Cover

17 Love Storys

17 Love Storys

Er liebt ihn

Überarbeitete Geschichten aus zehnmal Männerliebe, K.o. vor der ersten Runde und Herzdiebstahl - legal? sowie zwei weitere Storys

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig. Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.



Texte: Sissi Kaipurgay/Kaiserlos

Foto: depositphotos

Kontakt: http://www.bookrix.de/-sissisuchtkaiser/

https://www.sissikaipurgay.de/



Das Licht am Ende des Tunnels

Alles ist grau in grau: Benjamins Leben, seine Seele und manchmal der Dreck unter seinen Fingernägeln. Er will nicht mehr, doch wie immer soll es sauber und ordentlich vonstattengehen. Sein Plan geht aber nicht auf, denn erst klingelt eine Sekte an seiner Tür und das ist erst der Anfang. Nicht mal in Ruhe sterben darf man.

Die Vorbereitungen dauerten ziemlich lange. Ich deckte das ganze Wohnzimmer mit Folie ab, damit keine Blutspritzer den kostbaren Teppich oder die wertvollen Möbel verunreinigen würden. Als ich endlich damit fertig war, fiel mein Blick auf die Topfpflanzen und Gardinen. Noch mehr Folie musste her und mittendrin war mein Kreppklebeband alle. Gut, es reichte wohl auch so. Das Wohnzimmer glich einer abstrakten Folienlandschaft, die Christos Werke allesamt in den Schatten stellte.

Ich ging in die Küche und schaute auf meine Checkliste. Alles abgedeckt? Ich strich den Punkt. Die Abschiedsbriefe, zwei Stück an der Zahl, lagen sauber verschlossen auf dem Tisch. Auch dieser Programmpunkt konnte abgehakt werden. Die Pistole, illegal auf der Reeperbahn erworben, lag parat, Munition ebenfalls. Einen Umschlag mit dem Wohnungsschlüssel würde ich gleich beim Nachbarn abgeben, damit das teure Schloss nicht aufgebrochen werden musste.

Die Wohnung gehörte mir und meinem Exfreund Nathan, der mich vor einem Monat verlassen hatte. Er war auch der Grund für diese Aktion. Mein Liebeskummer fraß mich auf und ich neigte ohnehin zu Depressionen, womit mein Schicksal besiegelt war.

Nein, ich hatte nicht das Gespräch mit Nathan gesucht, dafür war ich zu verletzt. Er meinte nur, ich würde ihn verrücktmachen mit meiner Penibilität, bevor er ging.

Verstehen konnte ich das nicht, obwohl ich zugeben musste, manchmal ein kleines bisschen zu übertreiben. Socken durften, zum Beispiel, nicht zusammen mit Oberhemden in die Waschmaschine, da ich der Meinung war, sie würden den Geruch annehmen. Spinnerei, klar, aber so bin ich nun mal. Nathan und ich hatten zehn Jahre zusammen gewohnt, da konnte das doch nicht mit einem Mal ein Trennungsgrund sein, oder?

Na ja, für ihn anscheinend doch. Oliver, bei dem er untergekommen war, rief mich an und fragte, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Ich zählte nach und bestätigte ihm, dass sie alle noch dort waren. Mit einem wütenden Schnauben hatte er aufgelegt. Versteh mal einer die Menschen.

Wo war ich? Ach ja, der Umschlag. Gas, Wasser und Strom hatte ich vorsorglich abbestellt. Wer weiß, ob Nathan hier je wieder einziehen würde, nachdem mein Leichnam … Mir schauderte bei der Vorstellung.

Ich wandte mich wieder praktischen Dingen zu. Das Telefon inklusive Internet war auch gekündigt und der Kühlschrank so gut wie leer. Ich warf trotzdem einen prüfenden Blick hinein. In einer Ecke stand ein Magermilchjoghurt, den ich kurzerhand verspeiste und danach das Kühlgerät gleich offenließ und ausstellte. Das Tiefkühlfach hatte ich bereits vor einer Woche abgetaut. Bevor ich die Küche verließ prüfte ich, ob alle anderen elektrischen Geräte aus waren.

Im Schlafzimmer betrachtete ich die blauen Müllsäcke, in denen ich all meine Klamotten penibel zusammengefaltet verstaut hatte. So brauchte sie der freundliche Herr vom Secondhandladen morgen nur noch abholen. Die Betten waren frisch bezogen, alle Schränke ausgewischt.

Im Badezimmer steckte ich mein herumliegendes Zeug in eine Plastiktüte und nahm diese mit in die Küche. Das Bad glänzte natürlich auch vor Sauberkeit. Einzig die Schränke, in denen noch Sachen von Nathan lagerten, hatte ich nicht angerührt. Ich brachte es einfach nicht übers Herz, sie zu berühren. Es würde in einem Meer von Tränen enden.

Ich warf die Badutensilien in die verschiedenen Mülleimer, nachdem ich sie sorgfältig nach Wertstoffen getrennt hatte. Zurück in der Folienlandschaft des Wohnzimmers schaute ich mich um. Die Pflanzen – ich sollte sie besser noch mal gießen. Wer weiß, wann man mich finden würde.

