Cover

Ein stimmungsvoller Empfang

London war hektisch und laut gewesen. Dieser gigantische Touristenmagnet, der jedes Jahr Millionen Besucher aus aller Welt anzieht, hatte uns nach drei Tagen wieder freigegeben. Nun, wir hatten seine heiteren Seiten genossen, da uns seit der Ankunft in Dover der Wettergott gewogen war. Eine Bootsfahrt auf der Themse, ein Spaziergang durch den St. James Park zum Buckingham Palast, eine Fahrt auf dem London Eye, das sich seit dem Millennium, der Jahrtausendwende, zur Touristenattraktion entwickelt hat, und weitere Highlights hatten uns Abstand zum Alltag gewinnen lassen und uns auf den zweiten Teil unseres Urlaubes, der sich nach dem Besuch der Hauptstadt anschließen sollte, eingestimmt.

 

Wir waren froh, die Metropole und ihre endlos langen Blechlawinen, die sich auf ihrem Autobahnring wälzten, hinter uns gelassen zu haben und fuhren immer weiter Richtung Südwesten, in den entlegensten Teil der britischen Insel. Zwischen Basingstoke und Andover endete der Motorway und ab dort quälten wir uns gemeinsam mit unzähligen anderen Autofahrern, die genau wie wir Cornwall als Urlaubsziel gewählt zu haben schienen, über einspurige, enge Landstraßen und durch kleine Städtchen und Dörfer hindurch, und versuchten dort, die Geschwindigkeitsbegrenzungen von 40 Meilen in der Stunde einzuhalten.

 

Am Nachmittag passierten wir endlich Stonehenge, diesen sagenumwobenen Ort, an dem sich der Verkehr staute, weil jeder im Vorbeifahren auf die Bremse trat, um ein Foto von dem imposanten Steinkreis zu schießen. Wie an jedem Tag hatte sich dort eine wahre Völkerwanderung aufgemacht und umkreiste die hochaufragenden Megalithen. Diesen Massenauftrieb konnten wir von unserem Auto aus gut beobachten.

„Was ist eigentlich an diesem Steinhaufen auf diesem Hügel so interessant?“, wunderte sich Mike, der sich nicht sonderlich für Geschichte und Mystik interessierte. Er konnte es sich jedoch nicht verkneifen, ebenfalls das Fenster seiner Beifahrertür zu öffnen und auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken.

 

Am frühen Abend begrüßten uns in Truro die ersten Palmen. Wir legten einen längeren Stopp ein und aßen in einem ländlichen Wirtshaus unter tiefhängenden schwarzen Holzbalken „Fish‘n Chips“ und „Ham‘n Eggs“. Gesättigt fuhren wir weiter und erreichten endlich die Halbinsel „The Lizard“, die Eidechse! Dort, auf diesem zerklüfteten, von zahlreichen Meeresbuchten umgebenen Fleckchen Erde, das den südlichsten Punkt des Vereinigten Königreiches bildet, befand sich unser Urlaubsort, mit dem ich so viele Erinnerungen verband.

 

Nach Helston reihte sich ein Baumtunnel an den anderen. Mir schien es, als wären die Laubkronen noch viel dichter geworden, als ich sie in Erinnerung hatte. Wir passierten die Satelliten-Schüsseln an der „Goonhilly Earth Station“, die grau, gespenstisch und verlassen in den Abendhimmel ragten. Und dann erreichten wir St. Keverne, diesen kleinen Ort mit seinem pittoresken Marktplatz, in dessen Pub ich mit Steven, seinen Arbeitskollegen und Pia so lustige und stimmige Abende verbracht hatte. Sogar die Bank, auf der ich mit Steven engumschlungen gesessen und von ihm tieftraurig Abschied genommen hatte, stand immer noch vor dem Eingangstor der Dorfkirche.

