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Neuigkeiten für Nele

Es war der 23. Dezember, die Autobahn war wenig befahren. Eine dünne Eisschicht hatte sich auf der Straße gebildet. Hätte Thomas-Elias Ebermann es nicht so eilig gehabt, wäre seiner kleinen Tochter vieles erspart geblieben. Doch so war es nicht. Ein Fuchs, der durch die kaputte Absperrung geschlüpft war huschte auf die Autobahn. Thomas-Elias versuchte dem Tier auszuweichen und fuhr durch die Absperrung durch auf die entgegensetzte Fahrbahn. Zu allem Unglück konnte ein riesiger LKW nicht mehr bremsen und fuhr in den Wagen der Familie Ebermann. Nur das junge Mädchen überlebte. Die Feuerwehr rettete sie aus den Flammen und übergab sie in die Obhut der Sanitäter. Sie hatte den größten Teil ihres Lebens in einem Waisenhaus verbracht und von der Welt nicht viel mehr als graue Mauern und Rauch am Himmel gesehen. Wenn sie nicht gehorchte, wurde sie geschlagen. Man konnte die Striemen des Gürtels noch Tage später sehen. Ihre Zimmergenossin hatte es am schwersten. Sie wurde täglich geschlagen, und einmal wurde sie für drei Tage in einen Wandschrank gesperrt. Die Regeln im Waisenhaus waren ganz einfach. Gehorche, oder leide. Frau Cornelius, die Heimleiterin, war sehr freundlich, aber sie konnte auch sehr ungerecht werden. Wenn man zum Beispiel einen Fluchtversuch machte oder man sich mit jemandem prügelt, kann sie sehr unangenehm werden.

 „Nele, du sollst sofort zu Frau Cornelius ins Büro.“, rief die Hausmutter. Drei Mädchen erschienen auf dem Flur. Das Waisenhaus war sehr voll und es gab fünf Mädchen mit dem Namen Nele. „Wen von uns meinen sie?“, fragte ein zehnjähriges Mädchen. „Nele Ebermann.“, antwortete die Hausmutter. Ein Mädchen mit schulterlangen braunen Haaren trat hervor und ging langsam die Treppe hinunter. Die Mädchen, die sich auf dem Flur aufhielten tuschelten. Normalerweise war Nele das reinste Musterkind, auch wenn sie bestimmt die meisten Striemen am Arm zeigen konnte. Einige Mädchen erinnerten sich noch daran, wie unerträglich Nele war, als sie gerade mal fünf Jahre alt war und das halbe Waisenhaus auseinandergenommen hatte. Zur Strafe wurde sie eine Woche von den anderen Mädchen isoliert und hatte drei kräftige Schläge auf den Arm bekommen.

 Frau Cornelius erwartete Nele schon. „Was habe ich dieses Mal verbrochen?“, fragte Nele vorsichtig. „Noch hast du gar nichts getan. Ich muss etwas mit dir besprechen.“, meinte Frau Cornelius und gab ihr mit einem Wink zu verstehen, dass sie sich setzen sollte. Schon lange saß Nele nicht mehr in diesem Büro. Die Wände waren grün gestrichen und die Sonne schien durch das Fenster. Es war eins der wenigen Zimmer von denen man über die Mauer sehen konnte. Neles Gedanken schweiften ab als sie die vielen Kinder auf einem Spielplatz und einige Mädchen in Geschäften sah. „Nele! Hörst du mir eigentlich noch zu? Es geht gerade um deine Zukunft, und nicht ums Shoppen.“, meckerte Frau Cornelius. Mit einem Schlag befand Nele sich wieder in der Realität. „Ähm, Entschuldigung. Könnten sie bitte noch einmal wiederholen was sie eben gesagt haben?“, bat Nele verlegen. „Ich habe gerade gesagt, dass in Internat Neuschwanstein ein Platz für dich frei wäre und es deine Entscheidung ist, ob du dort hingehst oder hier bleibst.“, wiederholte Frau Cornelius. „Aber warum ist gerade für mich ein Platz frei?“, fragte Nele erstaunt. „Du bist nun fast zwölf Jahre deines Lebens hier und wenn du das Waisenhaus verlässt, dann bist du ganz auf dich allein gestellt. Das ist bestimmt nicht sehr einfach, wenn man von der Außenwelt nicht viel mehr kennt als man hier aus dem Fenster sehen kann. Die Erfahrung, die du nicht gemacht hast, kann man nicht in einem Buch nachlesen.“, erklärte Frau Cornelius. „Ich glaube nicht, dass ich mich auf einem Internat zurechtfinden würde.“, meinte Nele. „Ich glaube, dass du es schaffst, dich dort einzufügen. Die Direktorin ist nett und wird dir bestimmt in der ersten Zeit ein wenig helfen.“, munterte Frau Cornelius sie auf. „Und sie meinen wirklich, dass ich da hin gehen sollte?“, fragte Nele unsicher. „Es ist ein besserer Ort für dich.“, antwortete Frau Cornelius und nickte Nele aufmunternd zu. „Nun, dann werde ich dort hingehen.“, willigte Nele schließlich ein. Frau Cornelius lächelte sie an. „Du kannst nun gehen. Ich werde dich übermorgen zum Bahnhof begleiten, ab dann bist du unter der Obhut deiner neuen Lehrerinnen.“, verkündete Frau Cornelius.

Nele ging fast noch langsamer zurück zu ihrem Zimmer wie sie zum Büro gegangen war. „Und, was hat die Conny gesagt?“, fragte ihre Zimmergenossin. „Ich glaube du bekommst eine neue Mitbewohnerin. Ich gehe übermorgen.“, antwortete Nele desinteressiert. „Wurdest du adoptiert?“, fragte ihre Freundin weiter. „Nein, ich werde auf das Internat Neuschwanstein gehen.“, antwortete Nele, während sie eine große Reisetasche aus ihrem Schrank kramte und anfing, ihre Sachen darin einzupacken. „Du gehst auf ein Internat? Ich freue mich ja so für dich! Schreiben wir dann? Ich würde so gerne wissen, wie es hinter der Mauer ist.“, bat Neles Mitbewohnerin. Leise klopfte der Regen an das Fenster. „Ich werde dir bestimmt schreiben.“, versprach Nele.

Kurz darauf schloss sie ihre Reisetasche und ließ sich auf ihr Bett fallen. Sie träumte von Freiheit und Freunden, mit denen sie über alles lachen konnte.

Am Bahnhof

Zwei Tage waren schnell vergangen und Nele rannte aufgeregt zwischen den ganzen Mädchen umher um sich von allen zu verabschieden. Schließlich nahm sie ihre Tasche und ging zu Frau Cornelius Büro. Dort angekommen wurde sie schon erwartet. „Guten Morgen Nele. Hast du alle Sachen dabei?“, begrüßte Frau Cornelius sie. „Ich denke ich habe alles.“ , antwortete Nele und sah zu ihrer Reisetasche. „Gut. Der Zug fährt in einer Stunde. Ich denke, wir sollten nun los.“, meinte Frau Cornelius. Nele nickte und folgte ihr zum Auto. Unsicher sah sie die hohen Mauern an. Die Kinder aus dem Waisenhaus hatten sehr selten Ausgang. Nele konnte sich nur noch schwach daran erinnern, dass sie vor etwa einem halben Jahr die Hausmutter zum Einkaufen begleitet hatte. Jeden Tag durfte ein Mädchen die Hausmutter zum Einkaufen begleiten, aber da so viele Mädchen im Heim lebten, kam das nicht sehr oft vor. „Bist du sehr nervös?“, fragte Frau Cornelius. „Nervös? Ich doch nicht. In einem Internat ist es bestimmt nicht sehr viel anders als hier.“, meinte Nele, aber ihre Stimme klang recht unsicher. „Das vielleicht nicht, aber die Mädchen sind schon anders. Außerdem hast du nun zwei Mal in der Woche die Erlaubnis, ins Dorf zu gehen.“, sagte Frau Cornelius. Nele setzte sich auf den Beifahrersitz und nahm ihre Tasche auf den Schoß. Gebannt sah sie aus dem Fenster. Felder und Höfe zogen an ihnen vorbei. „Wie weit ist es von hier bis zum Internat?“, fragte Nele. „Ich denke etwa hundertfünfzig Kilometer.“, antwortete Frau Cornelius nach kurzem Überlegen. „Oh. Kann ich denn in den Ferien mal zu Besuch kommen?“, fragte Nele weiter. „Natürlich. Wenn du uns bis dahin nicht vergessen hast.“, grinste Frau Cornelius. „Wie könnte ich denn meine Kindheit vergessen, fast zwölf Jahre meines Lebens.“, meinte Nele empört. Auf einmal tauchte der Bahnhof vor ihnen auf. Es wimmelte nur so von Mädchen verschiedenen Alters. Frau Cornelius lenkte ihren Wagen auf einen der freien Parkplätze und deutete Nele auszusteigen. Unsicher sah Nele zu den anderen Mädchen, die sich vom Parkplatz zur Bahnhofhalle begaben. Frau Cornelius drückte ihr die Reisetasche in die Hand und ging voraus zum Bahnhof. Nele lief ihr hinterher.

