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Zum Teufel




Ich hatte das Gefühl immer tiefer in einen Abgrund zu tauchen. In meiner Brust befand sich ein so großes, schwarzes Loch, dass mir jeder Schritt zum Verhängnis wurde. Vor mir war das Flugzeug. Sobald ich dort hineintrat, wusste ich nicht, ob es jemals ein Zurück gab. Mich als Sklavin freiwillig verkauft zu haben, war meine einzige Chance gewesen. Pierre hätte ansonsten meine Mutter und Christian getötet. Falls es tatsächlich zum Krieg käme, wären zwei Regionen verloren gewesen. Flames konnte ohne Cassandra nicht mehr sein. Keiner von ihnen würde sich für ihr Volk so einsetzen, wie sie es tat. Christian war der jüngste und beste Magier, der jemals existierte. Seine Raffinesse und Kraft war unermesslich. Auch ohne ihn gäbe es keine Chance für meine nun ehemalige Heimatstadt.
Pierre würde mich vermutlich nach Istrien verschleppen. Geradewegs in die Hölle. Für mich war Eis, wie für andere das Feuer. Vermutlich würde ich in der Stadt jämmerlich zu Grunde gehen. Es gab keine Sonne, nichts was mich stärken könnte. Überall herrschten Minusgrade und man würde mich solange ausquetschen, bis ich nicht mehr fähig war zu sprechen, geschweige denn überhaupt etwas zu bewegen.
Pierres Hand lag noch immer auf meiner Schulter und er drückte mich weiter zu der Ladefläche. Die Männer luden noch einige anderer Sachen ein, was wiederum auch andauerte. Alles an mir zitterte. Was würde mich erwarten? So viel Leid, das ich es nicht länger ertrug zu leben? Mir kam Finn in den Sinn, der vollkommen durchgedreht war. Er hatte so viele Ängste, dass sie ihn komplett verrückt gemacht hatten. Aber so wollte ich nicht enden. Lieber würde ich zu einer leeren Hülle werden, nichts mehr fühlen und einfach nach Befehlen handeln.
Im Flugzeug stieg ich eine kleine Treppe hinauf und kam in die Passagierabteilung. Die Abteilung war absolut luxuriös. Sechs beige Ledersitze, dazu verschnörkelte, dunkle Holztische, der Boden war aus rotem Teppich und die Fenster waren mit Vorhängen versehen.
Pierre deutete auf einen Sessel neben ihm, ich zog jedoch die Augenbrauen zusammen, verschränkte die Arme vor der Brust und setzte mich weit weg von ihnen. Auf dem sechsten Sitz nahm ich schließlich Platz und schaute aus dem Fenster. Maggon war in meinem Blickfeld. Die hohen Häuser, die rechteckigen Gebäude, die großen Glasfenster und die am Boden fahrenden Autos. Es war zwar unglaublich, aber wahr. Gerade ging die Sonne wieder auf. Sie erhellte bloß im Osten die wenigen Wölkchen und färbte den Himmel von schwarz zu dunkelblau.
Erst als ich saß, versuchte mein Körper zu ruhen und langsam verschwand meine Angst, erst dann spürte ich meinen müden, trägen Körper. In meinen Waden hatte ich schmerzen, mein Bauch knurrte vor Hunger und meine Lippen war spröde.
Langsam begann alles in mir zu zerbröckeln, wie feiner Sand, der von einem Stein abgewetzt wurde. Schließlich blieben nur Einzelteile zurück und Leere.
Am liebsten hätte ich Angela gefragt, ob sie es ernst gemeint hatte, das Pierre Jaiden umbrachte. Mir ging die Frage nicht aus dem Kopf. Schließlich machte ich mir wirklich Sorgen um ihn. Aber wo war er dann die letzten Stunden? Wieso rettete er mich nicht? Hatte er mich eventuell die ganze Zeit über gesucht? Waren wir aneinander vorbeigelaufen?
Vielleicht würde ich in Istrien auch nicht allzu lange bleiben. Ob meine Eltern mich retteten oder überraschenderweise Jaiden?
Ich schlug mein rechtes Bein um das linke und stützte meinen Kopf mit einem Arm. Ein Flug nach Istrien dauerte acht Stunden. Schließlich war die Stadt am Nordpol. Viel zu weit von meiner Heimatstadt entfernt. Wie sollte ich bloß von dieser Einöde fliehen?
Außerdem war ich nicht der einzige Halbdämon, der nach Istrien verschleppt wurde. Ich war bloß der Einzige der für Pierre anscheinend interessant zu sein schien. Mir ging es auch nicht aus dem Kopf, dass Pierre noch andere Absichten hegte, als mich bloß als Gefangene zu halten. Als ich den Blick zwischen meiner Mutter und ihm sah, erkannte ich ein Zeichen. Die beiden verbargen etwas vor mir. Cassandras Blick war voller Reue und Pierres voller Hass.
Die Motoren starteten. Ich hörte sie kaum, meine Ohren begannen taub zu werden. Mein rechtes Bein rutschte vom linken hinunter und mein Kopf glitt auf die Lehne des Sessels. Ich hörte kurz Angelas Stimme, dann Pierres und schließlich herrschte Stille und Dunkelheit.
Als ich erwachte befand ich mich in einem sehr ansehnlichen Zimmer. Mein Körper lag in einem Himmelbett, worin mindestens vier Leute hätten schlafen können. Die Balken waren mit weißem Schleier umfasst, die dem Bett etwas Luxuriöses verliehen. Der Boden war aus grau-weißen Fliesen. In ihrem Muster waren schwarze Fäden, die sich zwischen der weißen Farbe durchschlängelten. Das Bild wirkte daher anthrazit. Ich erhob mich von der weichen Matratze und setzte die Füße auf den Boden. Die Kälte schlich sich zu meinem Körper. Es war mehr als nur kalt. Wenn meine Haut die Fliesen berührte, brannten sie leicht.
Auf einem Stuhl, direkt schräg gegenüber, lag Kleidung für mich. Sie wussten, dass ich zuerst frieren würde, deshalb standen auch gefütterte Stiefel bereit.
Ich zögerte keine Sekunde und zog mich schnell um. Die Stiefel hielten tatsächlich gut warm. Die dicke Jeans sorgte für keinen Frostbrand auf meinen Oberschenkeln und der dunkelblaue, warme Pullover taute mich ein wenig auf.
Hinter dem Stuhl stand ein großer, alter Holzschrank. Als ich ihn öffnete lagen dort viele Kleider und Schuhe in meiner Größe. Waren die alle für mich? Mein Kiefer klappte hinunter.
Ich schloss ihn wieder und lief zu dem Schreibtisch. Darauf lagen nur einige Schreibblätter, ein Kugelschreiber und ein paar Umschläge. Durfte ich Briefe versenden? Oder vielleicht war das auch gar nicht mein Zimmer, sondern das von Angela. Sie trug sehr gerne die neusten Sachen. Aber ob sie auf ein altmodisches Zimmer stand? Ich schüttelte den Kopf. Ansonsten befand sich hier nur noch ein Schminktisch, der ebenfalls aus dem dunklen, alten Holz geschnitzt worden war.
Meine Augen wanderten zur Tür. Ob mich jemand bewachte? Zuerst wollte ich unbemerkt bleiben. Meine Schritte wanderten zum Fenster und was ich erblickte, war mehr als erschreckend. Ich hatte den kompletten Überblick der Stadt. Überall drang Licht aus den Fenstern der wenigen Häusern, der Himmel war vollkommen schwarz und ich wusste genau wo ich mich befand. Dieses Zimmer war im Kristallpalast. Deshalb war auch alles groß und vornehm. Als ich meine Nase gegen die Scheibe drückte, konnte ich aus einem anderen Blickwinkel sehen. Die Außenwand bestand aus Eiskristallen. Die Fensterscheibe war am Rand mit Eis überdeckt und überall lag Schnee. Ein Windzug ließ das Glas klappern. Außerdem entdeckte ich draußen am Boden die Tunneleingänge, die zur Unterstadt führten. Mein Atem stockte. Hier würde ich bloß den Tod finden. Schon allein beim Anblick lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, der sich bis in meine Zehenspitzen grub. Meine Lippen waren gerissen, als ich meine Zunge darüber fuhr.
Dann öffnete jemand die Tür und schlagartig drehte ich mich um. Ein Mädchen, gerade in meinem Alter kam auf mich zugelaufen. Ihre Haare waren mahagonifarblich mit einem deutlichen violetten Stich. Ihre Spitzen waren gewellt. Sie verliefen ihr bis zum Schlüsselbein. Außerdem band sie die vorderen Haare hinten mit einem Gummi zusammen. Ihre Augen waren grau, beinahe weiß. Die Farbe hatte etwas Unheimliches an sich. Sie trug Lidschatten auf ihren Lidern und ein wenig Wimperntusche. Durch ihre blasse Haut wirkten die Haare noch dunkler und die Schminke kam besser zur Betonung. Die Augen stachen wie ein Leuchtfeuer aus ihrem Gesicht.
Sie hielt mir ausdruckslos ihre Hand hin. Ich nahm sie zögernd an, da ich sie als Vampir verdächtigte. Aber bei unserer Berührung passierte nichts. Ich konnte nicht einmal sagen, ob sie ein warmer oder kalter Körper war. So etwas hatte ich zuvor noch nie gespürt.
»Melodie Pico, zu Ihren Diensten!« Was sollte denn das heißen? War sie meine Angestellte? Ein Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. »Ich bin deine neue Aufpasserin.« Na, toll. Wenigstens war ich daran schon gewöhnt. »Außerdem bin ich Experiment 014.« Schon wieder Zahlen, schon wieder Fragen. Fassungslos starrte ich sie noch eine Weile an.
»Jolina Anderson. Aufpasserin? Für was? Ich bin doch selbst ein Experiment! Eine Gefangene!«
Sie hob ihren Zeigefinger und wackelte mit diesem. »Nicht hier. Du bist Pierres Sondergast. Mehr darf ich auch nicht verraten, das wird er dir gleich selbst erzählen.« Sie schaute an mir herunter. »Angezogen bist du ja schon, dann lass uns zu Tisch gehen und er wird dir alles erklären.« Sie schnappte sich meine Hand, noch bevor ich protestieren konnte und führte sie mich aus dem Zimmer.
»Melodie! Nicht so hastig!«, rief ich, aber sie wurde bloß noch schneller. Ihre Schritte beschleunigten sich und bald darauf standen wir vor einer Tür. Hier waren meine Kräfte komplett ausgelaugt und schuld daran war die eisige Kälte. Sie schob mich etwas grob in den Saal hinein und vor mir war ein elend langer Tisch. Er war komplett leer und reichte durch den mindestens zehn Meter langen Raum. Für die Stühle zu zählen war ich mir zu schade. Am anderen Ende des Tisches sah ich Pierre, der offensichtlich allein war. Er schaute mich musternd an.
»Setz dich doch bitte!«, rief er und ich nahm neben ihm Platz. Seine Stimme schallte durch den kompletten Raum. Alles wirkte wie ein altes Schloss aus dem Mittelalter. Das musste Ethan damit gemeint haben, als er sagte, die Stadt sähe noch so aus wie vor fünfhundert Jahren

