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Der eigene Wille erzeugt elektrische Ströme, die sich im Laufe vieler Jahre auf die unmittelbare Umgebung niederschlagen, das wird behauptet und so wollen selbst Wissenschaftler Geistererscheinungen erklären. Nun konnten scheinbar keine messbaren Ergebnisse erzielt werden, zumindest ist mir darüber nichts bekannt, aber in einigen alten Gemäuern scheint es noch ganz schön turbulent zuzugehen. Ich wohnte seit einigen Tagen in einem einfachen Cottage. Vom Fenster vor meinem Arbeitsplatz konnte ich durch die leeren Öffnungen einer Ruine das Meer sehen. Das Bild, vor allem in den Morgenstunden, wenn die Sonne (was leider nicht oft vorkam) das Meer in eine glitzernde Fläche verwandelte, war unbeschreiblich schön. Die Ruine war fast vollständig in einen grünen Mantel aus Efeu gehüllt, man konnte aber Teile der schön gestalteten Mauer aus einfachen Feldsteinen sehen. Einige Male war ich in ihre Nähe gekommen, hatte aber eine genaue Untersuchung immer wieder verschoben.
Aber heute war ein Sonn- und Sonnentag, das Meer glitzerte und der tiefblaue Himmel stand im Kontrast zu dem satten Grün des Efeus. Ich machte mir schnell einen Kaffee und zog mich an.
Mich zog es magisch zu dem alten Bauwerk. Scheinbar hatten unsere Vorfahren, die sich viel mühsamer als wir durchs Leben schlagen mussten, viel elektrisches Material hinterlassen. Je näher ich kam, desto größer wurden Gefühle, die mich einfingen und in mir eigenartige Phantasien aufkommen ließen. Schaurige Geister erwartete ich an diesem herrlichen Morgen keinesfalls, aber die Bilder, die ich plötzlich in die alten Steine interpretierte kamen nicht aus meinem Gehirn. Die Ruine, es musste einst ein altes Farmerhaus gewesen sein, bekam in meiner Vorstellung plötzlich ein Dach und Fenster und die Holztür stand offen. Ich trat ein. Der Morgen war kühl und trotzdem umfing mich eine seltsame Wärme. Eine Frau, nicht mehr ganz jung, stand am Herd. Die Einrichtung des Hauses war einfach, aber sie ging so liebevoll mit allen Dingen um, als wäre jeder Gegenstand ein Juwel. Dann kam ein Mann in Arbeitskleidung und ihm war anzusehen, dass er eine Pause einlegen musste. Er sprach mit ihr, das heißt, ich konnte nichts hören, aber ihre Münder bewegten sich. Sie drehte sich zu ihm herum und da sah ich ihre Augen. Sie strahlten. Der Mann umfasste sie und sie schob den Topf, mit dem sie hantierte, vom Feuer. Sie umarmten sich und er küsste sie, dann ging er mit ihr in den Raum nebenan. Ich blieb wie festgenagelt stehen. Nach einer Weile kamen sie zurück. Sie sprachen nur wenig miteinander, der Mann bekam sein Essen. Dann ging er wieder und sie beschäftigte sich weiter in dem Haus.
Ich blieb in der Ruine, die Bilder, die ich gesehen hatte verblassten, aber die Wärme blieb.

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Tag der Veröffentlichung: 07.06.2010

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