 

Wehmütig erinnerte ich mich sogleich an Steven, an diesen so gefühlvollen und romantischen Engländer, den ich in all‘ den vergangenen Jahren nicht hatte vergessen können. Ich fragte mich, ob es ihm gutging und ob ich in den zwei Wochen, die ich hier auf der „Eidechse“ verbringen wollte, den Mut aufbringen würde, wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen. Eine Voraussetzung war natürlich, dass ich ihn überhaupt erst finden würde.

 

Schließlich bogen Mike und ich in den engen Hohlweg ein, der uns zu dem kleinen kornischen Fischerort führen sollte, in dem vor so vielen Jahren Stevens und meine Liebesgeschichte begonnen hatte…

 

Es dämmerte bereits und da das dichte Laub das Abendlicht fast völlig absorbierte, schaltete ich die Scheinwerfer ein. Immer, wenn mir der Lichtkegel eines anderen Fahrzeuges entgegen kam, suchte ich nach einer Haltebucht oder einer anderen Ausweichmöglichkeit, denn die enge Landstraße bot nur einem Wagen Platz zur Durchfahrt. Unwillkürlich musste ich jedoch schmunzeln, als ich die Hinterlassenschaften der Kühe sah, die genau wie damals die einspurige Fahrbahn zierten.

 

Ich nahm die letzte Kurve und schließlich hatten wir Porthallow erreicht! Die wenigen Sträßchen mit ihren zusammengewürfelten Häusern sahen auf den ersten Blick einsam und ein wenig trist aus, und auch der Strand, voller Kiesel und Felsbrocken, erschien mir noch vernachlässigter und ungepflegter zu sein als in meiner Erinnerung.

 

Aber da war endlich das Meer, das mich sogleich wieder magisch anzog!

 

Langsam lenkte ich den Wagen auf den Kieselstrand und die Steinchen knirschten, als ich die Räder ausrollen ließ und den Motor abstellte. Mike und ich stiegen aus, reckten unsere steifen Glieder und sahen uns um. Außer einem verlassenen Fischerboot, das halb aus den leise plätschernden Wellen heraus an Land gezogen worden war, konnten wir keine Menschenseele oder Anzeichen von Aktivitäten erkennen. Der Ort schien in all‘ den Jahren weiter seinen Dornröschenschlaf gehalten zu haben und vom Touristenrummel verschont worden zu sein.

 

Mein Blick schweifte jedoch fasziniert über das Wasser, das sich ruhig und friedlich in der Abenddämmerung vor uns ausbreitete! Am Horizont konnte ich die schwachen Konturen eines Dampfers erkennen, der wohl Richtung Falmouth tuckerte. Ich machte einen langen, tiefen Atemzug und ließ mich von der Stimmung einfangen. Was für ein Empfang! dachte ich und sagte leise: „Und der pastellfarbene Abendhimmel breitet seine sanften Schwingen über der Bucht aus und heißt uns, die erschöpften Autofahrer vom Festland, willkommen!“

 

Ziemlich unsanft riss mich jedoch mein Begleiter aus meiner Verzückung.

„Können wir jetzt zum Hotel fahren?“, fragte er ein wenig ungeduldig. „Das kannst du dir morgen noch alles angucken!“

Ich hatte für Mike und mich ein Zimmer im gleichen Guesthouse gebucht, in dem ich damals mit Pia und Lore gewohnt hatte. Allerdings gehörten die Ferienwohnungen nicht mehr zum Hotelkomplex und die Besitzer hatten gewechselt.

