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Krankenpfleger

Die Meisten hielten Arnold für einen Chinesen. Viele glaubten japanische oder thailändische Wurzeln bei ihm zu erkennen. Niemand jedoch konnte erraten, daß er in Kirgisien geboren wurde. Manchmal behauptete Arnold zum Spaß, er sei Mexikaner oder Eskimo. Er hatte eine kräftige Statur, sehr schmale Augen unter einer breiten Stirn und eine dunkle, golden schimmernde Hautfarbe. Er sprach die lokale Variation der deutschen Sprache unvermutet akzentfrei. Sein Fränkisch unterschied sich von dem seiner Kollegen nur durch eine leicht verschrobene Ausdrucksweise. Er hatte die Eigenart, durch bestimmte Bewegungen seinen Worten mehr Ausdruck zu geben. Seine Kollegen hatten sich an seine skurrile Art gewöhnt.

Arnold war der einzige Überlebende eines kleinen kirgisischen Dorfes, das von einer Schlammlawine zerstört wurde. Ein deutsches Ehepaar, das an jenem Morgen, als sich die Katastrophe ereignet hatte, im Auftrag des Goethe-Institutes auf dem Weg in das Dorf war, um dort als Lehrer zu arbeiten, hatte auf einem vorübertreibenden Baumstamm einen zwischen zwei Ästen eingeklemmten Korb gesehen. Die Frau konnte den Korb mit einer Hand ergreifen und auf die Flucht vor der Flut mitnehmen. Nachdem das Lehrerpaar erfahren mußte, daß von den politischen Verwaltern der Region keine Hilfe zu erwarten war, im Gegenteil dem Säugling im Korb Mißtrauen und Feindseligkeit entgegen schlug, und Abergläubische gar dem Kind selbst die Katastrophe zuschrieben, beschlossen sie, das Land so schnell wie möglich zu verlassen und den Jungen mit zu nehmen. Sie nutzten die allgemeine Verwirrung und Bestechlichkeit, um sich im Laderaum einer Militärmaschine zusammengekauert, mit dem Babykorb unter ihrem Gepäck versteckt, nach Dresden zurück fliegen zu lassen. Weil es dort keine Arbeitsplätze für sie gab, zogen sie nach Bayern, wo sie beide Anstellungen als Lehrer finden konnten. Arnold wuchs mehrsprachig auf. In der Schule lernte er Deutsch, Französisch und Englisch und seine Stiefeltern brachten ihm Spanisch bei. Zusätzlich sollte das Kindermädchen, das aus Kirgisien stammte, dafür sorgen, daß Arnold seine Wurzeln nicht vergaß.

Weil sein mittelmäßiges Abitur ihn nicht für ein Medizinstudium qualifizierte, absolvierte Arnold eine Ausbildung zum Krankenpfleger, die er als Bester seines Jahrganges abschloß. In der Klinik war er nach kurzer Zeit der beliebteste Pfleger sowohl bei den Patienten, als auch bei der Ärzteschaft. Er arbeitete in der neurologischen Abteilung und hatte sich einen Trick ausgedacht, der ihm das Vertrauen und die Sympathie der alten Menschen sichern sollte. Er hatte sich über die Kinohelden jener vergangenen Zeiten informiert, als seine Patienten jung waren, hatte sich ein paar ihrer Filme angesehen, um seinen Zitatenschatz zu erweitern und angewöhnt, Floskeln aus alten Filmen in seine Gespräche einfließen zu lassen, wie zum Beispiel: "Johnny Weissmüller würde vor Neid erblassen", wenn ein Patient besonders durch Schwimmen Fortschritte machte. Das funktionierte zu seiner Überraschung sogar noch besser, als er gehofft hatte. Dadurch ermutigt, begann er, Gesten, Blicke und Bewegungen nachzuahmen. An jedem Abend sah er sich auf seinem Fernsehapparat alte Filme an. Er studierte das Fernsehprogramm 2 Wochen im Voraus, um keinen Klassiker zu verpassen, hatte in jeder Videothek der Stadt eine Mitgliedskarte und lud sich vom Internet herunter, was er bekommen konnte. Innerhalb von wenigen Monaten hatte er sich ein vielseitiges Repertoire erarbeitet. Er imitierte Chaplin's Art zu gehen ebenso wie Zeichentrickfiguren und versuchte, selbst unmöglichen Bewegungen möglichst nahe zu kommen, wie zum Beispiel wenn bei Tex Averys Figuren die Augen aus ihren Höhlen flogen. Ohne es zu wollen, waren die Zitate und Bewegungen in seinen allgemeinen Sprach- und Motorikgebrauch übergegangen. Nicht wenige seiner Kolleginnen, die ein Auge auf ihn geworfen hatten, empfanden das als verschroben, und selbst diejenigen, die ihn nur kurz kannten, wollten nicht zum Dunstkreis eines Kauzes gehören.

"Sei's drum", dachte er, "Flotte Backfische gibt es auch noch anderswo."

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Tag der Veröffentlichung: 05.02.2017

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