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Prolog

 

Nachdenklich starrte ich auf das Gemälde, das über dem Kamin hing. Ich sah nicht das Feuer, das flackernd über das aufgeschichtete Holz leckte, und ich hatte auch keinen Blick für Mrs Dexter übrig, die den Tisch für das Abendmahl eindeckte. Sie versuchte es jeden Tag aufs Neue, doch ich enttäuschte sie immer wieder. Die ältere Dame konnte einfach nicht verstehen, dass mir der Sinn ganz und gar nicht danach stand, mich an einen Tisch zu setzen und so zu tun, als wäre alles normal. Und sie konnte auch nicht begreifen, dass ich nicht für eine Minute das Gesicht aus den Augen verlieren mochte, das mir so viel bedeutet hatte.

Ich hörte kaum, wie die Hausangestellte das Porzellan scheppernd auf den antiken Holztisch stellte, und versuchte zu ignorieren, dass sie keine fünf Minuten später das Essen auftrug. Dass sie mich in diesem Moment missbilligend ansah und den Kopf schüttelte, war mir bewusst, doch ich war einfach nicht in der Lage, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, als auf meine tiefen Gefühle für diese eine Frau. Ich fühlte mich gestört in meiner Trauer, obwohl Mrs Dexter es nur gut mit mir meinte.

Sie wollte nur mein Bestes, doch auch sie konnte mir nicht helfen, genauso wenig wie die zahlreichen Freunde und Verwandte, die es immer und immer wieder versucht hatten. Für die Krankheit, unter der ich litt, gab es keine Heilung, denn ich war bereits tot. Gestorben an einem gewittrigen Sommertag, an dem Amber dieses Haus und mein Leben verließ.

Mein Blick tastete jeden Millimeter ihres Bildes ab. So, wie ich es jeden Tag, jede Stunde, jede Minute tat. Das Portrait war dem Maler großartig gelungen. Es zeigte Amber, wie sie zu Lebzeiten aussah. Der Künstler hatte es perfekt verstanden, nicht nur ihre Schönheit, sondern auch ihre Lebenslust und ihr Temperament einzufangen – das Strahlen ihrer hellbraunen Augen und die stolze, fast schon aristokratische Haltung.

Ich hob mein Whiskeyglas und der bernsteinfarbene Alkohol schwappte verheißungsvoll in dem dünnen Kristall hin und her. Das Kaminfeuer ließ rote Lichter in der Flüssigkeit entstehen, und plötzlich ertrank ich wieder in diesem Meer aus Blut. Es war überall. Es bedeckte das Parkett, die Wände und den hellen Berber, der die Eingangshalle bis zu jenem Tag geschmückt hatte. Ich spürte es warm und klebrig durch meine Hände sickern, und der kupfrige Geruch stach mir noch immer in die Nase. Vor meinen Augen wurde alles Rot. Wie ein zäher Nebel legte die Farbe sich über mein Sichtfeld, und schon bald verschwamm alles in den blutigen Wolken, die mein Verstand mir vorgaukelte.

Meine Hand ballte sich wütend um das Glas, drückte immer fester zu – als ob ich so etwas an meiner Situation ändern könnte. Ich hörte das scharfe Knacken, doch ich war nicht in der Lage, meinen Griff zu lockern. Der Schmerz, der in meinem Inneren wühlte, wurde nur übertroffen von meinem Hass auf den einen Menschen, der mir das Liebste nahm, was ich besessen hatte – meine Frau Amber.

Der Whiskey floss über meine Hand, und Scherben fielen klirrend zu Boden, während Mrs Dexter, die gerade eine Servierplatte auf dem Tisch abstellte, einen Schreckensschrei ausstieß.

Ich besah mir den Schaden, den ich angerichtet hatte, und wieder war es Blut, das mir durch die Finger rann – warm und zäh. Mein ganz persönlicher Alptraum, in dem ich seit mehr als einem Jahr gefangen war. Ich spürte nicht einmal, dass Mrs Dexter ein Küchentuch um meine Hand wickelte, um dann eilig aus dem Raum zu stürmen. Wahrscheinlich holte sie Verbandszeug – wie so oft in den letzten Monaten. Währenddessen starrte ich weiter auf das Bild meiner toten Frau. So, als könne ich sie dadurch wieder ins Leben zurückzwingen.

Einer der brennenden Holzscheite knackte vernehmlich, während ich noch immer starr in meinem Sessel saß und Amber betrachtete.

Ian McCoy! Ian McCoy! Der Name kreiste in meinem Kopf, seit dem Tag ihres Todes. Am liebsten hätte ich ihm meine Hände um den Hals gelegt und zugedrückt, bis er röchelnd unter meinen Fingern gestorben wäre. Doch der feige Mistkerl hatte es vorgezogen, sich davonzustehlen – sich selber zu richten. Tatsächlich hatte er nicht einmal mit den Folgen seiner Tat leben können und mir so die Möglichkeit genommen, ihm meinen Hass ins Gesicht zu schleudern.

Das Handtuch, das Mrs Dexter provisorisch um meine Verletzung gewickelt hatte, fiel zu Boden, als ich mir mit den Händen fahrig in die Haare griff. Ein paar Geschäftsreisen zu viel. Ein bisschen zu wenig Zeit für eine so junge und lebenslustige Frau wie Amber, die mich oft genug angefleht hatte, nicht so oft zu verreisen und öfters zu Hause zu bleiben.

Und was hatte ich gemacht? Ich hatte sie angelächelt und war schlussendlich doch zu irgendeiner ach so wichtigen Konferenz aufgebrochen. Immer wieder hatte ich sie alleine gelassen, bis sie es schließlich nicht mehr aushielt und sich kopfüber in eine Affäre stürzte. Eine, die am Ende ihr Untergang gewesen war.

