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Der erste Schultag - zuckersüß?

 

Es war Mitte September, als ich vor etlichen Jahren meine Schulkarriere startete. 

Wochen zuvor hatte ich mir diesen blauen ledernen Schulranzen im größten Geschäft unserer Stadt aussuchen dürfen und er war mit einem quietschbunten Mäppchen mein ganzer Stolz. Hingucker schlechthin, wie ich fand, im Gegensatz zu diesem Kleid, das ich – in der Lieblingsfarbe meiner Mutter – heute tragen sollte. Leuchtend rot und für meinen Geschmack viel zu kurz.
Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man wie ich zu der Kategorie „Abtauchen und nicht auffallen“ zählte. Ich vermutete, dass meine Mutter diesen besonderen Tag kleidungstechnisch markern wolte.
Mich kleideten sonst Hosen, die robust genug erschienen, um meine häufigen Klettertouren, Rollschuhstürze oder Matschabenteuer zu kaschieren, da ich wie jedes Kind der Nachbarschaft bei allem Quatsch mit dazugehören wollte.

Es wurde mein besonderer Tag, in vielerlei Hinsicht.

Horrorgeschichten meiner älteren Freunde über diverse doofe Dumpfbacken, genannt Lehrer, und deren Strafaktionen rauschten mir durchs Hirn. Die Nacht zuvor konnte ich nicht schlafen und am Morgen nicht richtig frühstücken.
Die Sonne schien an diesem Morgen intensiver als sonst, aber der Herbst blies den kühlen Wind heran. Stolz stieg ich mit Schultüte und neuem Schulranzen in den grasgrünen Golf, mit dem meine Eltern und meine Schwester mit mir zu der kleinen Dorfschule fuhren, in die ich eingeschult werden sollte. Ab morgen würde ich mit den anderen Kindern den Bus nehmen, um den weiten Weg nicht alleine zu Fuß gehen zu müssen.

Als ich das flache Gebäude und den geteerten Innenhof sah, schüchterte mich der Anblick des Schulhauses genauso ein wie alle anderen I-Dötzchen, die mit ihren neuen Ranzen und Schultüten mit ihren Eltern warteten, um endlich eingelassen zu werden. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Was würde mich hinter den grauen Mauern erwarten? Fragen über Fragen strömten auf mich ein. Meine bisherige Souveränität verblasste.
Ich seufzte bei dem Gedanken.

Die Eltern und Geschwister durften an diesem Tag ausnahmsweise mit in den Klassenraum. Eine nervöse Anspannung lag in der Luft. Einige Gesichter erkannte ich vom Kindergarten, die meisten waren mir unbekannt. Bauchgrummeln machte sich in mir breit. Ich putzte mir die schweißnassen Hände am Kleid ab, um zu verhindern, dass mir die Schultüte aus den Händen glitt. Das wäre megapeinlich gewesen! An meinen Vater wollte ich sie nicht abgeben. Sorgsam hatte meine Mutter das gelbe Krepppapier oben mit einer schicken – natürlich roten – Schleife zugebunden, um zu verhindern, dass ich hineinlugte. Warum sie dieses Geheimnis machte, verstand ich nicht. Die Schultüte war leicht und ich wusste, dass sie mit Papier ausgestopft worden war, um mir das Tragen zu erleichtern, wie meine Mutter mitgeteilt hatte. Meine Mutter war eine Meisterin im Geschenkeeinpacken. Keine Chance etwas zu erspähen, ohne es zu beschädigen. Schade!
Ich versuchte mich im Rätselraten, was bei den anderen meiner ersten Klasse versteckt sein würde.

Endlich öffnete sich die Schultür und eine Frau in einem blaugeblümten Kleid begrüßte uns. Die Lehrerin mit dem runden freundlichen Gesicht hieß Frau Hartmann und führte uns alle durch den langen Gang ins Schulhaus. Im Klassenraum angekommen nahm ich unfreiwillig neben der Tochter einer Nachbarin Platz. Weil ich niemand anderen von den Mädchen kannte und mich zu zögerlich hingesetzt hatte, saß ich mit ihr in der letzten Reihe. Das war Pech, weit entfernt von dem spannenden Geschehen vorn an der Tafel zu sitzen.
Von den Worten der Lehrerin verstand ich nichts. Das lag an meiner raschelnden Schultüte, die ich – wegen der Enge des Raums – die ganze Zeit zwischen meinen Beinen halten musste, und an dem penetranten Getuschel der Eltern. Dicht hinter den letzten Tischen des Klassenraums durften sie sich leise unterhalten. In meinen Ohren klang dies wie das Dröhnen eines Nebelhorns auf See, das meine Aufmerksamkeit auf sie lenkte.
Vor Aufregung, wie ich meinte, zitterte meine Hand beim Ausschneiden. Ich war genervt von Jutta, dem rothaarigen Mädchen neben mir, das mir permanent Nebensächliches in mein Ohr flüsterte. Sie bekam ebenfalls nicht mit, was Frau Hartmann, die Estklasslehrerin, zu uns sprach.