Gerade mit der Gießkanne in der Hand auf dem Weg in die Küche, hörte ich es an meiner Tür läuten. ‚Nathan‘, dachte ich und rannte erwartungsvoll hin, doch es standen zwei alte Schachteln im Treppenhaus. Die Breitere der beiden herrschte mich im schönsten Bundeswehrton an: „Glauben Sie an Gott?“

Da mich das schon immer brennend interessiert hatte, bat ich die Damen herein und führte sie durch den Flur. Die Schmalere spähte in die Küche, schrak zusammen und packte die andere am Arm. Die Dicke marschierte weiter, wie eine Dampflok in voller Fahrt, und bremste abrupt vorm Wohnzimmer.

„Junger Mann ...“ Sie drehte sich halb zu mir, die Augen fest auf mein Folienkunstwerk gerichtet. „Renovieren Sie gerade?“

„Oh nein“, beschwichtigte ich die Frau. „Ich wollte mich nur umbringen, sobald Sie wieder weg sind.“

„Das ist eine Sünde gegen Gott“, mischte sich die Dünne ein.

„Sie werden im Höllenfeuer schmoren“, fügte die andere Schachtel hinzu.

„Ich dachte, wir reden ein wenig über Gott“, wagte ich einzuwenden.

„Mit Ihnen? Ich glaube, wir werden hier verhohnepiepelt.“ Die Dünne schnaubte. „Die Pistole in der Küche – ist die echt?“

„Pistole? Küche? Echt?“, stotterte die Dicke, trat einen Schritt zurück, stolperte und fiel gegen die Dünne.

Der Absatz ihrer biederen Schnürschuhe verfing sich in der Folie. Es machte ‚RATSCH‘ und ein großer Riss tat sich auf. Irgendetwas polterte zu Boden, weil ich die Folie wirklich sehr sorgfältig festgeklebt hatte, damit kein Windhauch sie wegpusten konnte. Die Dünne hatte Mühe, ihre Kollegin vor einem Sturz zu bewahren. Da ich generell keine fremden Menschen anfasste, hielt ich mich zurück.

Raus hier!“, stieß die Dünne hervor und bugsierte ihre Kollegin zur Tür.

Sie fiel hinter den beiden ins Schloss.

Ich begutachtete die Zerstörung und schätzte ab, wie lange ich für eine Reparatur brauchen würde, als es erneut klingelte.

„Ich muss mal ganz dringend. Dürfte ich vielleicht bei Ihnen …?“, fragte die Dünne.

Zum Glück beeilte sie sich. Im Nu war sie wieder verschwunden. Na, super! Nun durfte ich das Klo nochmal schrubben. Kaum war ich damit fertig, verspürte ich starken Harndrang. Dabei hatte ich mich extra gründlich mittels eines Einlaufs erleichtert und seit Stunden nichts getrunken. Ich wusste ja, dass ein Sterbender erschlafft und dabei aus allen Körperöffnungen …

Nun, ich ging lieber nicht ins Detail und hier besser nicht aufs Klo. Ob ich beim Nachbarn fragen konnte? Nein, der würde nur neugierig reagieren. Kurzentschlossen begab ich mich auf den Balkon, öffnete meinen Hosenstall und pinkelte geradeaus in die einsetzende Dunkelheit. Meine Wohnung lag im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses und unter mir saß noch nie jemand auf dem Balkon.

„Ja, sagen Sie mal, alles in Ordnung bei Ihnen da oben?“, brüllte der bullige Kerl von unten entrüstet.

Vor Schreck zuckte ich zusammen. Der perfekte Bogen meines Urinstrahls verkam zu einem Tröpfeln, direkt in die Blumenkästen des Typen. Wie peinlich.

„Perverses Schwein!“, schimpfte der Kerl.

Flink verkrümelte ich mich in meine Wohnung. Noch einige Minuten später zitterte ich am ganzen Körper. Der Typ hatte nicht nur meinen Schwanz gesehen, sondern mich auch noch beim Urinieren erwischt. Oh Mann, ich könnte vor Scham im Boden versinken.

Als ich mich einigermaßen erholt hatte, reparierte ich den Riss mit normalem Klebefilm. Recht zufrieden mit meinem Werk holte ich die Pistole aus der Küche. Gerade wollte ich mich auf die Folie setzen, wobei ich unschlüssig war, ob im Liegen oder Sitzen zu sterben besser war, als es schon wieder läutete. Auf dem Weg zur Tür brachte ich die Pistole zurück in die Küche. Ordnung musste sein.

Diesmal war es mein direkter Nachbar. Wunderbar! Dann konnte ich ihm ja gleich den Umschlag in die Hand drücken.

„Mensch, Benni, du musst mir helfen“, stieß Volkmar hervor. „Ich muss für eine Weile verschwinden. Bitte, nimm meinen Wohnungsschlüssel und bewahre die Post für mich auf.“

Ehe ich auch nur ein Wort erwidern konnte, rannte er die Treppe hinunter und ich stand mit seinem Schlüsselbund in der Hand da.