Ich spürte, wie meine Augen zu brennen begannen. Wie Feuchtigkeit über meine Wangen strömte. Ganz genau erinnerte ich mich noch an die Freude, als ich die Treppe zur Veranda hochstürzte und mir nichts dabei dachte, dass die Haustür offenstand. Amber war sehr nachlässig, wenn es darum ging, auf ihre Sicherheit zu achten, aber hierher verirrte sich kaum jemand, und der hohe Zaun, der das Grundstück einfasste, bewahrte das Haus vor Langfingern und üblem Gesindel. Es bot allerdings keinen Schutz vor Mördern, die man selber ins Haus ließ.

Ich konnte es selbst heute noch ganz genau vor mir sehen. Jede einzelne Nuance von Rot und Weiß war in meinem Gedächtnis verankert. Mit zwölf Messerstichen hatte ihr Lover Amber regelrecht hingerichtet. Sie lag auf dem Boden, gleich hinter der Tür, das weiße Kleid mit roten Rosen verziert – mit Blumen aus ihrem Blut. Ich brauchte mehrere Sekunden, um das Bild, das sich mir bot, zu begreifen. Ich brauchte die unglaubliche Reglosigkeit und Blässe ihrer Haut, um zu verstehen, dass Amber nicht mehr da war. Dass ein kaltblütiger Killer sie mir genommen hatte.

Mein Licht! Mein Leben! Nichts war mir geblieben von ihr. Nicht ihr Lachen, das ich noch heute in jedem Winkel des Hauses zu hören glaubte. Nicht der zarte Duft, den sie für gewöhnlich trug und der ihren Kleidern noch immer anhaftete. Sie war fort und hatte mich alleine zurückgelassen, mit meiner Schuld und meinen Gewissensbissen.

„Sie können nicht ewig so weitermachen, Mr Freeman! Das geht schon zu lange so! Sie werden krank, wenn Sie sich immer tiefer in Ihrer Trauer verlieren!“ Mrs Dexter versorgte meine Wunde akribisch, während ich versuchte, sie nicht weiter zur Kenntnis zu nehmen. Ich war ebenso tot, wie Amber es war. Mein Herz schlug, ich atmete, aber im Grunde genommen war ich ein gottverfluchter Zombie, der die Fürsorge der älteren Frau nicht verdiente. Wie immer reagierte ich heftig, wenn mir jemand mit gutgemeinten Ratschlägen ankam. Keiner konnte verstehen, wie es in mir aussah. Niemand konnte nachvollziehen, welche Hölle ich seit einem Jahr durchlebte …

Ich schob die Haushälterin resolut zur Seite.

„Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram! Ich mach das hier schon. Am besten nehmen Sie sich den Abend frei und tun, was immer Sie meinen, tun zu müssen, … aber hören Sie auf, mich bemuttern zu wollen. Das ist pure Verschwendung von Zeit und Energie!“ Ich registrierte ihren empörten Blick nur am Rande, und ihren Abgang bekam ich schon nicht mehr mit. Mein Augenmerk lag bereits wieder auf Amber und auf der Art, wie sie mir fröhlich entgegenstrahlte – fast so, als würde sie mich auslachen.

Kapitel 1


Dawn


Es war einer dieser Tage, die man nie vergaß – ein Tag, an dem sich das gewohnte Leben, schlicht und ergreifend verdünnisierte. Und danach war einfach nichts mehr so, wie man es sich in Kleinmädchenträumen ausmalte. Dabei hatte unser Beachday so gut begonnen. Die Sonne strahlte von einem makellos blauen Himmel auf uns nieder, die Wellen rollten leise an den Strand, und irgendwo heulte ein Kind, weil es sein Eis im Sand versenkt hatte. Es war der Beginn unserer Semesterferien, und den genossen wir in vollen Zügen.

Poppy und ich lagen am Strand von Santa Monica und ließen es uns gutgehen. Eigentlich hieß meine Freundin Patricia, aber diesen Namen konnte sie absolut nicht leiden, und so hatte sich im Laufe der Jahre der Name Poppy durchgesetzt. Den fand ich ebenso albern, aber wer wollte ihr das schon sagen. Poppy war Poppy, und die hatte ihren ganz eigenen Kopf. Heute war sie allerdings besonders gut drauf, was ich mehr als einmal zu spüren bekam.

Wir alberten herum wie dumme Teenager, tranken viel zu viel von dem billigen Rotwein, den uns ein fliegender Händler angedreht hatte und beobachteten unsere beiden Jungs. Meine Augen folgten Joey, und ich bewunderte das Spiel seiner Muskeln, während er gekonnt den Ball über das Netz schmetterte. Steven, Joeys bester Freund und seit Monaten nun auch Poppys ständiger Begleiter, nahm den Ball der gegnerischen Mannschaft an und gab ihn an meinen Verlobten ab. Der sprang in die Höhe und zeigte, was er draufhatte. Ein Punkt für unsere Mannschaft.

Leise seufzend wandte ich meinen Blick vom Spielfeld ab und widmete mich meinem Glas. In der Zwischenzeit war der Wein zu warm geworden und schmeckte dementsprechend fad. Angewidert verzog ich das Gesicht.

„Die Plörre ist echt übel, aber besser als gar nichts.“ Poppy hatte schon immer einen Hang dazu, offen auszusprechen, was andere sich dachten, aber in diesem ganz speziellen Fall musste ich ihr recht geben. Das Zeug schmeckte warm noch ekelhafter als bei angenehmer Zimmertemperatur.

„Sag mal …?“ Poppys Stimme bekam jenen lauernden Unterton, den ich so gar nicht an ihr mochte. „Was ist jetzt eigentlich mit eurer Hochzeit? Oder willst du den Rest deines Lebens als Dauerverlobte verbringen?“

Gretchenfrage – und zwar eine, die mir überhaupt nicht behagte. Innerlich seufzte ich auf. Poppy nicht zu antworten, würde bedeuten, dass sie sich den Rest des Tages mit nichts anderem mehr beschäftigte. Aber ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich ihr darauf sagen sollte.

