Cover

Töchter des Todes

 

 

 

Töchter des Todes

 

 

Seelensuche

 

 

 

Der Tod ist alles,

Anfang und Ende.

Einzig die Liebe

und die Hoffnung

überdauern

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

 

 

 

 

Deutsche Erstausgabe April 2019

Copyright ©Yvonne Rose

Lektorat: Stefanie Zainer

Korrektorat: Stefanie Zainer

Coverdesign: Kristina Licht

 

 

Impressum:

Yvonne Rose

Stettinerstr. 22

24537 Neumünster

 

Prolog

 

Irland, 1634

 

Festliche Musik durchdrang die kühle Abendluft, als Lilith unter dem dunklen Sternenhimmel entlangschritt, um die Seele eines Menschen zu holen.

Schon von weitem konnte sie Fackeln erkennen, welche den Ankömmlingen den Weg weisen sollten. Prächtige Kutschen fuhren den gepflasterten Weg zum Anwesen des Earls hinauf, vor welchem sich bereits die Gäste tummelten. Bunte Kleider waren zu sehen, prächtige Frisuren und kostbarer Schmuck zierten die Adelsmänner und die Frauen, welche bereits ganz gespannt auf das Fest waren.

Der Earl feierte heute Abend seinen Geburtstag und wie es aussah, hatte er keine Kosten und Mühen gescheut.

Als Lilith sich dem Anwesen weiter näherte, konnte sie auch schon bald den Earl selbst sehen. Er sah blass aus, ein wenig verschwitzt und wirkte nervös. Sie ahnte, dass seine Gedanken bei seiner kranken Tochter waren. Das Kind litt seit Tagen an hohem Fieber und kein Heiler konnte ihr mehr helfen. Ob der Earl bereits spürte, wie bald er seine Tochter verlieren würde?

Doch auch er selbst begann krank zu werden. Lilith wusste bereits, dass auch seine Zeit bald abgelaufen wäre und dann würde sie erneut kommen, um seine Seele zu holen.

Sie konnte sich gut vorstellen, dass das Fest heute eigentlich gar nicht hatte stattfinden sollen, doch da bereits alles geplant und bezahlt gewesen war, hatte der Earl das Fest nun doch ausrichten lassen müssen.

Langsam tat Lilith nun einen Schritt vor den anderen, ging an den Menschen vorbei und in das große Haus hinein. Niemand bemerkte sie, niemand wusste, dass sie überhaupt dort war.

Lilith war die Tochter des Erlkönigs, des Todes persönlich. Daher war es auch ihre Bestimmung, den Tod zu bringen, Seelen abzuholen und diese in die Anderswelt zu geleiten, wo die Feenkönigin darüber entschied, was mit diesen geschah. Würde die Seele ihren Frieden finden, durfte sie in einer der Anderswelten weiterleben. Fand sie diesen jedoch nicht, konnte sie entweder wiedergeboren werden, oder sie wurde dazu verdammt, auf ewig in der Zwischenwelt zu wandeln.

Lilith sah sich ein wenig um. Heute fiel es ihr wahrlich nicht leicht, ihrer Aufgabe nachzukommen, doch sie wusste, dass sie es sich nicht aussuchen konnte, wen sie in das Reich der Toten holte. Jeder Tod hatte seinen Sinn, das hatte der Vater ihr schon immer eingeprägt. Auch wenn sie es im Moment nicht verstehen konnte, irgendwann würde der Grund sich offenbaren.

Schweigend schritt Lilith durch die verlassenen Korridore des Anwesens. Obwohl sie noch nie hier gewesen war, wusste sie genau, wohin sie gehen musste. Denn, wie immer, hörte sie ein leises Wispern, welches ihr den Weg wies. Es war die Seele, die nach ihr rief. Also folgte sie dem Flüstern, bis sie an einer verschlossenen Tür ankam. Hinter dieser befand sich das sterbende Kind mit seiner Mutter, welche zweifellos über ihr Neugeborenes wachte.

Einen Moment zögerte Lilith und schritt nach wenigen Sekunden aber doch wie ein Geist durch die Türe hindurch, wodurch es allein durch ihre Anwesenheit im Zimmer ein wenig kühler wurde. Wie immer, wenn der Tod sich einem Menschen näherte.

