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1.

 

„Nimm noch ein Stück Kuchen“, drängte Gisela Reuter.

„Ich hab doch schon zwei gegessen“, wehrte Tristan die Bitte seiner Mutter ab.

„Du bist aber viel zu dünn, mein Schatz.“

Das waren bei ihr alle Männer, die keinen Bauchansatz besaßen. „Ich bin kernig, nicht dünn.“

Ächzend sank sie zurück in ihren Sessel, aus dem sie sich halb erhoben hatte, um ihm ein weiteres Stück Marmorkuchen auf den Teller zu legen. Beim Anblick der zerschlissenen Lehne, überhaupt des schäbigen Mobiliars, erwachten in ihm Schuldkomplexe. Er verdankte ihr so viel und was konnte er ihr zurückgeben? Nichts. Seine Gedanken schweiften ab, während sie den altbekannten Vortrag über notwendiges Körpergewicht hielt.

Sein Vater war kurz nach seiner Geburt bei einem Autounfall gestorben. Allein hatte seine Mutter ihn großgezogen und mit Liebe überschüttet. Mehr als das war oftmals, von ihrem Verdienst als Küchenhilfe in einem Altenheim, nicht drin. An Weihnachten und Geburtstagen bekam er weitaus weniger Geschenke als seine Klassenkameraden, zudem überwiegend nützliche Dinge, wie Klamotten oder Schulsachen. Häufig war er neidisch, doch mit der Zeit erkannte er, dass es den anderen gar nicht besser ging. Was zählte schnöder Mammon, wenn man Eltern hatte, die einem sonst kaum Beachtung schenkten? Es war allerdings ein langer Lernprozess, bis er das endlich verinnerlichte.

Nach der zehnten Klasse wollte er eigentlich irgendeine Ausbildung anfangen, doch seine Mutter bestand darauf, dass er weiter zur Schule ging und sein Abitur machte. Anschließend absolvierte er ein freiwilliges soziales Jahr in Spanien, was er mit seinen Ersparnissen aus kleinen Nebenjobs finanzierte. Es gefiel ihm dort so gut, dass er ein weiteres anhängte und in dessen Verlauf merkte, sich für Ethnologie und Kunstgeschichte zu interessieren. Seine Mutter, damals schon kurz vor der Rente, bestärkte ihn darin, sich für diese Studiengänge einzuschreiben. Sie war der Meinung, dass er sich mehr von seinen Neigungen, als den Möglichkeiten Geld zu verdienen leiten lassen sollte.

Er beantragte BAFÖG, außerdem jobbte er nebenher bei einem Pizzaservice. Das erste Mal, seit er denken konnte, verfügten sie über einen gewissen Überfluss an finanziellen Mitteln. Daraufhin unternahm er mit seiner Mutter zwei Flugreisen. Nichts Aufwendiges, bloß Pauschalangebote und obwohl sie sich mit Händen und Füßen dagegen sträubte, genoss sie die beiden Urlaube. Ansonsten blieb ihr Lebensstandard gleich, bis auf ein bisschen Geld, das er für gelegentliches Weggehen abzwackte. Kino, Disco und ähnliches.

Zum Ende des 12. Semesters suchte er einen Arzt auf, weil seine Eier schon eine ganze Weile schmerzten. Anfangs hatte er das verdrängt und gedacht, es käme von einer ziemlich heftigen Nummer mit einem Kommilitonen. Als es nicht aufhörte, wurde er nervös. Man stellte bei ihm einseitig einen Tumor in den Hoden fest. Er kam unters Messer und hinterher verabreichte man ihm eine Chemotherapie.

Er schaffte noch seinen Abschluss, doch den Nebenjob musste er aufgeben. Wochenlang kotzte er sich die Seele aus dem Leib und verlor sämtliche Haare. Es dauerte fast ein Jahr, bis er wieder fit genug war, um sich auf dem Arbeitsmarkt anzubieten.

„Dann nimm wenigstens was mit“, bat seine Mutter und holte ihn damit aus seinen Erinnerungen.

„Magst du den Kuchen nicht lieber hier im Haus verteilen?“ Sie lebte in einer Altenwohnanlage und pflegte guten Kontakt zu einigen Bewohnern.

„Na gut. Aber ich pack dir ein bisschen Obst ein.“ Schwerfällig stemmte sich seine Mutter aus dem Sessel und ging zu der winzigen Kochnische, wo eine Schüssel Äpfel stand.