In der Halle wurden sie von Frau Flemming, Neles zukünftiger Klassenlehrerin, begrüßt. „Hallo Frau Cornelius. Das ist aber schon lange her dass ich sie gesehen habe. Das ist bestimmt Nele.“ Nele lächelte ihre Klassenlehrerin freundlich an. „Ja, ich bin Nele. Schön sie kennenzulernen.“, stellte Nele sich vor. „Also Nele, ich denke es ist Zeit sich zu verabschieden. Sophia kann dir ja gleich euer Abteil zeigen.“, schlug Frau Flemming vor. Nele nickte. Sie sah Frau Cornelius traurig an. Frau Cornelius versuchte zuversichtlich zu lächeln, was ihr aber nicht gelang. Verstohlen wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich werde dich vermissen Nele.“, sagte sie. „Ich werde das Waisenhaus auch vermissen.“, meinte Nele und umarmte Frau Cornelius zum Abschied. Die Mädchen die in der Nähe standen tuschelten. Ein Mädchen mit kurzen blonden Haaren ging zu Nele und begrüßte sie. „Hey, du bist bestimmt Nele. Ich bin Sophia und zusammen mit Clarissa deine Zimmergenossin.“ „Schön dich kennenzulernen.“, lächelte Nele. „Komm mit, ich zeige dir wo alle Neuen sitzen. Aber ich glaube sonst kommt keine Neue in unseren Jahrgang. Oder ist es okay wenn Nele bei uns sitzt, Frau Flemming?“, plapperte Sophia drauf los. „Natürlich Sophia, nehmt Nele ruhig mit. Frau Cornelius, ich denke es ist besser für Nele wenn sie nun geht.“, stimmte Frau Flemming zu.

 Sophia zog Nele mit, die Frau Cornelius zum Abschied noch ein letztes Mal anlächelte. Dann verschwand sie in der Menschenmenge. „Komm mit, als erstes gehen wir zum Kiosk. Wir haben noch ein bisschen Zeit bis der Zug fährt.“, schlug Sophia vor. „Aber ich habe gar kein Geld mit.“, protestierte Nele. „Warum das denn?“, fragte Sophia verwundert. „Ich habe keine Mutter so wie du, die mich mit allem versorgt.“, meinte Nele. „Oh, dann teilen wir uns halt was. Du kannst mir ja heute Abend davon erzählen.“, schlug Sophia vor. Also gingen sie zum Kiosk und deckten sich mit Cola, Chips und Schokolade ein. „Cola ist im Internat verboten, aber jeder hat einen heimlichen Vorrat in seinem Schrank, falls es mal irgendwas zu feiern gibt.“, verriet Sophia. Als sie merkten das die meisten Mädchen sich in die Richtung des Zugs bewegten versuchten sie sich einen Weg zu bahnen um einen guten Platz zu bekommen. „Komm, wir setzen uns zu Lina Linn und Tascha, bei ihnen ist noch so viel Platz im Abteil.“, meinte Sophia und zog Nele mit sich mit.

 „Hey Leute, das ist Nele.“, stellte Sophia ihre neue Freundin vor. „Hey Nele, ich bin Lina, das ist meine beste Freundin Linn und das ist Tascha.“, stellte Lina sich und die anderen Mädchen vor. „Schön euch kennenzulernen.“, lächelte Nele. „Erzähl mal, wo kommst du her?“, fragte Tascha neugierig. „Genaugenommen weiß ich nicht wo ich herkomme. Ich lebe seit ich zwei bin in einem Kinderheim. Meine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Aber ich habe mich damit abgefunden. Schade ist nur, dass ich gar nichts über meine Eltern weiß, noch nicht einmal wie sie aussehen.“, erzählte Nele. „Oh, das tut uns leid. Ich habe meine Mutter verloren als ich sechs Jahre alt war, meinen Vater kenne ich nicht. Die Schwester von Katha, ich meinte Frau Schneider, hat mich zu sich genommen. Ich bin froh, dass ich dort eine neue Familie gefunden habe.“, erzählte Lina. „Wer ist Frau Schneider?“, fragte Nele neugierig. Die Mädchen sahen sich an. „Hast du noch nie etwas von Frau Schneider gehört? Sie ist unsere Direktorin. Meistens ist sie total lieb, außer man reizt sie. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich sie noch nie wütend erlebt, noch nicht mal wenn sie sich mit ihrer Schwester streitet. Sie gibt immer nach, weil sie einfach so toll ist.“, schwärmte Lina. „Na dann muss ich mir ja keine Sorgen machen wenn ich mal irgendetwas anstelle.“, meinte Nele. „Provoziere sie bloß nicht. Denn von gerechten Strafen versteht sie schon was.“, dämpfte Linn Neles Vorfreude. Die Zeit verging schnell und kurz darauf rollte der Zug schon aus dem Bahnhof. Nele winkte Frau Cornelius noch ein letztes Mal, dann ließ sie sich auf ihren Sitz fallen.

Frau Schneider

Als sie im Internat Neuschwanstein ankamen herrschte ein reges Treiben auf dem Innenhof. Das Gebäude war sehr groß und hatte zwei hohe Türme. In einem Turm waren die Büros und ganz oben die Krankenstation, im anderen Turm wohnten die Lehrerinnen, die für keinen Flügel zuständig waren. Jeder Flügel, also der Ost-, West- und Südflügel des Gebäudes hatte eine Hausmutter und eine Hausvorsteherin. Im Nordflügel befanden sich die Unterrichtsräume und der Speisesaal. „Komm Nele, wir müssen unsere Sachen auf unser Zimmer bringen. Hast du schon gehört wer unsere Mitbewohnerin ist? Clarissa Meißner. Vor der musst du dich in acht nehmen, die ist echt unerträglich und vor allem zickig“, meinte Sophia. Nele nahm ihre Tasche und versuchte Sophia in der Menge nicht zu verlieren. Sophia führte sie zum Westflügel in den ersten Stock. „Hier wohnen wir“, sagte Sophia und öffnete schwungvoll eine Tür. „Sag mal Sophia, warum sind hier auf dem Gang nur ältere Mädchen?“, fragte Nele neugierig. „Clarissas Vater zahlt dafür, dass sie nicht in einen großen Schlafsaal kommt, aber da eigentlich nur die Mädchen aus der Oberstufe, also aus dem Westflügel, ein Dreierzimmer bekommen, wurden wir bei der Oberstufe untergebracht. Der Rest aus unserem Jahrgang wohnt im Ostflügel“, erklärte Sophia. „Na das ist ja mal eine Ehre. Aber mir wäre es lieber wenn uns die Großen nicht so anstarren würden und unser Weg zum Gemeinschaftsraum nicht so weit wäre“, meinte Nele. „Dafür hat unser Zimmer einen super Ausblick auf die Wiesen und in der Ferne kann man die Alpen sehen“, tröstete Sophia sie. Zusammen betraten sie das gemütliche Dreierzimmer. Clarissa war nirgends zu sehen, aber ihre Sachen lagen schon auf einem Bett. „Ich schlafe dort, wenn dir das nichts ausmacht“, bestimmte Nele und deutete auf das Bett am Fenster. Sophia schmiss zur Bestätigung ihre Tasche auf das nebenstehende Bett und stellte ihren Koffer daneben. „Du musst jetzt nur dein Waschzeug und deinen Schlafanzug auspacken, für den Rest ist morgen noch genug Zeit. Nach dem Essen müssen alle neuen, also du, zu Frau Schneider. Wir haben die Tradition, dass die Fünftklässler erst zwei Tage nach dem regulären Schulanfang ankommen“, sagte Sophia. An der Tür klopfte es und als Nele sie öffnete fielen ihr drei Taschen entgegen. „Kannst du die Taschen auf mein Bett legen?“, fragte ein Mädchen das Nele hinter all den Taschen und Kosmetikkoffern kaum erkennen konnte. Sie legte die Taschen auf das Bett neben dem noch drei weitere Koffer standen. „Ich bin Clarissa Susanne Meißner, aber das dürftest du ja bereits wissen“, stellte sich das Mädchen vor, nachdem es die Taschen abgelegt hatte. „Ich bin Nele Melina Sophie Ebermann. Aber wenn es dir nichts ausmacht nenne mich doch bitte einfach nur Nele“, stellte Nele sich ebenfalls vor. „Kommst du Nele? Wir gehen zu den Schlafsälen unserer Klasse“, schlug Sophia vor. „Warte, ich habe meine Uhr vergessen“ Nachdem Nele ihre Uhr um ihr Handgelenk gebunden hatte verließen sie das Zimmer.