„Ja, ja, die Potters leben noch!“, versicherte mir Chris, der neue Wirt, der uns freundlich empfing und den ich gleich nach den ehemaligen Besitzern gefragt hatte. „Die haben das Anwesen jedoch verkauft. Sie wohnen jetzt in St. Keverne und genießen ihr Rentnerleben.“

„Vermieten Sie denn immer noch Zimmer an Arbeiter von British Telecom oder nur noch an Touristen?“

„Ich vermiete an jeden, der hier übernachten möchte! Zurzeit sind allerdings nur Touristen hier.“

 

Müde schleppten Mike und ich unsere Koffer, unsere unzähligen Taschen und Beutel die enge Stiege zu unserem Zimmer hinauf, das sich im ersten Stock befand. Unser neues Domizil hatte vielleicht nur fünfzehn Quadratmeter und war mit Mobiliar, das sich aus einem schmalen Kleiderschrank, einer kleinen Kommode, zwei Einzelbetten mit winzigen Beistelltischchen zusammensetzte, vollgestellt. So hatten wir Mühe, unser Reisegepäck zu verstauen. Der Panoramablick auf das Meer und die umliegenden grünen Hügel und der kleine angrenzende Balkon machten diese für uns ungewohnte Raumenge jedoch wieder wett.

 

Nachdem wir ausgepackt hatten, konnte Mike es sich jedoch nicht verkneifen, gleich los zu maulen: „Hier ist ja gar nichts los! Und in dieser Bucht mit diesen Miniwellen kann ich bestimmt nicht surfen!“

„Wart‘ es doch erst mal ab!“, versuchte ich ihn aufzumuntern. „In der näheren Umgebung soll es doch einige Surfstrände geben. Das hatten wir doch im Reiseführer und im Internet gelesen!“

Wir gingen früh zu Bett und freuten uns auf den ersten Ferientag, der uns an diesem idyllischen Fleckchen Erde erwartete.

 

                                                                       * * *

 

Am nächsten Morgen gingen wir frisch und ausgeruht in den Aufenthaltsraum hinunter. Dort trafen wir auf Chris, unseren Wirt, der sich eine Schürze umgebunden hatte und bereits fleißig die anderen Gäste bediente. Freundlich begrüßte er uns und fragte nach unseren Frühstückswünschen. Während wir das reichhaltige „Breakfast“, das aus Cornflakes, Toast und frischem Obst bestand, genossen, teilte Mike mir mit, dass er gleich alleine zum Strand marschieren wollte. Ich war ein wenig überrascht, meinem Sohn jedoch keineswegs böse, dass er sich für ein paar Stunden von seiner Mutter lösen wollte. Und so freute ich mich auf meinen ersten Spaziergang in der klaren Morgenluft, den ich so richtig genießen wollte. Ich schulterte meinen kleinen Rucksack, packte eine Wasserflasche, ein paar Kekse und für alle Fälle eine Regenjacke hinein und ging zunächst die steile Küstenstraße, Richtung „Hausstrand“, hinunter.

 

Wieder kam ich an der Telefonzelle vorbei, die ich am gestrigen Abend schon im Vorbeifahren flüchtig wahrgenommen hatte. Dieses rote Häuschen, das in Stevens und meiner Geschichte eine so große Rolle gespielt hatte, sah – so musste ich traurig feststellen – verschmutzt, ja sogar richtig verwahrlost aus. Seine Scheiben waren blind und schienen seit Ewigkeiten nicht geputzt worden zu sein. Das Telefon selbst schien jedoch noch immer seine Funktion zu erfüllen, denn ich sah amtliche Telefonbücher auf der Ablage liegen.

 

Wie war ich an jenem Nachmittag vor vielen Jahren um diese Telefonzelle herumgeschlichen! Wie hatte ich auf das Klingeln des Telefons gewartet! Ich versuchte, mir diese schicksalsträchtigen Minuten wieder vorzustellen und musste unwillkürlich schmunzeln, denn es hatte wohl wie eine richtige, filmreife Szene ausgesehen: ein heiterer Nachmittagshimmel, Pia und ich auf dem Mäuerchen sitzend und gebannt den schwarzen, altmodischen Apparat anstarrend!

