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Erhörte Gebete

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„Ich bin immer scharf auf einen weichen Lutscher.“

Melanie Griffith zu Tom Hanks in dem Film „Fegefeuer der Eitelkeiten.“

 

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Mir war nach handlich Schwerem, etwas mit Genuss und Gefühl. Es sollte kräftig sein, aber auch anregend-dekorativ in meinem Wohnzimmer auf der Chaiselongue, denn man will ja auch etwas für´s Auge haben, und inspirierend im Bett – das hatte ich in der Nacht, es war wenige Minuten nach der sogenannten Geisterstunde, im spontanen Sinn. Doch am anderen Morgen, nach einer unruhigen Nacht, plagte mich der Zweifel. Wer bin ich eigentlich? Was soll das, dass ich mich von meinen niederen Trieben leiten lasse?

Andrerseits und warum auch nicht? Soll ich jetzt, oder soll ich nicht, aber dafür später, oder was?

Solche und auch andere Fragen gingen mir durch den Kopf. Man kann mir alles nachsagen, aber knausrig bin ich nicht, eher emotional agierend, bei entsprechender Sympathie, oder emphatisch wie der Fachmann (oder die Fachfrau) auch gern sagt, wenn weniger informierte Zeitgenossen beeindrucken werden sollen, denn unausgesprochen stand auch die Frage der korrekten Bezahlung im Raum.

Verehrte Leserin, aber auch dich mein Freund, bitte ich inständig um Verständnis für mein Zögern. Aber unter Berücksichtigung meines schmalen Budgets, war es auch eine Entscheidung die gewissenhaft durchdacht werden musste. Wenn es schon sein sollte, dann richtig und mit allem was dazu gehört. In dieser Woche wollte, und ich will auch heute noch hin und wieder, in einen Abgrund von regel- und gesetzlosen Trieben sehen. Ja, ich habe ein Faible für Leidenschaft und Chaos, danach war, ist mir, und wird immer wieder sein - ich gestehe es. 

Wohl zu bedenken war, dass ich einen guten Ruf zu verlieren habe, und ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Doch dann, nach einigen Tagen des Überlegens war meine Unschlüssigkeit niedergerungen. Ich bin mental in mich gegangen und vielleicht waren es „Erhörte Gebete“ die mich zur spontanen Tat getrieben haben? Den wahren Grund weiß ich nicht, aber unumstößliche Tatsache ist - ich habe es getan. Darum wende ich mich heute und frohen Herzens nicht nur an meine männlichen Leser, sondern auch an Sie, ja genau an Sie, sehr verehrte und mittelalte Leserin. Sie dürfen sich freuen, auch ich gehöre jetzt dazu. Seit wenigen Tagen bin ich nicht mehr der Unwissende, sondern Ihr erfahrener Raoul. Nach reiflicher Überlegung, zuerst zaudernd und zögernd, dann aber wild entschlossen bin ich einem inneren Zwang nachgegangen und ich habe ein Buch erworben.

Ich spüre, Sie sind erstaunt. Ja, auch ich besitze jetzt ein Buch. Aber ich kann Sie beruhigen. Meine Tat hat nicht nur zu einem x-beliebigen Buch mit viel Papier aus den Niederungen literarischer Feuchtgebiete geführt. Ich fühle mich den Guten zugehörig und darum musste es ein sogenanntes „gutes“ Buch mit mehr geistigem, und was auch eine schön Zugabe gewesen wäre, mit mehr volumenmäßigem Inhalt sein.

Nun soll noch mal jemand behaupten, dass gute Literatur entweder in den Regalen verschrobener Buchhändler verstaubt, oder nur von einer elitären Minderheit goutiert wird, die eine Buchhandlung nur dann aufsucht, wenn draußen ein mittelschwerer Regenschauer niedergeht und es an akzeptablen und kostenlosen Unterstellmöglichkeiten mangelt.