 

Als Sophia und Nele den Innenhof betraten ertönte gerade eine Durchsage von Frau Schneider durch die Lautsprecher: Alle neuen Schülerinnen kommen bitte umgehend in mein Büro. „Merkwürdig. Normalerweise sollen die neuen Schülerinnen erst nach dem Abendessen zu Frau Schneider kommen. Aber wenn du willst bringe ich dich dort hin“, bot Sophia an. Zusammen gingen sie die Treppen im Nordflügel hinauf bis sie vor Frau Schneiders Büro standen. „Wir sehen uns später“, verabschiedete sich Sophia und lief die Treppen wieder hinunter und verschwand in den Innenhof. Nele atmete einmal tief ein und klopfte an der hölzernen Tür. „Herein“ Mit gesenktem Blick betrat Nele das Büro und schloss die Tür hinter sich. Frau Schäfer lächelte Nele freundlich an. „Komm doch bitte ein bisschen näher Kind“, bat sie. Zögernd trat Nele an den Schreibtisch ihrer Direktorin. Als sie ihren Kopf hob verschwand das Lächeln aus dem Gesicht von Frau Schäfer. „Du bist bestimmt Nele?“, fragte sie. Nele nickte schüchtern. „Aus welchem Kinderheim kommst du nochmal?“ Kinderheim Sonnenschein bei Frankfurt“, antwortete Nele. „Gut. Frau Cornelius erzählte mir, das du dort kaum Probleme gemacht hast. Ich hoffe dein gutes Benehmen behältst du hier bei“, sagte Frau Schneider kühl. „Natürlich“ „Ach Nele, die Hausmutter wartet auf dich, sie muss dir noch deine Uniform geben“ „Wenn ich das Büro der Hausmutter gefunden habe hole ich die Uniform ab“, meinte Nele. „Im Westflügel die dritte Tür rechts“, erklärte Frau Schneider den Weg. „Danke“

 

Nele rannte über den immer leerer werdenden Innenhof zum Büro der Hausmutter. „Hallo Nele, ich habe eigentlich schon früher mit dir gerechnet“, begrüßte die Hausmutter. „Entschuldigung, ich war eben noch bei Frau Schneider und ich kenne mich noch nicht so gut aus, ehrlich gesagt kenne ich mich gar nicht aus“, entschuldigte Nele sich. In dem Moment kam ein Mädchen aus der elften Klasse in das Büro. „Entschuldigen sie die Störung, aber ich kann meinen zweiten Koffer einfach nicht finden“, sagte sie. „Juliette, du hast deinen Koffer bestimmt wieder in den falschen Flügel gebracht. Ich gehe nun den Hausmeister sagen, dass er deinen Koffer suchen soll, wie jedes Mal nach den Ferien“, meinte die Hausmutter. Nele sah Juliette neugierig an. „Bist du nicht die Neue? Nele, stimmts?“, fragte Juliette. „Ist das so offensichtlich?“, bestätigte Nele. „Du hast noch keine Schuluniform. Aber keine Sorge, bis die Knirpse da sind findest du dich bestimmt zurecht“, munterte Juliette sie auf. „Bist du schon seit der fünften Klasse hier oder bist du erst später dazugekommen?“, fragte Nele. „Ich bin seit der neunten Klasse hier. Aber man gewöhnt sich schnell ein. In drei oder vier Tagen musst du auch keinen mehr fragen wo zum Beispiel der Musikraum ist“, meinte Juliette. Kurz darauf kam die Hausmutter mit Juliettes Koffer zurück. „Der Koffer war im Südflügel. Ich glaube langsam das auf deinem Gesundheitszeugnis das Wort Alzheimer fehlt“, sagte sie und drückte Juliette den Koffer in die Hand. „In zehn Minuten gibt es Abendessen“

 

Nachdem Nele ihre Schuluniform ausgehändigt bekommen hatte lief sie auf ihr Zimmer. Clarissa war gerade dabei einige Bilder an die Wand zu hängen und beachtete Nele gar nicht. Gerade als Nele ihre Schuhe zugeschnürt hatte klingelte es zum Essen. „Clarissa, kannst du mir bitte den Weg zum Speisesaal zeigen?“, fragte Nele schüchtern. „Komm doch einfach mit“, meinte Clarissa. Im Speisesaal war es sehr laut und die Mädchen liefen alle wild durcheinander. „Da vorne ist unser Tisch“, erklärte Clarissa und deutete auf einen Tisch der nahe des Lehrertisches stand. Dort saßen auch schon Sophia, Lina Linn und Tascha und redeten wild durcheinander. Nele setzte sich dazu, während sich Clarissa an das andere Ende des Tisches setzte. Alle im Saal starrten Nele an. Sie war die einzige Neue mit Ausnahme von den Fünftklässlern die erst in zwei Tagen ankommen würden. Nele sah unsicher zu Sophia rüber. „Ignoriere sie einfach, spätestens wenn die Schneider da ist bist du wieder uninteressant“, meinte Sophia. Nele atmete einmal tief durch und verfolgte dann gebannt das Gespräch zwischen Sophia und Tascha. „Als meine Mum dann rausgefunden hat, dass Roger und ich nicht mehr zusammen sind hat sie mich erst mal stundenlang ausgefragt. Dass Erwachsene aber auch immer so anstrengend sein müssen“, berichtete Tascha. „Finde ich auch. Du hättest meine Mum mal erleben sollen als ich meinen ersten Freund hatte. Das war so peinlich. Sie hat mich zehntausend mal gefragt wie lange wir schon zusammen sind und ob wir glücklich sind. Ich habe mich seitdem nie mehr getraut einen Freund mit nachhause zu nehmen“, erzählte Sophia. „Hattest du schon mal einen Freund?“, richtete Tascha sich nun an Nele. „Nein, und ich habe auch nicht wirklich Interesse“, antwortete Nele. Plötzlich wurde es ganz still im Saal. Alle Mädchen und auch die Lehrerinnen standen auf, und Frau Schneider betrat den Raum.

„Guten Abend meine Mädchen und Kolleginnen. Ich bin froh sie alle wieder hier zu sehen. Bitte begrüßt auch unseren Neuzugang Nele Melina Sophie Ebermann. Ich hoffe ihr nehmt sie gut auf. Guten Appetit“, sagte sie und setzte sich. Nach und nach setzten sich auch die Mädchen und Lehrerinnen.

Wieder starrten alle auf Nele. Viele fingen an zu tuscheln. Kurz darauf wurde das Essen serviert. Bei dem Anblick lief Nele das Wasser im Mund zusammen. Es gab Pommes, Schnitzel und zum Nachtisch Wackelpudding.

Der erste Abend

 Nach dem Essen liefen alle Mädchen wieder auf ihre Zimmer. Sehnsüchtig sah Nele aus dem Fenster. Sie vermisste ihre Freundinnen aus dem Waisenhaus. Plötzlich war Sophia ein Kissen nach ihr, womit sie Nele an der Schulter streifte. Nele schnappte sich das Kissen und warf es Sophia mit voller Wucht ins Gesicht. Clarissa, die bis jetzt nur verwundert das Geschehen betrachtet hatte verdrehte genervt die Augen und widmete sich wieder ihrem Spiegelbild. Wenige Augenblicke später hörte man einen Schrei aus ihrem Zimmer. „Clarissa, was ist passiert?“, fragte Nele erschrocken. „Ich habe einen riesigen Pickel“, jammerte Clarissa erschrocken. Nele sah Clarissa vorwurfsvoll an. „Das ist jetzt nicht dein Ernst oder? Wo hast du denn bitteschön einen Pickel. Deine Haut sieht vollkommen normal aus.“ „Normal?! Bist du etwa blind? Da, direkt an meinem Kinn ist ein Pickel! Sie doch selbst“, forderte Clarissa sie auf und deutete auf die Stelle, an der ein Pickel sein sollte. Beim genaueren Betrachten konnte Nele tatsächlich einen sehr kleinen Pickel erkennen. „Aber Clarissa, den sieht man doch gar nicht. Es ist doch nicht so, dass hier alle mit einer Lupe nach deinem Pickel suchen“, meinte Nele. „Das ist mir schon klar. Aber ich habe einen Pickel. Und vielleicht mag es in dein kleines Hirn nicht reingehen, aber es ist wie ein Weltuntergang für mich. Deine Meinung interessiert mich nicht“, giftete Clarissa rum. „Clarissa, uns interessiert auch nicht ob du einen Pickel hast oder nicht und du erzählst es uns trotzdem. Das dürfte ja wohl aufs gleiche hinauskommen“, mischte sich nun Sophia ein. Feindselig sah Clarissa sie an. „Was willst du eigentlich von mir du Bauerntrampel. Mit dir hat eben niemand geredet“, giftete sie nun. Empört verschränkte Sophia die Arme. „Schön. Wir müssen ja auch nicht mit dir reden. Komm Nele, wir gehen rüber zu Tascha.“ Nun stand Clarissa also allein in ihrem Zimmer.

