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Naturereignis

 

Wie man ja schon von mir weiß, wurde ich mit sechzehn Jahren von einem Tag auf den anderen von meinen Eltern während der großen Ferien von der Schule genommen, weil ihnen die nervliche Belastung zu groß erschien und mein Vater mich in seiner Anwaltskanzlei haben wollte.

 

So brachen auch von einem Tag auf den anderen meine ohnehin nur losen Freundschaften mit Klassenkameraden ab. Es war buchstäblich so – aus den Augen, aus dem Sinn! Ich hatte kaum noch eine Möglichkeit, neue Freunde zu finden.

 

Ich ging dann abends auf die Volkshochschule, um meine Sprachkenntnisse zu vervollständigen. Dort freundete ich mich mit einem etwas älteren netten Mädchen an. Sie hatte damals schon einen norwegischen Freund und der Schwedisch-Unterricht war die einzige Möglichkeit, seiner Sprache näher zu kommen. Die beiden planten, zusammen nach Norwegen zu gehen. Mit Anke war ich viel zusammen. Wir sind bis heute befreundet.

 

Passende potentielle männliche Freunde oder Partner gab es weit und breit nicht. Ab und zu wurde ich mal auf der Strasse angesprochen. Aber das war nicht wirklich erwähnenswert.

 

Zuerst ging ich noch ab und zu in die Junge Gemeinde, aber auch dort blieb ich weitgehend für mich.

 

Irgendwann – da war ich wohl gerade achtzehn - hatte mein Vater zwei Theologiestudenten zu beraten, die er offenbar sympathisch fand. Jedenfalls lud er sie eines Tages zum Abendessen ein – ganz offensichtlich nicht ohne Hintergedanken.

 

Ich fand Christoph und Fridolf ganz nett, aber mehr auch nicht. Sie kamen dann öfter mal zum Abendessen. Christoph brachte auch seine Freundin mit. Sie erzählten von der evangelischen Studentengemeinde und fragten, ob ich nicht Lust hätte, dort mal vorbei zu schauen. Ich? Studentengemeinde? Ich studierte doch gar nicht, war doch nur eine kleine ungelernte Sekretärin! Sie meinten, das macht nichts, ich solle mal Mittwochabend vorbei kommen.

 

So nahm ich allen Mut zusammen und ging eines Mittwochs abends in die Studentengemeinde am anderen Ende der Stadt, ganz am Ende der Altstadt. Schon der erste Abend war so, dass ich gern wieder hinging. Es gab Unmengen Tee und Schmalzstullen und viele tolerante nette Leute ohne Vorurteile.

 

Es gab immer ein Thema für den Abend, einen Vortrag oder andere Veranstaltungen mit anschließender Diskussion, etwa anderthalb Stunden lang. Danach traf man sich – wer Lust und genug Geld hatte – im „Silo“ am Stadthafen. Dort wurde weiter heiß diskutiert und Bier getrunken.

 

Dann gab es Wochenendfreizeiten, die in Kühlungsborn stattfanden und mir gut gefielen. Unser Studentenpfarrer, Dr. Wiebering, der das Ganze leitete, war ein umgänglicher und interessanter Mann. Es gab auch noch andere Studentenpfarrer zu meiner Zeit, an die ich mich aber nicht mehr erinnere.

 

Dann war da der  „Dauer-Student“ – Hans – der schon lange nicht mehr studierte, aber aus Kontaktgründen der Studentengemeinde treu blieb. Er erschien mir mit Ende zwanzig uralt und indiskutabel. Eines Tages sprach er mich an: „Ach du bist die kleine Angela V.! Man hat mir gesagt, du wärest eine kleine Niedliche im Minirock. Aber du trägst ja Hosen!“ Von da an hatte ich Hans als ständigen Begleiter und Beschützer an der Backe. Hin kam ich immer allein, aber zurück brachte Hans mich meistens mit seinem Motorroller. Zum Abschied gab es einen Kuss und gut.

 

 

Wir hatten ein bisschen ein ähnliches Schicksal. Er hatte sein Studium dem elterlichen Kunsthandwerksgeschäft zu Liebe aufgegeben und quälte sich jetzt an der Seite seines übermächtigen Vaters über die Runden. Aber das ist eine andere Geschichte.

                                     

 

Ungefähr zwei Jahre ging das so. Dann saß plötzlich eines Abends im Oktober 1968 Hellmut links von mir im „Silo“. Hans saß rechts und wurde nicht mehr beachtet. Hellmuts große silbergrüne Augen hatten es mir angetan. Er war noch ziemlich grün hinter den Ohren und drei Jahre jünger als ich. Aber das erfuhr ich erst später. Er war wohl schon einige Zeit dabei, mir aber bisher nie aufgefallen.