Er verkniff sich einen Widerspruch. Den hätte sie sowieso nicht gelten lassen. Ihr Leben lang hatte sie für ihn gesorgt und würde das wohl bis zu ihrem Tod weiter tun. Leider vergaß sie in letzter Zeit eine Menge, unter anderem, dass er keine Äpfel mochte. Dabei war sie erst siebenundsechzig.

Während sie mit dem Obst beschäftigt war, räumte er rasch den Tisch ab. Das hätte sie sonst niemals zugelassen. Den restlichen Kuchen stellte er in den Kühlschrank, das Geschirr in die Spüle.

Sie bedachte ihn dafür mit einem Kopfschütteln. „Das hätte ich doch gleich gemacht.“

„Den Abwasch überlasse ich dir“, neckte er sie und nahm ihr die Tüte ab. „Dankeschön. Ich schau übermorgen wieder rein.“

„Das ist lieb, mein Schatz.“ Sie tätschelte seine Wange. „Pass auf dich auf.“

„Du auch.“ Er küsste sie auf die Stirn und verließ ihre Wohnung.

Im Treppenhaus begegnete ihm eine ihrer Nachbarinnen. Freundlich grüßte er die Frau und eilte weiter, bevor sie ihn in ein Gespräch verwickeln konnte. Geriet man einmal in ihre Fänge, war schnell eine halbe Stunde um. Er hatte zwar Zeit im Überfluss, doch mangelte es ihm an Geduld. Seine Mutter stellte diese, bei aller Liebe, zur Genüge auf die Probe.

Auf dem Weg zu seiner Wohnung, die ungefähr zwanzig Minuten entfernt lag, überlegte er mal wieder, wieso der Alterungsprozess so rasch bei ihr eingesetzt hatte. Ihm kam es vor, als ob sie von jetzt auf gleich von der quirligen Frau zur gebrechlichen Seniorin geworden war. Sehr wahrscheinlich hatte er den Prozess einfach übersehen. Bei Menschen, mit denen man täglich zusammen war, passierte das wohl. Hinzukam die Doppelbelastung mit Studium und Job und später seine Krankheit. Letztere schien letztendlich ausschlaggebend gewesen zu sein.

Seine Mutter hatte schon immer unter Rheuma gelitten, doch im erträglichen Maße. Im Rückblick hatten sich die Symptome verstärkt, als er die Chemo bekam. Oder war es ihr Ruhestand, der die Krankheit zum Ausbruch veranlasste? Jedenfalls verschlimmerte sich ihr Zustand innerhalb kurzer Zeit. Sie bestand darauf, in eine betreute Seniorenwohnung zu ziehen, damit er unabhängig blieb. Schließlich würde er bald einem anspruchsvollen Job nachgehen und da wollte sie nicht im Wege stehen. Dass seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt mehr als mies standen, behielt er lieber für sich. Es hätte sie nur belastet.

Er organisierte also ihren Umzug, fand eine neue Bleibe und kümmerte sich darum, den restlichen Haushalt aufzulösen. Zugleich schrieb er Bewerbungen auf jede Anzeige, die einigermaßen seinen Fähigkeiten entsprach. Es hagelte Absagen, sofern überhaupt eine Antwort kam. Mittlerweile kannte er die Texte auswendig. Niemand schrieb die Wahrheit, nämlich, dass er wegen fehlender Berufserfahrung und der großen Lücke in seinem Lebenslauf abgelehnt wurde. Er deklarierte zwar die Monate seiner Krankheit als Pflegezeit für seine Mutter, aber das Berufsleben war nun mal keine Wohltätigkeitsveranstaltung.

Mittlerweile war er dazu übergegangen sich auch auf Stellen zu bewerben, die weit unter seinem Niveau lagen. Immerhin erhielt er dadurch Absagen, die mal einen anderen Text beinhalteten: Überqualifiziert lautete das Stichwort. Einerseits erheiternd, andererseits ernüchternd. Fazit: Niemand wollte ihn haben.

Vor dem Haus, in dem er wohnte, spielten ein paar Kinder mit Migrationshintergrund. Auf der Bank neben der Sandkiste saßen die dazugehörigen Mütter. Er schenkte den Frauen, die er vom Sehen kannte, das Obst und begab sich in seine Wohnung im dritten Stock. Scherzhaft betitelte er sie als Ein-Zimmer-Wohnklo.

