Cover

Wer-Zwerge

Wer-Zwerge

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.


Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus.


Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.


Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!



Text: Sissi Kaiserlos

Foto von 123rf.com - Design Caro Sodar - Dankeschön


Kontakt: http://www.bookrix.de/-sissisuchtkaiser/


Vorwort


Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bei diesen drei Storys handelt es sich um schwule Zwergengeschichten. Es sind explizit erotische Szenen enthalten, weshalb ich alle Bettsportallergiker bitte das Buch sofort wieder zuzuklappen. Auch jene, die zum Lachen in den Keller gehen, sind mit der Lektüre schlecht bedient.

Hamburg im Juli 2015

Sissi


Sam Sonite im Glück



Sam Sonite erreicht bald Mannesalter. Seit einiger Zeit juckt es bei ihm gewaltig, vor allem, wenn er an Kuni Bert denken muss, einen Zwergkollegen aus dem Bergwerk. Doch was ist es, das da so kribbelt und worum handelt es sich bei dieser Lübüdo?

***



Gräser raschelten im lauen Wind. Silbriges Mondlicht spiegelte sich in dem still daliegenden Weiher, ein Uhu rief. Mitternacht war gerade vorbei und alles schlief. Nur Sam Sonite nicht. Wie so oft hat er sich lange in seinem Bettchen hin und her gewälzt, bis er es nicht mehr aushielt und zum See getrottet war. Diese innere Unruhe machte ihn wahnsinnig. Was war nur in letzter Zeit mit ihm los?

Sam war vor einem Monat 105 geworden und seitdem kribbelte es häufig in seiner Leibesmitte. Sein Vater hatte ihn kurz nach dem Geburtstag beiseite genommen und erklärt: „Du bist schon fast erwachsen, daher wird es nun ab und zu bei dir jucken. Mach dir nichts daraus. Das ist normal.“

„Aber was ist denn das?“, hatte Sam gefragt.

„Das nennt sich Lübüdo und man macht damit Babys“, erklärte Bert Sonite jovial. „Wenn es juckt, dann kratze einfach.“

Mit einem aufmunternden Klaps auf die Schulter wurde Sam entlassen und war so schlau wie zuvor.

Nun saß Sam also im saftigen Gras nahe dem See und es juckte. Entschlossen griff er zwischen seine Beine und kratzte einmal kräftig über die prickelnde Stelle. Uah! DAS tat weh! Das Jucken hörte allerdings auch auf. Für eine Weile herrschte Ruhe und Sam entspannte sich ein wenig, doch dann setzte das Prickeln erneut ein. Das geschah immer dann, wenn er an Kuni Bert dachte, einen Zwergenkollegen aus dem Stollen.

Dieser hatte ihm vor einiger Zeit in einer stillen Ecke heimlich sein Lustkölbchen gezeigt. Seitdem geisterte das Geschlecht des anderen Zwerges durch Sams Gedanken und anscheinend hing das Gejucke damit zusammen. Kuni hatte noch gemeint, dass er ‚es‘ sich zweimal am Tag besorgen würde und dabei fies gegrinst. Der Zwerg war schon fünf Jahre nahezu erwachsen und daher weitaus erfahrener als Sam. Der hatte Kuni einen Vogel gezeigt und den Blödzwerg erstmal mit Nichtbeachtung bestraft.

Was war wohl dieses geheimnisvolle ‚es‘? Versonnen griff Sam in seine Hose und zupfte an seinem Biskuitstängchen, obwohl er das nicht durfte. Das hatte ihm seine Mutter verboten und gewarnt, dass er O-Beine bekäme, wenn er sich ‚dort‘ berühren würde. Diese Drohung war so fürchterlich, dass Sam bisher davon abgeschreckt worden war.

In dieser Nacht erschienen ihm O-Beine jedoch gar nicht mehr so schrecklich. Er überlegte, ob er es einfach riskieren und sich endlich mal das Stielchen reiben sollte. Ob dann das Jucken aufhörte?

Während er noch darüber nachsann, raschelten weiche Pfoten durchs Gras. Ein pelziger Körper schob sich an Büschen vorbei und näherte sich dem Arglosen nahezu lautlos. Sam erschreckte sich fast zu Tode, als plötzlich eine nasse Zunge über sein Ohr leckte. Er kiekste, sprang auf und schaute sich nach dem Besitzer des feuchten Organs um.

Eine Art Hund hockte hinter ihm, hechelte und wackelte mit den puscheligen Ohren. Das Tier reichte Sam fast bis zur Brust, aber da es so harmlos und lustig ausschaute, vergaß er jegliche Angst.

„Na, was bist du denn für ein Süßer?“, flötete Sam und kraulte den Hund am Köpfchen. „Dich habe ich ja noch nie gesehen.“

Das Tier brummte und als Sam die Hand wegnehmen wollte, reckte es den Schädel und verlangte nach mehr Krauleinheiten.

So kam es, dass der Hund neben Sam lag, dieser ihn streichelte und dabei über alles Mögliche plauderte. Es tat gut, einen schweigenden Zuhörer zu haben, der lediglich vor sich hin schnurrte. Irgendwann wurde Sam bettschwer, verabschiedete sich von dem Tier und trollte sich ins Bett.



In der nächsten Nacht quälte Sam wieder dieses ominöse Jucken. Seufzend krabbelte er aus dem Bett und begab sich zum Weiher. Er ließ sich ins Gras plumpsen und starrte zwischen seine Beine, als könnte er so das elendige Gekribbel abstellen. Wenn er doch nur dort hin greifen dürfte! Heute war es besonders schlimm, da der verdammte Kuni den ganzen Tag in der Mine ganz nahe bei ihm geackert hatte. Noch jetzt meinte Sam, den erdigen Duft des anderen Zwerges in der Nase zu haben. Wieso – verflixtes Goldbröckchen noch eins! – reagierte er nur so auf Kuni?

Die anderen fast erwachsenen Zwerge machten den Zwerginnen schöne Augen. Warum nur interessierte ihn das nicht den Goldklumpen? Und was hatte sein Vater mit dieser Lübüdo gemeint und mit den Babys?

Sam seufzte, riss einen Grashalm aus und steckte ihn zwischen seine Lippen. Der Mond spiegelte sich in der glatten Oberfläche des Sees. Ein Kauz flog vorbei. Es raschelte zwischen den Büschen und gleich darauf schnuffelte eine kalte Nase an Sams Hals.

„Oh, da bist du ja wieder“, freute er sich, als er des großen Tieres ansichtig wurde.

Der Hund schnaufte, kauerte sich neben Sam ins Gras und sofort nahm dieser seine Kraultätigkeit auf.

„Kuni ist immer so herablassend zu mir“, erzählte Sam dem Hund. „Trotzdem muss ich immer wieder an sein Kronjuwelchen denken.“ Er seufzte. „Und wenn ich daran denke, dann juckt es da unten.“ Sam seufzte erneut und schaute in seinen Schritt. „Das ist schrecklich! Ich darf mich doch nicht anfassen, sagt Mama, sonst werden meine Beine krumm.“

Das Tier hob den Kopf, folgte Sams Blick und begann zu hecheln. Es kroch näher … noch näher … und stupste mit der Schnauze gegen den prall gefüllten Hosenlatz.