 

An dem Abend ritt mich irgendein Teufelchen und ich bat ihn, mich nach Hause zu bringen – zu Fuß durch die ganze Stadt, durch den Barnstorfer Wald und die ganze Gartenstadt. Etliche Kilometer waren das, die wir Händchen haltend spielend hinter uns brachten.

 

Ich weiß nicht, ob wir viel geredet haben – vielleicht haben wir uns unsere Leben erzählt. Hellmut war unsicher, weil er dachte, ich sei mit Hans fest verbandelt. Darum machte er auch keinerlei Anstalten, mir näher zu kommen. Aber er fragte auch nicht nach. Also musste ich die Dinge in die Hand nehmen.

 

An der letzten Ecke vor meinem Zuhause stand damals noch eine Baracke – der Kohlehandel. Dort blieb ich stehen und küsste ihn. Ich glaube, das hat ihn schier umgehauen. Das Küssen zog sich dann etwas länger hin…

 

Vom nächsten Morgen an stand Hellmut dann jeden Morgen an unserer Ecke, um mich ins Büro zu begleiten. Dafür musste er sicher einige Zeit eher aufstehen als sonst, wenn er zur Uni wollte.

 

Im November beschlossen wir gemeinsam, uns heimlich zu verloben. Das war sehr komisch und aufregend. Wir verabredeten uns für Samstagmorgen vor dem Kaufhaus in der Stadt, in dem es eine Schmuckabteilung gab. Verlobungsringe mussten sein!

 

Damals gab es nicht einfach so Goldringe zu kaufen. Dafür musste man Gold abgeben. Das hatten wir natürlich nicht. Aber es gab eine Art Ersatz – Goldmantelringe, dünn vergoldete Metallringe. Nach so etwas stand uns der Sinn.

Hellmuts Ring gibt es noch - meiner ist verschwunden.

 

Dann standen wir vor der Auslage und Hellmut zeigte auf die Ringe, die wir uns ausgesucht hatten, bekam aber das Wort „Verlobungsringe“ oder gar „Trauringe“ nicht über die Lippen. „Na, diese da!“ sagte er zur Verkäuferin, die eine Weile brauchte, um zu verstehen.

 

Dann hatten wir unsere Verlobungsringe. Ich glaube, wir steckten sie uns auf der Strasse einfach so an und zogen dann Handschuhe drüber. Es war ein stolzes, aber auch seltsames Gefühl.

 

Erst einmal trauten wir uns nicht, unsere Familien zu informieren. Hellmut ging schon eine Weile bei uns aus und ein, blieb zum Abendessen und zum Fernsehen. Es sagte auch niemand etwas, wenn ich ihn noch eine Weile mit in mein Zimmer nahm. Aber dann musste er wieder ins Studentenwohnheim verschwinden.

 

Einer meiner Brüder war auf Rügen bei der Marine stationiert zum Wehrdienst. Den wollten wir an einem Wochenende mit fast der ganzen Familie besuchen. Hellmut durfte auch mit, wahrscheinlich weil er erzählt hatte, dass er von Rügen stammte. Mein Vater fuhr damals einen großen weißen „Tatra“ mit roten Kunstledersitzen. Darin konnten wir beide locker hinten mit meinen drei kleinen Geschwistern sitzen.

 

Wir trugen wieder „heimlich“ unsere Ringe, die dann irgendwann von meiner kleinen Schwester entdeckt wurden. Dann ging ein Trara los: „Oh zeigt mal! Seid ihr verlobt?“ Und so weiter, bis auch meine Eltern aufmerksam wurden…

 

Dann war es also offiziell und wir brauchten unsere Ringe nicht mehr verstecken.

 

Wie das so die Art meines Vaters ist, holte er abends, als wir wieder zu Hause waren, eine Flasche Sekt aus dem Keller, sprach ein paar „mahnende Worte“ und die Verlobung wurde begossen.

 

Das hieß aber noch lange nicht, dass Hellmut als zukünftiger Schwiegersohn anerkannt wurde! Meine Eltern boten ihm erst etwa ein Jahr später das „Du“ an, als die Hochzeit in Sicht war.

 

                                  

 

Wenn mein Mann heute von unserem Kennenlernen erzählt, spricht er immer von einem „Naturereignis“. So hat er es empfunden und das gilt bis heute – fünfundvierzig Jahre danach!

 

Mit Hans bin ich heute noch gut befreundet und Hellmut sieht immer noch einen Konkurrenten in ihm.

 

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Tag der Veröffentlichung: 01.04.2014

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