Inzwischen spürte ich stechenden Durst und war gezwungen, einen Schluck Wasser aus dem Hahn in der Küche zu trinken. Ein Glück, dass die Wasserwerke noch nicht reagiert hatten. Und was sollte ich nun mit den Briefen anstellen? Dem Schlüssel? Halt, ich hatte jetzt sogar zwei Schlüssel und Verantwortung für Volkmars Wohnung. Musste ich das Umgebringe etwa aufschieben?

Ich dachte darüber nach, als es schon wieder läutete. Oh, bestimmt der Kerl aus der Wohnung unter mir. Doch als ich öffnete, stand Nathan vor mir.

„Hey Benjamin“, begrüßte er mich leise. „Ich würde gerne ein paar der Sachen holen, die mir gehören.“

Die Freude über seinen Anblick wich Kummer. Ich ließ ihn herein, woraufhin er das Wohnzimmer ansteuerte und im Türrahmen desselben stehenblieb.

„Sag mal, spinnst du jetzt völlig?“, rief er und warf mir einen fassungslosen Blick über die Schulter zu.

„Das ist doch nur, damit ich - wenn ich mich denn endlich mal erschießen darf – hier keinen Dreck mache“, erwiderte ich patzig.

„Erschießen?“, echote Nathan und lief auch schon zur Küche.

Er hob die Pistole mit spitzen Fingern hoch und schaute zwischen mir und der Waffe hin und her. Sein Blick spiegelte Unglauben und Trauer. Vorsichtig legte er die Pistole zurück und starrte sie ein Weilchen an.

„Warum redest du nicht mit mir?“, fragte er schließlich.

„Hätte das einen Sinn?“, echauffierte ich mich. „Du bist einfach ausgezogen. Ohne ein Wort.“

„Das stimmt nicht.“ Nathan schüttelte den Kopf. „Ich habe dir gesagt, dass du mal an dir arbeiten musst. Mein Gott, Benni! Du hast zuletzt die Lebensmittel im Kühlschrank nach Farben sortiert. Ist dir klar, wie irre es ist, wenn ich die Gurke neben der grünen Käsepackung finde und den Senf neben dem Gouda?“

Ups! Das hatte ich irgendwie verdrängt, doch nun erinnerte ich mich daran. Statt Reue kam Wut auf. Ich trat in die Küche und griff nach dem Colt, fuchtelte damit herum und zischte: „Verdammt! Darf ich endlich in Ruhe abkratzen? Nimm deine Sachen und verpiss dich. Der Kühlschrank ist jetzt übrigens leer. Alles weiß, ich brauchte also nichts sortieren. Hau ab! Ich bin fertig mit dir und hier …“ Ich schnappte mir mit der linken Hand die Umschläge. „Post für dich und meine Mutter, außerdem ein Schlüssel für unsere Wohnung, damit du das Schloss nicht aufbrechen lassen brauchst. Wäre doch schade drum. Ach ja, und hier…“ Ich drückte Nathan die Briefe in die Hand, gleich danach Volkmars Schlüssel. „Trag du die Verantwortung für die Nachbarwohnung. Ich würde jetzt ganz gerne mal ein bisschen sterben.“

Mit offenem Mund und vollen Händen starrte mich mein Exfreund an.

Mir fiel noch etwas ein. „Die Blumen habe ich gegossen und Wasser, Gas und Strom abbestellt.“

Offener Mund, Glotzen.

„Das Klo hab ich geschrubbt und sogar dem Typ von unten in die Blumenkästen gepisst, weil ich es dir sauber übergeben wollte. Außerdem ... außerdem hab ich alles ausgestellt, damit kein Unglück passiert“, stammelte ich und richtete dabei den Revolver auf Nathan. „Nun verpiss dich. Ich will endlich sterben dürfen, klar?“

Nathan schluckte vernehmlich, stierte mich an, die Pistole, das Zeug in seinen Händen und setzte sich in Bewegung.

Langsam, ganz langsam ging er an mir vorbei und ich merkte, dass er den Atem anhielt. Ha! War mir nur recht. Ich wollte jetzt den Schlussstrich, damit ich auf einer Wolke sitzen und den Irren hier unten zugucken konnte, wie sie sich gegenseitig wehtaten.

Die Wohnungstür schlug zu. Ich ging zum Wohnzimmer, aber – ganz plötzlich – war es mir piep egal, wo ich starb. Es sollte nur endlich losgehen. Ich stand mitten im Flur, nirgendwo Folie, trotzdem hob ich den Revolver und setzte ihn an meine Schläfe. Der Finger am Abzug zitterte und – wie aus dem Nichts – kamen mit einem Mal Bedenken. Was, wenn die Pflanzen nicht ausreichend Wasser hatten? War das Klo wirklich sauber? Ist die Kaffeemaschine tatsächlich aus oder hatte sie mich nur getäuscht? Langsam sank meine Hand herunter.

Nach einem prüfenden Rundgang war ich überzeugt, an alles gedacht zu haben. Ich kniete mich im Wohnzimmer auf die Folie, hob den Colt, der sehr schwer in meiner Hand lag, setzte an, zielte diesmal auf mein Ohr und zauderte erneut.