. Er hatte kein Stückchen an einer modernen Einrichtung gearbeitet. Vampire liebten eben das Alte.
Sein diabolisches Grinsen schlich sich in sein Gesicht. »Wie gefällt es dir in meiner Stadt?« War das eine Scherzfrage? So furchtbar wie hier hatte ich mich noch nie gefühlt. Aber er sollte nicht glauben, dass er mich klein kriegen könnte. Ich würde hier nicht untergehen.
»Ich finde es hier sehr angenehm. Auch was die Atmosphäre angeht.« Das Schloss war eindeutig nicht

wunderschön. Ich hasste alte Gebäude. Sie waren undicht und langweilig.
Überrascht hob er seine Augenbrauen und im selben Moment kamen einige Bedienstete und stellten ein kleines Buffet am Tisch auf. Als sie verschwanden, hob Pierre wieder seinen Blick.
»Angenehm? Eine etwas unerwartete Antwort, nicht wahr? Aber wenn das so ist, können wir dir gerne eine andere Kleidung besorgen. Vielleicht ist es dir zu warm.« Der letzte Satz klang düster. Wahrscheinlich malte er sich in diesem Moment sadistische Vorstellungen aus. Er sah gerne zu wie ich litt und ich wusste, dass dies der Fall in den nächsten Tagen sein würde. Die Schmerzen würden mir körperlich wie geistig zusetzen.
»Nein, danke. Die Kleidung ist in Ordnung.«
Er wechselte das Thema. »Du hast bestimmt schon Melodie kennengerlernt, oder? Sie ist mein erfolgreichstes Experiment.« Wie sich das anhörte. Als sei sie kein Lebewesen, sondern ein Individuum, das zum Quälen geboren wurde. Ein Schauer glitt mir sogleich über den Rücken, als sich grauenhafte Vorstellungen in meine Gedanken zwängten. Ein Ekel überkam mich. Wie skrupellos war Pierre eigentlich? Mir gefiel seine Art nicht.
»Los! Iss etwas Jolina, du wirst die Kraft brauchen. Ich habe Großes mit dir vor.« Aufgeregt rieb er seine Hände und tat so, als ob er sie über meinen Becken waschen würde. Ich zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen.
»Ich habe keinen Hunger!«, erwiderte ich und ein erzürnter Ausdruck in seinem Gesicht zeigte sich. Er war wütend.
»Aber sonst gelingt es nicht!«, schrie er erbost und ich zuckte erschrocken zusammen. Seine Lautstärke hatte mich erstarren lassen. Doch mit einem Male atmete er aus und strich sich seine Haare zurück. »Also schön, Jolina. Wer nicht hört, der muss eben fühlen.«
Was sollte denn das heißen? Ich schluckte und krallte mich an meinen Stuhl fest. Am liebsten hätte ich sofort die Flucht ergriffen, aber ich war in einem so tiefen Loch gelandet, das jede Möglichkeit zu fliehen, scheitern würde. Ich war vollkommen hilflos und der Sklave eines Vampirs.
»Du hast versprochen, dass du auf mich hören wirst. Meine Leute sind schnell wieder in Maggon und werden deine Eltern zur Strecke bringen. Außerdem schleichen meine Doppelagenten in ihrem Regierungshaus umher und sie brauchen bloß einen Befehl von mir zu bekommen.« Ich umklammerte den Rand des Tisches und nahm mir gehorchend einen Apfel. »Jolina! Etwas Richtiges! Nimm dir was du willst. Doch keinen Apfel. Das wird dich nicht zu Kräften bringen.«
»Was soll ich denn deiner Meinung nach Essen?«
Er stand schlagartig vom Stuhl auf, schnappte sich meinen Teller und nahm einzelne Essensstücke vom Buffet. Dann legte er ihn mir vor die Nase.
»Das sollte genügen«, meinte er und beobachtete meine Reaktion darauf genau. Darauf war ein Stück Fleisch. Ich aß es nicht gern, aber woher wusste ich, was auf mich zukam. Außerdem hatte er Salat zusammengelegt und eine Portion Nudeln. Bei dem köstlichen Geruch und der lecker aussehenden Speise konnte ich nicht anders, als zur Gabel zu greifen. Bevor ich jedoch etwas aufstach, blickte ich zu Pierre.
»Was hast du eigentlich vor?« Er schwieg und schaute mich nur ausdruckslos weiterhin an. »Ich meine, ich will mich bloß darauf einstellen.«
»Iss jetzt!«, forderte er mich zähneknirschend auf. Gänsehaut machte sich auf meiner Haut breit. Pierre war mehr als seltsam. Er war wie ein HB-Männchen, dessen Stimmung schlagartig in die Luft schoss.
Ich stach etwas Salat auf meine Gabel und schob ihn mir in den Mund. Er schmeckte gut, aber das wollte ich Pierre nicht zeigen. Ich musste mich zügeln, um nicht alles in mich hineinzuschlingen.
Nachdem der Teller leer war, grinste mich Pierre schon wieder diabolisch an. »Willst du noch etwas essen?« Ich blieb dickköpfig, wie immer. Gleich nach seiner Frage schnappte ich mir den Apfel und aß ihn.
Aber er fuhr nicht aus der Hose, sondern lächelte weiterhin. Ich konnte nicht erkennen, ob das freundlich sein sollte oder hinterhältig. Sein Gesicht war schon für das Böse geschaffen, genau wie sein seltsamer Charakter.
Als ich den Apfel aufgegessen hatte, erhob sich Pierre und lief zu mir. Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. Er nahm mit seinen Fingerspitzen mein Gesicht in die Hand, worauf meine komplette Haut wie Feuer brannte. Es fühlte sich furchtbar schmerzhaft an. Er war so unglaublich kalt. Das Gefühl erinnerte mich an eine Sprühdose, die meine Haut vereisen konnte. Deshalb zuckte ich auf der Stelle zusammen und entwich seinen Fingern.
»Keine Angst, in wenigen Wochen kann ich dich ohne Schmerzen berühren.« Was meinte er damit? Was hatte dieser Dreckskerl vor? Wollte er mich etwa gegen Eis immun machen? Das würde niemals funktionieren. Nicht einmal im Traum! Ich würde ein Dämon bleiben. So wurde ich geboren.
»Melodie!«, rief er laut und das Mädchen von vorhin trat ein.
»Ja, Herr?«, ertönte es hinter mir.
»Zur Kammer!«, forderte er sie auf und ohne zu zögernd, kam sie auf mich zu. Sie packte meinen Arm und zog mich wie vorhin aus dem Saal. Sie nannte ihn Herr? War er ihr Gebieter?
»Melodie! Du musst das nicht machen. Lass mich einfach gehen«, sagte ich, aber sie schwieg und rannte mit mir weiter durch die Räume. Ich konnte sowieso nicht fliehen. In der Beziehung war Pierre raffiniert. In Istrien war ich so verloren, wie ein Fisch in der Wüste. Draußen erwartete mich der eiskalte Tod. Ich würde nicht einmal zehn Minuten durchhalten.
Schließlich benutzten wir den Fahrstuhl und ich versuchte auf Melodie einzureden. »Wieso tust du alles was er dir sagt? Bist du eine Art Roboter?« Ihre Augen fixierten mich, aber aus ihrem Mund kam kein Wort. Ich wollte nach ihren Schultern greifen, aber sie wehrte es durch einen geschickten Zug ab und drückte mich mit ihrem Unterarm gegen die Aufzugswand. Ich bekam keine Luft, da sie grob auf den Hals drückte. »Versau mir das nicht, okay? Mein Herr ist jemand sehr Gutmütiges.« Sie ließ von mir ab und nahm ihre ursprüngliche Haltung ein. Ich keuchte, da ich mich beinahe erwürgt hätte. Ihre Aura wurde in meinen Augen kühler. Zu Beginn war sie anders.
Ich schwieg während unseres Weges und sie zerrte mich erneut hinter sich her. Ich ließ mich mitziehen, bevor ich das nächste Mal eine verpasst bekam. Sie wurde bestimmt als Aufpasserin ausgebildet

