Cover

Prolog

Bereits als Kind beobachtete Kurt seine Umwelt mit wachem Blick. Sobald er schreiben konnte, hielt er vieles davon in Kladden fest. Sein größter Wunsch, ein Diktiergerät, wurde ihm an seinem 10. Geburtstag erfüllt. Von da an interviewte er bei jeder Gelegenheit Familienmitglieder und Freunde, was zur Folge hatte, dass so mancher flüchtete, wenn er mit seinem Gerät auftauchte. Dadurch lernte er früh: Reporter waren nicht sonderlich beliebt.

In der Schule war er - mit seinen blauen Augen, blonden Haaren und der zierlichen Statur - der Liebling vieler Mädchen. Mit den Jungen kam er, vermutlich wegen seines Status‘, weniger klar. Das änderte sich erst, als er in der Pubertät einen Wachstumsschub hatte. Endlich fand er Beachtung beim gleichen Geschlecht, allerdings nur wegen seiner Größe und Sportlichkeit, die ihn beispielsweise beim Basketball zum beliebten Mannschaftskameraden machte. Ansonsten hielten ihn die Jungs weiter für einen Sonderling und Streber.

Seine sozialen Kontakte waren entsprechend mau. Er traf zwar mal den einen oder anderen Klassenkamerad, doch meist bloß zum Lernen. Als er merkte, Jungs den Mädchen auf sexueller Ebene vorzuziehen, stellte er auch diese Treffen weitestgehend ein. Schließlich wollte er nicht in den Fokus von homophoben Arschlöchern geraten. Das, was diese Vollpfosten mit zwei geouteten Schülern anstellten, war äußerst abschreckend. Eigentlich mahnte ihn sein Gerechtigkeitssinn, solchem Treiben nicht tatenlos zuzugucken, doch sein Selbsterhaltungstrieb war stärker.

Die viele Zeit, die er allein verbrachte, nutzte er für seine Passion: Recherchen. Da sie in der Schule gerade das dritte Reich behandelten, interessierte er sich für dieses Thema. Es gab so einiges, das im Unterricht keinerlei Erwähnung fand. Woher, zum Beispiel, kamen während der Kriegszeit die Zigaretten? Importe aus den Tabak anbauenden Ländern dürften wohl kaum stattgefunden haben.

Apropos: Wo wuchs das Zeug überhaupt? China und Indien waren die größten Produzenten, gefolgt von den USA. Deutschland stand aktuell auf Platz 52 der Rangliste. Es existierte also einheimischer Tabak, allerdings nur in begrenzten Mengen. Offenbar jedoch genug, um die Soldaten damit zu versorgen.

Weitere Nachforschungen ergaben: Eigentlich war Hitler strikt gegens Rauchen, doch um die Moral der Truppen zu erhalten, wurden trotzdem Zigaretten verteilt. Auch die Bevölkerung erhielt, als eine Art Belohnung, nach Luftangriffen Rationen an Tabak und Bohnenkaffe. Dadurch wollte das Regime Fürsorge vortäuschen. Auf dem Schwarzmarkt waren Zigaretten ein begehrtes Gut. So berichtete ein Zeitzeuge, dass er selbige gegen Brot eingetauscht hatte und sich wunderte, da sein Tauschpartner das Tabakerzeugnis gegen Hunger verwendete. Was für ein Irrsinn und Beweis, wohin Drogen einen treiben konnten.

Als er seine Recherche-Ergebnisse in der nächsten Geschichtsstunde anbot, war sein Lehrer hocherfreut. Seine Mitschüler hingegen nahmen ihm übel, sich auf solche Weise lieb Kind zu machen. Fortan behielt er sein Wissen also für sich.

Seine Eltern, beide als Sachbearbeiter in der Versicherungsbranche tätig, fragten einander häufig im Spaß, wer ihnen denn dieses Kuckucksei ins Nest gelegt hätte. Die zwei besaßen null Ambitionen, Unbekanntes zu erforschen. Dessen ungeachtet unterstützten sie ihn in seinem Tun und nahmen sein Outing, das er zusammen mit seinem Abitur erledigte, gelassen auf.

Nach einem Jahr work and travel in England schrieb er sich an der Uni Hamburg für Journalismus ein. In den acht Semestern, bis er seinen Abschluss in der Tasche hatte, machte er seine ersten sexuellen Erfahrungen. Sie waren nur experimenteller Natur, da er für keinen der drei One-Night-Stands Gefühle entwickelte. Anschließend jobbte er etliche Monate als Praktikant bei einem Tagesblatt. Es stellte sich leider heraus, dass man ihn bloß als billige Hilfskraft ausnutze, woraufhin er seine Hoffnungen begraben musste, einen Festvertrag zu ergattern.

Ein Gutes hatte der Job allerdings: Er knüpfte Kontakt zu Lasse Stendal, Chefredakteur eines Lokalanzeigers, und konnte bei diesem einsteigen. Das war zwar weit entfernt von seinem Ziel, interessante Reportagen zu schreiben, aber besser als gar nichts.

1.

 „Wie war’s?“, fragte Katinka, mit der er sich ein winziges Büro teilte.