Ich liebte Nathan und er hatte so recht. Ich war zu penibel und hatte mich gehenlassen, mich mehr um meine Marotten als um ihn gekümmert. Dabei war er doch viel wichtiger als die Wäsche- und Mülltrennung. Alles – einfach alles – wäre unwichtig, wenn er nur bei mir war.

Tränen kullerten mir über die Wangen und versammelten sich am Kinn, um von dort auf mein T-Shirt zu tropfen. Ich hatte alles falsch gemacht und Nathan vertrieben. Gerade eben wieder, als er mir ein Friedensangebot gemacht hatte. Oh Gott, wie sollte ich nur ohne ihn weiterleben?

Entschlossen packte ich die Pistole fester, krümmte den Finger und kniff die Augen zu, wartete auf den Knall, die Erlösung – als ich plötzlich einen Schlüssel in der Wohnungstür hantieren hörte. Nanu?

Ich spähte in den Flur und entdeckte Nathan, der, als er mich erblickte, die Umschläge fallen ließ. Volkmars Schlüssel schepperte zu Boden. Nathan stürzte auf mich zu, griff nach der Hand, die immer noch den Revolver auf mein Ohr gerichtet hielt.

„Benjamin“, flüsterte er und das so flehend, dass ich die Hand sinken ließ. „Benni, es gibt doch einen anderen Weg. Bitte, geh nicht.“

Ich hatte das Licht am Ende des Tunnels bereits gesehen, wähnte mich auf der Abschussrampe, doch nun hatte sich einiges verändert. Es waren zwei braune Lichter und sie leuchteten sehr intensiv: Nathans Augen. Der Revolver glitt aus meiner Hand.

„Bleib hier. Mensch, Benni, ich brauch dich doch“, bat er leise.

Er schenkte mir einen Kuss, wie ihn wohl einst nur Brunhilde Siegfried gab, nachdem er den Drachen besiegt und das Feuer überwunden hatte. Wild, leidenschaftlich und dabei so liebevoll, dass jeder Gedanke an den Tod in weite Ferne rückte. Ich umarmte Nathan und hielt ihn fest. Die Folie knisterte. Frivole Gedanken kamen plötzlich und waren so drängend, dass meine Hände sofort umsetzten, was ich mir gerade vorstellte.

Nathan ließ sich willig aus seinen Kleidern befreien und presste sich eng an mich, sodass ich es kaum schaffte, meinerseits aus den Klamotten zu kommen. Dann waren wir beide nackt, lagen auf der Folie, mitten im Wohnzimmer und der Gedanke, hier gleich warmen Saft zu verkleckern, bereitete mir unendliche Lust.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich Nathan zu.

„Oh Gott, Benni, ich hab dich so vermisst“, erwiderte mein Schatz.

Die Folie war nach dieser Sache eingesaut und an vielen Stellen gerissen, das Klobecken benutzt, die Duschkabine auch. Die Kaffeemaschine lief und das Bettzeug war zerwühlt. Himmel, was für ein Durcheinander.

Nachdem ich dem Tode gerade noch entronnen war, erschien das alles völlig unwichtig. Meine Gefühle waren so intensiv, als hätte ich Nathan gerade erst kennengelernt.

Nachdem wir lange miteinander geredet hatten, war zwischen uns eine Mauer gefallen und das Glück, das sich tanzend in meinem Bauch ausbreitete, ließ mich laut jubeln und Nathan, der gerade auf dem Klo gewesen war, erschrocken um die Ecke schießen. Doch als er mich sah, splitterfasernackt und glücklich lachend, mit in die Luft gereckten Armen, lächelte er, kam zu mir und küsste mir den Verstand aus dem Schädel.


Zwei Monate später heirateten wir und ich war immer noch unendlich glücklich. Mir war inzwischen nicht nur die Wäsche egal, sondern auch der Kühlschrank.

„Neu-Schlampe“, schimpfte Nathan mich oft, aber so liebevoll, dass ich ihm nie böse sein konnte. Ich liebte ihn und wir waren – sind - zusammen. Allein das zählte. Und natürlich, dass das Wasser, der Strom und auch das Telefon wieder funktionierten.

Nathan und ich, wir harmonierten nicht nur zusammen, wir hatten auch gelernt, Probleme gleich aus dem Wege zu räumen. Und so lebten wir glücklich, bis an unser …


ENDE


Der Bronski Blues

Bronski und seine Gattin fahren zweimal im Jahr in Urlaub. Was will man mehr? Doch als es auf die Malediven geht, hält Bronski dieses stinklangweilige Leben einfach nicht mehr aus.

Bronski guckte auf seinen Gehaltszettel und rechnete in Gedanken nach was ihm noch blieb, nach Abzug von Miete, Versicherungen und dem sonstigen Zeug, das jeder Mensch zu brauchen glaubte. So ein Mist! Mehr als zwei Urlaube waren dieses Jahr nicht drin.

Lydia aus der Buchhaltung fuhr dreimal im Jahr weg und Leon aus dem Controlling sogar viermal. Das war doch total ungerecht! Gedankenverloren zerknüllte Bronski den Zettel, glättete ihn aber sofort wieder, als er an seine Gattin dachte. Diese bestand darauf, dass er das Papier vorzeigte, damit sie die monatlichen Einnahmen und Ausgaben kontrollieren konnte.