Die grellen Sonnenstrahlen beleuchteten den hinteren Klassenbereich durch die hohen Fenster und ich konnte die Staubflocken tanzen sehen. Es sah lustig aus, wie sie durch die Luft wirbelten. Die meisten Kinder hingen fasziniert an den Lippen der Lehrerin. Mein Blick ging auf Wanderschaft.
Der Junge mit den schulterlangen Haaren vor mir roch komisch, wie ich feststellte. Als ich den feuchten Fleck auf dem Boden unter seinem Stuhl erkannte, wusste ich diesen warmen, süßlichen Geruch einzuordnen. Der Duft blieb mir unangenehm in der Nase haften und erweckte eine leichte Übelkeit. Sollte ich der netten Lehrerin sagen, was meinem Vordermann passiert war? Er saß eingekauert auf seinem Stuhl, als schämte er sich und versuchte sich vor den anderen zu ducken, um nicht aufzufallen.
Mein bester Freund Steffen saß leider viel zu weit vorn. Gerne hätte ich neben ihm gesessen. Er hatte sich mit Timo, seinem Freund, vorn den besten Platz geangelt. Ich erinnerte mich an die „Räuber und Gendarm“-Spiele mit den Jungs im Kindergarten und ein Lächeln schlich sich dabei auf mein Gesicht.

Die Eltern grinsten mit stolz geschwellter Brust hinter uns und lauschten inzwischen den Worten von Frau Hartmann. Ich konnte meine Eltern nicht sehen. Sie versteckten sich lieber, als sich inmitten anderer Menschen zu präsentieren.

Die Sonnenstrahlen wurden durch die großen Fenster ungefiltert einzig auf unseren Tischbereich niedergelassen. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn und der Gestank erhob sich erneut in mein Geruchsfeld. Die Hitze staute sich im Raum und die Sonne blendete mich, dass ich nicht mehr zur Tafel sehen konnte. Nebel lag vor meinen Augen. Ungelogen. Ich konnte die Bilder an der Tafel nicht mehr erkennen.
Das traute ich mich nicht der Lehrerin zu sagen, weil ich nicht wusste, ob es ein wichtiger Beitrag zum Unterricht sei. Während ich mit mir rang, ob ich sagen sollte, dass der Junge vor mir eine neue Hose brauchte, die Sonne mich in den Augen störte und ich weder hören noch sehen konnte, passierte es: Mir rutschte die Schultüte aus der Hand und das dünne Krepppapier, das ich noch nicht öffnen durfte, riss ein. Nach einem lauten Ratsch, der alles im Raum übertönte, fielen meine Süßigkeiten heraus. Eltern lachten, keiner half mir. Mein Herz zog sich zusammen. Ein Idiot rief: „Da hat wohl jemand seine Tüte übervoll.“
Ich saß verloren auf meinem Stühlchen. Der Tisch kam mir eng vor. Die Eltern drückten von hinten gegen mich und ich konnte, weil der blöde neue Toni im Weg stand, nicht elegant mit meinem viel zu kurzen Kleid zum Boden, um die spitzen Schokoladentafeln zurückzustopfen. Tränen verschleierten meine Sicht.
Wenn die wüssten! Die beiden Tafeln Schokolade und eine kleine Bonbontüte waren herausgefallen. Mehr befand sich – dem Gewicht nach zu urteilen – ohnehin nicht in meiner Schultüte. Alle starrten auf mich und meine Süßigkeiten, die ausschließlich mit Fruchtzucker hergestellt waren, wie ich wusste. Sie waren das Extra des Tages für mich. Endlich einmal etwas Süßes. Wie peinlich, dass das Wort „Diät“ mit leuchtender Schrift aufgedruckt war. Andere Süßigkeiten sollte ich niemals außerhalb des Diätplanes beziehungsweise nur im Notfall essen, meinten die Ärzte.
Diese neuen Süßigkeiten waren als damalige Neuheit ungewöhnlich teuer. Jetzt sahen alle, dass ich nicht normal war. Meine Hände zitterten, als ich die Sachen aufhob und zurück in die zerrissene Schultüte stopfte. Meine Beine kamen mir vor wie der Wackelpudding von Oma Gerti, dass ich Schwierigkeiten hatte, das Gleichgewicht zu halten. Mein zu kurzes Kleid bot keinen Schutz vor den Blicken der anderen Eltern auf meine Lieblingsunterhose. Als ich endlich meine Mutter registrierte, die sich durch die gefühlten 1000 Menschen zu mir hindurchgedrängt hatte, kam ich mir hilflos wie ein kleines Kindergartenkind vor.
Mama blickte mich mit diesem Wie-konnte-das-passieren-Blick an. Lange und intensiv. Nicht bedrohlich, dennoch wusste ich sofort, was sie meinte. Sie riss hektisch – in meinen Ohren viel zu laut – eine Packung Traubenzucker auf und schob mir ohne ein Wort zwei Plättchen in den Mund. Ich kannte diesen widerlich-klebrigen, trockenen Geschmack im Mund und wusste, dass ich es essen musste. Ohne Widerrede! Der besorgte Blick von ihr sagte alles. Sie wusste, dass es mir nicht gut ging. Mütter sehen das! Ihr Blick war nicht böse, eher ängstlich, als wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass es mir besser ginge und ich wieder so selbständig wäre wie sonst.
Ein doofer Kommentar von einer Frau lautete: „Kann das Kind nicht mit dem Essen warten, bis es draußen ist?“

