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1. Meine Schwester Hanna

 

Das könne ich feiern, sagte Hanna heute Morgen und stellte eine Flasche Sekt auf den Tisch. Eine kleine. Früher waren die doch immer größer! Vielleicht dachte Hanna auch, ich solle damit ohnehin alleine feiern, weil sie noch zum Friseur müsse. Oder war es die Schneiderin? Habe ich vergessen.

 

Was denn, habe ich sie gefragt. Ob ich Geburtstag habe.

 

Nein, sagte sie, jetzt sei ich seit einem Jahr in dieser Wohnung. Und das solle ich feiern. Wer weiß, wie oft ich das noch könne.

 

Nett, wie sie das so sagt. Aber das weiß ich auch nicht. Und das mit dem Jahr: Das war mir gar nicht aufgefallen.

 

Hanna ist meine Schwester. Behauptet sie jedenfalls. Obwohl sie viel jünger ist als ich. Hätte mir meine Mutter früher doch bestimmt gesagt. Dass ich eine Schwester bekommen habe. Aber Hanna sagt, das sei jetzt so und sie mache alles für mich und nach dem Essen geht sie jeden Tag wieder. Nur sonntags nicht. Sonntags bleibt sie länger. Dann bringt sie Kuchen vom Bäcker mit und bleibt bis zum Kaffee. Aber das ist es mir wert, nicht alleine Kaffee trinken zu müssen, da bezahle ich eben ein Stück Kuchen mehr.

 

Jetzt lebe ich hier in einer Wohnung. Und nicht mehr in dem Haus mit dem Garten. Wo ich immer so gerne gesessen habe. Jetzt sitze ich meistens vor dem Fernseher. Oder blicke lange aus dem Fenster. Aber das ist auch nicht viel interessanter.

 

Ein Jahr? Ich könne doch mal aufschreiben, was so alles passiert ist, in dem Jahr. Sagt Hanna. Das sei auch gut für meinen Kopf. Mal sehen, an was ich mich noch erinnern kann.

 

2. Laut und deutlich

 

Schwester Hanna ist streng. Sie behandelt mich wie ein Kind. Aber ab und zu sagt sie, ich könne nichts dafür. Dass ich immer so viel vergesse.

 

Sie legt mir einen Schreibblock auf den Tisch im Wohnzimmer. Mit Linien. Und einen Bleistift. Und sagt auch irgendetwas dazu. Aber ich hatte gerade nicht aufgepasst.

 

Oh! Ben!

 

Ben?

Ich heiße nicht Ben. Das ist nicht mein Name. Da bin ich mir sicher. Das müsste sie doch auch wissen!

 

Aber ich kannte mal jemand, der Ben hieß, fällt mir da gerade ein. Ist lange her. Ich glaube, mich an einen Ben erinnern zu können. Wer er war und was er tat. Wenn ich genug Zeit zum Nachdenken hätte. Aber die Gedanken gehen mir so schnell wieder verloren. Er hieß nicht so, aber wir alle nannten ihn nur so. Ben. Benjamin. Benjamin Soundso. Vielleicht auch nur, weil er der Jüngste von uns war. Er hatte ein Motorrad, während wir anderen alle noch mit dem Fahrrad fuhren. Und war er das nicht auch mit dem Fotoapparat? Mit der Box? Oder hieß er Bert?

 

Schrei! Ben!

 

Sie nun wieder! Schrei, Ben! Warum soll Ben schreien? Oder soll ich schreien, obwohl ich nicht Ben bin? Und warum?

 

Ich sehe sie ratlos an. Sie kommt jeden Tag zu mir. Sie sagt, sie sei meine Schwester. Das ist sie aber nicht. Ich hatte schon als Kind keine Schwester, aber das sage ich ihr nicht. Und Hanna heißt sie. Schwester Hanna. Das habe ich mir gemerkt. Macht alles sauber. Mich auch. Wenn sie meint, dass es nötig ist. Eigentlich ist sie nett. Sonst kümmert sich ja so niemand um mich. Aber sie kommt, jeden Tag. Oder schläft sie auf der Couch im Wohnzimmer und ich denke dann morgens, na, denke ich, ist sie schon so früh wieder gekommen? Sie sieht so aus, als wäre sie stärker als ich. Deshalb mache ich auch, was sie sagt.

 

Schrei! Ben!

sagt sie wieder und hält mir den Bleistift vor das Gesicht. Heiße ich vielleicht doch Ben?

 

Huuuaaaaahhhhh!!!,

schreie ich, so laut ich kann, den Stift an. Mir tut gleich der Hals weh. Ich muss einen Schluck Wasser trinken. Wo ist mein Glas?