„Ach, Mensch, Poppy! Du kennst doch unser Problem. Du weißt, dass es nicht so einfach ist, wie du dir das vorstellst. Immerhin …“

„Red keinen Quatsch!“ Sie schob ihre überdimensionierte Sonnenbrille nach oben auf den Kopf und bedachte mich mit dem typischen Poppy-Blick, den sie immer dann aufsetzte, wenn eine Predigt folgte. Und die wollte ich gerade eigentlich gar nicht hören. Der Nachmittag war viel zu schön, um ihn jetzt mit einem so ernsten Thema zu versauen. Zumal ich auch nicht über die Tat meines Vaters nachdenken wollte. Jetzt nicht und später noch viel weniger.

„Joey sollte zu dir stehen! Du kennst meine Meinung. Der ganze Quatsch mit: Mein Onkel würde es nicht ertragen, er würde zusammenbrechen – tralala!“ Meine Freundin machte eine unwirsche Handbewegung, so als ob sie einen lästigen Moskito verscheuchen wollte. „Du bist doch sonst nicht auf deinen hübschen Mund gefallen, aber was das Thema angeht, stülpst du dir die Büßerhaube über und lässt es einfach so laufen. Mensch, Dawn!“ Sie robbte zu mir rüber und zog mich in ihre von der Sonne gewärmten Arme. „Mach Joey Druck, sonst endest du am Ende noch als alte Jungfer! Außerdem will ich endlich Trauzeugin werden.“ Poppy gab sich Mühe, ernst zu bleiben, was ihr allerdings nicht so ganz gelingen wollte.

Ihr Grinsen wurde von Sekunde zu Sekunde breiter, während meines sich endgültig verabschiedete. Erst gestern noch hatten Joey und ich genau wegen dieses Themas gestritten. Ich hatte in einem Brautmodenheft geblättert und ihm ein besonders schönes Modell gezeigt – ein Traumkleid, in das ich mich auf Anhieb verliebte. Wieder einmal hatte Joey nur einen gelangweilten Blick für die Zeitschrift übrig gehabt und sich dann achselzuckend wieder seinem Wirtschaftsjournal gewidmet. Eine Tatsache, die ich nicht sonderlich gut aufgenommen hatte, und mein Mund war schneller davongaloppiert, als mein Hirn folgen konnte. Ein Wort gab mal wieder das andere, und das Resultat bestand darin, dass Joey wutentbrannt meine kleine Wohnung verließ. Beim Rausgehen wütete er noch, dass ich mich ja bei ihm melden könnte, wenn ich mich wieder eingekriegt hätte. Das waren auf keinen Fall die Worte, die ich hatte hören wollen.

„Ich mag nicht über dieses Thema reden, Poppy!“, gab ich lahm zur Antwort und wusste sofort, dass ich damit nur ein neues Fass aufmachte. Sie kannte mich einfach zu gut und wusste, dass etwas im Busch war – erst recht, weil ich nicht darüber sprechen wollte.

„Hey, Mausi! Was ist los? Ärger im Paradies?“

Ja! So konnte man das auch nennen, aber das war es nicht alleine. Wahrschlich würde ich viel gelassener reagieren, wenn diese verfluchte Unsicherheit nicht wäre. Mittlerweile war ich nämlich zu der Überzeugung gelangt, dass Joey nur nach einer Ausrede suchte, um mich nicht heiraten zu müssen. Dass sein Onkel nur der passende Vorwand für ihn war, sein Versprechen nicht einhalten zu müssen. Trotzdem versuchte ich ihn zu verteidigen – so wie eigentlich immer. Vielleicht aus Gewohnheit.

„Was soll Joey denn deiner Meinung nach machen? Soll er einfach ins Büro seines Onkels stürmen und ihm erklären: Ich habe vor zu heiraten. Meine Braut hat nur einen einzigen Fehler. Sie ist die Tochter des Mannes, der deine Frau gekillt hat! Stellst du dir das so in etwa vor?“ Ich merkte, wie ich mich langsam in Rage redete. „Nein, Poppy! Logan Freeman hat den Tod seiner Frau noch immer nicht verwunden, und Joey macht sich Sorgen um ihn. Die beiden stehen sich sehr nahe, und ich kann verstehen, dass er nicht so taktlos sein möchte!“

Wieder wedelte Poppy den ominösen Moskito zur Seite.

„Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören. Ihr seid seit fast einem Jahr verlobt, und er hat es noch immer nicht geschafft, Onkel Logan von dir zu erzählen? Was für eine schwache Leistung. Ja, ja! Mann sein ist nicht einfach. In meinen Augen ist er lediglich feige, aber er hat ja auch eine Menge zu verlieren – was für mich persönlich wohl keine Ausrede wäre.“

Im Stillen gab ich ihr recht, aber laut zugegeben hätte ich das niemals. Joey war Logan Freemans Alleinerbe, und der war nicht nur wohlhabend, sondern schlicht und ergreifend stinkreich. Auch ein Umstand, der dafür verantwortlich sein könnte, dass Joey mich seinem Onkel noch immer nicht vorgestellt hatte.

Poppy drehte sich träge auf den Bauch und versuchte, den Verschluss ihres Bikinioberteils zu öffnen. Dabei machte sie so schreckliche Verrenkungen, dass ich unwillkürlich einschritt und den Haken für sie löste. Das war für sie allerdings noch lange kein Grund, das leidige Thema fallenzulassen. Man konnte durchaus sagen, dass sie sich regelrecht festgebissen hatte.

„Was gedenkst du jetzt zu tun? Ich meine, … ihr beide seid ein wirklich hübsches Paar, auch wenn ich mir manchmal etwas anderes für dich wünschen würde. Es wäre doch ein Jammer, wenn eure Beziehung schlussendlich an so einem alten Sack scheitert.“ Auch hier musste ich ihr recht geben. Im Grunde boykottierte ein Mensch, der mich nicht kannte, meine Beziehung zu Joey – auch dann, wenn er es nicht einmal wusste.