 

Wenige Tage vorher hatten Steven und ich unendlich traurig voneinander Abschied genommen. Er war abgereist, ich war mit Pia und Lore zurückgeblieben und dann… ja, dann hatte ich ihn ganz entsetzlich vermisst! Wie hatte ich gehofft, dass er sich wieder meldete! Und wie überglücklich war ich gewesen, als er tatsächlich sein Versprechen hielt und mich, nachdem er wieder zuhause war, in der einzigen Telefonzelle Porthallows anrief!

 

Ich schlenderte weiter und winkte Mike zu, der am Strand stand und mit einem kleinen Jungen, mit dem er wohl gerade Bekanntschaft geschlossen hatte, Kiesel ins Meer kickte. Vor dem Pub blieb ich kurz stehen und überlegte, wie ich jetzt weitergehen sollte. Ich wollte nämlich unbedingt den Weg wiederfinden, den Steven und ich an jenem Abend zusammengegangen waren, als wir uns zum ersten Male gegenseitig anvertrauten und ich begonnen hatte, mich in Steven zu verlieben. Auch heute noch kann ich mich genau an seinen offenen, liebevollen Blick aus seinen blaugrauen Augen erinnern. Er sah mich an, und ich wusste, dass ich einen Menschen gefunden hatte, dem ich alles erzählen konnte. Ich erkannte, dass er etwas ganz Besonderes war, sogar jemand, der immer für mich da sein würde.

 

In meiner Erinnerung musste es der Weg gewesen sein, der gleich hinter dem Pub nach oben auf die Klippen führte. So kletterte ich den steilen, fast vollständig mit Gras und Pflanzen überwachsenen Pfad hinauf. Der Boden war vom Morgentau noch feucht und schlüpfrig und ich musste höllisch aufpassen, um nicht auszurutschen. Wild wuchernde Bäume, Sträucher und Pflanzen, die rechts und links den Weg säumten, bildeten fast einen Tunnel über mir und ließen kaum Tageslicht durch. An einer etwas breiteren Stelle des Weges blieb ich stehen, um Atem zu schöpfen und die wildwachsende Natur zu bewundern. Stachlige Beerensträucher, üppige Wildfarne,  Brennnesseln und Disteln beherrschten die Szenerie, an manchen Stellen setzten jedoch blühende Glockenblumen und Fingerhut farbige Tupfer auf das üppige Grün. Endlich kam ich oben an und sah weit unten die Bucht von Porthallow mit ihrem Kieselstrand liegen! Die Morgensonne versuchte gerade, sich einen Weg durch den noch verhangenen Himmel zu bahnen und warf ihr kühles, blassgelbes Licht auf die idyllische Szenerie.

 

Aber wo war nur „Stevens und meine Bucht“ geblieben, dieser romantische Platz, den ich für immer mit unserer Liebesgeschichte verbinden würde und den ich unbedingt wiederfinden musste?

 

Ich hatte eigentlich gehofft, dass sich die Bucht, nach der ich suchte, gleich auf der anderen Seite der Anhöhe öffnen würde. Vor mir breitete sich jedoch eine weite Wiese aus, auf der auch Vieh zu weiden schien, was ich unschwer an den getrockneten Kuhfladen erkennen konnte. Hinter ihr schloss sich ein kleiner Campingplatz an, auf dem zwei Zelte mit bis ans Dach zugezogenen Reißverschlüssen standen. Ich überlegte. War ich damals nicht mit Steven den Abhang hinuntergegangen und hatte sich nicht erst ganz unten und hinter großen Felsen versteckt die Bucht vor unseren Augen geöffnet? Diese Bucht, die Steven und Alec zunächst alleine entdeckt hatten, die Steven mir dann jedoch unbedingt zeigen wollte, weil sie so traumhaft schön und er von ihr so hingerissen war?