 

Sie lacht plötzlich. Du bist der lustigste Alte, sagt sie, den ich zu versorgen habe. Du sollst dir etwas Auf Schrei Ben! Sie legt den Stift vor mir auf den Schreibblock.

 

Ist das noch ein anderer Ben? Ben Aufschrei? Und dann wird es plötzlich hell in meinem Kopf, richtig hell, als ob da jemand Licht eingeschaltet hat! Ich soll etwas AUF SCHREI BEN! Ach so. Warum sagt sie das nicht gleich? Ich greife nach dem Bleistift. Was denn?

 

Sie nimmt mir den Stift aus der Hand, dreht ihn um und steckt ihn wieder zwischen meine Finger. Dass der Stift nur an einer Spitze schreibt, das weiß ich auch! Es ist manchmal etwas peinlich mit ihr, nicht nur, wenn sie mich wäscht!

 

Was ist denn nun?! Ich werde so leicht ungeduldig. Aber sie hat keine Angst vor mir.

 

Die Creme für deine Hände, sagt sie, liegt im Schrank, ganz o ben!

Ich schreibe, etwas mühsam: O Ben!

 

Nach dem Händewaschen, sagt sie und wäscht ihre Hände am Tisch ohne Wasser und Seife und das raschelt ganz trocken, einrei ben!

Ich schreibe, und das dauert etwas länger: Einrei Ben!

 

Ich komme nachher noch einmal, sagt sie, um dir das Abendessen zu bereiten. So um sie ben! Und sie geht zur Tür.

Ich eile mich, um aufzuschreiben: Sie Ben!

 

Dann folge ich ihr, gehe auch zur Tür, aber sie ist schon weg.

 

Ich nehme den Zettel und setze mich auf das Sofa.

 

O Ben. Einrei Ben. Sie Ben.

 

Ich bin sicher, dass ich nicht Ben heiße. Ich nicht!

 

Aber sie hat gelacht.

 

3. Der Computer

 

Da ist meine Enkelin. Sie kommt ganz oft zu mir. Marie, ich glaube, sie ist zwölf Jahre alt. Oder vierzehn.

 

Wanda, die meine Tochter ist, Maries Mutter, kommt auch oft. Hat aber nie viel Zeit, weil sie arbeitet. Deshalb hat sie alles mit Hanna geregelt. Mit Hanna, Sie wissen schon: die sagt, sie sei meine Schwester. Und mehr Leute sind da ja nicht mehr, von früher her. Nur Wanda, und die ist fast nie da.

 

Mensch Opa, sagte Marie, ist das langweilig bei dir. Merkst du das nicht? Ich bringe dir meinen alten Computer.

 

Du brauchst nicht gleich zu erschrecken, sagte sie, als sie wohl mein ratloses Gesicht sieht. Das ist ganz einfach und sehr interessant. Da findest du alles, was du wissen willst. Ich mach das auch für dich.

 

Und jetzt steht er da. Ein Klapp-Top, also einer zum Zuklappen abends. Damit er nachts über auch schlafen und sich erholen kann.

 

Und dann hat sie mir auch gezeigt, wen ich fragen kann. Im Computer. Also im Indernett. Wenn mir eine Frage einfällt. Wenn du etwas über die Mongolei wissen willst, so sagte sie, dann gehst du zu Gugel. Da erfährst du alles.

 

Sie hat sich so viel Mühe gemacht und mir ein paar Sätze auf ein Blatt Papier geschrieben, richtig ordentlich hat sie geschrieben, so schreibt sie nicht für die Schule. Da mochte ich ihr nicht sagen, dass mich die Mongolei wirklich nicht mehr interessiert. Ich habe mich nur gewundert, über was die Kinder sich heute ihre Gedanken machen.

 

Aber Marie hat Recht. Ich habe Gugel mal nur so zum Spaß gefragt, nach Hühneraugen, nach Weltraummüll, was man eben so im Fernsehen sieht und nicht erklärt bekommt, und Gugel hat gleich eine riesige Liste, so lang, dass sie nicht auf den Bildschirm des Klapp-Top passt. Gugel muss ein schlauer Mann sein. Seine Antworten sind so abgefasst, dass er es auch nicht weiß, dass er aber weiß, wer es weiß. Und das will man ja auch wissen!

 

Und dann schickt er einen oft zu Wicki Pedia. Das ist wohl eine Frau. Ein Mann heißt doch nicht Wicki. Frau Pedia weiß alles ganz genau, hat das aufgeschrieben und lässt einen lesen und es kostet nichts, außer Zeit. Aber die habe ich ja.

