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Gutenachtgeschichten 3: Sternzeichen-Shopping

 

 

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig. Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. E-Books sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

Text: Sissi Kaiserlos

Foto von shutterstock – Design Lars Rogmann

Korrektur: Aschure. Danke!

Kontakt: http://www.bookrix.de/-sissisuchtkaiser/


Neu ab April: Fisch sucht Fahrrad bei RÜWE

Jeden Samstag findet ab 21.00 Uhr Sternzeichen-Shopping im RÜWE-Markt in St. Georg statt. Einfach einen roten Anhänger mit Ihrem Tierkreiszeichen am Einkaufswagen oder -korb befestigen und schon geht’s los. Ob er sie oder ihn sucht, sie ihn oder sie, jeder findet hier den passenden Deckel, genau wie in der Vielfalt unseres Sortiments. Alle, die mitmachen, erwartet ein Glas Sekt gratis an der Käsetheke.

Die Marktleitung wünscht viel Spaß und Erfolg.


Sternzeichen-Shopping 1- Löwe vs. Zwilling

Eric lässt sich von seinem Kumpel Alex überreden, im RÜWE-Markt ein bisschen herumzugucken, was sich so beim Partner-Shopping tut. Sein Kumpel gabelt ein Sahneschnittchen auf, er geht leer aus. Am Ende entwickeln sich die Dinge aber anders als gedacht.

~ * ~


1.

Schnellen Schrittes, den Kragen schützend gegen den scharfen Wind hochgeschlagen, eilte Eric durch die Lange Reihe. Um eins war er mit Alexander - kurz Alex genannt - im Hauptbahnhof bei McDoof verabredet.

Sie kannten sich seit der Berufsschule. Damals hatten sie beide eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten absolviert. Inzwischen war Eric in der freien Wirtschaft, bei einem Wohnungsbauunternehmen, beschäftigt. Alex hatte zwar auch gewechselt, jedoch nur zu einem anderen Steuerberater. Der Hauptbahnhof befand sich fast in der Mitte zwischen ihren Arbeitsplätzen und war daher ihr bevorzugter Treffpunkt in der Mittagspause.

Normalerweise aßen sie beim Italiener oder in der Salatbar, doch diesmal wollte Alex unbedingt ungesundes Zeug spachteln. Ungefähr einmal pro Monat hatte sein Kumpel solche Anwandlung. Eric hasste den Kram, war aber kein Typ, der gern widersprach. Immer schön den einfachsten Weg nehmen, lästerte Alex oft. Der hatte leicht reden. Alex war mit Selbstbewusstsein für drei Personen ausgestattet, Eric nur mit welchem für einen halben Menschen. Als halbe Portion vielleicht sein Schicksal, dennoch fand er es unfair.

Wie immer lungerte eine Menschentraube vor dem nördlichen Eingang herum. Eine Mischung aus orientierungslosen Touristen, Junkies und Halbstarken. Etwas abseits lag ein Mann und schlief seinen Rausch aus. Im April keine gute Idee. Ach, eigentlich nie. Der Boden war hart und viel zu kalt, um es gemütlich zu haben. Vielleicht pennte der Typ auch gar nicht, sondern war verletzt oder tot. Es wäre Erics Pflicht, danach zu schauen, aber er war bei solcher Gelegenheit schon mal angegriffen worden. Der angeblich Verletzte hatte sich als aggressiver Volltrunkener entpuppt, der ihn für einen Dieb hielt. Da ließ er doch lieber die Finger von solchen Gestalten. Früher oder später würden sich die allgegenwärtigen Bullen darum kümmern.

Auch im Bahnhof herrschte dichtes Gedränge. Leute mit Trolleys im Schlepptau liefen Slalom um herumstehende Gruppen von Schülern, Männern mit Migrationshintergrund und anderem Publikum. Im ersten Stock hingegen war es angenehm ruhig. Eric betrat das Schnellrestaurant und guckte sich nach Alex um. Natürlich war sein Kumpel noch nicht da. Generell hatte Alex das akademische Viertel für sich gepachtet. Warum Eric trotzdem immer pünktlich auftauchte? Tja, die Hoffnung starb nun mal zuletzt.