Als kurz darauf Frau Flemming zur Kontrolle einmal rein sah, wischte sich Clarissa verstohlen eine Träne weg die ihr gerade das Gesicht runter lief. „Suchen Sie jemanden?“, fragte sie mit zitternder Stimme. „Nein, ich wollte nur gucken ob es Nele gut geht. Du weißt ja, die erste Nacht ist immer die Schlimmste“, antwortete Frau Flemming. Sie sah Clarissa und merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Ist alles in Ordnung bei dir?“ Clarissa schüttelte den Kopf. Frau Flemming schloss die Tür und setzte sich zu Clarissa auf das Bett. „Ich wollte eigentlich nicht wieder herkommen. Am Anfang der Ferien ist meine Mutter zusammengebrochen. Sie hat Schilddrüsenkrebs. Ich wünsche mir so sehr dass ich irgendwie helfen kann. Aber ich komme mir hier so nutzlos vor“, erzählte Clarissa unter Tränen. „Clarissa, du kannst deiner Mutter momentan am besten helfen, wenn du hier bleibst und keinen Ärger machst. Sonst macht sie sich noch Sorgen. Ich glaube dir, dass das schwer ist und das du nun unbedingt wieder nach Hause willst. Aber du musst nun durchhalten. Versprichst du mir das?“ Clarissa putzte sich die Nase und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich werde mich bemühen, keinen Ärger zu machen. Versprochen“, sagte Clarissa. Frau Flemming nickte ihr aufmunternd zu und ließ Clarissa alleine.

Als Sophia und Nele wiederkamen, lag Clarissa im Bett und starrte das Foto ihrer Mutter an. Erschrocken stellte sie das Foto auf den Nachttisch als sich die Tür öffnete. „War Frau Flemming schon hier um zu kontrollieren ob wir im Bett sind?“, fragte Sophia. Clarissa schüttelte den Kopf. Nele setzte sich auf ihr Bett und sah zu Clarissa rüber. „Deine Mutter ist echt schön“, sagte sie. „Und total lieb“, fügte Clarissa mit traurigem Unterton hinzu. Nele sah sie prüfend an. „Komm Nele, wir müssen uns noch umziehen und das besser bevor Frau Flemming hier ist“, meinte Sophia. Seufzend stand Nele auf und holte ihren Schlafanzug. Geschockt starrte Sophia auf Neles Arme. „Was ist denn mit deinen Armen passiert?“, fragte sie ungläubig. „Sind nur ein paar Striemen. Die roten verblassen bald wieder, keine Sorge. Die Älteren sieht man schon fast gar nicht mehr.“ Nele sah nicht so aus, als ob sie das nicht interessierte, aber sie schien sich mit ihrer Wehrlosigkeit abgefunden zu haben. In ihrem Kopf spielte alles Karussell und sie erinnerte sich an all die Schreie, de durch das ganze Waisenhaus drangen, als eines der Mädchen für was auch immer bestraft wurde. Tränen stiegen ihr in die Augen, die sie schnell wegwischte. Sophia starrte noch immer auf Neles Arme. „Das musst du jemanden erzählen. Du kannst das doch nicht einfach so hinnehmen!“, sagte Sophia aufgebracht. „Was würde es noch daran ändern, wenn ich es jemanden erzähle? Geschehen ist geschehen. Das lässt sich nicht rückgängig machen. Ich sehe es als Erinnerung an die Dinge, die ich nicht hätte tun sollen“, sagte Nele leise. Sie sah sich als kleines Kind vor Frau Cornelius stehen. Ihre Arme waren rot und angeschwollen. Sie hatte gefragt, warum sie geschlagen wurde. Ihr wurde gesagt dass es eine Lehre sei. Dass man nur dadurch lernen konnte zu gehorchen. Als sie etwas älter war, versteckte sie sich einmal vor der Hausmutter. Als die gefunden wurde gab es dafür noch ein paar Schläge oben drauf. „Nele, du kannst das doch nicht alles in dich hinein fressen. Du musst darüber reden. Und wenn du nicht mit mir darüber reden willst, kannst du ebenso mit Frau Schneider, Frau Flemming, Clarissa, Tascha oder irgendjemandem darüber sprechen. Wir sind alle für dich da“, sagte Sophia ruhig. „Ich kann nicht darüber reden“, meinte Nele und sah zu Boden. Eine peinliche Stille entstand zwischen ihnen. Nele nahm sich ihre Schlafanzughose und zog sich weiter um. Sophia war sich sicher auch Striemen auf den Beinen und auf Neles Rücken gesehen zu haben, doch sie sagte nichts dazu. Als Frau Flemming wenig später bei ihnen rein sah, lagen Sophia und Clarissa schon im Bett. Nele war gerade dabei, etwas in ihrem Nachttisch zu verstauen. Sie spürte Frau Flemmings Blick, der auf ihren Armen ruhte. Kurzentschlossen drehte sie sich zu ihrer Klassenlehrerin um und sah ihr in die Augen. „Was ist denn so interessant an meinen Armen?“, fragte sie gereizt, „Entschuldigung. Das ist so aus mir heraus gerutscht.“ Man sah Nele ihren Schock an. Sie zuckte zusammen als Frau Flemming auf sie zukam und eine Hand auf ihre Schulter legte. „Willst du darüber reden?“, fragte sie und deutete auf Neles Arme. Nele starrte ihre Klassenlehrerin ausdruckslos an. Sie schien kein Wort verstanden zu haben. „Nele?“ Eine Denkfalte bildete sich auf Neles Stirn. Sie hoffte, sie tat nichts falsches und nickte einfach. Frau Flemming ging zur Tür und hielt sie auf. Nele überlegte kurz und holte dann das Kästchen wieder aus ihrem Nachttisch und verließ das Zimmer.

 

Sie folgte Frau Flemming in einen kleinen Raum mit Kamin, einem Couchtisch und einer Couch. Frau Flemming schloss die Tür und deutete Nele sich zu setzen. Nele öffnete das Kästchen und zu Frau Flemmings Erstaunen befanden sich dort zwei Hörgeräte. Nele schaltete die Hörgeräte ein und setzte sich auf die Couch. „Erzählen sie davon bitte niemanden“, bat Nele und deutete auf das Kästchen. „Hast du das von Geburt an?“, fragte Frau Flemming neugierig. Verlegen sah Nele ihre Klassenlehrerin an und schüttelte den Kopf. „Ich habe achtzig Prozent meiner Hörfähigkeit damals bei dem Autounfall verloren“, erklärte sie und sah an Frau Flemming vorbei. Zwar hatte sie sich damit abgefunden, dass sie keine Familie mehr hatte, aber es versetzte ihr dennoch immer wieder ein Stich ins Herz wenn jemand über den Unfall oder ihre Eltern sprach. Vor allem schmerzte es sie aber, dass sie so gut wie nichts von ihren Eltern wusste. Sie hatte nur noch eine Kette ihrer Mutter, die sie immer trug. Frau Flemming sah Nele nachdenklich an. Zwar wusste sie durch Neles Akte, dass ihre Eltern bei einem Autounfall umkamen und Nele seitdem in einem Waisenhaus lebte, aber die näheren Umstände kannte hier nur Frau Schneider, die sich nicht die Mühe gemacht hatte noch irgendwas dazu zu sagen. „Tut es noch sehr weh?“, fragte Frau Flemming vorsichtig um zum eigentlichen Thema zurück zu kehren. Nele sah auf die roten Striemen, die ihren Arm ziehrten. „Meine Arme fühlen sich eher taub an, als das es weh tut“, meinte sie.