 

Ob die beiden verheiratet sind? Also Herr Gugel und Frau Pedia. Könnte vielleicht sein. Er schickt einen oft zu Wiki Pedia, aber ich habe noch nie gelesen, dass Frau Pedia sagt, man solle doch noch bei Herrn Gugel nachsehen, der wisse das besser als sie. Also wie bei echten Eheleuten.

 

Ich habe das dann auch Marie gesagt. Dass mir das mit dem Computer und Herrn Gugel und Frau Pedia gut gefällt. Da brauche ich ja gar keine Bücher mehr. Wo sind eigentlich meine Bücher? In der kleinen Wohnung habe ich sie noch nicht gefunden. Ich muss Hanna danach fragen.

 

4. Im Tierpark

 

Ich habe oft Langeweile, trotz des Klapp-Top-Computers. Früher wusste ich immer, was ich tun solle. Aber jetzt? Ich weiß nicht …

 

Meine Enkelin sagt: Hab ich dir doch gezeigt! Wenn du etwas wissen willst, musst du gugeln. Gugel weiß alles.

 

Mache ich jetzt ja auch oft. Wenn mir etwas einfällt, was ich nicht mehr weiß. Bei Herrn Gugel oder Frau Pedia.

 

Kürzlich habe ich Anti gesucht. In der Zeitung stand, etwas sei antidemokratisch gewesen. Demokratisch, das wissen Sie auch: Wenn alle mitreden dürfen, auch wenn sie nicht wissen, um was es geht. Und dabei Anti?

 

Frau Pedia sagt, das heißt, gegen etwas zu sein oder für etwas anstelle von etwas anderem zu sein. Das hat mich neugierig gemacht. Man kann ja auch in meinem Alter noch etwas dazu lernen. Wenn man es nur will. Und es gibt viele Wörter mit Anti.

 

Und da ging es richtig los, mit meiner Neugier. Wenn es Anti als ein Ersatzwort für gegen gibt, gibt es dann auch ein Ersatzwort für für? Wenn man für etwas ist? Der alte Herr Duden, den ich noch von der Schule her kenne, so alt muss der inzwischen sein, denn damals war er schon alt, also der Herr Duden meinte schließlich, dann sage man pro.

 

Deshalb habe ich Lope gesucht. Das war schwierig.

 

Frau Pedia kennt nur ganz wenige Spanier, die Lope heißen. Das hat mir nicht weitergeholfen. Dann wäre Anti Lope ja jemand, der gegen einen Spanier mit diesem Namen ist.

 

Dann hat Frau Pedia gesagt, in England gäbe es das Wort lope. Dort bedeutet es, in leichten Sprüngen zu laufen. Das hat mir auch nicht weitergeholfen. Dann wäre Anti Lope ja jemand, der etwas dagegen hat, in leichten Sprüngen zu laufen. Und dabei ist die Anti Lope ein Tier, das sehr schnell laufen kann. Ich habe es im Fernsehen gesehen. Das würde sich also widersprechen.

 

Und wenn es Anti Lopen gibt, also Lopen, die dagegen sind: Gibt es denn auch Lopen, die dafür sind, also Pro Lopen? Ich habe lange danach gesucht, aber weder Herr Gugel noch Frau Pedia kannten Pro Lopen.

 

Und das hat mich erstaunt: dass mir eine Frage eingefallen ist, für die der Computer keine Antwort finden konnte!

 

Nun soll ich ja nicht gleich aufgeben, hat Doktor Hauser, der mein Hausarzt ist, gesagt. So kann ich mir den Namen merken: Doktor Hauser, mein Hausarzt. Ist doch praktisch! Wenn ich etwas wissen will, soll ich nicht gleich aufgeben, hat er gesagt. Ich hätte ja genug Zeit zum Suchen.

 

Und wenn es um Tiere geht, na …? Richtig, das habe ich auch gedacht! Dann gehe ich mal in den Tierpark fragen. Der nächste ist ja nicht weit weg, aber sehr groß. Die müssen es wissen, dachte ich. Vor ein paar Tagen fuhr ich hin. Ich hatte mir Butterbrote mitgenommen, weil es oft so lange dauert, bis ich wieder zu Hause bin.

 

Am Eingang war eine lange Schlange. Also keine echte, da hätte ich mich nicht angestellt. Nein, viele Menschen, einer hinter dem anderen. Wie früher in der DDR, wenn es, glaube ich, Fahrkarten nach Berlin gab. Oder Milch.