Er setzte sich an einen einigermaßen sauberen Tisch, von dem er den Eingang im Blick hatte. An dem neben seinem hockten vier Teenager vor vollgemüllten Tabletts und kicherten herum, selbstverständlich alle mit Smartphone ausgestattet. Ein ideales Mittel, um wortlos zu kommunizieren, denn sie zeigten sich gegenseitig irgendwelche Bildchen, anstatt miteinander zu reden. Na ja. Vielleicht handelte es sich um Taubstumme.

Erstaunlich früh - schon nach fünf Minuten - trudelte Alex ein. Mit Argusaugen erspähte sein Kumpel ihn sofort und schlenderte herbei.

„Hi. Was soll ich dir mitbringen?“, erkundigte sich Alex.

„Einen Cheeseburger und einen Sechser Chicken-Nuggets mit süßsaurer Sauce.“

Alex salutierte und marschierte zum Tresen. Mit den gestählten eins neunzig, im maßgeschneiderten Anzug verpackt, stahlblauen Augen und blonden Haaren war er ein echter Hingucker. Neben ihm kam sich Eric unscheinbar vor, mit seinen knappen eins siebzig in salopper Kleidung, den braunen Haaren und Augen. Wie immer erregte sein Kumpel Aufmerksamkeit. Die Mädels am Nachbartisch sahen Alex hinterher und tuschelten miteinander. Also doch keine Taubstummen.

Im Nu war Alex mit einem vollbeladenen Tablett zurück und ließ sich ihm gegenüber nieder. „Ich lade dich ein.“

„Wenn ich das gewusst hätte …“, grummelte Eric im Spaß. „… hätte ich mir einen Doppelcheeseburger und den Zwölfer Chicken-Nuggets gegönnt.“

Alex feixte. „Tja, dumm gelaufen. Allerdings würdest du dann nicht mehr in dein XXS-Höschen passen.“

„Aus dir spricht blanker Neid.“

Alex lüpfte lediglich spöttisch eine Braue, schüttete die Fritten aufs Tablett und begann, ein Tütchen Ketchup sowie Majo darüber zu entleeren. Das war noch so ein Aspekt, der Eric an dem Laden anwiderte: Der Mangel an Stil. Anstatt die Lebensmittel auf Geschirr auszugeben, bekam man die Kartoffel-Pampe-Stäbchen in einer Tüte. Natürlich war das personell günstiger, aber die Umwelt litt darunter. Ganz zu schweigen von der Sauerei, die Alex auf dem, mit einem Werbeblatt bedeckten, Tablett anrichtete.

Er wickelte seinen Cheeseburger aus und biss hinein. Obwohl das Zeug politisch unkorrekt war musste er zugeben, dem Geschmack ein bisschen verfallen zu sein. Garantiert hatten Lebensmittelchemiker lange daran getüftelt, welche Inhaltsstoffe süchtig machten. Ach, lieber nicht drüber nachdenken.

Sein Gegenüber stopfte sich abwechselnd Pommes in den Mund und biss von einem Burger ab, zugleich redete Alex ununterbrochen. Eric vermutete oft, dass sein Kumpel an Östrogenüberschuss litt. Wie sonst war diese Multitasking-Fähigkeit möglich? Das konnten doch nur Frauen. Jedenfalls erzählte Alex ohne Punkt und Komma von der Arbeit, dem Stress mit Mandanten und dem Chef.