„Uoh!“, machte der Zwerg vor Wonne.

Der Hund wiederholte das Spiel so oft, bis es in Sams Mitte ganz warm und klebrig wurde. Er fiel auf den Rücken und wimmerte vor Erleichterung. Endlich war das Jucken fort und Erschöpfung machte sich in ihm breit. Er war so müde, dass er im Gras einschlief.

Nach einer Weile weckte ihn eine nasse Zunge, die über sein Gesicht fuhr. Sam wehrte sich erst gegen das Erwachen, gab dann aber nach und erhob sich schlaftrunken. Zusammen mit dem Hund trottete er zu dem Bau seiner Eltern.

„Willst du mein Hund sein?“, fragte er das Tier mit treuherzigem Augenaufschlag. „Oder … hast du schon einen Besitzer?“

Der Hund wedelte mit dem Schweif und Sam wurde klar, dass er keine andere Antwort erhalten würde, schließlich konnte das Tier nicht reden. Er umarmte den Hund zum Abschied und schlich sich anschließend in den Bau.



Am nächsten Tag weilte Kuni Bert wieder die ganze Zeit in Sams Nähe, während sie im Stollen Gold ernteten. Von Kunis tollem Duft völlig benebelt war Sam kaum in der Lage, seiner Arbeit nachzukommen. Sein Stengelchen war hart wie ein Goldbarren und juckte gar schlimm. Nur der Gedanke an die O-Beine bewahrte ihn davor, heimlich in seine Hose zu fassen.

„Magst du eigentlich Tiere?“, fragte Kuni, als sie abends in Zweierreihen die Mine verließen. „Meerschweinchen, oder so?“

„Ich mag Vögel“, antwortete Sam abwesend.

„Ja … Vögel“, murmelte Kuni und warf ihm einen merkwürdigen Blick zu.



Nachts lief Sam erneut zum See. Er war so nervös, dass seine Finger zitterten und in seinem Gehirn nur breiiger Goldmatsch waberte. Was, wenn der Hund nicht erschien? Sam war wild entschlossen, das Jucken auf die gleiche Art wie in der vergangenen Nacht loszuwerden. Das war so schön gewesen und soooo erleichternd!

Am Ufer des Weihers wartete der Hund schon auf ihn. Mit heraushängender Zunge hockte das Tier im Gras und sprang auf, als Sam herbeigelaufen kam. Der Zwerg umarmte den zotteligen Vierbeiner und warf sich mit ihm ins Gras. Wie zwei Freunde rauften sie ein wenig. Dass dabei der Hund immer weiter runter rutschte und schließlich begann, an den Knöpfen von Sams Hose zu ziehen, wertete der Zwerg als Aufforderung. Ungeduldig öffnete er den Verschluss und schob die Wäsche bis zu den Knien. Das steife Biskuitstängchen wippte ins Freie. Sofort machte sich eine lange Zunge an dem harten Kölbchen zu schaffen.

„Uohoho!“, wimmerte Sam und spreizte die Schenkel.

Nun wurde sein gesamtes Kronjuwel verwöhnt. Sam hechelte, winselte und gab die schönsten Laute von sich, während das Tier ihn in den Himmel lutschte. Dabei hatte er ein blütenreines Gewissen, denn schließlich fasste er sich nicht selbst an!

Ermattet zog Sam nach erfolgter Landung den Hund in seine Arme. Die Nase in das erdig duftende Fell vergraben, dämmerte er vor sich hin, von braunen Augen aufmerksam beobachtet. Diesmal weckte ihn niemand auf.



Erste Sonnenstrahlen warfen funkelnde Lichter auf die Wasseroberfläche. Sam öffnete die Augen und ein bekannter Duft umfing ihn. Erdig, männlich. Kuni! Als er sich umdrehte, lag besagter Zwerg nackt neben ihm. Wie war der denn da hingekommen? Sam wusste nur noch, dass er mit dem Hund im Arm eingeschlafen war. Moment! Das Tier hatte genauso geduftet wie …! Kuni klappte die Augen auf und es waren die gleichen, die Sam gestern Nacht … und die Nächte davor!

„Hab keine Angst“, murmelte Kuni. „Ich … ich bin zwar ein Wer-zwerg, aber ich tue dir nichts.“

„Ein … Wer-zwerg?“, flüsterte Sam und rückte von dem Zwerg ab.

„Ja, uns gibt es wirklich“, sagt Kuni und seufzte. „Ich mag das gar nicht so gern, weil es immer so brennt, wenn mir das ganze Fell wächst. Aber wenn ich kein Wer-zwerg wäre, dann lägen wir jetzt nicht hier.“

Diese Schlussfolgerung hatte etwas ungemein Logisches an sich. Sam entspannte sich etwas und sein Blick wanderte neugierig an Kuni herunter. Oha! Das sah aber ganz schön dick da unten aus!

„Weißt du, ich wusste nicht, wie ich dich ansprechen soll“, murmelte Kuni. „Als ich dich dann hier in meiner Wolfsgestalt traf, war ich … ich war so glücklich.“ Er schniefte und automatisch rutschte Sam wieder näher zu ihm.

„Du wolltest mich ansprechen?“, erkundigte er sich aufgeregt.

„Ja. Weißt du, ich mag dich doch so gern und ich bin nicht so draufgängerisch, wie ich aussehe“, flüsterte Kuni.

„Ich mag dich auch sehr!“, rief Sam aus und schlang einen Arm um Kuni. „Aber … ist das gut? Sollten wir nicht Zwerginnen mögen?“ Er runzelte die Stirn.

„Ach Quatsch! Es gibt eh einen Zwergenüberschuss in der Kolonie“, meinte Kuni und suchte mit seinem Mund nach Sams.

Leises Schmatzen erklang, dann kullerte ein ineinander verkeiltes Zwergenpaar durchs Gras. Kuni zeigte Sam, was mit dieser Lübüdo gemeint war und das Ganze gipfelte in einem fulminanten Lustwimmern, das ein Entenpaar aus einem nahegelegenen Gebüsch aufscheuchte. Lauthals quakend watschelten die Federtiere davon.

„Woah!“, machte Sam, nachdem das Jucken erneut auf wunderbare Weise verschwunden war. „Ich mag Lübüdo.“

„Hmmm … Das heißt Bubu“, murmelte Kuni glücklich und presste einen Kuss auf die Schulter des Zwerges. „Magst du mich denn mehr als … gern?“, setzte er vorsichtig hinterher.

„Oh ja! Ich finde dich total aufregend und sooo … männlich“, rief Sam und machte sich mit den Lippen über Kuni her.