Wieder erschienen diese Bilder im Kopf. Ihre letzte Mitbewohnerin wurde von der Hausmutter aus ihrem Zimmer gezerrt. Sie sah Nele mit flehendem Blick an. Man hörte mehrere Schläge aus ihrem Büro heraus. Womit man sie geschlagen hatte wusste Nele bis dahin nicht. Auf jeden Fall war es kein Gürtel wie sonst. Man hörte dieses Mal auch keine Schreie, nur die bittenden Worte, die unter Tränen herausgedrückt kamen. Sie wusste, weshalb ihr Freundin dort unten war und sie wusste auch, dass sie unschuldig war. Schnell lief sie die Treppen hinunter um zu helfen. „Bitte, sie hat damit nichts zu tun. Mir ist der Käfig mit den Mäusen runtergefallen. Bestrafen sie Sie nicht für etwas, was sie nicht getan hat“, bat sie an jenem Abend. Nele wusste, was nun auf sie zukommen würde. Ihre Mitbewohnerin verließ fluchtartig den Raum und Nele war dem Zorn der Hausmutter alleine ausgeliefert. Nele sah die Hausmutter, die ein langes Lineal mit einer scharfen Kante in der Hand hielt, ängstlich an. Sie redete sich immer wieder ein, dass sie selber daran Schuld hatte und dass sie es schnell hinter sich bringen musste. Sie spürte mindestens fünf kräftige Schläge auf ihrem Arm. Sie erfolgten nicht in knappen Abständen wie sonst, sondern immer mit einer halben Minute dazwischen und Nele spürt die Schmerzen jeden einzelnen Schlags noch Tage danach. Doch sie schrie bei keinem dieser Schläge auf. Ihr rannen nur still die Tränen des Schmerzes über das Gesicht. Sie klagte schon lange nicht mehr, denn sie wusste, dass es keinen Zweck haben würde.

Nun sah Nele Frau Flemming offen ins Gesicht. Ihr wurde ein wenig schlecht bei dem Gedanken, etwas davon erzählen zu müssen. „Es sind aber nicht nur die Striemen auf meinen Armen“, sagte sie nach einer scheinbar ewigen Pause. Mit gemischten Gefühlen sah Frau Flemming sie an. Nele krempelte ein Bein ihrer Schlafanzughose hoch und Frau Flemming sah viele weitere dieser Striemen, die Nele auch auf ihren Armen hatte. „Sie brauchen gar nicht erst zu fragen. Es brennt höllisch, genau wie diese auf meinem Rücken. Aber ich glaube nicht, dass sie die alle sehen möchten“, meinte Nele und versuchte es so gleichgültig wie möglich klingen zu lassen. Frau Flemming merkte sofort, dass Nele versuchtem ihren Schmerz zu überspielen. „Das tut mir echt leid.“ „Dass muss es nicht. Sie können da ja nichts für. Diese Striemen sind alle gerechtfertigt. Sie werden mich ein Leben lang daran erinnern, dass ich mir gut überlegen muss, was ich sage oder tue. Ich sehe es als Lektion fürs Leben und nicht als ungerechte Strafe“, meinte Nele“, sagte Nele. „So darfst du nicht denken! Wer hat dir diesen Schwachsinn eingeredet?“, fragte Frau Flemming mit blitzenden Augen. „Fr, Frau Cornelius sagte das einmal zu mir als ich fünf Jahre alt war“, stotterte Nele. Frau Flemming sah sie entgeistert an. „So darfst du darüber auf keinen Fall denken. Es ist nicht recht, jemanden so zu bestrafen. Und dieses Recht kann sich auch keiner einfach so nehmen.“ Nele liefen die Tränen über ihr schmales Gesicht. Frau Flemming legte einen Arm um ihre ebenso schmale Schulter. „Wir gehen nun zur Krankenstation damit du etwas wegen deiner Striemen bekommst und dann ruhst du dich aus. Es war ein anstrengender Tag“, schlug Frau Flemming vor. Nele nickte und wischte sich die Tränen vom Gesicht, genauso wie die darauf folgenden Tränen. Nele folgte ihrer Lehrerin den Korridor entlang. Ab und zu warf sie mal einen Seitenblick auf die Hauskatzen, die ihnen mit ihren leuchtend grünen Augen aufmerksam hinterher starrten.

 

Auf der Krankenstation begutachtete die Krankenschwester die Striemen, die sich auf Neles Haut abzeichneten. „Ich gebe dir ein Schmerzgel mit, dass du auf den roten oder dicken Wunden verteilen musst. Am Besten hilft dir jemand dabei. Das Gel zieht schnell ein, also brauchst du auch keinen Salbenverband. Das machst du nun jeden Abend, bis alle Striemen verblasst sind“, ordnete sie an. Nele nickte und ließ sich das Gel von der Krankenschwester aushändigen. „Wie lange wird es ungefähr dauern bis man die Striemen nicht mehr sieht?“, fragte Frau Flemming. „Ich denke, drei bis vier Wochen“, antwortete die Krankenschwester. „Und was ist mit Sport?“, fragte Frau Flemming weiter. „Also sicherheitshalber würde ich wegen den großen Striemen auf Neles Rücken sagen das wir damit noch warten. In zwei Wochen kontrolliere ich die Striemen noch einmal“, sagte die Krankenschwester und zwinkerte Nele verschwörerisch zu. „Ok, Ich denke, es wird nun höchste Zeit, dass Nele ins Bett kommt. Es ist schon nach elf“, meinte Frau Flemming.

Als sie vor Neles Zimmer standen, wünschte Frau Flemming ihr noch eine gute Nacht, Nele wünschte ihr ebenfalls eine gute Nacht und nahm ihre Hörgeräte raus und legte sie wieder in ihr Kästchen. Frau Flemming lächelte sie noch einmal aufmunternd an, dann öffnete Nele leise ihre Zimmertür. Sie sah das Sophia und Clarissa beide schon schliefen und kroch schließlich selber ins warme Bett. Sie dachte über Frau Flemmings Worte nach. War es doch nicht das richtige gewesen all die Schläge über sich ergehen zu lassen? Müde starrte sie an die Decke. Sie wollte sich das in den nächsten Tagen durch den Kopf gehen lassen. Kurz bevor sie entgültig in der Traumwelt verschwand, blitzte am Fenster etwas auf. Erschrocken fuhr sie hoch.

Die Vollmondnacht

 

Erschrocken fuhr Nele hoch. Sie stand auf und sah aus dem Fenster. Ihr Herz schlug etwas höher als sie Feststellte, dass dort unten eine dunkle Gestalt offentsichtlich nach einem Eingang suchte. Leise nahm sie sich ihre Hörgeräte und stöpselte sie sich ein, verließ das Zimmer und schlich die Treppen hinunter in die Eingangshalle. Durch die Glastür konnte sie am Boden den Lichtkegel einer Taschenlampe erkennen. Ein Schatten näherte sich der Tür und Nele sah unruhig von einer Seite zur anderen. Schnell versteckte sie sich hinter dem Schrank, in dem die Sportsachen gelagert wurden. Die Tür öffnete sich, und die Gestalt, die Nele vom Fenster aus gesehen hatte, entpuppte sich als eine Frau im Kapuzenshirt. Nele zuckte zusammen als die Frau sich in ihre Richtung begab und stieß dabei leicht gegen den Schrank. Die Frau ging entschlossen auf sie zu. Nele versuchte sich in ihrer Ecke so klein wie möglich zu machen und nahm schützend ihre Arme vor ihr Gesicht. Sie zog es vor, die Luft anzuhalten um so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Falsch gedacht. Die Frau stand nun direkt vor ihr und blickte auf sie herab. Nele zitterte am ganzen Körper. Die Frau hockte sich vor ihr hin und nahm vorsichtig die schützenden Arme von Neles Gesicht weg. Bei dieser Berührung zuckte Nele in sich zusammen. Das wars wohl, adios Welt, dachte Nele bei sich. Das helle Mondlicht blendete sie, sodass sie die Frau vor sich nicht erkennen konnte. „Komm, steh auf“, forderte die Frau sie auf und half ihr hoch. Nele war sich sicher diese Stimme zu kennen, konnte sie aber in ihrer Panik niemandem zuordnen. „Du bist ja ganz durcheinander. Geht es dir nicht gut?“, fragte die Frau besorgt. Auf einmal war Neles Erinnerung wieder da. „Frau Schneider?“, fragte sie verwirrt. „Komm mit Nele, es ist kalt hier unten. Wir gehen in mein Büro. Eigentlich solltest du schon längst in deinem Bett liegen“, sagte Frau Schneider und führte Nele die Treppen rauf. Langsam konnte Nele wieder klar denken. Sie sah zu Frau Schneider, die am Nachmittag noch so kalt und herablassend gewesen war, und nun gedankenverloren auf den Boden starrte. Warum ist sie auf einmal so nett, fragte sich Nele. Hatte der erste Schein doch getrügt?