.
Schließlich standen wir vor einer Metalltür und sie öffnete den ersten Raum. Dann schob sie mich wie vorhin grob hinein und schloss sofort die Tür. In einer Ecke war eine Kamera. Sie hatte mich genau im Visier.
»Bitte wechseln Sie Ihre Kleidung«, erklang eine monotone Frauenstimme im Raum und ich zuckte zusammen. Ich nahm das Oberteil, das ich auch in Maggon anhatte vom Ständer und die dazugehörige Hose. War das deren Ernst? Im kleinen weißen Raum wurde es seltsam warm. Der Holzboden war angenehm für meine Füße. Die Plastikbank erinnerte mich an die Umkleiden in der Schule.
Mein Blick fiel zur Kamera. Ganz bestimmt würde ich mich nicht vor Augenschein irgendwelcher Lüstlinge ausziehen. Wer wusste, wer hinter der Kamera steckte? Allein der Gedanke war purer Ekel. Ich fühlte mich komplett allein hier. Überall beobachtete mich jemand, überwachte mich oder kontrollierte meine Bewegung. Heimweh kam in mir hoch.
»Ich ziehe mich nicht vorm Augenschein anderer aus«, sagte ich trotzig.
»Letzte Warnung!«, erklang die Frauenstimme. Was wollten sie schon machen? Hineinstürmen und mich verprügeln? Oder sorgte Melodie schon dafür? Ich schüttelte dennoch den Kopf und setzte mich mit verschränkten Armen auf die Sitzbank.
»Letzte Warnung!«
Ich lachte spottend. Sollen sie doch kommen. Ich hatte nicht wirklich etwas zu verlieren. Außerdem wäre es doch nicht viel verlangt, die Kamera aus dem Weg zu räumen. Hatte ich denn gar keine Privatsphäre? Im Raum wurde es richtig warm, beinahe schon so wie in der flamischen Wüste. Mein Zittern stoppte und die Muskeln wurden lockerer.
Doch plötzlich hörte ich etwas Surren, als ob sich eine Maschine bewegen würde. Meine Augen kreisten durch den Raum. Dann ertönte ein leises Plopp

und etwas sehr Schmerzhaftes landete in meinem Bauch. Ich schrie sofort auf, fiel von der Bank und krümmte mich auf dem Boden. Ich sah nur eine kleine Nadel, die offensichtlich etwas in meinen Körper gespritzt hatte. Ich zog sie sofort wieder heraus und ein Brennen durchzog meine Adern. Mein Blut war wie erfroren, als ob ich kaltes Eis zu schnell essen würde und ich einen Gefrierschock erlitt. Dennoch schrie ich weiterhin, weil es unglaublich schmerzhaft war. Es dauerte einige Minuten bis dieses Gefühl wieder verging.
»Das ist ein Mittel mit Menthol und einigen anderen sehr kaltwirkenden Chemikalien. Es wirkt wie Gift für Dämonen. Zuerst schmerzt es, aber du wirst merken, wie schnell es dich lähmt. Wenn das Gefühl wieder vergeht, versuchen wir es erneut. Dann wirst du dich umziehen und den nächsten Schritt wagen. Wissenschaftler überprüfen deine Schritte.« Die Stimme klang nach Pierre. Auch er sah zu wie ich litt? Musste ihm wohl Vergnügen bereiten.
Als ich in meinen Beinen wieder Gefühl hatte, hob ich mich vom Boden und setzte mich auf die Bank. Ich zitterte, da ich noch immer innerlich fror. Was für ein mieser Drecksack. Er war mehr als nur ein Sadist!
Anschließend kam mir eine hervorragende Idee. Ich zog meine Schuhe aus, die Socken und anschließend meinen Pullover. Aber noch in derselben Bewegung warf ich ihn auf die Kamera. So konnten sie mir wenigstens nicht zusehen. Am liebsten wäre ich geflohen, aber wohin?
Da ich keine andere Wahl sah, zog ich mich rasch um. Niemand beschwerte sich über den Pullover. Ob sie trotzdem hindurchsahen? Mich schauderte der Gedanke.
Als ich endgültig fertig war, nahm ich den Pullover von der Kamera, um ihnen zu zeigen, dass es mir nur darum ging, dass mir niemand zusah und stellte mich vor die nächste Tür. Eines war klar: Mein Körper zitterte, das Kältemittel floss noch in meinem Blut und was jetzt geschah, würde schmerzhafter

werden als der Stich von vorhin.

Willkommen in der Hölle




Ich betrat schweigsam den Raum, als die Tür aufgeschlossen wurde. Er war doppelt so groß wie die kleine Umkleide, die ich gerade verließ. Der Boden war aus Holz und die Wände aus Fliesen. Hier herrschte eine frostige Atmosphäre. Gefühlte minus fünf Grad. Eigentlich mein Tod.
Aber die Tür schloss sich wieder und ich trat auf das Holz. Wenn ich auf Fliesen stünde, könnte ich nicht einmal stehen. Denn hier war es viel zu kalt. Der Raum war etwas vernebelt, die Atmosphäre wirkte vereist und blau. Nur ein gleißendes Licht beleuchtete den kleinen Raum. Meine Arme schlangen sich um den Körper und ich ging in kleinen Schritten zur Bank. Als ich mich hinsetzte, stöhnte ich erschrocken auf. Das Plastik war vereist. Sofort sprang ich auf und setzte mich stattdessen auf den Boden. Das Holz konnte nicht fieren, wenigstens etwas.
Als wenige Minuten vergingen verkrampften sich meine Muskeln. Wie hintereinander folgende Faustschläge tauchten sie an den Beinen und besonders im Rückenbereich auf. Ich wimmerte, zitterte und nichts an mir hielt still. Weder die Lippen, die Muskeln oder die Augen hörten auf sich zu bewegen. Das Beben wurde stärker. Ich rieb an meinen Armen und versuchte die restliche Hitze in mir zu filtern.
Langsam aber sicher saugte der eisige Nebel meine Kraft. Die Augen fielen mir zu, aber ich versuchte gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Nur noch wenige Minuten

