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Turbulente Zeiten

 

Bekanntlich sind wir Ende Oktober 1986 von Mecklenburg Vorpommern nach Bayern übergesiedelt mit damals drei Töchtern und der Stasi-Drohung, unsere Eltern und Geschwister nie wieder sehen zu dürfen.

 

Darüber machte ich mir nicht allzu viele Sorgen, denn ich wusste ja, dass meine Eltern 1989 beide fünfundsechzig Jahre alt und „reisemündig“ würden. Mein Schwiegervater war es schon und konnte uns noch im gleichen Jahr besuchen.

Wir wussten auch, dass unsere Kinder die Großeltern besuchen durften, was unsere Große – die nie mit wollte – auch in den Sommerferien 1987 tat. Komischerweise kam sie zwei Tage früher zurück, weil sie es im Osten nicht mehr aushielt… Sie wollte nicht die „Privilegierte aus dem Westen“ sein. Das war ihr unheimlich mit damals sechzehn Jahren.

 

Als dann im Januar 1988 unser Nachkömmling geboren wurde, war das ein Anlass für einige unserer jeweils fünf Geschwister, es mit einer Besuchserlaubnis zu versuchen.

 

Dieses Jahr wurde für uns sehr besuchsintensiv. Die meisten kamen jedoch im September 1989 zur Einschulung unserer jüngsten Tochter. Irgendwie hatte sich das so ergeben.

 

Eine Schwester meines Mannes war schon vorher einmal ganz kurz bei uns. Sie hatte eine Freundin in Stuttgart besuchen dürfen. Und zur Einschulung unserer Beate kam sie offiziell noch einmal zu uns. Auch ihren Mann hatten wir ein paar Monate vorher kurz hier getroffen. Er war hin- und her gerissen, ob er hier bleiben solle oder nicht, traute sich dann aber nicht.

 

Dann waren nach der Einschulung alle wieder abgereist – nur Anne war noch hier. Sie hatte ein paar Tage länger Zeit.

 

Und dann ging es los! Ihr Mann hatte wohl gesagt, sie solle hier bleiben. Sie würden es dann mit Familienzusammenführung versuchen. Es gab aber noch ein tagelanges Hin und Her mit endlosen Telefongesprächen, bis Anne sich endlich entschieden hatte, zu bleiben. Immerhin war auch ihre damals zwölfjährige Tochter hinter dem Zaun geblieben. Es war ungewiss, wann sie sich wieder sehen würden.

 

Etwa zwei Wochen oder auch länger campierte Anne bei uns auf der Couch, bis sie eine eigene kleine Wohnung ganz in der Nähe gefunden hatte. Eine Übergangsarbeit fand sie sofort an der Uni. Unsere Telefonleitung glühte jeden Abend bei ihren Gesprächen mit Mann und Tochter.

 

Schwager Werner bekam nun natürlich den ganzen Ärger des Zurückgebliebenen von Staat und Arbeitsstelle ab. Es hielt sich jedoch einigermaßen in Grenzen. Trotzdem heulte er meiner Schwägerin am Telefon die Ohren voll. Aber er hatte sie nahezu genötigt, hier zu bleiben!

 

Im Oktober 1989 durfte meine Mutter uns besuchen, einen Monat vor ihrem fünfundsechzigsten und endlich ihren kleinen Enkel sehen, der nun schon über ein Jahr alt war. Sie hatte meinen Geschwistern, die ja „einen Grund“ brauchten, um reisen zu dürfen, den Vortritt gelassen.

 

Und dann kam der 9. November 1989 und alles wurde anders!

 

Wir hingen schon seit Wochen gespannt vor dem Fernseher, weil sich im Osten ja so einiges tat. Und dann dieser legendäre Tag und dieser Zettel, dessen Inhalt Günter Schabowski ins Mikrofon stotterte!

 

Es war unglaublich – diese Emotionen! Anne war an dem Abend bei uns. Wir schauten uns das voller Spannung an und konnten kaum glauben, was da verkündet wurde. Unfassbare Bilder von Berlin und der Mauer waren zu sehen, die nun endlich Geschichte war.