Kurz darauf erblickte Lilith auch die junge Mutter. Sie saß in einem Schaukelstuhl, in ihren Armen das weinende Kind.

»Schhh, Anna. Ich bin hier, es ist alles gut«, versuchte die Mutter verzweifelt, ihr Kind zu beruhigen, dabei war sie selbst schon am Ende ihrer Kräfte. Deutlich sah man die dunklen Augenringe auf der viel zu blassen Haut, die Augen gerötet vom vielen Weinen.

Abermals überkam Lilith das Mitleid, doch sie durfte sich diesem nicht hingeben. Sie war froh, dass die Mutter sie nicht sehen konnte, denn das würde alles nur noch schwieriger machen.

Langsam näherte Lilith sich der Frau und ihrem Kind, welches ganz ruhig wurde. Die kleine Anna war ganz rot vor Fieber, sie musste wirklich schrecklich leiden.

»Alles wird gut«, versprach die Mutter abermals, wiegte ihre Tochter sanft und sang leise ein Lied.

»Hallo, Anna«, sagte nun Lilith sanft zu dem Kind, kniete sich vor den Schaukelstuhl, sodass sie auf Augenhöhe mit dem Baby war.

Mit fiebrigem Blick sah Anna sie an und streckte ihr kleines Händchen nach Lilith aus.

»Anna, bleib bei mir! Folge nicht dem Erlkönig, der dich in sein Reich locken will«, flehte die Mutter weinend, da sie zweifellos ahnte, was folgen würde. Schließlich streckte ihre Tochter die Hand scheinbar nach jemandem aus, den die Mutter nicht sehen konnte, und jeder in diesem Land wusste, dass der Erlkönig nur zu gerne die Menschen in sein Reich holte. Damit lag sie auch richtig, doch war es nicht der Erlkönig, der Anna holen kam, sondern eine seiner Töchter.

Dass Anna Lilith sehen konnte, war ein deutliches Zeichen dafür, dass die Kleine dem Tod sehr nahe war und sogar schon die Hände danach ausstreckte, um endlich erlöst zu werden.

Mit einem zaghaften Lächeln zog Lilith ihre Handschuhe aus, die sie immerzu trug. Wenn sie einen Menschen mit ihren bloßen Händen berührte, starb er. Ganz egal, ob sie dabei in ihrer festen oder ihrer unsichtbaren Gestalt war.

»Kleine Anna. Ich werde dich nun mitnehmen, es wird dir gut gehen und irgendwann wirst du wieder mit deinen Eltern vereint sein«, versprach sie zärtlich, woraufhin die Kleine ihr mit einem Lächeln antwortete. Ihre Mutter wurde jedoch von Panik erfasst.

»Anna, nein! Bitte bleib bei mir! Verlass mich nicht, mein Engel! Du darfst nicht fortgehen!«, schluchzte sie, schien aber bereits zu wissen, dass es zu spät war.

Lilith biss sich auf die Unterlippe, ehe sie der kleinen Anna über das Köpfchen streichelte. Das war der Moment, in dem das Licht in ihren Augen erlosch und das Leben aus dem kleinen Körper wich. Die Mutter schrie verzweifelt auf, rief nach ihrer Tochter, doch Anna war bereits tot.

Schwer schluckend griff Lilith in den Körper des Kindes, holte so die Seele heraus und wiegte das Kind nun selbst in ihren Armen.

»Jetzt bist du sicher. Niemals wieder wirst du krank sein oder anderweitig leiden«, versprach sie mit sanfter Stimme. Die Mutter neben ihr weinte heftig, schluchzte den Namen ihrer Tochter und presste den toten Körper an ihre Brust, als die Kleine gänzlich verstummt war und nicht mehr atmete.

»Ich werde deine Anna in gute Hände geben«, versprach Lilith, auch wenn sie wusste, dass die trauernde Mutter sie nicht hören oder sehen konnte. Die kleine Seele in ihren Armen sah ebenso aus wie die sterbliche Hülle, doch leuchtete sie hell wie ein Stern am Nachthimmel und verspürte keinerlei Kummer oder Schmerzen.

Schweren Herzens wandte Lilith sich mit dem Baby im Arm ab und öffnete das Portal in die Anderswelt. Dort, wo nun eben noch die Außenwand des Zimmers gewesen war, erschien nun eine blühende Wiese unter blauem Himmel.