Ich warf einen weiteren Blick auf das Beachvolleyball-Feld. Das Spiel war noch immer in vollem Gange, doch ich hatte nur Augen für Joey. Die blonden Haare fielen ihm zerzaust in die Stirn, und seine blauen Augen blitzten im Schein der Sonne aus seinem gebräunten Gesicht hervor. Als ich mich umschaute, erkannte ich viele junge Frauen, deren Blicke gebannt an meinem Verlobten hingen, und ich konnte sie sehr gut verstehen. Er war ein typischer Eyecatcher – und ich hoffte, dass er niemals auf die Idee kam, diesen Umstand auszunutzen. Als ich weiterredete, sprach ich mehr mit mir selber, als mit meiner Freundin.

„Wenn ich nur einmal mit Logan Freeman reden könnte! Wenn er mich kennenlernen würde, ohne zu wissen, wer mein Vater ist! Vielleicht könnte ich ihn von mir überzeugen, und vielleicht würde er mich sogar mögen. Dann wäre meine Hochzeit mit Joey eventuell einfacher für ihn zu akzeptieren. Es kann doch durchaus sein, dass er jemanden in mir sieht, der es wert ist, geliebt zu werden.“ Bei den letzten Worten war ich immer leiser geworden.

Poppy schnaubte empört und stemmte sich in die Höhe, wobei sie vollkommen vergaß, dass ihr Oberteil nicht mehr geschlossen war. Die umliegenden Herren würden Stielaugen und anderes bekommen, wenn meine Freundin sich nicht endlich wieder hinlegte … oder sich zumindest bedeckte. Doch die dachte natürlich nicht im Traum daran.

„Jetzt mach aber mal einen Punkt, Süße! Wie kommst du denn darauf, dass du nicht liebenswert sein solltest? Nicht du hast einen Menschen umgebracht – dein Erzeuger war es, und mit dem hattest du wie lange keinen Kontakt mehr?“

„Sieben Jahre!“, gab ich automatisch zur Antwort. „Vor sieben Jahren hat er meine Mutter verlassen, um sich selber zu finden – wie er es ausdrückte.“

„Da warst du wie alt? Lass mich rechnen, Schätzchen! Sechzehn Jahre? Was, bitte schön, … hast du mit der Tat deines Vaters zu tun? Ich fasse es nicht! Wird Zeit, dass dir mal jemand die Ohren langzieht.“

Im gleichen Moment flog ein großes Badelaken durch die Luft. Es traf Poppy, und ihre Puck-die-Stubenfliege-Sonnenbrille segelte in hohem Bogen in den Sand. Steven stand wie ein drohender Racheengel über ihr und schaute böse auf seine halbnackte Freundin hinab.

„Habt ihr mal wieder das eine Thema zwischen? Seid froh, dass Joey es nicht mitbekommen hat, weil er gerade Getränkenachschub organisiert.“

„Und? Was wäre denn, wenn Joey es gehört hätte? Ist nun mal meine Meinung, und die sag ich ihm auch dann, wenn er sie nicht hören will. Dann sogar fast noch lieber.“

„War mir irgendwie klar.“ Steven hatte den Satz noch nicht ganz beendet, als er sich auf Poppy warf und meine Freundin in eine wilde Balgerei verwickelte. Ich wusste jetzt schon, wie das endete. Sie würde quietschen, kreischen und sich am Ende nur zu gerne geschlagen geben. Still lächelte ich in mich hinein, während ich aufstand und mir den Sand von der Hose wischte. Ich würde Joey entgegengehen und ihm mit den Getränken helfen. Zum einen, weil ich Poppy und Steven einen Moment der Zweisamkeit gönnen wollte, zum anderen aber auch, weil ich plötzlich den Gedanken gar nicht so schlecht fand, Logan Freeman kennenzulernen, ohne dass er wusste, wen er vor sich hatte. Allerdings wusste ich nicht, wie ich an Joeys Onkel herankommen sollte. Das war das größte Problem, aber dafür müsste sich doch eigentlich eine Lösung finden lassen.

Und die kam schneller, als ich jemals damit rechnen konnte …


Kapitel 2


Dawn


Natürlich wusste ich ganz genau, wo Joeys Onkel lebte. Immerhin hatte mein Dauerverlobter mir das Haus schon gefühlte tausend Mal gezeigt. Selbstredend nur aus der Ferne, damit Onkel Logan mich nur ja nicht zu Gesicht bekam, und das schmerzte mehr, als ich sagen konnte. Ich kam mir tatsächlich wie die heimliche Geliebte vor. Joey schien das nicht einmal zu bemerken, denn er schwärmte mir jedes Mal vor, wie toll der noble Wohnsitz im Coldwater Canyon wäre. Ausgestattet mit einem großen Swimmingpool, einer kleinen Tennisanlage und allem, was das Herz begehrte. Er ließ keine Gelegenheit aus, mir unter die Nase zu reiben, was für eine sagenhafte Frau seine Tante gewesen war. Eine begnadete Innenarchitektin, die es verstand, einem Mann ein schönes Heim zu schaffen, und das, obwohl sie es eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte zu arbeiten. Immerhin war sein Onkel nicht nur wohlhabend, sondern reich. Diese Tatsache erkannte man unschwer an der Villa, in der er lebte.

Im Nachhinein konnte ich nicht sagen, was mich an diesem Tag ritt, aber ich schwang mich auf mein Fahrrad und radelte einfach drauflos. Ich hatte große Lust mich auszupowern und beim Sport zu vergessen, was mich seit dem Gespräch mit Poppy quälte. Sie hatte bei unserem Strandbesuch einen ganz wunden Punkt in meinem Inneren berührt, und seit sie mich auf einige unangenehme Tatsachen aufmerksam gemacht hatte, wollten die auch nicht wieder schweigen. Unaufhörlich kreiste seit gestern die Frage in meinem Kopf, ob Logan Freeman wirklich der einzige Grund war, warum Joey und ich nicht heiraten konnten. Ich zerfleischte mich gerade selber, konnte aber nicht das Geringste dagegen tun. So viele Kleinigkeiten ergaben auf einmal ein Gesamtbild, das Joey nicht unbedingt schmeichelhaft dastehen ließ. Und wenn ich ehrlich sein wollte – nicht erst, seit Poppy mich mit der Nase draufgestoßen hatte.