Als er bei dem Liebeszepterchen ankam, ragte dieses wieder gar stattlich empor. Sam seufzte entzückt, schaute zu Kuni hoch und raunte: „Ich stell mir dich vor, in den derben Arbeitsstiefeln und mit der Spitzhacke bewaffnet. Dazu so ein wunderschönes Ständerchen! Boah! Und ich müsste mich dann nach einem Goldbröckchen bücken …“



Wir verlassen mal lieber den Wald, bevor es zu noch Unanständigerem kommt. Und wenn sie nicht …



ENDE



Ein Steinchen im Schuh


Der Zwerg Dominik Lassdas ist traumatisiert. Das Märchen, das seine Mutter ihm einst immer vorm Schlafengehen vorgelesen hat, verfolgt ihn. Er träumt von Wölfen … aber nicht voller Angst, sondern auf andere Weise.

***



„Und der Wolf kam aus dem Wald, fraß den Großvater und den Peter noch hinterher. Danach legte er sich schlafen und genau diesen Moment nutzte Rotkäppchen, um aus dem Schrank zu kommen, dem Tier den Bauch aufzuschlitzen, die zwei Männer wohlbehalten zu befreien und Wackersteine hineinzufüllen. Mit einem schicken Kreuzstich vernähte sie die Wunde und rief die sieben Geißlein, damit diese ihr halfen, das Ungetüm zum Fluss zu schleppen. Der Wolf versank in den Fluten und alle waren glücklich.“

Meine Mutter klappte das Buch zu, schob mir die Decke bis zum Kinn und gab mir einen Kuss. „Schlaf gut, Dominik“, säuselte sie und überließ mich den Alpträumen.

***

„Warte mal“, rief ich und beugte mich runter. „Ich habe ein Steinchen im Schuh.“

Rubrecht – Rübe genannt – blieb stehen und ich hörte ihn genervt schnauben.

„Ein Steinchen im Schuh“, säuselte er. „Hach! Das tut sicher weh-weh!“

„Arschgeige“, murmelte ich, schüttelte den Stiefel aus und schnürte ihn schnell wieder zu.

„Ach komm, Dominik, Schätzchen“, flötete Rübe. „Du bist ein Kerl. Da muss man Schmerz ertragen können.“

Ich schloss zu ihm auf, versetzte ihm einen spielerischen Klaps gegen das Schulterblatt und wir setzten den Weg fort. Die anderen waren schon weitergegangen, sodass wir ungestört plaudern konnten.

„Du weißt, dass ich ein Zwerg im falschen Körper bin“, grummelte ich.

Rübe und ich sind schon ewig befreundet, daher wusste er um mein Geheimnis

„Glaubst du das immer noch?“, fragte Rübe mit einem liebevollen Seitenblick.

„Hey! Ich kann doch wohl unterscheiden, ob ich auf Männlein oder Weiblein stehe“, erwiderte ich mürrisch. „Ich stehe nun mal auf Kerle. Basta!“

Wir liefen eine Weile schweigend nebeneinander her, bis Rübe seufzte und leise sagte: „Aber … die Zwerginnen sehen doch fast genauso aus wie unsereiner. Wie willst du da wissen, dass du nicht auf sie …“

„Ach! Hörbloßauf!“, fuhr ich ihn an, blieb stehen und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich steh nicht auf Quaaaarktaschen! Ich mag stramme Biskuitstangen!“

„Okay. Reg dich wieder ab“, murmelte Rübe. „Komm, das Abendessen wartet.“

Rübe und ich wohnten in einer Gemeinschaft mit Sam Sonite und Kuni Bert. Die beiden waren, genau wie ich, gerade erst von Zuhause ausgezogen. In der Kolonie war es üblich, dass unverheiratete Zwerge gemeinsam einen Bau nahmen und von einer Zwergin versorgt wurden. In unserem Fall war es Bertanie Geranie, die für Sauberkeit und Ordnung sorgte. Zudem kochte die Zwergin und sie machte Rübe schöne Augen.

Gerade noch rechtzeitig, bevor Bertanie richtig sauer werden konnte, erreichten Rübe und ich den Bau. Sam und Kuni saßen schon am Tisch und hielten sich – wie immer – an den Händen. Die beiden machten aus ihrer Liebe kein Geheimnis mehr, seit sie hier wohnten. Jede Nacht drang ihr Stöhnen bis in meine Kammer und ich bin mir sicher, dass auch Rübe es hören konnte. Es machte mich wuschig zuhören zu müssen, wie die beiden Turteltauben Spaß miteinander hatten. Was sie wohl so alles taten? Da ich gerade erst flügge geworden war, hatte ich keinerlei Erfahrung, aber so manche geile Idee.

Während ich also traurig im Bett lag und an meinem Kölbchen herumspielte, malte ich mir die schärfsten Dinge aus und in meiner Fantasie tat ich sie mit … Rübe. Tja, ich war in Rübe verknallt, machte mir aber keine Hoffnungen. Er war glatte zehn Jahre älter als ich und wenn … wenn da etwas wäre, hätte er es mir schon lange gezeigt.

Ob es an dem Märchen, das meine Mutter mir beinahe jeden Abend vorgelesen hatte, lag, dass ich nachts oft an den Wolf denken musste? Der arme Kerl tat mir wahnsinnig leid und wenn ich dieses dämlich Rotkäppchen je in die Finger bekommen würde … ich würde dem Biest den Hals umdrehen! Natürlich war mir bewusst, dass es sich lediglich um eine ausgedachte Geschichte handelte, aber sie hatte mich tief beeindruckt. Manchmal dachte ich sogar nachts ein Heulen zu hören und fühlte das imaginäre Schnuffeln einer Schnauze an meiner Hand. Meine Fantasie war schon immer recht lebhaft gewesen.

Am nächsten Morgen war ich mies gelaunt, da mich das Gestöhne mal wieder die halbe Nacht wach gehalten hatte. Ich warf Sam und Kuni einen mürrischen Blick zu und Bertanie bekam auch gleich einen ab, da sie schon wieder Rübe anhimmelte. Dieser wirkte heute Morgen sehr verschlossen und in sich gekehrt. Hatte er auch … solche Dinge fantasiert? Hatte er womöglich auch an sich herumgespielt? Ich guckte in seinen Schritt und schämte mich im nächsten Moment dafür. Rübes Rübe ging mich nichts an. Basta!

Auf dem Weg zum Stollen wurde ich unglaublich anfällig für Rübes äußere Reize. Ob das an meinen nächtlichen Träumereien lag? Jedenfalls bewunderte ich sein rotes Haar, das ihm pumuckl-gleich vom Kopf abstand. Seine blauen Augen hatten die Farbe des Sommerhimmels und die Haut war hell wie Sahne. Rübe trug keinen Bart, wie bei vielen modernen Zwergen üblich. Ich mochte das und rasierte mich auch und zwar – Öhm! – nicht nur im Gesicht.

Wenn Rübe zu lange in der Sonne verweilte, bekam er Sommersprossen und seine Haut verbrannte schnell. Ich mochte das sehr, also, die Sommersprossen. Es kam aber äußerst selten vor, dass er Gelegenheit für derartigen Müßiggang bekam. Rübe war einer der fleißigsten Zwerge, die ich kannte. Er machte sogar oft Überstunden!

„Bertanie geht mir auf den Sack“, murmelte Rübe und kickte einen Kiesel weg.