Einen Schritt vor den nächsten setzend ging Lilith mit Anna darauf hinzu, die weinende Frau hinter sich lassend und sich nicht nochmal umdrehend. Denn sie wusste genau, wenn sie sich nun umdrehte, würde sie die Seele zurückgeben und der Mutter das Leid ersparen.

Kapitel 1 Der Ball

 

Es war spät abends, als Lilith den Ball des Lord Black, Duke of Brentwood, besuchte. Sein Anwesen war sehr viel größer als das des Earls und es waren auch entsprechend viele Gäste anwesend. Außerdem verfügte der Duke über deutlich mehr Vermögen, sodass das Fest auch sehr prunkvoll war. Es gab nur den besten Wein, die Speisen sahen ebenfalls sehr köstlich aus und an der Decke strahlten zwei Kronleuchter, die mit funkelnden Diamanten besetzt waren.

Doch Lilith war nicht seinetwegen hier, sondern wegen eines anderen Mannes. Es handelte sich um den Earl, dessen Tochter sie vor zwei Wochen geholt hatte. Aber heute würde sie nicht unsichtbar sein, sondern war in ihrer menschlichen Gestalt anwesend und wollte ihn mit ihren weiblichen Reizen anlocken, damit er ihr folgte und sie seine Seele in die Anderswelt bringen konnte.

Allerdings wollte sie heute Abend nicht nur diese eine Seele holen. Nein, sie hatte auch vor, ein wenig Spaß zu haben und zu tanzen, wenn die Zeit es erlaubte. Sie trug ein wunderschönes Ballkleid in dunklem Grün und mit schwarzer Spitze verziert, welches ihre ebenso grünen Augen betonte. Ihr dunkelrotes Haar hatte sie hochgesteckt, sodass lediglich zwei gelockte Strähnen ihr schlankes Gesicht umrahmten. Zu dem Kleid trug sie wie immer Handschuhe, denn sie wollte schließlich niemand Unschuldiges umbringen. Nicht, dass es ihren Vater stören würde.

Einen Fuß vor den anderen setzend bewegte Lilith sich langsam vorwärts und hielt Ausschau nach einem Tanzpartner. Leider waren die meisten Männer, die infrage kamen, bereits mit ihren menschlichen Schönheiten auf dem Parkett. Es sah ganz so aus, als würde sie heute Abend doch keinen Spaß haben können. Wirklich schade, wie sie fand.

»Darf ich bitten?«

Verwundert drehte Lilith sich um und sah direkt in das anmutige Gesicht des Gastgebers. Der Duke of Brentwood trug seine langen, schwarzen Haare zu einem eleganten Zopf gebunden.

»Aber natürlich«, antwortete Lilith ihm nach kurzem Zögern, ehe sie einen höflichen Knicks machte und nach seiner Hand griff, welche er ihr auffordernd hinhielt. Ihn sanft anlächelnd ließ sie sich von ihm auf die Tanzfläche zu den anderen Paaren führen.

»Ich habe Euch noch nie zuvor gesehen. Wie lautet Euer Name?«, fragte der Duke neugierig und noch bevor Lilith sich ihm zuwandte, konnte sie seine Blicke deutlich spüren.

»Ist mein Name so wichtig? Ich bin, wer ich bin«, erwiderte sie. Während er eine Hand auf ihren Rücken legte und mit der anderen die ihrige fest umschloss, betrachtete er sie weiterhin neugierig. Zu den sanften Klängen der Musik schwebten sie gemeinsam über die Tanzfläche. Lilith war sich sicher, dass er nicht so einfach aufgeben würde, denn seine Augen verrieten seine Gedanken.

»Ihr weigert Euch, mir Euren Namen zu nennen? Seid Ihr etwa eine Magd, die die Kleider ihrer Herrin stahl, um diesen Ball besuchen zu können?«, fragte er belustigt. Lilith antwortete ihm nicht. Was sollte sie ihm auch schon sagen? Sie war die Tochter des Todes, holte die Seelen der Menschen und war auch am heutigen Abend hier, um ein Leben zu nehmen.

Ihr Blick glitt nach rechts und zu jenem Mann, der in der Ecke stand und mit lautem Husten die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich zog. Noch heute Abend würde er sein Leben durch ihre Hände verlieren.