Ilse ... Damals, als sie geheiratet hatten, war sie eine attraktive Frau gewesen, die sich im Laufe der Jahre jedoch zu einer fetten Quaddel entwickelte. Okay, er hatte auch das eine oder andere Pfündchen zugelegt, doch für seine fünfunddreißig Jahre sah er noch gut aus. Jedenfalls brauchte er den Blick in den Spiegel nicht zu scheuen, sofern er seinen Bauch ein wenig einzog.

Der Monitor flackerte und schaltete sich aus. Der Energiesparmodus hatte eingesetzt. Das bedeutete, dass Bronski bereits seit einer Viertelstunde regungslos herumsaß und grübelte. Trotzdem bewegte er sich weiterhin nicht. Eigentlich hockte er hier sowieso sinnlos herum, hatte in den letzten zehn Jahren kaum einen Finger gerührt. Warum das nicht auffiel, war ihm ein Rätsel. Allerdings war er nicht der einzige überflüssige Mitarbeiter. Kollege Lehmann von nebenan, Sachbearbeiter wie er, löste den ganzen Tag Kreuzworträtsel oder döste, den Kopf auf die Tastatur gelegt, weshalb er oft zum Feierabend hin verräterische Abdrücke auf der Wange trug.

Bronski seufzte, faltete die Gehaltsabrechnung sorgfältig zusammen und stopfte sie in die Tasche seines Hemdes. In zehn Minuten war Feierabend. Die wollte er nutzen, um eine Runde Solitär zu spielen.

 

„Schatz, ich bin wieder da!“, rief er, nachdem er die Wohnungstür aufgeschlossen hatte.

„Ich bin in der Küche“, antwortete Ilse, wie jeden Tag.

Wie oft hatten sie genau diese Worte schon gesprochen? Er fing an zu rechnen, multiplizierte im Kopf die dreizehn Ehejahre mit dreihundertfünfundsechzig, kam auf kein brauchbares Ergebnis und beschloss, nach dem Abendessen seinen Taschenrechner zu Rate zu ziehen. Was er mit der Zahl anfangen wollte? Keine Ahnung.

„Ich würde gerne mal auf die Malediven“, meinte Ilse verträumt, während sie bei einem Erbseneintopf am Esstisch saßen.

„Was kostet denn das?“

„Och, ist gar nicht sooo teuer“, flötete Ilse und schaufelte sich einen Löffel Eintopf in den Mund. „Dasch koschtet um die Fünftauschend“, nuschelte sie mit vollen Backen.

Ihm verging der Appetit. 5.000? So viel kosteten sonst zwei Urlaube zusammen. Er wusste aber, dass Einspruch zwecklos war. Letztendlich würden sie tun, was Ilse wollte.

Es wurden am Ende knapp sechstausend Euro, doch als Bronski hinter Ilse das Flugzeug verließ wusste er gleich, dass diese Reise jeden Cent wert war. Die Palmen, der azurblaue Himmel und später, als sie im Hotel angekommen waren und er auf dem Balkon stand, das unendliche, smaragdgrüne Meer. Paradiesisch!

Ilse plapperte in einem fort, bemäkelte die mangelnde Sauberkeit, das nicht deutschsprachige Personal, die harte Bettfederung und Hitze. Bronski hasste sie schon lange, aber in diesem Moment wurde ihm das erst richtig vor Augen geführt: Seine Gattin war ein Alptraum, äußerlich wie innerlich.

Schon lange redete er mit ihr nur noch das Nötigste und Sex hatten sie bloß im ersten Jahr ihrer Ehe gehabt. Er vermisste ihn nicht, jedenfalls nicht mit Ilse. Er stellte sich etwas ganz anderes vor, wenn er selbst Hand anlegte.

„Also, die Schiffstoilette ist totaaaal versifft“, meckerte Ilse eine Woche später, als sie an einem Ausflug zu einer der kleineren Inseln teilnahmen. „Mir ist so heiß. Ich finde, wir hätten am Pool bleiben sollen.“

Über ihren fetten Nacken rann Schweiß. Ständig wischte sie sich mit einem Tüchlein über Stirn und Kehle. Das dünne, blonde Haar klebte ihr am Kopf und die Haut an ihren Oberarmen schlackerte jedes Mal, wenn sie den Arm hob. Bronski fühlte eine Welle des Ekels aufsteigen und musste sich abwenden.

Sie hatten die ganzen letzten Tage am Pool verbracht. Ilse in ihren grottenhässlichen Badeanzügen, mit den an der üppigen Taille angenähten Röckchen. Warum war Bronski das nicht schon früher aufgefallen, wenn sie miteinander verreist waren? Seine Wahrnehmung schien geschärft und der Frust, der sich über die Jahre aufgebaut hatte, drückte ihm tonnenschwer auf die Schultern.

Auf der Insel angekommen, sonderte sich Bronski von der Gruppe ab. Ilse schien zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um davon Notiz zu nehmen. Und selbst wenn: Es hätte ihn einen Scheißdreck interessiert. Er musste unbedingt mal ein bisschen allein sein. Es kam ihm vor, als wäre die Last etwas leichter geworden, während er zum Hafen schlenderte und die Fischer beobachtete.