 

Aber die waren dort anscheinend an so neugierige Menschen wie mich nicht gewöhnt. Auf meine Frage gab es einen riesigen Aufstand an der Kasse! Die Frau regte sich vielleicht auf! Sie brüllte Ja wo sind wir denn hier!, als ob sie das nicht selber wissen müsste. Sie knallte die Glasscheibe zu und rief gleich nach ein paar Männern, die im Blumenbeet Unkraut zählten.

 

Die beiden Männer, die schnell hinzukamen, waren unfreundlich. Was mir denn einfalle, fragten sie. Die Frau an der Kasse habe so viel zu tun und müsse sich nicht von einem alten Lümmel wie mir beleidigen lassen.

 

Naja, das mit dem Lümmel habe ich ihnen noch einmal durchgehen lassen. Ich glaube, die beiden Männer kannten sich dort auch nicht so richtig aus. Sie nahmen mich mit in ein Büro. Dann telefonierten sie. Mussten wohl selber fragen. Es dauerte auch ziemlich lange. Ich habe fast die ganze Flasche Mineralwasser ausgetrunken, in der Zeit.

 

Und dann kam eine Frau, die sich auskannte! Sie war groß, kräftig und viel netter als die Anderen und lächelte immer. Sie war weiß gekleidet, wohl damit man sie in dem grünen Gelände des Tierparks leichter wiederfindet und nicht mit einem Tier verwechselt. Auf dem Kopf trug sie einen kleinen Hut mit einem roten Kreuz über der Stirn, damit man auf den ersten Blick erkennen kann, dass sie das ist, die sich auskennt. Einen solchen Hut mit einem roten Kreuz müsste ich mir auch zulegen, habe ich noch gedacht. Ich habe immer Angst davor, verlorenzugehen, wenn ich in den Stadtpark will.

 

Die Frau war wirklich nett. Sie setzte sich zu mir und fragte, was denn da an der Kasse losgewesen sei. So aus meiner Sicht.

 

Und das habe ich ihr dann auch gesagt. Ich habe ihr erklärt, ich hätte niemand beleidigt. Mir falle oft etwas nicht mehr ein. Aber das wüsste ich noch, wenn ich sie beleidigt hätte, es sei ja noch nicht so lange her. Ich hätte der Frau in dem Glashäuschen gesagt, ich wolle ihre Lopen sehen und was das koste. Mehr nicht. Die Anti Lopen habe ich im Fernsehen gesehen. Aber wenn es Anti Lopen gibt, muss es auch Lopen geben, sonst macht das Anti ja keinen Sinn. Man kann nicht gegen etwas sein, das es gar nicht gibt. Und wenn das Fernsehen schon keine Lopen zeigt, wozu sie verpflichtet sind, wegen der Bildung der Kinder und so, dann muss doch zumindest ein Tierpark wenigstens eine Lope haben. Wenn das auch keine artgerechte Haltung wäre. So nur eine Lope ohne die Anderen. Und wie das dann mit den Pro Lopen ist. Das interessiere mich nun mal, sagte ich der Frau. Die Lopen, die Anti Lopen und die Pro Lopen.

 

Die Frau kannte sich tatsächlich besser aus. Ich müsse aber in einem Rollstuhl sitzen, sagte sie, sonst dürfe sie sich nicht so lange um mich kümmern. Und so fuhr sie mich dann ganz lange durch den Tierpark, mindestens eine Stunde, ich hatte hinterher richtig großen Hunger.

 

Und zum Schluss fuhr sie mich doch tatsächlich mit einem Auto nach Hause! Das können sie im Tierpark bestimmt nicht mit jedem Besucher machen!

 

Sie hat mir so viele Tiere erklärt, jetzt weiß ich gar nichts mehr. Aber wie Lopen aussehen und ob der Tierpark eine Pro Lope hat, daran erinnere ich mich nicht mehr. Das muss ich bei den vielen Tieren ganz schnell vergessen haben. Das hat man davon, wenn man mit einer hübschen Frau durch den Tierpark fährt und nicht weiß, ob man die Tiere oder lieber sie anschauen soll.

 

Aber es war ein sehr schöner Tag. Nicht nur wegen der Sonne.

 

5. Besucher

 

An einem Abend, ist noch nicht lange her, habe ich Besuch bekommen! Das muss ich Ihnen noch erzählen!

 

Ich bekomme, glaube ich, nicht mehr oft Besuch. Außer von der Schwester. Sie kommt jeden Tag. Bestimmt geht sie zwischendurch nach Hause. Sonst wäre sie ja nicht Besuch. Sie ist aber nicht meine Schwester, sie heißt nur so. Und Hanna heißt sie auch noch. Schwester Hanna.

