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Kapitel 1

 

Wut und Trauer

 

Missmutig starrte ich die Wand an. Oh wie wütend ich war. Wie konnten sie nur. Ihr ganzes Leben lang war ich ihnen egal gewesen und nun das. In meinem letzten Jahr mussten sie mich aus meiner vertrauten Umgebung zerren. Umziehen! Allein das Wort löste die verschiedensten Reaktionen in mir aus. Von Trauer bis Brechreiz war alles dabei. Dabei hatte ich mich gerade erst an all das hier gewöhnt. Ich gewöhnte mich nur sehr, sehr langsam an neue Dinge.

Dieses Internat im Westen Kanadas war der erste Platz, der mir ein Zuhause geboten hatte. Meine Freunde waren hier, ich kannte die Lehrer, den Stoff und das System. Ich wollte hier nicht weg.

„Mensch Hanna…“, hörte ich eine bekannte Stimme irgendwo neben mir sagen, „…du sitzt ja immer noch hier rum. In einer Stunde wirst du abgeholt und du hast noch nichts gepackt. Wie willst du das schaffen du Trödellise. Willst du den Flieger verpassen?“

Julias Stimme klang eher besorgt als entrüstet.

Ich blickte auf und sah meine Freundin an. Julia bot das gewohnte Bild. Blondes Haar, mittellang, zu einem ordentlichen Zopf gebunden, warme, karamellbraune Augen, die roten Lippen, die geröteten Wangen, wahrscheinlich war sie den Weg hierher gerannt. Wie immer, das Mädchen war so ungeduldig. Dann die mittelgroße Gestalt. Eigentlich war alles an ihr durchschnittlich, doch ich, Joanna oder auch Hanna O’Sullivan, vergötterte sie. Julia war einfach unglaublich….unkompliziert. Das Mädchen konnte man nur gern haben, doch niemand hatte sie so gern wie ich selbst. Noch ein Grund hier zu bleiben.

Ich reckte die Nase trotzig in die Höhe und spannte die Kiefer an.

Blöde Zahnärzte, die Zähne aufeinander beißen, war eine verdammt gute Möglichkeit seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, das Bisschen Verschieben, das dadurch verursacht werden konnte...Pah…

Einen Augenblick schwiegen wir bis Julia schließlich wieder den Mund öffnete um laut zu schnaufen. „Das willst du tatsächlich. Ich Esel plapper so vor mich hin und ahne nichts Böses und schieß voll ins Schwarze. Du benimmst dich wie ein Kleinkind, ist dir das klar? Was meinst du was du damit erreichst? Vielleicht verpasst du den Flieger, ja schön, aber was passiert dann? Ihr nehmt den Nächsten. Viel Tamtam um nichts. Du machst es dir schwerer, mir schwerer, den anderen schwerer„Halt die Klappe! Du nervst!“

…deinen Eltern schwerer, deinem Bruder schwerer, den Freunden deiner Eltern auch noch“, beendete Julia ihren Satz. Sie wäre nicht Julia, wenn sie auf meine Stoffeligkeit eingehen würde und sei es nur für ein Quäntchen. Sie wusste wie man mit der verletzlichen Persönlichkeit umgehen musste, die sich manchmal hinter einer dicken Mauer aus Patzigkeit und schlimmen Worten verbergen konnte.

„Wahrscheinlich wird er dich sowieso mitschleifen, egal ob du dein Zeug fertig hast oder nicht.“

Diese Worte stimmten mich noch kläglicher. Wie mir das doch bewusst war. Egal wie man es drehte und wendete. Ich hatte keine Chance. Ich würde weggehen. Aber man konnte diese dreiste Behandlung doch nicht einfach so hinnehmen. Irgendwas musste man doch tun. Ein Zeichen setzen, selbst wenn es nur symbolischen Wert sein konnte.

„Ich will nicht gehen“, sagte ich schließlich.

„Das will keiner hier“, Julia seufzte. Ich musste wirklich ein jämmerliches Bild abgeben, wie ich da zusammengesunken auf dem Bett saß und lethargisch die Wand anstarrte.

„Schottland ist weit, aber trotzdem. Du bist nicht aus der Welt. Dein Vater hat dir versprochen, dass du uns besuchen darfst, auf seine Kosten. Es gibt Telefon und Internet. Auch wenn der ganze Kram teuer ist, wir werden in Kontakt bleiben. Deine Eltern haben es dir versprochen.“ Julias Stimme klang nicht so fest wie sie es gesollt hätte.

Ich sah auf. „Sie halten selten ihre Versprechen Jules. Du weißt das.“ Ich schluckte und nahm den Bilderrahmen in die Hand, der links neben meinem Oberschenkel auf der weißen Decke lag, um ihn gleich darauf wieder an denselben Platz zu legen, ohne das Bild darin überhaupt betrachtet zu haben.

„Mein Gott Hanna, als ob du dort eingesperrt werden würdest und sie dir jeglichen Kontakt verbieten. Es geht hier um ein Telefon.“

Eine Pause entstand.

„Also du hast noch zwei Stunden. Das vorhin war gelogen, ich wollte dich nur etwas aufschrecken, nicht das ich gedacht hätte es würde funktionieren…“, sie stockte kurz, dann fuhr sie fort: „…los jetzt, das wird sowieso schon knapp. Jetzt reiß dich zusammen und pack deine Sachen. Wehe dir, wenn du in eineinhalb Stunden nicht fertig bist.“

Damit drehte sich Julia um und ging durch die Tür hinaus, nur, um nach kurzer Zeit wieder zukommen und immer noch dasselbe Bild vorzufinden. Ich hatte mich keinen Zentimeter gerührt.

Julia seufzte.

„Jetzt reichts. Ich helfe dir.“ Sie ging auf mich zu und zog an beiden Armen, um mich in eine stehende Position zu bekommen.

„Auf geht’s.“ Ich schluckte. Es klang wie eine Drohung.

 

Punkt 12.00 Uhr. Das Zimmertelefon klingelte. Wir hörten den schrillen Ton erst gar nicht. Ich hatte keine Lust dran zugehen und überließ das Julia.

„Ja hallo?“

Die Stimme am anderen Ende brabbelte irgendetwas. Ich konnte es nicht verstehen, dafür war es zu leise, denken konnte ich mir ohnehin worum es ging.

„Ja gut ok. Wir sind gleich unten. Danke.“

Sie legte den Telefonhörer zurück und drehte sich um.

„Sie sind…“ setzte Julia an, „Zu früh. Du hast gesagt ich hab noch zwei Stunden“, unterbrach ich sie.

„…da. Was meinst du, war’s das?“ Sie strich sich mit der Hand über das Gesicht und blickte sich in dem einst gemütlich eingerichteten Raum um, der nun aussah, als hätte die berühmt-berüchtigte Bombe eingeschlagen. Überall lagen Papier, Glasscherben, Handtücher und Bettwäsche auf dem Fußboden. Ich hatte zu allem Überfluss auch noch ein Glas zerdeppern müssen.

„Ich denke schon“, antwortete ich. „Es fehlt nur noch das Bad und dann muss ich noch die Bücher abgeben.“

„Ich mach das für dich. Die Wäsche kann ich auch gleich mitnehmen und in der Wäscherei abgeben“, schlug Julia vor.

Sie formte ihre Arme zu einem Körbchen und wartete, bis ich Bettwäsche und Handtücher hineinlegte. Die Schulbücher drapierte ich so auf dem Berg, dass sie nicht hinunterfallen konnten.

„Geht das so?“, fragte ich.

„Na hör mal Schätzchen.“

Julias Stimme klang nicht wirklich aufgebracht. Sie schwankte nicht einmal, als sie sich umdrehte und das Zimmer verließ.

Beim Herausgehen ermahnte sie mich noch einmal.

Ich sollte mich beeilen. Dann war sie verschwunden.

Ich seufzte. Dann öffnete ich die Tür zu dem kleinen Badezimmer. Mir blieb nicht viel Zeit für Wehmut, weswegen ich auch nicht verharrte, um mir das Bild einzuprägen, sondern gleich die Tüte öffnete, die ich mitgenommen hatte und all die Dinge, die hier noch herumstanden, oder lagen hineinbeförderte. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Kosmetika, der andere Kram lag schon in einem der beiden Koffer, die draußen standen.

Als ich wieder hinausgehen wollte, blieb ich allerdings stehen und drehte mich noch einmal um.

Ich überlegte kurz und holte dann meinen Fotoapparat.

Ich hatte mein Zimmer, die Schule und all die Menschen und Orte in ihr fotographisch festgehalten, ein tolles Ding diese Digitalkamera, aber nie das Badezimmer. Dabei war es das durchaus wert.

Nachdem ich das Bild gemacht und betrachtet hatte, nickte ich Gedanken versunken und hob die Tüte vom Boden auf, um sie ebenfalls in einem der Koffer verschwinden zu lassen.

Ich erledigte einen kurzen Telefonanruf. Die Schulleitung hatte mir eingebläut, dass ich gefälligst anrufen sollte wenn ich fertig gepackt hatte, damit jemand die Koffer nach unten tragen konnte. Dann nahm ich die Umhängetasche, die mir während des Fluges als Handgepäck dienen sollte von dem bereits abgezogenen Bett. Nach einer kurzen gedanklichen Verabschiedung drehte ich dem Zimmer den Rücken zu, das mir, in meiner ganzen schulischen Laufbahn, am besten gefallen hatte.

Den Weg nach untern auf das Schulgelände fand ich spielerisch, schließlich war die Schule eher eine der kleineren Sorte, außerdem hatte ich nach zwei Jahren wirklich genug Zeit gehabt, mir all die kleinen Dinge, dazu gehörte auch der Weg hinaus, einzuprägen.

Schließlich stand ich auf dem, von kurz gehaltenen Grasflächen umsäumten Schotterplatz und blickte auf den schwarzen Land Rover, der in der Mittagssonne funkelte. Natürlich, Metalliclackierung. Das glitzerte immer. Aber irgendwie fehlte die Stimmung, um mich jetzt daran zu erfreuen. Den groß gewachsenen Mann mit dem rotgoldenen Haar, in Jeans und grauem Poloshirt beachtete ich nicht. Ich kannte ihn sowieso schon mein Leben lang. Außerdem verdiente er eine große, nein riesige Portion Ignoranz. Er selbst hatte mich noch gar nicht bemerkt und unterhielt sich mit einer etwas kleineren Person, die ich schon aus der Ferne, an der Statur, als unseren Schulleiter Mr. Gibbs ausmachte.

Mein Interesse richtete sich auf die Gruppe Schüler, die einige Meter entfernt stand. Ein winziges Lächeln stahl sich auf mein vorher unbewegtes Gesicht und erwärmte mein Herz. Doch nur um von einer großen, sehr feuchten Welle überrollt zu werden, die mir bis in die Augen schoss. Oh nein, jetzt bloß nicht weinen. Ich bremste etwas ab und blieb schließlich stehen, um mich zu sammeln. Das Letzte was ich wollte, war vor all diesen Menschen in Tränen auszubrechen.

Also wartete ich, bis sich die Flüssigkeit in meinen Augen langsam zurückzog. Dabei konnte ich nicht anders und dachte an die ersten Tage hier an ST. Martin school. Wie ich Julia kennen gelernt hatte, an das was wir zusammen erlebt hatten. Die vielen freudigen Stunden. Oh wie furchtbar das alles doch war.

„Hey, da bist du ja.“

Mein Gehirn verarbeitete den akustischen Reiz langsamer als sonst, aber dennoch tat es seinen Dienst und holte mich, wenn auch recht langsam, aus dem Tal der Erinnerungen zurück.

Ich kniff die Augen zusammen, um die winkende Gestalt besser sehen zu können.

Es war William. Mein William. Er war der einzige, mit dem ich alle Kurse zusammen gehabt hatte und einer der wenigen, mit dem ich wirklich auf derselben Wellenlänge schwamm.

Er hasste es mich weinen zu sehen. Schon allein, weil er der emotionalste Mensch war, den ich kannte. Seine Krokodilstränen waren nichts gegen meine eigenen und ich hasste es noch mehr ihn weinen zu sehen, als er es hasste, wenn ich selbst weinte.

Ich straffte die Schultern.

Sei stark Hanna.

Irgendwie schaffte ich es dann sogar ein schwaches Lächeln auf meine Lippen zu zaubern, ich war mir selbst gegenüber ehrlich genug, um zu wissen, dass es nicht meine Augen erreichte und meine Freunde sowieso nicht täuschen würde, aber irgendwie fühlte es sich trotzdem ein wenig besser an. Natürlich nur ein wenig.

 

Mein Unterbewusstsein sendete den Wunsch zu gehen an mein Gehirn, dieses leitete die passenden Impulse weiter an Muskelzellen überall in ihrem meinem Körper und schließlich setzten sich meine Beine in Bewegung. Was wäre es für eine Katastrophe, wenn das nicht alles automatisch funktionieren würde. Wenn ich selbst für all das sorgen müsste… Es würde total in die Hose gehen.

Ich neigte dazu, mir zu unwichtigen Themen unwichtige Gedanken zu machen und das nicht zu selten, selbst in sehr unpassenden Situationen.

 

Zurück zu winken schaffte ich nicht mehr.

 

Durch Williams Ruf waren Mr. Gibbs und sein Gegenüber in ihrer Unterhaltung unterbrochen worden und sahen nun ebenfalls in meine Richtung. Als ich näher kam, sah ich dass Mr. Gibbs Mine zu dem gewohnten mitfühlenden Ausdruck verzogen war, ach wie ich den Mann doch mochte. Lehrer zu sein, das war seine Berufung; während der andere ein Lächeln auf den Lippen trug.

Scheinheiliger Bastard. Wie wütend ich doch auf ihn war.

„Johanna, wie schön“, erhob Mr. Gibbs zuerst das Wort, als ich nah genug heran war, wobei seine Stimme etwas ganz anderes sagte. Hätte ich mich in einer anderen Situation befunden, hätte ich mich bestimmt zu einem Grinsen hinreißen lassen, oder wenigstens darüber gelächelt, wie Mr. Gibbs an allen seinen Schülern hing. In diesem Moment musste ihn nur sein ebenso großer Sinn für Gerechtigkeit wie für Benehmen daran hindern, dem anderem nicht an die Gurgel zu gehen. Er wollte so wenig wie ich selbst und all die anderen, dass ich fort ging.

„Ich würde ein anders Wort vorziehen Mr. Gibbs“, antwortete ich, als ich neben den beiden stehen blieb, dabei vermied ich es in die Richtung des Größeren zu sehen.

Mr. Gibbs verzog sein Geicht zu etwas, das ursprünglich wohl als aufmunterndes Lächeln gemeint gewesen war, aber ihn jetzt einfach nur gequält aussehen ließ.

„Hanna mein Schatz. Da bist du ja endlich. Es ist so schön dich zu sehen.“

Das Lächeln des Größeren wurde noch breiter, während er sich hinunter beugte, um mich zu umarmen.

Ich verzog das Gesicht. Ich war zwar sportlich, aber trotzdem nie gut darin gewesen, über meinen eigenen Schatten zu springen, deswegen blieb seine Umarmung unerwidert.

„Dad“, sagte ich, als er von mir abließ. Es musste sich anhören, als würde ich das Wort ausspucken. Zumindest fühlte es sich so an.

Meine Gefühle verbergen, das konnte ich ebenso wenig, wie über diverse Schatten springen. Dafür war ich einfach zu ehrlich.

„Bist du fertig?“, fragte mein Vater überflüssiger Weise.

Ich antwortete in kluger Voraussicht gar nicht erst. Es hätte ihm und allen anderen Menschen in der näheren Umgebung damit gezeigt wie wütend ich auf ihn war. In diesem Moment war jedoch der falsche Zeitpunkt dafür. Ich würde ihm und den anderen auch noch später das Leben zur Hölle machen können. Fast hätten sich meine Lippen zu einem bitterbösen Lächeln verzogen. Er und die anderen. So dachte ich also von meiner Familie.

Aber das war auch egal. Jetzt wollte ich mich von meinen Freunden verabschieden.

Ich versuchte das Lächeln wieder aufzusetzen, es hatte doch gerade so gut funktioniert. Doch dieses Mal wollte es nicht so richtig klappen. Ich spürte selbst, wie meine Miene immer düsterer wurde, je näher ich meinen Freunden kam.

„Schau doch nicht so böse Jones“, ertönte es irgendwo von hinten. Ich ging nicht darauf ein. Schon allein weil ich diese Art der Verschandelung meines Namens hasste.

Ich blieb bei William und Julia stehen und versuchte ihnen ins Gesicht zu sehen, schaffte es aber nicht und blickte auf den Boden.

„Oh Hanna…“, setzte Julia an, schwieg dann allerdings weiter.

„Jetzt ist es wohl so weit“, bemerkte ich überflüssiger Weise. Ich bemerkte selbst, wie brüchig meine Stimme klang.

„Und ich dachte es geschieht noch ein Wunder“, fügte William traurig hinzu.

„Ja, das dachten wir wohl alle“, erwiderte ich.

Ein weiteres Schweigen entstand. Tränen flossen über Julias Gesicht, sie war sehr nah am Wasser gebaut, während William und die anderen in trüber Gemeinsamkeit vor sich hin starrten, oder den Boden ansahen.

Schließlich räusperte sich Ben, ebenfalls ein guter Freund, der mir allerdings nicht so nah stand wie Will oder Julia.

„Wir haben zusammengelegt und eine Kleinigkeit für dich…, “, er stockte, „ naja gemacht.“ In solchen Situationen war es selten, wenn man die richtigen Worte fand. Die Köpfe waren einfach wie vernebelt.

„Damit wir bei dir sind. Auch wenn du weg bist.“

Nun musste ich doch weinen, auch wenn ich noch gar nicht wusste, was sich in dem dicken Paket befand, das Ben mir entgegen hielt. Automatisch wie ein Roboter hob ich die Arme und nahm das Geschenk entgegen. Sie hatte mir ein Geschenk gemacht. Auch das noch.

Wieder räusperte sich jemand aus der Gruppe. Diesmal war es Amanda, Bens Freundin.

„Es war Julias Idee. Zusammen mit Will hat sie es in die Wege geleitet.“

„Danke“, flüsterte ich. Dabei wollte ich noch mehr sagen. Wollte sagen, wie sehr ich alle hier vermissen würde, dass ich nicht gehen wollte, wollte mich bedanken, aber meine Stimme versagte mir den Dienst, wie immer wenn ich weinte. Wenn die Tränen flossen, konnte ich nicht sprechen. Eine erniedrigende Eigenschaft.

Ich fühlte mich so hilflos.

Auch ich hatte an einige meiner Freunde Geschenke verteilt, Kleinigkeiten, die die Erinnerung an mich wach halten sollte. Eine große Abschiedsfeier hatte es vor ein paar Tagen ebenfalls gegeben, aber irgendwie war es nie so ernst gewesen mit dem Weggehen und Umziehen. Jetzt war es so weit. Jetzt konnte nichts mehr verdrängt werden.

 

Noch mehr Tränen flossen. Von meinem und von vielen anderen Gesichtern. Will weinte natürlich ebenfalls, er weinte oft. Ich mochte das an ihm. Er war mir so ähnlich. Wie ein Bruder. Viel mehr als der, der in Schottland auf mich warten würde.

„Hanna. Es wird Zeit“, rief mein Vater vom Auto hinüber.

Ich schluckte. Oh Gott, jetzt hasste ich ihn noch mehr, als vorhin.

Amanda war die erste die mich umarmte und mir alles Gute wünschte. Ich brachte sogar ein Lächeln zu standen, konnte aber nicht antworten. Stattdessen nickte ich nur.

So ging es weiter. Jeder umarmte, oder küsste mich. Meistens taten sie beides und drückten ihre tränenfeuchten Gesichter an meines. Manche versuchten mich aufzumuntern. Ich war dankbar dafür, genauso wie ich denen dankbar war, die einfach den Mund hielten, weil sie nicht die richtigen Worte fanden.

Andrew blieb vor mir stehen und drückte mir ein kleines Päckchen in die Hand. Er druckste herum, es schien ihm peinlich zu sein.

„Nur eine Kleinigkeit, ich wollte dir noch etwas persönlichen schenken, weil…“, dann brach er ab und schluckte. Dann küsste er mich auf den Mund, es war ein längerer Kuss, als die, die ich von den anderen bekommen hätte und umarmte mich ebenfalls.

Als er von mir abließ sah er mir kurz in die Augen und blickte dann zu Boden. In seinen schönen Augen glitzerten Tränen.

Er hatte es wohl doch ernster gemeint, als ich es eingeschätzt hatte.

Es hatte sich etwas angebahnt zwischen uns, aber als die Nachricht gekommen war, ich würde weggehen müssen, hatte ich dem Ganzen einen Riegel vorgeschoben. Ich fühlte mich zu Andrew hingezogen, keine Frage, er gefiel mir, hatte Witz und Intellekt, aber ich war nie in ihn verliebt gewesen. Es war nie besonders viel zwischen uns gewesen. Weiter als ein wenig Geknutsche und Gefummel waren wir nie gegangen. Ich hatte immer gedacht, Andrew hätte der Gedanke an eine Fernbeziehung ebenso wenig gefallen wie mir, wir hatten darüber gesprochen, doch nun wurde mir bewusste, dass er mehr für mich empfunden hatte, als er bereit gewesen war zuzugeben.

Ach Andrew.

Ich konnte nur nicken und wandte mich dann Will zu, da ich seinen traurigen Blick nicht länger ertragen konnte. Naja Der Ausdruck auf Williams Gesicht versprach auch nichts Besseres.

„Will…“, setzte ich an zu sprechen, wurde aber von ihm unerbrochen.

„Wir telefonieren und schreiben und wir können per Webcam kommunizieren…“, er klang tapfer.

Kommunizieren. Wie das jetzt klang.

Sein Gesicht war tränennass, aber seine Stimme war klar. „Ich werde dich vermissen Püppchen“, sagte er nun etwas leiser und vertrauter, ehe er mich in die Arme nahm.

„Du bist meine beste Freundin. Ich hab dich so gern wie meine Mutter.“

Nun musste ich doch lachen. Unter Tränen klang das zwar etwas verzweifelt, aber es baute mich trotzdem etwas auf.

„Sei stark mein Mädchen. Richte dein Zimmer schön ein. Und nutz die Zeit um die Beziehung zu deiner Familie aufzumöbeln“, mischte sich nun Julia in die traute Zweisamkeit ein.

„Ich lieb dich Jules“, brachte ich hervor, bevor neue Tränen meine Sicht trübten.

„Ich weiß mein Engelchen. Wir dich auch. Deswegen musst du versprechen, dass du auf dich aufpasst und es dir gut gehen lässt. Es wäre furchtbar zu wissen, dass du leidest.“

Ich nickte. „Ich schaff das schon“, sagte ich.

„Davon bin ich überzeugt“, mein Vater war hinter mich getreten.

„Komm jetzt Hanna. Ich weiß, dass es nicht nett von mir ist, aber glaub mir es ist besser.“

Ich schnaubte. Was sollte besser sein? Aber ich ließ zu, dass er den Arm um mich legte und mich an sich drückte.

Unter Tränen bekam ich mit, wie mein Vater meinen zwei besten Freunden etwas in die Hände drückte.

„Telefonkarten“, sagte er. „Damit könnt ihr Hanna kostenlos anrufen.“

Er beugte sich weiter vor und sagte noch etwas zu ihnen, das ich nicht verstehen konnte. William und Julia nickten.

„Tschüss Hanna“, Will umarmte mich noch einmal.

„Du schaffst das mein Mädchen. Machs gut.“

Auch Julia umarmte mich fest und lange, dann drückte sie mir unendlich viele Küsse auf den Kopf.

„Tschüss Mr. O’Sullivan“, sagten beide brav.

„Tschüss Hanna“, hörten ich die Anderen im Chor rufen.

Erneut schossen Tränen in meine Augen. Am Auto angelangt, drehte ich mich noch einmal um und hob den Arm, um zu winken.

„Tschüss“, flüsterte ich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine schrecklich schöne Familie

 

 

Die Autofahrt zum Flughafen verlief glatt. Nur einmal mussten wir auf dem Highway halten, weil kurz vor einer Ausfahrt ein Unfall den Verkehr auf nur eine Spur zwang und es sich staute.

Ich sprach wenig und übte mich in passiver Aggressivität, mit der konfrontiert, mein Vater es sehr bald aufgab eine Konversation in Gang zu bringen.

Gut so!

 

Auf dem Flug stellte ich mich zum größten Teil schlafend, oder las. Ich war wütend und wollte es meinen Vater in diesem verzweifelten Akt spüren lassen.

Den ganzen langen Flug von Westkanada nach Nordengland sprach ich nur das Nötigste.

Genauso wie auf dem Weg vom Flughafen zu meinem neuen Zuhause, oder dem Zuhause meiner Familie. Ich wollte es nicht mein Zuhause nennen. Das würde es niemals werden.

„Deine Mutter hat viel zu tun, deswegen ist sie nicht dabei gewesen um dich abzuholen“, versuchte es mein Vater erneut, nachdem ich eine lange Zeit nichts außer seiner Atemzüge von ihm gehört hatte.

Ich schwieg und sah mir die Landschaft an. Es wurde immer hügliger. Ich war müde und fühlte mich wie ein Dreckschwein.

Ich hasste lange Flüge und lange Autofahrten. Das überschüssige Adrenalin sammelte sich in meinen Adern und machte mich noch ungehaltener. Gleichzeitig schläferten mich die Motorengeräusche ein.

Als er keine Antworte bekam seufzte er, sagte aber nichts.

Es war so typisch. Meine ganze Familie war viel zu bequem, um sich mit meinen Problemen und Gefühlen zu beschäftigen. Alles, was nicht in ihre kleine, perfekte Welt passte, stellte einen Störfaktor dar. Und der wurde am besten ignoriert und gemieden.

„Bist du sehr müde?“, meldete sich mein Vater nach zehn Minuten wieder zu Wort.

„Geht.“

„Möchtest du gleich nach Hause, oder soll ich dir ein wenig von dem Ort zeigen?“

„Mir egal“, ich versuchte bemüht gelangweilt zu sprechen, um nicht zu verraten, dass langsam Neugierde und Aufregung siegten. Wie würde der Ort sein? Wie die Freunde meiner Eltern, wie das Haus, mein Zimmer…?

Aber ich zwang mich zu weiterem Schweigen. Der kritische Blick meines Vaters ruhte auf mir, doch entgegen meines Verdachts blieb er still. Er schien sich damit abgefunden zu haben, dass ich schmollte und setzte auf meine natürliche Neugierde. Dämlicher Idiot!

„Gut. Dann fahren wir zum Haus. Die sind sowieso schon alle gewaltig aus dem Häuschen. Es bleibt ja noch genug Zeit alles zusehen, bevor die Schule wieder anfängt.“

Die Schule. Warum musste er auch noch dieses Thema anschneiden. Wie alle anderen normalen Menschen hasste ich es in neue Umgebungen gestoßen zu werden und Schule war etwas noch schlimmeres.

Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um mich nicht zu schütteln, oder ausdrucksvoll zu schnauben.

Wie alle Frauen bzw. Mädchen gesegnet damit die Umwelt auch aus den Augenwinkeln ausreichend beobachten zu können, sah ich wie mein Vater eine Nummer in sein Telefon drückte, den grünen Hörer betätigte und es an sein Ohr legte. Er legte es immer an das linke Ohr.

„Wir sind in fünf Minuten da“, sagte er ohne eine Begrüßung.

„Naja wir werden sehen“, antwortete er der Stimme, die ich nicht hören konnte, mit einem Seitenblick auf mich.

„Ja bis dann.“

Er nahm das Handy vom Ohr und betätigte den roten Knopf. Dann legte er es in die Mittelkonsole und sah mich kurz an.

„Ich weiß, dass das Ganze sehr schwierig für dich sein muss. Wir müssen dir unglaublich egoistisch vorkommen“, sagte er schließlich und wartete auf eine Reaktion. Er wartet vergeblich. Ich rührte mich nicht und sah weiterhin aus dem Fenster. Inzwischen war es sechs Uhr am Abend und auch wenn es Sommer und noch recht früh war, hatte ich das Gefühl die Umgebung würde etwas schummriger werden. Hier schien selten die Sonne hatte ich gegoogelt und anscheinend ging sie auch noch schneller unter. Wie funktionierte das denn?

„Vielleicht kannst du dich irgendwann doch ein wenig freuen bei uns zu sein. Glaub mir deine Mutter und ich genießen…“, weiter kam er nicht.

„Lass es einfach Leo.“

Meine Stimme klang hart, aber nicht so hart, wie ich es gewollt hatte. Ich nannte meinen Vater mit Absicht bei seinem Vornamen, um ihn zu verletzen. Eine ganz schön verzweifelte Methode.

Er verstummte und beließ es dabei.

Wir fuhren auf einer nur sehr sporadisch befahrenen Asphaltstraße, deren beste Tage weit in der Vergangenheit lagen.

Irgendwann lenkte Leo den Wagen, es war der gleiche Wagen mit dem er mich in Kanada abgeholt hatte, trotzdem bezweifelte ich, dass es derselbe war, auf einen Schotterweg, der rechts von der Straße weg führte. Kein Schild zeigte an wohin der Weg führte.

Die Straße, eigentlich eher ein Weg war zwar aus Schotter, allerdings trotzdem in besserem Zustand, als man hätte denken können und auf jeden Fall nicht halb so holperig, wie die Asphaltstraße, auf der wir gerade noch gefahren waren.

Die Landschaft draußen, war wirklich schön. Sehr grün und hügelig, wie gemalt.

Ich lächelte ungewollt, setzte aber schnell wieder eine grimmige Mine auf und beobachtete meinen Vater aus dem Augenwinkel. Aber der schien ganz in seine eigene Welt versunken. Er lächelte.

Er freute sich auf Mum. Meine Eltern liebten sich abgöttisch. Das war schön, klar. Nur irgendwie hatte ich immer das Gefühlt, als würde niemand die Chance haben dazwischen zu kommen und sei es die eigene Tochter.

 

Der Wagen fuhr durch ein großes Eisentor, das wohl vor einiger Zeit erneuert worden war, denn es war unbewachsen und vollkommen rostfrei, auf das, von Hecken und Bäumen eingegrenzte Grundstück und bog um die Ecke.

Ich hielt den Atem an.

 

Nicht, das ich mich für Architektur interessieren würde, ich hatte keine Ahnung von Häusern, dafür aber von Geschichte. Alles was alt war, war mir sympathisch.

Wenn etwas alt und auch noch schön war, dann war es um mich geschehen.

 

Dieses Haus war ein Traum.

Ein altes, steinernes Herrenhaus. Wunderschön und es war riesig. Der Untergrund hatte sich inzwischen verändert und wir hielten auf einem asphaltierten Weg, der vor dem Haupteingang einen malerischen Halbkreis drehte.

 

Die Front war gesäumt mit einer langen Reihe großer Fenster, oben wie unten und es schien, als würde das Haus aus verschiedenen Teilen bestehen, die man einfach zusammengesetzt hatte. Allerdings sah das überhaupt nicht willkürlich aus. Es war einfach…wunderschön.

Ich konnte das Grinsen meines Vaters geradezu spüren, so sehr knisterte es in der Luft.

Aber ich hatte keine Lust mich jetzt darüber aufzuregen. Der Gedanke in einem solchen Haus zu wohnen. Der Wahnsinn. Und ich hatte meine Schule schon immer für das schönste Gebäude der Welt gehalten. Meine ehemalige Schule, fügte der pessimistische Teil meines Bewusstseins hinzu, der sich von der malerischen Schönheit des Hauses nicht beeindrucken lassen wollte und weiterhin schmollte.

„Willkommen auf Roxburgh Manor.“

Leo lächelte und ich atmete immer noch nicht.

Ich nickte nur und befasste mich das erste Mal mit dem Gedanken, wie ich mein Zimmer einrichten sollte.

 

Ich öffnete die Tür und stieg aus dem Wagen. Die Luft, mit der ich meine Lungen füllte war frisch und salzig, für die sommerliche Zeit allerdings recht kühl.

 

Nachdem ich einige Schritte getan hatte, drehte ich mich ein wenig, den Mund vor Staunen geöffnet.

Efeu rankte sich die, vom Alter bereits verfärbten Steine hinauf. Grasflächen säumten die Einfahrt. Nirgendwo plätscherten kitschige Brunnen. Bäume wehten in der Brise die von Westen her die salzige Meeresluft brachte.

Ich fühlte mich wohl. Trotz allem fühlte ich mich zu Hause. Es war wunderbar hier. Ein Traum.

Ich hörte eine Autotür zu schlagen. Mein Vater war ebenfalls ausgestiegen, doch ich beachtete ihn nicht. Er schien es auch gar nicht zu verlangen.

 

Ich bemerkte, wie sich die Haustür öffnete, dann sah ich einen dunklen Blitz. Mühsam riss ich den Blick von der steinernen Fassade los, die mich so begeisterte und beobachtete den schokoladenbraunen Labrador, der sich so eben um die Beine meines Vaters wickelte.

Nachdem er einer Weile gestreichelt worden war, machte er sich daran mich zu begrüßen.

 

„Hanna mein Schatz“, ertönte es von der Haustür.

Ich tat, als hätte ich meine Mutter nicht gehört und fuhr fort den Hund zu streicheln.

Kurz herrschte Stille, in der meine Eltern bedeutungsschwere Blicke tauschten.

Nachdem Elizabeth O’Sullivan ihren Mann begrüßt hatte, ging sie auf mich zu.

„Er heißt Luke“, sagte sie und sah den Hund an, der sich schwanzwedelnd an mich presste und leise grunzartige Geräusche ausstieß.

„Dämlicher Name.“, antwortete ich und krabbelte den Kopf des Tieres.

Meine Mutter ließ ein leises Lachen erklingen und plötzlich fiel es mir nicht mehr so leicht ihr böse zu sein.

„Wie war der Flug?“, fragte sie.

„Lang“, antwortete ich.

„Dacht ich mir.“ Sie musterte mich.

„Komm rein. Dein Vater wird sich um deine Sachen kümmern. Vielleicht möchtest du dich frisch machen? Du kannst die anderen auch noch später begrüßen. Essen gibt es sowieso erst in zwei Stunden. Was meinst du?“

Ich nickte. „Ich würde mich gern waschen. Ich stinke wie ein Warzenschwein.“

„Nun vielleicht nicht wie ein Warzenschwein….“, meine Mutter grinste. „Komm mein Engel. Es ist schön dich hier zu haben.“

Ich blickte ihr nach und begann, nach ein paar Augenblicken, ihr hinterher zu laufen.

 

Der Rest des Hauses, zumindest das, was ich auf dem Weg zu meinem neuen Zimmer zu sehen bekam war noch besser als die Außenansicht. Gott war das schön. Alte Teppiche und Möbel, Feuer in den Kaminen. Das Haus wurde dem Anschein nach noch mit Holz geheizt. Das würde kalt werden. Jetzt war es Sommer und die Temperatur war für meinen Geschmack jetzt schon ein wenig zu niedrig. Wie würde das erst im Winter werden?

Aber ich war bereit das zu ertragen, um dafür in diesem Haus leben zu können. Natürlich würde ich Kanada mit Will und Julia vorziehen….natürlich, was für eine Frage, aber das hier war schon nicht schlecht.

„Wir haben beschlossen, dass du hier wohnen wirst. Man hat eine wunderschöne Aussicht auf den Garten.“

Elizabeth war vor einer Tür stehen geblieben und sah mich auffordernd an.

„Na geh schon hinein.“

Ich sah meine Mutter kurz an, holte tief Luft, inzwischen hatten sich unwillkürliche Reflexe eingeschalten und ich atmete wieder, und drückte dann die Messingklinke nach unten.

Ich war vorbereitet gewesen, wahrscheinlich der einzige Grund dafür, dass ich weiteratmen konnte. Natürlich auch, weil es nun wieder aus Reflex geschah.

Das Zimmer war bereits fertig eingerichtet. Ich blickte auf drei große Fenster, die direkt nebeneinander eingelassen waren und auf ein wunderschönes, hölzernes Bett, das genau an der Mitte der Fensterseite stand. Es sah unglaublich urig und gemütlich aus, wie es da stand mit der kuscheligen Flanellbettwäsche und den viele Kissen in warmen Terra Cotta Tönen.

An der rechten Wand stand ein wuchtiger Schreibtisch, komisch ich hätte eigentlich eher einen Sekretär erwartet. Schreibtische aus dieser Zeit zu finden, war aufwendig und mit vielen Kosten verbunden. Naja, wer in solch einem Haus wohnte. Das brachte mich auf den Gedanken, wer all das hier eigentlich bezahlt hatte. Gerade als ich zum Sprechen ansetzte unterbrach sie mich: „Wie gefällt es dir? Celia hat mir geholfen es einzurichten.“

„Celia?“

„Cecilia, die Tochter von Marcus und Sophia. Ihnen gehört das Haus. Es sind sehr alte und gute Freunde von deinem Vater und mir. Aber das weißt du ja. Nun?“

„Hm. Schön.“

So einfach wollte ich es ihnen doch nicht machen. Immerhin hatten sie mich von Will und Julia getrennt.

 

„So, da wären wir.“ Mein Vater war inzwischen auch angekommen und setzte die beiden großen Koffer mitten in dem Zimmer ab. Mit dem Gedanken, wie er sie hier hoch gewuchtet hatte, beschäftigte ich mich gar nicht erst.

„Und gefällt es dir? Deine Mutter und Cilia haben sich lange damit beschäftigt.“

„Danke“, sagte ich leise. Ich hatte noch eine Kommode und einen Kleiderschrank entdeckt. Außerdem war ein großer Spiegel an der Wand angebracht.

 

Eine Pause entstand.

„Also ich zeig dir schnell wo das Badezimmer ist und du machst dich fertig. Wenn du so weit bist komm einfach hinunter ja?“

Ich nickte und bückte mich nach meinen Koffern. Ich brauchte schließlich einiges an Kosmetik, außerdem wollte ich mich umziehen.

„Du kannst ja morgen immer noch auspacken.“, schlug Leo vor.

 

Wie wenig ihr mich doch kennt. Wenn ihr euch einmal mit mir beschäftigt hättet, wüsstet ihr, wie sehr ich es hasse Dinge nicht sofort zu erledigen.

 

Doch ich blieb still und nickte. Vielleicht sollte ich es wirklich auf morgen verschieben.

 

 

 

 

Als ich den Beiden versichert hatte, ich würde allein zu Recht kommen, schloss ich die Badezimmertür hinter mir und seufzte. Endlich war ich allein.

Das Badezimmer war, im Gegensatz zu meinem und den anderen Zimmer, die ich bis jetzt gesehen hatte, modern eingerichtet. Dusche, Toilette, Waschbecken, Badewanne, alles was ein normales Badezimmer beinhaltet, auch wenn alles von schlichter Eleganz war.

Die Uhr zeigte zwanzig nach sechs an. Noch genug Zeit. Ich würde erstmal duschen und mich wieder in einen Menschen verwandeln.

 

Als das warme Wasser auf meinen Körper prasselte und daran hinunter rann, konnte ich mich das erste Mal seit langem wieder entspannen.

Irgendwie würde das schon gehen. Mein Gott, es war meine Familie und sie hatten mich schließlich nie schlecht behandelt. Außer vielleicht Max, mein Bruder. Aber böse hatte der das auch nie gemeint.

Ich würde versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Ich hatte es meinen Freunden versprochen.

 

Zurück im Zimmer versuchte ich als erstes frische Unterwäsche und eine saubere Jeans zu finden. Die, die ich auf dem Flug getragen hatte, befreite ich von dem Ledergürtel und warf sie zurück auf die Erde. Das Geräusch, das dadurch erklang ließ mich aufschrecken.

Schließlich fand ich das kleine Päckchen, das Andrew mir in die Hand gedrückt hatte. In der Aufregung hatte ich es total vergessen. Genauso wie das Geschenk der anderen. Aber damit würde ich noch ein wenig warten. Es war zu früh dafür.

 

Ich öffnete es und stieß frustriert Luft durch die Nase aus. Er hatte mir ein Schmuckstück geschenkt. Ein Armband mit verschiedenen Anhängern.

Es dauerte einen Moment bis ich den Sinn dahinter verstand. Jeder Anhänger stand für einen unserer Küsse. Die kleine Banane stand für den Abend, an dem ich nur Bananennektar getrunken hatte, weil ich alles andere widerlich gefunden hatte. Die Sonne für den Ausflug an den Strand und so weiter. Insgesamt waren es fünf Anhänger. Es war gut gewesen, aber das es ihm soviel bedeutet hatte, bereitete mir ein schlechte Gewissen. Ich beschloss es zu behalten, aber tragen wollte ich es nicht. Es war irgendwie zu intim. Also legte ich es auf den kleinen Nachtisch neben dem Bett.

 

Das Handtuch war von meinem nassen Haar gerutscht und nun hing es mir kalt ins Gesicht. Es ließ mich erschauern und weiter nach einer passenden Hose suchen.

Ich mochte Jeans. Sie waren so praktisch. Außerdem betonten sie meinen Hintern. Auf den war ich stolz. Auch wenn ich lieber schönere Brüste gehabt hätte. Aber aussuchen konnte man es sich bekanntlich ja leider nicht. Wieso also unglücklich sein? Meine Figur war trotz allem recht passabel, auch wenn ich kleiner war, als der Durchschnitt. Ich brachte es grade auf einen Meter achtundfünfzig. Aber ich war wohl proportioniert, die Beine nicht zu kurz und vor allem nicht zu kräftig und außerdem muskulös. Ich besaß eine schön ausgeformte Hüfte und ein schmale Taille, fein geformte Finger und muskulöse Arme, einen zarten Hals. Alles in Allem wirkte ich normal. Vielleicht ein bisschen zierlicher, aber, dank des Sports, nicht dünn. An mir selbst mochte ich vor allem die Haare, bzw. die Haarfarbe. Dicht und so Pechschwarz, wie man es selten sah, fiel es mir bis unter die Schulterblätter, zumindest, wenn es nicht nass am Kopf klebte, wie jetzt. Die meiste Zeit konnte es sich allerdings nicht entscheiden, ob es gewellt, oder völlig glatt sein sollte, was unglaublich frustrierend war.

Außerdem gefielen mir die Einkerbungen neben dem Steißbein. Julia hatte so etwas nicht gehabt, es sich allerdings nicht nehmen lassen den meinen Namen zu geben. Nun hießen sie Ernie und Bert, nach den Figuren aus der Sesamstraße. So ein Blödsinn. Die Erinnerung ließ mich lächeln.

 

Dass mein Gesicht schön war hatten mir mal ein paar gesagt, aber da konnte ich nicht mitgehen. Es war nicht hässlich, hübsch vielleicht, aber schön fand ich es nicht. Dafür war die Haut zu hell, auch wenn der Teint makellos war, und die Farbe meiner Lippe passte überhaupt nicht dazu.

Auch wenn meine Nase gerade und schmal war und die Augen genau die richtige Größe für das Gesicht hatten, die Brauen feine, dunkle Linien zogen und die dunklen Wimpern, die die sturmblauen Augen säumten lang und dicht waren. Irgendwie wirkte mein Gesicht durch die hohen Wangenknochen manchmal hager und kantig. Außerdem war ich eindeutig zu blass. Aber das lag in der Familie. Wenigstens etwas, dass ich mit ihnen gemeinsam habe, dachte ich bitter.

Ich zuckte mit den Schultern. Auch egal. Die Zeit, in der ich mich darüber geärgert hatte, war vorbei und ich mit meinen 17 Jahren der Pubertät restlos entwachsen.

Ich überlegte kurz, ob ich einen Rollkragenpullover überziehen sollte, verwarf den Gedanken aber ebenso schnell wieder. Was sollte ich im Winter tragen, wenn ich im Sommer Wollpullover trug?

Also streifte ich kurz entschlossen einen dünnen Pullover mit rundem Ausschnitt und langen Ärmeln über meinen kalten Körper. Ich würde erbärmlich frieren, aber irgendwie musste man sich ja an das Klima hier gewöhnen. Außerdem gab er mir das Gefühl ich hätte ein Dekolleté. Meine Lieblingsjeans lag in dem zweiten Koffer, aber dafür gleich oben auf.

 

Dann begann ich nach den dicken Wollsocken zu suchen, die sich irgendwo in den unendlichen Weiten der Koffer befinden mussten und begann dabei diese leer und den Schrank voll zu räumen.

 

Nach einiger Zeit sah ich auf und blickte mich um. Nirgendwo tickte eine Uhr und ich hatte das Gefühl für Zeit verloren. Auf dem Nachttisch wurde ich fündig. Die Digitaluhr zeigte 7.30 an. Halb acht. Noch eine halbe Stunde.

Auch wenn ich fand, dass eine altmodischere Uhr sich besser mit dem Stil des Zimmers vertragen hätte, freute ich mich über diese Kleinigkeit. Ich mochte Digitaluhren lieber. Erstens hasste ich das Geräusch von tickenden Uhren, dabei konnte ich einfach nicht einschlafen. Zweitens fand ich es leichter die Uhrzeit in nackten Zahlen abzulesen, anstatt von einem Ziffernblatt. Es ging einfach schneller.

Julias Ungeduldigkeit hatte sich zu einem gewissen Teil doch auf mich übertragen.

 

Die Koffer waren leer. Die wenigen persönlichen Dinge verstaut. Ich besaß nicht viel von diesen Dingen, auch wenn ich eher der Typ Mensch war, der so etwas aufbewahrte und nicht wegwerfen konnte. Es fiel mir sehr schwer loszulassen.

Das Internatleben hatte dafür allerdings wenig Verständnis. Bei Schulwechseln sehr praktisch, wie sich herausgestellt hatte.

 

Eine halbe Stunde bis zum Abendessen.

Ich beschloss mich ein wenig im Garten umzusehen.

Ich trat auf den Gang hinaus.

Einen guten Orientierungssinn hatte ich nie gehabt, allerdings war das auch gar nicht nötig. Von hier aus, war die Treppe bereits zu erahnen. Gut so. Wahrscheinlich hätte ich es sonst geschafft mich zu verlaufen.

Weniger aufgeregt als vorher, hatte ich jetzt mehr Zeit mich auf die rustikale Schönheit zu konzentrieren. Die mit Holz verkleideten Wände, das Parkett auf dem Boden, die breite hölzerne Treppe, deren Stufen, durch die vielen Jahre der Benutzung, geglättet waren.

Das wärmende Feuer, das im Kamin in der Eingangshalle brannte und alles in ein schummriges Licht tauchte. Inzwischen war es draußen etwas dämmrig geworden.

Da ich nicht wusste, wie man den Garten durch das Haus erreichen konnte, öffnete ich dir Tür, durch die wir hereingekommen waren und trat in den inzwischen eisigen Wind.

Ich schlang die Arme um die Brust und sah mich um. In dieser Beleuchtung war noch viel zu erkennen, aber es würde rasch dunkler werden.

In diesem Augenblick bereute ich es, nicht doch den Wollpullover angezogen zuhaben, allerdings hatte ich wenig Lust noch einmal nach oben zu gehen.

Ich setzte mich in Bewegung und lief ein paar Schritte um das Haus herum.

 

Der Garten war eigentlich mehr eine Wiese. Kurzgehalten und gepflegt, aber eine Wiese. Vereinzelt standen einige kleinere Bäume, wahrscheinlich Obstbäume, aber ich kannte mich da nicht aus.

Eine große Trauerweide wiegte die langen, hängenden Zweige im Wind.

Wie passend.

Ich würde Leo fragen, ob man dort eine Schaukel anbringen könnte. Ich schaukelte gerne. Es war so beruhigend. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich in Zukunft etwas Beruhigendes brauchen würde.

Ich hatte Max’ Fähigkeit mich zur Weißglut zu treiben nicht vergessen. Wie auch.

 

„Hallo Hanna“, hörte ich eine Stimme hinter mir und erschrak fast zu Tode. Ich hatte niemanden kommen hören, aber wegen des Windes war das auch nicht verwunderlich.

Ich drehte mich herum und erstarrte. Wenige Schritte von mir entfernt stand eine Frau, von etwa Anfang 30, die so schön war, dass es mir die Sprache verschlug. Ich wusste nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte. Zu den großen goldenen Augen, die von dichten Wimperkränzen umrandet waren, oder doch zu dem perfekt vollendeten Schwung ihrer Lippen. Ihre Haut war ungeheuer blass, sie wirkte fast durchsichtig und erinnerte mich entfernt an meine eigene, auch wenn sie ungemein reiner war. Das lange glänzend blonde Haar, war zu einem ordentlichen Zopf gebunden und erinnerte mich an mein eigenes schwarzes, das mir immer noch nass am Kopf klebte, weil ich keinen Fön gefunden hatte.

Der Schreck musste mir immer noch im Gesicht stehen und mein bewunderndes Schweigen deutete sie wohl falsch. Sie lächelte ein entschuldigendes Lächeln, unter dem ich mich noch unwichtiger fühlte. Von wegen raus aus der Pubertät und zufrieden mit sich selbst. Ich fühlte mich in ein Loch der Minderwertigkeit gerissen.

„Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Eigentlich wollte ich dich zum Abendessen holen. Aber du warst nicht in deinem Zimmer. Aus dem Fenster hab ich dich hier stehen sehen.“

Ich konnte immer noch nichts sagen und starrte sie weiterhin an. Jedes Unterwäschemodel auf der Welt würde sie um diese Figur, geschweige denn um das Gesicht beneiden. Es strahlte eine so zeitlose Schönheit aus, auch wenn sie, nach längerem Betrachten, etwas fertig aussah. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Trotzdem war sie wunderschön.

„Ich bin Sophia. Mein Mann ist der Bruder deiner Mutter. Quasi dein Onkel. Aber nenn ihn bloß nicht so“, sie lachte ein noch schöneres Lächeln.

„Da fühlt er sich so alt.“

Mein Onkel? Um Gottes Willen, ich hatte einen Onkel?

„Ich habe einen Onkel?“, fand ich dann doch meine Sprache wieder.

Meine Stimme musste gegen meinen Willen wohl doch etwas hysterisch geklungen haben, denn Sophias Lächeln verlor etwas von der vorherigen Fröhlichkeit. Sofort tat es mir leid.

„Nun ja.“

Sie wirkte irgendwie irritiert. Tja. Normale Eltern erzählten ihren Kindern auch etwas über die Familiengeschichte.

„Auf dem Papier sozusagen. Marcus ist nicht ihr richtiger Bruder. Deine Mutter wurde von seinen Eltern adoptiert.“

Ich keuchte. „Adoptiert?“

Meine Mutter war adoptiert? Nicht dass das irgendetwas geändert hätte, aber warum in aller Herrgottsnamen wusste ich über so etwas nicht Bescheid.

Sophias Lächeln war fast verschwunden. Ein Ausdruck der beinahe wütend hätte sein können huschte kurz über ihr Gesicht.

„Du weißt nichts darüber.“, stellte sie fest. Ihre Stimme klang neutral.

Dann lächelte sie wieder.

„Komm mit, deine Lippen sind ja ganz blau. Dir muss kalt sein.“

Womit sie Recht hatte.

Ich folgte ihr und versuchte dabei nicht auf ihre formvollendeten Beine zu starren. Eigentlich hatte ich immer ein gutes Körpergefühl gehabt. Ich war weder trampelig noch unbeholfen, vielleicht etwas tollpatschig. Nagut etwas war vielleicht untertrieben. Es verging wenig Zeit, in der ich mir nicht irgendetwas brach oder mich verletzte. Dennoch, ich konnte mich bewegen, aber die tänzelnden Schritte, mit denen Sophia vor mir her ging, verunsicherten mich zutiefst. Vielleicht hatte ich mich in den letzten Jahren etwas selbst überschätzt.

Sophia steuerte eine, wohl im Nachhinein eingelassene Glastür an, die über eine, zurzeit leere, gepflasterte Terrasse wieder zurück in das Haus führte.

Da war sie die Hintertür.

Wir traten hintereinander in eine geräumige, gemütliche Küche. Die plötzliche Wärme hinterließ eine Gänsehaut auf meinen Armen. Es roch fantastisch, allerdings war niemand zu sehen.

Sophia ging auf eine weitere Tür zu. Wahrscheinlich führte sie zum Esszimmer. Hier sah ich zumindest keinen Tisch.

 

Ich sollte Recht behalten.

 

Meine Eltern saßen schon an dem dunklen Holztisch. Natürlich nebeneinander und unterhielten sich mit einem großen dunkelhaarigen Mann. Wahrscheinlich Marcus. Wie nicht anders zu erwarten, stellte er sogar meinen Vater, den ich immer für unglaublich gut aussehend empfunden hatte, in den Schatten.

Auch er hatte die gleiche blasse Haut wie Sophia und ebenfalls dunkle Ränder unter den Augen. Sie sahen ziemlich übernächtigt aus. Seine Augen waren etwas dunkler, als die seiner Frau und er sah atemberaubend gut aus.

Als wir den Raum betraten unterbrachen sie ihr Gespräch und sahen auf. Der Mann, den ich gerade noch bewundernd angestarrt hatte, schenkte Sophia einen zärtlichen Blick ehe er zu mir blickte. Ein Lächeln erschien auf seinem schönen Gesicht.

„Johanna.“

Ich erwiderte nichts und fuhr fort ihn anzustarren.

Er erhob sich und ging auf mich zu.

„Es ist schön dich hier zu haben. Deine Eltern sind sehr glücklich. Wir natürlich auch.“

In meinem Kopf prustete ich laut wie ein Elefant. Natürlich.

„Ich bin Marcus“, stellte er sich überflüssiger Weise vor.

Als ich immer noch nichts sagte blickter er etwas irritiert zu meinen Eltern hinüber.

Sophia übernahm das.

Sie legte mir dir Hand auf die Schulter und schob mich auf einen Stuhl zu.

„Setz dich doch.“

Ich wurde niedergedrückt und folgte der Bewegung automatisch.

Sophia ließ sich neben mir nieder, während Marcus wieder zu seinem Platz an der kurzen Seite des Tisches ging.

Mein Vater saß links von ihm, Sophia auf der rechten Seite und ich neben ihr.

Das irritierte mich. Mein Bruder fehlte. Die Kinder von Marcus und Sophia waren ebenfalls nicht da. Vielleicht wohnten sie ja gar nicht mehr hier. Was mein Bruder machte, wusste ich sowieso nicht. Wir fragten nicht nacheinander.

Im selben Augenblick ging die Tür auf und die riesige, muskulöse Gestalt meines Bruders, begleitet von zwei anderen wälzte sich in den Raum. Im ersten Moment war ich wie gelähmt durch seinen Anblick. Er war so groß. Ich vergaß immer wieder wie groß. Sein Gesicht war zu dem dummdreisten Grinsen verzogen, das er gern aufsetzte. Er war leider nicht einmal halb so blöd, wie er nun wirkte. Ich wusste, dass viele ihn für gut aussehend hielten mit dem muskulöse Körper, dem schönen Gesicht und den grünen Augen. Sein Haar war blond und recht kurz. Außerdem war er unglaublich gerissen.

„Zimtsternchen!“, seine Stimme dröhnte, als er den Kosenamen auf ironische Weise verdrehte und ihn wie eine Beleidigung klingen ließ.

Ich fühlte mich augenblicklich unwohl. Die ersten Tage würden die schlimmsten werden. Er hatte mich lange nicht mehr aufziehen können.

„Los doch. Steh auf und sag deinem Bruder hallo. Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen.“ Ich musste schlucken. Diese harmlosen Worte klangen so bedrohlich wie er sie aussprach.

Schließlich erhob ich mich doch. Noch konnte ich nicht auf die anderen Beiden achten, als ich auf ihn zuging. Ich war zu abgelenkt. Deswegen sah ich nur aus dem Augenwinkel wie einer der beiden zusammenfuhr, als ich an ihnen vorbei, auf Max zuging. Dieser breitete die Arme aus und drückte mich so fest an seinen stählernen Körper, dass mir die Luft aus der Brust getrieben wurde. Ich keuchte. Zum Glück schob er mich einige Zentimeter von sich, um mich besser betrachten zu können. Im Augenwinkel sah ich wie die zwei andern sich auf den Tisch zugingen. Auch sie bewegten sich unglaublich elegant. Max lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn.

„Du bist ja ein richtiges Mädchen geworden“, sagte er, während er an mir hinunter blickte.

„Das Essen war wohl gut dort, was?“ Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage, deswegen antwortete ich gar nicht erst.

Sein Blick blieb auf meinen Hüften liegen und er zog die Augenbraue nach oben.

„Vielleicht doch etwas zu gut, hä?“

Ich presste meine Lippen zu einem Strich zusammen und unterdrückte meine Wut. Wie alle Mädchen reagierte ich empfindlich auf Dinge, die mein Gewicht betrafen, auch wenn ich wusste, dass es sich noch im grünen Bereich befand.

„Ups, na vielleicht bist du doch kein richtiges Mädchen.“

Ich brauchte nicht in sein Gesicht zu schauen, um zu wissen, dass er nun meine Brüste inspizierte.

Das war zu viel des Guten.

„Halt die Klappe Maximilian“, versuchte ich es kläglich. Meine Stimme zitterte und konnte die Wut dahinter nicht ganz verbergen. Heute Nacht, wenn ich im Bett lag, würden mir tausende guter Wortkombinationen einfallen, die ich nun hätte anbringen können. Natürlich zu spät, denn jetzt war mein Kopf wie leer gefegt. Ich war leider nie schlagfertig gewesen.

Ziemlich demütigend, aber meistens verschlugen mir dreiste und freche Antworten einfach die Sprache.

„Es kann nicht jeder so gut aussehen wie du“, versuchte ich es mit ironischem Unterton.

Es funktionierte nicht, wie erwartet. Max grinste nur. Der Blick seiner Augen verunsicherte mich weiter. Schließlich erhob mein Vater seine Stimme.

Ein Wort genügte: „Max!“ Eine leise Drohung schwang in seinen Worten mit.

Dieser grinste weiter, entließ mich dann allerdings aus seiner Umklammerung und ging um den Tisch herum.

Er ließ sich auf dem Stuhl neben Elizabeth nieder und flüsterte ihr etwas ins Ohr, das ich nicht verstehen konnte. Sie sah ihn missbilligend an.

Ich stieß langsam durch die zusammengebissenen Zähne Luft aus. Alles so wie immer.

Ich versuchte mich zu beruhigen und ging wieder in Richtung Stuhl, auf dem jetzt allerdings ein Mädchen saß und mich fröhlich anlächelte. Wie ihre Mutter, es musste einfach das Mädchen sein, von dem meine Mutter gesprochen hatte, war auch Cecilia wunderschön. Sie war zierlicher als ihre Mutter und hatte ungefähr die gleiche Größe wie ich. Ihren Gesichtsausdruck konnte man fast schon als spitzbübisch bezeichnen. Sie klopfte ein paar Mal auf den freien Stuhl neben sich und grinste. Ich erwiderte ihr Lächeln schüchtern. Diese geballte Schönheit verunsicherte mich. Auch meine Eltern waren schön. So schön, wie man es selten sah, allerdings sah man diese Art von Gesichtern. Marcus, Sophia und das Mädchen neben mir waren von einer so schmerzlichen Schönheit, die ich vorher nie erlebt hatte. Womöglich war das auch gut so. Die wenigen Minuten mit ihnen hatten meiner Selbstachtung einen tiefen Knacks zugefügt. Vielleicht war die Pubertät doch noch nicht ganz überstanden.

„Hi Hanna. Ich bin so froh, dass du endlich da bist. Wir waren hier ganz eindeutig in der Unterzahl. Max und Duncan sind mir schon auf der Nase herum getanzt.“

Ich musste gar nicht über den Tisch hinüber sehen, um zu wissen was mich erwarten würde. Trotzdem tat ich es, aus reiner Neugierde.

Fast hätte ich frustriert aufgestöhnt. Aber dazu hätte ich Luft gebraucht und die blieb mir nun vollendest weg. Mir direkt gegenüber saß das wohl schönste Wesen, das mir je über den Weg gelaufen war. Mit dem Wuschelkopf aus braunen Locken, den karamellfarbenen Augen, der geraden, schmalen Nase, den vollen Lippen und den Grübchen, die selbst zu erahnen waren, wenn er nicht lächelte, schien dieses Junge meinen kühnsten Träumen entsprungen zu sein.

Selbst Heath Ledger, der meiner Meinung nach dem Bild eines Gottes am Nächstens kam, zumindest, wenn er nicht als schwuler Cowboy rumhüpfte, verblasste neben seinem glorreichen Gesicht. Auch in diesem Moment, in dem er mich anstarrte, als hätte er auf eine sehr, sehr saure Zitrone gebissen schien er mir zu schön, um wahr zu sein. Langsam wurde mir schwindelig. Das war wohl das größte Kompliment an sein Gesicht. Es ließ selbst meinen Selbsterhaltungstrieb, der sonst eigentlich sehr ausgeprägt war verstummen…ich hatte versäumt zu atmen.

 

Als ich wieder einigermaßen klar denken konnte, musste ich mich zwingen die verbrauchte Luft zwischen meinen Lippen hinaus- und wieder frische hinein zu lassen,

Auch Cecilia, die sich, wie ich mit einem Ohr mitbekommen hatte, als Celia vorgestellt hatte starrte mein Gegenüber nun an. Wie ich aus dem Augenwinkel sah, allerdings eher fragend als…ja wie starrte ich ihn eigentlich an. Schnell blickte ich vor mir auf den Tisch, als ich bemerkte, dass ich ihn angesehen haben musste, als würde ich ihn aufessen wollen.

Augenblicklich wurde ich rot. Noch so eine erniedrigende Eigenschaft.

Ich schnaufte leise. Ich war mir eigentlich sicher, dass ich selbst das Geräusch kaum gehört hatte und da es zusätzlich durch das Gespräch überdeckt wurde, das meine Eltern nun mit Marcus und Sophia führten, überraschte es mich umso mehr, dass Cilia mich nachdenklich ansah. Dann blickte sie wieder ihren Bruder an.

Ich wagte einen kurzen Blick. Die Geschwister sahen sich in die Augen. Keiner der beiden bewegte sich. Duncan, da nur noch dieser Name übrig blieb, musste es wohl seiner sein, saß etwas zusammen gesunken neben meinem Bruder. Sein Gesicht war vollkommen regungslos, allerdings konnte ich sehen, dass sich seine Kiefer angespannt aufeinander drückten.

Seine Hände umklammerten die Tischplatte, bis Max ihm die Hand auf die Schulter klatschte. Mich hätte dieser Schlag umgeworfen, doch Duncan rührte sich nicht einmal. Allerdings entließ er die Tischplatte aus seinem Klammergriff und ballte die Hand in seinem Schoß zu Fäusten. Zumindest dachte ich das, da die Sehnen seiner Arme gefährlich unter seiner Haut hervortraten und die Muskeln gespannt waren.

Schließlich ließ er seinen Blick weiter zu mit schweifen. Nun erstarrte ich völlig. Der Blick seiner Augen war wütend und unglaublich intensiv. Noch weniger verstand ich den frustrierten Zug um seinen schönen Mund. Mir war es unmöglich den Blick zu lösen, oder mich irgendwie zu bewegen. Ich starrte zurück und konnte plötzlich nachfühlen, wie sich ein Kaninchen fühlen musste, wenn eine dicke fette Kobra sich vor ihm aufrichtete. Fraßen Kobras überhaupt Kaninchen?

Celia bewegte sich unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und da entließ mich ihr Bruder schließlich aus seinem hypnotischen Blick.

Seltsam, ich war wirklich kurz davor gewesen aufzustehen, ohne einen bestimmte Grund dafür zu haben.

Celia hatte es auf einmal sehr eilig mich nach meiner Reise und dem Zimmer zu fragen. Ich war froh über die Ablenkung und wandte mich ihr zu. Aus dem Augenwinkel spürte ich den frustrierten Blick aus seinen samtenen Augen auf mir und musste mich beherrschen, um nicht zurück zustarren.

Wie ich es irgendwie erwartet hatte, tauchte kurz darauf eine Köchin auf. Sie schnaufte laut, als sie eine große Auflaufform auf den Tisch wuchtete. Der Laut klingelte in meinen Ohren und neben mir spürte ich Celia leicht zusammenzucken.

„Marie.“ Marcus klang wirklich entrüstet. „Sag doch Bescheid. Du musst das doch nicht allein machen. Du hast schon genug Arbeit.“

Diese Marie war mir von Anfang an sympathisch. Ich sah in ihr eine Art Verbündete unter all diesen Engelsgesichtern. Sie war genauso rotgesichtig, wie ich es sein konnte, wenn ich wütend war, oder mich schämte. Allerdings kam ihre Gesichtsfarbe wahrscheinlich von der Wärme, die hinter ihr hergeweht kam. Die Küche schien einer der wärmsten Räume im Haus zu sein. Wahrscheinlich würde ich mich dort oft aufhalten. Mich zogen Küchen magisch an. Sie strahlten etwas von dem Familienleben aus, das ich nie kennen gelernt hatte. Jetzt allerdings wurde ich eines hineingeworfen. Völlig unvorbereitet.

 

Es roch wirklich fantastisch. Aber wenn ich Hunger hatte roch in meiner Nase alles Essbare wunderbar.

Allerdings ahnte ich schlimmes. Das dort in der Mitte des Tisches, das von Leo gerade auf verschiedene Teller verteilt wurde sah aus wie Lasagne. Das hieß Fleisch. Ich hatte seit zwei Jahren kein Fleisch mehr gegessen. Irgendwann hatte mich der Geruch einfach abgestoßen. Seit diesem Tag konnte ich es einfach nicht mehr über mich bringen. Ich war sozusagen zu einem unfreiwilligen Vegetarier geworden. Ich rümpfte die Nase. Es war mir unglaublich unangenehm. Ich wollte nicht so unhöflich erscheinen. Wenn es nur meine eigene Familie gewesen wäre...kein Problem, mit denen hatte ich sowieso noch eine Rechnung offen. Aber so war es nicht. Es ging mir um die andere Familie, deren Mitglieder mich jetzt schon seltsam finden mussten, oder es bereits taten. Ich wagte einen kurzen Blick über den Tisch.

Duncan saß immer noch da und blähte die Nasenflügel. Vielleicht war er von Fleisch ja genauso angewidert wie ich? Ich bezweifelte es. Irgendwie ging mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, es könne etwas mit mir zu tun haben.

Ich schluckte. Ja gut, ich hatte ihn angestarrt. Das machten bestimmt viele Menschen. Ich konnte mir vorstellen, dass es ihn nervte taxiert zu werden, wie ein schöner…sehr schöner…Schmetterling, aber dass es ihn so wütend machte.

Er hatte wohl bemerkt, dass ich ihn ansah, denn in dem Moment wanderten seine Augen in meine Richtung. Schnell sah ich in eine andere Richtung. Seine Augen hatten schon wieder so gefährlich geblitzt.

„Ähm…“, ich räusperte mich. Sofort bereute ich es, als mich alle ansahen, Marie eingeschlossen.

Ich lief prompt rot an und schwieg.

Max grinste, das wusste ich. „Du bist ja immer noch so ein Rotgesicht“, stellte er glucksend fest.

Gott, das konnte doch nun wirklich nicht so schwierig sein.

„Vielleicht wäre es besser, wenn ich auf das Abendessen verzichten würde….“, ich konzentrierte mich auf irgendeinen Punkt auf der Wand direkt hinter Leo.

„…mir ist nicht…so gut.“

Selbst in meinen Ohren klang das sehr dürftig. Ich hatte noch nie gut lügen können. Aber ich wollte hier weg. Ich fühlte mich unter den Blicken meines Gegenübers immer unwohler. Außerdem musste ich dann die Sache mit dem Fleisch nicht jetzt klären.

Von überall her begegneten mir skeptische Blicke. Max grinste. Ich sah wie er den Mund öffnete, um irgendeinen blöden Kommentar loszulassen, der alles noch unangenehmer machen würde.

„Ich bin müde und der lange Flug hat mir nicht so gut getan. Außerdem hab ich gar keinen Hunger.“

Ich war unglaublich froh, dass mir mein Körper dieses Mal kein Bein stellte. Ich hätte erwartet, dass mein Bauch in genau diesem Augenblick anfangen würde zu grummeln.

Bloß nicht das Glück herausfordern.

Ich schluckte.

Schließlich lächelte Sophia, während meine Mutter eher entsetzt aussah.

Tja, kommt davon, wenn man mich nicht selbst erzieht.

„Aber natürlich. Geh nur, du musst wirklich müde sein. Schlaf dich aus.“

Sie nickte aufmunternd, um ihre Worte zu unterstreichen.

Das erleichterte mich schon einmal. Wenn ich sie mit meiner Flucht verunsichert hatte, so ließ sie es sich nicht anmerken.

„Schade, ich dachte wir könnten den Abend nutzen, um uns ein wenig besser kennen zulernen. Die Jungs sind ja ganz nett, aber alles kann man mit ihnen auch nicht anstellen.“, Celia klang wirklich enttäuscht.

„Entschuldige. Ein anderes Mal vielleicht?“

Celia lächelte und nickte.

„Gute Nacht Hanna.“

Ich war zu angespannt, um zu lächeln, denn ich spürte den beobachtenden Blick von Duncan Benett auf mir. Ich nickte und hoffte, dass man mir die Dankbarkeit von dem Gesicht ablesen konnte.

 

Als ich aufstand und den Tisch umrundete sah ich aus dem Augenwinkel, dass Max mich wie immer dämlich angrinste. Liz sah geschockt aus, während Leo eher interessiert schaute.

Ich nahm mir vor meine Zimmertür abzuschließen.

Ich hörte noch die Stimme meiner Mutter, die mir hinterher rief, ich solle mir die Haare fönen, ich würde sonst krank werden.

Aber das war gerade reichlich egal. Ich wollte nur möglichst weit weg von dieser unangenehmen Szenerie. Noch immer hatte ich das Gefühl ich würde wütend angestarrt werden, so intensiv war sein Blick gewesen.

Ich musste wieder schlucken. Dieses Mal, um den Knoten in meinem Hals loszuwerden. Das hatte ja prima angefangen.

Ich spürte, wie sich Tränen der Wut ihren Weg in meine Augen bahnten und schüttelte wütend den Kopf. Allerdings verstärkte das den Effekt nur noch. Es war so frustrierend. Ich wollte zurück. Und das sofort. Wollte mich in Wills Arme kuscheln und mich von Julia voll quasseln lassen. Ich wollte ihre kleinen Witzchen über mich hören und mit ihnen Lachen.

Nun liefen mir die Tränen natürlich wirklich über die Wangen. Zu allem Überfluss hatte ich keine Ahnung wo ich war, da ich zur erstbesten Tür hinaus gestürmt war. Hätte ich mich in einem halbwegs normalen Zustand befunden, so normal, wie das bei mir eben ging, hätte ich vielleicht sogar erkannt, wie ich wieder zurück fände. Aber jetzt. Nach diesen Blicken.

Und das letzte was ich wollte war zurück zugehen und zu fragen. Ganz zu schweigen davon wie peinlich das sein würde. Ich wollte nicht, dass mich irgendjemand so sah. So aufgelöst und schwach. Ich war gern schwach, was blieb mir auch anderes übrig, aber ich war zu stolz, um dabei Leute in der Nähe zu haben, die mir nicht so nahe standen wie Julia und Will.

 

Ich habe Angst im Dunkeln. Ich neige dazu schnell überzureagieren. Ich werde leicht hysterisch und kann mich gut in irrationale Gedanken hineinsteigern. Ich bin generell selten wirklich rational und außerdem werde ich viel zu schnell klaustrophobisch.

 

All das wurde mir zum Verhängnis, als ich dort ganz allein in der Dunkelheit stand. Wieso wurde es hier so verdammt schnell dunkel?

Es war kalt und ich bildete mir ein seltsame Geräusche zu hören.

Ich war weg von meinen Freunden und hatte mich an meinem ersten Abend furchtbar blamiert.

Alle Menschen um mich herum schienen den Begriff der Schönheit auf ein vorher nie da gewesenes Level anzuheben. Mein Bruder ging mir jetzt schon auf die Nerven, die Leute, mit denen ich mindestens ein Jahr auskommen musste fanden mich merkwürdig.

Einem von ihnen war meine Person durchweg unangenehm. Warum auch immer.

Und jetzt hatte ich mich in einem fremden Haus verlaufen. Mir war kalt, ich hatte einen Mordshunger und ich hatte Angst. Nur noch ein bisschen und ich würde anfangen zu hyperventilieren.

Ich versuchte mich zu beruhigen. Was könnte mir hier schon passieren? Ich stand irgendwo in einem völlig fremden Haus, ja, aber wo war das Problem. Wenn ich hier her gekommen war, kam ich auch irgendwie wieder zurück.

Trotz der wechselnden Gefühle rief ich mich zur Ruhe.

Will meinte oft, mir würde jegliche Rationalität abhanden gekommen sein.

Der Gedanke an ihn beruhigte mich.

Langsam nahm ich die Umgebung als das wahr, was sie wirklich war.

Ein dunkler Raum, durch den das dämmrige Licht des fortgeschrittenen Abends fiel.

Irgendwo musste ein Lichtschalter sein.

Ich sah mich um und kniff die Augen zusammen, um sie schneller zu adaptieren.

Natürlich sah ich Keinen.

Ich rümpfte die Nase und blickte mich weiter um.

Unendlich erleichtert entdeckte ich eine Tür. Seltsamerweise stand ich mitten im Raum.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich hierher gelangt war. Mir war nur klar, dass ich so schnell wie möglich dort hin zurück wollte, wo ich schon einmal gewesen war.

Ich trat auf die Tür zu und öffnete sie. Ein Flur erstreckte sich vor meinen Füßen. Allerdings konnte ich selbst in der schlechten Beleuchtung die nächste Tür ausmachen, unter der schwaches, flackerndes Licht hervor schien.

Ich straffte meine Muskulatur und lief auch auf diese zu, um sie zu öffnen.

Ich hatte Glück. Ich erkannt die große Eingangshalle wieder, in die ich schon zwei Mal meine Füße gesetzt hatte.

Von hier aus wusste ich wie es weiter ging.

Ich seufzte vor Erleichterung auf und lief der Treppe entgegen. Man konnte schon fast sagen, dass ich rannte, und hechtete die Stufen hinauf.

Die Tür zu meinem Zimmer hatte ich mir glücklicher Weise merken können.

So stand ich fünf Minuten nach meinem ersten leichten psychischen Zusammensturz in dem Zimmer, das ich nun für ein Jahr bewohnen würde. Dann wäre ich mit dem Abschluss fertig und konnte gehen wohin ich wollte. Hier bleiben, das stand für mich fest, würde ich auf keinen Fall.

Dieses eine Jahr würde lang sein, aber ich würde es aushalten. Dann konnte ich zurück nach Kanada. Zu Will und Julia.

Mit diesem Gedanken schlüpfte ich in meine viel zu große Schlafanzughose und ließ mich auf das frisch gemachte Bett fallen.

Ich war müde und von den vielen Eindrücken in so kurzer Zeit, ziemlich erschöpft.

Die Zeitverschiebung machte mir außerdem ganz schön zu schaffen. Ich hatte wohl einen ziemlichen Jetlag.

Mir wirbelten viele Dinge im Kopf herum, als ich schließlich in einen traumreichen Schlaf fiel, der alles andere als erholsam war.

Ich träumte irgendein wirres Zeug, an das ich mich am nächsten Morgen nicht einmal mehr erinnern konnte.

 

Kapitel 2

 

Eine schrecklich schöne Familie

 

 

Die Autofahrt zum Flughafen verlief glatt. Nur einmal mussten wir auf dem Highway halten, weil kurz vor einer Ausfahrt ein Unfall den Verkehr auf nur eine Spur zwang und es sich staute.

Ich sprach wenig und übte mich in passiver Aggressivität, mit der konfrontiert, mein Vater es sehr bald aufgab eine Konversation in Gang zu bringen.

Gut so!

 

Auf dem Flug stellte ich mich zum größten Teil schlafend, oder las. Ich war wütend und wollte es meinen Vater in diesem verzweifelten Akt spüren lassen.

Den ganzen langen Flug von Westkanada nach Nordengland sprach ich nur das Nötigste.

Genauso wie auf dem Weg vom Flughafen zu meinem neuen Zuhause, oder dem Zuhause meiner Familie. Ich wollte es nicht mein Zuhause nennen. Das würde es niemals werden.

„Deine Mutter hat viel zu tun, deswegen ist sie nicht dabei gewesen um dich abzuholen“, versuchte es mein Vater erneut, nachdem ich eine lange Zeit nichts außer seiner Atemzüge von ihm gehört hatte.

Ich schwieg und sah mir die Landschaft an. Es wurde immer hügliger. Ich war müde und fühlte mich wie ein Dreckschwein.

Ich hasste lange Flüge und lange Autofahrten. Das überschüssige Adrenalin sammelte sich in meinen Adern und machte mich noch ungehaltener. Gleichzeitig schläferten mich die Motorengeräusche ein.

Als er keine Antworte bekam seufzte er, sagte aber nichts.

Es war so typisch. Meine ganze Familie war viel zu bequem, um sich mit meinen Problemen und Gefühlen zu beschäftigen. Alles, was nicht in ihre kleine, perfekte Welt passte, stellte einen Störfaktor dar. Und der wurde am besten ignoriert und gemieden.

„Bist du sehr müde?“, meldete sich mein Vater nach zehn Minuten wieder zu Wort.

„Geht.“

„Möchtest du gleich nach Hause, oder soll ich dir ein wenig von dem Ort zeigen?“

„Mir egal“, ich versuchte bemüht gelangweilt zu sprechen, um nicht zu verraten, dass langsam Neugierde und Aufregung siegten. Wie würde der Ort sein? Wie die Freunde meiner Eltern, wie das Haus, mein Zimmer…?

Aber ich zwang mich zu weiterem Schweigen. Der kritische Blick meines Vaters ruhte auf mir, doch entgegen meines Verdachts blieb er still. Er schien sich damit abgefunden zu haben, dass ich schmollte und setzte auf meine natürliche Neugierde. Dämlicher Idiot!

„Gut. Dann fahren wir zum Haus. Die sind sowieso schon alle gewaltig aus dem Häuschen. Es bleibt ja noch genug Zeit alles zusehen, bevor die Schule wieder anfängt.“

Die Schule. Warum musste er auch noch dieses Thema anschneiden. Wie alle anderen normalen Menschen hasste ich es in neue Umgebungen gestoßen zu werden und Schule war etwas noch schlimmeres.

Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um mich nicht zu schütteln, oder ausdrucksvoll zu schnauben.

Wie alle Frauen bzw. Mädchen gesegnet damit die Umwelt auch aus den Augenwinkeln ausreichend beobachten zu können, sah ich wie mein Vater eine Nummer in sein Telefon drückte, den grünen Hörer betätigte und es an sein Ohr legte. Er legte es immer an das linke Ohr.

„Wir sind in fünf Minuten da“, sagte er ohne eine Begrüßung.

„Naja wir werden sehen“, antwortete er der Stimme, die ich nicht hören konnte, mit einem Seitenblick auf mich.

„Ja bis dann.“

Er nahm das Handy vom Ohr und betätigte den roten Knopf. Dann legte er es in die Mittelkonsole und sah mich kurz an.

„Ich weiß, dass das Ganze sehr schwierig für dich sein muss. Wir müssen dir unglaublich egoistisch vorkommen“, sagte er schließlich und wartete auf eine Reaktion. Er wartet vergeblich. Ich rührte mich nicht und sah weiterhin aus dem Fenster. Inzwischen war es sechs Uhr am Abend und auch wenn es Sommer und noch recht früh war, hatte ich das Gefühl die Umgebung würde etwas schummriger werden. Hier schien selten die Sonne hatte ich gegoogelt und anscheinend ging sie auch noch schneller unter. Wie funktionierte das denn?

„Vielleicht kannst du dich irgendwann doch ein wenig freuen bei uns zu sein. Glaub mir deine Mutter und ich genießen…“, weiter kam er nicht.

„Lass es einfach Leo.“

Meine Stimme klang hart, aber nicht so hart, wie ich es gewollt hatte. Ich nannte meinen Vater mit Absicht bei seinem Vornamen, um ihn zu verletzen. Eine ganz schön verzweifelte Methode.

Er verstummte und beließ es dabei.

Wir fuhren auf einer nur sehr sporadisch befahrenen Asphaltstraße, deren beste Tage weit in der Vergangenheit lagen.

Irgendwann lenkte Leo den Wagen, es war der gleiche Wagen mit dem er mich in Kanada abgeholt hatte, trotzdem bezweifelte ich, dass es derselbe war, auf einen Schotterweg, der rechts von der Straße weg führte. Kein Schild zeigte an wohin der Weg führte.

Die Straße, eigentlich eher ein Weg war zwar aus Schotter, allerdings trotzdem in besserem Zustand, als man hätte denken können und auf jeden Fall nicht halb so holperig, wie die Asphaltstraße, auf der wir gerade noch gefahren waren.

Die Landschaft draußen, war wirklich schön. Sehr grün und hügelig, wie gemalt.

Ich lächelte ungewollt, setzte aber schnell wieder eine grimmige Mine auf und beobachtete meinen Vater aus dem Augenwinkel. Aber der schien ganz in seine eigene Welt versunken. Er lächelte.

Er freute sich auf Mum. Meine Eltern liebten sich abgöttisch. Das war schön, klar. Nur irgendwie hatte ich immer das Gefühlt, als würde niemand die Chance haben dazwischen zu kommen und sei es die eigene Tochter.

 

Der Wagen fuhr durch ein großes Eisentor, das wohl vor einiger Zeit erneuert worden war, denn es war unbewachsen und vollkommen rostfrei, auf das, von Hecken und Bäumen eingegrenzte Grundstück und bog um die Ecke.

Ich hielt den Atem an.

 

Nicht, das ich mich für Architektur interessieren würde, ich hatte keine Ahnung von Häusern, dafür aber von Geschichte. Alles was alt war, war mir sympathisch.

Wenn etwas alt und auch noch schön war, dann war es um mich geschehen.

 

Dieses Haus war ein Traum.

Ein altes, steinernes Herrenhaus. Wunderschön und es war riesig. Der Untergrund hatte sich inzwischen verändert und wir hielten auf einem asphaltierten Weg, der vor dem Haupteingang einen malerischen Halbkreis drehte.

 

Die Front war gesäumt mit einer langen Reihe großer Fenster, oben wie unten und es schien, als würde das Haus aus verschiedenen Teilen bestehen, die man einfach zusammengesetzt hatte. Allerdings sah das überhaupt nicht willkürlich aus. Es war einfach…wunderschön.

Ich konnte das Grinsen meines Vaters geradezu spüren, so sehr knisterte es in der Luft.

Aber ich hatte keine Lust mich jetzt darüber aufzuregen. Der Gedanke in einem solchen Haus zu wohnen. Der Wahnsinn. Und ich hatte meine Schule schon immer für das schönste Gebäude der Welt gehalten. Meine ehemalige Schule, fügte der pessimistische Teil meines Bewusstseins hinzu, der sich von der malerischen Schönheit des Hauses nicht beeindrucken lassen wollte und weiterhin schmollte.

„Willkommen auf Roxburgh Manor.“

Leo lächelte und ich atmete immer noch nicht.

Ich nickte nur und befasste mich das erste Mal mit dem Gedanken, wie ich mein Zimmer einrichten sollte.

 

Ich öffnete die Tür und stieg aus dem Wagen. Die Luft, mit der ich meine Lungen füllte war frisch und salzig, für die sommerliche Zeit allerdings recht kühl.

 

Nachdem ich einige Schritte getan hatte, drehte ich mich ein wenig, den Mund vor Staunen geöffnet.

Efeu rankte sich die, vom Alter bereits verfärbten Steine hinauf. Grasflächen säumten die Einfahrt. Nirgendwo plätscherten kitschige Brunnen. Bäume wehten in der Brise die von Westen her die salzige Meeresluft brachte.

Ich fühlte mich wohl. Trotz allem fühlte ich mich zu Hause. Es war wunderbar hier. Ein Traum.

Ich hörte eine Autotür zu schlagen. Mein Vater war ebenfalls ausgestiegen, doch ich beachtete ihn nicht. Er schien es auch gar nicht zu verlangen.

 

Ich bemerkte, wie sich die Haustür öffnete, dann sah ich einen dunklen Blitz. Mühsam riss ich den Blick von der steinernen Fassade los, die mich so begeisterte und beobachtete den schokoladenbraunen Labrador, der sich so eben um die Beine meines Vaters wickelte.

Nachdem er einer Weile gestreichelt worden war, machte er sich daran mich zu begrüßen.

 

„Hanna mein Schatz“, ertönte es von der Haustür.

Ich tat, als hätte ich meine Mutter nicht gehört und fuhr fort den Hund zu streicheln.

Kurz herrschte Stille, in der meine Eltern bedeutungsschwere Blicke tauschten.

Nachdem Elizabeth O’Sullivan ihren Mann begrüßt hatte, ging sie auf mich zu.

„Er heißt Luke“, sagte sie und sah den Hund an, der sich schwanzwedelnd an mich presste und leise grunzartige Geräusche ausstieß.

„Dämlicher Name.“, antwortete ich und krabbelte den Kopf des Tieres.

Meine Mutter ließ ein leises Lachen erklingen und plötzlich fiel es mir nicht mehr so leicht ihr böse zu sein.

„Wie war der Flug?“, fragte sie.