Der latente Vorwurf schwebte bleischwer im Raum über mir. Mir stockte der Atem. Kein Wunder: Ich leuchtete mit Tomatengesicht und knallrotem Kleid in der Menge. Wunderbar! Mein Einstand in dieser Klasse war geglückt!
Die dicke Frau mit lila Hut nickte der Kritikerin zustimmend zu und ich kam mir noch minderwertiger vor. Frau Hartmann verlor kein Wort, lächelte mir zu und begann die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte, vorzulesen. Ich wollte ihr später erzählen, sodass sie Bescheid wusste, und nicht dachte, ich boykottiere ihren Unterricht.
In dem Moment fiel mir ein, dass ich das Frühstücksbrot heute Morgen nicht gegessen hatte, weswegen mein Blutzucker abgerutscht war. Heute war nicht mein Tag, das war klar wir Kloßbrühe.
Als meine Werte wieder anstiegen, hörte das Zittern meiner Hände auf und der Nebel, der sich vor meinen Augen gebildet hatte, verschwand von alleine. Die Sonne war nicht mehr so heiß, dass ich schwitzte, blendete aber noch. Aber das lag am Wetter und nicht an mir. Ein mutiger Vater bediente, ohne zuvor die Lehrerin um Erlaubnis gefragt zu haben, die Jalousie, um Kinder und Eltern im hinteren Bereich vor dem grellen Sonnenschein zu schützen. Frau Hartmann nickte ihm dankbar zu.
Jutta betrachtete mich später mit großen Augen. Sie wusste, dass ich ab und an schnelle Kohlenhydrate brauchte, um den Diabetes im Griff zu halten. Sie beugte sich zu mir und meinte: „Ich habe noch echte Bonbons. Es sind genügende, das reicht für uns und die kann man leicht im Unterricht essen.“ Sie öffnete leicht den Mund und ein Coladuft strömte mir entgegen. Jutta liebe Süßigkeiten über alles. Geheimnisse verbinden. Ich grinste sie an. In dem Moment hätte ich sie vor Freude umarmen können. Der Gedanke, sie als Verbündete zu haben, gefiel mir außerordentlich. Die Idee neben ihr zu sitzen, beschleunigte vor Freude meinen Herzschlag.
Auch wenn sie sie sonst mit Puppenkram spielte, gehört ihr der neuste Roller im Viertel, den ich mir ab und zu ausleihen durfte. Bingo! Ich lächelte ihr verschwörerisch zu.
Als es mir besser ging, konnte ich Frau Hartmann an der Tafel gut verstehen und es machte richtig Spaß, das ausgeteilte Blatt mit meinen neuen Filzstiften bunt auszumalen. Mein Bild leuchtete besonders schön und hing später an der Pinnwand an oberster Stelle.
Für den nächsten echten Schultag sollten wir ohne Schultüte kommen. Das Ding stört auch nur, stimmte ich innerlich zu.
Nach dem ersten Schulvormittag stand zu meinem Leidwesen ein Fotograph vor dem Schulhaus. Das Foto von mir neben dieser Aufstelltafel mit der Kreideaufschrift „Mein erster Schultag“ fand ich potthässlich. Meine Lieblingsfarbe war und wird nie Rot sein, auch wenn es auf dem Foto für die Nachwelt so rüberkam. Ich stand in meinem kurzen Kleidchen mit vor Kälte gezeichneter Gänsehaut an Armen und Beinen und dieser verbeulten Schultüte, die leicht verdreht angelehnt war, um den Riss zu verstecken. Die Sonne leuchtete mir erneut ins Gesicht. Dinge wiederholen sich. Meine strahlende, jüngere Schwester, die den Tag mehr genossen hatte als ich, stand in Hosen mit einer grünen Mini-Schultüte neben mir und grinste wie ein Honigpferdchen, weil sie mit auf dem Foto sein durfte.

Ich war froh, endlich zu den Großen zu gehören. Und wer behauptet, dass Süßigkeiten nicht in die Schultüte dürfen, der sollte bedenken, dass man nie weiß, ob man sie in einem Notfall nicht doch gebrauchen kann ... Ist die Schule nicht oft genug ein … Notfall?

 

 

 

 

 

Impressum

Texte: Alle Recht am Text gehören der Autorin
Cover: Pixabay.com
Lektorat: M.R.
Tag der Veröffentlichung: 05.09.2018

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