„Wieso? Sie ist doch ganz niedlich“, antwortete ich vorsichtig.

„Pft! Niedlich! Die hat Haare auf den Zähnen!“, rief Rübe aus.

„Ihr Bart ist etwas buschig“, gab ich zu.

„Neulich hat sie mir ihre Mumu gezeigt“, sagte mein Freund und seufzte. „Es war … unglaublich …“

„Erregend?“, half ich nach.

„Abstoßend!“, grollte Rübe und der nächste Kiesel wurde ein Opfer seiner Stiefelspitze. „Ich hab schnell weggeguckt.“

„Aha“, antwortete ich geistlos, während ich krampfhaft versuchte mir keine Mumu vorzustellen.

„Seitdem … sie denkt wohl, nur weil ich gucken durfte und so höflich war, etwas Nettes zu sagen, gehöre ich ihr“, brummelte Rübe.

Der lange Satz braucht etwas, bis ich ihn verdaut habe. Etwas … Nettes?

„Was hast du denn gesagt?“, fragte ich.

„Hm. Ich hab gesagt: Netter Teddy. Das war wohl falsch“, murmelte mein Freund und schnaubte. „Hätte ich doch gesagt: Ganz schön Kraut und Rüben. Sicher hätte ich dann jetzt Ruhe.“

Wir lachten noch, als wir in den Stollen marschierten.



Ein Tag verging wie der andere. Ich lauschte nachts dem Liebesspiel der anderen Zwerge und fummelte an mir herum, tagsüber schmachtete ich Rübe an oder schlief fast ein bei der Arbeit. Einmal ertappte der Vorarbeiter mich, während ich stehend an der Wand ein Nickerchen einlegte. Mann! Das gab Ärger! Ich musste zur Strafe Überstunden schieben und war heilfroh, dass Rübe mir Gesellschaft leistete. Ganz allein im dunklen Stollen hatte ich nämlich schon ein wenig Angst.

Vielleicht waren es genau diese Überstunden, die mich auf eine wirklich dumme Idee brachten.

Rübe und ich hackten nämlich ein Loch in die Wand und fanden … Höhlenmalereien! Staunend glotzten wir die Zeichnungen an und überlegten, aus welchem Jahrhundert sie stammen mochten. Sicher noch aus der Steinzeit, philosophierte Rübe. Ich war ja eher für die Eiszeit, behielt meine Meinung aber für mich. Es war eh unwichtig, denn am nächsten Tag würde unser Historiker kommen und sich den Kram anschauen. Ja, in der Kolonie gab es für alles Spezialisten, nur nicht … für die Liebe. Eine Wahrsagerin bot zwar ihre Dienste auch im Hinblick auf Amouröses an, doch das erschien mir irgendwie suspekt.

Während wir unsere Sachen packten und den Heimweg antraten, dachte ich an die Malereien. Wie genial, auf diesem Wege für die Nachwelt Informationen zu überliefern. Ach, könnte ich doch Rübe auch nur auf diese Weise … Zack! War die Idee da und ließ sich nicht mehr vertreiben.



Ich wartete bis zur nächsten Vollmondnacht, da es sonst schon ein wenig sehr dunkel draußen war. Hatte ich erwähnt, dass ich ein ziemlicher Schisshase bin? Sei’s drum! Ich schlich mich also durch den Bau und schnappte mein Werkzeug und die Laterne. Dabei fiel ein Hammer aus dem Beutel und landete unter Getöse auf dem Boden. Mist!

Stocksteif stand ich da und horchte. Bis auf Sams und Kunis Gestöhne war nichts zu hören. Ich hob das Werkzeug auf und verließ den Bau.

Im Stollen war es wirklich unheimlich. Die Laterne warf zitternde Schatten an die Wände und mehr als einmal glaubte ich, Geräusche zu hören. Hatte der Vorabeiter nicht mal von Geistern erzählt, die nachts ihr Unwesen in den langen Gängen trieben? Natürlich glaubte ich nicht an Geister, aber mulmig war mir schon, während ich immer tiefer in die Miene hineinlief.

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, meine kleine Zeichnung schnell anfertigen zu können. Bis Mitternacht wollte ich zurück im Bett sein, damit ich morgen nicht wieder im Gehen einschlief. Leider erwies sich die Arbeit jedoch als sehr knifflig und als ich gerade mal das Herz fertiggestellt hatte, blieb nur noch eine halbe Stunde bis zur Rückkehr.

Ich arbeitete schneller, ritzte ein ‚R‘ und ein ‚+‘, darunter ein ‚D‘, dann betrachtete ich mein Werk zufrieden. So, nun aber nichts wie weg hier! Ich packte das Werkzeug ein, schnappte mir die Laterne und da hörte ich es plötzlich: Scharrende Geräusche, die sich näherten!

Mir sackte das Herz in die Hose und die Werkzeugtasche presste ich an meine Brust. Wer … Was kam da? Ein Lichtschein bog um die Kurve und dann … ein Stiefel und … Rübe! Ich hätte vor Erleichterung beinahe aufgeschrien.

„Dominik Lassdas! Was – verflixt! – tust du hier?“, schimpfte mein Freund, während er auf mich zu lief.

Oha! Er musste verdammt verärgert oder besorgt sein, wenn er mich mit vollem Namen ansprach. Meine Schultern sackten runter und die Tasche gleich mit. Rübe erreichte mich, maß mich mit einem strafenden Blick, dann huschten seine Augen zur Wand. Sie wurden kugelrund, als er das Herz entdeckte. Tonlos bewegte er die Lippen, glotzte von mir zur Wand und wieder zurück.

„Du … und ich?“, stammelte er.

„Mhm“, machte ich verlegen und mir wurde ganz warm im Gesicht.

„Dominik“, sagte Rübe und krümmte sich plötzlich.

Seine Laterne fiel zu Boden, er ging auf die Knie und ihm … ihm wuchsen Haare, überall! Fahrig riss er sich die Klamotten vom Leib. „Au ja!“, dachte ich noch, doch er tat es wohl nur, damit der Pelz mehr Platz hatte und die Kleidung heil blieb.

Vor meinen Augen verwandelte er sich in einen … Hund? Meine Kinnlade klappte runter und ich umklammerte den Griff meiner Laterne, bis die Knöchel weiß hervortraten. Was – zum Henker – geschah hier?

Aus einem bedrohlichen Wolfsantlitz funkelten mir Rübes Augen entgegen. Das Fell war rot, wie seine Haare und er reichte mir bis zur Schulter. Spitze Zähne blitzen auf, als er das Maul öffnete und ein Knurren von sich gab. Jeder normale Zwerg wäre schreiend davongelaufen. Ich blieb stehen und bewunderte Rübes neue Gestalt. Ein Teddy! Für mich! Ein Wolfsteddy!

„Rübe?“, rief ich und klopfte mit dem Fingerknöchel gegen die Stirn des Wolfes. „Bist du da drinnen?“

Das Tier hörte auf zu Knurren, blinzelte und sackte auf die Hinterläufe.