In den letzten Wochen hatte er kaum eine Verabredung zwischen uns beiden eingehalten. Meist kam er zu spät, oftmals sogar gar nicht. In der Regel erreichte mich dann eine fadenscheinige Begründung, die mich nicht wirklich zufriedenstellte. Wenn ich ihn auf meine Befürchtungen, mich gar nicht mehr heiraten zu wollen, ansprach, dann schenkte er mir sein jungenhaftes Grinsen, zauste meine blonden Locken und nannte mich sein Kleines Dummchen – nicht gerade schmeichelhaft. Andererseits tat er aber auch nichts, um meine Ängste zu zerstreuen – im Gegenteil.

Seine Küsse ließen das leidenschaftliche Feuer vermissen, mit dem er mich zu Beginn unserer Beziehung regelrecht berauscht hatte, und wenn ich genauer darüber nachdachte, auch seine Bereitschaft, mit mir zu schlafen. Irgendetwas schien permanent zwischen uns zu stehen. Ich wusste nur nicht, was das sein könnte – außer eben dem besagten Onkel, der mich laut Joey nicht akzeptieren würde.

Ich spürte den Fahrtwind in meinem Gesicht und versuchte alles, die unangenehmen Gedanken zu verscheuchen. Ich wollte nicht, dass sie die Oberhand gewannen und erst recht nicht, dass sie sich zwischen Joey und mich drängten. Manchmal kam es mir so vor, als verwandelte ich mich in eine eifersüchtige, unsichere Zicke, die ihren Freund am liebsten am Bett festgekettet hätte. So weit durfte es auf keinen Fall kommen.

Ich trat noch fester in die Pedale und fühlte mich zum ersten Mal seit Langem wieder einigermaßen gut. Der Sport half mir, und ich nahm mir vor, wieder öfters etwas nur für mich zu tun – auch wenn Joey meine Betätigung sehr unweiblich fand. Solange er mich jedoch so sehr vernachlässigte, konnte er von mir aus denken, was immer er wollte. Das betete ich mir immer wieder vor, glaubte allerdings selbst nicht an mein eigenes Mantra.

So früh am Morgen war in dieser Gegend kaum jemand unterwegs, und so erhöhte ich mein Tempo immer weiter. Schweiß rann über mein Gesicht und meinen Rücken, während ich spürte, wie mein Blut immer schneller durch meinen Körper zirkulierte. Der Nebel in meinem Hirn verzog sich nach und nach, und meine Gedanken flossen klarer als noch vor wenigen Minuten. In mir machte sich immer mehr die Überzeugung breit, dass ich Joeys Onkel kennenlernen musste. Dass der Weg zu meinem Verlobten nur über Logan Freeman führte.

Gerade als ich den festen Vorsatz fasste, irgendwie die Bekanntschaft jenes Mannes zu suchen, trat eine Person auf den Boulevard. Sie tauchte so plötzlich auf, dass ich im ersten Moment nur einen Schatten erkannte und hart an den beiden Handbremsen zog. Ich spürte das Schlingern des Sportrades und unternahm alles, um die Kontrolle nicht völlig zu verlieren. Das war allerdings gar nicht so einfach, denn gerade bekam ich eine Ahnung davon, wie es sein musste, auf einer Bananenschale den gesamten Rodeo Drive herunterzurutschen. Ein ziemlich beschissenes Gefühl.

Die Sekunden zogen sich wie ein alter Kaugummi, und ich glaubte, dass ich niemals rechtzeitig anhalten konnte. Innerlich bereitete ich mich schon auf einen verletzungsträchtigen Sturz vor – doch der blieb aus.

Ich hörte derbes Fluchen, dann den Aufprall von etwas Hartem, und ehe ich mich versah, geriet ich in eine bedenkliche Schieflage, die ich nur in den Griff bekam, indem ich mit den Füßen den letzten Schwung des Rades abfing. Halb stolpernd, halb schlitternd rutschte ich noch einen Meter, bevor ich heftig nach Luft ringend endlich einen halbwegs sicheren Stand erreichte. Das Schimpfen hinter mir hielt an, und ich hatte ehrlich gesagt keine Lust mich umzudrehen, um mir den Schaden anzusehen, den ich angerichtet hatte.

„Was für eine Idiotie! Wie kann man nur so rasen?“ Es nutzte alles nichts. Langsam drehte ich mich um und erstarrte.

Gleich neben einer Toreinfahrt, die ich im Übrigen bestens kannte, stand eine ältere Dame neben einem offenen Koffer, dessen Inhalt über den ganzen Asphalt verteilt war. Ein Schlüpfer, den man sich getrost bis unter die Achseln hätte ziehen können, hing höchst dekorativ an der Antenne des wartenden Taxis, und ich bemerkte, dass der Fahrer sichtlich Mühe hatte, nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Da war er aber auch der Einzige, der das Desaster lustig fand – mir war nämlich gerade mal so gar nicht nach Lachen zumute. Während ich noch wie erstarrt neben meinem Rad stand und mir überlegte, wie das passieren konnte, rollte ein einsamer Lockenwickler über die Straße und blieb neben meinem Schuh liegen. Ein rosa Lockenwickler, an dem ein paar graue Haare hingen …

Das war der Moment, in dem ich aus meinem Schockzustand erwachte und realisierte, wo ich mich befand.

Ein seltsames Schicksal oder die Tatsache, dass ich mich gedanklich intensiv mit Logan Freeman beschäftigte, hatten mich vor das Tor zu seinem Anwesen geführt. Ein komischer Zufall und einer, der mir tatsächlich auch ein bisschen unheimlich war. Gleichzeitig wurde mir auch klar, wen ich beinahe über den Haufen gefahren hätte, und sofort stieg mein Adrenalinpegel wieder bedenklich an. Mein Herz raste, und frischer Schweiß trat auf meine Stirn. Herrje! Die ältere Dame, deren Kofferinhalt ich über die Straße verteilt hatte, war niemand anderes als Mrs Dexter – Logan Freemans Haushaltsperle. Joey hatte sie mir irgendwann einmal gezeigt, als wir in der Nähe des Hauses waren und die Angestellte sich gerade abmühte, die schweren Müllsäcke aus der Villa zu schaffen. Ein Umstand, den ich bereits damals mehr als furchtbar fand. Eine Frau in diesem Alter sollte auf keinen Fall mehr solche Gewichte durch die Gegend schleppen.

