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Auszug aus unserer Familien-Chronik
Silvester 1978

Seit vorgestern sind wir in Kastorf eingeschneit. Gaby und Achim sind mit ihren Kindern seit vier Tagen bei uns. Wir wissen nicht, wie lange sie hier mit uns aushalten müssen, denn unser Dorf ist total eingeschneit.
Gestern kamen weder Milch noch Post mehr ins Dorf. Heute Mittag war es aus mit dem Wasser. Zum Glück ist ja genug Schnee da! Seit 16 Uhr ist auch der Strom weg. Aber es gibt ja Kerzen. Die Öfen und die Herzen bleiben warm. Aber die Kohlen sind auch bald alle.
Gestern Mittag blieb hier ein Zug stecken. Etwa dreihundert Leute saßen bis spätnachts in der Dorfgaststätte. Dann wurden sie mit Armeefahrzeugen ins Nachbardorf in die Schule gebracht.

Meine kleine Schwester ist auch hier. Zum Zeitvertreib bemalt sie die Kinder. Die finden das herrlich.

Wir wollten den heutigen Abend eigentlich mit viel mehr Freunden und meinem Bruder W. und seiner Frau feiern. Nun feiern wir eben zu Fünft und mit den Kindern. Apfelsinenbowle und Entensalat sind genug da.

Seit vorgestern Abend ist auch das letzte Telefon eingefroren. Wir lauschen stündlich mit Spannung den Nachrichten. Wie gut, dass es Kofferradios gibt! Draußen sind -16°.

Im Laufe des Abends kommt der Strom wieder, so dass wenigstens der Fernseher und das Licht gehen. "Börse" oder "Canasta" mag niemand mehr spielen.

Draußen macht es Spaß, über zwei Meter hohe Schneewehen zu stapfen, sofern man nicht Achim heißt und nur mit durchbrochenen Slippern aus dem Rheinland angereist ist.

Außer ein paar Traktoristen, die versuchen, die Strasse freizuhalten, haben sich alle in ihren warmen Häusern verkrochen und genießen den Zwangsurlaub.

In einem 20 km entfernten Dorf der Nachbargemeinde wartet seit 5 Tagen eine tote Frau auf ihre Beerdigung, die Hellmut ausgerechnet an seinem Geburtstag machen soll. Aber Petrus scheint seine Abneigung dagegen zu verstehen und das Wetter hält hoffentlich an, bis der Kollege wieder da ist.

Ein bisschen Stress macht uns "Heck", der Hund des Kollegen, der bei uns in Pension ist, solange Herrchen und Frauchen verreist sind, denn er kann alle Türen öffnen, so dass es unmöglich ist, ihn im Haus zu halten.

Im Laufe des Abends steigt der Alkoholspiegel sicht- und fühlbar an.

Um Mitternacht wollten wir die Kirchenglocken läuten, aber der Schlüssel ist verschwunden. Mittlere "Panik" bricht aus, beruhigt sich aber irgendwann wieder...

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Bildmaterialien: Cover: eigenes Foto
Tag der Veröffentlichung: 05.11.2012

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