„Ach ja!“, rief Alex plötzlich, wischte sich die Finger an einer Serviette ab und fischte eine zusammengefaltete Zeitungsseite aus der Jackentasche. „Guck mal!“

Während sich sein Kumpel wieder übers Essen hermachte, faltete Eric die Seite auseinander und überflog die Artikel. „Rentnerin überfallen“, las er. „Meinst du das?“

„Quatsch!“ Alex deutete auf eine Anzeige. „Das da. Sternzeichen-Shopping.“

„Neu ab April: Fisch sucht Fahrrad bei RÜWE. Jeden Samstag findet ab 21.00 Uhr Sternzeichen-Shopping im RÜWE-Markt in St. Georg statt. Einfach einen roten Anhänger mit Ihrem Tierkreiszeichen am Einkaufswagen oder -korb befestigen und schon geht’s los. Ob er sie oder ihn sucht, sie ihn oder sie, jeder findet hier den passenden Deckel, genau wie in der Vielfalt unseres Sortiments. Alle, die mitmachen, erwartet gratis ein Glas Sekt an der Käsetheke. Die Marktleitung wünscht viel Spaß und Erfolg.“ Kopfschüttelnd legte Eric das Blatt beiseite, um sich einen Chicken-Nugget zu nehmen. „Was für ein Unsinn.“

„Wiescho?“, wollte Alex mit vollem Mund wissen.

„Beim Einkaufen denkt doch niemand an Partnersuche.“

„Jetscht schon.“

„Und was soll das mit den Sternzeichen? Die sind doch eh Humbug.“ Sie waren das beste Beispiel dafür. Er, Sternzeichen Löwe, das Mauerblümchen und Alex, Sternzeichen Fische, der Platzhirsch.

Alex schluckte den Bissen runter und tippte mit der Fingerspitze auf die Anzeige, so dass dort ein Fettfleck entstand. „Das ist doch voll lustig. Lass uns einfach mal hingehen.“

„Nur über meine Leiche.“

„Ach, komm, Ericlein“, flötete Alex. „Wir gucken uns das mal an, natürlich inkognito.“

„Wie meinst du das?“

„Lass uns Samstag bei Luigi eine Pizza spachteln und den anschließenden Kaffee trinken wir, anstatt bei dem Halsabschneider, in dem Café vorn im RÜWE-Markt.“

Stirnrunzelnd las Eric erneut die Annonce. Ach, warum eigentlich nicht? Besser, als daheim auf der Couch zu hocken, war das allemal. „Na gut. Aber ich steh da nicht stundenlang herum.“

„Der Markt schließt um elf. Danach können wir noch ins Revival gucken.“

„Mal sehen“, murmelte Eric. Irgendwie würde er das vermeiden. Er hasste Clubs.

Wenig später verließen sie gemeinsam das Lokal. Am Fuß der Treppe trennten sich ihre Wege, nachdem sie sich für sieben am folgenden Samstag verabredet hatten.

Während Eric zurück zu seiner Arbeitsstelle ging, dachte er über die Shopping-Partnersuche nach. In Zeiten von Internet & Co. war so etwas doch total überholt. Außerdem: Zwischen Käsetheke und Tiefkühlkost fand man doch bestimmt nur Ausschussware, nämlich Typen wie ihn. Langweiler, die keinerlei Flirtfähigkeiten besaßen, keine aufregenden Hobbys oder große Freundeskreise pflegten. Neben Alex traf er nur gelegentlich ein paar alte Schulfreunde, was aber auch immer mehr im Sand verlief. Heiner war inzwischen verheiratet und wurde demnächst Vater und bei Ludger läuteten bald die Hochzeitsglocken. Mit Mitte dreißig trennte sich eben die Spreu vom Weizen. Zehn Jahre weiter sah es schon wieder anders aus, wenn die ersten Geschiedenen auf den Markt zurückkehrten. Vielleicht bekam er ja dann ein Gebrauchtmodell ab. Auf ein neues Exemplar machte er sich gar keine Hoffnungen mehr.

Seine Beziehungen konnte er an einer Hand abzählen. Da war Malte, zwei Monate, Karl, ein halbes Jahr und zu guter Letzt Jordan, fast zwei Jahre. Alle drei hatten ihn wegen eines anderen verlassen. Ob das stimmte, oder nur als Vorwand diente, entzog sich seiner Kenntnis. Fakt blieb, dass sie weg waren und er arg mit Minderwertigkeitskomplexen kämpfte. Ein Wort, das Alex wohl nur aus dem Duden kannte.