Bitte verurteilen Sie mich nicht wegen meiner Bequemlichkeit, aber unter normalen Umständen suche ich stationäre Buchhandlungen nur dann auf, wenn ein Schild „Räumungsverkauf“, oder „wegen Geschäftsaufgabe radikal reduziert“ lockt, aber an diesem Morgen hat es nicht geregnet, aber es war keine Buchhandlung und auch keine Buchhändlerin griffbereit. Doch mein Entschluss stand fest und angeregt durch den literarischen Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich meine Kreditkarte gezückt, die notwendigen Daten in ein Formular eingegeben und meine Bestellung bei einem renommierten Internet-Buchhändler, der seinen Namen vermutlich von einem mächtigen Gewässer, oder barbusig reitenden Männermörderinnen abgeleitet hat, aufgegeben.

Wenige Tage später und kurz vor dem Frühstück wurde mir wie versprochen ein Päckchen zugestellt. Voller Lust und Vorfreude habe ich es geöffnet. Vor mir lag das Buch „Erhörte Gebete“ von Truman Capote aus dem Kein und Aber Verlag. Prophylaktisch erwähnt sei, dass dieser Hinweis zwar nach unerlaubter Schleichwerbung klingt, aber es nicht ist. Ja, liebe Leserin, Sie liegen mit Ihrer Vermutung falsch, denn es liegt nicht in meiner Absicht für Schreiberlinge zu werben, die aus welchen Gründen auch immer ein Buch nach dem anderen veröffentlichen, während ich noch darben und dürsten muss. Ich möchte lediglich dem Gesetz Genüge tun, oder mich gezwungenermaßen dem Stärkeren unterwerfen und die Rechte des Verlags und des verstorbenen Urhebers wahren, wenn ich wegen der Wahrheitsfindung daraus zitiere.

 

Da ich nun mein verdientes Frühstück zu mir nehmen wollte, begann ich zuerst auf eine Scheibe Graubrot vom Vortag etwas Pflaumenmarmelade aufzutragen. Pflaumenmarmelade ist nicht meine favorisierte Sorte, aber mangels Vorhandensein und weil eine hübsch-mollige, besonders gute Freundin aus Haag in Oberbayern für ihren Mann zwar Brombeer-Marmelade eingekocht, aber beim morgenlichen Chat nicht nur den Slip unter dem Kittel, sondern auch die Marmelade für mich vergessen hatte, war ich gezwungen, die  eines bekannten Lebensmitteldiskounters mit einem „A“ im Firmenzeichen zu verwenden. Schade, aber im Nachhinein nicht mehr zu ändern.

Falls Sie sich jetzt fragen, warum ich die vom auf hohem Niveau wegen der Ungerechtigkeiten der globalen Märkte klagenden Wohlstandsbürger üblicherweise bevorzugte, irische Markenbutter weggelassen habe, ist das ohne Anflug von schlechtem Gewissen zu erklären. Mein Cholesterin-Spiegel ist momentan leicht erhöht und auf Anraten meines Arztes habe ich darauf verzichtet.

Dies vorausgeschickt nahm ich noch einen Schluck Kaffee zu mir. Dann legte ich bequem, nicht ohne vorher zwei Katzen von vier von ihrem Lieblingsplatz, dem zweiten Stuhl von dreien, das ist der, der den gefräßigen Viechern einen besonders guten Blick auf den Frühstückstisch gewährt, zu verscheuchen (was diese verständlicherweise mit einem unwilligen Fauchen quittierten), meine durch hübsch handgestrickte Socken gewärmten Füße hoch.

Nachdem ich meine gemütliche Morgenstellung eingenommen hatte, schlug ich sowohl arg- wie auch ahnungslos das kleine Buch auf, über dessen Umfang ich wegen dem renommierten Namen Verfassers (und das muss ich zugeben), anfangs doch arg enttäuscht war, denn ich hatte mehr beschriebenes Papier für mein schwer verdientes Geld erwartet. 

