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Machecoul, Frankreich, im 15. Jahrhundert

„Bete für die Seelen der verlorenen Kinder“, raunte eine Stimme neben mir. Ich schaute zur Seite und blickte in zwei hervortretende Augen, die mich anstarrten. „Er holt sie alle.“

Eine knochige, schmutzige Hand griff nach meinem Kleidchen. Gänsehaut kroch über meinen Körper.

„Verschwinde!“, befahl mein Vater und legte den Arm zwischen mich und den Mann in den zerlumpten Kleidern.

Doch dieser umging behände wie ein Wiesel den Arm meines Vaters und schlich sich hinter mich. „In Machecoul haust eine Bestie, ein Werwolf, der unschuldige Kinder frisst“, flüsterte er.

„Geh weg!“, quetschte ich heraus und drückte mich in den Arm meines Vaters.

Mein Vater nahm eine Silbermünze aus dem Geldbeutel und drückte sie dem Bettler in die Hand. „Da nimm! Und nun verschwinde, Yan!“

„Ich verschwinde, aber ich komme zurück“, krächzte Yan, während wir unseren Weg zur Kirche fortsetzten. „Die Kinder aber kehren nie wieder. Verschwunden, alle, auf ewig.“ Mit einem letzten Schrei entließ er uns in die Stille des Gotteshauses: „Hütet euch vor dem Werwolf von Machecoul!“

Als wir unsere angestammten Plätze einnahmen, fragte ich mit zitternder Stimme: „Papa, wer war der Mann?“

Mein Vater winkte ab. „Er ist ein Verrückter, der hier in Machecoul lebt. Man nennt ihn den ‚irren Yan‘. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben. Er ist verrückt, aber harmlos.“

„Papa, stimmt es, dass es hier einen Werwolf gibt?“

„Nein, Mariette.“ Mein Vater schüttelte den Kopf. „Es gibt keine Werwölfe. Er wollte dich nur erschrecken.“

„Was ist ein Werwolf, Papa?“, flüsterte ich, während die letzten Besucher durch die Pforte eintraten.

„Ein Tier aus der Märchenwelt, Mariette“, flüsterte mein Vater zurück.

„Fressen Werwölfe Kinder?“

Mein Vater strich mir über die Haare. „Das sind Erzählungen, Mariette. Denk nicht mehr daran.“ Er beugte sich zu mir herunter. „Und wenn doch ein Werwolf kommen sollte, dann bekommt er es mit mir zu tun, so wie die Engländer vor Orléans.“

Ich schmiegte mich an meinen Vater und umschloss fest seinen Arm. „Du beschützt mich, Papa. Ich hab‘ dich lieb.“

 

Als wir aus der Kirche traten, hatte ich das Gefühl, dass wir beobachtet wurden. Ich schaute mich um, sah aber nur die Bäuche und Rücken derjenigen, die um mich herum aus dem Gotteshaus strömten. Vorsichtshalber blieb ich nah bei meinem Vater, bis wir unsere Pferde erreicht hatten.

„Wo ist Poitou?“ Ich deutete auf den leeren Sattel des jungen Kammerdieners.

„Er hat noch etwas zu erledigen“, sagte mein Vater und wischte sich über das Kinn. „Er wird gleich kommen.“

Ich drehte mich um und sah, wie Poitou mit einem Mann sprach, dessen Arm auf den Schultern eines blonden Jungen lag. Der Mann schaute mehrfach auf das Kind hinunter und nickte schließlich, woraufhin Poitou ihm einen Handschlag gab. Dann eilte er zu uns und stieg wortlos auf sein Pferd. Mein Vater wechselte einen Blick mit Poitou und trieb dann sein Pferd an. Als ich einen letzten Blick auf die Kirche warf, war mir, als hätte ich an der Seitenmauer jemanden gesehen, der uns nachschaute. Jemanden in schmutzigen, alten Kleidern. Den irren Yan.

 

Im Schloss meines Vaters in Machecoul fühlte ich mich sicher, aber mit fünf Jahren war ich zu jung, um kinderverschlingende Bestien als Hirngespinst eines Verrückten abzutun. Ich hatte Angst, und jedes Mal, wenn ich Kinder sah, musste ich an die Worte des irren Yan denken.

Eines Abends beobachtete ich aus einem der Turmfenster das bunte Treiben im Hof – ein emsiges Gewirr von schwer beladenen Wagen, Reitern und Fußvolk

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Bildmaterialien: Vorlage von Canva.com
Cover: Birgit Constant
Tag der Veröffentlichung: 02.12.2019
ISBN: 978-3-7487-2254-0

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