An seinem Schreibtisch grübelte er weiter. Die Menge an Arbeit war überschaubar, daher musste er sie gut einteilen, um stets beschäftigt auszusehen. Dorothea, eine Kollegin, die auf einen Plausch hereinkam, lenkte ihn ab. Danach erledigte er noch die wichtigsten Dinge, bevor er Feierabend machte.

Auf dem Heimweg schaute er in besagtem Supermarkt vorbei. Im Eingangsbereich hingen Plakate, die auf das Sternzeichen-Shopping hinwiesen. Während er durch die Regalreihen ging, guckte er sich aufmerksamer als sonst um. Da, der bärtige Typ mit dem Einkaufskorb, der vor der Wursttheke stand. Würde der auch am Samstag hier rumlungern? Oder die Frau, die das Angebot an Konservendosen inspizierte?

Als er wieder vors Gebäude trat, empfing ihn Bindfadenregen. Der April machte seinem Ruf alle Ehre. Mal strahlte die Sonne vom Himmel, mal ging ein Hagelschauer nieder. Im Galopp machte er sich zum Bahnhof auf. Wegen der mangelnden Parkmöglichkeiten und horrenden Parkhauspreise, nutzte er die öffentlichen Verkehrsmittel. Etwas, das er an diesem Tag besonders bereute, zumal die Bahn vor Leuten überquoll.

Daheim angekommen, warf er eine Pizza in den Backofen und zog eine trockene Hose an. Seine Jeans war bis zu den Knien durchnässt. Die ebenfalls betroffene Jacke hängte er in die Duschkabine.

Beim Essen guckte er in die Glotze. Anschließend setzte er sich vors Notebook, checkte seine E-Mails, alles nur Spam, und spielte danach online Schach mit einem virtuellen Gegner, bis es Zeit war schlafen zu gehen.

Am folgenden Tag, Freitag, erwog er mehrfach, Alex eine Absage zu erteilen. Wie dämlich sah das denn aus, wenn sie vorne im Supermarkt herumlungerten, als wären sie Spanner? So, wie er seinen spleenigen Freund kannte, trug der entweder eine Sonnenbrille oder eine Zeitung mit Gucklöchern vor der Nase. Na ja, vielleicht überreagierte er bloß. Was war schon dabei, in Ruhe bei RÜWE einen Kaffee zu trinken? Das taten bestimmt viele, die später im Umkreis des Marktes auf die Piste gehen wollten. Was Alex betraf: Wenn der sich daneben benahm, konnte er immer noch verschwinden.

Samstags erschien er also pünktlich bei Luigi. Wie gewohnt tauchte sein Freund eine Viertelstunde später auf und bestritt den größten Teil ihrer Unterhaltung. Alex‘ Chef plante ein zweites Büro zu eröffnen und suchte dafür einen Leiter. Sein Freund rechnete sich, trotz fehlender Qualifikationen, große Chancen aus. Ehrlich gesagt grauste Eric bei der Vorstellung, da Alex auch keine Führungsqualitäten besaß. Also, zumindest nach seiner Meinung. Na ja, wer fragte ihn schon danach?

Im Anschluss ans Essen begaben sie sich über die Straße, in den RÜWE-Markt und bezogen an einem der Stehtische vor dem Café Stellung. Entgegen seiner Befürchtungen, verzichtete Alex auf jegliche Maskerade. Sein Freund war sogar ein bisschen underdressed, in simplen Jeans mit zerknittertem blauem Hemd und alter Lederjacke. Oder war das die Tarnung? Normalerweise brezelte sich Alex zum Weggehen richtig auf.

