekannt machen, dass wir beide zusammen gehörten. Auch wenn der Elf neben mir mich noch nicht einmal gefragt hatte, ob ich seine Freundin sein wollte. 

„Cara, du hast dir den Prinzen geschnappt! Hut ab!“, kicherte Em und zwinkerte mir zu. 

Bevor ich etwas erwidern konnte, entdeckte ich Tányl in der Menge, gefolgt von einer Elfe in einem hellgelben Kleid. 

„Juliêtta! Ich bin so froh, dich zu sehen“, rief ich überschwänglich und fiel ihr um den Hals, denn sie war das Mädchen, in welches sich mein Bruder verliebt hatte. Außerdem musste sie todtraurig sein, schon ihr zweiter Verlobter war gestorben. 

„Es tut mir alles so Leid, Caraleya. Dir hätten solche schlimmen Dinge nicht passieren dürfen“, flüsterte Juliêtta in meine Haare. Ich konnte heraushören, dass sie es ehrlich meinte. 

„Es ist schon okay. Woher kennst du Tányl?“, wechselte ich schnell das Thema, denn ich konnte schon die Tränen spüren, die sich den Weg in meine Augen bahnten. 

Juliêtta schob mich von sich, um die Hand des Weißhaarigen zu ergreifen: „Er ist der Bruder meines verstorbenen Verlobten.“

„Was? Ich wusste nicht einmal, dass dein Verlobter einen Bruder hatte“, sagte ich überrascht, ich spürte jedoch einen Stich, dass sie gar nicht um Bel zu trauern schien. 

„Doch, sogar einen Zwilling. Und dieser Zwilling war mein bester Freund, doch ich habe ihn seid mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen!“, sagte die dunkelblonde Elfe fröhlich, wobei ihre Fröhlichkeit die anderen im Zelt anzustecken schien. 

Mich jedoch machte sie sauer, denn sie sollte schwarz tragen und um meinen Bruder trauern und sich nicht an den Arm von Tányl schmiegen. 

„Was ist denn mit deinem zweiten Verlobten? Keine Tränen für ihn? Er hat dich wirklich geliebt, Juliêtta“, spuckte ich aus, und wäre ihr sogar fast an die Gurgel gegangen, wenn Jhuvak mich nicht zurückgehalten hätte. 

„Cara. Der Dunkle Fürst hat mich gezwungen, den Heiratsantrag anzunehmen. Ich habe deinen Bruder gemocht, nie aber geliebt. Es tut mir Leid“, sagte Juliêtta ruhig, Mitleid in ihren Augen. 

„Vielleicht sollten wir lieber wieder an den Strand gehen“, schlug Jhuvak vor, doch ich wollte hier bleiben. Es schmerzte zwar zu wissen, dass Bel nicht von der Liebe seines Lebens geliebt wurde, doch ich konnte Juliêtta auch verstehen, denn mein Stiefvater konnte sehr brutal werden, wenn er etwas wollte. Sie hatte keine Wahl gehabt, als Bel zu heiraten. 

„Ich finde, wir sollten alle hier helfen. Jhuvak, du kannst ja heilen und wir anderen versuchen, den Verletzten so gut wie möglich zu helfen. Es hilft, etwas zu tun, um sich abzulenken“, schlug Em vor, da keiner von uns etwas sagte. 

„Ja, das klingt wie ein guter Plan“, meinte mein Begleiter, doch er ließ meine Hand nicht los, als er zu einem der Patienten ging. Nur als er anfing zu heilen, brauchte er beide Hände. 

Ich ging ein paar Schritte zurück, und blickte mir an, wie meine Freunde überall halfen, wo sie konnten. Ein kleines Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich realisierte, dass der Krieg vorbei war. Die Elfen waren jetzt frei, ohne die Unterdrückung eines grausamen Herrschers und jetzt konnte mein neues Leben beginnen. 

Ob ich meinen Vater finden wollte, dass könnte ich später entscheiden. Erst einmal wollte ich glücklich sein, glücklich mit meinen Freunden, und einem tollen Elfen an meiner Seite. 

Ab jetzt würde alles besser werden. 

 

 

 

 

 

Ende des ersten Buches

In Eryendôr

 


In Eryendôr

 

Jahreszeiten:


4 Sonjei = Sommer
4 Wonla = Herbst und Winter
4 Ferbes = Frühling


- Der 1.1. Sonjei ist der erste Tag des Jahres.
- Jedes Mal, wenn der weiße Mond hinter dem roten hervortritt, beginnt ein neuer Monat.
- Alle Monate haben genau 30 Tage.
- Die Sommer sind wärmer als bei uns und die Winter kälter

 

 

Währung:


1 Aûreus = 10 Argíver = 60 Mauvine

1Aûreus = 10 Euro
1 Argíver = 1 Euro
1 Mauvin = 10 Cent

 

 

Sprache der Wölfe (Jåzyrk)

 

 

Ažena                   Ansprache an Ältere

Ba                        Ja

Díotě                    Elfe

Dobrý                   Gut

Dobré ráno            Guten Tag, 

Hezký den             Schönen Tag noch

Välk                      Wolf

 

Die Alte Sprache (der Elfen)

 

Loritomá                Bewegung!

Reîne(us)               Ansprache an Königin/König

Detîner!                 Stopp(nicht bewegen)

Dryadale                Mischung aus Wolf und Elfe

 

 

 

Impressum

Texte: Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Reproduktion oder Nachdruck in jeder Form sowie Verarbeitung oder Vervielfältigung jeglicher Art ist ohne schriftliche Genehmigung der Autorin untersagt. Alle Übersetzungsrechte sind vorbehalten.
Bildmaterialien: Ich habe die Karte selber gezeichnet :)
Tag der Veröffentlichung: 01.05.2015

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
♛♛♛ Für Emma, die für mich wie eine Schwester ist, und mit der ich gerne in die Welt der Bücher eintauche

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