 

So ging ich den Abhang hinunter, kletterte über einen Zaun und gelangte an ein kleines Holzhäuschen. Ich drückte die Klinke der Eingangstür herunter, knarrend öffnete sich die Tür… und ich blickte auf Gerümpel und Werkzeug, das wohl Arbeiter liegengelassen hatten. Schnell machte ich die Holztür wieder zu und ging weiter Richtung Meer. Am Fuße des Abhangs versperrte mir jedoch dichtes Dornengestrüpp den Weg. Während ich versuchte, darüber zu spähen, konnte ich schließlich erkennen, dass sich hinter dem wild wuchernden Gebüsch mit Sicherheit kein Zugang zum Wasser befand.

 

Enttäuscht kletterte ich langsam wieder bergauf und überlegte, ob der Weg, der zu „Stevens und meiner Bucht“ führen sollte, vielleicht doch derjenige war, der an der anderen Seite der Bucht von Porthallow auf die Klippen hinaufging? Als ich wieder oben auf der Wiese angekommen war, suchte ich mit meinen Augen die gegenüberliegende Küstenlinie ab und entdeckte dort tatsächlich einen kleinen von Felsen umrahmten Sandstrand. Morgen, ja morgen wollte ich dort hingehen und mich umschauen!

 

Ich setzte mich bequem auf einen großen, halb mit Gras überwachsenen Stein, streckte meine Beine lang aus und genoss die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Wieder dachte ich an Steven und ließ wehmütig die Bilder der Tage, die ich mit ihm zusammen verbracht hatte, in Gedanken Revue passieren. Ich wollte so gerne wissen, ob er immer noch mit Judy zusammen war! Und zu gerne hätte ich natürlich gewusst, ob er sich überhaupt noch an mich erinnerte! So beschloss ich, noch am gleichen Tag in die Telefonzelle des Ortes zu gehen und dort in den ausgelegten Büchern nach Stevens aktueller Telefonnummer zu suchen. Ja, das nahm ich mir ganz fest vor!

 

Ganz plötzlich kam jedoch Wind auf und brachte erste Regentropfen mit sich. Ich holte die Wetterjacke aus meinem Rucksack, streifte sie über und machte mich auf den Rückweg ins Dorf hinunter.

 

                                                                       * * *

 

Am frühen Abend fanden Mike und ich uns vor besagter Telefonzelle ein.

„Nein, Mama, das glaube ich nicht, dass man hierhin anrufen kann!“

„Klar, ist im Zeitalter des Handys ja auch verständlich, dass du das nicht glauben kannst! Ich werde es dir beweisen, dass es funktioniert.“

Mit einiger Kraftanstrengung stieß ich die leicht klemmende Türe des Häuschens auf und suchte an der Wand nach der Telefonnummer, die dort mit Sicherheit angeschlagen sein musste.

„Aha, hier steht sie schon!“, sagte ich. „Mike, hol‘ doch bitte dein Handy raus und gib‘ die Vorwahl von England ein und dann…“

Ich gab Mike die Nummer durch, die ich drinnen gefunden hatte. Mein Sohn tippte die Ziffern ein, wählte und presste sein Handy ans Ohr.

„Trööt, trööt!“, tutete es in der Telefonzelle. Das war das typische, englische Klingelzeichen, das ich auch erwartet hatte. Ich nahm den Hörer ab.

„Hallo Mike, hörst du mich?“

„Cool!“, antwortete er, grinste und winkte mir von draußen zu.

 

Ich sah mir nun die Telefonbücher an, die drinnen auslagen. Leider waren es nur Bücher von Südcornwall und Steven wohnte ja, damals jedenfalls, in einer Kleinstadt in der Grafschaft Shropshire, ganz in der Nähe der Grenze zu Wales. Aber es musste doch eine Möglichkeit geben, an Stevens derzeitige Telefonnummer zu kommen, vorausgesetzt, dass er noch in England wohnte! Ein Postamt oder Internetcafé, in dem ich nach seiner Adresse hätte suchen können, gab es hier in Porthallow allerdings nicht und weder Mike noch ich hatten Handys mit Internet-Anschluss dabei. Und mit jemandem von der Telefonauskunft, der wahrscheinlich mit einem starken Akzent und sehr schnell sprechen würde, zu telefonieren, traute ich mir nicht zu. Ich hoffte, dass mir während meines Urlaubes noch eine Lösung einfallen würde.