Erst in diesem Moment besann ich mich darauf, dass ich nachsehen musste, ob mehr passiert war als eine Unterhose, die wie eine Fahne an der Antenne hing. Ich stellte mein Rad ab und rannte zu der noch immer schimpfenden Dame. Verletzt war sie anscheinend nicht, denn sie stopfte bereits voller Elan ihre Klamotten zurück in den Koffer. Dabei fluchte sie, was das Zeug hielt, und ich bekam tatsächlich rote Wangen, weil ihre Wortwahl alles andere als harmlos war. Ich beeilte mich und wollte helfen, doch als ich den ersten BH – wieder in rosa – in den Koffer packen wollte, riss sie mir das kolossal große Teil einfach aus den Fingern.

„Können Sie nicht aufpassen, junge Frau?“, motzte sie mich lautstark an. „Ein Wunder, dass Sie noch leben, wenn Sie immer so fahren wie gerade eben!“

„Ich wollte nicht … Ich habe Sie nicht gesehen und …“, stotterte ich verwirrt, während ich ein Stück Papier aufhob, das zwischen Wäsche und Toilettenartikeln auf dem Boden lag.

„Das habe ich gemerkt, Mädchen!“ antwortete sie und hatte dabei bereits einen sehr viel versöhnlicheren Ton angenommen. Den Rest bekam ich schon nicht mehr mit, denn in diesem Augenblick erkannte ich, was auf dem großen Papierbogen stand.

Haushälterin gesucht


Die Stelle ist ab sofort zu vergeben. Bei Interesse melden Sie sich bitte bei …


Anscheinend war Mrs Dexter zu der Überzeugung gelangt, dass sie zu alt für diese Arbeit war und hatte gekündigt. Grundgütiger! Da war sie! Die Antwort auf all meine Fragen. Ich brauchte nur noch zugreifen.

„Ist die Stelle noch zu haben?“, unterbrach ich den Redefluss der alten Frau, woraufhin diese mich ansah, als wenn ich vollkommen neben der Spur stehen würde.

„Das ist kein Job für Sie!“ Ganz vehement schüttelte die Frau den Kopf und klaubte dabei ihre Unterhose von der Antenne. „Glauben Sie mir, Sie werden die Arbeit nicht mögen, und der Hausherr ist … Sagen wir es mal so: Er ist nicht ganz einfach.“

„Also ist der Job noch frei?“ Über die Konsequenzen meiner Tat machte ich mir in diesem Augenblick keine Gedanken. Ich sah nur die Möglichkeit, endlich Logan Freeman kennenzulernen und ihn von mir zu überzeugen.

„Kindchen!“ Mit Kummerfalten im Gesicht tätschelte Mrs Dexter mir liebevoll die Schulter. „Ein so hübsches, junges Mädchen sollte sich auf gar keinen Fall in einem solchen Haushalt lebendig begraben lassen – denn etwas anderes ist es nicht. Es ist das Mausoleum einer großen Liebe. Hinter diesen Mauern endet alle Fröhlichkeit und jedes Leben!“

Das hörte sich nicht gut an – ganz und gar nicht gut. Für den Bruchteil einer Sekunde machte es mir sogar Angst, denn ich dachte tatsächlich darüber nach, wie Mr Freeman reagieren würde, wenn er rausbekam, wer ich war. Was würde er wohl mit mir machen – mit der Tochter des Killers?

„Wie heißen Sie eigentlich?“ Neugierig sah Mrs Dexter mich an, und ich erwachte wie aus einer Trance.

„Dawn! Dawn McC … Manchester!“ Beinahe hätte ich mich versprochen. „Und ich brauche die Arbeit wirklich dringend. Als Studentin bin ich auf jeden Cent angewiesen.“ Das war zwar so nicht ganz richtig, klang aber verdammt vernünftig und überzeugend, denn mein Gegenüber schüttelte zwar den Kopf, wies dann aber auf die offene Einfahrt.

„Ich sehe es schon. Da ich Sie anscheinend nicht aufhalten kann, möchte ich Ihnen noch einen guten Rat mit auf den Weg geben.“ Sie sah mich durchdringend an. „Bleiben Sie nicht zu lange an diesem Ort, denn er wird Sie verändern. Er wird Sie traurig machen. Achten Sie auf sich!“ Dann ließ sie den Koffer lautstark zuschnappen und wuchtete ihn in den Kofferraum des wartenden Taxis, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. Allerdings war ich in Gedanken schon gar nicht mehr bei der alten Frau, sondern bei Logan Freeman und dem, was mich in seinem Haus erwarten würde …

Kapitel 3


Dawn


Der Gang zum Haus über die lange, gewundene Auffahrt war gruseliger, als ich es mir vorgestellt hatte – der einstmals schöne Garten total verwildert und heruntergekommen. Die Rosenbüsche, die den gepflasterten Weg einrahmten, waren vor lauter Unkraut kaum noch zu erkennen, und ihre Blätter wirkten stumpf und faulig. Aber das war noch gar nichts. Als ich den Pool erreichte, wurde mir regelrecht schlecht. Das Wasser war grün und stank penetrant modrig. Blätter und jede Menge Müll schwammen auf der Oberfläche, und ich glaubte tatsächlich, zwischen all dem Unrat auch einen toten Vogel zu entdecken. Ich schüttelte mich bereits, bevor ich überhaupt den Eingang erreichte.