. Jedenfalls wollte ich das glauben. Pierre hatte keine genaue Zeit genannt. Mit was konnte ich mich warm halten?
Wieder vergingen die Minuten und ich hatte das Gefühl eine Ewigkeit auf dem Boden zu sitzen. Ich blickte an meinem Körper herab. Der Angstschweiß von vorhin ließ meine Haut gefrieren. Zarte Kristalle bildeten sich auf meinen Oberschenkel und den Armen. Ich musste nun Alabasterhaut haben. Meine Augen hatten sich rot gefärbt und trotzdem sah ich keinen Ausweg.
Letztendlich konnte ich das veränderte Haar erkennen, aber es verlor den Glanz, als sich auch auf ihnen Kristalle bildeten. Die Schicht wurde weißer und schließlich begann meine Haut zu reißen, als ich meine Arme bewegte. Ich schrie kurz auf und nahm sie wieder an mich. Oh verdammt! Die Oberschenkel brannten so sehr. Der Schmerz zog sich bis zu meinen tauben Zehen hin.
Doch dann stand ich auf, unter Qualen und lief zur Wand. Ich suchte eine Kamera. Als ich sie fand, stellte ich mich davor und winkte mit den Armen.
»Ich bin komplett eingefroren, wolltet ihr das nicht?«, rief ich. Es tat sich nichts. »Lasst mich hier heraus!« Wieder blieb es still und ich schlug mit meinen Fäusten gegen die Wand. Dabei fügte ich mir nur weitere Schmerzen hinzu. Aber mein Körper erwärmte sich wieder durch die Bewegungen.
Ich hauchte in meine Hände, damit sie nicht einfroren. Die Hitze brodelte in mir. Ein Dampf stieg von meiner Haut in die Luft empor. Wie flüssiges Wasser verschwand die gefrorene Schicht von meinen Oberschenkel. Die Arme wurden wieder farbiger.
»Bitte bleiben Sie sitzen«, erklang schon wieder die monotone Frauenstimme. Pierre musste sich wohl darüber ärgern, dass sein Versuch scheiterte. Besser für mich, schlechter für sein Experiment.
Aber ich machte weiter, lief in schnellen Schritten durch den Raum und umkreiste die Bank in der Mitte. Als ich noch mehr Wärme wollte, lief ich zu den Plastikbänken und sprang abwechselnd mit einem Bein auf die Kante. Dadurch blieben meine Beine in ständiger Bewegung.
»Letzte Warnung!«
»Ihr könnt mich mal!«, rief ich und drehte erneut Runden um die Bank in der Mitte. Würden sie mir wieder so eine Nadel verpassen? Nein! Dieses Mal wäre ich darauf gefasst.
Aber schließlich sollte man den Mund nicht zu voll nehmen. Da drückten sich Drüsen aus der Decke. Zuerst beobachtete ich sie genauer, weil ich nicht mit dem nächsten Moment gerechnet hätte. Was war das? Bei einem genaueren Hinblick erinnerte ich mich an solch eine Form. Sie waren eigentlich Feuerlöscher, in meinem Fall wäre das förmlich gesehen korrekt, aber sie wollten mich bewässern, damit ich auch ordentlich fror.
Ich schrie laut auf, als das kalte Wasser auf meine Haut traf. Meine Knie fielen zu Boden und ich schlang die Arme um mich. Jetzt war alles vorbei. Selbst das Laufen oder Bewegen würde mir nichts bringen. Wasser und Eis waren das beste Mittel um ein Feuer zu löschen. Schließlich kippte mein Oberkörper zur Seite und meine Augen tränten. Nicht nur meine Iris wurde rot, sondern auch der Rest. Meine Äderchen müssten aufgeplatzt sein, da ein unheimlich schmerzender Druck in meinem Kopf entstand. Es fühlte sich an, als ob er erfrieren würde.
Meine Zähne bissen auf die Unterlippe, damit ich aufhörte zu schreien. Ein leises Wimmern rann aus meiner Kehle.
Die kalte Schicht hatte sich dieses Mal über alles ausgebreitet, wie eine hauchdünne Decke. Alles an mir war nass und gefror.
Die Düsen zogen sich zurück und ich konnte die Wassertropfen aufschlagen hören. Mein Körper drehte sich auf den Rücken. Ein Tropfen fiel eiskalt auf die Stirn, der mir kurz höllische Schmerzen zufügte, als ob ich Migräne hätte. Dann wusch ich ihnen aus und legte mich auf den Bauch, ohne die Arme von meinem Körper zu nehmen.
Meine Beine wurden endgültig taub und waren nicht in der Lage sich zu bewegen. Die Tränen rollten eine Weile auf meiner Wange, gefroren jedoch. Die Flamme in mir war nur noch ein Glimmern. Es bliebe mir wenige Zeit bis meine Augen endgültig zufielen, alles schwarz wurde und ich vielleicht nie wieder erwachte. Eigentlich ein Trost für jemanden, der gerade eben noch die Hölle durchleiden musste. Ich konnte mir nichts Schlimmeres für einen Dämon vorstellen. Die beste Foltermethode blieb das Eis.
»Frau Anderson? Können Sie mich hören?«, sprach jemand durch das Mikrophon. Ich versuchte meine Lippen zu bewegen, aber auch sie waren nur noch ein Eisklumpen. »Frau Anderson?« Wie sollte ich ihm Bescheid geben, wenn sich alles taub und eiskalt anfühlte. Meine Flamme war schon erloschen, nur noch ihr Rauch verließ langsam meinen Körper. »Antworten Sie mir bitte!« Der Mann hinter der Sprechanlage hatte noch immer das Mikrophon betätigt. »...Sir. Wir können am Anfang noch keine hohe Leistung erwarten. Es wird sich erst in den nächsten Wochen ergeben ... ihr Leben ... zu kalt im Moment ... daran gewöhnen ... glauben Sie mir!« Die Stimme war nur sehr leise zu hören, da sein Mund zu weit entfernt von dem Mikrophon war. Schließlich senkte ich meine Lider und merkte wie etwas aus meiner Nase tropfte. Meine Augen klappten wieder auf und ich konnte noch nichts sehen. Erst als es noch einige Zeit tropfte, bildete sich eine kleine Lache unter meinem Gesicht. Es war rot. Das Blut berührte meine Wange und taute sie auf.
Dann schoss die Tür auf, vier, nein sechs Füße bebten auf dem Boden. Ich glaubte, dass mich mehrere Hände berührten, dann schien etwas furchtbar grelles in meine Augen. Die Lider wurden wieder losgelassen.
»Frau Anderson? Hallo? Hören Sie mich?«, schrie jemand, aber die Lautstärke drang zu leise in mein Ohr. Jetzt betäubten auch meine Sinne? »Puls zwanzig!« Etwas Kaltes wurde noch druckvoller unterhalb meines Halses an meine Haut gepresst. »Zehn!« Dann ertönte ein Piepen, aber es war unglaublich langsam.
Nach wenigen Sekunden hatte ich das Gefühl zu fliegen, denn meine Augen nahmen bewegende Bilder war, die noch keinen Sinn ergaben. Die Sicht war verschwommen und manchmal tauchten Gesichter auf, die so undeutlich waren, das ich nicht wusste, ob es eine Frau oder ein Mann war.
»Frau Anderson? Können Sie mich jetzt hören?«, schrie erneut jemand. »Puls sinkt! Schneller!« Die Geschwindigkeit erhöhte sich. Aber es wurde wärmer, meine Umgebung schien mich aufzutauen. Trotzdem fühlte ich mich schwach und sehr müde.
»Sehen Sie mich an, Frau Anderson!«, schrie eine etwas hellere Stimme. Vermutlich eine Frau. Aber ich konnte sie nicht sehen, bei den sich schnell bewegenden Bildern.
Dann blieb alles stehen und ich sah nur noch unscharf. Hände berührten mich erneut, kleine Nadelstiche drangen in meine Haut.
Dann fielen die Lider schlagartig zu und zuletzt erinnerte ich mich nur noch an die Worte dieser Frau: »Bleiben Sie bei uns!«

Eigentlich hätte ich gedachte, das jetzt alles vorbei wäre, aber das würde Pierre nicht zulassen. Selbst wenn ich starb, würde er mich versuchen wiederzubeleben. Hierfür gab es keine Garantie. Wenn das Experiment scheiterte, war’s das mit meinem Leben. Das Risiko war meine größte Angst. Die Qualen und Schmerzen waren nur der Beigeschmack.
»Hey!« Wer...? Ich öffnete meine Augen und sah wieder den Schleier am Himmelsbett. Ich lebte! »Hörst du mich?« Waren die Ärzte noch immer da? Nein. Die Stimme kam mir bekannt vor, aber die dazugehörige Person konnte mich nicht ausstehen.
»Ja...«, hauchte ich und versuchte wieder meine Stimme zu gewinnen. Dann räusperte ich mich und drehte meine Kopf zu der Person.
Tatsächlich lächelte mich Melodie an. Moment! Sie strahlte ja richtig. Was war denn in sie gefahren? Sah ich eventuell aus wie ein Engel? Wieso lächelte sie denn so glücklich?
»Ich bin froh, dass du wach bist. Du hast ganze drei Tage durchgeschlafen!« Was? Im Ernst? »Du warst so unglaublich unterkühlt, dass sie dich in letzter Sekunde noch retten konnten. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.« War das ein Traum? Melodie gestand, dass sie sich um mich sorgte? Warum? Im Aufzug wollte sich mich beinahe ersticken und im nächsten Moment erklang etwas Gutes aus ihrem Mund, nämlich die Besorgnis.
Ich hatte all meine Sinne gefasst und setzte mich auf. Meinen Rücken lehnte ich, mit den Kissen dazwischen, gegen die Bettlehne. Anschließend blickten meine noch trägen Augen zu Melodie.
»Was sagst du? Sorgen? Was verstehst du denn schon davon?«, gab ich als patzige Antwort, auch wenn mir meine Stimmung selbst nicht gefiel. Mich störte es einfach, dass sie Pierre als eine Art Meister ansah. Schon allein bei dem Gedanken, das ich es eines Tages - wenn ich wie Finn verrückt wäre – ihn ebenfalls so ansah. Alles in mir sträubte sich. Ist das widerlich!
Ihr Lächeln wich aus dem Gesicht. Dann stand sie vom Stuhl auf und lief ans Bettende. Ihre Finger umschlossen den Rand. Ein erboster Blick schaute zu mir. »Hör mal, Prinzesschen! Nur weil Pierre dich als jemand Besonderen sieht, musst du dich nicht gleich aufspielen! Ich hasse Leute, die denken sie seien etwas Besonderes, nur weil sie das Tüpfelchen auf dem I sind!«
Mein Kiefer klappte hinunter. Die hatte aber ein sehr feuriges Temperament! Aber ich konnte mich in dem Moment nicht wirklich über sie aufregen und seufzte als Antwort. Geduldig wartete sie auf Worte und keine Laute. »Melodie, ich weiß nicht was dein Problem ist. Wenn du Pierre als deine Gottheit betrachtest, will ich dich nicht aufhalten und eine Prinzessin bin ich schon mal gar nicht. Ich versuche lediglich in einer Hölle zu überleben.« Ich biss auf meine Zähne, als Erinnerungen sich zu mir drängten. »Ich habe alles verloren. Wirklich alles