Bis zur vierzehnten Seite dörmelte der Text träge vor sich hin. Angesichts der unvermuteten Schwere der Materie, aber auch wegen der komplizierten Satzstellungen, die ich für einen harmlosen Frühstücksleser der sich mental auf seine Arbeit vorbereiten muss, als Zumutung, wenn nicht sogar als größere Belastung als die für meine Verdauung wichtigen Ballast-Stoffe in meinem Graubrot empfand, war ich versucht, das Machwerk mit dem Vermerk „übel und langweilig“ beiseite zu legen und eine geharnischte Null-Stern-Rezension zu schreiben.

Doch dann sprang mir der Satz: „… obwohl Übungen für das Gesicht reiner Quatsch sind; die einzig wirksame ist Schwanzlutschen. Kein Witz, es gibt nichts Vergleichbares, um die Kinnpartie zu straffen“ sprichwörtlich ins Auge.

Plötzlich war ich interessiert und mental inspiriert. Da soll noch mal jemand behaupten, dass gute Literatur nicht nur zur Dekoration des Wohnraums taugt, sondern auch einen wertvollen Bildungsauftrag erfüllt. Jetzt, in diesem literarisch erbaulichen Moment sah ich vieles klarer und ich beschloss einen telefonischen Anruf zu tätigen, um am Abend mit meinem Kumpel Werner, der ja wie bekannt mit Viola, meiner zweckdienlichsten und nicht zu dünnen Freundin verheiratet ist, ein bis mehrere kühle Bierchen zu trinken.

Wir trafen uns am Abend und unser Gespräch unter Männern drehte sich um Dies und Das und sonstige Wichtigkeiten, denn ich wollte nicht sofort und insistierend zum Kern meines ursächlichen Interesses vorstoßen. Doch dann, ich konnte sie nicht mehr zurück halten, stellte ich die die erste Kernfrage, ganz nach dem Motto erfolgreicher Großinquisitoren: „Wer nicht fragt, bekommt keine Antwort.“

„… und wie läuft es bei euch so?“

Was sollte Werner darauf auch antworte, als ein knapp und neutral formuliertes: „Alles fit im Schritt.“

Ich ließ nicht locker, denn korrekte Antworten bekommt man bekanntlich nur, wenn man wie ein Adler um die Beute kreist, um dann, aber nur im richtigen Moment und wenn die Beute nicht mehr entkommen kann, zu schnabulieren.

„Und mit dem Sex läuft alles noch zufriedenstellend?“

Ich bin nicht so unbedarft, dass ich eine ehrliche Antwort auf meine hinterlistige Frage, die ja in den intimen Bereich des Menschen geht, erwartet hätte. Mir ist aus erster Hand bekannt, und auch meine treuen Leserinnen und Leser inzwischen wissen, dass Viola zu den sexuell aktiven Frauen gehört, nur nicht bei und mit Werner, ihrem gesetzlich angetrauten Ehemann, leidenschaftlichem Steuerberater und Zahlenfetischisten in Personalunion.

„Ja klar“ war Werners kurze und bündige Antwort, aber sein ausweichender Blick und der schweißige Griff nach dem Stiel seines Bierglases, nicht um es zu heben, sondern um den Kelch nervös hin und her zu drehen, sprach sowohl Bände, verriet aber auch seinen unterschwelligen Drang, mir seinem besten und langjährigem Freund die ganze und ungeschminkte Wahrheit anzuvertrauen.