„Rübe?“, frage ich nochmal und beugte mich dabei zu seinem Ohr. „Halloooo, steckst du in dem Pelz?“

Der Wolf seufzte und winselte leise.

„Ach so, du kannst nicht sprechen, richtig?“, riet ich.

Er nickte.

„Okay. Dann machen wir es so: Wenn Rübe da drin ist, dann nicke jetzt zweimal“, sagte ich und fühlte mich furchtbar klug dabei.

Der Wolf nickte zweimal.

„Rübelein!“, flüsterte ich gerührt.

Das Tier knurrte.

„Ähm. Wenn du mich auch lieb hast, dann nicke doch bitte dreimal“, sagte ich mutig.

Ich zählte genau mit und es waren wirklich drei Male, die der Wolf bedächtig nickte.

„Lieb-lieb?“, erkundigte ich mich.

Das Tier wippte in so rascher Abfolge mit dem Kopf, dass ich vorsichtshalber nachfragte: „War das dreimal oder öfter oder …?“

Ein genervtes Knurren hallte in den Gängen wider, dann sprang der Wolf mich an. Wow! Ich hatte den wohl allerkuschligsten Teddy der Welt im Arm und … es war Rübe! Sein Liebeszepterchen drückte gegen meinen Bauch. Ich riss mir die Sachen vom Leib, schmiegte mich an das weiche, rote Fell und rieb selbstvergessen mein Biskuitstängchen an dem von Rübe.

„Wu-ha!“, stöhnte ich und griff nach unten.

Rübe schleckte mir über die Wangen, während ich unsere Stängelchen bis zu einem lustvollen Springbrunnen hin rieb. Oh Zwerg! War das schön! Zufrieden und ermattet kuschelte ich mich ganz in Rübes fellige Umarmung. Bevor ich jedoch die Augen zumachte, löschte ich die Laternen. Samtiges Dunkel umschloss uns und ich schlief sofort ein.



Stunden später weckte mich eine Bewegung. Eine der Laternen erhellte den Stollen. Ich entdeckte Rübe, knallnackt, der vor mir auf dem Boden hockte und ganz verzweifelt guckte. Mit einer Armbewegung hatte ich ihn wieder nah bei mir. Endlich konnte ich seine schönen Lippen kosten und da er sich nicht wehrte, fummelte ich überall an ihm herum. Überall!

„Wohoho!“, stöhnte mein Liebster, als ich sein Kölbchen sanft massierte.

„Das gefällt dir, nicht wahr?“, säuselte ich. „Mein wildes Tier!“

Rübe prustete los und rollte sich dabei von mir weg. Er hielt sich den Bauch vor Lachen und ich kicherte ein wenig mit, rein aus Gesellschaft. Keine Ahnung, was er so erheiternd fand.

„U-hund ich … ha-hab mir so-holche So-hor-gen gemacht“, stammelte er lachend. „Dabei findest du das Ganze sogar aufregend.“ Er schaute zu mir und lächelte breit.

„Tja. Ich hab mir immer einen Wolf gewünscht und dass gerade du … Bist du … ein Wer-Zwerg?“, fragte ich, wobei ich klammheimlich näher zu ihm rückte.

„Ja. Und ich hasse es!“ Rübe schnaubte, verzog kurz angewidert das Gesicht, doch dann hellte wieder ein Grinsen seine Züge auf. „Wenn ich geahnt hätte, dass du nicht abgestoßen bist. Ich hätte dich schon lange verführt.“

„Ver-fü-hürt?“, stammelte ich und presste mich an Rübes scharfen Körper.

„Jau! Und jetzt geht’s los“, erklärte er und wälzte sich in voller Schönheit auf mich drauf.

Unsere Klamotten als Unterlage verhinderten schlimme Abschürfungen, als wir als Knäuel über den Boden kullerten. Rübe eroberte mich mit seinem Lustspeerchen, dass mir Hören und Sehen verging. Vereint und tief befriedigt schnaufend fanden wir uns verknotet an der Wand wieder. An der Wand, an der mein Herz prangte.

„Oh Dominik“, seufzte Rübe und küsste mich zart. „Du bist soooo ein …“

„Schatz?“, riet ich.

„Ja, mein Schatz“, flüsterte mein Freund und strahlte so stark, dass die Laterne neidisch erblasste.



Fortan machten wir noch viele Ausflüge in Vollmondnächten. Für die Zukunft werden wir uns einen eigenen Bau suchen, damit wir unserer Vorlieben frönen können. Sehr aufregender Vorlieben …



ENDE



Der blonde Alptraum

 

Immer wieder werden Kleinnager tot im nahegelegenen Wald gefunden. Dann wird ein Zwerg von einer Kreatur angefallen. Die Kolonie ist in heller Aufregung. Konan Krötenschreck, eine Art Geisterjäger, wird engagiert, damit der Spuk ein Ende findet.

***


„Heute war es eine Maus und ein Eichhörnchen“, flüsterte Bertanie aufgeregt in Rübes Ohr. „Ich glaube ja, dass es ein Grizzly ist. Oder der Yeti. Wer sonst sollte die Kraft haben, die armen Nager gegen einen Baum zu schleudern?“

„Deine Fantasie geht mit dir durch“, tadelte Kuni mit strengem Blick und legte eine Hand beruhigend auf Sams Schenkel. „Es gibt den Yeti nicht und Grizzlys halten sich im fernen Amerika auf. Die können gar nicht so weit schwimmen.“

„Meinst du?“, wisperte Sam und lehnte sich näher an seinen Gefährten.

„Und wenn? Ich beschütze dich“, hauchte Kuni in Sams Ohr und drückte einen Kuss auf dessen Hals.

„Pfui!“, rief Bertanie mit angeekelter Miene. „Lasst den schwulen Mist in meiner Gegenwart!“

„Zicke!“, murmelte Dominik und lächelte Rübe an.

„DAS hab ich gehört“, zickte Bertanie und stapfte aus dem Raum.

Für eine Weile herrschte Ruhe, dann seufzte einer der Zwerge. „Ich mach mir Sorgen“, sagte Kuni mit gerunzelter Stirn.

„Sie wird nur ihre Tage haben“, meinte Sam begütigend.

„Bah! Nicht um Bertanie! Ich mache mir Sorgen wegen dieser Vorfälle“, rief Kuni und warf einen Blick in die Runde. „Was, wenn ein Wolf oder gar Schlimmeres sein Unwesen im Wald treibt?“

Betretenes Schweigen. Jeder der Zwerge wechselte einen Blick mit seinem Nachbarn, da keiner um das Geheimnis des jeweils anderen Paares wusste. Gab es noch einen Werwolf und wer – bitteschön! – war es? Man seufzte schwer und wandte sich wieder dem Frühstück zu.


Der Tag verging mit emsiger Arbeit, wie sonst auch. Es wurde zwar hier und da getuschelt und zwischendurch war ekstatisches Stöhnen aus einem Busch zu hören, doch sonst lief alles ganz normal.