! Wenn Pierre die einzige wichtige Person für dich ist, dann stell dir mal vor, wie furchtbar es ist eine ganze Familie zu verlieren! Ich weiß nicht, wie lange ich hier bleiben werde. Wahrscheinlich für immer! Ich habe vor drei Tagen die schlimmste Zeit meines Lebens durchgemacht. Mein Vater, meine ...« Gefühlsausbruch. Aber ich atmete einfach nur tief ein, wusch die Tränen aus meinen Augen und blickte mit zusammengezogenen Augenbrauen zu Melodie, deren Mund vor Entsetzen aufgeklappt war.
Es herrschte Stille zwischen uns beiden und mittlerweile blickte sie starrsinnig zu mir herüber. Dachte sie über meine Worte nach? Oder waren ihr meine Gefühle so gleichgültig wie die Kälte hier?
»Wow...«, entfuhr es aus ihrem Mund und sie formte ihre Lippen zu einem O. »Hätte ich gar nicht gedacht.«
Ich drehte mich zur Seite, legte die Hände unter meinen Kopf und blickte auf die Wand. Dabei zog ich die Augenbrauen noch enger aneinander und versuchte sie zu ignorieren.
Ihre Schritte schleiften über den Boden, als sie sich aufs Bett setzte, sich die Decke über ihre Beine legte und es sich gemütlich machte. Verwirrte drehte ich mich zu ihr um.
»Ich erzähle dir mal meine Geschichte.« Ich zog eine Braue in die Höhe. Aber trotzdem wartete ich gespannt auf ihre Worte. »Also, ich bin neunzehn Jahre und habe noch nie etwas anderes gesehen außer der Stadt Istrien.« Ich wollte es zuerst nicht glauben, aber wie würde es mir ergehen, wenn ich unter den Fetischen von Pierre aufwachsen müsste? Seine Experimente prägten sein ganzes Leben. »Eigentlich gefällt es mir auch hier, allerding wollte ich schon immer in die Wüste. Sand, Wärme, Sonne,...« Sie schloss genüsslich ihre Augen und träumte von ihren Vorstellungen.
»Vielleicht kannst du es eines Tages.« Mich bedrückte eine Frage. »Aber sag mal, was bist du eigentlich? Ein Vampir wohl nicht.«
Sie grinste. »Ich bin etwas Besonderes

. Nämlich ein halber Dämon und ein halber Vampir!« Meine Augen weiteten sich. Was? Das ist Unmöglich! Sie müsste tot sein. Feuer und Eis können nicht miteinander klar kommen. Sie begann zu lachen. »Du müsstest mal dein Gesicht sehen. Ich weiß, das hört sich ziemlich unlogisch an, aber es ist wahr. Ich bin wirklich ein Phyne, dessen Existenz theoretisch nicht möglich wäre. Aber ich bin vorher ein Dämon gewesen.« Ihr Lächeln versiegte. »Ich wurde aus den Armen meiner Mutter gerissen, als ich gerade fünf Jahre alt war. Ich bin mir nicht sicher, ob es schon hier in Istrien war oder in Flames. Jedenfalls wurde ich zu Experiment 014. Sie hatten mich genauso gefoltert wie dich jetzt. Sie spritzten mir Vampirgene ins Blut. Tagelang hatten mich Schmerzen gequält, Albträume und andere furchtbare Dinge. Bis ich irgendwann Heißhunger auf Blut bekam.« Sie schnaubte kurz verächtlich. »Ich habe den Wachmeister umgebracht. Anschließend wuchsen mir Fangzähne, meine Haut wurde bleich, ich konnte Wärme und Kälte nicht mehr unterscheiden und kann Eis, sowie Feuer anwenden.« Ich konnte ihre Worte nicht fassen. Hieß das, sie wollten einen Vampir in mich hineinpflanzen? Dann besäße ich drei unterschiedliche Genen in mir.
Melodie sprang aus dem Bett, tunkte ihre Hand in einen Eimer mit gefülltem Wasser und kam zu mir. Einige Tropfen fielen auf den Boden.
Meine Augen fixierten sich auf den Behälter. »Wieso steht da Wasser?«
»Oh!« Ihr Blick folgte meinem. »Du hast gefiebert in den letzten zwei Tagen. Da habe ich mich ein wenig um dich gekümmert.« Interessant was man so mitbekam. Ich war seit meiner Geburt nicht ein einziges Mal krank. Bis auf den Tag an Weihnachten. Der kälteste Tag in meinem Leben. Naja, bis vor drei Tagen war er das noch gewesen.
Sie setzte sich neben mich und wie gebannt blickte ich auf ihre nasse Hand. Plötzlich liefen die Tropfen und kleinen Wassermengen zu einem Punkt zusammen. Sie streckten sich in die Höhe, bildeten zuerst eine dicke Säule, danach eine Kugel. Langsam formte sich dieses zu einer Pflanze. Ich erkannte den dünnen Stiel und die Konturen eine Tulpe. In wenigen Sekunden war das Kunstwerk vollbracht. Es war wunderschön.
Mit meinen Fingerspitzen fuhr ich über das Eis und es schmerzte nur sehr wenig. Es fühlte sich wie eine Kristallfigur an. Im Schein des Lichtes funkelte die Tulpe.
»Das ist wirklich schön«, murmelte ich, als ich vollkommen fasziniert von ihrem Kunststückchen war. Jaiden nutzte auch Eis, allerdings um sich zu verteidigen. Jaiden ... ich vermisse ihn.
»Okay, und jetzt pass auf!« Sie lief mit ausreichendem Abstand vor mich, warf die Tulpe in die Luft und streckte ihre Hand danach aus. Sogleich entstand eine Flamme, die ihre Skulptur zum Schmelzen brachte.
Mir stockte der Atem. Nicht einmal ich konnte Feuer aus meiner Hand schießen lassen. Wie hatte sie solche Kunststückchen gelernt? Von Pierre?
»Beeindruckend nicht wahr? Es macht mir richtigen Spaß mit Feuer und Eis zu experimentieren. Zwei Elemente die durch mein Blut fließen.«
Anschließend senkte sie ihren Arm und der Dunst der Tulpe flog an der Decke umher. »Wie hast du das mit der Flamme gelernt? Ich kann es nicht.«
Ungläubig hob sie ihre Augenbraue. »Echt nicht? Ich wurde in einer Gruppe dazu trainiert.«
»Ich habe keine Ahnung was Pierre mit mir vorhat. Wirklich nicht.« Ich sank meinen Kopf und zog die Beine an mich. Melodie setzte sich neben mich. »Was hältst du

denn von seinen Machenschaften, Melodie?«
»Einfach nur Mell.« Ich lächelte. Sie wollte mir auf meine Frage keine Antwort geben und das akzeptierte ich. Unser Gespräch führte zu einer unerwarteten Wendung. Anfangs dachte ich wirklich mir wurde ein gefühlsloses Experiment auf den Hals gehetzt, aber wie ich erkannte, hatte sie auch Gefühle und Empfindungen. Anscheinend klammerte sie sich an Pierre, da sie niemanden außer ihn hatte. Ihre Beweggründe waren mehr als nachvollziehbar. Schließlich verlor sie damals ihre Familie durch ihn. Eigentlich ein grausames Schicksal. Ob ihre Mutter noch lebte? Wenn ich jemals hier herauskäme, würde ich ihr helfen sie zu finden. Aber zuerst musste ich meine eigene Familie wiederfinden und vor allen Dingen Jaiden.
»Okay, dir geht es wieder besser und ich muss auch wieder zu Pierre. Eigentlich sollte ich längst bei ihm sein. Aber du hast mich ja aufgehalten.« Sie zwinkerte mir grinsend zu und legte ihre Hand auf den Griff. »Bis dann, Jo!«
Ich warf ihr einen verdutzten Blick hinterher, als sie meinen Spitznamen aussprach. Als sie aus dem Zimmer war, schnaubte ich lachend.