Im Büro angekommen setzte Nele sich benommen in einen der Sessel vor dem großen Schreibtisch, und Frau Schneider setzte sich in den zweiten. „Ich kann das erklären“, versuchte Nele schwach sich zu verteidigen. Frau Schneider sah sie erwartungsvoll und auch verwundert an. „Ich verlange aber gerade keine Erklärung von dir. Du bist übermüdet, genauso wie ich“, meinte Frau Schneider. „Keine Bestrafung?“, fragte Nele vorsichtig, biss sich dann aber auf die Lippen. „Keine Strafe“, wiederholte Frau Schneider zur Bestätigung. Nele sah ihre Arme an, dann wieder zu Frau Schneider. 'Das kann doch nicht wahr sein. Vermisse ich die schläge etwa?' Frau Schneider hatte den Blick genau registriert. „Mir wurde erzählt, was sich im Waisenhaus zugetragen hat. Ich bin mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht die Person, mit der du darüber reden willst, aber du solltest wissen, dass es hier soetwas nicht gibt und auch in Zukunft nicht geben wird“ Nele sah Frau Schneider unsicher an. „Hat man ihnen auch erzählt, wie oft ich das Waisenhaus von außen gesehen habe?“, fragte Nele unsicher. Frau Schneider nickte. Das Thema schien sie zu bedrücken. Neles Anwesenheit schien irgendetwas an ihr zu verändern. Schnell wandte sich Frau Schneider von ihr ab. „Du kannst nun gehen“, sagte sie kalt, doch ihre Stimme zitterte. Nele merkte deutlich, dass etwas nicht stimmte. „Frau Schneider?, fragte sie vorsichtig. Frau Schneider drehte sich langsam wieder zu ihr um und währenddessen wischte sie sich unauffällig eine Träne aus dem Augenwinkel. „Geh nun bitte Nele. Es ist spät, und es gibt nichts was wir noch besprechen müssten. Am besten wir vergessen diese Nacht einfach wieder, okay?“ Nele nickte verunsichert. „Danke“, sagte sie noch leise, ehe sie das Büro verließ. Langsamer als nötig trottete sie zurück zu ihrem Schlafsaal.

Währenddessen machte Frau Schneider sich einen Tee und kramte in einem der Regale rum. Tränen bahnten sich unaufhaltsam den Weg an ihren Wangen hinunter, aber das nahm sie bloß im Unterbewusstsein wahr. Endlich fand sie was sie suchte. Sie kippte ein par der Beruhigungstropfen in ihren Tee. 'Das darf nie wieder vorkommen' Langsam trank sie ihren Tee, und starrte auf ein Foto an der Wand. 'Diese verdammte Ähnlichkeit. Ich habe mir doch vorgenommen diese schreckliche Zeit zu vergessen. Doch jetzt wo Nele hier ist wird das wohl ganz schön schwer werden' Als sie ihren Tee ausgetrunken hatte löschte sie das Licht und verließ das Büro, um zu ihrer Wohnung zu gehen.

Am nächsten Morgen öffnete Nele verschlafen ihre Augen. 'Hab ich verschlafen?' Sie sah zu Sophias Bett, doch das war leer. Sie schien die Letzte im Zimmer zu sein. Schnell sprang sie auf und stöpselte sich ihre Hörgeräte ein. Dann lief sie zu ihrem Keiderschrank und zog sich in Rekordzeit um.´'Nur noch Zähneputzen, Haare kämmen und noch das Bett machen' Nachdem sie ihre Haare geflochten und das Bett gemacht hatte, sah sie auf ihre Uhr. 'Erst sieben Uhr! Aber wo sind Clarissa und Sophia?!' Langsam öffnete sie die Zimmertür und blickte sich auf dem Gang um, doch der schien wie ausgestorben. Aus ein paar Zimmern hörte sie sogar einige Schnarchlaute. Auf Zehenspitzen lief sie zur Treppe, und hoffte, dass sie niemanden wecken würde. Im anschließenden Gang tat sich etwas. Frau Flemming diskutierte mit einem älteren Mädchen, vermutlich aus der achten oder neunten Klasse. Als Frau Flemming zu Nele sah, versuchte sie zu lächeln. Sie ließ das Mädchen mit einer Ermahnung stehen und ging zu Nele. „Was machst du denn schon hier? Ihr müsst doch erst in einer halben Stunde aufstehen“, fragte Frau Flemming. „Sophia und Clarissa sind nicht da“ „Ich weiß, sie sind bei Frau Schneider. Aber das ist dennoch kein Grund für dich, einfach durchs Internat zu spazieren. So bescheuert es sich auch anhören mag, aber die Zimmer dürfen erst ab halb acht verlassen werden“ „Ja ich weiß, aber als ich aufgewacht bin habe ich gedacht dass ich verschlafen habe, aber egal, es lässt sich sowieso nicht mehr ändern“, meinte Nele und sah unsicher von Frau Flemming zu ihren Armen. Nele wusste, dass sie eigentlich nichts zu befürchten hatte, aber dennoch hatte sie Angst. „Komm mit, dir ist sicherlich langweilig. Also kannst du dem Küchenpersonal genausogut beim Tischdecken helfen“, schlug Frau Flemming vor. 'Meint sie das mit dem Langweiln nun ernst oder ist das doch eine versteckte Bestrafung fürs Zimmer verlassen?' Sie entschied sich dafür, dass es besser war, Frau Flemming zu folgen.

 

In der Küche angekommen wurde sie schon gleich von einer recht jungen Küchenhilfe in Empfang genommen. Nele schätzte sie auf rund 19 Jahre. „Hallo, du siehst aus als ob du neu hier bist. Nele, oder? Ich habe mich schon gefragt wann du wohl das erste Mal zum Küchendienst verdonnert wirst. So früh habe ich damit aber allerdings nicht gerechnet. Aber keine Sorge, es ist gar nicht so schlimm wie es sich anhört. Ich bin übrigens Grace“, plapperte die Frau gleich drauf los. 'Oh ja, es gibt wesentlich schlimmere Strafen' Als Frau Flemming davon überzeugt war, dass Nele hier gut untergebracht sein, verabschiedete sie sich wieder. Nele sah zu, wie Grace anfing eifrig Teller und Tassen auf einen Wagen zu räumen. „Die Messer und Löffel sind in der Schublade dort drüben, wir brauchen etwa vierhundert Stück. Am leichtesten ist es, wenn du etwa hundert liegen lässt und den Rest mitnimmst“, erklärte Grace und deutete auf ein Regal. Nele öffnete eine Schublade, in der etwa fünfhundert Messer lagen. Geduldig fing sie an immer zehn Messer herauszunehmen. Als sie hundert Messer vor sich liegen hatte, nahm sie immer zwei Hände voll von den restlichen Messern und legte sie auf den Wagen. Die restlichen Messer legte sie wieder zurück. Das gleiche Verfahren wendete sie nun auch bei den Löffeln an. Aber sie beklagte sich nicht, immerhin hatte sie im Waisenhaus, wo etwa zweihundert Kinder lebten, auch öfters den Tisch alleine gedeckt. Zusammen mit Grace ging sie nun in die Halle und half dabei die Tische aufzudecken. „Machst du das zum ersten Mal?“, fragte Grace, die Neles schnelle, aber konzentrierte Arbeitsweise beobachtete. „Nein, im Waisenhaus habe ich öfters die Tische gedeckt“, antwortete Nele, noch immer in ihrer Arbeit vertieft. Nach etwa zwanzig Minuten waren endlich alle Tische gedeckt. „Wow, sonst brauche ich immer eine dreiviertel Stunde. So eine fleißige Hilfe wie dich hätte ich gerne jeden Morgen“, staunte Grace. „Ich würde ja gerne hier helfen, aber ich glaube ich bin zu faul um immer so früh aufzustehen“, grinste Nele. „Glaub mir, ich stehe wesentlich früher auf als du“, lachte Grace. „Ich glaube ich muss dann auch los, das Frühstück fängt bald an“ verabschiedete sich Nele. „Klar, bis dann“

