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Nebel über Loch Kilburne

 

 

 

Kapitel 1

 

Nicolas A. Lincombe saß grübelnd im Zug nach Schottland. Er würde jetzt ein ganzes Jahr bei seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter, verbringen. Seine Eltern hatten ihm die Wahl gelassen, ob er zu seinem Onkel wollte oder zu den Eltern seines Vaters. Nicolas brauchte da gar nicht lange zu überlegen. Er mochte seine Großeltern zwar, aber am liebsten, wenn sie weit weg waren.

Wenn er mit seinen Eltern einmal über das Wochenende dort war, das reichte ihm schon.

Nicolas, tu dies nicht, Nicolas, tu das nicht, Nicolas, benimm dich. Das war alles, was er von seinen Großeltern zu hören bekam. Und das ein Jahr lang, darauf hatte er keine Lust. Sein Onkel lebte allerdings in einem kleinen Dorf in Schottland. So richtig gierig darauf, ein Jahr lang in einem kleinen Dorf zu versauern, war er auch nicht, aber wenigstens hatte sein Onkel einen Sohn im gleichen Alter.

Er hoffte, dass er wenigstens mit ihm etwas unternehmen konnte. An seinen Vetter konnte er sich aber kaum erinnern. Den hatte er zum letzten Mal gesehen, als beide gerade zwei Jahre alt waren. Seinen Onkel traf er vor ungefähr sechs Jahren das letzte Mal, als der zu einem kurzen Besuch in London war.

Er war neugierig auf das Dorf Kilburne, wo sein Onkel mit Familie lebte, am meisten auf seinen Vetter Dennis. Nicolas hatte ein wenig Angst vor dem ersten Treffen. Was wäre, wenn sie sich nicht vertragen und sich nur streiten würden? Dann hätte er ein schweres Jahr vor sich. Alles, was er über Dennis wusste, war, dass er so alt wie er selbst war, sonst nichts. Nicolas selbst war vierzehn Jahre alt, für sein Alter groß und hatte eine sportliche Figur. Seine rotbraunen Haare erbte er von seinem Vater, der irische Vorfahren hatte, und die fast grünen Augen von seiner Mutter. Nicolas war schlank und durchtrainiert, denn er war ein guter Schwimmer und trieb auch sonst etwas Sport. Außerdem spielte um seine Mundwinkel immer ein schelmisches Lächeln. In der Schule war er ganz gut.

Seine Eltern würden es gerne sehen, wenn er in ihre Fußstapfen treten und auch Archäologe werden würde. Das war auch der Grund, weshalb er nun auf dem Weg zu seinem Onkel war.

Seine Eltern würden eine Gastprofessur in Amerika übernehmen. Sie wollten erst absagen, aber das Angebot war zu verlockend gewesen. Sonst blieb immer ein Teil seiner Eltern zu Hause. Es war noch nie vorgekommen, dass er alleine geblieben war. Entweder war seine Mutter unterwegs oder sein Vater, aber nie beide gemeinsam. Nicolas selbst hatte sie dazu gedrängt, für ein Jahr in die USA zu gehen. Er war schließlich kein kleines Kind mehr. Es hatte tagelange Diskussionen darüber gegeben, wie das zu bewerkstelligen war. Schließlich hatte seine Mutter ein langes Telefongespräch mit ihrem Bruder geführt, und dann ging alles blitzschnell. Keine Woche später saß er im Zug. Man hatte viele von seinen Sachen vorgeschickt, sodass Nicolas jetzt nur eine Tasche mit Proviant und einen kleinen Koffer bei sich trug. Seine Mutter hatte darauf bestanden, dass er mit dem Flugzeug reisen sollte, aber Nicolas war Eisenbahnfan und wollte mit dem Zug fahren. Auch das hatte er durchgesetzt.

Jetzt sah er sich in dem Abteil um. Außer ihm saß nur noch eine alte Dame im Abteil, die ihn lächelnd ansah. Scheu lächelte er zurück. Er holte sich ein Butterbrot aus seiner Tasche, packte es aus und biss herzhaft hinein. Dabei fiel ihm die Landkarte in die Hand, die er sich noch in London gekauft hatte. Es war eine Wanderkarte. Kilburne war so klein, dass es auf einer normalen Karte gar nicht eingezeichnet war.

Einzig Loch Kilburne, der See, an dem das Dorf lag, war auf normalen Karten eingetragen.

Das Dorf und auch der See trugen den Namen von der alten Familie Kilburne, die dort immer noch lebte. Wie sollte es auch anders sein in Kilburne Castle. Warum der See und das Dorf so hießen, wusste er nicht, aber er würde es schon herausbekommen. Über die Hälfte der Reise lag schon hinter ihm, und er war fast an der Grenze zu Schottland angelangt, aber er hatte noch ein ganzes Stück Fahrt vor sich. Erst musste er nach Aberdeen und dort umsteigen. Dann musste er bis nach Huntly.

Dort würde man ihn hoffentlich abholen, denn Kilburne selbst hatte keinen Bahnhof. Wie das alles gehen sollte mit der Schule und so, das wusste er auch noch nicht. Etwas nervös machte ihn das doch.

Nicolas kamen doch einige Zweifel, ob das alles so richtig gewesen war. Am allerliebsten wäre er ja mit seinen Eltern in die USA gegangen, aber das ging leider nicht. Eigentlich hatte Nicolas ein schönes und angenehmes Leben. Er war auch soweit zufrieden, auch mit seinen Eltern hatte er nie Probleme. Sie waren, obwohl beide immer in ihre Berufe vertieft waren, aufgeschlossen und hatten immer ein Ohr für seine Sorgen und Anliegen. Das Einzige, was er ihnen übel nahm, war sein zweiter Vorname.

Nicolas fand er ja noch gut, aber das A störte ihn ganz gewaltig. Das A stand für Aurelius. Das war die Idee seines Vaters gewesen. Der Name kam von dem römischen Kaiser Marc Aurel. Sein Vater war auf die alten Römer spezialisiert. 

Dabei hatte er noch Glück gehabt, dass seine Mutter den Namen nicht ausgesucht hatte. Sie war auf das alte Ägypten fixiert. Ramses oder so wäre ja noch schlimmer gewesen. Trotzdem wurde er oft wegen des Namens gehänselt. Jetzt würde das wieder losgehen, wenn er in eine neue Schule kommen würde. Auch ein Jahr konnte lang sein. Das alles ging ihm so durch den Kopf, als er sein Butterbrot aß und aus dem Fenster sah. Die Landschaft war so ganz anders als in London. Hier lag sogar noch Schnee, was für Anfang Januar eigentlich normal war, aber in London hatte er kaum einmal Schnee gesehen. Langsam aber sicher näherte sich der Zug Aberdeen. Der Schaffner hatte ihm schon gesagt, dass er eine knappe Stunde Aufenthalt hatte, bevor er weiterfahren konnte. Von Aberdeen aus war es dann noch eine gute Stunde bis Huntly. Bis er dann in Kilburne war, war es bestimmt schon dunkel. Eine halbe Stunde später dann stand er auf dem Bahnsteig in Aberdeen. Etwas verloren sah er sich um. Er schnappte sich seinen kleinen Koffer und seine Tasche und ging in die große Halle.

Als Erstes fiel sein Blick auf die Reklame einer großen Burgerkette. Er merkte, dass er Hunger hatte.

Nicolas ging hin und genehmigte sich erst einmal zwei Burger. Danach fühlte er sich besser. Er schlenderte zurück in die Bahnhofshalle und sah auf die Anzeigetafel. Er musste zum Bahnsteig zwei.

Der Zug stand schon dort. Nicolas stieg ein und suchte sich weit vorne einen Platz. Er ging davon aus, dass der Zug eh nicht so voll werden würde. Es war mittlerweile sowieso schon dunkel. Pünktlich setzte sich der Zug in Bewegung. Nachdem er Aberdeen verlassen hatte, wurde die Landschaft immer einsamer.

Nicolas schwante Schlimmes. Er vermutete, dass es in Kilburne ähnlich aussehen würde. Er bezweifelte, dass es dort überhaupt ein Kino geben würde. So langsam wurde er doch ein wenig nervös. Nicolas war die ganze Fahrt über alleine im Abteil gewesen, als er dann endlich in Huntly angekommen war. Er nahm seine Sachen, schloss den Reißverschluss seiner Jacke, die er gleich angelassen hatte, und stieg aus. Wie es aussah, war er der Einzige, der hier ausstieg. Jedenfalls lag der Bahnsteig verlassen vor ihm. Nicolas wunderte sich. Er sollte doch abgeholt werden. Er hoffte, dass man ihn nicht vergessen hatte. Nicolas holte sein Handy hervor und bekam den nächsten Schock. Kein Empfang!

Das durfte doch nicht wahr sein, dachte er. Wo war er hier nur gelandet? Nachdem er fast eine halbe Stunde in der Kälte gewartet hatte, wollte er sich gerade auf die Suche nach einem Telefon machen, als ein Junge in seinem Alter um die Ecke geschossen kam und ihn bald umgerannt hätte, wenn er nicht schnell zur Seite gesprungen wäre.

"Hey", rief Nicolas. "Pass doch auf!" Der andere Junge hatte Schwierigkeiten anzuhalten, es war doch etwas glatt. "Sorry, entschuldige bitte, ich konnte nicht anhalten", sagte der Junge.

Als er vor Nicolas stand, reichte er ihm die Hand und sagte: "Da ich hier niemand anderen sehe, musst du Nicolas sein, oder täusche ich mich da?"

Nicolas nahm die dargebotene Hand, schüttelte sie und antwortete: "Stimmt, ich bin Nicolas. Dann musst du Dennis sein."

Dennis grinste breit und nickte. Naja, dachte Nicolas. Ganz nett sieht er ja aus. Dennis war minimal kleiner als Nicolas, aber etwas stabiler. Er hatte blonde Haare, soweit Nicolas das an den wenigen Locken erkennen konnte, die unter der Mütze hervorschauten. Insgesamt machte Dennis einen guten Eindruck auf Nicolas. Aber das konnte ja täuschen, er wollte erst einmal abwarten.

"Wo ist Onkel Patrick?", fragte Nicolas und schaute über Dennis' Schulter.

"Onkel wer? Ach so!" Dennis lachte. "Du meinst Dad. Der hat eine Panne mit dem Auto. Er hat mich vorgeschickt. Ich bin jetzt fast zwei Kilometer gerannt."

"Eine Panne mit dem Auto?", fragte Nicolas entsetzt. "Soll das heißen, dass wir hier nicht wegkommen?"

"Klar, sicher, das ist eine alte Karre, da ist immer mal eine Kleinigkeit. Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass er vor sich hin murmelte: ‚Ich muss die blöden Kontakte sauber machen.‘"

"Na hoffentlich ist er bald da, mir ist saukalt. Ich wollte anrufen, aber ich habe keinen Handyempfang. Kommt das öfters vor?"

"Nö, hier eigentlich nicht, aber bei dem Wetter kann es schon einmal Störungen geben."

Nicolas hatte nur das Wörtchen "hier" gehört. "Was meintest du mit hier?", hakte er nach.

"In Kilburne kannst du das Teil ganz vergessen, da gibt's keinen oder sehr sehr schlechten Handyempfang", meinte Dennis trocken. Abrupt blieb Nicolas stehen. "Du machst Witze, oder?"

"Nö, gar nicht, und Internet gibt´s auch selten, weil es über Satellit läuft, und das klappt auch meistens nicht."

Nicolas setzte sich fassungslos auf seinen Koffer. Dennis sah sich nach ihm um. "Was ist?", fragte er.

"Kein Handy? Kein Internet? Wie habt ihr bis jetzt überlebt?" Nicolas war immer noch fassungslos.