Eine Wärme die niemals vergeht




Die nächsten Tage verliefen nicht anders. Essen, Kältekammer und schlafen. Durch die niedrigen Temperaturen saugten sie mir jedes Mal so viel Kraft aus, sodass ich einfach einschlief und für zwei Tage unfähig war, überhaupt etwas zu machen. Auf die Dauer war das keine gute Idee. Irgendwann würde ich zu Grunde gehen und an einer tödlichen Krankheit sterben. Immerhin schwächte die Kälte mein Immunsystem und es brauchte Zeit um sich wieder zu erneuern. Pierre ließ mir jedoch keine.
»Ich habe so furchtbare Kopfschmerzen!«, jammerte ich im Bett und massierte meine Stirn.
»Anfangs erging es mir genauso. Allerdings war ich gerade sechs Jahre.« Ich warf ihr einen verdutzten Blick zu. So jung... »Naja, ich spürte den doppelten Schmerz wahrscheinlich. Aber ich selbst habe es überlebt« Sie legte ihre Hand auf meine. »Und du wirst das auch.« Ich brummte.
Ohne Mell wäre dieses Einöde noch unerträglicher, als sie es jetzt schon war. Zu Beginn bekamen wir uns in die Wolle, aber ich kannte sie eine gute Woche nun. Sie war rund um die Uhr bei mir. Gestern hatte ich wieder mit leichtem Fieber im Bett gelegen und sie kümmerte sich um mich. Auch wenn ihre Methoden manchmal etwas grob angepackt waren, halfen sie mir immer. Zum Beispiel bestand sie darauf, dass ich die ganze Kanne Tee austrank, schlief, wenn sie es befahl oder ich mich nicht zu arg zudeckte, während meiner geschwächten Tage als Kranke. Ich hasste auch den nassen Lappen auf der Stirn, aber sie bestand darauf. Wenn ich mich weigerte, goss sie Wasser über mein Gesicht. Bis jetzt tat sie es nur ein einziges Mal, da ich mich danach kein weiteres Mal weigerte.
Im Großen und Ganzen war sie ein nettes, temperamentvolles Mädchen mit ihren Macken und Stärken. Sie erzählte viel, so als ob sie schon die ganze Zeit auf einen Zuhörer, wie mich, gewartet hatte. Am liebsten träumte sie und fragte mich über die ganzen Regionen aus. Am besten fand ich die Flamische Wüste. Es war warm, trocken und es zog kaum eine Wolke am Himmel vorbei. Der Wind war ruhig und ein Dämon fühlte sich dort am wohlsten. Dabei heizten diese warmen Gedanken meinen Körper auf.
»Ich würde das Schloss gern mal genauer erkunden. Meinst du Pierre würde mir das erlauben?«
Mell spitzte ihre Lippen und zog sie zu ihrer Nase hoch. »Eine gute Frage. Ich könnte ihn ja mal nett bitten. In meiner Obhut lässt er es bestimmt zu.« Ich grinste. »Ich meine das Ernst, Jo. Mach keine Dummheiten.«
Ich schüttelte den Kopf. »Also, solange ich mich nicht beamen kann, brauchst du dir keine Sorgen zu machen.«
Sie lachte verächtlich. »Ich weiß nicht, ob ich mir dabei so sicher sein soll.«
»Ganz fest versprochen.«
Okay, in dieser Beziehung log ich. Natürlich wollte ich hinter seinem Rücken herausfinden, ob es eine Möglichkeit gäbe von hier zu verschwinden. Auch wenn es hieß, das ich auf irgendeine Weise Flugzeuge selbst fliegen musste. Es gab immer einen Ausweg. Ich musste bloß dafür kämpfen und durfte nicht aufgeben. Klar, Mell dort mithineinzuziehen, war nie meine Absicht gewesen. Wenn sie bloß wüsste, wie es mir erging, könnte sie mich vermutlich verstehen.
Durch Jaiden verlor ich mich nicht selbst. Mit den Gedanken war ich immer bei ihm und mit jedem Tag der verging, stellte ich mir sein wunderschönes Hellblau vor dem geistigen Auge vor.
In Träumen lag ich mit ihm auf einer Wiese. Es war ein Park in Maggon. Wir hatten eine Wolldecke ausgebreitet und lagen nebeneinander. Ich schaute ihn dabei die ganze Zeit in die Augen und bemerkte wie wunderschön seine Haut in der Sonne funkelte. Wie kleine Diamanten glänzten sie. Dabei stellte ich mir sein makellose Gesicht vor. Seine Haut, wenn ich sie berührte. Aber all diese Dinge ließen nur meine Sehnsucht nach ihm verstärken. Es war ein Schmerz in meiner Brust.
»...das wäre möglich. Die Bibliothek ist ziemlich riesig, aber einzigartig.« Oh verdammt! Ich hatte bei den schönen Gedanken vergessen, dass Mell mit mir sprach.
Die vorderen Strähnen fielen in ihr Gesicht, als sie sich über das Bettende beugte. Mit offen Haaren sah sie viel erwachsener aus, als mit dem Gummi.
»Ich lese gern«, sagte ich einfach, damit sie nicht dachte, dass ich nur den letzten Satz noch vollständig mitbekam.
»Ich auch«, bemerkte sie und stützte ihren Kopf mit den Armen, indem sie die Ellen auf den Rand platzierte. »Besonders Liebesgeschichten. Ich würde auch gerne einen Mann fürs Leben finden.«
Jaiden kam mir erneut in den Sinn. Ich hatte meine zweite Hälfte gefunden, aber wir waren zu weit voneinander getrennt. Schon allein bei dem Gedanken, wie lange wir uns womöglich nicht sahen, ließ mich innerlich zersplittern. All das, nur wegen einem Mann.
Sie grinste und setzte sich wieder neben mich. »Ich habe noch nie einen Jungen geküsst.« Ihre Mundwinkel sanken nach unten. Mich überraschte diese Tatsache nicht. Schließlich war sie in der Gefangennahme von Pierre und der ließ ein Bündnis zwischen ihr und einem anderen nicht zu. »In Büchern ist es immer so wundervoll. Ich würde auch gerne mal solche Gefühle für jemanden hegen.«
»Gibt es denn niemanden den du kennst?«, fragte ich überrascht. Sie schüttelte traurig den Kopf. »Warst du nicht in der Schule?«
Sie blickte zu mir. »Es war nicht solch eine Schule wie in den Geschichten, wo man miteinander lachte und in der Pause Spaß hatte. Wir hatten nie Pausen und acht Stunden Unterricht am Tag. Die Schüler durften kein Wort miteinander wechseln.« Ihre Brauen berührten einander. »Deshalb bin ich jedes Mal in die Bibliothek geflüchtet und eignete mir dort mein Wissen an.« Interessant. Also müsste Mell, laut ihrer Aussage, eigentlich sehr intelligent sein. Vielleicht sollte ich auch ein paar Bücher lesen, während meiner Zeit hier in Istrien. Hoffentlich verweigerte mir Pierre diese Chance nicht auch noch.
Ich sprang aus dem Bett, streckte mich und bemerkte, dass es Zeit war zu duschen. Im Kleiderschrank suchte ich mir warme Anziehsachen heraus und lief mit ihnen zur Dusche, die gleich drei Zimmer nebenan war.
Das furchtbare am Duschen war, dass das Wasser eiskalt auf meinen Rücken schoss. Ich konnte den Schmerz bloß fünf Minuten durchhalten und verbrauchte die doppelte Zeit um mich wieder aufzuwärmen. Pierre machte mir das Leben hier so unangenehm wie möglich. Sogar mein Essen war nur noch Rohkost, Salat und kalte Eier. Zum Trinken gab es Wasser mit Eiswürfeln. Noch nie fühlte ich mich so elend.
Als ich ins Zimmer kehrte war Mell verschwunden und ich legte mich unter die Decke. Mein Körper wärmte sich in der letzten Zeit nur sehr langsam auf. Dafür konnten die Füße den kalten Boden nicht mehr spüren, da sie zu oft nackt auf den Fliesen liefen.
Nach wenigen Sekunden fielen mir die Augen zu. Sie wurden immer träger. Aber ich ließ es mit Vergnügen zu, da ich die Hoffnung hatte, Jaiden zu begegnen. In letzter Zeit war er der Einzige, der mich glücklich machte und mir Hoffnung schenkte.
Meine Finger gruben sich in grünes Gras. Es roch herrlich. Die warme Sonne am hellblauen Himmel schien auf meinen Rücken. Ich trug dieselben Sachen wie in Istrien. Den Pullover, die Jeans und seit Neustem einen Schal.
Ein Grashalm kitzelte meine Nasenspitze und tauchte anschließend in meine Höhlen ein. Ich erhob meinen Oberkörper und nieste kräftig. Dann erblickte ich wunderschöne Birkenbäume und Ahornstämme, dessen grüne Blätter hinunterfielen. Die Kronen waren so dicht, das ich kein Haus erkannte. Schließlich drehte ich mich einmal um meine eigene Achse. Mein Blick fiel auf die kleine Lichtung, die sich komplett vom Licht einnehmen ließ. Die Farbe der Gräser leuchtete auf und dieselbe Wolldecke in ihren bunten Streifen, Punkten und den verschiedenen Tönen wartete nur darauf, dass ich Platz nahm. Der Park schien in seiner Weite unendlich zu sein. Es war nicht anders zu erwarten von einer Illusion. Geduldig wartete ich auf Jaiden. Würde er kommen oder ließ mich mein Traum ohne ihn an der Lichtung verweilen?
Im Park konnte ich auch alle akustischen Laute wahrnehmen. Vögel zwitscherten, Schatten bewegten sich, durch das Winden der Bäume, die Grashalme bogen sich in die Richtung der sanften Böen und die Strahlen der Sonne kitzelten meine Nase. Dieses Mal nieste ich jedoch nicht, sondern streckte mein Gesicht gen Himmel, stützte meinen Oberkörper mit den Armen und legte die Beine gerade auf den Boden. Wenn bloß jeder Tag wie dieser Traum sein könnte. Es fehlte bloß das letzte Puzzelteil, aber es schien eine Ewigkeit zu vergehen, als ich seine Aura hinter mir spürte.
»Jolina...«, ertönte es hinter mir und ich drehte mich zu ihm um. Wir beide strahlten uns an. Als er sich hingelegt hatte, ließ ich meinen Kopf auf seine Brust sinken.
»Du fehlst mir.« Seine Arme umschlangen meinen Körper noch fester. Ich hatte das Gefühl, das die Kälte von ihm wich oder lag das an mir? »Ich habe Angst um dich. Ich weiß nicht, ob es dir gut geht und wo du bist.« Seine Finger strichen über meine Haarsträhnen. Ein Kribbeln durchzog mich.
»Mir geht es gut.« Eine schöne Vorstellung. Ich schien mir sogar selbst in meinen Träumen noch Hoffnungen machen zu können. Wenigstens etwas an das ich glauben konnte. »Ich verspreche dir, dass du nicht länger leiden wirst. Er wird büßen müssen.«
»Wie willst du das machen, wenn ich nicht einmal weiß, ob du lebst?« Meine Stimme klang verzweifelt und gleichzeitig panisch. Mit einer Illusion zu sprechen und mir einzutrichtern, dass er mich retten würde, empfand ich auf der einen Seite gut. Aber zum Schluss zeigte sich die bittere Enttäuschung und diese schmerzte am meisten.
»Jolina!« Er stützte seinen Oberkörper mit dem Unterarm und schaute mich von oben an. Sein Gesicht glitzerte wie die Eiskristalle an meinem Fenster. Seine Hand ruhte auf meiner Wange. In seiner Stimme lag Angst. »Ich werde immer bei dir bleiben. Ein Tod wird es für mich nicht geben.«
Ja, Jaiden. Es wäre schön, wenn du unbesiegbar wärst. Aber das konntest du nur in meinen Träumen sein und die