Kurt verdrehte die Augen, stellte seine Tasche unter den Schreibtisch und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. „Ich hatte Angst, dass Frau Berger ihren 100. Geburtstag nicht überlebt, weil sie sich über mein Erscheinen aufgeregt hat.“

Örtlich ansässige Jubilare zu besuchen, gehörte zu seinem Ressort.

„Das wäre doch eine coole Schlagzeile geworden.“ Katinka kicherte. „Besuch eines Reporters bringt rüstige Rentnerin um.“

„Klar. Und ich hätte mich beim Arbeitsamt melden dürfen.“ Kurt seufzte, tippte sein Passwort in den Computer und öffnete das Formblatt für Lokalberichte.

„Quatsch! Unser Chef hat durchaus Humor.“

„Natürlich hat er den, aber bei solchen Sachen hört der Spaß auf. Schließlich hat er einen Ruf zu verlieren.“

„Ich besorge uns Kaffee“, entschied seine Kollegin, sprang auf und ging zur Tür. „Dann bessert sich deine Laune hoffentlich wieder.“

„Bestimmt“, murmelte Kurt, bereits dabei, seinen Text in die Tastatur zu hacken.

Solche Berichte waren mittlerweile Routine. Anfangs hatte er versucht, seinen Texten Esprit zu verleihen, war damit jedoch auf wenig Verständnis beim Chef gestoßen. Er hielt sich also an die Tatsachen und benutzte die üblichen Floskeln, die bei der Leserschaft - vorwiegend älteren Semesters - gut ankamen.

Seinen größten Traum, eine Sensationsstory, hatte er noch nicht ganz aufgegeben. Irgendwann, davon war er überzeugt, würde er auf etwas stoßen, mit dem er Furore machen konnte. Bis dahin musste er eben kleine Brötchen backen.

Sein Einkommen reichte für Miete, Essen und einen Kleinwagen. Insofern gab es keinen Grund zu klagen. Dafür, dass privat bei ihm nicht sonderlich viel los war, konnte sein Chef ja nichts, genauso wenig wie dafür, dass er sich zu Höherem berufen fühlte.

Katinka kehrte mit zwei Bechern zurück, stellte einen auf seinen Schreibtisch und hockte sich mit dem anderen auf ihren Stuhl. „Ich muss heute früher gehen.“

„Mhm“, machte Kurt, total aufs Schreiben konzentriert.

„Was habe ich gerade gesagt?“

Er hielt inne und schaute hoch. „Hm?“

„Nie hörst du mir zu“, beschwerte sie sich mit einem Augenzwinkern. „Ich sagte, dass ich heute eher gehen muss.“

„Ach so. Ist was mit Melinda?“ Das war Katinkas Tochter.

Sie nickte. „Wir müssen zum Kiefernorthopäden.“

„Oh weh! Eine Zahnspange kann einem die ganze Jugend verleiden.“ Wenigstens etwas, wovon er verschont geblieben war.

„Ich hoffe, dass es nicht soweit kommt.“ Katinka nippte an ihrem Kaffee. „Oder dass es keine feste Spange wird. Wenn Melinda sie nur nachts tragen braucht, ist doch alles okay.“

„So lange sie keinen männlichen Übernachtungsbesuch hat.“

Katinka lachte auf. „Nur über meine Leiche! Außerdem ist sie erst zwölf.“

„In dem Alter sind viele Mädchen schon verheiratet.“

„Ja, in der dritten Welt. Woher kommt bloß dieser Ausdruck?“

Sofort wechselte Kurt zum Internetbrowser und tippte den Begriff ein. „Als Dritte Welt wurden ursprünglich die blockfreien Staaten bezeichnet, die sich im Ost-West-Konflikt des Kalten Krieges weder der Ersten Welt noch der Zweiten Welt zuordnen ließen. Mit dem Ende des Kalten Krieges und des Ost-West-Konflikts wandelte sich die Bedeutung des Begriffs Dritte Welt, von der ursprünglichen Blockfreiheit der bezeichneten Staaten hin zum Synonym für Entwicklungsland“, las er den Eintrag bei Wikipedia vor.

„Das wusste ich nicht.“

„Ist mir auch neu.“ Er öffnete wieder das Dokument und griff nach seinem Becher. „Danke für den Kaffee.“

„Trink erst, bevor du mir dankst. Das Zeug steht wahrscheinlich seit Stunden auf der Warmhalteplatte.“

Katinka hatte nicht zu viel versprochen. Der Kaffee schmeckte bitter. Kurt zog eine Grimasse. „Widerlich. Wieso hast du keinen neuen gekocht?“

„Weil ich gleich los muss.“

Grummelnd stand er auf, latschte in die Teeküche und setzte Kaffee auf. Als er ins Büro zurückkam, war Katinkas Platz aufgeräumt und leer. So gern er seine Kollegin auch mochte, genoss er es doch sehr, den Raum für sich zu haben.

Rasch beendete er seinen Bericht und schickte ihn zur Korrektur. Die übernahm der Chef persönlich. Kurt war zwar der Meinung, dass Lasse Rechtschreibtechnisch eine Niete war, behielt das aber wohlweislich für sich.