"Na, so schlimm ist das auch nicht. Du wirst dich daran gewöhnen." Dennis sah ihn belustigt an.

"Niemals, niemals werde ich mich daran gewöhnen", meinte Nicolas im Brustton der Überzeugung.

"Wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben, wenn du jetzt ein Jahr bei uns lebst. Sei mir nicht böse, aber du scheinst irgendwie andere Vorstellungen vom Landleben zu haben."

"Das glaube ich aber auch langsam." Nicolas ließ die Schultern hängen.

Dennis ging zurück und klopfte ihm auf die Schulter. "Na komm, so schlimm wird das schon nicht werden. Ich verspreche dir, das eine Jahr wirst du schon herumbekommen. So wie ich dich einschätze, werden wir uns bestimmt gut verstehen. Ich find dich in Ordnung!"

"Danke", sagte Nicolas. „Ich dich auch, und wenn ich ehrlich bin, hatte ich davor ein wenig Bammel, dich zu treffen, denn ich wusste ja nicht, wie du so bist", gestand Nicolas. Dennis grinste. "Ging mir genauso. Dad hat mir nicht viel über dich erzählt. Er hat nur gesagt, ich soll dich nicht auf deinen Namen ansprechen. Warum, weiß ich allerdings nicht. Nicolas ist doch okay."

Nicolas errötete etwas. "Ich denke, er meinte damit das A in meinem Namen."

"Was für ein A?" Dennis blickte ihn fragend an.

"Ich heiße richtig Nicolas A. Lincombe."

"Ja, und? Was heißt das A?"

"Aurelius", flüsterte Nicolas und wartete auf einen Lachanfall. Der kam aber nicht.

"Du lachst nicht?", fragte er.

"Warum sollte ich? Ich weiß zwar nicht, wer das war, aber schlimmer als mein zweiter Name ist der auch nicht. Ich heiße Dennis Egohan. Egohan nach meinem Ur-Urgroßvater. Kennt heute kein Mensch mehr. Aber du musst mir erklären, was Aurelius heißt." Erleichtert, dass Dennis nicht gelacht hatte, versprach Nicolas es ihm, aber jetzt war keine Zeit mehr, sein Onkel kam gerade um die Ecke.

Mit offenen Armen kam er auf Nicolas zu und umarmte ihn. Nicolas blieb fast die Luft weg.

"Hey, Nicolas! Schön, dass du da bist." Er klopfte ihm herzlich auf die Schultern.

"Mann, was bist du groß geworden. Ist aber auch lange her, dass ich dich das letzte Mal gesehen habe. Entschuldige die Verspätung, aber der Wagen wollte nicht so richtig. Hast du eine gute Fahrt gehabt?

Ist das alles, was du bei dir hast?"

Endlich konnte Nicolas auch etwas sagen. "Hallo, Onkel Patrick! Ich freu mich auch, hier zu sein, und ich soll noch einmal beste Grüße von Mum und Dad bestellen."

"Wann fliegen sie denn in die USA?", fragte sein Onkel.

"Morgen früh geht ihr Flieger", antwortete Nicolas.

Nicolas betrachtete seinen Onkel. Er war ein Jahr älter als seine Mutter. Er war groß, braun gebrannt, hatte wie Dennis blonde Haare, aber bei ihm standen sie wirr vom Kopf ab, was einen witzigen und sympathischen Eindruck hinterließ. Man sah ihm an, dass er ordentlich zupacken konnte. Das musste er auch als Verwalter bei Lord Kilburne. Was er da alles zu machen hatte, wusste Nicolas nicht genau, würde es aber sicher noch erfahren.

Am Auto angekommen, einem alten Landrover, verstaute sein Onkel den Koffer und die Tasche hinten und sagte: "Los, einsteigen, wir sind eh schon spät dran!"

Nicolas und Dennis setzten sich beide auf die Rückbank und unter Stottern sprang der Wagen an.

Vorne hörte man Patrick leise aufatmen. Hinten grinsten die beiden Jungen.

"Erzähl mal, wie war die Reise?", kam die Frage von vorne.

"Ach, die war schon okay, nur ein wenig lang, aber ich fahre gerne mit dem Zug. Das hat mir nicht viel ausgemacht." "Na, dann ist ja gut! Hat deine Mutter noch etwas gesagt, was du mir ausrichten sollst?"

"Nein, aber sie hat mir noch einen Brief mitgegeben. Von ihrem Anwalt oder so. Es geht da um irgendwelche Vollmachten und so, ich glaube, ihr habt das schon alles besprochen. Hat sie jedenfalls gesagt."

"Stimmt, haben wir, aber ich brauche etwas Schriftliches, um auf der sicheren Seite zu sein. Mach dir aber da keine Gedanken."

Während sich Dennis und Nicolas hinten leise unterhielten, waren sie in Kilburne angekommen.

Patrick lenkte den Wagen in eine Auffahrt. Sie fuhren an einem alten Haus vorbei, als Dennis plötzlich sagte: "Da haben wir früher gewohnt." Nicolas drehte den Kopf.

"Früher?", fragte er. "Und wo wohnt ihr jetzt?"

"Mit im Schloss, der Lord hat uns den ganzen Westflügel zur Verfügung gestellt", antwortete Dennis. Das war neu für Nicolas. Das hatte er nicht gewusst.

"Wow, das wusste ich nicht. Das hat mir Mum gar nicht erzählt."

"Konnte sie auch nicht, sie weiß es auch nicht, denn ich habe es ihr nicht erzählt", kam es von vorne.

"Warum nicht?", fragte Nicolas neugierig.

"Ja, meinst du, sie hätte dich kommen lassen, wenn ich erzählt hätte, dass wir nicht mehr in unserem Haus wohnen? Das wollte ich nicht riskieren. Wir haben uns alle darauf gefreut, dass du ein Jahr zu uns kommst."

"Und warum wohnt ihr jetzt im Schloss?", wollte Nicolas wissen.

"Das kann dir Dennis später erzählen, jetzt habe ich einen Bärenhunger!", entgegnete sein Onkel.

"Und der Besitzer ist damit einverstanden?"

"Oh, ja. Der Lord ist sehr nett, und außerdem  hat er auch einen Sohn in eurem Alter. Ich fürchte, wir werden viel Spaß mit euch bekommen." Patrick lachte.

Nicolas schaute an dem Schloss hoch, aber er konnte im Dunkeln nicht viel erkennen. Sein Onkel lenkte den Wagen um das Schloss herum und parkte vor einer hell erleuchteten Tür, die auch sogleich aufgerissen wurde. Eine Frau so um die Mitte bis Ende dreißig stand in der Tür.

Nicolas vermutete, dass es seine Tante Susan war. Sie hatte die gleiche Haarfarbe wie Dennis, nur trug sie es länger und hatte Locken. Ihre Augen waren hellbraun, und wenn sie lächelte, sah man ein leichtes Funkeln. Um den Mund in dem fein geschnittenen Gesicht spielte ein Lächeln, wobei sich Grübchen bildeten.

Und richtig. Freudig kam sie auf Nicolas zu. Herzlich nahm sie ihn in die Arme.

"Willkommen bei uns", sagte sie. „Ich denke, du wirst dich kaum an mich erinnern können, ich bin deine Tante Susan. Jetzt kommt aber herein, das Essen wartet." Nicolas bemerkte, dass der Hintereingang geradewegs in die Küche führte. Ein verführerischer Duft stieg ihm in die Nase. Er merkte jetzt erst, wie hungrig er war. Nach dem Essen sagte Susan zu Nicolas: "Ich habe dir ein Zimmer neben Dennis hergerichtet. Deine Sachen sind ja schon vor zwei Tagen angekommen. Ich habe sie in den Schrank in deinem Zimmer gepackt. Ich schlage vor, dass wir für heute Schluss machen und schlafen gehen, es ist spät, und für Nicolas war es ein langerTag."

Dennis sprang auch gleich auf. "Komm, ich zeig dir dein Zimmer!" Nicolas wünschte eine gute Nacht und rannte hinter Dennis her. Eine Etage höher ging Dennis zur letzten Tür auf dem Gang und hielt sie für Nicolas auf. Nicolas trat ein und sah sich um. Das Zimmer war größer als seins zu Hause in London. Er sah ein großes Bett, einen Schreibtisch, den Schrank mit seinen Sachen und ein Sessel und ein Tisch standen auch noch da. Das Überraschende war ein Kamin, in dem sogar ein echtes Feuer brannte.

"Wow, ein echter Kamin", freute sich Nicolas.

"Ja, klar. Den brauchen wir hier auch. Das ist eine Ölheizung hier. Die schafft es manchmal nicht, die hohen Zimmer zu heizen. Und außerdem ist Öl teuer."

Dann deutete er auf die Tür neben dem Schrank.

"Wohin führt die denn?"

Dennis öffnete sie und zeigte Nicolas das kleine, aber schön eingerichtete Bad.

"Das müssen wir uns teilen", sagte Dennis und zeigte auf eine weitere Tür. "Dahinter ist mein Zimmer", erklärte er.

"So, jetzt lass ich dich alleine. Morgen zeige ich dir das Schloss." Sie wünschten sich eine gute Nacht und dann war Nicolas alleine in seinem Zimmer, das vorläufig sein Zuhause war.

Er trat an das Fenster und schaute hinaus. Nicht weit vom Schloss konnte er den See sehen,

Loch Kilburne. Viel erkennen konnte er aber nicht. Nur am gegenüberliegenden Ufer konnte er ein paar Lichter entdecken. Das musste wohl das Dorf Kilburne sein. Was ihn wunderte, war, dass über dem See bei dem Wetter ein leichter Nebel lag. Aber er dachte nicht weiter darüber nach. Er zog den Vorhang zu, holte sich einen Schlafanzug aus dem Schrank, zog ihn an und legte sich in das große, bequeme Bett. Er dachte, er würde schlecht einschlafen können, aber er war doch sehr müde und schnell im Reich der Träume. Er bekam nicht mit, dass der Nebel, den er über dem See gesehen hatte, mit einem seltsamen Leuchten vor seinem Fenster schwebte.

 

Kapitel 2

 

 

Am nächsten Morgen fühlte sich Nicolas prima. Er hatte tief und fest geschlafen. Ein Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass es schon fast zehn Uhr war. Schnell sprang er aus dem Bett, zog sich an und ging rasch hinunter in die Küche.

"Guten Morg...", setzte er an, aber außer einem Jungen mit unglaublich schwarzen Haaren und blauen Augen war niemand da.

Der andere Junge grinste ihn an. "Ach, du musst der Neue sein. Ich bin Master Jeffrey, der Sohn von Lord Kilburne. Du darfst Hoheit zu mir sagen."

Sprachlos sah Nicolas ihn an. Er wollte gerade zu einem Gruß ansetzen, als Dennis hereinkam.

"Von wegen Hoheit", kam es von der Tür, die nach draußen führte. Nicolas drehte sich um und sah einen grinsenden Dennis.

"Der kann froh sein, dass man ihn nicht Jeff nennt, das kann er gar nicht leiden." Jeffrey verzog das Gesicht und reichte Nicolas die Hand. "Du bist also Nicolas, von dem seit Wochen geredet wird. Willkommen auf Schloss Kilburne, und du kannst wirklich Jeffrey zu mir sagen. Auf den Titel lege ich eh keinen Wert." Nicolas begrüßte ihn und setzte sich an den Tisch.

"Was möchtest du zum Frühstück?", fragte Dennis.

Nicolas hob die Schultern. "Wenn es geht, ein Glas Milch und einen Toast! Das reicht mir."