Dreißig Quadratmeter, aufgeteilt in Bad und einen kombinierten Schlaf-Wohn-Raum mit Kochgelegenheit. Möbliert war das Ganze mit dem, was aus seinem ehemaligen Zimmer stammte sowie ein paar Stücken aus dem Gebrauchtmöbelkaufhaus. Seine gesamten Ersparnisse waren für die Umzüge und nötigsten Anschaffungen draufgegangen, so dass für Dekoration kaum etwas übrigblieb. Die Blümchentapete hatte er daher bloß weiß übergestrichen, billige Jalousien an die Fenster gehängt und ein paar alte Läufer aufs Linoleum gelegt. Ein Glück, dass seine Mutter die Treppe nicht schaffte, sonst würde sie vor Schreck in Ohnmacht fallen. Trotz aller Geldknappheit, hatte sie ihr Heim stets mit einfachsten Mitteln gemütlich gestaltet. Ein Talent, das ihm völlig fehlte.

Er ließ sich am Tisch nieder und guckte aus dem Fenster. Dunkle Wolken am Himmel, entsprechend seiner Stimmung. Es war noch mehr Monat als Kohle über. Seit Studienende bezog er Hartz IV. Der Typ, der sich diesen Schwachsinn ausgedacht hatte, sollte mal selbst ein paar Jahre damit klarkommen. Natürlich war Herr Hartz vermögend. Wie sonst konnte einem einfallen, an den Ärmsten der Armen zu sparen?

Tristan schob diese bösen Gedanken beiseite. Hass brachte einen nicht weiter, warten allerdings auch nicht. Apropos. Er zog sein Notebook heran - das teuerste Stück seiner Einrichtung - und klappte den Deckel auf. Bevor er seinen E-Mail-Account öffnete, holte er sich ein Glas Wasser und leerte es in zwei Zügen. Drei Absagen, eine wir-haben-ihre-Bewerbung-erhalten Nachricht. Zweifelsohne würde in den nächsten Wochen auch darauf ein freundliches ‚nein danke‘ erfolgen. Im Spamfilter: Drei Kreditangebote und eine sie-haben-gewonnen Mail. Er löschte den Scheiß und lehnte sich zurück.

Alles wäre nur halb so wild - irgendwann würde es schon klappen - doch die Zeit drängte. Tristan wollte seiner Mutter, so lange sie noch einigermaßen laufen konnte, weitere Reisen spendieren, außerdem neue Möbel und Klamotten. Das hatte sie einfach verdient, nach einem Leben voller Schufterei und Entsagungen.

Er checkte die neuen Stellenangebote, erstellte von dreien Screenshots und änderte seine Standardbewerbung den Anforderungen gemäß ab. Nachdem er sie verschickt hatte, gönnte er sich einen Ausflug in die Welt der Reichen und Schönen. Die Kandidatin einer Castingshow fand ihren Hintern zu dick. Ein Typ, der wie ein Alien aussah, hatte sich Rippen entfernen lassen, um in ein enges Jackett zu passen. Solche Probleme wollte er mal haben. Irgendwie war das Weltengefüge ganz schön im Arsch.

Sein Handy vibrierte. Ohne den Blick vom Bildschirm zu lassen, fischte er es aus seiner Hosentasche und nahm das Gespräch an: „Ja?“

„Hi Alter. Kommst du nachher?“ Er erkannte Keegans Stimme.

„Weiß noch nicht. Vielleicht.“ Jeden Dienstagabend traf er sich mit ein paar ehemaligen Kommilitonen zum Dart spielen. Momentan war ihm danach gar nicht zumute.

„Es gibt was zu feiern. Ich hab einen Job.“

„Echt? Erzähl mal.“

„Vorläufig ist es nur ein unbezahltes Praktikum, aber vielleicht bekomme ich dadurch einen Einstieg.“

Innerlich seufzend schloss Tristan kurz die Augen. Von solchen Angeboten wimmelten die Stellenbörsen. Welche Firma war bitteschön nicht scharf auf kostenlose Arbeitskräfte? „In welcher Branche?“

„Marketing. Eine der ganz großen Agenturen“, schwärmte Keegan. „Davon hab ich schon immer geträumt.“

Tristan auch, allerdings nur in seinen Alpträumen. „Okay. Dann muss ich wohl heute dabei sein.“

„Spitze. Ich geb‘ einen aus. Bis nachher.“ Keegan legte auf.

Abermals seufzend, diesmal laut, legte Tristan sein Handy auf den Tisch. Ein Gerät aus der Steinzeit, wie seine Kumpels gern spotteten. Ihm war das egal. Man konnte mit dem Teil telefonieren und die Uhrzeit ablesen. Ihm war schleierhaft, wozu man weitere Funktionen brauchte.