Anschließend surfte er ein bisschen herum. Ehrlich gesagt reichte die Arbeit kaum für eine Person und da sie zu zweit waren, fiel häufig Leerlauf an. Darüber wollte er sich weiß Gott nicht beschweren, denn es eröffnete ihm Möglichkeiten, seinem Hobby zu frönen: Im Internet nach einer Sensationsstory Ausschau halten.

Skandale, die man näher beleuchten könnte, gab es ja eigentlich genug. Leider wurden die oft schon von anderen Journalisten ausgeschlachtet. Er brauchte etwas, das noch nie jemand in die Öffentlichkeit gezerrt hatte. Etwas, das Gemüter bewegte und Geschichte machte. Nur was?

Die englischen Royals boten immer Stoff, aber das interessierte die deutschen Leser eher wenig. Das Liebesleben von Stars, Sternchen und C-Promis? Langweilig! Viele von ihnen posteten ihre intimsten Geheimnisse doch ohnehin selbst auf Instagram, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Man sollte Influencer umtaufen in Aufmerksamkeits-Defizit-Infizierte, also ADIs.

In der Wirtschaft gab es auch immer Schmutz zu entdecken, genau wie in der Politik. Eigentlich war die Grenze zwischen beidem mittlerweile verschwommen. Fast jeder Abgeordnete hatte ja seine Finger in irgendwelchen Geschäften. Das wussten alle und regten sich darüber auf, doch niemand tat etwas dagegen.

Sollte er die Machenschaften von Discountern näher beleuchten? Die eines Klamotten-Riesen wie KIK, der in der dritten Welt zu Hungerlöhnen fertigen ließ? Auch das wussten alle und trotzdem kauften sie bei dem Laden. Offenbar lagerten die meisten Konsumenten ihre Moral zu Hause, wenn sie shoppen gingen. Na ja ... vermutlich kannten viele das Wort nur aus dem Duden.

Vergeblich grub Kurt nach einem lukrativen Thema, bis es Zeit war zu gehen. Wie üblich schob er alles, was auf dem Schreibtisch lag, in eine Schublade: Stifte, Büroklammern, Zettel und ... Moment! Den Keks in Zellophanhülle, der wohl von Katinka stammte, stopfte er in seine Hosentasche. Nachdem er sich einmal prüfend umgeschaut hatte, verließ er den Raum und winkte im Vorbeigehen Sandra, dem Mädchen für alles, das immer bis sechs blieb, zu.

Kurt nahm an, dass Lasse und Sandra ein Verhältnis hatten. Beide waren stets lange im Büro, ohne dass großer Arbeitsaufwand es rechtfertigen würde. Natürlich konnte es sein, dass er sich täuschte, aber auch ihr Umgang miteinander deutete darauf hin. Ach, egal. Sollten sie doch tun, wozu sie Lust hatten. Ihm tat bloß Lasses Gattin leid.

Auf dem Heimweg hielt er an einem Supermarkt, um seine Lebensmittelvorräte aufzustocken. Bei der Gelegenheit kaufte er ein Töpfchen Basilikum, das er beim nächsten Stopp, nämlich seinem Elternhaus, seiner Mutter schenkte. Sie liebte Kräuter und freute sich unbändig, als hätte er ihr einen Riesenstrauß Rosen gebracht.

„Das ist aber lieb, mein Schatz. Bleib doch zum Essen. Es gibt heute Kohlrouladen.“

Nicht gerade sein Leibgericht, aber besser als Tiefkühlnahrung. „Danach muss ich aber gleich weiter.“

„Natürlich.“ Sie tätschelte seine Wange. „Holst du bitte deinen Vater? Er ist im Garten.“

Kurz darauf saßen sie im Wohnzimmer am Esstisch. Wie meist, bestritt Kurts Mutter den größten Teil der Unterhaltung. Sein Vater scherzte gerne, dass er nicht multitaskingfähig wäre und nicht gleichzeitig essen und reden könnte. Das hatte Kurt wohl geerbt, denn ihm ging’s genauso. Ihre Beiträge bestanden dementsprechend aus „Hm“, „Ach nein“ und „So, so“.

„Stellt euch vor: Das Haus zwei Straßen weiter, ihr wisst schon, das so lange leer stand, da wohnen jetzt mindestens zwanzig Menschen drin“, erzählte sie. „Ich vermute, das sind alles Polen. Es können aber auch Russen sein. Jedenfalls irgendwelche Leute aus dem Osten.“

„Wie kommst du darauf?“, erkundigte sich Kurt, dem Vorurteile ein Dorn im Auge waren.

„Zwei Frauen saßen im Garten und haben den Kindern in fremder Sprache etwas zugerufen. Kein Französisch, Spanisch oder Englisch. Dann bleibt ja nicht viel.“

„Stimmt. Bloß ungefähr zehn andere westliche Sprachen“, entgegnete Kurt ironisch.

„Außerdem trugen sie Kopftücher und lange Kleider.“

„Dann können es wirklich nur Polen oder Russen sein“, mischte sich sein Vater in der gleichen, zynischen Tonlage ein.