Ich schwieg einen dramaturgisch wichtigen Moment und bestellte noch zwei frische Pilsbierchen und zwei Gläser mit glasklaren, aber hochprozentigen Füllungen, die bekanntlich gut für Zungenlockerungsübungen sein sollen. Kaum geschehen und vom Wirt abgestellt fing Werner wie gewünscht an zu reden: „Eigentlich läuft da nicht mehr viel. Aber was will man nach einigen Jahren Ehe auch erwarten. Der Geist der Ehe wird nun mal durch den Gedanke an die Pflicht manipuliert, und eine Ehefrau hat die Pflicht, sich im Haushalt nützlich zu machen …“, war sein resignierter, oder auch zufriedener Kommentar, den Unterschied konnte ich, der genaue Beobachter zwischenmenschlicher Schwingungen mangels mentaler Konzentration, beeinflusst durch eine erhöhte Konzentration von Alkohol in meinem Blut, nicht erkennen.

Ich war ob der ungeschminkten, aber mir bekannten Wahrheit nicht zufrieden, denn ich hätte mir etwas mehr Details gewünscht, und darum beschloss ich, das Thema „Schwanzlutschen, Anti-Aging und faltenfreie Schönheit“ nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern baldmöglichst, also am nächsten Tag mit Viola ein Gespräch zwecks Klärung des Sachverhaltes zu führen.

Meine diesbezügliche, telefonische Anfrage am frühen nächsten Morgen: „Sag mal Schatz, was hältst du von Schwanzlutschen?“ wurde mit einem gurrenden Kichern und mit „ich muss nur noch kurz saugen, dann bin ich bei dir“ beantwortet. Bis zur Mittagszeit haben Hausfrauen ja bekanntlich Zeit, und das führte dazu, dass sich meine am Thema äußerst interessierte Freundin Viola zweiundzwanzig Minuten später zu einem fachlichen Dialog in meiner nahegelegenen Behausung einfand.

Nun ist Viola auch nicht mehr die Jüngste und nach ihrer Aussage im beginnenden fünfunddreißigsten Lebensjahr, was nachweislich nicht stimmt, denn ich als ihr ältester, bester und intimster Freund weiß, dass sie vehement und seit Jahren zehn Jahre unterschlägt und außerdem auch hin und wieder charmant schwindelt.

Bemerkenswert ist, dass Viola trotz fehlender Jahre über ein weitgehend makelloses Aussehen verfügt, mit einer samtweichen Haut, die besonders im Gesicht und insbesondere am Hals und um die Kinnpartie ohne sichtbare Falten ist. Dies aufklärend vorausgeschickt wissen meine Stammleser (und Leserinnen) auch, dass meine neuerdings zweitbeste Freundin Viola nicht nur eine Künstlerin für schwierige Fälle, sondern auch eine begnadete Oraleuse ist, oder wie ich ihr oft bestätigt habe: „Du machst es mit so viel Hingabe wie eine zum Tod verurteilte Nymphomanin mit Hoffnung auf Aufschub der Hinrichtung“, und bekanntlich macht nur ständige Übung die Meisterin, mundmäßig gesehen, um beim Thema zu bleiben.

Doch um das Thema „Schwanzlutschen, Anti-Aging und faltenfreie Schönheit“ fachkundig abzuhandeln reicht es verständlicherweise nicht aus, eine Person, sozusagen als leuchtendes Vorbild und Referenz zu erwähnen.

Nachdem ich gekommen und Viola wieder gegangen war, um Werner das Mittagessen zu richten, beschloss ich etwas ermattet aber zufrieden, aus meiner Erinnerungskiste meine Erfahrungen herauszusuchen und thematisch, fachlich- und sachlich richtig für eine interessierte Leserschaft aufzuarbeiten.

Da war zum Beispiel Fräulein Olympia, meine immer noch unverheiratete Schulfreundin und vor einigen Jahren kurzzeitige Geliebte, über die ich in meinem demnächst erscheinenden Roman „TREUFLEISCH“ ausführlich berichten werde.

Olympia, Tochter einer urschwäbischen und sehr betuchten Bäuerin und darum rustikal mit ihren sehr schönen Beinen fest im Leben stehend, hatte nach meiner Erinnerung eine ganz andere Einstellung zum Thema „Schwanzlutschen und faltenfreie Schönheit.“

Obwohl sie die bei unserer Liaison die 50 bereits überschritten hatte, waren zum Beispiel ihre Brüste (Cup 95C) so fest, wie bei einer fünfzehnjährigen Cheerleaderin, mit Nippeln, an denen man das Wetter und die Stimmung ablesen konnte.

Auch die Figur und besonders ihre untere Rückenpartie waren mehr als gefällig. Ihre Figur, die man nur unter Zuhilfenahme der Hände plastisch beschreiben kann, trotzte auch in der zweiten Lebenshälfte allen Gesetzmäßigkeiten der Schwerkraft, auch unter Berücksichtigung der Äquivalenz von Masse und Bewegungsenergie. Das Geheimnis dieser seltsamen Diskrepanz von Jahren und Zeichen verriet sie mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, obwohl ich nach der ersten gemeinsamen Nacht selber darauf gekommen wäre, wenn ich den Details mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Fräulein Olympia wusch sich jeden Tag zwei- bis viermal mit einem mit einer Drahtbürste vergleichbaren, harten Waschhandschuh und eiskaltem Wasser von Kopf bis zum linken kleinen Zeh, und sie verwendete für ihre Brüste und ihre Gesäß echtes Melkfett, das normalerweise zur Pflege von Kuheutern eingesetzt wird.

Dies geschmeidig vorausgeschickt, wären es eigentlich ideale Voraussetzungen für eine dauerhafte Beziehung gewesen, denn Olympia war durch den Verkauf des einen und anderen Äckerchens in bester, Sindelfinger Goldlage, auch finanziell äußerst gut proportioniert, wenn nicht ihr Gesicht und insbesondere ihre Mundpartie von tiefen Falten durchzogen gewesen wären. Dieses Missverhältnis von attraktivem Körper und an einen frisch umgepflügten Acker denken lassendes Gesicht war auf Dauer nur schwer zu ertragen, aber wie ich heute weiß, auf eine einfache Ursache zurück zu führen. Olympia hasste Schwanzlutschen, und dachte nicht im Traum an Anti-Aging und sie hasste Literatur, denn sie war ein Fan von seichter Unterhaltung. Für einen Intellektuellen wie den sensiblen Raoul war das störend, und ich sah es als wichtige Erziehungsmaßahme, diesen unleidlichen Zustand zu ändern. Ich habe mit ihr darüber geredet, ihre Argumente entkräftet, und mit ihr sachlich und kompetent die Vorteile und nicht nennenswerten Nachteile erörtert. Mein fachlicher Hinweis, dass nach einer Viertelstunde aktivem Schwanzlutschen nachweislich hundertundfünfzig bis zweihundert Kilokalorien verbrannt sind, führte zu einem Tränenausbruch und dem Vorwurf, dass ich mit ihrer Figur nicht zufrieden wäre, und außerdem das Schlucken mit der Aufnahme einer Kalorienbombe gleichzusetzen wäre. Ich habe der unbewiesenen Behauptung vehement alle mir bekannten Argumente entgegengesetzt.

„Schatz, Sperma schmeckt besser und ist billiger als deine links und rechtsdrehenden Gesundheitsdrinks und außerdem haben zwei Löffel Sperma nur 20 Kalorien.“

Über eine Stunde habe ich auf sie eingeredet, beim Leben meiner verstorbenen Großmutter geschworen, dass ihre Figur perfekt sei, und ich versprach beim Kommen rechtzeitig eine Vorwarnung auszusprechen, aber es hat nichts genützt. Olympia war nach der Tränenaktion zwar verständnisvoll und einsichtig aber dauerhaft abgeneigt und ich frustriert.

Sie versicherte mir, dass sie zur Vermeidung weiterer Falten morgens und abends vor dem Spiegel ein gedehntes „A“, dann ein breites „E“, dem ein spitzes „I“ und ein rundmäuliges „O“ und zum Schluss ein spitzschnäbeliges „U“ zum Training der Gesichtsmuskulatur aussprechen würde.