 

Gegen acht betrat er die Kneipe Grenzwertig. Das Lokal lag relativ zentral, direkt am Bahnhof Hasselbrook, damit für alle per öffentlichen Nahverkehr erreichbar. Janosch, Michael und Keegan saßen an einem Tisch in der Ecke, den halbvollen Gläsern zufolge schon etwas länger. Er gesellte sich dazu und bat die Bedienung um ein Alsterwasser. Kaum war das Mädel gegangen, trafen Holger, Moshe und Serhan ein. Somit waren sie vollzählig.

Nur zwei der Anwesenden hatten eine Stelle, einigermaßen passend zu ihren Studienfächern, gefunden. Der Rest arbeitete dank Vitamin B in lukrativen Positionen oder - in Serhans Fall - jobbte als Kurierfahrer in der Hoffnung auf einen Aufstieg. Keegan und er waren die letzten ohne irgendwelche Aussichten gewesen. Tja. Nun winkte ihm der Preis als Verlierer des Tages.

Als die Bedienung sein Getränk brachte, bestellte Keegan eine Runde Feiglinge und die Nachzügler orderten Bier. Letztere verlangten zu wissen, wofür es die Kurzen gab.

Keegan verkündete mit stolzgeschwellter Brust: „Ich fange bei Heubusch & Partner an.“

„Was ist das? Ein landwirtschaftlicher Betrieb?“, erkundigte sich Moshe.

„Ha, ha! Sehr witzig! Kennst du Heubusch & Partner etwa nicht?“, tönte Keegan.

„Würde ich sonst fragen?“, erwiderte Moshe, die Augenbrauen verärgert zusammengezogen.

„Eine der größten Werbeagenturen in der Stadt“, klärte Tristan auf.

„Glückwunsch“, meldete sich Holger, der als Grabredner im Bestattungsunternehmen eines Onkels tätig war, zu Wort. „Was zahlen die denn so?“

„Ich erhalte eine Aufwandspauschale für meine Fahrtkosten und verbilligte Mahlzeiten in der Kantine.“

„Bravo“, meinte Holger trocken. „Da hast du ja das ganz große Los gezogen.“

Keegan guckte mürrisch. „Willst du mir das etwa madig machen?“

Ruhe!“, schaltete sich Janosch ein, der im elterlichen Betrieb, einem Großhändler für Badmöbel, arbeitete. „Ich finde das klasse. Hast du erstmal einen Fuß drin, werden die deinen Wert schon erkennen.“

Die Kellnerin, die ein Tablett Feiglinge auf ihrem Tisch abstellte, sorgte für weitere Deeskalation. Alle prosteten Keegan zu, der wieder strahlte und gleich die nächste Runde orderte. Eine Weile drehte sich die Unterhaltung noch um die Agentur, bis sie andere Themen anschnitten. Holger war immer gut für Anekdoten aus dem Berufsleben, genau wie Serhan und Michael. Letzterer hatte eine Stelle bei der Müllverbrennung inne.

Nachdem sie mit den weiteren Feiglingen Keegan nochmals hochleben lassen hatten, gingen sie zum Darten über. Da es nur zwei Zielscheiben gab, setzten immer drei von ihnen aus. Keegan, Michael, Janosch und Moshe begannen mit dem Pfeilwerfen.

„Wie läuft es bei dir so?“, wandte sich Holger an ihn.

„Bescheiden. Wenn ich für jede Absage zehn Euro bekäme, könnte ich bald wegen Reichtum schließen“, witzelte Tristan.

„Hast du es mal als Model versucht? Ich meine, du siehst doch toll aus. Gibt es eigentlich Castingshows für Männer?“, sinnierte Serhan.

„Model? Ich? Sorry, aber ich könnte niemals über Laufstege rennen und dabei derart dämlich gucken wie diese Typen.“

Holger runzelte die Stirn. „Wieso gucken die dämlich?“

„Na, so in etwa.“ Tristan zog eine finstere Miene und warf böse Blicke umher.

„Klappt doch schon ganz gut“, fand Holger schmunzelnd.

„Und als Escort?“, schlug Serhan vor. „Man liest doch ständig, dass man damit haufenweise Kohle verdient.“

Kritsch beäugte Tristan das halbvolle Glas, das vor Serhan stand. „Hat dir da irgendjemand Drogen reingeschmuggelt?“

„So dumm ist die Idee doch gar nicht. Also, gelesen hab ich davon zwar nichts, aber was ist schon dabei, irgendwelche stinkreichen Heinis oder Muttis zu begleiten?“, meinte Holger.