Oswald Oberwichtig jedoch, in seiner Funktion als Oberzwerg, legte die Stirn in Falten. In seiner Kolonie grassierte etwas, auf das er nicht den Finger legen konnte. Zum einen waren da diese Zwerge, die mit ihresgleichen – also, geschlechtstechnisch – herumpoussierten, zum anderen diese nächtlichen Vorfälle im Wald.

Er wagte es gedanklich kaum eine Verbindung herzustellen. Dazu reichte seine Intelligenz auch gar nicht, da diese ausschließlich für die Beschaffung von Goldklümpchen konzipiert war. Dennoch … wenn diese Sache noch schlimmer wurde – also, die mit den nächtlichen Vorfällen – würde er gezwungen sein etwas zu tun. Das behagte ihm gar nicht, deshalb ließ er den Gedanken vorläufig fallen und wandte sich wieder dem Zählen von Gold zu. Das liebte er und konnte darin so richtig aufgehen.


Wieder wurde es dunkel in der Kolonie. Der Mond ging auf und leckte mit Silberstrahlen über die nächtliche Landschaft. Das gespenstische Licht warf Schatten, wo immer es auf Widerstand traf. Alles schlief. Alles?

Oha! Nein! Dort bewegte sich etwas! Ein Wichtel in Nachthemd und –mütze trottete aus einem Bau, die Arme weit nach vorn gestreckt, die Augen geschlossen. Wie ein kleiner Geist tappte der Zwerg geradeaus, stetig auf den dunklen Wald zu. Er erreichte die ersten Baumstämme und wie durch ein Wunder kollidierte er mit keinem derselben. Mit stetigem Schritt geriet der Kleinwüchsige immer tiefer unter die dunklen Kronen, bis er doch gegen einen Stamm rammte und mit einem überraschten ‚Oh!‘ zu Boden ging.

Während er sich die schmerzende Stirn rieb, erhob sich in der Düsternis ein Schatten. Ein tiefes Grollen erklang und dem Zwerg wurde angst und bange. Er wollte aufspringen, war jedoch in Furcht erstarrt. Der Schatten kam näher, das Knurren wurde tiefer und dann …


„Ich kann mich an nichts erinnern“, wimmerte Karel Kannsnicht und bedeckte weiterhin seine Augen mit einem Arm.

Um ihn hatten sich zahlreiche Schaulustige eingefunden und Oswald Oberwichtig stand ganz vorn. Dessen strenger Blick war starr auf Karel gerichtet, der sich in dem weißen Nachthemd etwas dämlich vorkam. Wenigstens war das Moos in seinem Rücken schön weich und – bis auf ein paar Kratzer – hatte er keinerlei Wunden davongetragen.

„Es war dunkel und ich konnte nichts sehen. Mir geht’s so schlecht“, jammerte er theatralisch, auf einen freien Tag hoffend.

„Es reicht!“, verkündete Oswald. „Diese Sache muss ein Ende haben! Karel, steh auf und geh an die Arbeit. Das Gold wartet. Ich kümmere mich um diesen Mist.“

Mit diesen Worten stampfte der Oberzwerg davon und Karel nuschelte: „Mist!“ Langsam rappelte er sich hoch und trottete den anderen Zwergen hinterher, dabei kickte er den einen oder anderen Tannenzapfen mürrisch weg.

Die ganze Nacht im kalten Wald herumzuliegen, nur um am nächsten Morgen von aufgeregten Zwergen umkreist aufzuwachen, war etwas, was ihm gar nicht gefiel. Diese Sache mit dem Schatten – er wusste wirklich nicht, was passiert war. Nur, dass er einen akuten Kicheranfall erlitten hatte, bevor ihn Krallen am Hals trafen und er einen Schubs bekam, nach dem er in komaählichen Schlaf gefallen war.


Der Mond nahm ab und drei Wochen, in denen nichts passierte, gingen ins Land. Also, jedenfalls kamen keine Kleinnager zu Tode. Es wurde fleißig gearbeitet, der eine oder andere Busch erzitterte unter einem leidenschaftlichen Stöhnen und auch sonst war alles normal. Bis eines Abends …

Die Zwerge waren gerade wieder in der Kolonie angekommen und alle hatten tierischen Kohldampf, dennoch lenkte das nun folgende Schauspiel jeden von diesem dringenden Grundbedürfnis ab:

Ein Zwerg auf einem stolzen Rappen ritt auf die Lichtung und sein Haar – also: das des Kleinwüchsigen – wallte gar prächtig über seine Schultern. Lange, tiefschwarze Locken reichten dem Winzling bis zum Hintern. Auf seinem Kopf thronte ein Helm, geschmückt von zwei Hörnern und er trug eine imposante Lanze in der rechten Hand.

„Hu-hu“, flüsterte Sam und kickte den Ellbogen in Kunis Rippen. „Wenn das mal nicht ein Phallussymbol ist.“ Er kicherte, wurde aber sogleich wieder ernst, als ihn Oswalds strafender Blick niederbrannte.

„Ähm. Willkommen, Konan Krötenschreck“, rief der Oberzwerg und breitete in einer imposanten Geste beide Arme aus. „Wir sind froh, dass du uns zur Seite stehen wirst.“

„Hm“, flüsterte Dominik Rübe ins Ohr. „Wo hat Oswald den denn ausgegraben?“

„Nun seid doch mal still!“, zischelte Wilfried, der sonst eher scheu war und den prächtigen Recken voll inbrünstiger Bewunderung anglotzte.

„Reg dich ab“, meinte Kuni herablassend und wuschelte dem blonden Wilfried durchs Haar. „Wir scherzen doch nur.“

„Konan wird das Ungetüm für uns bezwingen“, salbaderte Oswald unterdessen, während der Dunkellockige von seinem Rappen stieg. „Ich habe ihn zur Hilfe gerufen. Nehmt den Helden gut auf und sorgt für sein leibliches Wohl. Gundula? Hast du alles vorbereitet?“

Die Zwergenfrau trat mit ernster Miene vor und neigte den Kopf.

„Alles ist bereit, Oh Herr“, flötete sie und machte sogar einen Knicks.

„Ich kotz gleich“, wisperte Sam und Kuni kicherte hinter vorgehaltener Hand.


So hielt also der stolze Recke Konan Krötenschreck Einzug in die Kolonie.


Die gute Gundula Gaumenschmaus umhegte den Helden und wich kaum von dessen Seite. Irgendwann wurde es Konan jedoch zu viel, sodass er sie in ihre Schranken wies. Sie hatte sich des Nachts zu ihm ins Bett gesellt und das war selbst einem abgebrühten Zwerg wie ihm zu dreist. Leicht schmollend wahrte die Zwergin fortan Abstand und Konan atmete auf.

Tagsüber erforschte er den Wald auf gründlichste Art, nachts unternahm er Streifzüge, die aber ergebnislos blieben. Alles war ruhig.

Der blonde Wilfried war stets in der Nähe, wenn Konan irgendwo in der Kolonie herumspazierte. Mit Lolliaugen verfolgte der Zwerg jede Bewegung des Helden und stolperte dabei so manches Mal über seine eigenen Füße. Von den anderen wurde er zumeist ohnehin wegen seiner Schusseligkeit verspottet, deshalb machte es ihm nichts aus sich zum Narren zu machen. Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken.

