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Peter Lind

Dialog

du wiederholst dich
als spräche eine andere in dir
mit ungewohnten worten
die zerfallen
wie schmelzender zucker
auf deinen lippen
meine blicke
klaffend scharf
plötzliches begehren
deiner brüste
der wärme
zwischen deinen schenkeln
die schatten zucken
und deine sprache
folglich auch
vernarbt
in diesem spiel
wie ein kleiner tod

Seiltanz

abgestreckte grenzen
komödie
gewalt
distanz
dimensionen
der dinge im verborgenen
situationen
die sich verbrauchen
sonnenauf
sonnenuntergänge
ideen
wahnideen
sprachloses betrachten
vermeidbar gewesenem
in jedem moment
und darüber hinaus
erkenne ich die bewegung
beim abschied meiner gedanken
ich nehme den notausgang

Sonnenstreif

halbdunkle stille
im spiegel
ich mißtraue
diesem gesichtsausdruck
hinter dem sich
ganz und gar
persönliches verzehrt
was will ich nur
von mir

Eingemauert

ich öffne
meinen reißverschluss
heraus fallen
schutt und staub
ich weiß
nur ein schwanz
führt zu dir

O-Ton

die kraft der lüge
kälte die lähmt
angst die auffrißt
steinerne engel
die larven tragen
ohne lächeln
geisterdialoge
auf den lippen
fragen
leerlauf ist einsturz
antworten
überholmanöver
nebel
gebietsweise
für immer

Umdrehung

was bleibt
von all
den himmlischen augenblicken
wenn ich mich
getrieben
von den trieben
meines erhabenen alleinseins
beraubt
in den niederungen
menschlichen daseins
wiederfinde

Winterspaziergang

ich schreie die freude
ich schreie die angst
ich schreie das küssen
doch der wald
spricht nicht mehr
mit seinen toten zweigen
den dunkelgrünen blättern
voll grauer schatten
ich gebe ruhe
es ist ruhe

Impressionen

Schierlingsbecher

gefrorener nebel
wie teuflischer schweiß
beim schwimmen
im eigenen saft
die verzweiflung
auf beutezug
im alles
umfassenden netz
dichtgespannt
die seitenstränge
ohne möglichkeit
zur flucht
melancholie
rizinußöl

seifenblase

die wärme des lebens
ist kalt
tief unter der haut
wuchert der rost
türmen sich
eis und schnee
ersetzt die dummheit
das denken
in dieser schnittbogenmusterwelt

gegenwart

zerbrechlich
der weg
durch die graue
weihrauchwolke
zerriebener luft
verblichem licht
im wechsel
zwischen tag und nacht
ist der punkt erreicht
an dem etwas aufhört
erklären zu wollen

Flammenmeer

die wahrheit der seele
die wahrheit des körpers
und die suche
nach dem ort der formel
alleine
immer alleine
im rücken die hoffnung
oder
das leben
etwa ein mißverständnis
ohne klare linie
ich habe keine antwort

Lebensfern

verschwommene angst
papierschiffchen der lüge
spuren besserer stunden
müßig verlorene worte
in den wind
geredeter zärtlichkeit
für nie geschehene wünsche
nach dem was
sehnsucht
nach dem nie
enden wollenden fluß
ohne wasser
erlischt das leben

Gerümpel

geheimnisvolle wirklichkeit
aufgebläht
erledigt
verschlissene gestalten
ich hätte gerne
ein fest zu geben
aber für wen
statt dessen
muß ich kotzen
der allgemeinen dummheit wegen

Impressionen

Am Rande

ausgeworfene
nachdenklich
fernab
jeglicher begeisterung
verstoßen
wie mißratene kinder
stehen
oder sitzen sie da
die erbärmlichen pfennige
betrachtend
die ihnen das mitleid
mit auf den weg gab

Spiritualität

ein volk
ohne
ist wie ein dürres gerippe
ohne leben
ohne geist
alles denken
alles tun
wie ein baum ohne gipfel
denn aus bloßem verstand
wird nie verständiges
aus bloßer vernunft
nie vernünftiges

Verwirrung in Bildern

schreiende glockenspiele

im innern

der zerklüfteten schluchten
gigantische sänger in flammen
eilen herbei
auf der suche
nach dem rettenden halt
in der lawine
ein gewitter tobt
über den gipfeln
beim tanz
auf den dornen
im glanze von opalen
und rotfarbenen gewändern
der niederbrennenden sonne
ein letztes fest
bevor
das paradies
im rausch der tödlichen splitter
unterm aufgewühlten meer
zusammenstürzt
erfüllen
die gütigen arme der stille
die leise gewordene zeit

Es ist besser so

während
die heuschreckenwolke
sich erhebt
an der stelle
wo wir uns liebten
sage ich dir
etwas romantisches
beim rauch deiner zigarette
lege den stummel
in den aschenbecher
ich werde dich verlassen

Impressionen

Ziehe deine Schlüsse

sprich mit mir
steige aus
aus diesen betten
in denen ich dich hüpfen sehe
ich werde mich bemühen
sanft zu sein
lege sie zur seite
deine schmutzigen nylons
wie deine treueschwüre
die so frisch
wie der klebrige sperma
zwischen deinen schenkeln
merkst du nicht
dass wir verloren haben
sprich mit mir

Sobald

zu groß
für worte
die träumereien
meiner unlust
ein blick aufs wetter
ich will lautlos
dem sog paroli bieten
ich will mir den dreck
aus dem leibe kotzen

Bühne

eintrittskarte
vorhang auf
eine szenerie
wie aus pappe
sich mechanisch
bewegende körper
ausdruckslose schattenwelt
wie aus einem stoff
erstarrt
zu trostloser schalheit
zuschauer
darsteller
statisten
schmorend
in der eigenen stinkenden scheiße
vorhang zu

Sanftmut

immer wieder
es treibt mich
unter
die mit tau geschmückten bäume
wo über mir
die melodie des morgens
mit leisen tönen
den neuen tag verkündet
wo liebliche luft
im lichte der aufgehenden sonne
frei und friedlich
die wolken des himmels vereint
will ich mich lösen
aus meiner kümmerlichen schale
euch folgen
ins weite schattenreich
fremder vertrautheit
die einblick gewährt
verschlossenen auges
schmachte ich weiter
in ketten

Konventionen

heirat
sicherheit
geregeltes
schlafzimmebetätigungen
monotonie
jämmerliche kompromisse
mottenlöcher ehelicher genügsamkeit
hundert tropfen schweiß
formalitäten

In Zukunft

ich schweige
in meinem gesponnen netz
benommen
nach der niederlage
standartisierte gesten
ersetzen die worte
pausenloser begierde
der sonne gleich
die anschaut
die wuchernde sehnsucht
schädlicher verwirrung
und warte auf die nacht

Dichtkunst

im maß des unbekannten
blutende wetterleuchten
die auflehnung im gesicht
alles hinter sich zu lassen
in dieser welt
und ihrer undurchdringlichkeit
auch sich selbst
keine erinnerung
keine eitelkeit
keine neigung
keine bindung an die vergangenheit
die große anziehungskraft der einfachheit
 

Impressionen

Impressum

Copyright Texte: peter lind
Copyright Bildmaterialien: peter lind
Tag der Veröffentlichung: 04.10.2013

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Allen Tieren dieser Erde und Patricia

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