„Lang“, antwortete ich.

„Dacht ich mir.“ Sie musterte mich.

„Komm rein. Dein Vater wird sich um deine Sachen kümmern. Vielleicht möchtest du dich frisch machen? Du kannst die anderen auch noch später begrüßen. Essen gibt es sowieso erst in zwei Stunden. Was meinst du?“

Ich nickte. „Ich würde mich gern waschen. Ich stinke wie ein Warzenschwein.“

„Nun vielleicht nicht wie ein Warzenschwein….“, meine Mutter grinste. „Komm mein Engel. Es ist schön dich hier zu haben.“

Ich blickte ihr nach und begann, nach ein paar Augenblicken, ihr hinterher zu laufen.

 

Der Rest des Hauses, zumindest das, was ich auf dem Weg zu meinem neuen Zimmer zu sehen bekam war noch besser als die Außenansicht. Gott war das schön. Alte Teppiche und Möbel, Feuer in den Kaminen. Das Haus wurde dem Anschein nach noch mit Holz geheizt. Das würde kalt werden. Jetzt war es Sommer und die Temperatur war für meinen Geschmack jetzt schon ein wenig zu niedrig. Wie würde das erst im Winter werden?

Aber ich war bereit das zu ertragen, um dafür in diesem Haus leben zu können. Natürlich würde ich Kanada mit Will und Julia vorziehen….natürlich, was für eine Frage, aber das hier war schon nicht schlecht.

„Wir haben beschlossen, dass du hier wohnen wirst. Man hat eine wunderschöne Aussicht auf den Garten.“

Elizabeth war vor einer Tür stehen geblieben und sah mich auffordernd an.

„Na geh schon hinein.“

Ich sah meine Mutter kurz an, holte tief Luft, inzwischen hatten sich unwillkürliche Reflexe eingeschalten und ich atmete wieder, und drückte dann die Messingklinke nach unten.

Ich war vorbereitet gewesen, wahrscheinlich der einzige Grund dafür, dass ich weiteratmen konnte. Natürlich auch, weil es nun wieder aus Reflex geschah.

Das Zimmer war bereits fertig eingerichtet. Ich blickte auf drei große Fenster, die direkt nebeneinander eingelassen waren und auf ein wunderschönes, hölzernes Bett, das genau an der Mitte der Fensterseite stand. Es sah unglaublich urig und gemütlich aus, wie es da stand mit der kuscheligen Flanellbettwäsche und den viele Kissen in warmen Terra Cotta Tönen.

An der rechten Wand stand ein wuchtiger Schreibtisch, komisch ich hätte eigentlich eher einen Sekretär erwartet. Schreibtische aus dieser Zeit zu finden, war aufwendig und mit vielen Kosten verbunden. Naja, wer in solch einem Haus wohnte. Das brachte mich auf den Gedanken, wer all das hier eigentlich bezahlt hatte. Gerade als ich zum Sprechen ansetzte unterbrach sie mich: „Wie gefällt es dir? Celia hat mir geholfen es einzurichten.“

„Celia?“

„Cecilia, die Tochter von Marcus und Sophia. Ihnen gehört das Haus. Es sind sehr alte und gute Freunde von deinem Vater und mir. Aber das weißt du ja. Nun?“

„Hm. Schön.“

So einfach wollte ich es ihnen doch nicht machen. Immerhin hatten sie mich von Will und Julia getrennt.

 

„So, da wären wir.“ Mein Vater war inzwischen auch angekommen und setzte die beiden großen Koffer mitten in dem Zimmer ab. Mit dem Gedanken, wie er sie hier hoch gewuchtet hatte, beschäftigte ich mich gar nicht erst.

„Und gefällt es dir? Deine Mutter und Cilia haben sich lange damit beschäftigt.“

„Danke“, sagte ich leise. Ich hatte noch eine Kommode und einen Kleiderschrank entdeckt. Außerdem war ein großer Spiegel an der Wand angebracht.

 

Eine Pause entstand.

„Also ich zeig dir schnell wo das Badezimmer ist und du machst dich fertig. Wenn du so weit bist komm einfach hinunter ja?“

Ich nickte und bückte mich nach meinen Koffern. Ich brauchte schließlich einiges an Kosmetik, außerdem wollte ich mich umziehen.

„Du kannst ja morgen immer noch auspacken.“, schlug Leo vor.

 

Wie wenig ihr mich doch kennt. Wenn ihr euch einmal mit mir beschäftigt hättet, wüsstet ihr, wie sehr ich es hasse Dinge nicht sofort zu erledigen.

 

Doch ich blieb still und nickte. Vielleicht sollte ich es wirklich auf morgen verschieben.

 

 

 

 

Als ich den Beiden versichert hatte, ich würde allein zu Recht kommen, schloss ich die Badezimmertür hinter mir und seufzte. Endlich war ich allein.

Das Badezimmer war, im Gegensatz zu meinem und den anderen Zimmer, die ich bis jetzt gesehen hatte, modern eingerichtet. Dusche, Toilette, Waschbecken, Badewanne, alles was ein normales Badezimmer beinhaltet, auch wenn alles von schlichter Eleganz war.

Die Uhr zeigte zwanzig nach sechs an. Noch genug Zeit. Ich würde erstmal duschen und mich wieder in einen Menschen verwandeln.

 

Als das warme Wasser auf meinen Körper prasselte und daran hinunter rann, konnte ich mich das erste Mal seit langem wieder entspannen.

Irgendwie würde das schon gehen. Mein Gott, es war meine Familie und sie hatten mich schließlich nie schlecht behandelt. Außer vielleicht Max, mein Bruder. Aber böse hatte der das auch nie gemeint.

Ich würde versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Ich hatte es meinen Freunden versprochen.

 

Zurück im Zimmer versuchte ich als erstes frische Unterwäsche und eine saubere Jeans zu finden. Die, die ich auf dem Flug getragen hatte, befreite ich von dem Ledergürtel und warf sie zurück auf die Erde. Das Geräusch, das dadurch erklang ließ mich aufschrecken.

Schließlich fand ich das kleine Päckchen, das Andrew mir in die Hand gedrückt hatte. In der Aufregung hatte ich es total vergessen. Genauso wie das Geschenk der anderen. Aber damit würde ich noch ein wenig warten. Es war zu früh dafür.

 

Ich öffnete es und stieß frustriert Luft durch die Nase aus. Er hatte mir ein Schmuckstück geschenkt. Ein Armband mit verschiedenen Anhängern.

Es dauerte einen Moment bis ich den Sinn dahinter verstand. Jeder Anhänger stand für einen unserer Küsse. Die kleine Banane stand für den Abend, an dem ich nur Bananennektar getrunken hatte, weil ich alles andere widerlich gefunden hatte. Die Sonne für den Ausflug an den Strand und so weiter. Insgesamt waren es fünf Anhänger. Es war gut gewesen, aber das es ihm soviel bedeutet hatte, bereitete mir ein schlechte Gewissen. Ich beschloss es zu behalten, aber tragen wollte ich es nicht. Es war irgendwie zu intim. Also legte ich es auf den kleinen Nachtisch neben dem Bett.

 

Das Handtuch war von meinem nassen Haar gerutscht und nun hing es mir kalt ins Gesicht. Es ließ mich erschauern und weiter nach einer passenden Hose suchen.

Ich mochte Jeans. Sie waren so praktisch. Außerdem betonten sie meinen Hintern. Auf den war ich stolz. Auch wenn ich lieber schönere Brüste gehabt hätte. Aber aussuchen konnte man es sich bekanntlich ja leider nicht. Wieso also unglücklich sein? Meine Figur war trotz allem recht passabel, auch wenn ich kleiner war, als der Durchschnitt. Ich brachte es grade auf einen Meter achtundfünfzig. Aber ich war wohl proportioniert, die Beine nicht zu kurz und vor allem nicht zu kräftig und außerdem muskulös. Ich besaß eine schön ausgeformte Hüfte und ein schmale Taille, fein geformte Finger und muskulöse Arme, einen zarten Hals. Alles in Allem wirkte ich normal. Vielleicht ein bisschen zierlicher, aber, dank des Sports, nicht dünn. An mir selbst mochte ich vor allem die Haare, bzw. die Haarfarbe. Dicht und so Pechschwarz, wie man es selten sah, fiel es mir bis unter die Schulterblätter, zumindest, wenn es nicht nass am Kopf klebte, wie jetzt. Die meiste Zeit konnte es sich allerdings nicht entscheiden, ob es gewellt, oder völlig glatt sein sollte, was unglaublich frustrierend war.

Außerdem gefielen mir die Einkerbungen neben dem Steißbein. Julia hatte so etwas nicht gehabt, es sich allerdings nicht nehmen lassen den meinen Namen zu geben. Nun hießen sie Ernie und Bert, nach den Figuren aus der Sesamstraße. So ein Blödsinn. Die Erinnerung ließ mich lächeln.

 

Dass mein Gesicht schön war hatten mir mal ein paar gesagt, aber da konnte ich nicht mitgehen. Es war nicht hässlich, hübsch vielleicht, aber schön fand ich es nicht. Dafür war die Haut zu hell, auch wenn der Teint makellos war, und die Farbe meiner Lippe passte überhaupt nicht dazu.

Auch wenn meine Nase gerade und schmal war und die Augen genau die richtige Größe für das Gesicht hatten, die Brauen feine, dunkle Linien zogen und die dunklen Wimpern, die die sturmblauen Augen säumten lang und dicht waren. Irgendwie wirkte mein Gesicht durch die hohen Wangenknochen manchmal hager und kantig. Außerdem war ich eindeutig zu blass. Aber das lag in der Familie. Wenigstens etwas, dass ich mit ihnen gemeinsam habe, dachte ich bitter.

Ich zuckte mit den Schultern. Auch egal. Die Zeit, in der ich mich darüber geärgert hatte, war vorbei und ich mit meinen 17 Jahren der Pubertät restlos entwachsen.

Ich überlegte kurz, ob ich einen Rollkragenpullover überziehen sollte, verwarf den Gedanken aber ebenso schnell wieder. Was sollte ich im Winter tragen, wenn ich im Sommer Wollpullover trug?

Also streifte ich kurz entschlossen einen dünnen Pullover mit rundem Ausschnitt und langen Ärmeln über meinen kalten Körper. Ich würde erbärmlich frieren, aber irgendwie musste man sich ja an das Klima hier gewöhnen. Außerdem gab er mir das Gefühl ich hätte ein Dekolleté. Meine Lieblingsjeans lag in dem zweiten Koffer, aber dafür gleich oben auf.

 

Dann begann ich nach den dicken Wollsocken zu suchen, die sich irgendwo in den unendlichen Weiten der Koffer befinden mussten und begann dabei diese leer und den Schrank voll zu räumen.

 

Nach einiger Zeit sah ich auf und blickte mich um. Nirgendwo tickte eine Uhr und ich hatte das Gefühl für Zeit verloren. Auf dem Nachttisch wurde ich fündig. Die Digitaluhr zeigte 7.30 an. Halb acht. Noch eine halbe Stunde.

Auch wenn ich fand, dass eine altmodischere Uhr sich besser mit dem Stil des Zimmers vertragen hätte, freute ich mich über diese Kleinigkeit. Ich mochte Digitaluhren lieber. Erstens hasste ich das Geräusch von tickenden Uhren, dabei konnte ich einfach nicht einschlafen. Zweitens fand ich es leichter die Uhrzeit in nackten Zahlen abzulesen, anstatt von einem Ziffernblatt. Es ging einfach schneller.

Julias Ungeduldigkeit hatte sich zu einem gewissen Teil doch auf mich übertragen.

 

Die Koffer waren leer. Die wenigen persönlichen Dinge verstaut. Ich besaß nicht viel von diesen Dingen, auch wenn ich eher der Typ Mensch war, der so etwas aufbewahrte und nicht wegwerfen konnte. Es fiel mir sehr schwer loszulassen.

Das Internatleben hatte dafür allerdings wenig Verständnis. Bei Schulwechseln sehr praktisch, wie sich herausgestellt hatte.

 

Eine halbe Stunde bis zum Abendessen.

Ich beschloss mich ein wenig im Garten umzusehen.

Ich trat auf den Gang hinaus.

Einen guten Orientierungssinn hatte ich nie gehabt, allerdings war das auch gar nicht nötig. Von hier aus, war die Treppe bereits zu erahnen. Gut so. Wahrscheinlich hätte ich es sonst geschafft mich zu verlaufen.

Weniger aufgeregt als vorher, hatte ich jetzt mehr Zeit mich auf die rustikale Schönheit zu konzentrieren. Die mit Holz verkleideten Wände, das Parkett auf dem Boden, die breite hölzerne Treppe, deren Stufen, durch die vielen Jahre der Benutzung, geglättet waren.

Das wärmende Feuer, das im Kamin in der Eingangshalle brannte und alles in ein schummriges Licht tauchte. Inzwischen war es draußen etwas dämmrig geworden.

Da ich nicht wusste, wie man den Garten durch das Haus erreichen konnte, öffnete ich dir Tür, durch die wir hereingekommen waren und trat in den inzwischen eisigen Wind.

Ich schlang die Arme um die Brust und sah mich um. In dieser Beleuchtung war noch viel zu erkennen, aber es würde rasch dunkler werden.

In diesem Augenblick bereute ich es, nicht doch den Wollpullover angezogen zuhaben, allerdings hatte ich wenig Lust noch einmal nach oben zu gehen.

Ich setzte mich in Bewegung und lief ein paar Schritte um das Haus herum.

 

Der Garten war eigentlich mehr eine Wiese. Kurzgehalten und gepflegt, aber eine Wiese. Vereinzelt standen einige kleinere Bäume, wahrscheinlich Obstbäume, aber ich kannte mich da nicht aus.

Eine große Trauerweide wiegte die langen, hängenden Zweige im Wind.

Wie passend.

Ich würde Leo fragen, ob man dort eine Schaukel anbringen könnte. Ich schaukelte gerne. Es war so beruhigend. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich in Zukunft etwas Beruhigendes brauchen würde.

Ich hatte Max’ Fähigkeit mich zur Weißglut zu treiben nicht vergessen. Wie auch.

 

„Hallo Hanna“, hörte ich eine Stimme hinter mir und erschrak fast zu Tode. Ich hatte niemanden kommen hören, aber wegen des Windes war das auch nicht verwunderlich.

Ich drehte mich herum und erstarrte. Wenige Schritte von mir entfernt stand eine Frau, von etwa Anfang 30, die so schön war, dass es mir die Sprache verschlug. Ich wusste nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte. Zu den großen goldenen Augen, die von dichten Wimperkränzen umrandet waren, oder doch zu dem perfekt vollendeten Schwung ihrer Lippen. Ihre Haut war ungeheuer blass, sie wirkte fast durchsichtig und erinnerte mich entfernt an meine eigene, auch wenn sie ungemein reiner war. Das lange glänzend blonde Haar, war zu einem ordentlichen Zopf gebunden und erinnerte mich an mein eigenes schwarzes, das mir immer noch nass am Kopf klebte, weil ich keinen Fön gefunden hatte.

Der Schreck musste mir immer noch im Gesicht stehen und mein bewunderndes Schweigen deutete sie wohl falsch. Sie lächelte ein entschuldigendes Lächeln, unter dem ich mich noch unwichtiger fühlte. Von wegen raus aus der Pubertät und zufrieden mit sich selbst. Ich fühlte mich in ein Loch der Minderwertigkeit gerissen.

„Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Eigentlich wollte ich dich zum Abendessen holen. Aber du warst nicht in deinem Zimmer. Aus dem Fenster hab ich dich hier stehen sehen.“

Ich konnte immer noch nichts sagen und starrte sie weiterhin an. Jedes Unterwäschemodel auf der Welt würde sie um diese Figur, geschweige denn um das Gesicht beneiden. Es strahlte eine so zeitlose Schönheit aus, auch wenn sie, nach längerem Betrachten, etwas fertig aussah. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Trotzdem war sie wunderschön.

„Ich bin Sophia. Mein Mann ist der Bruder deiner Mutter. Quasi dein Onkel. Aber nenn ihn bloß nicht so“, sie lachte ein noch schöneres Lächeln.

„Da fühlt er sich so alt.“

Mein Onkel? Um Gottes Willen, ich hatte einen Onkel?

„Ich habe einen Onkel?“, fand ich dann doch meine Sprache wieder.

Meine Stimme musste gegen meinen Willen wohl doch etwas hysterisch geklungen haben, denn Sophias Lächeln verlor etwas von der vorherigen Fröhlichkeit. Sofort tat es mir leid.

„Nun ja.“

Sie wirkte irgendwie irritiert. Tja. Normale Eltern erzählten ihren Kindern auch etwas über die Familiengeschichte.

„Auf dem Papier sozusagen. Marcus ist nicht ihr richtiger Bruder. Deine Mutter wurde von seinen Eltern adoptiert.“

Ich keuchte. „Adoptiert?“

Meine Mutter war adoptiert? Nicht dass das irgendetwas geändert hätte, aber warum in aller Herrgottsnamen wusste ich über so etwas nicht Bescheid.

Sophias Lächeln war fast verschwunden. Ein Ausdruck der beinahe wütend hätte sein können huschte kurz über ihr Gesicht.

„Du weißt nichts darüber.“, stellte sie fest. Ihre Stimme klang neutral.

Dann lächelte sie wieder.

„Komm mit, deine Lippen sind ja ganz blau. Dir muss kalt sein.“

Womit sie Recht hatte.

Ich folgte ihr und versuchte dabei nicht auf ihre formvollendeten Beine zu starren. Eigentlich hatte ich immer ein gutes Körpergefühl gehabt. Ich war weder trampelig noch unbeholfen, vielleicht etwas tollpatschig. Nagut etwas war vielleicht untertrieben. Es verging wenig Zeit, in der ich mir nicht irgendetwas brach oder mich verletzte. Dennoch, ich konnte mich bewegen, aber die tänzelnden Schritte, mit denen Sophia vor mir her ging, verunsicherten mich zutiefst. Vielleicht hatte ich mich in den letzten Jahren etwas selbst überschätzt.

Sophia steuerte eine, wohl im Nachhinein eingelassene Glastür an, die über eine, zurzeit leere, gepflasterte Terrasse wieder zurück in das Haus führte.

Da war sie die Hintertür.

Wir traten hintereinander in eine geräumige, gemütliche Küche. Die plötzliche Wärme hinterließ eine Gänsehaut auf meinen Armen. Es roch fantastisch, allerdings war niemand zu sehen.

Sophia ging auf eine weitere Tür zu. Wahrscheinlich führte sie zum Esszimmer. Hier sah ich zumindest keinen Tisch.

 

Ich sollte Recht behalten.

 

Meine Eltern saßen schon an dem dunklen Holztisch. Natürlich nebeneinander und unterhielten sich mit einem großen dunkelhaarigen Mann. Wahrscheinlich Marcus. Wie nicht anders zu erwarten, stellte er sogar meinen Vater, den ich immer für unglaublich gut aussehend empfunden hatte, in den Schatten.

Auch er hatte die gleiche blasse Haut wie Sophia und ebenfalls dunkle Ränder unter den Augen. Sie sahen ziemlich übernächtigt aus. Seine Augen waren etwas dunkler, als die seiner Frau und er sah atemberaubend gut aus.

Als wir den Raum betraten unterbrachen sie ihr Gespräch und sahen auf. Der Mann, den ich gerade noch bewundernd angestarrt hatte, schenkte Sophia einen zärtlichen Blick ehe er zu mir blickte. Ein Lächeln erschien auf seinem schönen Gesicht.

„Johanna.“

Ich erwiderte nichts und fuhr fort ihn anzustarren.

Er erhob sich und ging auf mich zu.

„Es ist schön dich hier zu haben. Deine Eltern sind sehr glücklich. Wir natürlich auch.“

In meinem Kopf prustete ich laut wie ein Elefant. Natürlich.

„Ich bin Marcus“, stellte er sich überflüssiger Weise vor.

Als ich immer noch nichts sagte blickter er etwas irritiert zu meinen Eltern hinüber.

Sophia übernahm das.

Sie legte mir dir Hand auf die Schulter und schob mich auf einen Stuhl zu.

„Setz dich doch.“

Ich wurde niedergedrückt und folgte der Bewegung automatisch.

Sophia ließ sich neben mir nieder, während Marcus wieder zu seinem Platz an der kurzen Seite des Tisches ging.

Mein Vater saß links von ihm, Sophia auf der rechten Seite und ich neben ihr.

Das irritierte mich. Mein Bruder fehlte. Die Kinder von Marcus und Sophia waren ebenfalls nicht da. Vielleicht wohnten sie ja gar nicht mehr hier. Was mein Bruder machte, wusste ich sowieso nicht. Wir fragten nicht nacheinander.

Im selben Augenblick ging die Tür auf und die riesige, muskulöse Gestalt meines Bruders, begleitet von zwei anderen wälzte sich in den Raum. Im ersten Moment war ich wie gelähmt durch seinen Anblick. Er war so groß. Ich vergaß immer wieder wie groß. Sein Gesicht war zu dem dummdreisten Grinsen verzogen, das er gern aufsetzte. Er war leider nicht einmal halb so blöd, wie er nun wirkte. Ich wusste, dass viele ihn für gut aussehend hielten mit dem muskulöse Körper, dem schönen Gesicht und den grünen Augen. Sein Haar war blond und recht kurz. Außerdem war er unglaublich gerissen.

„Zimtsternchen!“, seine Stimme dröhnte, als er den Kosenamen auf ironische Weise verdrehte und ihn wie eine Beleidigung klingen ließ.

Ich fühlte mich augenblicklich unwohl. Die ersten Tage würden die schlimmsten werden. Er hatte mich lange nicht mehr aufziehen können.

„Los doch. Steh auf und sag deinem Bruder hallo. Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen.“ Ich musste schlucken. Diese harmlosen Worte klangen so bedrohlich wie er sie aussprach.

Schließlich erhob ich mich doch. Noch konnte ich nicht auf die anderen Beiden achten, als ich auf ihn zuging. Ich war zu abgelenkt. Deswegen sah ich nur aus dem Augenwinkel wie einer der beiden zusammenfuhr, als ich an ihnen vorbei, auf Max zuging. Dieser breitete die Arme aus und drückte mich so fest an seinen stählernen Körper, dass mir die Luft aus der Brust getrieben wurde. Ich keuchte. Zum Glück schob er mich einige Zentimeter von sich, um mich besser betrachten zu können. Im Augenwinkel sah ich wie die zwei andern sich auf den Tisch zugingen. Auch sie bewegten sich unglaublich elegant. Max lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn.

„Du bist ja ein richtiges Mädchen geworden“, sagte er, während er an mir hinunter blickte.

„Das Essen war wohl gut dort, was?“ Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage, deswegen antwortete ich gar nicht erst.

Sein Blick blieb auf meinen Hüften liegen und er zog die Augenbraue nach oben.

„Vielleicht doch etwas zu gut, hä?“

Ich presste meine Lippen zu einem Strich zusammen und unterdrückte meine Wut. Wie alle Mädchen reagierte ich empfindlich auf Dinge, die mein Gewicht betrafen, auch wenn ich wusste, dass es sich noch im grünen Bereich befand.

„Ups, na vielleicht bist du doch kein richtiges Mädchen.“

Ich brauchte nicht in sein Gesicht zu schauen, um zu wissen, dass er nun meine Brüste inspizierte.

Das war zu viel des Guten.

„Halt die Klappe Maximilian“, versuchte ich es kläglich. Meine Stimme zitterte und konnte die Wut dahinter nicht ganz verbergen. Heute Nacht, wenn ich im Bett lag, würden mir tausende guter Wortkombinationen einfallen, die ich nun hätte anbringen können. Natürlich zu spät, denn jetzt war mein Kopf wie leer gefegt. Ich war leider nie schlagfertig gewesen.

Ziemlich demütigend, aber meistens verschlugen mir dreiste und freche Antworten einfach die Sprache.

„Es kann nicht jeder so gut aussehen wie du“, versuchte ich es mit ironischem Unterton.

Es funktionierte nicht, wie erwartet. Max grinste nur. Der Blick seiner Augen verunsicherte mich weiter. Schließlich erhob mein Vater seine Stimme.

Ein Wort genügte: „Max!“ Eine leise Drohung schwang in seinen Worten mit.

Dieser grinste weiter, entließ mich dann allerdings aus seiner Umklammerung und ging um den Tisch herum.

Er ließ sich auf dem Stuhl neben Elizabeth nieder und flüsterte ihr etwas ins Ohr, das ich nicht verstehen konnte. Sie sah ihn missbilligend an.

Ich stieß langsam durch die zusammengebissenen Zähne Luft aus. Alles so wie immer.

Ich versuchte mich zu beruhigen und ging wieder in Richtung Stuhl, auf dem jetzt allerdings ein Mädchen saß und mich fröhlich anlächelte. Wie ihre Mutter, es musste einfach das Mädchen sein, von dem meine Mutter gesprochen hatte, war auch Cecilia wunderschön. Sie war zierlicher als ihre Mutter und hatte ungefähr die gleiche Größe wie ich. Ihren Gesichtsausdruck konnte man fast schon als spitzbübisch bezeichnen. Sie klopfte ein paar Mal auf den freien Stuhl neben sich und grinste. Ich erwiderte ihr Lächeln schüchtern. Diese geballte Schönheit verunsicherte mich. Auch meine Eltern waren schön. So schön, wie man es selten sah, allerdings sah man diese Art von Gesichtern. Marcus, Sophia und das Mädchen neben mir waren von einer so schmerzlichen Schönheit, die ich vorher nie erlebt hatte. Womöglich war das auch gut so. Die wenigen Minuten mit ihnen hatten meiner Selbstachtung einen tiefen Knacks zugefügt. Vielleicht war die Pubertät doch noch nicht ganz überstanden.

„Hi Hanna. Ich bin so froh, dass du endlich da bist. Wir waren hier ganz eindeutig in der Unterzahl. Max und Duncan sind mir schon auf der Nase herum getanzt.“

Ich musste gar nicht über den Tisch hinüber sehen, um zu wissen was mich erwarten würde. Trotzdem tat ich es, aus reiner Neugierde.

Fast hätte ich frustriert aufgestöhnt. Aber dazu hätte ich Luft gebraucht und die blieb mir nun vollendest weg. Mir direkt gegenüber saß das wohl schönste Wesen, das mir je über den Weg gelaufen war. Mit dem Wuschelkopf aus braunen Locken, den karamellfarbenen Augen, der geraden, schmalen Nase, den vollen Lippen und den Grübchen, die selbst zu erahnen waren, wenn er nicht lächelte, schien dieses Junge meinen kühnsten Träumen entsprungen zu sein.

Selbst Heath Ledger, der meiner Meinung nach dem Bild eines Gottes am Nächstens kam, zumindest, wenn er nicht als schwuler Cowboy rumhüpfte, verblasste neben seinem glorreichen Gesicht. Auch in diesem Moment, in dem er mich anstarrte, als hätte er auf eine sehr, sehr saure Zitrone gebissen schien er mir zu schön, um wahr zu sein. Langsam wurde mir schwindelig. Das war wohl das größte Kompliment an sein Gesicht. Es ließ selbst meinen Selbsterhaltungstrieb, der sonst eigentlich sehr ausgeprägt war verstummen…ich hatte versäumt zu atmen.

 

Als ich wieder einigermaßen klar denken konnte, musste ich mich zwingen die verbrauchte Luft zwischen meinen Lippen hinaus- und wieder frische hinein zu lassen,

Auch Cecilia, die sich, wie ich mit einem Ohr mitbekommen hatte, als Celia vorgestellt hatte starrte mein Gegenüber nun an. Wie ich aus dem Augenwinkel sah, allerdings eher fragend als…ja wie starrte ich ihn eigentlich an. Schnell blickte ich vor mir auf den Tisch, als ich bemerkte, dass ich ihn angesehen haben musste, als würde ich ihn aufessen wollen.

Augenblicklich wurde ich rot. Noch so eine erniedrigende Eigenschaft.

Ich schnaufte leise. Ich war mir eigentlich sicher, dass ich selbst das Geräusch kaum gehört hatte und da es zusätzlich durch das Gespräch überdeckt wurde, das meine Eltern nun mit Marcus und Sophia führten, überraschte es mich umso mehr, dass Cilia mich nachdenklich ansah. Dann blickte sie wieder ihren Bruder an.

Ich wagte einen kurzen Blick. Die Geschwister sahen sich in die Augen. Keiner der beiden bewegte sich. Duncan, da nur noch dieser Name übrig blieb, musste es wohl seiner sein, saß etwas zusammen gesunken neben meinem Bruder. Sein Gesicht war vollkommen regungslos, allerdings konnte ich sehen, dass sich seine Kiefer angespannt aufeinander drückten.

Seine Hände umklammerten die Tischplatte, bis Max ihm die Hand auf die Schulter klatschte. Mich hätte dieser Schlag umgeworfen, doch Duncan rührte sich nicht einmal. Allerdings entließ er die Tischplatte aus seinem Klammergriff und ballte die Hand in seinem Schoß zu Fäusten. Zumindest dachte ich das, da die Sehnen seiner Arme gefährlich unter seiner Haut hervortraten und die Muskeln gespannt waren.

Schließlich ließ er seinen Blick weiter zu mit schweifen. Nun erstarrte ich völlig. Der Blick seiner Augen war wütend und unglaublich intensiv. Noch weniger verstand ich den frustrierten Zug um seinen schönen Mund. Mir war es unmöglich den Blick zu lösen, oder mich irgendwie zu bewegen. Ich starrte zurück und konnte plötzlich nachfühlen, wie sich ein Kaninchen fühlen musste, wenn eine dicke fette Kobra sich vor ihm aufrichtete. Fraßen Kobras überhaupt Kaninchen?

Celia bewegte sich unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und da entließ mich ihr Bruder schließlich aus seinem hypnotischen Blick.

Seltsam, ich war wirklich kurz davor gewesen aufzustehen, ohne einen bestimmte Grund dafür zu haben.

Celia hatte es auf einmal sehr eilig mich nach meiner Reise und dem Zimmer zu fragen. Ich war froh über die Ablenkung und wandte mich ihr zu. Aus dem Augenwinkel spürte ich den frustrierten Blick aus seinen samtenen Augen auf mir und musste mich beherrschen, um nicht zurück zustarren.

Wie ich es irgendwie erwartet hatte, tauchte kurz darauf eine Köchin auf. Sie schnaufte laut, als sie eine große Auflaufform auf den Tisch wuchtete. Der Laut klingelte in meinen Ohren und neben mir spürte ich Celia leicht zusammenzucken.

„Marie.“ Marcus klang wirklich entrüstet. „Sag doch Bescheid. Du musst das doch nicht allein machen. Du hast schon genug Arbeit.“

Diese Marie war mir von Anfang an sympathisch. Ich sah in ihr eine Art Verbündete unter all diesen Engelsgesichtern. Sie war genauso rotgesichtig, wie ich es sein konnte, wenn ich wütend war, oder mich schämte. Allerdings kam ihre Gesichtsfarbe wahrscheinlich von der Wärme, die hinter ihr hergeweht kam. Die Küche schien einer der wärmsten Räume im Haus zu sein. Wahrscheinlich würde ich mich dort oft aufhalten. Mich zogen Küchen magisch an. Sie strahlten etwas von dem Familienleben aus, das ich nie kennen gelernt hatte. Jetzt allerdings wurde ich eines hineingeworfen. Völlig unvorbereitet.

 

Es roch wirklich fantastisch. Aber wenn ich Hunger hatte roch in meiner Nase alles Essbare wunderbar.

Allerdings ahnte ich schlimmes. Das dort in der Mitte des Tisches, das von Leo gerade auf verschiedene Teller verteilt wurde sah aus wie Lasagne. Das hieß Fleisch. Ich hatte seit zwei Jahren kein Fleisch mehr gegessen. Irgendwann hatte mich der Geruch einfach abgestoßen. Seit diesem Tag konnte ich es einfach nicht mehr über mich bringen. Ich war sozusagen zu einem unfreiwilligen Vegetarier geworden. Ich rümpfte die Nase. Es war mir unglaublich unangenehm. Ich wollte nicht so unhöflich erscheinen. Wenn es nur meine eigene Familie gewesen wäre...kein Problem, mit denen hatte ich sowieso noch eine Rechnung offen. Aber so war es nicht. Es ging mir um die andere Familie, deren Mitglieder mich jetzt schon seltsam finden mussten, oder es bereits taten. Ich wagte einen kurzen Blick über den Tisch.

Duncan saß immer noch da und blähte die Nasenflügel. Vielleicht war er von Fleisch ja genauso angewidert wie ich? Ich bezweifelte es. Irgendwie ging mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, es könne etwas mit mir zu tun haben.

Ich schluckte. Ja gut, ich hatte ihn angestarrt. Das machten bestimmt viele Menschen. Ich konnte mir vorstellen, dass es ihn nervte taxiert zu werden, wie ein schöner…sehr schöner…Schmetterling, aber dass es ihn so wütend machte.

Er hatte wohl bemerkt, dass ich ihn ansah, denn in dem Moment wanderten seine Augen in meine Richtung. Schnell sah ich in eine andere Richtung. Seine Augen hatten schon wieder so gefährlich geblitzt.

„Ähm…“, ich räusperte mich. Sofort bereute ich es, als mich alle ansahen, Marie eingeschlossen.

Ich lief prompt rot an und schwieg.

Max grinste, das wusste ich. „Du bist ja immer noch so ein Rotgesicht“, stellte er glucksend fest.

Gott, das konnte doch nun wirklich nicht so schwierig sein.

„Vielleicht wäre es besser, wenn ich auf das Abendessen verzichten würde….“, ich konzentrierte mich auf irgendeinen Punkt auf der Wand direkt hinter Leo.

„…mir ist nicht…so gut.“

Selbst in meinen Ohren klang das sehr dürftig. Ich hatte noch nie gut lügen können. Aber ich wollte hier weg. Ich fühlte mich unter den Blicken meines Gegenübers immer unwohler. Außerdem musste ich dann die Sache mit dem Fleisch nicht jetzt klären.

Von überall her begegneten mir skeptische Blicke. Max grinste. Ich sah wie er den Mund öffnete, um irgendeinen blöden Kommentar loszulassen, der alles noch unangenehmer machen würde.

„Ich bin müde und der lange Flug hat mir nicht so gut getan. Außerdem hab ich gar keinen Hunger.“

Ich war unglaublich froh, dass mir mein Körper dieses Mal kein Bein stellte. Ich hätte erwartet, dass mein Bauch in genau diesem Augenblick anfangen würde zu grummeln.

Bloß nicht das Glück herausfordern.

Ich schluckte.

Schließlich lächelte Sophia, während meine Mutter eher entsetzt aussah.

Tja, kommt davon, wenn man mich nicht selbst erzieht.

„Aber natürlich. Geh nur, du musst wirklich müde sein. Schlaf dich aus.“

Sie nickte aufmunternd, um ihre Worte zu unterstreichen.

Das erleichterte mich schon einmal. Wenn ich sie mit meiner Flucht verunsichert hatte, so ließ sie es sich nicht anmerken.

„Schade, ich dachte wir könnten den Abend nutzen, um uns ein wenig besser kennen zulernen. Die Jungs sind ja ganz nett, aber alles kann man mit ihnen auch nicht anstellen.“, Celia klang wirklich enttäuscht.

„Entschuldige. Ein anderes Mal vielleicht?“

Celia lächelte und nickte.

„Gute Nacht Hanna.“

Ich war zu angespannt, um zu lächeln, denn ich spürte den beobachtenden Blick von Duncan Benett auf mir. Ich nickte und hoffte, dass man mir die Dankbarkeit von dem Gesicht ablesen konnte.

 

Als ich aufstand und den Tisch umrundete sah ich aus dem Augenwinkel, dass Max mich wie immer dämlich angrinste. Liz sah geschockt aus, während Leo eher interessiert schaute.

Ich nahm mir vor meine Zimmertür abzuschließen.

Ich hörte noch die Stimme meiner Mutter, die mir hinterher rief, ich solle mir die Haare fönen, ich würde sonst krank werden.

Aber das war gerade reichlich egal. Ich wollte nur möglichst weit weg von dieser unangenehmen Szenerie. Noch immer hatte ich das Gefühl ich würde wütend angestarrt werden, so intensiv war sein Blick gewesen.

Ich musste wieder schlucken. Dieses Mal, um den Knoten in meinem Hals loszuwerden. Das hatte ja prima angefangen.

Ich spürte, wie sich Tränen der Wut ihren Weg in meine Augen bahnten und schüttelte wütend den Kopf. Allerdings verstärkte das den Effekt nur noch. Es war so frustrierend. Ich wollte zurück. Und das sofort. Wollte mich in Wills Arme kuscheln und mich von Julia voll quasseln lassen. Ich wollte ihre kleinen Witzchen über mich hören und mit ihnen Lachen.

Nun liefen mir die Tränen natürlich wirklich über die Wangen. Zu allem Überfluss hatte ich keine Ahnung wo ich war, da ich zur erstbesten Tür hinaus gestürmt war. Hätte ich mich in einem halbwegs normalen Zustand befunden, so normal, wie das bei mir eben ging, hätte ich vielleicht sogar erkannt, wie ich wieder zurück fände. Aber jetzt. Nach diesen Blicken.

Und das letzte was ich wollte war zurück zugehen und zu fragen. Ganz zu schweigen davon wie peinlich das sein würde. Ich wollte nicht, dass mich irgendjemand so sah. So aufgelöst und schwach. Ich war gern schwach, was blieb mir auch anderes übrig, aber ich war zu stolz, um dabei Leute in der Nähe zu haben, die mir nicht so nahe standen wie Julia und Will.

 

Ich habe Angst im Dunkeln. Ich neige dazu schnell überzureagieren. Ich werde leicht hysterisch und kann mich gut in irrationale Gedanken hineinsteigern. Ich bin generell selten wirklich rational und außerdem werde ich viel zu schnell klaustrophobisch.

 

All das wurde mir zum Verhängnis, als ich dort ganz allein in der Dunkelheit stand. Wieso wurde es hier so verdammt schnell dunkel?

Es war kalt und ich bildete mir ein seltsame Geräusche zu hören.

Ich war weg von meinen Freunden und hatte mich an meinem ersten Abend furchtbar blamiert.

Alle Menschen um mich herum schienen den Begriff der Schönheit auf ein vorher nie da gewesenes Level anzuheben. Mein Bruder ging mir jetzt schon auf die Nerven, die Leute, mit denen ich mindestens ein Jahr auskommen musste fanden mich merkwürdig.

Einem von ihnen war meine Person durchweg unangenehm. Warum auch immer.

Und jetzt hatte ich mich in einem fremden Haus verlaufen. Mir war kalt, ich hatte einen Mordshunger und ich hatte Angst. Nur noch ein bisschen und ich würde anfangen zu hyperventilieren.

Ich versuchte mich zu beruhigen. Was könnte mir hier schon passieren? Ich stand irgendwo in einem völlig fremden Haus, ja, aber wo war das Problem. Wenn ich hier her gekommen war, kam ich auch irgendwie wieder zurück.

Trotz der wechselnden Gefühle rief ich mich zur Ruhe.

Will meinte oft, mir würde jegliche Rationalität abhanden gekommen sein.

Der Gedanke an ihn beruhigte mich.

Langsam nahm ich die Umgebung als das wahr, was sie wirklich war.

Ein dunkler Raum, durch den das dämmrige Licht des fortgeschrittenen Abends fiel.

Irgendwo musste ein Lichtschalter sein.

Ich sah mich um und kniff die Augen zusammen, um sie schneller zu adaptieren.

Natürlich sah ich Keinen.

Ich rümpfte die Nase und blickte mich weiter um.

Unendlich erleichtert entdeckte ich eine Tür. Seltsamerweise stand ich mitten im Raum.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich hierher gelangt war. Mir war nur klar, dass ich so schnell wie möglich dort hin zurück wollte, wo ich schon einmal gewesen war.

Ich trat auf die Tür zu und öffnete sie. Ein Flur erstreckte sich vor meinen Füßen. Allerdings konnte ich selbst in der schlechten Beleuchtung die nächste Tür ausmachen, unter der schwaches, flackerndes Licht hervor schien.

Ich straffte meine Muskulatur und lief auch auf diese zu, um sie zu öffnen.

Ich hatte Glück. Ich erkannt die große Eingangshalle wieder, in die ich schon zwei Mal meine Füße gesetzt hatte.

Von hier aus wusste ich wie es weiter ging.

Ich seufzte vor Erleichterung auf und lief der Treppe entgegen. Man konnte schon fast sagen, dass ich rannte, und hechtete die Stufen hinauf.

Die Tür zu meinem Zimmer hatte ich mir glücklicher Weise merken können.

So stand ich fünf Minuten nach meinem ersten leichten psychischen Zusammensturz in dem Zimmer, das ich nun für ein Jahr bewohnen würde. Dann wäre ich mit dem Abschluss fertig und konnte gehen wohin ich wollte. Hier bleiben, das stand für mich fest, würde ich auf keinen Fall.

Dieses eine Jahr würde lang sein, aber ich würde es aushalten. Dann konnte ich zurück nach Kanada. Zu Will und Julia.

Mit diesem Gedanken schlüpfte ich in meine viel zu große Schlafanzughose und ließ mich auf das frisch gemachte Bett fallen.

Ich war müde und von den vielen Eindrücken in so kurzer Zeit, ziemlich erschöpft.

Die Zeitverschiebung machte mir außerdem ganz schön zu schaffen. Ich hatte wohl einen ziemlichen Jetlag.

Mir wirbelten viele Dinge im Kopf herum, als ich schließlich in einen traumreichen Schlaf fiel, der alles andere als erholsam war.

Ich träumte irgendein wirres Zeug, an das ich mich am nächsten Morgen nicht einmal mehr erinnern konnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 3

Seltsam

 

Als ich nach einer anstrengenden Nacht die Augen öffnete, war ich noch so zerschlagen und müde, dass ich nicht wusste, wo ich mich befand.

Ich rief nach Julia, die fast immer bei mir im Zimmer geschlafen hatte. Als sie nicht antwortete, setzte ich mich auf.

Dann strömten die Geschehnisse des letzten Abends so schnell auf mich ein, dass ich mir kurzzeitig vorkam wie erschlagen.

Ich war so enttäuscht, dass ich stöhnte.

Allerdings konnte ich nicht lange so verharren, weil sich mein Magen mit einiger Wucht meldete. Ich hatte zuletzt vor 24 Stunden etwas gegessen. Im Flugzeug hatte ich aus Trotz nichts von dem, was mir angeboten worden war, angerührt und gestern hatte ich mich aus Angst davor mein Vegetarierdasein zuzugeben verkrochen, ohne etwas gegessen zu haben.

Kurz überlegte ich, ob es nicht viel unhöflicher sein würde, jetzt einfach in die Küche zu gehen und ohne die anderen zu frühstücken, als es gestern gewesen wäre zu sagen, dass ich ihr Essen nicht essen wollte.

Aber das war mir jetzt egal. Meine Selbstbeherrschung war nicht mehr sehr ausgeprägt. War sie das je gewesen?

 

Ich verhedderte mich in meiner Decke, als ich versuchte so schnell wie möglich aus dem Bett zu klettern. Da ich so klein, die Matratze so hoch und die Decke so breit war, gestaltete sich das für mich, in meiner morgendlichen Ungeschicklichkeit, als äußerst schwierig.

Ich fiel also auf die Nase.

Auch egal. Ich rappelte mich wieder auf.

Wenn man so oft hinfiel wie ich, entwickelte man sich automatisch irgendwann zu einem Steh-auf-Männchen.

 

Ich hatte keine Lust mir etwas anders anzuziehen, geschweige denn mich zu waschen. Ich bezweifelte außerdem, dass sich um diese Zeit jemand im wachen Zustand befinden würde. Zumindest der Beleuchtung nach zu urteilen, musste es noch recht früh sein.

Also taumelte ich aus meinem Zimmer, immer in Richtung Küche und versuchte dabei möglichst, nicht über meine viel zu langen Hosenbeine zu stolpern.

 

Ich stellte mich wirklich gut an. Den Gang zur Treppe überstand ich ohne überhaupt zu stolpern und auf der Treppe kam ich nur einmal ins Straucheln, allerdings ohne hinzufallen.

 

Aber das machte mich unvorsichtig und ich beschleunigte meine Schritte.

In so naher Erwartung begann ich unkonzentriert zu werden und so nahm das Unglück seinen Lauf.

Als ich die Hand nach der Türklinge zur Küche ausstreckte, verlagerte ich mein Körpergewicht etwas zu schnell. Das brachte mich aus dem Gleichgewicht und ich kam ins straucheln. Dann verhedderten sich meine Beine. Durch meinen eigenen Schwung voran getrieben, flog ich vor die Küchentür und drückte dabei, aus dem Reflex heraus, die Klinke nach unten.

Ich fiel fast in den warmen Raum und stolperte zu allem Überfluss, als meine Beine den Boden berührten, über meine Hosenbeine. Ich hätte sie wirklich besser hochkrempeln sollen.

Mit einem schwer zu definierenden Geräusch, das wohl irgendetwas zwischen Enttäuschung, Ärger, Wut und Seufzten darstellen musste, zumindest waren das die Gefühle, die mir in der Brust saßen, fiel ich auf den Boden und rutschte einige Zentimeter auf den Fliesen entlang.

Als mein Körper zum Stillstand gekommen war, blieb ich einige Sekunden ruhig liegen und horchte in mich hinein.

Es war oft vorgekommen, dass ich mir bei solchen Aktionen irgendetwas gebrochen hatte.

Allerdings schien dies nicht der Fall. Außer einem leicht pochenden Schmerz im Knie und das leise Klingeln in den Ohren fühlte ich nichts, was ich sonst nicht auch fühlte.

 

Ich stöhnte entnervt auf.

Als ich mich aufrichten wollte hörte ich tapsige Schritte auf dem glatten Boden und kurz darauf spürte ich etwas Feuchtes in meinem Gesicht.

Ich keuchte erschrocken auf.

Luke!

Der Hund schlief wohl in der Küche.

 

„Luke! Lass das!“

Eine Stimme, die ich noch nie vorher gehört hatte ließ mich erstarren. Aus drei Gründen.

erschreckte ich mich. Erstens hatte ich um diese Uhrzeit mit niemandem gerechnet, zweitens war der Klang unglaublich. Obwohl sie den Befehl mit Nachdruck ausgesprochen hatte, klang sie so sanft, so weich wie Samt strich sie durch den Raum.

Und führte mich wieder zu drittens. Die Stimme war mir völlig neu und das brachte mich auf einen schrecklichen Verdacht.

Ich sah auf und ihn bestätigt.

Die Stimme gehörte natürlich zu Duncan Benett. Der Duncan, der mich gestern gemustert hatte, als würde er mich am liebsten aufessen. Allerdings nicht im positiven Sinne.

 

Ich rührte mich nicht.

Er starrte zurück.

Einen Moment geschah nichts.

Dann grinste er.

Nun konnte ich mich erst Recht nicht bewegen.

Erstens, weil ich völlig irritiert war. Aber das wäre ja nicht so schlimm gewesen. Ich hatte Zeit meines Lebens mit starken Persönlichkeiten kämpfen müssen. Sie schüchterte mich nur noch zum Teil ein. Es sei denn sie hießen Maximilian. Das verursachte meistens Probleme.

Nein dieses Grinsen ließ einfach nur seine Grübchen vollends erscheinen und brachte mich fast um den Verstand.

Ich hatte vor allem mit sehr schönen Menschen Probleme. Und mit so atemberaubenden Exemplaren, wie diesem, das jetzt hier stand und von oben auf mich herab blickte, hatte ich noch nie etwas zu tun gehabt.

 

Es vergingen einige Augenblicke, die mir wie Minuten vorkamen, in denen wir uns ruhig taxierten. Keiner hatte unsere erste Begegnung vergessen. Zumindest ich nicht. Wie es ihm ging konnte ich ja nicht wissen.

Dann wurde sein Blick forschend, seine Augen begannen zu funkeln. Ich begann mich unter seinen Augen unwohler zu fühlen, als es, so kurz nach dem Aufstehen, mit Haaren, die einem Hühnernest im Moment wohl sehr ähnlich waren, natürlich war. Luke saß neben mir und winselte leise.

 

Dann grinste er wieder. In seinen Augen glitzerte der Schalk.

„Hast du vor den Boden zu wischen?“

Ich blinzelte verdattert. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Nicht nach gestern Abend. Besaß er etwa eine gespaltene Persönlichkeit? Mein Gesichtsausdruck musste wohl jenseits von Gut und Böse liegen, denn sein Grinsen wurde immer breiter.

Ich war kurz davor erneut laut zu stöhnen. Musste das sein? Wieso immer ich?

Warum musste er aussehen wie…ja wie eigentlich? Er sah besser aus, als alles was ich je gesehen hatte und war so schön, dass es mir wie eine Beleidigung vorkam, ihn mit irgendetwas vergleichen zu wollen.

Seine Miene wandelte sich zum wiederholten Mal.

Seine Augen zogen sich leicht zusammen, während seine Mundwinkel nun spöttisch nach unten gezogen waren.

,Schnell sag was!’, befahl ich mir selbst.

„Äh.“

Wie geistreich.

„Nein“

Noch besser.

Duncan schwieg weiter.

„Ich…“

Er hob eine Augenbraue, als ich den Satz, zehn Sekunden nachdem ich ihn begonnen hatte, immer noch nicht beendet hatte. Er hatte wieder seinen Gesichtsausdruck geändert und ich eine neue Einkerbung neben seinen wundervollen Lippen entdeckt.

Der Drang sie zu berühren war überwältigend.

Ich schluckte.

„Ich…“, begann ich von neuem.

Nun musste er sich das Lachen verkneifen.

Ich wurde panisch. Ich wurde schnell panisch. Zu schnell. Verdammt.

„Du…?“, hakte er nach. Seine Stimme hatte einen ebenso hypnotischen Charakter wie seine Augen. Oh er hatte wundervoll Augen.

Ich bemerkte, dass das, was ich hier tat nicht gut war. Es war überhaupt nicht gut. Im Gegenteil. Es war schlecht. Und es war dumm. Er brachte mich aus dem Konzept und aus dem Gleichgewicht. Zumindest hätte er das getan, wenn ich es nicht schon davor verloren hätte.

Ich zwang mich den Blickkontakt zu unterbrechen. Es bedurfte einiger Anstrengung, aber es funktionierte. Vielleicht war meine Selbstbeherrschung doch nicht so schlecht, wie man, oder ich, es mir nachsagte.

Als ich seinem intensiven Blick nicht mehr ausgeliefert war, viel es mir wieder leichter zu denken.

Mein Herz pochte hart gegen meine Brust und mir war seltsam warm.

Ihn nicht mehr anzusehen schmerzte fast.

„Ich hatte wohl zu viel Schwung.“, sagte ich leise, ohne ihn anzusehen.

„Passiert dir das öfter?“

Ich konnte das Lächeln in seiner Stimmer hören. Es stimmte mich zuversichtlich.

Ich sah wieder auf und blickte ihn erneut an.

Ein Fehler. Seine Schönheit traf mich erneut mit voller Wucht. Ich musste ein Keuchen unterdrücken.

Er sah mich so seltsam an, dass ich für eine Weil dachte, es wäre mit nicht gelungen. Dann wurde mir bewusst, dass er auf eine Antwort wartete.

„Es kommt vor“, antwortete ich.

Als ich nun doch den Mund aufmachte, kehrte sein Grinsen wieder zurück und raubte mir den Atem.

Ich musste blinzeln. Sehr zu seinem Vergnügend, denn ich hörte ein belustigtes Glucksen.

„Möchtest du nicht aufstehen?“

Ich sah ihn entgeistert an, worauf er die Augen verdrehte.

„Dann möchtest du also dort sitzen bleiben“, er nickte einmal in Richtung Fußboden, auf dem im immer noch saß und zu ihm hinauf starrte.

„Nein“, sagte ich schnell. Duncan schwieg und beobachtete mich.

Als mir bewusst wurde, dass ich mich immer noch nicht bewegt hatte, versuchte ich mich schnell hoch zurappeln, ohne dabei gleich wieder auf die Nase zu fallen.

Es gelang mir. Allerdings weniger elegant.

Duncan grinste und ich versuchte mich in einem unsicheren Lächeln, allerdings nur kurz, da mir dann auffiel, wie dämlich es aussehen musste.

Unschlüssig wie ich mich verhalten sollte kratze ich mich am Arm. Meinem Gegenüber fiel es natürlich nicht ein uns aus dieser unangenehmen Situation zu befreien, sondern sah mich weiterhin mit dem, fast schon beleidigend spöttischen Grinsen derjenigen an, deren unerschütterliches Selbstvertrauen es verbot, sich in solchen Situationen unwohl zu fühlen.

„Wie spät ist es?“, fragte ich, um überhaupt irgendetwas zu sagen.

„Es ist genau 13.36“, antwortete er, immer noch mit spöttischem Unterton.

„Was?“

Mir fiel selbst auf, dass meine Stimme irgendwie hysterisch klang.

Duncan blinzelte. Ihm war es wohl auch aufgefallen.

„Was ist so schlimm daran?“

Irgendwie hörte es sich nicht wie eine ganz normale Frage an.

„Das ist spät.“

Sehr intelligent. „Ich dachte, es wäre früher.“ Ja sehr viel früher.

Er grinste wieder. Diesmal schockte es mich nicht. Es löste nur sehr, sehr sehnsuchtsvolle Gedanken aus. Meine Güte. Ich benahm mich, wie eines dieser präpubertären Mädchen mit Zahnspange, die mit der veränderten Hormonkonzentration in ihrem Blut noch nicht sehr gut zu Recht kamen.

Es mussten die Nachwirkungen der Pubertät sein. Wahrscheinlich würde ich morgen wieder Pickel haben. Bah!

„Unterschätze nie die Kraft eines Jetlags. Hast du Hunger?“

Ich nickte.

„Bevorzugst du Frühstück oder Mittagessen?“

Ich legte den Kopf schief, um besser verstehen zu können was er damit meinte. Ich hatte, während er geredet hatte, auf seinen Mund gestarrt und den Sinn seiner Worte nicht ganz begriffen.

Dann klickte es in meinem Kopf. Er fragte mich, ob ich noch frühstücken wollte, da es ja schon so spät war. Ich konnte über mein Verhalten nur den Kopf schütteln. Zu spät fiel mir ein, dass Duncan immer noch im selben Raum war.

„Kein Essen?“, fragte er prompt.

„Nein!“, antwortete ich schnell, um ihm zu sagen, dass sein Rückschluss falsch gewesen war. Dann bemerkte ich, dass er dieses „Nein“ auch nur falsch deuten konnte.

„Ich meine ja. Doch.“

„Ja?“

„Ja.“ Ich lächelte entschuldigend.

„Hey Schlafmütze. Auch schon aufgestanden.“

Ich zuckte kurz zusammen. Ich hatte niemanden kommen hören. Wie auch. Ich war viel zu sehr darauf konzentriert meine Atmung nicht ausfallen zu lassen.

Celia hatte den Raum betreten und strahlte eine so schmerzhaft gute Laune aus, dass ich mir prompt fehl am Platz vorkam. Gut das tat ich sowieso schon.

„Ich war wohl sehr müde“, antwortete ich schüchtern und lächelte ebenfalls, auch, wenn ich mit ihrem Strahlegesicht unmöglich mithalten konnte.

„Wir haben leider schon gefrühstückt. Tut mir leid, dass wir dich nicht geweckt haben, aber wir dachten, du könntest den Schlaf gebrauchen“, ihr Lächeln nahm wirklich einen entschuldigenden Ausdruck an.

„Ach was“, beeilte ich mich zu sagen. „Das war wirklich nett.“

„ Magst du Cornflakes?“

Ich zögerte. Eigentlich frühstückte ich immer etwas Warmes. Das vertrug mein Magen einfach besser. Den zu verstimmen, konnte eine ganze Woche höllische Schmerzen bedeuten. Zumindest für ein Weichei wie mich.

Aber ich wollte nicht schon wieder so unhöflich sein und etwas ablehnen, das sie mir anboten.

„Äh, ja“, antwortete ich also.

„Gut“ Sie grinste mich noch einmal an und ging dann zu einem den vielen Schränke, um mir ihre Auswahl zu präsentieren.

Oh man. Ich und meine Unentschiedenheit.

Celia kicherte, als sie meinen Blick sah.

„Ich liebe das Zeug. Manchmal esse ich alle Sorten durcheinander.“

Meine Mundwinkel zogen sich in die Höhe.

„Ich bin nie besonders gut darin gewesen schnelle Entscheidungen zu treffen“, teilte ich ihr meine Besorgnis mit.

„Duncan auch nicht. Es gibt Schlimmeres. Auch wenn er mich manchmal damit in den Wahnsinn treibt.“

Ich versuchte einen Blick in seine Richtung zu unterdrücken.

Sie zeigte wieder ihre Zähne. Oder immer noch?

„Du siehst aus wie der gesunde Typ. Müsli?“

Ich lächelte, wenn auch etwas missraten.

„Lass mich raten. Max hat euch weiß gemacht, ich wäre ein Öko.“

Celias Grinsen war einfach nicht zu knacken.

Sie nickte.

„Er hat es etwas anders ausgedrückt. Stimmt es nicht?“

„Ich weiß nicht, was ihr unter dem Begriff versteht. Für Max ist jeder, dem die Verschwendung nur begrenzt verwendbarer Ressourcen zu wider ist und dem der Umweltschutz am Herzen liegt verachtenswert.“

„Wenn ich mich recht erinnere, hat er dich als Müsli bezeichnet.“

„Nett von ihm. Er muss mich wirklich vermisst haben.“

„Ja das hat er.“

Ich blinzelte überrascht. Meine Worte hatten ironisch geklungen, während Celia so aussah, als würde sie es wirklich ernst meinen. Oder doch nicht?

Ich grinste. Grinsen war immer gut, wenn man etwas nicht verstand. Ich hatte Übung darin.

 

Ich bekam Haferflocken zu meinem verspäteten Frühstück. Ich saß auf einem hohen Stuhl an einem kleinen Tisch, den Celia aus einem der Schränke geklappt hatte und aß sie mit dem Gewissen, dass ich mich in spätestens einer Stunde, wenn sie ihre Energie vollständig freigesetzt hatten, total daneben benehmen würde. Ich reagierte auf sehr engergiehaltige Lebensmittel total überdreht. Will bezeichnete es immer als „vom Hafer gestochen werden“ und mich als Esel. Sehr passend, wie er fand.

Der Gedanke an Will machte mich traurig. Das würde wohl eine Weile so bleiben. Das machte mich noch trauriger. Der Gedanke an meine besten Freunde stimmte mich also traurig.

Ich nahm mir vor im Laufe des Tages einen der Beiden anzurufen.

 

„Lächeln Hanna“, Celias fröhliche Stimme riss mich aus meinen trübseligen Gedanken und munterte mich wieder auf.

„Was hältst du davon, wenn ich dir das Haus zeige? Du musst schließlich wissen, wo du ab jetzt wohnst.“

Mir gefiel der Gedanken. Außerdem war dann die Chance, dass ich mich noch einmal verlaufen würde geringer. Wenn auch nicht wesentlich, ich benötigte immer eine gewisse Zeit, bis ich mir Wege einprägte. Andere Dinge hingegen behielt ich unglaublich schnell. Meistens unwichtigen Kram, oder irgendeinen Blödsinn, den irgendjemand irgendwann einmal gesagt hatte.

„Gern.“

Mir fiel die plötzliche Stille auf. Der Hund war nicht mehr da, ebenso wie die Quelle meiner Unsicherheit. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sie verschwunden waren.

Ich sah mich in der Küche um.

Celia antwortete, ohne dass ich eine derartige Frage gestellt hatte.

„Er ist bestimmt mit dem Hund spazieren. Luke gehört Duncan. Aber den blöden Namen hat er von Max.“

„Von wem auch sonst“, brummte ich.

Celia gluckste. „Er sagte schon, dass du ihn nicht mögen würdest. Warum nicht?“

„Peinliche Geschichte. Wundert mich, dass er sich nicht erzählt hat. Eigentlich lässt er sich keine Gelegenheit entgehen mich zu blamieren.“

Celia schwieg und sah mich weiterhin interessiert an. Sie wartete wohl darauf, dass ich ihr die Geschichte erzählen würde.

Ich seufzte. Max würde sie sowieso erzählen. Ich war mir sicher, dass er nur auf die richtige Gelegenheit gewartet hatte. Am besten, wenn ich dabei war, um sich darüber lustig zu machen, wie ich rot anlief. Er begann dann immer die Nuancen zu analysieren.

„Es ist eigentlich nichts großartig Witziges. Es ist mir nur so unheimlich unangenehm.

Als ich 13 Jahre alt war, besuchte ich in den Sommerferien meine Familie. Max hatte seinen Freund da. Lucas. Einmal hab ich vergessen, die Badezimmertür abzuschließen, als ich duschte. Ich dachte sowieso, dass ich allein wäre. Aber ich war es nicht.“

Ich machte eine kurze Pause, um noch einmal durchzuatmen. Egal wie oft ich mir sagte, dass es doch eigentlich gar nicht so schlimm wäre, es brachte nichts. Allein schon der Gedanke daran reichte aus, dass mir das Blut in die Wangen schoss.

Ich schluckte und fuhr fort.

„Naja Max Freunde waren irgendwie immer nicht ganz mein Kaliber. Und Lucas ist meine ganz persönliche Vorstellung der Hölle.

Ich befand mich in einer Tiefphase der Pubertät, fühlte mich in meinem Körper total unwohl und war in den arroganten Freund meines blöden Bruders verknallt. Und ausgerechnet der musste es sein, der die Tür aufmachte. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Nacktheit war für mich, etwas ganz furchtbares. Dass mein Jugendschwarm mich damals nackt gesehen hat, hab ich nie ganz überwunden. Luke musste es natürlich meinem Bruder erzählen. Die Beiden haben sich einen Spaß daraus gemacht und mich immer wieder damit aufgezogen. Das Lucas immer wieder meinen, körperlich, noch recht tiefen Entwicklungsstand betonen musste, hat nicht unbedingt dazu beigetragen es zu überwinden. Zum Glück haben sich die Zwei zerstritten, als ich 15 war.“

Celia sah mich einen Augenblick lang mit hochgezogener Augenbraue an.

„Max kann schon ein ziemliches Scheusal sein, nicht wahr? Ich denke, ich habe mit Duncan ein ziemlich glückliches Los gezogen.“

Dann grinste sie wieder. „Obwohl….“

Ihre gute Laune war ansteckend.

„Ich denke Max ist ein paar Jahrhunderte zu spät geboren.“

Celia sah mich fragend an.

„Wieso?“

Ich grinste. „Ich finde als Inquisitor hätte er sich wunderbar gemacht.“

Celia brach in schallendes Gelächter aus. Mein Grinsen hielt sich.

 

Die nächsten Tage in Schottland waren angenehm, um nicht zu sagen schön, allerdings auch nervenaufreibend und natürlich traurig.

Schön, weil ich mich wirklich mit Celia angefreundet hatte. Sie war eine unglaubliche Person. So freundlich und aufgeweckt. Natürlich und verständnisvoll, aber ich würde ihr nie 100% vertrauen. Sie hatte es faustdick hinter den Ohren. Auch wenn sie klein war wie ich, war an ihr eigentlich fast gar nichts niedlich. Sie konnte ein durchtriebenes kleines Miststück sein. Aber nicht im gemeinen Sinne. Sie war einfach wunderbar.

Sie zeigte mir das Haus und das Grundstück. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es riesig war und natürlich wunderschön. Hinter dem Haus befand sich ein Wäldchen, das meiner Meinung nach der Phantasie eines Zauberwaldes am nächsten kam, so weltfern kam es mir vor. Celia hatte über meinen Vergleich gelacht. Sie lachte überhaupt sehr oft. Und dann sehr laut. Sehr ansteckend.

Schon nach wenigen Tagen fühlte ich mich ihr so nah, wie ich es, nach solch kurzer Zeit nie für möglich gehalten hätte. Celia ging es genau so.

Nervenaufreibend war es, weil mich meine Mutter einfach nicht ich Ruhe ließ. Sie bestand auf tägliche Gespräche…: „…damit wir uns aussprechen können…“

Jedes Mal endete es in aufgebrachtem Gezeter ihrer- und geknallten Türen meinerseits. Warum konnte sie nicht einfach aufgeben?

Es war einfach zum Haare raufen. Leo ließ mir wenigstens meinen Frieden. Und das war auch gut so. Ich hätte nicht gewusst, wie ich seine mitleidenden Blicke und sein entnervtes Gestöhne auch noch hätte aushalten sollen.

Traurig war es, weil ich keinen meiner Freunde erreichte und niemand von ihnen mich anzurufen versuchte. Ich vermisste sie, aber ich wusste, dass es schlimmer hätte kommen können. Ich war Celia unglaublich dankbar, genauso wie ich dankbar über den Fakt war, dass mein Lieblingsbruder und Duncan beschlossen hatten einen längeren Ausflug zu unternehmen. Duncan hatte ich nach meinem peinlichen Kniefall nicht mehr zu Gesicht bekommen und Max war mir an diesem Tag nur ganz kurz auf die Nerven gegangen, in dem er versucht hatte zu entschlüsseln, von welchem Familienmitglied ich denn die Ähnlichkeit mit einer Raufasertapete geerbt hatte.

Er war wirklich sehr charmant gewesen, hatte er doch sonst immer darauf beharrt, ich sähe aus wie eine Wasserleiche.

Schade daran war nur, dass der Hund verschwunden war. Trotz meiner Assoziation mit seinem Namen, für den er ja schließlich nichts konnte, sonder nur Max, hatte ich begonnen ihn zu mögen.

Ich mochte alle Tiere. Außer Spinnen, Mücken und Fliegen. Doch selbst die zu töten brachte ich nicht fertig. Ausgenommen Mücken. Die hasste ich wirklich. Meine Unfähigkeit diese heimtückischen Stiche nicht aufzukratzen war wohl nicht ganz unschuldig daran.

 

Es klingelte und Celia zuckte neben mir zusammen. Ich erschrak ebenfalls, hüpfte aber dabei einen Zentimeter in die Höhe und verschluckte mich an meiner eigenen Atemluft. Wir waren gerade von einem sehr langen Spaziergang zurückgekommen und saßen in der warmen Küche.

Ich hörte es neben mir kichern. Schön dann hatte wenigstens einer Spaß an der Sache.

„Ich geh mal eben. Kommst du mir?“

Ich schüttelte den Kopf. Das Mädchen schaffte mich völlig. Wir waren den ganzen Morgen unterwegs gewesen. Jetzt war ich einfach nur müde.

Sie verschwand und kurze Zeitspäter hörte ich Stimmen. Wahrscheinlich weibliche.

Die Tür schloss sich wieder.

„Oh man nervt mich das vielleicht. Dass Duncan so seinen Spaß mit diesen Weibsen hat ist mir ja grundsätzlich egal. Aber wenn er ihnen nicht klar machen kann, dass es eben nur um seinen Spaß geht und die hier auftauchen, krieg ich schlechte Laune.“

Nun war es an mir zu kichern,

„Nun hör aber mal auf. Du und schlechte Laune? Auf welchem Planeten leben wir?“

Es war eigentlich eher eine rhetorische Frage. Celia setzte trotzdem zu einer Antwort an. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Es ist einfach gemein von ihm.“

„Was erwartest du? Er ist unglaublich schön. Außerdem strahlt er diese jungenhafte Männlichkeit aus. Das lässt die Mädchen eben ihren Stolz vergessen.“

Ich überlegte kurz.

„Falls sie je welchen hatten“, schloss ich.

Celia sah mich komisch von der Seite an.

„Aha.“

Mein Gesicht begann zu brennen.

„Du weißt schon, wie ich das meine. Sieh ihn dir doch an.“

Sie schwieg weiter und musterte mich.

„Hanna, ich liebe meinen Bruder. Wirklich, aber was er mit Frauen abzieht ist absolut daneben. Er kann ein riesengroßes Arschloch sein, wenn er will. Ich hab dich zu gern, um dich leiden zu sehen.“

„Wie meinst du das?“ stotterte ich, obwohl ich es genau wusste.

„Fall nicht darauf rein Hanna. Das hast du nicht nötig.“

„Ich bitte dich. Auch, wenn ich manchmal an Realitätsverlust leide, bin ich doch realistisch genug, um zu wissen, dass ich nicht den Hauch einer Chance hätte. Man entwickelt so seine Schutzmechanismen mit der Zeit.“

Sie sah mich weiterhin an. Schließlich nickte sie.

„Gut.“

Ich lächelte.

„Mach dir keine Sorgen. Ich bin mit Max verwandt. Ich erkenne es, wenn jemand spielt.“

Das brachte sie wieder zum Lächeln.

 

„HANNA!!!“

Ich saß gerade entspannt, oh ja sehr entspannt in der Badewanne, als mich dieser, zugegeben sehr ursprünglichen Schrei hochschrecken ließ. Ich stöhnte. Meine Mutter. Nicht schon wieder. Den ganzen Tag schon ging sie mir auf den Geist mit ihrem Mutter-Tochter-Ausflug. Sie verstand einfach nicht, dass ich nicht die geringste Lust hatte Zeit mit ihr zu verbringen. Ich war quasi ohne sie aufgewachsen. Warum also jetzt damit anfangen?

Der Tag war die reinste Hölle gewesen. Ich hatte am Abend zuvor einfach nicht einschlafen können und die ganze Nacht vor dem Fernseher verbracht, in der Hoffnung endlich müde zu werden. Fernsehen war eigentlich eine bombensichere Möglichkeit mich müde zu kriegen. Aber Pustekuchen. So hatte ich heute Morgen auch noch mitbekommen, wie Max und Duncan wieder gekommen waren. Natürlich just in dem Moment, in dem sich ein leichter Anflug von Müdigkeit bemerkbar machte. Der verflog natürlich wieder, als die Stimme meines Bruders mir irgendeinen Blödsinn entgegendröhnte, den ich einfach ignorierte.

Natürlich war ich danach erst recht wach.

Den ganzen weiteren Tag hatte er mich genervt und war seltsamer Weise immer dann aufgetaucht, wenn ich irgendwas Dummes gesagt, oder getan hatte, um mich prompt damit aufzuziehen.

Irgendwann in der Mittagszeit hatte ich mir entnervt meine Sportschuhe angezogen und war laufen gegangen. Und nun lag ich hier und wieder nervte Liz mich. Es war zum verrückt werden.

Ich versuchte so zu tun, als hätte ich sie nicht gehört, bis es laut an der Tür klopfte. Naja wohl eher hämmerte.

„Johanna! Komm sofort daraus.“

Ich seufzte. Wenn sie sich plötzlich an meinen richtigen Namen erinnerten, war irgendwas im Busch.

„JOHANNA!!!“

Wie penetrant diese Stimme sein konnte.

„Mein Gott bist du irre? Brüllst du seit neustem immer so rum? Was ist denn los zum Teufel?“

„Vorsicht! Du vergreifst dich da etwas im Ton.“

Ich drehte die Augen gen Decke und schüttelte den Kopf. Sie war es eindeutig nicht gewöhnt ihre Kinder um sich herum zu habe.

„Lass mich in Ruhe!“ Ich konnte regelrecht hören, wie sie Luft ein sog, auch wenn uns eine dicke Holztür trennte, die nur sehr starke Schallwellen hindurch ließ.

„Komm. Da. Raus.“

Ich beschloss nicht zu antworten. Allerdings stieg ich wirklich aus der Wanne. Ich hatte Angst darin einzuschlafen. Glücklicherweise wurde ich langsam nun doch müde.

„JOHANNA!!“ Ich fing an das Wasser hinauszulassen.

„Du benimmst dich unmöglich.“

Wirklich? Davon bemerkte ich eigentlich nichts. Ich fand eher, dass sie sich daneben benahm. Ich zuckte mit den Schultern und wickelte mir ein Handtuch um den Körper.

Noch einmal hörte ich sie gepresst Luft ausstoßen, bevor ich Schritte vernahm, die langsam leiser wurden.

Ich seufzte befreit auf. Na endlich.

Zur Sicherheit beschloss ich noch einige Minuten zu warten, die ich dazu nutzte meine Haare zu kämmen. Dann würde sie wenigstens eine Form haben, wenn sie trockneten. Obwohl. Na man konnte ja hoffen.

Als ich die Tür öffnete und in den kalten Flur schlüpfte stieß ich natürlich prompt mit jemandem zusammen.

Ich stieß einen erstickten Laut des Schreckens aus und ruderte wild mit den Armen, als ich das Gleichgewicht verlor. Jemand griff nach meinem Arm und ich hielt mich aus Reflex an dem mir, mehr oder weniger, dargebotenen Körper fest.

Natürlich musste sich in diesem Augenblick mein Handtuch lösen.

Panisch ließ ich los, um wenigstens etwas zu retten. Allerdings war alles viel zu schnell gegangen, als dass ich meinen sicheren Stand wieder gefunden hätte, sodass ich wieder zu straucheln begann. Da mein vollkommen nackter Körper in diesem Moment allerdings mehr als dürftig bedeckte war, konnte ich meine Hände nicht benutzen, um mich wieder einzutrudeln. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, das Handtuch vor meinen Brüsten zusammen zu halten, die zu entblößen, ich auf dem Flur nicht besonders scharf war.

Eine zweite Hand fasste mich an meiner Schulter und hielt mich fest. Nun stand ich wieder mit beiden Füßen auf dem Boden. Die Hände allerdings blieben wo sie waren.

Ich zuckte unter der Berührung zusammen, so seltsam fühlten sich diese warmen Hände auf meiner etwas unterkühlten Haut an.

In diesem Augenblick sah ich auf. Fast hätte ich gestöhnt, allerdings war ich wohl zu entsetzt dafür. Duncan.

„Oh nein.“

Zu spät bemerkte ich, dass ich wohl den Schalter auf laut sprechen gelegt hatte und erstarrte. Mein Gott war das peinlich. In so vielen Hinsichten.

Ich schluckte. Er allerdings auch.

Eine seiner Hände ruhte auf meiner Schulter, während die andere meinen Arm fest umklammert hielt.

Seine Augen glitzerten. Sie sahen in der schwachen Beleuchtung aus wie schwarzer Samt.

Was musste ich nur für ein Bild abgeben. Ich starrte ihn wie ein verhuschtes Häschen an, die Haare tropfnass und die Hände vor der Brust verschränkt, nur mit einem knappen Handtuch bekleidet. Mein Gott ich wollte nicht daran denken, was er alles gesehen haben könnte.

Wieso mussten mich immer genau die Menschen, bei denen es mir so unglaublich unangenehm war nackt sehen. Wieso?

Nachdem seine Augen die Besichtigungstour beendet und wieder auf meinem Gesicht ruhten, fing er an zu grinsen.

„Alles in Ordnung?“

Ich brachte ein kurzes Nicken zu standen.

„Irgendwie haut es dich immer von den Füßen, wenn ich dich treffe. Das hat doch nichts mit mir zu tun?“

Oh Hanna gib ihm bloß keine Angriffsfläche. Sag irgendwas, was ihm den Wind aus den Segeln nimmt.

„Ich bin nur etwas tollpatschig“, stotterte ich und lief prompt rot an. Na super. Jetzt denkt er bestimmt, du lässt ihn völlig kalt.

Meine Ironie in Ehren, natürlich tat er das nicht. Sein Grinsen wurde eine Spur unverschämter.

„Vielleicht solltest du ab jetzt immer in meiner Nähe bleiben, damit ich dich auffangen kann. Oder besser doch nicht. Dann enthebelt es dich vielleicht nicht so oft.“

Ich zog es vor nicht darauf zu antworten.

„Eigentlich wollte ich nur kurz nach dem Rechten sehen. Lizzie hat sich angehört, als würde sie gleich explodieren.“

Auch das noch.

„Meine Art bringt sie zuweilen an ihre Grenzen. Sie ist nicht daran gewöhnt.“

Er nickte. Mir wurde bewusst, dass ich ihn immer noch anstarrte. Er sah anders aus, als beim letzten Mal. Fröhlicher, wenn auch erschöpfter. Nun ja. Ich kannte Max gut genug, um zu wissen, was in den letzten Tagen abgegangen war.

Seine Hände berührten mich noch immer und dessen war ich mir nur zu sehr bewusst. Ich schluckte und sah schließlich zu Boden.

„Du fällst nicht wieder um, wenn ich dich loslasse?“

Ich schüttelte den Kopf und zwang mich zu einem Lächeln.

„Nein.“

Er lächelte. Er hatte ein wundervolles Lächeln.

„Gut.“

Allerdings bewegten sich seine Hände kein Stück.

Das durfte doch wohl jetzt nicht war sein. Ich zwang mich einen Schritt zur Seite zu gehen. Im Nachhinein war mir nicht klar, woher ich die Selbstbeherrschung nahm. Wahrscheinlich veranlasste mich eher ein Selbsterhaltungstrieb dazu. Der war bei mir immer schon sehr ausgeprägt gewesen.

Seine Hände ließen mich zwar los, allerdings nicht, ohne dass die, die vorher meinen Arm gehalten hatte über die Stelle strich, an der er meine Brüste vermutete. Nun, ich denke ich brauche nicht zu erwähnen, dass sie sich natürlich auch dort befanden.

Ich tat, als hätte ich es nicht bemerkt, lächelte ihn noch einmal an und ging dann an ihm vorbei. Ich spürte seine Blicke bohrend in meinem Rücken, bis ich schließlich meine Zimmertür geschlossen hatte.

Oh mein Gott. Was war das denn gewesen?

Der Typ machte mich fertig und ich kannte ihn nicht mal. Alles was ich wusste war, dass er unglaublich schön war, mit kleinen Mädchen wie mir nur spielte und sich unverschämt selbstbewusst benahm.

Alles an mir prickelte, besonders die Stellen, die er berührt hatte. Meine ganze Wahrnehmung konzentrierte sich ausschließlich auf diese Punkte Haut.

Ich fühlte mich total zerschlagen. Noch nie hatte ich mich in einer so erotischen Situation wieder gefunden. Fast vergaß ich, wie peinlich sie obendrein noch gewesen war.

Langsam begann ich mich fertig abzutrocknen und anzuziehen. Es würde gleich Abendessen geben. Ich versuchte gar nicht daran zu denken. Meine Mutter war wirklich noch das kleinere Übel. Sie konnte man wenigstens ignorieren.

„Lieber Gott, bewahre mich davor etwas sehr dummes zu tun“, flehte ich leise.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 4

 

Geile Sache

 

 

Meine Knie zitterten, als ich mich auf den Weg nach Unten machte. Ich denke den Grund dafür brauche ich nicht zu erwähnen. Mehrmals schluckte ich und versuchte an etwas anderes zu denken. Es gelang mir nur sehr dürftig.

Sophia und mein Vater saßen gemeinsam am Esstisch, als ich herein kam. Sie unterbrachen ihr Gespräch und waren sehr damit beschäftig normal auszusehen.

„Lasst euch nicht stören“, sagte ich.

Sophia lächelte etwas unsicher, während Leo meinem Blick auswich.

Ok. Was war hier los? Wenn diese beiden Menschen sich so verhielten war etwas im Busch.

Ich musterte sie eine Weile argwöhnisch und ging dann durch die Verbindungstür in die Küche, um Marie zu helfen. Ich mochte die Köchin der Benetts. Sie war hier halbtags angestellt und die Gute Seele des Hauses, da weder Sophia noch Marcus die Zeit hatten, sich um ein so großes Haus zu kümmern. Wie nett von ihnen, nicht ihre Kinder damit zu quälen.

Celia hatte wohl den gleichen Einfall gehabt, denn sie saß auf der Arbeitsplatte auf dem Herd und unterhielt sich mit Marie.

Es war zu so einer Art Ritual geworden Marie so lange zu nerven, bis sie uns irgendetwas zu tun gab.

Celia grinste mich an, als sie mich entdeckte.

„Mensch Hanna. Was hast du denn mit deiner Mum gemacht? Sie läuft durch das Haus wie ein wütender Tiger.“

„Gar nichts hab ich gemacht. Sie nervt mich einfach.“

„Das ist es wahrscheinlich. Du machst gar nichts. Max tut alles, um sie auf die Palme zu bringen und auf ihn ist sie wesentlich besser zu sprechen.“

Ich lächelte grimmig.

„Die meisten Menschen stehen auf Idioten“, stellte ich dann nüchtern fest.

„Ach so?“

Ich erstarrte. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu sehen wer gerade dazu gestoßen war.

„Interessant.“

Ich fixierte Celia mit meinem Blick, um ihn bloß nicht abschweifen zu lassen.

Sie selbst bemerkte das gar nicht, denn sie griff die Worte ihres Bruders auf.

„Da siehst du es mal Duncan.“

„Was?“ Seine Stimme klang belustigt. „Was sehe ich?“

„Warum du so beliebt bist.“

Er gluckste fröhlich.

„Wo ist er eigentlich?“

„Wer?“

„Na Max.“

Duncan zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Aus dem Augenwinkel konnte ich seinen Blick auf mir ruhen sehen.

Celia schwieg. Sie schien zu überlegen.

„Los jetzt aber. Händewaschen und Hinsetzen.“

Celia lachte.

„Jaja Marie. Ist ja gut.“

„Was gibt es eigentlich?“, fragte ich. Irgendwann in den letzten Tagen hatte sie mich nach meinen Essensvorlieben gefragt. Seitdem kochte sie für mich immer etwas Fleischloses. Mir war das mehr als peinlich. Ich wollte nicht, dass sie sich meinetwegen so viel Arbeit machte. Aber davon wollte Marie nichts hören.

„Cannelloni“, antwortete sie.

 

Max ließ sich dann doch irgendwann blicken.

Genauso wie meine Mutter kam er etwas später. Typisch. Ich hätte dafür einen Anraunzer bekommen.

Er setzt sich auf den freien Platz neben Duncan, an dem er auch an meinen ersten Abend in Schottland gesessen hatte. Mir fiel auf, dass es erst mein zweites Abendessen mit ihm war.

Meine Mutter würdigte mich keines Blickes. Gut so.

Das Abendessen verlief wie gewöhnlich. Ich hielt mich zum größten Teil aus den Gesprächen raus und antwortete nur vereinzelt auf Celias Fragen.

In einer größeren Phase des Schweigens richtete mein Vater schließlich das Wort an mich: „Sag mal, hast du eigentlich einen speziellen Wunsch für deinen Geburtstag?“

Ich sah ihn entgeistert an. Wie kam er denn jetzt darauf?

„Der ist doch erst in einem Monat“, antwortete ich schließlich. „Na und?“, kam es von ihm.

Ich spürte alle Blicke auf mich gerichtet und begann mich unwohl zu fühlen.

„Ähm…“, begann ich wurde aber von Klingel des Telefons unterbrochen. Braves Telefon. Ich hatte nämlich keinen blassen Schimmer, was ich antworten sollte. Oder doch den hatte ich, aber er hatte etwas mit Kanada zu tun.

Duncan erhob sich. „Ich geh schon.“

Ich spürte, wie ich etwas freier atmen konnte, als er den Raum verlassen hatte.

„Also?“

Verdammt. Leo ließ sich doch sonst so leicht ablenken.

„Keine Ahnung Dad.“

In diesem Moment kam Duncan wieder herein und reichte mir mit einem argwöhnischen Blick den Telefonhörer. Ich konnte den Blick seiner Augen nicht ganz interpretieren. War er irritiert?

„Für dich.“, sagte er überflüssiger Weise. Ich nahm den Hörer entgegen, darauf bedacht nicht mit seiner Haut in Berührung zu kommen.

„Ja hallo?“, meldete ich mich.

„Bitte schrei mich nicht an. Ich kann das erklären“, antwortete mir eine, nur zu bekannte Stimme.

„Will“, keuchte ich atemlos. „Will“, sagte ich noch mal. Im ersten Moment vergaß ich, dass ich eigentlich wütend auf ihn sein wollte, so sehr freute ich mich seine Stimme zu hören.

Doch das dauerte nicht lange an.

„Sag mal spinnst du eigentlich?“

Meine Stimme klang weniger aufgebracht, als sie es gesollte hätte.

Dann bemerkte ich, dass ich immer noch am Tisch saß und alle Augenpaare auf mich gerichtet waren. Besonders Duncans funkelnde Augen spürte ich. Was hatte er nun schon wieder?

Ich entschuldigte mich schnell und verließ den Raum, allerdings nicht ohne ihnen zu sagen, dass sie nicht auf mich warten sollten. Das hier konnte länger dauern.

„Weißt du eigentlich wie beschissen das ist, wenn man euch nicht erreichen kann? Außerdem wolltet ihr mich anrufen.“

Ich klang beleidigt.

Will seufzte am anderen Ende der Leitung.

„Ja natürlich. Aber bevor du richtig wütend wirst: dein Dad hat uns das Versprechen abgerungen, dich erst anzurufen, wenn du dich ein bisschen eingelebt hast. Weißt du, wir wollten, dass es dir gut geht. Irgendwie dachten wir, so wird es vielleicht einfacher.“

Gut ich verstand ihre Beweggründe. Aber trotzdem.

„War es aber nicht.“

Dann fiel mir wieder etwas sehr wichtiges ein, das er ganz am Anfang gesagt hatte.

„Er hat was?“

Oh diese Eltern. Das würde ich noch einmal ansprechen.

„Ist ja auch egal. Wie geht es dir?“, lenkte er mich ab.