„Macht mich ruhig nieder“, murrte seine Mutter. „Ihr könnt ja mal selbst hingehen und gucken.“

„Wenn ich mich recht entsinne, ist das doch nur ein Einfamilienhaus“, merkte Kurt an. „Bist du sicher, dass da so viele Leute drin wohnen?“

„Ein großes Einfamilienhaus. Immerhin zweigeschossig. Ich komme ja immer dort vorbei, wenn ich zur Bushaltestelle gehe. Innerhalb der letzten Wochen habe ich im Garten bestimmt zwanzig unbekannte Gesichter gesehen.“

„Vielleicht ist es eine Großfamilie“, mutmaßte Kurt.

Seine Mutter zuckte mit den Achseln. „Kann sein. Es könnten aber auch Flüchtlinge sein. Man hört zwar nichts mehr, doch irgendwo müssen die ja auch hin.“

Kurts Neugier war geweckt. Eventuell lauerte zwei Straßen weiter die Story schlechthin! Illegal untergebrachte Flüchtlinge aus Syrien, beispielsweise, oder Sinti, die man in das Haus gepfercht hatte. Gab es letztere überhaupt noch? In seiner Kindheit hatten manchmal Zigeuner in der Umgebung ein Lager aufgeschlagen. Seit bestimmt zwanzig Jahren war das nicht mehr geschehen. Er nahm sich vor, auf dem Weg nach Hause an der Adresse vorbeizufahren.

Im Anschluss ans Abendessen verabschiedete er sich und setzte seinen Plan in die Tat um. Im Schritttempo rollte er an dem Grundstück vorbei. Im Garten spielten zwei Kinder, ansonsten war nichts zu sehen. Enttäuscht gab er Gas und beschloss, am nächsten Morgen erneut nachzuschauen.

Weil er schlecht geschlafen hatte und selbst ein Kaffee seine Lebensgeister nicht ausreichend weckte, um seinen Verstand zu benutzen, vergaß er sein Vorhaben. Erst im Büro fiel es ihm wieder ein, nachdem er sich eine weitere Koffeindröhnung zugeführt hatte. Leider musste er um zehn im Rathaus sein, sonst hätte er es - unter dem Vorwand, Milch, Tee oder Kekse für die Teeküche zu besorgen - umgehend nachgeholt.

Das Interview mit dem Bürgermeister zog sich in die Länge. Anschließend lud das Brechmittel, wie Kurt den Typen insgeheim getauft hatte, ihn zum Mittagessen ein. Eine weitere Stunde brachte er damit zu, dem selbstgefälligen Geschwafel zu lauschen. Dafür wäre eigentlich eine Sonderprämie fällig. Wenn er das Lasse sagen würde, bekäme er zu hören, dass ein - zugegebenermaßen ausgezeichnetes - Mittagsmahl ja wohl genug Belohnung für die Tortur wäre.

Als er das Arschloch endlich losgeworden war, fuhr er auf einem Umweg zurück ins Büro. Dieser führte rein zufällig an dem besagten Grundstück vorbei. Diesmal saß eine Frau im Garten und schnippelte irgendetwas, vermutlich Bohnen, in eine Schüssel, die auf ihrem Schoß stand. Ein Kind saß neben ihr, ein Smartphone oder eine Spielkonsole in der Hand. Was genau, konnte Kurt auf die Entfernung nicht genau erkennen.

Insgeheim gab er seiner Mutter recht. Frau und Kind waren gekleidet, wie man es bei Angehörigen östlicher Kulturen gewohnt war. Ihre helle Hautfarbe wies sie allerdings als eher einem nördlichen Stamm zugehörig aus.

Gerade hatte er das Ende der Straße erreicht, als ihm eine Gruppe von rund zehn Männern entgegenkam. Die Gesichter wirkten erschöpft, die Schritte schwerfällig. Kurt hielt in der Kurve, um die Typen im Rückspiegel zu beobachten. Geschlossen steuerte die Gruppe das Haus an, das er eben beobachtet hatte. Erneut musste er seiner Mutter recht geben: Das waren ganz schön viel Leute für das ziemlich übersichtliche Gebäude. Er schätzte es auf ungefähr 200 Quadratmeter Wohnfläche, womit für jede Person - wenn man die Gemeinschaftsräume, wie Küche und Bad, abrechnete, weniger als 18 Quadratmeter blieben. Womöglich noch weniger, da ja auch noch Kinder und Frauen dort lebten.

Eigentlich war das ausreichend Platz, wenn man in anderen Maßstäben rechnete, beispielsweise chinesischen. Dort hausten die Menschen ja sogar in Käfigen. Für Deutsche undenkbar. Soweit Kurt wusste, galt hierzulande eine Wohnfläche von 50 Quadratmetern pro Nase als angemessen.

Während er weiterfuhr überlegte er, wo diese Männer arbeiteten. Noch war keine Apfelernte und die Spargelzeit vorbei. Zudem gab es - zumindest nach seinem Kenntnisstand - in der Umgebung keine entsprechenden Bauernhöfe.