 

Nach der Telefonaktion gingen Mike und ich in den Pub „The Five Pilchards“, dem einzigen Lokal in diesem Ort, das von den sesshaften Einwohnern und den wenigen Touristen gleichermaßen gerne frequentiert wurde. Gleich beim Eintreten fiel mir auf, dass auch in diesem Haus die Zeit stehengeblieben zu sein schien! Es sah drinnen noch genauso aus wie damals, als ich hier in diesem Pub Steven das erste Mal begegnet war: Dunkle Holzbalken, viel Nippes und Dekoartikel aus der Schifffahrt verschönerten die gemütliche Inneneinrichtung und verliehen ihr ein maritimes Flair.

 

Drinnen trafen wir Chris und seine Frau Alice, die zusammen unser Guesthouse führten. Sie luden uns an ihren Tisch ein und während ich wieder „Fish‘n Chips“ verzehrte – die Pommes Frites waren hausgemacht und schmeckten köstlich, genauso wie der frischgefangene Seefisch – aß Mike einen riesigen Burger.

 

Ich fand Alice sehr sympathisch und hatte sogleich einen guten Draht zu ihr. Nur zu gerne erzählte ich ihr von meiner Liebesgeschichte, die sich vor mehr als zwanzig Jahren hier in diesem Ort zugetragen hatte und dass ich nun auf der Suche nach Steven war. Alice hörte mir aufmerksam und interessiert zu und versprach, dass sie, wenn sie ein wenig Zeit hatte, im Internet und im nationalen Telefonbuch nach Steven forschen wollte. Sobald sie etwas herausgefunden hatte, wollte sie mir sofort Bescheid geben.

 

Während unserer angeregten Unterhaltung trank ich mehrere Gläser „Best Cornish Bitter“. Dieses lokal gebraute Bier hatte ich noch von meinem ersten Cornwall-Urlaub in bester Erinnerung. Mike erlaubte ich, zur Feier des Tages – schließlich war es unser erster richtiger Urlaubstag in Cornwall – ein „Beck’s“ zu trinken.

 

Gegen halb elf machten wir uns leicht angesäuselt auf den Heimweg zu unserem Guesthouse. Es war eine traumhaft schöne Nacht! Über uns wölbte sich der klare Sternenhimmel und rechter Hand lag das silbrig glänzende Meer im Mondlicht. Die Flut war mittlerweile hereingekommen und kräuselte die Wellen, die sich wieder leise plätschernd am Kieselstrand brachen.

 

                                                                       * * *

Endlich Urlaub

„Uff, das wäre geschafft!“, rief ich erleichtert aus und ließ mich neben Pia auf eine Holzbank auf dem Oberdeck der Sealink-Fähre fallen. „Das war ja exaktes Timing!“

„Ja, super!“, stimmte Pia mir zu. Sie ballte eine Faust und streckte sie mir mit einem ausgestreckten Daumen als Zeichen der Anerkennung entgegen.

 

Unser erster Urlaubstag hatte bestens begonnen, denn bis jetzt lief alles nach Plan! In aller Herrgottsfrühe, das hieß um halb fünf Uhr morgens, waren wir von zuhause losgefahren, hatten Belgien und Nordfrankreich durchquert und gerade soeben noch die Zehn-Uhr-Fähre in Calais erreicht. Immerhin waren es um die 450 km gewesen, die wir non-stop vom Rhein bis zum Ärmelkanal zurückgelegt hatten. Nachdem wir unseren Wagen auf einem Parkdeck abgestellt und abgeschlossen hatten, machten wir auf unserem schwimmenden Untersatz einen kurzen Rundgang.