Ich erzählte ihm von meiner Reise hierher. Von meinen ersten Tage. Von Max, von Celia, meine Eltern, von Sophia und Marcus, dass alle furchtbar nett waren. Davon dass mir meine Familie auf den Wecker ging, dass ich meine Freunde vermisste, mich aber langsam einlebte dank Celia.

Und natürlich von Duncan. Von den ersten, bis zu den letzten Peinlichkeiten. Mittlerweile stand ich in der Dunkelheit vor dem Haus. Keine Ahnung wie ich dahin gekommen war.

„Ich weiß einfach nicht, was ich davon halten soll. Mal ganz davon abgesehen, dass es dumm ist, sich überhaupt Gedanken darüber zu machen.“

Ich hörte ihn zustimmen.

„Du hast dich verknallt“, stellte er nach einer längeren Pause fest.

„Ach Blödsinn.“ Ich klang etwas zu cool. „Ich kenne ihn nicht einmal“, warf ich rasch hinterher.

„Und deswegen kann man keine Gefühle für jemanden entwickeln?“

„Na hör mal. Gefühle? Gefühle sind für mich etwas anderes.“

„Aha“, ich konnte ich durchs Telefon lächeln hören so selbstzufrieden klang seine Stimme.

„Ach Herrgott noch mal. Ich weiß es doch auch nicht.“

Eigentlich schätzte ich mich nicht so oberflächlich ein, um, nur weil jemand blendend aussah, liebesähnliche Gefühle zu entwickeln. Das erklärte ich ihm daraufhin auch.

„Ach Hanna. Niemand spricht hier von Liebe. Du fühlst dich zu jemandem hingezogen. Aus dir nicht ersichtlichen Gründen. Das kann doch passieren. Unser Unterbewusstsein ist ein ganz faszinierendes Ding.“

Ich seufzte. „Aber es ist nicht gut Will.“

„Du denkst zu viel Mäuschen.“

Ich schnaubte ausdrucksvoll.

„Ja toll. Was meinst du was passiert, wenn ich nicht nachdenke hm?“ Ich bemerkte, dass ich etwas gereizt klang. Als Max und Duncan weg gewesen waren, war alles so viel einfacher gewesen. Aber tief in meinem Inneren verursachte der Gedanke ihn nicht zu sehen Panik in mir. Wie erniedrigend.

„Ich erkenne mich nicht wieder.“

Will lachte leise.

„Aber so etwas zu empfinden ist doch schön.“

„Nein ist es nicht“, widersprach ich.

„Du kannst nicht ewig vor so etwas davon laufen. Eigentlich kannst du es überhaupt nicht. Selbst wenn es in die Hose geht. Na und? Verletzt werden ist nicht schön, aber auch solche Erfahrungen sind wichtig.“

Das war einleuchtend. Ich seufzte erneut.

„Wo ist Jules?“ fragte ich schließlich.

„Es tut ihr sehr leid soll ich dir ausrichten. Sie ruft dich in den nächsten Tagen an. Aber im Moment macht sie diesen Kurs. Du weißt schon. Irgendwas mit Tieren.“

„Ah. Ach so ja.“

Julia hatte vor Veterinärmedizin zu studieren. „Geht es ihr gut?“

„Doch. Ich denke schon.“

„Hm.“

 

„HANNA!“

„Oh Will es tut mir leid. Ich werde gerufen. Vielleicht braucht jemand das Telefon.“

„Kein Problem. War schön mit dir zu sprechen. Lass den Kopf nicht hängen ja? Halt mich auf dem Laufenden.“

„Ja klar. Ich lieb dich. Tschau“

 

„HANNA!!“

„Ja hier. Ich komme.“

Celia kam mir auf halber Strecke zur Tür entgegen.

„Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Hast du Lust auf Monty Python?“

Ich grinste.

„Na aber immer doch.“

 

Zu meinem Glück war die britische Komikertruppe wohl bei allen unter 30 jährigen in diesem Haus sehr beliebt.

„Also Duncan besteht auf „Leben des Brian. Leider durfte ich schon das letzte Mal aussuchen.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein schon ok.“

„Gut.“ Celia lächelte.

Ich vermied einen Blick in Duncans Richtung. Allerdings fühlte ich seine Augen auf mich gerichtet, was nicht unbedingt dazu beitrug, es mir leichter zu machen.

Um mich abzulenken fing ich an die Regale im sehr gemütlichen Wohnzimmer zu inspizieren.

Als ich einen ganz speziellen Film entdeckte entfuhr mir ein leiser Schrei.

„Mama Mia?“

„Du magst ihn?“

„JAHA.“

Celia grinste. „Schön ich auch.“

„Wer hätte gedacht, dass du mal auf so was stehen könntest. Dabei hast du früher so sehr darauf geachtet ja nicht deine mädchenhafte Seite rauszukehren.“

„Ja Max. Ich danke dir für diesen ausgesprochen wichtigen Kommentar. Er hat uns jetzt alle wirklich weiter gebracht.“

Meinem Bruder mit Ironie zu begegnen war schon immer das Beste gewesen. Oft konnte er nicht damit umgehen, wenn ich zu beißend wurde.

 

„Wie alt seid ihr eigentlich?“, fragte ich Celia, neben die ich mich schließlich gestellt hatte. Sie war immer noch nicht ganz fertig die Technik einzustellen.

„19“, sagte sie ohne aufzublicken.

„Beide?“

Jetzt sah sie doch hoch.

„Nein. Ich bin 19. Duncan ist 20.“

Ich nickte.

„Ah.“

Ich hatte irgendwie das Gefühl gehabt etwas erwidern zu müssen.

„Komm.“

Celia zog mich am Arm mit zu der großen Sofagarnitur vor dem Fernseher.

Zu meinem Entsetzen hatte es sich Max bereits auf dem einzigen Sessel bequem gemacht, während Duncan sich auf dem Sofa fläzte, auf das mich Celia gerade zu zog.

,Oh nein’, dachte ich, während ein kleiner Teil von mir sich danach sehnte genau dort zu sitzen.

Zu meinem Glück, wie ich versuchte mir einzureden, setzte sich Celia neben ihrem Bruder und zog mich auf ihre andere Seite.

Schließlich begann der Film und mir fiel mal wieder auf, dass Python Filme lustiger waren, wenn man sich nur über sie unterhielt. Außerdem hatte ich ihn schon so oft gesehen, dass mir nur noch selten Lacher entwichen.

Celia neben mir ging das wohl genauso. Irgendwann in der Mitte des Films stand sie auf. Vermutlich war ihr Ziel eines der vielen Badezimmer.

Nun saß ich ohne ihre schützende Gestalt neben der Quelle all meiner momentanen Probleme, wenn auch mit einigem Sicherheitsabstand.

Der wurde allerdings minimiert, als Max aufstand, um sich neben mir fallen zu lassen. Angeblich, weil er so besser sehen könne.

Natürlich. Zufällig machte er sich auch noch so breit, dass mein Arm schließlich den von Duncan berührte, so sehr ich das auch zu verhindern suchte.

Ich wollte mich gerade erheben, um Celia nach zu flüchten, als er mich auch noch ansprechen musste.

„Du magst sie nicht besonders?“

Hä? Wie kam er denn jetzt darauf? Völlig überrumpelt, fiel mir gar nicht auf wer mich da gerade angesprochen hatte.

„Natürlich. Ich glaube es gibt niemanden, der sie nicht mag oder?“

„Es gibt viele, die es einfach nicht verstehen.“

Ich überlegte kurz.

„Was?“

Nun sah er mir direkt in die Augen und wartete. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als würde er an meinem Verstand zweifeln.

Was war denn nun schon wieder?

„Irgendwie war das auch schon mal witziger“, ertönte es nun von meiner anderen Seite aus. Ich spürte, wie sich Max neben mir erhob.

„Ich hab sowieso noch was zu tun.“

Ich war viel zu verwirrt, um zu begreifen, dass Max mich gerade alleine gelassen hatte. Mit Duncan. Der, der mich immer noch ansah, als würde er nicht verstehen, was ich damit meinen könnte.

Außerdem, seit wann hatte Max Dinge zu erledigen?

Ich kam nicht dazu, mir weitere Gedanken darüber zu machen.

„Na was schon. Ihren Humor.“

Ich schob mein Kinn etwa nach vorne, so wie ich es immer tat, wenn mir etwas konfus vorkam und verzog mein Gesicht zu einem fragenden Ausdruck. Es musste sehr komisch aussehen, denn mein Gegenüber fing an zu grinsen.

„Ihren Humor? Ich sollte sie wegen ihres Humors nicht mögen? Sie ist wunderbar, sie…“, doch weiter kam ich nicht. Duncan unterbrach mich: „Wovon bitte redest du?“

Nun breitete sich vollkommene Verständnislosigkeit auf meinem Gesicht aus.

„Hä?“, fragte ich sehr intelligent.

„Wen meinst du mit sie?“

Ich starrte ihn an.

„Na Celia.“

Er starrte zurück. Solange, bis er den Kopf in den Nacken warf und schallend anfing zu lachen.

Ich begann zu begreifen. Ich schluckte. Duncan gehörte natürlich zu den Menschen, die noch tausendmal bezaubernder waren, wenn sie lachten. Ich konnte meine Augen nicht von ihm nehmen, so sehr ich mir auch einredete, es wäre das Beste für mich.

Das Sofa unter uns erzitterte unter den Bewegungen, die er machte, um sich wieder zu beruhigen.

„Das…“, er kicherte. „Das ist…“, was auch immer er hatte sagen wollen, es war untergegangen.

Ich sah ihn unverwandt an.

Schließlich begann er sich zu beruhigen.

„Entschuldige. Das ist nur…“, begann er, immer noch vor Vergnügen glucksend, „…wir haben völlig aneinander vorbei geredet.“

Ich verzog den Mund.

„Ja, das dachte ich mir schon.“

Er sah mich seltsam an. Wahrscheinlich dachte er ich wäre beleidigt. Er hatte ja keine Ahnung. Und das war gut so.

„Es tut mir leid, ich wollte dich lediglich fragen, ob du dich amüsierst.“

Mittlerweile hatte ich das auch begriffen. Er hatte mit sie nicht seine Schwester, sondern die Komikergruppe gemeint.

Ich seufzte.

Er musterte mich aufmerksam.

„Was ist?“, fragte er schließlich.

Sein Blick war von fast beschwörender Intensität.

„Wieso passieren mir in deiner Gegenwart immer so peinliche Dinge?“, platzte ich schließlich heraus.

Honiggold. Karamell. Diese Farbe.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte er. Seine Augen funkelten, als sie mich weiter gefangen hielten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass hinter seinen Worten viel mehr steckte. Doch das war der Augenblick, in dem ich alles um mich herum vergaß. Vergaß, wer hier vor mir saß, vergaß, was sein eigentliches Ziel war. Bemerkte nicht, wie weit wir beieinander saßen und uns unwillkürlich zueinander gebeugt hatten.

Er lächelte leicht. Dieses Grübchen. Ich wollte es berühren.

Doch er kam mir zuvor. Ganz langsam wanderte seine Hand an meinem Arm empor. Sanft strich er über den Stoff meiner Fliesjacke. Wäre ich mir seiner Bewegung nicht so bewusst gewesen, hätte ich sie kaum gespürt. Doch ich spürte sie nur zu deutlich. Kleine Stromschläge schossen durch meinen aufgewühlten Körper. Ich konnte mich nicht bewegen.

Was war das?

Ich zuckte zusammen, als ich die Haut seiner Finger an meinem Hals spürte. Sein Lächeln verstärkte sich und es hatte ganz eindeutig selbstgefällige Züge.

Das war es letztendlich, was den Bann brach.

Ich beugte mich nach hinten, weg von seinen teuflischen Händen und atmete einmal stoßend aus.

„Wir sind verwandt“, stieß ich aus. Etwas Besseres fiel mir in diesem Augenblick nicht ein. Mein Gehirn war immer noch wie benebelt.

Duncan sah nicht einmal überrascht aus. Er schüttelte leicht den Kopf. Seine Augen begannen erneut sich in meine zu bohren.

Ich zwang mich an ihm vorbei zu sehen.

„Nicht über das Blut.“

„Ich finde das ethisch nicht korrekt.“

Sein Lächeln konnte man wirklich nur selbstgefällig nennen. Mir wurde schlecht.

„Was zum Teufel soll das?“

„Was?“

Er glaubte doch wohl nicht im Ernst, dass ich ihm diesen unschuldigen Gesichtsausdruck abkaufte.

„Ooh pass auf!“, zischte ich wütend, meine Augen zusammen gekniffen.

Er sah etwas irritiert aus. Gut so.

 

Ich wusste wirklich nicht woher ich den Mut nahm, so mit ihm zu sprechen. Mit ihm.

Vielleicht war es die Ähnlichkeit, die sein Lächeln gerade mit dem von Max aufgewiesen hatte.

„Ich lass mich nicht von dir an der Nase herumführen Mister.“

Ich piekste mit dem Zeigefinger auf seine Brust.

An der Nase herumführen?

Ganz eindeutig benebelt.

Seine Mundwinkel zogen sich spöttisch in die Tiefe, seine linke Augenbraue in die Höhe.

„Ach nein?“

Meine Augen verengten sich. Würde es lächerlich wirken, wenn ich die Zähne fletschte? Bestimmt.

„Nein.“

Seine Augen funkelten.

„Lass das!“

„Was denn?“

„Hör auf mit diesen Spielchen. Was zur Hölle willst du von mir?“

„Gar nichts. Sollte ich?“

„Nein.“

Meine Stimme klang aufgebracht.

„Das ist ein Spiel nicht wahr? Wer hatte die Idee? Du, oder Max? Hattet ihr euren Spaß daran? An meiner Unsicherheit? Oh natürlich hat er dir von Lucas erzählt. Ich...“, ich stockte und stieß einen Laut des Unmuts aus.

„Ach lass mich doch einfach ich Ruhe!“

Dieses Satz schrie ich ihm fast ins Gesicht, ehe ich die Arme in die Luft warf und wütend aus dem Raum stürmte. Auf dem Weg in mein Zimmer stieß ich fast mit Max zusammen. Hatte der nicht was zu tun?

„Sei bloß still, oder ich vergesse mich.“, zischte ich ihm entgegen. Mit einem überraschtem Gesichtsausdruck trat er zur Seite, um mir Platz zu machen. Ich konnte spüren, wie er mir verwirrt hinterher sah.

Fatzke.

 

Als ich am nächsten Morgen verkatert aufstand, hörte ich das Gebrüll schon auf dem Weg nach Unten.

Als ich in die Küche trat wurde es so hochfrequent, dass es mir beinah in den Ohren schmerzte. Für so eine kleine Person, hatte Celia ein ganz schönes Organ. Ich grinste, als ich sah, wen sie da anschrie. Duncan. Irgendwie stimmte mich die Tatsache ausgesprochen fröhlich. Die schlechte Laune von gerade löste sich in Wohlgefallen auf. Ich konnte spüren, wie sie aufbrach und in verschiede Richtungen davon eilte.

„ICH HABE ES SO SATT MIT EINEM PENIS ZUSAMMEN ZU WOHNEN!!!!!“

Ich schnaubte vergnügt.

„Celia Mäuschen. Du hast eindeutig zu viel Sex and the City geguckt.“

Erst da bemerkten mich die zwei Streithähne.

Celia lächelte mir kurz zu und sah dann wieder ihren Bruder an, das Gesicht zu einem amüsant mörderischen Ausdruck verzogen.

Duncan ignorierte mich.

Ich zuckte mit den Achseln und fing an mein Frühstück vorzubereiten.

„Das ist mein Leben Cecilia.“

„Mein Gott. Ich hab verdammt noch mal kein Problem damit, dass du sie vögelst, bzw. schon ja, aber bring sie verdammt noch mal NICHT HIERHER.“

„Hey keine Blasphemie.“

Max hatte sich zu uns gesellt und diesen unqualifizierten Kommentar dazwischen geworfen. Klar er musste die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Allerdings wurde er ignoriert.

„Halt dich da raus“, knurrte Duncan als Antwort. Ich brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass Duncan Celia nicht Max meinte.

„Du treibst mich in den Wahnsinn Duncan. Du hast ein Problem. Du brauchst ganz dringend eine Freundin.“

Ein ausdrucksvolles Schnauben war die Antwort.

„Oh bitte nicht schon wieder. Was hast du denn verdammt noch mal für Vorstellungen?“

Duncan sah nicht so aus, als würde er darauf antworten wollen. Ich konnte mir gut vorstellen worum es hier ging. Mädchen waren ihm zu anstrengend, wenn er sich länger mit ihnen beschäftigen musste.

„Celia? Tee?“

Ich hantierte gerade mit dem Wasserkocher.

„Nein danke Mäuschen“, antwortete sie an mich gewandt.

„Wenn du so weiter machst, hetze ich dir Mum auf den Hals. Zum Grundsatzgespräch.“

„Was hast du eigentlich für ein Problem? Willst du auch mal wieder einen, oder was?“

Celias Augen verengten sich zu Schlitzen.

„Ich warne dich Duncan. Fang nicht damit an. Das geht nach hinten los.“

Irgendwas in ihrer Stimme ließ ihn auf eine Antwort verzichten.

Die Geschwister starrten sich wütend an. Erst jetzt fiel mir eine Gewisse Ähnlichkeit zwischen den Beiden auf. Sie lag in dem störrischen Gesichtsausdruck.

„Was ist hier eigentlich los?“

Die Frage war für Max gewesen.

„Er hat so ne Tussi mitgebracht. Der kleine Teufel…“, er meinte Celia, „…hat sie gesehen, weil sie das Badezimmer blockiert hat. Sie ist vollkommen ausgetickt und hat sie rausgeschmissen. Seit dem streiten sie.“

Ich war stolz auf ihn. Er hatte eine zusammenhängende Antwort zustande bekommen, ohne mehrere unangebrachte Kommentare und mit mehreren Sätzen.

„Hm“, nickte ich.

„Wart ihr noch weg?“

Max nickte. „Er ist länger da geblieben.“

Inzwischen hielt Celia ihrem Bruder unverantwortlichen Verhalten vor. Sie war wieder lauter geworden.

„DENKST DU ÜBERHAUBT MAL NACH? WAS IST, WENN DIE VERSUCHEN DIR EIN KIND UNTER ZUJUBELN. DENK EINMAL AN DIE ANDEREN!!“

„CELIA!! Was soll der Scheiß? Ich muss mich doch nicht vor dir rechtfertigen.“

„Wenn es alle etwas angeht schon.“

„Dann lass uns das allein diskutieren.“ Auch, wenn er vermied mich anzusehen, spürte ich, dass es ihm unangenehm war, hier, vor mir.

Celia spürte es wohl auch. Sie sah mich an. Dann wieder ihren Bruder.

„Wieso? Damit sie…“, sie nickte mit dem Kopf in meine Richtung, die Arme vor dem Körper verschränkt. „…nicht vor dir gewarnt ist? Damit du deine scheiß Spielchen auch mit ihr spielen kannst? Vergiss es!“

„Du gehst mir auf die Nerven.“

„Du bist ein arroganter Mistkerl geworden Duncan. Ich erkenne dich nicht wieder.“

Anstatt über diese Äußerung nachzudenken, reagierte er, wie die meisten, mit Trotz.

„Ach ja? Dann tu dir selbst einen Gefallen und lass mich in Ruhe.“

„Schön!“

„Schön.“

„Hanna komm mit ich mach dir Locken.“ Ihre Stimme klang gepresst. Oh Oh. Ich sollte ihr wirklich helfen sich abzulenken.

Ich folgte ihr durch die Küchentür.

„Und wie willst du das anstellen?“, fragte ich interessiert. Ich wollte schon immer einmal Locken haben.

„Ganz einfach. Lockenwickler.“

„Oh.“

Natürlich wie sonst.

„Das dauert doch aber lange.“

„Hast du was Dringendes vor?“

Wahrscheinlich wollte sie gar nicht so böse klingen, wie sie es gerade tat, deswegen nahm ich es ihr auch nicht übel. Ich war schließlich eine Freundin von Agressivistan.

„Ähm nein. Ich wollte das nur mal so einwerfen.“

Celia schwieg und stapfte weiter vor mir die Treppe hinauf. Ich beschloss ebenfalls still zu sein. Celia war kein Kind der Wut. Sie würde sich gleich wieder beruhigt haben.

 

Ich behielt Recht. Sie war wieder total normal, als wir im Badezimmer ankamen.

„Du musst dir die Haare waschen.“, sagte sie zu mir, schon wieder mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Hm.“

„Soll ich dir helfen?“

„Nö.“

 

Celia hockte auf dem Badewannerand und feilte ihre Fingernägel, während ich mir die Haare ein wenig anföhnte.

„Du verschönerst also Dinge, wenn du dich ablenken musst“, stellte ich fest, nachdem ich den Fön abgestellt hatte.

Sie sah auf und nickte dann.

„Ja“, sagte sie und seufzte.

„Es tut mir leid, dass du das mit anhören musstest. Aber manchmal könnte ich ihn erwürgen.“

„Oh du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich kenn dieses Gefühl nur zur Genüge.“

Celia seufzte erneut, aber diesmal amüsiert.

Wir mussten uns nich sagen, dass wir gerade beide an Max dachten. Es war zu offensichtlich.

„Wie lenkst du dich ab?“, fragte sie schließlich.

„Sport.“

Sie verzog das Gesicht.

„Dazu zählt auch tanzen.“

Da erhellte sich ihr Gesicht wieder.

„Ich hab ne Idee. Ich mach dir die Wickler rein und während sie drin sind…ABBA SESSION!!!“

Ich musste lachen, so sehr amüsierte mich ihr Gesicht.

„Ja das ist eine gute Idee.“

 

So kam es, dass wir beide mit Lockenwicklern in den Haaren, nur in Boxershorts und Top, und mit Haarbürsten als Mikrophon ausgestattet wie wild in Celias Zimmer herumhüpften und eine halbe Musicalshow hinlegten, wobei wir uns eher auf Quantität, als auf Qualität konzentrierten. Lange hatte ich nicht mehr so einen Spaß gehabt.

Deswegen störte es mich auch nicht, als ein wütender Duncan ins Zimmer platzte, um uns anzuschreien, wir sollen die Musik leiser machen. Ich machte einfach weiter und ignorierte ihn.

Doch der Anblick uns zweier, halbnackter, tanzender Mädchen ließ ihn wohl vergessen, weshalb er gekommen war.

Ich sah gut aus, wenn ich mich bewegte, das wusste ich und deswegen machte ich einfach mit, als Celia, die wohl den Streit vor einer Stunde total vergessen hatte, auf ihren Bruder zu tanzte und um ihn herum wackelte.

Ich musste beinah lachen, als mir wieder bewusst wurde, welches Lied gerade lief.

Aber stattdessen sang ich laut mit und bewegte mich einfach.

 

Honey, honey – how you thrill me, aha, honey honey
honey, honey – nearly kill me, aha, honey honey
I’ve heard about you before
I wanted to know some more
and now I know what they mean
you’re a love machine
oh, you make me dizzy.

 

Ja, irgendwie war das Ganze schon passend. Duncan stand immer noch in unserer Mitte, nicht fähig sich zu bewegen. Ach je. Der Arme. Es musste furchtbar sein so manipulabel zu sein.

Ich fühlte mich so gut auch einmal die jenige zu sein, die ihn aus der Fassung brachte.

Honey, honey – touch me baby, aha, honey honey
honey, honey - hold me baby, aha, honey honey
you look like a movie star
but I like just who you are
and honey to say the least
you’re a doggone beast.

 

Bei den letzten Worten hatte ich mich zu ihm hingebeugt, um sie ihm direkt ins Gesicht zu singen. Ich lachte über sein Gesicht.

Ich fühlte mich wie beflügelt. Mein ganzer Körper schien nur aus Endorphinen und Adrenalin zu bestehen. Ich liebte es einfach zu tanzen.

Und Celia schien direkt auf meiner Höhe zu sein.
Ich sah aus dem Augenwinkel, wie Duncan schlucken musste, als ich richtig loslegte, weil das nächste Lied begann, dass ich übrigens noch lieber mochte.

Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd, als ich mich zu ihm umdrehte. In diesem Augenblick war ich so selbstbewusst, dass ihn antanzen konnte und auch noch Spaß dabei hatte.

Unsere Gesichter waren dicht voreinander, ich konnte seinen stockenden Atem auf meinem Gesicht spüren.

Doch ehe er reagieren konnte, war ich auch schon wieder bei Celia und tanzte mit ihr weiter. Wir bewegten uns gemeinsam und sangen im Duett, weil es zu diesem Lied einfach besser passte. Inzwischen war es extrem warm im Zimmer. Deswegen auch unser Aufzug.

Duncan hatte ich schon wieder vergessen, ehe die Musik plötzlich ausging und wir, dem Beat entzogen, aufhören mussten zu tanzen.

„Schöne Vorstellung, aber ihr solltet euch eure Energie für heute Abend aufsparen.“, sagte er zu uns, seinen funkelnden Blick auf mich gerichtet. Mich störte es nicht ein bisschen. So schnell verschwanden Hormone nicht.

„Wieso? Was machen wir denn heut Abend?“, fragte Celia lächelnd.

„Tanzen“, erklärte ihr Bruder.

Ich grinste.

„Wo denn?“

Das werdet ihr noch früh genug erfahren.“

Mit einem letzten Blick auf uns verließ er das Zimmer. Es musste ihm schwer fallen.

Celia und ich sahen uns an, ehe wir jubelnd in die Luft sprangen.

„Und was machen wir bis dahin?“, fragte ich.

„Nachsehen was wir anziehen werden.“

Ich stöhnte.

„Und die restliche Zeit?“

Celia grinste.

„Du hast meinen Kleiderschrank noch nicht gesehen.“

Au weia.

Kapitel 5

 

Absturz

 

Wir verbrachtet ganze zwei Stunden damit Celias KleiderHAUS zu durchwühlen. Beziehungsweise Celia brauchte geschlagene zwei Stunden. Ich hatte nach zehn Minuten aufgegeben, weil diese Massen an Information, mein Gehirn überfluten wollten und mir die Aufnahmefähigkeit nahmen. Deswegen überließ ich es Celia, etwas Passendes herauszusuchen und begnügte mich damit auf ihrem Bett zu sitzen und schlaue Sachen zu sagen.

Sie hatte sowieso ein besseres Gefühl für Kombinationen.

Es war einfach unglaublich. Ich wäre nie auf die Idee gekommen so etwas zu kombinieren. Aber es schien, als könne Celia sowieso alles tragen und dabei gut aussehen. Bei mir war das schon etwas anderes.

„Was meinst du?“

Ich lächelte. Sie sah natürlich wunderbar aus in diesem…ich hatte keine Ahnung was es war.

„Ja?“

„Du siehst umwerfend aus.“

Sie lächelte glücklich und betrachtete sich in der großen Spiegelfront, wie ich auch eine in meinem Zimmer hatte. Ich beobachtete sie nachdenklich dabei, wie sie ihre Augenbrauen glatt strich.

„Celia?“

Sie drehte sich zu mir um. Mir fiel auf, dass die dunklen Schatten, die in meinen ersten Tagen hier unter ihren Augen gelegen hatten fort waren.

„Ja?“

„Ich will dir nicht zu nahe treten, aber mich beschäftigt die Frage, wieso hier nicht jeden Tag sämtliche männliche Wesen in allen Altern das Haus belagern, um dich sehen zu können. Wieso hast du keinen Freund?“

Sie lächelte traurig.

„Weißt du, dass ist etwas komplizierter. Irgendwann werde ich dir das erzählen können.“

Mit diesen verwirrenden Worten begann sie sich wieder aus- und etwas anderes anzuziehen.

Hä?

„Oder lieber das?“, lenkte sie mich wieder ab.

Ihre schönen Beine steckten jetzt in Bluejeans, die perfekt saßen, während sie irgendein flatterähnliches Oberteil trug, das bei jedem anderen lächerlich ausgesehen hätte, ihre feenhafte Anmut aber noch unterstrich.

Ich musste wieder lächeln. Es musste etwas wehmütig aussehen, denn so fühlte ich mich im Moment auch. Diese Kombi war zwar nicht die gerissendste von allen, die sie mir bis jetzt vorgeführt hatte, aber trotzdem sah sie so zauberhaft aus, dass ich mich vorkam, wie ein kleiner, hässlicher Gnom.

Ich seufzte. „Celia, du kannst sowieso alles anziehen, weil du einfach in allem umwerfend aussiehst. Es ist völlig egal was du trägst, du könntest auch im Nachthemd gehen.“

Sie grinste.

„Danke.“, sagte sie schlicht.

„Meinst du deine Haare sind trocken?“, fragte sie dann.

„Keine Ahnung.“

Ich überlegte kurz.

„Ich glaube ich geh mein Zimmer aufräumen, außerdem wollte ich noch mit Julia telefonieren.“

Ich erhob mich und Celia nickte.

„Wir sehen uns.“

„Spätestens beim Essen.“

 

Fast einen halben Tag später machte ich mich schließlich auf den Weg dorthin.

Wenn mich einmal der Putzteufel packte... Außerdem hatte ich bei der Gelegenheit, das Zimmer etwas mehr nach meinem Geschmack eingerichtet. Alles in einem sah es jetzt etwas mehr nach mir aus. Dabei hatte ich auch das Geschenk gefunden, dass mir meine Freunde zum Abschied gegeben hatten. Ich hatte es total vergessen. Umso schöner, wenn auch trauriger war es, als ich es ansah. Ein Fotoalbum. So viele glückliche Momente waren darin festgehalten worden. Ja das war eine sehr gute Idee gewesen, wenn es auch die Sehnsucht nach ihnen wieder angestachelt hatte.

Von den Lockenwicklern hatte ich mich inzwischen verabschiedet und so wippte mein pechschwarzes Haar schön gelockt über meinen Rücken. Ich sah aus wie ein Püppchen aber es gefiel mir. Max würde mich bestimmt als Mary Poppins bezeichnen. Ich lächelte.

In der Eingangshalle hörte ich Stimmen, es dauerte eine Weile, bis ich orten konnte, dass sie von draußen kamen.

Ich zog die Augenbrauen zusammen. Max und meine Mutter stritten. Das taten sie sonst nie.

Ich beschloss sie nicht zu stören, ich wäre schließlich verrückt, würde ich das tun und ging auf die Küche zu.

Dort fand ich aber nicht, wie sonst um diese Zeit Marie, sondern Marcus. Ich war irritiert, denn er kochte und schien noch nicht einmal überfordert mit der Situation. Er lächelte mich an, als ich hinein kam.

„Ah hallo Hanna. Wie geht es dir?“

Ich lächelte. „Gut.“

„Das freut mich. Marie ging es nicht so gut, deswegen koche ich heute.“

Er schien sich über meinen verständnislosen Gesichtsausdruck zu amüsieren.

„Ja Leo und dein Bruder gehören nicht zu den talentiertesten Köchen. Setz dich doch.“

Er deutete auf die Arbeitsplatte.

„Nein!“, sagte ich bestätigend, nachdem ich mich daran hochgezogen hatte und die Beine baumeln ließ.

Ich betrachtete ihn eine Weile stumm. Ich sah ihn selten, weil er, genau wie mein Vater, selten hier war.

Deswegen fiel mir jetzt wieder ein, was Sophia mir an meinem ersten Abend in Schottland gesagt hatte. Es war ein großes Kompliment an Celia, oder generell an die Leute hier, dass sie mich vom Grübeln abhielten, war das doch eigentlich meine Lieblingsbeschäftigung.

„Du bist mein Onkel?“, platzte es deswegen kurzerhand aus mir heraus.

Marcus sah irritiert vom Herd auf. Jetzt konnte ich die Ähnlichkeit mit seinem Sohn deutlich sehen. Die Art, wie er die Augenbrauen zusammen zog und den Kopf schief legte.

„Sophia sagte schon, dass du es anscheinend nicht gewusst hast.“

Ich schnaubte ausdrucksvoll.

„Meine Eltern machen sich selten die Mühe mich in irgendetwas einzuweihen.“

Meine Stimme klang bitter.

Marcus sah mich mit seinen dunklen Augen aufmerksam an. Ich hatte das Gefühl ihm würde keine einzige meiner Regungen entgehen.

„Das ist ungewöhnlich“, sagte er schließlich.

Ach Quatsch.

Wieder schnaubte ich ironisch.

„Tja so sind sie.“

Marcus sah mich weiter unverwandt an. Den hypnotisierenden Blick hatte sein Sohn eindeutig von ihm. Ich musste schließlich weg sehen. Marcus führte mir gerade wieder die große Schizophrenie in der Beziehung zu meiner Familie vor Augen. Es machte mich traurig, so wie immer. Der Grund, aus dem ich immer versuchte es zu verdrängen. Ich hatte immer das Gefühl, ich würde nicht wirklich zu ihren gehören.

Max zog mich immer damit auf, dass ich bei der Geburt ausgetauscht worden sein müsse. Auch wenn er es nur tat, um mich zu ärgern, reagierte ich darauf immer äußerst empfindlich, denn es war genau das, was ich auch dachte.

Ich passte nicht in diese Familie. Ich wies keinerlei Ähnlichkeit mit einem von ihnen auf. Weder äußerlich noch charakterlich. Wir waren von Grund auf verschiedene Menschen. Dass das vorkommen konnte war mir bewusst, aber mich irritierte die Ähnlichkeit meines Bruders mit meinen Eltern. Max war wie eine perfekte Fusion aus den Beiden, während ich so gar nichts von ihnen hatte.

„Ich danke dir, dass du für Celia da bist Hanna. Auch wenn es nicht den Anschein macht. Bevor du warst, war sie manchmal sehr einsam.“

Celia und einsam? Das konnte ich mir nun beim besten Willen nicht vorstellen. Zumindest erreichte Marcus mit diesem Satz, dass ich aus meinen Gedanken gerissen wurde.

Allerdings erwiderte ich nichts darauf.

Die restliche Zeit verbrachten wir in stillem Einvernehmen, bis Celia schließlich laut in die Küche gepoltert kam und mir aufgeregt das Ergebnis ihrer Lockenkur zeigte. Sie sah nun noch mehr aus, wie die Barbie, die sie nicht war.

 

„Johanna, ich muss mit dir reden.“

Das war meine Mutter. Ihr ernster Ton und der Fakt, dass sie mich bei meinem vollen Namen ansprach, verhieß irgendwas Ungutes.

Ich wollte ihr sagen, dass sie störte, aber dann erinnerte ich mich an Wills Worte.

Er meinte, ich solle mich ein wenig bemühen. Meine Eltern würden das nicht allein hinkriegen.

Also drehte ich die Augen zur Decke und folgte ihr brav in irgendein Zimmer im Erdgeschoss, an das ich mich nicht mehr erinnern konnte. Irgendjemand musste mich hier noch mal rumführen, so viel stand fest.

Die Miene meiner Mutter war voll von unterdrückten Emotionen. Sie gab sich sichtlich Mühe nichts vom dem, was sie wirklich dachte, nach außen dringen zu lassen.

Es gelang ihr nur nicht wirklich gut.

Sie schürzte die Lippen und holte tief Luft.

Ich wartete.

Ihr geöffneter Munde schloss sich wieder und ich zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Ja?“, fragte ich schließlich. Langsam nahm das Ganze lächerliche Ausmaße an.

Meine Mutter presste die Lippen aufeinander.

Was zur Hölle war denn nur los mit ihr. So war sie doch sonst nicht. Sie wagte es noch nicht mal, mir in die Augen zu sehen.

„Weißt du ich weiß wirklich nicht, was du für ein Problem hast.“, platzte es wütend aus mir heraus.

Sie sah kurzzeitig irritiert aus, dann geschockt. Aber ich hatte dafür keinen Blick mehr.

„Die ganze Zeit schon ziehst du diesen Mist ab. Was soll das? Du hast verdammt noch mal keinen Grund dafür. Ich hab es gehasst hier her zu ziehen und meine Freunde verlassen zu müssen, aber ich habe mich damit bestmöglich arrangiert. Ich habe versucht offen zu sein und mich völlig untypisch verhalten. Ich war scheiße wütend auf euch alle. Nie habt ihr euch für mich interessiert. Nie! NIE! Und jetzt auf einmal wollt ihr mich um euch haben? So ein Schwachsinn, ihr wollt euer schlechtes Gewissen befriedigen das ist alles…“, ich sah, wie meine Muter zu sprechen ansetzte. Sie sah geschockt aus. Ich ließ ihr keine Chance. Heuchlerin.

„…und zum Dank, dass ich euch euer beschissenes Flugticket nicht um die Ohren gehauen habe, gebt ihr mir auch noch das Gefühl zu stören. So wie immer. Immer schon hab ich euch gestört in eurer kleinen perfekten Familie, in die ich nicht hinein passe. Du hältst es nicht einmal für nötig, mich über ein paar BESCHISSENE VERWANDTSCHAFTSVERHÄLTNISSE AUFZUKLÄREN.“

Ich schluckte und versuchte mich zu beruhigen. Die letzten Worte hatte ich schließlich geschrieen. All die Wut der letzten Wochen, die sich aufgestaut hatte, seit mir gesagt, nein befohlen worden war hierher zu kommen, wollte sich jetzt entladen und zwar mit einer Heftigkeit, die einem Gewitter gleich kam.

Ich zwang mich tiefer zu atmen.

Meine Mutter schien zu geschockt, um überhaupt reagieren zu können. Sie starrte mich einfach nur an. Ihr Blick sagte mir, dass sie nicht nachvollziehen konnte, was ich gerade gesagt hatte. Natürlich nicht. In ihrer kleinen Welt, voller Puderzuckerwolken gab es keine Probleme und schon gar keine Kritik.

„Was soll ich eigentlich hier. Kannst du mir das sagen? Was zum Teufel suche ich hier eigentlich, wenn ihr es sowieso ZUM KOTZEN FINDET? Macht es euch Spaß mich zu verletzen? Braucht ihr einen Verlierer um euch herum?“

Ich wusste in diesem Moment genau, dass meine Worte unwahr waren, doch es fiel mir leicht mein schlechtes Gewissen zu unterdrücken.

Nein, vielmehr genoss ich ihren verwirrten, verletzten Blick und wie sie kurz davor war, die Fassung zu verlieren. Die ganze Schlechtigkeit meines Charakters wühlte sich hervor.

Meine Mum begann unkoordiniert den Kopf zu schütteln und ich sah Tränen in ihre Augen schießen.

„Lass es einfach!“, fauchte ich und ging an ihr vorbei.

Als ich aus der Tür trat meldete sich prompt mein schlechtes Gewissen.

Celia stand bereits im Flur und blickte mir entgegen.

Ich schüttelte nur den Kopf. Darüber wollte ich jetzt nicht sprechen.

„Wir bleiben besser hier.“, stellte sie mit einem weiteren Blick auf mich fest.

„Nein“, sagte ich energisch. Ich musste mich ablenken. Das kam mir jetzt gerade recht.

„Nein, wir müssen nicht. Wirklich. Wir können das verschieben.“

„Nein“, sagte ich erneut, diesmal mit noch mehr Nachdruck.

„Hör zu Celia. Ich muss mich jetzt ablenken.“

„Möchtest du darüber reden?“

Ich schüttelte nur den Kopf.

„Ich werd mich fertig machen.“

Celia blickte mir mit einem verständnisvollem, wenn auch traurigen Gesichtsausdruck nach, als ich die Treppe hoch ging. Auf halber Strecke begegnete ich, zu allem Überdruss, auch noch meinem Bruder.

Er schockte mich, indem er mir, ganz entgegen seines sonstigen Verhaltens, aufmerksam ins Gesicht blickte und mich ohne viel Federlesen in die Arme schloss, als er meine Tränen sah.

Im ersten Moment erstarrte ich, aber dann brachte er, mit seinem brüderlich vertrauten Griff, das Fass zum überlaufen.

So bescheuert er manchmal sein konnte und so oft er mich zur Weißglut trieb, so fühlte ich mich doch immer wohl in seiner Nähe. Er strahlte diese ursprüngliche Männlichkeit aus, die Schutz und Geborgenheit versprach, ohne dafür etwas zurück zu fordern.

Ich konnte nicht anders und drückte mich fester an ihn und schluchzte laut auf.

Max sagte nichts, er schloss die Arme nur fester um mich und drückte meinen Kopf mit einer seiner Pranken an seine Brust.

So standen wir da auf dem leeren Flur, ohne das meine Tränen versiegten. Sie flossen einfach, ich konnte sie nicht daran hindern. Irgendwann verschwanden die hysterischen Schluchzer und die Tränen flossen leise. Als mein Körper nicht mehr unter Krämpfen bebete, begann Max sachte über meine Kopf zu streichen.

Wenn man ihn nicht kannte, hätte man ihm soviel Feinfühligkeit gar nicht zu getraut, auch ich hatte ihn lange nicht mehr so erlebt, aber ich wusste, dass er sich oft hinter seinem Äußeren versteckte. Er gefiel sich in der Rolle des grobschlächtigen Angebers, war er doch sonst ein völlig anderer Mensch.

„Manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen“, sagte er irgendwann leise.

Ich schniefte laut.

„Im Moment sind sie sehr eindeutig“, antwortete ich mit zittriger, schwacher Stimme.

Ich spürte, wie er leicht den Kopf schüttelte.

„Sind sie das wirklich?“

Ich schwieg. Nein das waren sie nicht und das wusste ich auch. Das war ja auch der Grund, weshalb ich überhaupt hier stand. Wäre ich mir meiner Sache so sicher gewesen, wäre ich wahrscheinlich schon in Kanada abgehauen, um nicht mitkommen zu müssen, als mein Vater mich abholte.

Als ich nur noch stumm in seinem Arm lag und damit aufgehört hatte seinen Pullover zu ruinieren, stemmte er mich plötzlich mit seinen Armen in die Höhe und warf mich über seine Schulter.

Ich quiekte erschrocken, während er sich in Bewegung setzte.

Er schlug den Weg zu meinem Zimmer ein und ließ sich von meinem Gestrampel überhaupt nicht stören.

„Hey Duncan, schau mal wen ich hier abgeschleppt hab.“

Oh nein.

Diese blöde Zweideutigkeit.

Ich hörte ein melodisches Lachen.

„Du solltest sie besser runter lassen. Sonst ist sie in drei Stunden noch nicht fertig.“
Ach ja, das hatte ich total vergessen.

Ich seufzte und stoppte meine, ohnehin zwecklosen, Befreiungsversuche.

 

Max setzte mich in meinem Zimmer ab. Er strich mir noch mal mit der Hand über die Wange, als ich leise „Danke“ sagte und ließ mich dann allein.

Nun war ich nicht mehr abgelenkt. Ich seufzte. Ich wusste, dass ich unfair zu ihr gewesen war. Sie war sich nicht bewusst, wie ich empfand, schließlich kannte sie mich kaum. Na gut, das wäre wohl das einzige, was man ihr vorwerfen konnte. Sich nie wirklich um mich bemüht zu haben. Das verletzte.

Ich seufzte abermals. Darüber sollte ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich hatte es ernst gemeint, als ich gesagte hatte ich müsse mich ablenken. Außerdem freute ich mich darauf.

 

Ich entschied mich für dunkle Jeans, die so ziemlich alles betonten, was ich besaß und ein schmuckloses, einfach ausgeschnittenes und tailliertes T-Shirt, dessen hellblaue Färbung sehr gut mit der tiefen Schwärze meines Haars harmonierte.

Als ich vor dem Spiegel stand und mir die Wimpern tuschte, beschloss ich heute richtig Spaß zu haben. Eigentlich war ich das genau Gegenteil eines Nachtmenschen. Ich stand gerne früh auf, da hatte man einfach mehr vom Tag, genauso, wie ich gerne früh ins Bett ging. Ich brauchte viel Schlaf.

Aber heute würde ich auf den Putz hauen. Und zwar so richtig.

Mit einem erwartungsvollen Lächeln tupfte ich mir etwas Lipgloss auf die Lippen und betonte meine Wangen mit etwas Rouge.

Dann fuhr ich mir noch einmal mit den Fingern durch das gelockte Haar und zupfte den BH zurecht, ehe ich mich auch noch für etwas Parfum entschied.

 

Auf dem Weg nach unten traf ich Celia. Sie lächelte, ihr Gesichtsausdruck war freudig. Ich hatte also die Spuren meiner Heulattacke gut verdecken können.

„Wir sehen aus, wie Barbies.“

Ich lachte.

„Nein, du siehst aus wie Barbie. Ich sehe aus, wie Barbies brünette Freundin.“

Uns kam niemand entgegen, als wir in Richtung Küche gingen. Dort angekommen stellte Celia mit einem koketten Lächeln zwei Sektgläser auf die Arbeitsplatte. Ich bekam vor Schreck einen Schluckauf, als sie den Korken knallen ließ und uns einschenkte.

Na gut, ich war noch ein bisschen zu jung, als das mir der herbe Geschmack trockenen Alkohols wirklich gefallen würde, aber ich stieß trotzdem mit ihr auf den Abend an. So lange ich nicht zu viel trinken würde, wäre das schon in Ordnung.

„Hm. Wo bleiben die denn?“

Ich zuckte die Schultern und steckte mir eine der Weintrauben in den Mund, die im Obstkorb lagen. „Keine Ahnung.“

Dann fiel mir etwas sehr wichtiges ein.

„Sag mal…“, begann ich „…komm ich denn überhaupt in eure Clubs rein? Ich meine ich bin immer noch 17.“

Celia winkte ab. „Mach dir keinen Kopf. Das haut schon hin. Wir sind hier in Schottland“

 

Zwanzig Minuten später waren Max, Duncan, Celia und ich auf dem Weg in irgendeinen Nachtclub in Edinburgh. Es würde wohl eine recht lange Fahrt werden. Roxburgh lag so ziemlich am Arsch der Welt, aber für mich, die die meiste Zeit ihres Lebens in Kanada verbracht hatte, war das keine Entfernung.

Celia und ich hatten noch einige Male angestoßen, als wir gewartet hatten und so kam es, dass ich, die nicht wirklich viel Alkohol vertrug viel zu angetüdelt für den Fortschritt des Abends war.

Gerade erzählte sie mir irgendeinen blöden Witz, den ich, in normalem Zustand für ziemliche geschmacklos empfunden hätte, jetzt aber unglaublich komisch fand.

Im Normalzustand hätte ich ebenfalls bemerkt, dass Duncan, der sich bereit erklärt hatte zu fahren, ebenfalls mitblödelte und deswegen nicht wirklich auf den Verkehr achtete.

Nicht dass die Straße voll war. Nein, wir waren schließlich mitten in der Pampa.

So aber nahm ich keinen Anstoß daran und kicherte über etwas, das er gerade gesagt hatte.

 

Wie Celia mir versichert hatte, gab es keine Probleme mit den Türstehern hinsichtlich meines Ausweises. Sie fragten gar nicht danach. Das wunderte mich, da die Location eigentlich keine Schwierigkeiten zu haben schien genügend Gäste anzulocken. Es war extrem voll und das bereits um halb elf. Aber das konnte ja nur Gutes verheißen.

Nachdem wir verabredet hatten uns um ein Uhr wieder zu treffen, um entweder zu fahren, oder eine neue Zeit zu vereinbaren, zog Max den etwas unschlüssig dreinschauenden Duncan in irgendeine Richtung davon, während Celia mich am Arm zum ersten Floor dirigierte.

Nach einer ersten Standortorientierung beschlossen wir im größten der drei Räume zu bleiben. Der Mann am Drehtisch hatte einfach am meisten drauf.

Celia und ich harmonierten prima beim tanzen. Jeder schien intuitiv auf die Bewegungen des anderen zu reagieren. Dabei legten wir es nicht darauf an uns, oder das nähere Umfeld anzumachen, sondern es zählte einzig und allein der Spaß an der Sache.

„Du rockst Baby.“, schrie mir Celia irgendwann zu. Wir waren völlig verschwitzt, hatten wir doch bestimmt eine halbe Stunde durchgetanzt.

Ich lachte fröhlich.

„Lass uns bitte was trinken gehen.“

Sie nickte und setzte sich in Bewegung.

An der Bar trafen wir Max, der in ein Gespräch mit irgendeinem Typen vertieft war. Er sah ernst aus und bemerkte uns nicht mal. Von Duncan war keine Spur. Bestimmt war er mitten im Getümmel, oder mitten in einem Mädchen je nach dem, ich wollte nicht darüber nachdenken.

Es war ziemlich laut und ich konnte kaum verstehen was Celia versuchte mir zu sagen. Ich verzog das Gesicht und beugte mich in ihre Richtung, um sie besser zu verstehen.

In diesem Moment wurde ich grob angerempelt. Der Schwung riss mich von den Füßen, aus zwei Gründen: ich war total unvorbereitet und alkoholisiert.

Ich fiel rücklings auf den Boden und knallte hart auf dem Boden auf. Stürze auf das Steißbein sind bekanntlich sehr schmerzhaft und so durchzuckte mich ein Schmerz der eher seltenen Art, der aber mit Intensität ausglich, was ihm an Häufigkeit fehlte.

Ich stöhnte leise auf, dann wurde ich allerdings schon an beiden Händen gepackt und schwungvoll hochgezogen.

Darauf war ich nun erstrecht nicht vorbereitet gewesen und knallte mit Schwung gegen eine fremde Brust. An eine harte Brust. Mir entwich alle Luft. Ich bekam sie auch nicht wieder, als ich schließlich verwirrt den Kopf hob und mir ein strahlendes Lächeln entgegenblitzte.

„Hey nicht so stürmisch.“

Idiot, du hast mich schließlich umgeworfen.

Ich runzelte die Stirn und sah mich nach Celia um. Die stand immer nach am selben Fleck und beobachtete die Szene skeptisch.

Dann sah ich wieder in das strahlende Gesicht. Oh man und ich dacht immer Schottland wäre der Arsch der Welt. Pustekuchen, wenn der Rest der Welt wüsste, was an diesem Fleck Erde für Menschen herumliefen, würde sich hier niemand mehr retten können.

Ich pustete frustriert meine Haare in die Höhe. Puh. Das war echt anstrengend.

„Es tut mir leid, ich hab dich gar nicht gesehen.“

Ja man übersah mich leicht.

Ich machte eine wegwerfende Bewegung und schüttelte den Kopf. Inzwischen war ich ein paar Schritte zurückgegangen.

„Du Trottel. Hast du keine Augen im Kopf?“

Ich konnte nicht anders, ich musste lächeln.

Der Gesichtsausdruck, mit dem der Unruhestifter auf Celia hinab sah, die ihn gerade so angekeift hatte, war einfach zu amüsant.

Unser Gegenüber war groß, um die 1,80 und eine stattliche Erscheinung, was hieß schlank und muskulös. Im Schwarzlicht des Nachclubs sah sein Haar dunkel aus, aber ich vermutete, dass es von einem satten dunkelblond war. Sein Gesicht war schön geschnitten und besaß einige Kanten, die es sehr anziehend wirken ließen. Die grünen Augen funkelten selbst in diesem Licht und die sinnlichen Lippen ließen zwei Reihen perfekter weißer Zähne blitzen.

Er sah unheimlich gut aus und doch hätte er neben Duncan wie der Erpel neben dem Pfau gewirkt. Ja, Duncan über den ich mir doch eigentlich keine Gedanken machen wollte.

„Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen. Ich hab deine Freundin nicht gesehen.“

Celia sah immer noch amüsant verstimmt aus und warf einen giftigen Blick in seine Richtung.

„Kann ich euch auf etwas einladen?“

„Als Entschuldigung natürlich.“, warf er schnell hinterher, als er Celias Blick auffing.

Während ich mir überlegte, wie ich ihm möglichst höflich absagen könnte, spürte ich, wie jemand neben mich trat. Max.

„Suchst du was Quintin?“

Ich war überrascht von dem harten, kehligen Klang seiner Stimme.

Bildete ich mir das nur ein, oder versuchte er wirklich gerade uns mit seinem Körper abzuschirmen.

Ich sah Celia irritiert an, die mir nur einen schnellen Blick zu warf und dann fortfuhr den Fremden mit Blicken zu foltern.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Was ging denn hier nur vor sich? Die Luft begann vor Spannung zu flirren.

Mein Bruder benahm sich ja des Öfteren daneben, aber das toppte jetzt wirklich alles.

Er bedrohte den anderen. Er brauchte noch nicht einmal etwas zu sagen, seine Körpersprache war so deutlich, dass selbst ich ihre Bedeutung verstand.

Es war wirklich an der Zeit sich aus dem Staub zu machen. Das wurde mir zu heiß. Wäre ich Herr meiner Sinne und meines vollen Verstandes gewesen, wäre ich an dieser Stelle stehen geblieben, aus Angst Celia zu verlieren. Doch das machte mir in diesem Moment nicht die geringsten Probleme.

Also verschwand ich wieder in der Menge, ohne daran zu denken, dass ich eigentlich etwas trinken wollte.

Ich war in Gedanken schon wieder auf der Tanzfläche. Weshalb die Gelegenheit nicht nutzen?

 

Der Zigarettenrauch der in der Luft hing, die ohnehin ihre Qualität verlor und zwar exponential zur fortgeschritten Zeit, benebelte langsam mein Gehirn, das sowieso schon etwas angeschlagen war. Ich war schlichtweg einfach betrunken. Irgendwann hatte mir so ein Typ etwas zu trinken gekauft. In normalen Zustand hätte ich das niemals angenommen, aber irgendwann war ich so durstig gewesen, dass ich das Getränk dankbar entgegengenommen hatte, nachdem ich in Richtung Bar getaumelt war.

Jetzt tanzte er fröhlich neben mir, während mir immer schwummriger wurde. Ich machte mir nicht mal mehr die Mühe in von mir zu schieben. Es war mir schlichtweg einfach egal, dass er ziemlich auf Tuchfühlung ging. Ich bekam ihn nicht mal wirklich mit. Kurzzeitig beschäftigte mich der Gedanke, ob mit diesem Zeug alles koscher gewesen war. Das konnte doch nicht allein von der schlechten Luft kommen. Oder?

Dann spürte ich wieder die fremden Hände und der Gedanke verpuffte.

Aber es war mir egal. Mir war egal, dass der Fremde mich näher an sich heran zog und seine Hände auf meinem Po ruhen ließ, die Lippen an meinem Ohr. Wahrscheinlich würde er mich küssen. Ich überlegte, ob ich es zulassen sollte. Wohl eher nicht.

Die Lichter flatterten. Hatten sie das immer schon getan? Egal, es sah so schön aus.

Ich lächelte selig.

Dann spürte ich, wie ich ruckartig nach hinten gerissen wurde. Ich taumelte zurück und blieb stehen, dann wurde alles schwarz.

 

Es ruckelte. Ich stöhnte. Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Aufgeregt?

Ich stöhnte erneut.

„Hanna?“

Die Stimme hallte verzerrt in meinem Kopf wieder und ließ mir die Ohren klingeln. Prompt wurde mir schlecht.

Irgendwas stimmte hier doch nicht.

Langsam lichtete sich der Nebel in meinem Kopf und ich spürte, wie das Leben in meinen Körper zurückkehrte. Das tat es mit voller Wucht. Noch einmal entfloh meinen Lippen ein Stöhnen. Diesmal lauter und vor Schmerz.

„Hanna. Bist du wach?“

Mein Kopf dröhnte und meine Beine taten weh. Mein Rücken fühlte sich an, als würde er in Flammen stehen und meine Zunge schien zehnmal so groß wie sonst. Ich hatte das Gefühl, sie würde meinen ganzen Mund ausfüllen. Ich versuchte zu schlucken. Es gelang mir zwar, doch tat es weh.

„Will.“, krächzte ich. Will hatte sich immer um mich gekümmert, wenn es mir nicht gut gegangen war.

„Der ist nicht hier“, antwortete die Stimme.

Ich gab einen enttäuschten Laut von mir.

„Julia.“

Die Stimme seufzte.

„Die leider auch nicht.“

Ich zwang mich die Augen zu öffnen, doch es ging nicht. Die Wimpern verklebten die Lider.

„Augen….geht nicht.“

Meine Stimme klang furchtbar.

„Versuch es besser gar nicht noch mal. Bleib ruhig, wir sind gleich zu Hause.“

Zuhause?

„..hause…“ Dann war ich wieder weg.

 

Als ich erneut aufwachte lag ich weich und es war warm. Ich erinnerte mich schwach, dass es nicht mehr ruckelte.

Meine Kopfschmerzen waren weg, aber ich war immer noch durstig.

Meine Gedanken fühlten sich klarer an. Nicht mehr so gedämpft, als müssten sie sich durch eine dicke Watteschicht kämpfen, um zu mir zu gelangen.

Ich seufzte vor Behaglichkeit. Dann strömten die Erinnerungen auf mich ein. Die Autofahrt nach Edinburgh, Tanzen, Celia und dann waren da nur noch verschwommene Bilder, dafür aber sehr bunte.

Ich drehte mich auf die andere Seite, dann ging alles auf einmal sehr schnell.

Ich spürte die Anwesenheit eines Fremden und dann, wie sich ein Arm um meine Taille legte und mich an einen Körper zog. Jetzt wusste ich auch, woher die Wärme kam, denn der Körper war, soweit ich das beurteilen konnte nackt.

Panisch fühlte ich in mich hinein und sah zur Versicherung an mir hinunter. Ich war es nicht, ich steckte in meinem flauschigen Flanellpyjama. Den hatte ich schon ewig nicht mehr angehabt. Wieso hatte ich ihn an?

Das erinnerte mich wieder an Punkt eins.

Ich versuchte mich hektisch aus der Umarmung zu lösen, eigentlich war es eher eine Umklammerung, allerdings erfolglos.

Verzweifelt drückte ich gegen die nackte Brust und versuchte mich kriechender Weise der Arme zu entledigen. Keine Chance, ich wurde nur noch näher herangezogen.

Oh Gott. Ich bekam Platzangst, wenn ich mich bedrängt fühlte. Außerdem hatte ich keine Ahnung, was hier lief. Wo war ich? Das war die erste wichtige Frage. Die zweite war: was zum Teufel war passiert und wieso konnte ich mich nicht daran erinnern?

Zumindest war es eine männliche Brust, an die ich hier lehnte. Ich blinzelte. Ich lag vermutlich auf einem Bett. Es war dunkel, aber ich war nicht völlig blind. Ich versuchte mich zu orientieren.

Erleichtert erkannte ich meine Bettdecke und ein kleines Bisschen vom restlichen Zimmer. Ich war also nicht irgendwo auf einem anderen Planeten gelandet, sondern lag wieder in meinem Bett.

Blieb noch Problem Nummer zwei. Wieso lag da ein Mann in meinem Bett, noch dazu wahrscheinlich nackt, zumindest aber halbnackt und das auch noch mit mir.

Ein lautes Geräusch ließ mich erstarren. Dann erkannte ich es. Er hatte geschnarcht.

Ich war also zu Hause. Ich war zu aufgeregt, um zu bemerken, dass ich gerade „zu Hause“ gedacht hatte und lag ich meinem Bett, mit einem Mann und er war nackt. Ich versuchte das Offensichtliche auszuschließen. Es konnte nicht sein, dafür war ich nicht der Typ, nicht einmal betrunken. Ich nahm an, dass ich betrunken gewesen war, sonst würde ich mich doch erinnern können. Oder?

Ich schluckte.

Max war es schon mal nicht, der hier neben mir lag. Max roch anders, außerdem war er viel massiver.

Es brachte mich auf einen schrecklich süßen Gedanken. Nein. Das durfte nicht sein.

Ich versuchte erneut mich zu befreien, diesmal energischer. Ich warf mich zur linken und zur rechten Seite und trat mit den Beinen um mich. Nein. Oh bitte lass das nicht wahr sein.

Es brummte neben mir. Dann schlug Duncan die Augen auf. Ich erstarrte sofort. Sie waren samtig dunkel und schimmerten in seinem Engelsgesicht um die Wette. Er blickte mich müde an, die Stirn so niedlich in Krausen gelegt, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Im ersten Moment schien er mich gar nicht für voll zu nehmen, dann aber wurde sein Blick klarer. Die Erkenntnis blitzte in seinen Augen auf, dann gähnte er herzhaft.

„Hey.“ Es war kein Begrüßungswort, sondern klang vorwurfsvoll.

Seine Stimme klang rau.

Er zog mich wieder näher heran, so nah, dass meine Nase seine nackte Haut berührte. Fast hätte ich aufgestöhnt, als mich heiße Blitze durchzuckten. Seine Hände schlangen sich fester um mich. Mir entfuhr ein Keuchen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Wieso mussten Männer so gut riechen und wieso tat es dieses Exemplar besonders extrem?

Ich verkrampfte meinen Nacken bei dem Versuch meine Nase von seiner warmen Haut zu entfernen und nach oben zu schauen. Duncan hatte die Augen wieder geschlossen und brummte vor Behaglichkeit.

Ich war der Verzweiflung nahe. Das Schlimme daran war, dass ich es genoss, obwohl ich wusste, dass es einfach nur falsch sein konnte. Wieso fühlte es sich nicht so an?

„Was….?“, ich kam nicht weiter, denn just in diesem Moment hatte er sein Gesicht in meinem Haar vergraben. Es war mir unangenehm. Ich hatte zwar keine Ahnung was hier vor sich ging, aber ich fühlte mich nicht besonders frisch. Kurz schalt ich mich, dass es mir eigentlich egal sein sollte. Leider war es das nicht.

„Was machst du nur für Sachen?“

Seine Stimme klang immer noch rau vom Schlaf, aber nicht mehr so müde. Sein Tonfall war resignierend. Er seufzte theatralisch.

Ich schluckte.

„Womit wir beim Thema wären. Was machst du hier?“, bei diesen Worten versuchte ich, ihn von mir zu drücken. Ich stemmte meine Hände flach gegen seine Brust. Oh bloß nicht darüber nachdenken.

Ich hatte keine Chance. Er bewegte sich nicht ein kleines Stückchen. Zumindest nicht merklich.

Ich spürte ein leichtes Vibrieren unter meinen Händen, als er leise lachte.

„Du hast da ganz schönes Glück gehabt, ist dir das klar?“

Er hatte sein Gesicht erhoben und sich auf einen Ellenbogen gestützt, um mich ansehen zu können. Mir wurde augenblicklich wärmer, als ich noch mehr nackte Haut sah. Wahrscheinlich verfärbte sich mein Gesicht in diesem Moment einige Nuancen dunkler.

„Nein.“, sagte ich.

Er runzelte die Stirn.

„Ich hab keinen blassen Schimmer wovon du redest. Was ist eigentlich passiert? Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie ich mit Celia getanzt habe und dann…dann ist alles nur noch verschwommen und bunt und es dreht sich. Was ist passiert Duncan, was hab ich gemacht? Wie…“

Er legte mir die Hand auf den Mund und unterbrach mich damit ziemlich abrupt.

„Du weißt nichts mehr?“

Ich war viel zu geschockt, um auf seine Hand zu reagieren.

Ich schüttelte leicht den Kopf. Seine Stirn war wieder gerunzelt.

Dann nickte er leicht und sah an mir vorbei.

„Also doch.“

„Waf?“

Seine Hand lag schließlich immer noch auf meinem Mund.

Er richtete seinen Blick wieder auf mich. Die Intensität ließ mich erzittern.

„KO- Tropfen. Du solltest keine Getränke von Fremden annehmen.“

Seine Stimme klang gepresst.

KO-Tropfen? Was war das denn?

Außerdem Getränke von Fremden? So was tat ich nie.

„Hab if daf?“

Er lächelte ein kurzes ironisches Lächeln.

„Dem Anschein nach: ja.“

„Irgendwann kam Celia und meinte du wärst verschwunden. Da waren wir schon beunruhigt, als du dann nicht wie verabredet um ein Uhr kamst, haben wir uns ziemliche Sorgen gemacht.“

Ich starrte ihn geschockt an.

Er fuhr fort: „Gefunden haben wir dich schließlich mitten auf der Tanzfläche. Du hast nichts mehr mitbekommen und bist kurz darauf in Ohnmacht gefallen.“

Seine Augen fixierten die meinen während er sprach und registrierte jede Regung.

Oh Gott was war da nur passiert.

Ich hob die Hand, um seine von meinem Gesicht zu nehmen. Er ließ es geschehen und ich gab mir redlich Mühe, sie nur so kurz wie möglich zu berühren.

In meinem Kopf dröhnten hunderte von Fragen, doch ich entschied mich für diese:

„Wie lange schon?“

Sie war nicht sehr präzise, aber er verstand.

„Nicht sehr lange. Wir haben den Notarzt gerufen, als wir dich gefunden haben. Da bist du kurz aufgewacht. Er meinte, wir sollen dich wieder mit nach Hause nehmen. Das war gestern Nacht. Du hast den Tag durchgeschlafen. Ein Arzt war hier, aber der meinte nur, du müsstest das Zeug nur abbauen. Wer ist Will?“

Ich ignorierte seine Frage. Der Notarzt hatte gesagt, sie sollen mich nach Hause bringen? Lag es an meinem lädierten Gehirn, oder war das gequirlter Blödsinn. Seit wann waren Ärzte so drauf?

„Wir haben was gut bei dir. Deine Eltern sind fast umgekommen vor Sorge. Max und vor allem Celia machen sich schreckliche Vorwürfe.“

Ich zog eine Augenbraue in die Höhe.

Max? Vorwürfe? Quatsch!

„Celia ist fast ausgeflippt. Wir mussten ihr verbieten auf dich aufzupassen.“

„Stopp mal. Ihr überwacht mich?“

„Was meinst du denn? Du hast irgendein unbekanntes Zeug geschluckt und bist seit nem Tag weggetreten. Natürlich sitzen wie hier und beobachten dich.“

„Und wieso bin ich dann hier und nicht in einem Krankenhaus?“

Er zögerte etwas zu lange.

„Na hör mal. Krankenhäuser. Da wirst du auch nicht besser versorgt.“

Ich beschloss es dabei zu belassen. Ich zumindest wusste, dass die Geschichte, die er mir hier weiß machen wollte, nur zu einem gewissen Teil stimmte. Ich hoffte noch herauszufinden, wie groß dieser Teil war.

Im Moment fand ich es interessanter zu wissen, wieso er hier in meinem Bett lag. Mit mir und das halbnackt. Zumindest hoffte ich, dass er nur halbnackt war. Ich gab mir große Mühe mich seinem Unterkörper nicht zu nähern. Es war schlimm genug zu ertragen, dass ich an seine Brust gepresst war.

„Was suchst du hier?“

„Ich passe auf dich auf.“

Sein unschuldiger Tonfall war wirklich unangebracht.

Ich verzog das Gesicht.

„Was suchst du hier, hier in meinem Bett?“

Er zuckte die mit den Schultern, als wäre das etwas völlig alltägliches. Na gut. Vielleicht war es das für ihn auch.

„Dir war kalt.“

„Kalt?“

Na gut das war mir jetzt definitiv nicht mehr.

Er nickte.

„Du hast gezittert, trotz der Decke und ich habe den Auftrag, alles für dein Wohlbefinden zu tun.“

„Und da legst du dich hier hin? Halbnackt?“

Meine Stimme klang hysterisch, seine amüsiert, als er antwortete.

„Stört es dich? Wäre es dir lieber, ich wäre nackt?“

„Nein!“, keuchte ich.

„Gut. Wo liegt das Problem?“

Er seufzte.

„Ich war gerade eingeschlafen.“

War das mein Problem?

„Tu das gefälligst in deinem Bett!“, fauchte ich, um die zärtlichen und total deplazierten Gefühle zu unterdrücken. Ganz eindeutig Pubertät.

Er lachte leise.

„Das geht nicht Liebes. Ich bin jetzt dran hier zu sein. Ich möchte die anderen wirklich nicht aufwecken. Sie haben alle einen harten Tag hinter sich.“

Ich verdrehte die Augen. Die ironische Färbung seines Stimmbildes trug nicht unbedingt dazu bei, ihm die Unschuldsmiene abzukaufen.

„Du tanzt gut.“, änderte er abrupt das Thema.

„Sehr gut sogar.“

Er lächelte.

Ich starrte ihn an.

Er kratzte sich im Nacken uns stützte dann wieder seinen Kopf auf die Hand und sah mich an.

Sein Gesicht war ernster als sonst.

„Du solltest besser auf dich aufpassen Hanna.“

Es war das erste Mal, dass er mich mit meinem Namen ansprach und ich liebte es.

„Ich hab selbst keine Ahnung, wie das passieren konnte. Ich bin sonst sehr vorsichtig.“

Seine Augen funkelten mit der gewohnten Intensität, die mich in ihren Bann schlug. Doch dieses Mal hatte ich das Gefühl, als würde er es nicht mit Absicht tun. Er schien in diesem Moment nicht darauf aus zu sein, mich um den Verstand zu bringen. Sein ernster Gesichtsausdruck ließ mich grübeln, ob hinter der ganzen charmanten Herzensbrecher- und Verführermaske nicht ein völlig anderer Charakter steckte. Jemand, der zufällig mit der Gabe gesegnet war einfach nur anbetungswürdig zu sein.

Ich lächelte wehmütig, während ich darum betete, dass in ihm etwas stecken würde, was es wert war geliebt zu werden. Ich spürte, dass ich mich zu ihm hingezogen fühlte. Ich fühlte es so stark, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. So stark, dass die meisten anderen Empfindungen daneben verblassten. Aber eben nicht nur aus den offensichtlichen Gründen. Da war noch etwas anderes. Ich musste Will recht geben. Unser Unterbewusstsein war etwas gänzlichen unerforschtes, aber unglaublich faszinierend.

„Fast hätte er dich gebissen.“

Duncans Stimmte war leise und immer noch ziemlich rau vom Schlaf. Ich konnte sein Gemurmel kaum verstehen, doch es riss mich aus meinen Gedanken.

„Was?“

Er zuckte kaum merklich zusammen, doch ich spürte es. Ich war schließlich immer noch an ihn gedrückt. Langsam wurde es wirklich ziemlich warm.

„Hm?“, fragte er abwesend.

„Du hast etwas gesagt?“

„Ach ja?“

Ich stieß ausdrucksvoll Luft aus.

„Ja!“

„Oh.“

Aber sein unruhiger Blick, der vorher starr auf mich gerichtet gewesen war, verriet mir, dass er mal wieder nur spielte.

Ich seufzte.

Da nahm sein Gesicht wieder den gewohnten Ausdruck an.

Das brachte mich erneut zum Aufseufzen.

Er sah mich fragend an.

„Jetzt wirst du wieder damit anfangen, mich aus der Bahn zu werfen und deinen Spaß daran haben.“, stellte ich nüchtern fest.

Sein Gesicht verdunkelte sich.

Ich schüttelte leicht den Kopf.

„Wieso tust du das? Macht dich das wirklich glücklich? Meinst du nicht, du solltest es mal auf andere Weise versuchen?“

Sein Gesicht wurde noch dunkler.

„Was soll das werden?“, fragte er grimmig.

Ich schüttelte erneut den Kopf.

„Mich würde interessieren, wer du wirklich bist Duncan.“

Sein Mienenspiel war interessant.

Ich beobachtete, wie sich seine Augenbrauen zusammenzogen und wieder entspannten, während die Mundwinkel sich verhärteten. Er biss die Zähne aufeinander.

Ich strich über das entstandene Grübchen.

Meine Lippen verzogen sich zu einem leichten Grinsen, dann rief ich mich schnell zur Ordnung und senkte die Hand wieder an seine Brust.

Ich musste zugeben, dass der Moment seinen Zauber besaß, aber ich machte mir nichts vor. Morgen würde alles sein, wie eh und je. Er würde seine Spielchen spielen und ich würde darauf reagieren, wie sonst auch. Geschockt, irritiert, oder beschämt.

Morgen wäre er wieder der Selbstbewusste.

Ich verbot mir weiter darüber nachzudenken.

„Wie bin ich an dieses Zeug gekommen?“

Duncan schien froh über den Themenwechsel.

„Jemand wird es dir gegeben haben.“

„Wer?“

„Keine Ahnung.“

Ich sah ihn prüfend an. Das kaufte ich ihm nicht ab. Wieso konnte ich mich nur an nichts erinnern?

„Wer ist Will?“

Ich sah ihn irritiert an. Das hatte er mich schon mal gefragt.

Ich überlegte, ob ich die Wahrheit sagen sollte, oder, ob er mich wohl in Ruhe lassen würde, wenn er wüsste ich wäre vergeben.

Wahrscheinlich würde es eher einen weiteren Anreiz darstellen. Außerdem wollte etwas in mir nicht, dass ich ihn anlog, was dieses Thema betraf.

„Mein bester Freund.“, antwortete ich also ehrlich und beobachtete ihn.

Keine Regung war zu erkennen. Sein Gesicht war starr.

„Und Julia?“

„Meine bester Freundin.“

Er nickte kurz, aber ziemlich steif und schwieg.

„Versuchst du mich zu verführen?“

„Im Moment nicht, nein.“, kam es prompt zurück.

Ich verdrehte die Augen.

„Ich frage das, weil ich denke, dass es eine ziemlich blöde Idee wäre. Wir wohnen hier und zwar zusammen. Wir laufen uns leider ziemlich häufig über den Weg, was meinst du wie es wäre, wenn du bekommen hast, was du willst und mich wieder fallen lässt?“

Der Gedanke daran tat weh.

„Du würdest also drauf eingehen?“

Er klang nicht wirklich überrascht.

„Du versuchst es demnach wirklich?“

Er schwieg.

„Lass dieses Spielchen Duncan. Lass es einfach. Was hast du davon? Ich würde dir immer wieder über den Weg laufen.“

Seine Augen begannen zu funkeln. Oh nein. Genau da wollte ich ihn eben nicht haben.

„Vielleicht finde ich das gar nicht schlecht.“

Ich seufzte. Ich hasste mich für das alberne Hüpfen meines Herzens, das ich nicht verhindern konnte, obwohl ich wusste, dass er diesen Satz ganz anders gemeint hatte.

Aber mir stand nicht der Sinn nach einer Affäre. Außerdem war ich 17 verdammt und keine 29. Das brauchte ich wirklich nicht.

„Schlag dir das aus dem Kopf Duncan. Denk nicht mal daran! Ich bin absolut nicht der Typ für so was. Ich mein das ernst. Ich bin ein Mädchen und außerdem nicht aus Holz. Du würdest mir wehtun. Sehr wehtun. Da bin ich nicht scharf drauf. Wenn du meine Seite nicht verstehen kannst, bzw. dir das einfach egal sein kann, bedenke die deine. Du würdest mich jeden Tag sehen. Meine verletzte Miene müsstest du jeden Tag sehen. Meinst du nicht, dass es dich nerven würde? Dass es dir zu anstrengend wäre, dich mit meinen Gefühlen zu befassen? Und vergiss bloß nicht, dass Mädchen dazu neigen, die dümmsten Sachen zu machen, wenn sie….“, da stockte ich endgültig. …wenn sie verliebt sind, schloss ich den Satz in Gedanken wagte aber nicht es auszusprechen.

„Noch nie hat jemand so dafür gekämpft, dass ich mich nicht für ihn interessiere.“

Er lächelte, doch seine Augen waren ernst.

Er meinte wohl, dass er sich nicht für sie interessiere.

„Sei so fair. Bitte.“

Ich wusste es würde ihm schwer fallen. Irgendetwas hatte sein Interesse auf mich gelenkt, was auch immer und jetzt war ich die Jagdtrophäe.

Es war wichtig, dass ich mir klar machen konnte, dass ich nicht mehr als das war.

Duncan war jemand, der es gewohnt war alles zu bekommen, was er wollte. Jetzt wollte er mich. Allerdings nicht, weil er mich wirklich wollte. Es ging hierbei nicht um das Haben, sondern einzig allein um das Wollen und das Holen.

Es tat weh genug, dass es so war, aber ich musste realistisch bleiben, um das zu überstehen.

Ich spürte, wie Duncan schluckte.

„Nein“, seine Stimme klang noch rauer, als davor, wenn auch weniger trotzig, als erwartet.

Ich seufzte, ich hatte diese Antwort erwartet.

„Bitte Duncan. Denk doch an die anderen. Was wäre das für eine Situation? Es wäre einfach nur beschissen und zwar für alle, auch für dich. Denk doch mal nach! Bitte.“

Ich gab mir große Mühe, meine Stimme nicht kläglich klingen zu lassen. Ich wusste nicht, ob es mir besonders gut gelang.

Ich drang nicht wirklich zu ihm durch, das erkannte ich an seinem verschlossenen Gesichtsausdruck.

„Denk drüber nach! Aber in deinem Bett.“

Bei diesen Worten sah er mir wieder in die Augen.

„Willst du das wirklich?“

„Oh fang nicht schon wieder damit an Duncan. Geh jetzt. Bitte. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast.“

„Kümmern“ war irgendwie ein Wort mit sehr weit gefächerter Bedeutung.

„Ich bleibe.“

Ich stöhnte genervt auf.

„Nein.“

„Doch und da diskutier ich auch nicht mit dir. Schlaf jetzt!“

Zumindest hatte ich ihn wirklich kurz davon abgelenkt die Situation auszunutzen.

Trotzdem. Was würden die anderen denken. Ich sah ihn eindringlich an. Zumindest hoffte ich, dass ich das tat und mein Blick nicht eher schmachten, wenn gar vergötternd war.

Er schien meine Bedenken zu erraten.

„Ich werde nicht mehr da sein, wenn du aufwachst.“

Na gut, das half mit jetzt auch nicht sehr viel, aber ich befand, dass ich ihn hier ohne Gewalt wirklich nicht mehr wegbekam, ganz davon abgesehen, dass ich sowieso keine Chance gegen ihn hatte und sein Jagdinstinkt dadurch nur noch angekurbelt werden würde.

Ich beschloss also den Satz so auszulegen, dass er noch in der Nacht verschwinden würde, bevor irgendjemand anderes kam und ihn in meinem Bett sehen würde.

Nach einem kurzen Blick auf ihn drehte ich mich schließlich auf die andere Seite, um ihn wenigstens nicht mehr ansehen zu müssen.

Ich seufzte, als er mich wieder näher an seinen Körper zog.

Natürlich, damit ich nicht fror, wie er meinte.

Ich ließ es zu, weil ich es herbeisehnte, aber mit der Gewissheit, dass ich lange brauchen würde, um einzuschlafen.

Ich sollte Recht behalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 6

Wieder Tränen, wie nervig

 

„Johanna.“

Ich grummelte. Nein. Nur noch ein bisschen schlafen.

Eine Stimme lachte. Es ruckelte. Wurde ich etwa geschüttelt?

Ich blinzelte. Celia. Wer sonst. Ich schloss die Augen wieder und vergrub mein Kopf im Kissen.

„Früüüühstuck“, flötete sie.

„Komm schon. Du musst dich irgendwann auch wieder an das Leben da Draußen gewöhnen. Stell dir vor. Bush ist gestorben.“

Das wars.

„WAS?“
Ich saß im Bett.

Celia lachte.

„Ah ein wunder Punkt. Wie sehr wir doch alle diesen Mann mögen.“

Ich ließ mich stöhnend nach hinten fallen.

„Du Monster!“

Ein glockenhelles Lachen war die Antwort.

„Ach komm schon, den Tag mit etwas Hoffnung zu beginnen ist doch nicht das aller Schlechteste.“

Ich brummte kurz und zog die Decke über meinen Kopf. Ich hatte meine Körperfunktionen erstaunlich gut unter Kontrolle. Außerdem fühlte ich mich nicht mehr so zerschlagen, wie…in der Nacht.

Ich stöhnte erneut. Dieses Mal allerdings, weil mich die Erinnerungen einholten und peinlich berührten.

„Jetzt aber auf. Wer trinken kann, kann auch aufstehen.“

Ich schlug die Decke von meinem Gesicht und schenkte ihr den bösesten Blick, zu dem ich fähig war. Es schien sie allerdings überhaupt nicht zu stören. Celia summte ein Lied und setzte sich mit dem Fotoalbum, das mir meine Freunde zum Abschied geschenkt hatten, neben mich aufs Bett.

„Alles was ich getrunken habe, hast du mir eingeflösst. Ich bin unschuldig.“

Celia sah kurz auf musterte mich kurz mit einem sehr, sehr, sehr ironischen Blick und fuhr fort, die Fotos zu inspizieren.

„Ja gut, ich hab dieses Zeug angenommen, aber das lag an der schlechten Luft. Ich kann mich nämlich noch nicht mal daran erinnern.“

Eine Pause entstand. Kurzzeitig war das Rascheln des Papiers zu hören, das umgeschlagen wurde.

„Wer war eigentlich dieser Typ?“

„Da du einfach abgezischt bist, werde ich dir das ganz bestimmt nicht sagen.“

Ich sah sie etwas irritiert an. Hatte sie gerade beleidigt geklungen?

„Das war die Luft. Auf Sauerstoffmangel reagiere ich immer äußerst seltsam. Im Normalzustand wäre ich nie einfach so ohne dich irgendwo hingegangen. Außerdem hast du mich abgefüllt. Also bist du selbst schuld.“

Sie sah mich mit hochgezogener Augenbraue an.

„Tschuldigung.“

Es klang ziemlich kleinlaut.

Da lächelte sie wieder.

„Ach kein Problem. Hauptsache du bist wieder wohlbehalten hier.“

Verstehe einer dieses Mädchen. Wie schnell sie doch ihre Meinung ändern konnte.

„Frühstück?“, fragte ich hoffnungsvoll.

Celia sah mich entgeistert an. Ich sah mindestens genauso verwirrt zurück. Was war denn jetzt wieder?

„Du gehst erst duschen. Hast du eine Ahnung, wie du stinkst?“

Ich schnaubte.

„Verschwinde, sonst stinkst du gleich und zwar in ein paar Tagen“, zischte ich und schlug nach ihr.

Sie entwand sich mir mit spielerischer Leichtigkeit, die mir nach diesem Horrortrip und der Bettruhe leider verwehrt blieb.

„So leicht bin ich nicht tot zu kriegen, glaub mir“, lachte sie. Böse sah ich ihr nach, als sie aus meinem Zimmer ging.

Dann seufzte ich. Wie Duncan das nur ausgehalten hatte neben mir. Tja eigenes Verschulden. Er hätte nicht zu mir ins Bett krabbeln müssen. Schnell versuchte ich den Gedanken an die vergangen Nacht zu verdrängen.

Auf dem Weg ins Badezimmer ertappte ich mich allerdings erneut dabei, mir seinen Geruch in Erinnerung zu rufen. Wütend beschleunigte ich meine Schritte. Dieser Idiot. Das hatte er mit Absicht getan. Oh ja, lass uns Hanna verwirren! Das macht ja auch so viel Freude.

Immer noch wütend, begann ich mir, am Ziel angekommen, die Zähne zu putzen. Ich sah lieber gar nicht erst in den Spiegel. Auf so viel Spaß am frühen Morgen konnte ich verzichten.

Nachdem ich mir mit meinen wüsten Bewegungen das Zahnfleisch aufriss, ermahnte ich mich zur Ruhe. Es gelang mir nicht besonders gut. Während des Duschens dachte ich immer noch an die vergangenen Ereignisse. So langsam schienen die Erinnerungen wieder zu kommen, wenn auch so verschwommen, dass ich damit nicht wirklich etwas anfangen konnte. Ich sah immer dieses eine Gesicht. Es zuckte urplötzlich immer wieder durch meine Gedanken. War er etwa derjenige, der Schuld an meinem Absturz war? Nun, rational gesehen trug ich selbst die Schuld daran, ich fragte mich allerdings, ob das die Person war, die mir das Zeug verabreicht hatte, das meine Körperfunktionen hatte versagen lassen. Das Gesicht war männlich, aber so unscharf, dass ich keine weiteren Auffälligkeiten hätte beschreiben können. Es war einfach da.

Wie seltsam.

Als ich schließlich doch in den Spiegel sah, wurde meiner schlechten Laune ein weiterer Grund gegeben. Es war genauso gekommen, wie ich in meinen ersten Tagen hier geahnt hatte. Ich war wieder in der Pubertät und wem hatte ich das zu verdanken? Heute war ein Tag, an dem ich Duncan dafür hassen konnte, dass er da war. Seltsam, diese alternierenden Stimmungsumschwünge. Sie kamen so abrupt, völlig überraschend wurde ich von ihnen überrumpelt. Hatte ich mich nicht noch in der Nacht einigermaßen gepflegt mit ihm unterhalten können?

Noch wütender als ich gewesen war, da ich das Badezimmer betreten hatte verließ ich es wieder.

Ich polterte die Treppe hinunter und stürmte ebenso geräuschvoll in die Küche, ohne Luke zu beachten, der freudig an mir hochzuspringen versuchte.

„Wo ist er?“, zischte ich wütend. Marie, der es wohl wieder gut ging, sah überrascht von meinem ungehaltenen Tonfall auf.

„Da bist du ja du Göttin aller neuzeitlichen Drogendealer und rettende Prinzessin der Notfallseelsorger. Habt ihr wohl geruht?“

„Deinen beschissenen Sarkasmus kannst du getrost da lassen, wo du ihn sonst immer versteckst Maximilian.“

Meine Stimme klang flach. Ich verspürte das dringende Bedürfnis vor etwas zu treten. Ich war enttäuscht von mir. Dieser Ort löste Aggressionen in mir, die ich vorher für quasi nicht existent gehalten hatte. Im Moment richteten sie sich allerdings nicht gegen meinen Bruder, der mich, seine Worte Lügend strafend, sorgenvoll betrachtete.