Lord Black folgte kurz ihrem Blick.

»Das ist der Earl of Cavanagh. Seine Frau kann einem wahrlich Leidtun und das nicht, weil sie erst siebzehn ist und er bereits dreiundvierzig«, murmelte Lord Black. »Vor zwei Wochen starb ihre kleine Tochter. Anna war erst drei Monate alt. Nun ist auch noch der Gatte der werten Lady schwer erkrankt und es steht nicht gut um ihn. Vermutlich wird er diesen Monat nicht überleben. Dann bleibt seine Frau allein zurück und sie kann nur hoffen, dass irgendjemand sie bei sich aufnimmt«, erzählte er leise. Lilith nickte nur schweigend.

»Warum kann sie nicht in ihrem Anwesen bleiben? Sicher hat sie genug Vermögen, um über die Runden zu kommen«, fragte sie ihn, doch Lord Black schüttelte nur den Kopf.

»Die zwei leben im Anwesen seiner Familie. Wenn der Earl stirbt, erbt sein Bruder Vincent das Vermögen der Familie, da Sarah und James keinen Sohn haben und Vincent ein Duke ist. Nun, wie soll ich es ausdrücken? Der Bruder des Earls mag seine Schwägerin nicht sonderlich gerne und wird sie nur mit Freuden vor die Tür setzen. Zu ihrer eigenen Familie kann sie allerdings auch nicht, denn diese starb vor zwei Jahren an der Grippe. Ihr wird also nichts bleiben, denn ihr Gatte hat bei Glücksspielen sein ganzes Geld verloren. Er ist hoch verschuldet und auf die Gunst seines Bruders angewiesen, doch seine Frau wird diese nicht erhalten. Sie kann froh sein, wenn sie von ihm eine heruntergekommene Hütte bekommt«, erzählte er weiter. Lilith sah schweigend zu dem Earl. Heute Nacht würde sie seine Frau also zu einem Leben in Armut verdammen. Sie fühlte sich irgendwie schuldig, aber etwas in ihr flüsterte, dass es richtig war, ihr den Mann zu nehmen. Der Sinn seines Todes würde sich noch zeigen. Aber war es das wert? Dass seine Frau dafür alles verlor, nachdem sie schon ihr geliebtes Kind hatte sterben sehen?

»Wollt Ihr mir wirklich nicht Euren Namen verraten? Wenigstens Euren Vornamen. Ich verspreche, Eurer Herrin auch nichts zu verraten«, sagte der Duke und riss Lilith aus ihren Gedanken.

»Ich bin keine Magd, die sich heimlich hierher schlich. Mein Name wird euch sicher nichts sagen, denn ich trage keinen Familiennamen und auch keinen Titel«, erklärte sie ihm und wartete seine Reaktion ab. Sicher würde er sich nun von ihr abwenden und sich eine andere Tanzpartnerin suchen, die standesgemäß war und die er heiraten konnte. Sie wusste, dass die Menschen immerzu nach einer vorteilhaften Ehe suchten. Sie selbst hielt nicht viel von arrangierten Ehen, allerdings empfand sie diese ohnehin als sinnlos. Menschen waren einfach nicht dafür gemacht, sich ewig zu binden, denn früher oder später suchten die Männer sich immer eine Nebenfrau.

Doch er wandte sich nicht ab.

Stattdessen tanzte er weiter mit ihr und wartete geduldig auf eine Antwort.

»Lilith. Mein Name ist Lilith«, sagte sie schließlich.

»Lilith. Ein wirklich außergewöhnlicher Name«, erwiderte der Duke mit einem geheimnisvollen Lächeln.

»Mich könnt Ihr Elijah nennen. Die Titel könnt Ihr weglassen, ich bin schließlich ein Mensch, wie jeder andere auch und dieses ganze Gehabe um die Titel langweilt mich«, erklärte er ihr. Ein neues Lied begann, doch Elijah ließ sie nicht los, sondern tanzte ruhig mit ihr weiter.

»Wie Ihr wünscht, Elijah«, antwortete Lilith, ebenfalls mit einem Lächeln. Normalerweise sprach sie nie so viel mit einem Menschen, doch dieser hier schaffte es tatsächlich, sie in ein Gespräch zu verwickeln.