Im Büro empfing ihn Katinka mit den Worten: „Der Bürgermeister hat angerufen und mir eine Ergänzung zu dem diktiert, über das ihr vorhin gesprochen habt.“

„Ist nicht wahr.“ Stöhnend ließ sich Kurt auf seinen Stuhl plumpsen. „Dabei hat der doch schon stundenlang gelabert.“

Grinsend warf seine Kollegin ein vollgekritzeltes Blatt Papier auf seinen Schreibtisch. „Anscheinend hat er einen Narren an dir gefressen. Er lässt schöne Grüße ausrichten und würde sich freuen, wenn du bald mal wieder reinschaust.“

Oh mein Gott! Mit dem fetten Sack würde ich nicht mal pimpern, wenn ich kurz vorm Hirnschlag durch Samenstau stehen würde.“

„An was du immer gleich denkst.“ Missbilligend, allerdings mit amüsiert funkelnden Augen, schüttelte Katinka den Kopf. „Vielleicht findet er dich menschlich total umwerfend.“

„Klar. Ich bin ja auch ein toller Typ.“ Seufzend schnappte sich Kurt den Zettel und kniff die Augen zusammen, um das Geschreibsel zu entziffern. „Das kann ja kein Mensch lesen.“

„Selbst Melinda kann meine Schrift entziffern“, entgegnete Katinka spitz, sprang auf und verließ den Raum.

Nanu? Hatte er seine Kollegin etwa beleidigt? Normalerweise reagierte sie nicht über, wenn er sie mal foppte. Abermals stieß er einen Seufzer aus, holte sein Diktiergerät hervor und legte es neben die Tastatur. Nun musste er sich das Gelabere nochmal anhören. Das war echt Folter.

Katinka kehrte mit zwei Bechern zurück, von denen sie einen vor ihm abstellte und sich mit dem anderen auf seine Schreibtischkante setzte. „Soll ich dir meine Notizen vorlesen?“

„Ja, bitte.“

Nachdem er die Stichpunkte in seine Tastatur gehackt hatte, verzog sich Katinka an ihren Arbeitsplatz. Kurt setzte Kopfhörer auf und startete die Aufnahme. Gequält schloss er die Augen, als der Bürgermeister zu sprechen begann.

2.

 Am folgenden Morgen - oder eher in der Nacht - um drei klingelte sein Wecker. Schlaftrunken tastete er nach dem Störenfried, schaltete ihn aus und schwang seine Beine aus dem Bett. Was tat man nicht alles für den Erfolg. Dazu gehörte eben auch, auf seinen Schönheitsschlaf zugunsten einer Observation zu verzichten.

Eine Viertelstunde später saß er in seinem Wagen. In der Mittelkonsole stand ein Thermobecher Kaffee, den er auf die Schnelle mit Pulver angerührt hatte.

Innerhalb von fünf Minuten erreichte er sein Ziel. Er rangierte sein Auto in eine Lücke, zwischen einen VW-Bus und einen Kleinwagen, stellte den Motor ab und griff nach dem Becher. Während er an seinem Kaffee nippte, beobachtete er das Haus gegenüber. In einigen Fenstern brannte Licht. Da sie nur unzureichend mit Stoff zugehängt waren, sah er Gestalten umhergehen.

Um halb vier verließen nacheinander neun Männer das Haus. Im Schein der Straßenlaternen wirkten ihre Gesichter abgespannt. Kurt wartete, bis sie hinter der nächsten Kurve verschwunden waren, bevor er den Motor startete und hinterher fuhr. Vorsicht war geboten, da überhaupt kein Verkehr herrschte.

Schnell wurde ihm klar, dass die Männer zum Bahnhof marschierten. Um diese Zeit fuhren noch keine Busse, daher schied das eh aus. Er lenkte seinen Wagen also zum Bahnhof und parkte auf der Fläche, die für Umsteiger gedacht war.

Wenig später geriet die Gruppe in sein Blickfeld. Sieben Minuten standen die Männer auf dem Bahnsteig herum, bis ein Zug kam und sie einstiegen. Aha. Also ging’s in Richtung Norden.

Er klapperte die folgenden Bahnhöfe ab. In Norderende verließen die Männer die Bahn und bewegten sich die Straße runter, die zum Industriegebiet führte.

Mittlerweile hatte Kurt das Jagdfieber gepackt. Seine Müdigkeit war komplett verflogen und sein Herz klopfte aufgeregt. Als er an der Gruppe vorbeifuhr, wagte er nur aus dem Augenwinkel rüber zu gucken. Keiner der Männer würdigte ihn eines Blickes.

Im Gegensatz zu der Wohngegend, aus der er aufgebrochen war, herrschte im Industriegebiet geschäftiges Treiben. Ihm kamen zwei Lastzüge entgegen und am Straßenrand parkten einige Privatwagen. Auf dem Hof einer Spedition gurkten zwei Gabelstapler herum, um wartende LKWs zu beladen.

Kurt stellte sein Auto vor einen Kleinlaster, so dass er einigermaßen getarnt war und beobachtete im Seitenspiegel die Straße. Die Gruppe kam näher. Kurz verschwand sie hinter dem Laster, dann gingen die Männer an ihm vorbei. Sie bogen in die nächste Einfahrt ein.

„Bingo!“, murmelte Kurt und betrachtete das Leuchtschild, das über dem Fabrikgebäude schwebte.