Ich nahm den guten Willen respektvoll zur Kenntnis, aber das Problem war immer noch nicht gelöst. Nach nächtelangen Diskussionen und mit ihrem berechtigten Einwand: „Erst in den Po, dann in den Mund, und womöglich in die Muschi nach dem Hund“ hat sie mir die Ursache ihrer Abneigung gegen aktives Schwanzlutschen gestanden. Ihre Mutter (die Landwirtin) hatte ihrer Tochter zwei wertvolle Regeln fürs Leben mitgegeben. Die erste Regel lautete: „Tue das Gute mit der Hand und nicht mit dem Mund“, und die zweite Lebensweisheit: „Da hilft kein Pudern und kein Schminken, Pumpe muss nach Pumpe stinken …“

Mein Hinweis auf meine fast überpeinliche Reinlichkeit wurde mit dem suggestiven Hinweis und dem Ersatz-Angebot „Schwanzlutschen ist doch nur was für ältere Männer mit einer schlaffen Nudel. Das brauchst du doch nicht. Ich kann es dir ja mit der Hand …“ quittiert und ich, der ich mich in Entscheidungsnöten befand, habe die Beziehung mit einem schlechten Gewissen wegen meiner schnöden Eigennützigkeit quittiert.

An diesen erschütternden Beispielen wird deutlich, dass einfache Hausmittel, und dazu gehört nun mal „Schwanzlutschen“, die Haushaltskasse manch einer Familie erheblich entlasten können, wenn aufwändige und teure Besuche in Kosmetikinstituten unterbleiben und dubiose Schönheitsmittelchen nicht gekauft werden. Doch ganz so einfach ist die schnelle Reduzierung von Alterungserscheinungen nicht. Aktive Mithilfe ist erforderlich, damit die Schwanzlutscherin auch den gewünschten Effekt, der Reduzierung ihrer Falten erfährt.

Bei Salome, von der ich an anderer Stelle noch ausführlich berichten werde, war es wieder etwas anders. Paul hat mir berichtet, dass sie nur nachlässig ihren Pflichten nachkam, und er darum gezwungen war, eine Affäre mit Sina (von der ich noch berichten werde) zu kultivieren. Die Folgen, die in allerlei Morden und Meucheleien endeten beschreibe ich ebenfalls in meinem nächsten Buch, aber so viel möchte ich schon jetzt verraten. Tunlichst unterbleiben sollte der Griff nach dem Kopf der aktiv Praktizierenden, um diesen im oft gewünschten, rhythmisch im angedeuteten Dreivierteltakt eines Wiener Walzers zu bewegen. Hilfreich und gern gesehen ist der „segnende“ Druck, also das Handauflegen um den Kopf niederzudrücken, da diese Handlung zu einer Straffung der Halsmuskulatur führt, was wiederum eine Reduzierung der gefürchteten Halsfalten zur Folge hat.

 

Da ich aus Platzmangel nicht alle Aspekte des Schwanzlutschens abhandeln kann und ich das Buch von Truman Capote noch nicht bis zur letzten Seite gelesen habe, möchte ich an dieser Stelle das Thema „Schwanzlutschen“ vorerst abschließen. Mir bleibt nur noch zu bemerken, dass ich Anregungen zu diesem Thema gern annehme und mich über vielfältige, auch bebilderte Zuschriften von interessierten Leserinnen freue. Gern dürfen Sie mir über Ihre Erfahrungen berichten.

 

Ihr (vielleicht einziger) Freund Raoul

 

 

Impressum

Texte: Amélie von Tharach
Bildmaterialien: Amélie von Tharach
Lektorat/Korrektorat: Amélie von Tharach
Übersetzung: Amélie von Tharach
Tag der Veröffentlichung: 18.03.2016

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für Olympia und Titania

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