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Sein Atem ging schneller, als ihm lieb war. Nein, er war nicht aufgeregt, er war hochgradig erregt, als er sich über den blassen Hals beugte und langsam den Mund öffnete. Fast zärtlich gruben sich seine langen Eckzähne tief in das zarte Fleisch. Ein Seufzer entwich den Lippen der Liegenden, deren Blässe sich vertiefte, während er trank, saugte und trank, den sprudelnden Born des Lebens. Seine eben noch welke Haut errötete, straffte sich und aus dem als Greis Angekommenen wurde mehr und mehr ein strahlender Jüngling.
Er erhob sich, schaute bedauernd auf das verlöschende Leben vor ihm. Er war zu gierig gewesen, hatte zu schnell getrunken, das würde sie nicht überleben. Doch dann trat er zur Seite, seine Augen blitzten. Er fühlte das pulsierende Leben in sich.
„Endlich wieder satt, endlich wieder voll Kraft!“ Mit diesem Ruf drehte er sich um sich selbst, hob die wehenden Mantelecken mit weit ausgebreiteten Armen hoch und eilte durch die Gänge des alten Gemäuers, vorbei an den geschlossenen Türen, hinter denen so unendlich viel Leben für ihn schlief.
Ja, er hatte sie gefunden, seine Gaststätte der Fülle, endlich gefunden.
Das Internat der jungen Mädchen aus gutem Hause, die, um dem Alltag der Strenge und des puritanen Lebens einmal zu entfliehen, gerne bereit waren, den heimlichen, nächtlichen Besucher einzulassen. Er konnte sich auf die Neugier und auch die Verliebtheit dieser jungen Gänse verlassen.


„Linda, Linda, wach doch auf, was ist denn nur?“
Joanna rüttelte an der Freundin, die nicht zum Frühstück erschienen war. Erschrocken über deren Leblosigkeit, über ihre durchscheinende Blässe rannte sie mit lauten Hilferufen auf den Gang.
„Schnell, schnell, Linda ist krank, schnell den Doktor!“
Aufgeregt sprudelte sie nun über, als Herta Konzelmann, die Geschichtslehrerin sie auffing.
„Mal langsam, ich verstehe dich nicht, was ist passiert?“


Geht weiter.....

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Tag der Veröffentlichung: 01.03.2013

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