Eine Kuh, ein Rind und Schwein grinsten, als gäbe es eine Sonderration Futter. Er zweifelte an, dass es sich um einen Futterbetrieb handelte. Vielmehr dürfte es ein Schlachtbetrieb sein, in dem den Tieren das Grinsen gründlich verging. So, wie die Männer aussahen, hatten auch die Arbeitnehmer nichts zu lachen. Ein Schild mit der feixenden Fresse des bestimmt stinkreichen Eigentümers wäre wohl passender, würde aber wenig werbewirksam sein.

Nachdem er nun wusste, wo die Männer schufteten, fiel sämtliche Anspannung von Kurt ab. Er gähnte, guckte auf die Uhr und seufzte. Heimzufahren und sich wieder schlafen zu legen lohnte kaum noch. Zwar hatte er frei, doch seinem Vater versprochen, beim Aufstellen einer Gartenlaube zu helfen.

Auf dem Rückweg grübelte er, wieso in der Fleischfabrik ausländische Arbeitnehmer beschäftigt wurden. Das ergab doch keinen Sinn. Schließlich waren genug Leute arbeitslos, um eventuelle freie Stellen zu besetzen. Andererseits galt das Gleiche für die Ernte. Für manche Tätigkeiten schienen Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit einfach nicht geschaffen zu sein.

Zu Hause angekommen setzte er den Kaffeeautomaten in Betrieb und stellte sich unter die Dusche. Als er wenig später in frischen Klamotten am Küchentisch saß und sich die zweite Koffeindröhnung des Tages verpasste, begann es draußen zu dämmern. Nachdenklich betrachtete er den Himmel, an dem die Sterne verblassten. Warum besorgte sich der Fleischfabrikant Sunnys Arbeitskräfte aus dem Osten? Weil die billig waren, beantwortete er sich selbst die Frage.

Er holte sein Notebook. Auf der Seite der Sunnys AG gab es keine Bestätigung zu Kurts Überlegungen. Schließlich verkündete niemand auf seiner Internetseite: Wir fertigen die Produkte zu so günstigen Preisen, weil wir unsere Arbeitnehmer mies bezahlen. Lügen und Betrug waren ein fester Bestandteil der Wirtschaft. Mittlerweile hatten sich etliche Politiker diese Maxime ebenfalls auf die Fahne geschrieben. Ach nein, das war ja schon immer so gewesen. Inzwischen gehörte es sogar zur Normalität, dass man sich kaufen ließ. Moral? Ethik? Vielleicht sollte man diese Begriffe aus dem Duden streichen.

Kurt klickte sich durch die gesamte Seite. Es war beeindruckend, an wie vielen Standorten mit wie vielen Mitarbeitern die Sunnys AG vertreten war. Beliefert wurden ausschließlich Discounter, darunter so bekannte Gruppen wie Lügl und Aggri. Das erklärte schon mal, unter welchem Preisdruck die Firma stand. Auf der anderen Seite besaß solcher Konzern die Macht, den Billigketten die schwarze Karte zu zeigen. Wahrscheinlich war sehr viel Geld im Spiel, so dass der Eigner lieber auf Kosten der Mitarbeiter mitspielte, anstatt auf Einnahmen zu verzichten. Genauso wahrscheinlich war der Eigentümer ein reiches Arschloch, dem das Schicksal anderer Leute am Allerwertesten vorbeiging.

Kurt nahm sich einen dritten Kaffee und starrte sinnend ins Leere. Geld verdarb den Charakter, sofern man einen besaß. Warum eigentlich? Schließlich konnte man sich weder Gesundheit, noch ein längeres Leben damit kaufen. Natürlich war es schön, mit Knete um sich zu werfen, aber mal im Ernst: Auf Dauer wurde doch sogar das langweilig. Na ja, in Zeiten von Instagram & Co. konnte man wunderbar damit angeben, was viele begüterte Leute ja auch taten. Und die, denen es an Knete noch mangelte, hofften, durch ihre Nabelschau welche zu bekommen.

„Hör auf, darüber nachzudenken“, befahl er sich. „Das führt zu nichts.“

Zurück zu Sunnys: Hatte das Unternehmen die Arbeiter in dem Haus untergebracht? „Natürlich. Niemand würde einer Gruppe Männern mit Migrationshintergrund eine Immobilie überlassen“, antwortete er sich selbst.

Er vermutete, dass sich die ausländischen Arbeitnehmer besser als ihr deutsches Pendant ausnehmen ließen. Wer der hiesigen Sprache nicht mächtig war, konnte sich nicht beschweren. Allerdings gab es für sowas einen Betriebsrat. Angesichts der Skandale in der Vergangenheit um dieses Organ, dürfte dieser bei Sunnys auch von der Geschäftsleitung gekauft worden sein. Sofern überhaupt einer existierte. Es gab ja einige Schleichwege, um gesetzliche Bestimmungen zu umschiffen. Beispielsweise durch die Bildung zahlreicher Untergesellschaften, die alle nicht die erforderliche Anzahl Arbeitnehmer erreichten.

„Hör auf, darüber nachzudenken!“, ermahnte er sich erneut. Sein Magen knurrte, was er als Drohung deutete, sich wichtigeren Dingen zu widmen, beispielsweise dem Frühstück.

