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Es kam aus heiterem Himmel! Oder besser gesagt: Es verschwand in den heiteren Himmel! Oder noch besser: Sogar der heitere Himmel verschwand! Er konnte es nicht glauben, begreifen oder verstehen. Eben noch wollte er eine stark befahrene Straße überqueren, setzte seinen Fuß auf den ersten weißen Block des Zebrastreifens und plötzlich war alles weg. Es kam so überraschend, dass er zunächst nicht einmal die Furcht verspürte, die eigentlich unweigerlich hätte aufkeimen müssen.
Er blickte um sich. Das Auto, welches eben noch mit bedenklichem Tempo auf ihn zurollte, von dem er einfach hoffte, dass es ihn noch rechtzeitig bemerken würde, war mit einem Mal verschwunden. Die Mutter, die mit ihren beiden kleinen Kindern auf der anderen Seite wartete, weil sie ihren kleinen zunächst noch erklärte, warum man im Straßenverkehr stets die Augen auf halten sollte – auch sie war nicht mehr da. Auch die anderen herumfahrenden, umherstehenden und teilweise einfach nur anwesenden Verkehrsteilnehmer befanden sich nicht weiter in seinem Blickfeld. Selbst die Straße und die Häuser waren nicht mehr zu sehen und zu guter Letzt bemerkte er, dass nicht einmal mehr der Himmel über ihm exisiterte.
Alles was er sah war weiß!
Es war auch nichts mehr zu hören. Die Stille war erdrückend, und undurchdringlich. Er wollte etwas sagen, wollte einfach ein Geräusch abgeben, und wäre es nur gewesen um seinen eigenen Ohren einen Kontrast zu schenken. Vergeblich! Nicht ein Ton kam über seine Lippen. Lippen? Er spürte nicht einmal mehr die. Er wollte mit seiner Hand nach seinem Gesicht greifen, doch selbst dies ging nicht. Es war keine Hand da, mit der er nach einem Gesicht hätte fassen können, von dem er nicht einmal sicher war, dass es existierte!
Panik befiel ihn. Es war nichts mehr da, und zwar wirklich gar nichts! Nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu fühlen. Eine Situation, wie sie beklemmender und erdrückender nicht hätte sein können. Er wollte fliehen, aber wohin? Und, was vielleicht noch viel schlimmer war, womit? Keine Füße, kein Boden, keine Chance.
Was war geschehen? Er versuchte sich zu erinnern. Es schien ein ganz normaler Tag gewesen zu sein. Er war etwas später aufgestanden, weil er heute nur einen halben Tag arbeiten musste, hatte die Zeitung gelesen, sich ein ausgiebiges Frühstück gemacht und wollte dann zur Arbeit gehen. Und plötzlich, mitten auf der Straße änderte sich von einem Augenblick auf den anderen alles. Alles war weiß, so als hätte man mit einem Knopfdruck die Existenz als solche abgeschafft. War er tot? Hatte ihn das Zeitliche gesegnet? Aber sollte es so sein, wenn man tot ist? Die absolute Leere, für alle Ewigkeit? Der Gedanke steigerte seine Angst ins Unermessliche.
Er wollte sich umdrehen um sich zu vergewissern, dass wirklich nichts mehr da war, doch er hatte nicht einmal mehr einen Hals, den er hätte drehen können. Er bekam regelrechte Todesangst, doch wäre er schon tot gewesen hätte nicht einmal dies einen Sinn gemacht. Hätte er einen Puls gehabt, er wäre mit Sicherheit auf zweihundert gewesen.
Plötzlich tat sich etwas. Vor ihm, direkt vor ihm, wenn man es so sagen könnte, vor seinen Füßen - die ja nicht da waren - entstand etwas. Nur Konturen, doch sie waren zumindest etwas, das Hoffnung gab. Es wurde immer größer, breitete sich nach links und rechts aus. Auch unter ihn geschah etwas. Es schien sich etwas vom Weiß der Umgebung abzuheben. Er blickte sich um und erkannte, dass die Konturen der Situation langsam, nahezu behutsam wiederkehrten. Es waren nur schwarze Striche im Weiß, Farben konnte er keine erkennen, doch da war die Frau mit ihren Kindern und auch das Haus hinter ihr war deutlich zu erkennen. Neben ihm, fast schon hinter ihm entstand das Auto und was das Wichtigste war – beim Blick nach hinten erkannte er seine eigene Schulter.
Spannung und Hoffnung stiegen nun unweigerlich in ihm auf und die Panik die eben noch alles in den Schatten stellte, was er bis dahin zu fürchten im Stande war, wich mehr und mehr.
Der Bordstein direkt vor ihm begann nun Farbe anzunehmen und auch die Straße unter ihm wurde von Sekunde zu Sekunde schwärzer. Um ihn herum wurde alles Stück für Stück so bunt, wie er es in Erinnerung hatte. Und doch gab es einen Unterschied.
Er war klein, der Unterschied, kaum merklich und doch da. War er nicht eben erst auf die Straße getreten? Hatte er nicht gerade noch die gesamte Straße vor sich? Nun, nach dieser Schockierenden Erfahrung stand er plötzlich am anderen Ende des Zebrastreifens und war im Begriff seinen Fuß wieder auf den Bürgersteig zu setzen. Es war nur eine Kleinigkeit und doch verwunderte sie ihn sehr.
Mit einem mal spürte er etwas vollkommen unerwartetes. Ruhe. Innere Gelassenheit machte sich plötzlich und ohne Vorwarnung in ihm breit und die Furcht und die Panik waren wie weggeblasen. Auch von der Spannung und der Neugierde war nichts mehr zu spüren. Er versuchte sich zu entsinnen, warum er so empfand, doch eine Antwort war in seinen Kopf nicht zu finden. Es dauerte nicht lange und er wusste nicht einmal mehr wonach er überhaupt suchte. Was war geschehen? War überhaupt etwas geschehen? War nicht der ganze Tag vollkommen normal verlaufen? Eben noch wollte er die Straße überqueren, nun hatte er sie hinter sich gebracht. Dazwischen war nichts Besonderes geschehen. Er konnte sich zumindest an nichts mehr erinnern. Er war nun in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen und das tat er sofort.
„Wenn ich nur an diesen Haufen Akten denke, der mich jetzt erwartet,“ dachte er noch, gerade als er seine Fuß nun auf den Bürgersteig setzen wollte.
Dann verschwand alles wieder.

Mario lehnte sich zurück. Für heute war er kreativ genug gewesen. Sicherlich war Comiczeichner immer sein Traumberuf gewesen, aber so banale Sachen wie den Arbeitsweg zu illustrieren, konnte einem echt den letzten Nerv rauben. Allein zwei Bilder, wie jemand eine Straße überquert – langweiliger ging es wirklich nicht. Er freute sich schon auf morgen, dann würde es für den Protagonisten mal so richtig abgehen...

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Tag der Veröffentlichung: 04.10.2008

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