Trotzdem lief ich weiter, jetzt allerdings schon weit weniger enthusiastisch als noch vor wenigen Minuten. Mein Mut verließ mich immer mehr, je näher ich dem Gebäude kam. Dieses sah genauso abweisend aus wie der Garten, nur nicht ganz so heruntergekommen.

Alle Jalousien waren geschlossen, sperrten das Tageslicht und die frische Luft aus, und ich fragte mich, wie es wohl im Inneren aussehen würde. Ich befürchtete, dass mich dort nichts Angenehmes erwartete.

Seufzend trat ich vor die modern gestaltete Eingangstür und war erstaunt, diese offen vorzufinden. Ich musste nur leicht drücken, und sie schwang mit einem leisen, gespenstisch klingenden Quietschen nach innen auf.

„Hallo?“ Ich klang nicht unbedingt forsch. Eher piepsig wie ein Mäuschen, das vor der großen Katze kuschte – und genauso fühlte ich mich auch. An dieser Stelle kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass das hier eine ziemlich dumme Idee war. Ein Schuss, der durchaus nach hinten losgehen konnte und zwar mit einem sehr lauten Knall.

„HALLOOOO!“ Oje! Jetzt war ich extrem laut – lauter, als ich es beabsichtigt hatte. Die Antwort folgte auch sogleich und zwar in einem Ton, der mir Eiswasser über den Rücken laufen ließ. Trotz der zweiunddreißig Grad, die der Wetterdienst für heute gemeldet hatte, wurde mir plötzlich verdammt kalt.

„VERSCHWINDE!“, brüllte oder vielmehr lallte es mir entgegen. „Mach dasch du weg … wegkomscht …“

Und was machte ich, statt der freundlichen Aufforderung nachzukommen? Ich trat einfach ein und schlich zögerlich durch die Eingangshalle, die Gott sei Dank sauber und gepflegt wirkte. Fast hatte ich damit gerechnet, Spinnweben und Verfall wie in einem alten Spukschloss vorzufinden.

„Isch hab geschagt, … du schollscht … schollst verschwinschen …“, grölte der Besitzer des Hauses laut, und ich orientierte mich an der furchtbaren Stimme, um zu ihm zu gelangen. Nein! Ich würde jetzt auf keinen Fall weglaufen – nicht so kurz vor meinem Ziel! Selbst dann nicht, wenn ich mir gerade vor Schiss in die Hose machte.

„Ich möchte mich vorstellen, … für den Job als Haushälterin …“ Das klang in etwa so überzeugend wie ein Junkie, der behauptete, sich keinen weiteren Schuss setzen zu wollen.

„Vorschtellen … Hahaha!“ Das Gelächter ließ die nächste Gänsehaut über meinen Rücken und meine Arme krabbeln, doch statt zu flüchten, wozu mein Instinkt mir dringend riet, machte ich den ersten Schritt hinein in die Höhle des Löwen.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber mein erster Eindruck war buchstäblich umwerfend. Es hätte mich fast aus den Schuhen gehauen, so sehr stank es in dem Wohnraum, den ich gerade betrat. Mal ganz davon abgesehen, dass das Feuer im Kamin die einzige Lichtquelle war und ich kaum etwas erkennen konnte, drehte der Geruch nach Alkohol, abgestandener Luft und Schweiß mir auch gleich den Magen um. Was für ein Wesen hier hausen mochte – es war garantiert nicht menschlich, denn das hier konnte auf Dauer niemand aushalten.

Unbewusst tastete ich nach dem Lichtschalter, wurde aber sogleich gestoppt.

„Finger weg! Lasch das Lischt ausch!“, zischte es mir dunkel entgegen. „Komm näher!“

Aber klar doch! Wahrscheinlich legte Mr Freeman es darauf an, dass ich mir hier im Dunkeln den Hals brach. Trotzdem machte ich tapfer zwei weitere Schritte in den Raum hinein – und dann noch einen und noch einen. Jetzt erkannte ich bereits erste schemenhafte Umrisse, die vom Feuerschein angeleuchtet wurden. Anscheinend gewöhnten meine Augen sich an das gedämpfte Licht, das im Zimmer vorherrschte. Wobei ich mir eine Sekunde später fast wünschte, es wäre anders.

Logan Freeman saß in einem Ohrensessel, nicht weit entfernt von mir. Funkelnde, braune Augen starrten mir entgegen und ein Gesicht, das ebenso gut aus einem Horrorfilm entsprungen sein könnte. Lange, schwarze Haare, die ihm zottelig ins Gesicht hingen, waren nach seinen verblüffend hellen Augen das Erste, was mir ins Auge fiel. Ebenso wie der Bart, der nicht nur ungepflegt aussah, sondern es tatsächlich auch war. Ich bildete mir sogar ein, dass das Teil sich bewegte – aber das war zum Glück nur eine Reflektion des Feuerscheins, denn ansonsten hätte ich schreiend das Weite gesucht.

Die Klamotten, die der Kerl am Leib trug, konnte man nur noch in der Mülltonne entsorgen. Jeder Penner auf der Straße hätte sich geschämt, wenn er so durch die Gegend gelaufen wäre. Himmel! Ich hatte mir so einiges vorgestellt und nach Mrs Dexters Worten auch noch mehr befürchtet – dass es allerdings so schlimm um Joeys Onkel stand, hatte ich nicht gedacht.

Logan Freeman löste eine Hand von seinem halbvollen Glas und winkte mich zu sich heran. Ich wusste in dieser Sekunde wirklich nicht, ob ich es aushalten würde, ihm noch näher zu kommen – der Typ stank nämlich wie ein Iltis. Ich musste mich ganz schön zusammenreißen, um zwei weitere Schritte in seine Richtung zu schaffen. Dabei hielt ich allerdings so lange die Luft an, wie ich es gerade noch vermochte.

„Du bischt zu jung“, fällte er sogleich sein Urteil über mich. „Sowasch wie disch kann isch nisch brauchen!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung – sehr abfällig und herablassend.