Während er sich um sein leibliches Wohl kümmerte grübelte er, ob diese Sunnys-Sache weitere Nachforschungen lohnte. Im Grunde interessierte es doch niemanden, ob Menschen ausgebeutet wurden. Das geschah ständig in der dritten Welt, um den deutschen Markt mit Billigartikeln zu fluten. Es geschah sogar regelmäßig im Inland, bei den Erntehelfern, ohne die es weder Spargel, noch Kirschen und so weiter zu günstigen Preisen geben würde. Alle wussten es, alles schauten weg.

„Dann musst du das eben ändern“, sprach er laut aus, was sein Gewissen ihm diktierte.

‚Und wie?‘, hakte sein Verstand nach.

Gute Frage. Er konnte ja schlecht bei Sunnys reinmarschieren und verlangen, dass ihm der Chef Fakten präsentierte.

‚Dann musst du dich eben einschleusen‘, flüsterte sein Verstand.

Als ob das so einfach ginge. Andererseits ... wieso eigentlich nicht? Schließlich trug er kein Schild ‚Presse‘ auf der Stirn. Vielleicht hatte sein Vater eine Idee. Manchmal war sein alter Herr richtig pfiffig.

Gegen halb neun traf er bei seinen Eltern ein. Die Laube war am Vortag geliefert worden und lag in Einzelteilen vor der Garage. Das Fundament hatte sein Vater von einem Fachmann gießen lassen. Es wäre Kurt lieb gewesen, wenn das Aufstellen ebenfalls von einem Unternehmen durchgeführt werden würde. Sein handwerkliches Geschick war nämlich arg begrenzt. Meist verursachten solche Arbeiten bei ihm blaugeschlagene Daumen oder ähnliche Blessuren.

Sein Vater hatte bereits angefangen, die Teile mit einer Schubkarre zum Bauplatz zu transportieren. Typisch! Wäre Kurt wie abgesprochen erst um neun aufgetaucht, hätte sein Alter bestimmt schon sämtliches Material weggeschafft.

„Ey, Papa! Du sollst doch nicht ohne mich anfangen!“, schimpfte er.

„Pöh! Ich darf tun und lassen, was ich will“, erwiderte sein Vater und stapelte weiter Holz auf die Karre.

Eine Viertelstunde später befand sich das ganze Baumaterial an Ort und Stelle. Während sie die Seitenwände errichteten, erzählte Kurt seinem Vater von seinen Recherchen. Zum Schluss fragte er: „Fällt dir etwas ein, wie ich in den Laden reinkomme?“

„Als Arbeiter oder willst du nur einen Blick reinwerfen?“

„Als Arbeiter.“

„Haben die denn Stellen frei?“

„Auf der Internetseite waren nur welche im Vertrieb ausgeschrieben.“

„Tja ...“ Sein Vater kratzte sich im Nacken. „Dann ruf da doch einfach mal an, ob die eine Aushilfe in der Fertigung brauchen.“

Darauf hätte er auch selbst kommen können. „Und wenn die keine brauchen?“

„Dann übst du dich in Geduld, mein Sohn. Irgendwann wird schon was frei.“ Sein Vater griff nach dem nächsten Balken.

„Wozu braucht ihr die Laube überhaupt?“

„Deine Mutter wollte schon immer eine haben. Vielleicht möchte sie hier einziehen, weil sie mich leid ist“, entgegnete sein Vater mit einem Augenzwinkern.

Das Thema vertiefte Kurt lieber nicht. Eine Trennung der beiden würde ihm ziemlich an die Nieren gehen. Zwar glaubte er nicht, dass dergleichen im Busche war, doch manchmal konnte man so etwas ja herbeireden.

Bis zum Mittagessen stand der Rohbau. Im Anschluss an die Steakpfanne mit Gemüse und Reis kümmerten sie sich ums Dach, da dunkle Wolken aufzogen. Es war jedoch nur falscher Alarm. Als die Dachpappe befestigt war, hatten sich die Regenwolken wieder verkrümelt.

„Den Rest schaffe ich allein“, verkündete Kurts Vater. „Fahr ruhig nach Hause und leg die Beine hoch.“

„Bist du dir sicher?“

„Absolut, mein Sohn.“ Sein Vater klopfte ihm auf die Schulter. „Nun hau schon ab.“

„Ruf an, wenn du mich doch noch brauchst“, bat Kurt, ging ins Haus und verabschiedete sich von seiner Mutter, die ihm zwei Stücke selbstgebackenen Kuchen einpackte.

„Was macht die Liebe?“, erkundigte sie sich.

Er zuckte mit den Achseln. „Wort für Zuneigung mit fünf Buchstaben.“

Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. „Du musst mehr mit dem Herzen denken.“

Das sagte sie ihm ständig, doch was genau sie damit meinte, verschwieg sie ihm. „Bis die Tage.“ Er küsste sie auf die Wange.

Daheim angekommen stellte er sich als erstes unter die Dusche. In gemütlichen Klamotten, mit einem Becher Kaffee, setzte er sich auf die Couch vors Notebook. Während er Sunnys‘ Homepage ansteuerte, stopfte er sich ein Stück von Muttis Kuchen in den Mund. Mhm! Ihr Zitronenkuchen war unübertroffen.