 

Der letzte Besuch davor, also vor dem, über den ich erzählen will, das war …, warten Sie mal …, so vor etwa einem Monat, ungefähr. Vielleicht auch schon vor zwei. Jedenfalls regnete es an dem Tag. Ein Mann kam und sagte, er komme vom Amt. Oder war es eine Frau? Wegen des Regens erinnere ich mich nur noch, dass wir Wasser getrunken haben. Bier hatte ich nicht finden können. Worum es ging habe ich aber vergessen. Ich glaube, sie fragten, ob ich einen Führerschein habe. Aber was soll ich mit einem Führerschein? Ich habe ja gar kein Auto mehr. Ist auch egal. Um den früheren Besuch geht es jetzt auch gar nicht.

 

Die Besucher vor ein paar Tagen waren anders und zum Schluss hin auch nett.

 

Ich saß vor dem Fernseher. Es gibt so viel Neues, was ich noch nie gesehen habe. Das meiste davon interessiert mich auch nicht. Aber ich will ja informiert bleiben! Sie klingelten immer wieder, obwohl ich ganz laut Ja! Ja! gerufen hatte, denn ich musste meine Hausschuhe suchen, um sie anzuziehen, wenn schon jemand zu Besuch kommt, fand sie in der Aufregung über das heftige Klingeln aber nicht gleich und ging auf Socken los.

 

Als ich ihnen die Tür öffnete, rannten sie sofort durch den Flur. Der Erste hat mich fast umgestoßen! Das fand ich ungehörig! Sie sagten auch nicht Guten Abend oder so etwas. Konnten sie wohl auch nicht. Sie hatten Gesichtsmasken aufgesetzt, sahen aus wie die Leute in einem Raumschiff, und ich bin doch sehr erschrocken. Das sollten sie nicht mehr machen, wenn sie nochmal kommen. Man will doch sehen, mit wem man nicht spricht.

 

Und dann die Kleidung! Und die dicken Stiefel auf dem Teppich in meinem Flur! So durfte ich früher nicht in der Wohnung rumlaufen. Als … na! … als … meine Frau noch lebte.

 

Dann liefen sie in meine Küche. Es kam gleich Qualm durch die Tür, und der stank, so stinkt es sonst nicht in meiner Küche, das können Sie mir glauben. Da bin ich empfindlich. Ich kam gar nicht dazu, zu überlegen, ob ich mich irgendwo beschweren solle. Man kann ja nie wissen …

 

Und dann kamen sie auch schon wieder zurück. Mit einem Plastikbeutel in der Hand. Sie konnten doch nicht einfach etwas aus meiner Küche mitnehmen, ohne zu fragen! Sie hatten die Masken abgenommen und lachten, als wäre es ein Scherz gewesen, um mich zu erschrecken. Ein Mann und eine Frau.

 

Was ist da drin?, fragte ich den Mann und zeigte auf den Beutel. Aber der ging lachend weiter, bis zur Wohnungstür. Dort blieb er stehen und blickte zu uns zurück, als müsse er auf die Frau aufpassen.

 

Die Frau blieb bei mir stehen, hörte auf zu lachen und legte mir beide Hände auf die Schultern. Die Gesichtsmaske hing ihr um den Hals und vorne vor …, Sie wissen schon, … oben. Es ist nicht viel passiert, sagte sie und sah ganz sanft aus, ich hätte sie am liebsten in den Arm genommen. Du musst nur ein paar Stunden das Fenster auflassen und lüften, Opa. Und wenn du das nächste Mal den Backofen einschaltest, dann musst du deine Hausschuhe vorher rausnehmen.

 

Dann ging die Wohnungstür wieder zu und die nette Frau und der lachende Mann waren weg.

 

Was hatte sie gesagt? Welche Hausschuhe denn??? Etwa meine, die ich gesucht, aber in der Eile nicht gefunden habe?

 

Aber wo ist denn nun meine Pizza?

 

6. Mehr nicht

 

Ich muss jetzt aufhören. Mehr ist nicht in meinem Kopf. Der fühlt sich ohnehin schon so an, als ob er innen von den Gedanken wund geworden ist.

 

Wenn ich mir das noch einmal so ansehe, was ich geschrieben habe: Ich weiß nicht, ob Sie das überhaupt interessiert.

 

Und das Wort Ende benutzt man in meinem Alter ja nicht mehr gerne. Noch nicht einmal, wenn eine Geschichte nicht weitergeht.

 

Wenn aber wieder etwas geschieht, werde ich es für Sie AUF SCHREI BEN.

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 06.06.2019

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Die Geschichte erzählt etwas über einen meiner Freunde. Er sagt mir, an was er sich erinnert, und ich schreibe es für ihn auf. Aber seinen Namen verrate ich nicht.

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