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(R)abenteuer





Rabe Willi und seine Frau Elvira leben schon seit vielen Jahren zusammen. Zur Zeit haben sie ihr Nest hoch oben in den Ästen einer mächtigen, uralten Platane.
Ab und zu mussten sie ihre Wohnung wechseln, da der Mensch inzwischen einige der alten Bäume gefällt hat. Jedes mal hatten Willi und Elvira dann ein neues Nest gebaut, das Sturm und Wetter standhalten musste.
Trotzdem ist es immer noch schön, dass einige der Bäume dicht beieinander stehen, außerdem weil auch dort Verwandtschaft von Elvira und Willi lebt.


Der harte Winter ist vorüber- Während Elvira sich ihr Frühstück besorgt, sucht Willi nach einigen Ersatzteilen, um das Nest auszubessern. Es hatte durch die Winterstürme und den Schnee doch arg gelitten. Willi kommt mit kleinen Stöckchen und einigen Gräsern angeflogen, um das Nest sicherer zu machen.


Das geschieht natürlich nicht ohne Grund, denn Willi und Elvira wollen demnächst wieder Hochzeit machen. Das passiert bei den Raben jedes Jahr und Willi freut sich auch darüber.


Es ist Frühling, die Sonne schickt bereits wärmende Strahlen durch die noch kahlen Äste der Platanen, als Elvira und Willi beschließen, ihre Hochzeitsreise zu machen.
Sie sitzen auf dem Rand des Nestes und zupfen mit den Schnäbeln ihr Federkleid zurecht, um es für den Flug zu ordnen.
Schon ganz früh am Morgen erheben sie sich mit kurzen Flügelschlägen, fliegen elegant zwischen den Ästen nach oben, dem freien Himmel zu.


Dort kreisen sie zunächst über ihrem Nest und, beide sind stolz darauf, dass man es von oben kaum sehen kann. Dicht nebeneinander fliegend drehen sie ihre Runden, steigen in die milden Frühlingslüfte empor.


„Ach, Willi, es ist doch herrlich, so unbeschwert über allem fliegen zu können“, ruft Elvira ihrem Willi zu.
„Gerade deshalb, meine Liebe, habe ich den heutigen Tag für unsere Hochzeitsreise ausgesucht, es soll doch auch eine Erinnerung für uns werden“, gibt Willi zur Antwort.

So schweben sie weiter über die erwachende Natur, in der sich viel neues Leben regt.
Beide gleiten mit wenigen Flügelschlägen tiefer um die beginnende, bunte Pracht des Frühlings zu bewundern.


Sie fliegen über wunderschön blühende gelbe Forsythien und vorbei an bestellten Feldern, auf denen das satte Grün der Wiesen leuchtet. Eine ganze Zeit folgen sie den zarten, goldgelben Blüten des Löwenzahnes, welcher die Zufahrt zu einem Bauernhof ziert.


Auf einer alten, vereinzelt auf dem Feld stehenden knorrigen Eiche lassen sie sich nieder.
Sie erholen sich von dem bisherigen Flug und genießen den Blick in die erwachte Natur. Aber, so langsam stellt sich der Hunger ein und sie starten kurz, um sich etwas Essbares zu suchen. Nach kurzer Zeit findet Willi eine tote Maus, welche den Winter leider nicht überlebt hat. Mit kurzem Gekrächze ruft er Elvira zu sich und beide lassen sich ihr Mittagsmahl schmecken.
Danach fliegen sie wieder zur Eiche um ein Schwätzchen zu halten.


Doch, es dauerte nicht lange als Willi zu Elvira sagt: „Liebe schau mal, wir bekommen Besuch“.
„Ja mein Lieber, ich habe es schon gehört, man kann sie noch nicht sehen, aber bereits hören“, erwiderte Elvira, „dem Gezeter nach dürfte es sich um unsere Verwandtschaft handeln“.


Und genauso, ist es auch. Es kommen Onkel und Tanten mit allen Neffen und Nichten angeflogen, alle landen auf der alten Eiche. Nun ist es mit der Ruhe vorbei und Willi und Elvira sehen sich mit fragenden Blicken an.
Um dem fortlaufenden Gekrächze und Palaver zu entgehen flattern sie schnell, ohne Abschied der Sonne entgegen. Nachdem sie weit genug von der Eiche sind, schlagen sie einen Haken, schweben direkt auf ihre Stammplatane zu.


Dort angekommen lassen sie sich im großen Nest nieder, freuen sich, dass sie
ganz alleine sind, alle anderen Nester sind leer – alle sind ausgeflogen.
Endlich herrscht auch hier himmlische Ruhe.


Ganz dicht rückt Willi an Elvira heran und sagt: „ Meine Liebe, war es nicht eine gute Idee von mir, so früh zu unserer Hochzeitsreise zu starten“?
Elvira zupft ihm mit ihrem Schnabel ein paar Federn zurecht und meint: „Lieber Willi, es war wieder, wie in jedem Jahr, alle wollen auf einmal weg und dann ist es mit der Ruhe vorbei. Wir haben es wieder richtig gemacht, indem Du mit mir so früh losgeflogen bist, danke, das war wunderbar.“


Beide rücken noch enger zusammen, kuschelten und hatten sich ganz lieb, genießen den Rest des Tages, bis die vielen Nachbarn zurückkamen.


Ein paar Tage später, fliegt Willi ist ganz stolz akrobatisch und übermütig in den Lüften: er ist glücklich, seine Elvira hat ihm sechs Eier ins
Nest gelegt.


Nun brütet sie und es dauert nur zwanzig Tage, als Willi seinen Nachwuchs zum ersten Mal sehen kann. Er ist stolz auf Elvira und natürlich auf sich obwohl beide nun fortlaufend Futter sammeln müssen, da die Brut im Nest immer, aber auch immer hungrig ist.
Beide freuen sich, wenn die Dämmerung hereinbricht, weil dann Ruhe herrscht und alle zusammen schlafen.


Insgesamt fünf Wochen haben Elvira und Willi ihre Jungen gefüttert, und diese sind in der Zwischenzeit gewachsen und groß und stark geworden.
Täglich sitzen sie nun auf dem Nestrand, probieren ihre Flügel auf-und abzuschlagen, damit diese kräftiger werden. Sie sind flügge geworden.
Dann folgen kleinere Hüpfer – welche immer größer werden und alles endet dann in kurzen Flügen.


Einer nach dem anderen der Jungraben hat das Nest verlassen und Elvira und Willi sitzen ein wenig traurig und einsam beieinander, sehen sich an als wollten sie sagen:


„Ach, es war eine schöne Zeit, mit unseren Kindern zusammen, aber jetzt, jetzt tut uns die Ruhe und Erholung auch ein wenig gut…“



Impressum

Texte: Cover & Text © 08-2011 by Richard von Lenzano
Tag der Veröffentlichung: 21.08.2011

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
für alle lesefreudigen Kinder und - Erwachsene, welche gerne vorlesen .. und für Julia - Joy

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