Als er Konan einmal schüchtern fragte, ob er ihn bei einem der nächtlichen Streifzüge begleiten könne, wuschelte dieser ihm durchs Haar und lachte gutmütig.

„Ach, Willi, du wärest mir doch keine Hilfe. Wenn ich das Ungeheuer endlich stellen kann, dann würdest du nur im Wege sein“, sagte er freundlich.

Wilfried schluchzte. Sein Herzlein wog schwerer als ein Dutzend Goldbarren und Millionen von Faltern schwirrten in seinem Bauch umher. Er war dem Dunkelgelockten mit Haut und Haar verfallen, daher schmerzte die Ablehnung umso mehr.

„Dann eben nicht“, flüsterte er traurig und trollte sich, wobei er stolperte und nur ein beherzter Griff seitens Konans einen Sturz verhinderte.

„Hoppala!“, rief dieser und umschlang seine Taille. „Nun fall mal nicht auf deine hübsche Nase.“

Hüb-sche Na-ha-se? Wilfrieds Herzchen schwoll an und erneut machte sich Hoffnung in seiner Hose stark. Empfand Konan ihn als hübsch?

„Alles in Ordnung?“, fragte dieser, strich ihm eine Strähne aus der Stirn und lächelte gar lieblich.

Insgeheim fand er Wilfried schon sehr niedlich, jedoch verbarg er dieses Gefühl unter einer freundlichen Maske. Dass er dem eigenen Geschlecht zugetan war, durfte niemand wissen. Sein Ruf als Monsterjäger würde darunter erheblich leiden. Das vermutete er zumindest und für Experimente war er einfach zu feige.

„Ich bin hübsch?“, flüsterte Wilfried mit Welpenblick.

„Oh ja! Für einen Zwerg bist du außergewöhnlich attraktiv“, rief Konan aus, ließ ihn los und trat einen Schritt zurück. „Und sehr blond“, fügte er leiser hinzu.

„Danggeschön“, nuschelte Wilfried und rannte für den Rest des Tages mit einem Dauergrinsen durch die Gegend.


In dieser Nacht klettere eine vollständige Mondscheibe hinauf zum Firmament. Silbriges Licht fiel auf Bäume und Sträucher und die ganze Zwergenkolonie hielt den Atem an. Bisher waren die schlimmen Dinge stets in solchen Nächten passiert. Würde Konan das Biest endlich zur Strecke bringen?


Der Recke begab sich lange vor Mitternacht in den Wald und bezog Posten auf einem Baum. Er hatte ein Breitschwert bei sich, sowie ein langes Tau. Entgegen den Wünschen des Zwergenoberen wollte er das Monstrum lebend fangen. Sein Plan hinsichtlich des Störenfrieds war keineswegs ehrbar. Da Konan des Monsterfangens langsam müde wurde, wollte er mit dem nächsten Exemplar über Jahrmärkte ziehen und es ausstellen. So könnte er seinen Lebensunterhalt auf weit weniger anstrengende Weise bestreiten. Über die Seele des Biestes machte er sich bei dieser Planung keine Gedanken, denn nach seiner Ansicht hatten diese Viecher keine.

Mucksmäuschenstill hockte Konan also in der Baumkrone und wartete. Das war der anstrengendste Teil der Jagd: Das Stillhalten. Er hasste diese Phase und vertrieb sich die Zeit mit dem verfassen von Versen. Insgeheim war Konan nämlich ein verkappter Romantiker, was er aber wohlweislich niemandem jemals verriet.

Gerade hatte er in Gedanken einen Reim mit einhundert Zeilen abgeschlossen, als Unruhe auf der nahegelegenen Lichtung entstand. Verhaltenes Gelächter drang an sein Ohr. Lautlos verließ Konan sein Versteck und schlich auf die Geräusche zu. Als er über einen niedrigen Busch linste, verschlug es ihm den Atem.

Ein riesiges, helles Wollknäuel stand auf der Lichtung und schnaubte wütend, während zahlreiche Nager kichernd böse Scherze über seine Gestalt rissen. Jeder Versuch, furchteinflößend zu wirken, schlug fehl und wurde von noch mehr Gelächter begleitet. Schließlich knurrte das Ding frustriert und begann, wahllos Hiebe zu verteilen. Hier flog ein gackerndes Eichhörnchen gegen einen Baumstamm, dort erhielt ein giggelndes Karnickel einen harten Schlag.

Konan hatte Mühe ein Lachen zu unterdrücken, das angesichts des zottigen Gesellen unweigerlich in seiner Kehle kribbelte. Er riss sich zusammen, sprang, bevor das Ungeheuer noch mehr Nager erwischen konnte, hinter dem Busch vor und brüllte: „Hier bin ich! Komm, fang mich, du Biest!“

Der Zottel hielt inne, starrte in Konans Richtung und ein wütendes Grollen ließ die Gräser zittern. Erstaunlich behände bewegte es sich auf den Recken zu, der die Beine in die Hand nahm und loswetzte.

Flink wie ein Karnickel schlug Konan Haken und rannte um sein Leben, dichtauf gefolgt von dem Biest. Er konnte dessen feuchten Atem schon fast im Nacken spüren, als die Falle zuschnappte.

„Au-haaaa!“, kreischte das Wollknäuel und ging zu Boden.

Konan bremste, schnappte nach Luft und wandte sich dem Ungeheuer zu. Dessen Pfote steckte in einer Bärenfalle, die sich mit eisernen Zähnen in das Fell grub. Bevor das Viech auch nur ‚piep‘ sagen konnte, hatte Konan es mit dem Strick zu einem netten Bündel verschnürt. Anschließend entfernte er die Falle, da er nicht wollte, dass sein zukünftiges Ausstellungsstück durch eine tiefe Wunde verunziert wurde.

Zufrieden glotzte er auf seinen Fang, der wimmernd und jaulend sein Los beklagte. Sobald es dämmerte, würde er das Ding hinten an seinen Rappen binden und sich schleunigst aus dem Staub machen. Bis dahin brauchte er aber noch ein wenig Ruhe. Kurzentschlossen versetzte er dem Jammerlappen einen Hieb mit dem Schwertgriff gegen die Schläfe, damit das Tier endlich die Klappe hielt. Es sackte in sich zusammen. Wahrscheinlich war es bewusstlos.

Konan setzte sich ins weiche Moos und lehnte den Rücken an einen Baumstamm. In dieser Position fiel er in einen leichten Schlaf.


Einige Stunden später weckten ihn klägliche Laute. Er rieb sich die Augen, schaute zu dem Monstrum hin und stellte staunend fest, dass an dessen Stelle ein blonder Zwerg in den Stricken lag. Ja, nanu? Wo war denn das Fellknäuel hin?

Konan krabbelte zu seinem Fang und musterte das Zwerglein. Es war Willfried. An seiner Schläfe schillerte eine lila Beule und somit war klar, dass es sich hier um das Monster handeln musste.