Einer der Männer zog seinen Blick magisch an. Schlank, sehnig und nicht mehr ganz jung, doch mit vollem Haupthaar, stach er ihm ins Auge. Warum? Es war wohl die Zufriedenheit, die auf dem Gesicht des Mannes lag. Der Kerl sortierte seine Netze und tat das mit einer Gelassenheit, die Bronski fremd war. Gebannt stand er da und starrte ungeniert, bis der Mann auf ihn aufmerksam wurde. Automatisch zog Bronski den Bauch ein und war froh, statt der grellbunten Klamotten, die Ilse ihm für den Urlaub besorgt hatte, heute knielange Jeans und ein einfarbiges Hemd zu tragen.

Der Mann beendete seine Arbeit und wandte sich zum Gehen, dabei warf er einen Blick über die Schulter, der Bronski elektrisierend bis in die Körpermitte schoss. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen folgte er dem Mann.

Nach einer Weile hielt der Fischer vor einer Hütte und schaute sich wieder nach ihm um. Als er Bronski entdeckte, lächelte er. Weiterhin wie ferngesteuert betrat Bronski hinter dem Mann die ärmliche Behausung. Ein Raum, der gleichzeitig Küche, Wohn- und Schlafzimmer darstellte. Eine Tür führte wohl zum Abort.

Was tat er hier eigentlich?

„I am Jorge.“ Bei diesen Worten legte sich der Fischer eine Hand auf die Brust, vermutlich, um deren Bedeutung zu unterstreichen.

„Bronski“, antwortete er und wurde sich bewusst, wie hart sein Name vergleichsweise klang.

Jorges Mundwinkel bogen sich noch höher. „Wonderful.“

Bronskis Herz stockte. Mit einem Mal fühlte er sich ganz leicht, gleichzeitig schwer und seine Libido, die seit über zehn Jahren schlummerte, erwachte.

„Du Sex mit mir?“, fragte Jorge, was ihn wie ein kalter Wasserstrahl traf.

Er schüttelte den Kopf. Jegliche Lust schwand.

„Warum? Ich sexy“, brummelte Jorge und ließ als Beweis die Hose fallen, sein einziges Kleidungsstück.

Oh ja, sexy war der Mann schon, aber Bronski stand nicht der Sinn nach rein körperlichem Vergnügen – doch, ja, auch, aber – er wollte mehr. Er wollte Jorges Lebensfreude, seine Gelassenheit, einfach den unglaublich anziehenden Charakter dieses Mannes, und den konnte man nicht durch Sex bekommen.

„Zugegeben, du sexy“, verfiel er in Jorges rudimentäre Sprache. „Ich mag dich. Du sehr …“ Er suchte nach passenden Worten. „Sehr gelassen, zufrieden, glücklich. Do you understand?“

Jorge zog die fadenscheinige Hose wieder hoch, entgegnete: „Du sad“, und ließ sich auf einem der zwei Stühle nieder.

Bronski nickte und probierte vorsichtig den anderen Stuhl aus. Es entstand Schweigen, jedoch kein unangenehmes. Jorge summte leise und guckte in die Gegend. Schließlich sprang er auf und verkündete: „Wir kochen.“

Bronski half, einen großen Fisch auszunehmen, zu zerteilen und auf einem provisorischen Grill zu rösten. Es fühlte sich so echt an, wie noch niemals etwas in seinem Leben. Leider stanken die Fischeingeweide auch sehr echt. Er hatte Mühe, sein Unwohlsein zu verbergen.

Grinsend stupste Jorge ihm mit dem Ellbogen in die Rippen, murmelte: „Du zu weich“, und warf die Eingeweide in einen Eimer.

Bronski begriff erst nach einem Moment, dass Jorge nicht seinen Speckgürtel, sondern sein Gemüt meinte. Daraufhin musste er lachen und der Gestank war vergessen.

Sie saßen im Sand, aßen den Fisch, tranken abgekochtes Leitungswasser und verständigten sich radebrechenderweise. Es wurde dunkel. Millionen Sterne glitzerten am Firmament. Noch nie hatte sich Bronski derart wohl gefühlt, wie mit Jorge an diesem verlassenen Stück Strand. Alle Sorgen schienen weit weg. Na ja, waren sie ja auch.

Unter anderem erzählte Jorge von dem Glaubenszwang, der auf der Insel herrschte, seinem Unmut, weil er Männer lieber als Frauen mochte und dem Druck, der deswegen auf ihm lastete.

Irgendwann fanden sich ihre Hände. Jorges Finger verwoben sich mit seinen.

„Du gut ... du anders ... i love to talk with you”, verriet Jorge.

„Ich mag das auch“, erwiderte Bronski, das erste Mal in seinem Leben ehrlich gegenüber einem Menschen.

Sie begaben sich in die Hütte. Erneut bot sich Jorge an, doch er schüttelte den Kopf.