Dennis und Jeffrey schüttelten die Köpfe. "Das ist doch kein Frühstück, aber heute muss es reichen. Mum ist beschäftigt und Dad ist schon unterwegs. Willst du auch noch etwas?" Jeffrey schüttelte den Kopf. "Ich hatte heute Morgen schon eine ordentliche Portion Porridge."

Während Nicolas seinen Toast aß und die neugierigen Fragen von Jeffrey beantwortete, kam seine Tante in die Küche.

"Ach, da bist du ja. Guten Morgen. Ich hoffe, du hast gut geschlafen." Nicolas nickte heftig, da er den Mund voll hatte.

"Gut, das freut mich. Wenn du fertig bist, dann verschwindet aus der Küche, ich muss mich ums Essen kümmern. Ihr beide könnt mit Nicolas einen Rundgang durch das Schloss machen. Wenn ihr nach draußen geht, zieht euch warm an. Es ist kalt."

"Wenn das so ist, fangen wir draußen an.", beschloss Jeffrey. Nicolas war mit allem einverstanden.

Schnell lief er nach oben, um sich etwas Warmes anzuziehen. Dennis und Jeffrey warteten schon auf ihn.

"Wo fangen wir an?", fragte Dennis. Jeffrey überlegte kurz. "Lass uns zum See gehen. Von da hat man einen schönen Blick auf die Gegend, den See selbst und das Dorf."

Er stapfte voran und die beiden folgten ihm. Am See angekommen drehten sie sich um und schauten auf das Schloss. Nicolas war beeindruckt. Das Hauptgebäude war ziemlich lang und hatte drei Stockwerke. Beeindruckend waren auch die zwei Türme, die sich in den Winterhimmel erhoben. Einer war rund und stand an der Ecke vom Westflügel, der andere war eckig und sah aus, als wäre er einfach irgendwohin gebaut worden. Zahlreiche kleine Türmchen und Kamine zierten das Dach.

"Wie alt ist das Schloss?", wollte Nicolas wissen. Jeffrey sagte stolz: "Weiß man gar nicht genau.

Der älteste Teil wurde im vierzehnten Jahrhundert gebaut. Alles andere ist neuer. Es wurde immer viel daran gebaut. Ich hoffe, dass wir es behalten können!"Den letzten Satz murmelte er nur noch.

Nicolas hatte es trotzdem gehört. "Warum solltet ihr es nicht behalten können?"

Jeffrey holte tief Luft. "Na, du wirst es ja doch einmal erfahren. Uns geht es nicht so gut. Wenigstens geldmäßig nicht. Wie du weißt, wohnen Dennis und seine Eltern bei uns im Schloss, weil wir das Verwalterhaus verkaufen mussten. Wir haben auch, bis auf Dennis Vater als Verwalter und seiner Mutter, keine Angestellten mehr. Wenn du hier auf einen Butler hoffst und jede Menge Dienstboten, dann bist du hier falsch." Nicolas war ein wenig verlegen. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er fand es nett, dass Jeffrey so offen und ehrlich zu ihm war. Da er nicht wusste, was er sagen sollte, fragte er: "Kann man hier schwimmen?"

"Klar, im Sommer schon, und Wasserski können wir auch fahren", entgegnete Jeffrey.

"Und was ist das dort hinten?" Nicolas deutet schräg über den See. "Etwas neben dem Dorf."

"Das? Das ist der Campingplatz, der gehört auch noch zum Schloss", erklärte ihm Jeffrey. "Den haben wir aber verpachtet. Jetzt im Winter ist er normalerweise geschlossen, aber einige  kommen auch im Winter zum Wandern. Hier gibt es schöne Wanderwege."

Sie wollten zurück zum Schloss, als Nicolas' Blick noch einmal über den See glitt.

"Was ist das für ein Nebel?" Nicolas zeigte in die Richtung, wo wieder diese Nebelschwade über dem See lag, die er gestern Abend schon gesehen hatte.

Dennis und Jeffrey sahen dorthin, wo Nicolas hindeutete.

"Das weiß niemand, warum die da ist. Es waren schon Wissenschaftler hier, die das untersucht haben.

Man geht davon aus, dass es eine unterirdische Quelle gibt, die sich mit dem Wasser aus dem See vermischt, und es deshalb dieses Phänomen gibt. Aber etwas Genaues wissen die auch nicht. Der See ist sehr tief, so um die dreihundert Meter, tiefer als Loch Ness, aber ein Ungeheuer haben wir nicht!" Jeffrey lachte. Inzwischen waren die drei wieder am Schloss angekommen. Sie gingen um den Westflügel herum und standen vor den Nebengebäuden. Eine Frau kam aus einem der Gebäude auf sie zu.

"Hallo Mum", grüßte Jeffrey. "Das ist Nicolas. Wir waren gerade am See unten. Wir machen einen Rundgang und später zeigen wir ihm das Schloss." 

Nicolas besah sich Lady Kilburne. Eine Lady hatte er sich immer anders vorgestellt. Sie war groß, schlank und hatte leicht angegrautes, glattes Haar und ebenso blaue Augen wie Jeffrey.

Das Eindrucksvollste war ihre aristokratische Nase. Sie trug Jeans, eine Bluse und darüber eine dicke Daunenjacke. Eben nicht, wie sich man eine Adlige normalerweise vorstellt.

Nicolas reichte ihr höflich die Hand und drückte sie vorsichtig. Er hätte nicht vorsichtig zu sein brauchen, Lady Kilburne hatte einen festen Händedruck.

"Das ist schön, dass ihr euch schon kennt", meinte sie. "Herzlich willkommen bei uns, und ich hoffe, du hast eine schöne Zeit bei uns. Meinen Mann wirst du erst in ein oder zwei Tagen kennenlernen, der ist zurzeit in Edinburgh. Jetzt muss ich aber ins Haus. Wir sehen uns dann nachher beim Essen."

Dann verschwand sie in Richtung Küche.

"Kannst du eigentlich reiten?", wollte Jeffrey wissen.

"Nein, weshalb fragst du?" Nicolas war verwirrt.

"Dann musst du es lernen. Im Dorf kann man Pferde leihen. Wir hatten früher selbst welche, aber der Unterhalt war zu teuer."

Die drei hörten ihre Namen aus der offenen Küchentür. "Jungs kommt essen!", rief Dennis' Mutter.

Die Jungen stürmten in die Küche, sie hatten einen ordentlichen Hunger. Dennis' Mutter hatte einen herrlichen Lammeintopf gekocht, der prima schmeckte. Jeffrey und seine Mutter saßen mit den anderen in der Küche. Es schien hier wirklich sehr zwanglos zuzugehen. Lady Lydia bemerkte seine Blicke und sagte: "Wir essen immer mit hier in der Küche, auch wenn mein Mann da ist. Der Speisesaal wird nur genutzt, wenn einmal Gäste da sind, aber das ist relativ selten."

"Was habt ihr denn noch vor heute?" Nicolas' Tante sah ihn an. Statt Nicolas antwortete Jeffrey.

"Wir wollen Nicolas noch das Haus zeigen. Das ist ja groß genug, wir fangen im Keller an."

"Gibt's hier auch eine Folterkammer?", fragte Nicolas neugierig. Lady Lydia lachte laut auf.

"Nein, nicht mehr, aber bis vor so einhundertfünfzig Jahren gab's noch eine. Aber was wollt ihr im Keller? Die Gewölbe sind doch alle leer. Aber macht, was ihr wollt, passt aber auf, dass euch nichts passiert. Da unten ist alles ziemlich brüchig."

Die Jungen versprachen es und rannten los.

Als Jeffrey dann die Tür öffnete, die zum Haupthaus führte, konnte man denken, man käme in ein anderes Haus. Nicolas betrat eine große Halle. Der Fußboden schien aus Marmor zu sein. An den Wänden hingen alte Bilder, überall standen große Leuchter herum und sogar einige Ritterrüstungen.

Eine große Treppe führte in die nächste Etage. Jeffrey allerdings ging an der Treppe vorbei und öffnete eine Tür, die unter der großen Treppe verborgen war. Er legte einen Schalter um und nackte Glühbirnen beleuchteten eine steile Treppe, die in die Tiefe führte. Jeffrey ging voran und die anderen folgten ihm. Unten angekommen schaute sich Nicolas fasziniert um. Besonders hell war es nicht, aber was er sah, war riesig.

"Das hier ist der Hauptkeller", erklärte Jeffrey. "Hier werden Lebensmittel aufbewahrt, und hinten ist der Weinkeller. Die anderen Räume sind entweder abgeschlossen oder sogar zugemauert. Wir brauchen die alle gar nicht."

"Hast du die schon einmal untersucht?" Nicolas sah ihn an.

"Teilweise zusammen mit Dennis. Aber nicht alle. Mein Vater hat es nicht gerne, wenn wir hier unten herumstöbern, da es nicht ganz sicher ist. Also das soll nicht heißen, dass das Haus zusammenbricht, aber hier und da fällt schon mal ein Stein herunter. Das ist alles."

"Bist du gar nicht neugierig, was hinter den zugemauerten Räumen ist?"

"Klar bin ich das, aber ich denke mir, die sind schon so lange zu, dass bestimmt früher schon jemand nachgesehen hat. Und außerdem, wie sollen wir das machen, ohne dass jemand etwas merkt?"

"Das würde schwierig werden", gab Nicolas zu. Sie stiegen hinauf und standen wieder in der großen Halle. In der unteren Etage gab es dann noch das Musikzimmer, in dem allerdings nur noch ein großer Flügel stand. Nicolas ging hin und schlug ein paar Tasten an.

"Kannst du spielen?", fragten Dennis und Jeffrey.

"Etwas ja, aber nicht so toll. Ich habe zu Hause Unterricht gehabt."

"Dann musst du uns mal etwas vorspielen. Ich sollte das zwar auch lernen, aber ich hatte keine Lust dazu. Zum Glück zwingt mich niemand dazu. Mum spielt aber auch etwas." Jeffrey schloss die Tür und öffnete eine andere, die in den riesigen Speisesaal führte. Staunend sah sich Nicolas um. Jetzt konnte er verstehen, dass alle lieber mit in der Küche aßen. Für drei Leute war er einfach zu groß.

Dann betraten sie die Bibliothek. Nicolas war überwältigt. Bücher über Bücher standen an den Wänden in Regalen, die bis zur Decke reichten. Da Nicolas von jeher ein Bücherfreund war, war es für ihn der schönste Raum.

"Habt ihr die alle gelesen?", fragte er Jeffrey.

"Nein , natürlich nicht. Die meisten sind uralt und einige sind auch in Latein geschrieben, das kann ich sowieso nicht. Das kann niemand von uns, Mum und Dad auch nicht."

Immer noch begeistert sah sich Nicolas um, als Lady Lydia den Raum betrat.

"Ach, hier seid ihr. Na, wie gefällt dir das Schloss?"

Nicolas drehte sich zu ihr um. "Das ist der schönste Raum für mich, ich liebe Bücher.", sagte er immer noch begeistert.

"Na, wenn du so gerne liest, kannst du dich ruhig hier bedienen, aber bitte vorsichtig mit den Büchern.

Es gibt viele Bücher über die Geschichte des Schlosses, wenn es dich interessiert."

"Ja, sehr", meinte Nicolas. Sie verließen die Bibliothek.

"Und jetzt auf den Turm", sagte Dennis.

Jeffrey lief vor und bog um eine Ecke. Dort lag der Zugang zum Turm. Jeffrey hielt die Tür auf und die drei begannen mit dem Aufstieg. Sie stiegen auf den eckigen Turm und Nicolas murmelte etwas von einem Aufzug, weil er so viele Stufen nicht gewohnt war. Dennis und Jeffrey grinsten. Endlich waren sie oben angekommen. Jeffrey öffnete eine kleine Pforte, durch die man nach draußen gelangte.