„Mir geht’s gut Max. Aber mir würde es viel besser gehen, wenn du mir verraten würdest, wo dein bescheuerter Freund ist, damit ich ihm eine vor den Latz knallen kann.“

Jetzt stimmte mein Sprachverhalten nicht mit meinen Worten überein. Naja, zumindest nicht mit den ersten, denn ich schnaufte so laut, dass man hören konnte, wie viel Kraft es mich kostete mein brodelndes Temperament im Zaum zu halten. Glücklicherweise kam es nur selten aus seinem Versteck.

„Max WO IST DUNCAN?“

Mein Bruder blieb erstaunlicher Weise einmal still. Er schien irritiert. Er zeigte mit dem Finger in Richtung…ich überlegte…Wohnzimmer. Das Haus war eindeutig zu groß für so eine kleine Person wie mich.

Zu aufgebracht, um noch an Höflichkeit zu denken, stampfte ich in die Richtung davon, in die er gedeutet hatte.

Ich legte erneut viel Kraft in das Aufstoßen der Tür, ein gekonnter Auftritt konnte manchmal sehr entscheidend sein und sah mich mit giftsprühendem Blick in dem Raum um.

Duncan saß in der breiten Fensterbank und las. Er sah etwas irritiert auf, als ich die Tür aufwarf. Sein Blick verfinsterte sich, als er mich erkannte, wurde dann aber fragend, als er meinen Gemütszustand bemerkte.

„DUUUUUHHH!!!!“, zischte ich und bewegte mich auf ihn zu, die Hände zu Fäusten geballt. Ich konnte wirklich giftig klingen.

Duncan betrachtete mich abwartend. Ich hatte den Eindruck, er wusste nicht so recht, was er von meiner Laune halten sollte. Ich konnte es förmlich in seinem hübschen Köpfchen rattern hören. Kurz kam mir das drehende Sandührchen der Windows Betriebssysteme in den Sinn. Es arbeitete. Sanduhr! Sanduhr!

„Du machst mich krank!“

Er zog die Augenbrauen zusammen und öffnete den Mund, aber ich ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ich wusste es! Ich wusste es von Anfang an. Aber du konntest nicht anders, nicht wahr? SUPER! Was hab ich jetzt davon? HM? Kannst du mir das vielleicht erklären du ARSCH? DU, DU Oh ich verabscheue dich du….“

Ich suchte nach Worten, die meine Empfindungen am genausten wiedergeben konnten, allerdings nutze Duncan diese Sekunde. Tja seine Schwester hieß Cecilia, er wusste, wie man so was klärte.

„Kannst du mir mal sagen was du hier faselst? Ich hab nämlich keinen blassen Schimmer.“

Meine Augen verengten sich zu Schlitzen, aus denen ich wütend anfunkelte.

Dann hob ich mit einer schnellen, ausladenden Bewegung den Arm und schob mein Haar aus dem Gesicht. Mit der freien Hand deutete ich auf die Stelle auf meiner, nun freien, Stirn, die meiner ganzen schlechten Laune überhaupt erst Nährboden gegeben hatte.

Duncan kniff ebenfalls die Augen zusammen und betrachtete die Stelle, auf die ich immer wieder deutete.

„Ich bin wieder in der Pubertät und das ist NUR DEINE SCHULD!!!!“

Er sah mich zweifelnd an und hob blitzschnell den Arm um meinen damit fest zu halten. Zu perplex wehrte ich mich im ersten Moment nicht und als ich dann anfing zu zappeln, war sein Griff so fest wie der einer Eisenzange. Fast hätte ich lauf aufgejault.

Er zog mich näher an sich heran, um die Stelle besser betrachten zu können. Schließlich ging ihm ein Licht auf. Ich versuchte unterdessen seine Nähe zu ignorieren und nicht an die vergangene Nacht zu denken. Oh furchtbar. Wie zweideutig das selbst in meinen Gedanken klang.

„Ein Pickel? Du machst diesen ganzen Aufstand wegen eines Pickels? Wegen eines kleinen, einsamen Pickelchens?“

Seine Mimik schien sich nicht so ganz zwischen Belustigung, Verachtung und Unglauben entscheiden zu können. Er sah aus, als würde er von allem etwas empfinden.

Dann entließ er mich aus seinem Klammergriff und ich konnte nicht den Reflex unterdrücken mir über die Stelle zu reiben, an der er mich gehalten hatte.

Leise formten meine Lippen ein Au, ehe ich wieder zu ihm aufsah und den Mund zu einem ironischen Lächeln verzog.

„Ich bin stolz auf dich. Du hast es verstanden. Außerdem bist du menschlich genug, um zu wissen, was ein Pickel ist. Prima.“

Duncan sah mich starr an. Jeglicher Ausdruck war auf einmal von seinem Gesicht verschwunden.

„Oh ja ich bin menschlich genug.“

Ich setzte zum Sprechen an, doch dann fiel mir auf wie er das menschlich betont hatte. Ich schloss den Mund wieder und sah ihn erstaunt an. Hatte ihn das etwa verletzt?

Hatte er etwa Gefühle? Leise ermahnte ich mich. Gedanklicher Sarkasmus nützte niemandem etwas. Außerdem hatte jeder Mensch Gefühle. Ich hatte das Ganze auch eher auf seine Perfektion bezogen, die auf mich einfach nur unmenschlich wirken konnte.

Mit eine letzten Blick auf mich drehte er sich um und verließ den Raum, ohne ein einziges Wort. Was war das denn?

Meine Wut verpuffte so schnell, wie sie gekommen war. Das war einfach zu seltsam. Irgendwie fühlte ich mich unbefriedigt. Nicht im sexuellen Sinne. Wie auch.

Ich hasste es, wenn sich mein Temperament, wenn es sich schon einmal zwischen all den anderen Komponenten meines vielschichtigen Charakters hervorgewühlt hatte, so schnell wieder in Wohlgefallen auflöste. Ich machte einige unzufriedenen Bewegungen und grummelte leise. Das war doch wirklich zum Haare raufen. Jetzt bekam ich auch noch einschlechtes Gewissen. Wofür denn bitte? Was hatte ich denn gesagt, was ihn verletzt haben könnte? Er hatte doch sonst auch dieses unerschütterliche Selbstbewusstsein, das Normalsterbliche zuweilen zur Weißglut treiben konnte. Toll. Jetzt fühlte ich mich schlecht wegen Etwas, dessen mir nicht einmal bewusst war. Ich hatte mich also nur durch eine Reaktion zum schlechten Gewissen treiben lassen. Super.

Ich verzog das Gesicht und verließ den Raum auf dem gleichen Weg wie Duncan.

Aber das nützte nichts. Ich verlief mich.

Wie konnte das einem einzigen Menschen nur so oft passieren? Ich wohnte nun fast zwei Wochen hier und kannte die meisten Räume immer noch nicht. Es war zum Haare raufen. Dieser Tag war einfach nicht für mich gemacht. Wäre es mir möglich gewesen, hätte ich mich einfach wieder zurück in mein Bett gelegt. Aber im Moment war mir das leider unmöglich. Ich stand irgendwo in der Kälte rum. In diesem Haus war es einfach immer kalt. Ich konnte mich nicht erinnern jemals in diesem Teil des Hauses gewesen zu sein. Celia hatte mich einmal herum geführt. Einem normalen Menschen hätte das zur Grundorientierung gereicht, wieso mir also nicht?

Ich pustete mir die Haare aus der Stirn und sackte kurz in mir zusammen. Es hieß also Türen öffnen und darauf zu hoffen, irgendetwas wieder zu erkennen.

Ich sah mich um und beschloss erst einmal gerade aus zu gehen. Eigentlich war dieses Haus gar kein Haus. Es war vielmehr ein Schloss in einem Haus. Zumindest über die Größenausmaße definiert.

Ich stockte. Stimmen? Doch da waren Stimmen gewesen. Etwas hektisch versuchte ich die Richtung auszumachen. Auch das fiel mir erwartungsgemäß schwer, aber ich hatte eine Vermutung. Sie stellte sich als richtig heraus, als ich vor einer Holztür stand, durch die der dumpfe Klang von Stimmen drang. Ich streckte erleichtert die Hand nach der Klinke aus.

 

„Wir müssen es ihr sagen.“

Ich runzelte die Stirn. Das war Max. Was sagen und vor allem wem?

„Noch nicht“, antwortete die Stimme von Marcus.

„Wieso nicht? Was spricht dagegen?“

„Wenn sie volljährig ist Max. Sie ist noch nicht bereit.“

Es ging also um mich. Es musste um mich gehen. Ich war der einzige Mensch in diesem Haus der noch nicht volljährig war, es aber bald wurde. Aber wovon zum Teufel sprachen die beiden denn? Wurden wieder irgendwelche Fäden hinter meinem Rücken gezogen, so wie bei dem Umzug?

Zum wiederholten Male schoss rote Wut durch meine Adern. Das durfte doch nicht wahr sein. Ich war es leid, dass andere über mich entschieden. Entschlossen führte ich den Weg meiner Hand zur Klinke zu ende und öffnete energisch die Tür.

Mein Bruder und Marcus standen in einem Raum, den ich noch nie gesehen hatte. Es musste ein Arbeitszimmer sein, denn es überall lagen Papiere herum. Zwei wuchtige Schreibtische und ein alter Sekretär nahmen den Raum ein und mehrere elektronische Geräte standen herum.

Ich ließ meinen Blick von Max zu Marcus wandern. Überraschender Weise war auch Sophia anwesend. Max’ Gesichtsausdruck konnte man verkniffen nennen, während Marcus aussah, als hätte er ein Gespenst gesehen. Sophia sah zu erst geschockt aus, runzelte dann aber die Stirn.

Ich öffnete den Mund.

„Wozu bin ich noch nicht bereit?“

Natürlich gab es die Möglichkeit, dass ich gar nicht gemeint war, aber Angriff war immer noch das beste Mittel zur Verteidigung.

Max sah irritiert aus, was mich verwirrte. Aber ich kannte meinen Bruder. Er war geschickt, was solche Dinge anging. Außerdem besaß er die nötigen kriminellen Energien, die Menschen dazu verhalfen, in solchen Situationen intuitiv richtig zu handeln. Er hatte sich schon oft aus der Misere gerettet, in dem er einfach auf ahnungslos tat.

Sophias große Augen, die ihre Emotionen nicht verbergen konnten, verrieten auch Marcus’ ausdruckloses Gesicht. Sie sah mich mit einem Gemisch aus Mitleid und Trauer an.

„Was meinst du?“

Hätte ich Sophias Blick nicht gesehen, hätte ich dem Tonfall in Marcus’ Stimme vielleicht sogar glauben geschenkt. Aber mindestens hätte es mich verunsichert. Jetzt aber machte er mich wütend.

„Haltet ihr mich wirklich für so bescheuert?“, zischte ich wütend.

Niemand sagte ein Wort.

„Was soll das? Was sollt ihr mir sagen?“

„Wer du wirklich bist Hanna.“

„Max!“

Marcus klang erschrocken.

Ich runzelte die Stirn. Hä?

„Es tut mir leid Hanna. Aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt.“

„Der richtige Zeitpunkt kann mich mal. Ich will jetzt wissen was hier los ist.“

Sophia seufzte auf, während Marcus sich stöhnend durch das Haar fuhr.

Max sah wieder verkniffen aus.

„Ich habe es so satt. Diese Geheimniskrämerei. Glaubt ihr ich wäre zu einfältig, um eure große, weite, wichtige Welt zu verstehen? Macht was ihr wollt, aber nicht wenn es um mich geht. Ich will wissen, was Max meint, sonst geh ich. Ich mein es ernst.“

Sophia sah mich traurig an, während Max die Augen verdrehte.

Marcus gespielte Aufrichtigkeit versetzte mich nur noch mehr in Rage.

„Ich will wissen was hier gespielt wird!“

Stille.

„Na so viel scheint euch ja nicht an mir zu liegen“, fauchte ich und drehte mich um.

Niemand versuchte mich aufzuhalten, als ich aus dem Zimmer polterte.

Irgendwie ging dann alles ziemlich schnell und ich stand vor meiner Zimmertür. Ich hatte zwar keinen blassen Schimmer, wie ich dort hingekommen sein sollte, aber es war mir egal. Nach einem kurzen Zögern schmiss ich die Tür auf und wieder hinter mir zu. Dann machte ich mich ans Packen. Ich hatte keine Lust mehr. In zwei Wochen wäre ich volljährig. Dann brauchte ich auch auf dem Papier niemanden mehr.

Wieso also nicht jetzt schon gehen und alles hinter sich lassen?

 

Wütend über die Situation, die ich verfrachtet worden war, wütend auf mich und alle anderen, schmiss ich meinen Koffer auf das Bett und begann blindlings irgendwelche Dinge hineinzufeuern. Langsam war ich wirklich fertig mit den Nerven. Und so langsam begann meine Umwelt vor meinen Augen zu verschwimmen.

Mist.

Wieso musste mir das alles zu nahe gehen. Ich hatte nicht mal eine Ahnung, was mich jetzt schon wieder zu dieser Aktion trieb. Vielleicht, dass mich keiner aufgehalten hatte? Das ich mein Leben lang das Gefühl hatte ungeliebt und unwichtig zu sein?

Ich musste weg. Vor meinem inneren Auge visualisierte sich ein Plan. Ich würde zurückgehen. Nach Hause zu Will und Julia. Das Schulgeld für ST. Martins

würde ich mir nicht leisten können. Aber ich hatte genug für den Flug, zumindest auf dem Konto. Ich würde arbeiten gehen und weiteres Sparen, dann den Abschluss machen und studieren. Ich würde das schon hinkriegen.

Immer noch mit Tränen in den Augen, versuchte ich den übervollen Koffer zu schließen. Es war unmöglich. Ich schluchzte laut auf. Was bekam ich eigentlich hin?

Wütend trat ich gegen den Bettpfosten und schlug auf den Koffer ein. Es half nicht. Das einzige Ergebnis war Schmerz und noch mehr Wut.

Als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte zuckte ich zusammen. Durch den Tränenschleier konnte ich nicht erkennen, wer neben mir stand.

Als mich dieser Jemand in seine Arme zog, wusste ich es allerdings sofort. Wieso musste Duncan überall sein?

Ich hörte beruhigende Geräusche, als er mir über den Kopf strich.

Wie schizophren das doch alles war.

„Du missverstehst das etwas meine kleines, wundervolles, temperamentvolles, emotional völlig gestörtes Mädchen.“

Ich klammerte mich an ihn. Trotz meiner lauten Schluchzer und der vielen Tränen, gelang mir ein ironisches Stöhnen.

„Dann…dann sollen sie…warum sagen sie nichts? Warum diese Geheimnisse? Warum?“

Ich brach erneut in Tränen aus.

Duncan ließ mir Zeit mich zu beruhigen bis er antwortete.

„Weil es noch nicht an der Zeit ist. Du wirst es erfahren. Aber jetzt geht es nicht.“

Ich schnaubte. Nur Worte und immer die gleichen.

„Lass mich los!“

Mein Körper strafte meine Worte lügen. Er ließ mich mal wieder im Stich, mit seiner ganzen blöden, emotionalen Leidenschaft. Mein Verstand hätte diese Worte nie so leise und kläglich ausgesprochen und sich dabei nie so an Duncans Körper gepresst.

Mein Körper hatte damit allerdings keine Probleme.

Also tat Duncan natürlich genau das, wonach mein Körper verlangte und zog mich noch näher an sich heran.

Ich wimmerte leise.

„Wieso bist du hier?“, fragte ich ihn leise.

„Ich bin hier genau richtig“

Seine Stimme klang ungewohnt sanft.

„Wieso haben sie dich geschickt?“

„Ich bin für dich verantwortlich.“

„Ich werde dich in Zukunft daran erinnern.“

Er lachte leise.

Die Zeit verging.

Irgendwann drängte er mich leicht rückwärts zu gehen.

Nachdem er meinen Koffer vom Bett gehoben hatte, schubste er mich darauf und legte sich neben mich.

Mir war, als hätte ich all das schon einmal erlebt.

Aber anstatt dass mich seine tröstenden Versuche beruhigten, brachte mich seine Nähe nur noch mehr durcheinander und ich weinte jetzt nicht nur wegen der vorherigen Gründe, sondern auch noch wegen meiner nutzlosen, demütigenden Gefühle für den Idioten neben mir, denen ich aller Vernunft zum Trotz einfach nicht gewachsen war.

Ich schmiegte mich an ihn und klammerte meine Hände an seinen Oberarmen fest.

Ich war in diesem Moment sehr dankbar dafür, dass die Situation, durch völlig unangebrachte sexuelle Gefühle, nicht noch verwirrender wurde und genoss einfach nur Duncans Nähe.

Wenn auch weniger im konventionellen Sinne.

 

Kapitel 7

 

 

Das darf doch nicht wahr sein

 

Es dauerte einige Zeit, bis ich anfing mich zu beruhigen. Ich bekam am Rand mit, wie Duncan Celia wegschickte. Irgendwann begann ich wieder normal zu denken, wenn auch recht wenig, denn ich war ziemlich müde.

„Du bist für mich verantwortlich? Wie hast du das gemeint?“

Duncan seufzte.

„Genau so, wie ich es gesagt habe.“

„Und wieso?“

„Weil du ja nicht auf dich allein aufpassen kannst. Ständig rennst du irgendwo davor, oder machst einen Diener, wenn ich dich sehe.“

Zum Glück kam er nicht auf den Gedanken, dieser Fakt könne etwas mit seiner Person zu tun haben. Was es ja auch natürlich nicht so war.

Ich war zu müde, um ihn für das zu rügen, was er gesagt hatte.

„Ich meine es ernst Duncan.“

„Ich auch.“

Nun war es an mir zu seufzen. Lassen wir das.

Es konnte zwar nicht später als Mittagszeit sein, aber ich war so müde, dass ich zum zweiten Mal in Folge in Duncans Armen einschlief. Ich sollte das nur nicht zu Gewohnheit werden lassen.

Es war warm, als ich erwachte. Sehr warm. Und sehr gemütlich. Ich schmiegte mich etwas näher an die Wärmequelle und schnurrte entspannt. Oh je. Ich konnte klingen wie eine Katze. Ich sollte es mal als Musicaldarsteller versuchen. Cats würde mich mit Kusshand nehmen.

Mir blieb ein kurzer Moment der Glückseligkeit, bis der Ort meiner Behaglichkeit anfing sanft zu vibrieren.

Oh nein. Nicht schon wieder.

Wieso war ich nicht immun gegen diesen Kerl? Und wieso musste ich ihm das auch immer zeigen?

Ich konnte gerade noch ein genervtes Stöhnen unterdrücken. Das hätte diesem Idioten doch nur noch mehr Freude bereitet.

Also schlug ich die Augen auf. Ich sah gar nichts. Nun ja. Eigentlich schon. Ich sah Haut. Wann zum Teufel hatte er sich ausgezogen? Musste er das immer tun. [Wie die meisten östrogenproduzierenden Organismen, neige ich schnell zur Verallgemeinerung.]

Also, wieso musste er immer halb nackt sein, wenn ich schon neben ihm aufwachen musste. Mir war das unangenehm. Außerdem führte es zu Minderwertigkeitskomplexen meinerseits.

Duncan hatte sein Kinn auf meinem Kopf abgestützt, während ich in seinen Armen lag. Ganz davon abgesehen, dass ich es überhaupt nicht gewohnt war von Männern so angefasst zu werden, war es mir beim ihm doppelt so unangenehm. Schon allein, weil es nicht so unangenehm war, wie es mir gewesen wäre, wäre ich mit einer gewissen Intelligenz gesegnet.

Er zermürbte mich mit seinen Annäherungen. Ich war auch nur ein Mensch. Wie konnte ich soviel geballtes Testosteron ignorieren. Wie sollte ich gegen so viel zärtliche Aufmerksamkeit bestehen.

Meine Meinung über Frauen, die so blöd waren, sich von berüchtigten Casanovas einwickeln zu lassen, nur um dann vor dem Scherbenhaufen ihrer Gefühle stehen gelassen zu werden, hatte ich schon lange geändert. Wie konnte ich sie verurteilen? Wer konnte einer solchen Ausgeburt des Teufels, in der Gestalt eines Engels widerstehen, ohne sich nicht wenigstens an ihr verbrannt zu haben?

Manchmal neige ich zur Poetisierung meiner Situationen.

Nun, Duncan brauchte man eigentlich gar nicht zu Poetisieren. Für mich war er zum Symbol des reinen Begehrens geworden. Leider auch zum Symbol für meine Dummheit.

Da ich ihn meine resignierenden Laute nicht hören lassen wollte, schluckte ich sie wieder hinunter und versuchte mich aus seiner Umarmung zu befreien.

„Hey“, kam es protestierend von ihm. Ich verdrehte die Augen. Mein Gott, er konnte jede haben. Wieso ließ er mich nicht einfach in Ruhe. Verdammter männlicher Stolz.

Als ich mich soweit vorgekämpft hatte, dass ich seinen Gesichtsausdruck sehen konnte, konnte ich nicht anders. Ich musste ihn einfach schlagen.

„Lass das gefälligst“, fauchte ich.

Verwirrt sah er zuerst mich, dann seinen Oberarm an, auf den ich geschlagen hatte.

„Wofür war das denn jetzt?“

Nein. Er sollte die Frage nach dem Was stellen, nicht nach dem Warum. Er sollte fragen, was er denn gefälligst lassen sollte. Das brachte meinen Plan durcheinander.

„Äh...dafür, dass du mich nicht einfach in Ruhe lassen kannst.“

Er legte den Kopf schief und sah mich zweifelnd an.

„Ich hätte dich also lieber heulend aus dem Haus rennen lassen sollen? In deinem Zustand wärst du wahrscheinlich noch die Treppe runtergekullert und hättest dir jeden Knochen gebrochen.“

Sehr witzig.

Ich verzog das Gesicht.

„Jetzt da wir das geklärt haben, wie wäre es, wenn wir das vergessen und du einfach verschwindest?“

Er grinste frech.

„Was vergessen? Wie du dich an mich gekuschelt hast?“

Ich schleudert ihm meinen giftigsten Blick entgegen, der ihn allerdings nur noch mehr zu amüsieren schien.

„Kleines, so lange du mir nicht das Gefühl gibst ich wäre unerwünscht, werde ich ganz bestimmt nicht gehen. Denn weißt du, ich bin für dich verantwortlich. Es würde auf mich zurück fallen, wenn dir etwas passiert.“

Diese blöde Andeutung schon wieder. Zum Teufel mit ihm. Was er nur wieder im Schilde führte. Ich würde mich ganz bestimmt nicht noch mehr einwickeln lassen. Zumindest nicht gerade in diesem Augenblick.

„Ok. Du bist unerwünscht. Geh!“

Er rührte sich kein Stück.

„Jetzt!“

Ich versuchte meinen Worte Ausdruck zu verleihen, in dem ich versuchte ihm vom Bett zu schubsen. Brauch ich zu erwähnen, dass ich erfolglos blieb?

Bei der Gelegenheit überbrückte er die Distanz zwischen uns, die ich mit meinem Abrücken geschaffen hatte, denn er hielt meinen Arm fest, sodass ich nicht fliehen konnte.

Dann robbte er wieder heran, was nebenbei bemerkt so komisch aussah, dass ich völlig vergaß Widerstand zu leisten.

Also befand ich mich wieder in seinem Klammergriff und überlegte, ob ich einfach kapitulieren sollte.

Allerdings schob ich den Gedanken ganz weit nach hinten, denn er würde implizieren, sich ihm einfach zu ergeben.

Ich rümpfte die Nase.

„Anmaßender Mann.“

Er lachte.

„Schlaf, du bist müde.“

„Nein. Bin ich nicht. Und langsam ist das Ganze auch nicht mehr witzig. Verzieh dich endlich!“

„Du hast es witzig gefunden?“

Er machte ein beleidigtes Gesicht, das kurz darauf verschmitzt wurde. Ups. Das bedeutete nichts Gutes.

„Das sollten wir rückgängig machen.“

Mit einem sehr zweideutigen Grinsen auf dem Gesicht, griffen seine Hände zu und er begann mit der einen an meinen Bein entlang zu streichen, während die andere sich in meinem Haar vergrub und meinen Kopf näher an seinen heran zog.

Allerdings stockte er genau dann, als mein Herz wie wild zu schlagen begann und er verlies beinahe fluchtartig mein Bett.

Er sah mich verwirrt an. Beinahe geschockt.

Ich richtete mich auf und sah ich fragend an.

„Was ist los?“

Er unterzog mich einer genauen Musterung, während er noch mehr Abstand von mir nahm.

„Geht es dir gut?“

Ich sah ihn irritiert an.

„Wenn du die Aktion gerade meinst. Die war schon ganz schön…“

Mit einem, für ihn seltenen Gesichtsausdruck, unterbrach er mich unwirsch mit einer Gestik seiner Hand.

„Nein. Das meine ich nicht. Tut dir irgendwas weh?“

Ich sah ihn weiter fragend an.

„Nein.“

„Bist du dir sicher?“

Genervt hob ich eine Augenbraue. Was sollte das denn jetzt?

„Was? Ja, natürlich, wieso?“

„Ich weiß nicht.“

Hä?

„Wie? Du weißt nicht wieso. Wieso fragst du dann?“

Einen kurzen Augenblick sah er mich abwartend an und ging dann ohne ein Wort der Erklärung aus dem Zimmer. Na wundervoll. Was war das denn bitte schön gewesen?

‚Du blutest.’ Na prima. Hä? Wie soll ich das denn bitte verstehen.

Ich schwang die Beine aus dem Bett. Die Erinnerung an den halb gepackten Koffer durchzuckte mich schmerzhaft. Ich war mit dem linken Fuß dagegen getreten. Natürlich gegen eine Metallschnalle.

Das war ja wunderbar.

Humpelnd und fluchend, machte ich mich auf den Weg in Celias Zimmer. Ich würde mich bei ihr ausheulen. Vielleicht konnte ich Julia oder Will anrufen und etwas rumnörgeln.

Celias Zimmertür stand offen, deswegen humpelte ich hinein, ohne anzuklopfen.

„Hey da bist du ja wieder“, begrüßte sie mich. „Wie geht’s dir?“

Ich verzog das Gesicht zur Antwort.

„Ich bin missgelaunt, vor meinen Koffer getreten und krieg grad Bauchschmerzen. Außerdem ist mir dein Bruder auf die Nerven gegangen, bis er grad einen sehr merkwürdigen Abgang hingelegt hat.“

„Ach ja, wunder dich nicht. Das macht er häufiger“, antwortet sie beiläufig, während sie ihren Schrank aufräumte. Dann stockte sie und drehte sich zu mir um, einen nachdenklichen Zug um den Mund.

„Wieso denn?“

„Keine Ahnung. Er hat mich gefragt, ob mir was weh tut und hat dann fluchtartig das Zimmer verlassen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß wirklich nicht was er hatte. Ich versteh sowieso nicht so ganz, was in seinen Kopf abgeht. Manche Menschen sollte einfach nur da sein und…“, ich vollführte eine weiträumige Armbewegung „…und einfach nur gut aussehen.“

Celia sah mich abwartend an, die Mundwinkel nach unten verzogen.

„Was hat er denn jetzt schon wieder gemacht?“ Sie klang etwas resignierend.

„Ach naja...“, ich zögerte. Was war schon passiert? Ich war in seinen Armen eingeschlafen und wieder aufgewacht, nachdem er mich getröstet hatte. Dann hatte er das übliche Spiel gespielt.

„ Nichts Besonderes. Ich frag mich nur, was er damit bezweckt?“

Fragend sah sie mich an. „Womit bezweckt?“

„Mit seinen Annäherungsversuchen.“

Sie zuckte mit den Achseln. „Ist dir schon mal der Gedanke gekommen…“, sie wurde jäh unterbrochen, als Marcus an die Tür klopfte.

Er lächelte.

„Hallo ihr zwei.“

Ich sah in eine andere Richtung. Er räusperte sich.

„Weißt du Hanna, es gibt Dinge, die sind komplizierter als andere….“

Ich verdrehte die Augen. Jetzt wunderte mich gar nichts mehr. Schon gar nicht, wieso meine Eltern mit den Bennetts befreundet waren. Schließlich waren sie sich in so mancher Hinsicht sehr ähnlich. Zum Beispiel dieses ewige Gerede und die leeren Phrasen. Ich war es leid.

„…es ist wirklich schwierig, nicht nur für dich. Aber es ist offensichtlich, dass du uns nicht verstehen wirst. Ich kann es dir nicht verübeln. Um dich zu beschützen haben deine Eltern einen Fehltritt nach dem anderen begangen...“, er stockte „…aber es ist wirklich an der Zeit dich auf das Kommende vorzubereiten. Obwohl nicht feststeht, ob es wirklich dazu kommen wird….“

Ich verstand nur Bahnhof.

Marcus machte eine hilflose Geste.

„Nun jedenfalls haben wir uns geeinigt. Es ist an der Zeit.“

Ich schluckte.

„Wann?“

„Heute Abend.“

Ich nickte.

Celia sah ihrem Vater stumm hinterher.

„Du weißt Bescheid, oder?“

Sie sah mich traurig an.

„Mehr oder weniger. Das Wesentliche. Nicht alles.“

Ich würde lügen würde ich behaupten, dass es mich nicht ein bisschen enttäuschte, dass sie ebenfalls nicht offen gewesen war.

„Ach komm Hanna. Ich musste ihnen schwören dir nichts zu erzählen. Es hängt soviel davon ab.“

Ich beschloss den Hund zu suchen.

 

Die Zeit bis zum Dunkeln zog sich dahin, ähnlich einem Kaugummi.

Duncan tauchte die ganze Zeit nicht auf, der Hund war ebenfalls nirgendwo zu entdecken. Einzig und allein Max schien noch da zu sein. Zumindest war er der einzige, der mir immer wieder über den Weg lief, bis ich beschloss zu meiner neu angebrachten Schaukel im Garten zu flüchten.

Dort hatte ich endlich wieder Zeit nachzudenken.

So viele seltsame Dinge waren geschehen. Ich hatte langsam den Überblick verloren.

Was würde der Abend bringen? Die Wahrheit? Ich hatte nicht mal den Hauch einer Ahnung was vor sich ging. Ich sah einfach keinen Zusammenhang zwischen den Geschehnissen.

Ich seufzte. Zum verrückt werden. Dann noch die Sache mit Duncan. Gott! Das war einfach nicht gut. Überhaupt nicht gut.

Ich versank in meinen eigenen wehmütigen Gedanken, die zu 90 % von demjenigen handelten, den ich ohne zu zögern als den schönsten Mann der Welt bezeichnet hätte.

Dann aber knackte das Unterholz, meine Schaukel hing schließlich an einem Ast der alten Trauerweide, die sich ihren Platz wiederum direkt neben dem angrenzenden Wald gesucht hatte.

Ich schrie laut auf, ließ die Taue los und kippte starr nach hinten, als ich eine schemenhafte Gestalt ausmachte. Ich rappelte mich nicht sehr formschön hoch und sah in die Gesichter von drei Fremden, die mehr als nur ein bisschen von den schwülen Pheromonen versprühten, die einem jeden Mädchen sagten: Achtung Gefährlich! , aber trotzdem nicht den gewünschten Verzieh-Dich-Effekt erzielten. Im Gegenteil.

Hier musste ein Virus umgehen, dass alle die es befiehl in bildschöne Zeitgenossen verwandelte. Wenn ich lange genug hier blieb, würde es mich vielleicht auch noch befallen.

Nun auf jeden Fall waren diese drei von der gleichen Schönheit wie alle anderen, mit denen ich zusammen wohnte. Wahrscheinlich gehörten sie zur Familie. Heute frage ich mich, wie ich es nicht hatte erkennen können, wie ich so blind gewesen sein konnte. So blind und dumm und naiv.

Aber damals konnte ich auf die kessen Sprüche nur stotternd rot anlaufen und ihnen mit meiner Unsicherheit den Abend versüßen.

„Also meine Entscheidung steht. Ich setze auf die hier“, sagte einer der beiden Männer mit einem Kopfnicken in meine Richtung.

Ich öffnete den Mund und zog die Augenbrauen zusammen. So langsam hatte ich wirklich das Gefühl einen sehr wichtigen Fakt nicht mitbekommen zuhaben.

Der andere wiegte unentschlossen den Kopf hin und her.

„Ich weiß nicht. Wir haben die vierte noch nicht gesehen.

Er besah sich die zierliche Gestalt, die neben ihm stand und richtete seinen taktierenden Blick dann wieder auf mich.

Aber ich konnte meinen nicht von dem Mädchen nehmen, das neben ihm stand.

Sie sah aus wie ich. Nun nicht wirklich, da gab es auch Unterschiede, zum einen war sie schöner als ich. Während meine Züge zeitweilig kantig wirken konnten und ein paar nervige Sommersprossen, die so gar nicht zu meinem restlichen Typ passen wollten, meinen Teint störten, war ihr Gesicht von einer zeitlosen Schönheit. Das Haar war von der gleichen Farbe, wie meines, aber es fiel in großen formschönen Wellen über die Schultern hinab, so, wie ich es mir immer gewünscht hatte.

Wäre diese gesamte Situation nicht so suspekt und irrational gewesen, hätte ich wahrscheinlich enttäuscht den Mund verzogen und zwar so, wie es kleine Kinder oft zu tun pflegten.

„Wie ist dein Name Mädchen?“

Es dauerte ein bisschen, ehe ich merkte, dass er mich gemeint hatte. Ich sah ihn geschockt an.

„Wieso ist das so interessant? Ich kenne euch doch auch nicht.“

Der Linke gluckste und sah dann den anderen an.

„Ich bleib dabei. Sie.“

Ich war so irritiert, dass ich mir bis jetzt nicht mal die Frage gestellt hatte, was zum Teufel sie hier eigentlich wollten.

„Veloso, Aidan!“

Ich sah in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

Mein Vater kam über die Wiese gelaufen, zusammen mit Marcus.

Die Männer umarmten sich freundschaftlich, das andere Mädchen wurde ebenfalls ignoriert.

Die schien es jedoch nicht zu stören. Sie war ganz darin vertieft mich zu mustern. Allerdings schien sie nicht erstaunt jemanden zu treffen, der ihr so ähnlich sah. Sie sah mich eher mit einem Blick an, den man als aufmerksam bezeichnen könnte, aber nicht als überrascht. Na gut, vielleicht fand sie auch gar nicht, dass wir uns ähnlich sahen.

„Ihr könnt es einfach nicht lassen, nicht wahr?“ warf Marcus grinsend in die Runde, jedoch war klar, dass es eine rein rhetorische Frage gewesen war.

Die Beiden zuckten mit den Achseln, das Mädchen schien sich nicht angesprochen zu fühlen. Sie sah mich beinahe herausfordernd an.

Dann schienen sie sich wieder an mich zu erinnern.

„Hanna“, begann mein Vater, „…das sind Aidan und Veloso.“

Ja das hatte ich auch schon mitbekommen.

„Freunde.“

Aha

„Sie haben dir wohl einen kleinen Schrecken eingejagt, was?“

Ich schnaubte, um zu beweisen, dass der Schrecken ein wenig mehr als klein gewesen war.

„Lasst uns gehen!“ Marcus untermalte seine Aufforderung mit einer zum Haus weisenden Bewegung.

Der Trupp setzte sich in Bewegung.

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass das Auftauchen dieser Leute etwas mit dem heutigen Abend zu tun hatte.

Erneut krackte das Gebüsch und ließ mich entsetzt aufschreien. Ein freudiges Hecheln empfing mich und ich konnte aufseufzen. Der Hund, nur der Hund.

„Was machst du denn hier?“

Nein nicht nur der Hund. Duncan.

Ich drehte mich zu ihm um. Er sah auf eine seltsame Weise zerrupft aus.

„Was ist denn mit dir passiert?“

Er sah an sich herunter und zuckte die Achseln. Dann deutete er in Richtung Haus.

Irgendwie war er noch anziehender, wenn er so aussah wie jetzt.

„Wer war das? Ich hab Stimmen gehört.“

„Schade und ich hab gehofft, dass du mir das sagen könntest.“

Irgendwie hatte ich das Gefühl, er würde absichtlich nicht in meine Richtung sehen. Im Moment musterte irgendein Stückchen Wald hinter mir. Außerdem schwieg er. Irgendwas war ihm unangenehm.

Wie auch immer. Ich schüttelte den Kopf und setzte mich in Bewegung. Das mit der Ruhe hatte sich ja erledigt.

„Hey warte mal! Wo willst du hin?“

Ja genau. Wohin wollte ich wohl.

„Zum Haus. Wohin sonst“, schnappte ich und stapfte weiter.

Er war erstaunlich schnell neben mir.

Sonderbar. Er konnte wirklich mal die Klappe halten. Den ganzen Weg zum Haus sprachen wir kein Wort. Zwischendurch trödelte er ein bisschen, weil er mit Luke spielte, holte dann aber schnell wieder auf und lief ruhig neben mir her.

Ich verstand ihn einfach nicht. Alles an ihm war auf irgendeine Art und Weise sonderbar.

Es dunkelte, als wir das Haus betraten, aber Sophia erwartete uns bereits. Sie lächelte, auch wenn man ihr ansehen konnte, dass sie sich nicht wohl fühlte. Verständlich, eigentlich wäre das auch die Aufgabe meiner Mutter gewesen. Nur die ließ sich mal wieder nicht blicken.

Sie strich Duncan über das Haar und nahm mich in den Arm. Irgendwie war die Stimmung so fröhlich wie auf einer Beerdigung.

Ich suchte Duncans Blick, doch der sah wieder an mir vorbei.

„Was ist denn nur los?“ fragte ich.

Sophia schüttelte nur den Kopf.

Na schön eben nicht.

Ich kickte mir die Schuhe von den Füßen und folgte den Stimmen, die aus dem...wo auch immer in den Flur drangen.

Wie erwartet befanden sich die Männer des Hauses, mit Ausnahme Duncans, der mir gefolgt war und erst jetzt dazu stieß in dem Raum, zusammen mit den, mir fremden, Gästen.

Sie blickten auf, als ich den Raum betrat. Duncan trat neben mich, genauso wie Celia, die weiß Gott wo her kam und meine Hand nahm.

Eine zeitlang herrschte Stille.

Dann räusperte sich Max. Neben ihm saß meine Mutter, in sich zusammen gesunken. Er hielt ihre Hand.

Die gesamte Situation war einfach nur suspekt.

Ich verdrehte die Augen.

Marcus atmete tief ein und öffnete den Mund, um zu beginnen.

Und so begann es.

 

„Für solche Dinge gibt es nie den richtigen Zeitpunkt. Das du es nicht eher erfahren hast mag falsch gewesen sein. Nun das ist nicht rückgängig zu machen, aber glaube uns, dass es zu deinem Besten geschehen ist.“

Er schluckte. In diesem Moment legte Duncan seine Hand an meinen Rücken und schob mich weiter in den Raum hinein, weg von seiner Schwester, hin zu dem fremden Mädchen. Sie lächelte.

Ich spürte seinen warmen Atem in meinem Nacken, so nahe war er mir.

Neben dem Sofa, auf dem sie saß, blieb er stehen und wies mir mich hinzusetzen. Er ließ sich neben mir nieder, sah aber nicht in meine Richtung, sondern hatte seine Augen starr auf seinen Vater gerichtet.

Das fremde Mädchen strich mir sachte über das Haar und gewann damit meine Aufmerksamkeit. Jetzt, da ich ihr so nah war, fielen mir weitere Gemeinsamkeiten auf, aber auch viele Unterschiede. Wir sahen uns ähnlich, aber nicht so sehr, dass man uns hätte verwechseln können.

Sie lächelte mich an und nahm meine Hand. Aus ihren Augen sprach Mitgefühl und Verständnis. Es war, als würde sie genau wissen was ich in diesem Moment empfand. Später würde ich wissen, dass es sich genauso verhielt. Schließlich hatte sie sich in der gleichen Situation befunden.

In diesem Moment gab es mir einfach nur Kraft, obwohl ich nicht die geringste Ahnung von dem hatte, was kommen würde. Wie auch?

„Es gibt viel zu erzählen. Viel zu erklären. Viel zu verstehen.“

Ja doch. Er sollte nur endlich anfangen. Ich platzte vor Neugierde, doch tief in mir wusste ich, dass das Kribbeln in meinem Bauch Angst bedeutete.

„Ich werde dir eine Geschichte erzählen Hanna. Ich bitte dich keine Fragen zu stellen, sondern einfach zu zuhören.“

Er sah mich fragend an. Ich nickte. Er ebenfalls. Er drückte die Hand seiner Frau, die sich neben ihm niedergelassen hatte.

„Vor langer Zeit, die Welt war jünger als heute, da wurde der Mensch geschaffen. Er wurde geschaffen als das Wesen, dass die Welt bewohnen und bereichern sollte mit seinem Wesen und seinem Geschick. Doch sie waren jung und unerfahren. Sie waren wild und zügellos, raffgierig und gemein. Ein jeder bedachte nur sich selbst und niemanden sonst, ganz anders als es vorgesehen war.

Sie nährten sich von der Erde, laugten sie aus, verwundeten sie.

Sie bekriegten sich und kaum war ein Zwist beigelegt, entstand ein neuer, aus einer anderen Nichtigkeit heraus. Aber anstatt sich in ihrer Dummheit selbst zu vernichten erwiesen sie sich als äußerst fruchtbar und breiteten sich weiter aus. Weiter, als es für sie vorgesehen war.

Ihr Schöpfer war verzweifelt. Er hatte ein Wesen schaffen wollen, dass in der Lage war sich seines Verstandes bewusst zu sein und ihn zu gebrauchen, um seine Welt zu bereichern und Gutes zu tun.

Er besah sich seine Welt und überall erblickte er Zerstörung und Schlechtigkeit. Nur ein Mensch schien dem Ideal zu entsprechen, dass er hatte schaffen wollen.

Thoas war sein Name und er lebte zurück gezogen von der Welt in einem Wäldchen nahe der Küste. Er war friedliebend und von großem Verstand. Der Schöpfer begegnete ihm in fremder Gestalt, um mit ihm zu sprechen.

Thoas wies all die Eigenschaften auf, die für seine Rasse vorgesehen waren. Schließlich gab sich der Schöpfer zu erkennen und klagte sein Leid. Doch Thoas lachte nur vergnügt und als er gefragt wurde, wieso er lachen würde, antwortete er, er würde die Enttäuschung nicht verstehen können.

Wieso nicht, wurde er gefragt und er antwortete, dass es so etwas wie ihn selbst vorher noch nie gegeben habe. Etwas Großartiges war erschaffen worden, dass jedoch jung und ohne Führer so hilflos war, wie ein Löwenjunges. Aus ihm würde etwas Großes heranwachsen, doch bedürfe es eines Führers und Leiters. Doch Thoas war nicht wütend darüber, dass der Schöpfer dies nicht bedacht hatte. Schließlich war auch dieser nicht fehlerlos.

Der Schöpfer wiederum fragte sich, wieso es dann diesem seiner Kinder nicht genauso ging.

Thoas erklärte sich ihm. Ich war so, doch ich habe gelernt. Wovon? Von den Tieren, von den Pflanzen, von der Erde, von dem Wald. Von allem um mich herum.

Doch nicht jeder wäre in der Lage es ihm gleichzutun.

Der Schöpfer verstand und als er sich Thoas besah, tat sich ihm eine Idee auf.

Er gab Thoas von seinem Lebenselixier zu trinken und verwandelte ihn daraufhin in ein Geschöpf, das in seinem Wesen ihm so viel näher kam, als alles andere, das er bisher geschaffen hatte.

Er sprach zu Thoas, er möge seine jungen, unbeherrschten Gefährten beschützen und belehren, so dass sich diese nie wieder in Gefahr bringen sollten.

Er lehrte Thoas, wie er mit seinen neu gewonnen Eigenschaften umgehen musste. Dann wies er ihn an sich eine Gruppen von Würdigen suchen sollte, die er zu Seinesgleichen machen und unterweisen würde, in der er den Lebenselixier durch sein Blut weitergebe.

Diese Unterwiesenen sollten wiederum Familien gründen und sie zu Ihresgleichen machen, in dem sie ihnen ihr Blut zu trinken gaben.

Thoas wurde zu ihrem Führer. Er lehrte sie, was der Schöpfer ihn gelehrt hatte. Und so begann es. So wurden die Bewacher geboren, diejenigen, die die junge Menschheit vor sich selbst beschützen sollte, so lange, bis sie selbst dazu in der Lage sein würden.

Doch schon bald merkten die Bewacher, dass die Wirkung des Elixiers aufgebraucht war und nachließ. Thoas wurde ängstlich und rief den Schöpfer um Hilfe an, doch es kam keine.

Thoas war verzweifelt, konnte er doch ohne die Wirkung des Elixiers nicht seiner Aufgabe nachkommen, deren Erfüllung er als das Höchste ansah.

In seiner Verzweiflung suchte er nach anderen verborgenen Verstecken des Elixiers. Er fand es schließlich. Im Blut aller Lebewesen befand sich eine Winzigkeit des Elixiers des Schöpfers.

Doch die geringe Menge im Blut reichte aus, um den Bewachern die Kraft zu geben ihre Aufgabe zu erfüllen.

So kam es, dass es für jeden von ihnen nach einer Mondphase Zeit wurde das Blut eines anderen Wesens zu trinken.

Doch nicht alle der Bewacher waren reinen Gewissens. Es gab einige unter ihnen, die mehr wollten. Sie wollten nicht ihre Zeit damit verbringen die Menschen vor ihrer eigenen Dummheit zu beschützen. Am Ende würden sie sich doch auslöschen. Dass sie selbst einmal zu ihnen gehört hatten, sahen sie nicht.

Thoas konnte sie besänftigen, denn sie gehen zu lassen hätte geheißen versagt zu haben. Denn der Wille dieser war es mehr und mehr Blut zu trinken, um noch mehr Kraft zu besitzen, mehr, als nötig wäre, um zu beschützen. Sie wollte die Kraft, um mächtig zu sein, mächtig und immer mächtiger.

Sie gehen zu lassen, hätte geheißen die Menschheit dem Tod auszusetzen, denn das hätte es für sie geheißen, denn diejenigen welchen, hätten sich aus lauter Machtgier ihres Blutes bedient, um mächtig zu werden, ohne auf die Regeln der Gruppe zu achten. Diese besagten nie so viel zu trinken, dass das andere Wesen davon zu Schaden kommen könnte und sich nur im größten Notfall menschlichen Blutes zu bedienen, auch wenn ihnen dieses mehr Kraft, als das eines gewöhnlichen Tieres gab.

Doch einer der Gruppe ließ sich nicht von Thoas’ Worten beschwichtigen. Kapa war sein Name und alles was er wollte war Macht. Doch er fürchtete sich vor Thoas, der so viel stärker war, als alle anderen von ihnen.

Irgendwann jedoch, nachdem er das rituelle Aufnehmen fremden Blutes durchgeführt hatte, begegnete ihm ein junges Mädchen, von außergewöhnlicher Schönheit. Ihr Liebreiz überwältigte ihn und er verfiel dem Duft ihres Blutes, das er, durch die Wirkung des Elixiers in seinem Körper, riechen konnte.

Er nahm von ihr und brach die Regeln, in dem er sie fast tötete.

Kapa wurde verstoßen und seines Elixiers beraubt, so dass er nie wieder dessen Kraft spüren konnte, aber es war vorbei mit dem verborgenen Leiten der Bewacher.

Durch Kapas Schuld wurde Angst geschürt in den Menschen und Hass wuchs auf die Vampire, die sich menschlichen Blutes bedienten, um stärker zu werden.

Es gab bald diejenigen, die diese Wesen jagen sollten.

Die, als Vampire beschimpften waren entsetzt. Aber es konnte nicht geändert werden.

Sie zogen sich zurück, versteckten sich, doch auch das ging nicht lange gut. Einige wenige taten sich mit einem Mann zusammen, der ihre Spur seit langer Zeit verfolgte und ihnen nichts Böses wollte. Nein, er wollte ihre Hilfe, doch Thoas, enttäuscht über sein Versagen zog sich zurück. Er versuchte sich selbst das Leben zu nehmen. Doch das stellte sich als äußerst schwierig heraus. Denn Thoas und seine Brüder war es nicht gestattet zu sterben, da sie ihre Aufgabe nicht erfüllt hatten. Es würde ihnen nie möglich sein, es sei denn man beraubte sie ihres Elixiers. Das wiederum war einfach. Man musste es ihnen rauben, in dem man ihr Blut trank, oder warten, bis es sich selbst verbrauchte, was nach spätestens zwei Monden geschah.

Schließlich starb Thoas, während sich die anderen dem Mann anschlossen, der heute unter dem Namen Vladimir Tepesch bekannt ist. Verschrien als brutal und kaltblütig, wollte er die Vampire, um ihn gegen seine Feinde zu verteidigen. Doch diese scheuten den Kampf, wie sie es bis heute tun und rieten ihm zu einem gewaltfreien Weg.

Da wurde Vlad wütend und nutzte seine Information über die Wesen, um sie an ihre Hasser zu verraten. Seitdem herrschten Zwist und Streit zwischen denen, die da sind um die zu beschützen, die sie hassen und jagen, weil sie Angst haben vor ihnen.

Viele wurden getötet, da sie sich nicht wehrten gegen ihre Angreifer. Wie auch, wenn es ihre Aufgabe ist, sie zu schützen?

Aber sie lernten und zwar zu wandeln unter den Menschen, ohne dass diese ihre Identität herausfinden könnten.

Doch sie litten und riefen den Schöpfer, doch dieser erschien nicht.

Allerdings sandte er ein Mädchen, das voraussagte, dass vier Schwestern geboren werden sollten und dass unter ihnen die eine sei, die mit ihrer Liebe alle erlösen würde.“

Marcus schwieg. Ich ebenfalls.

Das war nun wirklich zu unglaublich. Vampire? Sollte das heißen damit hatte das alles zu tun? Aber…wie denn nur? Und was hatte das bitte mit mir zu tun?

Ich zog verwirrt die Augenbrauen zusammen und hob an zu fragen, doch Max kam mir zuvor.

„Die Sache ist die. Wir stecken alle ziemlich tief mit drin. Ich, Mum und Leo, Marcus und Sophia, Duncan, Celia, alle anderen die hier sitzen und zu guter letzt auch du.

„Was? Wieso? Glaubt ihr etwa im Ernst ich kaufe euch diesen Humbug ab?“

Hinter mir seufzte jemand. Es war Celia, wie ich bemerkte, als ich mich umdrehte.

Ich befeuchtete meine Lippen mit der Zunge. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Was sollte diese Geschichte?

„Als nächstes versucht ihr mir bestimmt noch weiß zu machen, ihr würdet zu ihnen gehören was?“

Niemand sagt etwas.

„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf und sprang auf. „Das ist nicht euer Ernst?“

Duncan zog mich an der Hand wieder hinunter. Ich landete halb auf ihm. Schnell rückte ich ab und sah ihn entsetzt an.

„Du…“, ich brach ab. Das konnte nicht stimmen. Das konnte nicht wahr sein. So etwa gab es nicht.

„Wir gehören nicht zu den ersten und wir leben auch nicht mehr so wie sie. Wir trinken selten, aber wir führen das Ritual immer noch durch. Würden wir es häufiger tun, wären wir wieder so, wie unsere Vorfahren. Aber das wäre zu gefährlich. Wir erhalten das Elixier, aber wir nutzen es nicht. Wir bewahren es auf, für spätere Zeiten. Denn schon seit langem ist klar, dass die Menschen nicht ohne uns auskommen. Früher oder später werden sie sich selbst auslöschen, deswegen ist es so wichtig, dass wir handeln, aber das können wir nicht, so lange sie uns hassen und beseitigen wollen…“ Marcus stoppte, als er mein Gesicht sah.

Ich schnaubte.

„So ein Blödsinn. Was soll das?“

„Du musst es wissen, denn du….“, das war das erste Mal gewesen, dass das fremde Mädchen gesprochen hatte. Ihre Stimme klang gepresst.

„Ja?“

Sie sah weg.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ihr wollte mir doch nicht weismachen, ich gehöre auch dazu. Dann steh ich auf und gehe.“

„Du wirst nicht gehen Johanna. Du wirst hier bleiben und es dir anhören. Es geht hier nicht nur um dich, sondern um uns alle.“

Das war einer der beiden Fremden gewesen. Meinem Gefühl nach ordnete ich ihm den Namen Aidan zu. Seine Stimme klang zischend. Er schien wirklich wütend zu sein.

Sein Kumpan. Wohl Veloso legte ihm die Hand auf den Arm.

„Nimm es ihr nicht übel mein Freund. Wie soll sie es verstehen. Sie hatte die längste Zeit ihres Lebens keine Ahnung.“

Ja Genau. Das brachte mich auf meine Familie.

„Was habt ihr damit zu tun?“

Meine Frage war an Leo gerichtet gewesen.

„Weißt du, niemand kann einfach so verwandelt werden. Wie es funktioniert, weiß heute niemand mehr. Die Information ist verloren gegangen und zu experimentieren verbietet sich von allein. Vampirismus, oder die Gabe wird vererbt. Man kann nur über das Blut so werden….“

Er sprach weiter, doch ich hörte ihm nicht wirklich zu. Ich ahnte es bereits.

„…Marcus ist der Bruder deiner Mutter“, das Wort ließ ihn wehmütig lächeln.

„Die Familie Bennet ist eine der ältesten…Familien...dieser Art. Meine war eine der letzten die, die…so geworden sind, wie sie. Ich…“, er stockte und sah mich an, nach Worten suchend, aber ich hatte verstanden.

„Ich gehöre nicht zu euch.“

Ich hatte es immer gewusst. Ich sah auf den Boden. Überraschend kam es nicht, aber es tat trotzdem weh. Es war furchtbar, meinen schlimmsten Verdacht bestätigt zu sehen.

„Du bist unsere Tochter, wenn auch nicht über das Blut und wir lieben dich.“

Wieder schnaubte ich.

„Und wieso macht ihr so ein Geheimnis daraus? Wieso erst jetzt?“

Meine Stimme klang mehr nach einem Stimmchen in meinen Ohren. Außerdem zitterte sie.

„Du bist etwas Besonderes Hanna. Deswegen. Wir mussten dich schützen, weil…“

Ja warum?

„Du bist so wie ich Hanna“, das Mädchen neben mir hatte wieder das Wort ergriffen. Sie suchte meinen Blick.

„Sie glauben, dass wir die Mädchen sein könnten von denen in der Legende die Rede ist. Sie hoffen es.“

Als sie stockte sprach Sophia weiter.

„Es war Spätsommer, als die junge Frau hierher kam. Sie suchte nach uns. Nach jemandem wie wir es sind. Sie erzählte uns von Träumen und Stimmen, die ihr befahlen uns zu suchen, aber sie wusste nicht wieso. Sie war schwanger mit Vierlingen, wie sich herausstellte. So was ist äußerst selten. Es kann kein Zufall gewesen sein, dass sie zu uns gekommen ist.

Bei der Geburt starb sie. Man konnte nichts für sie tun. Die Kinder waren allesamt Mädchen. Schwach, aber gesund. Ein weiteres Wunder.“

Sie schüttelte den Kopf. „Es kann kein Wunder gewesen sein.“

„Du bist meine Schwester Hanna. Es ist wahrscheinlich, dass wir geboren worden sind, um eine Legende zu erfüllen.“

„So ein Quatsch. Wer glaubt denn so was.“

 

Ich pustete eine Haarsträne aus dem Gesicht und verschränkte die Arme vor der Brust.

Alle sahen mich an. Einige entsetzt, andere verständnisvoll. Die beiden Fremden wütend.

Ich sah sie herausfordernd an. Unter Trotz konnte ich manchmal regelrecht aufblühen. Keine Spur mehr von dem schüchternen Mädchen.

„WAS?“ schnappte ich. „Was?“

„Vielleicht ist sie es doch nicht“, mutmaßte der eine, Veloso.

„Darum geht es hier doch gar nicht“, mischte sich Max ein.

Sollte er wirklich nicht mein Bruder sein? Aus mehreren Gründen war es logisch, aber trotzdem versetzte es mir einen Stich.

„Wer zur Hölle bist du eigentlich?“

Das Mädchen neben mir, das gerade in den Raum gestellt hatte, ich würde ihre Schwester sein, zuckte unter meinem schneidenden Tonfall zusammen.

Sie sah mich an.

„Wie heißt du man?“

„Sophie“, antwortete sie.

Puppenname.

„Und ihr wollte mir weismachen, dass ihr gottgeschaffene Überwesen seid, die Blut trinken, um ihre Kraft daraus zu beziehen? Ihr wollt mir weismachen, dass ihr das die ganze Zeit getan habt, ohne dass ich davon Wind bekommen habe?“

Ich schnaubte verächtlich.

„Was soll das?“

Niemand sagte einen Ton. Vergeblich suchte ich nach einer Erklärung. Meine Gedanken flogen. Aber ich fand einfach keine guten Argumente für meine Seite. Diese Geschichte war haarsträubend. Wenn sie mich hätten überzeugen wollen, hätten sich garantiert einen einfacheren Weg gewählt.

„Ok…“, ich zögerte und verschränkte die Hände ineinander.

„…nehmen wir an, das Alles stimmt. Was hab ich damit zu tun?“

„Wir wissen es nicht“, antwortete Leo.

Ich sah ihn an.

„Was?“

Er blickte unsicher zu Marcus.

„Nun, darüber wurde nie ein Wort verloren. Es heißt nur, dass eines der Mädchen in ihrer Liebe zu einem von uns die Kraft finden wird uns alle zu erlösen.“

Ich verdrehte die Augen. Was für ein gnadenloser Kitsch.

„Erlösen?“

„Nun das ist nicht so leicht zu erklären. Niemand weiß genau, was passieren wird.“

Wieder herrschte Schweigen. Ich hatte das Gefühl jedes Augenpaar im Raum wäre auf mich gerichtet.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich kann das nicht glauben…..das…“

Ich atmete hörbar aus.

„Zeigt es mir!“ verlangte ich.

„Was? Nein, das geht nicht Hanna.“

Sophia klang entsetzt und schüttelte den Kopf.

„Wieso? Wieso nicht? Ich kann das nicht glauben. Aber mir fällt auch kein guter Grund ein, wieso ihr mir so etwas erzählen solltet, wenn es nicht wahr ist. Vielleicht glaub ich es, wenn ich es sehe.“

Duncan neben mir regte sich.

„Wieso eigentlich nicht?“

„Duncan. Nein!“

Duncan sah zu seiner Mutter hinüber.

„Ich tu es.“

„Nein. Du bist zu jung mein Sohn. Du hast keinerlei Erfahrung. Außerdem ist nicht genug Zeit vergangen, seit dem du das Ritual das letzte Mal durchgeführt hast.“

Marcus seufzte.

„Nein du wirst es nicht tun. Aidan wird es tun. Er ist der Älteste von uns. Er hat es oft genug vorher getan.“

Er betrachtete den Benannten und nickte dankbar, als dieser seine Zustimmung kundtat.

„Wann?“, fragte Aidan.

Alle sahen mich an.

„Jetzt“, beschloss ich. „Jetzt sofort.“

Jeder erhob sich und Duncan machte Anstalten mich hochziehen zu wollen, doch ich zuckte erschrocken zusammen.

Er verdrehte die Augen.

„Komm schon Hanna. Ich bin kein anderer als davor und gefährlich schon gar nicht.“

Trotzdem. Ich wollte nicht, dass er mich berührte.

Die Anderen schienen das zu verstehen. Sie ließen mich in Ruhe, während wir in Richtung Wald liefen. Draußen war es kälter geworden und es wehte ein ungemütlicher Wind, der manchmal einige eisige Regentropfen in mein Gesicht klatschte.

Der Eine, mit dem Namen Veloso ging voraus, sein Begleiter direkt hinter ihm.

Ich hatte Angst vor dem, was ich sehen würde. Doch ich wusste, dass ich das Alles erst würde glauben können, wenn ich es gesehen hatte. Darum setzte ich weiterhin meine zitternden Füße voreinander und folgte Celia, die direkt vor mir ging.

Ihr schien die ganze Situation sehr zu zusetzen, ihr Kopf war gesengt und ich bildete mir ein ihre Schulter leicht vibrieren zu sehen.

Veloso hielt auf den Wald zu. Als wir ihn betraten, wurde es noch dunkler, allerdings pfiff der Wind hier nicht so kalt.

Neben mir knackte ein Ast. Ich zuckte erschrocken zusammen, doch es war nur Max der sich zu mir gesellt hatte.

Ich brauchte nur einen Blick in sein Gesicht zu werfen und mir war klar, dass ich ihm nicht böse war. Ganz im Gegenteil, kurioser Weise war er der Einzige, den ich momentan gerne so nah bei mir hatte.

„Er wird Blut trinken, das ist dir klar?“

Ich sah ihn an.

„Ich weiß nicht.“

„Er wird das Ritual durchführen. Das bedeutet, er wird neue Kraft aus einem anderen Lebewesen beziehen, in dem er dessen Blut trinkt.“

Ich sah ihn weiterhin an. Mir wurde etwas befremdlich zu mute. Ich hatte so lange mit diesen Menschen gelebt und nun stellte sich heraus, dass ich tatsächlich nicht zu ihnen gehörte.

Dass es sogar noch schlimmer sein sollte. Dass sie gar keine wirklichen Menschen sein sollten, sondern wo etwas wie mystische Fabelwesen. Vampire?

Das war zu unglaublich als das ich es glauben könnte. Oder?

Wie hatte ich das nicht bemerken können? Wie hatte mir dieses wichtige Detail entgehen können? Selbst wenn sie Meister des falschen Spiels waren, so hätte ich doch irgendetwas bemerken müssen. Mein Gott, ich hatte mit ihnen zusammen gelebt. Sie waren meine Familie.

Ich schluckte beklemmt. Ja das waren sie wohl trotz allem immer noch.

„Hanna.“

Max hielt mich am Arm fest, sodass ich in meinen Gedanken versunken, nicht in Celia vor mir hinein laufen konnte, die stehen geblieben war.

Dann setzte er sich wieder in Bewegung und zog mich mit sich.

Neben Aidan blieb er stehen, mich immer noch am Arm haltend. Ich hatte das Gefühl, er würde mich auch nicht los lassen. Als ob ich weg laufen würde.

„Bist du dir sicher?“

Leo war an meine andere Seite getreten.

Ich nickte.

Dann nickte er Aidan zu, der daraufhin nichts tat, als da zu stehen.

Dann setzte er sich in Bewegung und noch ehe ich begreifen konnte, hatte er mich gepackt und an sich heran gezogen.

Ich war völlig gelähmt. Er wollte von mir….

Ich wagte es nicht den Gedanken zu Ende zu führen.

Ich hörte wie jemand wütend aufschrie und einige schnell gewechselte Worte.

Ich verstand sie nicht, ich war viel zu sehr gebannt von dem Blick der Augen vor mir.

Große grüne Augen mit langen, dunklen Wimpern bohrten sich in meine und ließen mich augenblicklich erstarren. Ich wagte nicht einmal mehr zu atmen.

Auch nicht, als mein Gegenüber seinen Arm hob und eine kleine Stelle an meinem Handrücken anritzte. Es tat nicht weh, dennoch spürte ich was er tat.

Gespannt beobachtete ich, wie er meine Hand an seine Lippen presste.

Ich blinzelte, als ich seine Zunge spürte, brach aber den Blickkontakt nicht ab.

Es war seltsam. Eigentlich spürte ich gar nichts. Kein Ziehen, keinen Schmerz, kein Gar nichts, aber irgendwie war mir bewusst, dass er sich meiner Energie bediente, ich konnte gerade zu sehen, wie seine Haut zu strahlen begann, ich konnte spüren, wie er stärker wurde. Es war grotesk und gerade zu wunderbar intim, als wären wir Eins.

Dann ließ er meine Hand los und das Band brach. Die Eindrücke schwanden und ich taumelte zurück.

Sofort umfingen mich warme Arme, aber das war nebensächlich. Immer noch sah ich Aidan fassungslos an, geschockt von dem, was gerade geschehen war.

„Hast du es gespürt?“

Ich schluckte und nickte. Meine Augenlider flatterten.

„Glaubst du uns nun?“

Ich zuckte mit den Achseln.

„Glaubst du uns, wenn ich dir sagen, dass du gerade daran gedacht hast endgültig von hier zu verschwinden? Glaubst du uns, wenn ich dir sagen, dass du gerade denkst, das wäre auch nicht schwer zu erraten gewesen? Jetzt zögerst du, jetzt fragst du dich, ob ich das wirklich weiß, oder ob ich dich belüge. Soll ich fortfahren, oder glaubst du mir?“

Ich keuchte.

„Ah….“, kam es von seinen Lippen.

Er verzog die Lippen zu einem wissenden Lächeln.

Dann wurde es schwarz.

 

 

Es klatschte laut. Ich zuckte zusammen.

Au!

Ich grummelte.

„Jaja…“ murmelte ich leise und schob die Hand weg, die auf meiner Wange lag.

„…geht wieder.“

Ich lag auf dem, zugegeben sehr nassen Waldboden, mehrere Gesichter lauernd über mir.

Ich richtete mich auf.

„War das nötig?“ Celia klang wütend.

„Ja.“ Das war Max. „Glaubst du es hätte etwas genutzt, wenn er das gleiche mit einem Hoppelhäschen gemacht hätte? Sie musste es am eigenen Leib erleben. Ein Tier wäre einfach wieder davon gelaufen.“

Celia schwieg daraufhin, verzog aber das Gesicht- soweit ich das im Dunkeln erkennen konnte.

„Gott!“ stieß ich aus und fuhr mit beiden Händen über mein Gesicht.

„Eigentlich sollte ich schreiend wegrennen.“

Ich hörte, wie Max lachte. Er war es auch, der mich schließlich hoch zog. Ich wankte leicht und er hielt mich am Ellenbogen fest.

„Ich wusste du bist stärker als du aussiehst Zimtsternchen.“

Bei dem blöden Kosenamen musste ich lächeln, wenn auch etwas missglückt.

Es würde nichts ändern zwischen uns. Er war immer noch mein blöder Bruder, der mich mein ganzes Leben lang bis aufs Blut reizen würde.

Irgendwie machte mich das glücklich.

„Also glaubst du uns? Oder benötigst du eine weiter Kostprobe?“

Als ich zusammen zuckte, lachte Max wieder leise.

„Keine Angst Püppchen. Er wird dir höchstens zeigen, was er jetzt alles Hübsches machen kann. Willst du es sehen?“

Ich zögerte. Wollte ich?

Schließlich nickte ich.

Aidan grinste. Er sah sich kurz um und verschwand dann im Dunkeln.

Als einen Augenblick später zurück kam, hielt er einen Stein umklammert.

Schwer zu sagen wie groß er war. Jedenfalls passte er in seine Hand.

Irgendwie war mir klar, was jetzt kommen würde.

Und es kam.

Er sah mir fest in die Augen, während er den Stein langsam in seiner Hand zerdrückte.

Verrückt. Feiner Staub rieselte zu Boden, als er die Faust wieder öffnete.

Ich sah zu Sophie, die bis jetzt kein weiteres Wort mehr von sich gegeben hatte.

Sie betrachte das kleine Häufchen zerriebenen Steins und eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren feinen Brauen.

„Klasse nicht wahr?“

Ja natürlich gefiel das Max.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

„Wie konnte mir das entgehen?“

Max schlug mir auf die Schulter, ein Hieb der mich einen Schritt nach vorn taumeln ließ.

„Tja du bist eben eine ganz besonders unaufmerksame, kleine Person Schwesterlein, das wusste ich schon immer. Mach dir nichts draus.“

Celia berührte mich am Arm.

„So ein Blödsinn. Hör nicht auf ihn, er ist ein Idiot.“

Sie sah mich entschuldigend an.

„Du konntest es nicht bemerken Hanna. Wir verbrauchen es immer sofort nachdem wir es aufgenommen haben. So können wir normal leben. Wir waren nie wirklich anders als du. Nur das wir regelmäßig….“ sie stockte.

„…nun, du weißt schon. Das wir andere Lebensenergie aufnehmen müssen, um im Zweifelsfall vorbereitet zu sein.“

Ich knabberte an meiner Unterlippe, während ich überlegte.

„Um vorbereitet zu sein. Das heißt, falls ihr gebraucht werdet?“

Sie nickte.

„Dann brauchen wir bloß ein kleines Bisschen und dann sind wir….wie wir wirklich sind.“

Ich seufzte.

„Ihr müsst es nicht bei Menschen tun?“

„Das kommt auf den Einzelnen an. Eigentlich ist es nicht nötig, aber das…Blut…“, sie atmete tief ein „…menschliches Blut ist reiner. Wir brauchen es nicht, um….um zu leben, aber manchmal müssen wir auf die Bedürfnisse hören, die unsere Körper vorgeben.“

Es fiel ihr schwer darüber zu sprechen, man merkte es ihr an. Ich war dankbar, dass sie es trotzdem tat.

„Manche unserer Art sind wütend über die jetzige Lage. Sie können ihr Schicksal nicht akzeptieren. Sie beziehen regelmäßiger fremde Energien und zwar ausschließlich menschliche.“

Marcus sprach mit fester Stimme.

Na Super. Also doch nicht alles in Butter.

„Warum zum Teufel stehen wir eigentlich hier?“

Oh was war das denn? Meine Mutter….pardon Adoptivmutter meldete sich auch mal wieder zu Wort.

„Hättest du deine kleine Vorführung nicht auch oben vollführen können?“

Sie klang recht angespannt.

Aidan grinste jungenhaft. Ich musste ihn eine kleine Weile anschauen.

Ja genau da war doch noch was. Die Frage nach ihrer Schönheit.

Ich setzte zum Sprechen an, belehrte mich dann aber eines Besseren. Vielleicht wäre es nicht allzu hilfreich, wenn ich in aller Öffentlichkeit zugab, dass ich Duncan hinreißend fand, auch, wenn es sowieso schon alle wussten.

„Ich wollte zuerst ein Häschen.“

Ahh prima.

„Und dann hast du es dir anders überlegt.“

Meine Stimme klang etwas bitter. Ich musste mich besser kontrollieren. Obwohl…schließlich blieben mir als Mensch immer noch ein paar Vorrechte.

Nun, auch egal.

„Richtig meine Süße. Als du so schüchtern dagestanden hast, hab ich unglaublich große Lust darauf bekommen. Und es war eine gute Entscheidung.“

Er leckte sich die Lippen. Angeekelt verzog in den Mund.

Arsch.

Als ich merkte, wie meine Nasenflügel zu beben begannen, beschloss ich, dass es an der Zeit war zu gehen.

Celia blieb den ganzen Weg zurück zum Haus neben mir.

„Wieso seid ihr so schön?“

„Wir….“ Sie kratzte sich am Hinterkopf.

„Tja…wir….ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Wir werden so geboren.“

Ich sah sie irritiert an.

„Geboren? Ihr werdet so geboren?“

Celia lachte ein kleines ironisches Lachen, während sie mich am Arm zurück hielt, damit ich nicht über einen großen Stein stolperte.

„Die alten Legenden. Wir können nicht in das verwandelt werden, was wir sind. Nun es funktionierte einmal. Am Anfang. Aber jetzt….“

Sie vollführte eine raumgreifende Bewegung, die wohl ausdrücken sollte, dass das Wissen darum verloren gegangen war.

„Ihr wisst es nicht mehr?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Sie überlegte kurz

„Manche versuchen es. Weiß der Teufel warum. Diese Idioten. Sie alle. Es gibt da diese Gruppe…du bist ihnen sogar schon mal begegnet. Einem von ihnen. Sie sind die, die ausschließlich menschliches Blut zu sich nehmen und das häufiger als notwendig.“

Sie zuckte mit den Schultern.

Stopp mal.

Dann fiel der Groschen.

„Dieser Eine. Der im Club.“

Eine unangenehme Erinnerung durchzuckte mich, war das Ganze doch noch nicht allzu lange her.

Celia seufzte.

„Ja. Quintin.“

Ich spitzte die Lippen. Keine Ahnung.

„Du nimmst das Alles relativ gut auf.“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube ich hab schon immer gewusst, dass ich nicht zu ihnen gehöre und diese ganze große Geschichte hab ich wahrscheinlich noch gar nicht realisiert. Irgendwann in naher Zukunft werde ich aufwachen und schreiend aus dem Haus laufen, um mich irgendwo zu betrinken und dann selbst einzuliefern.

Diesen Legendenkram…naja, ich denke nicht, dass ich damit etwas zu tun habe, dafür fühle ich mich einfach nicht…“, ich suchte nach Worten. „..berufen.“

„Du hast keine Angst?“

„Vor deinem Bruder habe ich Angst und was für eine, aber so lange er seine Finger bei sich behält….“

Ich ließ das Ende des Satzes verwehen, denn wir waren an der Hintertür angekommen.

Celia lachte fröhlich und blickte über einer ihrer Schultern nach hinten. Dann öffnete sie die Tür.

Sie blieb stehen und sah wieder in die Dunkelheit hinein. Ich folgte ihrem Blick.

„Was ist?“

„Nichts.“

Nun, das kam jetzt etwas zu schnell.

Ich grinste.

„Nichts? Bist du dir sicher?“

„Ja. Klar.“

Mein Grinsen verbreiterte sich.

„Vielleicht solltest du einfach…“

Sie unterbrach mich abrupt.

„Halt die Klappe. Halt die Klappe!“

Nun musste ich wirklich lachen.

„Celia. Ach du meine Güte.“

Sie lief rot an. Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange, als ich mich dabei ertappte, wie ich es komisch fand, dass sie rot anlaufen konnte.

Von jetzt an würde ich alles was sie taten hinterfragen. Wie anstrengend.

„Meinst du diese Sophie….du weißt schon.“

Ich zog anzüglich eine Augenbraue in die Höhe.

„Ob sie mit ihm schläft?“

Celia zuckte gepeinigt zusammen.

Meine Güte. Sie war 19. Das brachte mich auf einen Gedanken.

„Bist du wirklich 19?“

Sie unterbrach ihre Stiererei und sah mich irritiert an.

„Ja natürlich. Was glaubst du denn?“

Nun war es an mir rot zu werden. Wieso wusste ich selbst nicht so genau.

„Naja…diese ganzen Geschichten mit der Unsterblichkeit.“

Sie nickte verstehend.

„Ja ich bin 19. Wir werden geboren und wachsen und entwickeln uns. So lange, wie wir wollen.

„Mein Gott.“

Ich pustete eine Haarsträne aus den Augen und lehnte mich an eine Wand.

„Ihr seid wirklich so etwas wie Götter oder?“

„Oh nein. Nein bei weitem nicht. Nicht mehr. Das was übrig geblieben ist, ist nur ein Bruchteil von dem, was einmal gewesen sein muss.“

„Wo sind die Ersten?“

„Sie haben aufgehört das Ritual durch zuführen. Sie sind tot.“

„Das funktioniert?“

„Es ist nicht sehr leicht, aber wenn du tausende Jahre lebst und siehst, wie du nichts bewegen kannst, das Leben einfach so an dir vorüber zieht, überlegst du es dir eventuell genauer.“

Celia wandte ihren Kopf wieder in Richtung Wäldchen.

„Geh schon Celia. Ich bin ein großes Mädchen. Ich kann sogar schon eine Schleife machen.“

Sie lächelte.

„Na geh schon.“

Sie flüsterte ein ,Danke’ und trat wieder hinaus in die Kälte.

Brrrrrr.

Auf halbem Weg stoppte sie und drehte sich herum.

„Soll ihr dir vielleicht Duncan hoch schicken?“

Sie grinste frech.

„Gott bewahre. Nein!“ schrie ich gegen den Wind.

Da ich nicht sicher war, ob sie mich verstehen konnte machte ich eine abwehrende Geste und schüttelte heftig den Kopf, während mein Mund ein stilles ,Nein’ formte.

Dann fuhr ich mir mit der flachen Hand über den Hals. Ich würde sie köpfen.

Ich sah sie lachend das Gesicht verziehen und zog dann die Tür hinter mir zu.

So jetzt irgendwas zum Ablenken.

Essen!

 

Es war tief in der Nacht, als ich erwachte.

Nachdem ich so gut es eben nur ging versucht hatte, das Erlebte aus meinem Hirn zu verbannen, hatte ich es mit Schlafen versucht.

Das hatte recht gut funktioniert, aber jetzt saß ich aufrecht im Bett und hörte dem heulenden Wind zu. Ein schönes Geräusch, wenn auch, nach diesem Abend und in dieser Umgebung, zweifellos etwas unheimlich.

„Weißt du, dass du aussiehst wie ein kleiner Engel, wenn du schläfst?“

Ich schrie.

OH MEIN GOTT!

Adrenalin schoss durch meinen Körper, alles stand in Flammen und ich zitterte am ganzen Leib.

„VERFLUCHT NOCH MAL DUNCAN!“

Dieser Idiot.

„Hast du noch alle Windungen an der richtigen Stelle?“ schrie ich ihn an.

Wütend packte ich ein Kissen uns warf es in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

Er musste natürlich im Dunkeln stehen.

Das Kissen traf natürlich nicht.

Meine Atmung beruhigte sich wieder und ich legte meinen Kopf in die geöffneten Hände, die auf meinen aufgestützten Knien lagen.

„Was zur Hölle tust du hier?“

Er trat aus dem Schatten hinaus, auf mein Bett zu. Ah, nein das gefiel mir nicht. Er war schon wieder hier in meinem Zimmer und wir waren alleine. Außerdem trug ich nur meinen Schlafanzug. Selbstverständlich ohne BH. Ich zog mir kurz entschlossen die Decke bis zum Kinn.

„Ich konnte nicht schlafen. Du bist ein ziemlich gutes Kuscheltier und man kann sich sehr leicht daran gewöhnen mit dir im Arm einzuschlafen. Außerdem dachte ich, dass du vielleicht Albträume haben könntest und wollte den Helden spielen. Aber du brauchst wohl keinen.“

„Richtig. Ich brauche keinen. Gute Nacht.“

Ich warf mich auf die Seite. Dann fiel mir ein, dass ich ihn nicht explizit des Raumes verwiesen hatte, doch es war zu spät. Die Matratze senkte und meine Decke hob sich.

„Duncan. Nein. Nein. Nein. Nein. Raus. Aus. Meinem. Bett.“

Er rückte näher an mich heran.

„Raus!“, fauchte ich.

„Wieso wehrst du dich so?“

„Wieso ich…“

Mir stockte der Atem angesichts dieser Dreistigkeit.

Ich drehte mich um. Natürlich war er schon so nah, dass unsere Nasen sich beinahe berührten. Ich ignorierte diese Tatsache. Nicht, dass es mir leicht fiel, aber so langsam musste ich mal wieder einen Sieg davon tragen.

„Was willst du?“

Falsche Frage.

Er grinste.

„Das weißt du doch.“

Ich beschloss das Spielchen ein Weilchen mit zuspielen.

„Oh. Nun dann hilf mir doch ein bisschen auf die Sprünge, denn ich glaube, ich hab es vergessen.“

Er strich eine meiner Haarstränen hinter ein Ohr und vertiefte seinen Blick.

„Es gibt vieles, aber im Moment….“

Er richtete seine Augen gespielt nachdenklich gen Decke.

„…im Moment will ich dich küssen.“

Ich schnallte mit der Zunge.

„So ist das also.“

Ich sah ihn verständnisvoll an. Dann verzog ich das Gesicht.

„Vergiss es!“

Ich drehte mich wieder auf die andere Seite.

Ich hörte ihn seufzen. Dann spürte ich ihn nur noch.

Ich spürte ihn, wie er sich an die Linie meines Rückens schmiegte. Ich spürte, wie sich eine seiner Hände an meine Taille legte. Ich spürte, wie er mein Haar aus dem Nacken strich und dann spürte ich seinen warmen Atem, wie er zart die empfindliche Haut meines Ohrs kitzelte.

„Du solltest damit aufhören.“

Er strich mit den Fingern über den weichen Flaum meines Haaransatzes.

Als er wieder sprach war seine Stimmer noch leiser als vorher und sein Mund so nah, dass ich seine Lippen fühlen konnte.

Ich versuchte zu ignorieren, dass jede seiner Berührungen heiße Stöße geballter Elektrizität durch meinen Körper jagten.

Ich unterdrückte verzweifelt ein Schlucken.

„Wirklich, du solltest aufhören dich zu wehren. Wenn sich mir etwas verschließt, will ich es nur noch umso mehr.“

Seine Stimme klang rau so nah an meinem Gehörgang und gerade deswegen verfehlte sie ihre Wirkung nicht. Er war so warm, so unwiderstehlich männlich und mir so nah.

Ich ließ mein Temperament all die letzten Kraftreserven sammeln: „ Warum gebe ich dir dann nicht gleich mein Höschen und bring es hinter mich?“

„Hm…das wäre doch schon mal ein Anfang.“

Seine Hand strich hinunter in Richtung Oberschenkel und blieb dort liegen, viel zu nah an meinem Po.

„Tut mir leid Duncan, es muss dich furchtbar enttäuschen, aber du turnst mich einfach nicht an. Versteh mich nicht falsch, du strahlst diese heterosexuellen Megawattströme aus, die alles Weibliche sofort dahin schmelzen lässt, aber….ich kann einfach nichts dagegen machen. Du bist einfach nicht mein Typ.“

Verfluchter Stolz. Natürlich war er eingebildet genug um zu wissen, dass ich log. Deswegen beschloss er wohl auch, seine Hände zu gebrauchen, um mich weiter zu quälen.

Die Hand, die vorher in meinem Nacken geruht hatte, vergrub sich nun in meinem Haar und das verflucht feste. Es würde Schmerzen geben, sollte ich mich rühren.

Seine andere wanderte weiter.

War sie vorher nur nah an meinem Po, startete sie nun einen Frontalangriff und ich zuckte zusammen.

Unverschämter Kerl.

„Lass das. Sofort.“

Doch er ließ sich selbst von meinem wütenden Tonfall nicht aus der Ruhe bringen.

„Ich turn dich nicht an liebste Hanna?“

Wieder strich sein heißer Atem über mein Ohr. In mir zog sich alles zusammen.

Ich erschauerte.

Er zog meinen Kopf an den Haaren zurück. Auch wenn er vorsichtig war, tat es dennoch weh.

Dann trafen seine Lippen auf die äußerst verräterische Stelle zwischen Ohrläppchen und Kieferknochen.

Ich wimmerte.

Ich wimmerte doch tatsächlich. Oh mein Gott, wie tief konnte man sinken.

Ich wurde näher an seinen Körper heran gezogen, seine Hand auf meinem Oberschenkel.

Meine Brustwarzen rieben empfindlich über den Baumwollstoff meines Schlafanzugs und ich erschauerte erneut.

Duncan setzte währenddessen kleine, strategisch wohl durchdachte Küssen auf die zarte Haut über Kiefern- und Wangenknochen.

Mir war es unbegreiflich, wie ein Mensch so erotisch sein konnte. Als mein verräterischer Körper sich an seinen presste, war es vorbei.

Ich hörte ihn leise stöhnen, dann waren seine Hände überall. Auf meinem Rücken, sie strichen den schmalen Weg entlang den meine Wirbelkörper begrenzten, auf meinen Beinen, auf meinen Hüften, an denen er mich noch näher an ihn drückte. Noch näher ging es nun wirklich nicht mehr.

Sie waren auf meinem Bauch, an meinen Brüsten, auf den Armen und schließlich umfasste er mein Kinn und zog mein Gesicht in seine Richtung.

Ich spürte seine Erektion an meinem hinteren Oberschenkel, doch hinderte er mich daran zurückzuweichen. Irgendwie war das nicht real. Das konnte nicht real sein. Meine Gedanken waren in dicke, weiße Watte gepackt, zumindest die, die überhaupt noch zu mir durchdrangen.

War es vorher auch schon so warm gewesen?

Ich riss die Augen weit auf, als ich seine Lippen spürte.

Oh…..Ich hatte gewusst, dass er himmlisch küssen würde.

Sein Mund eroberte meinen im Sturm. Der Kuss raubte mir die Sinne. Er war sanft und zartfühlend und dann wieder so tief und sinnlich. Ich ertappte mich dabei, wie ich leise kleine, sinnliche Laute ausstieß und hasste mich dafür. Doch als ich seine Lippen erneut auf meinen spürte, verabschiedete sich mein rationales Denken endgültig.

Yes!

Allerdings kam es wieder, sobald er von mir abließ. Zumindest ein winzig kleiner Teil davon, aber er reichte aus, um mich daran zu erinnern, was hier gerade geschah. Doch nicht so viel, als dass es genug gewesen wäre, die nötige Kraft aufzubringen, um es auch zu unterbrechen.

Duncan legte seinen Kopf an meine Wange. Sein Atem ging genauso zitternd, wie der meine. Irgendwie stimmte mich das glücklich. Böses Mädchen.

Er stieß ein heiseres Geräusch aus. Es könnte ein Lachen gewesen sein, hörte sich allerdings eher an, wie ein verzweifeltes Stöhnen.

„Ich mag dich nicht anturnen meine Süße, aber du….“, er stupste meine Haut mit seiner Nase an, um dieselbe Stelle dann sachte zu küssen. Wieder lachte er. Es klang etwas verloren.

„…du machst mich wahnsinnig.“

Ich schloss die Augen, damit seine Worte nicht allzu tief in mich hinein sickern konnten.