Nele ging gemeinsam mit Sophia und Clarissa zum Speisesaal. Frau Flemming saß mit ihnen am Tisch. „Wo warst du eigentlich vorhin?“, fragte Sophia und sah Nele neugierig an. Nele sah kurz unsicher zu Frau Flemming, doch dann sah sie schnell wieder zu Sophia. „Ich habe gedacht, dass ich verschlafen habe, weil ihr nicht mehr da wart. Dann habe ich mich schnell angezogen und als ich auf die Uhr geguckt habe ist mir aufgefallen, dass wir eigentlich erst in einer halben Stunde aufstehen müssten. Also bin ich rausgegangen, wo mich dann Frau Flemming erwischt hat. Naja, und dann wurde ich halt zum Küchendienst verdonnert“, grinste Nele. „Wow, ich kenne niemanden, der schon gleich an seinem zweiten Tag Küchendienst machen musste.Mein Beileid“, lachte Sophia „Ach, so schlimm ist es doch gar nicht. Im Waisenhaus musste ich auch oft Küchendienst machen“, meinte Nele. Sophia sah sie mitleidig an. Sie hatte immer noch die schrecklichen Bilder von Neles Armen im Kopf und bekam eine Gänsehaut. Nele spürte die bohrenden Blicke der anderen Schülerinnen in ihrem Rücken, versuchte aber sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen. Nur was sie nicht wusste, war, dass auch Frau Schneiders Blicke auf ihr ruhten. Sie aß noch ein Brötchen und unterhielt sich dann weiter mit Sophia, Clarissa und Linn. Nach Neles Meinung war das Frühstück viel zu kurz. Nun mussten sie in ihr Klassenzimmer und es sollte eine neue Sitzordnung geben. Sie warf einen unsicheren Blick zu Sophia, die sich lebhaft mit Tascha unterhielt. Dabei merkte sie gar nicht, dass Frau Schneider vor ihr stand und lief dierekt in sie hinein. Eine gespannte Stille bildete sich um sie herum. „'tschuldigung“, murmelte Nele verlegen, und fand ihre Zehenspitzen scheinbar sehr interessant. Frau Schneiders Falte auf der Stirn legte sich wieder. „Du kannst gleich nach dem Unterricht zu mir ins Büro kommen, dann üben wie das mit dem richtig Laufen, nach vorne gucken und entschuldigen nochmal. Und sieh mich gefälligst an wenn ich mit dir rede“, sagte sie, ohne dabei eine Mine zu ziehen. Sophia und Tascha sahen sich an. Nele war der Schock richtig anzusehen. „Natürlich Frau Schneider, ich werde da sein“, sagte sie leise. „Kannst du das bitte noch einmal wiederholen? Ich habe dich nicht verstanden“, bat Frau Schneider mit einer zuckersüßen Stimme. Nele sah sie erst unsicher an, doch dann lief sie an ihr vorbei, weg von all dem in ihr Zimmer. Sie hatte sich selten so alleine gefühlt.

Die gespannte Stille im Speisesaal löste sich. Einige Mädchen verließen tuschelnd den Saal, andere redeten weiter mit ihren Freundinnen, als ob nichts geschehen wäre. Lina funkelte Frau Schneider wütend an. „Musste das sein?“, fragte sie leise im vorbeigehen. Sophia und Tascha liefen so schnell ihre Beine sie trugen zu Nele. Sie waren geschockt als sie Nele so aufgelöst fanden.

 

Die Klassensprecherwahl

 

„Nele, ist alles gut bei dir?“, fragte Tascha besorgt. „Nein, gar nichts ist gut! Ich hätte nie hier her kommen dürfen. Vielleicht sollte ich einfach wieder zurückfahren“, sagte Nele aufgelöst. „Ach Maus, du gehörst genauso hier her wie die Tafel in einen Klassenraum. Wir würden dich vermissen wenn du wieder gehen würdest“, meinte Sophia und umarmte Nele fest. „Sophia, Luft“, krächzte Nele. „Oh, sicher. Sorry“, grinste Sophia. „Aber jetzt mal ehrlich Nele. Glaubst du wirklich, dass es uns egal wäre und wir dich einfach gehen lassen würden? Wir sind eine Klasse, also eine Gruppe und wir halten zusammen. Und selbst wenn Frau Schneider der Meinung ist, dass sie dich nicht mag, halten wir dennoch zu dir, komme was solle. Frau Schneider ist zwar eine super Direktorin, aber was das sollte kann und will ich einfach nicht verstehen“, sagte Tascha nun wieder ernst. „Danke, ihr seid echt die besten Freunde die ich je hatte“, meinte Nele und sah Sophia und Tascha ernst an. Sophia strahlte Nele an. „Komm schnell, wir sind schon spät dran. Frau Flemming wird uns nicht ewig entschuldigen“, meinte Tascha nun und rannte mit Sophia und Nele im Schlepptau nach draußen, dort trafen sie unglücklicher Weise auf Frau Schneider.

„Solltet ihr nicht schon längst im Unterricht sein?“, fragte sie und sah Nele besonders streng an. „Wären wir ja schon, hätten Sie nicht... AUA, mann Tascha was sollte das denn jetzt?!“, fragte Sophia ihre Freundin, die ihr einen unsanften Rippenstoß gegeben hatte. „Nicht jetzt Sophia, ich glaube das ist nicht der richtige Zeitpunkt“, sagte Tascha und sah Sophia warnend an. „Können wir nun gehen? Je länger Sie uns aufhalten, desto mehr verpassen wir vom Unterricht“, fragte Nele genervt. Sie biss sich auf die Lippen, als sie wieder zu Frau Schneider sah. 'Mist mist mist, dass hätte ich nicht sagen sollen' Sophia und Tascha sahen erstaunt zu Nele. „Oh mann, ich will jetzt nicht in ihrer Haut stecken“, raunte Sophia Tascha zu. „Werd jetzt ja nicht frech, sonst kannst du heute abend noch einmal zum Nachsitzen kommen. Und nun geht mir aus den Augen, bevor ich es mir anders überlege“, sagte Frau Schneider nun zu allen gewandt. Die drei Freundinnen sahen zu, dass sie zu ihrem Klassenraum kamen.

Nele warf noch einmal einen verwirrten Blick zu Frau Schneider. 'Warum ist sie bloß so? Sie kennt mich doch gar nicht. War das letzte Nacht zu persönlich? Wie kann ich sie nur davon überzeugen, dass ich nicht so schrecklich bin wie sie denkt?' „Hallo? Erde an Nele. Frau Flemming hat gefragt was passiert ist, träumen kannst du später“, riss Sophia sie aus ihren Gedanken. „Oh, ja klar. Entschuldigung“, sagte Nele und sah Frau Flemming verlegen an. 'Na das fängt ja gut an', dachte Frau Flemming. „Ihr sitzt da drüben, wir sind gerade dabei den Stundenplan zu besprechen“, sagte sie und wies auf drei Plätze in der Mitte des Raumes. „Immerhin nicht ganz vorne und wir sitzen zusammen“, sagte Tascha leise. Sophia zog Nele und Tascha mit zu ihren Plätzen. „Kann ich in der Mitte sitzen?“, fragte Nele leise. „Klaro, warum denn nicht“, meinte Tascha, und Sophia stimmte dem zu.