Da Eric weder an einem Samstag, noch um diese Zeit im Markt gewesen war, konnte er nicht feststellen, ob mehr Betrieb als sonst herrschte. Ein älteres Paar kam herein, kurz darauf eine Alte mit Rollator. Also, wenn letztere noch auf eine Romanze hoffte, sollte sie sich beeilen. Sie sah nicht mehr taufrisch aus. Zwei Mädels, geschätzte fünfzehn und aufgestylt, gingen vorbei. Alle Neuankömmlinge ließen die Einkaufswagen links liegen. Die Körbe befanden sich außerhalb Erics Blickfeld, so dass er nicht wusste, ob sich einer der Leute einen schnappte.

Verstohlen schaute er sich um. An zwei weiteren Tischen standen weitere Zaungäste. Ein Paar, ins Gespräch vertieft und ein Mann mittleren Alters mit Vollbart und Brille. Als sich ihre Blicke kreuzten, senkte der Typ die Wimpern. Anscheinend eine einsame Seele, nahm Eric an und bezwang sein Mitleid, damit er dem Mann nicht zulächelte. Schließlich suchte er keinen Gruftie.

Alex hielt ausnahmsweise mal den Mund. Das gab ihm Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen. Wie war es bloß passiert, dass er mit Mitte dreißig hier herumstand und Leute angaffte, anstatt mit einem Partner einen gemütlichen Abend zu verbringen? Dabei hatte anfangs alles ganz nach einem normalen Leben ausgesehen. Okay, mit dem Unterschied, dass er auf Männer stand, doch ansonsten …

Er stammte aus einer liebevollen Ehe, bekam in der Schule stets durchschnittliche Noten und hatte einen passablen Abschluss gemacht. Nach einem freiwilligen sozialen Jahr war er als Auszubildender bei einem Steuerberater, ein Bekannter seiner Eltern, eingestellt worden. Er erwies sich sogar als recht talentiert in dem Beruf. Zugleich machte er seine ersten sexuellen Erfahrungen, die er als durchaus normal bezeichnen würde. Nichts Weltbewegendes, aber auch nichts Schreckliches. Mit fünfundzwanzig der erste richtige Freund, Malte, und der erste Liebeskummer. Danach hatte er von Gefühlen die Schnauze voll. Das mit Karl war also eher eine Vernunftssache, die aber auch nach hinten losging und das mit Jordan … Ach, Scheiße, wegen dem hatte er richtig gelitten, mehr als wegen Malte. Inzwischen war das fünf Jahre her.

„Die Jagdsaison ist eröffnet“, flüsterte Alex ihm plötzlich zu und machte Anstalten loszugehen.

Warte! Ich will mit!“, stoppte er seinen Freund. Gedanklich total abwesend, hatte er nicht auf Neuankömmlinge geachtet und erkundigte sich neugierig: „Wie sieht er denn aus?“

„Wir können nicht zu zweit da reingehen. Man würde uns für ein Paar halten.“

„Dann folge ich dir unauffällig.“

„Ts. Willst du dich etwa unsichtbar machen?“, meinte Alex kopfschüttelnd, wies mit dem Kinn auf ihre leeren Becher und fügte hinzu: „Bringst du die weg?“

Folgsam trug er ihre Kaffeebecher zur Geschirr-Rückgabe, was Alex nutzte, um sich aus dem Staub zu machen. Eric fluchte leise, hastete zu den Einkaufskörben, schnappte sich einen und begann, systematisch die Regalreihen zu durchkämmen. Am Ende der Brotabteilung wurde er fündig: Alex stand vor der Käsetheke und nahm gerade ein Glas Sekt in Empfang. Rot prangte am Korb das Sternzeichen Jungfrau. Was für ein Etikettenschwindel!

Eric schaute sich nach dem Opfer um. Handelte es sich um den großen, schlanken Braunhaarigen an der Wursttheke? An dessen Korb hingen gleich mehrere Sternzeichen: Zwillinge, Krebs und Wassermann. Sehr schlau. Da konnte sich jeder das Passende raussuchen.



2.