 

Nun warteten wir auf Lore, die dringend ein gewisses Örtchen hatte aufsuchen müssen. Die Seeluft war noch ziemlich frisch und so wickelten Pia und ich uns in unsere Strickjacken, streckten unsere langen Beine aus und blickten zurück Richtung Hafen. Die Umrisse der französischen Küste waren kaum noch zu erkennen und wir nahmen nur noch einen schwachen, violetten Streifen am Horizont wahr. Das Meer war ganz ruhig und das Morgenlicht verwandelte die fast glatte Wasseroberfläche in einen großen, glänzenden Spiegel.

 

Ich erinnerte mich an eine Überfahrt vor dreizehn Jahren, als ich als Austauschschülerin in England gewesen war und auch mit einer Fähre übergesetzt hatte. Damals war der Wellengang sehr rau und hoch gewesen und während der Überfahrt hatten meine Mitschüler und ich uns einen Jux daraus gemacht, in unserem jugendlichen Leichtsinn wie Betrunkene übers Deck zu torkeln. Das war natürlich eine Mordsgaudi für uns Jugendliche gewesen, allerdings gefiel dies den begleitenden Lehrkörpern weniger gut und wir wurden ermahnt, doch nicht so albern zu sein und uns angemessen zu benehmen.

 

Pia und ich räkelten uns genüsslich auf der Bank und reckten unsere sonnenhungrigen Gesichter der noch recht blassen Morgensonne entgegen. Als Lore zurückkam, setzte sie sich neben mich, stieß mich mit dem Ellbogen an und fragte: „Na, freust du dich, dass wir jetzt endlich auf dem Weg nach Cornwall sind?“

„Na, klar!“, antwortete ich und schlug die Beine über- einander. „Die letzten Wochen im Büro waren mehr als stressig. Ich habe mir den Urlaub wirklich redlich verdient!“

Lore nahm ihre Brille ab und reckte ihr Gesicht den langsam wärmer werdenden Sonnenstrahlen entgegen.

„Pass auf“, ermahnte ich sie, „das gibt Falten!“

„Macht nichts“, konterte Lore, „ich bin ja in dem Alter, in dem ich mir Falten erlauben darf!“

„Sag‘ mal“, meinte nun Pia, „was sagt eigentlich dein Göttergatte dazu, dass er für zwei Wochen den Strohwitwer spielen muss?“

„Och, der war natürlich nicht so begeistert!“, antwortete ich. „Er hätte es ja lieber gehabt, wenn ich den Urlaub storniert und bei ihm zuhause geblieben wäre.“

„Kann ich mir vorstellen, dass ihm das in den Kram gepasst hätte“, meinte Pia, „aber er wird es schon überleben. Ein bisschen Haushalt hat noch keinem Mann geschadet!“

 

Auf den Nachbarsbänken hatte sich eine Gruppe Jugendlicher niedergelassen, die ungefähr in Pias Alter waren. Pia riskierte einen Blick und zwei Jungs grinsten nicht gerade schüchtern zurück und winkten ihr zu.

„Ein wenig flirten, das ist doch der richtige Urlausstart!“, meinte Pia, stand auf und schlenderte betont lässig zu den Jungs hinüber. Mit einem freudigen „Hello“ wurde sie dort empfangen und gleich in ein Gespräch verwickelt.

„Wir geh’n mal eben runter, ‘ne Cola trinken!“, warf sie mir ein paar Minuten später zu und ging mit ihren neuen Begleitern die Treppe zum Unterdeck hinunter.

 

Pia war meine Nichte, ein süßer Teenager, hochgewachsen, mit großen braunen Augen, einem Lockenkopf und endlos langen Beinen. Sie hatte gerade Schulferien und eigentlich keine besonderen Pläne für den Sommer gehabt, deshalb hatte sie auch gleich begeistert zugestimmt, als ich sie fragte, ob sie Lust hätte, mit nach England zu fahren. Lore und ich hatten jedoch ihrer Mutter versprechen müssen, gut auf sie aufzupassen. Nach einer halben Stunde war Pia zurück und setzte sich wieder zu uns.