Als er gleich auf der ersten Seite den Eintrag ‚Hilfskräfte gesucht‘ entdeckte, verschluckte er sich vor aufwallender Aufregung an dem Bissen. Er hustete sich die Seele aus dem Leib. Mit tränenden Augen las er erneut: Hilfskräfte gesucht. Keine Vorkenntnisse nötig. Bitte melden Sie sich telefonisch unter der Nummer: XXX.

Wow! Das war doch ein klares Zeichen! Gott wollte, dass er diesen Betrieb genauer unter die Lupe nahm. Also, nicht dass er an Gott glaubte, aber das sagte man ja so. Wenn es einen Gott gäbe, wären seine Nachforschungen überflüssig; dann würden alle Menschen einander lieben und sämtliche irdischen Güter miteinander teilen.

Blind tastete er nach seinem Smartphone, das er vorhin auf den Couchtisch gelegt hatte und legte es gleich wieder zurück. ‚Erst nachdenken, dann handeln‘, ermahnte er sich im Geiste. Sollte er sich als Student ausgeben? Nein, das würde sofort auffliegen. Schließlich besaß er keine gültige Immatrikulationsbescheinigung.

Sinnend guckte Kurt aus dem Fenster. Draußen war prächtiges Augustwetter: Sonnenschein bei Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad. Durch die offenstehende Balkontür drang Kinderkreischen herein, untermalt von Wassergeplätscher. Einige Nachbarn hatten ein Planschbecken hinterm Haus aufgestellt. Die Grünanlage durfte von allen Mietern genutzt werden, wurde aber vorwiegend von den Familien mit Kindern mit Beschlag belegt.

„Ich brauche einen gefakten Lebenslauf“, murmelte Kurt, öffnete ein leeres Dokument und begann zu tippen.

Einen weiteren Kaffee und das zweite Stück Kuchen später stand seine neue Identität. Nach dem Abitur hatte er ein Studium angefangen, aber nicht abgeschlossen, wegen Mangel an Motivation. Seitdem jobbte er mal hier, mal da. Zuletzt in einem Imbiss, der wegen Renovierung vorübergehend geschlossen war. So lange die Arbeiten dauerten, war er latent weiter beschäftigt. Deswegen musste er leider Lohnsteuerklasse 6 in Anspruch nehmen. Er plante, bald eine Ausbildung zu machen, voraussichtlich in der Lebensmittelindustrie. Daher war er auf Sunnys gekommen, um in das Metier reinzuschnuppern.

Bevor er den Anruf tätigte, las Kurt seine Vita mehrmals durch. Er hatte sein Smartphone schon in der Hand, als ihm einfiel: Wie sollte er gleichzeitig bei Sunnys und beim Norderstedter Anzeiger arbeiten? Es galt also, erst Lasses Einwilligung einzuholen.

Sein Chef war zwar minder begeistert, gestattete ihm aber, spontan drei Wochen Urlaub zu nehmen und - falls die Recherche länger dauerte - noch zwei Wochen dranzuhängen. Also, man konnte über Lasse so einiges sagen, doch im Grunde war er ein feiner Kerl.

Kurt atmete tief durch und wählte die Nummer, die auf der Sunnys Homepage stand. Bereits nach zweiten Läuten nahm jemand ab. „Sunnys AG. Sie sprechen mit Vanessa Milbentau. Was kann ich für Sie tun?“

„Guten Tag. Mein Name ist Kurt Krüger. Ich suche dringend Arbeit.“

Frau Milbentau lachte. „Davon haben wir hier genug. In welchem Bereich?“

„Auf Ihrer Internetseite steht etwas von keinen Vorkenntnissen. Genau das suche ich.“

„Ab wann wären Sie verfügbar?“

„Ab sofort.“

Einen Moment herrschte Stille, ehe Frau Milbentau fragte: „Können Sie morgen um acht zu einem Gespräch vorbeikommen?“

„Natürlich.“

„Wunderbar. Melden Sie sich im Empfang und fragen nach Herrn Klinke.“

„Vielen Dank. Meinen Sie, dass ich gleich morgen anfangen kann?“

„Das wird Herr Klinke entscheiden“, entgegnete Frau Milbentau. „Ich wünsche noch einen schönen Tag.“

„Gleichfalls“, erwiderte Kurt, doch das hörte sie schon nicht mehr, denn sie hatte bereits aufgelegt.

Vergeblich hielt er nach einem Stift Ausschau. Während er „Klinke, Klinke“, vor sich hin murmelte, begab er sich auf die Suche. Auf dem Sideboard, unter einer Zeitschrift, wurde er fündig. Er benutzte das Magazin, um den Namen seines Ansprechpartners zu notierten. Normalerweise konnte er sich sowas merken, doch momentan war seine Aufregung dafür zu groß. Er hatte es wirklich getan! Seine erste investigative Recherche!

Impressum

Texte: Sissi Kaiserlos
Bildmaterialien: shutterstock, depositphotos
Cover: Lars Rogmann
Lektorat/Korrektorat: Aschure - dankeschön!
Tag der Veröffentlichung: 16.08.2020

Alle Rechte vorbehalten

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