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Reise nach Leningrad




1966 als ich achtzehn Jahre alt war, wollten meine Eltern im September für eine Woche nach Leningrad fliegen. Mein nächst jüngerer Bruder sollte mit und mir boten sie auch an, mit zu fliegen. Da ich schon zwei Jahre bei meinem Vater im Büro als Sekretärin arbeitete, verdiente ich mein eigenes Geld und konnte die Reise zumindest teilweise selbst bezahlen. Das fand ich einerseits ungerecht, denn mein Bruder musste natürlich nichts bezahlen, weil er noch Schüler war und kein eigenes Geld hatte. Andererseits machte es mich auch stolz.

Meine Erinnerungen an diese Reise sind leider schon sehr verschwommen. An den Flug mit der Interflug kann ich mich überhaupt nicht erinnern, obwohl es sicher sehr aufregend war. Schliesslich war es mein erster Flug überhaupt.

Unsere Reisegruppe war in Leningrad in einem unglaublich riesigen Hotel untergebracht. Das war sehr beeindruckend.

 

Die erste Handlung meines Bruders, als wir in unsere Zimmer kamen war, dass er die entsetzlich nach Flieder stinkende Seife in hohem Bogen aus dem Fenster warf. Sonst hätte er Kopfschmerzen bekommen von diesem durchdringenden „Duft“.

Ich hatte in meinem Koffer ein paar golden schimmernde Nylonstrümpfe aus dem Westen, auf die ich sehr stolz war. Als ich sie nach ein paar Tagen anziehen wollte, waren sie voller Laufmaschen. Offenbar konnte das Zimmermädchen wohl nicht widerstehen.

Einmal waren wir im Theater und sahen das Bolschoi-Ballett mit „Schwanensee“. Das war wahnsinnig beeindruckend und schön. Und in der Pause ging jemand herum und verkaufte fantastisches Eis in großen Waffeltüten.

Im Hotelrestaurant, das einer großen Bahnhofshalle glich, gab es schon zum Frühstück Kartoffelpüree und Würstchen. Das fanden wir etwas befremdlich. Aber meine Mutter schaffte es auch ohne jede Russischkenntnisse, Brot zu bekommen.

Wir haben einen Ausflug ins „Zarendorf“ gemacht, das damals schon sehr schön restauriert war.

Einmal trafen meine Mutter und ich im Hotelaufzug einen russischen Offizier, der aufgeschlossen und sympathisch wirkte. Und wie meine Mutter so ist, sie musste ihn ansprechen und erzählen – natürlich auf Deutsch – dass ich in der Schule acht Jahre Russisch gelernt hätte. Darauf fragte er mich etwas auf Russisch und ich verstand kein Wort. Von der normalen Umgangssprache hatten wir wenig mitbekommen – im Unterricht ging es mehr um die Große Sozialistische Oktoberrevolution und Zeitungsartikel aus der “Prawda“. Der Offizier lachte mich aus. Es war sehr peinlich.

Und dann waren wir in der großen wundervollen Ermitage und schauten uns einen Bruchteil der Kunstschätze an, die dort hängen. Die Führung machte eine junge Kunsthistorikerin, die uns sofort sehr sympathisch war. Meine Mutter unterhielt sich dann noch länger mit ihr und knüpfte sofort eine Verbindung. Sie tauschten die Adressen aus und meine Eltern luden sie nach Rostock ein.

Diese Verbindung hielt viele Jahre und die junge Dame besuchte meine Eltern eines Tages tatsächlich. Meine Eltern waren auch noch mindestens einmal in Leningrad, als es noch nicht wieder Sankt Petersburg hieß und haben sie und die Ermitage besucht. Das Gebäude ist so groß, dass man es wohl nicht einmal in einer Woche schafft, die Kunstschätze dort alle zu sehen.

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Cover: Foto: Google
Tag der Veröffentlichung: 21.03.2012

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