Silas hatte beschlossen, nicht länger Trübsal zu blasen. Die endgültige Trennung von Domingo war nun ein halbes Jahr her, dessen Umzug nach Madrid bereits anderthalb. Er hatte also lange genug um etwas getrauert, das im Prinzip schon vor Domingos Weggang gestorben war: Ihre Beziehung. Die Luft war einfach raus gewesen. Lange hatte er das nicht wahrhaben wollen und sich an das vertraute Verhältnis geklammert, bis ihn Domingo vor vollendete Tatsachen stellte.

„Ich habe einen Neuen“, lautete dessen lapidare Ansage bei ihrem letzten Skypen. „Tut mir leid.“

Domingo, studierter Hotelfachwirt, besaß spanische Wurzeln. Das äußerte sich sowohl im Temperament, als auch in der ganzen Lebenseinstellung. Damit war Domingo das genaue Gegenteil von ihm, dem grüblerischen, ernsten Typen. Anfangs mochte das gewissen Reiz ausgemacht haben, doch mit der Zeit schliff sich das ab. Jedenfalls nahm er an, dass Domingo es so empfunden hatte. Für ihn galt das nicht. Er liebte Domingo weiterhin wie am ersten Tag.

Mittlerweile waren seine Gefühle allerdings abgekühlt, durch die Distanz und eiskalte Abfuhr. Ihm war klar, dass man solche Nachricht unmöglich schonend rüberbringen konnte, trotzdem … zumindest hätte Domingo ihm das persönlich sagen sollen, statt via Telefon. Da zählte auch die Bildübertragung nicht. Aber wie gesagt: Das war inzwischen Schnee von gestern. Silas sah nach vorne, nicht mehr zurück.

Neulich hatte ihm sogar seine Mutter befohlen, endlich seinen Arsch aus dem Haus zu bewegen. „Mr. Right wird nicht bei dir läuten, mein Junge. Du musst ihn schon suchen gehen.“

Seine Eltern lebten seit einigen Jahren in Frankfurt, wo man seinem Vater eine lukrative Stelle in einer Bank angeboten hatte. Sobald beide in Rente waren, planten sie zurück nach Hamburg zu ziehen. Bis dahin sah man sich an Feiertagen oder telefonierte.

Am Samstagabend machte sich Silas also ausgehfein und brach in Richtung Revival auf, als ihm einfiel, dass er noch ein paar Dinge fürs Frühstück brauchte. Praktischerweise bildeten Club, Supermarkt und seine Wohnung eine Art Bermudadreieck. Er ging in den RÜWE-Markt, gegenüber dem eigentlichen Ziel, und hängte aus Jux ein paar von dem ausliegenden Sternzeichen-Schildern an seinen Korb. Von der Aktion hatte er zwar gelesen, aber bloß darüber den Kopf geschüttelt. Er glaubte nicht an Astrologie und daran, beim Einkaufen seinen Traumpartner zu finden, noch weniger. Im Revival würde er damit bestimmt ebenfalls kein sonderliches Glück haben, doch für ein Ende seiner sexuellen Durststrecke dürfte jemand aus dem Publikum reichen. Früher war er oft mit Domingo in dem Club gewesen, daher wusste er, welche Art Leute dort verkehrten.

Gerade hatte er seinen Bedarf an der Wursttheke gedeckt, als ihn jemand von der Seite her ansprach: „Hi Zwilling-Krebs-Wassermann. Darf ich dich zu einem Sekt einladen?“

Der blonde, gutaussehende Typ schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln und hielt ihm einen Sektkelch entgegen.

„Eigentlich mag ich solches Zeug nicht, aber da du so lieb fragst …“ Er nahm das Glas, prostete dem Mann zu und trank einen winzigen Schluck. Grauenvoll. Von Sekt bekam er stets Sodbrennen. Er beäugte das Schild, das am Einkaufskorb des Blonden baumelte.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Sissi Kaiserlos
Bildmaterialien: shutterstock - depositphotos
Cover: Lars Rogmann
Lektorat/Korrektorat: Aschure - dankeschön
Tag der Veröffentlichung: 16.03.2019
ISBN: 978-3-7487-0022-7

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