waren auch nur eine Illusion. Ich lächelte dennoch und wollte ihm einfach bedingungslos glauben. Am liebsten täte ich das auch in der Realität. Vielleicht sei das auch die einzige Möglichkeit den Albtraum zu überleben. Was für eine Ironie! Mein Leben verwandelte sich zur persönlichen Höhle und meine Träume waren Vorstellungen meiner Wünsche. Mein Schlaf – ein Segen – die Unwirklichkeit und die Realität – ein Albtraum – das wahre Leben

. Es fühlte sich falsch an. Am liebsten würde ich den Jaiden vor meinen Augen zur Wirklichkeit machen, ihn küssen, den Geschmack seiner Lippen spüren und mir wünschen, dass dieser Moment nie aufhörte. Genau das war das Problem beim Schlafen, irgendwann wachte man auf und musste der Bitterkeit im Leben ins Auge blicken. Manchmal glaubte ich der Tod stünde über mir, beobachtete mich und wartete auf den Moment, um nach mir zu greifen. Solche Vorstellungen machten mir Angst. Ich musste aufhören mir Unfug auszudecken. Mit diesen Gedanken wechselte ich sofort zu Finn um. Wo er sich wohl in Istrien befand? Schließlich hatten sie ihn ins Flugzeug verfrachtet. Dabei wusste ich nicht einmal, ob ich keine Zwischenlandung oder Ähnliches hatte. Aufgewacht war ich in dem fremden, kalten Zimmer.
»Du weißt, dass ich dich niemals aufgeben würde. Niemals, mein Schatz.« Dabei drückte er seine Lippen auf meine Stirn und eine Träne glitt meine Wange hinunter. Er gab mir zum ersten Mal einen anderen Namen. Aber es war auch nur ein Wunsch von mir. Damit verdeutlichte mein Traum, das er eben meiner