»Verratet Ihr mir auch, wo Ihr wohnt? Entschuldigt, aber ich bin einfach furchtbar neugierig und da ich Euch bisher noch nie auf einem der Feste sah, möchte ich alles über Euch wissen«, fragte Elijah weiter.

»Über mich gibt es nichts zu wissen. Ich bin heute Abend auf diesen Ball gekommen, weil mir danach war. Es ist äußerst zweifelhaft, dass wir uns auf einem der anderen Feste wiedersehen werden«, erwiderte Lilith ruhig und wollte sich abwenden, um weiteren Fragen zu entkommen. Doch Elijah ließ ihre Hand nicht los, zog sie stattdessen enger an sich.

»Eure Geheimnisse machen Euch nur noch interessanter«, raunte er ihr ins Ohr, ehe er sich nun selbst von ihr löste und sich doch von ihr abwandte.

Einen Augenblick lang schaute Lilith ihm nach, besann sich dann aber darauf, dass sie nicht seinetwegen hier war und hielt nach ihrem Opfer Ausschau. Allerdings konnte sie ihn im Ballsaal nicht mehr ausmachen, also beschloss sie, ihn draußen zu suchen. Vom Balkon aus führte eine Treppe in den großen Garten hinter das Anwesen, wo sie ihn hoffte zu finden.

Im Schutz der Dunkelheit, hinter einer Hecke rief sie mit einem speziellen Ruf, der wie ein Krächzen klang, einen Raben herbei, der gerade in der Nähe war. Sie ließ ihn auf ihrer Hand landen und befahl ihm, ihr bei der Suche zu helfen. Kurz krächzte der Rabe auf, ehe er seine Flügel erneut ausbreitete und lautlos davon flog.

Lilith verharrte einen Moment, als ihr plötzlich Elijahs Worte in den Sinn kamen. Wenn sie dem Earl wirklich das Leben nahm, war seine Frau verloren. Vielleicht sollte sie der Dame einen Besuch abstatten und sich selbst von der Situation überzeugen. Denn vielleicht hatte Elijah mit seinen Erzählungen auch übertrieben. Möglich wäre es jedenfalls.

Kurz vergewisserte Lilith sich, dass niemand sie sehen konnte, dann verwandelte sie sich ebenfalls in einen Raben. Ihre Kleider lösten sich auf, ihre Arme wurden zu Flügeln und sie konnte spüren, wie die Federn aus ihrem Körper schossen. Sobald die Verwandlung vollzogen war, erhob sie sich in die dunkle Nacht, zurück zu dem Anwesen, aus welchem sie vor zwei Wochen die Seele des kleinen Mädchens geholt hatte.

 

Elijah verengte die Augen zu Schlitzen, als er dem Raben nachsah, welcher vor einer Sekunde noch seine mysteriöse Tanzpartnerin gewesen war. Er hatte gleich geahnt, dass diese bezaubernde junge Frau ein Geheimnis hütete und er hatte vor, dieses zu lüften. Zumindest wusste er jetzt, dass sie in der Lage war, sich in einen Raben zu verwandeln. Er würde künftig besser aufpassen, was er in der Gegenwart jener Tiere sagte.

»Alles in Ordnung?«

Elijah drehte sich zur Seite und sah direkt in die Augen seines jüngeren Bruders. Alexander hatte kurzes, braunes Haar und dunkelblaue Augen und kam mehr nach der Mutter, während er selbst seinem Vater ähnelte. Leider waren beide Elternteile schon lange verstorben.

»Ja, es ist alles in Ordnung. Ich bin nur einem Geheimnis auf der Spur und kann es kaum erwarten, dieses zu lösen«, erwiderte Elijah mit deutlichem Enthusiasmus, was man ihm gewiss auch ansehen konnte, denn Alexander grinste nun.

»Verstehe. Wenn du meine Hilfe brauchst, weißt du ja, wo du mich findest«, antwortete er, ehe er sich wieder abwandte und zurück in den Ballsaal ging. Elijah aber blieb noch etwas auf dem Balkon und schaute in den Nachthimmel, in jene Richtung, in die der Rabe verschwunden war. Schon im ersten Augenblick hatte diese Lilith seine Neugierde entfacht und ihre Distanz hatte seinen Drang, ihr Geheimnis zu enthüllen, nur noch verstärkt. Sie hatte sich geirrt. Er würde sie wiedersehen. Da war er sich ganz sicher.