Die helle Haut des Zwerges schimmerte verführerisch im schwindenden Mondlicht. Konan schnüffelte und Wilfrieds erdiger, männlicher Duft kroch in sein Gehirn. Hinzu kam, dass die erdbeerroten Lippen wie geschaffen für einen Kuss schienen.

„Mach mich los“, bettelte Wilfried mit ängstlich aufgerissenen Augen. „Ich habe nichts getan.“

„Du hast mal wieder in deiner Wut Kleinnager verletzt“, grollte Konan.

„Hab ich?“ Der Kleine schniefte. „Das tut mir so leid. Ich … ich kann mich an nichts erinnern.“

„Du bist also ein Wer-Zwerg“, stellte der Recke nüchtern fest. „Dachte, euch gibt es gar nicht.“

„Tu mir nichts“, winselte Wilfried.

Konans Blick wanderte über den sexy Leib und seine lange unterdrückten Sehnsüchte brachen hervor. Sein Stielchen wurde ganz hart und in seinen Adern begann es zu brennen. Hinzu kam, dass die schicke Fesselung seine Lust noch schürte. Wilfried so hilflos ihm ausgeliefert zu sehen, war zu viel für seine Beherrschung.

Er beugte sich vor und kostete den zarten Erdbeermund, während seine Fingerspitzen neckend über die glatte Zwergenbrust strichen. Wilfried hielt sofort still und als die Finger an seinem Schwengelchen herumzupften, plöppte dieses sogleich hoch. Wie ein Mast im Sturm kam es schwankend zum Stehen, was Konan ein entzücktes ‚Holla!‘ entlockte.

„Tu mir doch was“, wisperte Wilfried und schnappte nach seinen Lippen. „Bitte schnell!“

Das ließ sich Konan nicht zweimal sagen. In Null-Komma-Nix war er nackt und befreite hastig den Kleinen von dem Tau. Bei dem, was er vorhatte, war es von Vorteil, wenn sich Wilfried beteiligen konnte. Er warf sich auf den hübschen Zwerg und kostete erneut voller Leidenschaft dessen Erdbeerlippen. Wilfried schlang beide Arme und Beine um den Recken. Selig gab er kleine Piepser von sich und schubberte sein Becken ungeniert an dem seines Liebsten.

„Du bist ja ein ganz wilder“, knurrte Konan, wobei er sein schweres Lustritterchen langsam in den engen Kanal schob.

„Wuha!“, machte Wilfried und wackelte so eifrig mit dem Hintern, dass er sich selbst aufspießte.

„Mein sexy Zottelbär“, brummelte Konan, rollte sich auf den Rücken und nahm dabei Wilfried mit, sodass dieser auf ihm zu sitzen kam. „Na los, reite deinen Herrn!“

Ein erster Sonnenstrahl fiel auf ein schwitzendes, keuchendes Zwergenpärchen, das im Galopp auf dem Weg in den Himmel war. Mit einem freudigen ‚Ja-ja-ja!‘ erreichten sie zusammen den Zenit und traten aneinandergeklebt die Reise an. Als Knäuel kullerten sie übers Moos und landeten schlussendlich in einem Busch.

„Hach“, seufzte Wilfried selig und schmiegte sich an Konan.

„Mhmm … so gut“, säuselte dieser und malte mit der Fingerspitze verträumt ein Herz auf Wilfrieds Rücken.


„Willst du mit mir kommen?“, fragte Konan nach einer Weile. „Zusammen könnten wir alle Monster dieser Welt besiegen.“

„Du und ich?“ Wilfried bekam Kulleraugen und schniefte plötzlich. „Du und ich? Wir beide?“, wisperte er und ein dicker, salziger Tropfen löste sich aus seinem Augenwinkel.

„Ja, du und ich. Einmal von der verbotenen Frucht genascht, will ich nie wieder davon lassen“, brummelte Konan und küsste seinem Liebsten die Tränen von den Wangen.

„Verbotene Frucht?“, fragte Wilfried naiv.

„Mhm, isch bin verrückt nach deinem Erdbääärmund“, säuselte der Recke.

Der Kleine kicherte, wurde aber schon bald mit leidenschaftlichen Küssen ruhiggestellt. Für lange Zeit war nur lautes Schnaufen und Stöhnen zu hören.


Die Sonne hatte bereits ihre ganze Scheibe über den Horizont geschoben, als die beiden Zwerge Hand in Hand zu Konans Bau schlichen. Wilfried trug zwar die Shorts des Recken, doch insgesamt waren sie nur unzureichend bekleidet, weshalb sie schnell die Schlafkammer aufsuchten.

Gundula murrte, als Konan einen Gast zum Frühstück mitbrachte, hielt aber zum Glück anschließend den Mund. Satt machten sich die beiden dann auf den Weg zu Oswald, der schon neugierig auf den Rapport des Monsterjägers wartete. Dass in der Nacht Unruhe im Wald geherrscht hatte, war natürlich schon bekannt, doch was genau geschehen war, wusste niemand. Das würde auch niemand je im Detail erfahren.

Oswald hörte sich den Bericht an, dabei strich er immer wieder durch seinen Bart. Sein Blick ruhte nachdenklich auf Wilfried, der verlegen auf seine Stiefelspitzen guckte.

„Ein Wer-Zwerg“, murmelte Oswald schließlich und schüttelte den Kopf. „Und ausgerechnet du!“, fügte er hinzu.

„Ich kann doch nichts dafür“, wehrte sich Wilfried und hob trotzig das Kinn. „Ich bin mal im Pfadfindercamp von einem Wolf gebissen worden. Danach passierte lange nichts, bis ich … bis ich dieses Jahr 120 wurde und anfing, schlafzuwandeln … Ähm, also mich zu verwandeln.“

„Ja-ja, die Pubertät“, sinnierte Oswald und seufzte. „Du darfst bleiben, musst aber ein Deeskalationstherapie machen“, verkündete er streng. „Und bei Vollmond stehst du unter Arrest. Allerdings … wer soll dann auf dich aufpassen?“ Sein Blick fiel auf Konan.

„Ich könnte das übernehmen“, sagte der sogleich und unterdrückte ein breites Grinsen.

„Na, dann ist ja alles geklärt“, knurrte Oswald. „Ich hab zu tun, muss Goldklumpen zählen. Also, ich will nie wieder solchen Mist in meinem Wald.“


„Was hat er mit dem Mist gemeint?“, fragte Wilfried, während sie den Oberbau verließen.

„Wohl kaum unsere heißen Bubu-Spiele“, raunte Konan und zwinkerte ihm zu. „Ich werde dich also heute Nacht fesseln und auf dich aufpassen.“

Selig lehnte sich Wilfried an den tapferen Helden, dabei suchte er heimlich dessen Hand. Sein Glück war vollkommen, der stolze Recke gehörte ihm.


Und so lebten sie glücklich, bis an das Ende ihrer Tage.


ENDE


Impressum

Texte: Sissi Kaiserlos
Bildmaterialien: 123rf.com Design Caro Sodar
Tag der Veröffentlichung: 08.03.2014

Alle Rechte vorbehalten

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