„Das reicht nicht.“

Ich schüttelte den Kopf, um meine Worte zu unterstreichen, da mein Tonfall den Worten höchst wahrscheinlich Lügen strafte.

„Hanna….ich…“, begann er, doch ich stieß einen missfälligen Laut aus und begann mich aus seinem Griff zu winden.

„Nein. Nein. Das war schon viel zu viel. Geh!“

Ich merkte, wie er ebenfalls den Kopf schüttelte und Anstalten machte wieder näher zu kommen.

Oh Gott! Nein, bloß nicht!

„Bitte…“, flehte ich leise.

Mein Tonfall ließ ihn stoppen.

„Lass das. Hör auf, sonst wird mir der Sieg nur noch süßer vorkommen du stures Mädchen.“

Seine dunklen Augen schimmerten samtig und ich konnte nicht anders, als ihn anzustarren.

Mein Herz klopfte laut und meine Kehle war trocken. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Aber es liegt wohl in der menschlichen Natur, glücklicherweise war ich ein Mensch, es dennoch einordnen zu können.

Es war passiert. Wahrscheinlich war es nicht gerade eben geschehen, es war ja auch egal wann. Fakt war…ich hatte mich verliebt.

Kapitel 8

 

Morgenstund’ hat Gold im Mund

 

Ich hatte mich mittlerweile aufgesetzt und sah in die schönen Augen meines Gegenübers. Es war schon ein bisschen her, seit ich ihn das letzte Mal hatte bewundern können. Die meiste Zeit über, versuchte ich eher ihn nicht zu genau anzusehen, damit genau das eben nicht passierte.

Aber jetzt saß er mir stumm gegenüber. Schwaches Mondlicht tauchte seinen bewegungslosen Körper in schmeichelndes Licht. Als würde er das benötigen.

Meiner Kehle entwich ein wehmütiger Laut. Als ich ihn wahrnahm, schlug ich mir erschrocken die Hände vor den Mund.

Duncan bedachte meine weit aufgerissenen Augen mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck.

„Wo genau liegt dein Problem?“

„Mein Problem?“

„Sag es mir!“ verlangte er. Ich wurde nicht schlau aus seiner Miene.

Ich schüttelte den Kopf.

„Du würdest es nicht hören wollen.“

„Was macht dich da so sicher?“

Ich biss mir auf die Lippe. Ja, was eigentlich?

Du bist mein Problem Duncan, nur du. Du wirfst alles über den Haufen. Du und deine blödsinnig charmante Masche. Wieso lässt du mich nicht einfach in Ruhe? Du hast schon genug angerichtet mit deinem….“, ich suchte nach Worten, aber er unterbrach mich mit einer unwirschen Handbewegung.

„Du musst einen Weg finden dieses Problem zu lösen meine Süße, denn sonst werde ich gleich dort weiter machen, wo du mich so unwirsch unterbrochen hast.“

Wie aus einem Ölteppich quollen Charme und Sexappeal aus ihm hervor, doch ich schwor mir ihn endgültig hinaus zu werfen. Ich würde mich nicht von ihm kaputt machen lassen. Noch mehr Zeit mit ihm und ich wäre ein seelisches Wrack.

„Nein! Wenn du deine Hormone nicht im Griff hast, such dir irgendein süßes, hirnloses Betthäschen. Darin hast du doch Erfahrung, nicht wahr? Aber ich mach das nicht mit, damit das klar ist. Ich bin mir dafür zu schade. Und wenn hier drin…“, ich tippte ihm auf die Brust, an die Stelle, an der sein Herz saß „…auch nur ein Fünkchen Anstand steckt, dann wirst du mich in ruhe lassen. Dieser ganze Mist nimmt mich schon genug mit, ich hab nicht mehr die Kraft mich zu wehren, ich hab auch keine Lust mehr. Es ist schon verletzend genug nur gewollt zu werden, weil man nicht sofort auf solche plumpen Avancen eingeht. Und jetzt will ich, dass du gehst. Bitte, verschwinde einfach und lass mich in Ruhe.“

Ich atmete schneller als gewöhnlich, ich hatte mich von seinem Kuss immer noch nicht erholt. Meinem Gegenüber fiel das wohl auch auf, denn er sah nicht so aus, wie ich es mir, nach dieser Klarstellung, gewünscht hätte. Ich Gegenteil, er wirkte amüsiert.

Er näherte sich mir mit seinem Gesicht, ich konnte seinen warmen Atem auf meinem Gesicht spüren, als er antwortete.

„Wie gesagt, du solltest einen Weg finden, dieses Problem zu lösen. Weißt du nicht mehr? Ich gehe erst, wenn ich unerwünscht bin. Aber weil du klein und verwirrt bist, sehe ich dir das nach. Außerdem war der letzte Tag sehr anstrengend für dich, ich verstehe das.“

Er kam noch näher, seine Lippen schwebten über den meinen, ohne sie zu berühren. Die schmerzliche Sehnsucht, die er damit in mir auslöste, demütigte mich zutiefst. Ohne Zweifel hatte er genau das damit erreichen wollen, denn auf seinen Lippen lag das

charmant-durchtrieben schlangengleiche Grinsen, wie immer, wenn er sich seiner Wirkung mal wieder sehr bewusst war.

„Hast du mal darüber nachgedacht, dass du das Mädchen aus der Legende sein könntest? Wer käme wohl als Gegenpart infrage, frage ich mich….“, die letzten Worte hatte er geflüstert.

Angestrengt versuchte ich die Gefühle zu verdrängen, dir er in mir auslöste und den Nebel in meinem Kopf etwas zu lichten. Ich wusste worauf er hinaus wollte. Er und ich? Fast hätte ich gelacht. Bestimmt nicht.

Ich schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln.

„Du bestimmt nicht, aber vielleicht nimmt dich ja Sophie? Wenn du unbedingt in die Geschichte eingehen willst.“

Ich stieß ihn von mir und lief zur Tür, um sie ihm mit aufforderndem Blick auf zuhalten.

Bevor Duncan mein Zimmer verließ, sah er mir lächelnd in die Augen. Mit den mühsam unterdrückten Gefühlen, die er darin sehen konnte, schien er zu frieden zu sein, denn er beugte sich zu mir hinab und flüsterte mir mit seiner Samtstimme ins Ohr: „Träum süß, Tinkerbell.“

Seine gehauchten Worte an dieser empfindlichen Stelle bescherten mir eine Gänsehaut, doch stolz hielt ich den Kopf erhoben und sah starr gerade aus.

Ich schlug die Tür hinter ihm zu und fluchte laut. Der Typ schaffte mich.

Und vor allem…Tinkerbell? Er gab mir den Namen der sehr kleinen, sehr streitbaren, egozentrischen Fee aus Peter Pan?

Seine kleine Andeutung, er und ich könnten diejenigen welchen aus dieser lächerlichen Legende sein, war natürlich reines Kalkül gewesen. Auch, wenn ich ihn aus meinem Bett geworfen und seinen männlichen Stolz damit schmählich gekränkt haben musste, hatte er mir etwas zum Nachdenken hinterlassen. Meine Gedanken, so sehr ich mich auch dagegen wehren konnte, würden wohl oder übel um ihn kreisen. Gottverdammter Mistkerl.

Ich stieß ein wütendes Geräusch aus, als mir klar wurde, dass jede Eigenschaft auf ihn zutreffen würde, nur leider nicht diese. Im Gegenteil, wenn dieser ganze Kram wirklich stimmte, war er das genaue Gegenteil von Gottverdammt. Ich zog ein missmutiges Gesicht.

Kurz nach diesen aufreibend emotionalen Erlebnissen ging es mir erstaunlich gut. Ich war überrascht von mir. Erst diese Legende und dann der Kuss. Oh je. Ich zwang mich nicht darüber nach zudenken. Duncan hatte mich überrumpelt und das Ende vom Lied war, dass ich wach war. Was für ein blödes Lied.

Ich stand eine Weile unschlüssig mitten im Raum herum und versuchte meine Gedanken in möglichst belanglose Gebiete abdriften zu lassen. Ich wollte jetzt nicht über all die Dinge nachdenken. Das wäre nicht gut, ich spürte das.

Schließlich zog ich mir dicke Socken an die Füße und stapfte im Schlafanzug und im Dunkeln nach unten. Ich würde nach dem Hund sehen. Dem Süßen.

Schlecht war natürlich, dass es dunkel war. Aber trotzdem funktioniert das mit dem Weg finden erstaunlich gut. Ich war stolz auf mich. Weder machte ich auf dem Weg zur Küche weitere unliebsame Begegnungen mit Stufen, Teppichen, oder anderen bodenähnlichen Elementen. Ich stolperte, welch Wunder, nicht mal über meine, mal wieder viel zu lange Schlafanzughose. Als ich Lukes leises Geschnüffel an meinem Bein spürte, atmete ich erleichtert aus. Die heimelige Wärme der Küche war, nach den sehr viel niedrigeren Temperaturen des restlichen Hauses, so angenehm, dass ich mir ein kleines, wohliges Seufzen nicht ganz verkneifen konnte. Ich schaltete das Licht ein und stieß einen erschrockenen Schrei aus.

Dann erkannte ich denjenigen, der da an dem kleinen Küchentisch saß, der bei Zwischenmahlzeiten oft den größeren im angrenzenden Esszimmer ersetzte. Es war einer der beiden Schönlinge und zwar der mit dem seltsamen Namen, der, der nicht an mir gesaugt hatte. Veloso. Er sah tatsächlich etwas südländisch aus, so weit ich das beurteilen konnte. Wieder war ich erstaunt, dass das gängige Vampirklischee nicht bedient wurde. Dieses Exemplar besaß ausgesprochen schön gebräunte Haut. Demnach schien die Blässe der Benetts, beziehungsweise von dem weiblichen Teil der Benetts, Wetter, oder erblich bedingt. Auch deren anfänglichen Übermüdungserscheinungen, die mir gleich zu Anfang aufgefallen waren, hingen wohl mit dem Stress zusammen, mit dem sie derweilen geplagt werden mussten, denn die ganze Familie sah immer entspannter und ausgeruhter aus.

Während ich diese Kleinigkeiten reflektierte, besah ich den schönen Mann, der dort am Tisch saß. Er starrte zurück, den Kopf auf die gefalteten Hände gestützt.

Nachdem er meine bettfertige Erscheinung gemustert hatte, grinste er unverschämt und ich bereitete mich auf einen Seitenhieb vor, der aber erstaunlicher Weise nicht kam.

Er beließ es dabei meine locker sitzende Hose zu betrachte. Sie hing ziemlich tief auf den Hüften, wie Stoffhosen es nach einer Weile so oft an sich haben, allerdings traute ich mich auch nicht, sie wieder an die richtige Stelle zu ziehen. Dann wanderten seine Augen über den übergroßen, schief sitzenden Pullover und mein wohl ziemlich verwirrtes Haar. Wie zerknautscht mein Gesicht aussah…na da stellte ich lieber gar nicht erst irgendwelche Spekulationen an.

Jedenfalls sah er mich an und zwar recht lange. Mit jeder Minute wurde sein Grinsen durchtriebener, der Blick seiner Augen dreister. Wahrscheinlich wurde ihm unsere Situation bewusst. Junges, verwirrtes Mädchen, das eventuell darauf hoffte sich in einen Vampir zu verlieben. Nur, dass ich nicht so naiv war zu glauben, ich könnte irgendetwas mit dieser Kindergeschichte von einer Legende zu tun haben.

Wenn ich sehr viel Pech hatte, entsprach ich sogar noch dem Typ Mädchen, das er zu gerne vernaschte, auf jeden Fall aber sah er so aus, als würde er recht oft irgendwelche Mädchen vernaschen. Mein häuslicher Aufzug trug wahrscheinlich auch nicht gerade zu einer gegenteiligen Wahrnehmung bei, mein Gott, ich trug nicht mal einen BH.

Irgendwas sollte ich dringend an meinem Auftreten ändern. Diese ganzen Casanovas, ich war mir sicher, dass ich hier ein Duncan sehr ähnliches Exemplar vor mir hatte, schienen von mir wenig Widerstand erwarten. Vielleicht kam ich ihnen, in ihren dreckigen, kleinen Phantasien so verzweifelt vor, dass sie erwarteten, ich würde mich ihnen sofort an den Hals werfen.

Velosos unerschütterliches Selbstbewusstsein, das wohl ähnlich groß wie das von Max oder Duncan sein musste, vermittelte ihm wohl, dass er mich haben könnte, zumindest sah er mich auf diese Weise an.

Oh nein, kannst du nicht, du kleiner, unartiger Deckhengst.

Ich hatte in dieser Nacht eindeutig zu viel Testosteron abbekommen, deswegen amüsierte mich die Art, wie er mich taxierte und die mir klar machte, wie stark er von sich überzeugt sein musste. Ich musste ihn irgendwie davon überzeugen, dass ich ich war und nicht irgendeins der Mädchen, von denen Abertausende draußen herum liefen. Fieberhaft überlegte ich, wie ich das anstellen könnte. Diese Opferausstrahlung war nicht so ganz nach meinem Geschmack.

Veloso, was für ein blöder Name nebenbei bemerkt, lehnte sich auf dem Stuhl zurück, natürlich machte er sich nicht die Mühe aufzustehen.

„Johanna, richtig?“

Eigentlich sollte er mich einschüchtern, so wie alle gut aussehenden männlichen Wesen es taten, aber die arrogante Art, wie er seine plumpen Absichten nicht mal ansatzweise zu verstecken versuchte, amüsierte mich einfach nur. Deswegen geschah ein Wunder und mir fiel eine Antwort ein, mit der ich auch noch in ferner Zukunft zufrieden sein würde:

„Am besten sehe ich auf meinem Führerschein nach, wenn mir die Luft weg bleibt bin ich immer ganz durcheinander.“

Er blinzelte überrascht. Aber dann fing er sich wieder.

„Das kommt vielleicht durch den Temperaturwechsel“, dabei deutete er auf die Küchentür.

Ich ging darauf ein.

„Ja, es ist in der Tat recht warm hier drin.“

Ich sagte mit Absicht nicht heiß, sondern warm, konnte das doch wiederum als Hinweis gelten, dass er in seinen perfekt sitzenden Markenjeans und dem auffällig grünen Strickpullover wirken könnte, als wäre er vom anderen Ufer. Natürlich war er das nicht.

Wenn er es verstand, so ließ er sich nichts anmerken, allerdings grinste er weiterhin, wenn auch anders als zuvor.

Ich zwang mich weiterhin vorsichtig zu sein, bei diesem Kaliber von Mann, soviel hatte ich bereits von Duncan gelernt, tat man gut daran, nie seine Deckung zu vernachlässigen.

„Hast du dich verlaufen kleines Mädchen?“

Ich legte den Kopf schief und grinste.

„Nein, ich hatte so einen Heißhunger, dass ich davon aufgewacht bin.“

„So ist das also, Heißhunger?“

Sein Grinsen wurde ein paar Nuancen dreckiger, er hatte die Zweideutigkeit in meiner Stimme also richtig gedeutet.

„Aber irgendwie ist der jetzt verflogen. Ich hab eher Lust, mir die Nägel zu lackieren.“

Er lachte und mein Lächeln hielt sich.

„Ich muss ehrlich zu geben, dass ich dich bewunder. Du nimmst das Ganze besser auf als Sophie.“

Ich sah auf, denn ich hatte mich zu dem Hund nach unten gebeugt.

„Ich bin sicher, du bewunderst die Frauen im Allgemeinen Veloso.“

Er seufzte und sagte zu dem Hund gewandt: „Ich befürchte sie mag mich nicht besonders.“

Ich überging das.

„Wo habt ihr sie aufgegabelt?“

„Es war unsere Aufgabe sie im Auge zu behalten, bis sie alt genug ist.“

Ich nickte, obwohl ich kein Wort verstand und fuhr fort Luke hinter den Ohren zu kraulen.

„Wir mussten bei ihr zu ausgefalleneren Methoden greifen, um sie dazu zu bewegen uns zu glauben.“

Oh, ich konnte mir vorstellen, wie die Methoden ausgesehen hatten, ich hatte schließlich schon zu spüren bekommen, was sie davon hielten, wenn man ihnen nicht zu hörte.

„Wieso sitzt du hier im Dunkeln?“

Er grinste.

„Tu ich doch nicht.“

Ich verdrehte die Augen.

„Ich warte auf Aidan.“

„Ihr bleibt nicht?“

„Doch.“

Oh ja schön, nein natürlich reichte mir das als Antwort.

Wir schwiegen und ich war erstaunt, wie gut es funktionierte. Er schien das ebenso zu sehen, denn er sah mich aufmerksam an, interessiert, neugierig, allerdings nicht mehr in auf diese durchtriebene Weise, wie gerade eben noch.

„Kann ich dir helfen kleines Mädchen?“

Ich ignorierte die Tatsache, dass er mich als kleines Mädchen bezeichnete.

„Hast du eine Waffe?“

Er schüttelte den Kopf.

„Dann bist du leider völlig nutzlos.“

Er grinste. Und auf einmal mochte ich ihn.

„Du siehst empört aus….“

Nein, wirklich?

„…..eine so kleine Person wie du, sollte sich nicht dermaßen aufregen.“

Ich sah ihn skeptisch an und wartete auf einen guten Grund, doch ihm schien keiner einzufallen, also grinste er nur weiterhin unverschämt.

Seine Augen blitzten und ich fragte mich, wieso er wirklich hier herum saß.

„Hat dich Sophie aus ihrem Bett geworfen, oder wieso sitzt du hier wie ein begossener Pudel und leckst deine…..“ ich stürzte die Lippen und verkniff mir den vulgären Ausdruck, den ich grade noch hatte anbringen wollen, natürlich wusste er auch so, was ich hatte sagen wollen.

Er schien ernsthaft über die Bedeutung hinter meiner Frage nach zudenken, denn er antwortete nicht, sondern sah mich weiterhin an. Dieser Röntgenblick.

„Entweder besitzt du eine rege Phantasie kleine Johanna, oder du bist selbst gerade aus jemandes Bett geworfen worden, denn andernfalls ergeben deine Worte wenig Sinn für mich.“

Er grinste. Natürlich wollte er damit andeuten, dass er noch nie von jemandes Bettkante gestoßen worden war.

„Oh ja die hab ich…“, antwortete ich, während ich mit dem Finger beiläufig über die Arbeitsplatte fuhr.

„…In meinem Kopf laufen fünf verschiedene Leben in unterschiedlichen Welten ab und das gleichzeitig.“

Ich sah ihn an, als wäre das etwas ganz Besonderes.

„So…?“ Ach du je. Seine Stimme konnte wirklich einen sehr ironischen Ton anschlagen.

Ich nickte.

„Ja, ich wäre die geborene Kinderbuchautorin.“

Er lachte.

„Das bezweifle ich, angesichts der ausgeprägt schmutzigen kleinen Gedanken, die ganz offensichtlich zwischen deinen Ohren herum geistern. Man sieht dann jedes Mal dieses durchtriebene Glitzern in deinen Augen.“

Ich war mir sehr sicher, dass meine Augen in den seltensten Fällen durchtrieben glitzerten. Gerade wollte ich sagen, dass er so eben verraten hatte, was den ganzen Tag so in seinem Kopf rumspukte, als die Tür knarrte.

Ich fuhr herum.

Dort stand wirklich Aidan, was bedeutete, das Veloso die Wahrheit gesagt hatte, als er meinte, er würde auf ihn warten.

Aidan sah mich kurz erstaunt an. Wer konnte es ihm verübeln, einen normalen Menschen vermutete man um diese Zeit im Bett und das schlafend. Mich hier herum turnend zusehen überraschte ihn.

Dann allerdings zuckten seine Mundwinkel und seine Augen begannen zu leuchten.

Bei mir schrillten die Alarmglocken und ich drehte mich unauffällig so, dass Luke zwischen mir und Aidan stand. Ich hatte nicht vergessen, was er vor ein paar Stunden mit mir gemacht hatte. Dann bereute ich das aber sofort wieder. Wollte ich nicht dieses Weichlingsgehabe ablegen?

„Ich bleib bei ihr Aidan. Wenn sie es nicht ist, dann weiß ich auch nicht.“

Angesprochener besah mich kritisch.

„Ich weiß nicht.“

Veloso grinste.

„Sie hat die Anziehungskraft zwischen uns ebenfalls gespürt, allerdings wehrt sie sich noch ein bisschen dagegen und versteckt sich hinter ihrer Kratzbürstigkeit. Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich in mich verliebt.“

Ich sah ihn irritiert an. Wovon zur Hölle sprach er bitte? Ich suchte trotzdem nach einer passenden Antwort.

„Leider musst du dich von deinen Träumereinen verabschieden Veloso.“

„Du zweifelst an meinen Gefühlen, weil ich so viel schöner bin als du, nicht wahr? Mach dir keine Sorgen mein Schatz, das ist es was mir an dir gefällt. Du überstrahlst mich nicht.“

„Nein, das ist es nicht. Leider bin ich allergisch gegen deine Anti-Age Creme.“

Aidan sah erstaunt von mir zu Veloso. Sein Blick blieb auf mir hängen.

Dann lächelte er.

„So sehr ich euch Turteltauben bei eurem doch recht seltsamen Paarungsverhalten störe…“

„Ich muss ihn in Schutz nehmen. Dem Anschein nach ist seine innere Bereitschaft so groß, dass auch inadäquate Reize ausreichen, um ihn in sein natürliches Balzverhalten fallen zu lassen. Ich befürchte fast, dass er es so nötig hat, dass er es selbst bei einer vorbei fliegenden Hummel versuchen würde. Gott das könnte ich nicht zulassen. Die arme Hummel wäre danach total verstört.“

„Und du nicht?“

„Ich bin hart im Nehmen.“

Veloso schenkte mir ein zuckersüßes Lächeln.

„Du bist zu freundlich.“

„Das liegt in meiner Natur.“

„Wie gesagt störe ich nur ungern und deine kleine Exkursion in Verhaltensbiologie war wirklich äußerst faszinierend, aber wir müssen los Veloso.“

Aidan nickte mir einmal zu und verließ dann die Küche über die Seitentür.

Veloso erhob sich und trat auf mich zu.

Fast wäre ich zurück gestolpert, doch ich zwang mich stehen zu bleiben und übte mein neues Selbstbewusstsein.

Als er vor mir stand musste ich den Kopf in den Nacken legen. Ihn aus dieser Position arrogant anzublicken war eine Herausforderung und er bedachte meine Anstrengung mit einem milden Lächeln.

„Du süßes kleines Biest.“

Ich lächelte.

„Lauf schon, damit ich deinen Zuckerpo bewundern kann.“

Er kniff die Augen zusammen, drehte sich dann aber doch um.

An der Tür drehte er sich noch einmal um.

„Kannst du zufällig irgendwelche Verwandtschaften mit einem Huhn nachweisen?“

Ich zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Da ich in dieser Hinsicht praktisch unwissend bin, kann ich das nicht mit Bestimmtheit sagen und ich will gar nicht darüber nachdenken, was dich zu dieser, zugegeben sehr hirnrissigen Frage verleitet haben mag, aber ich befürchte nein.“

Er atmete gespielt erleichtert auf.

„Puh, da bin ich aber froh. Lass dich nicht wieder aus irgendwelchen Betten werfen. Noch einmal kann ich deine verzweifelten Tränen nicht mehr ertragen. Du musst einfach…“

In diesem Moment wurde er durch das laute Rufen seines Namens unterbrochen und er verschwand in der Dunkelheit.

Ich schmunzelte.

So ein Fatzke.

Es geschah selten, dass ich mit jemandem umgehen konnte, als würde ich ihn schon ewig kennen. Veloso schien eine Ausnahme zu bilden.

Ich streichelte Luke und beschloss ihn mit in mein Zimmer zu nehmen. Erstens würde er anschlagen sollte der-dessen-Namen-lieber-nicht-genannt-werden-sollte-weil-sonst-alle-Mädchen-einen-hysterischen-Anfall-kriegen versuchen noch einmal in mein Bett krabbeln und zweitens wäre ich so nicht alleine.

Ich schlich so schnell wie nur möglich in mein Zimmer, nachdem ich ein Glas Wasser getrunken hatte.

 

Mit dem Einschlafen tat ich mich schwer und war entsprechend müde, als ich am nächsten Morgen von einer nass-kalten Hundenase geweckt wurde.

Ich schrie erschrocken auf und Luke sah beleidigt vom Boden zu mir auf.

Ich stöhnte, als ich ihn sah und ließ mich wieder zurück in die Kissen plumpsen.

Ein paar Sekunden später riss eine taufrische, allerdings etwas zerrupfte Celia die Tür auf und ich hob meinen Kopf um ein paar Millimeter an.

„Was ist los?“

Sie sah ein kleines bisschen erschrocken aus.

Ich ließ meinen Kopf zurück fallen und stieß einen eher undefinierbaren Laut aus, der allerdings eindeutig missbilligend klang. Hoffentlich hörte sie das auch.

Luke ließ sich von Celia streicheln und verließ dann mein Zimmer, wie ich aus meinen verklebten Augenwinkeln sah.

„Du raubst mir noch den letzten Nerv. Andauernd denke ich dein Tod steht jede Minute bevor. Meinst du, du kannst dir diese erschreckenden Reaktionen abgewöhnen?“

„Nein.“

Meine Stimme klang rau.

Celia seufzte.

„Ach je. Das mit deiner Morgenmuffeligkeit wird auch immer schlimmer.“

Ich grunzte verächtlich.

„Steh auf Johanna oder ich hole deinen Bruder.“

Ich drehte mich demonstrativ auf die andere Seite, weg von ihr.

„Du weißt dass er nicht grad zimperlich ist. Er hat dich für seinen Geschmack schon viel zu lange nicht unter eine kalte Dusche stellen können. Zumindest hat er letztens irgendetwas in die Richtung erwähnt.“

Ich schnaubte und zog mir die Decke über den Kopf.

„Verschwinde“, grummelte ich.

„Jetzt sei nicht so empfindlich. Du bist sowieso schon wach und alle anderen auch, dank deines Schreis. Es wäre unfair liegen zu bleiben.“

Als ob alle anderen nicht schon längst auf den Beinen wären.

„Gibt es ein Problem?“

Ich stöhnte.

Auch wenn ich es nicht sehen konnte, wusste ich, dass just in diesen Moment Mr. Ich-krieg-dich-sowieso seinen Kopf in mein Zimmer steckte.

„Keins das nicht lösbar wäre. Weißt du wo Max steckt?“

„Verschwindet ihr Monster. Ich steh ja schon auf.“

Ganz langsam, aber auch wirklich sehr langsam, setzte ich mich im Bett auf und stützte mein Gesicht in meine Hände.

Dann gähnte ich ausgiebig.

Mit meinem giftigsten Blick bedachte ich meine morgendliche Unruhestifterin und krabbelte nicht sehr formschön aus meinem weichen, warmen, kuscheligen Bettchen.

Sehnsüchtig betrachtete ich es, aber Celia zog mich schon in Richtung Kleiderschrank.

Ich protestierte.

„Verschwinde du Hexe. Ich kann mich jetzt nicht mit dir befassen. Du bist mir zu anstrengend.“

Aber anstatt beleidigt zu sein, lachte Celia ihr blödes, glockenhelles Lachen und warf ihre blonde Mähne zurück.

Missgelaunt betrachtete ich sie.

Dann fauchte ich Duncan an, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, doch die Horrorgeschwister hatten es sich zur Aufgabe gemacht, mir den Morgen schwer zu machen.

Mit ihrer nervigen guten Laune zwitscherten sie um mich herum, während ich meine Kleider zusammen suchte. Dabei standen sie mir so viel wie möglich im Weg herum und nervten mich auf jede nur erdenklich Art und Weise. Ich hatte das Gefühl, ich gehörte zu ihrem morgendlichen Entertainment, denn über jedes gemeine Wort, das sie mir entlocken konnten, schienen sie sich köstlichst zu amüsieren,

Sie waren noch hinter mir, als ich langsam in Richtung Badezimmer schlurfte.

„Findest du nicht auch, dass Hanna die Leichfüßigkeit einer Tänzerin hat? Ich finde sie sollte zum Ballett gehen.“

Ich machte mir nicht mal mehr die Mühe Duncan mit einem wütenden Blick zu strafen. Ich ignorierte ihn einfach.

„Hanna bist du etwas sauer? Komm schon, es tut mir leid, dass ich mich darüber lustig gemacht haben, wie du vor die Tür gelaufen bist.“

Ja, haha, das war wirklich lustig gewesen.

„Spar dir den Atem und versuch gar nicht erst dein Gehirn zu benutzen Mister Universe. Sei einfach nur dekorativ, das kannst du viel besser.“

Er lachte. Hätte ich ihn doch nur ignoriert.

Die Zwei machten sogar Anstalten mir ins Badezimmer zu folgen. Da wurde ich allerdings wirklich handgreiflich. Ich pfefferte Duncan seinen Fön vor den Kopf und schob Celia aus dem Bad, als sie im Affekt ihren Bruders nach Verletzungen absuchen wollte.

Als ich abgeschlossen hatte, ging draußen das Geschrei los.

„Du bist gemein gefährlich du Biest.“

Seelenruhig begann ich Zahnpasta auf meine Bürste zu drücken.

„Das war wirklich zu viel Hanna. Du hättest ihn ernsthaft verletzen können.“

Ich hielt die Bürste unter den laufenden Wasserhahn.

„Ist da Hanna drin?“

Das war Max. Er begann mit der Faust vor die Tür zu donnern.

„Eyh beeil dich da drin. Bei dir ist es sowieso zu spät.“

Ich verdrehte die Augen und begann meine Zähne zu putzen.

„Ich versteh nicht, wieso ihr sie noch nicht habt einsperren lassen Max. Sie tickt nicht mehr ganz richtig.“

Max grunzte zustimmend und fragte nicht mal nach einem Grund für diese Erkenntnis. Typisch.

„Sie hat Duncan mit seinem Fön geschlagen.“

„Wirklich?“

Er klang erfreuter als er es sollte.

„Gut gemacht Hanna. Ein Mann sollte nie eine Frisur tragen, für die man einen Fön braucht.“

Ja, das sah ich genauso.

Celia kreischt empört.

Ich spülte mir den Mund aus und begann mich auszuziehen.

„Hey, das war gar nicht mein Fön“, beschwerte sich Duncan.

„Doch, da ist dieser Sticker drauf, siehst du?“

Eine Pause entstand, in der sich wahrscheinlich alle den Sticker ansahen.

„Ich hab Kopfschmerzen“, jaulte Duncan.

Ich schnaubte.

„Du hast gar keinen Kopf du Trottel“, brüllte ich ihnen entgegen.

„Und wie nennst du dann das Ding, das mein hübsches Gesicht trägt Schätzchen?“

„Gartenstuhl.“

Max lachte.

„Also wirklich Hanna“, mischte sich Celia ein.

„Dein Humor ist wirklich gewöhnungsbedürftig.“

„Das ist kein Humor, das ist Realismus, schlag’s im Wörterbuch nach.“

Dann stieg ich unter die Dusch und drehte das Wasser auf. Ich hörte sie nicht mehr, aber ich bemerkte, wie meine Mundwinkel in die Höhe zuckten. Nur einmal.

 

An diesem Morgen frühstückten wir seltsamer Weise alle gemeinsam. Selbst Aidan und Veloso saßen mit Sophie am Tisch.

Ich ließ mich neben Max auf den einzigen freien Stuhl fallen. Veloso gegenüber.

Er sah müde aus. Aber er grinste.

„Make-up? Was ist los, du siehst beinahe wie ein Mädchen aus.“

Ich griff nach dem letzten Brötchen.

„Und du siehst beinah wie ein Hetero aus. Gib mir den Käse Ricky Martin!“

Er reichte ihn mir und lachte leise.

Ich fühlte nahezu alle Blicke auf mich gerichtet. Dann klopfte mir Max auf den Rücken.

In seinem Maßstab war wohl nur ein kleiner, gut gemeinter Klopfer gewesen, aber umgerechnet in den meinen wurde daraus ein heimtückischer Stoß, der ausreichte, um mein Brötchen quer über den Tisch fliegen zu lassen und meinen Kopf derart nach vorne zu schleudern, dass meine Stirn gefährlich nah neben dem Messer auf die Tischplatte knallte.

Ich begann zu husten und zu keuchen, während ich die glitzernden Blitze vor meinen Augen bestaunte.

Max seufzte neben mir leise auf, dann packte er mich an der Schulter und zog mich wieder in eine mehr oder weniger sitzende Position.

Meine Mutter schüttelte den Kopf, Leo sah mich irritiert an und Veloso feixte. Ich sah ihn böse an.

Duncan ließ ein ersticktes Keuchen erklingen. Er versuchte sich das Lachen zu verkneifen.

Ja, witzig, wirklich. Blödmann.

Veloso reichte mir ein Toast, das Brötchen hatte der Hund vertilgt. Natürlich war es auf dem Boden gelandet.

„Zimtsternchen du musst ganz dringend irgendwas für deine Körperspannung tun. Du bist so wabbelig wie Spaghetti Aldente.“

Ich verkniff es mir, ihm zu sagen, dass Spaghetti Aldente alles andere als wabbelig waren.

Er hätte mir sowieso nicht zu gehört, denn er bekam glänzende Augen und ich machte mich auf einen dieser „Großer Bruder“ Anfälle gefasst, die ihn unregelmäßig heimsuchten.

„Du kennst ja mein Motto. Du wirkst, wie du dich fühlst.“

Ich sah ihn zweifelnd an.

„Ich dachte dein Motto wäre Schlafen und Essen.“

Das Glänzen verschwand nicht. So ein Mist aber auch.

„Das ist mein anderes Motto und nicht so einfach, wie es sich anhört. Wenn du zu viel isst, kannst du nicht anständig schlafen und wenn du zu viel schläfst, dann verpasst du wohlmöglich Mahlzeiten….“

Er sinnierte noch eine Weile über diesen Blödsinn, während ich mir symbolische Watte in die Ohren stopfte und nicht mehr zu hörte.

Ich begann vor mich hin zu dämmern und als ich einen harten Ruck an meiner Seite spürte, bemerkte ich, dass ich kurz davor gewesen war erneut mit dem Kopf vor die Tischplatte zu wummern, mein lieber Bruder mich aber zurückgehalten hatte. Glücklicherweise blieben mir die elterlich-missbilligend Blicke erspart, denn die erwachsene Seite war gerade in ein Gespräch vertieft, das wohl all ihre Aufmerksamkeit erforderte. Nur noch Gemurmel kam bei mir an.

Wieder begann ich weg zudämmern, bis mir Max schließlich Pfeffer unter die Nase rieb. Erschrocken blickte ich ihn an und dann musste ich auch schon laut niesen.

„Gottverdammtnochmal“, fluchte ich laut.

Alle Köpfe hoben sich.

„Hanna, also bitte“, kam es von meiner Mutter.

Ich sah Max böse an, der nur grinste.

Dann drehte ich mich zu Veloso.

„Ich hab doch gesagt, dass ich gegen deine Anti-Aging Creme allergisch bin. Zum Teufel mit deiner Eitelkeit.“

Er sah mich verdutzt an, aber dann zuckten seine Lippen.

Max gluckste vergnügt.

Celia nuschelte irgendetwas, das sich wie „deine Allergie richtet sich gegen dich selbst“ anhörte und das ich nicht ganz verstand.

Duncan sah mich und dann meinen Bruder abwartend an.

„Max, kannst du mir sagen woran es liegt, dass Hanna mit allem flirtet das Hosen anhat, nur nicht mit mir?“

Wie bitte? Flirten?

„Max, bitte sag ihm, dass ein Wortwechsel unter zwei Ungleichgeschlechtlichen, die sich in ihrer Artikulationsfähigkeit gewachsen sind, nicht gleich bedeutet, dass sich irgendwelche unmoralischen Abgründe auftun.“

„Zimtsternchen, das würde ich wahnsinnig gerne tun wirklich, aber leider hab ich nicht mal die Hälfte von dem verstanden, was du gerade zu mir gesagt hast.“

Natürlich nicht.

Das dreiste Grinsen auf seinem Gesicht sprach Bände.

„Hanna, wo bist du doch gleich aufgewachsen? In einem Nonnenkloster?“

Ich atmete heftig ein.

„Wie bitte?“

„Ja, du bist so prüde, dass ich mich ernsthaft frage, ob du in deiner Sexualität ernstlich gestört sein könntest. Ich meine…moralische Abgründe.“ Er ahmte meinen Tonfall nach. Dann verzog er das Gesicht.

Ich sah Duncan aufgebracht an.

„Du aufgeblasener Affe! Was soll denn das schon wieder heißen? Ich und prüde? Ich bin alles andere als prüde, nur weil ich nicht gleich…..“, ich bemerkte, was ich gerade ziemlich laut über den Tisch hatte posaunen wollen und stoppte in einem erstickten Laut.

Ich zwang mich, nicht den ganzen Tisch nach neugierigen Blicken ab zu suchen, sondern starrte nur Duncan an, dessen Blick nichts Gutes verhieß. Ich fragte mich, ob das hier seine ganz persönliche Rache für meinen Rausschmiss war, besann mich aber eines Besseren. Nein, die würde anders ausfallen. Er wollte mich einfach nur mal wieder in die Enge treiben.

„Brauchst du eine Tüte, um hinein zu pusten?“ fragte Veloso unschuldig.

Ich atmete schwer und ignorierte ihn. Stattdessen spießte ich Duncan mit Blicken auf. Was viel ihm eigentlich ein am Tisch darüber zu diskutieren, ob ich mich sexuell normal verhielt, nur weil ich mich nicht auf ihn stürzte, wie eine nymphomanische Amazone.

„Du bist also nicht prüde?“

Ich ließ mich tief in meinen Stuhl sinken und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann schenkte ich ihm meinen arrogantesten Blick.

„Ich bin sehr überrascht, dass du das Wort prüde überhaupt kennst. Wusstest du, dass es ein Adjektiv ist?“

Er sah mich gespielt irritiert an.

„Was ist ein Adjektiv?“

Ich ignorierte das.

„Ah, natürlich musst du das kennen. Das ist ja dein Spezialgebiet, hab ich Recht? Alle anderen hast du schon durch, jetzt musst du dich der Ecken annehmen, aus denen keine Höschen geflogen kommen.“

Er formte seinen schönen Mund zu einem erstaunten „O“ und blickte überrascht im Raum herum.

„War das etwa ein Geständnis?“

Ich wandte mich Veloso zu.

„Ich hoffe ich habe dich nicht beleidigt. Ich kenne dich noch nicht sehr lange und kann nicht einschätzen, wie empfindlich du in dieser Sache bist.“

Veloso legte den Kopf schief.

„In dieser Sache?“

„Na du weißt schon.“ Ich druckste herum. „Das mit dem „Im falschen Körper geboren sein“. Ich wollte dich wirklich nicht beleidigen, als ich dich als ungleichgeschlechtlich bezeichne habe.“

„Oh danke Schätzchen. Ich fühle mich pudelwohl in meinem Körper.“

Ja, das sah man ihm an.

Ich schenkte ihm einen gönnerhaften Blick.

„Nun Johanna“, räusperte sich mein Vater „...dir scheint es nach den gestrigen Enthüllungen recht gut zu gehen. Gehe ich richtig in der Annahme?“

Gott, ich wünschte er würde nicht immer diesen Beamtenton anschlagen, wenn er mit mir sprach.

Ich stieß einen unwirschen Laut aus und brachte gerade ein „hm“ zu standen.

„Ich finde wir sollten…“, setzte er erneut an.

Ich stöhnte entnervt auf.

„Bitte. Können wir es nicht für den Moment dabei belassen? Ich hab keine Lust darüber zu reden.“

Leo nickte, meine Mutter öffnete den Mund und schloss ihn wieder, als sie dem Blick ihres Mannes begegnete. Sie sah wieder auf ihren Teller. Ich sah, wie Sophia ihre Hand drückte.

Dann hörte ich ein zartes Räuspern.

„Ähm, nun….“, setzte Sophie, die ganz in meiner Nähe saß an: „…ähm ihr wolltet mit den anderen beiden Kontakt aufnehmen, was ist damit? Ich meine…“

Sie bekam vor Aufregung rote Flecken im Gesichte. Ich verstand sie gut. Diese geballte Schönheit auf so engem Raum haute einen fast um.

Aidan erlöste sie.

Er warf seine Serviette auf den Teller vor ihm.

„Ja das ist richtig. Das hielten wir für das Beste.“

Ich sah ihn neugierig an. Gott noch zwei Mädchen, die meine Schwestern sein sollten. Noch dazu quasi Zwillingsschwestern….hoch 2. Mannomann. Das war wirklich zu fantastisch. Fantastisch im Sinne von unglaublich.

Er bemerkte meinen fragenden Blick.

„Naja…vor ein paar Tagen haben wir beratschlagt, dass wir sie hierher bringen sollten.“

Ich stöhnte. Wie bitte? War dieses Haus eine Art Hotel? Oder so etwas wie ein Clubhaus?

„Hast du ein Problem damit Johanna?“

Oh, meine Mutter richtete das Wort an mich.

„Ähm…nö. So lange ich weder gebissen, begrabscht, oder in irgendeiner anderen Art und Weise genervt werde.“

Ich verkniff es mir Duncan an zu sehen.

Meine Mutter sah irritiert aus.

„Wieso sollte das passieren?“

„Wer weiß wer da wieder mit kommt. Noch so ein paar von dem Kaliber verkrafte ich nicht.“

Ich deutete auf Duncan und Veloso. Aidan, der neben Veloso saß, schloss ich mit ein.

Veloso grinste.

„Ja, so jung wie vor ein paar Stunden bist du auch nicht mehr.“

„Hat das zufällig was mit meinem Geburtstag zu tun?“ fragte ich.

Als ich Sophias Kopf in die Höhe schnellen sah, wusste ich, dass ich ins Schwarze getroffen hatte.

Leo druckste herum und Marcus antwortete schließlich: „ In der Prophezeiung heißt es…“

„Oh Gott, nein, ich will es gar nicht hören“, unterbrach ich ihn. Marcus sah mich irritiert an, während mein Vater verärgert wirkte.

„Hanna!“ ermahnte er mich.

Na aber wirklich. Noch so eine Gespenstergeschichte konnte ich nicht gebrauchen. Ich konnte es mir ohnehin bereits denken. Bestimmt war von Volljährigkeit die Rede. Es war mir schier unbegreiflich, wie erwachsene, vernünftige Menschen sich so auf ein blödes Geplapper aus der Vergangenheit stützen konnten. Meine Güte, sie richtetet ihr gesamten Leben nach dieser Prophezeiung aus.

Just wurde mir mein Denkfehler bewusst. So gesehen, handelte es sich hierbei nicht um gewöhnliche Menschen. Eigentlich waren sie keine Menschen, oder? Ich bekam eine Gänsehaut bei dem Gedanken. Keine Menschen. Brrr.

„Wann ist denn der Tag?“

Ich sah Aidan an, der die Frage gestellt hatte.

„In zwei Wochen.“

Meine Güte. So lange war ich schon hier? Ich hatte keine Ahnung, was ich die ganze Zeit getrieben hatte.

Ich sah wie Sophie nickte. Na ihrer wohl auch. Ich war mir selbst unheimlich, denn es machte mich unheimlich wütend.

„Ich finde…“, setzte meine Mutter am Ende des Tisches an. Sie zuckte unter dem Blick zusammen, den ich ihr zu warf. Dann straffte sie ihre Schulter und sah an mir vorbei. Gott sie war so feige. Meine Güte. Wie schnell sich meine Stimmung ändern konnte. Bekam ich meine Periode?

Ich kniff die Augen zusammen, als sie wieder ansetzte. Ich konnte mir denken, was jetzt kommen würde.

„Ich finde, wir sollten darüber sprechen. Wir haben Hanna viel zulange wichtige Dinge verheimlicht.“ Ihre Stimme zitterte, sodass sie mir fast Leid getan hätte. Aber auch nur fast.

Ich knallte mein Messer auf den Tisch und so ziemlich alle am Tisch zuckten zusammen. Meine Mutter sah mich geschockt an.

„So? Findest du also.“

Ich musste zugeben, dass ich auch so ausgesehen hätte wie sie in diesem Augenblick, wenn jemand in diesem Ton mit mir gesprochen hätte.

„Findest du?!“ Meine Güte. Das war nicht ich. Nein, Nein. Das war irgendjemand anderes.

Meine Hände zitterten vor mühsam unterdrückter Wut. Was war denn nur los mit mir? Nahm mich das Ganze doch mehr mit, als ich bis jetzt gedacht hatte?

„Schön für dich. Ich aber nicht, klar? Ich will nichts mehr hören“, zischte ich. Meine Nasenflügel bebten.

„Dafür ist es ein bisschen zu spät. Dein Reueprogramm kannst du…..auf den Kompost werfen. Mach irgendwas Produktives mit deinen Schuldgefühlen, aber lass mich bloß damit in ruhe.“

„Hanna ich…“

„Gott kapierst du es nicht? NEIN!“

Sie zuckte erneut zusammen und stieß einen Laut aus, den ich nicht ganz definieren konnte. Aber er klang herzzerreißend. Dennoch machte er mich noch aggressiver.

Ich stand ruckartig auf und stieß den Stuhl zurück.

Auf einmal konnte ich die mitleidenden und schockierten Mienen nicht mehr ertragen.

„Ich muss hier raus“, flüsterte ich und floh aus dem Raum.

Bevor ich die Tür geräuschlos zuwerfen konnte, hörte ich Max beeindruckenden Bariton ein „Mum!“ ausstoßen. Wahrscheinlich warnte er sie davor mir hinter zu laufen. Dafür liebte ich ihn in diesem Moment so sehr, dass mir die Tränen kamen. Was würde ich ohne ihn tun?

Ich riss wild Türen auf und polterte blindlings die Treppe hoch.

In meinem Zimmer stieß ich geräuschvoll Luft aus und sah mich nach irgendetwas Zerbrechlichem um.

Ich fand nur ein Cremedöschen. Es knallte laut an die Wand. In diesem Moment schluchzte ich auf. Verdammt was war los mit mir? Ich erkannte mich nicht wieder. Ich hatte Angst vor mir. Angst!

Tränen flossen mein Gesicht hinunter.

Meine Güte, ich hatte in den letzten Tagen so viele Tränen vergossen, dass man ohne Mühe eine ganze Schiffsflotte damit zu Wasser lassen könnte.

Ich strich mir über die Augen.

Irgendwie musste ich diese Aggressionen loswerden. Möglichst ohne dass jemand dabei zu Schaden kam.

Ich sah aus dem Fenster. Es regnete mal wieder.

Mechanisch riss ich den Schrank auf und zerrte eine Sporthose hinaus.

Mit einer Regenjacke und Turnschuhen in der Hand verließ ich mein Zimmer und rannte die Treppe hinunter.

 

Ich wurde sofort nass, als ich loslief. Mit jedem Schritt wurde ich schneller. Ich lief nicht, ich rannte. Und zwar so schnell, dass mir bald die Seiten wehtaten. Ich ignorierte den stechenden Schmerz genauso wie die Tatsache, dass ich vor Anstrengung keuchte.

Ich brauchte das jetzt.

Irgendwann begann ich mein Tempo zu drosseln. Meine Atemfrequenz sank etwas herab und mein Puls beruhigte sich, aber meine Gedanken rasten. Alles war in meinem Kopf. Alles.

Ich dachte an Kanada, an die Reise hierher, an alles, was seit dem geschehen war. Dabei sah ich immer Duncans Gesichte vor mir. Diese Tatsache trug nicht unbedingt dazu bei, dass ich mich beruhigte.

Egal worüber ich nachdachte, die Gedanken, die sich um ihn drehten waren stets die Hellsten. Die Buntesten.

Wie hatte das mit ihm nur passieren können?

Wieder rannen Tränen mein Gesicht hinunter und mischten sich mit den Regentropfen, die monoton auf meine Wangen prasselten.

Ich verlor das Gefühl für Zeit. Kurzzeitig dachte ich daran, dass sich die Anderen Sorgen machen würde. Ich schob den Gedanken beiseite. Ich war jetzt dran. Ich musste mich mit mir selbst beschäftigen. Mit dem was geschehen war und wie ich dazu stand.

Das Klatschen meiner Füße auf dem Schlamm und das Geräusch des Regens wiegten mich in eine Art Trance, während ich einfach immer weiter lief.

Schließlich wurde mir klar, dass das der Ausbruch war, auf den ich die ganze Zeit gewartete hatte. Nein, es ging nicht alles spurlos an mir vorüber.

Was ich erfahren hatte machte mich wütend und traurig. Verzweifelt. Ich war mit einer Lüge groß geworden. Meine Güte, wie gewaltig diese Lüge eigentlich war, wusste ich eigentlich gar nicht so genau. Ich heulte laut auf und zog mein Tempo wieder an. Wieso ich? Wieso konnte ich nicht einfach so weiter leben wie bis her?

Ich schluchzte. Mir wurde klar, dass das nicht ging. Gar nichts war wie es vorher gewesen war. Gar nichts. Scheiße!

Die Tatsache machte mich ganz hilflos. Aber die Vielfalt an Emotionen, die mich zu überschwemmen drohte, wandelte sich in die einzig brauchbare - Wut.

Das war auch gut so, denn mit der konnte ich umgehen. Und noch besser war, ich konnte sie loswerden.

In dem ich mir die Seele aus dem Leib rannte, tat ich genau das. Ich wurde meine Wut los.

Und ich konnte nachdenken, ohne dass sie meinen Kopf verpestete.

 

Es regnete immer noch, als ich auf die bekannten Wege zurückkehrte, die zu Roxburgh Manor führten.

Ich hatte aufgehört zu weinen. Und ich war nicht mehr wütend. Im Gegenteil. Reines Adrenalin raste durch meine Adern und machte mich euphorisch. Ich war körperlich so ausgepowert, wie ich es mental schon lange war. Aber ich sah nicht mehr alles durch einen nebligen Schleier. Nein, jetzt sah ich klar. Die Erkenntnis endlich zur Vernunft gekommen zu sein, machte mich glücklich und ich lachte in den Regen hinein.

Hinter dem grauen Schleier aus Regentropfen, den der Himmel mir vorausschickte, erkannte ich die verschwommenen Konturen des wundervollen Hauses, dessen Schönheit ich endlich wieder genießen konnte, ohne das Gefühl zu haben ersticken zu müssen.

Nichts mehr an mir war trocken, wahrscheinlich nicht mal mein Höschen und ich hätte erbärmlich frieren müssen. Aber ich tat es nicht. Ich lachte glücklich und sprang mitten in eine Pfütze. Das Wasser spritze mir um die Ohren und drang in meine bereits nassen Turnschuhe. Es kam mir nicht kalt vor. Nein, irgendwie war es sogar wärmer, als das, das gerade auf mich herab rieselte.

Ich wischte mir die Mascarareste unter den Augen weg und lief weiter auf das Haus zu.

Ich keuchte, als ich in den stillen Flur trat. Mein Puls raste, aber ich fühlte mich so lebendig und gut, wie schon lange nicht mehr.

Ich stützte meine Hände auf meinen zitternden Oberschenkel ab und wartete, dass sich mein Atem ein wenig beruhigen würde.

Ich war völlig durchnässt und ich sah, wie Dampf von meiner erhitzen Haut aufstieg.

„Hanna.“

Duncan kam auf mich zu.

Ich lächelte glücklich.

„Hey!“

Er musterte mich ernst. Eine Bestandsaufnahme.

„Es ist alles in Ordnung. Ich musste mich ein bisschen abreagieren“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen.

Aber er sah immer noch ernst aus.

Am liebsten hätte ich an seinen Mundwinkeln gezupft, damit seine Lippen sich wieder zu diesem charmanten Lächeln verzogen und die Grübchen erschienen, die ich so sehr liebte.

Ich sah ihn liebevoll an und richtete mich auf.

„Du warst fast zwei Stunden weg.“

Ich zuckte die Schulter und grinste.

„Wirklich? Naja, ich hab ein bisschen die Zeit vergessen.“

Ich dampfte immer noch. Langsam begann ich zu frieren. Ich musste unbedingt aus diesen nassen Sachen raus, oder ich würde mir ne Blasenentzündung einfangen.

Er besah mich genauer. Ich konnte mir gut vorstellen was für ein Bild ich abgab.

Verdreckt und völlig durchnässt, mit geröteten Wangen. Die Haare nass und strähnig. Er ließ seinen Blick auf meinem Gesicht ruhen und kurz trat ein Ausdruck in seine Augen, der mir den Atem stocken ließ. Na gut. Der war momentan sowieso nicht der Zuverlässigste. Ich rang immer noch nach Luft. Aber mein Grinsen verschwand trotzdem nicht. Ich war einfach zu glücklich.

„Du warst laufen“, stellte er fest.

Ich nickte eifrig.

„Ja. Und es war einfach zu gut.“

Er sah mich immer noch so ernst an.

„Was ist los mit dir Mister…“ ich überlegte welchen Monat wir hatten „…August? Hat dir jemand sein innerstes offenbart?“

Er trat näher an mich heran. Zu nah. Mir wurde wieder bewusst, dass ich schwitzte und von oben bis unten voller Schlamm war. Außerdem gab es an mir keinen trockenen Fleck mehr. Nicht unbedingt die reizvollste Erscheinung.

Er sah auf mich hinunter. Da war er wieder. Dieser Blick, den ich nicht deuten konnte.

Ich wich nicht zurück, als er seine Hand an meine Wange legte. Er strich mit dem Daumen über die nasse, gerötete Haut. Ich erschauerte.

Sein Gesicht war wirklich sehr nah. Ich bekam seinen exquisiten Geruch in die Nase und seufzte leise.

Er lächelte kurz, aber es kam mir irgendwie ein wenig hilflos vor, dann bewegte sich sein Kehlkopf. Er schluckte und das ziemlich krampfhaft.

Ich spürte seinen Körper an meinem, wann war er denn so verdammt nah gekommen?

Ich vergaß darüber nach zudenken, als er die Lippen auf einander presste und sie dann kurz mit der Zunge benetzte. Gebannt starrte ich auf seinen Mund, während meiner ganz trocken wurde.

„Irgendwann…“ begann er heiser

„Irgendwann wirst du in meinen Armen liegen und dann Tinkerbell…“, er strich hauchzart mit seinen Lippen über den äußersten Rand meiner linke Augenbraue.

„…dann wirst du genauso so schön aussehen wie jetzt. Du wirst genauso lächeln und genau das sagen, was du gerade gesagt hast.“

Ich versuchte verzweifelt mich daran zu erinnern, was ich denn so folgenschweres gesagt hatte, aber es wollte mir nicht einfallen.

„Irgendwann Tinkerbell, verlass dich drauf.“

Seine Stimme klang rau und ging mir durch Mark und Bein. Scharen von Killerameisen rasten durch meinen Körper, von oben nach unten. Gemeine Biester, ich hoffte nur sie würden nichts Unanständiges anstellen.

Ich war zu gebannt von dem schmeichelnden Klang seiner Stimme, um etwas darauf zu erwidern. Was gab es da noch hinzu zufügen?

Er bewegte seinen Kopf wieder um ein paar Zentimeter und ich erstarrte, als seine Lippen über meinen schwebten. Niemand rührte sich. Ich spürte seinen heißen Atem auf meinen feuchten Lippen. Seine Nasenflügel bebten und er atmete unkontrolliert. Ich zwang mich die Augen zu schließen, doch ich konnte den Blick nicht von ihm nehmen. Er war so ekelhaft schön. Mein Herz schlug derart schmerzhaft gegen meine Rippenbögen, dass ich es ihm übel nahm.

Die Spannung war unerträglich.

Mein Gott, tu es endlich.

Dann begriff ich, dass er das Gleiche von mir wollte. Ich sollte diesmal die Jenige sein und er hatte mir den Weg bereits geebnet. Ich musste mich nur etwas strecken und…sollte ich das tun? Was hatte es für einen Sinn sich gegen die Gefühle zu wehren, die er in mir auslöste? Ich liebte ihn. Ich wusste das und er wusste das. Na gut, vielleicht nicht direkt, aber er war sich seiner Wirkung auf mich durchaus bewusst.

Ich schluckte schwer.

Unruhig stieß er Luft aus und drängte sich gegen mich.

Wie hypnotisiert starrte ich auf seine leicht geöffneten Lippen, die so verlockend nah waren.

Nur ein Paar Zentimeter und….nein ich wollte das nicht. Oder doch, es war genau das, was ich wirklich wollte, aber nicht so. Es wäre ein Desaster.

Er machte mich verrückt. Er empfand nicht das Gleiche für mich, wie ich für ihn und da lag das Problem. Ich war nicht so vermessen so glauben, dass er es jemals tun würde, aber es würde mich kaputt machen, würde mich auf ihn einlassen.

Ja ich liebte ihn, aber war das ein Freischein für ihn? Bei Gott, natürlich nicht. Wo blieb mein Stolz?

Ich lächelte leicht und beugte mich ein winziges Stückchen nach vorne. Ein Beben ging durch Duncans Körper und ich genoss es. Ich strich leicht mit der Zunge über seine Unterlippe. Ein sehnsüchtiger Laut entschlüpfte ihm und er drückte mich gegen die Wand, vor der ich stand. Er fasste mit einer Hand eines meiner Handgelenke und hielt es fest umklammert, während er die Hand, die auf meiner Wange geruht hatte auf meine Schulter legte.

Zahllose Empfindungen rasten durch meinen Körper. Es kribbelte überall.

„Oh Himmel…“

Duncan lehnte seine Stirn gegen meine und atmete zitternd aus. Seine Stimme klang, als würde sie ihn jeden Augenblick verlassen. Sollte ich wirklich diese Macht über ihn haben? Ich? Konnte ich das wirklich glauben?

Seine Reaktion sprach Bände, aber wieso gerade bei mir? Reagierte er auf jede Frau auf diese Weise?

Ich knabberte an meiner Unterlippe.

Er hauchte mir einen keuschen Kuss auf die Stirn und zog sich dann etwas zurück. Unsere Hüften waren immer noch verbunden und ich konnte ihn ganz genau spüren.

„Du bringst mich eines Tages noch mal um.“

Er lächelte leicht, aber es war nicht das übliche Lächeln.

Dieses hier war ehrlich und zeigte genau den Mann, der er wirklich war. Der, den ich liebte.

Mein Herz schlug laut und ich musste mich zusammen reißen, um nicht laut nach Luft zu schnappen.

„Und wie soll das bitte gehen?“ fragte ich mit einem zarten Lächeln.

„Hanna!“

Ich zuckte zusammen und drehte mich aus Duncans Umarmung.

Celia kam auf uns zu. Sie sah einfach nur besorgt aus, kein Blick sagte, ob sie das, was sie unweigerlich gerade gesehen haben musste missbilligte, oder nicht.

„Hey!“ Ich lächelte.

„Es tut mir leid, ich musste raus. Ich war so wütend, ich hab mich selbst nicht mehr erkannt. Irgendwie musste ich das loswerden.“

Sie umarmte mich auf ihre stürmische Celia Art und lächelte erleichtert. Es schien ihr herzlich egal, dass ich nass, schlammig und durchgeschwitzt war.

„Es ist gut, dass du wieder da bist.“

Dann sah sie an mir herunter.

„Gott Mädchen, geh duschen. Du holst dir den Tod.“

Sie zog mich hinter sich her und ich wagte genauso wenig ihr zu widersprechen, wie mich zu ihrem Bruder herum zu drehen und seinen Blick ein zu fangen.

 

Kapitel 9

 

1,2,3

 

Ich badete, während Celia auf dem Rand saß und fröhlich plapperte.

Es war ja so herrlich unkompliziert mit ihr.

„Und dann meinte er doch wirklich, ich könnte es doch ausprobieren.“

Ich lachte.

„Und?“

„Was und?“

„Hast du es aus probiert?“

„Nein! Natürlich nicht!“ Sie klang entrüstet.

„Wieso natürlich nicht? Meine Güte, du bist 19! Geh spielen.“

Sie kicherte und spielte mit dem Schaum. Dann schwand ihre taffe Maskerade und sie sah erstaunlich verletzlich aus.

Ich legte den Kopf schief und wartete.

„Naja…ich hätte schon gerne. Aber ich konnte einfach nicht. Er ist so viel älter und so viel erfahrener. Ich kam mir vor wie ein kleines, dummes Mädchen. Furchtbar linkisch und unbeholfen.“

„Also ich würde gerne sagen, dass ich dich verstehe, aber das tu ich nicht.“

Ich grinste. Daraufhin bespritzte sie mich mit Wasser.

Ich wurde wieder ernst.

„Celia du bist wunderschön. Wirklich. Und scharfsinnig. Und wahnsinnig witzig. Aber das weißt du doch selbst, also wo ist dein Selbstvertrauen? Schnapp ihn dir. Obwohl ich ja nicht verstehen kann, was du an ihm findest.“

Ich grinste wieder.

„Ich befürchte, dass ich diesen Biss nicht so einfach vergessen kann.“

Celia sah mich lächelnd an.

„Ich finde ihn ganz wunderbar. Genau genommen hat er dich nicht gebissen.“

„Bitte, erinner’ mich nicht an die Einzelheiten.“

Sie schmunzelte.

„Er ist älter als mein Vater.“

Sie sah auf einmal wieder ganz betrübt aus.

„Ach herrje. Er sieht aber nicht so aus! Und benehmen tut er sich erst recht nicht so.“

Pikiert verzog ich das Gesicht.

„Es hat ihm Spaß gemacht mir Angst ein zu jagen. Ein sehr böser Junge.“

Celia musterte wieder das Badewasser und ich lehnte mich darin zurück.

Sie schien sich ernsthaft für Aidan zu interessieren. Sie hatte mir erzählt, dass es jetzt schon seit Jahren so ging. Dass es sie einfach so überrumpelt hatte. Einfach so.

Doch dieses schöne Mädchen war zu schüchtern. Allen machte sie die Hölle heiß, aber bei ihm bekam sie kein Wort heraus. Das war mir sofort aufgefallen. Sehr verdächtig, wenn so etwas passiert.

Eine Weile verging, in der nur das Knistern des Schaums zu hören war. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

Ich dacht natürlich an diesen Einen. Dieses Unterwäschemodel, das zwei Zimmer weiter wohnte.

Bei dem Gedanken musste ich glucksen.

Das holte Celia aus ihren Gedanken. Ihr Blick klärte sich und sie lächelte.

„Aber was rede ich von mir. Ich finde, dass ich dich jetzt genug in Ruhe gelassen habe. Deine regelmäßigen Ausraster sagen mir, dass du das Ganze nicht halb so gut aufnimmst, wie du uns Glauben machen willst.“

Ihr Blick wurde ernst.

„Hanna Süße. Versuch nicht ständig die Coole zu mimen. Du bist nicht schwächer, wenn du zeigst, was in dir vorgeht.“

Ich schwieg. Was sollte ich auch sagen. Sie hatte Recht.

Stattdessen starrte ich auf mein Badewasser und wünscht plötzlich ich wäre allein.

„Erzähl es mir doch.“

Ich sah auf: „Was denn?“

„Egal. Irgendwas. Sag mir, was du jetzt fühlst. Was du gefühlt hast, was du darüber denkst. Ständig sagst du, du würdest das alles sowieso nicht glauben. Du kapselst dich von deinen Eltern ab, du ignorierst Sophie. Die Arme tut mir wirklich leid.“

„Soll das etwa ein Vorwurf sein?“ schnappte ich.

Celia schüttelte den Kopf.

„Natürlich nicht. Ich sag dir nur das, was du sowieso schon weißt.“

„Eben.“

Sie seufzte und sah mich abwartend an.

Ich zuckte mit dem Schultern.

„Ja, es ist extrem. Ich weiß nicht, was ich darüber denken soll.“

„Hanna es gibt nichts, was du zu ‚sollen’ hast.“

Ich legte den Kopf in den Nacken.

„Ich hab immer gespürt, dass ich nicht zu ihnen gehöre. Nicht so richtig zumindest. Ich hab nicht hinein gepasst.“

„Aber sie sind deine Familie. Sie waren überglücklich dich aufnehmen zu können. Das meinte zumindest mein Dad.“

Ich presste die Lippen aufeinander.

„Naja. Es stand zwischen uns. Das weiß ich jetzt.“

„Ich finde du solltest mit ihnen sprechen.“

Ich nickte.

„Ja, das sollte ich wohl.“

Wir schwiegen wieder.

Schließlich ließ ich die Arme hilflos ins Wasser fallen. Es spritzte nass auf.

„Das ist alles so viel. Ich begreife das gar nicht wirklich. Kennst du das? Ich nehme es nicht richtig war. Als würde ich auf die Enderkenntnis warten, aber sie kommt nicht.“

Celia nickte.

„Ich will es verstehen. Wirklich. Aber irgendwie….“

Wieder zuckten meine Schultern.

„Jeder nimmt so was anders auf. Vielleicht solltest du mal mit Sophie sprechen. Immerhin ist sie deine Schwester.“

Ich wollte aufbegehren gegen das Wort. Sie war nicht meine Schwester. Aber ich blieb still. Natürlich hatte Celia Recht. Ich tat Sophie unrecht. Sie konnte nichts dafür. Aber ich musste erst einmal das Eine realisieren, bis ich mich ihr zuwenden konnte. Deswegen hatte ich sie völlig ignoriert. Der Gedanke eine Schwester zu haben, DREI Schwestern zu haben, so ganz plötzlich, das war ein bisschen viel für mich.

Dabei lag das Ganze doch auf der Hand. Wie ich schon einmal erkannt hatte, war es völlig unsinnig zu glauben das Alles wäre nur erfunden. Wenn man mich hätte hinters Licht führen wollen, hätte es etliche einfachere Möglichkeiten gegeben. Glaubhaftere Geschichten.

Ich nickte wieder.

„Hm…“

„Versprich es mir.“

Ich reckte einen Daumen in die Höhe und verzog ergeben das Gesicht.

Celia strahlte.

„Wunderbar. Und nun…“

Oh nein. Jetzt kam die Frage der Fragen.

„…was soll das mit Veloso Hanna? Ihr kennt euch doch gar nicht.“

„Er ist amüsant.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Du bist wahrscheinlich die Erste, die diese Seite an ihm entdeckt, bevor er alle anderen Schichten seiner schillernden Persönlichkeit gezeigt hat.“

Ich grinste.

„Er ist ein Fisch und kein Hai Sophie. Er sollte dich nicht so ein schüchtern.“

Sie erschauerte.

„Diese Männer machen mich nervös.“

„Diese Männer?“

Sie druckste herum.

„Jaaaaa…“, antwortete sie gedehnt.

„…du weißt schon. Männer seines Kalibers. Groß, männlich, schön, selbstbewusst.“

Ich konnte nicht einfach, ich musste laut lachen. Celia sah mich verletzt an.

„Celia, dein Bruder ist das Paradebeispiel für diesen Männertyp.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Naja…mit Duncan bin ich aufgewachsen. Ich weiß, wie man ihn in seine Schranken verweist...du gehst so souverän mit ihnen um. Wie machst du das bloß?“

Ich und souverän? Vielleicht konnte ich doch nicht so schlecht schauspielern.

„Das kommt ganz drauf an. Max war eine sehr gute Zukunftsvorbereitung.“

Ich lächelte.

„Veloso amüsiert mich einfach nur. Aber Aidan, oder dein Bruder….“

Ich ließ des Satz in der Luft hängen.

„Ja?“ hakte Celia nach.

„Die machen mich nervös.“

„Mein Bruder?“

„Sieh mich nicht so an. Diese Wirkung hat er auf viele.“

„Man merkt es nicht.“

„Es ist besser geworden.“

Ich verschwieg, dass sich diese Nervosität in eine ganz andere Richtung gewandt hatte.

„Aber er benimmt sich manchmal so seltsam mir gegenüber.“

Celia sah mich aufmerksam an.

„Ja…Zum Beispiel bei meiner Ankunft. Er hat mich angesehen, als würde er mich….“

Ja genau….als würde er was eigentlich.

„…er sah wütend aus.“

„Er hat nicht mit dir gerechnet.“

„Er wusste nicht dass ich komme?“

„Er hat nicht mit jemandem wie dir gerechnet. Ich glaube du bist sein Typ.“

Ich ärgerte mich über den lächerlichen Hüpfer meines verräterischen Herzens.

Ich krächzte.

„Sein Typ?“

„Ja. Süß und unschuldig.“

Mein Herz sank in die Tiefe.

„Eine Herausforderung für jemanden wie ihn“, seufzte ich schwer.

Celia sah mich entschuldigend an.

„Ich befürchte er hat diesen „heilige Hure Komplex“.“

Was?

„Wie bitte?“ Ich sah sie entgeistert an.

Sie lächelte entschuldigend.

„Man nennt es nur so. Das Bedürfnis das Verdorbene hinter dem Reinen hervor zu locken. Der Reiz des Verbotenen.“

Meine Augen wurden groß.

„Ja das klingt jetzt furchtbar. Ganz so verhält es sich nicht damit. Ich versuche nur zu erklären, wieso Duncan so frustriert war.“

„Weil ich eine Persönlichkeitsstörung auslöse?“

Celia kicherte.

„Nein, ach Quatsch. Das ist immer noch die Legende. Du bist wichtig. Er kann sich dich nicht einfach so schnappen, nur weil es ihm nach einer Eroberung steht. Es geht nicht. Das ärgert ihn.“

Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass ihre Worte nicht wehtaten. Aber ich wusste es doch schließlich. Oder nicht?

Ich hatte es von Anfang an gewusste.

Ich übte diese Anziehung auf ihn aus, weil er eine Herausforderung in mir sah. Mehr nicht.

Aber wieso hörte er nicht einfach auf, wenn es ihm quasi verboten war?

„Wieso hast du dann ständig diese Andeutungen gemacht? Dass er mich in Ruhe lassen sollte?“

„Duncans Gehirn besitzt die unerfreuliche Eigenschaft sich regelmäßig auszuschalten. Dann ist er nicht mehr ganz bei Trost. Irgendwie ist er dann kein vernunftbegabtes Wesen mehr. Man muss ihm die Situation immer wieder vorhalten.“

Oh ja. Das kam mir sehr bekannt vor.

Ich fasste mir ein Herz.

„Er lässt mich nicht in Ruhe.“

„Wie?“

„Ja. Er lässt mich nicht in Ruhe. Ständig taucht er auf und nervt mich. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich bin ihm nicht gewachsen Celia. Ich kann nicht mehr. Wie soll ich ihm denn widerstehen? Gott, du weißt nicht wie das ist, wenn er dich berührt, wenn er dich mit diesem Blick ansieht. Aber alles was ich mache ist falsch. Wenn ich ihm sage er soll mich in Ruhe lassen, reizt es ihn grade. Wenn ich ihn ignoriere ebenfalls und wenn ich ihn einfach lassen würde…..dann wäre ich ein Wrack.“

Stille. Ich sah auf. Celia sah ernst aus. Sie kratzte sich.

„Ich kann das nicht. Ich bin nicht so selbstzerstörerisch“, flüsterte ich.

Ich konnte ihren Blick nicht deuten.

„Er sollte dich in Ruhe lassen“, sagte sie schließlich.

Na prima.

Ich verzog das Gesicht.

„Das hilft mir wirklich weiter.“

„Ich rede mit ihm.“

Ich stöhnte. Nur nicht das.

„Du solltest ihn besser kennen. Als würde es ihn dann nicht noch mehr reizen. Wir brauchen jemanden auf den er sich meiner statt konzentrieren kann.“

Celia sah mich aufmerksam am.

„Hast du schon mal darüber nachgedacht…nun ja, ob er es vielleicht ernst meinen könnte?“

Ich tauchte prustend unter. Als ich wieder hoch kam, sprach ihr Gesichtsausdruck Bände.

„Was ist so komisch?“

„Tut mir leid, ich wusste nicht wie ich anders darauf reagieren sollte.“

Sie wartete.

„Du meinst das Ernst“, stellte ich fest.

Eine Augenbraue zog sich in die Höhe, während sie weiterhin schwieg.

Ich öffnete gerade den Mund, um eine ausweichende Antwort zu geben, als die Klinke herunter gedrückt wurde und jemand laut stark in das Badezimmer polterte.

Celia zuckte zusammen und sah sich überrascht um, während ich quiekend tiefer im Badeschaum versank, als ich sah wer der Übeltäter war. Hektisch überprüfte ich, ob alle delikaten Stellen verdeckt waren.

„Die Damen.“

Spöttisch zog Duncan einen imaginären Hut und vollzog eine halbe Verbeugung.

Er drehte uns den Rücken zu und ich sah Celia mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Ich vollführte ein paar Bewegungen in seine Richtung und sah sie fragend an.

Celia zuckte mit den Schultern.

Na prima.

„Lasst euch nicht stören.“

Sprachlos sahen wir zu, wie Duncan sich seine Zahnbrüste in den Mund steckte.

Da fand man doch wirklich keine Worte mehr.

„Duncan?“ fragte Celia unschuldig und trat auf ihn zu.

Irgendein seltsamer Laut kaum aus dem Mund ihres Bruders, während sie neben ihn trat und unsicher lächelte.

„Eh…ich bin mir nicht ganz sicher was du hier suchst Duncan.“

Theatralisch verdrehte dieser die Augen und zeigte sehr deutlich auf seine Zahnbürste. Dann hob er die Schultern und schüttelte den Kopf durch den Spiegel in meine Richtung.

Ich verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln.

Der Gute machte sich mal wieder einen Spaß.

„Ja….das sehen wie auch. Aber was suchst du hier Duncan?“

Celia sprach langsam und deutlich, als würde sie mit jemanden reden, der nicht ganz richtig im Kopf war. Naja, schließlich war Duncan das auch nicht, wie diese Aktion mal wieder erwies.

Mister Universe spülte sich den Mund aus und sah seine Schwester dann gespielt erstaunt an.

„Störe ich etwa? Oh…..“

Die Bestürzung Miene hätte man ihm fast abkaufen können, wäre er nicht Duncan gewesen.

„….das tut mir leid. Es war nicht abgeschlossen, da dachte ich…“

Das typische Grinsen zierte sein Gesicht.

Ich stöhnte genervt auf und tauchte ab.

Der Kerl war doch wirklich zum Abgewöhnen.

Als ich keine Luft mehr bekam, war er immer noch da und stritt lautstark mit Celia.

„Du bist ein Idiot!“

„Was für ein Glück ist es, dass wir verwandt sind.“

„Meine Güte, dein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom wird immer schlimmer.“

„Wie war das doch gleich? Hilf mir doch mal, du bist meine Schwester, oder? Irgendwas in der direkten Blutlinie jedenfalls.“

„Du bist einfach nicht zufrieden, wenn du eine Minute lang nicht im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit stehst. Das ist einfach unglaublich. Weil du es in einem gewissen Rahmen nicht schaffst den Blick auf dich zu lenken, musst du die Leute nerven, damit sie dich mitkriegen. Duncan das ist jämmerlich.“

„Hm, grade dachte ich dass ich es habe, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Bist du vielleicht doch meine Mutter? Jedenfalls benimmst du dich so…“

Nun ja. Vielleicht stritten sie nicht. Streiten konnte man dieses Geplänkel nicht nennen. Duncan sah Celia noch nicht einmal an. Er schien vielmehr ganz in seinem Selbstgespräch auf zugehen.

„Hör auf so zu tun, als würdest du mich nicht verstehen du Hornochse. Wann wirst du erwachsen Duncan?!“

Besagter ließ ein lautes Seufzen ertönen und sah in meine Richtung.

Ich hatte mir in Sicherheit gewiegt und meine Beine auf den Badewannenrand abgestützt. Ein Fehler. In Duncans Augen blitzte es nämlich gerade in dem Augenblick, in dem er sie bemerkte, begehrlich auf.

Schnell korrigierte ich meinen Leichtsinn. Aber zu spät.

Er deutete auf meinen Beine, die nun unter Wasser waren.

„Wirklich hübsch Tinkerbell. Solltest du häufiger zeigen.“

Ich zuckte die Schulter.

„Ziemlich kurz.“

Er grinste.

„Mir reichts.“

Wieder einmal lief es mir heiß den Körper hinab. Da war etwas zwischen uns. Etwas Kribbeliges, Heißes, das gewaltig knisterte. Zumindest kam es meiner einsamen, kleinen, nach Sex hungernden Phantasie so vor.

Oh wie furchtbar. Die Pubertät war definitiv noch nicht überwunden. Mist aber auch.

Celia nutzte den Augenblick der Ablenkung und schob ihren Bruder hinaus auf den Flur. Ehe der sich rühren konnte tat sie das, was sie besser vor einer halben Stunde hätte tun sollen -abschließen.

Sie sah mich entschuldigend an, als ich das Gesicht verzog.

Dann hielt sie mir ein Handtuch hin und ich stieg aus dem warmen Wasser.

Sie rubbelte meine Haare trocken, während ich mich in das Tuch wickelte. Ein ziemlicher Drahtseilakt, aber witzig.

 

Frisch gewaschen, trocken und vor allem warm, machte ich mich auf die Suche nach meinen Eltern, die nicht meine Eltern waren.

Eigentlich hatte ich keine große Lust auf ein Grundsatzgespräch, aber meine Vernunft sagte mir, dass ich es nicht ewig vor mit würde herschieben können.

Ich fand sie schließlich, oh welch Wunder, sie waren anwesend, in einem Zimmer, das nach arbeiten aussah. Es wunderte mich kein bisschen, dass ich mich nicht daran erinnern konnte, es jemals vorher betreten zu haben.

Als ich schweigend den Raum betrat, ruckte der Kopf meines Vaters erstaunt in die Höhe, während der Blick meiner Mutter fast ängstlich wirkte.

Ich schloss die Tür hinter mir und lehnte mich dagegen.

Niemand sagte ein Wort. Ich wurde nur angestarrt.

„Was?“ schnorrte ich schließlich genervt.

„Habt ihr vergessen wie eure Tochter aussieht, oder was?“

Einen Augenblick herrschte Stille, bevor Elizabeth O’Sullivan zitternd Luft ausstieß und ein kleiner Schluchzer die Stille durchriss.

„Oh Hanna.“ Kurz darauf fand ich mich in einer recht nassen Umarmung wieder, die ich instinktiv erwiderte.

Etwas unbeholfen tätschelte ich der größeren Frau den Rücken und nickte ergeben.

Mein Vater sah ebenfalls erleichtert aus, als er auf uns zu trat.

„Weißt du, dein Charakter kann derweilen etwas….“, er suchte nach Worten, „anstrengend sein mein Kind.“

Er legte seine Hand auf meinen Kopf.

„Na hör mal…“, versuchte ich meine Mutter zu übertönen.

Genervt verdrehte ich die Augen, als ein noch lauteres Schluchzen mich unterbrach.

„Meine Güte, jetzt hör aber auf. Seit wann bist du denn so unbeherrscht?“

Ich versuchte sie von mir zu drücken, doch sie klebte quasi an mir fest.

Ich verzog den Mund, während mein Vater für sie antwortete.

„Seit du es auch bist.“

„Benimm dich bloß, sonst geh ich wieder. Ich bin nicht hier, um mir die Schuld in die Schuhe schieben zu lassen. Ich hab immerhin nicht 17 Jahre lang gelogen.“

„Ich finde du formulierst das etwas hart mein Schatz. Genau genommen war es uns einfach nicht gestattet dir die Wahrheit zu erzählen. Und belogen wurdest du nie. Dein Bruder hat sogar desöfteren versucht, dich in die richtige Richtung zu stoßen.

Nun machten auch Max’ ständige Anspielungen auf unsere Unähnlichkeit einen Sinn.

Da es mir in diesem Augenblick unmöglich war meine Arme vor dem Körper zu verschränken, beließ ich es bei einem Schnauben.

„Aha. Da bin ich doch gespannt auf eine Erklärung.“

„Nicht alle sind dafür, dass die Legende ihre Erfüllung findet.“

„Könnten wir ein anderes Wort dafür benutzen? Jedes Mal stellen sich meine Nackenhaare auf. Das klingt allzu sehr nach Verschwörung und Sekte.“

„Was wäre euer Ladyschaft denn genehm?“

„Nennen wir es einen Umstand.“

„Umstand.“

Ich nickte.

„Sehr wohl die Dame. Nicht jeder steht gut Fuß mit….“

Ich warf ihm einen drohenden Blick zu.

„…mit dem…Umstand. Wenn nicht mal du wusstest, was du wohlmöglich für uns bedeuten könntest, würde es auch niemand anderes erfahren, der vielleicht dein Feind sein könnte.“

Ups. Feind?

„Feind? Was soll das heißen?“

„Nun ja, also ein Feind, das ist ein…“

„Dad…“, knurrte ich.

Sein Lächeln wirkte überglücklich.

Ja, mir hatte es ja auch gefehlt mit ihm zu kabbeln.

„Wir wissen nicht wie weit sie gehen würden um es zu verhindern.“

„Was verhindern?“

Er zuckte die Achseln.

„Tja, wenn wir das wüssten wäre es wirklich einfacher, aber leider bleibt die….der Umstand da sehr wage.“

„Wage…“

„Genau genommen ist nicht davon die Rede was passiert. Man kann Vermutungen anstellen…um ehrlich zu sagen gefallen die mir gar nicht. Du bist 17 und was die jungen Burschen heut zu tage wollen ist klar und…“

„DAD!“

„Wir wissen es nicht. Die aber eben auch nicht. Das alles immer zwei Seiten haben muss…“

Ich ignorierte sein verwirrendes Gerede und konzentrierte mich auf das Wesentliche. Meine Mutter hatte sich inzwischen beruhigt und streichelte mir unentwegt über das Haar, während sie mich mit einem irritierenden Blick betrachtete.

Mütter!

„Fakt ist, dass sie nicht wollen, dass sich etwas ändert. Denn niemand weiß, was sich eigentlich ändern wird, wenn…“

Ich sah ihn abwartend an.

Er sah mich entschuldigend an. „Wenn es soweit ist.“

„Danke.“

„Wofür?“

„Dass du nicht Erlösung gesagt hast. Aber da ich es jetzt sowieso sagen musste, weil du meine Dankbarkeit sonst nicht verstanden hättest, war es quasi sinnlos und du hättest es sowieso sagen können. Trotzdem danke.“

Er zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Oh Hanna, das alles tut uns so leid“, krächzte meine Mutter von der Seite und ich zuckte erschrocken zusammen.

„Meine Güte Mum, wo bleibt dein Stolz. Du klingst wie eine dieser Mütter, die du nie sein wolltest.“

„Ich weiß, aber ich kann nicht anders.“ Jetzt streichelte sie nicht mehr mein Haar. Sie streichelte meinen Rücken. Aber da sie das wohl brauchte, ließ ich sie gewähren.

Was waren wir nur für ein seltsamer Haufen.

„Das ist keine Entschuldigung.“

Mein Vater seufzte.

„Weißt du wir haben diese Regel nicht gemacht. Das Risiko war zu groß. Hätte jemand herausgefunden, dass du Bescheid weißt, obwohl wir, bei allem was uns heilig ist schwören mussten es dir nicht zu sagen, hätten sie dich uns weggenommen.“

„Gott klingt das alles furchtbar.“

„Hanna also wirklich. Deine Ironie war noch nie passend, aber hier ist sie wirklich fehl am Platz.“

„Tut mir leid, aber das hört sich an wie ein schlechter Hollywoodstreifen.“

„Nun, wohl eher nach einem Phantasieabenteuer.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, Phantasie ist realistischer als das hier.“

Ich ächzte, als meine Mutter mich wieder in ihre Arme zog.

„Es war so furchtbar, dich endlich bei uns zu haben und mit dir zu streiten“, weinte sie.

Verwirrt zog ich die Brauen zusammen. Meine Güte.

„Endlich?“

Mein Vater übernahm das wieder, weil seine Frau fortfuhr, meinen Pullover zu ruinieren:

„Meinst du es war schön, dich immer weit weg zu wissen? Aber es war Teil des Paktes. Wir sollten versprechen dich möglichst wenig bei uns zu haben.“

Ich stöhnte.

„Was? Oh Gott! Hast du eine Ahnung wie das alles klingt? Das wird ja immer schlimmer. Wer hat das nur geschrieben? Der Autor gehört verklagt. Wenn die Produktion genauso schlimm wird, dann…“

Er sah verwirrt aus, doch dann verstand er die Anspielung auf den Vergleich mit dem Hollywoodstreifen.

Er hob die Achseln.

„Du solltest es nicht so früh herausfinden, deswegen solltest du nur in den Ferien bei uns sein. Irgendwann hättest du wohl oder übel mitbekommen, dass wir ein klein wenig anders sind, als du.“

Ich zuckte gepeinigt zusammen.

„Ich würde dich bitten, es nicht öfter als nötig zu erwähnen.“

Ich hatte mich an den Gedanken immer noch nicht so ganz gewöhnen können und versuchte es so oft wie möglich auszublenden.

Entschuldigend grinste er.

„Ich kann das einfach nicht fassen.“

Jetzt wurde meine andere Seite auch noch umarmt. Nur keine Platzangst kriegen.

„Du bist sehr tapfer.“

„Wie lief das damals ab?“

„Wir gehören dem engen Kreis an…“

Ganz ruhig Hanna. Nicht auf diese furchtbaren Begriffe reagieren.

„…und als wir dich sahen, da konnte wir nicht anders, als uns selbst vorzuschlagen, als beratschlagt wurde, wo ihr bleiben sollt.“

„Wie süß.“

„Johanna.“

Oh, Mum mischt sich auch mal wieder ein.

„Was? Heul einfach weiter.“

„Hanna.“

„Jaja, `tschuldigung.“

„Irgendwie bist du heute seltsam. Du bist so ruppig.“

„Ich bin genervt. Kannst du dir vielleicht vorstellen, dass sich gar nicht so entwickelt, wie ich mir das vorstelle?“

Mein Vater unterbrach uns, in dem er einfach weiter sprach: „Man nahm uns und den anderen 3 Familien die Versprechen ab alles nötige zu tun, um euch zu schützen. Der Rest dürfte dir bekannt sein.“

Ich war immer noch beleidigt.

„Ihr hättet wenigstens miteinander in Kontakt bleiben können, damit wir zusammen aufwachsen können.“

Man schenkte mir zweifelnde Blicke von beiden Seiten.

„Also für ein Mädchen, das angeblich einen Kopf auf den Schultern trägt, war das jetzt ein außergewöhnlich blöder Kommentar. Mir scheint dein Verstand verabschiedet sich, wenn du beleidigt bist.“

Ich sah meinen Vater empört an.

„Na hör mal. Wir haben uns noch nicht wieder vertragen. Wie wär’s, wenn du nach der ganzen Aktion etwas höflicher wärst? Ich glaubs ja nicht, kaum schrei ich euch nicht mehr an, bist du wieder gemein zu mir.“

Er gluckste.

„Es tut mir leid, aber du hast mir so gefehlt.“

Ich schnaubte erneut.

„Dir ist doch wohl klar, dass vier Mädchen, die sich so sehr gleichen, wie ihr es tut, kein Aufsehen erwecken. Ganz davon zu schweigen, dass es euch auch irgendwann aufgefallen wäre. Da wäre das Geheimnis wirklich lange geheim geblieben.“

Ich verzog das Gesicht. Klugscheißer.

Natürlich hatte er Recht.

„Woher willst du wissen, dass die anderen auch so aussehen wie Sophie und ich, hä?“

„Nur weil wir euch nicht zueinander gelassen haben, heißt das nicht, dass wir nicht mit einander in Kontakt standen.“

Ich sah ihn ungläubig an.

„Aber du hast du grad gesagt…“

Sofort unterbrach er mich.

„Ja und es stimmt, bevor du dich wieder aufplusterst. Natürlich nur selten. Aber wir wussten immer das Nötige über die anderen Mädchen“

Puh. So langsam kam es mir vor, als würde jeder andere mehr über mich und mein Leben wissen, als ich selbst. Ein erschreckender Gedanke.

„Ihr macht mich ganz fertig. Ma, jetzt reicht es. Such dir einen Kratzbaum oder so was, aber hör auf mich zu durchnässen.“

„Entschuldige mein Schatz.“

Sofort entfernte sie ihr tränenfeuchtes Gesicht von meinem Pullover.

„Meinst du, du kannst uns verzeihen?“

„Hm…“, grummelte ich.

„Von jetzt an wird mit offenen Karten gespielt, das versteht sich von selbst.“

Ich sah meinen Vater an.

„Wirklich?“ fragte ich schließlich.

Er nickte.

„Wenn ich das doch sage.“

Sofort hob ich eine Augenbraue.

Schnell wechselte er das Thema.

„Ich hätte nie gedacht, dass du und Max mal eine Allianz gegen uns bilden würden. Das hat mich fürchterlich erschreckt.“

„Du hast es fürchterlich wundervoll gefunden, also erzähl mir nichts.“

Er lächelte glücklich und zog seine Frau in seine Arme. Die war immer noch ganz aufgelöst und klammert sich an ihn, mit neuen Tränen in den Augen.

Ich beschloss spontan zu fliehen.

„So rührselig das ja alles sein mag, ihr habt meine neu gewonnene Vernunft lang genug auf die Probe gestellt. Jetzt ist sie aufgebraucht. Also geh ich lieber.“

Ich ließ noch einige Küsse und Umarmungen über mich ergehen, bevor ich unter vielen überschwänglichen Worten aus dem Zimmer ging.

Draußen atmete ich betont langsam ein und aus, bevor sich ein Lächeln auf meine Lippen schlich.

Natürlich war ich froh. Mir war, als wäre der berühmte zentnerschwere Stein vom Herzen gefallen, aber ich hatte nicht gelogen, als ich davon gesprochen hatte, dass meine Geduld am Ende wäre.

Ich war nie ein Mensch großer Worte gewesen. Mich selbst vor meinen Eltern als deren Tochter zu bezeichnen, hatte viel mehr ausgesagt, als eine große Rede es gekonnt hätte.

Nun da das Problem aus der Welt geschafft war, beschloss ich Sophie zu suchen.

Nur ein bisschen Geplänkel. Das würde sie schon verstehen. Dann konnte ich mich wieder verkrümeln und alle waren glücklich.

Hoffentlich würde sie es wirklich verstehen, ich hatte keinen Nerv für lange, vernünftige Gespräche. Da zog ich sowieso immer den Kürzeren. Aber nach all den Tagen der aufgewühlten Gefühlsduselei, hatte ich es auf einmal unvernünftig eilig alle Ungereimtheiten aus der Welt zu schaffen.

 

Widererwarten, fand ich das Mädchen sehr schnell. Eigentlich musste ich überhaupt nicht nach ihr suchen, denn sie hatte wohl die gleiche Idee gehabt wie ich und saß auf meinem Bett. Die Tatsache irritierte mich, denn hier hatte ich sie nun wirklich nicht erwartet.

Einen Moment stand ich in der Tür und starrte sie, die Stirn runzelnd an.

Als sie sich immer unwohler zu fühlen begann und den Mund dreimal geöffnet und wieder geschlossen hatte, setzte ich mich in Bewegung. Ich zog mir einen Stuhl heran.

„Also das überrascht mich jetzt.“

Sophie lächelte schüchtern.

„Tja weißt du, ich dachte, dass wir mal miteinander reden sollten.“

„Tatsächlich?“

Sie hob die Schultern.

„Aus irgendeinem Grund scheinst du etwas gegen mich zu haben. Ich meine, du zeigst es nicht direkt, zumindest schreist du mich nicht an, oder so was, aber um ehrlich zu sein finde ich gerade das bedenkenswert. Du ignorierst mich komplett. Nenn mich verrückt, aber ich habe das unglimpfliche Gefühl, du gibst mir die Schuld an der ganzen Misere…“

Sie machte eine unsichere Bewegung, die so gar nicht zu den selbstsicheren Worten passen wollte, die so schnell aus ihrem Mund sprudelten.

„...so abwegig das auch sein mag, denn schließlich bin ich in dieser Geschichte genauso ein Opfer wie du es auch bist und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was dich zu dem Gedanken verleitet haben mag, dass ich etwas dafür könnte, denn das kann ich nicht, wie gesagt und…“

Na sie war wohl eine der ganz schnellen Sorte.

„Halt mal die Luft an!“ unterbrach ich sie.

„Du hast ganz recht, wir müssen reden. Genau genommen wollte ich mich gerade auf die Suche nach dir machen, da sich das erledigt hat…wunderbar, fangen wir an. Ich befinde mich gerade auf einem Pfad der Vernunft…irgendwie war mir die in letzter Zeit abhanden gekommen, ich weiß auch nicht, wo sie gesteckt hat. Du musst wissen, wir verstehen uns nicht besonders gut, meine Vernunft und ich, meine ich und manchmal ist sie beleidigt, weil ich mal wieder nicht auf sie gehört habe. Zumindest glaube ich das…. Na ist ja auch egal. Ich habe mich gerade eben mit meinen Eltern ausgesöhnt, deswegen das Geplapper mit der Vernunft und ich bin so was nicht gewohnt, geschweige denn gut darin, deswegen strengt es mich an und um ehrlich zu sein, habe ich nicht all zu viel Lust jetzt große Reden zu schwingen. Aber ich war unfair zu dir und ich möchte dir erklären was in mir vorgegangen ist.

Also vielleicht können wir das hier ganz schnell abhaken, da wäre ich sehr glücklich drüber.“

Im Schnellsprechen stand ich ihr in nichts nach, deswegen nickte sie nur überrumpelt.

„Wunderbar. Also…Wie ich den letzten Tagen drauf war hatte nichts mit dir zu tun. Vielleicht hat es sich so angefühlt, das tut mir leid, es war nicht absichtlich, aber ich habe auch nichts getan, um es zu verhindern, obwohl ich es natürlich gemerkt habe. Weißt du, das hier alles ist sehr schwer für mich. Ich kam mir mein Leben lang ziemlich unnütz und ungebraucht vor. Als würde ich nirgendwo hingehören. Jetzt weiß ich wieso, das macht das Ganze nicht besser, aber ich befinde mich auf dem Weg der Verzeihung…“

Meine Güte, selbst in meinen eigenen Ohren klang das lächerlich.

„…Ich weiß nicht, wie das Ganze bei dir aussieht, ich kenne deine Geschichte nicht, was ich natürlich bedauere und wir werden darüber reden, nur nicht jetzt. Nun, aber vielleicht verstehst du, wie ich mich gefühlt habe. Dann komm ich hierher und werde behandelt, als wäre auf einmal alles in Ordnung, ohne das alles in Ordnung ist. Ich weiß das klingt verwirrend…das ist es schließlich auch, die ganze Geschichte ist verwirrend, aber der Punkt ist, ich kam mir ein bisschen verarscht vor. Dann diese Geschichte und noch ein paar andere Problemchen und dann wird meine schlimmste Vermutung bestätigt. Der Gedanke eine Schwester zu haben…Pardon, drei Schwestern zu haben, war reichlich…..merkwürdig. Damit konnte ich mich nicht befassen. Ich habe es einfach ignoriert. Damit habe ich auch dich ignoriert. Das tut mir leid, es war unreif und unfair, aber so bin ich manchmal, was mir wiederum auch leid tut. Aber vielleicht können wir einfach noch mal von vorne anfangen…?“

Ich wartete ab.

Sophie seufzte.

„Das wäre sehr schön Hanna. Wirklich.“

„Wunderbar.“

„Ich war dir nie böse, ich versteh dich nur zu gut, ich fand nur, dass wir endlich darüber sprechen sollten. Weißt du das alles ist für dich genauso schwer, wie für mich und dann kommt noch die Sache mit Duncan hinzu und…“

Falls diesen Worten irgendwas folgte, hörte ich es nicht mehr. Ich setzte mich auf.

„Was?“ unterbrach ich sie in ihrem weiteren Gerede.

„Hm?“ Sie wirkte irritiert.

„Welche Sache meinst du denn?“

Sie sah mich voller Mitleid an. Am liebsten hätte ich mich irgendwo verkrochen.

„Ach wir müssen nicht darüber reden. Es sieht jeder, was du von ihm willst.“

„Tatsächlich.“

Meine Kehle war ganz trocken und meine Stimme klang zögerlich.

Sophie machte eine wegwerfende Bewegung und setzte ein verschwörerisches Lächeln auf.

„Das klappt auch noch. Männer wie er sind leicht zu verführen.“

Sie dachte also, dass ich scharf auf ihn war und hielt ihn für begriffsstutzig.

„Das kriegen wir hin Hanna, keine Angst.“

Ich sah sie schockiert an.

„Nein. Bloß nicht.“

Sie kicherte.

„Ach, sei doch nicht so. Du musst ihn nur gescheit anmachen.“

Oh Gott, ich sah eine riesige Katastrophe auf mich zu rollen.

„Weißt du, du missverstehst da etwas. Das Ganze verhält sich etwas anders, ich…“

Ich wurde wieder unterbrochen.

„Du brauchst dich nicht zu zieren. Wer kann es dir schon verübeln. Er ist ein Traum.“

Ich lächelte hilflos.

„Na dann los. Schnapp ihn dir. Ich bin dir nicht böse.“

Sie sah mich schockiert an.

„Aber Hanna. Traust du mir das zu? Das könnte ich nie, nicht, wenn du ihn mit solchen Augen ansiehst.“

„Mit was für Augen denn?“

Langsam bekam ich Panik.

„Ich kann dir ein paar Tipps geben, wenn du willst.“

Gott bewahre.

„NEIN.“

„Na gut, wenn du meinst.“ Sie klang etwas beleidigt.

Ich lachte unsicher.

„Äh danke. Wirklich ich weiß das zu schätzen, aber ich bin froh, wenn er mich in Ruhe lässt.“

Ihr Lächeln wandelte sich wieder und ich zuckte zurück. Bloß nicht.

„Hör schon auf, er weiß es doch sowieso schon.“

Oh mein Gott.

„WAS weiß er.“

„Niemand kann so blind sein. Aber um ehrlich zu sein, tust du mir ein bisschen leid.“

Oh, ich mir auch.

„Was?“

„Ja. Tut mir leid, aber irgendwie scheint das ja nicht so richtig zu klappen, mit euch.“

Ich war kurz davor zu kollabieren. Ich stöhnte.

„Sophie, wirklich, das ehrt dich, aber das sieht ganz anders aus.“

Sie schien mich nicht gehört zu haben.

„Aber das müsste sich ändern lassen. Du musst ihm nur ordentlich einheizen. Auch wenn sich das für dich etwas schwierig gestalten könnte“, sagte sie, nach einem Blick auf mich.

Das unterbrach mich in meinem Selbstmitleid und ich blickte empört auf.

„Na hör mal…“

Schon wurde ich wieder unterbrochen: „Wenn man es richtig anstellt, schafft es jedes Mädchen jemanden wie Duncan abzuschleppen.“

Mit offenem Mund starrte ich sie an. Das ging jetzt aber wirklich zu weit.

Nachdem sie noch ein paar weitere Kommentare abgelassen hatte, die meinen Stolz verletzten, gelang es mir, sie abzuwimmeln, in dem ich ihr versicherte, dass ich ihre Hilfe wirklich nicht benötigen würde. Im Grunde meinte sie es nur gut, deswegen verzieh ich ihr.

Nur der Ausdruck in ihren Augen machte mir ein bisschen Angst. Sie würde wohl nicht locker lassen und das war gar nicht gut.

Die Tür schloss sich leise hinter ihr, nachdem sie mir noch einmal einen verschwörerischen Blick geschickte hatte.

Wie furchtbar. Hoffentlich würde sie sich nicht zu etwas Dummen hinreißen lassen. Ich musste das irgendwie wieder richtig stellen. Duncan würde das nur ausnutzen.

So langsam war ich der Verzweiflung nahe. Nur mein Stolz hielt mich davon ab einfach zu ihm zu gehen und mein Höschen in seine offenen Hände zu feuern, ganz so, wie ich es schon einmal formuliert hatte. Dann wäre ich ihn doch los, oder?

Das Problem an der Sache war nur, dass ich mich in den 17 Jahren, in denen ich jetzt schon mit mir zu tun hatte, recht gut kennen gelernt hatte. Diese Erfahrung mit meiner Persönlichkeit sagte mir, dass es mir danach ganz und gar nicht gut gehen würde. Das ganze Drama würde erst richtig losgehen, mit den wilden Hoffnungen, die ich mir eventuell machen könnte und gegen die ich nicht ankommen würde, so naiv und dumm sie auch wären. Langsam verstand ich, wieso die Hoffnung einmal gut verschlossen in der Büchse der Pandora geruht hatte, ohne den Plan, sie jemals auf die Menschheit loszulassen. Hoffnung konnte wirklich sehr schlecht sein.

Ich stoppte diese sinnlosen Ausflüchte in Mythologie. Das würde mir jetzt auch nicht helfen.

Ich verzog das Gesicht. Das war doch zum Heulen.

Wieso beschäftigte mich dieser Idiot mehr, als alles andere? Ich dachte mehr über ihn nach, als über die ganze Vampirduselei. Zum Teufel noch mal mit ihm. Dieser Hornochse raubte mir meinen letzten Funken Verstand.

Angewidert schüttelte ich mich.

Ich wollte mein Freunde anrufen und mich ausheulen, doch dann dachte ich an die wichtigeren Neuigkeiten. Niemand hatte mit mir bisher über Verschwiegenheit gesprochen, doch die vielen Andeutungen und die Tatsache, dass ich bis vor ein paar Tagen selbst nicht darüber Bescheid wusste, angeblich zu meinem Schutz, stimmten mich in dieser Hinsicht nachdenklich. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich die ganze Geschichte für mich behalten sollte, war doch relativ hoch. Ich kaute an meiner Oberlippe. Ach zur Hölle.

Das war doch wirklich schrecklich. Wie konnte ich denn mit ihnen sprechen, ohne mit der Wahrheit herauszuplatzen, die verboten war, zumindest vermutete ich das.

Ich legte meinen Kopf in die Hände und raufte die Haare.

Ein langes, natürlich nicht ganz ernst gemeintes Heulen kam aus meinem Hals.

Ich verspürte große Lust irgendetwas zu treten. Das wiederum war gar nicht gut, denn es zeigte, dass meine Zerstörungswut wieder erwachte. So schnell hatte ich nicht wieder mit ihr gerechnet.

In diesem Moment klopfte es und ich betete, dass es nicht dieser Eine sein möge.

Obwohl der wahrscheinlich nicht klopfen würde.

Also nahm ich den Kopf aus den Händen und gab irgendeinen unartikulierten Laut von mir, der mich dazu veranlasste zum wiederholten Male das Gesicht zu verziehen.

Schnell verbesserte ich das Geräusch zu einem „Ja?“ und die Tür öffnete sich.

Herein spazierte eine der vielen Sahneschnitten des Hauses, momentan allerdings die mir liebste.

Ich musste grinsen. DIE Liebste, das würde ihm gar nicht gefallen, auch, wenn es nur der, dem Nomen logisch folgende Artikel gewesen war, der mich dazu gebracht hatte das zu denken.

„Also ich kenne dich noch nicht allzu lange, aber ich habe schon gemerkt, dass es mit dir nie langweilig wird. Deswegen habe ich beschlossen dich zu meinem persönlichen Entertainmentprogramm zu befördern.“

„Oh, vielen dank. Und was bedeutet das jetzt für mich?“

„Keine Ahnung, mach irgendwas Komisches!“

„Was komisches….?!“

„Ja. Amüsier mich!“

Ich gluckste.

„Naja, also da ich ein Mädchen bin glaube ich, dass mir das nur schwerlich gelingen würde.“

Er ging nicht darauf ein.

„Süße, ich mag ja vieles sein. Aber nicht chauvinistisch, da muss ich dich enttäuschen. Was das angeht, brauchst du wohl einen anderen Konfliktbewältigunspartner.“

Ich war mir sicher, dass er dieses Wort soeben erfunden hatte.

„Ich wüsste schon welchen.“ Sein Grinsen wurde schelmisch und ließ mich die Augen verdrehen.

Hörte das denn nie auf?

„Ich hab keine Ahnung wovon du sprichst.“

„Oh ja…da bin ich mir sicher.“

Ich sah zu anderen Seite.

„Ähm….ja. Gut.“

Wir schwiegen.

„Mir ist langweilig. Ich finde wir sollten ausgehen.“

„Hä?“

Er sah mich zweifelnd an.

„Also wirklich Hanna, es heißt ‚Wie bitte’. Außerdem steht dir dieses Gesicht gar nicht.“

Er machte es nach. Natürlich übertrieben.

Ich stöhnte und drehte ihm den Rücken zu.

„Geh doch mit einem deiner Betthäschen.“

„Naja da hab ich auch schon drüber nachgedacht, aber ich würde es heut vorziehen mit jemandem zu gehen, mit dem ich nicht schlafen werde.“

Er sah mich mit einer Mischung aus Entschuldigung und Verknirschtheit an und brachte mich zum Lachen.

„Ok, lass uns gehen.“

 

Aus dem Tag, der auf so katastrophale Art und Weise begonnen hatte, wurde noch ein recht passabler, denn Veloso schleppte mich in die nächste größere Stadt, deren Namen ich sofort wieder vergaß. Es geschah zwar nicht weltbewegendes, aber es erinnerte mich an meine Unternehmungen mit Julia und William und amüsierte mich.

Veloso war charmant und witzig, ohne aufdringlich zu sein. Wir verstanden uns einfach prächtig.

Ich verzieh es ihm sogar, dass er mich desöfteren an die Hand nahm, wie er meinte, um mich nicht in den Menschenmassen zu verlieren, die nicht da waren, weil ich ja so klein war, aber ich wusste, dass er es tat, um sich nicht mit den ganzen Höschen beschäftigen zu müssen, die in seine Richtung geworfen wurden.

Ich spielte das Spiel mit und hatte großen Spaß an den neidvollen Gesichtern.

Der Nachmittag fand seinen Höhepunkt, als Veloso mir ein Eis kaufte und ich Zeit fand die Menschen um uns herum zu beobachten. Zwei Mädchen hatten nach langer Zeit des Überlegens den Mut gefunden sich an ihn heran zu pirschen. Ich konnte es ihnen wirklich nicht verübeln, dennoch tat mir Veloso langsam leid. Natürlich sah ich auch meine eigene Chance endlich kommen, also nutzte ich die Gunst der Stunde und legte meine Hand auf seinen spektakulären Hintern, den ich schon seit geraumer Zeit beobachtete.

Die Mädchen drehten enttäuscht ab und ich konnte nicht anders, als zu feixen. Wer hätte gedacht, dass sich mein Leben einmal so entwickeln würde?

Veloso sah erstaunt auf mich herab und folgte meinem Blick.

„Darauf wartest du schon den ganzen Tag, hab ich Recht?“

Er drückte mir das Eis in die Hand und ich dankte ihm.

„Hey, ich mach hier nur meinen Job. Wird der eigentlich bezahlt?“

„Ich hab dir gerade ein Eis spendiert und was du gerade tust, sollte Lohn genug sein. Und jetzt nimm deine kleine, süße Hand da weg, sonst gibt es hier noch ein Malheur.“

Ich lachte und gab ihm einen Klaps auf den Prachtpo. Dann zog ich bedauernd meine Hand weg.

„Danke Gott für deine glorreiche Schöpfung“ himmelte ich.

Veloso gluckste.

„Amen.“

 

Kapitel 10

 

Ich hätte an deinem Ohr geknabbert…

 

 

Wir gingen eine Weile durch die Straßen spazieren, während ich an der Eiswaffel knabberte. Es war wärmer als noch heute morgen, ich fror nicht mal.

Als Veloso mich schließlich dennoch in die Arme nahm, sah ich mich alarmiert um und suchte nach neuen Catwomen, die sich auf ihn stürzen wollten. Er lachte und drückte mich an seinen Astralkörper.

„Keine Angst mein Schatz, niemand in Sicht. Ich war nur gerade froh, dass du nicht so ein kleines Naivchen bist wie Sophie. Außerdem bist du viel amüsanter.“

„Also wirklich“, sagte ich entrüstet und sah ihn streng an.

„Das war jetzt nicht nett. Man spricht nicht über Menschen, wenn sie nicht dabei sind.“

„Sei keine Spaßbremse.“

„Woher willst du wissen, dass ich nicht naiv bin?“

„Bist du`s?“

„Tja, wenn ich das wüsste.“

„Sie hat mich doch tatsächlich angemacht.“

„Als ihr sie eingeweiht habt?“

Er nickte.

„Also irgendwie ein seltsames Mädchen. Nett, aber irgendwie…“

„Nymphoman“, half ich ihm düster.

Veloso sah mich erst erstaunt und dann lüstern an.

Ich zog eine angewiderte Miene.

„Erspar mir die Leier. Sie versteht nur nicht, dass nicht jeder so scharf auf…..“ ich stockte und räusperte mich, „…nun ja du weißt schon.“

„Was? Auf einen Schwanz ist?“

Ich keuchte.

„Veloso!“

„Was? Bist du frigid oder so?“

Déjà-vu, Déjà-vu.

„Wer hat mich das nur letztes wieder gefragt?“

„Vielleicht dein kleiner Schwerenöter?“

„Leute wie du sollten dieses Wort gar nicht kennen.“

Er lachte.

„Also, du warst bei, nicht jeder so scharf auf einen Schwanz ist wie sie, glaube ich.“

Ich schüttelte resignierend den Kopf. Diese Obszönitäten würde ich ihm jetzt auch nicht mehr austreiben können.

„Und damit auch schon fertig.“

„Na das bezweifel ich aber.“

Irgendwie sah sein Grinsen immer noch dreckig aus, aber die Zweideutigkeit dieses Satzes ging mir wohl abhanden, denn ich verstand nicht, was ihn jetzt schon wieder amüsierte.

„Naja. Sie ist der Meinung, ich würde Duncan wollen und der mich nicht.“

„Ooohhh.“

„Was soll das jetzt wieder heißen?“

„Was denn?“

„Na Ooohhh.“

„Ach das.“

Impertinenter Kerl.

„Irgendwann hau ich dir noch mal eine runter, ich schwörs dir.“

„Weißt du, das find ich gar nicht schlecht, dann kann ich dir im Gegenzug nämlich auch den Hintern versohlen.“

„Also langsam wirst du wirklich primitiv. Wer sagt, dass du gleichziehen darfst?“

„Du bist doch fair oder? Eine deiner besten Eigenschaften.“

„Oh mein Gott, oh mein Gott, halt mich!“

Ich vollführte ein komisch anmutende Bewegung, mit der ich andeutete aus zurutschen.

Er zog die Augenbraue hoch.

„War das wieder einer deiner Versuche dich in den allgemeinen Mittelpunkt zu stellen?“

„Nein, ich wäre nur fast auf deiner Ölspur ausgerutscht.“

Wieder drückte er mich im gehen an sich.

„Morgen kommen die anderen beiden.“

Ich blieb stehen.

„Morgen?“

Er runzelte die Stirn.

„Was ist so schlimm daran?“

Ich stöhnte.

„Ich hab mich noch nicht mal an die Eine gewöhnt. Wie soll ich die anderen ertragen?“

Er schlug mir kameradschaftlich auf den Rücken.

„Da es den anderen nicht anders gehen wird, könnt ihr euch alle gemeinsam aneinander gewöhnen. Prima, oder?“

Ganz toll.

„Ich frag mich, ob alle so einen Hintern haben wie du.“

Ich verdrehte die Augen.

 

An diesem Abend ließ ich das gemeinsame Essen ausfallen. Aus zwei Gründen. Ersten war ich müde und zweitens hatte ich keine Lust mich erneut mit Duncan herum zuschlagen.

Also fand ich den Weg in mein Bett relativ schnell. Zu meiner Erleichterung wartete keine böse Überraschung auf mich als ich das Zimmer betrat, die hatten sich in letzter Zeit doch irgendwie gehäuft.

Schon im Halbschlaf dachte ich darüber nach, wie ich es am besten anstellen konnte, mich am morgigen Tag unsichtbar zu machen, ohne unhöflich zu wirken.

Irgendwann inmitten der Überlegung musste ich eingeschlafen sein, denn ich erwachte von hellem Vogelgezwitscher, ohne zu einem Ziel gekommen zu sein.

Das trübe Licht, dass durch die Fenster herein schien sagte mir, dass der Tag anbrach, ohne dass in der Nacht irgendwelche seltsamen Dinge geschehen waren.

Welch Wunder.

 

Der Morgen zog an mir vorbei, ohne dass mir irgendjemand begegnete, was eventuell damit zusammen hing, dass ich mich nach meinem einsamen, frühen Frühstück mit einem Jane Austen Roman in die Natur verabschiedete.

Luke nahm ich der Sicherheit halber mit, da mir dieses ganze Gerede von…dem Umstand und allem was damit zusammen hing, langsam unheimlich wurde.

So fand mich mein Bruder schließlich am frühen Nachmittag auf meiner geliebten Schaukel.

Der Hund hatte sie in irgendeiner unaufmerksamen Minute verkrümelt.

Max stellte sich ohne ein Wort neben mich und betrachtete die Szenerie.

Ich beschloss ihn zu ignorieren und las weiter.

„Was Frauen an diesen Büchern fasziniert werde ich wohl nie verstehen.“

„Was für ein Glück, dass du daran gewöhnt bist.“

„Bist du wieder bockig?“

„Wie man sich anders benimmt weiß ich gar nicht.“

Er schwieg wieder einen Augenblick.

„Der Drachen schickt mich. Es wurde allgemein beschlossen, dass du lange genug deiner Autistennatur gefrönt hast und langsam wieder unter die Leute kannst.“

Ich vermutete, dass er mit dem Drachen Celia meinte.

„Ich denke ich bleibe noch eine Weile.“

„Weißt du, manchmal sollte man das Denken den Pferden überlassen, die…“

„Jaja, die haben einen größeren Kopf. Ich weiß. Witzig! Deine Scherze bekommen langsam Bärte.“

Dann fühlte ich mich empor gehoben und ich ächzte, als sich eine Schulter in meinen Bauch bohrte,

Da ich wusste was jetzt kommen würde, resignierte ich und ließ das Buch aus der Hand fallen. Ich würde es später wieder holen müssen. War ja klar dass Max mich holen kam. Körperlich gesehen war ich machtlos gegen ihn.

„Was würdest du nur machen, wenn du nicht die körperliche Konstitution einer Steilwand hättest?“

Da ich wenig Luft zum Atmen hatte, klang meine Stimme etwas erstickt.

„Dann müsste ich mein Köpfchen benutzen, stell dir das Desaster vor.“

Ich seufzte.

„Ich will nicht Maaaax“ jammerte ich.

„Benimm dich doch bitte einmal wie die reife 17jährige, die du nicht bist.“

„Mich zu beleidigen bringt dich nicht unbedingt weiter.“

„Meine Güte, es sind nur Mädchen.“

„Ich konnte noch nie gut mit Mädchen.“

„Stimmt. Du bevorzugst Drachen.“

Meine Lippen kräuselten sich. Er hatte also wirklich Celia gemeint. Julia bekam das von ihm ebenfalls regelmäßig vorgeworfen. Die hatte sich allerdings immer darüber gefreut. Wahrscheinlich verstand sie es tatsächlich als Kompliment.

„Du solltest das nicht so ganz offen zugeben Max. Wenn du Frauen zeigst welche Macht sie über dich haben, bist du verloren.“

„Danke, aber jetzt sei still, ich muss aufpassen, dass ich mich nicht ganz aus versehen umdrehe und dein Kopf wohlmöglich irgendwo dagegen knallt.“

Ich muss nicht erwähnen, dass wir uns inzwischen im Haus befanden.

Er stellte mich in der Eingangshalle ab. Vor einer Tür.

Ich legte den Kopf schief und überlegte, wohin sie wohl führen würde.

Stillschweigend standen wir davor. Ich kaute an meiner Unterlippe und haderte mit mir.

„Also. Auf drei.“

„Warte, warte!“

Max stöhnte und nahm die Hand wieder von der Klinke.

Er sah zu mir hinunter und wartete.

Ich tappte von einem Bein auf das andere.

„Sind die schon da drin?“

„Willst du Zeit schinden?“

„Nein.“ Meine Güte, ich klang etwas quengelnd.

„Ich will nur vorbereitet sein.“

Mein Bruder seufzte.

„Hanna. Es sind Määdchen.“

Ich sah ihn an, als würde ich gleich anfange zu weinen.

„Ich weeeeiiß.“

Er verdrehte die Augen.

„Auf drei!“

„Du bist immer so bestimmend.“

„Eins.“

„Max bitte, lass mir noch ein bisschen Zeit.“

„Zwei.“

„Gott, nein, das kann nicht dein Ernst sein. Max bitte ich flehe dich an.“

Ich machte Anstalten zu fliehen, doch seine Pranken hielten mich fest, bevor ich auch nur einen Meter schaffte.

„Drei!“

In diesem Moment riss er die Tür auf und schubste mich in den Raum. Meine tapsenden Bewegungen, mit denen ich mich bemühte das Gleichgewicht zu bewahren, verursachten genug Geräusche, um die Gespräche zu stoppen. Wohl so ziemlich jeder sah zu mir.

Ich kicherte nervös und machte einen Schritt zurück. Natürlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass Max so nah hinter mir sein würde. Ich stolperte gegen ihn.

Bei einem Bruder von normaler Statur wäre das sicher nicht halb so problematisch gewesen, doch verlieh mir meine Panik einiges an Schwung und Max’ muskulöser Oberkörper wirkte auf meinen in etwa wie eine Wand aus Flummi.

Ich stieß einen erschrockenen Laut aus, als ich an ihm abprallte und gegen ein kleines Ablagetischchen krachte, das das Pech hatte in meiner Fallschneise zu stehen.

Meine Versuche mich zu retten verschlimmerten die Situation noch und ich riss das Möbelstück mit mir zu Boden.

Einen Moment war alles still.

„AAAAAH Kacke. Max du ARSCH!“

„Hey ich kann nichts für deine schmächtigen Knochen. Meine Güte. Du bist wie Raymond, nur ohne die Mathefähigkeiten.“

„Schmächtig? Daran erinner ich dich, wenn du mir noch einmal mit pferdehüftig kommst du Affe!“

Ich bekam am Rande mit, wie er ein Huhn imitierte.

Allerdings befand ich es für wichtiger mich aus dem Kram hervor zu wühlen, der, welch Wunder, auf mich drauf gefallen war.

Ein Stimmengewirr brach los.

Ich schickte Veloso einen giftigen Blick, der nicht weit von mir stand und wiehernd lachte.

Aidan neben ihm machte sich ebenfalls keine Mühe sein Amüsement zu verbergen, wenigstes blieb er dabei leise.

Ich fing einen missbilligenden Blick von Celia auf.

Ich schickte einen zurück, der bedeuten sollte ‚Was?’ und hob die Schultern.

Was darauf hin zurückkam, war nicht wirklich hilfreich, also richtete ich meinen Blick auf Duncan, der sich in diesem Moment neben mich kniete.

Er grinste über beide Ohren.

Ich riss einen Arm hoch.

„Ein Wort mein Freund und ich schwöre dir, ich werde Wege finden dich zu töten. Ich mische dir Glasscherben ins Müsli, ich schmeiße den Föhn in dein Badewasser, ich ersteche dich mit dem verdammten Küchenmesser.“

„Wie blutrünstig du bist.“

Meine Miene musste so mörderisch amüsant sein, dass er sich das Lachen nun doch nicht mehr verkneifen konnte.

„Ohhh, halt die Klappe du….du ARGH!“

Immer noch lachend zog er mich auf die Beine.

Natürlich so schwungvoll, dass ich zum wiederholten Male gegen einen männlichen, muskulösen Körper prallte.

Ui. Und wie muskulös. Das sah man ihm gar nicht an.

Ich kniff ihn in den Oberarm und formte mit der Hand eine Pistole.

„Was denn? Willst du mich mit Seifenblasen beschießen?“

Ich konnte nicht anders, ich boxte ihn mitten in den Magen.

Nicht besonders dolle und wahrscheinlich simulierte er wieder, allerdings war er wohl wirklich nicht darauf vorbereitet gewesen, denn er knickte zusammen und keuchte.

Veloso war sofort an meiner Seite und zog mich fort.

Sein Mund formte missbilligende Laute, während ich Duncan weiterhin mit Blicken aufspießte.

„Das war aber nicht nett.“

Seit wann war ich nett?

Er zog mich mit sich auf die andere Seite des Raumes. Ich stolperte mit ihm rückwärts, um Duncan ja nicht aus den Augen zu verlieren.

Der hatte sich in der Zwischenzeit wieder aufgerichtet und fluchte laut vor sich hin.

„Du Biest“, rief er.

„Ich hab dich gewarnt!“

„Du bist wahnsinnig.“

„Schön dass du es endlich verstehst.“

„Also Hanna. Wirklich.“

„Sei bloß still Veloso! Sei bloß still!“

„Du kannst ja richtig wild sein Schätzchen.“

Ich drehte mich zu ihm um und sah ihn mit hoch gezogener Augenbraue an.

Diesen Tonfall kannte ich. Gleich würde ein schlüpfriger Kommentar kommen.

Aber er verkniff ihn sich angesichts meiner derzeitigen Gemütslage und legte seinen Arm um mich. Ein Klammergriff, aus dem es kein Entkommen gab.

Jemand räusperte sich.

„Nun Hanna, damit hätte man dich auch vorgestellt. Das war sehr….bezeichnend.“

Marcus lächelte unsicher und wandte sich dann wieder meinem Vater zu, der breit grinste.

Dann legte er seiner Frau den Arm um die Schulter. Wahrscheinlich um sie daran zu hindern das zu tun, was sie, dem Ausdruck auf ihrem Gesicht nach, wohl am liebsten mit mir angestellt hätte.

 

„Hättest du das nicht etwas weniger eindrucksvoll anpacken können? Schlimm genug, dass du jetzt erst hier aufkreuzt.“

Celia war neben mir aufgetaucht und flüsterte mit gepresster Stimme.

„Meinst du ich hab das geplant?“

„Wo zur Hölle bist du gewesen?“

„Draußen.“

„Draußen!“

Sie sprach das Wort aus, als wäre es die tödlichste aller Sünden und gänzlich undenkbar.

„Ja verdammt. Draußen. Was ist so schlimm daran. Man hätte mich einfach nur holen können.“

„Sag nicht verdammt.“

„Verdammt!“

„Hanna. Seit wann bist du nur so kindisch.“

Ich verkniff mir eine Antwort, als ich bemerkte, dass ich am liebsten mit dem Fuß aufgestampft hätte.

Gott war mir das peinlich. Ich hatte mich mal wieder von meiner besten Seite gezeigt.

„Veloso, lass sie endlich los!“ schimpfte Celia und zerrte an seinem Arm.

„Celia Herzchen. Lass ihn doch. Es ist eine Weile her, seit er ein Mädchen einfach nur im Arm gehalten hat.“

Celia war wohl zu erregt, um zu bemerken, dass Aidan hinter ihr stand und sie gerade Herzchen genannt hatte.

„Du sollst sie los lassen. Ich muss sie vorstellen.“

Sie zerrte immer noch an Velosos Arm. Natürlich war da kein Ende abzusehen.

„Jetzt?“ fragte dieser sie erstaunt.

„Lass sie doch erst mal abkühlen. Schau sie dir an! Brauchst du eine Gabel Hanna Süße?“

„Was? Wozu?“ fauchte ich, immer noch wütend auf mich selbst.

„Zum rein stechen, ich glaube langsam bist du durch.“

Ich machte Anstalten mich in seinem Arm um zudrehen. Er ließ es geschehen.

Ein Blick in sein Gesicht und ich musste nun doch lachen.

Was würde ich nur ohne ihn machen?

Die Anspannung lockerte sich ein wenig, zurück blieb nur die Scham.

„Oh Gott. Ich will mich verkriechen. Wo ist das Erdloch?“

„Das gibt es nur in der O.B. Werbung. Sei endlich mal ein erwachsenes Mädchen.“

Celia schien erleichtert, dass ich nicht mehr so geladen war und brachte erneut ihr Anliegen hervor.

Ich legte meinen Kopf an Velosos Schulter.

„Neeeeiiiin.“

„Hanna!“ zischte sie.

„Ach Celia Süße. Lass sie! Irgendwie bist du in letzter Zeit so gestresst, ich denke ich werde das ändern müssen.“

Nun hatte sie wohl doch bemerkt, dass Aidan dabei stand, denn sie schwieg.

Sofort erwachte mein Beschützerinstinkt und ich drehte mich wieder so, dass ich die Szenerie beobachten konnte.

Doch ich kam zu spät, denn er hatte meine Freundin schon am Arm gepackt und fort gezogen.

Ich machte Anstalten ihn aufzuhalten, doch Veloso hielt mich zurück.

„Lass sie, er wird ihr schon nichts Böses tun. Vielleicht will er nur ein bisschen spielen?!“

Sofort begann ich mich aufzubauen.

Ein empörtes ‚Was?’ blieb mir im Halse stecken, als er mich piekste und seinen Blick nun doch wieder auf mich richtete.

„Warn Spaß. Ganz ruhig.“

Dann sah er wieder weg.

Ich folgte seinem Blick und erstarrte ebenfalls. Aber wahrscheinlich aus einem anderen Grund.

Ich sah Duncan.

Veloso dagegen hatte wahrscheinlich nur Augen für das bezaubernde Geschöpf, das daneben stand, oder eher klebte.

Vielleicht klebte Duncan auch an ihr? Wer konnte das schon genau sagen?

Fakt war, Veloso starrte das Mädchen an, das Duncan ebenfalls anstarrte.

Ich hingegen starrte Duncan an, weil mich beunruhigte, auf welche Weise er das Mädchen anstarrte.

Ich musste zugeben, dass ich sie wahrscheinlich auch so angesehen hätte, wäre ich männlich gewesen.

Das schlimmste waren ihre Haare. Oder eher das, was daraus folgte.

Sie war die dritte ihm Bunde. Oder eher die vierte?

Die Haare nämlich, waren schwarz. Pechschwarz. Tintenschwarz. Wie auch immer. Genauso schwarz wie meine.

Da hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Denn diese da war groß. Größer als ich. Größer als Sophie.

1,70? Schön groß jedenfalls, mit schönen langen Beinen.

Und sie hatte Brüste. Brüste!

Wieso zur Hölle hatte sie Brüste?

Ich wollte auch Brüste. Das war immer mein Wunsch gewesen.

Meine Aufmerksamkeit wurde wieder auf ihr Haar gelenkt, das sie sich in diesem Moment schwungvoll und elegant über die Schulter warf.

Es war lockig. Lockig? Wieso zur Hölle war es lockig? Nicht so pseudogelockt wie meins. Auch nicht so wie das von Sophie, das ja schon lockiger war als mein eigenes. Richtig gelockt. Wie aus der Werbung. Wie eine verdammte Perücke.

Ein glockenhelles Lachen perlte zu mir hinüber.

Ich konnte sehen, dass ihre Haut keine der Sommersprossenteppiche überzog, die bei mir großzügig über Nase und Wangen verteilt waren.

Etwas betäubt betrachtete ich die Szenerie.

Mein Herz wurde schwer, als ich das Lächeln sah, das Duncan ihr zuwarf.

Dieses ganz besondere Lächeln, das dich glauben lässt du wärst die einzige Frau auf der ganzen Welt.

Ich schluckte.

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich mir tatsächlich Hoffnungen gemacht hatte.

Ich hatte doch tatsächlich geglaubt, er könne es ernst meinen. Er, Duncan, der Traum eines jeden Mädchens, der Duncan, der zu schön war, um wahr zu sein.

Wie hatte ich nur so selten dämlich sein können? Sah ich nicht mehr oft genug in den Spiegel?

Wie hatte ich nur vergessen können wer er war? Wie er war?

Ich sah zu Boden und schluckte.

Als ich wieder aufsah, blickte er in meine Richtung.

Seine Augen sagten mir genau das, was ich nie hatte wirklich begreifen wollen.

Er musterte mich mit verächtlichem Blick und ich hasste ihn dafür.

Zumindest wollte ich ihn dafür hassen.

Etwas an mir aber gab ihm Recht. Ich hätte es besser wissen sollen.

Ich hatte mich selbst belogen. Das war eigentlich das erbärmlichste daran.

Ich hatte mir weiß machen wollen alles unter Kontrolle zu haben, weil ich ihm widerstand.

Aber das hatte ich doch gar nicht. Ich hatte mich in ihn verliebt.

Ich hatte mich in ihn verliebt, obwohl er in keiner erdenklichen Weise zu mir passte.

Nun wurde ich in die Realität zurückgeholt. Sie war eingetroffen in Form dieses wunderschönen Mädchens, das meine Schwester war und zu der er passte, als wäre er für sie geboren worden.

Die Schwester, die gerade ein atemberaubendes Lächeln lächelte und blitzweiße Zähne entblößte.

Wie in Zeitlupe besah mich Duncan noch einmal mit einem Blick, der mir zeigte wie grenzenlos dumm es doch gewesen war, in ihm etwas sehen zu wollen, das er nicht war.

Dann drehte er sich wieder zu der anderen um.

Dieser Moment war es, der mir den Tiefschlag versetzte und mich gleichermaßen wieder zu Vernunft brachte.

Er hatte mich zum Narren gehalten. Doch ich würde ihn das nicht spüren lassen.

Schön, es musste ihm klar sein, was ich für ihn empfand, schließlich war es für ihn ein Kinderspiel die Zeichen zu deuten, hatte er doch bereits genügend Erfahrung gesammelt.

Aber ich würde mich nicht noch einmal so dümmlich benehmen und ihm weitere Köder hinwerfen.

„Es ist ein…schockierender Anblick, nicht wahr?“ wurde ich wüst aus meinen Gedanken geholt.

Mein Kopf flog zu Seite.

Ich musste ihn etwas anheben.

Denn zu meinem Pech schien die zweite fremde Schwarzhaarige ebenfalls größer zu sein als ich.

Allerdings waren die wenigen Zentimeter kein großes Hindernis.

Ich sah in ein paar strahlend blauer Augen, aus denen hinter randlosen Brillengläsern beißende Intelligenz funkelte.

Ein brutal symmetrischer Kurzhaarschnitt betonte die eindrucksvollen Augen und machte die Gesichtszüge etwas ausdrucksstarker.

Ich konnte mir schwer vorstellen, dass sie 17 sein sollte, aber die Ähnlichkeit war trotz den vielen Unterschieden zu offensichtlich, als das es anders sein konnte.

Im Gegenteil zu der schwarzhaarigen Schönheit, war ihre Figur eher weicher und weiblicher, nicht so sportlich wie die von Sophie, sie ähnelte mehr meiner eigenen, allerdings waren die Hüften deutlich rundern und auch sie besaß ein Paar schöner Brüste, um das ich sie jetzt schon beneidete.

Ich kam mir mit meinem wenig gefüllten Dekollete langsam ein kleines bisschen verarscht vor.

„Ähm, schockierend?“ brachte ich zustanden.

Ein Lächeln ließ das ganze Gesicht erstrahlen. Ich entdeckte die Sommersprossen, die ich eben vermisst hatte.

„Ich bin Anabelle.“

Ich brachte ebenfalls ein Lächeln zustande.

„Hallo. Hanna“, stellte ich mich vor.

„Ja, das hab ich schon mitbekommen.“

Sie grinste fröhlich.

Diese hier war mir viel sympathischer.

Beschämt blickte ich zu Boden.

„Heute ist nicht meint bester Tag.“

Die Untertreibung des Jahrhunderts.

Wieso stand Veloso auf einmal ebenfalls da drüben?

„Das ist Oda. Wir sind zusammen hergekommen. Sie ist recht….einmalig.“

Ich schnaubte zustimmend.

„Das kann ich mir vorstellen“, raunte ich zu mir.

Sophie stellte sich neben mich.

Sie legte mir einen Arm um die Schulter.

„Ich hab es dir gesagt Hanna.“

Oh nein. Nicht schon wieder.

„Aber das kriegen wir wieder hin, hm?“

Sie kniff mir in die Wange.

Ich lächelte ironisch.

„Danke. Aber ich bin froh ihn los zu sein.“

Wenn Annabelle die Situation begriff, so ließ sie sich nichts anmerken, doch war mir, als würde ich es in ihrem Augen verstehend aufflackern sehen.

„Max scheint der einzige zu sein, dessen Hormone nicht mit ihm durchgehen.“

Ich sah von Sophie zu meinem Bruder, der die liebeskranken Trottel und das Schneewittchen amüsiert betrachtete.

Max war ein Meister darin sich völlig alleine auf Kosten anderer zu amüsieren und in diesem Augenblick hätte ich ihn genau dafür knutschen können.

Er bemerkte wohl dass er angestarrte wurde, denn er drehte den Kopf und sah zu mir hinüber.

Als er mein Gesicht bemerkte trollte er sich und kam zu uns.

Er schenkte den beiden anderen sein Rambolächeln.

Dann nahm er mich in den Schwitzkasten.

„Hanna ist ein wenig schüchtern müsst ihr wissen.“

Er drückte mich näher an sich, als ich Anstalten machte zu widersprechen. Toll, jetzt klebte ich zum zweiten Mal kurz hintereinander in einer, nach teurem, maskulinen Deodorant riechenden Achselhöhle.

Seine Hand verstrubbelte mein Haar und ich schnaubte.

Dann stellte er mich gerade hin.

„Ein bisschen mehr Stolz Hanna, zeig es ihm nicht. Er ist ein Idiot“ raunte er mir verschwörerisch ins Ohr und klopfte mir auf die Schulter. Mal wieder wurde mir die Luft aus den Lungenflügeln gepresst und ich musste husten, weswegen mir keine Zeit blieb ihn paralysiert anzustarren. Hatten sich denn alle gegen mich verschworen? Jetzt fing mein Bruder auch schon mit diesem Blödsinn an. Woher zum Teufel wusste er das schon wieder?

Max ließ mir etwas Zeit mich zu sammeln und plauderte derweil mit den Mädchen. Meinen Schwestern. Ich seufzte und beschloss die Tatsache zu akzeptieren.

Was war so schlimm daran?

Ich kratzte mich am Oberarm.

„Wo warst du eigentlich?“ hörte ich Sophie fragen.

Ich sah auf.

Da sie mich ansah, vermutete ich, dass die Frage an mich gerichtete war.

Ich blähte die Wangen und hob die Schulter.

„Ich hab wohl die Zeit vergessen“, log ich nicht gerade formschön und lächelte entschuldigend.

Max quittierte meine lächerlichen Versuche mich rauszureden nur mit einem spöttischen Blick und Anabelle lächelte wissend.

Sophie schien das Ganze noch nicht aufgegangen zu sein, denn sie beobachtete schweigend die Ansammlung von Schönheit auf der anderen Seite des Raumes. Im Allgemeinen schien sie nicht wirklich interessiert an einer wirklichen Antwort meinerseits zu sein. Ich bezweifelte, dass sie mich überhaupt gehört hatte.

„Oda…“, ließ ich mir den Namen laut auf der Zunge zergehen.

„Das klingt sehr Deutsch.“

Anabelle nickte. „Recht altmodischer Name.“

„Traditionell.“

„Vielleicht fehlt es woanders.“

Ich befand, dass wir uns prima verstanden.

Anabelle schien Dinge auf den Punkt bringen zu können.

Veloso gesellte sich wieder zu uns.

Ich befürchtete in seinen Augen rosa Herzchen leuchten zu sehen, deswegen sah ich ihn nicht direkt an. Ich hatte Angst den Brechreiz dann vielleicht nicht mehr unterdrücken zu können.

Meine Begrüßung für ihn viel recht lahm aus. Ich sagte einfach gar nichts und vor fort, die Fugen zu bewundern.

Was waren das für Fliesen. Panna Cotta?

„Was für eine seltsame Situation“, bemerkte Anabelle.

Ich nickte.

„Ich finde jetzt warst du lange genug unhöflich.“

Ich ignorierte Veloso einfach weiterhin.

Das schien ihm nicht zu gefallen, denn kurz daraufhin packte er mich nicht sehr sanft am Handgelenk und zerrte mich in Richtung….Oda.

Irgendwie bewirkte der Name ein sehr unangenehmes Gefühl auf der Haut.

„Veloso lass das“, knurrte ich.

Da meine Bemühungen mich von ihm zu lösen etwa ähnlich geendet hätten, wie das Desaster vor wenigen Minuten, beschloss ich würdevoll zu resignieren.

Da Duncan uns den Anblick seines glorreichen Profils vergönnte, musste er uns bereits bemerkt haben. Ich bezweifelte, dass die großräumigen Bewegungen, die Veloso machte, während er mich entführte, zu übersehen waren, auch, wenn man sie nur aus dem Augenwinkel mitbekam.

Oda sah bereits interessiert in meine Richtung, während ich mir Mühe gab mein mürrischstes Gesicht auszusetzen, selbst, wenn ich ihr gegenüber im Vergleich dann auch noch schlechter abschnitt. Vielleicht aber gerade deswegen.

Allerdings ignorierte der gnädige Herr uns sehr gekonnt und wandte sein Gesicht erst dann in unsere Richtung, als Veloso mich frontal auf die beiden zuschob.

Ich lächelte das ironischste Lächeln, das ich im Angebot hatte und schwieg.

Die hellblauen Augen meiner….Schwester flatterten nervös umher und ihre Mundwinkel zuckten unsicher.

Nicht wirklich, oder? Schüchterte ich sie etwa ein?

Ich bemühte mich, meine Miene nicht in spöttische Gefilde abdriften zu lassen.

„Hi Oda. Ich bin Hanna“, stellte ich mich schließlich vor.

Das strahlende Lächeln, das ihre Mundwinkel daraufhin bis in den Himmel hob, ließ mich etwas zurückzucken.

Unwillkürlich betastete ich meine eigenen und machte ein paar entspannende Mundbewegungen, als hätte ich ebenfalls dieses Lächeln gelächelt und mir dabei die Lippen aufgerissen.

Das sah ein wenig brutal aus was sie da veranstaltete.

Gesichtsakrobatik oder so was.

Derweil bohrten sich Duncans Augen in meine. Irgendwas an der Art wie er mich ansah wirkte herausfordernd.

„Ja ich weiß, Duncan hat schon viel von der erzählt.“

Sie kicherte und ich zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Ach hatt er das, ja?!“

Mein Mund verzog sich.

„Es wundert mich, dass er etwas über mich zu erzählen weiß.“

Ich starrte ihn an und hoffte er würde in meinen Augen lesen, wie gerne ich ihn am liebsten einfach in Stücke gerissen hätte.

„Ich bitte die Schätzchen. Allein schon mit deinen kleinen Eskapaden könnte man Bände füllen. Ganz zu schweigen von den niedlichen Peinlichkeiten, die dir ständig passieren. Es ist stets amüsant mit dir.“

Sein Tonfall war ebenso zuckersüß wie meiner gewesen. Und genauso unpassend.

Oda stockte irritiert und sah aus wie jemand, der etwas ganz wichtiges nicht mitbekommen hatte.

Sie lachte wieder verunsichert.

Kühl wandte ich mich wieder Oda zu.

„Schön dich kennen zu lernen. Wir finden bestimmt noch jede Menge Zeit. Wenn du mich entschuldigen würdest.“

Ich drehte mich um und ging auf die Tür zu.

Ganz schnell raus.

Im Flur versuchte ich ein bisschen von der Wut loszuwerden, die sich in meinem Bauch aufstaute.

Ich knirschte mit den Zähnen und stieß einen wütenden Laut aus

Es half nur bedingt.

Nachdem ich ein paar Schritte gelaufen war, hörte ich eine Tür schlagen.

Jemand räusperte sich kurz darauf neben mir.

„Ich merke schon, sie ist dir genauso sympathisch wie mir.“

Ich knurrte zustimmend.

„Wir müssen das wohl irgendwie hinkriegen.“

Anabelle grummelte.

„Wir können auch mit Hämorriden ins tote Meer springen.“

Ich war so perplex, dass ich aufhörte Duncan zu verfluchen und von dem Fliesen aufsah.

Für einen Moment erklang die charakteristische Jeopardy Titelmelodie in meinem Kopf.

„Was?“

„Ist doch so. Schau mich bloß nicht so an, du hast sie nicht zwei Stunden lang ertragen müssen. Das ist ein Monster kein Mädchen.“

Ich zog die Oberlippe auf der linken Seite in die Höhe und starrte sie fragend an. Wovon sprach Anabelle da? Oda konnte doch auch nichts dafür, dass sie so umwerfend gut aussah und Duncan sie am liebsten…nun gut, am besten führte ich diesen Gedanken gar nicht erst zu ende.

„So eine oberflächliche Person habe ich noch nie erlebt. Ihre Arroganz schreit zum Himmel.“

„Naja, wenn ein Mensch so aussieht wie sie, muss man ihm wohl ein kleines bisschen Eitelkeit verzeihen.“

„Sie hat mich gesehen und sich weggedreht, um zu kichern.“

Sie sah mich abwartend an.

„Wirklich? Das hat sie gemacht?“

„Oh ja.“

„Darauf gibst du was?“

„Na hör mal. Sie hat gelacht.“

Ich musterte wieder den Boden.

„So unhöflich sieht sie gar nicht aus. Sie hat mich angelächelt.“

„Tze, es standen auch diese Zwei dabei.“

Ich schnaubte.

„Oh ja. Und wie. Solche Idioten.“

„Ich meine, wer tut denn so was. Ich bin ihre Schwester. Man könnte doch annehmen, dass sie sich mit mir vertragen will. Mit uns vertragen will.“

Ich verzog das Gesicht. Hui. Das würde noch was geben.

„Im Grunde sollte sie uns Leid tun. Das klingt ganz nach zwanghaftem Profilierungsdrang. Dasselbe hat Duncan. Ich wusste sofort, dass sie prima zusammen passen.“

„Leid tun…“, grummelte Anabelle.

„Besser man rammt sie unangespitzt in den Boden.“

Wieder sah ich sie erstaunt an und schüttelte dann leicht den Kopf.

„Und ich dachte immer ich hätte ein Problem.“

Ich fing mir eine Kopfnuss ein.

Irgendwie war das eine sehr groteske Situation.

In den letzten Minuten war derart viel passiert, dass ich das alles nicht wirklich einordnen konnte.

Fakt war also, ich hatte eine Schwester. Also, eigentlich hatte ich ja ganze drei Schwestern, allerdings begann ich erst diese hier als eine solche zu betrachten. Wahrscheinlich, weil ich an ihr einige bekannte Züge ausmachen konnte.

„Weißt du, du gefällst mir“ sprach sie in diesem Moment meine Gedanken aus.

„Du kennst mich nicht.“

Eine wegwerfende Bewegung war die Antwort.

„Natürlich. Du bist meine Schwester. Du bist wie ich.“

„Pf. Gott bewahre.“

„Hör mir auf mit Gott.“

Sofort schrillten die Alarmlocken.

„Man hat dir davon erzählt.“

Anabelles Miene war jetzt äußerst verdrießlich und sie brummte so etwas wie ein Ja.

„Ich nenne es den Umstand.“

„Das ist gut.“

„Ich denke, wir werden sehr gut mit einander auskommen.“

Wieder erhellte ein strahlendes Lächeln ihr Gesicht. Der Flur wirkte auf einmal um einige Nuancen freundlicher.

Ich kratzte mich am Kopf. Wieso hatten wir uns eigentlich keinen Schritt weiter bewegt?

Nun ja, das blieb wohl eines der Mysterien, die niemals gelöst werden würden.

„Ich geh auspacken“, kündete meine neue Schwester an.

Erstaunlicher Weise fand ich den Gedanken recht erbaulich. Wahrscheinlich hatte ich die falsche Schwester als erste kennen lernen dürfen. Sophie besaß eine doch recht gewöhnungsbedürftige Art, die mit meiner eigenen nicht so wirklich harmonieren wollte.

Ich hob winkend die Hand und machte mich auf die Suche nach meinem Lieblingsschmöker, den ich dort vermutete, wo mein geliebter Bruder mich auf so wüste Art aufgegabelt hatte.

Auf dem Weg über den Rasen verblasste mein Lächeln langsam und als ich das zerlesene Buch aus dem Gras zog, kullerten Tränen über meine Wangen.

Nun ja, zumindest würde ich die später nicht mehr vergießen müssen.

Zum zweiten Mal an diesem Tag hockte ich also bereits auf meinem Lieblingsplatz der Schaukel und heulte wie der sprichwörtliche Schlosshund, jetzt allerdings aus einem anderen Grund als noch am Morgen.

Die genaue Ursache war mir nicht mehr bekannt, hing aber höchstwahrscheinlich direkt mit dem Inhalt des Buches zusammen.

Dafür wusste ich die jetzige. Mal wieder flossen die Tränen wegen der ungeahnten, verwirrenden Bahnen, die mein Leben einschlug, obwohl ich viel lieber in meinem kleinen kanadischen Internatszimmer sitzen wollte, um mich Julia zu streiten, während Will versuchte, auf vernünftige Weise den Konflikt zu entschärfen, der eigentlich nie ein wirklicher Konflikt gewesen war.

Außerdem weinte ich wegen der blödsinnigen Hüpfer meines dämlichen, verräterischen Herzens, das so gar nicht auf das hören wollte, was meinem Verstand doch schon lange klar gewesen war.

Verdammter Mist, mein Schicksal schien es zu sein das Leben mit aufgedunsenem Gesicht und roten Augen zu durchwandern.

 

Mich immer noch selbst bemitleidend fand mich schließlich Veloso, der mich nach minutenlangem gutem Zureden überreden konnte meinen Stammplatz zu verlassen, da sich bereits Glühwürmchen in meinem Haar einnisteten.

Immer noch beleidigt schwieg ich eisern, als er mich hinter sich zum Haus zog und immer wieder schwermütige Seufzer ausstieß.

Als ich auf der Treppe zweimal hintereinander stolperte und auf die Knie fiel, verließ ihn die Geduld und er lud mich auf seinen Rücken.

Da ich in meinem Inneren immer noch ein unreifes Kleinkind war, benahm ich mich weiterhin trotzig und half ihm nicht einen Deut dabei, was mich unheimlich amüsierte.

Natürlich zeigte ich das nicht, aber sein Geschnaufe, als er mich quer über den Rücken lud, war wirklich großartig.

Mein Vater, dem wir auf dem Flur im ersten Stock begegneten besah uns mit einem irritierten Blick, wahrscheinlich wegen der Figur die ich abgab, ich war zu dem Zeitpunkt nämlich kurz davor vom Rücken meines Packesels zu rutschen.

„Hi Dad“, grüßte ich ihn träge.

Er nickte verwundert.

Vor meiner Zimmertür stöhnte Veloso erleichtert auf und ließ mich hinunter.

Er schenkte mir einen bösen Blick und schob mich hinein.

„Ich bin gleich wieder da, stell ausnahmsweise mal nicht Blödes an.“

Hinter ihm kickte ich die Tür zu.

Wenig später brachte er mir ein Rest vom Abendessen, das ich mal wieder verpasst hatte.

Gedanklich bemerkte ich gerührt wie lieb er zu mir war.

Er ließ mich in Ruhe während ich aß und beobachtete mich abwartend, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Wasser?“ fragte er grimmig, nachdem ich den Teller geleert hatte.

Ich schüttelte den Kopf, schon etwas besser aufgelehnt.

Wir lieferten uns ein schweigend ein Blickduell, das ich verlor, weil ich zwischendrin den Faden verlor.

„Du bist nicht bei der Sache“, beschwerte sich Veloso.

Was wäre eigentlich, wenn ich Duncan seine bescheuerte Tour mit gleichen Mitteln heimzahlte?

Natürlich war mir bewusst, dass der Idiot sich vor allem durch seinen Stolz dazu berufen gefühlt hatte mir zu beweisen, dass er jede, aber wirklich jede haben konnte, vor allem die, die sowieso besser waren als ich.

Aber damit hatte er mich verletzt und mir mal wieder bewiesen, dass ich mit allen meinen Befürchtungen recht gehabt hatte.

Mein Gesichtsaudruck hatte sich wohl dementsprechend verändert, denn mein Gegenüber sah mich auf einmal alarmiert an.

„Was, hm?“

Ich wartete noch einen Augenblick, bevor in anfing:

„Weißt du, ich hab mich da in einer Situation festgefahren und wahrscheinlich komm ich nicht so leicht wieder raus……“

Veloso unterbrach mich nur kurz, in dem er entweder die Augen verdrehte, was nicht wirklich aus Unterbrechung durchging, oder solche Dinge wie: „Was?“, „Das ist nicht dein Ernst Hanna.“ Oder „Wieso?“ einwarf, über die ich ebenfalls hinweg sah.

Ich grinste abwartend, als ich am Ende war.

Veloso hatte nur einen skeptischen Blick für mich übrig.

Ich setzte mein liebstes Lächeln auf.

„Bitte. Du hast doch gar nichts damit zu tun. Um mich da raus zu winden muss ich nur ein bisschen so tun als wäre ich in die verliebt. Was ich natürlich bin.“

„So ein Quatsch du behandelst mich wie einen…“

Er wurde unterbrochen als es klopfte.

Ich sah zur Tür.

Fieberhaft überlegte ich, wer genug Anstand besaß, um nicht einfach in mein Zimmer zu platzen.

Die Möglichkeiten, die übrig blieben gefielen mir nicht so sehr, dennoch machte ich mich auf den Weg.

Überrascht blickte ich in das verlegen grinsende Gesicht von Duncan.

„Wow“, brachte ich hervor.

Er sah kurz auf den Boden, um dann gespielt zerknirscht unter seinem Haarschopf hervor aufzusehen. Mir war klar, dass er um seine Wirkung genau Bescheid wusste. Eine Tatsache, die mich wütend stimmte.

„Tja, was soll ich sagen…“, begann er.

„Am besten gar nichts, ich meine nur wow, du hast geklopft. Du respektierst doch nicht etwa meine Privatsphäre?“

Duncan seufzte, als er sich mit meinem bissigen Tonfall konfrontiert sah.

„Weißt du, ich weiß das war nicht besonders schön grad von mir, aber ich wollte dir sagen, manchmal da…“

„Ist doch egal Duncan. Danke. Wirklich. Schlaf schön. Auf wieder sehen.“

Seine Mimik wirkte erst überrumpelt, dann erstaunt und schließlich misstrauisch.

„Du bist so…“ er kratzte sich am Kopf „…was ist los?“

Er versuchte über mich hinweg in mein Zimmer zu sehen, doch ich begann bereits die Tür zu schließen.

„Nichts. Ich bin müde. War anstrengend. Ich musste ne Menge dummes Geschwätz ertragen.“

Jetzt wurde seine Miene ehrlich betroffen. Gut so.

„Hanna wirklich. Hör mir doch mal zu, ich….“

„Gute Nacht Duncan.“

Ich schlug die Tür vor seiner Nase zu.

Kurz darauf hörte ich ein dumpfes Poltern, als hätte jemand mit der Faust gegen die Wand geschlagen.

Missmutig kehrte ich zu meinem Platz zurück.

„Was ist los?“ Velosos aufmerksames Gesicht ließ mich eine Grimasse ziehen.

„Was soll schon sein? Lass uns Karten spielen.“

Ergeben suchte mein neuer Seelenkumpan Spielkarten zusammen, doch bereits nach wenigen Runden warf er sie empört bei Seite.

„Also wirklich. Heute bist du nicht besonders amüsant.“

Ich zuckte die Achseln und starrte weiter dumpf vor mir hin.

„Hast du Lust auf Sex?“

Er keuchte geschockt auf.

„Was? NEIN!“

Ich schickte ihm einen beleidigten Blick, weil er so dermaßen geschockt geklungen hatte.

„Das wäre, als würde ich es mit meiner eigenen Schwester treiben.“

Ich zog die Augenbrauen zusammen.

„Du hast keine Schwester.“

„Nein, aber eine lebhafte Phantasie davon.“

Er klang so angewidert, dass ich ihn ärgerlich musterte, auch, wenn ich es sowieso nicht ernst gemeint hatte.

„Schon gut, ich hab nur Konversation gemacht.“

„So ein Quatsch. Du bist betrübt weil du dich in den falschen Verknallt hast.“

„Ach ja?“

Aber ich klang nicht so kampfeslustig wie es sein sollte, sonder viel zu resignierend.

„Wenn du ihn reingeholt hättest, hätte ich an deinem Ohr geknabbert...“

Angewidert sah ich ihn an.

„Darauf stehst du? Kein Wunder dass dich alle für schwul halten.“

Als er den Mund öffnete seufzte ich.

„Schon ok. Du gibst.“

 

Kapitel 11

Ich huschte ins Badezimmer und auf leisen Füßen nach unten. Zwar knirschten die alten Treppenstufen gewaltig, doch ich bezweifelte dass irgendjemand es überhaupt bemerken würde. Celia saß wie ein kleiner, süßer, sehr blonder Wachhund in der Küche und zeigte mit ihrer hochgezogenen Augenbraue, dass sie nicht zufällig dort wartete. Natürlich hatte sie genau durchschaut was ich zu wiederholen vor gehabt hatte und machte meinem Plan einen Strich durch die Rechnung.

 „Noch nie ist mir jemand begegnet, der kindischer ist als du“ sagte sie verkniffen, nachdem ich sie

stöhnend begrüßt hatte.

 Ich trottete missmutig zum Kühlschrank und zog einen Joghurt hervor.

 „Du bist der Horror.“

 „Danke.“

 „Das war ernst gemeint.“

 „Ich weiß.“

 Sie lächelte. Eigentlich hätte ich sie besser kennen sollen. Ich verzog den Mund.

 „Also?“

 „Was also?!“

 „Dein Kommentar?“

 „Wozu?“

 „Zu deinen Schwestern.“

 Ich zuckte zusammen und sah sie böse an.

 „Vielleicht nicht am frühen Morgen?“ fragte ich.

 Celia überschlug die Beine. Der obere Fuß wippte erbost.

 „Das hilft dir im Moment nicht so viel, Hanna.“

 „Wieso muss ich immer darüber reden?“

 Ihr Blick sprach Bände und ich hob ergeben die Händchen.

 „Fein. Es war seltsam, sie waren nett. Alles andere wird die Zukunft zeigen, oder?“

 Sie nickte.

 „Ja, das würdest du antworten, wenn du nicht Hanna O’Sullivan wärst, also spuck es aus!“

 Ich sah sie beleidigt an.

 „Was dann?“

 „Hanna, ich frage dich nur wie deine ersten Eindrücke waren.“

 „Danach sollte man sich nicht leiten lassen.“

 „Jaja, wie auch immer. Also?“

 Ich hob die Schultern.

 „Vielleicht scheint Oda ein klein wenig oberflächlich und…ähm….nun ja. Auf jeden Fall ist sie sehr schön,

mit der Meinung bin ich ja nicht alleine und Anabelle ist…ein bisschen wie ich, denke ich.“

 „Wieso willst du schon wieder weglaufen?“

 Dieses Mal klang sie besorgt.

 „Eigentlich sollte meine Mutter diese Unterhaltung mit mir führen.“

 „Die sind alle schon weg.“

 „Wo sind die eigentlich jedes Mal.“

 Celia sah mich sehr aufmerksam an, als wäre mir etwas Offensichtliches entgangen.

 „Oh…“ sagte ich schließlich. „…der Umstand.“

 „Umstand? Hä?“

 „Naja, diese ganze Sache. Vampir und so…“ ich betrachtete den Boden.

 „Umstand?“ jetzt kicherte Celia.

 Ich zuckte die Schultern.

 „Alles andere klingt so albern“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.

 „Das ist albern.“

 „Mir gefällt es nicht, wie Oda Duncan ansieht“ wechselte sie abrupt das Thema.

 „Ähm, wie sieht sie ihn denn an?“

 „Wie eine Süßigkeit.“

 Ich musste lächeln.

 „Nun ja…also irgendwie ist er das doch auch, oder?“

 „Du siehst ihn nicht so an.“

 Uff.

 „Na da bin ich aber froh.“

 „Bei dir ist das etwas komplizierter.“

 Oh. Das wiederum klang nicht gut.

 „Komplizierter? Was genau meinst du?“

 „Naja. Entweder siehst du aus, als ob du ihn gleich in Stücke reißt und dann wieder, als würdest du

am liebsten…ähm, nun…irgendwie…“

Ich besah meinen Fingernagel und knaupelte daran herum.

 „…im Regenbogenschloss von ihm abgeholt werden.“

 Was? Regenbogenschloss? Ich sah sie zweifelnd an.

 „Ist ja auch egal. Ich hoffe, du hast die Nachricht verstanden.“

 Ich zuckte mit den Schultern, aber irgendwie schien ihr das zu genügen. Vielleicht war eine Antwort meinerseits aber auch gar nicht erwartet worden. Wäre ja nicht das erste Mal.

 „Gut. Was willst du heute machen?“

 „Mich verkriechen.“

 „Da du das gestern schon getan hast, ist es heute tabu. Das hat man davon, wenn man ein böses

Mädchen ist.“

 Sie stand auf.

 „Wir werden heute deine Schule besichtigen.“

 Ich ächzte. Kannte sie denn gar kein Erbarmen? Rhetorische Frage.

 „Doch, doch! Tschüssi meine Liebe.“

 Ich äffte sie nach, nachdem sie die Tür geschlossen hatte.

 „Tschüssi meine Liebe. Blabla.“

 Ich donnerte den Joghurtbecher ungeöffnet auf die Arbeitsplatte.

 Die Schule hatte ich ja total vergessen. In ein paar Wochen würde ich wieder damit anfangen müssen.

Wie beschissen war es eigentlich, im letzten Jahr wechseln zu müssen.

 Buärks.

 

Ich saß am kleinen Tisch, während nach und nach die Bewohner des Hauses eintrafen und

wieder verschwanden.

Da Celia mir den Marsch geblasen hatte, wäre ich auf und davon und ich darauf verhältnismäßig wenig

Lust verspürte, hatte ich keine anderen Vorstellungen von meinem Vormittag und starrte trübselig vor

mich hin. Nach einem gequiekten „Hey!“ sah ich auf. Sophie hüpfte in die Küche, die gute Laune

schlecht hin. Ich winkte träge.

 „Hi Sophie.“

 „Und?“

 Ich sah sie fragend an.

 „Heut schon was für die große Liebe getan?“

Sie konnte nur einen meinen. Ich sah zurück auf die Tischplatte, um mich selbst daran zu hindern

irgendwas Gemeines zu sagen.

 „Sophie, ich…“

 „Also er ist gestern nicht noch einmal bei ihr gewesen…“

 „Wirklich Sophie, ich..“

 „…Ich weiß das, weil ihr Zimmer genau neben meinem liegt und ich würde es hören. Wenn du

verstehst was ich meine.“

 „..Ja, aber weißt du, es ist nicht so…“

 „Wir brauchen einen Plan.“

 „SOPHIE!“

 Sie zuckte zusammen.

 „Ja?“

 „Danke, aber nein. Das ist nicht nötig, denn du missverstehst da etwas. Ich bin nicht interessiert.

Hörst du?“ Eine Weile sah sie mich verständnislos an. Dann lächelte sie.

 „Ha, fast hättest du mich gehabt Hanna. Aber darauf fall ich nicht rein. Weißt du, das sieht doch jeder.

Das muss dir nicht peinlich sein.“

 Ich rollte mit den Augen. Ach nein?

 „Das ist ja schön, aber…“

 „Du solltest wirklich mit ihm reden, weißt du? Das hilft manchmal Wunder. Vielleicht ist es ihm einfach

noch nicht aufgefallen?“

 Oh, das bezweifelte ich. Hilflos sah ich zu, wie sie wieder aus der Küche fegte. Genervt ließ ich den

Kopf hängen. Was musste ich tun, um ihr begreiflich zu machen, dass ihre „Hilfe“ nur schaden konnte?

 Die Tür ging erneut. Duncan!

 „Dem Himmel sein dank!“

 Er sah mich überrascht an. Dann sah er sich um.

 „Wo ist der Hinterhalt?!“

 Ich war zu aufgeregt, um auf seine Ungläubigkeit zu reagieren.

 „Du musst mir helfen.“

 Ich sprang auf.

 „Du willst dir endlich helfen lassen?“

 Das ignorierte ich ebenfalls.

 „Sophie.“

 Ich blieb vor ihm stehen.

 „Was ist mit ihr?“

 „Sie meint, wir haben keinen Sex.“

 Er sah mich an, als würde ich auf einmal Japanisch sprechen.

 „Naja, also verbesser’ mich, sollte ich da was nicht mitgekriegt haben, aber den haben wir auch nicht, oder?

Eine Tatsache, die ich wirklich bedauer’.“

 „Ja, ich meine, nein, natürlich nicht. Aber sie nervt mich, in dem sie…“

 Ich stockte. Das war wohl der falsche Weg. Irgendwie musste ich ihm einen Bären aufbinden. Wenn ich ihm erzählte dass Sophie besessen davon war, den Fakt mit meinem nicht vorhandenen Sex mit Duncan zu ändern, würde das die Verhältnisse nicht unbedingt verbessern.

 „In dem sie was? Also ich denke das wird spannend.“

 Grinsend lehnte er sich an die Theke. Meine Gedanken flogen.

 „Naja, auf jeden Fall treibt sie mich zur Weißglut und ihre ganze überhebliche Art und dann ist sie so mitleidend und…“ stotterte ich unzusammenhängend.

 „Hanna, der interessante Teil“, forderte er.

 Mist. Ablenken funktionierte wohl nicht.

 „Sie will mich mit Aidan verkuppeln“ stieß ich atemlos aus. Oh weh.

 „Mit Aidan? Wieso das denn?“

 „Keine Ahnung. Die denkt ich bin hoffnungslos in ihn verliebt. Wahrscheinlich hat sie das von Max.“

 Ich hätte nie gedacht, dass Max’ Art mich vor Dankbarkeit einmal seufzen lassen würde. An Duncans Augen sah ich, dass er mir die Geschichte abkaufte. Glücklicher Weise war meinem Bruder alles zu zutrauen.

 „Mach mir nen Knutschfleck!“ forderte ich ihn auf und stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihm meinen Hals darzubieten.

 „Was?“

 „Ein verdammter Knutschfleck, das kann doch nicht so schwer sein. Dann lässt sie mich in Ruhe.“

 „Einen Knutschfleck? Du willst, dass ich dir einen Knutschfleck mache? Du?“

 Ich presste die Lippen zusammen. Zugegeben. Es war eine doofe Idee. Aber ich hatte so was ähnliches

mal in einem Buch gelesen.

 „Ja! Denn dann merkt sie, dass ich ihre so genannte Hilfe nicht nötig habe.“

 Seine Lippen verzogen sich zu diesem einen, speziellen Lächeln und ich musste schlucken.

 Die unglaublich sanften Augen richteten sich konzentriert auf mich.

 „Also was nun?“ fragte ich ungeduldig.

 „Ein Knutschfleck?“

 Sekunden verstrichen. Sekunden, in denen ich unter seinem Blick immer unruhiger wurde. Nicht gut.

 Also ein anderer Plan.

 „Vergiss es.“

 Ich sank zurück auf die Fersen.

 „Ich frag Veloso, der hat Sinn für Humor, er macht es bestimmt.“

 Zu spät bemerkt ich, dass das die perfekte Gelegenheit gewesen wäre, meine verliebte Teeny Nummer abzuziehen. Jetzt flog sie spöttisch lächelnd vorüber und winkte mir zu. Ich machte Anstalten zurück zu weichen, aber er hielt mich fest.

 „Nicht so ungeduldig.“

Wie immer wirkten seine Grübchen sehr aphrotisierend. Oh je, wo hatte ich mich da wieder hinein manövriert. Das war einer der Momente, in denen ich mich selbst den Löwen vorwerfen könnte. Nur das war die gerechte Strafe für so viel Dummheit. Sein Daumen streichelte meinen Oberarm und ich starrte gebannt in seine Augen. Diese Farbe. Ich knabberte an meine Unterlippe.

 „Was denn jetzt?“ zwang ich mich zu sagen.

 „Ich mach mich nur warm.“

 Ich legte die Stirn in Falten.

 „Es ist nur ein Knutschfleck.“

 „Ist schon ne Weile her, dass ich einen gemacht habe.“

 Ich musste kichern, was den Bann brach.

 „Was? Das kann ich nicht glauben.“

 „Weißt du wie endgültig so was ist? Das bleibt eine ganze Weile dort.“

 Ja, das war der Sinn der Sache.

 "Wenn es dir peinlich ist, dann frag ich Veloso. Oder Celia.“

 Jetzt sah er geschockt aus.

 „Ich sag doch. Nur ein Knutschfleck. Du warst nur der Erste der durch die Tür kam.“

 „Wie gesagt. Ich mache mich nur warm.“

 Die Tür ging und Duncan konnte mich nicht schnell genug greifen, also sprang ich zurück. Es war wieder Sophie. Ihre Augen wurden groß und ich betete, dass sie nichts Falsches sagen würde. Dann lächelte sie erfreut.

 „Hallo ihr Zwei. Das freut mich ja.“

 Sie nahm sich einen Apfel und nickte zufrieden.

 „Na dann will ich mal nicht stören.“

Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu und ich sehnte mich mal wieder nach dem Loch, das mich

verstecken konnte. Sie hatte es verbockt und Duncan war natürlich zu clever, um nicht zu bemerken,

dass ihr Auftreten nicht so wirklich mit meiner Geschichte zusammen passte. Wieder waren wir alleine

und ich wich noch weiter zurück, als er auf mich zu schlenderte. Dass ich rot wurde, half mir

nicht zwangsläufig weiter. Spätestens jetzt konnte er sicher sein, dass ich gelogen hatte.

 Ich unterbrach den Augenkontakt und stotterte eine unglaubwürdige Entschuldigung.

 Dann floh ich die Treppe hinauf.

Aber Duncan holte schneller auf als gedacht. Seine Hand an meinem Arm, schob er mich den

Flur entlang. Meine Kehle war trocken und ich dachte nicht mal daran zu schreien. Ich war zu sehr

damit beschäftigt, mich für meine Dummheit ohrfeigen zu wollen. Als meine Zimmertür an meinem

Auge vorbei zog, versuchte ich einen Anker zu werfen, allerdings ohne Erfolg.

 Ich wurde in ein Zimmer geschubst, dass ich noch nie vorher betreten hatte. Freundliche

Einrichtung, spärliches Mobiliar. Männlich, gemütlich. Und es roch nach Duncan.

 Mein restlicher Verstand verabschiedete sich sofort, obwohl ich mich zwang nicht allzu tief zu

inhalieren, auch wenn mein Verlangen danach unglaublich groß war.

 Die Tür wurde geschlossen und meine Augen rund wie Teller, als er den Schlüssel umdrehte.

 „So.“

 Duncans Stimme klang gefährlich sinnlich und gespannt bis auf alle Maße. Ich war verloren, das hier war

sein Gebiet.

 „Jetzt noch einmal in aller Ruhe.“

 „Würdest du mich bitte rauslassen?“

 „Nicht bevor du mir die Geschichte noch einmal erzählst.“

 „Zugeschlossene Räume machen mich nervös.“

 „Es tut mir leid dir das sagen zu müssen, aber das hättest du vorher wissen sollen. Lügen sind niemals

eine Lösung, mein Schatz. Haben dir deine Eltern das nicht beigebracht?“

 Er kam herangepirscht. Ich wich weiter in den Raum zurück. Er wirkte sehr eindrucksvoll, wenn er pirschte.

 „Ähm, sie waren nicht allein für meine Erziehung zuständig. Der größte Teil stammt aus Büchern und

meiner eigenen Moral. Notlügen sind da ok.“

 „Mit mir verkuppelt werden ist also eine Not.“

 Ich nickte schnell.

 „Oh ja!“

 Dann schlug ich mir mit der Handfläche vor die Stirn. Es klatschte. So ein Mist, jetzt hatte ich es

brühwarm zu gegeben. Er schüttelte gespielt entrüstet den Kopf.

 „Na na.“

 „Bleib wo du bist, Duncan.“

 „Wieso denn?“

 „Weil…“

 Verdammt, wieso fiel mit kein Grund ein?

 „Du bekommst noch etwas von mir, weißt du nicht mehr?“

 Ich wedelte unruhig mit der Hand.

 „Ach, so dringend war das jetzt auch nicht.“

 „Das klang vor ein paar Minuten aber ganz anders. Ich musste es versprechen. Weißt du nicht mehr?“

 Um ehrlich zu sein, konnte ich mich daran wirklich nicht mehr erinnern. Ich spürte die Wand hinter mir.

 „Ähm….“

 „Ich werde dir auf die Sprünge helfen.“

 Er stand ganz dicht vor mir, ohne dass wir uns berührten. Aber das war fast noch schlimmer.

 Ich krächzte.

 „Du musst Sophie davon überzeugen, dass du anderweitig involviert bist, damit sie dich mit ihren

kleinen Phantasien in Ruhe lässt.“

 „Phantasien?“

 „Wollte sie Aidan und dir nicht ein wenig auf die Sprünge helfen?“

 Ich war zu verwirrt, um die Falle zu erkennen und tapste hinein.

 „Ja…Jaja, natürlich“, beeilte ich mich zu sagen.

 Seine Augen blitzten.

 „Tze Hanna. Jetzt hast du schon wieder gelogen. Dafür muss ich dich bestrafen, das weißt du doch, oder?“

 „Bestrafen?“

 Er nickte. Sein Duft betörte mich. Am liebsten hätte ich mich einfach an seine Brust geworfen.

 „Etwas wirklich böses, damit du deine Lektion auch wirklich lernst.“

 „Du könntest mich bestrafen, in dem du mich rauswirfst“, versuchte ich es.

 Er grinse süffisant.

 „Das würde einer Bestrafung gleichkommen?“

 Ich verkniff mir einen Fluch. Mist.

 „Ich denke, ich werde dich erst mal davon kommen lassen. Schließlich bist du noch so jung…“

 Sollte er etwa…

 „Aber ich werde drauf zurück kommen.“

 Ich starrte ihn einfach nur an. Er starrte zurück. Da war es wieder. Alles in mir zog sich zusammen.

 Ich konnte einfach nicht den Blick von ihm nehmen, konnte nicht begreifen, dass er tatsächlich vor

mir stand. Dass er mich ansah. Ich fühlte heiße Tränen in mir aufsteigen.

Als Duncan sie sah fluchte er, aber ich war wie paralysiert.

 „Was ist los Tinkerbell? Was ist los mit dir? Wein doch nicht, meine Schöne, ich scherze doch nur.

Bitte, weine nicht. Tu mir das nicht an…“

 Seine Stimme klang weich und ich bemerkte eine Zärtlichkeit, die vorher noch nie da gewesen war.

Sanft strichen seine Finger durch mein Haar, während ich an seiner Schulter ruhte, unfähig mich zu rühren.

Die schönen Dinge, die er mir zuflüsterte bereiteten mir eine Gänsehaut.

Eigentlich wusste ich selbst nicht genau weswegen ich weinte. Ich war nicht unglücklich in

diesem Moment. Im Gegenteil, wie immer schlug mein Herz wild vor Freude ihn zu sehen und durch

meinen Körper fuhren wilde elektrische Stöße. Vielleicht war es die Mächtigkeit der Gefühle, die

mich überwältigte sobald ich ihn ansah, oder seine Schönheit.

 „Wieso bist du nur so schrecklich schön?“

 Ich spürte an meinem Hals, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen, als er die Haut dort sanft

mit ihnen streichelte.

 „Was würde ich nur tun, wenn es nicht so wäre.“

 Ich schluchzte.

 „Es wäre mir egal.“

 Er hob seinen Kopf aus meiner Halsbeuge und sah mich etwas verwirrt an.

 „Was?“

 „Ich würde immer noch….“

 Ich brach ab. Seine Augen hatten mich mal wieder gefesselt.

 „Ja?“

 „Hm?“

 „Was würdest du, meine Süße?“ flüsterte er rau.

 „Ich würde…“

 Er sah mich fragend an und ich entdeckte etwas in seinen Augen, von dem ich mir wünschte es würde

das sein, zu dem meine Phantasie es machte. Dann schließlich überbrückte ich die Distanz und begann

die Stelle unter seinem Kehlkopf mit meinen Lippen zu berühren. Er hielt still, erstaunt über

meine Eigeninitiative. Meine Lippen strichen höher, immer direkt an der Haut entlang und ich hörte ihn

am Rande gepresst ausatmen. Dann schluckte er, was die Sache unheimlich sinnlich machte,

schließlich befand sich mein Mund an Ort und Stelle dieses Vorgangs. Ich schloss die Augen und sog

seinen Duft ein. Ich liebte es wie ich mich fühlte, wann immer ich ihm nah sein konnte.

Es war einfach unvergleichlich. Leicht berührte ich die weiche Haut mit der Zungenspitze und

schmeckte ihn. Duncan stöhnte leise und schloss seine Hände um meine Schultern, um mich näher an

ihn heranzuziehen. Unentschlossen legte ich meine Hände auf seine Brust, da ich wusste,

ich wäre verloren, wenn ich ihn dort berühren würde. Sachte fuhr ich mit geöffnetem Mund hinunter

bis zu seinem rechten Schlüsselbein, das aus dem T-Shirt hervorragte und begann dort leicht zu knabbern.

 Er zuckte zurück und sah auf mich herab. Die Sekunden verstrichen, in denen ich nicht genug Worte

fand, um den Ausdruck seiner Augen zu beschreiben. Er machte mich ganz schwindelig und ich war

ziemlich froh darüber, dass Duncan mich aufrecht hielt. Leicht zog er die Augenbrauen

zusammen. Irgendwie sah er angespannt aus. Seine Nasenflügel bebten. Irgendwie leidend.

 „Ich sollte nicht hier sein.“

 „Doch zum Teufel und wie du das sollst“, flüsterte er.

 Gequält schloss ich die Augen.

 „Wieso bist du nur so? Warum tust du mir das an?“

 Seine Hände schlossen sich fester um meine Schultern.

 „Willst du mir vielleicht endlich mal erklären was diese ständigen Andeutungen bedeuten sollen?

Ich hab nämlich keinen blassen Schimmer was du mir immer zu sagen versuchst.“

 „Ich…ich hasse Gelegenheitssex!“

 Ach du je. Was plapperte ich hier nur für einen Unsinn?

 Das schien er genauso zu sehen, denn er zog zweifelnd die Augenbrauen zusammen.

 „Was?“

 „Ähm…“

 „Langsam fängst du an, mir mit deinem Gerede auf die Nerven zu gehen.“

 Ich sah ihn verärgert an. Hatte ich mich hier etwa absichtlich hineingeschleppt?

 „Das trifft sich gut. Dann lass mich in Ruhe.“

 Meine Güte war das lächerlich.

 „Nein! Wir werden jetzt endlich mal anständig reden.“

 „Dann geh weg von mir.“

 Er verschränkte die Arme vor der Brust.

 „Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du mir so auf die Pelle rückst.“

 Das Funkeln in seinen Augen gefiel mir nicht.

 „Ja. Da krieg ich Platzangst“, schob ich schnell hinterher.

 Irgendwie sah er nicht so aus, als würde er mir das glauben.

 „Wie auch immer. Erst mal erklärst du mir dein komisches Benehmen von grade. Sonst flüchtest

du schon, wenn du mich nur von weitem siehst, dann bestehst du auf so was Dämliches wie

einen Knutschfleck….“

 „Was ist denn so dämlich an einem Knutschfleck?“ unterbrach ich ihn, unglücklich über den Fakt,

dass er bemerkt hatte, dass ich mich nicht besonders gerne in seine Nähe aufhielt. Reiner Selbstschutz.

 „Lenk nicht ab! Wenn ich das richtig verstanden habe, ist es nicht Aidan in den du verliebt bist.“

 Ach du Schreck.

 „Also eigentlich bin ich gar nicht verliebt.“

 Ich lachte nervös.

 „Wieso dann das Ganze?“

 „Sie denkt es nur. Ja schau nur so, ich finde es ebenfalls erstaunlich, dass sie überhaupt denkt…“

 Bei seinem ärgerlichen Blick fuhr ich schnell fort:

 „…meine Güte es ist einfach erniedrigend.“

 „Hanna! WAS denn? Was? Ich weiß es doch nicht.“

 Er klang wirklich etwas genervt.

 „Naja…ständig lässt sie so Andeutungen fallen und….“

 Er atmete gepresst ein und aus.

„Wenn du nicht sofort mit der Geschichte rausrückst, dann…“

 Ich wollte lieber gar nicht hören was dann, deswegen beeilte ich mich zu antworten.

„Sie denkt ich bin unsterblich und unglücklich und unerwidert in dich verliebt und sie gefällt sich in

der Rolle des Amors.“

Stille.

 „Das ist beschämend, du weißt nicht wie das ist. Ich will nicht für so einen Loser gehalten werden.

Ich dachte, wenn sie den Knutschfleck sieht und ihr irgendeinen Blödsinn dazu erzähle, lässt sie

mich in Ruhe.“ Stille.

„Du hältst mich für dumm.“

Er seufzte.

„In letzter Zeit hast du den Begriff Dummheit neu definiert, Tinkerbell.“

Ich machte einen Schmollmund.

 „Wieso? Ich kann sie dir gerne mal auf den Hals jagen.“

 Seine Lippen kräuselten sich.

„Also dagegen hätte ich nichts einzuwenden.“

Ich sah zur Seite und dann wieder zu ihm. Inzwischen war er etwas von mir abgerückt.

Zusammen mit der Tatsache, dass Riechsinneszellen glücklicher Weise phasische Sinneszellen sind,

die irgendwann, bei gleich bleibendem Reiz keine Aktionspotentiale mehr weiterleiten und ich damit

seinem Geruch nicht mehr direkt ausgesetzt war, war ich wieder einigermaßen dazu in der Lage

klar zu denken. Gott, jetzt nervte ich mich schon in meinen Gedanken mit solchen sinnlosen

biologischen Erklärungen.

 „Ich glaube du verwechselst die Namen.“

 „Ach?“

 „Ja. Nun, wer kann es dir verübeln. Bei deinem Verschleiß ist es sicher schwer die Übersicht zu bewahren.“

Wieder Stille.

 Ich sah wieder auf. Er betrachtete mich angestrengt.

„Langsam verstehe ich worum es hier geht, glaube ich.“

Aha?

„Das bezweifel ich. Man braucht mindestens sieben Gehirne um aus mir schlau zu werden.“

„So wie Veloso?“

Eigentlich hatte er ganz normal geklungen, doch irgendetwas daran wie er es gesagt hatte,

ließ mich dennoch aufhorchen.

"Veloso….also manchmal bezweifel ich, dass das Eine richtig funktioniert….“

 Ich leckte mir die Lippen.

 „…aber was macht das schon…bei dem Hintern.“

 Ich hatte ebenfalls sehr sachlich geklungen, allerdings beobachtete ich ihn genau dabei.

 Ihm war nichts anzumerken, bis auf die Tatsache, dass sich seine Nasenflügel kurzzeitig weiteten.

 Ich kniff die Augen zusammen.

 So?“

 Er klang recht beiläufig. Zu beiläufig.

 „Nun ja, willst du wissen was ich glaube?“

 „Nein, nicht so richtig.“

 „Ich erzähle es dir trotzdem!“

 Wieso fragte er überhaupt?

 „Du bist eifersüchtig.“

 Er klang so amüsiert, dass ich ihn am liebste getreten hätte.

 „Dein Gehirn funktioniert wohl auch nicht ganz so gut. Muss an akuter Odaritis liegen.“

 „Woran?“

 „Oh ganz schreckliche Krankheit, hast du noch nichts davon gehört? Die Befallenen krepieren

ganz erbärmlich.“

 „Man stirbt daran?“

 „Ja. Zwangsläufig.“

 „Ich dachte immer, man schwebt für einige Minuten ich höchster Ekstase und gibt sich danach nur

noch mit dem Besten zufrieden.“

 Autsch. Das tat weh.

 „Nur ein paar Minuten? Au weia. Gut dass ich dich auf Abstand gehalten habe.“

 „Womit wir wieder beim Thema wären.“

 „Bei welchem? Wir hatten recht viele, die in diese Richtung gingen.“

 „Dass wir keinen Sex haben.“

 Ich blinzelte.

 „Wuuw Moooment Freundchen. Das war ganz sicher nie das Thema.“

 „Sollte es aber.“

 Ich schnaufte.

 

 

 Für eine so kleine Person schnaufte sie ganz schön laut. Ich konnte nicht anders und grinste.

 Es war einfach zu amüsant. Doch bevor sie es sehen konnte und dieses einzigartige Temperament

mit ihr durchging, kämpfte ich es hinunter.

 Natürlich hatte ich es vor allem deswegen gesagte, um sie zu verärgern und dieses zauberhafte Glitzern

in ihren Augen zu sehen. Die Blitze, die sie mir entgegen schleuderte. Die süße Nase, die sich kraus zog,

die Wangen, deren Farbe nun wirklich rot genannt werden konnte.

 Sie war bezaubernd, wenn sie wütend war. Nun, eigentlich war sie das immer.

Bezaubernd, nicht wütend. Obwohl sie auch relativ häufig wütend war.

 „Vergiss es“, schleuderte sie mir entgegen.

 Ich zwang mich zur Ruhe. Auch wenn etwas in mir, naja, ein ganz bestimmtes Teil von mir,

äußerst entzückt über die Art war, wie sie ihr süßes, kleines Kinn kämpferisch in die Luft hob und die

Hand an die zarte Linie ihrer Taille stützte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals einen

Handfetisch gehabt zu haben, aber dieses winzige Patschehändchen mit den einzelnen Sommersprossen

auf dem Gelenk, regte meine Phantasie dazu an sich vorzustellen, gewissen obszöne Dinge damit zu tun.

 Eigentlich regten alle Teile von Hanna O’Sullivans hübschen, kleinen Körper mich dazu an, eine Tatsache,

die mich von Anfang an stutzig gemacht hatte.

 Sie war nicht mal mein Typ. Sie war klein. Und natürlich süß, aber das war nicht die Sorte Frau,

auf die ich normaler Weise abfuhr.

 Unglücklicher Weise schien sie nicht auf die gleiche Art auf mich abzufahren.

Zumindest lief die ganze Sache immer aus dem Ruder. Ständig tat sie Sachen, die sie nicht tun sollte,

was hieß, dass sie Sachen tat, die ich nicht erwartete. Zum Beispiel hatte sie einen Narren gefressen

an diesen kleinen Wortwechselspielchen. Das Problem war, dass sie letztendlich immer die Oberhand

behielt und das brachte mich in die Bredouille.

 Ich war es nicht gewohnt so lange kämpfen zu müssen. Eigentlich kamen die Frauen angeflogen.

Wie konnte ich mich da auf die konzentrieren, die es nicht taten?

 Das war der Grund, weswegen ich mich immer wieder auf diese tückischen Wortgefechte einließ,

anstatt das Ziel anzupeilen. Und das war meine kleine süße Zuckerfee nackt zu sehen.

 Irgendwie hatte sich der Gedanke so sehr in mein Gehirn gebrannt, dass ich ihn einfach

nicht mehr loswurde.

Dass sie sich so standhaft wehrte machte es eigentlich nur noch schlimmer. Ihr Zauber blieb

ungebrochen und ich wollte sie nur noch dringender.

 Ich seufzte.

 „Du weißt nicht was du willst Hanna. Ich hab das Gefühl wir drehen uns im Kreis.“

 Wütend kniff sie die Augen zusammen. Am liebsten hätte ich das ganze kleine Mädchen in meine

Tasche gesteckt.

 „Du drehst dich im Kreis, Mr. Darcy.“

 Sie deutete mit dem Zeigefinger auf mich.

 Ich ging nicht darauf ein. Der Bezeichnung als Mr. Darcy wurde ich nun wirklich nicht gerecht.

 Einem Mr. Darcy hätte es wohl kaum so ein diebisches Vergnügen bereitet dabei zu zusehen,

wie sich die typischen braunen Punkte in den blauen Iriden bildeten, die neue Seitenhiebe ankündigten.

 Nicht das Ziel aus den Augen verlieren.

 Ich versuchte es mit meinem Ladykillerlächeln, das ließ nicht mal sie kalt.

 Sie blinzelte verwirrt.

 Sehr gut. Die Oberhand lag wieder bei mir.

 „Wie wäre es, wenn du mir erst einmal erklärst, was dein seltsames Gebrabbel über diesen

ominösen Knutschfleck sollte.“

 Sie richtete den Blick angestrengt auf einen Punkt direkt hinter mir. Irgendwie hatte ich den Eindruck

es würde sie viel Kraft kosten.

„Hab ich doch schon.“

 „Ach so?“

 „Ja. Vorhin.“

„Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dir diesen Blödsinn über die Sophie-spinnt Geschichte abkaufe?“

 Sie sah mich empört an.

 „Na hör mal. Ich bin nicht diejenige hier, die seltsame Geschichten erzählt.“

 Nun, da hatte sie recht.

 „Stimmt. Und genau deswegen solltest du verstehen können, wieso ich äußerst skeptisch bin.“

 „Du bist ein Affe.“

 „Außerdem hast du bereits zweimal gelogen und…“

 Sie stöhnte laut auf und machte einen Schritt in Richtung Tür.

Ich beugte mich in ihre Richtung und hielt sie an Arm fest.

 „Stopp! Das war schon der zweite Fluchtversuch. Noch einer und das Strafmaß muss um einige

Dinge erweitert werden. Also, vielleicht entschließt du dich ja dazu zu kooperieren?!“

 „Lass den Blödsinn.“

 Sie schlug meinen Arm beiseite.

 Na Prima. Ich hatte mich mal wieder auf das Spielchen eingelassen und es verloren.

Ihre Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen wurde mit jedem Mal schwieriger.

 Wieder hielt ich sie fest.

 „Die Fakten sprechen eindeutig gegen dich.“

 Sie presste die Lippen aufeinander und ich musste wirklich viel Konzentration aufwenden,

um mich von dem Anblick abzuwenden.

 Allerdings begann sie den Arm zu schütteln, um frei zu kommen, weswegen ich schnell abgelenkt wurde.

Danke!

 „Lass mich los.“

 „Du bist nicht in Aidan verliebt.“

 „Ach nein. Wirklich?“

 „Nein. Und ich denke, Sophie hat nicht ganz unrecht.“

 Sie stockte und sah mich entsetzt an. Unglücklicher Weise konnte ich die Art des Entsetzens nicht

wirklich definieren. War sie geschockt, weil ich ihr auf die Schliche gekommen war und folglich Recht hatte?

Oder sah sie mich nur auf diese Weise, weil sie Angst vor den Konsequenzen hatte, wenn ich wirklich der

Meinung war, sie wäre in mich verliebt.

 „Was? So ein Quatsch.“

 Wieder begann sie an meinem Arm zu rütteln, damit ich den ihren losließ.

 Ihre Brauen zogen sich wieder zusammen und sie biss die Zähne zusammen. Allmählich fühlte sie sich wirklich

in die Enge getrieben. Ich wusste nicht, ob ich diese Tatsche begrüßen sollte oder nicht, denn Hanna

hatte bis jetzt noch nie so reagiert, wie ich es erwartet hatte.

 Sie war quasi unberechenbar und das war nicht wirklich gut.

 „Du hast mich geküsst.“

 Wieder sah sie auf und unterbrach ihre Bemühungen.  Eine rosa Zunge huschte schnell hervor und befeuchtete den linken Mundwinkel. Ich sah echte Bestürzung in ihren schönen Augen.

 Aber als ich schon hoffen wollte sie endlich zu haben: „ Genau genommen habe ich das nicht. Ich habe

lediglich….“ Sie entriss ihren Arm meinem Griff und massierte die Stelle leicht.

 „…ein bisschen experimentiert.“

 „So?“

 „Ja! Wie du weißt, bin ich relativ unerfahren in…sexuellen Dingen…“

 Schnell sah sie zu Boden. Ich musste grinsen. In sexuellen Dingen…oh weh, oh weh.

 „…und du bietest dich gerade wunderbar als Versuchsobjekt an. Schließlich kannst du nicht genug kriegen

von den Frauen. Wieso sollte ich das nicht nutzen. Ich gewissem Rahmen natürlich. Bin ich dann nicht viel

attraktiver für andere?“

 „Andere?“

 Sie nickte und sah dabei so aufrichtig aus, dass ich mir ernsthafte Sorgen machte. Lag ich denn so daneben was meine Wirkung auf sie anging?

 „Du denkst da nicht an einen bestimmten?“ fragte ich arglos und sah aus dem Fenster.

 Ich schämte mich fast für diesen plumpen Köder, doch sie schien in zu schlucken. Schüchtern betrachtete sie den Boden und druckste herum.

„Nun ja..du hältst mich sicher für ziemlich naiv und vielleicht ein bisschen doof, aber irgendwie…seit diesem

Gespräch mit Veloso…ich weiß auch nicht…“

 Ich starrte sie entgeistert an. Das war nicht ihr ernst. Bestürzt atmete sie schneller, als sie mein Gesicht sah.

 „Oh gott. Ich wusste es. Es ist so peinlich nicht wahr? Gerade ich.“

 Ich unterdrückte ein Keuchen, während sie den Kopf in ihren Händen verbarg.

 „Ach was….“ Sagte ich ein wenig atemlos.

 „Natürlich weiß ist, dass ich zu jung bin. Ich meine, er ist ja älter als mein Bruder.“

 Ich schnaubte.

 „Hanna glaub mir, dein Alter ist nur einer der vielen offensichtlichen Gründen, wieso deine kleine

Schwärmerei total dämlich ist.“

 „Was nur mal wieder beweist, dass du keine Ahnung vom weiblichen Geschlecht hast“, schnappte sie

beleidigt.

 „Zu dieser Aussage zwingt dich dein Stolz und dafür respektiere ich dich. Aber weißt du was ich viel

interessanter finde?“

 „Lass mich raten...du weißt es auch nicht?“

 Ich lächelte.

 „Oh doch ich weiß es. Wieso läufst du vor mir weg, wenn du doch mit mir deine Chancen etwas aufmöbeln

willst?!“

 Mal wieder konnte man die sich schnell drehenden Rädchen in ihrem Kopf nahezu sehen.

 „Ich wollte nicht, dass du dir ausgenutzt vorkommst.“

 Ich verzog den Mund.

 „Wer soll dir das glauben, hm?“

 „Aber es stimmt! Irgendwie scheinst du es nicht so zu schätzen zu wissen.“

 "Was soll dann dein ganzes Gerede von Gelegenheitssex?!“

 „Naja…ich hab davon gelesen und es hat sich nicht besonders schön angehört….“

 „Weißt du, ich hör dich die ganze Zeit reden, aber irgendwie kommt hier nichts an.“

 Ich deutete auf meine Ohren.

 Fakt war, dass Hanna wohl wirklich nicht genau wusste was sie wollte. Und vor allem hatte sie keine

Ahnung, was sie da gerade redete. Das wurde ihr wohl auch bewusst, denn sie sah ganz so aus, als würde sie sich über sich selbst ärgern.

 „Ich glaube, du denkst dir diese ganzen Sachen in diesem Moment aus.“

 „Nein.“

 Sie machte eine wegwerfende Bewegung.

 „Nein, wirklich nicht.“

 Ich betrachtete sie eine Weile. Unter meinem prüfenden Blick begann sie sich unwohl zu fühlen und

schlenderte ein wenig in meinem Zimmer umher.

 „Schön hier….sehr…maskulin.“

 Meine Mundwinkel zogen sich flink in die Höhe.

 „Würdest du deine Situation bitte noch einmal zusammenfassen?“

 Sie verzog das Gesicht.

 „Fakt ist, Sophie nervt mich und ich dachte, wenn sie diesen Fleck an meinem Hals sehen würde, lässt sie

mich in Ruhe, weil sie ihre eigenen Schlüsse daraus zieht.“

 „Sie will dich verkuppeln.“

Sie hob die Achseln.

 „Tja….der Gedanke sagt dir wohl zu. Deswegen wollte ich es dir nicht sagen.“

 Ich gluckste.

 „Also Schätzchen. Als hätte ich das nötig. Das finde ich beleidigend. Wirklich. Ich hole mir immer selbst, was

ich will.“

 „Oh prima. Wieso gehst du dann nicht einfach zu Sophie und sagst: Hey Süße, am besten schlägst du dir

diese blöde Idee aus deinem hübschen Köpfchen?!“

 Ich musste darüber lachen, wie sie meinen Akzent nachahmte. Und dann war es wieder da. Dieses ganz spezielle Lächeln, bei dem sich das ganze kleine Koboldgesicht zu erhellen schien und das irgendetwas ganz tief in meinem Inneren berührte. Automatisch musste ich ebenfalls lächeln. Erstaunlicher Weise hielt Glöckchen einmal den Mund und senkte den Kopf, als ihr die Situation unangenehm wurde.

 „Also…“, sie räusperte sich.

 „Ich…“ ihre Hand deutete auf die Tür, „…geh dann mal. Deine Schwester hat etwas vor mit mir.“

 Ich nickte.

 Ein schüchternes Lächeln erinnerte mich kurzzeitig wieder an das Mädchen, für das ich sie bei ihrer Ankunft

hier gehalten hatte. Ich hatte den Schlüssel stecken gelassen, deswegen konnte sie sich selbst befreien.

 Leise schloss sie die Tür hinter sich und ich seufzte. Irgendwie musste ich ganz schnell etwas unternehmen.

 

 

 

Erleichtert atmete ich aus. Ich hatte den Besuch in der Höhle des Löwen überstanden. Und wie es aussah, hatte er meine Geschichte, zumindest gewisse Teile, die Wichtigen wie es schien, geglaubt. Auch wenn man es mir nicht ansah und der große Durchbruch wohl auf sich warten lassen würde, wusste ich doch, wie man eine Szene einigermaßen über die Bühne brachte. In Kanada hatte ich Theaterkurse besucht. Den verknallten Teeny hatte ich wohl nicht schlecht gemimt und die geheuchelte Scham tat ihr Übriges, denn man hatte Duncan deutlich angesehen, dass er sehr um Beiläufigkeit bemüht gewesen war. Außerdem war er es gewesen, der den Namen Veloso als erster in den Mund genommen hatte und nicht ich. Das hieß doch, er machte sich darum Gedanken, oder? Allerdings schien er die ganze Sache noch nicht ernst genug zu nehmen. Irgendwie musste das doch zu ändern sein. Celia unterbrach mich recht wüst, in dem sie von irgendwo hinter mir angestürmt kam und mir auf den Rücken sprang. Ich ächzte.

 „Haaaa, ich hab dich.“

 „Ja. Geh runter von mir!“

 „Bist du startklar?“

 „Kommt ganz drauf an.“

 „Worauf?“

 „Wofür ich fertig sein soll.“

 „Das weißt du doch.“

 „Ah gut. Dann bin ich es nicht.“

 Celia legte den Kopf schief und sah definitiv missbilligend aus.

 „Jaja, schon gut“, ergab ich mich.

 

 

„Gott versteck mich!“

 

Ich erstarrte in der Bewegung, während Celia versuchte auf recht ungewöhnlich Weise ihren Körper hinter

dem Meinen zu verbergen. Die Verrenkungen, die sie dabei machte, waren es wert sich die Frage nach ihrem Verhalten noch eine Weile zu verkneifen.

 "Oh Schreck, hat nichts gebracht.“

 Trotzdem ging sie hinter mir in die Hocke. Ich zog sie wieder hoch.

 „Was zur Hölle tust du da?“

 Das Mädchen hatte mich doch tatsächlich in das Kaff geschleppt, in dem ich meinen Abschluss machen würde. Naja, der Bär steppte hier nicht gerade, aber die Schule machte einen angenehmen Eindruck, wenn man sich das Provinzielle wegdachte. Aber wie schnell so ein Jahr vergehen konnte, hatte ich schließlich schon oft gespürt. Dieses hier würde ich auch herumkriegen. Jeden Falls hatte die Sonne gerade eben beschlossen uns das Leben schwerzumachen. Denn, wenn sie einmal heraus kam, aus ihrem Versteck aus Wolken und Dunst, dann machte sie es sich zum Hobby, die Landschaft in eine Sauna zu verwandeln und das mit einer Luftfeuchtigkeit, die tropischen Klimaten wohl recht nah kam. Prinzessin Celia machte das nichts aus. Im Gegenteil, sie hatte mich in Richtung einer kleinen Bäckerei gezogen und sich gefreut über die Sonnenstrahlen, die ihre Nase kitzelten. Nun allerdings schielte sie wie ein aufgescheuchtes Huhn dorthin, wo eine Traube von Mädchen uns als ihr Ziel anpeilte.

 „Wer sind die denn?“

 „Naja, das ist immer sehr unterschiedlich. Entweder tun sie so, als würden sie mich nicht kennen oder, als

wären sie meine besten Freunde.“

 „Interessant.“

 „Ha. Du hast gut reden. Die reinste Landplage. Alle sind sie auf Duncan scharf.“

 „Wirklich?“

 Das war ja ein Zufall.

 „Hi Celia!“ quietschte eine hübsche Blonde, die in unserem Alter sein musste.

 Der Rest der Fünf Mädchen war eher gewöhnlich, von der einen mit dem dichten roten Kraushaar einmal

abgesehen. Die sah sehr außergewöhnlich aus.

 „Hi“ machte Celia, weniger laut und weniger erfreut.

 „Was für eine Freude dich zu sehen. Wir haben gerade von dir gesprochen.“

 „Tatsächlich.“

 Ich sah interessiert von Celia zu der Blonden.

 Irgendwie schaffte es meine Freundin, gleichzeitig träge, resignierend und angestrengt aus zusehen. Die Blonde nickte heftig.

 „Ja. Nicht wahr Ladies?“

 Die Ladies nickten ergeben.

 „Sie haben wohl eher über eine andere Benett gesprochen“, raunte ich Celia zu und blickte hinter sie.

 Als ich meinen Blick wieder der Situation zuwandte, sah sie mich fragend an.

 „Wieso anderE?“

 Ich schmunzelte.

 „Naja, manchmal ist er doch ein wenig zu schön, um ein andereR zu sein, oder?“

 „Sag das mal denen hier“, grummelte sie zurück.

 Ich lächelte die Mädchen liebenswert an. Deren Wortführerin mit dem schrillen -Hi- blinzelte irritiert. Nun, man konnte es ihr nicht verübeln. Sie hatte weder verstanden was wir gesagt hatten, noch wieso ich so dämlich lächelte. Wahrscheinlich dachte sie nun angestrengt darüber nach, ob ich es möglicherweise ironisch meinte.

 „Das ist Phoebe, Hanna. Phoebe, Hanna“, stellte Celia uns vor.

 Ich nickte ihr zu und grinste. Dabei gab ich mir Mühe nicht allzu spöttisch auszusehen. Wieder blinzelte Phoebe.

 „Ähm, ja. Ähm schön dich gesehen zu haben. Hoffentlich geht alles seinen Gang auf Roxburgh Manor?!“

endete sie ihr Gestammel mit einem fragenden Unterton.

 „Alles in Butter“, antwortete Celia.

 „Nun. Schön. Also dann. Wir gehen jetzt zu unserer Tanzstunde.“

 „Tanzen?“ fragte ich.

 Phoebe drehte ihren Kopf in meine Richtung.

 „Äh ja. Für den Abschlussball.“

 Ich machte ein anerkennendes Gesicht.

 „Mensch ihr seid ja vielleicht…vorausschauend.“

 Das war ja noch ewig hin. Sie legte den Kopf schief. Wahrscheinlich versuchte sie immer noch heraus zu finden, ob ich es ernst meinte.

 "Ja. Danke“, antwortete sie unsicher. Dann kratzte sie sich am Arm.

 „Ähm, tanzt du?“

 „Dafür kennen wir uns nicht gut genug.“

 Erneut blinzelte sie auf diese herrliche Art. Sie kicherte. Der Rest der Mädchen stimmte mit ein. Celia schaute etwas dümmlich aus der Wäsche und ich biss mir auf die Innenseite der Wange, um mir ein Lachen zu verkneifen.

 „Ja das war schön, aber wir müssen jetzt auch weiter. Auf wieder sehen, viel Spaß beim Tanzen.“

 Die Mädchen winkten und ich zog Celia am Arm in die entgegen gesetzte Richtung.

 „Meine Güte.“

 Ich pustete mir die Haare aus der Stirn.

 „Ach du je“, wiederholte ich mich.

 Celia seufzte und massierte ihre Schläfen

 „Die sind so anstrengend.“

 Ich zuckte die Achseln.

 „Naja. Also….“

 Mir viel nichts Gutes ein, was ich hätte sagen können.

 „Ging doch.“

 Sie bestrafte mich mit ihrem Minimonster Blick.

 „Puh, anscheinend hat sie heute Morgen kein Quasselwasser getrunken. Dein Gesicht muss sie

eingeschüchtert haben.“

 Meine Hand tätschelte ihren Rücken.

 „Ich hab es dir gesagt, wir hätten daheim bleiben sollen.“

 Abrupt drehte sie sich um und sah mich mit einem so glücklichen Blick an, dass mir automatisch mulmig zu

mute wurde.

 „Was?“ fragte ich.

 „Du hast gerade daheim gesagt, Hanna.“

 Ich öffnete den Mund, aber heraus kam nur etwas heiße Luft. Na Mist aber auch.

 „Das ist so schön. Du weißt nicht wie mich das freut.“

 Dass sich mein Gesicht zu einer Grimasse verzog, schien daran auch nicht viel ändern zu können, denn ihr

Lächeln wirkte fast ein bisschen selig.

„Du weißt doch was man sagt, oder?“

 „Nein.“

 „Doch weißt du. Da wo man sich auszieht ist man zu Haus.“

 Dieses Lächeln gefiel mir nicht.

„Jaja meine Liebe. Ich hab dich schon durchschaut.“

 „Hey was soll das…“

 Sie lachte nur.

 „Komm lass uns wieder fahren.“

 Ich warf die Arme gen Himmel und trottete Celia hinter her.

 

 Nachdem ich endlich wieder meine Zimmertür hinter mir ins Schloss fallen lassen konnte, um mich einer

zerfledderten Ausgabe meines Lieblingsbuches widmen zu können hielt ich mich für einen Augenblick für

den glücklichsten Mensch der Welt. Ich liebte Celia, keine Frage, aber es stand ebenso wenig zu Debatte, dass sie mordsanstrengend war. Mit ,Match me if you can’ in der Hand, ließ ich mich schwer seufzend auf das Bett fallen. Es war mittlerweile egal, wo ich den Roman aufschlug, die Geschichte kannte ich sowieso schon auswendig, ebenso, wie die geliebten Streitgespräche der Figuren. Gerade war ich in das Geschehen eingetaucht und kicherte über die Aussage der Protagonistin:,…zumindest einer von uns ist ein Mensch. Der andere ist ein Reptil….’, als es schon wieder an meiner Tür klopfte. Ich versuchte das energische Trommeln am Holz zu ignorieren, auch, wenn das ziemlich schwer war. Als dann eine laute Stimme, ohne jedes Mitleid schrie, zuckte ich unter dem Wortlaut gepeinigt zusammen und sprang auf, um schnell die Tür zu öffnen. Bei Anabelles „HANNA?!?! MASTUBIERST DU?!?!?!“ war eine andere Reaktion ausgeschlossen, zumindest für mich.

 „Verflucht noch mal, bist du noch ganz bei Trost?“ zischte ich ihr entgegen, als ich die Tür öffnete.

 „Oh gut, du hast mich gehört“, flötete sie.

 „Natürlich. Van Gogh hätte dich gehört. Und der ist tot und ihm fehlte ein Ohr.“

 Erstaunt verlangsamten sich meine verärgerten Bewegungen, als ich eine lächelnde Oda bemerkte. Sie winkte mir zu. Entsprechend verwirrt zog ich ein komisches Gesicht, dass sie zum Lachen anregte und Anabelle dazu veranlasste, mich mit einem: „Willst du uns nicht herein bitten?!“ zurück in mein Zimmer schubste. Total überrumpelt ließ ich die Beiden an mir vorbei marschieren. Anabelle schien jeden Raum mit ihrer puren Anwesenheit zu füllen und Odas Erscheinung ließ die Einrichtung wie ein Bestshot aus einem Magazin für Wohnen und Dekoration wirken. Kopfschüttelnd schlug ich die Tür wieder zu und drehte mich ungläubig zu den Beiden um. Fragend sah ich von Anabelle zu Oda und wieder zurück. Die Eine sah still lächelnd zu Boden, während Anabelles Blick nach total unverständlich war, wieso ich so drein schaute.

 „Äh….“, begann ich.

 „Ach Hanna. Total Witzig. Totales Missverständnis“, unterbrach mich Anabelle und Oda nickte zustimmend.

 „Sie ist gar nicht so ein Biest.“

 Meine Augen wurden groß und reflexartig sah ich zu der Person, von der die Rede war. Oda allerdings winkte kichernd ab.

 „Ich hab über jemanden gelacht, der im Hintergrund gestolpert ist.“

 „Komisch, was?“

 Demnach hatte Anabelle also nur ein Problem, wenn sich Schadenfreude gegen sie selbst richtete. Es schien ihr entgangen zu sein, dass auch so was nicht gerade für einen bombigen Charakter sprach.

 „Ja. Sie hat über jemanden gelacht, der gestolpert ist und nicht über dich. Komisch.“

 „Irgendwie klingt das anders, wenn du es sagst“, stellte Anabelle fest.

 „Woran liegt das nur“, knurrte ich.

 „Was hast du gesagt?“

 „Du brauchst ne Vitaminkur“, sagte ich nun etwas lauter.

 Sie starrte mich an, als hätte ich verkündet, das Äthiopische Bruttosozialprodukt sei größer als das Amerikanische.

 „Wieso das denn?“

 Genervt winkte ich ab.

 „Vergiss es. Schön, dann hast du dich also dazu entschlossen sie zu mögen.“

 Ich deutete auf Oda und Anabelle nickte begeistert. Schneewittchen schien es nicht zu gefallen, dass wir über sie sprachen, als wäre sie nicht vor Ort, denn sie mischte sich ein.

 „Belle kam zu mir und hat mich auf diese Sache angesprochen. Ich bin so froh, dass ich das Missverständnis

aufklären konnte.“

 Belle? Was ging denn hier nur vor sich? Sie lächelte wieder so breit, dass ich nicht anders konnte, als mit dem Kopf einige Millimeter zurück zu zucken. Man, das tat ja schon vom Zuschauen weh.

 „Belle!?“ fragte ich in Richtung Anabelle, die nur die Schultern hob.

 Wieder schüttelte ich leicht den Kopf. Diesmal resignierend.

 „Also, wieso seid ihr hier?“

 Die Beiden sahen sich an, als hätte ich etwas verpasst. Ich starrte zurück.

 „Was?“ schnappte ich.

 „Nichts. Ich wollte dir das nur sagen.“

 „Du störst mich, um mir das zu sagen?“

 „Also hast du etwa wirklich…“

 „NEIN! Ich habe mir etwas Kultur gegönnt. Und jetzt raus!“

 Gedanklich versetzte ich mir einen Kinnhaken zur Strafe. Kultur. Pffft. Wieder tauschten die Zwei einen eingeschwörten Blick, dann marschierten sie wieder hinaus. Irgendwo im Flur fing eine Uhr an eine Runde Uhrzeit zu schlagen. Ich vermutete, dass es die vierte Stunde nach Mittag war. Dong. Dong. Dong. Dong. Ha. Ich war so gut.

 „Und jetzt verbrüdert ihr euch gegen Sophie oder was? Ich warne euch, wenn ihr mir die auf den Hals

jagt…dann schicke ich Max!“

 Die Drohung hatte nicht den gewünschten Effekt. Anabelle fing nämlich an dreckig zu grinsen.

 Ich sah sie angeekelt an.

 „Das ist nicht dein Ernst!?!“ spie ich aus.

 Sie zuckte mit den Achseln und rückte ihre Brille zurecht.

 „Naja, als ich finde nicht dass er schlecht aussieht und…“

 „Schlag dir das aus dem Kopf. Mit Max zieht niemand so schnell gleich. Sei mir nicht böse, aber der ist ne

Nummer zu groß für dich. Die Einzige vor der er kuscht ist Julia. Und wenn er die nicht heiratet, dann gar

keine.“

 Ich atmete schneller als zuvor. Aber wirklich. Max würde der gesamten Weiblichkeit auf der Nase

herumtanzen, weil niemand seinen subtilen Humor durchschauen würde. Außer meiner besten Freundin.

 Max und Julia passten zueinander, wie…dafür gab es einfach keinen passenden Vergleich. Sie selbst stellten

einen neuen auf. Sie passten eben zueinander wie Max und Julia.

 „Wer ist Julia?“ fragte Oda.

 Ich fing an zu glauben, dass sie nicht ganz so dämlich war, wie ich es vermutet hatte.

 In der Flurbeleuchtung sah es nicht mehr so aus, als würde das Licht einfach durch ihren Kopf

durchscheinen.

 „Ein Drachen“, dröhnte es durch den Flur.

 Ich stöhnte.

 Max.

 Allerdings freute mich sein Auftritt insofern, dass Anabelle rosa anlief. Schließlich lag es nah zu vermuten,

dass er die Unterhaltung mitgeschnitten hatte.

 „Es ist ganz schön peinlich, dass du mit starken Frauen nicht zurrecht kommst Max. Darin liegt doch die

eigentliche Herausforderung. Kleine Mädchen verscheißern kann jeder.“

 Er nahm mich in seinen Schwitzkasten und verstrubbelte mein Haar. Toll. Falls ich jemals zuvor eine Frisur

gehabt haben sollte, so war sie jetzt futsch.

 „Aber nicht, wenn es so einen Spaß macht“, oktavierte er nach oben, sodass es in den Ohren wehtat.

Dabei betonte er das Wort -Spaß- so seltsam, dass Oda anfing zu kichern.

 Allerdings verkniff sich mein Bruder, oh welch Wunder, einen Kommentar dazu, wenn ihm überhaupt einer

eingefallen wäre. Vielleicht nahm er es auch gar nicht richtig war.

 „Wo steckt denn der warme Bruder?“ fragte mich Max.

 Es war klar, dass es Veloso meinte.

 „Keine Ahnung. Bin ich sein Kindermädchen?“

 „Man du bist ja mies drauf. Kein Wunder, dass die Sonne wieder weg ist. Wenn ich dich gesehen hätte,

hätte ich mich auch gleich wieder verzogen. So ein Gesicht kann ja keiner ertragen.“

 „Das trifft sich gut. Ich wollte sowieso lesen. Dann belaste ich nicht die Allgemeinheit.“

 „Ach Zimtsternchen. Für wie egoistisch hältst du uns, hm? Was für uns am besten ist zählt nicht. Du musst

unter Leute, wir sind stark genug, dich zu ertragen.“

 Er boxte mich an die Schulter.

 „Ist hier nicht irgendwo ein Spiegel in dem du dich bewundern kannst?“ keuchte ich. Wie üblich war mir mal

wieder die Luft weggeboxt worden.

 „Ich wollte gerade in den Stall gehen und Bessi melken.“

 „Wieso bei Worten aufhalten. Tu es einfach!“

 "Ach so, ja…was ich dich fragen wollte: sind deine milieugeschädigten, unsozialen Verhaltensweisen

eigentlich ein Produkt deiner wild gewordenen Hypophyse?“

 Ich fing vor gespielter Verzweiflung zu weinen, nachdem ich die ersten verdutzten Sekunden hinter mich

gebracht hatte.

 „Ich denke ich werde dich einfach mitnehmen und im Kinderparadies abgeben. Dieser Umgang hier ist

nichts für dich.“

 Max schleppte mich, unter seinem Arm eingeklemmt, in Richtung Treppe und ließ zwei wohl ziemlich verwirrte Gesichter hinter sich zurück. Es fiel ungeübten Personen oft schwer unseren Wortwechseln zu folgen. Derweilen hatte ich ebenfalls keine Ahnung davon, was wir eigentlich gerade sagten. Der Sinn des Kommentars mit der Kuh war mir zum Beispiel verborgen geblieben. Aber wahrscheinlich war das seine Intention gewesen. In der Küche trafen wir auf Aidan und Veloso. Die Beiden standen über etwas gebeugt, dass auf der Arbeitsplatte lag und sahen nicht auf, als Max die Tür hinter uns zu schlug.

 „Oh. Sie mal einer an. Mr. Darcy und sein Freund Mr. Bingley.“

 Das hatten wir heute doch schon mal, oder? Aidan sah irritiert auf und bedachte meinen Bruder mit einem angewiderten Blick. Ich tätschelte Max den Rücken.

 „Keine Sorge, mein Großer. Spätestens morgen bist du wieder lustig.“

 „Das war kein Scherz. Im Ort werden die Zwei so behandelt wie diese….Gentlemen aus dem Film.“

 Ich schlenderte zu Veloso und sah ihm über die Schulter. Sein nachdenklicher Gesichtsausdruck war äußerst

ungewohnt, verlieh ihm allerdings irgendetwas Düsteres. Irgendwie wirkte das sehr anziehend. Ich schmiegte mich an ihn und versuchte zu schnurren. Er knurrte.

 „Nerv nicht!“

 Vor ihm lag eine Karte.

 „Willst du den Weg zurück in dein Zimmer finden.“

 „Vielleicht könntest du einmal versuchen, nicht alles mit einem dämlichen Kommentar abzutun.“

 Ich grinste.

 „Und das aus deinem Mund.“

 „Ich meine es ernst Hanna.“

„Ich auch.“

 Ich streichelte über sein Haar, was ihn seufzen ließ.

 „Max, pfeif sie zurück.“

 „Ich kann nicht. Sie hört nicht mehr auf mich, seit das Elektrohalsband kaputt gegangen ist.“

 Eine Weile schwiegen wir.

 „Wozu die Karte?“ fragte ich schließlich.

 Ich konnte keinen Ortsnamen darauf zuordnen, aber ich erkannte, dass es sich um eine mit kleinem

Maßstab handelte.

 „Wir machen eine Reise.“

 Meine Augen wurden groß.

 „Was?“

 Jetzt viel mir auf, dass Aidan auch nicht wirklich entspannt aussah. Seit dem Vorfall im Wald war ich immer

etwa vorsichtig mit ihm und sah ihn mir nicht allzu genau an. Er löste immer so seltsame Reaktionen meiner

Gesichtsfarbe aus. In diesem Moment allerdings nicht, denn er betrachtete die Karte mit angestrengtem

Blick und war viel zu abgelenkt, um mich zu necken.

Ich sah von einem zum anderen und dann zu Max, der auf einmal alarmiert drein sah.

 „Haben sie es tatsächlich getan?“ fragte er und trat auf die Beiden zu.

 Aidan stieß einen überlegenden Laut aus.

 „Naja, nicht so wie wir erwartet haben, aber es ist wohl besser vorsichtig zu sein.“

 „Wollt ihr das wirklich durchziehen?“

 Ich verstand nur Bahnhof.

 Wieder war es Aidan, der antwortete. Veloso war ganz vertieft in den Anblick der Karte und zog immer

wieder mit der Hand unsichtbare Linien nach, um dann nachdenklich inne zuhalten und den Finger an eine

andere Stelle zu legen.

 „Das ist nicht unsere Entscheidung, sondern die von Marcus.“

 „Ist das schon wieder eine dieser geheimen Sachen, die mit dem Umstand zu tun haben?“ fragte ich

genervt.

 Niemand beachtete mich.

 „Marcus und Leo?“ fragte Max an Aidan gerichtet.

 Der zuckte die Achseln.

 „Müssten bald wieder hier sein.“

 „HALLOOO!“ ich wedelte mit der Hand vor den Gesichtern der Beiden herum.

 Mein Bruder sah auf mich hinunter. Kurzzeitig schien er erstaunt mich zu sehen. Hatte er mich etwa

vergessen?

„Jetzt nicht Hanna.“

 Gut, jetzt war ich ernsthaft besorgt. Er nannte mich bei meinem Namen.

„Was ist los zur Hölle.“

 „Nichts“, kam es aus zwei Mündern.

 Natürlich. Zweifelnd sah ich sie an.

 „Nichts, was dich beunruhigen sollte. Wir müssen nur ein paar Vorsichtsmaßnahmen treffen“, erweiterte

Aidan.

Ich nickte, obwohl ich nichts verstand.

„Am besten du gehst zu Celia.“

 Mit diesen Worten schob mich mein Bruder in Richtung Ausgang.

 „Hat es was mit dem Umstand zu tun?“

Er sah mich undurchdringlich an.

 „Jaja. Mit dem Umstand.“

 ch drückte die Klinke nach unten.

 „Mit denen, die nicht wollen dass sich etwas ändern?“

 „Das könnte sein ja“, antwortete er, unglücklich darüber, dass er antworten musste.

„So und jetzt ab. Mach dir keine Sorgen.“

 Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Langsam kam ich mir ziemlich dämlich vor. Ich trottete zu Celias Zimmer, die fragend von ihrem Buch aufsah, als ich die Tür öffnete.

 „Die Jungs lassen mich nicht mitspielen.“

Sie empfing mich mit einem Schmunzeln.

 „Und dann hast du beschlossen, dich doch mit meinen Barbies zufrieden zu geben.“

 „So ungefähr.“

 Sie lachte leise und wandte sich wieder ihrem Roman zu.

 „Du hast doch nicht wirklich Barbies oder?“

 „Das kommt ganz drauf an.“

„Worauf?“

„Ob du brav bist.“

 

Kapitel 12

 

 

Müde, ich hatte nicht besonders gut geschlafen, schlurfte ich den Gang entlang. Mir den Schlaf aus den Augen reibend, ignorierte ich einen Guten Morgen Gruß von Veloso, der mir munter entgegen waberte. Wobei der Gruß waberte, nicht der Mann. Der schickte mir einen missbilligenden Blick hinterher, wie ich aus dem Augenwinkel bemerkte. Aber der galt wohl eher meinem Aufzug. Ich war nämlich zerrupft wie eh und je. Die Schlafanzughose hing schräg, auf der einen Seite unter dem Beckenknochen und auf der anderen kurz über dem Bauchnabel. Doch ich war schlichtweg einfach zu müde, um es zu korrigieren. Das Oberteil war ähnlich verrutscht und ich spürte, dass der Haargummi meinen Zopf nicht mehr zentriert am Hinterkopf hielt, sondern irgendwo links an der Seite. Wäre ein wenig mehr Energie in mir gewesen, hätte ich warnend den Zeigefinger gehoben. Dann hätte ich ihn darauf hingewiesen, dass ich ihm beim nächsten Mal den Bruder dieses Fingers zeigen würde. Nicht den Daumen versteht sich. Da ich allerdings kurz vor dem Einschlafen war, konnte mir der Gedanke daran nicht mal ein müdes Lächeln entlocken. Irgendein seltsames Geräusch hatte mich früh geweckt und mich wach gehalten. Dementsprechend unzufrieden war ich mit der Gesamtsituation. Ich peilte die Treppe an, um mir einen starken und sehr schwarzen Tee zu kochen. Genauso schwarz wie das Leben. Veloso plante jedoch etwas anderes. Er war nicht, wie erwartet weiter seines Weges gegangen, sondern hatte beschlossen, meiner Laune an einen weiteren Tiefpunkt zu verpassen. Sein Körper versperrte mir den Weg.

„Muckelchen, möchtest du ein paar Streichhölzer? Die würden deine Augen offen halten.“

 

Da er so liebenswert klang, ließ ich Gnade walten. Außerdem strahlte er eine urige Gemütlichkeit aus. Tödlich in meinem Zustand. Ich lehnte mich an seine Brust. Seine Arme schlossen sich um meinen Oberkörper und er rieb sachte über den Stoff meiner Ärmel. Schnell wurde es angenehm warm und muckelig. Morgens war es in diesem Haus sogar noch kälter und ich fror erbärmlich. Verflucht, eigentlich war Sommer. Ich summte leise und zufrieden, weil der Mann so schön warm war. Außerdem roch er gut.

 

„Nicht schlafen, Prinzessin.“

 

Ich grummelte und drängte mich noch näher an ihn, in der Hoffnung noch etwas mehr seiner unwiderstehlichen Wärme abzukriegen.

 

„Na sieh mal einer an, du bist ja eine kleine Schmusekatze.“

 

Konnte er nicht einfach die Klappe halten?

 

„Hey!“ Leicht wurde ich geschüttelt.

 

Ich quittierte das mit einem lauten „Mmmmhhhhh.“

 

Meine Lehne vibrierte.

 

Mir wurde mal wieder bewusst, wieso wir Frauen das Testosteron dieser Welt noch nicht ausgerottet hatten. Wegen solch kuscheliger Momente. Es würde sie ohne Männer einfach nicht mehr geben. Veloso gab mir einen kleinen Kuss auf eine Stelle an meinem Kopf, an der die Haare nicht wild abstanden. Ich schnurrte zur Antwort.

 

„Genug gekuschelt. Ich finde du solltest duschen.“

 

„Ich nicht. Noch ein bisschen.“

 

Er seufzte.

 

„Kann es sein, dass du einen Freund brauchst, mein Schatz?“

 

Wieso, ich hatte doch ihn. In Kanada hatte ich für meine Kuscheleinheiten William gehabt, also war ich nie in die Verlegenheit gekommen mir einen zu suchen. Na gut, da war die Sache mit Andrew. Aber so langsam hatte ich den Verdacht, ihn nur zu knutschen gebraucht zu haben. Reagierte ich deswegen so auf Duncan?

 

„Veloso?“

 

„Was denn?“

 

Er hatte begonnen, meinen spannungslosen Körper in Richtung Badezimmer zu hieven.

 

„Würdest du mich küssen?“, fragte ich unschuldig.

 

Erneut seufzte er.

 

„Haben wir nicht schon einmal so eine Unterhaltung geführt?“

 

„Das ist keine Antwort.“

 

„Nein, mein Kätzchen.“

 

„Nicht?“

 

Er strich mir zur Antwort über den Kopf.

 

„Wieso nicht?“, nuschelte ich ein klein wenig beleidigt an seine Brust.

 

Er ächzte, während er mich das letzte Stückchen bis zur Tür anhob.

 

„Weil du zu jung bist und ich dich viel zu gern hab.“

 

„Das ist unlogisch.“

 

Ich rieb meine Nasenspitze träge an seinem Pullover.

 

„Nur im ersten Moment.“

 

„Vielleicht hast du Recht“, seufzte ich.

 

„Wahrscheinlich.“

 

Er drückte mich ein wenig von sich weg, um mich anzusehen.

 

„Gehst du jetzt duschen?“

 

Ich zog einen Schmollmund.

 

„Ich weiß nicht, was du mir damit sagen willst“, sagte er und sah mich stirnrunzelnd an.

 

Ich wusste es auch nicht. Morgens verhielt ich mich immer etwas seltsam.

 

Also zuckte ich mit den Achseln, immer noch mit Schmollmund und den großen, unschuldigen Augen, die jedes Mädchen machen kann, wenn es will. Argwöhnisch betrachtete er mich. Ich gähnte herzhaft und ließ mich wieder an Velosos Brust sinken. Genießerisch schloss ich die Augen. Mein Kissen hob sich, als er seufzte. Dann legte er seine Wang auf meinen Haarschopf. Wieder umfingen mich seine Arme.

 

„Du bist schon ein Häschen.“

 

„Ich bin kein Häschen“, nuschelte ich.

 

„Du wirst eins sein, wenn ich dich gleich ins Badezimmer jage.“

 

Gnädig gluckste ich ein klein wenig darüber.

 

„Noch ein bisschen.“

 

Da er nichts erwiderte, akzeptierte er wohl.

 

Dann allerdings sah ich Duncan den Gang entlang kommen, als ich kurz die Augen öffnete. Seine Mine sagte nichts Gutes und beschloss nun doch Velosos Aufforderung nach zu kommen. Und zwar zügigst. Plötzlich doch zu etwas schnelleren Bewegungen fähig, huschte ich ins Badezimmer und verschloss die Tür hinter mir. Zweimal. Nur zur Sicherheit. Frisch geduscht und sehr viel wacher, verbrachte ich einen anstrengenden, aber aufschlussreichen Morgen mit meinen Schwestern. Anabelle hatte mich nämlich erwischt, nachdem ich meine Morgentoilette beendet hatte und in den Garten gezogen. Auch wenn der Himmel regenverhangen wie immer war, ließen sich die Temperaturen mit einem Pullover aushalten und Celia hatte dafür gesorgt, dass wir ungestört ein wenig Zeit miteinander verbrachten. Sie war es gewesen, die unter meinem Fenster irgendwelche komischen Geräusche gemacht hatte, um mich zu wecken. Hexe. Da für mein Frühstück gesorgt war, hielt ich mich wacker für mehrere Stunden. Wie tapfer ich doch war. Außerdem war es nicht so schlimm wie erwartet. Trotzdem Hexe. Auf diese Weise erfuhr ich ein wenig mehr von den anderen. Zum Beispiel, dass Odas Eltern nicht zum engsten Kreis gehörten, weswegen sie von Klein auf in Deutschland gelebt hatte. Sie war zweisprachig und sehr behütet aufgewachsen und einige wenige Zentimeter zu klein für eine Karriere als Model. Dieser Fakt schien sie nicht so sehr zu stören, wie er es bei ihrem Aussehen gesollt hätte. Verdammt, wie ich es hasste wenn Menschen sich weigerten in bestimmte Schubladen zu passen. Anabelle hatte die Schule bereits beendet. Sie hatte zwei Klassen übersprungen und manchmal dachte ich, dass ihre zusätzlichen IQ Punkte bei Sophie abgezogen worden waren. Die war allerdings, trotz der Eigenschaft schwer von Begriff zu sein, ein nettes Mädchen, wenn auch mit etwas zu viel Neugierde gesegnet. Hauptsächlich war sie es, die uns die Würmer aus der Nase zog, natürlich auf metaphorischer Ebene. Ich steuerte ebenfalls meine halbe Lebensgeschichte bei. Es waren einige Parallelen zu denen der anderen zu erkennen, vor allem die Internataufenthalte. Auch alle andern sollten so wenig wie möglich über…den Umstand erfahren. Langsam wurde ich dankbar für diese Klausel. Immer wieder von dieser Lächerlichkeit zu hören, hätte mich wahrscheinlich irgendwann in den Freitod getrieben. Blöde Legende. Anabelle stach aus uns drein hervor. Durch ihren Haarschnitt allein äußerlich, doch das setzte sich in ihrer Intelligenz, der Kurzsichtigkeit und ihrem Humor fort. Der war derweil recht eigen, wie wir feststellen durften. Oda war in der Tat ein klein wenig oberflächlich, jedoch hielt sie nicht nur ihre eigenen Existenz für wichtig, was man bei ihrem Aussehen hätte vermuten können. Erstaunlicher Weise, zeichnete sich ihr Charakter durch einen erfrischenden Anteil Schüchternheit und Selbstironie aus, der sie sehr sympathisch machte. Wie Anabelle feststellte, war ich diejenige von uns vieren, die ihr am ähnlichsten geraten war. Ich gab ihr Recht. Zum Beispiel hassten wir Erbsen. Und sie interessierte sich für Umweltschutz. Nur sehr viel exzentrischer als ich. Sie trug nur Unterwäsche aus Fairtrade Baumwolle. Witzig war, dass jedes der uns eigenen äußerlichen Merkmale bei den anderen ebenfalls vorkam, nur in unterschiedlich starker Ausprägung. Zum Beispiel die Struktur des Haars. Oda hatte diese Prachtlocken aus dem Katalog. Sophie niedlich gewelltes Haar und das von Anabelle war durch den Kurzhaarschnitt völlig geglättet. Nur die Spitzen lockten sich, wenn es länger wurde. Den Zustand meiner Mähne muss ich hier nicht erläutern. Jedenfalls schnitt ich im Vergleich nicht besonders gut ab. Anabelle hatte die Augen mit den dunkelsten Blau. Dann folgten meine in der Pigmentierung. Oda hatte die hellsten Augen von uns, Sophie pegelte sich irgendwo dazwischen ein. Ich hatte die meisten Sommersprossen. Anabelle nicht so viele wie ich, aber man erkannte es ebenfalls von weitem. Bei Sophie konnte man vereinzelt welche erkennen, wenn man näher herantrat und bei Oda…naja, bei der konnte man sich einen Ast suchen. Sie war die Größte, Sophie die Kleinste. Aber ich schlug sie auch nur um einen Zentimeter, zumindest bezeugte das mein Ausweis. Anabelle besaß die kurvigsten Figur, sehr weiblich und sinnlich. Mir gefiel sie sogar besser als Odas, denn die war zu perfekt, das zumindest versuchte ich mir einzureden. Von den Zehenspitze, bis in die Ohrläppchen vollkommen. Die Größe der Brüste zu beschreiben würde mir an dieser Stelle zu viel Schmerzen bereiten, aber was das Sehvermögen anging, belegte ich den ersten Platz. Ich sah perfekt, auch in die Weite. Oda gestand, dass sie Kontaktlinsen trug, weil ihr keine Brillen stehen würden. Natürlich log sie. Eitles Biest. Sophies Augen waren nicht die Schlechtesten, aber meine waren einen Deut besser. Naja, keine besonders bemerkenswerte Eigenschaft. Gerade eben erzählte Anabelle von ihrer Reaktion auf…den Umstand. Ich beobachtete derweil einen Vogel, denn ich konnte mir denken wie es ungefähr abgelaufen war. So wie bei mir, Oda und Sophie. Erst Unglaube, dann Wut, dann wieder Unglaube. Fassungslosigkeit. Einsicht. Naja, so zumindest war es bei den anderen beiden abgelaufen. Ich tat mich mit dem letzten Schritt schwer. Außerdem hatte ich die anderen drei immer noch nicht ganz überwunden. Ab und zu, erfasste mich noch eine Welle des Jähzorns, in der Ausprägung sehr variabel. Der Piepmatz blieb leider nicht lange an Ort und Stelle. Das nasse Wetter war wenigstens für ihn von Vorteil, denn es brachte allerlei Krabbeltiere dazu, ihre Köpfe aus der Erde zu strecken. Für einen Regenwurm endete das tödlich.

 

„Hanna?“

 

„Hm?“

 

Ich wandte meinen Kopf wieder den anderen zu. Witzig war es schon in drei so ähnliche Gesichter zu sehen. Eines hübscher als das Andere. Die schwarzen Haare bildeten extreme Kontraste zu den blassen Gesichtern.

 

„Wie siehst du das?“

 

Oda sah mich abwartend, Sophie erwartungsvoll und Anabelle ein klein wenig hämisch an. Die alte Verräterin wusste genau, dass ich nicht bei der Sache gewesen war.

 

„Ähm. Ja“, versuchte ich mich zu retten.

 

Synchron runzelten sich drei helle Stirnpartien.

 

„Ich finde….naja….also eigentlich….hab nicht zugehört. Was hast du gefragt?“

 

„Ob wir das wirklich glauben sollen“, half Anabelle, mit einem spöttischen Glitzern in den Augen.

 

Also kamen wir jetzt zum interessanten Teil. Oder auch nicht. Ich wollte darüber nicht sprechen. Überhaupt wollte ich nicht reden. Heute war ich in extrem wenig Zeit schon zu viele Worte losgeworden. Deswegen verdrehte ich die Augen.

 

„Wieso?“, fragte ich etwas genervt.

 

„Ich mein, müssen wir darüber reden?“

 

Zwei Köpfe neigten sich nickend und ich konnte nicht anders, als hypnotisiert die im Takt wippenden Locken zu verfolgen. Hoch, runter. Hoch, runter. Anabelle verschränkte die Arme vor der Brust, ohne zu nicken.

 

„Ja.“

 

Sie antwortete dafür. Ergeben seufzte ich.

 

„Ich find das affig. Auf der einen Seite sind wir so wichtig, dass unsere Identität jahrelang vor uns selbst verborgen wird, angeblich um uns zu schützen und dann, werden wir uns hier ständig uns selbst überlassen. Natürlich, wieso sollten sie so einen Mist erfinden? Das ist die Frage, die mir dabei im Weg steht, aber ich kann diesen Kram einfach nicht glauben. Ich tu einfach so, als hätte ich nie davon erfahren. Dann muss ich mich damit nicht auseinander setzen.“

 

Blaue Augen, sechs an der Zahl sahen mir blinzelnd entgegen.

 

„Du denkst nicht darüber nach?“, fragte Anabelle schließlich.

 

„Manchmal“, brummte ich.

 

Mit ihrem dicken Gehirn konnte ja nicht jeder mithalten.

 

„Ich finde das Ganze unheimlich interessant. Im Grunde genommen ist das der Gottesbeweis, den ich immer gesucht habe.“

Ja, so sah Anabelle schon aus. Alles hinterfragen war wohl so eine Begleiterscheinung der gehobeneren Intellektsphäre.

 

„Den brauche ich nicht. Man muss sich nur mit Stoffwechselsphysiologie beschäftigen um zu begreifen, dass das nicht alles zufällig entstanden sein kann, ohne dass es nicht wenigstens einen klitzekleinen Anstoß gegeben hat“, setzte ich ihr entgegen.

 

„Außerdem finde ich diese Legende höchst ominös. Anhand daran die Existenz einer höheren Kraft zu beweisen, die mit einer so großen schöpferischen Kraft ausgestattet sein soll, wie beschrieben, finde es sehr….schwierig“, fuhr ich fort.

 

„An jeder Legende ist ein Teil wahr.“

 

Das kam von Sophie. Ich sah in ihr naives Gesichtchen.

 

„Und 90% sind erstunken und erlogen. Sei nicht so naiv.“

 

Ich konnte nicht unterdrücken, dass meine Stimme ein wenig gereizt klang.

 

„Du bist nicht gerade das, was man als vertrauensselig bezeichnen würden Hanna“, meldete sich Oda zu Wort.

 

Ich zuckte mit den Schultern.

 

„Das alles wurde von Generationen mündlich überliefert. Die haben selbst keine Ahnung mehr, von wann diese Prophezeiung stammt. Wahrscheinlich steht am Anfang der ganzen Geschichte irgendeine Xanthippe, die wegen ihrer Zahnschmerzen nicht mehr richtig denken konnte. Früher wurden Leute ernst genommen, die würden heute nicht auch nur einen Fuß auf die Straße setzen. Die…“, ich deutete ich Richtung Haus, „…wissen fast gar nichts über ihre Vorgänger. Mit Geschichtsschreibung hatten sie es wohl nicht so. Jedenfalls haben weder die Benetts, noch meine Familie irgendeinen blassen Schimmer, worauf sie eigentlich warten. Für Leute, die angeblich ein Gehirn haben, lassen sie sich erstaunlich viel von so einem blöden Gerede beeinflussen. Ich kann diesen Humbug einfach nicht glauben.“

 

Sophie sah etwas beleidigt aus. Sollte sie doch.

 

„Du vergisst, dass Vierlingsgeburten relativ selten sind. Außerdem steht fest, dass wir es hier tatsächlich mit besonderen….ich will nicht sagen Menschen zu tun haben. Ich weiß nicht inwiefern es euch erklärt wurde, aber ich habe mit eigenen Augen gesehen, wozu sie fähig sind, wenn sie….es tun. Ihr wissen schon was“ argumentierte Anabelle.

 

Missmutig verschränkte ich die Arme vor der Brust.

 

Und wenn schon. Das hieß noch lange nicht, dass an diesem Mysterium irgendetwas anderes wahr sein sollte.

 

„Und woher sollte so ein verhuschtes Mäuschen, wie es unsere….Mutter…..es gewesen ist, irgendeinem Traum folgen und bis nach England reisen? Hochschwanger“, fing Belle wieder an. Himmel, jetzt fing ich auch schon an mit diesem Spitznamen.

 

„Ach, wer weiß was davon stimmt.“

 

Erstaunt sah ich Oda an. Ich hätte sie eher in die euphorische Schiene eingeordnet. Wieder wurde ich eines Besseren belehrt. Ich sollte einsehen, dass das Mädchen nicht so einschichtig war, wie ich in meiner Bequemlichkeit gedacht hatte. Sie sah zurück.

 

„Ist doch so“, rechtfertigte sie sich.

 

Anabelle seufzte.

 

„Wir werden es wohl erst wirklich wissen, falls es dazu kommen sollte.“

 

Wir schwiegen.

 

„Spürt eine von euch schon etwas?“

 

Konnte Anabelle es nicht einfach bleiben lassen? Wen interessierte denn schon diese blöde…dieser Umstand?

 

„Was denn?“

 

Ach Sophie. Was wohl!

 

„Es heißt, es findet sich ein süßes Liebespärchen. Also? Ist jemand verliebt?“

 

Ich sank in mir zusammen. So wie ich Sophie kannte…

 

„Hanna hat da bestimmt was zu erzählen.“

 

…Ja, das hatte ich geahnt.

 

Interessiert sah Anabelle mich an.

 

„Aha?“

 

„Ich weiß nicht was sie meint“, versuchte ich mich rauszureden.

 

Wieder erschien dieses Lächeln auf Sophies Gesicht. Das, das nichts Gutes bedeutete. Zumindest nicht für mich.

 

„Sie ziert sich noch.“

 

Stille.

 

„Also? Hanna?“

 

Ich sah Anabelle böse an.

 

„Wie gesagt. Ich weiß nicht wovon sie redet. Zwischen mir und Veloso läuft nichts. Natürlich ist sein Hinter wirklich fabelhaft und…“

 

Meine Mörderschwester winkte ab.

 

„Also so viel hab ich schon mitbekommen…“, unterbrach sie mich, „…um Veloso geht es hier nicht.“

 

Ich gab mir Mühe mein grimmigstes Gesicht zu ziehen. Trotzdem blieb ihr Gesicht weiterhin neugierig. Auch Oda betrachtete mich interessiert.

 

„Ich muss jetzt gehen. Hab Celia versprochen ihr zu helfen. Man lässt sie besser nicht zu lange warten.“

 

Ich erhob mich so schnell es funktionierte.

 

Gott war das peinlich. Wie viele Leute würden noch von meinem nicht existenten Liebesleben erfahren?

 

„Du könntest ruhig etwas kooperativer sein.“

 

Ich ignorierte Anabelle und begann in Richtung Haus zu laufen. Dabei hörte ich noch das „Keine Antwort ist auch ne Antwort“ von Sophie. Am liebsten hätte ich ihr den Hals umgedreht für das, was sie da wieder verzapft hatte. Sie machte nur Probleme. Das sie aber auch immer auf meiner Schwäche für diesen Vollidioten herumreiten musste. Es war schließlich ausreichend kompliziert, da er mir jeden verflixten Tag über den Weg lief. Die Tatsache, dass mein Herz jedes Mal mehrere alberne Hüpfer machte, bevor es endgültig in die Hose sank, war schon schwer genug zu ignorieren. Wenn sie mich täglich fünfzigmal daran erinnerte, vereinfachte das sie Situation nur geringfügig. Ich betrat durch den Haupteingang das Haus. Natürlich musste in genau diesem Moment Duncan die Treppe herunter geschlendert kommen. Er sah außergewöhnlich vergnügt aus. Breit grinsend blieb er stehen und sah mir entgegen. Mich an ihm nach oben zu schlängeln schien mir kein guter Plan zu sein. Vielleicht würde er mich einfach in Ruhe lassen? Wohl eher nicht. Fluchend stapfte ich in Richtung Küche. Die war leider Gottes auch noch leer. Duncan war mir gefolgt, das sagten mir die Geräusche, die die schon etwas alterschwache Tür hinter mir von sich gab. Flink versuchte ich durch die andere zu entkommen, die in den Garten führte. Was waren schon drei Mädchen gegen diesen Jungen? Selbst, wenn es sich dabei um diese drei Mädchen handelte. Kurz überlegte ich, ob sie wirklich die bessere Wahl waren, aber dann war es sowieso schon zu spät. Duncan war mal wieder schneller und fasste mich an der Hand, bevor ich sie zur Klinke ausstrecken konnte. Elegant wurde ich herumgeschleudert, was bedeutete, dass er eine elegante Bewegung machte, der ich wohl oder übel hinterher stolpern musste. Schwungvoll und ohne jede Chance mich zu stoppen, ließ er mich unter seinem ausgestreckten Arm so lange um meine eigene Achse drehen, bis ich schließlich mit dem Rücken zu ihm stand. Duncan wäre nicht Duncan gewesen, wenn auch nur ein Blatt zwischen unsere Körper gepasst hätte. Seine rechte Hand hielt immer noch meine Linke fest. Ich war gefangen zwischen seinem Luxuskörper und einem sehr starken Arm, der recht angespannt auf Höhe meines Bauches verharrte.

 

„Guten Morgen“, schnurrte er in mein rechtes Ohr.

 

Sein warmer Atem, auf die empfindliche Haut meines entblößten Halses gehaucht, verursachte eine ausgeprägte Gänsehaut, die ich ihm wirklich übel nahm. Vor allem, weil sie auch noch verstärkte, in dem seine Nase an meinem Nacken entlang strich.

 

„Wieso bist du so schlecht gelaunt?“

 

Wieso war er so gut gelaunt?

 

„Sophie“, knurrte ich.

 

Nun, das stimmte nicht ganz. Eigentlich war ich in letzter Zeit nur noch mies drauf. Sophie war eigentlich immer nur diejenige, die mich andauernd an die Gründe meiner ungemütlichen Stimmung erinnerte. Oder an den Grund. Der Grund, der mal wieder verlockend nah hinter mir stand.

 

„Ich sollte mir ihr reden. Es ist ein wenig entwürdigend, dass sie glaubt, ich würde dafür ihre Hilfe benötigen.“

 

Ich schloss genervt die Augen. Arroganter, anmaßender, verblendeter….beliebige Beleidigung einfügen.

 

„Duncan wirklich. Ich weiß ja, dass dir das sehr schwer fällt und manchmal magst du damit auch richtig liegen, aber du solltest wirklich, wirklich, wirklich einmal in deinem Leben, dass sicher noch sehr lang und sehr glücklich sein wird, auf deine Schwester hören.“

 

Er gluckste vergnügt und entließ mich aus seiner Umarmung, ohne meine Hand loszulassen. Dadurch war es mir nicht vergönnt etwas weiter von ihm und seinem Duft abzurücken. Allerdings konnte ich mich zu ihm umdrehen. Nicht dass das die Gesamtsituation irgendwie verbesserte. Ohne Zweifel wusste er, was er mit seiner bloßen Nähe beim anderen Geschlecht auslöste.

 

„Welchen ihrer vielen Lebensweisheiten meinst du denn?“

 

Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetze, die die Worte lass, mich und in ruhe enthielt, als ich Schritte hörte, die ohne Zweifel in unsere Richtung taperten.

 

„Weißt du, ich hab eine viel bessere Idee, als mit deiner kleinen Schwester darüber zu reden. Ich werde ihr einfach zweigen, dass sie sich um uns keine Sorgen machen brauch.“

 

Ich hatte nicht einmal mehr Zeit ihn fragend anzusehen. Die Hand, die immer noch meine umfasst hielt, zog mich blitzschnell an seinen Körper. Ich prallte gegen ihn, doch Duncans Lippen fingen den Laut der Überraschung auf, bevor er meine Kehle entweichen konnte. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte ich zu verstehen, was da gerade passierte, doch dann umfingen seine Hände meinen Kopf und er drängte mich unsanft an den Kühlschrank hinter uns. Ich krachte zuerst gegen das Metall, Duncan folgte. Sein Körper nagelte meinen fest, während sein Mund dieses betörende Spiel spielte, dass mir bereits einmal gefährlich geworden war. Hungrig küsste er mich und ging dabei nicht gerade sanft zu Werke. Doch irgendwie wirkte das genau richtig. Seine Zunge war wie heiße Seide und als die Tür schließlich aufging, war ich bereits so benebelt, dass ich nur am Rande mitbekam, wie jemand überrascht einatmete. Duncan hielt für einen Moment inne.

 

„Verschwinde!“, sagte er rau an meine Lippen. Er meinte wohl nicht mich, denn ich wurde weiterhin an meinem Platz festgehalten.

 

Ich erbebte, als sein tropischtemperierter Atem auf die gespannte Haut fiel.

 

„Ent-ent-entschuldigung, ich….“

 

Hektisch zog sie Sophie zurück. Als Duncan mit dem seidigen Streicheln seiner Zunge fortfuhr, dachte ich schon gar nicht mehr daran, woher er gewusst hatte, dass sie es war, die die Küche betreten würde. Ich spürte seine Finger im meinem Haar. Es tat weh, als er sie benutzte, um meinen Kopf weiter nach hinten biegen. Allerdings stöhnte ich nicht vor Schmerz auf, als seine Lippen in diesem Winkel erneut auf meine trafen. Eine Hand löste sich aus meiner, nun völlig aufgelösten Mähne und fand ihren Weg unter meinen Pullover. Seine Finger waren angenehm warm und Duncan stöhnte leise, als er nackte Haut spürte. Ich dachte nicht mal daran mich zu wehren, als er meine rechte Brust umfasste als wäre es sein gutes Recht, viel zu großartig waren die Gefühle, die er damit auslöste. Ich weilte nur noch körperlich auf der Erde, zumindest kam es mir so vor. Und dieser Körper schien nebenbei auch noch komplett in Flammen zu stehen. Als wäre er nur dafür gemacht, um auf diese Weise auf seinen zu reagieren. Gott das konnte doch nicht natürlich sein. Es war nicht mehr ich selbst, die sich noch näher an ihn drängte. Schließlich ließ er jedoch von mir ab.

 

„Oh verflucht“, kam es von ihm. Ich konnte mich auch jetzt nicht los reißen. Vielleicht war es die letzte Gelegenheit, aber es funktionierte einfach nicht. Mein Gehirn war es, das nicht funktionierte.

 

Er sah auf, ohne von mir abzurücken und horchte angestrengt.

 

„Was?“, fragte ich etwas atemlos.

 

Seine Augen richteten sich wieder auf mein Gesicht. Er löste beide Hände von meinem Körper und zog mich in Richtung Tür.

 

„Lass uns irgendwo hingehen, wo wir ungestörter sind.“

 

„Aber….“

 

Er drehte sich um und zog mich am Po zu sich heran. Kleine, unwiderstehliche Küsse hauchte er auf meine Lippen und ließ mich verstummen.

 

„Ich kann nicht mehr. Und du auch nicht. Also hör auf rumzuzicken. Bitte! Ich brauch dich und zwar schnell und du…“

 

Wieder küsste er mich. Das heiße Spiel seiner Lippen brachte mich um den Verstand. Mein Gesicht fühlte sich unglaublich warm an und ich spürte Teile meines Körpers, die ich bis jetzt immer für nicht funktionstüchtig gehalten hatte.

 

„…du….“

 

Er löste sich von meinem Mund und setzte seine Zauberei an der zarten Haut meines Halses fort. Die war für seine Quälereinen noch empfindlicher. Ich keuchte, als er sanft daran knabberte.

 

„…und du willst mich ebenfalls. Du hast lange genug deine Spielchen mit mir gespielt. Es reicht, ich kann….“

 

Er fand wieder zurück zu meinen Lippen.

 

„….keinen Augenblick länger warten.“

 

Was? Ich spielte Spielchen?

 

Gemeinsam verließen wir die Küche. Oder Duncan verließ dich Küche und zog mich hinter sich her. Eins musste man ihm lassen, zielstrebig war er. Und es schien, als hätte er dieses Ziel nun endgültig erreicht. Was machte es schon? Wieso konnte ich nicht einen Moment vergessen, was es für Folgen haben würde. Die Probleme könnte ich danach immer noch lösen. Also ließ ich mich ohne Gegenwehr in die Katastrophe hineinziehen. Zügig, fast hastig, steuerte Duncan eine Tür am Ende des oberen Korridors an. Sein Zimmer? Ja. Sein Zimmer. Wieder schlug mir sein Geruch entgegen. Aber noch benebelter konnte ich wohl kaum werden. Kurz ließ er mich los. Es fühlte sich grauenhaft an.

 

„Duncan…“, jammerte ich.

 

Sofort war er wieder bei mir und presste sich an meinen Körper.

 

„Hier bin ich Tinkerbell. Hier bin ich.“

 

Ich war dankbar, dass er mich bei dem erfunden Kosenamen ansprach. Für diesen Moment wollte ich nicht Hanna sein. Hanna wäre nicht so selbstzerstörerisch. Also war ich Tinkerbell. Duncans Hände fanden wieder ihren Weg zu meinem Hintern und unter meine Kleidung, unter der ich jeden Augenblick das Gefühl hatte explodieren zu müssen, so verdammt heiß war es. Überall waren seine Hände. Instinktiv drängte ich ihm entgegen und gab ihm alles was er wollte. Oder war er es, der mir gab, was ich wollte?

 

„Gott, du bringst mich noch mal um“, stöhnte er an meine geöffneten Lippen.

 

Ich lächelte leicht und presste mein Becken gegen ihn, damit ich endlich, endlich das tun konnte, was mich schon bis in meine Träume verfolgt hatte. Mir entwich ein entzücktes Seufzen, als ich die spektakuläre Form seines formvollendeten Hinterns spürte. Derweil versuchte Duncan die Unmöglichkeit, gleichzeitig meinen und seinen Pullover loszuwerden. Ungeduldig zerrte er an dem Stoff. Wieder unterbrach er den exquisiten Kuss, um sich das Oberteil über den Kopf zu ziehen. Ich musste ihn einfach anfassen. Wieder unterzog er meinen Hals der süßen Prozedur. Dabei ging er einige Schritte rückwärts. Ich folgte ihm freiwillig. Er stoppte, als er mit dem Rücken gegen die Wand lehnen konnte. Immerhin war ich dieses Mal nicht die Eingeklemmte. Heftig atmend begann er mit seinem Oberschenkel an der Stelle Druck auszuüben, an der ich seine Berührungen am deutlichsten spüren konnte. Stöhnend legte ich den Kopf in den Nacken und genoss die Zärtlichkeit seines Mundes an meinem Schlüsselbein. Dann landete mein Sweatshirt ebenfalls auf dem Boden. Völlig ohne mein Zutun bewegte sich mein Körper in einer unkoordinierten Choreographie. Heiß durchlief es meinen Körper. Immer und immer wieder, während Duncan sein aufreizenden Spiel spielte. Ich kam ihm entgegen, bis ich nicht mehr die Einzige war, die heisere Laute ausstieß. Doch er spielte zu lange. Die Welle erfasste mich, holte mich, riss mich mit und geschockt hielt ich den Atem an. Dann spürte ich Duncan zusammen mit mir erschauern. Eine Weile hörte, fühlte und sah ich gar nichts, außer den wild zuckenden Sternen. Duncans leiser Fluch durchriss die Stille. Ich spürte etwas Warmes an meinem Bein und schließlich verstand ich. Das war nicht wirklich gerade passiert oder? Seine schmalen Lippen waren Antwort genug. Lachend ließ ich mich gegen ihn fallen.

 

„Kein Wort“, fauchte er, ohne dass ich mich beruhigen konnte.

 

Er stieß mich von sich und ich musste mich an der Wand festhalten, um vor Lachen nicht umzufallen. Sein Pullover klatschte mir entgegen, doch ich war nicht dazu in der Lage damit zu tun, was er wahrscheinlich wollte. Also ließ ich ihn fallen und versuchte mir die Tränen aus den Augen zu wischen.

 

„So was Peinliches ist mir nicht mehr passiert, seit ich 15 war.“

 

Ich sah nur verschwommen, wie er mir aus sicherem Abstand düstere Blicke zu warf. Wieder fing ich an zu lachen. Duncan der große Casanova und dann das. Er würde mir ein Leben nicht mehr in die Augen sehen können. Kichernd ging ich auf ihn zu. Argwöhnisch beobachtete er mich, wich aber nicht zurück. Das Biest in mir bemerkte zufrieden, dass sein Atem immer noch zitternd ging. Ich setzte ihm einen bedeutungslosen Kuss auf die Lippen und grinste.

 

„Das war doch ganz nett. Immer wieder gern. Sag mir einfach vorher Bescheid, dann kann ich die zwei Minuten vorher einplanen.“

 

Verärgert kniff er die Augen zusammen. Lachend drehte ich ihm den Rücken zu und verließ das Zimmer. Mein glänzender Abgang wurde ein wenig dadurch geschmälert, dass die Tür abgeschlossen war. Der unschöne Wums, den ich verursachte, als ich gegen das Holz krachte, machte mir jedoch nicht wirklich etwa aus. Zu schön war der Gedanke, endlich einmal einen Sieg errungen zu haben. Mein Grinsen hielt nicht lange an. Es verließ mich wieder, als ich meine eigene Zimmertür ins Schloss fallen ließ. Wütend heulte ich auf und packte den nächst besten Gegenstand, um mich damit für meine Dummheit zu bestrafen. Au. Blinzelnd ließ ich den Bilderrahmen zu Boden fallen. Das hatte doch mehr geschmerzt, als vermutet. Sachte massierte ich die Beule und fluchte ausgiebig. Verärgert über die Situation, in die ich mich hineinmanövriert hatte, begann ich jedes einzelne Kleidungsstück in verschiedene Zimmerecken zu verteilen. Natürlich gab es davon nur vier, weswegen all die anderen irgendwo anders landeten. Allerdings war das auch nicht der Punkt. In Unterwäsche und frierend hielt ich inne, als auf dem Flur etwas rumorte. Ich stieß einen kleinen Schrei aus und hastete zur Tür. Wieder begann ich zu fluchen. Der Schlüssel wollte nicht so schnell abschließen, wie es mir lieb gewesen wäre und hektisch ließ ich ihn zweimal fallen. In letzter Zeit waren zu viele Unbefugte ohne Vorwarnung in mein Zimmer marschiert. Erleichtert atmete ich auf, als sich die Tür nicht mehr öffnen ließ, als ich probeweise die Klinke drückte. Puh. Eine Weile stand ich mit dem Rücken an die Tür gelehnt und machte gar nichts. Dachte gar nichts, weilte nur in meiner eigenen Welt. Dann schüttelte ich seufzend den Kopf und stieß mich vom Holz ab. Die anderen Kleidungsstücke ignorierend, hob ich mit spitzen Fingern meine Jeans auf, um sie genauer zu untersuchen. Als ich das fand, was ich gesucht hatte, konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen. Zwar hatte ich glücklicherweise nicht viel abbekommen, aber das, was auf dem Denimstoff unschwer zu erkennen war, ließ keinen Zweifel daran, was gerade passiert war. Was Duncan gerade passiert war. Albern prustete ich und ließ die Hose wieder los. Die Gewissheit, dass er sich ewig dafür schämen würde, bereitete mir ein teuflisches Vergnügen. Und es half gut dabei, den Gedanken an die eigentliche Ernsthaftigkeit beiseite zu schieben. Ich würde noch früh genug darüber nachgrübeln, was gerade fast geschehen wäre. Jedenfalls musste ich mich umziehen.

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 13

 

In einer anderen Welt gefangen, schlenderte ich die Treppe hinunter. Fast hätte ich Oda gar nicht bemerkt, die sich eben daran machte das Haus zu verlassen. Das wäre auch nicht weiter auffällig gewesen, hätte sie nicht so ertappt aus der Wäsche geguckt und krampfhaft versucht unauffällig zu sein, als sie mich bemerkte. Stirnrunzelns betrachtete ich sie. „Alles fit, Oda?“ Ihr Gesichtsausdruck war ein wenig zu erstaunt, um ehrlich zu wirken. Mein Misstrauen vertiefte sich. Was war denn hier los? „Klar. Alles in Ordnung. Was soll denn sein?“, flötete sie. Ich runzelte die Stirn. Äääähm. Gut. Hätte nur noch gefehlt, dass sie anfing zu pfeifen. „Soll ich dir einen Tipp geben?“ Sie schwieg. „Versuch das nächste Mal am besten gar nicht unauffällig zu sein. Die beste Möglichkeit leise zu sein besteht darin, es einfach nicht zu wollen. Denk mal drüber nach!“ Ich machte mir nicht die Mühe dabei zu zu sehen, wie sich ein großes, dickes Fragezeichen auf ihrer Stirn bildete, sondern drehte bei, ohne Oda noch einmal an zusehen. So ein komisches Mädchen. Im Wohnzimmer, endlich oh Wunder hatte ich mir merken können, wo es lag, traf ich Celia. Sie saß in der Fensterbank und las. Als ich eintrat, lächelte sie mir entgegen.„Hey.“ Ich winkte und kam zu ihr hinüber. Mit der rechten Hand klopfte sie auf den freien Platz neben sich. „Und?“, begann sie, nachdem ich mich ächzend hoch gehievt hatte. „Und was?“

 

„Habt ihr das jetzt geklärt?“

 

„Oh jaja. Passt schon.“

 

Celia nickte.

 

„Endlich was? Dann wird er dich wohl in Zukunft in Frieden lassen.“

 

Ich blinzelte und sah sie überrascht an. Was meinte sie? Sprach sie gar nicht vom Schwesternpicknick? Sie konnte das mit Duncan doch gar nicht wissen. Oder? Schlagartig veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

 

„Oh“, machte sie.

 

Sie kratzte sich.

 

„Ich bin mir nicht sicher, was du meinst Celia.“

 

„Naja, ich hab dich mit Duncan hoch gehen sehen und da dachte ich…“

 

Ja, das klang schlüssig, allerdings passte ihre plötzliche Beklemmung nicht dazu.

 

Sie wich meinem Blick aus. Da verstand ich. Sie wusste es wirklich. Ojemine.

 

„Celia, woher weißt du das?!“

 

Ich klang ein klein wenig geschockt. Nun, ich war es auch.

 

Nicht unbedingt angenehm diese Situation. Immerhin…war sie seine Schwester. Himmel. Ich spürte, wie das Blut schneller in den zarten Gefäßen meines Gesichts zirkulierte. „Ähm…glaubst du mir, wenn ich sage, dass ihr laut wart?“ Das konnte gar nicht sein. Das Ganze hatte höchstens fünf Minuten gedauert. Niemand hatte wirklich die Zeit gefunden in irgendeiner Art laut zu sein. Der Gedanke daran, ließ meine Wunderwinkel wild zucken in der Anstrengung, sich nicht zu einem breiten Grinsen zu nach oben zu ziehen. Eine hochgezogene Augenbraue genügte vorerst, um Celia seufzen zu lassen.

„Na gut. Ich habe es wirklich gehört.“

 

Was?“

 

„Keine Angst, ich bin vorher weg, das war mir dann doch ein bisschen…peinlich.“

 

Sie räusperte sich. Wollte sie mir gerade erzählen, sie hätte gehört, was gerade im Zimmer ihres Bruders passiert war? Durch die Tür? Durch die Tür, die aus massivem Holz bestand und sehr, sehr dick war? Oh man. Diesen Verrückten war wohl alles zu zutrauen. Ich vergrub den Kopf in beiden Händen.

 

„Ach komm schon. Ich nehm dir das nicht übel, du hast ziemlich lange durch gehalten.“

 

Ich stöhnte.

 

„Celia, du hast ja keine Ahnung was gerade passiert ist.“

 

Ich spürte ihre Hand auf meinem Rücken.

 

„Ach weißt du, ich kann mir denken was sicher nicht passiert ist, sonst wärst du nicht so schnell wieder hier. Außerdem wäre dein Gesicht sicher sehr viel roter.“

 

Wieder stöhnte ich.

 

„Will ich denn wissen, was passiert ist?“, hakte sie nach.

 

Still schüttelte ich den Kopf.

 

„Na gut. Ist vielleicht besser so.“

 

Ich nickte, immer noch das Gesicht hinter den Handflächen verborgen.

 

„Erinnerst du dich an die Szene im Wald? An das, was passiert ist, als Aidan…du weißt schon…“

 

Ich ließ die Hände sinken und sah sie an. Dann nickte ich wieder.

 

Schneller Themenwechseln, aber das war mir ganz recht.

 

Natürlich erinnerte ich mich. Das würde ich auch niemals wieder vergessen können. Wäre auch ziemlich seltsam gewesen. Wer würde schon vergessen, wie ein waschechter Vampir an einem herumsaugte. Na gut, zugegeben, Aidan war, genauso wenig wie alle anderen hier nicht unbedingt das, was man sich unter einem waschechten Vampir vorstellte. Dieses Wort hörten sie außerdem nicht sehr gerne, aber sie kamen meiner Vorstellung davon trotzdem näher, als irgendwelche anderen Wesen auf dieser Welt.

„Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst, was dein Vater noch gesagt hat?“, endete sie mit einem Fragezeichen, so dass ich automatisch nickte.

 

„Wir müssen dieses Ritual, wie es genannt wird, regelmäßig durchführen. Manche öfter als andere. Duncan und ich sind noch sehr jung, also allerhöchstens einmal im Monat. Aidan zum Beispiel, macht es häufiger. Muss es häufiger tun.“

 

Was genau wollte sie mir sagen? Es klang relativ zweideutig.

 

„Wenn es so weit ist, spüren wir das. Unsere Körper richten dann das letzte Bisschen des Lebenselixiers in unserem Blut darauf aus, eine neue Quelle zu finden. Unsere Sinne sind sehr viel schärfer als sonst, wir sind unglaublich schnell und stark. Wie Superhelden. Das ist ziemlich cool. Aber es heißt auch, dass wir so schnell wie möglich das Reservoir wieder auffüllen müssen. Sonst kann es recht schnell vorbei sein mit uns.“

 

Mit großen Augen starrte ich sie an. Mein Blick schien ihr zu sagen was ich dachte.

 

Na und?

 

Celia zuckte mit den Schultern.

 

„Naja, bei mir war das heute. Deswegen hab ich das…gehört.“

 

Ich wollte gar nicht wissen was genau sie gehört hatte.

 

„Das ist…“

 

„Manchmal ziemlich peinlich“, half sie mir weiter, als ich aufhörte zu sprechen.

 

Wieder zuckte mein Kinn in der zustimmenden Richtung nach oben und wieder herunter.

 

In meinem Kopf setzte sich eine Szene zusammen, die mit dieser neuen Information plötzlich viel mehr Sinn ergab.

 

Ich setzte mich aufrechter hin.

 

„Oh gott.“

 

Sofort wurde ich kreidebleich.

 

„Was ist?“, fragte Celia alarmiert.

 

Unglücklich sah ich sie an.

 

„Das ist wirklich sehr peinlich.“

 

„Was denn?“

 

„Jetzt weiß ich auch, was Duncan so aufgescheucht hat, als er einmal….“

 

Oh je. Das Weiß wurde abgelöst von einem schönen, kräftigen Rotton.

 

„Aaaaaaahhh“, machte ich leise und bedeckte wieder mein Gesicht mit beiden Händen.

 

Celia riss sie wieder hinunter.

 

„Was?“

 

„Ich hab mich immer gefragt wieso er damals so einen komischen Abgang gemacht hat. Aber jetzt ist es so klar. Gott…ich kann nur hoffen, dass…oohhhh.“

 

Meine Hände fanden wieder da hin, wo sie gerade eben schon einmal gewesen waren.

 

Erneut hinderte Celia mich daran.

 

„Hanna!!“

 

„Er hat so komisch geschaut und mich gefragt ob ich verletzt bin und ist dann auf einmal weg….und dabei…jetzt weiß ich wieso. Dann hat er gerochen wie….gott das ist so widerlich.“

 

Celia schnaufte verärgert.

 

„Blut Celia. Er hat Blut…gerochen. Mein Blut. Mitte des Monats. Verstehst du? Ich hab an dem Abend meine Periode bekommen. Er hat es schon Stunden vorher bemerkt. Das ist…entwürdigend und einfach nur….“

 

Ich stieß einen angeekelten Laut aus.

 

Einen Augenblick sah sie mich verwirrt an. Dann verdrehte sie die Augen.

 

„Und ich dachte es wäre etwas Wichtiges.“

 

Empört sah ich sie an.

 

„Als ob der Volltrottel das gemerkt hat. Der weibliche Körper ist für das männliche Geschlecht ein Mysterium, Hanna. Wenn Duncan Blut riecht, denkt er an eine Verletzung. Nicht daran.“

 

Ja, danach hatte er mich auch gefragt. Nach einer Verletzung.

 

„Kommt das regelmäßig?“

 

„Was?“

 

„Eure Aussauggeschichte.“

 

Ich erntete einen missbilligenden Blick.

 

„Du meinst das Ritual“, wies sie mich zurecht.

 

Ja, wie auch immer.

 

„Ja, sehr regelmäßig. Irgendwann hat man sein Leben eingependelt. Man macht Monat für Monat das Gleiche. Damit braucht sie auch das Elixier gleichmäßig auf. Logisch, dass man es immer zu ähnlichen Zeiten auffüllen muss. Aber es kann häufiger passieren, wenn man auf einmal anderen Lebensbedingungen ausgesetzt ist. Anderen Umständen. Wenn man sich mehr anstrengt zum Beispiel.“

 

Ich lachte.

 

„Dann ist mein erster Tag im Zyklus am selben wie Duncans.“

 

Celia verzog das Gesicht.

 

„Das kannst du doch nicht vergleichen.“

 

Dann kicherte sie ebenfalls.

 

„Ein Glück, dass er dann nicht schlecht gelaunt ist.“

 

„Er ist immer schlecht gelaunt.“

 

„Nein Hannaspätzchen. Das bist du!“

 

Ich war kurz davor ihr die Zunge raus zu strecken, wie die reife 17jährigen, die ich nicht war.

 

„Und Hanna…“, begann Celia da schon wieder.

 

„Hm?“

 

„Weißt du, in dieser empfindlichen Phase kann es passieren, dass wir..sehr, sehr, sehr, sehr sensibel reagieren. Auf...bestimmte…Dinge, die uns sonst kalt lassen. Oder, sonst nicht so…die uns sonst nicht so zu setzen.“

 

Ich kicherte.

 

„Warst du deswegen heute Morgen so zickig?“

 

„Ich…“, sie plusterte sich empört auf.

 

„…ich war nicht zickig.“

 

Leicht tätschelte ich ihren blonden Zopf.

 

„Stimmt. Genauso wenig, wie ich muffelig, Veloso arrogant und dein Bruder ein Weiberheld ist.“

 

Celia drehte sich so, dass ich ihr Haar los lassen musste, wenn ich ihr nicht wehtun wollte.

 

„Ich frag mich, wieso es dann bei Duncan schon wieder so weit war?“

 

Ich zuckte die Achseln.

 

„Er wird damit beschäftigt gewesen sein 4 Mädchen mehr als sonst hinter her zu steigen“, vermutete ich leicht hin.

 

Sie betrachtete mich mit einem grüblerischen Ausdruck auf ihrem Barbiegesichtchen.

 

Witziger Weise, sah sie gerade so mehr denn je aus wie eine Puppe.

 

Ich schmunzelte und kniff ihr in die Wange.

 

„Was?“, giftete sie und schlug nach meiner Hand.

 

„Du bist schon ein ganz schönes Babyface, was meine Gute?“

 

Kurzzeitig entblößte sie zwei Reihen blitzweißer Zähne.

 

Ich lachte.

 

„Du machst mir keine Angst. Du kannst nicht mal eine Fliege was zu leide tun.“

 

„Vorsicht…ich bin ein….“

 

Sie tat sich sichtlich schwer mit dem Ausdruck.

 

„Was? Ein Vampir?“, prustete ich albern.

 

Celia verdrehte auf genervte Art die blauen Augen gen Decke.

 

Aus ihrem Mund entwich ein missbilligender Laut.

 

„Schon klar. Aber du achtest immer darauf, den Tieren so wenig wie möglich Schmerzen zu zu fügen. Du nimmst auch immer Waldtiere und nicht Luke, damit er nicht beleidigt ist. Mich hast du auch noch nie angerührt.“

 

„Na hör mal“, empörte sie sich, „…wir machen das nicht bei Menschen. Wir sind nicht wie die.“

 

Das „die“ zischte sie so formschön, dass ich wider Willen schmunzeln musste. Was für eine herrlich schimmernde Persönlichkeit dieses Mädchen doch war.

 

Pause.

 

Ich verbrachte sie amüsiert, während ich Celia beobachtete, die fäusteballend da saß und vor sich hin giftete.

 

„Weißt du wo Oda hin wollte?“, unterbrach ich sie.

 

„Was?“

 

„Oda. Die ist weg. War komisch.“

 

„Wieso komisch?“

 

„Sie hat sich große Mühe gegeben unauffällig zu sein.“

 

Stille.

 

„Das wirst du fehlinterpretiert haben“, meinte Celia schließlich.

 

Ich blähte die Wangen auf und stieß ein „plopp“ aus.

 

„Kann man das mit Bestimmtheit sagen?“

 

„Du hast Recht. Ich kümmere mich drum.“

 

„Gutes Mädchen. Bist du ein gutes Mädchen? Braves Mädchen“, ärgerte ich Celia, während sie sich anschickte das Wohnzimmer zu verlassen. Dabei dehnte ich das „brav“ so in die Länge, dass sie sich wütend um sah und mir die Faust zeigte.

 

Ich winkte nett zurück.

 

Sie zeigt mir den Mittelfinger.

 

„Te. Das war aber nicht nett. Und vor allem pädagogisch sehr inkorrekt.“

 

Aber sie hatte die Tür bereits hinter sich zu fallen lassen.

 

Und ich war wieder alleine mit mir. Schrecklich. Vor allem, weil ich es in letzter Zeit kaum noch mit mir aushielt.

 

Ich versuchte ein wenig in dem Buch zu lesen, dass Celia hatte liegen lassen.

 

Keine Chance. Es interessierte mich einfach nicht. Kurzgeschichten. Uff.

 

Ich mochte Lyrik lieber.

 

Oder Groschenromane. Ab und zu.

 

Dann versuchte ich an irgendetwas Belangloses zu denken. Nun, das funktionierte eher weniger gut.

 

Ich knabberte also eine Weile an der Nagelhaut meines Zeigefingers herum, bis ich sie schließlich ganz abriss.

 

„Au.“

 

Na großartig. Jetzt blutete die ganze Geschichte auch noch.

 

Stöhnend krabbelte ich von der breiten Fensterbank hinunter.

 

Pflaster gab es im Badezimmer, oder?

 

Zumindest würde ich sie dort deponieren, wenn ich einen Hausstand gründen würde. Aber das musste nicht unbedingt viel bedeuten. Ich hatte bereits vor einigen Tagen damit aufgehört, mich für normal zu halten.

 

Pflaster, Pflaster, Pflaster.

 

Ich summte einen monotonen Sprechgesang vor mir hin, immer wieder das Wort im Mund.

 

Pflaster. Pflaster.

 

Hey, das lenkte ab.

 

Pflaster. Pflaster. Pflaaaaster.

 

Wenn man ein Wort nur oft genug wiederholte, fing es irgendwann an, total seltsam zu klingen. Falsch. Wie aus einer anderen Sprache.

 

„Hanna!“

 

Oh nein. Ich duckte mich automatisch. Dann richtete ich mich schnell wieder auf, als mir bewusst wurde, wie dämlich diese Reaktion doch war. In jeglicher Hinsicht.

 

Sollte ich so tun, als hätte ich ihn nicht gehört?

 

Dazu war er zu nah.

 

Weglaufen? Zu kindisch.

 

Mit einer, mehr oder weniger peinlichen Ausrede über die Willkür des menschlichen Stoffwechsels ins Badezimmer flüchten? Es wäre nur bedingt peinlich, denn schließlich wäre es eine Lüge. Außerdem überließ ich ihn damit seinen eigenen Spekulationen.

 

Es konnte ja auch einfach nur bedeuteten, dass…ach verflucht. Es gab keine harmlosen Assoziationen mit dem Wort Stoffwechseln. Stoffwechseln war immer etwas Unangenehmes. Etwas Peinliches. Der Grund, wieso der Glaube an den Menschen als Ebenbild eines Gottes mir immer so seltsam erschien. So grotesk. Mal ehrlich. Ein Gott, der mit den täglichen Erniedrigungen eines auf Dissimilation ausgerichteten Stoff- und Energiewechsels konfrontiert wurde?

 

„Hanna!“

 

Ich biss mir auf die Lippen.

 

Memo an mich. Memo an mich. Sich nie wieder an unsinnige Gedanken aufhängen, wenn die Gefahr naht. Flexibler und schneller denken.

 

Doch dafür war es jetzt zu spät.

 

Duncan kam näher. Wie ein….mir fiel kein passender Vergleich ein. Duncan war einfach… Duncan.

 

Also musste ich wohl den nervigsten und anstrengendsten Weg wählen.

 

Mich dem Übel stellen. Ich war nicht unbedingt ein mutiger Mensch und recht bequemt veranlagt. Aber flüchten würde jetzt wohl nicht mehr allzu gut funktionieren.

 

Als ich sein schönes Gesichte betrachtete, die Anmut, mit der er sich bewegte, die Lichtreflexe in seinem Haar, dachte ich wehmütig, dass er mich für alle Ewigkeit verdorben hatte.

 

Mein erster richtiger Höhepunkt würde zugleich wohl auch mein Einziger bleiben.

 

Nie wieder würde ich so auf jemanden reagieren können wie auf ihn.

 

Er kam näher.

 

Ich schluckte, versuchte die Aufsteigende Hitze nach unten zu kämpfen, als viel zu viele Empfindungen sich ihren Weg in mein überanstrengtes Bewusstsein bahnten. Sie drehten sich um einen erstaunlich stark focusierten Mittelpunkt.

 

Duncan. Duncan und ich.

 

Wie großartig sich das angefühlt hatte.

 

 

 

Er stoppte vor mir und strich sich durch das Haar.

 

Ich sagte nichts.

 

Kurz grinste er.

 

In diesem Moment wirkte er völlig natürlich. Es war seltsam. Er schien ganz er selbst zu sein. Weder nervös, noch, wie sonst, übertrieben selbstbewusst.

 

Vielleicht hatten die Erlebnisse ihm in dieser Hinsicht einen ausreichend großen Dämpfer verpasst, um sein Ego auf das Maß eines Normalsterblichen zu recht zu stanzen.

 

Natürlich war es vorher zu ausgeprägt gewesen, als dass er jetzt irgendwie geschädigt sein könnte.

 

„Ich dachte schon du wolltest wieder davon laufen.“

 

Er lachte.

 

Ich hasste diese Grübchen.

 

Ich lachte ebenfalls. Aber es klang falsch. Schließlich hatte ich da vorgehabt. Weglaufen.

 

„Weißt du…“, begann er.

 

„Ich muss da was klären. Schließlich kann ich dich nicht so zurück lassen. Das grade, das…“

 

Er stockte und schien nach Worten zu suchen.

 

Ich runzelte sie Stirn. Würde er jetzt versuchen mir schonend bei zu bringen, dass wir unsere Beziehung auf andere Art weiterführen sollten? Würde er Ausreden erfinden, wieso das gerade passiert war? Würde er versuchen logisch zu argumentieren, dass es sich lohnen würde, heraus zu finden, dass das sonst nicht so seine Art war?

 

In diesem Moment fasste ich einen Entschluss. Einen Wichtigen.

 

Dies würde mein letzter Versuch sein, ihn glauben zu lassen, dass er mir auf diese Art wenig bedeutete. Dass ich es auf einen anderen abgesehen hatte.

 

Ich würde versuchen ein letztes Mal das Spiel zu spielen, das ich einmal, eher halbherzig, begonnen hatte.

 

Denn nichts anderes war es gewesen. Halbherzig. Ich hatte nie wirklich gewollte, dass er mich in Ruhe ließ.

 

Ich hatte gewusst, dass ich es besser wollen sollte. Ich hatte versucht, ihn mit lächerlichen Aktionen von mir fern zu halten, was nur das genaue Gegenteil zur Folge hatte.

 

War das Absicht gewesen? Die Absicht meines durchtriebenen kleinen Schlampenunterbewusstseins?

 

Innerlich schimpfte ich mich eine hormongesteuerte, kleine Nutte.

 

Ja das war ich. Hormongesteuert. Und wie. Hui. Derbe.

 

Ich pustete mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Zumindest versuchte ich das. Es funktionierte nicht wirklich. Also zupfelte ich doch daran herum. Etwas hektisch wohl, denn Duncan schloss den Mund wieder und sah mich abwartend an.

 

Wahrscheinlich machte ich nun genau den nervösen Eindruck, den ich nicht machen sollte, wenn ich wirklich wollte, dass das hier gut ging.

 

Außerdem sollte ich endlich loslegen.

 

Also.

 

Ich sammelte mich.

 

Auf ein Letztes. Sollte die Mission erfolgreich verlaufen…schön. Wenn nicht…dann würde ich aufhören mich zu wehren. Dann sollte es wohl so sein. Wie hatte es Will ausgedrückt? Ich erinnerte mich nicht mehr an den Wortlaut, allerdings an die Botschaft. Schmerz ist nur dann schlecht, wenn auf ihn nichts Gutes folgt. Und Glück weiß man nur zu schätzen, wenn man mit dem Gegenstück bereits Erfahrung gemacht hat.

 

Mit viel Mühe zwang ich mir ein naives, kleines Lächeln auf die Lippen. Versuchte irgendwie dämlich auszusehen und hoffte, dass meine Augen in diesem Augenblick einen gläsernen Glanz bekamen.

 

Mit einer Unsicherheit, die nicht einmal vorgetäuscht war, senkte ich den Blick und begann an meine Unterlippe zu knabbern.

 

„Tja…“, begann ich und aktivierte das kleine Bisschen verkrüppelten Schauspieltalents, das irgendwo tief in mir schlummerte.

 

„Also….“, ich kratzte mich am Arm und starrte immer noch auf den Boden.

 

„Vielleicht sollten wir das wirklich klären.“

 

Ich schluckte und versucht möglichst ertappt aus zu sehen. Und bekümmert.

 

Meine Anspannung löste sich ein wenig, als ich hoch sah in Duncans Gesicht. So argwöhnisch, wie er auf einmal drein sah, konnte ich meine Sache nicht schlecht machen.

 

Das gab mir Mut für den nächsten Schritt.

 

„Es tut mir leid“, sagte ich leise und mimte die Betroffene.

 

„Wirklich. Gott…ich komme mir so schlecht vor, ehrlich. Ich weiß gar nicht wie das passieren konnte. Ich…wirklich Duncan. Ich habe nie geplant, dich so zu benutzen. Das war einfach…ich…oh man. Du musst wissen, dass ich mich dafür schäme, aber ich…die Chance war da und ich musste sie nutzen. Ich musste einfach. Verstehst du?“

 

Flehentlich sah ich ihn aus großen Augen an und hasste mich dafür.

 

Seine Stirn hatte sich mit jedem Wort, das aus meinem Mund purzelte, etwas mehr in Falten gelegt. Er sah verwirrt aus. Verwirrt und etwas verärgert.

 

„Ich hab keine Ahnung wovon du sprichst.“

 

Ich gab einen kleinen Klagelaut von mir.

 

„Mach es mir doch nicht so schwer. Das ist schon furchtbar genug für mich.“

 

„Ist es das?“, fragte er verbissen.

 

Ich nickte und tat, als hätte ich nicht bemerkt, wie seine Augen anfingen zu funkeln.

 

„Ja. Natürlich. Ich bin sonst nicht so. Ehrlich. Ich schwöre es dir. Aber…die Situation hat sich so ergeben und ich konnte einfach nicht anders. Ich musste immer wieder daran denken, dass es mir so sehr helfen würde. Und…oh je. Jetzt bist du sicher wütend. Natürlich. Wer wäre das nicht. Und dann passiert auch noch so was und ich lache darüber. Oh gott. Ich komme mir so furchtbar vor….“

 

Wieder schluckte ich. Allerdings nicht gespielt, denn Duncans Gesicht wurde proportional zu meinem Geplapper immer finsterer.

 

„Ach was!“, stieß er hervor.

 

„Dabei bin ich dir so dankbar. Natürlich…das hat sich in eine etwas andere Richtung entwickelt, als ich gehofft hätte, aber immerhin bin ich jetzt noch einen Schritt weiter. Und das verdanke ich dir.“

 

Tief hervor aus meiner Trickkiste, kramte ich ein schüchternes, dankbares Lächeln. Das verflüchtigte sich allerdings schnell wieder.

 

Gehofft. Ich hatte gehofft gesagt. Oh weh. Das war nun wirklich mehr als gelogen. Hoffentlich würde Duncan mir daraus keinen Strick drehen.

 

„Was hast du denn gehofft, Tinker Bell? Verrat es mir, denn bis jetzt hatte ich immer das Gefühl, du wärst gar nicht so begeistert von der Idee eines Morgens in meinen Armen aufzuwachen.“

 

Seine Nasenlöcher blähten sich. Er war wirklich wütend. Vermutlich lag es an der Tatsache gerade als Opfer dargestellt zu werden. Aber das war der Plan. Ihn wütend machen.

 

Ich sackte ein paar Millimeter in mir zusammen. Bestimmte Gefühle musste ich jetzt nicht mehr spielen, denn ich empfand sie wirklich.

 

Er sah richtig gruslig aus.

 

Innerlich verfluchte ich mir für den kleinen Ausrutscher. Duncan war zu clever um das Rettungsseil nicht zu greifen, wenn er es sah.

 

Und er war zu clever, um auf den anderen Mist einzugehen, den ich vor mich hin stotterte.

 

Zielsicher hatte er das herausgepickt, auf das die Antwort wirklich schwer war.

 

„Naja….“ Bekümmert zog ich die Augenbrauen zusammen und scharrte mit den Füßen.

 

„Natürlich hab ich es nicht gewollt. Oder, ich wollte es nicht wollen…“

 

Das war nicht mal gelogen.

 

„…denn ich wollte dich nicht auf diese Art für meine eigenen Zwecke benutzen. Aber…du hast dich so wunderbar angeboten als….Einstimmung. Als Versuchskaninchen. Du hast die Erfahrung, die ich nicht habe und…das wäre doch nur nützlich. Denn wer ist schon an einem unerfahrenen Mädchen interessiert. Je reifer ich wirke, desto interessanter bin ich doch für ihn…und…Und dann schienst du gar nicht mal so abgeneigt. Ich wollte das nicht ausnutzen…und“

 

Jetzt wurde er wirklich wütend. Ich erkannte es daran, wie er seine Kiefer aufeinander presste.

 

„Für wen?!“

 

Ich riss die Augen etwas weiter auf, geschockt von dem Klang seiner Stimme.

 

Oh je. Am liebsten hätte ich mich verkrümelt. Das lief ein Bisschen zu gut.

 

„W-Was?“, stotterte ich.

 

Als er ruckartig die Augen zusammen kniff, verlor ich noch einen Zentimeter an Größe.

 

Dann packte er mich am Arm und zog mich mit sich.

 

Oh nein.

 

Doch es endete nicht so wie heute Morgen.

 

Es endete vor einer Tür, die Duncan ruppig auf- und mich in den Raum dahinter stieß.

 

Schwungvoll krachte ich gegen etwas Hartes.

 

„Au.“

 

Verärgert arbeitete ich mich aus einem übervollen Regal heraus.

 

„Was sollte das?“

 

Die Tür ließ er laut hinter sich ins Schloss knallen.

 

Ich drehte mich um und sah mich irritiert um.

 

„Was zur Hölle…“

 

„Eine Besenkammer. Nicht dein Stil? Tja, schade. Jetzt hör mir mal zu, Hanna. Du benimmst dich idiotisch. Absolut oberidiotisch. Total dämlich. Lächerlich! Hörst du?“

 

Etwas perplex starrte ich ihn an. Natürlich tat ich das.

 

Hatte er es durchschaut?

 

Schnell versuchte ich die Fassade aufrecht zu halten.

 

„Ich kann ja verstehen, dass du wütend auf mich bist. Das ist dein gutes Recht. Wer wäre das nicht? Ich habe dich manipuliert.“

 

„Stell dir vor. Ich komme mir gar nicht so vor. Was soll das?“

 

Meine Augen wurden schmal.

 

„Kann es sein, dass du gar nicht deswegen sauer bist, sondern mir meine sexuelle Erweckung neidest? Und dass sie nur oberflächlich etwas mit dir zu tun hat?“

 

„Was? Großer Gott. Das wird immer bescheuerter.“

 

Er fasste sich an den Kopf.

 

„Du kannst den Gedanken nicht ertragen, dass nicht du es bist, den ich will.“

 

Er ließ die Hand sinken und sah mich aus blitzenden Augen an.

 

„Ach was. Das ist ja interessant. Wer ist es denn, den du willst, Tinker Bell?“

 

Er betonte das „willst“ so seltsam, dass ich einen Schritt zurück weichen musste.

 

„Zwing mich nicht es auszusprechen. Du weißt es doch schon.“

 

Seine Lippen wurden schmal.

 

„Du hast dich mit mir für Veloso angetörnt.“

 

Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

 

Ich antwortete nicht, sondern tat so, als würde ich gepeinigt zusammen zucken.

 

Eine Weil passierte gar nichts. Dann machte Duncan seinem Zorn Luft.

 

„Weißt du eigentlich wie dämlich du bist, Hanna? Noch einmal für dich zum Mitschreiben: Er ist nicht interessiert. Du machst dich zum Affen! Als wärst du der Typ auf den er steht. Männer wie er treffen sich nur mit Partygirls. Mit wirklich schönen Frauen.“

 

Ich wusste nicht, ob er es absichtlich tat, aber es verletzte mich, dass Duncan so dachte. Eine Tatsache, die mich wütend machte, denn dass ich diesem Typ Frau nicht gerecht wurde, war mir nur zu gut bewusst. Es sollte mich also nicht großartig verletzen, wenn anderen dieser Fakt ebenfalls bekannt war.

 

„Vielleicht hat er genug von ihnen. Jeder Mann will irgendwann das ganz besondere Mädchen an Land ziehen.“

 

Duncan schnaubte.

 

„Wohl kaum, wenn es ihm so viel Spaß macht alle nicht so besonderen zu vernaschen.“

 

„Was soll das? Verurteilst du ihn etwa? Immerhin hast du dich gerade selbst beschrieben.“

 

Zu Spät merkte ich, dass ich meine Fassade vernachlässigte. Hier ging es nicht um ihn. Etwas in meiner Stimme schien Duncan aufhorchen zu lassen, denn er wandte mir wieder sein Gesicht zu und betrachtete mich mit unverhohlenem Interesse.

 

Verdammt. Es war doch so gut gelaufen bisher.

 

Ich sammelte mich.

 

„Ich meine…wieso sollte er sich nicht ändern für jemanden, den er wirklich liebt?“

 

Oh man. Das hörte sich selbst für meine Ohren schrecklich naiv an.

 

„Hanna… Sieh es ein! Das wird nie was. Du machst dich absolut lächerlich.“

 

„Lass mich in Ruhe. Du bist nur wütend, weil du gegen ihn einpacken kannst.“

 

Ich hörte ein wütendes Schnauben.

 

„Hier geht es nicht um mich, Mädchen. Du verrennst dich da in etwas. Du hast keine Chance hörst du? Auf diese Weise sieht er dich nicht. Und er wird es nie tun.“

 

„Woher willst du das wissen?“

 

Schweigen, dann ein Seufzen.

 

„Ich weiß es.“

 

„Ach und woher?“

 

„Frag ihn selbst!“

 

Naja, das musste ich nicht.

 

„Dafür ist nicht der richtige Zeitpunkt. Ich will ihm nicht hinter her rennen. Sonst fühlt er sich wohlmöglich eingeengt. Er soll sich völlig frei fühlen.“

 

Wieder ein Schnauben.

 

„Glaub mir, das tut er auch.“

 

„Dann scheint der Plan aufzugehen.“

 

„Ist es das Hanna? Ein Plan?“

 

Er klang auf einmal sehr ruhig und ich musste stark an mich halten, um nicht erschrocken tief Luft zu holen. Ahnte er etwas?

 

Doch er sah mir einfach nur still in die Augen und wartete.

 

Ich zuckte die Schultern.

 

„Wieso redest du jedes Mal einen anderen Blödsinn?“

 

Weil ich dämlich war?

 

„Weil…weil ich mitten in der Pubertät stecke. Meine Meinung ändert sich so schnell, dass ich selbst nicht mehr hinter her komme.“

 

„Du bist nicht mehr in der Pubertät.“

 

„Ich hatte diesen Pickel letztens. Also bin ich es wohl noch.“

 

Duncan seufzte, schwieg aber.

 

Ich befeuchtete meine angetrockneten Lippen mit der Zunge und atmete tief ein, für den Finalschlag.

 

„Und ich hab eine Chance!“

 

„Fängst du schon wieder an? Du hättest nicht mal eine Chance, wenn du in seiner Altersklasse wärst.“

 

„Dein gekränkter Stolz zwingt dich dazu solche gemeinen Dinge zu sagen. Und deswegen kommst du mir reichlich infantil vor.“

 

„Was? Infantil? Du sagst mir, ich wäre kindisch? Du?“

 

„Ich verstehe ja dass du wütend bist und ich respektiere dich dafür, aber…“

 

„Hör auf mit dem Scheiß, Hanna!“, unterbrach er mich laut.

 

Ich zuckte zusammen, so geschnitten klang seine Stimme.

 

„Hör auf!“, fauchte er noch einmal.

 

Seine Hände waren zu Fäusten geballt und er zitterte vor unterdrückter Wut.

 

Oh je.

 

„Renn doch in dein Unglück, wenn du zu dumm bist um die Wahrheit zu erkennen, wenn sie dir ins Gesicht spuckt. Es ist mir egal. Aber jetzt bin ich dran. Das, was da gerade passiert ist, hatte nichts mit dir zu tun. Gar nichts. Wie du vielleicht gemerkt hast brauche ich viel Abwechslung, wenn du verstehst was ich meine.“

 

Da er das Wort „Abwechslung“ so süffisant betonte hatte ich keine Zweifel, dass ich diese Frage bejahen konnte.

 

Eingeschüchtert von seinem Tonfall, nickte ich automatisch.

 

„Wunderbar. Und weißt du was? Heute war ein besonderer Tag, Liebchen. Ich konnte nicht mehr und du warst da, klar? Nur damit wir das geklärt hätten. Bilde dir nichts drauf ein. Vielleicht zeige ich dir irgendwann einmal, wie es richtig geht. Wenn du wieder gelernt hast deinen Hohlkopf zu benutzen. Momentan scheinst du die Anstrengung ja nicht wert zu wein.“

 

Das saß.

 

Wir starrten uns an. Duncan wütend, ich…nun ja. Ich versuchte nicht allzu geschockt aus zu sehen.

 

„Ja…“, sagte ich schließlich.

 

„Du benutzt Frauen. Aber wirst wütend, wenn man es mit dir tut. Genau das ist das Kindische an dir.“

 

Zugegeben, nicht das Schlagfertigste, das ich je von mir gegeben hatte. Besonders gut formuliert war der Satz auch nicht, aber der Wortlaut genügte, um Duncans Gesichtsausdruck noch ein wenig düsterer zu machen.

 

„Ich glaube dir nicht“, zischte er.

 

Ich zwang mich zu einer irritierten Mimik und schwieg.

 

„Ich glaube dir nicht“, wiederholte er.

 

Seine Stimme klang hart.

 

Ich zuckte die Schultern.

 

„Deine Sache, Duncan.“

 

Seine Nasenflügel bebten, während er auf mich hinab sah und ich versuchte, seinem Blick nicht auszuweichen.

 

„Du willst nicht ihn.“

 

Ja das stimmte. Das war das Problem an der Sache. In meinem Gehirn rastete irgendetwas ein und ich fand die Kraft, die Mundwinkel spöttisch nach unten zu ziehen.

 

„Es ist nicht nur dein Körper, der auf mich reagiert, Tinker Bell.“ Seine Stimme klang auf einmal sehr viel leiser. Vorsichtig. Schleichend.

 

Ich spürte, wie die Atmosphäre kippte. Am liebsten hätte ich genervt die Arme gen Decke geworfen und geschrieen.

 

Wieso musste er wieder mit der Tour kommen?

 

Und wieso musste er immer ins Schwarze treffen?

 

„Hör auf damit!“, fauchte ich.

 

„Lass das! Sofort!“

 

Etwas blitzte triumphierend in seinen Augen auf.

 

Scheiße!

 

„Ich werde jetzt zu Veloso gehen.“

 

Sein Gesichte verdüsterte sich wieder.

 

Fast hätte ich erleichtert geseufzt.

 

„Tu das!“

 

Ich straffte den Rücken und drehte mich zur Tür.

 

„Warte!“

 

Ich ignorierte ihn. Fast war ich aus dem kleinen Raum heraus, als er mich am Arm zurück hielt und die Tür wieder zu zog.

 

Nicht mal einen Protestlaut ließ er mir, denn ich fand mich so schnell im Gewirr des Regals hinter mir wieder, dass die Umgebung vor meinen Augen verschwamm.

 

Nur seine Hand an meinem Hinterkopf verhinderte, dass ich mir wirklich wehtat, als ich erneut gegen das Abgestellte rempelte.

 

Erschrocken schnappte ich nach Luft, denn ein dunkler Haarschopf folgte meinem. Und das ziemlich dicht.

 

Aber da war es auch schon passiert.

 

Zum Zweiten Mal an diesem Tag fanden Duncans Lippen meine. Dass er das tat, nachdem er mir an den Kopf geworfen hatte, dass er in mir einen geeigneten Zeitvertreib gefunden hatte, tat mehr weh, als diese Tatsache selbst.

 

Ein großer, trockener Klumpen schien auf meine Brust zu drücken und mir zusätzlich zu dem erregenden Spiel seines Mundes, den Atem zu nehmen.

 

Dieser Kuss war anders als die bisherigen. Er war wütender. Unbedeutender und doch wieder nicht. Auf eine sonderbare Art zeigte mit Duncan damit, wie es in ihm aussah.

 

Er war wütend, natürlich. Wie gesagt, das war der Plan gewesen. Aber vor allem war er verletzt. Sonst hätte er niemals so reagiert. Oder doch?

 

Verkrampft versuchte ich ein Schluchzen zu verhindern. Zum Donnerwetter noch mal.

 

Verärgert und gekränkt tastete ich nach dem erst besten festen Gegenstand.

 

Meine Finger fühlten hartes Plastik und schlossen sich um ein flaschenförmiges Gebilde. Putzmittel? Wahrscheinlich.

 

Während Duncan mich noch tiefer in das Gewirr hinter mir drückte, holte ich Schwung.

 

Ich traf nicht wirklich, denn die Trägheit des flüssigen Inhalts machte mir einen Strich durch die Rechnung, allerdings reichte es aus, um ihn zu erschrecken.

 

Schnell brachte er sich in Sicherheit.

 

„Ich hab gesagt, du sollst das lassen. Mein Gott. Täglich sterben um die 40.000 Menschen. Wieso bist du keiner davon.“

 

Jetzt war ich wirklich wütend. Verletzt wütend. Das war schlimmer als einfach nur zornig zu sein.

 

Aufgebracht stürmte ich aus dem Verschlag, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

 

Verdammt! Das war wohl gehörig in die Hose gegangen. Zu allem Übel traten mir auch noch Tränen in die Augen. Ja er hatte mich getroffen. Mit zwei klitzekleinen Sätzen.

 

, Du warst da. Bilde dir nichts drauf ein.’

 

Aber noch wütender macht mich die Tatsache, dass er mich damit überhaupt verletzt hatte. Wieso hatte ich immer noch nicht realisiert wie es nun einmal lief?

 

Ach verdammt.

 

Ich schniefte, während ich auf die Treppe zu polterte, die in die zweite Etage führte.

 

 

 

Ohne anzuklopfen stapfte ich in das Gästezimmer, in dem Veloso einquartiert worden war.

 

„Wieso ist er so ein riesengroßes Arschloch, hm? Wieso? Veloso, WIESO???“

 

Gemeinter saß auf dem Boden über etwas gebeugt, das ich nicht genau erkennen konnte.

 

Jeden Falls war er nicht nackt.

 

„Ich werde jetzt noch nicht antworten. Wahrscheinlich ist es besser, wenn du einfach weiter vor dich hin fluchst.“

 

„Gott man sollte…man sollte seine Gliedmaßen in heißem Fett frittieren, einzeln ausreißen und sie dann opfern. Den Inkas zum Beispiel. Oder einem Gott, den ich gleich noch erfinde. Wieso tut er das Veloso, warum?“

 

Keifend drehte ich unsymmetrische Kreise auf den alten Holzdielen.

 

„Tja.“

 

„Er ist einfach…..“

 

Ich schnaubte und fuhr mir ruppig durch das Gesicht um die Tränen los zu werden.

 

„Und wieso regt es mich überhaupt so auf? Wieso geht es mir so nah? Ich wusste doch von Anfang an, wie er ist. Ich wusste es Veloso. Ich. Wusste. Es!“

 

„Darling, du...“

 

„Und dann küsst er mich. Erst wirft er mir das an den Kopf uns dann küsst er mich. Hallo? Das ist ….“

 

„Als würdest du sagen, dass du Schokolade verabscheuen und dann eine ganze Tafel gierig in dich hinein stopfen?“

 

Ich blieb stehen und betrachtete ihn einen Augenblick.

 

„Genau!“, rief ich aus und ließ mich neben ihn auf den Boden fallen.

 

„Vielleicht solltest du deine Smogwerte überprüfen lassen.“

 

Das brachte mich zum Grinsen.

 

„Ja, vielleicht.“

 

Er fuhr fort die Karte zu inspizieren, die vor ihm lag.

 

Schon wieder eine Karte?

 

„Er hat mich verletzt.“

 

„Das dachte ich mir schon.“

 

„Aber das ist es ja grade. Er sollte mich nicht verletzen. Nicht mit Worten, die sowieso keine Rolle spielen.“

 

„Hm.“

 

„Er hat gesagt, dass ich nie der Typ sein würde, der bei Männern wie dir eine Chance hat.“

 

Veloso sah mich abwartend an.

 

„Verstehst du denn nicht? Das ist mir doch klar, aber es hat trotzdem wehgetan es aus seinem Mund zu hören. Und das ist…“

 

„Töricht?“, half er mir.

 

Ich sank in mir zusammen.

 

„Ja.“

 

Kurz darauf landete mein Kopf in seinem Schoß.

 

„Darauf darfst du nicht allzu viel geben. Der Mann ist verwirrt.“

 

„Der Mann ist bescheuert.“

 

„Na. Nicht bescheuert. Gutaussehend und ignorant. Verwöhnt. Aber nicht bescheuert.“

 

Leise schniefte ich.

 

„Wieso muss ich hier sein, Veloso?!“

 

„Damit ich jemandem zum ärgern habe.“

 

Er begann meine Flanken zu kitzeln, stoppte allerdings, als mein Ellenbogen ihn in der Magengrube traf. Ich hörte ihn keuchen und setzte mich wieder aufrecht hin.

 

Nachdem mein Haar geordnet war, sah ich wieder zu ihm hinüber.

 

„Wieso wusste er, dass du dich nicht auf diese Weise für mich interessierst?“

 

„Oh bitte. Das merkt doch jeder“, grummelte er und strich sich beleidigt über den Bauch.

 

„Er war sich so sicher.“

 

Veloso schwieg. Ich betrachtete ihn genauer.

 

„Du hast mit ihm geredet“, sagte ich geschockt.

 

Er zuckte die Schultern.

 

„Eigentlich hab ich gar nicht viel geredet.“

 

Ich sprang auf.

 

„Wieso konntest du nicht einfach deine Klappe halten und ihn seine eigenen Schlüsse ziehen lassen. Dann hätte er nie sicher sein können. Scheiße Veloso. Ich hab mich total zum Deppen gemacht.“

 

Ich tat als würde ich ihn schlagen wollen, bremste meinen Arm jedoch lange vor dem Zusammenstoß mit seinem Kopf ab.

 

Resignierend ließ ich mich wieder an den alten Platz auf dem Holzfußboden fallen.

 

„Nicht mehr als sonst auch schon.“

 

„Ich weiß gar nicht wieso du so locker klingen kannst. Es hat so gut angefangen. Ich dachte wirklich ich hab ihn. Ich dachte, das Ganze würde aufhören und…das Problem sich in Luft auflösen. Pustekuchen“, jammerte ich.

 

„Abwarten. Meistens lösen sich Probleme von ganz allein.“

 

„Ach ja?“

 

„Ja. Ich weiß auch nicht wieso. Vertrau auf das Universum.“

 

Sachte streichelte er mir über den Kopf. Ich musterte ihn argwöhnisch.

 

„Was hast du gefrühstückt? Glückskekse?“

 

„Lass dir einfach ein wenig Lebenserfahrung mit auf den Weg geben.“

 

„Ich warte.“

 

„Heute morgen. Auf dem Flur. Erinnerst du dich?“

 

Ich nickte. Natürlich. Ich war vor Duncan geflohen.

 

„Sein Blick…der war so…ich kann es schwer beschreiben…“

 

„Was? Dir fehlen die Worte?“

 

„Hanna lass mich ausreden!“

 

Ich schloss brav den Mund und tat so, als würde ich ihn mit einem Schlüssel abschließen.

 

„Er sah dir hinter her. Und er sah unglücklich aus. Aufgerieben. Irritiert. Verwirrt. Einfach mitleidserregend.“

 

Ich schnaubte. Duncan war alles, aber sicherlich nicht mitleidserregend.

 

„Und vor allem wütend. Dass er dich auf diese Weise mit mir gesehen hat, hat ihn wütend gemacht. Nicht einfach nur verärgert. Wütend. Das ist ein Unterschied, findest du nicht auch?“

 

Es schien keine ernst gemeinte Frage gewesen zu sein, denn er fuhr gleich fort:

 

„Duncan mag ein schwieriger Charakter zu sein. Derweilen. Aber im Grunde ist er ein anständiger Kerl. Nur emotional etwas…auf den Kopf gefallen vielleicht.

 

Ich hab ihm versichert, dass ich dich längst hätte haben können, wenn ich dich auf diese Weise wollen würde.“

 

Ich starrte ihn an. Wie bitte?

 

„Was hast du gesagt?“

 

„Ich habe…“

 

Ich unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

 

„Ich hab gehört, was du gesagt hast“, fauchte ich.

 

„Wie arrogant seid ihr Kerle eigentlich? Ihr glaub doch aller ernstes, dass ihr nur mit dem Finger schnipsen könnte und schon liegt euch alles Weibliche willenlos vor den Füßen.

 

Verflucht und für euch Dreibeiner sollen wir mit dem Arsch wackeln. Das ist zum kotzen. Nicht einen Funken Respekt kriegen wir von euch, nicht…“

 

Der Rest meiner wütenden Worte ging in einem akustischen Salat unter, denn Veloso stoppte meine Schimpftirade mit einer Hand.

 

„Darum geht es doch gar nicht du Huhn. Kein Grund so herum so krakeelen. Verstehst du denn nicht? Er ist eifersüchtig.“

 

Natürlich war er das. Genauso wie ein kleiner Junge eifersüchtig war, wenn ein anderer mit seinem Lieblingsauto spiele durfte. Er hatte geglaubt, Veloso würde ihm sein Spielzeug wegnehmen.

 

Was er jetzt glaubte, wusste ich nicht. Leider. Es hätte mir wirklich geholfen. Denn jetzt hatte ich absolut keine Ahnung mehr, ob die Aktion „Versuchen wir Duncan zu übertölpeln“ überhaupt etwas gebracht hatte. Von den Tränen mal abgesehen.

 

Nach einer Weile versuchte ich zu fragen, was Duncan daraufhin erwidert hatte, doch Velosos Hand dämpfte jeden Laut.

 

Genervt stöhnte ich.

 

„Bist du wieder vernünftig.“

 

Eine weile regte ich mich gar nicht, dann nickte ich resignierend.

 

„Brav.“

 

Sobald die Hand weg war platzte die Frage aus mir heraus:

 

„Was hat er gemacht?“

 

„Wer?“

 

„Veloso! Duncan natürlich.“

 

„Na was wohl. Er hat abgestritten, dass es ihn überhaupt interessiert.“

 

Ich wurde ein wenig kleiner.

 

Na super.

 

Dann fühlte ich Velosos Hand auf meiner Schulter.

 

„Du musst noch einiges über das männliche Geschlecht lernen Schätzchen.“

 

„Oh bitte. Hoffentlich nicht. Das, was ich bis jetzt herausgefunden habe war mir zu suspekt, um noch mehr darüber zu erfahren.“

 

„Dann interessiert dich meine Meinung nicht?“

 

Ich rutschte auf dem Boden herum.

 

„Naja…das hab ich nicht gesagt.“

 

Veloso kicherte.

 

„Er ist auf jeden eifersüchtig, der sich dir auf zwei Meter nähert. Wahrscheinlich ist er sogar eifersüchtig auf die Luft, die du amtest und auf die Kleidung, die du trägst. Und das aus einem einfachen Grund…einzig und allein in seiner Nähe scheinst du dich nicht wohl zu fühlen. Das macht ihn schier wahnsinnig. Denn er muss in deine Nähe sein. Ist dir das noch nicht aufgefallen? Er ist so häufig wie möglich da, wo du auch bist. Wahrscheinlich merkt es nicht einmal selbst, aber er sucht deine Nähe. Und das ist es, wovor du davon läufst. Das ist schrecklich für ihn, zumal er es nicht gewohnt ist.“

 

Meine Augen weiteten sich.

 

„So ein Schwachsinn“, hauchte ich mit roten Wangen.

 

Ich ertappte mich dabei, wie ich jedes Wort aufsog wie ein Mikrofasertuch den Staub. Nun ja, kein besonders schöner Vergleich, aber sehr treffend.

 

Veloso schüttelte den Kopf.

 

„Nein. Und deswegen ist er wütend auf mich. Du bist lieber in meiner Nähe als in seiner. Hinzu kommt noch, dass er mir nie glauben würde, dass ich mich nicht auf diese Art für dich interessiere. Denn er kann nicht glauben, dass irgendjemand nicht so auf dich reagieren kann, wie er selbst es tut. Verstehst du? Er ist so besessen von dir, dass er nicht versteht, dass alle anderen es nicht zwangsläufig auch sind.“

 

In meinem Kopf drehte sich alles. Verzweifelt versuchte ich mein Herz vor Velosos Worten zu verschließen. Mit mäßigem Erfolg.

 

„Besessen?“, krächzte ich.

 

Er nickte.

 

„Achte darauf wie angespannt er ist, wenn du in seiner Nähe bist. Alles in ihm arbeitet auf Hochtouren, sobald du den Raum betrittst.“

 

Was?

 

„Blödsinn. Er ist das Selbstbewusstsein in Person. Und angespannt schon gar nicht.“

 

Veloso seufzte.

 

„Hör mir mal zu Hanna. Unsere Geschichte mag dir ja albern vorkommen, aber für uns ist sie wichtig. Wirklich wichtig. Weißt du noch was ich bei unserer ersten Begegnung gesagt habe?“

 

Ich starrte ihn an.

 

„Du äh...hast mich nach meinem Namen gefragt?“

 

Er schüttelte den Kopf.

 

„Nein. Davor hab ich gesagt, dass du die Jenige bist.“

 

„Wer?!“, fragte ich irritiert. Daraufhin verdrehte Veloso die Augen.

 

„Sie! Das Mädchen aus der Legende.“

 

Sofort verengten sich meine Augen.

 

„Fängst du schon wieder damit an.“

 

Er hob einen Finger und lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

 

„Ich glaube das immer noch. Es ist mir egal, was du darüber denkst. Meinetwegen kannst du es für den größten Schwachsinn halten. Halt das wie du willst, es ist deine Entscheidung. Fakt ist…dass du es sein musst. Anders ergibt es keinen Sinn. Es war das Erste, das mir durch den Kopf ging, als du da lagst. Auf dem Boden, von der Schaukel gefallen. Und weißt du was das Beste ist?“

 

„Lass mich raten. Du weißt es auch nicht?!“

 

„Du bist verliebt.“

 

Ich stöhnte.

 

„Oh ja. Großartig! Ich schwärme für einen Idioten. Was ist mit Anabelle? Die steht auf den Hintern meines Bruders. Wieso wird sie nicht für diese bescheuerte Prophezeiung gehalten? Hm?“

 

„Oh…sie ist die Prophezeiung. Ihr alles seid sie.“

 

Wieder stöhnte ich.

 

„Jaja. Du weißt, was ich meine.“

 

„Aber es scheint, als müsste man euch Zweien ein wenig auf die Sprünge helfen. Und das werde ich von nun an übernehmen.“

 

Zufrieden grinste er mich an.

 

Ich lächelte kraftlos. Na prima. Daumen hoch!

 

„Ich möchte einmal jemanden treffen, der einen Maulwurfshügel von einem Berg unterscheiden kann. Musst du das Ganze so aufbauschen? In euerer…Legende…“, es fühlte sich an, als müsste ich das Wort ausspucken, als wollte es von alleine nicht über meine Lippen kommen, „…ist allerdings von beidseitiger Liebe die Rede, oder? Liebe! Liebe Veloso. Richtige Liebe. Ich bin 17. Ich hab mein Leben noch vor mir. In meinem Alter findet man nicht die große Liebe. Weiß du wie selten so was ist? Und zu so einer Liebe gehören zwei. Ich bin immer noch allein, meines Erachtens nach.“

 

Als ich seinen Blick bemerkte, warf ich schnell hinter her: „…und Duncan ist ungefähr so weit weg von der Liebe entfernt, wie der Pluto von der Sonne.“

 

In Velosos Augen blitzte er triumphierend auf.

 

„Also gibst du zu, dass du ihn liebst!“

 

„Was? Gar nichts geb ich zu. Ich stell hier nur etwas richtig. Ich argumentiere. Kennst du das? Oder überzeugst du sonst immer alle mit deinen großen, dunklen Augen und den langen Wimpern?“

 

Dämlich klimperte ich mit meinen, was ihn zum lachen brachte.

 

„Du wirst schon noch sehen Hannaschätzchen. Außerdem….es war nie von Zweien die Rede.“

 

Nun, selbst wenn. Es könnte ein Überlieferungsfehler sein.

 

Und hinzukam, dass doch nicht zwangsläufig diese Art der Liebe gemeint sein musste. Vielleicht reichte eine andere Ebene aus? Ich liebte Max doch auch, oder? Und Veloso…auf eine seltsame Weise.

 

Langsam erhob ich mich.

 

„Ich muss nachdenken.“

 

Veloso nickte.

 

 

 

Das tat ich. Nachdenken. Und zwar so viel, dass mir der Kopf brummte.

 

Viel zu viel dachte ich nach und wünschte, Celia würde endlich zurückkommen, damit sie mich davon abhielt, noch weiter nachzudenken.

 

Doch Celia blieb fort und ich allein.

 

Sogar Luke hatte sich gegen mich verschworen. Er reagierte nicht auf meine Animationsversuche, bzw. er erhob sich von seinem Ruheplatz in der Eingangshalle, um sich einen anderen zu suchen, als ich ihm zu nervig wurde.

 

Noch schlimmer waren die glühenden Drähte, die sich durch meinen Köper zubohren schienen, wann immer ich das Falsche dachte.

 

Und die Tränen. Grauenhaft.

 

Ich war kurz davor die Treppe nach oben zu schlurfen, als es klopfte.

 

Erstrocken ging ein Ruck durch meinen Körper. Es klopfte selten.

 

War das Celia?

 

Ich sprintete zur Tür. Mitten im Lauf zog ich die Augenbrauen zusammen. Celia würde doch einfach hereinspazieren, oder? Schließlich war die Tür offen. Immer.

 

Dennoch riss ich an der Klinke, in der Hoffnung sie würde davor stehen.

 

Pustekuchen.

 

Vor mir stand jemand völlig Fremdes. Jemand völlig Fremdes mit ellenlangen Beinen und brauner Lockenmähne.

 

„Salut“, begrüßte sie mich freundlich.

 

„Ich bin Charlotte, ich bin hier verabredet mit...“

 

„Duncan“, unterbrach ich sie.

 

Charlotte lächelte.

 

Sie war nicht wirklich schön, aber dennoch trug sie eindeutig Duncans Stempel. Sie strahlte dieses klischeehafte, französische Sexappeal aus. Genau das, was Heldinnen in Frauenromanen überall auf der Welt fürchten gelernt hatten.

 

„Oui.“

 

Ich war nicht wirklich wütend auf sie. Ich kannte sie nicht. Ich war auch nicht wütend auf die Tatsache, dass sie mit ihrer sexy Schulmädchenstimme französische Worte hauchte, obwohl sie sonst akzentfrei Englisch sprach und nicht mal ein Mann in der Nähe war, ich war eher wütend darauf, dass Duncan sich mal wieder einen Spaß mit mir erlaubte.

 

Da er Charlotte als Werkzeug dafür auserkoren hatte, richtete sich diese Wut zuallererst gegen sie.

 

Ich versuchte mich zusammen zu reißen. Sie konnte nichts dafür.

 

Also biss ich die Zähne zusammen und beschloss sie nicht länger vor der Tür stehen zu lassen, doch es stellte sie als gute Tat ohne Nutzen heraus, denn das Unheil nahte bereits.

 

Und es küsste Charlotte galant die Hand, um sie danach in herein zu ziehen.

 

Die errötete nicht mal oder fing dümmlich an zu stottern, sondern warf ihm einen koketten Blick aus ihren geheimnisvollen, dunklen Augen zu.

 

Duncan belohnte sie dafür mit seinem Ladykiller Lächeln.

 

Auf vielen Worten schien die Beziehung der Beiden nicht zu beruhen, denn Charlotte schenkte ihm wortlos ein feines Lächeln und verließ das Haus bereits wieder.

 

Ich starrte ihr hinter her, wie sie hüftwiegend über den Kies der Einfahrt schritt.

 

Erst als ich Duncan dicht neben mir wahrnahm, drehte ich meinen Kopf.

 

Er grinste.

 

Still hob er die Hand an mein Gesicht und half meinem Unterkiefer sein Gegenstück wieder zu finden. Ganz leicht ließ er den Daumen über meine Unterlippe fahren.

 

Dann schlug er mir sachte auf die Wange. Tätschelnd. Verachtend. Höhnisch.

 

Es war klar was er mir damit sagen wollte.

 

Kleines Mädchen.

 

Ich sah ihm nicht hinter, als er ihr folgte. Ich betrachtete die Tür mir gegenüber.

 

Doch schließlich regte ich mich.

 

„Hey Charlotte!“, rief ich ihr hinterher.

 

Sie blieb stehen und drehte sich zu mir herum.

 

„Sei vorsichtig mit ihm. Nicht alles ist so langwierig wie sein Ruf.“

 

Heftig schlug ich die Tür hinter mir zu und zählte bis fünf. Dann bis zehn.

 

Dann bis 25.

 

Verfluchter Mistkerl. Verdammter….mir gingen die Schimpfwörter aus.

 

 

 

Wieso gab es in diesem riesigen Haus keinen einzigen Boxsack? Wieso nicht? Es hatte alles. Und von allem zu viel, vor allem an Zimmern, aber keinen Boxsack.

 

Immer wieder tauchte das Bild eines großen Ledersackes vor meinem inneren Auge auf.

 

Grausam. Ich wusste nicht wie lange ich schon durch das Haus tigerte, auf der Suche nach Zerstreuung.

 

Manchmal konnte ich mich wirklich mit allerlei Belanglosem ablenken. Zum Beispiel damit, wie viele Fenster das obere Geschoss hatte. Oder von wie vielen Holzpfeilern das Treppengeländer getragen wurde. Aber das währte nie lange.

 

 

 

Irgendwann kam Celia.

 

Ich war so erleichtert, dass ich ihr um den Hals fiel.

 

„Schnell. Lenk mich ab!“

 

„Oda ist verschwunden.“

 

Das half wirklich.

 

„Was?“

 

Verzweifelt hob sie die Hände.

 

„Ich hab sie nicht gefunden. Keine Ahnung wo sie hin ist. Keine Spur. Und niemand von uns ist gerade sensibel. Niemand könnte die Spur aufnehmen.“

 

„Und jetzt?“

 

„Aidan versucht es zu beschleunigen. Er ist der Jenige, der am häufigsten….na du weißt schon. Vielleicht klappt es noch rechtzeitig, ehe ihre Spuren verwischt sind. Du hast nur gesehen, wie sie zur Tür raus ist?“

 

„Ja…und ich schwöre ich hab nur geglaubt, dass sie mal schnell vor die Tür geht. Spazieren. Nicht weit. Sonst…“

 

„Ja. Klar! Es ist nicht deine Schuld.“

 

„Sie wird doch wohl wieder kommen, oder? Wieso sollte sie weglaufen?“

 

„Hanna. Wir glauben nicht dass sie fortgelaufen ist.“

 

„Sondern?“

 

Hilflos sah sie mich an.

 

„Ich habe im Ort nach ihr gesucht und habe dort jemanden gesehen….der das Schlimmste befürchten lässt. Wir müssen davon ausgehen, dass sie uns auf die Spur gekommen sind. Aber alles weitere gleich. Komm mit, ich sollte dich holen.“

 

Schnell rannte sie in Richtung Treppe. Ich folgte ihr mit einigem Abstand.

 

So aufgewühlt hatte ich sie noch nie gesehen. Was war nur passiert, dass sie so besorgt war? Und vor allem, wen hatte sie gesehen?

 

Ich beeilte mich, hinter ihr nicht zurück zu bleiben.

 

 

 

Wir versammelten uns im Arbeitszimmer der älteren Benettgeneration.

 

Oder, dort waren bereits alle versammelt, als Celia mit mir dazu stieß.

 

Alle war nicht ganz richtig. Meine Eltern fehlten. Und Duncan.

 

Verstimmt begann ich an meinen Schneidezähnen zu saugen.

 

„Hanna“, begrüßte mich Marcus.

 

„Du hast sie als Letzte gesehen. Ist dir etwas aufgefallen?“

 

Etwas überrumpelt nickte ich.

 

„Ja…sie…ich hatte den Eindruck, als würde sie sich große Mühe gegen unauffällig zu sein. Ich hab sie noch damit aufgezogen.“

 

„Weißt du wohin sie gegangen ist?“

 

Ich schüttelte den Kopf.

 

„Dann müssen wir vom Schlimmsten ausgehen.“

 

Das hatte Celia auch schon gesagt.

 

„Was bedeutet das? Das Schlimmste?“, nahm mir Anabelle das Fragen ab.

 

Sie haben sie“, grollte Max dunkel.

 

„Wer?“, fragte Sophie.

 

„Was?“, entfuhr es mir.

 

„Ihr meint d-die haben Oda…“

 

„Wir wissen es nicht“, antwortete Marcus.

 

„Aber wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen.“

 

Alle schwiegen.

 

Meine Güte, das war furchtbar.

 

„Und jetzt? Gehen wir sie suchen, oder was?“, warf Anabelle in die Runde.

 

„Wir kümmern uns darum. Leo und Lizzy treffen gerade die letzten nötigen Vorbereitungen. Aber ihr…“, er deutete auf Sophie und Anabelle, dann suchte sein Blick mich.

 

„…ihr verschwindet von hier.“

 

Er nickte.

 

Dann drehte er sich zu Max, der ihm an nächsten stand.

 

Keiner sagte ein Wort, schließlich nickte mein Bruder. Ich runzelte die Stirn angesichts seines ernsten Gesichtsausdrucks.

 

„Ist alles bereit? Seid ihr fertig?“

 

Aidan nickte auf die Frage. Veloso hob die Schultern. Darauf hin sah Marcus ein kleines bisschen erleichterter aus.

 

„Ähh….“, begann Anabelle, doch bevor sie fragen konnte, was hier gerade vor sich ging, lenkte sie mein Bruder sie damit ab, dass er auf sich zu gestürmt kam.

 

Paralysiert starrte sie ihn an. Ich ebenfalls. Was war denn hier schon wieder los? Ich verspürte das Bedürfnis mich auf den Boden fallen zu lassen.

 

„Komm mit mein Herz. Du wirst jetzt packen.“

 

Mit diesen Worten packte Max sie am Arm und schob sie vor sich her aus dem Zimmer.

 

Ich sah den Beiden nach.

 

Max und Anabelle? Wie? Was hatte das zu bedeuten?

 

Etwas schnipste.

 

Ich drehte mich wieder in Richtung des Geschehens.

 

Veloso war inzwischen auf Sophie zu getreten.

 

Er hob den Ziegefinger und sah sie mürrisch an.

 

Was? Veloso konnte mürrisch gucken?

 

„Mach mir bloß keinen Ärger Mädchen!“

 

Entsetzt flog mein Blick zwischen den Beiden hin und her.

 

Sophie schüttelte den Kopf. Daraufhin wurde auch sie aus dem Zimmer gelotst.

 

Hä?

 

Wieso….hieß das, sie würden sie begleiten? Mussten wir wirklich fort?

 

Und….

 

„Wieso…..hä? Was soll das? Mein Bruder und….und Veloso? Und-und ich?“

 

Es wäre doch das Logischste, wenn mein Bruder sich um mich kümmern würde, oder nicht?

 

Aber ich war die Einzige, die noch immer hier herum stand.

 

„Und ich bleib hier oder was?“

 

Wieder erntete ich einen dieser Blicke in denen geschrieben stand, dass ich gerade etwas Dummes gesagt haben musste.

 

„Was? Entschuldigt mal, aber ich versteh nur Bahnhof. Ihr könntet zur Abwechslung auch mal ein paar Worte dazu sagen.“

 

„Du bleibst nicht hier Hanna“, sagte Celia in einem Ton, als wäre das ganz selbstverständlich.

 

„Aha. Schön. Und wohin geht’s?“

 

„Das wissen wir nicht.“

 

Ich schloss die Augen. Oh man. Die schafften mich.

 

„Seit wann muss man euch denn alles aus der Nase ziehen. Soll ich mir das aussuchen oder was?“

 

Aidan sah Marcus verständnislos an.

 

„Sie weiß das nicht?“

 

Er zuckte die Achseln.

 

„Na wunderbar. Mal wieder bin ich die Einzige, die nicht Bescheid weiß. Ach, kein Problem. Man gewöhnt sich wirklich dran.“

 

Celia erbarmte sich schließlich:

 

„Nur Duncan weiß das. Genauso, wie nur Max weiß, wo er Anabelle hinbringen wird. Oder Veloso Sophie.“

 

Duncan?

 

Langsam verarbeitete mein Gehirn die neue Information und knüpfte die Zusammenhänge.

 

Max würde mit Anabelle verschwinden? Wirklich?

 

Und Veloso mit Sophie? Und ich….nein!

 

„Das soll ein Scherz sein.“

 

Celia schüttelte den Kopf.

 

„Nein. Er ist für dich verantwortlich.“

 

Oh. Ja, das kam mir wage bekannt vor. Aber er hatte vergessen zu sagen, was dieser mysteriöse Satz zu bedeuten hatte.

 

„Er hat es dir nicht gesagt?“

 

Ich knirschte mit den Zähnen.

 

„Bis gerade eben tappte ich im Dunkel was diesen Satz angeht.“

 

Celia stöhnte.

 

„Wo steckt er eigentlich?“, wollte ihr Vater wissen.

 

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und reckte das Kinn nach vorne.

 

„Wahrscheinlich in Charlotte.“

 

Stille.

 

Dann ein Seufzen.

 

Es war Sophia, die schließlich reagierte:

 

„Celia hilf Hanna beim packen! Du weißt, nur das Nötigste. Dann kümmerst du dich um deinen Kram. Ich werd versuchen Duncan ans Telefon zu bekommen.“

 

Celia tat wie berufen und deutete an, dass ich ihr folgen sollte.

 

 

 

Ihre Hilfe bestand daraus, dass sich mich auf mein Bett verfrachtete und wie ein Derwisch in meinem Zimmer herumwuselte.

 

Gelegentlich fragte sie mich, wo sie was finden würde.

 

Ich versuchte derweil verkrampft darauf zu achten, was sie tat und gleichzeitig, das Erfahrene zu verarbeiten.

 

Ich würde weggehen? Fort von hier? Schon wieder weg?

 

Es machte ein lautes Klonk, als Celia etwas umwarf, das auf meinem Nachttisch stand.

 

Ich wedelte ihre Entschuldigung mit einer Hand weg.

 

Und wieso Duncan? Waren alle anderen nicht viel…logischer? Max war mein Bruder und Veloso…nun ja, der war irgendwie mein Freund geworden. Aber Duncan.

 

Bei dem Gedanken an unseren Streit rollten sich meine Fußnägel nach oben.

 

„Können wir das nicht noch tauschen?“

 

Celia, die halb in meinem Schrank verschwunden war, sah hinter sich, in meine Richtung.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

„Es wurde ausgelost. Damit es keinen Streit gibt.“

 

„Ausgelost…“, sagte ich atemlos.

 

Ausgelost.

 

Na großartig!

 

Ich betrachtete Celia dabei, wie sie sich wieder hervorarbeitete.

 

„Mach dir keine Sorgen. Duncan mag ein Idiot sein, aber er ist verantwortungsbewusst.“

 

Was? Na das war mir aber ganz neu.

 

Zweifelnd sah ich sie an.

 

Sie nickte.

 

„Doch. Wirklich. Er weiß was auf dem Spiel steht. Ehrlich!“

 

Ich kippte mit dem Oberkörper nach vorn und ließ mein Gesicht auf die Oberschenkel fallen.

 

Laut stöhnte ich und ließ ein lang gezogenes, weinerliches ‚nein’ verlauten.

 

Die Matratze neben mir senkte sich etwas und kurz darauf streichelte Celias kleine Hand meinen Rücken.

 

„Das wird schon.“

 

Ich schüttelte den Kopf. So weit das möglich war, denn er lag immer noch auf meinen Beinen und meine Stirn schrappte unangenehm über den Stoff meiner Jeans.

 

„Bist du fertig?“, erklang es gedämpft von mir.

 

„Jep.“

 

„Und jetzt?“

 

„Wie und jetzt?!“

 

„Was passiert jetzt?“

 

„Wir warten auf meinen Bruder.“

 

Wieder stöhnte ich.

 

„Wir haben uns gestritten…“

 

„Das passiert zwangsläufig, wenn man mit ihm zusammen lebt.“

 

„Es war grauenhaft.“

 

„Für dich, oder für ihn?“

 

Ich wimmerte.

 

Wieder tätschelte ihre Hand mein Rückrat.

 

„Das wird schon“, wiederholte sie ihre Worte von gerade eben.

 

Und ich schüttelte wieder den Kopf.

 

Plötzlich fiel mir etwas ein.

 

Ruckartig erhob ich mich aus der halbliegenden Position und drehte mich in Celias Richtung.

 

„Wen hast du denn getroffen?“

 

Zwischen ihren Brauen entstand eine kleine Rille, als sie mich fragend ansah.

 

„Im Ort. Du hast gesagt, du hast jemanden gesehen und deswegen ist alles ganz furchtbar.“

 

„Quintin.“

 

Nun war es an mir sie fragend anzusehen.

 

„Wer?“

 

„Quintin. Du wirst dich nicht an ihn erinnern. Du hast ihn ein Mal gesehen und da warst du betrunken.“

 

Betrunken? Ich? Wann?!

 

Dann fiel es mir ein.

 

Oh.

 

„Der Blonde?“

 

Celia nickte.

 

„Er ist einer von denen?“

 

„Das hab ich dir doch schon mal gesagt.“

 

Wirklich?

 

„Aber der sah doch ganz harmlos aus.“

 

Sie schnaubte.

 

„Ein Fatzke ist das. Ich hab fast einen Herzinfarkt bekommen, als du dich damals von ihm hast umrennen lassen.“

 

„Ihr kanntet euch?“

 

Sie nickte.

 

„Max hat damals absolut oberdämlich reagiert. Was meinst du, wieso wir so in Panik geraten sind? Du warst weg und die waren in der Nähe. Hätten wir sein Auftauchen einfach ignoriert….Da hätte sonst was passieren können.“

 

Das rückte die Veranstaltung in ein ganz anderes Licht.

 

„Dann waren die das?“

 

„Was?“

 

Ich ruderte mit den Armen.

 

„Naja, die mir diese Zeug…“

 

Celia zuckte mit den Schultern.

 

„Keine Ahnung Hanna. Gut möglich. Aber wohl eher rein zufällig. Der Typ der damals in deiner Nähe stand war uns nicht bekannt. Gut möglich, dass er in dir einfach nur ein leichtes Opfer gesehen hat. Du weißt ja, was wir dir erzählt haben. Sie benutzen nur menschliche Energiequellen und das auch sehr viel häufiger, als sie eigentlich müssten. Sie suchen sich immer jemanden aus und stellen ihn ruhig. Wir waren so froh, dass wir das verhindern konnten. Es hätte die Gefahr bestanden, dass er durch die Verbindung die zwangsläufig entsteht, wenn das Elixier angezapft wird, herausfindet, wer du wirklich bist. Auch wenn du es damals selbst noch nicht wusstest. Das wäre grauenhaft gewesen.“

 

Ihre Worte waberten durch mein Gehirn und wollten nicht so richtig Sinn ergeben.

 

Also starrte ich sie einfach nur an.

 

„Der hätte mich gebissen?“, fragte ich etwas hysterisch.

 

Celia winkte ab.

 

„Das ist kein großes Ding. Eine kleine Wunde reicht aus. Es wird nur wenig genommen. So viel, dass das Reservoir wieder aufgefüllt ist, dass die Erinnerung erhalten bleibt.

 

Ahja. Die Erinnerung.

 

Ein Klatschen, Haut auf Jeans und ein kurzes Ziepen hielt mich davon ab weiter darüber nach zu denken. Sie hatte mir auf den Oberschenkel gehauen. Nicht dolle. Aber fest genug um zu verhindern, dass ich anfing zu hyperventilieren.

 

Celia erhob sich.

 

„Ich muss jetzt auch mal ran.“

 

„Du? Wieso?“

 

„Ich gehe auch Hanna. Aidan und ich werden einer anderen Spur folgen als deine oder meine Eltern.“

 

Ich erinnerte mich wieder an etwas, das irgendjemand vorhin gesagt hatte.

 

„Aidan spielt den Suchhund?“

 

Celia lachte.

 

„Er hat beschlossen nicht zu warten bis er sensibel ist, sonder…ach das ist ein Vampirding.“

 

Sie deutete mit ihren Fingern Gänsefüßchen an, als die das Wort ‚Vampir’ aussprach und kicherte.

 

„Er wird das tun, was er eigentlich geschworen hat nicht zu tun.“

 

Ich wusste was das bedeutete.

 

Automatisch fasste ich an meinen Hals, ließ meine Hände aber sofort wieder sinken, als sie mich erschrocken ansah.

 

„Er macht es nicht bei dir.“

 

„Wieso, so abwegig ist das nicht. Er hat es schon mal getan. Hat er damals auch seinen Schwur gebrochen?“

 

Sie nickte.

 

„Aber bei Älteren ist das nicht so schlimm. Eigentlich ist diese Regel eine Art Schutz. Je älter man wird desto besser kommt man mit dieser Art der Energie klar, wenn man sie außerhalb der sensiblen Phasen aufnimmt.“

 

Das klang logisch.

 

„Aber wen dann?“

 

Erst sah Celia so aus, als würde sie meine Frage nicht verstehen, doch dann leuchtete es in ihrem Gesichte auf.

 

„Irgendein Tier. Das geht schon.“

 

Sie ging zur Tür. Bevor sie mein Zimmer verließ, deutete sie auf die Tasche, in die sie vorhin scheinbar wahllos irgendwelche Dinge hinein geworfen hatte.

 

„Am besten bringst du sie nach unten.“

 

Ich nickte.

 

Dann war sie verschwunden.

 

Ich tat wie geheißen.

 

An der Treppe stand ein, immer noch mürrisch dreinblickender Veloso.

 

„Hör auf so ein Gesicht zu ziehe. Das gibt doch Falten.“

 

Das tat er auch, aber nur für einen kurzen Moment.

 

„Ich wusste von Anfang an, dass dieses Losverfahren eine besonders schlechte Idee war“, grummelte er.

 

„Wem sagst du das?!“, seufzte ich.

 

„Das Mädchen ist so naiv. Sie würde im Verscharren der Leiche im Wald noch den Willen nach Ordnung und Sauberkeit im Mörder erkennen.“

 

Ich verzog den Mund.

 

„Wieso müssen wir eigentlich weg?“, fragte ich genervt.

 

„Weil sie wohl wissen wo ihr seid, wenn sie in diesem Kaff auftauchen. Sie hätten dich schon damals wegbringen sollen, als sie noch nicht so nah dran waren. Das hätte uns das Ganze hier erspart.“

 

„Hör auf dich zu beschweren!“

 

Wir schwiegen.

 

„Soll ich das für dich tragen?“

 

Irritiert sah ich Veloso an. Was tragen?

 

Dann folgte ich seinem Blick, der auf meine Tasche gerichtet war.

 

Ich schüttelte den Kopf.

 

„Du solltest lieber Sophie helfen.“

 

Laut atmete Veloso aus, als er eben diese an dem Treppenansatz entdeckte. Er ging ihr entgegen, während ich mich auf den Weg nach unten machte.

 

 

 

Ich wartete. Und wartete.

 

Ich sah dabei zu wie Anabelle und Max davon fuhren. Mein Bruder und meine Schwester. Ein seltsamer Gedanken.

 

Ich umarmte Veloso zum Abschied und winkte Sophie. Ich würde sie vermissen.

 

Aidan und Celia waren bereits fort. Sie hatten Luke mitgenommen. Anscheinend lebte er doch nicht nur zu Duncans Vergnügen bei der Familie.

 

Nur ich blieb.

 

Ich saß auf meiner Tasche in der schwülen Nachmittagssonne und ließ mich wärmen.

 

Schließlich war es selten, dass sie überhaupt heraus kam. Die Sonne, meine ich.

 

Irgendwann trat Marcus neben mich. Er sah verstimmt aus. Verständlich.

 

„Er kommt gleich“, versprach er mir. Ich antwortete nicht.

 

Meinetwegen könnte er bleiben wo er war.

 

Doch das tat er leider nicht.

 

Kurze Zeit später hörte ich Motorengeräusche.

 

Sophia trat ebenfalls dazu.

 

Sie lächelte mir zu.

 

„Und was macht ihr jetzt?“

 

„Ich wohne hier“, sagte sie mit einem verschmitzen Lächeln.

 

Aha.

 

„Marcus wird den Rat aufsuchen. Und ich bleibe vorerst hier, falls sie auftauchen. Keine Angst. Sie würden mir nie etwas tun.“

 

Mir wurde schlecht. Der Rat! Was war das denn schon wieder?

 

„Aha.“

 

Der Kies knirschte, als Duncan den Wagen anhielt.

 

Mit versteinertem Gesichte stieg er aus und lief auf uns zu.

 

Er blieb vor seinem Vater stehen und streckte die Hand aus.

 

„Duncan…“, begann der, ohne sich zu rühren.

 

„Ja. Ich weiß.“

 

Still schauten sich die Beiden in die Augen. Was immer Marcus im Gesicht seines Sohnes las, es besänftigte ihn.

 

Schließlich nickte er und ließ einen Schlüssel in Duncans geöffnete Hand fallen.

 

Im Austausch erhielt er einen anderen. Wahrscheinlich den des Wagens, der jetzt in der Einfahrt stand.

 

Sophie umarmte mich und dann ihren Sohn. Mit einem Blick mütterlicher Missbilligung, der gleichzeitig Verständnis und Stolz ausdrückte, kniff sie ihn in ein Ohr.

 

„Lass dich nicht von ihm ärgern Hanna!“, gab sie mir mit auf den Weg.

 

Ha. Das sagte sich so leicht.

 

Ich sah in eine andere Richtung.

 

„Komm!“, sagte Duncan zu mir und machte Anstalten meine Tasche zu nehmen. Wütend über den höflich beiläufigen Ton seiner Stimme, packte ich sie schnell und machte einen Schritt zur Seite.

 

Damit erregte ich seine Aufmerksamkeit.

 

Kurz blitzte es in seinem Blick zornig auf, aber dieser Eindruck verschwand ebenso schnell wieder. Er zuckte mit den Schultern.

 

Marcus sagte etwas zu ihm, dass ich nicht verstehen konnte.

 

Dann setzte er sich in Bewegung. Duncan, nicht Marcus.

 

Ich schluckte und folgte ihm dann mit etwas Abstand.

 

 

 

 

 

In dem alten Stallgebäude, das als Garage umfunktioniert worden war, leuchteten die Lichter eines Autos auf, als Duncan die elektronische Verriegelung deaktivierte.

 

Ohne ein Wort öffnete er die rechte, hintere Tür und sah mich auffordernd an.

 

Ich ignorierte ihn und schmiss meine Tasche auf die Rückbank.

 

Kurz überlegte ich, ob ich mich gleich hinter her schmeißen sollte, aber mir wurde immer schlecht, wenn ich nicht vorne saß.

 

Also konnte ich das vergessen. Duncan oder den Mageninhalt von sich geben. Die Entscheidung fiel nicht allzu schwer.

 

Ob ich ihn nun vor oder neben mir hatte, war doch eigentlich auch egal.

 

Ebenfalls schweigsam schloss ich die Tür.

 

Duncan war schon auf der Fahrerseite eingestiegen.

 

Also würde er fahren. Na prima.

 

Ich ging um das Auto herum. Es war ein Renault. Sicher, aber nichts Auffälliges.

 

Gut so. Ich verabscheute protzige Vehikel.

 

Schnaufend ließ ich mich auf den Beifahrersitz fallen und schlug die Tür zu.

 

Der Motor startete.

 

Im Wagen herrschte eine angenehme Temperatur, doch trotz dessen und des dünnen Pullovers, den ich übergezogen hatte, fröstelte ich etwas. Duncans Miene nach zur urteilen, hätte es mich nicht gewundert, wenn plötzlich Frostblumen auf der Windschutzscheibe gewachsen wären.

 

Ich nahm meine Trotzpose ein und sah aus dem Fenster, als er den Rückwärtsgang einlegte und uns aus dem Gebäude manövrierte.

 

Marcus war nicht mehr zu sehen, als wir die Auffahrt hinunter fuhren, nur Sophia winkte.

 

Am liebsten hätte ich die Tränen zugelassen, die heiß in meiner Kehle brannten. Doch stattdessen kaute ich auf meine Oberlippe und zwang mich die Landschaft zu betrachten.

 

 

 

Irgendwann, nach unzähligen Minuten eiskalten Schweigens, drückte Duncan einige Knöpfe an der Mittelkonsole. Ich zwang mich, nicht hin zusehen und so zuckte ich unvorbereitet zusammen, als plötzlich laute Bässe durch das Innere des Autos wummerten.

 

Großer Gott. Ich hasste HipHop.

 

Und Duncan sah auch nicht aus wie jemand, der gerne zuhörte, wie Interpreten mit dem Wortschatz von der Größe eines Kieselsteins und dem geistigen Tiefgang eines Toasters, pädagogisch wenig wertvolle Texte zu Themen rappten, die politisch ebenfalls nicht sehr korrekt waren.

 

Ich war mir sicher er hörte diesen Mist nur, um mich zu ärgern.

 

Doch so würde er mich nicht reizen.

 

Ich unterdrückte das Bedürfnis meiner Wut und der Enttäuschung Luft zu machen und sah weiterhin aus dem Fenster, verkrampft bemüht unbeteiligt auszusehen.

 

Nachdem ich ungefähr dreißig Minuten lang TuPacs Meinung über Frauen zugehört hatte, riss allerdings mein Geduldsfaden.

 

Ich beugte mich vor, drückte die Eject-Taste und warf die CD aus dem Fenster.

 

Eine Weile lang passierte gar nichts, dann hörte ich einen dürftig unterdrückten Laut der Wut rechts von mir.

 

Meine Mundwinkel zuckten, doch ich sah weiterhin aus dem Fenster.

 

„15 Pfund“, ertönte es neben mir.

 

Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung.

 

Er gab ein…nun ja…ungewohntes Bild ab.

 

Seine Hände umklammerten das Lenkrad so feste, dass die Sehnen hervortraten. Die Lippen waren aufeinander gepresst, wütend versteht sich, was gleich mehrere der für ihn so charakteristischen Grübchen enttarnte.

 

„Was?“

 

Er sah mich nicht an.

 

„Du schuldest mir 15 Pfund.“

 

„Dieser Mist hast so viel gekostet?“

 

Duncan wechselte seine Sitzposition, sah danach aber noch viel angespannter aus.

 

Als er nicht antwortete, fuhr ich fort aus dem Fenster zu sehen.

 

Irgendwann schaltete er das Radio ein. So laut, dass wir uns nicht hätten unterhalten können, wenn wir es gewollt hätten.

 

Doch die Lautstärke zerrte an meinen Nerven.

 

Ich drehte an dem Regler.

 

„Denk dir bitte etwas aus, was mich in meiner Krankenversicherung nicht höher einstuft. Frühzeitiger Gehörverlust verträgt sich nicht so gut mit mittelmäßigem Gehalt.“

 

Duncan schwieg.

 

„Wo fahren wir hin?“, fragte ich schließlich.

 

Er antwortete nich.

 

„Oh bitte“, höhnte ich.

 

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“

 

Kurz sah er zu mir, dann wieder zurück auf die Straße.

 

„In den Norden.“

 

„Und dann?“

 

„Highlands.“

 

Highlands?

 

„Und wieso?“

 

Wieder antwortete er nicht. Ich seufzte und sah wieder aus dem Fenster.

 

Das versprach ja eine lustige Zeit zu werden.

 

 

 

Impressum

Texte: scippu
Lektorat/Korrektorat: Ragamuffin
Tag der Veröffentlichung: 22.07.2013

Alle Rechte vorbehalten

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