 

Sofort wurde telefonisch verabredet, dass Anne und mein Mann am nächsten Tag nach Dannenberg zu einem Cousin fahren und Annes Tochter dort in Empfang nehmen sollten. Ihr Mann konnte nicht so schnell. Der wollte erst mit seiner Arbeitsstelle alles klären und die Wohnung auflösen, Umzug organisieren und so weiter.

 

Bei dem Wiedersehen nach über einem Jahr war ich nicht dabei. Aber ich kann es mir lebhaft vorstellen.

 

Am nächsten Tag kam mein Mann mit Mutter und Tochter und jeder Menge Gepäck zurück. Die Freude war natürlich riesig.

 

Dann hieß es, ganz schnell das passende Gymnasium für Wibke zu suchen und viel Lauferei und Papierkram.

 

Am Wochenende darauf kam unser Schwager im bis obenhin voll gepackten Trabant angeschnauft. Er war fix und fertig und hatte auf der Autobahn Todesängste ausgestanden in seiner Plastikschachtel. Sogar Wibkes Vogel brachte er mit.

 

Anne hatte nur eine Einzimmerwohnung bis dahin. Das wurde natürlich schnell zu eng. Dann hieß es, zu entscheiden, wohin.

 

Schwager Werner bewarb sich als Psychiater und Neurologe bis in die Schweiz und hatte etliche Bewerbungsgespräche. Dann stellte er fest, dass er lieber wieder in den Norden wollte. Er wollte seinen Eltern nahe sein, die damals schon alt und krank waren.

 

Also wurde im Norden gesucht. In Oldenburg wurde die Familie dann schließlich wieder sesshaft. Das ging alles ziemlich schnell damals. Mein Mann hatte sich gefreut, seine Lieblingsschwester in der Nähe zu haben. Aber daraus wurde dann nichts. Auch unsere Töchter fanden es schön, ihre Cousine öfter zu sehen. Sie waren sogar kurze Zeit am gleichen Gymnasium.

 

Am Wochenende nach dem großen Ereignis beschlossen wir, unsere Freunde in Schmalkalden in Thüringen zu besuchen. Inzwischen ist das über die neue Autobahn A 20 ein Katzensprung. Damals erschien die Fahrt mir endlos. Man konnte ja nur über schlechte alte Bundesstrassen dorthin gelangen. Wir hatten uns auch in der Zeit total verschätzt und kamen erst abends an, wollten eigentlich zum Kaffee dort sein und abends zurück. Das wurde dann sehr spät.

 

Es war unfassbar, die sonst so streng bewachte Grenze offen zu sehen. Die Grenzpolizisten konnten plötzlich lächeln und freundlich sein und winkten uns einfach durch! Unglaublich!

 

Und dann die vielen Willkommensgrüße auf Pappe und Papier im Osten! Mehr als einmal war ich zu Tränen gerührt. Überall wurde zu Kaffee und Kuchen gebeten oder zu Thüringer Bratwurst. Die Menschen standen winkend und jubelnd am Straßenrand und die Autoschlangen in beide Richtungen rissen kaum ab. Es war wirklich überwältigend!

 

Unser Freund, zu dem wir wollten, hatte uns schon besuchen können, weil er als Konzertorganist reisen durfte. Für ihn war die Grenze durchlässig gewesen. Aber auch für ihn und seine Familie war es ein großes Ereignis.

 

Spätnachts sind wir dann über Eisenach und die Autobahn zurück gefahren. Und auch an dem Grenzübergang standen nur freundliche Polizisten.

 

Im Dezember wurde meine Oma in Rostock 87. Ich wollte sie unbedingt besuchen und ihr ihren kleinen Urenkel vorstellen und natürlich meinem Vater seinen Enkel.

 

Das war das erste Mal, dass ich diese Siebenhundertkilometerreise allein mit dem Auto gemacht habe mit der sechsjährigen Beate und dem nicht ganz zweijährigen Philipp. Für Beate hatte ich ein paar Tage schulfrei genommen. Mein Mann hatte aus beruflichen Gründen keine Zeit und die Großen mussten in die Schule.

 

Das war schon richtig aufregend, aber diesmal ganz ohne Angst.  

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Tag der Veröffentlichung: 01.10.2013

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