Tristan tippte sich an die Stirn. „Du glaubst doch nicht, dass es beim Begleiten bleibt? Escort ist doch nur der Deckname für Nutte.“

„Ja und? Dann hast du eben Sex gegen Geld. Viele Ehen laufen auf dieser Basis“, hielt Holger dagegen. „Guck dir doch mal die ganze Semi-Promi-Szene an. Die sind fast alle nur in den Medien, weil sie mit Star X oder Y gebumst haben. Denk doch nur an diese Teppichtante oder diese Elfriede, die mit dem Rennfahrer gevögelt hat.“

„Du kommst vom Thema ab. Tristan will nicht berühmt werden, sondern braucht Knete“, nahm Serhan ihn in Schutz.

„Sorry. Wobei das eine das andere nicht ausschließt.“ Holger feixte.

„Hört auf mit dem Scheiß. Ich bin kein Flittchen“, forderte Tristan vehement, obwohl sich die Idee beharrlich in einer Ecke seines Gehirns eingenistet hatte.

„Oh Mann! Seit wann bist du so frigide?“, lästerte Holger, bekam jedoch einen warnenden Blick von Serhan zugeworfen. „Ähm … Was sagt ihr denn zu den letzten Bundesligaergebnissen? Langsam befürchte ich, für die falschen Mannschaft zu schwärmen.“

2.

 2.

Am nächsten Tag recherchierte Tristan ausführlich bezüglich Escorts. Die Berichte handelten überwiegend von der weiblichen Variante oder Männern, die Frauen begleiteten. Sex war nicht verpflichtend, sofern man den Reportagen Glauben schenken durfte, zumindest bei seriösen Agenturen. Eigentlich hörte sich das Ganze ziemlich gut an: Viel Geld dafür, ein paar Stunden die Gesellschaft irgendeines einsamen Typen zu ertragen.

Tristan hatte zwei Designeranzüge, Schnäppchen bei eBay, die zwar etwas zu locker saßen, doch lieber so als zu eng; außerdem einige Hemden, ebenfalls günstig geschossen, sowie Krawatten und sogar eine Fliege. Das Zeug hatte er gekauft, um bei Vorstellungsgesprächen Eindruck zu schinden. Ein Wink des Schicksals?

Es dauerte eine weitere Stunde des Hin- und Herüberlegens, bis er sich entschloss, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Was konnte ihm schon passieren? Das Ganze blieb diskret und falls ein Klient auf Sex aus war, sagte er entweder nein oder es winkte sogar ein Extra-Bonus. Tristan hatte ein gutes Verhältnis zu seinem Körper und mochte Bettsport. Seit seiner Erkrankung lag sein Liebesleben zwar brach, anfangs wegen mangelnder Erektionsfähigkeit, doch inzwischen nur wegen fehlender Gelegenheiten. Insofern passte es doch wunderbar.

Nach einem letzten Check seines Spiegelbildes - zum Friseur musste er unbedingt vor seinem ersten Termin - rief er die Escort-Agentur an, welche auf ihn den besten Eindruck gemacht hatte. Eine freundliche Dame bat, vorab per Mail ein paar Eckdaten und ein Ganzkörperfoto in normalem Outfit sowie Badehose zu schicken. Sofern er ins Programm passte, würde man sich bei ihm melden.

Enttäuscht legte er wieder auf. Wo sollte er solche Fotos herbekommen? Das erste Mal wünschte er, ein Smartphone zu besitzen und - ganz wichtig - dessen Funktionsweise zu beherrschen. Der einzige Kandidat, der ihm einfiel, um die Bilder zu machen, war Keegan. Sie hatten mal, noch zu Studienzeiten, miteinander gevögelt, daher kannte Keegan ihn unbekleidet, was ihm eine rote Birne auf dem Badehosen-Foto ersparte.

Bevor ihn sein Mut verließ, wählte er Keegans Nummer. Natürlich fragte sein Kumpel, wofür er die Bilder bräuchte, woraufhin er flunkerte, es sei für eine Model-Agentur. Keegan äußerte sich begeistert und bot an, die Sache sofort zu erledigen.