„Und Sie stinken!“

Ach, du grüne Neune! Da war es! Mein allergrößtes Problem und genau das, was Joey an mir am wenigsten leiden mochte. Oftmals plapperte mein Schnabel einfach drauf los – ganz ohne mein Zutun und ohne das Einschalten meines Gehirns. Die einsetzende Stille besagte deutlich, dass ich jetzt Mr Freemans ungeteilte Aufmerksamkeit besaß. Allerdings wagte ich zu bezweifeln, das diese positiver Natur war.

Damit hatte sich der Job für mich erledigt! Ganz sicher sogar, und Logan Freeman würde mich gleich zum Teufel jagen. Genau das erwartete ich und machte mich bereit, im Notfall losrennen zu können. Meine Beine juckten fürchterlich, doch ich zwang mich, erst einmal stehenzubleiben – auch wenn es schwerfiel. Erst recht, nachdem sein Blick jetzt immer intensiver wurde.

Joeys Onkel stellte sein Glas mit einem lauten Knall auf den kleinen Beistelltisch aus Marmor.

„So, so! Ich schtinke also!“ Er kratzte sich ungeniert den Bart, und wieder sah ich kleine Krabbeltiere, die nur meiner Einbildung geschuldet waren – daran musste ich einfach glauben! „Isch hoffe, isch habe nisch noch weitere Unzulänglischkeiten, die misch als Arbeitgeber inakschzeptabel machen!“ Das war eindeutig keine Frage gewesen, und ich hatte sehr wohl den drohenden Unterton in seiner Stimme vernommen. Anscheinend hatte ihm schon lange keiner mehr die Stirn geboten, und ich wusste auch nicht, ob meine spontane Idee zu meinen Besten gehörte. Trotzdem ahnte ich, dass ich jetzt nicht nachgeben durfte. Zeigte ich Schwäche, dann war es das mit dem Job. Dann würde Mr Freeman mich aus dem Haus jagen, schneller als meine Beine mich tragen konnten. Woher diese Überzeugung kam, konnte ich nicht einmal sagen, aber sie war da.

„Ja!“, holte ich aus. „Da gibt es so einiges, was mich stört! Sie sind unfreundlich und grob, und falls Sie mal an einem Spiegel vorbeikommen, sollten Sie bei Gelegenheit reinschauen!“ Ich holte tief Luft und kratzte den letzten Rest Mut zusammen, den ich finden konnte. „Ihnen dürfte nicht gefallen, was Sie dort zu sehen bekommen!“

Mr Freeman riss überrascht die Augen auf, und ich erkannte ein erstes interessiertes Glitzern in seinen Iriden. Ob das ein gutes oder doch eher ein schlechtes Zeichen war, blieb abzuwarten. Ich hatte wie so oft einfach drauflos geplappert und musste mich jetzt den Folgen meiner Worte stellen. Hoffen konnte ich nur, dass ich mir nicht gerade den Weg in die Villa komplett verbaut hatte.

Wieder strich Joeys Onkel sich durch seinen Bart, und ich betete zu allen Engeln, dass er doch endlich damit aufhören möge. Es knisterte so unschön, dass ich befürchtete, der Schmutz von zwölf Monaten würde gerade anfangen zu bröckeln.

„Hmmmm!“, brummelte er dumpf. „Scho hat noch keiner mit mir geredet, und isch weisch nisch, ob ich dasch gut finden scholl …“ Er lallte schon bedeutend weniger und wirkte lebhafter – aber das konnte genauso gut auch Einbildung sein.

„Dann wurde es aber Zeit!“, beschied ich resolut und bewegte mich weiter auf ihn zu. Dabei griff ich wie nebenbei nach der fast leeren Bourbonflasche und nach dem fleckigen Glas. Vorläufig würde der Kerl keinen Alkohol mehr bekommen, das stand für mich außer Frage. Was mich allerdings am meisten wunderte, war die Tatsache, dass er keinen Protest äußerte, als ich beides aus seiner unmittelbaren Reichweite entfernte. Stattdessen lachte er lauthals los, und das hörte sich so qualvoll an, dass mein Herz einen holpernden Satz machte. Auch dieses menschliche Wrack ging auf das Konto meines Erzeugers … Das und noch einiges mehr …


Kapitel 4


Logan


Die Tatsache, dass ich nach sehr langer Zeit diesen Flashback hatte – dass ich die Bluttat einmal mehr durchleben musste, hatte mich in eine Art Schockzustand versetzt. Auch dass Mrs Dexter anscheinend endlich genug von mir hatte und vor meinen Augen ihren Arbeitsvertrag zerriss, ließ mich noch tiefer in die Schwärze sinken, die mich seit Ambers Tod ständig umgab. Fortwährend griff ich zum Whiskey, in der Hoffnung, dass er mich den Schmerz weniger stark fühlen ließ. Dass er den Teil

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: Emilia Swan
Cover: Agnes Albrecht
Lektorat/Korrektorat: Melanie Lübker
Tag der Veröffentlichung: 05.03.2019
ISBN: 978-3-96465-130-3

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Dieses Buch widme ich all den Menschen, die sich ihre Träume und ihre Phantasie bewahrt haben. All denen, die es lieben, sich mit einem Buch zurückzuziehen und in spannende Welten einzutauchen. Die sich für ein paar Stunden verzaubern lassen und dabei alles rund um sich herum vergessen können. Ganz besonders aber widme ich diese Geschichte all denen, die bei ihrer Entstehung geholfen haben: Meinen Testlesern, ganz besonders - Jutta, Steffi, Elvira, Regina, Tina, Sandra, Beate, Janine und R. Burke. Ich liebe es, wie sie mitfiebern und mich puschen.. Der lieben Agnes gehört mein ganz spezieller Dank. Ihr wundervolles Cover spricht für sich selber. Liebe Agnes! Was wären meine Geschichten ohne deine tollen Bilder dazu? Ganz zum Schluss möchte ich mich auch beim gesamten Bookrix-Team für die tolle Unterstützung bedanken und ganz besonders bei meiner Korrektorin Melanie Lübker, die dem Text den letzten Schliff gegeben hat

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