„Also, nochmal zum Stundenplan. Ihr habt fast immer hier im Klassenraum Unterricht, es sei denn, ihr werdet in verschiedene Gruppen aufgeteilt oder benötigt die Fachräume, wie etwa im Sport- oder Musikunterricht. Ich teile euch die Stundenpläne nun aus, bei Fragen wendet euch bitte an mich oder Frau Schneider“, erklärte Frau Flemming. Nele sah Sophia unglücklich an. „Musik bei Frau Schneider? Ich glaube der Platz vor der Tür ist mir schon sicher“ „Ach komm, sieh das doch nicht so negativ. Sieh es als Chance, zu zeigen was du kannst. Du bist doch gut in Musik oder?“ Nele schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich kann nicht singen und spiele kein Instrument. Und in der Waisenhausschule gab es kein Musikunterricht“ „Dann bringe ich dir halt etwas bei. Meine Mutter hat früher mit mir oft Klavier gespielt, also werde ich dir wohl auch ein wenig was beibringen können“, mischte Tascha sich nun ein. „Und du meinst das macht einen Unterschied?“, fragte Nele zweifelnd. „Gibt es dort hinten noch fragen, oder warum tuschelt ihr ununterbrochen?“, ging Frau Flemming nun dazwischen. „Ähm ja, die Felder für den Nachmittagsunterricht sind frei. Warum?“, fragte Nele nach einem kurzen Seitenblick zu dem Stundenplan. „Weil dort Aktivitäten und Arbeitsgemeinschaften wie das Training der Schulsportmannschaften, die Proben des Orchesters oder der Theatergruppe oder Nachhilfe stattfinden“, erklärte Frau Flemming. „Und wie meldet man sich dort an?“, fragte Nele nun sichtlich interessierter. „Also unten hängen Listen aus, welche Gruppen sich dieses Jahr wieder zusammenfinden und welche Lehrer diese beaufsichtigen. Ich beaufsichtige zum Beispiel das Lacrosseteam. Wenn du also in die Lacrossemannschaft möchtest, dann musst du dich melden und ich gebe dir ein Datum für ein Probetraining. So ähnlich läuft das auch bei den anderen Gruppen, außer bei der Nachhilfe unter den Schülern. Wenn du Nachhilfe brauchst, meldest du dich bei Frau Schneider, dann wird dir eine ältere Schülerin zugeteilt, vorausgesetzt, diese Schülerin bietet das freiwillig an. Wenn du selber Nachhilfe geben möchtest, meldest du dich ebenfalls bei Frau Schneider, sie wird dann deinen Notenstand prüfen und dir dann Bescheid geben, wenn deine Hilfe benötigt wird“, erklärte Frau Flemming geduldig. „Sonst noch weitere Fragen?“ Abby meldete sich. „Ja, Abigail?“ „Wissen Sie ob es den Literaturclub noch gibt? Letztes Jahr war es doch nicht ganz sicher, ob er fortgesetzt wird“, fragte Abby unruhig. „Es kommt darauf an, wie viele sich anmelden, aber vorraussichtlich bleibt der Literaturclub bestehen. Die Mindestteilnehmerzahl ist zwanzig, das müsste ja schnell zusammenkommen“, antwortete Frau Flemming. Abby atmete erleichtert aus und sah glücklich zu ihrer besten Freundin Saki rüber. Die zwinkerte ihr zu und konzentrierte sich dann wieder voll und ganz auf Frau Flemming. Frau Flemming sah auf die Uhr. „Mensch, wie die Zeit doch vergeht. In zehn Minuten ist schon Pause. Also mache ich es mal kurz. Wer möchte Klassensprecherin werden oder jemanden vorschlagen?“, fragte sie in die Runde. Clarissa stand sofort auf. „Ich möchte Klassensprecherin werden, weil ich die geeigneten Führungsqualitäten dazu habe“ Selina nickte ihr zustimmend zu. „Gut, sonst noch jemand?“ Sophia stand auf. „Ich möchte Nele vorschlagen“ „Was, aber ich bin doch noch nicht mal einen Tag hier, ich kann mir noch nicht mal alle Namen aus der Klasse merken, da kann ich doch nicht schon gleich Klassensprecherin werden. Außerdem bin ich vollkommen ungeeignet für sowas“, lehnte Nele schnell ab. „Aber Nele, ich bin mir sicher dass du das Zeug dazu hast“, munterte nun auch Tascha sie dazu auf. „Tascha, ich habe doch schon nein gesagt. Ich lasse mich auch nicht umstimmen“, meinte nun Nele. „Allerdings würde ich dich vorschlagen, Sophia“ „Was mich? Aber warum? Ich bin nicht geeignet für sowas. Ich kann doch noch nicht mal richtig auf mich selbstaufpassen“, fragte Sophia entsetzt. „Aber es wäre eine sinnvolle Aufgabe für dich“, mischte sich nun auch Tascha ein. „Na gut, wenn ihr meint ich schaff das, vertraue ich auf euer Urteil“, gab Sophia nach. Nele lächelte Sophia zufrieden an. „Okay, nach der Pause stimmen wir ab. Und vergesst nicht, die Klassensprecherin bleibt über das ganze Schuljahr, wir wählen erst nächstes Jahr wieder neu. Denkt gut über eure Entscheidung nach“, sagte nun Frau Flemming, und kurz darauf klingelte es auch schon.

 

Auf dem Innenhof tummelten sich unmengen von Mädchen. Es glich einem aufgebrachten Bienenstock. Viele Mädchen unterhielten sich über die vergangenen Sommerferien oder redeten über neue Lehrer. „Hast du schon gehört? Frau Müller geht nach den Herbstferien in den Ruhestand. Frau Schneider übernimmt dann einen Teil ihrer Klassen“, erzählte Juliette einem Mädchen aus ihrer Klasse. 'Moment, Frau Müller? Ist das nicht auch unsere Mathelehrerin? Gott bewahre, lass uns Frau Schneider nicht auch noch in Mathe bekommen, das wäre dann ja mein Todesurteil' „Hallo? Erde an Nele! Jemand zuhause?“, versuchte Sophia ihre Freundin in die Realität zurückzuholen. „Was? Hast du was gesagt?“, fragte Nele verwirrt. „Ja, ich habe dich gefragt ob du mich oder Clarissa wählen wirst“, fragte Sophia erneut. „Natürlich dich. Sonst hätte ich dich doch gar nicht vorgeschlagen“, lachte Nele. „Hast recht“ „Also, wo genau hängen nun diese Listen für die Arbeitsgemeinschaften aus?“, fragte Nele neugierig. „Ich zeigs dir. Hast du eine bestimmte Gruppe in Aussicht?“ „Ich denke ich würde gerne in der Lacrossemannschaft mitspielen, allerdings habe ich noch nie Lacrosse gespielt und kenne die Regeln nicht“ „Ach, das ist kein Problem. Ich bin seit letztem Jahr festes Mitglied in der Lacrossemannschaft und seit Ende des letzten Schuljahres Mannschaftskapitän“, erzählte Sophia stolz. „Echt? Ist ja toll. Dann kann ich ja noch viel von dir lernen. Welche Position spielst du denn?“, fragte Nele begeistert. „Ich bin sozusagen Stürmerin. Ich kann dir nach dem Unterricht ja mal das Feld zeigen und die unterschiedlichen Positionen“ „Nach dem Unterricht muss ich zum Nachsitzen, schon vergessen?“, erinnerte Nele ihre Freundin an ihre Lage. „Ach menno. Dass du aber auch schon gleich am ersten Tag Nachsitzen musst“ „Ja, und dann auch noch wegen so einer Kleinigkeit, ich verstehe das wirklich nicht. Frau Schneider kennt mich doch erst seit gestern, es sei denn, sie wollte mich vor sieben Jahren mal adoptieren. Dann kann ich auch verstehen warum sie mich nicht leiden kann“, grinste Nele. Sophia sah sie unwissend an. „Ich war ein Kind und konnte die ganze Situation noch nicht so wirklich verstehen, schon gar nicht dass ich in eine andere Familie kommen sollte. Ich dachte ja immernoch dass meine Eltern mich bald abholen würden. Also habe ich mich bei möglichen Adoptiveltern immer schrecklich benommen, von Schlammbomben bis hin zu Wasserpistolen mit Tuschwasser ist viel dabeigewesen“, klärte Nele ihre Freundin auf. „Hätte die Geschichte nicht so einen traurigen Hintergrund wäre das noch viel witziger“, meinte Sophia.

Inzwischen waren sie schon bei den Listen angekommen. „Nächste Woche Samstag ist das Probetraining, in dem entschieden wird wer in die Mannschaft kommt“, sagte Sophia. „Na dann müssen wir uns wohl ranhalten. Du mit meinem Training und ich damit, kein Nachsitzen zu bekommen“, lachte Nele. Es klingelte, und die Mädchen begaben sich wieder zu ihren Klassenräumen.

 

„Habt ihr eine Entscheidung getroffen? Egal ob ihr es nun habt oder nicht, schreibt den Namen eurer Wunschanwärterin auf einen Zettel und faltet ihn einmal in der Mitte. Die Person mit den meisten Stimmen wird dann Klassensprecherin“, erklärte Frau Flemming die weitere Vorgehensweise. Als alle einen Namen auf den Zettel geschrieben haben, wurde nachgezählt. „Okay, unsere neue Klassensprecherin ist, mit einer Stimme mehr“, fing Frau Flemming an und machte eine Kunstpause, „Sophia“ „Glückwunsch. Ich wusste doch das du das Zeug dazu hast“, freute sich Nele für ihre Freundin. „Ach was, ich habe doch noch garnichts getan außer dass ich gewählt wurde“, grinste Sophia. „Nächstes Mal schaffst du es bestimmt“, munterte Selina ihr Vorbild Clarissa auf. „Ach was, Sophia hat verdient gewonnen. Und ich glaube auch nicht daran dass ich nächstes Jahr Klassensprecherin werde. Das wird dann wohl Neles Aufgabe sein. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf“, meinte Clarissa. Der Rest des Unterrichts verlief dann recht Ereignislos, und Nele stand nun das Nachsitzen bei Frau Schneider bevor.

Impressum

Texte: Swantje Staacke
Lektorat/Korrektorat: Sarah-Cheyenne Hanstein
Tag der Veröffentlichung: 14.12.2013

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Dieses Buch widme ich einer ganz besonderen Freundin

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