Flink packte Tristan seine beste Badehose, ein Modell von Speedo, ein. Kaum zur Tür hinaus, drehte er wieder um und fügte dem Tascheninhalt Kamm und Bodylotion hinzu. Außerdem tauschte er seine Jeans gegen ein schwarzes Exemplar ein und das Sweatshirt gegen ein Hemd in der gleichen Farbe.

Bis zu Keegan dauerte es zu Fuß ungefähr eine halbe Stunde. Tristan schaffte die Strecke in zwanzig Minuten, indem er teilweise in Laufschritt verfiel. Er war so nervös, als ginge er zu einem Vorstellungsgespräch. Na ja, irgendwie entsprach das ja fast den Tatsachen.

Keegan empfing ihn mit einem breiten Grinsen. „Hey, Alter. Das finde ich super. Vielleicht macht du ja Karriere, wie dieser Schwede.“

„Spinner“, murmelte Tristan und folgte Keegan ins Wohnzimmer.

Dank spendabler Eltern wohnte sein Kumpel luxuriös. Womit sie ihr Geld verdienten, wusste niemand so genau. Irgendetwas mit Aktien. Diesbezüglich hielt sich Keegan bedeckt oder besaß selbst keinen Schimmer.

Der Wohnraum war ungefähr so groß, wie Tristans gesamte Bude und nur spärlich, dafür umso edler möbliert. Den Couchtisch hatte Keegan bereits beiseitegeschoben, ein Stativ mit Kamera aufgestellt sowie eine Wand von Bildern befreit. Fehlten nur noch Scheinwerfer, um die Szene auszuleuchten.

„Sag mal, machst du das öfter?“, wandte er sich verblüfft an Keegan.

„Eigentlich nur, wenn ich was für eBay ablichte. Gewissermaßen bin ich ein Profi-Stillleben-Fotograf.“

Tristan verkniff sich die Frage, was Keegan auf der Plattform anbot. Jeder hatte eben seine Geheimnisse. Als erstes wollte er das Badehosen-Shooting hinter sich bringen. „Ich zieh mich im Bad um.“

„Aber beeil dich. Ich muss in einer Stunde weg.“

 

Rund eine Dreiviertelstunde später verließ er, einen Stick mit ungefähr zwanzig Fotos in der Tasche, Keegans Wohnung. Daheim angekommen, lud er das Material auf sein Notebook und guckte sich die Bilder nacheinander an. Der Typ auf dem Monitor wirkte fremd. Das sollte er sein? Bisher hatte er sich noch nie so gesehen, also, beim absichtlichen Posieren. Vielleicht hatte Serhan recht und er taugte tatsächlich als Model. Ach nein. Vor blasierten Leuten herumzulaufen war nichts für ihn.

Mit der Auswahl der Fotos ließ er sich Zeit. Schließlich hängte er eines, auf dem er breit lächelte, sowie eines mit ernstem Gesichtsausdruck an eine E-Mail mit folgendem Text: „Mein Name ist Tristan Reuter. 185 cm, 82 kg, blaue Augen. Ich habe Ethnologie und Kunstwissenschaften studiert und verfüge über großes Allgemeinwissen. Man sagt, ich wäre sympathisch. Es würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Liebe Grüße, T. Reuter.“

Da die Dame nichts von Schwanzmaßen erwähnt hatte, blieb es ihm erspart diese zu eruieren. Er schickte die Nachricht ab und klappte das Notebook zu. Nun hieß es abwarten.

Er wechselte seine Kleidung gegen die vorherige und ging einkaufen. Nach seiner Rückkehr bereite er einen Becher Kaffee aus Instantpulver zu, mit dem er sich an den Tisch setzte. Ungeduldig tippelte er mit den Fingerspitzen auf dem Notebookdeckel herum. Es war erst knapp eine Stunde vergangen. Bestimmt hatte die Agentur noch nicht geantwortet. Oder doch?

Zögerlich öffnete er den Deckel, aktivierte das Gerät und ging in seinen E-Mail-Account. Die Antwort war da! Gespannt klickte er die Nachricht an.

„Lieber Tristan, wir würden Sie gern kennenlernen. Bitte rufen Sie wegen einer Terminvereinbarung an. LG Alice Smith.“

Er blinzelte ein paarmal und las die Zeilen erneut. Obwohl es sich um keine reguläre Arbeitsstelle handelte war es überaus wohltuend, endlich mal eine positive Rückmeldung zu bekommen. Tristan fühlte sich gleich um einige Zentimeter größer. Voller Euphorie holte er sein Festnetztelefon und rief bei der Agentur an.