Kapitel 2 Sarah, Vincent, Selia


Hastig kontrollierte Sarah noch einmal die Tasche, welche sie bereits vor Tagen gepackt hatte. Sie wusste, dass sie momentan nur hier war, weil der Titel ihres Gatten sie schützte. Wenn James verstarb, was sicher bald der Fall sein würde, dann würde sein Bruder Vincent bestimmt nicht lange warten und hierherkommen.

Erschrocken zuckte sie zusammen, als sie draußen auf dem Fenstersims etwas vernahm. Doch es war nur ein Rabe.

Nur ein Rabe?

Sarah neigt den Kopf, denn es sah beinahe so aus, als würde der schwarze Vogel sie beobachten. Der Blick war ein anderer, als bei anderen seiner Art, seine Augen waren nicht tiefschwarz, sondern wirkten eher wie ein tiefes, sehr dunkles Grün, was nur bei genauem Hinsehen erkennbar war.

Aber sie durfte keine Zeit verlieren, also kontrollierte sie weiter hastig ihre Sachen. Sie hatte bereits alles in die Wege geleitet, sobald sie Witwe war, würde sie ihre Tasche nehmen und für immer verschwinden. Glücklicherweise hatte James sehr gute Freunde im Ausland. Diese hatte sie kontaktiert und bereits ein Zuhause gefunden, sowie eine Arbeitsstelle als Magd. Es brach ihr das Herz, an sowas denken zu müssen, aber sie wusste, dass James nur ihr Bestes wollte und somit musste sie sich auch mit solchen Dingen beschäftigen und planen, wenn sie überleben wollte. Außerdem war das auf jeden Fall besser als alles, was sie hier erwarten würde, denn sie war nichts weiter als eine Bürgerliche, die in eine Adelsfamilie eingeheiratet hatte, was bedeutete, dass ihr nichts zustand, so verschuldet wie ihr Mann war.

»Was tust du da, Weib?«

Erschrocken wirbelte Sarah herum und blickte direkt in die Augen ihres Schwagers.

»Vincent? Was, tust du hier?«, fragte sie voller Angst, ehe der Mann vor ihr auch schon zum Schlag ausholte. Das Nächste, was sie spürte, war der stechende Schmerz, der sich über ihre linke Wange zog, sowie der heftige Aufprall, als sie zu Boden stürzte.

»Sprich mich nie wieder so respektlos an! Du magst meine Schwägerin sein und trotzdem bist du ein Nichts! Durch dich hat mein Bruder Schande über die ganze Familie gebracht! Noch magst du unter seinem Schutz stehen, doch sobald er seiner Krankheit erliegt, werde ich dafür sorgen, dass du ihm und eurem Kind sehr bald folgen wirst!«, stellte er klar und Sarah riss panisch die Augen auf. Sie hatte bereits geahnt, dass ihr Schwager nicht lange warten würde, doch dass er bereits vor dem Tod seines Bruders hier auftauchte, damit hatte sie nicht gerechnet. Es blieb ihr also wirklich keine Zeit mehr, sie musste unbedingt von hier fliehen.

»Du willst von hier verschwinden. Glaubst du wirklich, du könntest mir entkommen?«, fragte Vincent, nachdem er ihre gepackten Sachen entdeckt hatte und kam bedrohlich auf sie zu. Der eiskalte Blick seiner blauen Augen ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren und sie wusste, dass er es wirklich ernst meinte. Starb ihr Mann, würde auch sie sterben. Daran gab es nun keinen Zweifel mehr.

»Wenn Ihr mich umbringt, wird das ein schlechtes Licht auf Euch werfen! Ich gehöre immer noch zur Familie!«, versuchte sie verzweifelt, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Doch ihr war klar, dass er nicht mit sich reden lassen würde.

»Nicht, wenn du an einem tragischen Unfall stirbst. Deine Kutsche könnte vom Weg abkommen. Dein Pferd könnte dich abwerfen. Oder du könntest ganz einfach das Opfer eines Überfalls werden. Auf jeden Fall werde ich dafür sorgen, dass man mir nichts nachweisen kann, wenn ich dich aus dem Weg räume!«, knurrte er. Innerlich

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 29.04.2019
ISBN: 978-3-7487-0277-1

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