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draussen legten sich die schneeflocken leise auf die stadt. nahmen sich die lichter der autoscheinwerfer als bühnen für ihren bizarren auftritt. doch kaum jemand, der das kristallene schauspiel sah oder beachtete. jeder hastete eilig und mit zerknirschtem gesichtsausdruck durch die straßen der verschlafenen kleinstadt. verschlafen?? - wo doch an jedem zweiten lichtmast antifa -aufkleber in augenhöhe um aufmerksamkeit bettelten. man konnte sie unmöglich ignorieren, so sehr man sich auch mühte. außer an solchen verschneiten tagen. natürlich.

sie schloß die tür ihrer wohnung auf, aus der schon vor dem hauseingang laute musik dröhnte. ihr sohn übte auf seiner e-gitarre. und sicher wartete der nette nachbar schon auf sie, um sie mit seinen ewigen nörgeleien an den rand des wahnsinns zu treiben. er hatte selbst kleinere kinder, die auch nicht sonderlich rücksichtsvoll waren. ständig verloren sie irgendwelche kaugummis oder bonbonpapiere auf der treppe, die sie dann aufsammelte und entsorgte. ohne sich darüber zu beklagen. sie wußte ja selbst, wie vergesslich und trödelig kinder sind. zumal auf treppen und gelände, welche sich außerhalb der eigenen wohnung befanden.
doch es blieb still heute. freudig grinsend trat sie zur wohnungstür herein und zog diese schnell hinter sich zu.
die schrillen und teils kreischenden töne der frisch gequälten gitarre liessen sie langsam ruhiger werden, zu hause ankommen. es freute sie immer wieder, wie sich instrumente dem willen eines menschen zu beugen bereit waren. ja, es schien ihr oft, als wenn sich die gitarre wie eine begehrende frau unter verständigen fingern in lust zu wiegen begann.

sie grinste immer noch vor sich hin, löste handschuhe und schal und warf letzteren gezielt auf den garderobenhaken an der wand. nachdem sie auch jacke und schuhe in ihrer ordnung abgelegt hatte, schaute sie zu ihrem sohn in die stube und grüßte ihn kurz. an seinem blick sah sie, ob alles ok war. kinder haben so die gewohnheit, sich über ihren zustand nicht allzusehr und langatmig mitzuteilen. ihr waren solcherart kinder noch nicht über'n weg gelaufen. und irgendwie glaubte sie an die art weltensprache, die man auch ungesprochen verstehen konnte. zumindest funktionierte es bei ihr so ganz gut.
sie betrat ihre stube, die sich ihr in ihrer askese einerseits und ihrer überladenheit andererseits stets neu offenbarte. immer wieder kam ihr ein leichtes erstaunen darüber, dass das ihr heim war. dass nichts wirklich von den männern, die hier schon gelebt hatten, zu erkennen war. nur paar bilder und hier und da ein nicht wirklich auffallender gegenstand , den man täglich benutzte. aber eigentlich trug alles ihre spuren.

sie ging zum musikturm, der aus lauter alten teilen bestand. im cd lag noch die stoosh-scheibe. ok. sie drehte den lautstärkeregler im vorab auf und schaltete dann erwartungsvoll den cd auf play. und schon breiteten sich die eindringlichen, harten klänge der musik und die wunderbare, zwingende stimme der sängerin in der stube und auf ihrer haut aus. sie legten sich wie flüstern auf ihre seele.
sie schaute aus dem fenster auf die noch immer langsam schwebenden schneeflocken. vor dem fenster ein weiterer wohnblock, dazwischen ein parkplatz. der baum, der in den letzten jahren versucht hatte, dass sie sich heimisch fühlen konnte, wurde erst vor kurzem irgendwelchen säuberungsaktionen geopfert. als sie das spätabends entdeckte, kamen ihr die liedzeilen von alexandra: " mein freund, der baum, ist tot.." in den sinn. sie spürte ein paar tage lang eine heftige trauer in sich. was sie als kind nur über diese liedzeilen und die traurige musik wahrgenommen hatte, wurde in diesem moment tod-ernst, eindringlich und schmerzte richtig tief. scheißstadt, fuck you - der erste gedanken, der zweite, der nächste und übernächste. und dann endlich eine heiße flut von tränen, die sich unwillkürlich aufdrängte. sie sagte sich, dass sie realistin sei, kein weichei. schluckte den tränenschwall trotzig wie in kinderzeiten. dachte, dass der baum in dieser enge wohl doch nur ihr zuliebe jedes jahr wieder neu ausgetrieben hatte. erst an zweiter stelle um den amseln und meisen schutz und geborgenheit zu geben. sie fühlte sich genauso leer und verlassen wie diese ständigen gäste des nun nicht mehr vorhandenen baumes. der parkplatz mit seinen stinkenden benzinkisten grinste sie kalt und siegessicher an. als fletschte er ihr zu:" sieh nur, autos sind die besseren menschen. was bist du da schon wert, du mensch." es rülpste regelrecht aus ihr heraus: leck mich!!
sie wandte sich zum musikturm um und drehte den regler noch weiter auf.

es war betäubend, was da stimme und instrumente hergaben. es betäubte sie und riss sie in einen strudel aus wut und lust und trotz und unbezwingbaren urwillen. in ihr explodierten vulkane und sie konnte sich dem fordernden rhytmus der explosionen nicht entziehen. wollte es nicht. warum auch. warum das bisschen lebenslust noch niederhalten. den schneeflocken da draussen ging es ja ebenso und die liessen sich auch nicht aufhalten. im gegenteil. sie zauberten alles in glitzerndes weiß. tauchten all den schmutz in eine weiche winterdecke. legten sich wie zauber auf ihre seele.

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Tag der Veröffentlichung: 12.02.2009

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