 

Zwei Tage später saß er Alice Smith in einem schicken Büro in Eppendorf gegenüber. Sie trug einen schwarzen Anzug, silbernen Pagenkopf und tonnenweise Makeup. Trotz der Aufmachung wirkte sie sympathisch, ihr Lächeln echt.

„Vorab eine private Frage: Warum wollen Sie als Escort arbeiten?“, eröffnete sie die Unterhaltung.

„Geldmangel. Ich bin Hartz-IV-Empfänger.“

Stirnrunzelnd lehnte sie sich zurück, die Hände im Schoß gefaltet. „Ich gehe davon aus, dass Sie die Einkünfte nicht offiziell melden möchten?“

„Ähm … nein. Also, wenn möglich.“

Schweigend sah sie ihn einen Moment an, seufzte schließlich und richtete sich wieder auf. „Wir machen das so: Sie werden, mit einem internen Vermerk, in die Kartei aufgenommen. Findet eine Vermittlung statt, überweist der Klient die Provision direkt an uns und den Rest regeln Sie in bar.“

„Wie hoch sind denn die Honorare?“

Alice nannte den Betrag für drei, beziehungsweise sechs Stunden Begleitung. „Was Sie darüber hinaus mit dem Klienten vereinbaren, ist Ihre Sache.“

„Verstehe ich das richtig, dass so ein … ähm … Termin nicht unbedingt auf körperliche Aktivitäten hinausläuft?“

Alice zuckte die Achseln. „Darüber bekomme ich nur wenige Rückmeldungen. Wir vermitteln jedenfalls keine Callgirls oder -boys.“

„Falls mir etwas passiert, sind doch die Daten des Klienten hier gespeichert, richtig?“

„Genau. Wir sind eine Art Rückversicherung. Ich kann Sie aber beruhigen: Bisher ist noch niemand, der in unseren Diensten steht, zu Schaden gekommen.“

„Schön zu hören. Wie geht es jetzt weiter?“, wollte Tristan wissen.

„Ich lasse, wie besprochen, Ihre Daten speichern. Eine Idee für Ihren Decknamen?“

Er überlegte kurz. „Thomas R.“

Alice nickte und machte sich eine Notiz. „Erkennungsmerkmal ist ein silbernes Einstecktuch mit schwarzen Punkten. Im Empfang wird Constance Ihnen einige Exemplar aushändigen.“

Sie stand auf, umrundete den Schreibtisch und ging zur Tür, woraufhin er ebenfalls aufsprang und ihr folgte. Die Blondine hinterm Empfangstresen sah bei ihrem Erscheinen vom Monitor auf.

„Das hier ist Thomas R. Benutze bitte deine Photoshop-Künste, um ihn auf den Bildern ein bisschen anders aussehen zu lassen.“ Alice legte ihre Notiz auf den Tresen. „Gib ihm bitte drei der Tücher und schreibe seine Handynummer auf.“ Anschließend wandte sie sich an ihn und streckte ihm eine Hand entgegen, die er ergriff und schüttelte. „Hat mich sehr gefreut. Wenn was ist, rufen Sie gerne an.“

„Danke für alles.“

Sie winkte ab und stöckelte davon, jeder Zentimeter erfolgreiche Geschäftsfrau. Oder steckte ein Mann hinter der Fassade? Tristan konnte es beim besten Willen nicht sagen. Er diktierte Constance seine Mobilnummer, erhielt von ihr drei Schächtelchen, bedankte sich artig und verließ das Haus.

Ausnahmsweise hatte er öffentliche Verkehrsmittel benutzt, da er einen seiner Anzüge trug. Er wollte sein teures Outfit möglichst schonen. Wer wusste schon, wann er die ersten Umsätze machte, um sich Ersatz leisten zu können.

Auf dem Heimweg wurde ihm bei dem Gedanken, in Kürze ein paar Hunderter in den Händen zu halten, regelrecht schwindelig. Mühsam bezwang er den unpassenden Anfall von Vorfreude. Vielleicht dauerte es einige Wochen, bis ihn jemand buchte, wenn überhaupt. Die Konkurrenz war schließlich groß. Er hatte sich die Typen auf der Internetseite der Agentur angesehen und - Hut ab! - es waren ein paar sehr heiße Burschen dabei.

Den ganzen Abend schwankte er zwischen Hoffen und Bangen, dass sein Handy vibrierte. Es blieb jedoch stumm. Einerseits enttäuscht, andererseits erleichtert ging er ins Bett.