Trotz seiner Erregung wollte er weiterhin keinen Sex. Es hätte alles kaputt gemacht. „You are ... Verdammtes Englisch! Du bist mehr als ein Stück Fleisch. Ich mag dich und hab keine Ahnung, ob du mich verstehst, aber …“ Er suchte nach den richtigen Worten. „Es war ein schöner Abend. Lass es uns nicht vergeigen, okay?“

Jorge guckte verwirrt. „Ver-gei-gen?“

„Ich mag dich. Ich mag dich sehr. Ich möchte, dass dieser Abend schön endet.“

Jorge schob sich die Hose von den schmalen Hüften, erwiderte: „I understand. Du - ich - schön.“, umschloss seinen Nacken mit einer Hand und zog ihn zu einem Kuss heran.

 

Am nächsten Morgen wachte Bronski früh auf. Er starrte einen Moment orientierungslos an die Decke, dann war die Erinnerung wieder da. Als er sich Jorge zuwandte, sandte ein Kribbeln in seinem Magen ein eindeutiges Signal: Verliebt. Bronski war aber keine sechzehn mehr und entsprechend abgeklärt. Anstatt in dem Gefühl und den unmöglichsten Ideen, seine Emotionen auszuleben zu baden, verabschiedete er sich innerlich davon und zog sich leise an. Er fischte sämtlich Geldscheine aus seiner Börse, legte sie neben Jorge aufs Kopfkissen und verließ die Hütte.

Am Hafen wurde er von einem Polizisten aufgegriffen und zu einem Schiff geleitet, das ihn zurück zu seiner Frau brachte. Es erschien Bronski, als wäre er auf dem Gang zum Schafott. Jeder Meter, den er sich weiter von Jorge entfernte, schmerzte.

Ilse war vor Freude ganz aus dem Häuschen, als sie ihn wieder in ihre Arme schließen konnte. An ihren üppigen Busen gedrückt dachte Bronski wehmütig an Jorge. Er behauptete, dass er sich verirrt hätte und irgendwann am Strand eingeschlafen wäre. Sie gab sich damit zufrieden.

 

Eine Woche später landeten sie wieder in Deutschland. Bronski ging wie gewohnt zur Arbeit, doch trotz des Alltags, der damit einkehrte, fühlte er sich, als wäre er ein anderer Mensch. Seine Gedanken drehten sich ständig um Jorge. In seinem Büro konnte er dieser Passion ungehindert nachgehen, weshalb er seinen Job plötzlich sehr mochte. Zu Hause störte ihn seine Gattin nämlich dabei.

Er sammelte Informationen über die Malediven, guckte im Internet Fotos der Inseln an und schwelgte in Erinnerungen. Sehnsucht nagte an ihm.

Mit der Zeit wurden die Bilder blasser. Bronski schaffte es einigermaßen, in seinen alten, lethargischen Zustand zurückzukehren. Vermutlich wäre er bis zur Rente und sogar bis zu seinem Tod so weiter dahinvegetiert, wenn er nicht eines Tages Ilse leblos auf dem Küchenfußboden vorgefunden hätte.

Der Notarzt konnte nur noch ihren Tod feststellen. Plötzlicher Herzstillstand beim Reinigen des Fußbodens. Der Mann sprach Bronski sein Beileid aus und ein Bestatter kam, um den Leichnam fortzuschaffen.

Ein bisschen leid tat Bronski Ilses plötzliches Ableben schon. Schließlich waren sie lange verheiratet gewesen und hatten sich sogar mal ganz gern gemocht. Es überwog jedoch das Gefühl, eine riesige Last losgeworden zu sein. Noch am selben Abend schmiedete er Pläne. Seine Freiheit beflügelte ihn, so dass er jegliche Konventionen über den Haufen warf.

Vier Wochen später saß er im Flugzeug, schwankend zwischen Euphorie und Furcht. Würde er Jorge wiederfinden? Und wenn ja, wie sah die Reaktion aus? Jorge hatte ihm erzählt, dass er gerne woanders leben würde, in einem Land, in dem seine Neigung respektiert oder zumindest toleriert wurde. War das nur ein Lippenbekenntnis oder entsprach es Jorges tatsächlichem Wunsch?

Als der Flugkapitän die Landung ankündigte, überstieg Bronskis Freude auf ein Wiedersehen seine Ängste. Vier Monate war die Nacht mit Jorge her, doch es erschien ihm plötzlich, als sei es erst gestern gewesen. Er sah noch ganz genau das sympathische Gesicht des Mannes vor sich und erinnerte sich voller Wonne daran, erstmals seinen geheimen Vorlieben nachgegeben zu haben.

Diesmal hatte er ein Hotel auf der Insel gebucht, auf der Jorge hoffentlich noch wohnte. Er stellte sein Gepäck im Zimmer ab und begab sich zum Hafen. Mittag war gerade vorbei und nur wenige Schiffe lagen am Kai. Er setzte sich in ein Café, von dem aus er die Mole überblicken konnte.

Nach vielen Stunden, die Sonne neigte sich schon dem Horizont zu, legten nacheinander etliche Boote an, darunter auch das von Jorge. Bronski erkannte es an dem vielfach geflickten Segel. Mit einem Schlag nervös sprang er auf, wusste nicht, ob er hinlaufen oder lieber warten sollte, bis Jorge ihn entdeckte.