Heftiger Wind wehte Nicolas um die Ohren. Aber die Aussicht war grandios. Man konnte fast den ganzen See überblicken und die Häuser im Dorf erkennen. Nicolas sah sich um. In einiger Entfernung erblickte er in einem Wäldchen ein Gebäude, das einer kleinen Kirche ähnelte.

Er deutete in die Richtung und fragte: "Was ist das dort?" Jeffrey folgte dem ausgestreckten Arm und sah, was Nicolas meinte.

"Das ist der Friedhof unserer Familie", gab er zurück. "Da liegen auch zwei Vorfahren, die sich von dem Turm hier zu Tode gestürzt haben." Vorsichtig sah Nicolas nach unten und bekam eine Gänsehaut, wenn er daran dachte, dass hier zwei Menschen hinunter gesprungen waren. "Das musst du mir mal genauer erzählen", meinte Nicolas.

Und bevor Nicolas mehr fragen konnte, deutete er ein Stück weiter. "Und dort ist das Brunnenhaus, aber das ist verschlossen, seit es fließendes Wasser im Schloss gibt. Der Brunnen ist allerdings immer noch da, wenn auch vertrocknet."

Ihnen wurde kalt und sie wollten wieder nach unten. Nicolas ließ seinen Blick noch einmal in die Runde schweifen, als er über dem See wieder den seltsamen Nebel sah, und wieder dachte er sich nichts dabei. Sie waren nicht lange oben gewesen, aber sie froren trotzdem.

"Lasst uns sehen, ob wir einen Kakao bekommen, dann können wir in meinem Zimmer noch etwas zocken", meinte Jeffrey.

Damit waren alle einverstanden. In der Küche bekamen sie das Gewünschte von Dennis' Mutter, dann zogen sie ab in Jeffreys Zimmer. Bis auf die alten Möbel war es genau so eingerichtet wie jedes andere Jungenzimmer in dem Alter. An den Wänden Poster, ein kleiner Fernseher und eine Spielekonsole, wo sich die drei einem Rennspiel widmeten. Als sie die Treppe hochrannten, waren sie an einigen Bildern vorbeigelaufen. Nicolas war dabei gar nicht aufgefallen, dass eines fehlte.

 

Kapitel 3

 

Am nächsten Morgen wachte Nicolas früh auf. Er stand auf und klopfte an die Tür, die zum Badezimmer führte. Da er keine Antwort bekam, schloss er, dass Dennis wohl schon auf war. Er trat ins Bad und sprang schnell unter die Dusche. Er zog sich an und ging hinunter. Wie vermutet, war Dennis schon auf und saß am Küchentisch. Jeffrey war nicht da, aber Nicolas' Tante.

"Guten Morgen", grüßte sie. "Gut geschlafen?" Sie stellte eine Schüssel mit einer undefinierbaren, weißen Pampe vor ihn auf den Tisch. "Guten Appetit. Lass es dir schmecken".

Misstrauisch schielte Nicolas in die Schüssel. "Äh, was ist das bitte?", fragte er.

Seine Tante drehte sich erstaunt um. "Porridge natürlich. Das gibt's hier jeden Tag zum Frühstück. Würstchen und Speck gibt es nur am Sonntag.“ Nicolas schluckte.

"Könnte ich bitte einen Toast und ein Glas Milch haben?", fragte er schüchtern.

"Magst du keinen Porridge?" Seine Tante sah ihn an.

Nicolas schüttelte heftig seinen Kopf. "Nein, lieber nur Toast bitte."

Nicolas schob die Schüssel von sich. Wie konnte man so etwas nur essen, dachte er.

Dennis hingegen löffelte seine Schüssel leer und wollte sogar noch Nachschlag. Einen Moment später stellte ihm seine Tante Toast und einen Teller mit Käse und ein Glas Marmelade auf den Tisch. Nicolas nahm sich Toast und belegte eine Scheibe mit Käse, die andere bestrich er mit Marmelade.  "Alles selbst gemacht", sagte seine Tante.

"Auch der Käse?" Nicolas war beeindruckt

"Ja, der Käse auch", kam es von der Tür. "Guten Morgen." Jeffrey und seine Mutter betraten die Küche. 

"Der Käse kommt aus unserer Käserei, der wichtigste Geschäftszweig neben der Viehzucht. Schmeckt er dir?" Nicolas nickte und schluckte den Bissen hinunter.

"Ist das der Golden-Kilburne? Den kenn ich aus London."

"Ach? Das ist aber schön. Kennst du die anderen auch? Den White-Kilburne und den Blue-Kilburne?" 

"Kenn ich, klar, ich mag gerne Käse.", gab Nicolas zurück.

"Dann musst du unbedingt die Käserei mal besichtigen", meinte Jeffrey.

"Gerne, sicher. Das würde mir Spaß machen."

"Aber das muss warten", warf seine Tante ein. "Wir müssen noch einen Kilt für dich kaufen, so lange noch Ferien sind. Du brauchst einen für die Schule."

Nicolas verschluckte sich und spuckte fast die Milch aus. "Einen WAS?????", fragte er sichtlich erschüttert.

"Einen Kilt!", sagte sie trocken. Nicolas hatte sich doch nicht verhört.

"Einen Rock? Ich soll einen Rock in der Schule anziehen? Das könnt ihr euch aber abschminken! Ich bin doch nicht blöd und mache mich lächerlich. Und außerdem friere ich mir bei der Kälte ja den Arsch ab!"

"Nicolas!", rief seine Tante. "Ich bitte dich, beherrsche dich!"

"Na, ist doch wahr. Ich ziehe jedenfalls keinen Rock an!"

"Tststs", machte Lady Lydia. "Ein Fehler, ein großer Fehler, den du da gemacht hast. Sag nie zu einem Schotten, dass er einen Rock trägt. Einige sind da sehr empfindlich. Außerdem musst du einen haben, da hat deine Tante schon recht. Der Direktor eurer Schule besteht darauf. Wir haben schon versucht, ihn umzustimmen. Erst deine Tante und dann ich, aber er will nicht einlenken, auch wenn du aus London kommst. Tut uns leid."

Nicolas sprang wütend auf und ging zur Tür. "Was hast du vor?", fragte seine Tante.

Nicolas drehte sich um und sagte: "Ich habe mich wirklich gefreut auf die Zeit hier, aber jetzt gehe ich packen. Ich fahre zu meinen Großeltern!"

"Nicolas! Das kannst du doch nicht machen! Was sollen wir denn deinen Eltern sagen?"

"Mir egal. Sagt ihnen von mir aus, dass ich gezwungen werde, einen Rock zu tragen."

Er knallte die Tür zu und ließ einige Leute sprachlos zurück. Mit so einer heftigen Reaktion hatte niemand gerechnet.

Mitten in diese unheimliche Stille platzte Nicolas' Onkel Patrick. Er schloss die Tür hinter sich und fragte: "Was ist denn hier los? Was für eine Laus ist euch denn über die Leber gelaufen?"

"Nicolas."

"Wie Nicolas? Was ist denn passiert? Und wo ist er überhaupt?" Patrick sah sich um.

"Der ist oben und will packen", antwortete Dennis.

"Der will was? Kann mir endlich einmal jemand sagen, was hier los ist?"

Seine Frau holte Luft und erklärte ihm die Situation. Als sie geendet hatte, schüttelte Patrick nur den Kopf.

"Ich werde einmal mit ihm reden", sagte er und ging nach oben. Er klopfte an Nicolas' Zimmertür und wollte eintreten, aber Nicolas hatte abgeschlossen.

"Nicolas? Nicolas, komm, mach die Tür auf." Er klopfte wieder. "Nicolas, jetzt komm, ich möchte mit dir reden." Von drinnen hörte man, wie sich Nicolas heftig die Nase schnäuzte.

Endlich drehte sich der Schlüssel im Schloss. Patrick öffnete die Tür und trat zu Nicolas ins Zimmer.

"Hey, was ist denn los mit dir?" Er setzte sich neben Nicolas auf das Bett. Nicolas hatte rote Augen, als ob er geweint hätte. Aber das würde er nie zugeben.

"Die wollen, dass ich einen Rock anziehe", schniefte er.

"Na du, das ist doch normal hier bei uns. Hier tragen viele einen Kilt. Ich selbst habe doch auch einen." Nicolas sah ihn erstaunt an.

"Du? Du trägst so was? Lacht dich denn da niemand aus?" Patrick lachte.

"Das sollte mal jemand versuchen, und außerdem würde hier bei uns in Schottland nie jemand darüber lachen. Aber jetzt sag mal, warum du so reagiert hast? Unten sind alle ziemlich schockiert und sprachlos."

Nicolas druckste etwas herum. "Du kennst doch meinen zweiten Namen. Ich werde deswegen schon genug ausgelacht. Und wenn ich dann noch einen Rock tragen muss, dann wird noch mehr gelacht und das wäre dann zu viel für mich."

Patrick legte ihm den Arm um die Schultern.

"Hör mal zu", begann er. "Das mit deinem Namen, das hab ich deinen Eltern schon oft genug unter die Nase gerieben. Ich verspreche dir, dass dich niemand wegen eines Kilts auslachen wird. Ich mache dir einen Vorschlag. Wir ziehen heute Abend zum Essen alle unsere Kilts an und dann siehst du, dass es da nichts zu lachen gibt. Was hältst du davon?" Er sah Nicolas an.

Nicolas antwortete nach kurzem Nachdenken: "Na gut."

"So, dann gehe ich wieder nach unten und sage allen, was Sache ist, und du bleibst noch einen Moment hier. Die müssen ja nicht sehen, dass du geheult hast."

Nicolas wollte widersprechen, aber Patrick hob seine Hand und Nicolas schloss den Mund und lächelte.

In der Küche saßen alle anderen und warteten. "Will er wirklich weg?", fragte Dennis.

"Nein, aber er hat schreckliche Angst davor, ausgelacht zu werden. Erst sein bescheuerter zweiter Name, den er sowieso hasst wie die Pest, da wird er schon genug ausgelacht, und nun soll er auch noch einen Kilt tragen. Er hat nur Angst, dass man ihn noch mehr auslacht." Patrick erzählte kurz von dem Gespräch und auch davon, dass er Nicolas versprochen hatte, dass alle ihren Kilt tragen würden. Dennis und Jeffrey war das egal. Sie waren daran gewöhnt.

Nur Jeffrey fragte: "Was ist das denn für ein zweiter Name?"

"Ich glaube, das solltest du Nicolas selbst fragen. Wenn ihr euch etwas besser kennt, dann wird er ihn dir schon sagen. Und du, Dennis, sagst bitte auch nichts. Auch wenn du es weißt. Das ist Nicolas' Sache." Dennis nickte nur. Lady Lydia hatte nur dagesessen und zugehört. Aber sie konnte Nicolas' Problem gut verstehen. Für manche Engländer waren die Schotten schon ein Volk für sich.

Kurze Zeit später betrat ein sichtlich niedergeschlagener Nicolas die Küche. Er setzte sich an den Tisch und wollte zu einer Entschuldigung ansetzen, aber seine Tante schnitt ihm das Wort ab.

"Ist schon gut, Nicolas. Du brauchst dich nicht entschuldigen. Wir waren nur von deiner heftigen Reaktion überrascht und wussten nicht, was los war. Aber dein Onkel hat es uns klargemacht."

Auch die anderen waren froh, dass die Sache geklärt war. Nur Jeffrey juckte es, nach Nicolas' zweitem Namen zu fragen.