 

Am Nachmittag des folgenden Tages war es soweit: Sein Handy vibrierte und im Display stand die Nummer der Agentur. Sie hatte am Ende drei sechsen, daher erkannte er sie auf den ersten Blick.

Er nahm das Gespräch an: „Ja?“

„Hier ist Constance. Es gibt einen Interessenten, der morgen Abend mit Ihnen essen gehen möchte. Passt das?“

Oh mein Gott! „Kann ich mir den Kunden vorher ansehen?“

„Wir haben keine Fotos von Klienten.“

„Wann und wo?“

„Um sieben in der TowerBar des Hotels Hafen Hamburg.“

„Okay. Oh! Was soll ich anziehen?“, fiel ihm ein.

„Der Kunde bittet um nicht allzu förmliche Kleidung.“

Was sollte das denn bedeuten? Anzug mit T-Shirt oder Jeans mit Hemd? Ach, Google sei Dank würde er das schon rausfinden. „Für wie viele Stunden hat er mich gebucht?“

„Für drei mit Option auf Verlängerung.“

„Darf ich wenigstens seinen Namen erfahren?“

Constance lachte. „Natürlich, aber nur den Vornamen: Garfield.“

„Ist nicht wahr! Dann halte ich also Ausschau nach einem dicken getigerten Kater.“

„Vergessen Sie das Tuch nicht. Soweit alles klar?“, erkundigte sich Constance.

„Vorläufig ja. Darf ich anrufen, wenn ich noch was wissen möchte?“

„Selbstverständlich. Schönen Abend, Thomas R.“ Sie legte auf.

Ach ja: Sein Deckname. Am besten schrieb er den ein paarmal auf, um ihn zu verinnerlichen. Er steckte das Handy zurück in seine Gesäßtasche, hockte sich vors Notebook und suchte nach Bekleidungsregeln. Darüber vergaß er beinahe, dass er bei seiner Mutter zum Abendessen eingeladen war.

In letzter Minute brach er auf und rannte den ganzen Weg, so dass er atemlos bei ihr ankam. Im winzigen Vorraum zog er rasch seine Jacke aus, hängte sie an einen Haken und betrat das Wohnzimmer. „Hi Mama. Tut mir leid, dass ich so spät bin.“

„Alles gut, mein Schatz.“ Sie saß bereits am gedeckten Tisch und bot ihm ihre Wange zum Kuss. „Magst du die Pfanne rüber holen?“

Es gab Spiegeleier auf Schinkenbrot, eine seiner Lieblingsspeisen. Voller Genuss verleibte er sich seine Portion ein, während er dem Geplauder seiner Mutter lauschte. Sie erzählte, ohne eine Erwiderung zu erwarten. Es reichte, wenn er ab und nickte als Zeichen, dass er zuhörte. Eine der Maschinen im Waschkeller war kaputt. Die Nachbarin hatte sich einen Kanarienvogel angeschafft, der unglaublich viel Lärm machte. Mal wieder war die Klingeltafel bekritzelt worden.

Als er fertig war, lehnte er sich zurück und rieb seinen Bauch. „Das war sehr lecker.“

„Bist du wirklich satt? Soll ich dir noch ein Ei braten?“

„Danke, nein. Ich platze sonst.“ Er lächelte ihr zu. „Möchtest du auch einen Vogel haben?“

Sie tippte sich gegen die Stirn. „Unsinn! Ich hab doch schon einen.“

„Vielleicht ein anderes Haustier?“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Was soll ich damit?“

Darauf wusste er keine Antwort. Flink sammelte er die Teller ein und brachte sie zur Spüle. Natürlich blieb seine Mutter nicht sitzen, sondern fing an den Tisch abzuräumen. Angesichts ihrer schwerfälligen Bewegungen überfiel ihn erneut Reue, so wenig für sie zu tun.

Wenn die Sache am nächsten Tag glatt lief, nahm er sich vor, ihr schon mal Angora-Unterwäsche zu schenken sowie ein Lammfell fürs Bett. Kleinigkeiten, die ihr das Leben ein bisschen schöner machten. Weitere Pläne schmiedete er lieber erstmal nicht. Traumschlösser zu bauen barg erhebliche Gefahren, hinterher umso tiefer zu fallen.

Impressum

Texte: Sissi Kaiserlos
Bildmaterialien: shutterstock
Cover: Lars Rogmann
Lektorat/Korrektorat: Aschure - dankeschön
Tag der Veröffentlichung: 24.09.2018

Alle Rechte vorbehalten

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