„Na, habt ihr schon Adressen ausgetauscht?“, fragte ich, mehr amüsiert als besorgt.

„Nö“, winkte Pia ab, „so interessant waren die auch nicht! Das waren Dänen auf Rucksacktour. Aber ich konnte ein wenig meine Englischkenntnisse auffrischen.“

 

Die zwei Stunden, die die Überfahrt damals von Calais aus dauerte, vergingen wie im Flug, und schon bald tauchten die weißen Klippen von Dover vor uns auf. Wir stellten unsere Armbanduhren eine Stunde zurück – von MEZ, also mitteleuropäischer Zeit, auf Greenwich Time – gingen hinunter zum Parkdeck und setzten uns in meinen Wagen. Als nun die Fähre im englischen Hafen anlegte, war ich doch etwas besorgt, denn auf der Insel wurde ja links gefahren und damit hatte ich überhaupt keine Erfahrung. So fuhr ich vorsichtig die Rampe hinunter, fädelte mich in die Reihe der nun links, jedoch noch langsam fahrenden Autos ein und rollte los.

 

Die Fahrerei klappte dann gleich recht gut, was ich zum größten Teil den höflichen Inseleuropäern zu verdanken hatte. Die Engländer hupten nämlich nicht gleich los, wenn sie merkten, dass ich Orientierungsschwierigkeiten hatte, die sich bei mir vor allem an den vielen Kreisverkehren offenbarten. Wir fanden es allerdings recht seltsam, an jeder sich halbwegs bietenden Örtlichkeit solch ein „Karussell“ vorzufinden, auch oft dort, wo es unserer Ansicht nach gar nicht nötig gewesen wäre.

 

Wir hatten bereits vor Antritt der Reise geplant, nicht die schnellere Route über die Autobahn, die südlich an London vorbeiführte, zu nehmen, sondern die längere, sicherlich landschaftlich schönere und interessantere Strecke, die sich entlang der Südküste über Nationalstraßen schlängelte, um somit einen Blick auf die bekannten englischen Seebäder werfen zu können. Das Land selbst präsentierte sich uns als sehr weit, sehr hügelig und sehr grün, was uns angenehm überraschte. So ländlich hatten wir uns Südengland gar nicht vorgestellt! Felder, Wiesen und malerische Dörfer zogen an uns vorbei, und wir bewunderten die handgearbeiteten, kunstvollen Messingschilder, die an Läden und Wirtshäusern aushingen und zum Anhalten und Verweilen einluden.

 

Am Spätnachmittag kamen wir an unserem ersten Reiseziel, einem Vorort von Bournemouth an. Jennifer, meine englische Brieffreundin, mit der ich seit zehn Jahren in Verbindung stand, hielt schon im Vorgarten ihres Elternhauses Ausschau nach uns. Es war das erste Mal, dass wir uns trafen und ich war auf das Treffen ebenso gespannt wie meine englische Freundin. Jenny sah genauso aus wie auf den Fotos, die sie mir geschickt hatte: klein, rothaarig und pummelig. Wie sie mir in ihren Briefen erzählte, machte sie ständig irgendwelche Diäten, um ihre überflüssigen Pfunde – im englischen „stones“, also „Steine“ genannt – abzunehmen. Ein kleiner Hund, eine Mischung aus Rauhaardackel und Terrier, sprang aufgeregt um ihre Beine herum.

„Auffallend, wie viele Engländer doch rote Haare

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Rebekka Weber
Bildmaterialien: eigene Fotos (alle Rechte bei der Autorin) Coverfoto: Die Bucht von Porthallow/Cornwall
Lektorat/Korrektorat: Rebekka Weber
Tag der Veröffentlichung: 20.11.2012
ISBN: 978-3-95500-847-5

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
*** For an Englishman who cares ***

Nächste Seite
Seite 1 /