Nicolas vermutete es und sagte: "Nun frag schon. Du willst wissen, was das A in meinem Namen bedeutet, oder?" "Nicht nur er, wenn ich ehrlich bin", antwortete Lady Lydia an Jeffreys Stelle.

"Aurelius, mein zweiter Name ist Aurelius." So, jetzt war es heraus.

"Oh", sagten Jeffrey und seine Mutter nur.

"Aber was ist denn so schlimm daran? Fühl dich doch geehrt, dass du den Namen eines römischen Kaisers hast. Was meinst du, was für komische Namen hier einige Leute haben, nicht wahr, Dennis Egohan?" Dennis lachte nur.

"Und unser werter Sohn hier heißt richtig Jeffrey Aldous of Kilburne. Hier haben sehr viele noch einen alten schottischen Namen, du eben einen römischen."

Nicolas fühlte sich gleich ein wenig besser. "So, und nun zieht eure Kilts an, ihr habt es Nicolas versprochen." Seine Tante scheuchte alle aus der Küche. Nur Nicolas blieb und half seiner Tante beim Decken des Tisches. Kurze Zeit später kamen alle zurück. Nicolas starrte sie an, aber komischerweise fand er nicht zum Lachen, was er sah. Bloß bei seinem Onkel sah es etwas merkwürdig aus.

"Und? Ist das jetzt so schlimm?", wollte Dennis wissen.

"Nein, eigentlich nicht, aber etwas ungewohnt für mich, da bin ich ehrlich. Und wenn es unbedingt sein muss, dann trage ich eben so ein Ding. Aber unter einer Bedingung. Ich will keine Fotos von mir, wenn ich so ein Ding anhabe. Höchstens eins für Mum. Wann wollen wir denn los, das Teil kaufen?"

"Ich wollte eigentlich morgen nach Elgin. Der muss ja fertig sein, wenn die Schule anfängt. Möchte jemand mit?" Sie sah Dennis und Jeffrey an. "Nicolas könnte Unterstützung gebrauchen, denke ich!", lächelte sie ihn an.

"Nur wenn wir zu Mc Donalds gehen", kam es von Dennis und Jeffrey wie aus einem Mund.

"Ist euch mein Essen nicht gut genug?" Susan tat, als ob sie beleidigt wäre.

"Also gut, genehmigt. Aber wir müssen früh los."

Nach dem Essen zogen sich die Jungen wieder um und Patrick schmiss sich wieder in seine Arbeitsklamotten.

"Was machen wir heute noch?", wollte Dennis wissen. Jeffrey überlegte. "Ins Dorf lohnt sich nicht mehr. Aber wir haben hier noch nicht alles gesehen. Kommt mit!"

Sie folgten Jeffrey die Treppe hoch in sein Zimmer. Nicolas blieb plötzlich stehen.

"Da fehlt ein Bild", sagte er. Dennis und Jeffrey sahen sich um.

"Ach, das fehlt schon, seit ich denken kann. Das ist einer unserer Vorfahren. Soviel ich weiß, steht das Bild oben auf dem Dachboden."

"Warum das denn?" Jeffrey wurde auf einmal sehr verlegen.

"Was denn?", fragte Nicolas. "Hab ich etwas Falsches gesagt?"

"Nein, hast du nicht, aber das ist ein Tabu bei uns." Nicolas sah verdutzt drein. Jeffrey sah sich um, ob seine Mutter nicht irgendwo in der Nähe war. Er winkte Nicolas zu, dass er ihnen folgen sollte.

Anstatt aber in sein Zimmer gingen Jeffrey und Dennis weiter nach oben. Sie schritten einen langen Flur entlang. Ganz am Ende öffnete Jeffrey eine Tür. Eine steile Treppe führte noch weiter nach oben.

Langsam tasteten sie sich voran. Oben angekommen war es reichlich düster, zwar drang durch die zahlreichen Fenster Tageslicht, aber es reichte nicht, um alle Winkel und Ecken des riesigen Dachbodens zu erhellen. Nicolas sah sich um. Überall standen große Koffer, alte Möbel und an einem Dachbalken hing sogar ein großer, aber leider kaputter Kronleuchter. Alles war dick mit Staub und Spinnweben überzogen. Hier müsste man herrlich stöbern können, dachte Nicolas. Den Vorschlag würde er auch einmal machen, solange er hier wohnen würde. Jeffrey hingegen war noch weiter gegangen und Nicolas lief eilig hinterher. Die beiden waren vor einem Schrank stehen geblieben und warteten auf Nicolas. Als der zu ihnen trat, öffnete Jeffrey den Schrank, zog ein Tuch weg, dann sah Nicolas das Bild.

"Was ist das?", fragte er.

"Das ist das Bild, was unten fehlt", antwortete Jeffrey.

"Und wer ist das?"

"Das ist Sir Isaac of Kilburne, das schwarze Schaf der Familie. Über ihn wird nicht gesprochen und in der Familienchronik steht auch nicht viel über ihn."

"Das mag ja sein", meinte Nicolas. "Aber wo bitte ist sein Gesicht?"

Nicolas deutete auf das Bild. Es zeigte eine Person in einem Wams, die einen Filzhut mit Fasanenfedern trug. Er musste wohl dunkle Haare gehabt haben, denn man sah noch einige Locken. Der Hintergrund war dunkel gehalten. Aber da, wo das Gesicht sein sollte, war nur eine leere Fläche, die aussah, als ob jemand mit einem Tuch die Farbe verwischt hätte. Vorsichtig berührte Nicolas die Fläche. Sie fühlte sich völlig glatt an, so, als ob dort nie Farbe gewesen wäre.

"Was ist damit passiert?" Fragend sah er Jeffrey an. Der hob die Schultern.

"Weiß ich nicht, das war schon immer so. Ich kenn das nicht anders, und solange ich denken kann, hing es auch nie unten in der Galerie."

"Aber wieso schwarzes Schaf?" Nicolas' Neugierde war geweckt. Jeffrey druckste ein wenig herum.

"Komm, wir gehen wieder nach unten, dann erzähle ich dir, was ich weiß. Wir müssen nur aufpassen, dass meine Mutter nichts hört. Meine Eltern haben es nicht gerne, wenn man darüber spricht."

Die Jungen drehten sich um und verließen den Dachboden. Was sie aber nicht mehr sahen, war, dass sich ein leichter, dunstartiger Schleier über das Bild legte. Vereinzelte Nebelarme schwebten in Richtung der Jungen, zogen sich aber schnell wieder zurück.

Unten in Jeffreys Zimmer setzten sich Dennis und Nicolas in die zwei Sessel, die am Fenster standen, und Jeffrey selbst setzte sich im Schneidersitz auf sein Bett.

"Also", begann er. "Sir Isaac lebte im vierzehnten Jahrhundert hier."

"So alt ist das Schloss?" Die Frage konnte sich Nicolas nicht verkneifen. Jeffrey nickte nur.

"Wie gesagt, er lebte im vierzehnten Jahrhundert. Damals war man ja allem, was einem komisch vorkam, misstrauisch gegenüber. Das galt auch für Sir Isaac. Man hat ihn bei Vollmond auf dem Turm gesehen. Im Sommer sah man ihn Pflanzen sammeln. Nie war Besuch im Schloss. Er lebte hier alleine mit seinem Vater und einigen Bediensteten. Man sagte, er wäre der Schwarzen Magie verfallen. Die Menschen im Dorf hatten Angst vor ihm. Irgendwann versammelten sich die Dorfbewohner, um dem Ganzen ein Ende zu setzen. Die Angst, die sie hatten, war zu groß.

Die Männer aus dem Dorf schnappten sich Heugabeln, Knüppel und was auch immer sie hatten und stürmten das Schloss. Angeblich kann man unten an der großen Eichentür noch Kerben sehen, die von Äxten stammen sollen, als sie versuchten, die Tür einzuschlagen. Aber das glaube ich nicht. Als sie dann im Schoss waren, fanden sie keine Spur von Sir Isaac. Er war fort. Das bestärkte die Menschen damals noch darin, dass er mit dem Teufel im Bunde gewesen sein soll. Man hatte noch einen Priester mitgebracht, der im ganzen Schloss geweihtes Wasser versprühte. Den Vater von Sir Isaac hat man zum Glück in Frieden gelassen. Der hat dann wieder geheiratet, sonst wäre unsere Familie ausgestorben."

"Man hat ihn nie gefunden, diesen Sir Isaac?", hakte Nicolas nach.

"Nein, keine Spur, und sein Vater hat nie etwas gesagt. Der hat immer beteuert, er wüsste nicht, wo sein Sohn hin ist."

"Na, zum Glück gibt es hier keine Gespenster, nachher ist Sir Isaac immer noch hier", meinte Nicolas spaßeshalber. Aber komischerweise lachte niemand der beiden anderen. Nur Jeffrey hüstelte gekünstelt.

Nicolas starrte die beiden an.

"Was?", fragte er. "Das ist doch nicht euer Ernst, oder? Gespenster? Hier? Ihr wollt mich wohl verarschen, oder?"

"Nur eins", flüsterte Jeffrey.

"Wie, nur eins?" Nicolas war durcheinander. "Du hast gesagt Gespenster, es ist aber nur ein Gespenst."

"Ihr spinnt doch! So etwas gibt es nicht, oder hat jemand von euch schon mal eins gesehen?"

Dennis und Jeffrey sahen sich an.

"Na ja, nicht so richtig, glaube ich wenigstens", meinte Jeffrey.

"Aber meine Eltern und Besucher erzählten von seltsamen Vorgängen. Von Türen, die von selbst aufgingen oder von Bildern, die plötzlich schief hingen. Einige sagten auch, dass sie mitten im Sommer Eisblumen am Fenster hatten. Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich habe wohl schon einmal ein Gefühl gehabt, dass es in meinem Zimmer hier kälter als sonst war, aber das hätte ja auch eine Erkältung sein können."

Nicolas war baff. Er dachte, dass es doch noch eine interessante Zeit werden konnte.

 

Kapitel 4

 

Elgin war eine Stadt nicht allzu weit von der Küste, mit knapp 24000 Einwohnern auch nicht gerade klein. Es gab eine schöne Altstadt, in der in einer der vielen kleinen Gassen das Geschäft lag, wo sie den Kilt kaufen wollten.

Sie waren sehr früh aufgebrochen und Dennis und Jeffrey dösten im Auto vor sich hin. Nur Nicolas war fit. Interessiert sah er aus dem Fenster. Viel zu sehen gab es aber nicht. Nicolas hatte immer noch gemischte Gefühle, was den Kilt betraf, aber er ließ sich überraschen. Als sie den Laden betraten, waren sie die einzigen Kunden. Da die Schule, in die die Jungen mussten, auch in Elgin lag, hatte sie einen Vertrag mit dem Geschäft. Den Kilt, den er brauchte, konnte man nur in diesem einen Laden kaufen. Eine ältere Dame kam auf sie zu und fragte nach den Wünschen. Das war schnell geklärt. Und dann ging es los. Er wurde von vorne, von hinten und von der Seite vermessen. Man musste wissen, ob man seine Größe auf Lager hatte oder ob er eine Sonderanfertigung brauchte.

Sie hatten Glück. Er brauchte keine. Da ein Kilt keine Taschen hatte, musste man auch noch einen Sporran kaufen, die Tasche, die man sich umschnallte und zum Kilt gehörte. Nicolas war froh, dass er nicht auch noch einen Dudelsack brauchte. Nachdem alles beisammen war inklusive Kniestrümpfe, legte seine Tante ordentlich etwas auf den Tisch. Zum Glück hatten seine Eltern ein Konto für ihn eingerichtet, über das sein Onkel und seine Tante verfügen konnten. Dennis und Jeffrey langweilten sich fürchterlich. Nur die Aussicht auf McDonalds ließ sie friedlich bleiben.

Endlich traten sie mit Tüten bepackt wieder auf die Straße.

"So, Jungs. Wenn ihr Lust habt, dann zeigt Nicolas die Stadt! Ich bringe die Tüten ins Auto und muss noch einige Besorgungen machen, wenn ich schon einmal hier bin.“ „Wir treffen uns in", sie sah auf ihre Uhr, "einer Stunde bei McDonalds." Die drei zogen los. Sie fanden einen Laden, in dem es gebrauchte Spiele gab. Der Tag war gerettet. Nicolas selbst hatte seine Konsole nicht mit, aber er kaufte trotzdem zwei Spiele. Eins für Dennis und eins für Jeffrey. Dann wurde es aber auch Zeit. Nicolas' Tante wartete schon auf die drei. Sie stürmten in das Restaurant. Tante Susan wunderte sich, dass sie nicht die ganze Anzeigentafel rauf und runter aßen. Es war aber trotzdem so, als ob sie drei Tage nichts zu essen bekommen hätten. Die Schlacht dauerte auch fast eine Stunde, dann mussten sie wieder zurück.

Wieder im Schloss liefen sie Lord Kilburne über den Weg, der heute zurückgekommen war.

"Hi, Dad", begrüßte Jeffrey ihn, "darf ich dir Nicolas Lincombe vorstellen?"

Der Lord nahm seine Hand und drückte sie fest. Es tat Nicolas schon fast etwas weh.

Der Lord war auch ganz anders, als Nicolas ihn sich vorgestellt hatte, genau wie bei Lady Lydia.

Lord Kilburne war sehr groß und sehr kräftig. Er schätzte ihn auf Ende vierzig, und er hatte einen sympathischen Gesichtsausdruck.

"Du bist also Nicolas, unser Gast für ein Jahr. Freut mich, dich kennenzulernen. Wie ich sehe, habt ihr euch ja schon etwas angefreundet. Hat dir Jeffrey das Haus schon gezeigt?"

Nicolas nickte. "Ja Sir, hat er, aber bestimmt noch nicht alles", meinte er.

"Wenn er dir den Geheimgang noch nicht gezeigt hat, dann nicht", sagte der Lord.

"Geheimgang?" Nicolas sah Jeffrey an. "Nö, den hat er noch nicht einmal erwähnt."

"Nicht? Na, dann habe ich ihm wohl gerade die Überraschung verdorben. So, wir sehen uns heute Abend beim Essen, ich habe einiges mit meiner Frau und deinem Onkel zu besprechen."

Der Lord verabschiedete sich und die Jungen rannten die Treppe hinauf in Jeffreys Zimmer.

Dort angekommen sagte Nicolas: "Mann, das wird ja immer besser. Jetzt auch noch ein Geheimgang.

Kann man da hinein? Und wohin führt der?" Nicolas war hibbelig.

"Ja, man kann hinein, aber nicht sehr weit. In der Mitte ist er eingestürzt. Der führte bis zur Kirche im Dorf. Angeblich soll es noch einen zweiten geben, aber den hat noch niemand gefunden. Dad hat erst gar nicht danach gesucht."

"Gibt es keine alten Pläne vom Schloss?" Nicolas war aufgeregt.

"Doch, die gibt es schon. Eine ganze Menge sogar, aber die alle durchzusehen, das dauert ewig."

"Wir könnten das doch zu dritt machen", regte Nicolas an. "Dann geht es bestimmt schneller.

Was haltet ihr davon?"

"Da müssen wir aber erst meinen Dad fragen, denn wenn wir das auf eigene Faust machen, dann könnte er sehr sauer werden", gab Jeffrey zu bedenken.

"Ja, sicher. Wir müssen ja auch erst fragen." Dennis sah Nicolas an.

"Los, dann kommt." Jeffrey sprang auf und die anderen folgten ihm. Sie fanden alle, Dennis Eltern und den Lord und seine Frau in der Küche. Gerade als sie eintreten wollten, hörten sie, wie der Lord sagte: "Also ich habe keine guten Nachrichten aus Aberdeen. Unsere Anwälte haben auch nicht mehr viel Hoffnung. Die Banken wollen nicht mitspielen. Wir haben zwar noch die Käserei, die uns über Wasser hält, aber weit wird uns das nicht bringen. Nicht mehr lange und wir müssen uns von einigen Ländereien trennen. Wichtig ist, dass wir das Haus erhalten können und die Ausbildung von Jeffrey gesichert ist. Ich habe ihnen von deinen Plänen erzählt, aus dem Schloss ein Hotel zu machen. Sie halten die Idee zwar für gut, aber einen Kredit wollen sie uns nicht geben. Sie glauben, das Schloss ist zu abgelegen für Gäste. Ich habe ihnen auch klar gemacht, dass der Campingplatz im Sommer sehr gut läuft, aber sie wollen einfach nicht. Ich bin mit unseren Anwälten alles durchgegangen. Wir haben gerechnet, bis uns die Köpfe qualmten. Dieses Jahr kommen wir noch gut durch, aber wie das nächste Jahr wird, kann niemand sagen."

"Das sieht ja nicht so gut aus", meinte Lady Lydia. "Hast du keine anderen Alternativen auftreiben können?"

Lord Kilburne schüttelte betrübt den Kopf. "Nein, nichts. Aber unsere Anwälte werden versuchen, private Geldgeber zu finden, obwohl ich das nicht so gut finde."

"Warum nicht?" Nicolas' Onkel mischte sich ein. Es betraf ja auch ein wenig ihn und seine Familie.

"Möchten Sie Leute in ihrem Haus haben, die Ihnen sagen, was Sie zu tun und zu lassen haben? Ich meine, mir wäre es ja egal, aber für die anderen hier wird das dann nicht so schön. Man sollte vielleicht doch an das Gerücht glauben, dass es hier einen Schatz geben soll." Lord Kilburne kommentierte dies mit einem schiefen Grinsen.

"Ja, schön wäre es", meinte Lady Lydia." Sie stand auf und ging zum Herd, um Wasser für Tee  aufzusetzen.

So leise wie möglich schlichen die Jungen davon und auf Dennis Zimmer.

Dort angekommen wusste niemand, was er sagen sollte. Nicolas hatte zwar nichts damit zu tun, aber er war genau so niedergeschlagen wie die anderen. Jeffrey war der Erste, der seine Sprache wiederfand.

"Das wusste ich nicht, dass es so schlimm steht um uns." Dennis und Nicolas sahen ihn an und wussten nicht, was sie darauf antworten sollten.

"Meine Eltern sind nicht gerade arm, aber so reich sind sie auch nicht, aber ich könnte sie mal fragen", meinte Nicolas.

"Das ist nett von dir, aber so gut kennen sie uns ja auch nicht." Jeffrey war immer noch betrübt.

"Was können wir denn sonst machen?", warf Dennis in die Runde. Die drei überlegten angestrengt.

"Wir können den Schatz suchen." Nicolas sah die anderen erwartungsvoll an.

"Man weiß doch gar nicht, ob das überhaupt stimmt", antwortete Jeffrey. "Deswegen habe ich auch gar nichts davon gesagt."

"Dann erzähl jetzt mal." Nicolas war gespannt.

"Da gibt's eigentlich nicht viel zu erzählen. Der Sage nach soll besagter Lord Isaac nach und nach das Geld von seinem Vater auf die Seite geschafft haben. Man weiß aber nicht, wohin und wie viel. Wie gesagt, es ist nur ein Gerücht. Viele haben schon danach gesucht, aber niemand hat auch nur eine Münze gefunden. Jetzt komm nicht auf die Idee, danach zu suchen. Das bringt nichts. Mein Vater würde ganz schön sauer werden."

"Na, du vergisst, dass mein Vater Archäologe ist. Das ist ansteckend. "

"Mag ja sein, aber einiges in den Chroniken ist in Latein geschrieben. Und das kann niemand von uns."

"Macht nichts, ich kann Latein."

"Du?", fragen Dennis und Jeffrey wie aus einem Mund.

"Ja. Ich habe Latein in der Schule und natürlich von Dad gelernt. Ich kann sogar ein paar Hieroglyphen lesen.

Das hat mir meine Mutter beigebracht."

Jeffrey und Dennis waren beeindruckt.

"Aber heute noch nicht, ich muss erst einmal verarbeiten, was ich gehört habe. Wärt ihr mir sehr böse, wenn ich jetzt alleine sein möchte?"

"Nein, natürlich nicht." Dennis und Nicolas ließen Jeffrey allein in seinem Zimmer und gingen hinunter. In der Küche war inzwischen niemand mehr. Dennis ging an den Kühlschrank und goss beiden ein Glas Orangensaft ein.

"Was machen wir jetzt?", fragte Nicolas. Dennis überlegte.

"Was hältst du davon, wenn wir ins Dorf gehen? Da sind auch noch einige, die du kennenlernen musst", meinte er.

"Von mir aus gerne. Hier herumzusitzen habe ich keine Lust."

Dennis nahm einen Zettel und schrieb eine Nachricht für seine Mutter. Sie jetzt zu suchen, hatte wenig Sinn. Sie zogen sich Stiefel an und ihre dicken Jacken und verließen das Schloss. Unterwegs unterhielten sie sich noch über das, was sie mitbekommen hatten. Im Dorf angelangt sah sich Nicolas um. Kilburne war wirklich nicht groß, ein paar kleine Cottages, die sich um den Dorfplatz gruppierten. Etwas außerhalb konnte man ein paar Bauernhöfe sehen. Die meisten Menschen waren in die Stadt gezogen wegen Arbeit, und die wenigen, die noch hier waren, arbeiten in der Käserei. Kinder gab es auch nicht viele hier, so hatte ihm Dennis erzählt. Im Sommer musste es sehr schön sein hier. Dann die Kirche mit dem Friedhof, ein Pub und ein Laden für Lebensmittel, wo auch die Post untergebracht war. Ein Mädchen in ihrem Alter kam auf sie zugelaufen. Grüßend hob sie die Hand.

"Hey", sagte sie. "Sieht man dich auch mal wieder? Und wer ist das? Ist das dein Vetter aus London, mit dem du uns schon ewig auf den Geist gehst?" Dennis wurde verlegen.

Das Mädchen reichte Nicolas die Hand und sagte: "Ich bin Elisabeth MacBennet, aber du kannst Liz zu mir sagen. Und du bist Nicolas?"

Nicolas reichte ihr die Hand und bejahte die Frage. Er fand sie nett.

"Ich wollte gerade zu Scott. Kommt ihr mit?"

"Klar, warum nicht", antwortete Dennis. "Dann lernst du auch noch gleich den Rest aus unserer Klasse kennen. Wir gehen alle in die gleiche Schule und die gleiche Klasse, obwohl Scott schon fünfzehn ist."

"Wie läuft das eigentlich mit der Schule und wie kommen wir denn nach Elgin?", wollte Nicolas wissen.

"Unsere Eltern fahren uns. Wegen der paar Leute hier gibt es nicht extra einen Bus. Jede Woche fährt ein anderer. Hat bis jetzt immer geklappt." So antwortete Liz. Sie öffnete eine Tür und betrat einen kleinen Laden. Hinter der Theke war eine Frau in mittleren Jahren damit beschäftigt, Waren einzusortieren. "Tag, Mrs. Martin. Ist Scott zu Hause?"

"Hallo, Kinder! Ja, der ist oben. Geht ruhig hinauf. Und herzlich willkommen, Nicolas.", sagte sie lächelnd.

Nicolas schaute verwirrt drein.

"Du bist Gesprächsthema hier im Dorf", erklärte sie. "Dennis hat jedem davon erzählt, dass er Besuch für ein Jahr bekommt."

Dennis wurde wieder rot und verlegen sah er zu Nicolas hinüber, der breit grinste.

Liz stieg die Treppe nach oben und die anderen folgten ihr. Oben im Wohnzimmer saß Scott und zappte durch die TV-Programme. Die drei setzten sich. Neugierig sah Scott zu Nicolas.

"Ja, ich weiß, ich bin der aus London, von dem Dennis dauernd erzählt hat", grinste Nicolas.

Scott lachte und das Eis war gebrochen. Nicolas staunte nicht schlecht, als er im tiefsten Londoner Dialekt hörte: "Na dann, willkommen am Arsch der Welt. Aus welcher Ecke Londons kommst du?"

"Chelsea", antwortete Nicolas. "Und du?"

"Hört man das nicht? Aus Hackney. Aber mein Vater wollte fort aus London. Erstens wegen seines Jobs, er arbeitet jetzt in Elgin, und zweitens wegen mir. Ich habe Asthma. `Auf dem Land wird es dir besser gehen´, hat er gesagt, `es wird dir gefallen´, hat er gesagt, aber dass es am Arsch der Welt ist, hat er nicht gesagt." Scott ließ seinen Frust heraus.

"Aber ich muss zugeben, dass es mir wirklich besser geht, und Liz und die anderen sind schon okay", meinte er dann noch.

"Warum hat man dich strafversetzt?", wollte er dann noch wissen.

"Meine Eltern sind für ein Jahr in die Vereinigten Staaten, es muss sich ja jemand um mich kümmern", gab Nicolas trocken zurück.

"Na, du kannst wenigstens wieder zurück, aber ich? Na egal, man gewöhnt sich an alles. Was wollt ihr eigentlich hier?"

"Ich wollte eigentlich nur mal sehen, wie es dir geht, und unterwegs habe ich die beiden getroffen", antwortete Liz.

"Wo ist der kleine Lord?" Scott sah zur Tür.

"Dem geht es heute nicht so gut, er meinte, er bekommt eine Erkältung", log Dennis.

Sie wollten und konnten den wahren Grund natürlich nicht sagen.

"Dann bestell ihm gute Besserung. Und zu deiner Frage, mir geht es ganz gut." Scott sah zu Liz hinüber.

"Und was fangen wir jetzt an?" Scott sah erwartungsvoll in die Runde.

"Ich wollte eigentlich Nicolas das Dorf zeigen, aber so viel gibt es ja hier auch nicht zu sehen."

Die Tür öffnete sich, und Scotts Mutter kam mit einem Tablett voller Tassen mit heißer Schokolade und einem Teller Keksen herein. Freudig machten sich alle darüber her.

"Was machen denn deine Eltern, dass sie für ein Jahr in den Vereinigten Staaten sind?", wollte Liz wissen.

Nicolas erklärte: "Sie sind für ein Jahr als Gastprofessoren dort. Meine Eltern sind Archäologen. Das konnten sie sich nicht entgehen lassen. Sonst arbeiten sie beide für das Britische Museum in London, aber ab und an arbeiten sie auch an verschiedenen Unis im Land. Aber alleine bin ich sonst nie, es ist immer jemand da. Sie wechseln sich ab."

"Na, das ist wenigstens etwas Interessantes", meinte Liz. "Mein Dad hat den Pub hier im Dorf, voll öde und langweilig.

Nach einer guten Stunde verabschiedeten sich Dennis und Nicolas und versprachen, dass sie sich bald wieder treffen würden.

Es hatte erneut angefangen zu schneien, als sie zurück zum Schloss stapften.

"Sagen wir Liz und Scott, was wir vorhaben?", fragte Nicolas.

"Vorläufig würde ich das nicht tun. Meine Eltern und bestimmt auch der Lord würden sich wundern, wenn wir uns alle dauernd im Schloss herumtreiben würden. Und außerdem müsste das sowieso Jeffrey entscheiden."

"Da hast du auch wieder recht", stimmte ihm Nicolas zu.

In der Küche trafen sie Dennis' Mutter beim Kartoffelschälen an.

"Da seid ihr ja wieder. Was habt ihr gemacht?" Die Jungen setzten sich an den Küchentisch.

"Eigentlich wollte ich Nicolas das Dorf zeigen, aber dann haben wir Liz getroffen und sind dann bei Scott gelandet."

"Wie geht es ihm denn?" Dennis' Mutter wusste natürlich von Scotts Asthma.

"Och, er meinte, ganz gut. Jedenfalls war er gut drauf. Wenn du uns suchst, wir sind bei Jeffrey."

"War er denn nicht mit?" Dennis' Mutter war erstaunt.

"Nein, er hatte ein wenig Kopfweh und wollte seine Ruhe. Wir wollen sehen, ob es ihm besser geht."

"Alles klar, bis zum Essen ist ja noch Zeit. Wenn er etwas braucht, sagt Bescheid."

"Machen wir", rief Dennis zurück. Oben angekommen klopften sie an Jeffreys Tür.

Jeffrey saß immer noch betrübt an seinem Schreibtisch. Ein Buch lag aufgeschlagen vor ihm. Selbst das Lesen holte ihn nicht aus seinem Tief.

"Schönen Gruß von Scott und Liz", meinte Dennis, nachdem sie sich hingesetzt hatten.

"Danke", antwortete Jeffrey tonlos. "Habt ihr ihnen erzählt, was wir vorhaben?"

"Nein, natürlich nicht", gab Dennis zurück. "Wir sollten das erst einmal für uns behalten."

"Wie wollen wir denn nun vorgehen?" Dennis und Jeffrey hatten keine Ahnung, was Nicolas vorhatte.

"Wir müssen uns durch die Chroniken arbeiten. Und gibt es einen Bauplan vom Schloss?"

"Wenn es nur einer wäre, wäre es gut. Hier wurde so viel angebaut und umgebaut, dass niemand mehr durchblickt, besonders im Keller. Wie schon gesagt, da wurden Räume zugemauert und umgebaut und was weiß ich."

"Na egal, aber irgendwie müssen wir ja anfangen. Heute ist es schon zu spät."

"Aber was sagen wir, wenn wir dauernd in der Bibliothek herumhängen, besonders meinem Dad und meiner Mum?", warf Jeffrey ein.

"Ach, das ist einfach. Da meine Eltern ja Archäologen sind, sagen wir einfach, ich wäre neugierig und erblich vorbelastet." Dennis und Jeffrey fanden, dass das eine gute Ausrede war. Jeffrey ging es mittlerweile etwas besser. Als es Zeit zum Essen war, gingen sie nach unten und ließen sich nichts anmerken. "Geht es dir besser, Jeffrey?" Dennis' Mutter legte ihm die Hand auf die Stirn.

"Ja, viel besser." Lord und Lady Kilburne kamen hinzu und man setzte sich zum Essen. Später saß man noch etwas zusammen, bis es Zeit war zum Schlafengehen.

 

Kapitel 5

 

Nicolas wachte auf, weil ihm trotz Heizung und Kamin fürchterlich kalt war.

Er zog sich die Decke bis über den Kopf, aber es half nichts. Ihm war immer noch kalt.

Nicolas stand auf und setzte sich auf den Bettrand. Na prima, dachte er, doch noch eine Erkältung.

Die kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Er stand auf, schlüpfte in seine Pantoffeln und schlurfte zum Kamin, um noch etwas Holz nachzulegen. Er nahm ein Stück in die Hand und wollte es auf die Glut legen, als er ein leises Zischen hörte. Er dachte sich nichts dabei und legte das Scheit auf die Glut. Gerade wollte er wieder zurück ins Bett, als er sah, wie sich die Flammen im Kamin leicht blau verfärbten. Zuerst dachte er, er wäre noch im Halbschlaf, aber als er genau hinsah, bemerkte er einen leichten Blaustich in den Flammen, der wirklich nur zu erkennen war, wenn man genau hinsah.

Dann bemerkte er noch etwas. Obwohl er so nah am Feuer stand, wurde ihm immer kälter. Es war, als ob die Flammen Kälte statt Wärme ausstrahlten. Nicolas bekam eine Gänsehaut. Sollte er Dennis Bescheid sagen? Besser nicht, dachte er. Der denkt vielleicht, ich hätte nur schlecht geträumt oder ich würde spinnen. Schritt für Schritt ging er zurück, bis er mit den Kniekehlen an sein Bett stieß. Er fiel auf sein Bett. Was war das? War das wirklich Einbildung  oder war es echt, dass ihm so kalt war? Langsam ging er wieder zum Kamin. Nicolas streckte eine Hand aus. Je näher er dem Feuer kam, umso kälter wurde es. Also doch keine Einbildung. Aber was war das? Nicolas konnte sich keinen Reim darauf machen. Eben hatte er sich dazu entschlossen, doch Dennis zu holen, als eine Flamme im Kamin hoch aufloderte, sodass Nicolas wieder zurücktreten musste. Plötzlich strahlte der Kamin wieder die gewohnte Wärme aus. Nicolas verstand die Welt nicht mehr. Er ging wieder ins Bett, konnte aber lange nicht einschlafen. Zu sehr hatte ihn das Erlebnis verwirrt. Er war drauf und dran, doch an den Geist zu glauben. Was konnte es auch sonst gewesen sein? Es hätte ja auch sein können, dass Dennis und Jeffrey ihm einen Streich spielen wollten, aber das erschien ihm unwahrscheinlich. Warum sollten sie das tun? Sie hatten doch keinen Grund, ihn so zu ärgern.

Wirre Gedanken wirbelten durch seinen Kopf. Langsam aber sicher fiel er dann doch in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen wachte er müde und unausgeschlafen auf. Selbst eine Dusche konnte seine Müdigkeit nicht vertreiben. Er stand im Bad und putzte sich gerade die Zähne, als sich die andere Tür öffnete und Dennis ins Bad kam. Schnell schnappte sich Nicolas ein Handtuch und schlang es sich um die Hüfte. Er war so müde, dass er vergessen hatte, den Riegel vor die Tür zu Dennis' Zimmer zu schieben.

"Oh, entschuldige bitte. Ich dachte, du wärst schon fertig. Warum hast du den Riegel nicht vorgeschoben, wenn du im Bad bist?"

"Sorry, ich habe es vergessen. Ich habe eine saumäßige Nacht hinter mir."

"Was ist los? Fühlst du dich nicht gut?" Dennis zog die Stirn kraus.

"Ich werde nicht krank oder so, aber ich habe etwas erlebt heute Nacht, das mir zu denken gibt."

"Was denn?", fragte Dennis neugierig.

"Erzähle ich später, wenn Jeffrey auch da ist. Dann muss ich nicht alles zweimal erzählen."

"Okay." Das war alles, was Dennis erwiderte.

Nicolas verließ das Bad und zog sich in seinem Zimmer an. Unten wartete schon seine Tante mit dem Frühstück. Wie immer mit Porridge, den er eh nicht aß. Auf ihn wartete Toast mit Käse.

Nicht lange darauf kam Dennis herunter. 

"Wo ist Dad?"

"Der ist schon lange mit seiner Lordschaft unterwegs. Sie wollten sich die Wälder ansehen und dann müssen sie noch in die Käserei. Die werden den ganzen Tag unterwegs sein."

Dennis zwinkerte Nicolas verschwörerisch zu.

"Ach so, bevor ich es vergesse, Jeffrey wartet auf euch in der Bibliothek. Was habt ihr denn da vor?"

Nicolas antwortete schnell: "Ich finde das Schloss so toll und möchte viel darüber erfahren."

Seine Tante lachte. "Da kommen deine Eltern durch. Mir soll es recht sein, draußen ist es eh zu kalt.

Dann bleibt besser im Haus."

Und übrigens, bevor ich es vergesse, am Wochenende kommt deine Schwester zu Besuch."

Dennis verzog sein Gesicht. "Muss das sein?"

"Also Dennis, bitte. Sie kommt schon selten genug zu Besuch, und die paar Tage wirst du sie schon aushalten können."

"Das war doch nur ein Scherz, das weißt du doch", meinte Dennis und umarmte seine Mutter.

Dann gingen sie in die Bibliothek zu Jeffrey. Der wartete schon aufgeregt auf die beiden.

"Guten Morgen. Ihr seid aber spät dran heute." Und zu Nicolas meinte er: "Du siehst aus, als ob du die Nacht durchgemacht hättest." Nicolas streckte ihm die Zunge heraus.

"Erzähl!", sagte Dennis.

Nicolas setzte sich an den Tisch und berichtete, was er letzte Nacht erlebt hatte.

Einen Moment war Stille, dann fing Jeffrey an zu grinsen.

"Du willst uns einen vom Pferd erzählen, oder? Das hast du doch bestimmt geträumt, weil ich dir das alles erzählt habe, oder?"

Nicolas verneinte heftig. "Das habe ich nicht geträumt, ich bin doch nicht blöd!"

"Kommt, lasst uns nicht streiten." Dennis hob beschwichtigend die Hand. "Wir haben noch einiges vor uns. Also, wo und wie fangen wir an?"

Das war die große Frage, wo sollten sie anfangen? Nicolas besah sich die Mengen Bücher, die in den Regalen standen.

"Am besten wird es sein, wir fangen mit Sir Isaac an. Das ist wichtiger, denke ich, oder was meint ihr? Den angeblichen Geheimgang können wir später suchen."

Damit waren Dennis und Jeffrey einverstanden.

"Weißt du, wann genau Sir Isaac geboren wurde?" Nicolas blickte Jeffrey an.

"Nicht genau, aber das wird doch nicht so wichtig sein, oder?" Jeffrey ging an einer Wand entlang und nahm ein Buch aus dem Regal. Er fand, es war so gut wie jedes andere. Er legte es auf den Tisch und schlug es auf. Es war schwer zu lesen, aber er konnte das Datum 1755 erkennen. Damit war nicht viel anzufangen, da es lange nach Sir Isaac geschrieben wurde. Dann fiel ihm etwas ein.

"Sollten wir uns nicht noch einmal das Bild oben auf dem Dachboden ansehen? Vielleicht steht dort ja irgendein Datum drauf! Wenigstens wann es gemalt wurde, das würde uns vielleicht weiterhelfen."

Nicolas und Dennis fanden, dass das eine gute Idee war. Jeffrey verstaute das Buch wieder im Regal, die drei rannten nach oben und stiegen über die steile Treppe auf den Dachboden.

Zuvor hatte Jeffrey aus seinem Zimmer noch eine starke Taschenlampe geholt, sodass sie jetzt etwas besser sehen konnten. Jeffrey knipste sie an, als sie oben ankamen. Der starke Lichtstrahl traf zufällig einen der kaputten Kronleuchter und das Licht wurde vielfach reflektiert. Schnell leuchtete Jeffrey in eine andere Richtung.

"Hat hier schon einmal jemand nach dem Schatz gesucht?", fragte Nicolas. "Wenn ja, hatte er aber viel zu tun." "Glaube ich nicht", meinte Jeffrey. Er ging voran, und dann standen sie wieder vor dem Bild ohne Gesicht. Wie beim letzten Mal bekam Nicolas wieder eine Gänsehaut. Alle drei beugten sich vor und betrachteten das Bild genau. Sie sahen sich jeden Zentimeter an, aber sie entdeckten nichts, was ihnen helfen könnte. Blieb nur noch die Rückseite. Vorsichtig drehten sie das Bild herum.

Auch dort untersuchten sie jeden Zentimeter. Dass es immer kälter wurde, fiel ihnen nicht weiter auf, weil es auf dem Dachboden sowieso kalt war. Dann hatten sie doch noch einen Erfolg.

Ganz unten war mühsam eine Schrift zu entdecken, die aber sehr schwer zu lesen war.

"Es hilft nichts, wir brauchen eine Lupe." Nicolas versuchte angestrengt, etwas zu erkennen, aber es war zu unleserlich.

"Ich habe eine in meinem Zimmer." Dennis wandte sich um und wollte loslaufen, blieb aber wie angewurzelt stehen. Jeffrey und Nicolas drehten sich um.

"Was ist?", fragten beide.

"Habt ihr das gesehen?" Dennis deutete auf eine Stelle zwei Meter vor ihm.

"Habt ihr den Nebel gesehen? Da war gerade Nebel" Er könnte nur noch stottern.

"Quatsch! Wie soll denn hier Nebel hereinkommen? Träumt ihr jetzt beide?" Jeffrey kam sich langsam für dumm verkauft vor.

Dennis zuckte nur mit den Schultern und verschwand dann, um seine Lupe zu holen.

"Jetzt sag mal ehrlich, war da wirklich etwas heute Nacht?"

"Ja, aber erklären kann ich mir das auch nicht. Es war ganz seltsam. Vielleicht hast du ja doch recht, und ich habe mir das nur eingebildet." Nicolas kratzte sich am Hinterkopf. Bevor er weiterreden konnte, war Dennis schon zurück. Atemlos drückte er Nicolas die Lupe in die Hand.

Jeffrey leuchtete ihm. Durch die Lupe konnte Nicolas so eben noch die Jahreszahl 1463 erkennen, dann noch A. Gordon. Das könnte der Maler gewesen sein. Und wenn er dann schon einmal die Lupe hatte, besah er sich die ganze Rückwand des Bildes noch einmal. Er blieb an einer Stelle hängen und sah genau hin.

Er gab Jeffrey die Lupe. "Schau mal dahin, siehst du da auch etwas?"

Jeffrey besah sich die Stelle, die Nicolas meinte.

"Ja, da ist was, aber ich kann nichts Genaues erkennen. Sieht aus wie ein Kreis mit irgendetwas drin."

"Ja, das meine ich auch. Wir sollten aufpassen, ob wir irgendwo in den Büchern etwas Ähnliches sehen. Aber mehr werden wir hier wohl nicht finden." Nicolas war etwas enttäuscht.

Die drei Jungen gingen wieder hinunter in die Bibliothek. Wenigstens wussten sie jetzt, wo sie anfangen mussten zu suchen. Zum Glück für sie waren die alten Chroniken mit Jahreszahlen beschriftet. Nach einer Stunde Suchen fanden sie ein Buch, das für sie infrage kommen konnte. Auf dem Rand stand 1450 bis 1500. So wie es aussah, war jedes Buch für ein halbes Jahrhundert gedacht. Bevor sie aber anfangen konnten, öffnete sich die Tür, und Lady Lydia kam in den Raum.

"Was macht ihr denn hier?" Sie beugte sich vor und sah ihnen über die Schulter.

"Die alten Chroniken vom Schloss, was wollt ihr denn damit?"

"Ach, es interessiert mich eben und das Schloss gefällt mir sehr." Nicolas hoffte, dass das als Erklärung reichen würde.

"Na dann, viel Spaß dabei. Ich dachte nur, bei dem schönen Wetter wärt ihr draußen."

Sie ging wieder hinaus und ließ drei sprachlose Jungen zurück. Sprachlos deswegen, weil sie von schönem Wetter gesprochen hatte. Denn als die drei aus den Fenstern schauten, sahen sie nichts als Nebel, der noch nicht da gewesen war, als Lady Lydia den Raum betreten hatte.

Erschrocken sprangen die Jungen von ihren Stühlen.

"Das gibt's doch nicht", flüsterte Jeffrey. Die Jungen stürmten aus der Bibliothek und rannten zur Tür hinaus. Als sie zu der Stelle kamen, wo hinter den Fenstern die Bibliothek lag, blieben sie wie angewurzelt stehen. Nichts war zu sehen. Schon gar kein Nebel.

"Verdammt noch mal, das gibt es doch nicht!", fluchte Jeffrey.

"Ich habe ihn doch gesehen." Dennis und Nicolas sahen sich an.

"Glaubst du uns jetzt?", fragten sie. "Bei mir war es vergangene Nacht, und Dennis hat ihn vorhin auf dem Dachboden gesehen."

"Muss ich ja wohl, oder? Aber wie kann das sein? Ich habe ja keine Ahnung, aber Nebel erscheint und verschwindet bestimmt nicht so schnell. Besser wir behalten das für uns. Meine Eltern würden mir das eh nicht glauben, und euch würde man auch für bescheuert halten." Dennis und Nicolas gaben ihm recht. Sie gingen wieder zurück und setzten sich erneut vor das Buch. Seite für Seite arbeiteten sie sich vorwärts, was nicht so einfach war, denn die Schrift war schwer zu entziffern. Nicolas war der Erste, der einen kleinen Erfolg zu verbuchen hatte.

"Hier, ich hab etwas", meinte er aufgeregt. Langsam begann er zu lesen: "Heute, Anno  Domini 1454 am dritten Tag des vierten Monats, wurde mein Sohn Isaac geboren. Seine Geburt stand unter keinem guten Stern. Mein geliebtes Weib Genoveva ging von uns. Ich werde es ihm nie verzeihen." Das war alles, was dort stand. Wenigstens wussten sie jetzt das Geburtsdatum von Sir Isaac, viel weiterhelfen würde es leider nicht. Nicolas blätterte vorsichtig weiter. Aber außer einigen Einträgen über Besucher, die wohl zu dieser Zeit im Schloss gewesen waren, fanden sie auf den nächsten Seiten nichts mehr. Aber das Buch war sehr dick und sie waren noch ziemlich am Anfang.

"Kommt, wir machen Schluss für heute. Es ist sehr anstrengend, und auffallen wollen wir ja auch nicht." Jeffrey nahm das Buch und stellte es zurück in das Regal. Morgen war ja auch noch ein Tag.

Sie setzten sich in Jeffreys Zimmer zusammen und beratschlagten, was sie heute noch tun sollten.

"Also ich für meinen Teil habe genug für heute. Lasst uns ein wenig zocken und dann morgen weitermachen." Nicolas rieb sich die Augen. Er war wirklich müde. Erst die verkorkste Nacht und dann das anstrengende Lesen. "Außerdem müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu sehr auffallen. Was hältst du denn davon, wenn du mir morgen das Brunnenhaus zeigst und die Gruft? Und am Nachmittag machen wir dann weiter, dann fällt es nicht so auf, wenn wir die ganze Zeit im Haus sitzen."

"Der Vorschlag ist gut. Ich wäre dafür, dass wir es so machen. Es hat Jahrhunderte niemand nach irgendetwas gesucht, da brauchen wir nichts überstürzen. Außerdem fängt ja auch bald die Schule wieder an.", fügte Jeffrey noch hinzu. Die Schule! Daran hatte Nicolas schon gar nicht mehr gedacht, so viel Neues war auf ihn eingestürmt. Wie würden die anderen in der Schule sein? Was würde man sagen, wenn er da im Kilt auftauchen würde? Und vor allem, was würden sie wegen seines Namens sagen? Als ob die anderen ahnten, was Nicolas bedrückte, sagten sie: "Mach dir keinen Kopf darum, was die anderen sagen könnten, wir sind ja auch da, und du weißt, wir tragen alle einen Kilt." Dennis lächelte ihm aufmunternd zu.

"Ach,

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Bildmaterialien: Andrea Skorpil, Soisses Verlag
Cover: Franz von Soisses
Lektorat: Cornelia von Soisses
Tag der Veröffentlichung: 16.01.2018
ISBN: 978-3-7438-5084-2

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