Selbiger vertäute das Schiff, schleppte seinen Fang an Land und scherzte mit den anderen, während er die Netze leerte und zum Trocknen ausbreitete. Bronskis Herzschlag raste und sein Blick klebte an Jorge. Plötzlich war dieser ihm fremd, sah so ganz anders aus als in seiner Erinnerung.

Schließlich schulterte Jorge den Sack Fische, rief den Kollegen einen Gruß zu und wandte sich zum Gehen. Bronski folgte ihm mit weichen Knien. Mit jedem Schritt kam er sich lächerlicher vor, wie ein alternder, hässlicher Typ, der einem Traum hinterherrannte. Allerdings war er nicht die zigtausende Kilometer gereist, um sich von solchen Befindlichkeiten zum Umdrehen bewegen zu lassen.

Kurz bevor Jorge seine Hütte erreichte, nahm er allen Mut zusammen und rief: „Jorge!“

Der Sack mit den Fischen fiel auf den Boden, als Jorge herumwirbelte und ihn fassungslos anstarrte. Dann erhellte ein strahlendes Lächeln Jorges Miene. „Bronski!“

Jorge flog ihm um den Hals. Nach einem langen Begrüßungskuss erzählte Jorge: „Habe gebetet jede Tag, du kommen zurück.“

Nicht mal das Geld hatte er nicht ausgegeben, nur einen winzigen Teil verwendet, um sich eine neue Hose zu kaufen. Er dachte, es würde Unglück bringen, Bronskis Geschenk unsinnig zu verplempern.

Sie verbrachten die Nacht unter Sternen am Strand. Neben unzähligen Worten verständigten sie sich mittels Körpersprache. Am nächsten Morgen stand fest, dass Jorge Bronski folgen würde, wo auch immer er hinging.

 

Geld öffnet so manche Tür, so dass Bronski für seinen Lover in Deutschland ein Aufenthaltsrecht erwirken konnte. Der Fischer gewöhnte sich schnell ein, lernte eifrig die deutsche Sprache und alles erschien in einem rosigen Licht. Nach einem Jahr wurde Jorge aber immer trauriger und stiller. Es schien, als wäre sein immerwährendes Lächeln, das Bronski so für ihn eingenommen hatte, erloschen.

Eines Tages stellte er Jorge zur Rede und jener gab zu, das Meer zu vermissen; das Fischen und Menschen, mit denen er reden konnte. Voller Angst, seinen Geliebten zu verlieren, wurde Bronski laut: „Du hast hier doch alles! Ich bringe das Geld mit nach Hause und wir leben in Saus und Braus. Wenn es dich glücklich macht, können wir deine Heimat besuchen. Was willst du denn noch?“

Traurig schüttelte Jorge den Kopf. „Du verstehen nicht. Es ist nicht Geld, das zufrieden macht. Es ist Arbeit.“

Nein, das konnte Bronski beim besten Willen nicht verstehen, denn seine Arbeit höhlte ihn eher aus.

Sie redeten die ganze Nacht. Als der Morgen graute hatte er eine Vorstellung von dem, was Jorge brauchte. Erneut begann Bronski zu planen. Ilse hatte, wie sich nach ihrem Tode herausstellte, einen großen Batzen Geld ohne sein Wissen beiseite geschafft. Ihm stand somit ein kleines Vermögen zur Verfügung, mit dem er Jorges Traum erfüllen wollte. Während er alles in die Wege leitete, wurde der Wunsch mehr und mehr auch zu seinem.

 

Einige Monate später

Gnadenlos brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Ächzend richtete sich Bronski auf und schaute hinüber zu dem kleinen, weißgetünchten Haus, vor dem Jorge auf einem Stuhl saß und fröhlich summend Netze flickte.

Hier, auf Lesbos, hatten sie ihr Paradies gefunden. Das Häuschen mitsamt Olivenhain war günstig gewesen. Von den Ersparnissen lagen daher noch einige auf der Bank, so dass sie für schlechte Zeiten gerüstet waren.

Er hob den Korb mit den eingesammelten Oliven hoch und ging zu seinem Liebsten, der sein Kommen bemerkte und ihm entgegenstrahlte.

Im Hafen lag Jorges kleines Boot, mit dem er regelmäßig hinausfuhr, um zu fischen. Auf diese Weise versorgten sie sich selbst zum größten Teil mit Nahrung und verkauften den Fisch, den sie selbst nicht benötigten. Mit den Oliven und Schnitzereien, die Jorge mit seinen geschickten Händen anfertigte, schafften sie weiteres Einkommen, von dem sie gut leben konnten.

Bronski setzte sich zu Jorge und empfand tiefe Zufriedenheit. Die Zukunft war zwar nicht so sicher, wie sie in Deutschland mit seinem alten Job gewesen wäre, doch das hier war es wert, mit diesem Risiko zu leben. Er war glücklich, Jorge war es auch und das war alles, was zählte.

 

ENDE

 

Impressum

Texte: Sissi Kaiserlos
Bildmaterialien: depositphotos
Tag der Veröffentlichung: 11.01.2020

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /