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Die Seele der Katze

OLIVER STEIN

 

 

DIE SEELE DER KATZE / ERINNERUNGEN EINES

GESETZLOSEN

 

ENGLISCHER ARBEITSTITEL: CAT OF STEEL / THE KID

HELLER STORY

 

BASIEREND AUF DREI NARRATIVEN INTERVIEWS

(1997/2010/13)

 

 

 

 

 

BookRix

2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Widmung

 

 

Der Weg des Suchenden ist dunkel, steinig und voller Gefahren, doch sein Ziel wird das Reich der Glücksewigkeit sein…

 

GEWIDMET

Ellena Jane Goulding gewidmet,

der Göttin meiner wiedererwachten

Inspiration,

und allen anderen Göttinnen,

die mit mir durch mein Leben

gingen und noch gehen…

 

Ebenso allen ungenannten Mitarbeitern privater

Sicherheitsunternehmen, die seit 1991 und vorher

in Krisengebieten ihr Leben verloren,

 

als auch allen anderen,

die wirklich anders sind…

 

 

Zeittafel

 ZEITTAFEL

 

1964
Kid Heller wird in Leipzig geboren

1971

Einschulung

1982
Schulabschluss, Anfang und Abbruch der Lehre
Jobs als Drucker, Schmied, Transporteur, Wachmann, Härtereiarbeiter

1986
Republikweite Anschläge auf staatliche Produktionseinrichtungen der DDR,
die sich bis zur „Wende“ hinziehen

1989
Wende

1990
Wiedervereinigung Deutschlands
„Jobs“ als Friedhofsmeister, Küster, Gärtner, Hausmeister, Bodyguard, Modell, Maler, Sicherheitsberater etc.

1991
Beginn des Kroatienkrieges

1995
Ende des Kroatienkrieges

2000
Kid Heller verlässt Deutschland und wandert aus

 

Making of

MAKING OF…

 

Gesetzloser… Ein Begriff aus dem Mittelalter, wie man denken könnte, den man jetzt allerdings wieder immer öfter erneut in der Öffentlichkeit und den Medien unserer „modernen“ Gesellschaft hört. In Gesprächen, Diskussionen, Action-Filmen, Krimis, Dokus über Kopfgeldjäger oder Ähnlichem - überall ist der Begriff des gesetzlosen Outlaws präsent. Aber wie wird man überhaupt dazu? Wie sieht so ein Typ eigentlich aus? Wie lebt, liebt, trauert er - und was macht ihn aus? Seine Ichs, seine Leben und die Summe der Erlebnisse, die sich aus alledem ergibt? Das versucht der Autor in dieser Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, darzustellen. Anhand einer authentischen Person, die so „echt“ ist, wie alle anderen Protagonisten und Geschehnisse, die Teil dieser Geschichte sind, auch. Was sie zu einer der wohl einzigartigsten, biografischsten Erzählungen der Gegenwart macht, denn moderne Biografien erscheinen meist eher langweilig - vor allem, wenn es sich dabei um Werke handelt, die nach der deutschen Wiedervereinigung entstanden sind, und welche meist von politischen Größen und Prominenten aus dem öffentlichen Leben berichten, die dort von ihren gesellschaftlichen Verdiensten und fragwürdigen sexuellen Erfolgen erzählen. In der nachfolgenden Geschichte ist das glücklicherweise nicht der Fall. Die Person, deren Leben hier vom Autor erzählt wird, gehört keiner der angesprochenen Gruppierungen an, obwohl man sie in vielen Teilen dieser Welt dennoch kennt. Sie kommt kurz gesagt aus dem „einfachen Volk“, hat geschichtlich nachweisbare Spuren hinterlassen und auch ihr ausschweifendes, Liebesleben, ist durch Zeugen und sozusagen „lebendige“ Beweise, belegt. Was aber nicht das Interessanteste an der hier beschriebenen Persönlichkeit ist, sondern wie aufregend, ereignisreich und geheimnisvoll ihr Leben über Jahrzehnte hinweg war. Wobei grad letzteres Kriterium ihr herausragendes „Markenzeichen“ ist. Zumal sie die ganze Zeit unter uns lebte und es noch immer tut. Möglicherweise ist sie sogar dem einen oder anderen Leser bekannt, ihm selbst schon begegnet, oder wird es noch tun. Eine Wahrscheinlichkeit, die wirklich besteht und an sich schon faszinierend genug erscheint. Genau wie der gesamte Inhalt der Erzählung selbst, deren Erschaffung den Autor vor ungeahnte Schwierigkeiten zu stellen schien. Ein Umstand, der schon an den rechtlichen Sicherheitsvorkehrungen ersichtlich wird, die er bei der Niederschrift der Handlung zu treffen gezwungen war. So wurden fast alle Namen der Akteure, die in der Story vorkommen, durch Pseudonyme ersetzt. Das Gleiche gilt auch für Orte und Plätze, an denen sich verschiedene Ereignisse zugetragen haben. Auch, Zeiträume, in denen sich gewisse Geschehnisse ereigneten, wurden geändert, um Rückschlüsse, welche interessierte Kreise zu realen Personen des Romans führen könnten, von vorneherein zu zerstören. Mit Rücksichtnahme auf eine mögliche Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum, wurden nach Absprache mit dem Erzähler, einige sogenannte „Reizthemen“, wie politische, als auch allgemeingesellschaftliche, moralische und sexuelle Entwicklungen, nach der „Wende“ im wiedervereinigten Deutschland, nur oberflächlich angeschnitten und ebenso kommentiert. Kampf und Kriegssequenzen, die zwecks getreuer Wiedergabe der Handlungsfolge unumgänglich waren, wurden in ihrer Beschreibung, auf ein humanes und erträgliches Maß reduziert. Wodurch sozusagen eine „entschärfte“ Version des Buches entstand, was seine Brisanz jedoch nicht im Mindesten mindert. Schon eingedenk dessen, dass es sich hier um eine wahre Begebenheit mit ebensolchem Hintergrund handelt, was aber nicht der einzige Grund ist, der dieses Werk lesenswert macht. Denn Authentizität, Spannung und Action, sind bei Weitem nicht alles was diese Geschichte dem Leser zu bieten hat, die ihn nicht nur das Leben einer einzelnen Person und deren Umfeld durchleben lässt, sondern Jahrzehnte realer Geschichte…

Intro

INTRO

 

Es war helllichter Tag, als der Tod zu uns kam. Ich war noch klein und spielte gerade im Sandkasten unseres Hofes, als es geschah. Mein Freund, der gekommen war, sah mir beim Spielen mit den Backformen zu. Stumm und aufmerksam saß er im Hof, während er mich beobachtete und die Nachmittagssonne des Spätsommertages auf seine rötlichen Haare fiel, deren Glanz ihn wie Feuer umhüllte. Da passierte es! Von einer Sekunde zur Anderen fiel er einfach um. Nicht plump oder ungelenk, so wie man es oft in Filmtragödien sah, sondern sanft und elegant, wie eine Welle, die sich sanft auf den Strand der Ewigkeit legt. Ich war wie erstarrt, als ich es sah. Mein Kinderverstand wollte nicht glauben, dass er tatsächlich den Tod erblickt hatte - und trotzdem wusste ich, dass es so war. Mein Freund war tot! Etwas Unsichtbares, das wir beide nicht sehen konnten, hatte ihn geholt. ODER WAR NOCH DABEI!! Da kam mir eine Idee. Möglicherweise war ja doch noch nicht alles zu spät, dachte ich, und vielleicht konnte ich ihn noch retten. Der Gedanke, der mich wie ein Blitz von den Zehen bis zur letzten Haarwurzel durchschoss, ließ meine Erstarrung zerbrechen und mich aus dem Sandkasten springen. Dann handelte ich wie im Traum. Schnell rannte ich zu ihm und kniete mich neben ihn hin, während er immer noch still auf dem Boden lag. Dann schob ich meine Arme unter seinen Körper und schüttelte ihn mit all meiner kindlichen Kraft. Vielleicht konnte ich ihn so wieder zum Leben erwecken und den Tod vertreiben. Es konnte, nein, es musste mir einfach gelingen! Doch es war schon zu spät. All mein gutes Zureden, Schreien und Rütteln half nicht mehr. Mein Freund, der Kater, war tot. Still lag er in meinen Armen, während ich sein Fell ein letztes Mal streichelte, und spürte wie eine tödliche Kälte von ihm Besitz ergriff. Mit vor Schmerz verkrampften Armen hockte ich da, während ich ihn hielt und meine Gedankenmaschine lief. Was war hier nur geschehen? Womit hatte mein Freund das verdient? Wer war dafür verantwortlich? Oder was? Natürlich, eigentlich wusste ich was hier passiert war, und auch das alles, was lebte, auch sterben konnte. Und auch, dass es den Tod gab, wusste ich damals schon, denn ein paar Mal hatte ich ihn bereits in unmittelbarer Nähe erlebt. Wenn eine Nachbarin, oder auch ein Nachbar, in unserem Viertel starb und die Leute dann im Konsum erzählten sie wären “dahingeschieden“, oder der Tod hätte sie geholt, dann hatte ich das schon öfter mitanhören müssen. Doch diesmal sah alles anders aus. Weil es das erste Mal war, dass ein Freund von mir gestorben war. Und auch nicht irgendeiner, sondern der Liebste, den ich bis dato besaß. Mir gingen so viele Dinge durch den Kopf, als ich verzweifelt dasaß, und über das Leben meines Freundes nachdachte, das nun wie ein Film an mir vorüberzog. All die Sachen, die ich von ihm wusste und die er erlebt hatte, Erinnerungen daran, wie wir zusammen unterwegs gewesen waren, als ich noch klein war und noch nicht mal richtig laufen konnte. Oder später, als er mich lehrte, über Zäune und Mauern zu springen, oder auf Bäume und Dächer zu klettern, er mir beibrachte wie man kämpfte. Und wie er, der große Kater, mich vor dem riesigen Nachbarshund beschützt hatte, wenn dieser wieder streunend durch das von meinen Eltern fahrlässig offengelassene Hoftor in unseren Garten kam. Ohne Zweifel - er war mir ein guter Freund gewesen. Mein ganzes kleines Leben lang - bis zu diesem Tag, das alles sah ich jetzt vor mir und noch viel mehr. Das Leben, das er an meiner Seite führte und wie er immer guter Dinge gewesen war, voll von Leben und ständig zu neuen Entdeckungen und Abenteuern unterwegs. Zu seinen Kämpfen und Lieben, von denen es unzählige gab. Ja, er hatte seine Zeit genutzt und sein Leben gelebt. Jede Sekunde und Stunde genossen, und das bis zu seinem letzten Tag. So lange die Kraft des Lebens ihn durchflutete, die er im Grunde selbst war. Und eins wurde mir damals klar. - er hatte sein Leben tatsächlich gelebt. UND NICHT NUR IRGENDEINS! Sondern ein unvergleichliches, besonderes und großes Leben. So groß, schön und gewaltig, dass ich es jetzt noch spürte, wenn ich in seine noch ungebrochenen Augen blickte, in denen ich die sich spiegelnden Wolken des Spätsommerhimmels sah. Ja, selbst jetzt, konnte ich das Leben noch in ihm sehen. Da wusste ich, dass er noch gegenwärtig war und stärker als der Tod! Und noch etwas anderes war da. Zugleich schien ich noch etwas zu spüren, als ich in die vollmondgelben Augen sah, eine Präsens, die von ihnen ausging und mich wie warme Sonnenstrahlen durchdrang. Eine Kraft, die alle Verzweiflung und jeden Schmerz, wie Körner einer Sanduhr verrinnen, und mich wieder klar denken ließ. Da wusste ich, dass ich mich nicht irrte und irgendetwas auf mich übergegangen war. Eine Macht, die in mich drang, so unsichtbar wie der Tod, und doch so viel mächtiger als er.

 

Wer Wind sät

WER WIND SÄT…

 

Nach diesem Tag war ich nicht mehr derselbe, und wahrscheinlich ist damals etwas Entscheidendes mit mir geschehen, etwas das man nicht wahrnahm oder sehen konnte und von dem ich damals bewusst nicht mal den Hauch einer Ahnung besessen hatte - und trotzdem war es so. Etwas war in mir erwacht und der Tod meines Freundes hatte damit zu tun. Vielleicht weil er mir etwas gab, was nur ich empfangen konnte. Eine besondere Kraft, die nur für mich bestimmt war und eine Botschaft, die nur eines zum Inhalt hatte – nämlich, dass das Leben nicht selbstverständlich war und manchmal unversehens endete. Von einem Tag zum anderen oder von einer Sekunde zur nächsten. Deshalb war es so kostbar! Es zeigte mir, dass man es nicht verschlafen, sondern leben musste. Nicht irgendwann, sondern sofort, zu jeder Zeit und Stunde, ganz gleich ob Tag oder Nacht - so wie es mein Freund, der Kater, jede Sekunde seines Lebens getan hatte, weil er wusste, dass es kein Später oder Hinterher gab. Wo man sich Zeit vom verordneten Dasein nehmen konnte, um Versäumtes nachzuholen. Seine Wünsche, Träume ernstnehmen und sich bewusst machen, wie man eigentlich leben wollte. Er zeigte mir, dass so was im Leben einfach nicht lief, weil es nicht so war, wie die Umwelt einen glauben machen wollte. Das man beruhigt im Alltag dahindämmern konnte und für seine Träume immer noch genug Zeit hätte. Das alles wurde mir damals bewusst und ging mir nicht mehr aus dem Kopf, Es sollte fortan mein Leben bestimmen, so sehr und gewaltig, dass es keinem anderen Leben mehr gleichen würde. Und damit fing meine Lebensgeschichte an. Aber richtig! Eigentlich stimmte das nicht so ganz, immerhin war ich, als das Entscheidende in meinem Leben geschah, schon vier Jahre alt. Und wie jedes andere Leben begann natürlich auch meines mit meiner Geburt. Zu der ich der Form halber ein paar Worte sagen möchte. Das meine Geburt ein freudiges Ereignis für meine Eltern, die Welt, oder gar für mich war, möchte ich bezweifeln. Jedenfalls wurde ich am

15.8.1964 in Leipzig geboren und keiner hat mich gefragt, ob ich damit einverstanden sei. Und damit fing eigentlich alles an. Die ganze Geschichte. Oder der ganze Ärger, wie mans auch nimmt. Denn ich war kaum zwei Wochen alt, da hatte ich diese Welt auch fast schon wieder verlassen. Als geborener Glückspilz, der ich nun mal war, hatte ich mich, kaum auf dem Planeten angekommen, mit einem seltenen Virus angesteckt. Da dieser sehr gefährlich war, verlief die Begegnung mit ihm, wie man meinen Eltern rücksichtsvoll sagte, meist tödlich. Doch diesmal irrten sich die Götter in weiß. Denn nach vierundzwanzig Stunde unter Sauerstoff, war ich wieder fit, und nach zwei Wochen ärztlicher Beobachtung ließ man mich wieder auf die Menschheit los. Glücklicherweise wusste das Diesseits damals noch nicht, was ihm mit meiner Anwesenheit hier bevorstand. Doch das sollte sich bald ändern. Denn ich erholte mich sehr schnell. Von nun an lebte ich mit meinen Eltern und vier Geschwistern auf dem Land. In einem gottverlassenen Nest, das im Süden von Leipzig lag. Der Ort war schon damals ein Kaff, in dem es von Spießern und rechtschaffenen Mitbewohnern nur so wimmelte. Es war voll von braven sozialistischen Bürgern, die in ihrem Ort für Ordnung und Sicherheit sorgten, die ihre Nachbarn bespitzelten, hinterm Rücken über alles und jeden redeten, oder arme Leute, die sich wegen des in der DDR nie endenden “Versorgungsengpasses“ auf den umliegenden Feldern mit ein paar Kartoffeln versorgten, an die Polizei „verpfiffen“. Genau wie zwei Jahrzehnte vorher. Nur das damals andere “Volksschädlinge“ ihre Opfer waren. Kaum zu glauben. Aber in so einer Umgebung wuchs ich nun auf. Und weil das noch nicht reichte, kam noch meine Familie dazu. Mein dunkelblond gelockter, drahtiger Vater, meine Brüder Elmar und Arndt, meine blonde nordische Mutter, so wie meine Schwestern Anna und Hellen. Mit ihnen musste ich mich nun herum schlagen. Was mir auch ganz gut gelang. Von meinen anfänglichen „Startschwierigkeiten“ im Leben, war bald nichts mehr zu spüren. Sobald ich einigermaßen stehen, und vor allem laufen konnte, begann ich, die Welt zu erkunden. Und die schien nur auf mich gewartet zu haben. Da ich alles zum ersten Mal sah und erlebte, schien sie für mich wie ein großes, nie enden wollendes, Abenteuer zu sein. Und deshalb rannte ich voll hinein. Nichts war mit zu schwer oder gefährlich. Kein Weg war mir zu weit, kein Baum, Zaun oder eine Mauer zu hoch, noch ein Wasser zu tief. Ich war ein wildes, temperamentvolles Kind, wie meine Eltern und andere Erwachsene oft mit Neid in der Stimme sagten. Wahrscheinlich weil ich im Gegensatz zu ihnen noch alles machen konnte. Und mein Leben noch ein Reich voller Möglichkeiten und Abenteuer war. Weil ich noch am Anfang aller Wege stand und jede Richtung einschlagen konnte, mir nicht wie sie, nach altbewährter Erwachsenenart, alle Möglichkeiten verbaut hatte, frei und glücklich zu sein. Weil ich eben, wie sie sagten: Wild und unbezähmbar war! Und in einer sprichwörtlichen Wildnis wurde ich auch groß. Genau wie meine Freunde, die mir bald begegneten und mit denen ich mich immer auf Streifzug durch die Gegend befand. Denn unser Wohnviertel lag zwischen hügligen Feldern, weitab vom eigentlichen Dorf. Hier gab es alles, was ein freies Wesen wie mich erfreute: kleine Wäldchen, Büsche, Hecken, Gräben und Teiche. Ein riesiger Abenteuerspielplatz, auf dem ich mich mit meinen Freunden traf. Jeden Tag, von Sonnenaufgang bis -untergang durchstreiften wir den Distrikt, spielten Hasche, Verstecken und was uns sonst noch so einfiel. Am Siedlungsbach, bauten wir Dämme, stauten das Wasser und fuhren mit Holzbadewannen, die unsere „Schiffe“ waren, darauf herum. Wir gründeten „Banden“, „bekämpften“ uns gegenseitig und spielten Filmszenen, die wir im Fernsehen gesehen hatten, nach. Manchmal beobachteten wir auch Tiere oder die Bestellung der Felder im Zyklus der Jahreszeiten. Das Frühjahr, wenn alles grünte und blühte. Den Sommer mit der Ernte, wenn das Getreide auf den Feldern stand, Weizen gedroschen oder der Mais gehäckselt wurde. Wenn wir alle, klein und ehrfürchtig am Feldrand standen, während die gewaltigen Mähdrescher, wie riesige Dinosaurierherden aus Motoren und Stahl, brummend und dröhnend, an uns vorüberzogen. Der Herbst, wenn die Felder umgeackert und gedüngt wurden. Wenn es überall nach frischer Erde und nach Kuhmist roch. Und den Winter, wenn Hasen und Rehe auf den zugeschneiten Feldern nach Futter suchten und die LPG-Bauern sie mit eingelagertem Heu oder Mais versorgten, damit sie nicht hungern mussten. Und sowie die Jahreszeiten vorübereilten, verging auch Jahr um Jahr. Schon waren wir vier fünf Jahre alt. Unsere Körper wurden größer und unsere Spiele „echter“. Manchmal auch zu echt, wenn aus Spiel Ernst wurde, wie es auch mir geschah. Eines Tages zum Beispiel spielte ich mit Uwe, einem meiner Freunde, bei ihm zu Hause. Wir tollten in seinem Garten und den Viehställen herum. Dabei kam es dann im Schweinestall zwischen uns zum Streit. Er wollte lieber im Garten spielen, während ich mir die Schweine und ihre Jungen ansehen wollte. Da passierte es. Mit einer kurzen Heugabel, die dort grad herumlag, ging mein Freund auf mich los. Ich wich sofort aus, sprang wie ein Panther hierhin und dorthin, bis ich die Gabel selbst zu fassen bekam. Im Angesicht des sicheren Todes packte ich wie ein Berserker zu, bis ich meinen Freund zu Boden rang. Dort angekommen schlug ich so lange auf ihn ein, bis er heulend liegen blieb. Dann rannte ich aus dem Stall nach Hause. Und während ich lief, überlegte ich: Was in aller Welt war nur in meinen Kumpel gefahren? Oder was hatte er sich dabei gedacht? Und: Hatte er überhaupt gedacht? Oder nur das getan, was er in einem Film gesehen hatte? War es Jähzorn? Wahrscheinlich etwas von beidem, dachte ich. Und ich hatte recht. Doch das erfuhr ich erst später. Als wir als Jugendliche unterwegs waren und wie junge Kater Mädchen umschmeichelten, und sie mit unseren Storys aus Gegenwart und Vergangenheit unterhielten, kamen wir darauf zurück. Da haben wir dann über damals gelacht. Tja, so ändern sich die Zeiten und die Sicht auf die Dinge. Aber das war mein erster Kampf auf Leben und Tod, dem allerdings noch unzählige folgen sollten. Ein Kampf, der eigentlich schon mein Zweiter war. Den Ersten hatte ich ja schon überstanden, als ich noch nicht mal laufen konnte und noch ein Baby war. Als mich als Kleinkind die Krankheit überfiel. Aber diesmal war alles anders. Da hatte ich den ersten Kampf gegen einen „greifbaren“ Gegner gewonnen, der noch dazu bewaffnet war. Und entschlossen und gefährlich dazu. Auch wenn es sich dabei um einen Freund gehandelt hatte, mit dem offensichtlich sein Temperament durchgegangen war. Was die Sache noch unberechenbarer machte. Und seien wir mal ehrlich. Wer erwartet den Tod durch einen Freund? Denn schließlich waren wir Freunde. Und das blieben Uwe und ich nach diesem Zwischenfall auch noch. Als echter Kumpel nahm ich ihm sein Attentat nicht krumm. Auch nicht das er es später, mit einem Krückstock, den er zufällig beim Spielen fand und einer Grabegabel, die ein Gärtner unvorsichtigerweise auf seinem Feld stehen gelassen hatte, wutentbrannt vor Zeugen noch zwei weitere Male versuchte. In beiden Fällen hatten wir uns wegen Nichtigkeiten gestritten und gingen danach aufeinander los. Und jedes Mal gelang es mir, als Sieger vom „Feld der Ehre“ zu gehen. Das war auch mein Glück. Wenn nicht, würde ich ihnen diese Geschichte hier heute nicht erzählen können. Doch glücklicherweise habe ich all diese Scharmützel überlebt. Und so reihten sich auch die zwei Siege in mein frühkindliches Bewusstsein vom wahrhaftigen Leben ein. Und mit der Botschaft, die der erste Kampf in mir erweckte, hatten sie eines gemein. Denn damals, in dem Stall als ich mit meinem Freund auf Leben und Tod kämpfte, da wusste ich es schon. Das mein Leben ein ewiger Kampf sein würde: in jeder Hinsicht und auf allen Ebenen. Und genauso kam es dann auch. Und nicht nur, was „frühkindliche Gegner“ betraf. Damit es mir nicht zu gut ging und mein Leben nicht zu einfach war, kam noch ein anderes Schlachtfeld des Alltags dazu. Von Kindesbeinen kämpfte ich gegen die gesamte Erwachsenenwelt an, deren bevorzugte Attribute, Vorurteile, Spießigkeit, Dummheit, Heimtücke und List waren. Und nicht genug damit, dass man als Kind oder Heranwachsender ohnehin schon genug Probleme mit seiner Umwelt bekam, fing der ganze Zirkus schon in meiner eigenen Familie an. Als jüngster Spross unserer Familie, hatte ich nicht grad den leichtesten Stand. Ich musste mich in handfesten Auseinandersetzungen mit meinen älteren Geschwistern behaupten, was ich auch erfolgreich tat. Anfängliche Schwierigkeiten, die Kraft und Reichweite betrafen, verschwanden mit jedem Zentimeter, den ich wuchs. Und bald ließ ich mir nichts mehr gefallen. Meine Geschwister wurden nicht mehr mit mir fertig und das rief meine Eltern auf den Plan. Die gaben natürlich meinen älteren Geschwistern recht. Was, weil Kerle bei uns in der Familie sowieso einen schweren Stand hatten, vor allem meine Schwestern betraf die eindeutig vorgezogen wurden. Und so war es mit allem. Egal, um was es auch ging. Meine Brüder standen immer hinten an. Während meine Schwestern für jeden Klecks den sie machten aufs Höchste gelobt wurden, war es bei ihnen genau umgekehrt. Egal ob meine Brüder etwas gut oder schlecht machten, kritisiert wurden sie immer. Und genauso war es natürlich auch bei mir. Nur, während meine Brüder darunter litten, war mir das scheißegal. Denn ich war anders. Ich wusste schon damals, dass in unserer Familie etwas nicht stimmte. Und die Anerkennung von meinen Eltern und Erwachsenen brauchte ich nicht. Erstens wusste ich, selbst wenn ich etwas „gutgemacht“ hatte und zweitens war mir damals schon klar, dass Erwachsene selbst nur Scheiße bauten. Dass es so war, konnte ich jeden Tag sehen. An ihren Lügen und Ausreden, ihrem bescheuerten Verhalten, sich selbst und uns Kindern gegenüber. Und der fatalen Unfähigkeit zu bemerken, dass ich alles mitbekam. Wenn sie versuchten, uns mit ihren Weisheiten zu erziehen und in eine ihnen genehme Richtung zu drängen, wusste ich das sofort. Das nervte mich genauso, als wenn sie versuchten, uns mit Sprüchen zu erziehen, die genauso verlogen waren. Zum Beispiel wenn man als Kind etwas unbedingt können sollte und sie wollten dass man es auch konnte. Etwas das man aus Sicht eines Kindes schwer hinbekam und ihnen sagte, man könne es nicht. „Man kann alles, was man will!“, bekam man dann dauernd zu hören. Ganz anders sah es andersrum aus. Wenn man unbedingt selbst etwas wollte! „Es geht nicht immer so wie man will!“, hieß es dann. Und so was, oder so ähnliche Sprüche, bekam man dann dauernd zu hören. „Bis du verheiratet bist, ist alles gut!“ Ich kannte damals schon Leute, die verheiratet waren, und bei denen war gar nichts gut! „Alle Träume werden irgendwann wahr!“ Das stimmte auch nicht. Auf das Flugzeug, mit dem man selber fliegen konnte und von dem ich als Sechsjähriger träumte, dass ich es zum Geburtstag geschenkt kriegte, warte ich noch heute. „Wenn du das geschafft hast, dann hast du es geschafft!“, war auch so eine Weisheit, die man als Kind oft zu hören bekam. Meist später wenn man schon Schulkind war. „Wenn du in dieser Arbeit eine Eins schreibst, hast du es geschafft.“ Dasselbe hörte man dann, wenn man auf dem Weg zum Jugendlichen war. „Wenn du dich in dem Fach verbesserst, du dieses Halb- oder Schuljahr schaffst, deinen Abschluss, deine Lehre, die Armee und so weiter und so fort…“ Die ganze Zeit begleitete einen dieser Spruch, der natürlich immer eine Lüge gewesen ist. Denn: Geschafft hatte man es nie. Wie sollte das auch gehen? Wenn die Umwelt einen immer mit neuen Problemen zuschüttete und vorprogrammierten Dingen, die unbedingt erledigt werden mussten kam. Wann sollte da ein Ende abzusehen sein? Die Antwort war ganz einfach: Nie! Vielleicht wenn man tot war und auf der Bahre lag. Aber sicher war auch das nicht. Dass da nicht auch noch einer kam und sagte: „He Freundchen! Du musst hier erst noch ein paar Aufgaben erledigen und erst dann hast du es…“ Na sie wissen schon. So sah es jedenfalls mit den Sprüchen der Erwachsenen aus. Und weil ich schon damals wusste, was sie damit bezweckten, war klar, dass ich nicht viel auf ihre Kommentare gab. Auch bei meinen Eltern nicht. Was bei meiner Mutter sowieso klar war. Und selbst bei meinem Vater, der neben genannten Sprüchen auch eine prophetische Ader hatte, hörte ich meistens vorbei. Obwohl er für seine wahrsagerischen Fähigkeiten im ganzen Dorf berühmt war, und seine Kunst viel Bewunderung fand. Doch selbst auf seine Weisheiten hörte ich nicht. Nur einige seiner üblichen, habe ich mir gemerkt. Und zwar eine, die er immer erzählte, wenn ich vor einem Miniaturstandbild stand, das August den Starken zeigte und welches in unserer Wohnzimmervitrine beheimatet war. „Du wirst mal genauso stark wie er! Oder noch stärker!“, meinte er dann immer stolz, indem er auf die vergoldete Reiterstatuette wies. Seine zweite Weissagung hörte ich immer, wenn ich Streit mit meinen Schwestern hatte, und obwohl ich ja noch so klein,  seiner Meinung nach viel pfiffiger war. „Du wirst mal viel schlauer als die Zwei!“, sagte er dann meist. Und auch, dass ich ganz anders werden würde, als die Mitglieder unserer Familie und jeden den er kannte! Das ich später, wenn ich „groß“ sein würde, Gedanken und Fähigkeiten haben sollte, die kein anderer hatte. Ich viele Lieben haben, mich nicht verändern und erst spät heiraten würde. Und meine Frau dann das hübscheste Mädchen, dass es auf der Welt gäbe sei. So was in der Art - und vor allem die ersten drei Sprüche mit dem “starken August“, meinen Schwestern und wie ich mal sein würde, hörte ich von ihm oft. Und fand sie alles andere als schön. Ich wollte kein starker „August“ sein. Auch der Vergleich mit meinen Schwestern, kam mir alles andere als erstrebenswert vor. Dasselbe galt für die Prophezeiung mit dem Anderssein. Vom Heiraten erst gar nicht zu reden. Das wollte ich schon damals nicht. Was ja kein Wunder war, wenn ich die Ehe meiner Eltern so sah. Da konnte einem ja alles vergehen. Und man kann sagen, dass ich von den Voraussagen, die mein Vater mir damals suggerierte, nicht begeistert war. Na ja, später änderte sich das dann, aber nur, was den starken August und das was, oder wie, ich mal sein würde, als auch den letzten Punkt betraf. Aber wie gesagt, damals war ich noch ein Kind und fand alle Sprüche und Prophezeiungen, die die Erwachsenen machten und die mich betrafen blöd.

Auch die von meinem Vater. Doch grade deshalb merkte ich sie mir. Das war wohl das Wichtigste, was ich tat. Doch das wurde mir erst später bewusst, als sie sich erfüllten und mir in Erinnerung kamen. Da wusste ich, dass die Voraussagen meines Vaters das Einzige waren, was ich als Kind je von einem Erwachsenen übernommen hatte. Und das war’s dann auch schon. Alle anderen Lehren und Weisheiten, die mir Ältere einhämmern wollten, nahm ich nicht an. Und dafür hatte ich ja, wie schon erwähnt, auch allen Grund. Dass es gut so war, und ich mit meiner Abneigung Größeren gegenüber völlig richtig lag, werden sie später, wenn ich ihnen von meiner glorreichen Schulzeit erzähle, noch sehen. Jedenfalls bekam ich alle Tricks und Methoden der Älteren, uns Kinder zu manipulieren, mit.

Und natürlich wird auch die angebliche Tatsache, dass ich, wie so oft behauptet wurde, nie erwachsen werden würde, und man mir immer sagte, dass ich nicht so wirke, auf diese frühkindlichen Erfahrungen und Antipathie zurückgeführt . Aber eigentlich ist das Quatsch. Schon weil ich als Kind bereits einfach in der Lage war, Erwachsene zu durchschauen und man, um das zu können, eben besser als diese denken musste. Und genau das war, und ist, für die Erwachsenenwelt das Problem. Das man mich nicht reinlegen konnte. Und so verhielt es sich damals schon. Als ich noch ein kleiner Lausbub war und sah, wie es auf dieser Welt lief. Oder alles, was geschah.

Und all diese Dinge rückten mir schon damals ins Bewusstsein, oder prägten sich in mein kindliches Leben ein. Und das ging munter so weiter. Schon seit frühester Kindheit wusste ich also, welchen Personen man trauen kann - und das kein Erwachsener darunter war. Doch damals störte mich das alles noch nicht. Ich hatte ja meine Freunde. Von denen ich jede Menge besaß: Henry, Tommy, Uwe, Steffen, Olaf, Kuni, Bimbo(el Bimbo) und so weiter. Mit ihnen verbrachte ich damals die meiste Zeit und nicht etwa mit meiner Familie. In der ich zwar lebte, aber schon zu der Zeit so wenig wie möglich, zu tun haben wollte. Denn Freunde konnte ich mir glücklicherweise aussuchen. Bei meinen Familienmitgliedern war das ja leider nicht der Fall. Die meine Einstellung damals schon bemerkte und sie mir deshalb ändern oder ausreden wollte. Aber trotzdem. Obwohl es meiner Familie nicht passte, meine Freunde blieben, das Wichtigste für mich. Daran konnten auch Eltern und Geschwister nichts ändern, die man im Leben per „Zufallsgenerator“ bekam und die einem nur Probleme bereiteten. Eine Tatsache, die eigentlich nichts ausgemacht hätte oder nicht so schlimm gewesen wäre, wenn es da nicht noch andere Schwierigkeiten gegeben hätte. Denn, wie das im Leben so ist, waren das nicht alle Probleme, die es für einen Heranwachsenden wie mich gab. Oh nein. Da gab es noch vielmehr und meine ganze Umwelt schien, schon damals, nur aus ihnen zu bestehen. Das Hauptproblem bildeten natürlich die Erwachsenen, die meine Freunde und mich andauernd gängelten, uns mit Verboten überhäuften und die für uns die größten Spielverderber waren. Das konnten wir uns natürlich nicht gefallen lassen. Und obwohl wir noch klein waren, setzten wir uns deshalb zur Wehr. Indem wir taten, was wir wollten, Krach machten und spielten, wie oder wo es uns gefiel. Ein Verhalten, das unser Viertel in Kürze berühmt, berüchtigt und aus uns kleine Räuber und Gangster machte. So nannten uns zumindest alle Älteren, mit denen es sofort Ärger gab und deren Meinung über uns, sie in zwei Lager spalteten. Während wir für den einen Teil nur lebenslustige Kinder waren, waren wir für den anderen schon kriminell. Und es erübrigt sich wohl zu sagen, dass sich letzterer Teil in der Überzahl befand. Aber so waren die Erwachsenen, von denen überhaupt nur einer Partei für uns ergriff, weil er uns wirklich mochte und leiden konnte. Und das war „Moppel“. Er war unser Freund. Und er war mehr, als das! Er war mächtiger als alle Älteren, die wir kannten, und keiner traute sich an ihn heran. Weil er ein „Hohes Tier“ bei der Armee war, wie man aus Gesprächen der Erwachsenen erfuhr. Und selbst die angesehensten Bürger hatten vor ihm Schiss. So mächtig war unser Freund. Weil Moppel sogar ein Oberst war. Und so sah er auch aus, wenn er uns in Uniform gegenüber stand. Groß, kurzhaarig, mit „Kneifer“ vor dem rechten Auge, wirkte er wie ein Darsteller einer heute bekannten TV - Comedy Serie, wo sich ein deutscher Oberst, mit einem „Käfig voller Helden“ herumschlagen muss. Aber egal. Genau so sah Moppel jedenfalls aus. Doch das war nicht wichtig. Viel wichtiger war etwas ganz anderes für uns. Er war der einzige Mann, der uns verteidigte. Bei ihm fühlten wir uns vor anderen Erwachsenen sicher. Was die wiederum stinksauer machte und zur Folge hatte, dass sie uns Kinder noch mehr zu hassen begannen. Und so ging der Ärger erst richtig los. Gründe dafür gab es immer. Ob wir mit den Fahrrädern durch unser Viertel fuhren, Äpfel und Kirschen pflückten, die verlockend über Grundstückszäune hingen, beim Fußballspielen aus Versehen Scheiben einschossen und so weiter und so fort. Immer gab es Beschwerden und Anzeigen. Und egal was es auch war, immer fand sich ein eifriger Bürger, der sich fürchterlich über uns aufregte und eine „Staatsaffäre“ aus alldem machte. Was uns nicht mal gestört hätte, wenn nicht dummerweise auch ein Polizist unter all den gesetzestreuen Erwachsenen gewesen wäre. Todenhöfer! Er, der streng genommen gar kein richtiger „Gesetzeshüter“ sondern nur VP Helfer gewesen ist, war nun dauernd hinter uns Kindern her. Ein Vorgehen, das uns, wie man sich denken kann, nicht sehr erfreute und wahrscheinlich schon damals der Grund unserer Antipathie gegenüber Polizisten gewesen ist. Das war auch kein Wunder. Erstens gehörte sich das bei unserem Ruf ohnehin schon so. Zweitens waren Gesetzeshüter bei der einfachen Bevölkerung unseres Dörfchens sowieso nicht beliebt, was nun auch für unseren Hilfssheriff galt. Er, von allen nur der Hilfsbulle oder Gummihund genannt, terrorisierte bald die ganze Gegend, führte sich wie „Robocop“ auf und stellte sich auch vor uns Kindern so dar. Woher sein tierischer Beiname stammte, war uns nicht bekannt. Und die Erwachsenen, die „Schiss“ vor dem Bullen hatten, sagten es uns nicht. Also dachten wir selber über den Spitznamen nach, welchen sie dem Polizisten verpasst hatten. Vielleicht hatten sie das alte Sprichwort „Hunde die bellen, beißen nicht“, in „Hunde aus Gummi…“ und so weiter umgedichtet, wie mein Freund „Bimbo“ zu wissen glaubte. Möglicherweise entstand der Name auch bei einem Kneipengespräch, wie Micha es gehört hatte, wo man aus der bissigen“ Beamtenbestie“ ein harmloses Gummitier machte. Oder beim Wutausbruch eines jähzornigen Kraftfahrers, der bei einer Verkehrskontrolle, den Bullen einen blöden Hund nannte und sein Gehirn mit löchrigen Autoreifen verglich, wie es uns Henry berichtete. Ich selbst hatte „Moppel“ als Erfinder des Namens in Verdacht, von ihm hatte ich ihn auch das erste Mal gehört. Und da er den VP- Helfer selbst nicht leiden konnte, war es mir schon klar. Doch ganz gleich welche Ursache, die carniide Namensgebung unseres Hilfssheriffs nun auch hatte und wessen schöpferischen Geist sie entsprungen war, ob sie nun auf abgeänderten Sprichworten, Kneipentratsch, dem Vergleich eines Polizistenverstandes mit porösen Gummireifen oder Moppels Fantasie beruhte -die Verharmlosung, die der Spitzname vermittelte war trügerisch - denn Todenhöfer war anders! Weil er sich bald zum Schrecken von uns Kindern und auch der Erwachsenen entwickelte, und das war noch nicht alles, was bemerkenswert an ihm erschien. Denn während er hinter jedem Eier- und Kartoffeldieb herjagte, klaute er selbst wie ein Rabe. Was ein Beispiel verdeutlichen soll. Als im örtlichen Sägewerk mal eine Ladung Bretter fehlte und die Bullen an jeder Haustür klingelten, um sie wiederzufinden, machten sie die Dummheit, es auch bei uns zu tun, und meinen Vater nach den Brettern zu interviewen. Das war ein großer Fehler, weil er ihnen gleich die richtige Antwort gab „Wenn ihr eure Bretter sucht, dürft ihr das nicht bei ehrlichen Leuten tun! Da müsst ihr euren Kollegen fragen, woher er sein neues Dach hat!“ Bums! Das hatte gesessen! Denn mein Vater nahm kein Blatt vor den Mund. Er, ein dekorierter Weltkriegsveteran, hatte keine Angst vor ein paar sozialistischen Gesetzeshütern, die vor ein paar Jahren, selbst noch in braunen Uniformen steckten und während andere an der „Ostfront“ ihr Leben für den „Endsieg“ riskierten, hier munter auf die Jagd nach Kommunisten und Juden gingen. Das alle wusste mein Vater natürlich. Und auch, was die Bretter betraf, hatte er Recht! Das Todenhöfer diese geklaut hatte, war hier längst kein Geheimnis mehr. Das war auch kein Wunder. Wenn man bedenkt, dass er diese am Wochenende, für jedermann, weit hör- und sichtbar, auf seinem Haus verarbeitet hatte. Was soll man dazu noch sagen? Bei so viel Scharfsinn, fällt selbst einem wie mir nichts mehr ein. Höchstens, dass seine Söhne vom gleichen Kaliber waren wie er. Womit wir schon beim nächsten problematischen Thema wären. Und das war es auf jeden Fall, denn wenn wir als Kinder jemand hassten, waren es diese drei Typen. Mit denen wir dauernd Ärger hatten, wofür es gleich mehrere Gründe gab. Ein Grund war, dass sie stets unfair kämpften und nur stark waren, wenn sie zu dritt auf einen Gegner trafen. Der Nächste, das sie im Scheißebauen zwar einsame Spitze waren, was jedoch leider auch fürs Erwischtwerden galt. Und da kamen wir wieder ins Spiel. Wenn sie sich mal wieder zu blöd angestellt hatten, wälzten sie die Schuld auf uns ab. Wenn sie beim Kirschen-, Erdbeeren- oder Äpfelklauen geschnappt wurden, über anderer Leute Frühbeete latschten, und so weiter, schoben sie immer uns vors Loch, weil sie Angst vor ihrem gewalttätigen Vater hatten. Was wir nicht als Entschuldigung gelten ließen, da viele von uns selbst solche Eltern hatten und trotzdem „dichthielten“. Das wir da auf das “ Trio“ nicht gut zu sprechen waren, und uns nicht mit ihnen abgaben, war da ja klar, weshalb uns ihre ewige Feindschaft auch sicher war. Doch das war uns egal. Denn schon damals begriffen wir, dass jeder von uns auf einer anderen gesellschaftlichen Seite stand. Auf der einen,die die sich durch staatliche Privilegien alles erlauben konnten, und auf der anderen, die die  bestraft wurden, wenn sie das gleiche Recht für sich in Anspruch nahmen. Jeder von uns wusste natürlich auf welcher Seite er stand und handelte entsprechend danach. Und durch Vorsicht, gepaart mit Zusammenhalt, machten wir es der Gegenseite schwer. Und außerdem hatten wir ja noch „Moppel“: Wenn wir in seiner Nähe waren, traute sich nicht mal der VP Helfer an uns heran. Ein gutes Gefühl, das wir genossen, wenn er zähneknirschend und mit ärgerlichem Gesicht, respektvoll an Moppel und uns vorüberschlich. Aber so war eben das Leben manchmal. Ein ständiges Spiel mit der Macht, die in dem Fall zufällig einmal auf unserer Seite stand. Doch natürlich sahen wir uns trotzdem vor. Moppel konnte uns ja nicht immer zur Seite stehen. Wenn er uns auch den Hilfssheriff vom Hals hielt, hatte der ja noch seine drei Söhne, die uns ständig in die Quere kamen. Und das taten sie, wo es nur ging. Doch auch damit kamen wir ganz gut zurecht, weil wir wussten wie und wer sie waren, konnte es auch gar nicht anders sein. Und überraschen konnten sie uns kaum. Ja, manchmal, wenn wir uns grad nicht im „Krieg der Knöpfe “ befanden, ließen wir sie sogar in unserer Nähe spielen. Was natürlich nichts an ihrer Rolle als unsere Gegenspieler änderte, die sie als „Polizistenkinder“ hervorragend besetzten. Indem sie uns nachspionierten und verpetzten, wo es nur ging. Und so würde es, das wussten wir, immer sein. Denn ihr Verhalten uns gegenüber sollte sich nie ändern. Genau wie ihr Name, den der Volksmund ihnen gab. Der uns irgendwie geläufig war und bekannt vorkam. Wer ihn in Umlauf brachte, war auch in diesem Fall nicht bekannt. Und eigentlich war das auch egal, aber eines stand fest. Von dem Tag an, als ihr Vater seinen Spitznamen erhielt, wurden auch sie nur noch „Gummihunde“ genannt. Das waren sie also. Unsere privaten Gegner, die wir als Kinder schon hatten. Sie, ihr Vater und die anderen Erwachsenen machten uns das Leben schwer. Und schon damals, als Kinder, schlugen wir uns mit solchen Problemen herum. Doch das machte nichts. Denn auch, wenn unser Leben schon zu der Zeit aus Schwierigkeiten bestand, lernten wir damit umzugehen. Und zum Glück konnten wir das schon damals sehr gut. Zudem muss ich sagen, dass es auch in der Zeit angenehme Seiten gab. Selbst für mich. Natürlich bestand mein Leben nicht nur aus Scherereien und Schwierigkeiten, aus unwilligen Erwachsenen und heimtückischen Feinden. Nein. Denn da gab es noch etwas anderes, Wunderbares und, Wichtiges. Das schon damals faszinierend und nicht nur für mich wichtig war. Nämlich: Mädchen! Und davon gab es bei uns viele im Dorf. Gemeinsam unternahmen wir alles Mögliche. Und zusammen ließen wir unserer Fantasie ihren Lauf, spielten Verstecke, Hasche und „Doktorspiele“, für die man heut als Kind lebenslang hinter Gitter oder in „Sicherheitsverwahrung“ käme. Doch wir hatten Glück, und glücklicherweise wurden wir nicht in einer „Mediengesellschaft“, sondern noch in einer normalen Zeit groß. Da sah man „ES“ und vor allem wir, nicht so eng. Auch die Mädels nicht. Denn sie waren so wie wir. Frei, ungehemmt neugierig und zu allen Abenteuern bereit. So waren sie damals - unsere Mädchen. Und eines davon war Sabine, auch Sabsi genannt. Ich lernte sie kennen, als meine Mutter sich mit der ihren an unserem Hoftor unterhielt. Denn Sabine wohnte genau gegenüber von uns. Sie war sehr hübsch, schlank, hatte blondes Engelshaar, das im wilden Kontrast zu ihren bernsteinfarbenen Augen stand. Sie war eine Mischung aus Amazone und Nymphe zugleich. Und keine Ahnung, ob es nun „Liebe auf den ersten Blick“, oder „nur “ Freundschaft war. Das alles war vielleicht nicht mal dem Schicksal klar, dem Buch des Lebens, in dem es geschrieben stand oder Sabine und mir. Doch eins stand zweifelsfrei fest. Das wir vom Tag unserer ersten Begegnung unzertrennlich waren. Natürlich hatten wir noch andere Freunde, Kameraden und so. Doch jeder, und ich, konnten sehen, dass das mit Sabine und mir, was völlig anderes war. Wir waren wie Winnetou und Old Shatterhand, Mingo und Daniel Boone, Robin Hood und Little John, Bonny and Clyde oder Tarzan und Jane. Man konnte es gar nicht anders sagen als: Wir waren füreinander bestimmt. Freunde, Geliebte und alles zugleich. Denn Sabine war anders, als alle anderen Mädchen, die ich bisher kennengelernt hatte und damit unvergleichbar. Auch mit anderen weiblichen Wesen, zu denen Mütter und Schwestern gehörten, hatte sie nicht das Geringste gemein. Sie war keine dieser „weiblichen Schlaftabletten“ und „Triefkannen“, die es damals schon zur Genüge gab. Mit denen nichts los war und in deren jungen Körper sich eine alte Seele befand. Sabine hatte Feuer im Blut! Sie war unbeschreiblich, temperamentvoll und unsagbar schön. Und sie war wild und stark! Man konnte sich immer auf sie verlassen, selbst wenn es um Schlägereien und „Gebietsstreitigkeiten“ ging. Sabine war immer mit von der Partie, und machte selbst vor Gefechten mit älteren Jungs nicht halt. Das bekamen auch die „Gummihunde“ zu spüren. Eines Tages zum Beispiel, als sie unseren Nachbarsfreund Henry aufgelauert hatten, um ihn zu verprügeln und wir zufällig grad aus unserem Garten kamen, handelte sie sofort. Indem sie blitzschnell eine Latte von unserem Gartenzaun riss, während Henry, ich, nebst erstaunten Nachbarn dabei zusahen, wie Sabine das verhasste Trio die Straße herunterzuprügeln begann. Dabei langte sie ordentlich hin, dass so mancher Fetzen flog. Ein Anblick, der faszinierend war. Henry und ich sahen erstaunt wie das Rudel „Gummis“ die Flucht ergriff und zu uns „Das sagen wir alles unserem Vater! Der wird euch alle einsperren!“ schrie. Dann drohten sie Sabine: „Und morgen in der Schule kriegst du alles zurück!“ Doch darüber lachte Sabsi nur und rief ihrerseits zurück: „Euer Vater soll lieber aufpassen, dass er nicht selbst ins Gefängnis kommt! Und wenn ihr morgen wieder „Knüppelsuppe“ wollt, lade ich euch gerne ein!“ Damit war der Fall für sie erledigt. Jedenfalls für den Augenblick. Das es morgen schon anders sein konnte, war mir durchaus klar. Ich wusste, dass Sabine es ernst gemeint hatte, und auch der Schulhof einen Zaun besaß. Nur das der aus geschmiedeten Eisenstäben bestand, die wie spitze Massaispeere in einem Waffenständer aussahen, die man auch als Kind mit einem Ruck aus ihrer Halterung bekam. Was passieren würde, wenn Sabine ihre Drohung wahrmachte, darüber dachte ich lieber gar nicht erst nach. Und warum auch: Erstens, würde ich die Stange nicht abkriegen. Zweitens, war es ja noch nicht so weit - und bis Morgen war es ja noch ein Stück hin. Und schließlich hatten wir jetzt Wichtigeres zu tun. Wir mussten uns um unseren verletzten Freund Henry kümmern und ihn nach Hause bringen. So ging der ereignisreiche Abend zu Ende. Den nächsten Tag in der Schule werde ich trotzdem nie vergessen. Da ich selbst noch kein Schulkind war, holte ich Sabine von dort ab. Genau wie heute, wo die Schlacht mit den „Gummis“ stattfinden sollte. Und da waren sie auch schon. Erst liefen sie respektvoll an unserer „Ecke“ vorbei, wo außer Sabine, auch Henry und ein paar Freunde von uns standen. Deshalb gingen die Gummihunde zunächst ganz unschuldig vorbei, kamen aber später mit „Verstärkung“ zurück. Aber gegen Sabine und ihre herbeigeeilten Freundinnen hatten sie dennoch keine Chance. Ohne es zu wissen, hatten sich unsere Gegner; außer mit uns, noch mit einem „Rudel Kriegerprinzessinnen“ angelegt. Die nicht von „Pappe“ und durchweg Leistungssportlerinnen waren. Wo die hinhauten, wuchs kein Gras mehr. Das wussten nun auch die Gummis und zogen sich rasch zurück. Gegen die „Mädchengang“ und unsere Freunde aus dem „Unterdorf“ konnten sie nichts machen. Und so wie damals, war es dann immer, wenn unsere Gruppen zufällig „aufeiineinander trafen“. An allen Orten, zu allen Jahreszeiten. Ob im Frühjahr, beim Fußballspielen im Park, im Sommer, beim Baden am See, im Winter beim Rodeln am Berg, oder im Herbst beim Drachensteigen auf dem Feld. Es war immer das Gleiche. Immer gab es Grund für Streit und Keilerei. Und so ging das dann, bis wir Jugendliche waren. Wo aus Exfeinden und -feindinnen irgendwann Liebespaare wurden. Aber bis dahin sollte es noch dauern. Noch waren wir auf dem „Kriegspfad“ und streunten wild in der Gegend herum. Sabine, mit ihrer Bande und mir. Ich mit Sabine und meinen Freunden. Oder alle zusammen. Doch die meiste Zeit verbrachte ich mit Sabine allein. Dem fantastischsten Mädchen, das es damals gab. Das für mich wie das Leuchten von Sonne und Sternen war. Meine jugendliche Muße, Inspiration, mein ein und alles. Sie war einfach unbeschreiblich. Doch sie war noch viel mehr: Sie war das Leben, das mich durchströmte, die Luft die ich atmete, die Kraft, die das Licht meiner dunklen Kindheit durchdrang. Und die ich auch brauchte. Weil jetzt ein anderes Leben, neben dem was ich bisher lebte, begann…

 

Ende der Unschuld

ENDE DER UNSCHULD

 

So war sie also. Die Morgenröte meiner Kinderzeit. Eine scheinbar endlose Abenteuerreise, die ich mit Freunden erlebte und eine unbeschwerte Zeit wie mancher denken mag. Die, bis auf die paar erwähnten Probleme, fast sorglos war. Und von mir aus hätte das ewig so weitergehen können. Aber natürlich tat es das nicht. Und warum auch? So ein perfektes Leben wäre ja nicht zum Aushalten und viel zu langweilig gewesen. Und das Maß an Problemen hätte uns Kindern dann vielleicht nicht gereicht. Deshalb hat uns das Leben auch gleich mit neuen versorgt. Und wie das Schicksal es wollte, stand das Nächste schon vor der Tür. DER SCHULANFANG! Der Tag, welcher der schwärzeste im Leben meiner Freunde und auch von mir selbst war. Obwohl ich im Gegensatz zu ihnen, schon von Sabine wusste, dass „Paukerei“ Scheiße war, kam für sie die Ernüchterung erst später. Als der „Zuckertütenrummel“ und die Feiern vorüber waren. Jeden Tag bis Mittag stillsitzen, war für sie, die nach heutigem Maßstab alle als hyperaktiv gelten würden und es gewohnt waren den ganzen Tag herumzurennen, die reinste Tortur. Genau wie für mich, der genauso war. Und je mehr Schulstunden es wurden, umso schlimmer wurde es für uns. Das alles passte uns natürlich überhaupt nicht. Aber was konnten wir tun? Irgendwie mussten wir uns mit den neuen Gegebenheiten arrangieren. Und das schafften wir auch. Nach und nach, gewöhnten wir uns an unseren neuen Tagesablauf. Und ein Glück gab es da ja auch noch die Ferien. Dann konnten wir uns erholen und für meine Freunde und mich war dann alles wie vorher. Zusammen genossen wir dann unsere wiedergewonnene Freiheit, indem wir von früh bis abends durch die Gegend streiften, die alten Spiele von „früher“ spielten, „alte Orte“ aufsuchten, und die ganze Umgebung unsicher machten. Leider dauerten diese Zeiten nie lange genug. Und die Ferien erschienen uns immer viel zu kurz. Dann hatte uns der „sozialistische Schulalltag“ wieder, der öde, langweilig und zudem nicht ganz ungefährlich war. Das merkten wir immer, wenn die Ferien vorbei waren und ein Kind, welches sich vorher noch in unserer Klasse befand, plötzlich verschwunden war. Und das schien tatsächlich öfter zu geschehen. Einmal war es nur ein Klassenkamerad, manchmal mehrere, mal ein Banknachbar und dann gleich ein Geschwisterpaar. Das war schon seltsam. Und natürlich fiel uns das auf. Denn wo waren unsere Kameraden hin? Das fragte sich natürlich jeder. Doch wo unsere Freunde waren, sagte man uns nicht. Die Lehrer sprachen nicht darüber und auch unsere Eltern schwiegen sich aus. Das wunderte uns schon sehr. Offenbar wollte man uns die Wahrheit nicht sagen und viele begnügten sich auch damit. Aber nicht alle. Einige von uns wollten wissen, wo unsere Mitschüler geblieben waren. Und stellten selbst Nachforschungen an, bei denen jeder, wie man bald hören konnte, zu einem anderem Ergebnis kam: „Die sind in Sonderschulen gekommen, weil sie nicht gut lernen!“, sagte Henry, der in der Hofpause neben mir stand, in die Runde Wissbegieriger hinein. Doch „Bimbo“ schüttelte seinen lockigen Kopf. „Nein; weil sie sozial schwach sind, oder so!“ „Quatsch!“, meinte Mischa, der wissend durch sein Brillenglas linste. „Mein Vater hat gesagt, dass sie in ein Heim gesteckt wurden, weil ihre Eltern „POLITISCH“ sind.“ „Politisch? Was soll denn das sein?“ „Ist das was Schlechtes, oder so?“, fragten jetzt einige, doch keiner wusste die Antwort darauf. Aber eines war sicher! Es musste was ganz Schlimmes sein, wenn man unsere Freunde deshalb in ein Heim gesteckt hatte und die Erwachsenen nicht darüber sprachen und sich selbst zu fürchten schienen. Weshalb das so war, erschloss sich vielen nicht.

Oder warum? Weil die Älteren selbst fürchteten, dann politisch zu sein? Sie es vielleicht selbst erfunden hatten und jetzt nicht damit klarkamen, oder so? Was in aller Welt sollte sonst der Grund für ihre Ängste sein? So, oder so ähnlich dachten die Meisten, ohne zu wissen, was „politisch“ überhaupt genau war. Außer ein paar Wenigen: Und mir! Ich hatte ein paar Lehrer belauscht und erfahren, was mit unseren Freunden geschehen war. Auch was politisch zu sein hieß. Und irgendwie hatte ich das schon geahnt. Zudem wusste ich auch, wie es sich mit den Eltern unserer verschwundenen Klassenkameraden verhielt, die ja auch politisch waren. Solche Eltern waren anders, wie ich jetzt erfuhr. Weil sie „anders“ dachten. Und das war noch nicht alles. Denn anders leben wollten sie auch. Und das mochten die anderen Erwachsenen nicht. Jedenfalls solche nicht, die hier im Land was zu sagen hatten. Das hörte ich aus den Gesprächen heraus. Auch was mit den Erwachsenen die sich dem Verbot politisch zu sein, widersetzt hatten, geschehen war. Das sie ins Gefängnis kamen. Und was noch wichtiger war. Wo ihre Kinder geblieben waren. Das die wirklich in Heime und „Jugendwerkhöfe“ kamen und so. So war das also! Mischa hatte mit seiner Behauptung recht gehabt, so wie ich mit meiner Ahnung, die ich in mir trug. Doch irgendwie war das nicht das Schlimmste, was wir bei unserer Nachforschung herausbekamen. Das Schlimmste war, dass wir erfuhren, dass Kinder hier gnadenlos „aussortiert“ worden waren. Und unsere Lehrer hatten dabei mitgemacht! Sie, die laut sozialistischer Ideologie und Propaganda unsere Freunde und Wegbegleiter in eine glückliche Zukunft sein sollten! Denen all diese Kinder blind vertraut hatten! Das alles bestätigte mein Weltbild: Man durfte keinem Erwachsenen trauen.

Das merkte bald nicht nur ich. Denn die „Auslese“ ging weiter. Und bis wir die Oberstufe erreichten, verschwanden immer mal ein paar Leute von uns. Zum Beispiel Sven, Sohn einer alleinstehenden Mutter, auf welche die Lehrerinnen neidisch waren, weil sie, im Gegensatz zu ihnen, öfter mal einen Liebhaber hatte und die,auf dem damals schon existierenden, „Singlemarkt“ erfolgreicher war. Oder Holger und Steffi, weil ihre Eltern die Ausreise in den „Westen“ beantragt hatten. Auch Kerstin, meine Banknachbarin verschwand über Nacht spurlos. Ihre Eltern hatten angeblich eine Flucht in den Westen geplant. Blöderweise hatte auch sie jemand „verpetzt“. Dann waren da noch zwei Mädels aus unserer Parallelklasse, deren Mutter einen „Messeonkel“ heiraten wollte und so weiter. Sie alle landeten dort, wo Mischas Vater gesagt hatte. Weil sie und ihre Eltern nicht der „Sozialistischen Norm“ entsprachen, oder aus anderen fadenscheinigen Gründen, die man schlichtweg erfand. Natürlich wusste JETZT jeder von uns darüber Bescheid. Und nun, da wir älter waren, machte uns niemand mehr so leicht etwas vor. Das änderte aber nichts an den Tatsachen und der ständigen Gefahr, in der sich jeder von uns befand. Und das die allgegenwärtig war. Also sahen wir uns schon damals vor. Als wir noch Kinder waren und hinter das schreckliche Geheimnis kamen. Und so lebten wir unser Schulleben unauffällig fort, von einer Katastrophe zur Nächsten, einem mysteriösen Verschwinden zum Anderen. Bis es wieder mal Ferien gab. Die wir auf die übliche Weise verbrachten. Genau wie ich, der das dann mit Sabine tat, die zu der Zeit der größte Lichtblick in meinem Leben war. Zusammen konnten wir uns dann vom Alltag, beschützter, sozialistischer Jugend erholen. Vom Stress und Überlebenskampf wo man, wenn man Pech hatte, als „Selektionsopfer“ über Nacht verschwand. Gemeinsam konnten wir das dann alles vergessen und ließen die Sorgen, Sorgen und die Schule, Schule sein. Und das war auch nötig. Vor allem bei mir, der ich im Schulleben nicht so erfahren war wie Sabine selbst. Denn mit jedem neuen Schuljahr wurde der Druck größer und wir mussten uns auf neue Anforderungen einstellen. Doch das war noch nicht alles. Nicht genug damit, wurde unsere ohnehin „geschrumpfte“ Freizeit noch mit Hausaufgaben und Pioniernachmittagen zugemüllt. Und weil das immer noch nicht reichte, begannen uns die Lehrer noch mit „Zensurenterror“ zu überziehen. Das rief wiederum unsere Eltern auf den Plan. Die nicht die Spur Verständnis für uns hatten, wenn man kein Einser-Schüler war, was vor allem für meine Eltern galt. Damit waren die schönen Zeiten vorbei.

Jetzt, wo wir nach dem „Wert“ von ein paar Nummern im Zeugnis beurteilt wurden, regierte nur noch der Zensurenterror über uns. Und das veränderte alles. Alles, was ich früher tun konnte, hing jetzt von „Einsen“ und „Fünfen“ ab - vor allem meine Freiheit. Wenn ich gute Zensuren hatte, durfte ich nachmittags mit meinen Freunden spielen, brachte ich schlechte, durfte ich nicht raus. Dann musste ich mit meinen älteren Schwestern üben, die keine Ahnung hatten mir, zu erklären und sich einen Spaß daraus machten, mich ganze Nachmittage in der Stube festzunageln. Das machten sie gerne, um mich zu ärgern. Und, weil sie die „offizielle Genehmigung“ von meinen Eltern dafür hatten, taten sie das damals sehr oft. Dafür hasste ich sie. Aber nicht nur deshalb. Nein. Die „Hauptantipathie“ meinen Schwestern gegenüber, stellte schon damals ihr Charakter dar, den sie zweifelsohne, von meiner Mutter geerbt hatten und der ihnen gebot, jegliches Glück anderer zu zerstören. Selbst wenn es bei einem Mitglied der Familie war. Genauso verhielt es sich bei mir, dessen größtes Glück darin bestand, nach Schulschluss endlich frei zu sein. Das war natürlich auch meinen Schwestern bewusst. Und das war für mich der Punkt. Das Wissen um ihre Denkweise machte mich wütend. Unglaublich wütend, um genau zu sein. Deshalb schwor ich ihnen “Rache“ und ihnen alles heimzuzahlen. Und damit fing ich gleich an. Von nun an machte ich ihnen Schwierigkeiten, wo ich nur konnte, was mir, wie sie sich denken können, hervorragend gelang. Doch das „bisschen“ Ärger, dass meine Schwestern jetzt hatten, reichte mir noch nicht. Für all die Schwierigkeiten, die sie mir beschert hatten, sollten sie richtig leiden und das Gleiche erleben wie ich. Das war nur gerecht. So einfach sollten sie nicht davonkommen und in meinem Zorn, beschwor ich ihr Schicksal herauf. Und in Anbetracht ihrer Arroganz und Bosheit mir gegenüber, wünschte ich ihnen alles Schlechte an den Hals. Ein Vorgehen, das vielleicht auf meine Verwandtschaft diabolisch anmuten mag, doch für mich die richtige Entscheidung war. Zumal meine Wünsche die fatale Neigung hatten, in Erfüllung zu gehen. So geschah es dann auch dieses Mal. Und das kam so: Glücklicherweise konnten meine Schwestern nur kurze Zeit mit mir in die gemeinsame Dorfschule gehen. Dann mussten sie, weil sie selbst „Pädagogen“ werden wollten, auf die „erweiterte Oberschule“ wechseln. Und dort wendete sich dann das Blatt! Bisher hatten sie mit ihren Leistungen an unserer Dorfschule „glänzen“ können. Doch das war jetzt vorbei. An der EOS galten andere Maßstäbe und dafür reichte ihr Wissen nicht aus. Mit den erhöhten Anforderungen dort, kamen sie nicht zurecht. Und das dies Konsequenzen hatte, war abzusehen. Jetzt mussten meine allwissenden Schwestern selber „pauken“, während ihr Alltag ein einziger Zensurenkampf war. Ja, jetzt mussten sie selber kämpfen. Und das fiel ihnen unendlich schwer. Nun waren sie selbst gezwungen, von früh bis spät in die Nacht vor Büchern oder Aufzeichnungen zu hocken, bis ihr Denken nur noch aus Kopfsalat bestand. Das freute mich riesig. Weil das, was sie grad erlebten, meiner Meinung nach, die gerechte Strafe für ihre Bosheit mir gegenüber war. Und in Erinnerung an das, was sie mir angetan hatten, werden sie sicher verstehen, dass ich jede ihrer Niederlagen genoss. Immer, wenn sich ein schwarzer Schicksalsreiter von der „dunklen Seite“ des Lebens auf den Weg machte, sie von ihren „hohen Rössern“ zu holen. Jedes Mal, wenn sie mit schlechten Zensuren heulend nach Hause kamen, wusste ich es. Das was sie erlebten, die Strafe für das, was sie mir angetan hatten war. Und so verhielt es sich auch. Denn plötzlich, von heute auf morgen, war ihr Leben die Hölle und kein Zuckerlecken mehr. Das Lernen fiel ihnen immer schwerer, ihre Zensuren wurden immer schlechter und so zog ein Unglück das Andere nach. Doch das war es nicht allein, Probleme mit Lehrern und Mitschülern kamen noch dazu. Die Lehrer „zogen“ meine Schwestern nicht, wie auf ihrer alten Schule, den anderen vor. Dass viele Mitschüler meine Schwestern nicht leiden konnten, kam auch noch dazu. Dinge, die meine Eltern überhaupt nicht begreifen konnten. Im Gegensatz zu mir. Ich konnte mir schon vorstellen, dass Lehrer erweiterter Oberschulen auch ein erweitertes Wissen ihrer Schüler voraussetzten. Welches, neben dem Fachwissen, auch ein allumfassendes Wissen aus Politik, Wissenschaft und Weltgeschichte beinhalten musste und für einen zukünftigen Pädagogen unerlässlich war. Um es in der Sprache von Dozenten zu sagen: „Ein erweiterter Wissenshorizont!“ Den hatten meine Schwestern aber nicht. Ihnen, die sich bisher nur für Dorfklatsch interessierten, konnte man nicht mit aktuellen Themen aus Wissenschaft und Weltgeschehen kommen. Das hatten die Lehrer natürlich genauso schnell heraus wie den Grund, warum meine Schwestern unbedingt Lehrerinnen werden wollten. Dass es ihnen nur um ihren „Ruf“ als zukünftige Pädagoginnen ging, womit sie angeben wollten und nicht, darum anderen etwas zu vermitteln. Da war klar, dass ihre Mentoren nicht begeistert waren und sich so verhielten. Ich wusste das jedenfalls. Genau wie den Grund, warum die neuen Klassenkameraden meiner Schwestern nicht gut auf sie zu sprechen waren. Wenn die, wie sie es gewohnt waren, ihre Mitschüler von oben herab behandelten, wie ihre Geschwister und Freunde zu Hause, schien mir klar, dass die Reaktion ihrer neuen Klassenkameraden dementsprechend war. Sie, die fast alle „Stadtjugendliche“ waren, hatten sicher schon sehnsüchtig auf meine Schwestern gewartet und konnten es kaum erwarten, sich von ein paar „Landpomeranzen“ herumkommandieren zulassen. Aber im Ernst. Wer die Arroganz und Überheblichkeit meiner Schwestern kannte, wusste warum sie keine Freunde hatten. Mir und meinen Freunden war es jedenfalls klar - im Gegensatz zu meinen Eltern, welche die Abneigung von Lehrern und Schülern meinen Schwestern gegenüber nicht verstanden. Vor allem natürlich die der Lehrer, deshalb forderten sie eine Aussprache mit ihnen, die diese ihnen auch gewährten. Wobei sie kein „Blatt“ vor den Mund nahmen und auch die „allgemeinwissenschaftliche Unterbelichtung“ meiner Schwestern zum Ausdruck brachten. Eine Tatsache, die meine Eltern nicht wahrhaben wollten. Vor allem natürlich meine Mutter, für die diese Behauptung schlichtweg eine Frechheit voreingenommener Lehrer war, die sich das nicht gefallen lassen und an höherer Stelle darüber beschweren wollte. Was sie auch tat. Um genau zu sein machte sie das aber nicht selbst, sondern beauftragte meinen Vater damit, der gute Verbindungen zum Bildungsministerium hatte und durch seine Intervention die Sache regeln sollte. Das tat mein Vater dann auch. Auch er wollte sich von ein paar Lehrern nicht sagen lassen, dass seine Töchter nicht gut genug für die EOS oder zum Studieren wären. Schließlich wollte er ja auch das aus ihnen mal „was“ wird. Außerdem war klar, dass es hier um die „Familienehre“ ging. Die nun „angekratzt“ und nur durch die, den Lehren übergeordnete Behörde und deren Einwirkung, wiederherzustellen war. Also beschwerte mein Vater sich. Mit dem Erfolg das die Bildungsbehörde den Lehrern genauer auf die „Finger“ sah, die sich jetzt zwar in ihren Äußerungen vorsahen, doch deshalb meine Schwestern noch weniger mochten und deren Leistung noch kritischer bewerteten, wogegen auch das Ministerium machtlos war, weil die Lehrer damit in seinem Auftrag handelten. Schließlich mussten angehende Absolventen, die später mal Lehrer werden und laut Bildungsauftrag den sozialistischen Wissenschaftsnachwuchs heranzüchten sollten, auch selbst auf dem verlangten Bildungsniveau sein. So blieb fast alles beim Alten. Zwar wurden meine Schwestern jetzt weitestgehend von den Repressalien der Lehrer verschont, doch ihre Zensuren blieben, wie sie waren. Eine Tatsache, die meine Eltern nicht begeisterte und ihnen unangenehm war. Und für die beide andere Ursachen fanden. Auch was die Abneigung der Lehrer betraf. Die laut meiner Mutter nur in der Einstellung der neuen sozialistischen Mentoren, die von der militärischen Vergangenheit meines Vaters wussten, zu suchen war. Damit stand für sie die Ursache fest. Mein Vater, mit dem man damals noch reden konnte, schien das ganz anders zu sehen. Im Gegensatz zu meiner Mutter, nahm er sich die Zeit und dachte über die Argumente der Oberschullehrer nach. Und fand, dass sie gar nicht so aus der Luft gegriffen waren. Dass es mit der „allumfassenden Bildung“ seiner Töchter nicht so weit her war, hatte er bei Gesprächen mit ihnen ja früher selbst schon bemerkt. Vor allem, was aktuelle Themen außerhalb des Dorfklatsches betraf. Zu dem Zeitpunkt interessierte ihn die Unwissenheit meiner Schwestern diesbezüglich aber noch nicht und er sah über die Tatsache hinweg, doch nun war das anders. Jetzt wurde die Lage ernst und deshalb handelte er sofort. Um die Wissenslücken meiner Schwestern zu schließen, startete er ein Hilfsprogramm, mit dessen Umsetzung er sofort begann. Indem er seine Töchter anwies, jeden Tag mindestens einmal die Nachrichten im Fernsehen anzusehen. Außerdem mussten sie seine Zeitung, das „Tageblatt“, lesen und zu dieser bestellte er noch zwei weitere die „Volkszeitung“ und die “Junge Welt“, welche helfen sollten, die Wissenslücken seiner Töchter zu füllen. Oder wie er meinte: „Ihren Wissensstand auf den aktuellen Stand des Weltgeschehens außerhalb unseres Dorfes zu bringen!“ Doch das reichte ihm noch nicht. Neben politischen und sonstigen Ereignissen, sollten seine Töchter von nun an auch wissenschaftlich immer auf dem „Laufenden“ sein. Und auch dafür besorgte mein Vater die richtige Literatur. Neben den Wissenschaftszeitschriften „Urania“, „Sputnik“, „Horizont“ und anderen Magazinen, schaffte er alles nur brauchbare, aus Buchläden und Bibliotheken heran, um das Wissen meiner Schwestern in unerreichte Höhen zu katapultieren. Dessen Stand er dann, wie früher, in Gesprächen testete. Wobei er regelmäßig verzweifelte. Denn all seine Bemühungen waren umsonst. Am populären Wissen meiner Schwestern änderte sich nämlich nichts und langsam wurde das auch meinem Vater klar, dass er nie Universalgenies aus ihnen machen würde. Doch er tröstete sich. Natürlich war ihm klar, dass jede seiner Töchter wohl auch mit ihrem einseitigem Wissen Lehrer werden konnte. Leuchten allumfassenden Wissens, sowie er es sich wünschte, würden sie jedoch niemals sein. Und genau genommen, machte das ja nichts, wenn sie nur einen pädagogischen Beruf ergreifen würden, der im dörflichen Umfeld angesehen sein musste. Womit man vor Verwandten, Arbeitskollegen und „einfachen Leuten“ angeben konnte. Und so an sich etwas Besonderes war. So dachte mein Vater wohl. Vom Wissensmanko und den Schwierigkeiten, die seine Töchter bei ihrem gesellschaftlichen „Aufstieg“ hatten, würde hier ja nie jemand etwas erfahren. So überlegte mein Vater es sich und ließ alles so laufen, wie es gerade lief. Also blieb auch alles so. Die plötzliche Erleuchtung und Einsicht, war natürlich nicht der einzige Grund, warum unser Familienoberhaupt, also mein Vater, seinen „Hilfsplan“ verwarf. Der andere war, dass meine Schwestern der Meinung waren, auch ohne Allgemeinwissen schon genug gebildet zu sein, und gar keine Lust hatten, das von meinem Vater verordnete Bildungsprogramm durchzuziehen. Schließlich hatten sie schon genug mit dem Lernen ihres Oberschulwissens zu tun. Nur widerwillig kamen sie seinen Anordnungen und Prüfungsgesprächen nach. Stattdessen sabotierten sie seinen Plan, indem sie sich jeden Tag heulend bei meiner Mutter beschwerten. Die natürlich zu meinen Schwestern hielt, weil sie erstens ohnehin meinem Vater die Schuld an der Misere gab. Und zweitens, die Meinung ihrer Lieblinge vertrat, dass sie schon weise genug wären und weiteres Pauken von Allgemeinwissen für sie unnütz sei. Deshalb stritt sie sich jeden Tag mit meinem Vater. Der konnte es bald nicht mehr hören und stellte sein Bildungsprogramm ein. Das konnte ich gut verstehen. Wahrscheinlich war mein Vater nur genervt. Er hatte keine Lust, jeden Tag in einen weibischen Hühnerstall, namens „Zuhause“ zu kommen, um sich das Gejammer meiner Schwestern und das Gezeter meiner Mutter anzuhören. Und so war es auch. Um seine Ruhe zu haben, mischte er sich nicht mehr ins Lernverhalten seiner Töchter ein. Sorgen, dass sie ihr Ziel nicht erreichen würden, hatte er, wie schon gesagt, nicht. Irgendwie würden sie sich schon durchwursteln. So schlecht, dass sie das Abi nicht schaffen würden, waren sie ja auch nicht. Und der Rest würde sich schon finden. Also beruhigte sich die Lage erst mal. Aber eins stand trotzdem fest: Das Leben meiner Schwestern hatte sich total verändert. Zum ersten Mal hatten sie eine Niederlage nach der anderen erlitten und steckten sie immer noch ein. Und zum ersten Mal in ihrem Leben lief nichts mehr nach Plan. Das galt auch für meine Eltern, die durch ihre Einmischung nur einen Teilerfolg erreicht hatten, der meinen Schwestern nur das EOS-Leben etwas erträglicher machte, daran das Lehrer und Schüler sie nicht mochten, änderte das aber nichts. Das freute mich riesig. Doch nicht nur das Leben meiner Schwestern war immer noch im Wandel, auch das meiner Eltern veränderte sich. Seit ihre Töchter Abiturientinnen waren, bekamen sie sie kaum noch zu Gesicht. Daran gewöhnten sie sich nur schwer. Mein Vater, der meine Schwestern durch seine Schichtarbeit, schon früher nur zwischen „Tür und Angel“ sah, kam eher damit klar als meine Mutter, die nur bis Mittag arbeitete und bevor ihre Töchter Abiturientinnen wurden, den Rest des Tages mit ihnen zusammen war. Das war nun vorbei und deshalb vermisste sie ihre Lieblinge sehr. Wenn sie früher ganze Nachmittage mit ihnen zusammen sein konnte, war das jetzt vorbei. Vorbei auch die Zeiten, wo sie, wie gute Freundinnen, gemeinsam endlos über Leute im Dorf, Verwandte, Kollegen oder Mitschüler herziehen konnten. Das frustrierte meine Mutter und die bis dahin täglichen Lästerergüsse fehlten ihr sehr. Dafür suchte sie jetzt einen Ersatz, den sie auch bald fand. Vormittag hatte sie ja diesbezüglich durch Kolleginnen genug Abwechslung, wenn sie noch auf Arbeit war. Und wenn meine Schwestern nachmittags nicht verfügbar waren, weil sie bis abends in der Schule hocken mussten, spannte sie meine Brüder für ihre Gespräche ein. Die ließen sich, im Gegensatz zu sonst, wenn meine Schwestern da waren, jetzt öfter zu Hause sehen. Meine Mutter, die meine Brüder sonst nie vermisste, war nun froh, dass sie da waren und nicht die Gegend unsicher machten, wie ich es schon damals tat. Aber wie dem auch sei. Meine Brüder nahmen jetzt den Platz meiner Schwestern ein. Jedenfalls in der Woche, wenn sie eher von der Arbeit nach Hause kamen, und meine Schwestern noch in der Penne waren. Am Wochenende sah es wieder völlig anders aus. Wenn meine Schwestern anwesend waren, suchten sie, wie üblich, genervt das Weite. Dann vermisste auch meine Mutter meine Brüder nicht mehr. Eine Tatsache, die für sich sprach und meinen Brüdern hätte eigentlich die Augen öffnen müssen. Aber was solls. Ihre familiäre Bindung, die sie zu meiner Mutter hatten, konnte ich ohnehin nie verstehen. Vor allem, wenn man von ihr, wie sie, nur betrogen und ausgenutzt wurde. Doch das ging mich nichts an. Ich hatte eigene Probleme. Denn gelegentlich wollte meine Mutter auch mich mit ihren „Erwachsenenunterhaltungen“ beglücken, wenn meine Brüder nicht da waren und ich zufällig des Weges kam. Dann sollte ich der Lückenbüßer sein, doch darauf hatte ich keine Lust. Und jedes Mal wenn sie mir ein Gespräch aufdrängen wollte, ergriff ich die Flucht. Ich hatte kein Interesse ihr Ersatzgesprächspartner zu sein, das konnten meine Geschwister tun. Doch das war es nicht allein zusätzlich, schien ein Gespräch mit meiner Mutter ohnehin kein Vergnügen zu sein, weil sie schon damals nur am Jammern war. Und wenn sie nicht gerade in Tratschlaune war, wurde man von ihr mit Geschichten aus ihrem schweren Leben genervt. Wie sie als Kind, den letzten „Zipfel“ des Weltkriegs mitbekam und die Zeit danach. Als sie meinen Vater kennengelernt, eine Familie gegründet und sich damit ihr Leben; ihre Jugend als auch alle Chancen verbaut hatte und so weiter. Das wollte ich mir nicht anhören. Genauso wenig, wie wenn sie sich jetzt über meine Schwestern beklagte, die sich kaum noch um sie kümmerten. Was sie jetzt öfter tat, wie ich aus ihren Gesprächen mit meinen Brüdern hörte. Und es erübrigt sich zu sagen, dass sie sich nur hinter dem Rücken meiner Schwestern über diese beschwerte. Ihren göttlichen Töchtern das ins Gesicht zu sagen, hätte sie sich nie getraut. Aber so war sie eben. Nur um im Mittelpunkt zu sein, spielte sie meine Geschwister gegeneinander aus und versuchte sie hinters Licht zu führen. Nur bei mir klappte das nicht, denn ich hatte sie durchschaut. Wozu nicht viel Scharfsinn gehörte. Denn ihr Plan war ganz einfach. Wenn sich meine Mutter in der Woche bei meinen Brüdern über die Vernachlässigung ihrer Töchter ihr gegenüber beschwerte, um sich deren Aufmerksamkeit zu sichern, tat sie das am Wochenende bei meinen Schwestern genau umgekehrt. Und das funktionierte. Sogar meine neunmalklugen Schwestern fielen darauf herein, bekamen ein schlechtes Gewissen und schenkten meiner Mutter, die Zuwendung, die sie wollte. Genau, wie es von ihr geplant war. So ging das eine ganze Weile. Ich beobachtete das perfide Spiel meiner Mutter mit Ablehnung und schon damals war mir klar, wie sie wirklich war. Ihre Heimtücke und Berechnung konnte ich deutlich sehen und schon deshalb würden wir uns niemals verstehen. Und das sollte sich bald drastisch zeigen. Mit der wieder gewonnenen Zuwendung meiner Schwestern, die meine Mutter durch Strategie und Lügen bekam, hätte sie zufrieden sein können. Doch das war sie nicht. Sie wollte, wie früher, der Mittelpunkt im Leben Ihrer Töchter sein. Doch natürlich klappte das nicht. Auch wenn sie das krampfhaft versuchte. So verschärfte sich langsam die Lage. Sie wurde sogar noch schlimmer. Als meine Schwestern endlich ein paar neue Freunde fanden und den Fehler machten, diese zu uns einzuladen, um sie unserer Mutter vorzustellen. Das passte meiner Mutter gar nicht. Das ihre Töchter lieber mit ihren neuen Bekannten unterwegs waren, als sich mit ihr abzugeben, war zu viel für sie. Und das hatte Folgen. Von nun an wurde sie immer unausstehlicher und aggressiver. Vor allem mir gegenüber. Das hieß: Am Anfang meckerte sie nur an mir herum, doch dabei blieb es nun nicht länger. Später ging es soweit, dass sie unter Vorwänden nach mir schlug. Wobei sie als Grund immer anführte, dass ich sie angelogen hätte und sie Lügen nicht ausstehen könnte. Eine Aussage, die an sich schon ein Witz war. Und eine Lüge zugleich. Keinen Menschen, von meinen Schwestern und Lehren in der Schule mal abgesehen, habe ich sooft lügen sehen, oder gehört, wie meine Mutter, die mir genau das jetzt vorwarf und als Grund für ihre Misshandlungen nahm. So etwas von ihr zu hören, war schon mehr als komisch für mich. Das sagte ich ihr auch und wie immer endete mein Einwand zwischen uns in körperlichem Konflikt. Doch dabei blieb es diesmal nicht. Weil mein ältester Bruder Arndt grade von der Arbeit kam, und so plötzlich unfreiwilliger Zeuge unserer Auseinandersetzung geworden war. Auch er schien zu wissen, dass die Beschuldigungen meiner Mutter, mir gegenüber, nur Vorwand für ihre Aggressionen waren und fragte sie, was das Ganze soll. Außerdem drohte er, dafür zu sorgen, dass alles was er gesehen hatte, auch mein Vater erfuhr. Dafür hatte er auch allen Grund, wie ich bald herausbekam. Wie er mir später sagte, hatte meine Mutter ihn und meinen anderen Bruder früher aus ähnlichen Gründen geschlagen, wenn sie wütend auf meinen Vater war. Und weil sie sich an ihn nicht heranwagte, mussten meine Brüder darunter leiden, die damals noch wehrlose Kinder waren. Aber das war jetzt vorbei. Jetzt waren sie zu groß, um ihre Prügelknaben zu sein. An ihnen konnte meine Mutter ihren Frust nicht mehr abbauen, da war also nur noch ich, der übrig blieb. Das dachte meine Mutter sich so, aber da dachte sie falsch. Schon in der nächsten Woche sollte sich alles ändern, wenn ein Ereignis ihr klarmachen sollte, das im Leben nicht immer alles nach „Erwachsenenvorstellung“ lief. Und wie immer im Leben, fing alles schon vorher an. Denn was meine Mutter nicht bemerkte, war dass die Lage der Machtstrukturen sich schon seit Monaten verändert hatte und längst nicht mehr, die von ihr erwartete, gewesen ist. Genauer gesagt betraf das nur mich. Denn zum Glück konnte man sagen, setzten die pubertären Wachstumsphasen recht früh bei mir ein. Das konnte man eigentlich schon am Kraftzuwachs sehen. Zum Beispiel, wenn ich die schweren Aschetonnen, von denen wir vier besaßen, allein aus dem Hof wuchtete, oder bei der Arbeit im Garten, schwer mit Erde beladene Karren durch die Gegend fuhr. Veränderungen, die mein Vater erfreut bemerkte, weil sie seine Voraussagen, die er meine Stärke betreffend, früher machte, zu bestätigen schienen. Die für meine Mutter aber kein Grund waren, sich Gedanken zu machen. Oder sich vorzusehen… Das hätte sie aber tun sollen, wie sich bald herausstellen sollte. Aber natürlich tat sie das nicht, weil sie viel zu sehr mit sich selbst und mit ihren Töchtern beschäftigt war. Und das war gut so. Wenn sie sich mit ihrem eigenen „Kram“ beschäftigte, konnte sie sich nicht auf mich konzentrieren. Deshalb bekam sie von meiner Entwicklung kaum noch etwas mit. Eine Tatsache, die mein ganzes Leben betraf. Für was ich mich interessierte, mit wem ich zusammen war und wer meine Freunde waren, mein Werdegang in der Schule und so weiter. Das alles interessierte sie höchstens bei ihren Töchtern, aber nicht bei mir. Und das konnte mir nur recht sein. Vor allem wenn es sich um den schulischen Bereich handelte. Denn auch der kümmerte meine Mutter nicht. Wenn ich halbwegs gute Zensuren hatte und grade so „durchrutschte“ war ihr alles egal. Was sonst in der Schule passierte, ich den Tag über dort machte, interessierte sie nicht. Das sie da nicht viel über unseren Lehrplan wusste, war klar, was auch den Sportunterricht betraf. Und der war damals noch anders konzipiert. Und da er uns auf die Armee vorbereiten sollte, standen auch Kampfsportarten wie Ringen und Boxen in seinem Programm. Die Grundtechniken beider Kampfformen hatte man uns schon in der zweiten Klasse gelehrt. Das gab den Lehrern die Möglichkeit festzustellen, wer von uns, für welchen Sport am besten geeignet war. So geschah es auch bei mir. Von Herrn Prange, einem baumlangen Lehrer, der aussah wie „Supermann“ wurde ich trainiert und lernte das Boxen von ihm. Nach dem Grundkurs fragte er mich, ob ich den Sport gern weitermachen wolle und ich sagte „ja“. Erstens, weil ich die Probekämpfe alle gewonnen hatte. Und zweitens wurde nicht jeder von „Supermann“ gefragt. Das musste man schon als Auszeichnung sehen. Von nun an lief die Sache und Herr Prange brachte mir alle Kniffe bei. Und mit vier Sportstunden in der Woche, hatte ich genug Zeit dafür. So ging das dann eine Weile und ich entwickelte mich schnell. Und von alldem ahnte meine Familie nicht die Spur. Natürlich auch meine Mutter nicht. Sie, die immer noch damit beschäftigt war, ihren alten Status bei meinen Schwestern wieder herzustellen, wusste von all dem nichts. Und das war ihr Pech! Als sie sich wieder mal darüber geärgert hatte, dass ihre Töchter sie nicht genug beachtet hatten, und ihre Wut an mir auslassen wollte, war es so weit und, weil ich ihr die Wahrheit, dass ich nur als Sündenbock für meine Schwestern herhalten sollte, ins Gesicht gesagt hatte, ging sie auf mich los. Doch diesmal kam alles anders. In ihrer Wut griff meine Mutter einen Nietengürtel, den ich ironischer Weise selbst hergestellt hatte, um ihn mir drüber zu ziehen. Doch weil sie keine Übung im Umgang mit dieser Art Bewaffnung hatte, kam sie nicht damit klar. Als sie endlich den Arm hob, um wie eine Furie auf mich einzudreschen, passierte es dann. Bevor sie die Bewegung beenden konnte, hatte ich ihr, mit der von mir erhobenen Faust eine Gerade verpasst - und damit war alles vorbei. Der Schlag, der eher ein trainingsbedingter Abwehrreflex war, hatte sie voll getroffen. Was, wenn man es objektiv betrachtet, nicht nur mein Verschulden gewesen ist. Denn zum „Zusammenstoß“ selbst trug auch meine Mutter ihren Teil bei. Zum einen bewegte sie sich sehr schnell auf mich zu, zum anderen war ich noch nicht so groß, dass meine Mutter, wenn sie mich erwischen wollte, sich in meine Höhe herabzubeugen genötigt sah - mitten in meine Bewegung hinein. Was dann passierte, war klar. So summierten sich die Kräfte und der Aufprall auf ihr Gesicht. Schreiend, indem sie die Hände vor ihr Gesicht hielt, taumelte sie zurück. Doch das war noch nicht alles. Unter der Wucht des Aufpralls wollten ihre Beine nicht mehr gehorchen, so das sie ins Straucheln kam und in der Korridorecke mir gegenüber, tatsächlich zu Boden ging, wo sie „Ich prügle dich windelweich! Grün und Blau…“ und so weiter rief. Das tat sie aber nicht. Stattdessen blieb sie sitzen, um immer weiter zu schreien. So lange, bis mein ältester Bruder auftauchte, der wie schon bei unserem letzten Gefecht, gerade von der Arbeit kam. „Was ist denn hier los?“, fragte er nur lächelnd, während sein Blick zu meiner, immer noch in der Ecke sitzenden Mutter ging, wo er erst mal hängenblieb. Bis mein Bruder erkannte, was hier gelaufen war. „Naja…“, meinte er dann nur. Dann half er meiner Mutter auf und ins Bad zu gehen, wo sie sich fluchend das Veilchen, das ich ihr verpasst hatte, im Spiegel besah. „Siehst du? Ich hab’s dir ja gleich gesagt! Er ist kein kleiner Junge mehr! Jedenfalls nicht so klein, wie du denkst..“, hörte ich, wie mein Bruder, mit leiser Schadenfreude zu meiner Mutter sprach. Dann kam er zu mir und schickte mich aus dem Haus. Zu Sabine. Nicht als Bestrafung, oder weil ich das getan hatte, sondern, weil er meiner Mutter ins „Gewissen“ reden wollte, wie er mir später gestand. Doch das hätte er sich sparen können. Dass ich kein „Abtreter“ für ihre Aggressionen mehr war, hatte meine Mutter jetzt schon gemerkt. Auch wenn mein Bruder es vorher nicht geschafft hatte, sie davon zu überzeugen. Die vier Wochen, welche meine Mutter jetzt mit Sonnenbrille rumlaufen musste, um das „Blaulicht“, vor ihren Kolleginnen, Kollegen und den Dorftratschen zu verbergen, schafften das auf jeden Fall.

Und so war es auch. Vor ihr hatte ich nun Ruhe. Was aber nicht hieß, dass sich durch unseren „Zusammenstoß“ ihr Charakter verändert hatte. Im Moment hielt sie ihre Wut zwar im Zaum, aber täuschen konnte sie mich nicht. Ich wusste, dass ihre Aggressionen früher oder später wieder hervorbrechen würden. Spätestens, wenn das Schicksal ihr ein neues „Opfer“ in die Arme treiben würde. Leider geschah das wirklich. Später, als mein ältester Neffe, der damals noch nicht lebte, in meinem Alter war, sollte es wirklich passieren. Die gesamte Geschichte würde sich dann wiederholen und einen riesigen Familienstreit auslösen, der am Ende auch mich betraf. Der aber auch endgültig den „machtmäßigen“ Standpunkt, meiner Mutter, innerhalb der Familie festlegen würde. In meinem Fall war er damals schon geklärt. Ich hatte meine Position behauptet und was daraus folgte, war klar: Meine Mutter hatte mir nichts mehr zu sagen. Ihren letzten Trumpf, den sie zu haben glaubte und der auf eingebildeter, körperlicher Überlegenheit beruhte, hatte sie verspielt. Und mit jedem Tag der verging, zerbröckelte er mehr. Die Zeiten hatten sich geändert. Und wer nun denkt, er müsse mit meiner Mutter Mitleid haben, der hat sich getäuscht. So etwas wie Mitgefühl hatte sie nicht verdient. Wer diese Geschichte bis hierher verfolgt hat, wird zweifellos festgestellt haben, dass sie selbst ein gewalttätiges Wesen besaß. Welches sie zwar nach außen hin gut tarnte, das aber trotzdem zu erahnen war, weil sie bei ihren Verschleierungen diesbezüglich sehr widersprüchlich vorging. Indem sie uns Kinder nie in der Öffentlichkeit schlug, sondern nur zu Hause, wo es keiner hörte und vor allem sah. Im Gegensatz dazu, aber Verwandten und Bekannten offen von ihren „Vorsichtsmaßnahmen“ diesbezüglich erzählte, um damit anzugeben wie „schlau“ sie doch eigentlich sei. Was wirklich total bescheuert war, wenn man bedenkt, dass sie das im Beisein von Zeugen machte. Und was es noch schlimmer machte: das in meiner Gegenwart tat. Auch später als ich schon fast Jugendlicher war. So erinnere ich mich noch genau, wie sie später meinem großen Bruder Arndt „Tipps“, zur „Erziehung“ meines ältesten Neffen gab. „Wenn deine Hand beim Zuschlagen schmerzt, dann ist es richtig! Dann kannst du sicher sein, dass es auch deinem Sohn wehtut!“, erklärte sie ihm, um ihn zu überreden sein Kind mit Prügel zu erziehen. Mein Bruder lehnte das aber ab. Wahrscheinlich kamen ihm die eigenen Misshandlungen, die er durch meine Mutter erlitten hatte, wieder in den Sinn. Die sich deshalb aber nicht im Mindesten unwohl fühlte, und von oben herab über ihre „Prügelerfahrungen“ sprach, als wenn sie eine Wissenschaft wären. Da konnte sie auch noch nicht wissen, dass wir später im Streit um meinen Neffen, noch mal auf ihre Bemerkungen zu sprechen kommen würden. Weil ich sie mir über all die Jahre gemerkt hatte, und ein unbestechlicher Zeuge war. Und was noch prägnanter schien, dass ich sie, ihre Wissenschaft vom Schlagen betreffend, in Theorie und Praxis, bei Weitem übertraf. Und das sagte ich ihr bei der Gelegenheit auch. Das, wenn ich mich herablassen würde ihr eine zu knallen, meine Hand sicher nicht den leisesten Schmerz verspürte. Mit dem Unterschied, das ihr das halbe Gesicht fehlen würde, wenn ich mich dazu hinreißen ließe. Doch das tat ich natürlich nicht. Vielleicht, weil ich, wie wir schon als Kinder sagten „Ehre im Wanst“ hatte und niemals Schwächere angriff. Weil wir schon damals wussten, dass so was nur „komplexbeladene“ Schwächlinge machten, die nicht den „Arsch in der Hose“ hatten, sich an etwas Stärkeres zu trauen. Und eins stand eigentlich schon damals fest, als ich noch Kind war. Spätestens nach dem späteren Streit um meinen schon erwähnten Neffen Falk; würde das Thema in der Familie auch für ihn Geschichte sein. Ein für allemal. Und für mich war es das schon damals. Als ich auf der Schwelle der Jugendlichkeit stand und meiner Mutter zeigte, dass ich kein kleiner Junge mehr war. Und dann war plötzlich alles wieder wie vorher. Auf einmal verlief mein kindliches Leben wieder normal. Um weitere Komplikationen zu vermeiden, beschlossen meine Mutter und mein ältester Bruder, meinen anderen Geschwistern nichts von dem Zwischenfall zu erzählen. Das Gleiche galt für meinen Vater, vor dem meine Mutter sich nicht verantworten wollte, und natürlich auch nicht blamieren. Immerhin hatte er ihr, dass sie sich lieber vorsehen sollte, schon durch seine Voraussagen; die meine spätere Kraft betrafen, öfter vorher gesagt. Und sicher hätte er sehr schadenfroh reagiert, schon weil das Ergebnis für jeden sichtbar war. Doch, wie sie zu dem Veilchen kam, sagte meine Mutter meinem Vater und meinen Geschwistern natürlich nicht. Es wurde als „Haushaltsunfall“ kaschiert und alles ging danach seinen gewohnten Gang. Die Sache wurde totgeschwiegen, wie man so schön sagt. Und das war mir ganz recht. Ich hatte ja jetzt meine Ruhe. Der Fall war für mich erledigt und auch sonst lief alles wie gehabt. Vormittags saß ich in der Schule und nachmittags war ich mein eigener Herr. Wenn ich nach Hause kam, machte ich mir etwas zu essen, meine Hausaufgaben, las die Zeitungen, welche ursprünglich für meine Schwestern vorgesehen waren, oder sah fern - bis Sabine an der Haustür klingelte. Dann waren wir bis abends unterwegs, spielten mit Freunden Fußball, streunten durch verlassene Gärten, Grundstücke oder den nahen Wald, bauten Zelte, Buden und Höhlen bis wir dann im Dunkeln nach Hause kamen. Und selbst dann war unser Tag noch nicht vorbei, denn für uns ging er weiter bis tief in die Nacht. Dann schlichen wir uns heimlich aus dem Haus, oder kletterten aus den Fenstern, nur um uns heimlich draußen zu treffen und zusammen zu sein. Das taten wir jede Nacht. Vor allem in den warmen Monaten, vom Frühjahr bis zum Herbst. Wenn das Wetter gut war. Und das war unsere Zeit. Die verbrachten wir dann meist auf dem Anbau von Sabines Haus. Hier, auf der noch warmen Teerpappe des Flachdaches, worauf den ganzen Tag die Sonne geprasselt hatte, fühlten wir uns richtig wohl. Bis spätnachts, wenn die Kälte, der dunklen Jahreszeit schon in Form nebliger Gestalten durch den Garten unter uns schlich, und das Dach, welches unsere Rücken spürten, wie eine warme Heizdecke oder Fußbodenheizung war. Dort lagen wir dann, während über uns tausende Sterne funkelten und sprachen uns über unsere Träume aus. Wir taten das, so lange bis es für unsere Treffen zu kalt geworden war. Doch auch das stoppte unser nächtliches Leben nicht. Sabine wohnte ja gegenüber und unsere Zimmerfenster waren keine zehn Meter voneinander entfernt. Dort saßen wir dann oft, bis der Morgen kam, und machten es uns auf den Fensterbänken bequem. Die Wärme der darunterliegenden Heizungen, hüllte jeden von uns ein, wenn es draußen kalt und wir munter am Plaudern waren. So saßen wir dann die ganze Nacht. Manchmal wenn wir was ganz Wichtiges zu besprechen hatten, stahl ich mich aus dem Haus zu ihrem hinüber und kletterte in ihr Zimmer hinein. Oder Sabine kam auf umgekehrtem Weg rüber zu mir. Das taten wir auch, wenn Wind und Regen uns von unseren Plätzen vertrieben und eine angenehme Unterhaltung unmöglich war. Und auch sonst fiel uns jede Menge Konversationsmethoden ein. Wobei unser Einfallsreichtum unerschöpflich schien, bei dem es, von Signalkarten aus Pappe angefangen, über Morsezeichen mit der Taschenlampe, bis zu Luftpostbriefen mit Katapultbeförderung, alles gab. Das waren nur einige unserer Möglichkeiten und je länger wir uns damit befassten, umso mehr kamen dazu. Später installierten wir zwischen unseren Zimmern ein Haustelefon, oder besser gesagt zwei. Die Apparate hatte ich auf dem Dachboden gefunden, und früher hatten sie meinen Schwestern gehört. Doch das war mir egal. Sie brauchten sie ohnehin nicht mehr. Im Gegensatz zu Sabine und mir, für die sie ein richtiger Glücksfall waren. Von nun an hingen wir jede Nacht an den Hörern und brachten die Drähte zum Glühen, bis auch die vollste Batterie den Geist aufgab. Aber auch das machte nichts. Schon am nächsten Tag fuhren wir zum Elektroladen und versorgten uns mit neuen Akkus für die Nacht.

So waren wir Tag und Nacht zusammen. Dass es so war, konnte man an unseren verschlafenen Gesichtern sehen, wenn wir uns am nächsten Tag in der Schule begegneten und müde, aber glücklich, in die Augen sahen. Dann lächelten wir uns nur stumm an. Das bekamen auch unsere Freunde und Freundinnen mit, die von unseren nächtlichen Ausflügen wussten und auf unserer Seite waren, denn unser Geheimnis fanden sie gut. Oder unsere Freundschaft. Der unschuldig wirkende Junge und seine etwas ältere Freundin stellten für sie etwas ganz Besonderes dar. Für viele waren wir ein Liebespaar und vielleicht stimmte das auch. Ob das so war, verrieten wir aber nicht. Und selbst wenn, war es unsere Jugendliebe und die ging Andere nichts an. Die schienen es jedenfalls auch so zu sehen. Selbst Sabines Freundinnen sagten das. Und das die es schließlich wissen mussten, war klar. Doch darüber dachten wir nicht nach. Unser abenteuerliches Leben beschäftigte uns viel zu sehr. Und eins war mir damals schon bewusst. Das mein Leben in dieser Zeit nur Sabine war. Sie war alles für mich…

 

Familienterror

 FAMILIENTERROR

 

Ganz anders als meine Familie. Das Leben mit ihr, war schon damals eine Katastrophe. Was eindeutig die Schuld meiner Eltern gewesen ist, die sich immer stritten. Zum einen, untereinander und zum anderen, mit meinem ältesten Bruder, der wie alle Geschwister noch bei uns wohnte und mit den Zuständen, die bei uns herrschten, nicht zurande kam. Mit der Art, wie meine Eltern uns Jungen behandelten und der Tatsache, dass sie meine Schwestern bevorzugten, kam er nicht klar. Damit konnte er sich nicht abfinden und dachte, dass Diskussionen der Weg dies zu ändern seien, doch der Plan meines Bruders hatte keine Chance! Bei meinen Eltern, deren Meinung über sich selbst und der „Wertigkeit“ familiärer Mitglieder feststand, half auch kein Gespräch. So blieb alles beim Alten. Ob Montag oder Sonntag, Ostern oder Weihnachten, sieben Tage in der Woche gab es Krach. Monat für Monat und Jahr für Jahr! Immer das gleiche Spiel! Das alles zerstörte und schon damals Grundlage nie endenden Familienkrieges war. Aber wie dem auch sei. Meine Eltern führten ihre Ehe und Familienschlachten fort. Und nicht genug damit, fingen sie noch an Zwietracht und Konkurrenzdenken zwischen uns Geschwistern zu säen. Indem sie die Mädels uns Jungens dauernd als Vorbilder hinstellten und sagten wir müssten ihnen nacheifern und auch so strebsam sein. Ein Vorgehen, das sich vor allem mein ältester Bruder Arndt sehr zu Herzen nahm. Bei ihm fielen die Worte meiner Eltern auf fruchtbaren Boden und über ihre verschrobenen Ansichten ärgerte er sich sehr. Maßlos, um genau zu sein. Und bei diesen Zuständen blieb es nicht! Im Gegenteil – es sollte alles bald noch viel schlimmer sein. Schließlich hielten es meine Brüder nicht mehr zu Hause aus. Sobald sie alt genug waren, verließen sie das elterliche Haus und absolvierten das übliche gesellschaftliche Programm, machten brav ihre Lehre, lernten Mädchen kennen, heirateten und bald stellte sich auch Nachwuchs ein. Und während mein zweitältester Bruder Elmar in einen Nachbarort zog, blieb Arndt bei uns im Ort. Den Fehler würde er bald bitter bereuen, das ahnte ich damals schon. Aber egal. Im Moment lebte er mit seiner Familie in einem älteren Haus, was er günstig gekauft hatte, und war glücklich, wie mein anderer Bruder Elmar es mit Kind und Frau, auf dem Bauernhof ihrer Eltern war. So hatte sich alles geändert. Und während meine Schwestern, leider Gottes, noch bei uns wohnten, hatten sich meine Brüder schon ein neues Leben erschaffen indem sie unabhängig und Familienoberhäupter waren. Das freute meine Eltern bereits. Doch lange dauerte die Freude nicht! Als die Ehe meines ältesten Bruders in die Brüche ging, eine Tatsache, die mich nicht wunderte, wenn ich bedenke, wie sehr, sich der weibliche Teil unserer Sippschaft dafür eingesetzt hatte  für dessen Intrigen, die Ehe meines Bruders ein ertragreiches Feld zu sein schien und dessen Frau ihnen nichts recht machen konnte. Die „falsch“ aussah, sich ebenso kleidete und falsch lebte. Die ihr Kind vernachlässigte und auch „fremdging“, wie man von meinen Schwestern und meiner Mutter erfuhr. Was natürlich absoluter Blödsinn war. In Wahrheit war sie ein junges Mädchen, dessen einziger Fehler darin bestand, hübscher als meine Schwestern auszusehen, die darüber sehr ärgerlich waren. Und so benahmen sie sich dann auch. Wütend über die unerwünschte Konkurrenz ließen sie keine Gelegenheit aus, die Frau meines Bruders in Misskredit zu bringen, wobei ihnen jedes Mittel willkommen war. Selbst die Freunde meines Bruders und Verwandte zogen sie in ihren Privatkrieg mit hinein. Auch ihre Schulfreundinnen setzten sie für ihre Zwecke ein, wenn‘s um’ s Gerüchtestreuen oder Weben von Intrigen ging. Das die Ehe meines Bruders da nicht lange gutgehen konnte, war da abzusehen. Man muss sich das nur mal vorstellen: Ein junges Mädchen, das sich den ganzen Tag mit dem weiblichen Teil meiner Familie rumschlagen musste und von vorneherein nie die Chance hatte, akzeptiert zu sein. Da war das Ergebnis klar! Denn eins war schon mal sicher: Das, wenn es darum ging, als Fremde in unsere Familie einzuheiraten, war diese einfach nicht zumutbar. Vor allem in diesem Fall: Wo der „Fremdkörper“, wie schon erwähnt, eine optische Konkurrenz zum weiblichen Teil unserer Sippschaft war. Da war der „Zickenkrieg“ vorprogrammiert, das konnte man deutlich vorausahnen und selbst ein Blinder hätte das kommen sehen. Nur mein Bruder, den es betraf, der sah es nicht. Deshalb redete ich mit ihm. Ich erklärte ihm meine Sicht auf die Dinge, was ich gesehen und gehört hatte. Und meine Meinung darüber, doch er glaubte mir nicht. „Du bist noch zu jung! Das verstehst du noch nicht!“, sagte er nur. Doch ich war nicht zu jung. Und ich verstand alles nur zu gut! Dass er benutzt wurde und sich „verarschen“ ließ und das er ein Opfer im Spiel frustrierter Weiber war. All das sagte ich ihm, doch ich stieß auf taube Ohren. Mein Bruder hörte nicht auf mich. Stattdessen glaubte er, was meine Mutter und meine Schwestern ihm jeden Tag weismachten, wenn er von der Arbeit zu Hause vorüberkam. Etwas, das mir unbegreiflich war, nämlich das mein großer Bruder ein paar bösartigen Weibern mehr glaubte, als mir! So kam es, wie es kommen musste. Die Intrigen meiner Schwestern hatten schließlich Erfolg und die Frau meines Bruders setzte sich bei Nacht und Nebel zu ihrer Familie ab. Was die Verursacherinnen riesig freute - und für mich ein Grund war, vor Wut fast zu explodieren. Ich kannte die Wahrheit ja. Ich sah, und wusste ja, was sich hier abgespielt hatte und das Verhalten meiner Mutter und meiner Schwestern erweckte Hass und Abscheu in mir. Ihre Intrigen und Machenschaften widerten mich damals schon an. Wenn sie meinem Bruder Lügengeschichten über seine Frau erzählten und zu der sie, ins Gesicht, immer freundlich waren, um dann hinter ihrem Rücken ihr falsches Spiel zu spielen, und über sie herzuziehen. Indem meine Schwestern sie scheinheilig zur Disko oder Partys einluden, wenn mein Bruder auf Arbeit war, nur um ihm dann weiszumachen, dass sie dort fremdgegangen sei. All das war mir als Kind schon bewusst. Und nicht nur das. Ich sah wie mein Bruder total am Boden war. Das tägliche „Gelaber“ meiner Mutter und das meiner Schwestern, das Gerede im Dorf und die anstehende Scheidung, nahmen ihn so mit, dass er trotz seiner Jugend nur noch wie ein Schatten seiner selbst aussah. So wirkte er jedenfalls. Und es tat weh, sein Elend zu sehen! Doch die Zeit ging dahin und irgendwann waren die Wunden, welche sie ihm geschlagen hatten, wenigstens halbwegs geheilt. Mein Bruder hatte sich von dem „Trennungs- und Scheidungsrummel“ erholt und begann, wieder wie früher zu sein. Wochentags ging er zur Arbeit, wo es für ihn einfach nicht die Zeit gab, um über Familien und Beziehungsscheiß nachzudenken. Am Wochenende war er dann wieder mit Freunden auf Partys unterwegs und das wirkte Wunder. Langsam blühte er wieder richtig auf, kümmerte sich um seinen kleinen Sohn, half meinem Vater im Garten und ließ sich immer öfter dazu hinreißen, mit uns Kindern Fußball zu spielen. Er war wie verwandelt. Sogar Sabine fiel das auf. „Dein Bruder ist doch ein starker Typ „Ja.“, gab ich ihr Recht. „Genauso wie er mal war.“ „Genau!“, meinte auch Sabine. „ „Und das finde ich gut.“ Ich fand das natürlich auch. Es war wie ein Wunder. Plötzlich schien alles wieder in Ordnung zu sein. Und von mir aus hätte das auch bis in alle Ewigkeit so bleiben können. Doch leider passierte das nicht. Weil das Glück eben eine wacklige Sache ist. Vor allem wenn das Unglück, in Form weiblicher Familienangehöriger, im Schlepptau hängt. Das musste auch mein Bruder bald sehen, der nach seiner Scheidung wieder öfter bei uns zu Hause war. Erstens, weil sein kleiner Sohn Falk, für den er das Sorgerecht hatte, jetzt bei uns aufwuchs und zweitens, weil es ihm allein in seinem Haus zu einsam war. Deshalb kam er öfter vorbei. Das ging natürlich nicht lange gut. Oft kam es zu Streitereien. Am Anfang meist, wenn es um die Ex- Frau meines Bruders ging, die nach Meinung meiner Mutter und meinen Schwestern, das Ganze „verbockt“ hatte und an allem schuld gewesen ist. Später betraf es dann seinen Sohn. Als er wuchs, älter wurde und seine junge Persönlichkeit sich entwickelte, da war es schon nicht mehr zum Aushalten. Jede körperliche oder charakterliche Ähnlichkeit, die er angeblich von seiner Mutter hatte, wurde dann theatralisch thematisiert. Und damit nicht genug, hielten mein Mutter und meine Schwestern das meinem Bruder, und auch meinem Neffen, als eine Art Makel vor. „Das hat er von „DER“!“ War der Spruch, der dann immer zu hören war. Was mich tierisch nervte und meinen Bruder natürlich auch. Und gefallen ließ er sich das nicht. Und so kam es das es wie früher schon oft, jeden Tag zum Krach zwischen ihm, meinen Schwestern und meiner Mutter kam. Und jeder noch so nichtige Anlass wurde von ihnen für sinnlose Diskussionen genutzt. Und das sie damals schon einen neuen „Sündenbock“, als Grund für ihre Streitereiorgien gefunden hatten, wurde mir sofort bewusst. Und das es so bleiben würde natürlich auch. Dass ich damit nicht falsch lag, wird man später noch sehen. Doch erst passierte folgendes: Mein Bruder lernte ein neues Mädchen kennen. Es geschah, als wir im Urlaub waren und meine Schwestern glücklicherweise nicht dabei. Es war ein herrlicher Sommer, die Situation günstig und da passierte es eben. Mein Bruder war nun nicht mehr allein. Und was das Beste war. Ich selbst hatte zu seinem Glück beigetragen, denn was er anfangs nicht wusste: Die jüngere Stiefschwester seiner neuen Freundin und ich waren hier vor einem Jahr zusammengekommen und hatten uns furchtbar ineinander verliebt. Was noch grausamer wurde, weil wir uns trennen mussten, als der Tag der Abreise gekommen war. Jetzt hatten wir uns wieder getroffen und waren verliebter als je zuvor. Und ganz nebenbei hatten wir noch unsere Geschwister zusammengebracht. Ina, so hieß meine Urlaubsliebe, indem sie meinen Bruder durch mich von ihrer Schwester Yvonne grüßen ließ. Und umgekehrt. Doch wir taten noch viel mehr! Wir sorgten dafür, dass sich unsere Geschwister heimlich treffen konnten, und machten Orte und Zeit ihrer Verabredungen klar. Eine Weile ging das ganz gut. Bis durch Zuträger unsere Familien davon „Wind“ bekamen. Und natürlich mischten die sich wieder ein. In Yvonnes Familie war es der Vater, der gegen die Liebe von Arndt und seiner Tochter war. In unserer Familie war der Fall klar. Wenn jemand dort etwas gegen dieses „Junge Glück“ hatte, konnte das natürlich nur meine Mutter sein. Selbstverständlich auch meine Schwestern, als sie die Story von ihr am Telefon erfuhren. „Die beknackten Tussen!“, wie Ina meinte. Doch gegen uns alle zusammen, kamen die Gegner der Liebe nicht an. Wir gaben nicht auf und haben  es am Ende trotzdem geschafft. Yvonne und Arndt waren jetzt ein Paar! Ina und ich natürlich auch. Und was das Beste war: Jetzt würden wir nicht mehr so leicht getrennt und uns nicht mehr aus den Augen verlieren. Wenn mein Bruder und Ivonne zusammenblieben, würden auch wir uns öfter sehen. Auch nach dem Urlaub würde das weiter so sein. Und genauso geschah es dann. Kaum waren die Ferien vorbei, sahen wir uns schon wieder, als Ina auf Besuch zu ihrer Schwester kam. Und das passierte jetzt oft, weil Yvonne zu meinem Bruder gezogen war. Und natürlich freute mich das sehr. Eigentlich, alle die um mich waren, nur meine Schwestern „kotzten“, als sie das sahen. Das hieß, sie ärgerten sich. Genau, wie natürlich meine Mutter. Nur mein Vater freute sich. Er hatte mit Yvonnes Vater ihren Umzug organisiert und setzte durch, dass sie ihre „Lehre“ bei uns im Ort beenden konnte. Und alles andere regelte er auch. Er, Ina und ich waren die einzigen, die hundertprozentig auf Arndts und Yvonnes Seite waren. Und natürlich war auch Sabine mit dabei, wie immer. Das Glück war zu uns zurückgekehrt. Das Leben ging weiter. Auch für mich, der frisch verliebt und glücklich war. Und der jetzt das erste Mal gleich zwei Freundinnen hatte.

Ausnahmezustand

 AUSNAHMEZUSTAND

 

Das Glück ist eine komische Sache. Manchmal macht es sich rar, sodass man es scheinbar nie erreicht. Dann überrollt es einen wie eine Meereswoge bei einem Megaorkan. So war es jetzt auch bei mir. Plötzlich war mein Leben wieder bunt und reich. Ein Glück, das ich sehr genoss. Doch ich war vorsichtig dabei. Einer wie ich, ließ sich vom Leben nicht täuschen und wusste, dass es die Lieblingstaktik seiner Katastrophen, sich im Schein des Glücks anzuschleichen war. Natürlich war es auch diesmal so. Als neue Ereignisse mein perfektes Leben bedrohten, deren Auslöser, wie konnte es anders sein, wie schon so oft, meine Schwestern waren. Die meinen Brüdern in nichts nachstehen wollten und irgendwann auf die Idee zu heiraten kamen. Für sie wurde es auch langsam Zeit. Aber egal. Das so was nur katastrophale Auswirkungen, bei denen ein Unglück das Nächste nach sich ziehen würde, haben konnte, war da abzusehen. Und so kam es dann auch. Als meine älteren Brüder in den Stand der Ehe traten, waren meine Eltern, wie ich anfangs erwähnte, ja schon erfreut. Doch als meine göttlichen Schwestern heirateten und später Kinder bekamen, die unglücklicherweise auch noch Mädchen waren, platzten sie fast vor Stolz. Denn sicher würden diese, sobald sie laufen konnten, noch schlauer als meine „Lehrerschwestern“ sein und später auch studieren. Vielleicht würden sie meine Schwester intelligenzmäßig sogar noch übertreffen und dann sogar Ärzte, Wissenschaftler oder Nobelpreisträger sein. Was wäre das doch für eine Ehre. In solchen Gedanken schwelgten meine Eltern, wenn man unglücklicherweise, zufällig, oder gezwungenermaßen Zeuge ihrer Unterhaltung war. Ich griff mir nur an den Kopf, weil so viel blödes „Gesülze“ für einen Jugendlichen eigentlich nicht zumutbar gewesen ist. Und eigentlich hielt das niemand lang aus. Vor allem meine älteren Brüder taten mir leid. Was bedeuteten sie und ihr Nachwuchs schon gegen das „Licht“ des Ruhms, der durch den Nachwuchs meiner Schwestern zu erwarten war. Der dann auf meine Eltern fallen würde, um genau zu sein. So oder so ähnlich, stellten sie es sich jedenfalls vor. Was bedeutete: Das wenn der männliche Teil unserer Familie, schon vorher zweitrangig war, fiel er jetzt ganz nach unten herab. Ich fand das alles „krank“! Das bescheuerte Gehabe meiner Eltern und ihre Götzenanbetung meiner Schwestern, und allem was mit ihnen zu tun hatte, gegenüber Ihren abartigen Zukunftsträume und Pläne, die sie für meinen Schwesternnachwuchs hegten oder jetzt schon festlegten und mit aller Macht am liebsten sofort verwirklicht hätten. Und wie sie meine Brüder behandelten. Aber egal. Dass sie sich über das Verhalten meiner Eltern ärgerten, war ihr Problem, und mich ging das nichts an. Aber trotzdem. Von dieser Zeit an war nichts mehr, wie es war. Und genau deshalb gab es dauernd Krach. Doch das war ja nichts Neues für mich. Nicht dass unser Familienleben vorher besser gewesen wäre, dass es schon immer beschissen war, wusste ich ja, aber seit, meine Schwestern Kinder hatten, wurde es richtig offenbar. Da war alles aus und nichts lief mehr normal. Was auch die Kinder meiner Brüder betraf, wenn sie zu Besuch bei uns waren. Die durften dann nicht mehr, wie früher, durch den Garten tollen, Hasche oder Verstecke spielen. Das hätte ja Krach verursachen können, welcher, wie meine Mutter meinem Vater sagte, der Entwicklung von Intelligenzler-Kindern nicht zuträglich wäre. Das wollten meine Eltern nicht zulassen und begannen sofort Maßnahmen zu ergreifen und jede Lärmquelle zu neutralisieren. Was hieß: Radio, und Fernseher blieben ab jetzt aus. Selbst die Klingel und das Haustelefon wurden abgestellt. Ansonsten waren wir es, die das Antilärmprogramm betraf. Die größeren Söhne, meiner Brüder und mich. Was hieß, das weil ich kaum da war, es eher meine Neffen betraf, die wenn sie zu Besuch kamen, nicht nur im Garten, sondern natürlich auch im Haus selbst Zugange waren. Und für all das, gab meine Mutter jetzt einen neuen „Verhaltenskodex“ heraus, der nicht nur meine Neffen, sondern auch mich betraf und den man ungefähr so wiedergeben kann. Wenn wir uns im Haus und Garten bewegten, sollte das ohne Geräusche geschehen. Sobald wir das drinnen taten, sollten wir sanft, wie Elfen, über Treppen und Dielen schweben, weil die sonst knarren könnten, Fenster und Türen sollten wir möglichst nicht öffnen und ich fragte mich, wie lange es dauern würde, bis sie uns verbot die Klospülung zu aktivieren, weil die röhrte wie ein brunftiger Hirsch. Glücklicherweise kam es dann doch nicht so weit. Aber das musste es auch nicht. Auch so kam der Zustand einer Katastrophe gleich. Natürlich reichte das noch nicht - außer striktem Geräusch- und Bewegungsverbot fielen meiner Mutter noch andere Sicherheitsvorkehrungen, mit denen sie den Nachwuchs meiner Schwestern beschützen wollte, ein. Bis es am Ende noch schlimmer kam. Als Nächstes sollte man keinen Mucks mehr machen, wenn die Töchter meiner Schwestern bei uns waren, keine Freunde einladen, sich nicht im Fitnessraum betätigen, im eigenen Zimmer nicht mal mit Kopfhörern Musik hören, noch sonst irgendetwas tun. Selbst notwendigste Unterhaltungen sollten wir unterlassen, damit der Schlaf der Intellektuellenkinder nicht gestört wurde und gesichert war. So kam es, dass meine Neffen und mich in kürzester Zeit kein Freund mehr besuchen kam. Dass es so war, konnten wir auch verstehen. Wenn wir es im eigenen Umfeld nicht aushalten konnten, dämmerte es uns, dass dies erst recht nicht Freunden und Bekannten zuzumuten war. Dass sie uns deshalb nicht besuchten, war uns also klar, stattdessen gingen wir jetzt eben zu ihnen. Was uns sowieso als die beste Lösung erschien. Sich außerhalb aufzuhalten, war tausend Mal angenehmer, als den dauernden Ausnahmezustand zu erleben, den meine Eltern für ihre schlafenden Enkeltöchter aufrechterhalten wollten, oder sich das damit verbundene Theater anzusehen. Das sich, wie wir alle wussten, noch steigern würde, wenn der „Nobelpreisträgernachwuchs“ mal erwachte und sich nicht im Reich der Träume befand. Alles war besser, als mit anzusehen oder zu hören, wie meine Eltern und Verwandten, dann einer Horde Affen gleich, mit gutturalen Lauten, schnatternd und kreischend, dabei sich um die bedauernswerten Kinder zu kümmern waren, da konnte man sich nur noch Augen und Ohren zuhalten und unverrichteter Dinge Reißaus nehmen. Und das taten wir dann meist auch sogleich. Nur schade, dass nicht jedes Problem so einfach zu lösen ging. Wovon eins die Spannungen in unserer Familie betraf. Die nahmen jetzt drastische Ausmaße an. Zum Einen, zwischen meinen Erzeugern und mir, weil ich mir ihre blödsinnigen Anordnungen nicht länger gefallen ließ. Zum anderen, wegen meiner Brüder, die vom Verhalten meiner Eltern nicht begeistert gewesen waren.

Am meisten natürlich aber wegen mir. Schließlich wohnte ich noch zuhause und hatte keine Lust wie ein Zombie durchs Haus zu schleichen, nur weil es meinen Alten, und da vor allem meiner Mutter, so gefiel. Denn auf den ständigen Ausnahmezustand hatte ich keinen Bock. Das machte ich meinen Eltern klar und schon deswegen gab es dauernd Streit. Doch das war nur der eine Grund, warum es bei uns nur noch am „Krachen“ war. Ein ebenso wichtiger war, wie sich meine „Regierung“ meinen Brüdern und ihren Familien gegenüber verhielt. Oder deren Sprösslingen, die sie eindeutig benachteiligten. Nur, weil sie später vielleicht mal keine Lehrer oder Ärzte werden würden und dann keine „Intelligenzlerkinder“ waren. Mit dieser Erkenntnis konfrontierte ich meine Eltern und die stritten natürlich alles ab. Bei uns in der Familie, wären alle Kinder gleich, keines würde vorgezogen oder benachteiligt, ich würde mir alles nur einbilden, wollten sie mich für dumm verkaufen und mir einen vom „Pferd“ erzählen. Doch das klappte natürlich nicht. Und selbstverständlich war ihnen das auch bewusst, dass man mir nichts vormachen konnte, war ihnen ja seit meiner frühesten Kindheit bekannt. Und, dass es sich wirklich so verhielt, hatten sie auch jetzt wieder gemerkt. Aber das störte meine Eltern nicht. Dass sie mir nichts vormachen konnten, nahmen sie notgedrungen in Kauf, wenn sie es nur meinen Brüdern noch einreden konnten, von denen sich aber auch jeder immer wieder bequatschen ließ. Also ging alles so weiter, um nicht zu sagen, spitzte sich sogar noch zu. Was man sich ungefähr so vorstellen muss: Wenn früher unsere Eltern nicht davor zurückschreckten, schon uns Kindern zum Konkurrenzkampf untereinander anzustacheln, gingen sie jetzt in der gleichen, krankhaften Weise, bei den Familien meiner Geschwister vor,. indem sie die Ehepartner und Kinder meiner Brüder mit denen meiner Schwestern verglichen. Es erübrigt sich wahrscheinlich zu sagen, wer in der Rangliste ganz oben stand. Aber egal. Ich fand das Ganze pervers! Die Spielchen, die meine Eltern aus Bosheit und Langeweile veranstalteten, nervten mich total. Nicht, weil ich mich im familiären Vergleich behaupten musste oder so. Danach stand mir nicht der Sinn. Außerdem, mich in ihren kranken Wettbewerb reinzuziehen, hatten meine Alten gar nicht erst versucht, weil sie wussten, dass er mich nicht die Bohne interessierte und ich für solchen Schwachsinn nicht zu haben war. Außerdem hätte das in der Form, wie sie das durchzogen, bei mir ohnehin nicht funktioniert. Zum Glück hatte ich noch keine Familie, die sie im Vergleich mit denen meiner Schwestern niedermachen konnten. Ihnen diesen Gefallen zu tun hatte ich auch nicht vor. Und wenn ich jemals Kinder haben sollte, würde keines von ihnen je auch nur ein Mitglied dieser Familie sehen. So was hätte ich keinem unschuldigen Wesen angetan. Ein Schwur, den ich übrigens hielt. Später in einer Zukunft, die fern von all dem inszenierten Familienschwachsinn, den ich grad erlebte, lag, gegen den ich mich wehrte und der an mir wie von einer Rüstung abprallte, die man mit einem Watteball beschoss. Das bei mir im Punkt perverser „Vergleichsspielchen“, was Partner oder Familie betraf, kein Angriffspunkt existierte, war meinen Familienoberhäuptern also klar. Für Heirat und Familie war ich schon damals zu jung. Und, dass es offensichtlich ewig so bleiben würde, wussten meine Eltern wohl damals schon. Aber das war es nicht allein, warum sie mich in Ruhe ließen. Die Wahrheit war, dass sie mich kannten, wussten, dass ich mir aus ihrer Wertschätzung nicht das Geringste machte und mir, wie bei allen Erwachsenen, nichts daran lag. Das es mir „scheißegal“ war, wo ich ihrer Meinung nach in der familiären Hackordnung stand. Diese Tatsache ärgerte sie gewaltig und schon deshalb ließen sie mich außen vor. Doch auch das war nur teilweise der Grund. Wahrscheinlich hatten sie Angst, ich könnte mit meiner rebellischen Art meine Brüder infizieren, ihnen die Augen öffnen, sodass sie erkannten, was in dieser Familie nicht in Ordnung war, dass sie die Konsequenzen ziehen würden und ihre Eltern einfach „abhakten“ - so wie ich. Ich wusste genau, dass dies die Befürchtungen meiner Eltern waren. Dass es so käme, hätte ich meinen Brüdern gewünscht und tat zum Schrecken meiner Eltern schon deshalb alles, damit es so weit kam. Indem ich ihnen im Beisein meiner Eltern ganz offen die Wahrheit über deren Spielchen sagte, ihnen demonstrierte was ich von unseren familiären Verhältnissen hielt und mich ihren Manipulationen gegenüber, mich umzukrempeln, resistent und völlig gleichgültig verhielt. Doch nicht nur deshalb schlossen mich meine Eltern vom familiären Rangwettbewerb aus. Offenbar sollte ich diesen Ausschluss als „Strafe“ sehen, weil ich es ihrer Meinung nach nicht wert war, bei dem aktuellen Familienzirkus mittun zu dürfen, und wie meine Obrigkeit sagte: Arrogant, verbockt und großmäulig war. Da sollte ihre Missachtung, und ein Grund mich zu ärgern, sein, doch darüber konnte ich nur lachen. Immerhin war ich jetzt Jugendlicher und weit über solche Elternspielchen hinaus. Mal abgesehen davon, dass die schon früher nicht in der Lage waren, mich zu ändern. Schlaue psychologische Erziehungsmethoden funktionierten bei mir nämlich nicht. Mich konnte man schon als Kind nicht manipulieren. Erst recht nicht jetzt, wo mir, ohnehin alles scheißegal und ich jugendlich war. Was meine Erzeuger über mich dachten, spielte da längst keine Rolle mehr. Und was sie von mir hielten auch nicht! Da gab es viel wichtigere Dinge für mich auf der Welt. Das bekamen auch meine Eltern mit. Und damit kamen sie nicht zurecht. Das ich nicht wie meine Geschwister, welche sich um ihre Wertschätzung bemühten, war, die sich gegenseitig die Köpfe einschlugen, um Mamis oder Papis Liebling zu sein. So was wäre mir nie eingefallen und das Verständnis, warum meine Geschwister das taten, ging mir völlig ab. Oder anders gesagt konnte ich es nicht verstehen. Also hakte ich das Thema Familie und alles, was damit zusammenhing, damals schon ab. Was auch für meine Eltern galt, welche diese unmöglichen Zustände verursacht hatten. Dass ich mich nicht in ihr Familienräderwerk pressen ließ, schien für sie unfassbar zu sein. Auch der andere Fakt, den sie gewillt waren zu übersehen, was nichts daran änderte, dass es so war. Meine Eltern waren mir egal. Was sie und der Rest der Welt über mich dachten, war mir völlig Wurst. Doch leider galt das nur für mich. Nicht aber für meine Brüder, die sich voll in den „Familiensumpf“ reinziehen ließen. Die nicht die Kraft hatten sich aus dem Ganzen zu befreien, um wie immer die Leidtragenden zu sein. Traurig aber wahr! Aber so waren die Zustände bei uns. Und das waren längst nicht alle Probleme, denen ein Jugendlicher wie ich gegenüberstand. Da gab es wie immer noch die Schulischen, die wie immer allgegenwärtig waren.

Und da ich nun schon fast Oberstufenschüler war, nahmen auch die für mich rapide zu. Für meine Freunde natürlich auch. Nun fast „erwachsen“, wollten uns die Lehrer für das Leben in der „Sozialistischen Gesellschaft“ zurechtbiegen, in der man wie heute, am besten brav mitlaufen sollte - und als Individuum seine Meinung ansonsten nicht zum Besten gab. Auch der Bildungsauftrag unserer Mentoren war dementsprechend ausgelegt, die uns in Geschichte, Literatur und Staatsbürgerkundeunterricht als auch sonst, darauf drillten mal brave Bürger zu sein. Und weil das noch nicht reichte, sollten wir uns noch nach der Schule mit den „Vorzügen des Sozialismus“ in Pioniernachmittagen, die jetzt zu Jugendstunden und „FDJ-Studienjahren“ wurden, amüsieren. Auf die ständige „Rotlichtbestrahlung“ hatten natürlich die wenigsten Jugendlichen Lust, oder gar da hinzugehen. Was natürlich nichts daran änderte das sich die Meisten aus Angst vor Repressalien, rumkriegen ließen, es trotzdem zu tun. Ängste, die nicht so unberechtigt waren, weil ein Fehlen bei solchen Events sich meist sofort in Zensuren und Beurteilungen niederschlug, die dann Steine auf dem Weg des gesellschaftlichen Aufstiegs waren. So opferten viele ihre Freizeit, die ohnehin knapp bemessen war, statt sich mit Kumpels zu treffen, mit der Freundin Eisessen, in den Park oder ins Kino zu gehen. Stattdessen stand Drill für die Gesellschaft an. Da mitzumachen, kam mir nicht in den Sinn. Das mir diese Einstellung allein schon jede Menge Ärger einbringen sollte, war abzusehen. Doch den nahm ich gern in Kauf, wenn ich nicht gezwungen war, meine Freiheit in öden Klassenzimmern bei langweiligen Politdiskussionen, zu verbringen. „Veranstaltungen“, welche es von da an auch jeden Monat gab. Oder bei Zensuren und Lernkonferenzen, die genauso unbeliebte Freitzeitevents gewesen sind. Das war auch kein Wunder, da sie gerichtlichen Schauprozessen glichen. Nur, dass sich dort schlechte Schüler, vor Lehrern und Schülern „selbstkritisch“ niedermachen mussten und zu geben sollten, das sie selbst schuld an ihren schlechten Zensuren sein. Ein Vorgehen, auf das man uns Schüler extra im Unterricht vorbereitet hatte und von ihnen verlangte, dass dann vor Publikum, Lehrern, Eltern und wenn möglich, noch vor eingeladenen Elternaktivmitgliedern zu tun. Und damit es sich dann auch überzeugend anhörte, hatten wir die selbstkritische „Selbstzerfetzung“ schon vorher unter Anleitung unserer neuen Klassenlehrerin schriftlich geübt, oder besser gesagt, sollten wir das. Aber ich machte da nicht mit. Meinen Lehrern so ein schriftliches Geständnis hinsichtlich meiner Lernmoral zu schenken, fiel mir natürlich im Traum nicht ein, ließ aber die Gelegenheit, mich zu der Thematik des Lernens, als auch meiner Person zu äußern, aus „gutem Willen“ trotzdem nicht vorübergehen und schrieb: “Um ehrlich zu sein, finde ich mich gar nicht schlecht! Und zum Thema Lernen fällt mir nur folgendes ein! Ich habe immer gelernt, hatte aber nie den rechten Erfolg damit!“ Das war meine Meinung dazu. Was soll ich sagen? So und nicht anders konnte und musste man das auch sehen. Doch natürlich tat das meine Lehrerin nicht, die aus Gründen, die sich wohl jeder denken kann selbstverständlich anderer Meinung war. „Das ist doch nicht dein Ernst!“, fragte sie mich vor den anderen. Dabei las sie ihnen meine “Selbsteinschätzung“ vor, die natürlich lachten, weil sie auch keine Lust hatten, sich selbst niederzumachen und bloßzustellen. Und auch wenn sie es sich nicht zu sagen getrauten, eigentlich meiner Meinung waren. „Klar ist das meine Meinung! „Was denn sonst? “, sagte ich deshalb nur, wodurch es zwischen meiner Lehrerin und mir zum üblichen Diskussionskrieg kam, der damit endete, dass sie mir eine Fünf für meine misslungene rhetorische Selbsthinrichtung, äh Kritik, gab. Was dann wiederum meine Klasse ungerecht fand, die meinte, dass die Selbsteinschätzung eines jeden, ob nun gut oder schlecht, seine eigene individuelle Betrachtung wäre. Und das auch, wenn sie, in meinem Fall, meiner Lehrerin nicht passte, nicht mit „ungenügend“ zu bewerten sei. So argumentierten meine Fürsprecher, aber wie dem auch sei. Trotzdem blieb meine Lehrerin dabei, die mir nun erst recht die böse Zensur gab, und damit eine riesige Diskussion vom Zaune brach. Damit war die Stunde vorbei und das Thema schriftliche Selbstkritik der Selbsteinschätzung für mich auch. Aber wie ich schon erwähnte, muss man wissen, dass dies nur als eine Vorbereitung zu sehen gewesen ist. Eine Generalprobe für uns bedauernswertwerte Schüler, um sich bei Lernkonferenzen öffentlich vor Lehrern, Schülern, Gästen und Elternaktiv selbst zu kritisieren. Und wie sie sich sicher denken können, machte ich auch da nicht mit. Mich bei solchen Veranstaltungen zum „Obst“ zu machen, hatte ich keine Lust. Erstens, hatte ich wie immer was Besseres zu tun. Zweitens war ich nicht blöd genug, um mich vor Publikum in erzwungener „Selbstkritik“ zu ergehen. Auch einfach nur tun, was man von mir erwartete wollte ich nicht. Oder gar es zu sagen! Was ja der Sinn dieser Versammlungen war. Das meine Zensuren nur so schlecht waren, weil ich zu faul zum Lernen war und so weiter. Wer so ein Geständnis von mir erhoffte, konnte darauf warten bis zum jüngsten Tag. Und schon der Umstand, dass alle selbstkritischen „Geständnisse“ auf Tonband aufgezeichnet wurden, machte mir ihre Heimtücke dieses Vorganges bewusst. Der nur zu Lehrzwecken nötig sei, machten die Lehrer uns weis. Oder sie hätten das gerne getan. Bei mir klappte das natürlich nicht. Dass die Mitschnitte nur zum „Wohle“ der Schüler gemacht wurden, konnten sie vielleicht ein paar Trotteln erzählen, aber nicht jemandem wie mir. So was konnte glauben, wer wollte. Ich tat das jedenfalls nicht. Mir war klar, dass jedes dieser angeordneten, selbstkritischen, Eingeständnisse nur ein Beweismittel war. Und das die Lehrer sie später in Elternabenden und Sprechstunden verwenden würden, um, ihrer Ansicht nach, lernfaule Schüler zu „überführen“ und selbst vor den Eltern gut dazustehen. Und genauso geschah es dann auch! „Ihr Kind hat doch selbst gesagt das es faul ist!“, konnten die Eltern dann beim nächsten Elternabend hören. „Und wenn sie wollen, haben wir das auch auf Band!“ „Aber nicht mit mir“, sagte ich den oberschlauen Lehrern und ihren bedauernswerten Opfern zu dem Thema nur. Das war aber nicht der einzige Grund, warum ich es vorzog, nicht zu den erwähnten Konferenzen zu gehen. Ein weiterer war, dass sie von unserer, von mir bereits erwähnten, neuen Klassenlehrerin Frau Goose, geleitet wurden. Und mit der kam ich nicht klar. Was auf ihre unaufrichtige Persönlichkeit und nicht etwa mit ihrer Erscheinung zu tun hatte, wie mancher geneigt zu denken war. Sie, Typ, kurzhaarige Feministin, war zugegebenermaßen, nicht gerade die Traumfrau, die pubertierenden Schülern schlaflose Nächte bescherte. Aber das hätte auch keinen gestört, doch leider hatte unsere Lehrerin noch andere Eigenschaften und die wurden bald offenbar. Obwohl selbst noch ziemlich jung, hatte sie ziemlich ältliche Ansichten und nicht viel für die Jugend übrig, was wir bald feststellten. Möglicherweise, weil sie selbst, wie gesagt, noch jung, doch ihre Form dem nicht unbedingt angemessen war. Das stellten nämlich einige Blitzmerker kritisch fest. Und zugegeben, so Unrecht hatten sie, was unsere Lehrerin betraf, damit nicht. Sie war klein, pummelig und passte nie ganz in ihre Sachen hinein. Auch, wenn die aus dem Westen waren. Ein Fakt der nicht zu übersehen und schon der erste Grund für manchen war, ihren ehrlichen Charakter infrage zu stellen. Dass es so war, verwunderte mich nicht. Auch wenn man wie Frau Goose vorgab, eine erklärte Gegnerin des Klassenfeindes zu sein, machte es unglaubwürdig, wenn man sie jeden Tag, in dessen Mode umherwandeln sah. Auch wenn sie andere Schüler für das gleiche Vergehen kritisierte und Vorschriften über ihre Kleidung machte, was meist bei unseren Mädchen geschah. Mit denen sie sich oft wegen des Tragens freizügiger westlicher Mode in die „Wolle“ bekam. Allein diese Tatsache ließ ahnen, dass unsere Lehrerin nicht politische, sondern persönliche Gründe für ihr Verhalten zu haben schien. Dass sie die sozialistische Ideologie nur als vorgeschobenen Vorwand nahm, um unseren Klassenschönheiten das Anziehen „heißer“ Westoutfits zu verbieten. Weil sie diese als optische Konkurrenz zu sich selbst sah und ihre Reaktion darauf reine Stutenbissigkeit war. Ein Grund, der an sich schon lächerlich schien. Das keine Lehrerin unserer Schule es zu diesem Zeitpunkt mit unseren Mädchen visuell aufnehmen konnte, war ohnehin klar. Schon gar nicht eine wie Frau Goose. Aber wie dem auch sei. Ihr Verhalten legte noch andere Schlüsse nah. Dass sie nicht so sozialistisch war wie sie tat, nicht das war was sie vorgab zu sein und uns für dumm verkaufen wollte. Das konnte sie natürlich vergessen. Fahnenschwenkende Erwachsene, die uns weismachen wollte, überzeugte Sozialisten zu sein und heimlich mit dem“ Westen“,“ also dem“ Klassenfeind“ klüngelten, kannten wir schon zur Genüge, ebenso wie nicht überzeugte Lehrer, die uns laut Lehrplan, die Vorzüge des Sozialismus eintrichtern wollten und eigentlich ganz anderer Meinung waren. Nur das die sich nicht hinter politischen Vorwänden heimtückisch in unser Leben einmischten, wie es eine gewisse weibliche Kollegin tat. Womit ich schon beim Hauptgrund meiner Abneigung wäre. An der ganzen Schule gab es keine Lehrerin die sich so für unser Privatleben interessierte wie Frau Goose es tat. Und wenn sich auch bisher kein Lehrer in außerschulische Belange einmischte, sah das bei ihr anders aus. Sie wollte alles erfahren, alles wissen und spionierte uns dauernd nach. Und was sie selbst nicht in Erfahrung brachte, trug ihr „Zuträger“ zu. Dabei blieb es aber nicht. Später begann sie, die so gewonnenen Informationen gegen Schüler, die ihrer Meinung nach nicht „spurten“, als wirksames Druckmittel zu nehmen. Wobei sie Dinge aus unserem Privatleben in Elternabenden- Sprechstunden und Beiratssitzungen zur Sprache brachte um uns gegen unsere Eltern auszuspielen. Was ihr in vielen Fällen sogar gelang. Bedauerlicherweise, schienen viele Eltern nichts gegen die Bespitzelung ihrer Kinder zu haben und gaben im Gegenteil, durch ihr Nichtaufbegehren, unserer Lehrerin freie Hand dafür. Was zur Folge hatte das sie sich jetzt ungeniert in alle Dinge hineinhängte, die unsere Privatsache waren, bestimmen wollte, wer was, in seiner Freizeit tun durfte, an welchen Orten er sich aufzuhalten hatte, mit wem er zusammen sein durfte und alles was es sonst noch so gab. Da war das Maß bei mir voll! Mir als Jugendlichem zu befehlen, was ich zu tun und lassen hatte, hätte ich nicht mal meinen Eltern erlaubt - erst recht nicht einer dahergelaufenen Lehrerin, deren Fan ich ohnehin nicht war. Wie es von da an mit uns zwein weiterging war also klar. In Kürze waren wir Spinne Feind! Und nicht nur aus den erwähnten Gründen, die ich bisher beschrieb. Eigentlich gab es dafür nur einen. Das jeder von uns erkannt hatte, wer der andere war. Oder was. Und das wir uns deshalb nicht leiden konnten. Sie mich nicht, weil sie den Rebellen in mir erkannt hatte, mir nichts vormachen und mich nicht einschüchtern konnte. Ich sie nicht, weil ich ihr wahres Wesen sofort erkannt hatte und wusste, was ich davon halten musste. Was der Grund und der Inhalt unserer Feindschaft gewesen ist, war, dass wir auf zwei Seiten standen. Sie auf der „Erwachsenenseite“, also der allmächtigen, welche die sozialistische Gesellschaft verkörperte, die sie skrupellos nutzte, um uns Heranwachsende nach ihrem Willen und dem der Gesellschaft zu „formen“ und zu drangsalieren. Und ich, auf der Jugendlich- Freiheitlichen Seite, die sich nichts gefallen ließ und all das für was unsere Lehrerin stand, bereit über den“ Haufen“ zu werfen war, wenn es nur irgendwie ging. Das es da zwischen uns nicht gut gehen konnte, war abzusehen. Also nahmen die Dinge, zwischen meiner Lehrerin und mir ihren Lauf und so kam es, dass ich in kürzester Zeit ihr unbeliebtester Schüler war und blieb. Was niemanden wunderte, denn unsere Feindschaft trugen wir öffentlich aus, indem wir das Klassenzimmer zum Schlachtfeld unserer „Wortgefechte“ machten und die Mitschüler dabei unsere Publikum waren. Und für die Show und zum Streiten war uns jeder Anlass recht. Ob es dabei um schulische, private oder politische „Meinungsverschiedenheiten“ ging, war völlig egal. Obwohl mir letzteres beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Denn die Verteidigung meiner politischen Meinung brachte mir, neben Tadel und Verweis, die Drohung meiner Lehrerin, es den „zuständigen Stellen“ zu melden ein. Was meine Freundin offenbar auch tat, wie ich später erfuhr. Doch damals machte ich einfach so weiter und dachte auch nicht lange darüber nach. Aber ich war ja nicht blöd. Die Gefahr meines Tun ’s war mir natürlich bewusst. Und das alles, was ich damals tat oder nicht, mich die Freiheit kosten konnte, war mir klar. Ob ich nun im Unterricht Diskussionen über die sozialistische Gesellschaft und die Einmischung einer ihrer Wegbereiterinnen in unser „Privatleben“ vom Zaun brach, oder ob ich bei außerunterrichtlich angeordneten „Politsitzungen“ kategorisch nicht erschien es, kam auf das Gleiche heraus. Und gleich gefährlich war es auch! All dies konnte als antisozialistisches Verhalten und Provokation gelten, von Spitzeln „gemeldet“ werden und im nächsten Augenblick schon, wie meine Lehrerin so treffend sagte, bei der „betreffenden Stelle“ sein. Das hätte mir dann, wenn ich Pech gehabt hätte, den Aufenthalt in einer staatlichen „Besserungseinrichtung“, wie Heim, Jugendwerkhof oder Jugendknast eingebracht. Doch offenbar hatte ich Glück! Möglicherweise, weil ich zu der Zeit, Jahrgangsbester in der vormilitärischen Ausbildung war und sich die Stasi davon täuschen ließ. Vielleicht dachte man, dass wenn ich auch ein aufsässiger Schüler war, ich später wenigstens ein guter Soldat werden würde, oder so. Dass es so war, glaube ich schon. Doch vielleicht war es auch anders. Möglicherweise sah man mich auch nicht als „akute“ Gefahr für den Sozialismus an, die man unbedingt gezwungen war, entfernen zu lassen. Oder die politische Situation erlaubte dieses Vorgehen im Moment nicht. Vielleicht wartete man auch einfach nur ab. So genau konnte das keiner wissen. Jedenfalls entschied man sich wohl, mich vorerst nicht in ein Heim, Jugendwerkhof oder Jugendknast zu stecken. Was nichts daran änderte, dass man es später noch versuchen würde und ich damals schon „staatlich“ als gebrandmarkt galt. Eine Tatsache, die sich später herausstellen würde und am Ende keine Überraschung für mich gewesen ist. Doch bis dahin war es noch weit. Im Moment ging mein Leben so weiter und spielte sich weiter zwischen diesen Zuständen ab, die man mit zwei immerwährenden Kriegen vergleichen kann. Dem einen, den ich jeden Nachmittag und Abend in meiner Familie erlebte. Und dem anderen, dem ich mich jeden Vormittag in der Schule gegenübersah. Mit anderen Worten also eine unbeschwerte Jugend, die sich sicher jeder Jugendliche wünscht. Aber im Ernst! Mit Unbeschwertheit und Spaß hatte das alles nichts zu tun. Nicht, dass ich nicht in der Lage war mir eine „sonnige Jugend“ vorzustellen. Dass es sie geben konnte war mir durchaus klar. Doch im gleichen Augenblick wusste ich noch etwas anderes ganz genau. Wenn wirklich irgendwo so eine heile Jugendwelt durch Zufall entstand, würde sie von Erwachsenen sofort zerstört. Ob aus Dummheit, Bosheit, Angst oder einfach nur Neid, was am wahrscheinlichsten war. Doch passieren würde es immer. Das war ganz offensichtlich und so verhielt es sich auch bei mir. Wo sich der Druck von Familie, Schule und der Gesellschaft auf der einen Seite und ich mich auf der anderen befand. Doch ich kam damit zurecht. Schon damals hatte ich gelernt, aus all dem auszubrechen und mir das, was ich wollte zu nehmen, wenn ich mich grad nicht in der „Tretmühle“, von Erwachsenen und Schule befand. Dazu nutzte ich die Zeit dazwischen und war von Nachmittag bis spät nachts unterwegs. Machte mit Freunden und Gleichgesinnten, welche die gleichen Probleme hatten, die Gegend unsicher, um all den Stress zu kompensieren. Draußen!. In der Freiheit! Wo es keine Probleme gab! Ja, dort konnten wir machen was wir wollten und die schönsten Sachen unternehmen. Mit Fahrrädern und Mopeds durchs Gelände jagen, unsere Freunde in den Nachbarorten besuchen, uns an unseren Lieblingsorten treffen, an romantischen Lagerfeuern in den sternklaren Himmel sehen, von Abenteuern träumen, die auf uns warteten und so weiter. Das waren die Dinge, die wir liebten, welche wir hatten, um dem grauen nervigen Alltag zu entfliehen. Und so war es auch bei mir. Der wie jeder Jugendliche Wege und Mittel haben MUSSTE, um dem “normalen“ Wahnsinn des Alltags zu entgehen. Und die hatte ich! Ich besaß aber nicht nur das. Ich hatte viel mehr. Denn außer Tricks, Taktiken und Strategien, die mir halfen, das Leben zu bestehen, hatte ich noch etwas anderes, das seit frühester Kindheit an meiner Seite und ein Teil von mir war. Etwas Fantastisches, Lebendiges. Gegen das selbst die stärkste Depression und Trostlosigkeit machtlos schien. Das zauberhafteste, strahlendste Wesen, das ich jemals kannte und das meine Freundin Sabine war. Nun, da wir beide jugendlich waren hatten wir noch größere Ideen und Vorstellungen, als vorher. Aber auch die teilten wir. Und wenn wir uns wie früher heimlich des Nachts auf dem Flachdach ihres Hauses oder an anderen Orten trafen, vergaßen wir alles um uns herum. Dann hörte die Gegenwart auf zu existieren und wir konnten die goldene Zukunft hinter dem „Alltagsdunst“ sehen. Die Zeit hinter der Zeit... Und alles schien dann, wie früher zu sein. Wenn wir nächtelang über Visionen unseres zukünftigen Lebens sprachen, das nur auf uns zu warten schien. Dann waren wir glücklich. Eine großartige Zeit, die wir nie vergessen würden. Aber wie das im Leben so ist, irgendwann war auch unsere Zeit vorbei….

Abschied von Sabine, sexueller Mädchenaufstand, "Mieze" und Vivienne

ABSCHIED VON SABINE, SEXUELLER MÄDCHENAUFSTAND, „MIEZE“ UND VIVIENNE

 

Nicht, weil wir es wollten. Nein, unsere Wege hatten sich einfach getrennt. Weil wir auszogen die Welt zu erobern, andere Freunde und Interessen hatten und so weiter. Doch unsere Träume waren noch immer gleich. Und wir waren immer noch Freunde, wenn ich Sabine auch jetzt, noch manchmal abends in ihrem Garten traf. Das war die Hauptsache und so ist es auch noch heute. Wenn wir uns manchmal begegnen und uns gegenseitig über „alte Zeiten“ erzählen. Da kann es schon vorkommen, dass manche Geschichte wieder lebendig wird. So wie unser Leben auch war. Wie damals. Als der Strom der Zeit uns trennte. Wo jeder von uns auf dem Weg in ein neues Leben, mit großen Abenteuer und Begegnungen die irgendwo da draußen schon auf ihn warteten, war. Vielleicht war es so. Und so musste es vielleicht auch sein. Nun kämpfte jeder für sich. Während Sabine sich, auf’ s Erwachsensein, die Jugendweihe und den Schulabschluss vorbereitete, quälte ich mich durch den öden Schulalltag. Alles ging weiter wie bisher. Aber egal. Bald würde auch, dass Vergangenheit sein. Sabine, ihre Freunde und Freundinnen, würden bald die Schule verlassen. So war der Lauf der Dinge. Dann würden wir die Älteren sein. Und das würde bald geschehen. Schon war ich in der achten Klasse und die Zeit verging wie im Flug. Im Nu, waren aus Tagen, Monate und aus Monaten, Jahre geworden, wo unser Leben von Prämissen des Schulalltags bestimmt worden war und aus „gut“ oder „schlecht“, Freude und Leid, Lob oder Tadel bestand. Und all das hatte den Anschein, es würde immer so sein. Doch so war es nicht. Denn was sich jetzt bald ereignen sollte, würde die gesamte Gegend erschüttern und das Ende all der grade genannten schulischen Gesellschaftsparadigmen sein. Weil es bei uns neben der gesellschaftlich verordneten Entwicklung noch eine andere gab und vielleicht hätte man die späteren Geschehnisse, die daraus folgen würden, vorausahnen können. Die aus dem Nichts zu kommen schienen. Oder aus dem Reich der Liebe selbst. Dazu muss man bemerken, dass unsere Generation, in Sachen Liebe und Sex, wie man heut weiß, viel „weiter“ und fortgeschrittener als die der BRD-Jugend war. Zudem wurden wir zur Zeit der sogenannten „Sexwelle“ und der Ostfriesenwitze, die wir einem norddeutschen Liedbarden, der auch eine neue Tierart, den Ottifanten, erfunden hatte, groß. Wenn sie sich jetzt fragen, was das für eine Bedeutung hatte, will ich nur darauf hinweisen, dass beides „Sexwelle und Ostfriesenwitze“ für uns Kinder untrennbar verbunden waren. Zumindest galt das für einen Witz den schon jedes Kind kannte, wenn es in die Schule kam. „Warum stehen die Ostfriesen abends alle am Meer? Weil die warten, dass die Sexwelle kommt!“ So lautete die Pointe, welche wie nichts anderes wohl unsere lockere Einstellung zum Thema Sex und Liebe prägte und den Zeitgeist, der siebziger Jahre, wo so mancher auf die Welle wartete beschrieb. Wo die Luft noch vor Erotik knisterte und Sex wirklich noch etwas ganz „Normales“ war. Und wir spürten, wir würden bald ein Teil von all dem sein. Und auch, dass wir bald wie die „Großen“ Freund und Freundin und richtige verliebte Paare sein würden, zeichnete sich da schon ab. Das es zu dem Zeitpunkt schon längst so war, konnte man am Beispiel eines kleinen Ladens verdeutlichen, den es bei uns im Dorf gab und welcher mit der Geschichte, von uns, die wir damals noch Kinder waren, bis heute verbunden ist. Es war ein kleiner Schreibwarenladen, wo wir uns mit Schulmaterialien versorgten, in dem es aber auch andere Sachen gab. Darunter Schmuck, und da vor allem Ringe, die im bunten Schaufenster lagen. Freundschaftsringe, auf denen Symbole wie ein Kreuz für Glaube, einen Anker der Treue bedeutete und ein Herz, das natürlich die Liebe symbolisierte eingraviert war und die aus Bronze, Silber oder Gold gefertigt waren. Auch das hatte symbolischen Wert. Am Metall der Ringe konnten „Eingeweihte“ erkennen, ob ein junges Paar einen Monat, ein viertel oder ein ganzes Jahr zusammen war. Je nachdem ob man an den Fingern der Träger ein Bronze, Silber oder Goldring der ein ganzes Jahr symbolisierte sah. Solche Schmuckstücke haben wir kleinen Kerle, dann unseren Freundinnen geschenkt, um sie zu erfreuen und unsere Liebe zu gestehen. Und auch ich habe einige dieser Ringe verschenkt. Wie viele andere Jungs, die träumend, in der von angrenzenden Rosengärten umgebenen Ecke vor der großen Schaufensterscheibe des Ladens standen, um den richtigen Ring für ihre Herzdame auszusuchen, auch. Und wie „ernst“ eine belächelte Kinder- oder Jugendliebe damals schon war, konnte man an der Geschichte des Lädchens und uns, glaube ich, ganz gut sehen. Und das es, neben der Erwachsenenwelt, für uns noch etwas anderes gab. Eine Welt, die neben der der Erwachsenen existierte und eine märchenhafte war. Unsichtbar und unbemerkt zugleich. Und möglich, dass es später dann auch genau durch all unsere frühkindlichen Erlebnisse und Lieben zu der Entwicklung von welcher ich ihnen jetzt berichten will, gekommen ist. Einer „Rebellion“, die ausgerechnet in meiner Klasse ihren Anfang nehmen sollte. Eine Tatsache, die sich schon als Wunder ausnahm, weil der größte Teil meiner Klasse sonst eher eine Ansammlung von Spießern gewesen ist. Die alle Anordnungen befolgten und sich bemühten, gesellschaftlich und politisch ja nicht aufzufallen. Um „durchzukommen“, wie man damals im Erwachsenen-Wortlaut diese Taktik beschrieb. Eine Art Überlebenstechnik, die mancher für unerlässlich hielt, um die Schulzeit auch ja ohne Probleme zu absolvieren. Und so verhielten sie sich auch. Um für die anstehende Lehre, den Abschluss zu schaffen und sich brav durch die Schulwelt, die immer noch aus Zensuren, Lob und Tadel oder Ministerratsauszeichnungen, für gutes Lernen bestand zu quälen. Oder zu winden, je nachdem. Und das alles ging zur Zufriedenheit der Lehrer und Pädagogen auch Jahre lang gut. Doch manchmal ändern sich Zeiten eben auch. Vor allem dort, wo Anpassung und verordneter Gleichschritt Tagesprogramm waren. Sicher kann man beides, damals wie heute, als die richtige Strebertaktik, um den Schulabschluss zu schaffen und gesellschaftlich „aufzusteigen“, sehen. Und vielleicht war es früher manchem einmal wichtig, der oder „die Beste“ und Lehrers oder „Mamas Liebling“ zu sein. Damals! Als Kind! Doch all das ändert sich eben, wenn man in das gewisse Alter kommt! Wenn andere Dinge plötzlich viel wichtiger sind und im Mittelpunkt des Lebens stehen. Und die man als Jugendlicher einfach haben muss!!! Wozu die erste richtige Freundin, der erste Freund, Liebe und Sex gehörten! Wenn nicht mehr die guten Zensuren reichen, um beim „anderen Geschlecht“ Eindruck zu machen, sondern nur das, was man ist. Wie man aussieht, was man ausstrahlt, wie man sich gibt oder was man tut! Ob man „IN“ ist, oder nicht! Wenn man plötzlich „anders“ sein muss, um geliebt und beachtet zu sein. Dann ist plötzlich alles anders und man ist in der „PUBERTÄT“. Dann ändert sich das Denken, genau wie das Aussehen. Und wenn bei uns Jungens die Anzeichen hormonbedingter Entwicklung eher grazil und unsichtbar einhergingen, sah das bei unseren Mädchen anders aus. Blau gefärbte Augenlider, rot lackierte Fingernägel und die Explosion gewisser Körperwölbungen, ließen den biologischen Fortschritt deutlich sehen. Der sich auch in der Kleidung zeigte, welche sich dieser Entwicklung anzupassen schien, was man vor allem an den tiefen Einblicken, die sie meistens gewährten, zu unserer Freude ganz gut sah. Heißeste Teenie-Klamotten, von Onkels und Tanten aus dem bösen Westen geschickt, Schmuck und Schminke, verwandelten unsere harmlosen Mädels in Models, Klassenzimmer in Modepaläste und die Gänge in Catwalks, welche von nun an die Laufstege unserer Schönheiten waren. Ein grellbuntes Sinnesfeuerwerk aus bunten Stoffen und Erotik zusammengesetzt. Das uns und die übrige Welt zu verzaubern schien, alles andere nebensächlich werden ließ und den Lehrern den sozialistischen Atem nahm. Ein erotischer Zauber, der bewirkte, dass wir Kerle die Blicke von unseren Mädels nicht losreißen konnten und verständlicher Weise bald keinen klaren Gedanken zu fassen in der Lage waren. Wenn all diese Schönheiten, in einem Hauch von nichts, über den Schulhof flanierten und, sich einen Spaß daraus machten, ältere Schüler und Lehrer anzuflirten, oder sich in sonnigen Freistunden lasziv auf den Bänken und Wiesen des Schulparks rekelten, um brave Bürger zu verwirren, konnte das nicht Sinn dörflicher Schul- und Moralvorstellungen sein. Das so was nicht lange gut gehen konnte, war abzusehen. Da kam es wie es kommen musste. Die Schulleitung entschloss sich einzugreifen und die „erotische Notbremse“ zu ziehen. Zugleich ordnete sie eine Elternsprechstunde an. Sie rief den „sexuellen Notstand“ aus und gab Lehrern nebst Eltern Anweisungen, dass weiblichen Schülern, derartige sexuelle Animationen, mit sofortiger Wirkung zu untersagen seien. Schließlich sei man hier in einer sozialistischen Schule und nicht einem westliche „Freudenetablissement“! Eine Einstellung, die wir als aufgeschlossene Jugendliche nicht so sahen. Gegen etwas Animation und Freuden hätten wir nichts gehabt. Denn was bekam man als junger Kerl im grauen Schulalltag hier schon zusehen? Außer ein paar älteren Lehrerinnen, und ab und an mal einer Praktikantin, gab es da nicht viel. Da kam ein wenig Abwechslung doch grade recht. Das war jedenfalls unsere Meinung dazu. Und damit standen wir nicht allein! Denn, wenn uns Kerlen die „Erwachsenenbevormundung“ schon auf den“ Geist“ ging, kamen unsere Mädels schon gar nicht damit klar. Dass sie ihr Verhalten und ihre freizügig jugendliche Mode ändern sollten, sahen sie nicht ein. Und auch, wenn sie nach dem denkwürdigen Elternabend alle erotischen Aktivitäten dahingehend ein paar Tage einstellten, war das nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn Schmuck-, Schmink- und Erotikverbot hatten ihre Wirkung schon getan. Nur nicht die erhoffte, wie man bald sah. Denn sollte die Anordnung der Schulleitung auch den Zweck haben, aus frühreifen „Sexbomben“ wieder die lieben Mädels von einst zu machen, bewirkte sie glatt das Gegenteil. Unsere Mädchen machten da nicht mit. Sie wurden zu Rebellinnen, sannen auf Rache, waren nicht mehr „ordentlich“ und arbeiteten im Unterricht nicht mehr mit. Das Verbot „sexy Kleidung“ zu tragen, setzten sie spielend außer Kraft. Indem sie sich in der Früh bis obenhin zugeknöpft wie Klosterschülerinnen an Eltern und Schulaufsicht vorbeimogelten, um sich später auf den Schulklos umzuziehen. Auch Schulboden, Keller und Vorbereitungszimmer wurden dafür zweckentfremdet, während wir Jungs in den Genuss kamen dabei „Wache“ zu stehen. Ein Vertrauensbeweis, den wir natürlich sehr begrüßten. Schon wegen der schönen Aussicht, die der Anblick unserer Mädchen uns dabei bot. Wenn sie mit unserer Hilfe das Verbot umgingen, um sich heimlich umzuziehen. Und irgendwie taten sie das ja auch für uns. Weil sie wussten, dass uns ihr Aussehen gefiel. Und auch deshalb, weil sie das wussten, luden sie uns gern zum Aufpassen oder vielleicht auch „Zusehen“ ein. Schon daran kann man sehen, was damals für ein Vertrauensverhältnis zwischen uns bestand, das es zu dieser Zeit zwischen männlich und weiblich noch gab. So weit so gut. Ihre Eltern und die Lehrer auszutricksen hatten sie also geschafft. Doch das war noch nicht alles, was sie so anstellten, um keine „braven“ Mädels mehr zu sein. Sie rauchten jetzt auch, ohne Angst sich von der Aufsicht erwischen zu lassen, knutschten ganz „öffentlich“ auf dem Schulhof „größere Jungs“ und spannten sie ungeniert ihren „festen“ Freundinnen aus, die davon nicht gerade begeistert waren. Und es kam noch schlimmer! Nicht genug damit, dass sie den älteren Mädels die „Kerle wegschnappten“ und damit in der Schule „Bürger “- oder „zickenkriegsähnliche Zustände“ auslösten, nein, sie trafen sich auch mit ihren neuen „Eroberungen“ nach der Schule an „verrufenen Orten“, wo auch wir stets zugegen waren. Das hieß: Erstmal ich! Ich war als erster, Jüngerer mit den „Großen“ unterwegs. Und jeden von ihnen kannte ich gut. „Bummy“, „Schäche“, „Bathe“, „Fischer“, „Kolbe“, „Müllex“ und wie sie alle hießen. Mit allen war ich auf du und du - und wusste alles von ihnen was es zu wissen gab. Von „Bummy“, weizenblond und groß, dessen Vater Ziegeleiarbeiter und der selbst bei der Feuerwehr war, Schäche mit seiner „Afrofrisur“, dessen Bruder hier im Ort eine Kneipe besaß, Müller, bullig, untersetzt und stark wie ein Stier, der als Maurer arbeitete und dessen Vater Jäger war, den er seit Kindesbeinen zur Jagd begleitete und der selbst ein guter Kumpel von mir gewesen ist, der lange blonde „Bathe“, dessen Tante hier einen Laden hatte, der selbst Autoschlosser „lernte“ und der schon zu „Ostzeiten“ als windiger Geschäftemacher galt, Fischer mit seinem Oberlippenbart und dunklem Haar, der sonst aber als Dachdecker arbeitete und nach Feierabend Mopeds „frisierte“, genau wie sein Kumpel Kolbe, der als Klempner „kleeschte“ und vom Typ her fast Fischers Bruder sein konnte, der aber mit seinen stahlblauen Augen, schwarzen Klamotten und seinem lässigen Gang, eher wie ein Cowboy wirkte und immer bereit war, sich mit seinem Dachdeckerfreund, in Form eines „Moped- oder Motorradrennens“ zu duellieren. Sie alle waren damals die angesagtesten Leute im Ort. Doch für mich waren sie viel mehr. Sie waren meine Begleiter, mit denen ich Tag und Nacht zusammen war. Sie vertrauten mir alle, obwohl ich viel jünger war als sie. Und das war ein gutes Gefühl. Denn genauso wie ich meine Kumpels kannte, kannten sie auch mich und hatten keine Geheimnisse vor mir. Das galt auch für ihre geheimen Treffs. Wo sich die coolsten Typen der ganzen Gegend aufhielten und jeden Tag der Bär los war. Dorthin nahmen sie mich mit. So entwickelte die Sache sich. Und wie konnte es anders sein, trug ausgerechnet ich den größten Teil dazu bei. Und das kam so: Ab und zu brachte ich ein paar jüngere Kumpels, die ebenfalls freundlich aufgenommen wurden, zu den Treffs der Größeren mit. Und so kam es, dass wir bald sechzig spaßorientierte Leute gewesen sind. Eine Summe, die sich sofort verdoppelte, als die Mädchen meiner Klasse von meinen Freizeitaktivitäten erfuhren und von nun an unsere, oder meine, Begleiterinnen waren. Auch sie fanden unsere abendlichen Zusammenkünfte mit einem Hauch Abenteuer aufregend und schön. Und was dann passierte war eigentlich abzusehen: Sie alle brachten ihre Freundinnen aus den Parallelklassen mit, die wiederum andere Freundinnen mitbrachten und so weiter. Bis die gesamte Mädchenwelt der Umgebung an unseren Treffs zusammenkam. Und schon gingen die Partyzeiten los. Eine Sache, die mehr als fantastisch war. Vor allem für uns Kerle. Wenn wir vorher die „Erotikshow“ der Mädels nur in der Schule bewundern konnten, ging das jetzt den ganzen Tag über so weiter. Eine großartige Entwicklung, die das ganze Dorf zu umfassen schien Eine spürbare Entfaltung und Macht, die sich unaufhaltsam und gegen alle Widerstände auszubreiten begann. Und die bald den ganzen Distrikt betraf. Es war als hätten das Dorf als auch die Umgebung Jahrhunderte im „Dornröschenschlaf“ gelegen und ihr Leben wäre erst jetzt durch uns erwacht, um über Nacht zu erblühen. Und so war es irgendwie auch. Ob an Bushaltestellen, Parks, im Kino oder vorm „Eismann“: Überall Konnte man unsere hübschen Mädels und abenteuerlustige Jungens sehen. Pioniernachmittage und Jugendstunden interessierten keinen mehr, auch keine Sport- oder Arbeitsgemeinschaften. Kuhweide, Wäldchen und der „Bau“ waren jetzt die angesagten Adressen. All diese waren gut besucht und überall war was los. Vor allem am „Bau“ der sehr „berüchtigt“ war und welcher eigentlich noch als großes Siedlungsstromhaus fungierte. Das für unsere Zwecke genau richtig und dessen großer Nebenraum von uns kurzerhand als „WILD WEST BIKERSALOON“ umgestylt worden war. Ein fantastischer Ort, an dem sich nicht mal die Polizei wagte „vorbeizuschauen“. Den jeder Jugendliche und Erwachsene vom Hörensagen kannte: Von dem jeder schon gehört hatte, mit dem guten Rat diesen Ort möglichst schon vor der Dämmerung nicht aufzusuchen und vor allem abends, oder gar des Nachts, dort bloß nicht hinzugehen. Und ohne Zweifel war der „Bau“ ein abenteuerlicher Ort, wo man bei Motorradhaschen oder Rennen durch die Räume düste und selbst Tische oder Bänke kein Hindernis waren. An dem „Strip-Poker“ gespielt wurde und so mancher seine „Unschuld“ verlor. Was natürlich auch für so manch eine galt. Das alles fand faktisch beinah unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Und es war klar, dass früher oder später auch die Schulleitung davon erfuhr. Zumal einige Lehrer, die davon gehört hatten, aus Neugier, geneigt waren, dort vorbeizuschauen. Oder besser gesagt: vorbeizufahren. Hingehen hätte sich keiner getraut. Aber wie dem auch sei. Egal, ob sie nun nur vorbeigelaufen oder gefahren sind, ein paar Lehrer hatten unsere wachsamen Augen jedenfalls erspäht. Und obwohl den Meisten von ihnen egal war was man als Schüler in seiner Freizeit so trieb, war es klar, dass es da auch andere gab. Was in unserem Fall Frau Goose gewesen ist. Die fuhr ausgerechnet jetzt dort jeden Tag lang und erblickte uns da. Natürlich nur zufällig, weil sie im Nachbarort wohnte und nicht etwa, weil der Weg, welcher am Bau vorbeiführte, der größte Umweg sondern viel kürzer war. Das war natürlich Quatsch! Dass der Weg kürzer war, konnte sie vielleicht ihren Kollegen erzählen, aber nicht uns. Denn wir wussten ja Bescheid. Nicht nur, das sich vorher immer ein Kollege fand, der sie im Auto mit nach Hause nahm. Sie hätte auch die Abkürzung nehmen können, wie es die Heimkinder taten, wo man tausendmal schneller im Nachbardorf gewesen wäre. Aber wie das so ist. Weibliche Neugier und Sensationslust schienen schon damals eine gute Motivation zu sein. Was auch für unsere Lehrerin galt, die ein paar Mädels und mich an dem berüchtigten Stromhaus sah Und, dass die Folgen dieser Begegnungen nicht lange auf sich warten lassen würden, war klar. Genauer gesagt taten sie das gar nicht. Üblicher Weise ereilten sie uns in Form einer „Standpauke“ schon am nächsten Tag. Was wir als sozialistische Schüler an so einem unmoralischen Ort bei den älteren Schülern und Lehrlingen zu suchen hatten, wollte sie wissen. Noch dazu, wenn man ein Mädchen war. Oder, als so schlechter Schüler wie ich? Sie holte Luft. „Oder als Lehrerin?“, warf ich ein, worauf es zur üblichen Schreiattacke mit anschließender Moralpredigt kam. Wir sollten lieber zuhause lernen und Hausaufgaben machen. Da hatten wir es! Brav zu Hause hocken! Hausaufgaben! Lernen! Als wenn man als Jugendlicher keine anderen Interessen hatte, als nur zu pauken und von seiner Klassenlehrerin dumme Sprüche und Weisheiten „um die Ohren geschlagen“ zu bekommen. Aber so war es nun mal. Genau dies, und ähnliches, konnten wir von da an dann jeden Tag von ihr hören. Aber das machte uns nichts aus. Die Gewohnheit unserer Lehrerin, sich in unser Privatleben zu drängen, kannten wir ja schon. Und, dass es sie nichts anging, fanden wir auch. Dazu kam, dass sie ohnehin nicht in der Lage war, es uns zu verbieten. Also störten uns ihre Gefühlsausbrüche und Drohungen nicht. Wir wussten ja, warum es ihr in Wahrheit ging. Dass sie nur neidisch auf uns war. Auf da Leben welches wir noch hatten. Auf die Freiheit und Jugend, die wir im Gegensatz zu ihr, noch jeden Tag spüren und erleben konnten. Und die sie jeden Tag sehen konnte! Dinge, die sie selbst nicht mehr hatte. Doch, was ging uns das an? Was konnten wir dafür, dass es so war? Dass sie nicht mehr so frei und ungezwungen leben konnte, wie wir? Wenn sie sich mit der Schläue aller erwachsenen Mädels ihr noch junges Leben selbst verbaut hatte, sich durch Familie und beruflichen Stand selbst frühzeitig an ein langweiliges Spießerleben gekettet hatte, aus dem es kein Entkommen gab. Sie neidisch auf unsere Mädchen war, die sich und ihre Körper stolz präsentierten, während ihre Figur, durch Kind und gesellschaftliche verordnete Ruhe geprägt, nicht mehr so „taufrisch“ war, wie einst. Dann war das doch nicht unser Problem! Was auch die Meinung der Anderen war. „Die „Alte“ soll sich um ihren Mist kümmern!“, meinten die Älteren, mit denen wir abends am Bau zusammen waren. „Genau! Soll sie doch woanders langfahren, wenn ihr was nicht passt!“, sagte Müllex. „Oder die Augen zumachen!“, schlug Schäche vor. „Die ist doch bloß neidisch!“, bemerkte auch Kolbe. „Das geht sie nichts an!“, meinte der Rest. Und damit waren sich alle einig. Selbst die Mädchen waren der gleichen Meinung wie wir. Selbst sie, die eigentlich immer zu unserer Klassenlehrerin gehalten hatten, machten jetzt dicht. Bei Liebe, Sex und dem Verbot beides zu erleben, hörte der Spaß auf. Das Privileg, sich das verbieten zu lassen, gestanden sie nicht mal ihrer vorherigen Lieblingslehrerin zu. Was ja auch richtig und womit der „“totale Weiberkrieg“ eröffnet war.

Von da an gab es jeden Tag Zoff zwischen unseren Mädels und unserer Lehrerin. Jede Klassenleiterstunde wurde von ihr jetzt für Predigten über „richtiges“ Verhalten sozialistischer Jugendlicher in Schule und Freizeit benutzt, für den Versuch unsere Mädchen und auch uns zu bekehren. Alles ohne Erfolg. Denn wir wussten, uns zu helfen. Indem jeder von uns heldenhaft jeden Morgen seine Ohren auf „Durchzug“ stellten und das „Gelaber“ über sich ergehen ließ. So ging das dann monatelang. Ohne, dass sich die Lage änderte. Ganz im Gegenteil verschärfte sie sich auch noch durch Dorfklatsch, Tratsch und Gerüchte im Lehrerzimmer. Bis sie den Höhepunkt erreichte, der wie sie sich denken können, nicht lange auf sich warten ließ. Als unsere besten Schüler, zusammen mit denen unserer Parallelklassen, von einem „Tanzstundenball“ abhauten, um nachts allein in der Stadt, ohne lästige Erwachsene, auf Vergnügungstour durch Bars und Kneipen zu gehen. Was vielleicht gar nicht so schlimm gewesen wäre, wenn nicht Kinder „örtlicher Größen“, wie Oberstaatsanwalt, Betriebsdirektoren, Lehrern und Ärzten darunter gewesen wären. Die alle in unserem Dorf wohnten und nun mitten in der Nacht gebeten wurden, auf Jagd nach ihrem vergnügungssüchtigen Nachwuchs zu gehen. Ein Umstand, der uns „einfache Schüler“ am nächsten Tag alle zum Lachen brachte und unsere Klassenlehrerin in Erklärungsnot. Dass grade ihre „Star“ und Vorzeigeschüler, sie so in Verlegenheit brachten, hätte sie nie gedacht. „Die besten Schüler und dann so etwas“. Aber so ist das Leben eben manchmal, welches ab und an, auch die „Schlauesten“ wieder auf den Boden der Tatsachen holt und ihnen klarmacht, dass man sich in diesem Leben auf nichts und niemand verlassen kann. Und vielleicht hätte Frau Goose, statt Marxismus Leninismus, auch mal ein Buch mit Lebensweisheiten lesen sollen, in dem Sprüche stehen wie: “Das Vertrauen des Unglücks erste Ursache ist, oder „Das nichts ist, wie es scheint!“ Und „So ist das in der Realität.“ Oder wie schon in der Bibel steht: „Von denen, die wir am stärksten lieben, werden wir am meisten enttäuscht!“, was eben auch für Spitzenschüler galt. Eine Lektion, die nun auch unsere Lehrerin schmerzhaft erfuhr. Aber wie dem auch sei. Diesem Ereignis(und noch ein paar anderen), war es zu verdanken, dass das Fass jugendlicher Verstöße zum Überlaufen kam. Und wie auch sonst alles in unserem Kaff, sprach sich der nächtliche „Ausflug“ unserer Schülerelite überall herum. Zumal der ja durch Schüler unserer Parallelklassen tatkräftig unterstützt worden war, die nur allzu bereit gewesen waren, ihr tolles Erlebnis überall herumzuerzählen. Also wusste schon am nächsten Tag das ganze Dorf Bescheid. Ob beim „Fleischer“, „Konsum“ oder auch „Friseur!“: Überall erzählte man sich von dem nächtlichen „Wochenendereignis“, diesem „Tanzstundenausbruch“, bei dem ein paar Jugendliche lieber auf „Kneipentour“ gingen, als altmodische „Gesellschaftstänze“ zu performen, die sie wahrscheinlich genauso langweilig fanden, wie die Gesellschaft in der sie lebten selbst. Das war doch mal was! Die Bürger hatten wieder was zu „reden“ und der ganze Ort war mehr als zufrieden und amüsiert. Nur unsere Schulleitung nicht! Schließlich konnte, nein, musste man das Verhalten der „Tanzstundenausbrecher“, als Kritik an der Gesellschaft sehen. Ein sozialistischer Skandal sozusagen! Der sicher auf die „frühreife Entwicklung“ der Jugendlichen des Dorfes und die Entwicklungen der letzten Wochen zurückzuführen war. Ihrer „sexuellen Entwicklung“ und den „Treffs“ inner- oder außerhalb vom Dorf. So konnte das nicht weitergehen. So dachten sie und ordneten einen „Sonderelternabend“ für alle Mittel und Oberstufenklassen an, der wegen des zu erwartenden Platzmangels gleich in der Turnhalle angesetzt worden war. Und so schnell es ging führte man diese Versammlung durch, die in etwa so vor sich ging: Nach dem „Kulturprogramm“ mit dem Thema „frohe sozialistische Jugend“, welches von unseren besten Schülerinnen vorgetragen und meiner „Wenigkeit“ technisch mit Tonband und Hi-Fi- Turm unterstützt wurde, nahm man sich des Hauptthemas an. Oder besser gesagt: Man versuchte es! Dabei gingen Eltern und Schulleitung ziemlich erwachsen vor. Nämlich gar nicht, um genau zu sein. Zuerst passierte nämlich nicht viel. Die Eltern hörten mit gelangweilt und betretenen Gesichtern zu, während die Schulleitung eine halbe Stunde bemüht um den „Heißen Brei“ herumzureden war. Ein langweiliger Monolog, bis jemand doch das Wort SEX entfuhr. Es war als wäre eine Bombe in den Saal gefallen und für einen Augenblick war es ganz still. Doch dann geschah das Wunder: Plötzlich wollte jeder etwas sagen. Alle waren plötzlich wie verwandelt, die Emotionen brachen sich Bahn und so kam es, dass auf einmal alles diskutierte und durcheinander schrie, so, dass manch einer von uns dachte im „falschen Film“ zu sein. Aber egal, irgendwann legte die erste Panik sich, die Schulleitung bekam die Gemütswallungen der Gäste in den Griff und begann eine, mehr oder weniger, „geordnete“ Diskussion, die natürlich uns Jugendliche betraf. Dass es mit unserem Verhalten nicht so weiter gehen könne, sich dieses sofort ändern müsse und vor allem die Eltern dafür verantwortlich seien. Darauf gingen die Eltern sofort ein. Natürlich hatten auch sie die plötzliche Veränderung ihrer Kinder bemerkt. Und natürlich auch das bunte Treiben im Ort, doch was sollten SIE schon dagegen tun? „Wenn ihr Lehrer, als studierte Pädagogen, schon nicht in der Lage seid, das von euch erwähnte Problem in den Griff zu bekommen. Was sollen dann WIR dagegen tun? Wir können doch unsere Kinder nicht zuhause einsperren!“, begannen sie zu argumentieren, während die Schulobrigkeit dagegen hielt. Erziehung sei in erster Linie Sache der Eltern. "Die „Rolle“ des Lehrers, in der Gesellschaft, sei eher als Ratgeber zu sehen!“, schob sie den Eltern gekonnt die Verantwortung zu. Doch die ließen sich nicht darauf ein und schrien wütend: „Ach, auf einmal! Wo es doch vorher jahrelang hieß, dass wir Eltern von moderner Erziehung keine Ahnung hätten und grade ihr Lehrer, mit eurer „neuen Weisheit“ die Wegbereiter unserer Kinder, auf der Straße des Sozialismus wärt. Außerdem: Was seid ihr denn für Ratgeber, wenn ihr selbst keinen Rat wisst?“ Und so ging das hin und her! Eltern und Lehrkörper beschimpften sich gegenseitig, während wir aufmerksam zuhörten und gespannt waren, wie alles weiterginge. Doch keine Einigung kam in Sicht. Was sollte man tun? Der „Siegeszug“ der „haltlosen“ Dorfjugend ließ sich offenbar nicht aufhalten. Das mussten selbst die Erwachsenen einsehen. Die plötzliche Veränderung hatte auch sie überrascht und einfach „überrollt“! Etwas dagegen tun konnte man offenbar auch nicht. Da schien das Chaos perfekt. Da meldete sich glücklicherweise ein Mann zu Wort, der die ganze Zeit stumm zugehört hatte. Und es stellte sich heraus, dass er trotz jüngeren Aussehens, vor kurzem noch Professor an der Berliner Charité gewesen war. Jetzt, erfuhr man, sei er extra nach Leipzig gezogen, um hier fähigen Studentennachwuchs heranzuziehen. Er, der als „Koryphäe“ in seinem Fach galt, konnte die ganze Aufregung nicht verstehen. Was hier mit den Jugendlichen passiere, sei doch ganz normal. Eine biologische Entwicklung, die man PUBERTÄT nennt und die man in Berlin jedenfalls kenne! Ob sie, Pädagogen und Eltern, denn noch nie etwas davon gehört hätten und so. Und Frühreife sei nicht etwa als negativer Aspekt oder Makel der sozialistischen Gesellschaft anzusehen, sondern im Gegenteil, als Zeichen ihrer Vollkommenheit! Ein Symbol des Fortschritts und sozialer Sicherheit gewissermaßen, denn nur dort, wo diese Faktoren zusammenkommen, könne beides existieren. Also solle man doch nicht mit „Kanonen auf Spatzen schießen“ und dieser Entwicklung den Schwung aus den Segeln nehmen. „Na also“, dachten wir alle. Das war schon etwas! Die „Rede“ des Professors hatte gewirkt. Eltern nickten zustimmend, Lehrer tuschelten aufgeregt und unsere Schulleitung, die natürlich von Anfang an wusste, dass sie sexuell total „hinterm Mond“ war, lenkte sofort ein. Zum einen, weil die Eltern jetzt auf der Seite des Fürsprechers ihrer Kinder waren, zum anderen blieb ihnen im Fall des Professors gar keine andere Wahl. Einem Mann „von Welt, “der ein ganz anderes Wissen und ebensolche Einblicke vom Leben hatte. Der nur, um in Leipzig Studenten zu unterrichten, extra aus Berlin, der Metropole des „Sozialismus„ in unser „Kuhkaff“, gezogen war. Wer hätte so einem akademischen Halbgott schon widersprochen? Der für die „dörfliche Jugend“ Partei ergriff, welcher noch dazu ein Experte der Wissenschaft war und dessen Töchter an diese Schule gingen wohlgemerkt. Und der, wer wusste das schon, vielleicht noch Parteimitglied war! Nein. Da zu widersprechen ging einfach nicht! Da konnte ja wer weiß was passieren! Vielleicht hätte der Mann, vom Spießer Flair unseres Dorfes geschockt, seine Töchter sofort von der Schule genommen, alle „sieben Sachen gepackt“, um sofort wieder nach Berlin zu gehen. Wo dann Dank IHM, die ganze Welt von der Rückständigkeit unseres Dorfes erfahren würde. Nicht auszudenken, was für eine Blamage das wäre! Oder der Mann hätte sich beim Bildungsministerium beschwert. Dann wäre die Katastrophe perfekt. Dann würde das ganze Land erfahren, dass es hier noch wie im Mittelalter war. Das konnte man nicht zulassen. Deshalb gab die Schulleitung klein bei. Natürlich seien ihr Pubertät und Frühreife bekannt. Man war ja selbst mal jugendlich. Und was die Ereignisse der letzten Wochen betrifft. Vielleicht habe er, der Professor mit seiner Darlegung, das diese Erfolge sozialistischen Allgemeinwohls sein ja recht. Das sie Ausdruck jugendlich, sozialistischer Lebensfreude wären und so weiter. Von dem Standpunkt haben Schulleitung und Lehrer das „Problem“ eben nur noch nicht betrachtet oder gesehen. Und ja! Vielleicht wäre es wirklich das Beste, der jugendlichen Entwicklung ihren freien Lauf zu zugestehen. Sie nur als Phase der Umwandlung zu sehen, die „vorübergeht“! Und was den „schlimmsten Fall“, also den „SEX“ beträfe, ganz unvorbereitet sei man da ja nicht. Schließlich gab es ja den „Aufklärungsunterricht!“ Den man den „Umständen“ entsprechend ja vorverlegen könne. Außerdem stünden ja die Sommerferien vor der Tür. Die zehnten Klassen, würden dann ihren Abschluss machen und die Lehrstätte verlassen, was sehr zur „Entschärfung“ der Lage beitragen dürfte, wozu der „ Konkurrenzkrieg der Abgangsschülerinnen mit dem der Mittel und Oberstufe gehört. Der würde dann sofort aufhören. Und schon damit hätte man viel gewonnen, weil der normale Schulablauf wieder hergestellt wäre. Die jüngeren Klassen würden dann die Stelle der Abschlussklassen einnehmen und sich vielleicht ihrem „Rang“ entsprechend erwachsener benehmen. Dann würde alles auch ohne dramatische Maßnahmen wieder in Ordnung sein. So dachte man jedenfalls damals. Und so wurde es auch beschlossen! Nachdem man uns anwesende Jugendliche die „unhaltbare“ Verpflichtung auferlegte, nichts von all dem, was wir gehört und gesehen hatten, zu erzählen, ließ man uns gehen und der Elternabend war vorbei. Und komisch! Plötzlich waren sich alle Erwachsenen einig. Jedermann war auf einmal der Meinung des Professors und WIRKLICH jeder hatte „es doch gleich gesagt!“ Und alle waren glücklich. Lehrer und Schulleitung waren froh, sich aus der misslichen Lage befreit zu haben, in die sie sich selbst gebracht hatten. Die Eltern, weil sie keinen Stress mit ihrem pubertierenden Nachwuchs bekamen und sich nicht genötigt sahen, uns zu Hause anzuketten. Eine Maßnahme, die in meinem Fall sowieso viel zu spät gekommen wäre. Denn eins wussten all die, welche diesem denkwürdigen Ereignis beigewohnt hatten, nicht. Dass, während man hier noch über möglichen Sex Jugendlicher“ diskutiert hatte und meine Freunde und Klassenkammeraden erste Versuche auf diesem Gebiet machten, meine Karriere als „jugendliches Sexmonster“ schon längst lief. Ein Umstand von dem damals weder Lehrer und Eltern etwas mitbekommen hatten. Und der, einem besonderem Ereignis oder besser gesagt, einer frühjugendlichen Liebe, von mir zu verdanken war. Genauer gesagt „Mieze“, der älteren Schwester eines Freundes, die ich auch heute noch, nach all den Jahren, sinnbildlich gesprochen, nur als ein Ereignis beschreiben kann. Ihr Aussehen, ihre Bewegungen und die Art wie sie sprach, einfach alles an ihr. All dies ließ sich nur in Superlativen beschreiben, obwohl es eigentlich gar nicht zu beschreiben war. Das sah natürlich auch ich. Und selbst meine Worte, der ich sonst nicht auf den „Mund “gefallen war, reichten für sie nicht aus. Und natürlich war ich in sie verliebt. Doch ich war auch Realist. Bei solch einem Mädchen, das der Traum aller älteren und jüngeren Schüler war, hatte ich keine Chance. Dachte ich jedenfalls… Aber es kam anders. Und wie immer, schienen Glück und Schicksal eine wesentliche Rolle dabei zu spielen. Das Glück war wohl, dass ich mich zur richtigen Zeit am richtigen Ort befand, und, der sollte bezeichnender Weise, eine von Freunden gebaute „Bude“ unter einem Starkstrommast mitten auf einem unserer Felder sein. Und der Zufall, das „Mieze“ und ich uns dort mit noch anderen an dem gewissen Tag begegneten, kamen noch hinzu. Was tatsächlich ein Glücksfall war, denn eigentlich wäre sie gar nicht hier gewesen, sondern mit den Älteren unterwegs. Weil wir dieses Jahr einen langen heißen Sommer bis in den Spätherbst hatten, waren die nämlich noch mal alle zum Zelten gefahren. Nur „Mieze“ durfte nicht mit! Ihre Eltern hatten ihr wohl die Erlaubnis aus Angst um ihre „Unschuld“ verwehrt. Das sollte, wie sich bald herausstellen würde, ein folgenschwerer Fehler sein. Aber egal. Noch war ja gar nichts geschehen und wir standen harmlos quatschend unter dem, von Büschen und Bäumen, umgebenen Starkstrommast herum. Doch dabei blieb es nicht lang. Irgendwann, als wir genug Jungs und Mädels waren, schlug jemand vor, wir sollten in die „Hütte“ gehen und „Flaschendrehen“ spielen. Und so ging es los. Freudig drängten sich alle, in die in den Mast, gebaute Bude hinein und spielten das beliebte Spiel, dessen Regeln ganz einfach waren. Jungs und Mädels setzten sich gegenüber und einer der vorher bestimmt wurde, begann die Flasche zu drehen, bis diese, mit ihren beiden Enden zwischen einem „Paar“ zum Stehen kam und mit ihren Enden auf die zwei „Erwählten“ wies, die sich dann küssen mussten. Wobei, wie sie das tun mussten, also, nur „Küsschen“ oder „Richtig“, der Entscheidung der Mitspieler oblag. Und natürlich wurde mit Vorliebe letzteres gewählt. Vor allem, wenn das Paar schon „älter“ war. Wie bei „Mieze“ und mir zum Beispiel. Die heut zufällig mitspielten und sich das so verhielt. Da war der Fall klar. Dass, als uns die Flasche bestimmte und wir die anderen fragten wie wir uns küssen sollten, deren Antwort „richtig“ war. Und das taten wir auch. Oder besser gesagt ich und das Erlebnis des Kusses haute mich glatt um. Es war unglaublich. Vom süssen Geschmack ihrer Lippen, dem blumigen Duft ihres Körpers und ihrem heißen Atem wurde mir ganz heiß. Und ihr offenbar auch. Wie ich an ihren Bewegungen merkte, mit denen sie sich an mich schmiegte, während ich sie in meinen Armen hielt. Da passierte es schon. Denn schon, als ich sie das erste Mal küsste, merkte ich, dass da mehr zwischen uns war. Und selbst die anderen schienen das sofort zu spüren, denn sie wechselten bedeutungsvolle Blicke, drehten mit der Flasche die nächste Spielrunde und konnten kaum erwarten, dass uns der Zufall traf. Genau wie wir! Was erstaunlicher Weise ab jetzt immer öfter geschah. Zur Begeisterung aller Mitspieler, was besonders auffällig schien. So das man allen Ernstes meinen konnte, sie selbst hätten etwas mit der häufigen Zufälligkeit zu tun. Doch eigentlich war uns das gleich. Ob es nun einfach Glück oder Einwirkung der Mitspieler war, die dieses Wunder immer wieder geschehen ließ, war uns völlig egal. Wichtig war nur, dass es geschah. Und so ging das stundenlang. Etwa bis siebzehn Uhr! Seit Mittag hatten wir in der Bude gehockt. Jetzt mussten die Ersten von uns erst mal nach Haus. Um sich mal „sehen“ zu lassen. Also verließen wir die Hütte und die Ersten machten sich auf den Weg. Da passierte es, dass Mieze, die mit mir als letzte aus der Hütte kam, mich zur Seite nahm, mir ohne das die anderen es sahen noch ein Küsschen gab und fragte: „Kommst du heut Abend noch zum Konsum? Zu mir?“ Da sagte ich sofort ja. Ich wusste ja, dass die anderen beim Zelten waren. Und was „Miezes“ Frage da nur eins bedeuten konnte, war mir sofort klar. Nämlich das sie MICH sehen wollte, um mit MIR allein zu sein. Und so war es dann auch. Als ich abends am Konsum ankam, hinter dem sich übrigens gleich der „Bau“ befand, war sie beinah allein. Nur ein paar Jüngere saßen noch davor. Darunter einige, die Mittag noch beim „Flaschendrehen “mitgespielt hatten und jetzt verliebte Pärchen waren. „Wie romantisch.“ Und wer weiß, vielleicht würde ich gleich dazugehören, dachte ich und ging sofort zu „Mieze“ hinüber, die mich lächelnd auf der Treppe empfing. Dann ging alles wie von selbst. Nachdem ich mich zu ihr auf die Stufen gesetzt hatte, begannen wir ein harmloses Gespräch. So als wäre der schöne Nachmittag nie gewesen, wir hätten uns nie so „heiß“ geküsst und nichts von alldem Wunderbaren, was wir getan hatten, wäre passiert. Das taten wir dann so lange bis die Anderen gehen mussten. Bis es auf Platz und Straße vorm Konsum, welche nur vom Neonlicht, der Schaufenster beleuchtet wurde, einsam wurde und wir ganz alleine waren. Erst da sprachen wir dann noch mal von unserem Spiel. Na ja, um ehrlich zu sein fing Mieze davon an. „Das war sehr schön heut Nachmittag. Ich hätte nicht gedacht, dass du so gut küssen kannst!“, sagte sie plötzlich und sah mich verführerisch an. „Wahnsinn!!!“, dachte ich. So ein Kompliment und das von so einem Mädchen. Das konnte doch alles kein Zufall sein. „Wenn du möchtest, können wir ja weiterspielen“, hörte ich mich vorsichtig antworten und konnte kaum glauben, dass ich mir das traute und so zu ihr sprach. Das ich, ein dreizehnjähriger Junge, ein älteres Mädchen verführen wollte, das der Traum aller älteren Schüler und eine wahre „Sexgöttin“ war. Aber ich tat es, während ich aufgeregt auf „Miezes“ Antwort wartete und neben ihr saß. „Aber die Anderen sind doch alle schon weg“, gab sie zu Bedenken und sah mich spitzbübisch an. „Dann spielen wir eben allein.“ „Allein?“, erwiderte sie. „Nur mit mir? Aber wird dir das Spiel dann nicht zu langweilig sein? Mit nur einem Mädchen. Nur mit mir?“ „Aber nein. Mit dir bestimmt nicht!“, beeilte ich mich zu sagen und sie lächelte mich wieder an. Doch offenbar war sie noch nicht ganz überzeugt und fragte mich, indem sie mir tief in die Augen sah. „Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist, wenn wir das tun?“ „Ja, das denke ich.“, sagte ich und rückte ganz nah an sie heran. So nah, dass ich ihren Atem spüren konnte und mein Gesicht mit ihrem fast in Berührung kam. „Okay!. Dann komm!“, flüsterte sie ganz schnell bevor ein Kuss von ihr meine Lippen traf. Dann ging alles sehr schnell, indem mich „Mieze“ während des Kusses sanft von den Stufen hinter den Konsum zog. Dahinter befand sich der „Bau“, der heute total verlassen war und jetzt wahrhaft gespenstisch aussah. Doch dafür hatten wir keinen Blick. Gemeinsam liefen wir Hand in Hand durch den von Trümmern übersäten und Büschen bewachsenen Vorplatz auf das Gebäude zu, dessen Fassade im hellen Mondlicht wie ein beinerner Totenschädel anzusehen war. Doch das störte mich nicht. Genauso wenig wie „Mieze“, die mich kaum im Gebäude angekommen, gleich in den „Salon“ zerrte, um hemmungslos über mich herzufallen. Genau wie ich über sie. Ineinander verschlungen und uns küssend lehnten wir erst an der Wand. Wobei unsere Hände überall auf dem Körper des anderen waren und schon war es um uns geschehen. Das Feuer der Begierde jagte durch unsere Adern und schien jeden Zweifel zu verbrennen, während ein Sturm der Leidenschaft uns von einer Sekunde zur nächsten ins Universum der Liebe wehte, wo wir uns rettungslos verloren. Und so geschah es. Indem ich „Mieze“ sanft auf meine Arme hob und über die von, vom durchs Fenster fallende Mondlicht beschienenen Einrichtungstrümmer, zum anderen Ende des Saloons trug, wo wir uns auf das größte „Club Sofa“ sinken ließen und schon war alles zu spät. Nachdem wir uns sozusagen schon im Stehen „warmgeküsst“ hatten und es jetzt im Liegen taten, war uns der Ausgang unseres Spiels, das so harmlos angefangen hatte, klar. Und wo es enden würde auch. In unserer ersten Liebesnacht. Und mehr, gibt es darüber eigentlich nicht zu erzählen. Außer vielleicht, das diese Nacht unser Leben total verändern sollte. Bei „Mieze“ insofern, als das sie sich später zur leibhaftigen Verführerin entwickeln sollte, die in Zukunft jeden um den „Finger“ wickeln würde, während ich seit dieser Zeit ein rastloser Liebhaber war. Oder jedenfalls fast. Denn all das sollte erst kurze Zeit später geschehen. Aber trotzdem. Eines weiß ich genau – der Grundstein für diese Entwicklung wurde in dieser Nacht im „Bau“ gelegt. In dem Feuer der Leidenschaft, das „Mieze“ und mich verschlang. Welches auch danach noch, einer ewigen Flamme gleich, in uns brannte, uns den Weg vorgab den wir gehen mussten, das von da an immer in uns und nicht mehr zu löschen war. Damals in dieser Nacht, als sich unsere Zukunft und alles was folgen würde entschieden. Und das wussten wir auch. Doch es war uns gleich. Unsere Zeit war jetzt und hier. Alles andere war uns egal. Auch mir. Wieso sollte ich mich um das kümmern, was bald kam. Morgen, nächste Woche, nächstes Jahr? Es war mir ganz gleich. Jetzt war ich erst mal mit „Mieze“ zusammen. Und zwar geheim! Warum das so war, hatte die „altbekannten“ Gründe, die wie immer das Resultat einer intoleranten Umgebung waren. Die man als Liebender nie unterschätzen durfte und welche, um sie nicht zu verheimlichen, folgende waren. Erstens, weil „Mieze“ keinen Ärger bekommen sollte. Immerhin war sie ja ein paar Tage „älter“ als ich. Zweitens, damit kein Neid bei unseren Freunden aufkam. Was zwar selten passierte, doch man musste ja nicht erst riskieren, dass es so weit kam. Erst recht bei so einer Schönheit wie „Mieze“ nicht, die der Traum aller Männer war. Also ließen wir Vorsicht walten, um auch im Punkt zwei unserer Vorsichtsmaßnahmen sicherzugehen. Wobei wir schon beim letzten Grund für unsere Vorsicht wären, welcher ganz einfach folgender gewesen ist: Das es uns einfach Spaß machte, vorsichtig zu sein. Natürlich gab es noch hundert andere gute Gründe dafür. Zum Beispiel, dass die Lehrer unserer Schule nichts davon erfahren durften. Schließlich hingen grade die sich jetzt gern in solche Dinge mit hinein. Oder unsere Eltern, die sich nicht leiden konnten, was genauso eine Katastrophe gewesen wäre. Aber auch da sorgten wir vor. Uns von Erwachsenen den Spaß verderben lassen hatten wir ebenso wenig Lust, wie eine moderne Version von „ROMEO UND JULIA“ zu sein. Oder zu enden, was unter derart missgünstigen Umständen, die hier allgegenwärtig waren und bis zum heutigen Tag sind, sehr wahrscheinlich schien. Aber wie dem auch sei, wahrscheinlich kann man sagen, dass der wahre Grund alles geheim zuhalten bei uns wohl der Spaß an der Sache selbst war. Die ständige Angst erwischt zu werden und unser Doppelleben, machten alles erst richtig aufregend für uns. Und mehr noch. Sie verwandelte uns. Wenn wir uns tagsüber, als wäre nichts gewesen, harmlos mit den Anderen trafen und uns nachts heimlich von zu Hause wegstahlen, nur um ein paar Stunden zusammen zu sein, fühlten wir uns wie Stars in einem Actionfilm. Und so ähnlich war es auch. Unser ganzes Leben schien sich plötzlich, nur noch um Liebe und Abenteuer zu drehen. Und so war es auch. Genau das wollten wir. Und deshalb machten wir so weiter wie bisher. Man könnte auch sagen, wie am ersten Abend. Nur das wir das nicht mehr im „Bau“ tun konnten. Jedenfalls nicht immer. Das ging nämlich nur in der Woche, wenn selbst die „Älteren“ eher nach Hause gingen und in unserem „Liebesnest“ niemand mehr war. Am Wochenende, wenn im „Bau“ die Partys bis zum Morgen gingen, mussten wir uns schon was einfallen lassen, um allein zu sein. Dann besuchte ich „Mieze“ zu Hause, indem ich einfach über ein Weingerüst kletterte und auf die Art in ihr Zimmer kam. Oder wir trafen uns in der Hütte unter dem Strommast, verlassenen Lauben und so weiter. Am schönsten war es natürlich immer im „Bau“: Denn er hatte uns verzaubert. Jedes Mal, wenn wir uns dort liebten, wurden wir von Erinnerung überwältigt und jede Nacht dort war wie das erste Mal. Das war fantastisch für uns. Und wir konnten nicht genug kriegen davon. Von den Dingen, die wir jetzt taten, den Orten, wo wir uns trafen und unseren Geheimnissen. Und so verging fast ein halbes Jahr. Bis wir uns dann doch trennten. Warum es so kam und warum wir das taten, lässt sich nur schwer erklären. Vielleicht weil wir uns zu ähnlich waren. Neugierig auf all die Lieben, die noch auf uns warteten und im Leben für uns vorgesehen waren. Vielleicht spürten wir das. Wahrscheinlich war es so. Und weiter dramatisch war das zu unserem Glück nicht. Denn eigentlich hatten wir uns gar nicht richtig getrennt und waren, obwohl wir nichts „festes“ wollten, immer noch ein Paar. Indem wir mal zusammen waren, oder auch nicht. Oder später, wenn wir uns immer noch trafen, um uns über unsere neuesten Liebesabenteuer zu unterhalten, oder um über unsere neuen Lieben zu philosophieren. Wenn wir grade mal wieder „Solo“ oder „Single“ waren. Da war uns schon klar, dass das was uns verband nichts Alltägliches sondern etwas Besonderes war. Aber wie dem auch sei. Unser Zusammensein hatte uns verändert. Oder besser gesagt etwas in uns ausgelöst. Vor allem auch bei mir. „Mieze“ hatte etwas in mir „entfacht“. Etwas, das sich möglicherweise schon immer in mir befand, in mir schwelte und dabei, mich wie Feuer zu verzehren war. Den unstillbaren Hunger nach erotischen Erlebnissen, Liebe und Sex. Doch das war es nicht allein, was sie in mir geweckt hatte. Es war vielmehr, wurde mir klar. Mehr als ein Gefühl oder „nur“ Begierde allein. Ein Gefühl, das die Lust auf Erlebnisse, Abenteuer und das Außergewöhnliche in mir entfachte. Das alles hatte meine wunderbare Geliebte in mir erweckt. Und alles, was sie mir geschenkt oder in mir entfesselt hatte, das trieb mich jetzt voran. Und es tat noch viel mehr. Es durchflutete mich, inspirierte mich und ließ mich nicht ruhen. Und, dass dies von nun an immer so bleiben sollte, wusste ich damals schon. Aber wie dem auch sei. All das was war und jetzt noch kommen würde, hatte ich „Mieze“ zu verdanken, die für mich vielmehr als nur eine Geliebte war. Sehr, sehr viel mehr sogar. Und sonst sag ich so etwas nicht. Doch für mich war sie die Göttin der Liebe persönlich, vom Schicksal zu mir gesandt und ausersehen, um mein sinnliches ICH zu erwecken, das tief in mir geschlummert hatte und jetzt, nachdem es von Mieze befreit wurde, nicht mehr aufzuhalten war. Und, dass es so war, konnte man bald sehen.

Vivienne

VIVIENNE

 

Schon als ich vierzehn war hatte ich mit mehreren Mädchen geschlafen. Und nicht nur das. Gelegentlich ließ ich mich auch von „älteren Frauen“, manche davon bereits über zwanzig, „verführen“, ohne seelischen Schaden zu nehmen. Im Gegenteil, ließ ich und jetzt werden alle „Sexpsychologen“ aufschreien, diese „Verbrechen genüsslich über mich ergehen und fühlte mich dabei sehr wohl. Ja, mehr noch, ich konnte gar nicht genug dieser weiblichen Zuwendung bekommen und mit einer Strategie schaffte ich das auch. Da viele meiner „Geliebten“ Mieze´s ältere Freundinnen waren, wussten sie auch, was sie an mir fanden und mir war bewusst, dass der Schlüssel meines Erfolges mein „unschuldiges Aussehen“ war. Das war auch nicht schwer herauszufinden. Schließlich hatte ich auch Mieze´s Herz so erobert, wie sie mir selbst sagte, weil ich so „süß“ und „unschuldig“ wirkte. Und das nutzte ich dann schamlos aus. Meine „harmlose“ Fassade war jetzt für mich der Schlüssel zum Himmel der Liebe! Und das Bewusstsein meiner Ausstrahlung wurde zu meinem verlässlichsten Mittel, ihn auch zu erreichen. Doch das war nicht allein der Grund meines Erfolgs. Da gab es noch einen anderen, der auch nicht unwesentlich und sehr wichtig gewesen ist. Ich gab nämlich, für mein Alter untypisch, nicht mit meinen „Eroberungen“ in der „Öffentlichkeit“ an und behielt die „Sünden“ meiner Liebhaberinnen für mich. Was sich bei den Mädels, hinter vorgehaltener Hand, schnell herumsprach und mir noch mehr Abwechslung, sprich SEX, einbrachte. Jede jugendliche Dame, die mal aus dem langweiligen sozialistischen Alltag ausbrechen wollte, Lust auf ein wenig „Nervenkitzel“, etwas Besonderes oder einfach nur „verbotene Liebe“ hatte, brauchte es mich nur wissen zu lassen und ich erfüllte ihr diesen Wunsch. Eine „beste Freundin“ erzählte es der nächsten und so flatterte ich als „sexueller Geheimtipp“, von einer zur nächsten Schönheitskönigin, oder um es poetisch auszudrücken, wie ein Schmetterling, der von einer Blume zur nächsten flog. Und die Blumenwiese meines Lebens war damals sehr groß. Es war unbeschreiblich, aber eigentlich war es noch viel mehr! Es war das Paradies auf Erden! Und es schien ständig größer zu werden. Genau wie mein Hunger, der mich durchs Land der Liebe trieb. Der groß und unersättlich war. Und in Zeitnot brachte er mich auch. Da ich vor lauter „Liebelei“, oftmals kaum noch dazu kam meinen Alltag abzuwickeln. Mein normales „Teenagerleben“, Schule, Sport und Freunde treffen musste ja auch weitergehen. Es wäre ja aufgefallen, wenn ich plötzlich total von der „Bildfläche“ verschwunden wäre. Ein Glück, dass ich damals schon flexibel war. Also nutzte ich jede Möglichkeit mein Liebesleben unauffällig zu führen. Nachts, wenn meine Freunde vorm Fernseher hockten, früh‘s, wenn wir später oder auch Freistunden hatten, war ich heimlich zu meinen Mädels unterwegs. Nachts, wie eine Katze, über dunkle Straßen, Mauern, Baugerüste und Bäume, durch „extra“ für mich offen gelassene Fenster und Balkontüren. Tags, manchmal auf Umwegen, durch verlassene Gärten, Höfe und Hintereingänge, nur um bei ihnen zu sein. Was nicht immer ganz ungefährlich war. Oft musste ich mich unter Vorwänden an Nachbarn, Mietern und neugierigen Bürgern zu meinen Verabredungen (früher für „Dates“) vorbeimogeln. Doch auch damit kam ich bestens klar. Fantasie und Ideenreichtum, die jedem Geheimagenten, Ehre gemacht hätten, ließen mich alle Schranken, geordneten bürgerlichen Lebens durchbrechen, mit jugendlicher Unschuldsmiene und Redegewandtheit, wickelte ich selbst die argwöhnischsten Erwachsenen und Fragesteller ein. Und keiner merkte etwas. Und selbst wenn, hätte es mich selbst kaum gestört. Mir war egal, was Erwachsene und Moralapostel über meine „Ausschweifungen“ dachten. Wahrscheinlich das, was sie auch heute noch denken. Doch wen zum Teufel interessierte das schon? Mich jedenfalls nicht! Denn es war MEIN LEBEN, das ich lebte. Und wenn ich es auch manchmal auf Schleichpfaden durchmaß, geschah das nicht um meinetwillen, sondern um meine „heimlichen Lieben“ nicht zu kompromittieren. Ein Vorgehen, das man einem Jugendlichen wegen seiner „Unreife“ natürlich schon damals nicht zugetraut hätte und sowieso eher einem Erwachsenen zugestand. Dass letzteres ausnahmslos Quatsch ist, konnte man damals schon, und kann man auch heute noch, an „aufgeflogenen“ Affären dieser Menschengruppe sehen. Ich sah es jedenfalls. Auch, dass es Jugendliche gab, die ihren Vorbildern nacheiferten, sich genauso dämlich anstellten und bei Verschleierung geheimer Liebesdinge genau so ungeschickt waren. Dass es so war und ist, streite ich auch nicht ab. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es auch in diesem speziellen Fall die berühmte Ausnahme gibt und gab. Und das ich wohl schon damals das beste Beispiel dafür war. Aber ich war es. Und, dass meine Diskretion gut war, konnte ich noch sehen. Denn Jahre später brachte sie mir in der weiblichen Welt noch Pluspunkte ein, denn es ist schon komisch. Weil es auf die Frage die mir später noch oft von Mädchen mit denen ich zusammen war gestellt wurde und die lautete: „Sag mal Schatz kannst du mir sagen, warum meine Mutter dich so gut leiden kann und dich so gut kennt?“, nur eine Antwort gab: „Weil ich früher mit ihr zusammen war!“ Aber so ist das Leben. Ein Weg, der mit Überraschungen jeglicher Art gepflastert ist und auf dem einem in Sachen Liebe alles Mögliche passiert. Das kann man natürlich nur wissen, wenn man wirklich gelebt hat und natürlich geliebt. Und ich versuchte es wenigstens. Ich wollte nichts verpassen. Nichts war vor mir sicher! Und ich hatte ja auch Erfolg. Denn, wer außer mir, hatte schon solch ein Leben? Wer war so gefragt? Und hatte so viel Glück? Sicher nur wenige.

Und egal, was „Sexexperten“ und erwachsene Besserwisser nun darüber denken mögen. Wie viel „Abschüsse“ ich bis vierzehn schon hatte. Und wie „moralisch verkommen“ ich damals schon war. Ich war es mit Überzeugung: Was nicht heißt, dass ich gefühllos gewesen bin. Denn das erste Mal als ich mich wirklich verliebte sollte das, wie sich zeigte, für immer sein. Und das kam so. Schon als ich noch mit „Mieze“ zusammen war, verliebte sich die jüngere Schwester, der Freundin eines Kumpels in mich. Sie hieß Vivienne, war sehr hübsch und hatte, dass sie mich liebte, unvorsichtiger Weise ihrer Schwester Carole gesagt. Und die hatte es logischer Weise, wie Mädels so sind gleich meinem, oder in dem Fall ihrem Freund erzählt. Und wie es dann weiterging kann sich wohl jeder an seinen fünf Fingern abzählen. Mein Kumpel, er hieß übrigens Olli, berichtete es mir. Und von da an lief die Sache auch schon. Zumal, die „Flamme“ meines Freundes, ihrer jüngeren Schwester sagte, dass ich alles wusste und über alles im Bilde war. Und jedes Mal, wenn wir uns jetzt zufällig begegneten, lächelte sie mich schüchtern an. Ich winkte ihr zu und sie mir zurück. Doch das war noch nicht alles. Ich ließ sie durch meinen Freund Olli, der es ihrer Schwester sagte von mir grüßen und umgekehrt.

So ging das dann ein paar Tage. Bis wir uns an einem Nachmittag „zufällig“ im Park des Dorfes trafen. Und spätestens da war alles zu spät. Es war das erste Mal, dass ich sie ganz aus der Nähe sah und ihr Anblick haute mich glatt um. Diese Augen, diese blonden schlangengelockten Haare und dieser Mund…. Viel zu schön, um wahr zu sein. Und erst die Stimme dieses Traummädchens. Die mich hypnotisch in ihren Bann zog, als wir uns auf eine Parkbank setzten und ich nichts anderes tun konnte, als in Viviennes Augen zu sehen. Erotischer Wahnsinn!. Es war wie ein Traum. Der Wind wehte den betörenden Duft ihrer Haut zu mir herüber ihre Augen sahen mich erwartungsvoll an. Da küsste ich sie das erste Mal… Und schon war ich rettungslos verknallt. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag miteinander und nicht nur ich würde hinterher sagen, dass es der schönste unseres Lebens war. Gemeinsam, bis über beide Ohren verliebt, liefen wir durch eine andere Welt, die mit der, die wir kannten nichts mehr gemein zu haben schien. Und plötzlich gab es nur noch uns. Unsere Lippen, die wir beim Küssen spürten, die Blicke, in denen wir uns verloren. Unsere Hände mit denen wir uns berührten. Das war alles, was es noch gab, als wir glücklich durchs Land der Liebe gingen. Und das war fantastisch. Unsere Liebe hatte alles verzaubert. Den Himmel und die Sonne, welche wir sahen. Die Bäume und Büsche, die Wiesen über die wir liefen. All das hatte sich verändert. So, als sähen wir es zum ersten Mal. Das spürten wir beide, als wir Hand in Hand über die alten Wege zum Parkteich gingen. An den uralten Bäumen des Waldes vorbei, bis wir einsam und allein auf der Brücke des Parkteiches angekommen waren. Dort standen wir dann ohne ein Wort zusammen und küssten uns bis der Abend kam. Als der blaue Nachthimmel sich über uns wölbte und Milliarden

Sterne, sich auf der Fläche des Parkteiches zu spiegeln begannen. Erst dann, spät abends brachte ich Vivienne nach Haus. Was soll ich noch weiter erzählen. Eine Woche später, als Viviennes Eltern Verwandte besuchten und ihre Schwester zu einer Party ging, ist es dann passiert. Nachdem wir ein paar Stunden Musik gehört und gekuschelt hatten schliefen wir miteinander. Nicht weil, wir, wie man heute behaupten würde, nicht wussten was wir da taten, sondern gerade, weil wir es wussten. Weil wir es wollten, uns wünschten und in vollen Zügen genossen. Was heute wahrscheinlich unglaublich klingt. Vielleicht, weil wir in einer Zeit lebten in der Sex und Liebe noch erlebt und nicht totgeredet wurden. Wo Mädchen nicht bis vierzig auf den „Märchenprinz“ warten und ihr „erstes Mal“ nicht Jahrzehnte lang planen und vorbereiten mussten, als man noch ein Liebespaar war und keine „BEZIEHUNG“ hatte. Wo man einfach nur liebte. Für uns spielte das alles keine Rolle. Weil wir glücklich und füreinander geschaffen waren. Und, weil wir das wussten. Weil es unsere Zeit war. Die nur uns gehörte und die wir jetzt nutzen mussten. Auch wenn sie vielleicht nicht ewig dauerte. Es war uns ganz gleich. Das alles interessierte uns damals nicht. Denn wir hatten ja uns. Und nur das war wichtig. Und nur das zählte für uns.

So weit, wie s um meine sexuelle Entwicklung bis zum damalig, denkwürdigen Sonderelternabend stand, die ich nicht verschweigen möchte und welche glücklicher Weise auch in der späteren, schon beinah „sexfreien Zukunft“ keine Änderung erfuhr. Doch dazu komme ich später noch. Zunächst zudem, was sich nach der denkwürdigen „Schul-Sex-Konferenz“ ereignete oder so noch tat. Die Pläne, oder sollte ich sagen: Träume der Schulleitung, dass nach den Ferien wieder alles normal werden würde, erfüllten und verwirklichten sich nicht. Im Gegenteil. Die „Minis“ unserer Mädels wurden noch kürzer, wir waren immer noch am „Bau“ und „Treffs“ mit den Älteren unterwegs, wozu noch die gesamte Masse an Schulabgängern kam. Diese hatten jetzt wie von der Schulleitung gesagt, zwar unsere Schule verlassen und ihre Lehren begonnen. Für Flirts und Abenteuer mit unseren Mädchen hatten sie natürlich immer noch Zeit. Oder jetzt erst recht. Außerdem hatten sie jetzt auch noch Geld. Das sie gut gebrauchen konnten, um mit unseren Schönheiten Spritztouren mit ihren Mopeds zu machen und sie ins Kino, Diskos oder sonst wohin zu „entführen“. Die nachfolgenden Klassen, wozu wir gehörten, benahmen sich dann auch nicht wie erhofft, erwachsener und waren im Gegenteil bemüht, alles wie ihre Vorgänger zu tun. Die Mädels der „unteren Klassen“, begannen sich plötzlich für die Jungs, der „oberen“ zu interessieren. Also für uns! Und schon war alles, wie vorher. Nur das es noch schlimmer war. Und vorstellen muss man sich das ungefähr so: Dreizehn Uhr zwanzig, Schulschluss, sechzig oder mehr Mopeds und Motorräder, die wie eine Bomberstaffel durch die Dorfstraßen dröhnten, machten sich mit ihren Fahrern und deren Begleiterinnen zum Bau und den Treffs auf den Weg, um sich dort mit den Älteren zusammenzuschließen, mit denen sie die Freiheit des Nachmittags verbrachten und nichts anderes taten, als, wie vorher, den gesamten Distrikt unsicher machen, an ihren Lieblingsplätzen „abzuhängen“ und bis in die Nacht in der Gegend rumzufahren. Dementsprechend geschafft sahen sie dann am nächsten Morgen (wenn sie es schafften pünktlich zu kommen, oder überhaupt.) in der Schule auch aus. Das Spiel begann also von vorn. Und alle machten begeistert mit. Außer die Lehrer natürlich. Doch diesmal taten sie nichts. Möglicherweise hatten sie resigniert. Vielleicht fielen ihnen aber auch die Worte eines weisen Mannes aus Berlin wieder ein, welcher einst sagte: „Der hormonelle Siegeszug der Jugend lässt sich nicht aufhalten! Nicht durch Anordnungen und Verbote! Auch nicht durch Schulleitung oder das Elternaktiv!“ Und wer weiß. Vielleicht war es so. Jedenfalls dachten das viele. Selbst die, welche damals, bei dem Sonderelternabend dabei waren, nahmen das an. Alle außer mir! Denn ich kannte den wahren Grund! Als nach den Ferien alles so weiterging wie vorher und ich die Gesichter der Lehrer sah, wusste ich warum die Schulleitung nichts gegen die bahnbrechende Entwicklung ihrer Schüler tat. Weshalb sie die Jugend sich jetzt austoben ließen und keinen Versuch, eine neue Anti-Sex-Konferenz zu starten, unternahm. Sie hatte Angst, diese könnte wieder so enden wie die Letzte ausgegangen war. So machten sie gute Miene zum bösen Spiel, sahen „gezwungenermaßen“ über alles hinweg, in der Hoffnung, dass alles schnell vorüberginge und nur ein böser Albtraum war. Selbst unsere Klassenlehrerin hoffte das wohl. Doch ganz gleich, was in meiner Klasse im neuen Schuljahr auch passieren würde, ob sie sich ihre neue Freiheit nehmen, sich weiterhin jugendlich austoben, oder wieder zu braven Schülern werden würden. Es konnte mir jetzt egal sein. Mich betraf es nicht mehr. Weil ich „sitzen geblieben“ war. Da ich wie meine Lieblingsklassenlehrerin meinte, in den meisten Fächern schlechte Leistungen als auch große Wissenslücken hatte, und ein sehr schlechter Schüler war. Als gewissenhafter sozialistischer Jugendlicher, der ich nun mal war, konnte ich das natürlich nicht auf mir sitzen lassen und machte das Schuljahr freiwillig sofort noch einmal. Aber Spaß bei Seite. Ganz so war es dann doch nicht. Die Wahrheit war einfach diese: Das ich wirklich kein guter Schüler war. Und die Lehrer keine guten Lehrer. Das mir, der sowieso keinen „Bock“ auf „pauken“ hatte, das Lernen damals schwerfiel und die Lehrer, wie bei vielen anderen Mitschülern auch, keine Lust hatten mir was zu erklären. Warum sollten sie auch? Sie hatten ihre „Vorzeigeschüler“, die sie präsentieren konnten und wer nicht mitkam hatte Pech gehabt. Der war dann nur zu faul zum Lernen. Mit anderen Worten: Wenn ein Schüler schlecht lernte, war nie der Lehrer schuld. Eine „pädagogische Weisheit“, die auch meine älteste Schwester vertrat. „Wer schlechte Leistungen in der Schule hatte, war nur zu faul etwas zu „kapieren und muss sehen wo er bleibt! So einfach ist das!“ Das war auch die Einstellung der Lehrer und niemand nahm Anstoß daran. Die Bildungsinstitutionen und der Staat standen ja hinter ihren sozialistischen Lehrern, die uns für seligen Lebensweg drillten und Stützen der Gesellschaft waren. Was man schon am Lieblingsspruch hörte, den von Frau Goose so gern von sich gab: „Die Schule ist die Schmiede des Sozialismus!“, und so weiter. Und das es da nicht grad mit Samthandschuhen zuging, war klar. Was machte es da schon, wenn hier und da mal einer das Klassenziel nicht schaffte. Einer der ohnehin kein „Aushängeschild“ des sozialistischen Schulwesens darstellte, der sowieso „unangepasst“ war und kein guter DDR-Bürger werden würde, den man als Exempel der „Abschreckung“ für die anderen verwenden und als Verlust in Kauf nehmen konnte, wenn ansonsten alles lief. Klar, dass da mancher als „Bauernopfer“ auf der Strecke blieb. Genau wie ich. Doch das störte mich damals nicht. Wie ich wusste, waren ja nicht nur meine Lernleistungen an meiner „Ehrenrunde“ schuld. Meine Antipathie, meiner Klassenlehrerin gegenüber und meine Aktivitäten am „Bau“ trugen mit Sicherheit dazu bei. „Aber was soll´s“, dachte ich. Das Leben geht weiter und die Welt dreht sich weiter. Und das tat sie ziemlich schnell. Genau wie die Welle der Ereignisse die mich überrollte und mit sich zog. Anders gesagt prasselten sie nur so auf mich ein. Ich kam in eine neue Klasse, krachte mich mit meiner Familie und trennte mich von Vivienne. Oder sie sich von mir. Je nachdem, wie man es sehen will. Warum das passierte, hatte mehrere Gründe. Einer davon war todsicher, das mein Kumpel Olli mit Carole Schluss machte und ausgerechnet mit ihrer „besten Freundin“ Gaby ging. Wofür Ich ja nichts konnte. Aber Carole, schien das anders zu sehen. Dass ihre Schwester mit mir glücklich war, während ihr Freund sie „abserviert“ hatte, ertrug sie einfach nicht. Und da Vivienne von ihr beeinflusst wurde „Männer sind Schweine! Du wirst schon sehen…“, und so weiter, hatte ich keine Chance mehr. Denn wenn ich Ollis Freund war, musste ich ja genauso sein wie er. Doch das war noch nicht alles. Denn außerdem war ich ja noch „sitzen geblieben“. Ein Taugenichts und Herumtreiber, galt als ein „Hängenbleiber“, als auch gesellschaftlicher Versager und war nicht mehr „standesgemäß“. Vor allem für ein Mädchen wie Vivienne, das einfach makellos war. Dessen Zukunft von Eltern und Gesellschaft, schon längst vorgeplant war und festgelegt. Und dessen Leben erfolgreich, rein und voll Licht sein würde. Und da war für jemand wie mich kein Platz. Das war der zweite Grund. Und auch, wenn es mir Vivienne nicht direkt sagte, wusste ich, dass es so war. Ich konnte ihre Gedanken „sehen“. So wie ich alles sah. Deshalb gab ich sie frei und ging meiner Wege. Und schon war es passiert. Der Sturm des Schicksals hatte mich aus dem Himmel der Liebe zurück in das Meer des Lebens geschmettert, dessen Wellengebirge jetzt über mir, wie über jedem unglücklich Verliebten zusammenschlug. Ein grausamer Ozean, auf dem die Seele meines Lebensschiffes ein führerloses Etwas war. Na ja, jedenfalls für ein paar Sekunden lang. Doch meine Seele war ein Schlachtschiff, das sich niemals ergab, das schon viele Schlachten geschlagen hatte und mit Mut nebst Verachtung gepanzert, durch das Meer und die Fluten des Diesseits fuhr. Und das sich immer auf „Gefechtskurs“ befand. Da gab es für mich nur eins zu tun. Das Steuer packen und mit voller Kraft durch das Meer des Lebens zu fahren. Und das tat ich dann auch. ICH würde es dieser Scheißwelt schon zeigen und dieser „Drecksgesellschaft“, die mir all das angetan hatte. Welche die Liebe meines Lebens damals zerstörte und am Ende doch nicht in der Lage zu verhindern war. Ja, genau. Denn was sie nicht ahnte war, dass Vivienne und ich uns später immer wieder begegnen, erneut verlieben und zusammen sein würden. Und das über Jahrzehnte hinweg! Aber trotzdem! Ich schwor dieser

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Lektorat/Korrektorat: Katja Hase
Tag der Veröffentlichung: 29.10.2015
ISBN: 978-3-7396-2066-4

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