war. Eigentlich breitete sich das Loch in meiner Brust immer mehr aus. Durch die fantasievollen Wünsche und den Albtraum im Tag entstand ein Gummiband, an dem abwechselnd gezogen wurde. Wenn ich Jaiden sah, so wie jetzt, war das Band entspannt, aber sobald die Wirklichkeit mein Bewusstsein erlangte, zog es sich endlos in die Länge. Jedes Gummiband wurde irgendwann lasch und riss schließlich in zwei Hälften. Die eine war mein Selbstbewusstsein - der Glaube an Jaiden - und die andere, eine Leere, vor der ich mich eher fürchtete, als vor Pierres Experimenten. Sein diabolisches Lächeln drang sich zwischen meine Gedanken. Jaiden entfernte ihn sofort, indem er seine Lippen auf meine drückte. Der Kuss war hauchzart und doch voller Verlangen.
»Ich muss gleich wieder gehen«, teilte er mir mit, als er von mir abließ. Ich fuhr mit meiner Hand durch seine Haare und verzog ein trauriges Lächeln.
»Ich hoffe, wir sehen uns wieder.« Er schmunzelte, stand auf und verschwand hinter einem dicken Baumstamm. Ich hasste Abschiede. Die Erinnerungen an den Aufenthalt in der Zelle und in Cassandras Zimmer zwängten sich durch meinen Kopf. Sie versetzten mir den Schmerz, der mich seit meiner Ankunft in Istrien folterte und mein Herz langsam, qualvoll in Einzelteile zerlegte.
Somit erwachte auch ich im Schlaf und Mell saß wieder vor mir. Doch sie blickte mich nur schockiert an, als ob die Ursache von mir ausging. Ich zog bloß eine Augenbraue nach oben.
»Nichts!«, bemerkte sie schnell und atmete angespannt ein. Anschließend versuchte sie wieder ein Lächeln auf ihre Lippen zu setzen, aber ich wusste, dass es gefälscht war.
»Sicher?« Sie nickte deutlich. Gleich darauf setzte sie ein kleineres Lächeln auf. »Dir ist es erlaubt die Bibliothek zu betreten. Du kannst dich dort während deiner Freizeit aufhalten.«
Ich sprang aus dem Bett und schaute sie aufgeregt an. »Lass uns gleich hingehen!«
Klar, ich war kein Fan von Büchern, aber etwas anderes zu sehen als Mauern, Schnee und Leere, war wie ein Geschenk für mich. Seit einer Woche gab es nur mich, Mell und dieses Zimmer, sowie die Kühltruhe, in der ich mich jeden Tag quälte. Außerdem wollte ich ein wenig die Schule auffrischen, falls ich sie jemals wieder besuchen sollte. Mir hätte bloß ein halbes Jahr gefehlt und ich hätte meinen Abschluss geschafft.
Mell öffnete die Tür und auf dem Boden befanden sich die gleichen Fliesen wie in meinem Zimmer. Die Wände wurden von hohen Regalen verdeckt, Bücher in verschiedenen Farben und Formen füllten die Reihen. Ein einziges, großes Fenster in diesem gigantischen Raum wurde durch einen roten Vorhang verdeckt. Altertümliche Farben, wie beige oder hellbraun schmückten die Atmosphäre. Links verlief eine kleine Treppe zu einer erhöhten Ebene. Darauf befanden sich weitere kleinere Regale. Außerdem standen im restlichen Raum Sessel, Stühle und Tische herum. Niemand schien hier zu sein. Stille legte sich in den Saal.
»Wow, so eine riesige Bibliothek habe ich ja noch nie gesehen«, bemerkte ich und war noch immer perplex.
»Tja, deshalb komme ich gerne hier hin. Es ist still, man hat viel zu lesen und man kann sich sogar entspannen.«
Ich trat zum Fenster. Als ich den schweren Vorhang zur Seite zog, blendete mich das leuchtende Weiß des Schnees. Es war nachmittags. Ich schloss ihn wieder und wandte mich zum nächst gelegenen Regal. Dort fuhren meine Fingern über die Einbände. Staub hatte sich in all den Jahren auf ihnen abgesetzt. Sie waren sortiert nach Kategorien. Meine Kuppel berührte gerade das Buch ›Wesen und ihre Eigenschaften‹. Vermutlich auf einer wissenschaftlichen Ebene.
»Hier hoch, Jolina!«, rief Mell von weitem und wank mich auf die erhöhte Ebene. Ich bestieg die niedrigen Treppen. Die Fläche wurde am Rand durch ein Holzgeländer gesichert. Die Stäbe waren verschnörkelt. »Pierre sagte einmal, alle Bücher, die hier stehen, hätte er alle gelesen.«
Verdutzt blickte ich sie an. »Und? Glaubst du’s?«
Sie nickte unerwartet. »Pierre ist schon über sechshundert Jahre alt. Wie lang er genau schon auf der Welt ist, weiß niemand. Wir wissen nur, dass er als Mensch auf die Welt kam.«
»Ein Urvampir?«, fragte ich.
Sie nickte erneut. »Er ist der letzte seiner Art. Die anderen verunglückten zum Tode.« Ich runzelte die Stirn. Wie denn das? Mell ahnte meine Frage und wir liefen zwischen den Regalen umher. »1378 stürzte der Meteorit auf die Erde.« Ich hoffte kein Geschichtsunterricht würde beginnen. »Er war damals ein Pfarrer einer kleinen Kirche. Er studierte die Bibel und interessierte sich für jedes andere noch so unbedeutende Buch. Dann begann er sie zu sammeln und die ersten Bücherreihen stauten sich in seinem Haus an. Dann kam der Meteoritenaufschlag. Er verwandelte sich so wie die anderen in ein Wesen. Naja, außer die Hinterbliebenen.«
Ich stutzte. »Wer?«
Sie drehte sich zu mir um. »Die Hinterbliebenen. Noch nie Religion gehabt? Die Menschen glaubten an Gott und hielten ihn für den Größten.« Sie machte eine Pause und seufzte. »Aber nicht jeder Mensch konnte dem Meteoriten widerstehen und Mensch bleiben. Die Macht hatte den Körper übernommen, ausgelaugt und ihn in ein Wesen verwandelt, das nur aus Knochen und Haut bestand.«
Ich versuchte mir ihre Beschreibung vorzustellen. »Gibt es sie?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Genauso gut könntest du fragen, ob es Gott gibt.« Ich nickte verstanden. Wesen die nur aus Haut und Knochen bestanden... Allein der Gedanke war schauderhaft. Wie sahen diese Geschöpfe aus? Waren sie gefährlich?
»Auf jeden Fall scheint Pierre eine richtige Ruine zu sein.« Anschließend blieb sie abrupt stehen. »Verzeihung! So etwas dürfte ich nicht sagen. Ich rede nie schlecht über ihn.«
Ich kicherte vergnügt. »Mir gefällt’s!« Wir lachten anschließend zusammen und ich hatte das Gefühl, Mell langsam die Augen zu öffnen. Ich wollte, dass sie begriff, dass Pierre niemals ihr Ersatzvater sei und er sie nur für Experimente missbrauchte.
Mells Arme steckten sich in die Höhe. »Suche dir ein Buch aus.« Sie gähnte. »Ich gehe ein bisschen schlafen.« Als sie an mir vorbeilief, klopfte sie auf meine Schulter. »Bis dann, Jo!« Anschließend verschwand sie geschwind und ich blieb allein zurück.
Mit meinen Augen flog ich flüchtig über die Buchstaben, prägte mir die Farben der Einbände ein und übersah einige.
Mich interessierten ein paar Titel: Wie entstand die Erde? Der Meteoritenaufschlag. Dämon – Ein Wesen. Vampire – Blutsauger oder angenehme Bettlaken? Zaubern lernen, leicht gemacht. Gefährlichsten Krankheiten der Welt. Menschen. Die Hinterbliebenen.

Abrupt blieb ich am letzten Buch hängen und zog es aus dem Regal. Ich schlug die ersten paar Seiten auf. Das Papier war alt und zerknittert. Aus dem weiß wurde ein orange-braun. Es schien schon häufiger benutzt worden zu sein. Die Schrift war verschnörkelt und mit schwarzer Tinte geschrieben. Das Schreibmaterial war eine Feder, das erkannte ich an der Schreibart. Außerdem klebten kleine Fasern an den Seiten. Unglaublich was ein Dämonenauge sah. Der Schreiber drückte die Feder mit viel Druck auf das Papier. Meine Kuppeln konnten jede Unreinheit darauf spüren.
Als ich die Seiten durchblätterte, entdeckte ich auch Bilder, die ebenfalls mit derselben Tinte gemalt wurden. Ich konnte alle Rassen erkennen, eine damalige Rangordnung und schließlich tauchten, in der Mitte des Buches, die ersten Wörter über die Hinterbliebenen auf. Sie wurden als Tote angesehen, dessen Körper von der Kraft des Meteoriten aufrechterhalten wurde. Die Haut färbte sich in eine faulige, dunkelgraue Farbe. Die Augenhöhlen waren leer und schwarz. Ihre Knochen ragten deutlich durch die Haut, als ob man eine Folie darüber legte. Ernähren taten sie sich durch die Kraft anderer Wesen. Aber hier stand weder wie sie es taten, noch wo sie lebten.
Wie gebannt flogen meine Augen über die Zeilen. Ich hatte noch nie von dieser Legende gehört. Nach sechshundert Jahren hätte jemand diese Wesen doch sicher gefunden. Vier Milliarden Geschöpfe konnten diese Hinterbliebenen schlecht übersehen haben, oder? Ich zog meine Augenbrauen zusammen und blätterte weiter. Es standen ansonsten nur weitere Argumente drinnen, Zeugenaussagen von Wesen oder Ängste der Bewohner. Man konnte noch nicht einmal einen Standort festlegen. Vermutlich existierten sie tatsächlich nicht und es blieb bei einer simplen Legende.
Ich steckte das Buch wieder zurück und prägte mir den Ort ein, an dem ich es fand. Vielleicht würde ich zu einem späteren Zeitpunkt drauf zurückgreifen wollen.
»Interessant, nicht wahr?«, fragte eine mir bekannte Stimme, die sich offensichtlich hinter mich gestellt hatte. Ich zuckte erschrocken zusammen und drehte mich vorsichtig um. Pierre stand hinter mir. Wie konnte er sich so unbemerkt an mich heranschleichen? Nicht einmal einen Luftzug und einen Schatten konnte ich wahrnehmen. Mell hatte Recht. Pierre war unglaublich mächtig.
»Ja.« Ich räusperte mich und drehte meinen Körper ganz zu ihm. Wieder lag dieses lästige, diabolische Lächeln auf seinen Lippen. »Ich schaue mich bloß etwas um. Hier gibt es viele interessante Dinge.«
Anschließend lief ich am Regal entlang. Pierre folgte mir dennoch. »Ich glaube eher, das du etwas hier zu finden hoffst, Jolina.« Wie kam er denn auf diese Idee? Eigentlich hatte ich vorgehabt mich mit Büchern zu beschäftigen. Womöglich deutete er damit meine Fluchtversuche an, die mir ständig durch den Kopf gingen. Aber sie scheiterten immer wieder. »Ich denke in letzter Zeit haben sich in deinem Gehirn viele Fragen angehäuft und ich wäre bereit dir die ein oder andere zu beantworten.«
Schlagartig blieb ich stehen und blickte ihn mit einem unverhofften Blick an. Das nenne ich ein Angebot

! Aber vielleicht könnte er sich ein Bild daraus machen, wie ich mich zurzeit fühlte. Wenn Pierre wusste, was ich dachte, könnte mir seine Anwesenheit zum Verhängnis werden. Manchmal glaubte ich, er könnte Gedanken lesen. Aber er war ein Vollblüter. Nur Phynes konnten Finals – eine einzigartige Fähigkeit – beherrschen. Meines hatte ich nun gefunden.
»Gut, dann fangen wir mit der Ersten an.« Klang wie die Ansage in einer Quizshow. »Wieso möchtest du mir Vampirgene einpflanzen? Denkst du, dann würde ich dich anfangen zu mögen? Das würde nicht einmal passieren, wenn ein Vollblüter wäre.«
Er zog seine Mundwinkel nach oben und legte die Hände während dem Gehen hinter seinen Rücken. Seine Augen fixierten sich auf den Boden. »Das kann ich dir sagen. Du wirst für mich kämpfen müssen. Deshalb möchte ich, dass die beste Kriegerin gegen die Temperaturen immun ist.« Er schaute bei einem Aufatmen zu mir. »Bevor du dich beschwerst und versuchst dagegen anzukämpfen, vergiss nicht, dass ich die Macht habe dir deinen Willen zu unterbinden.«
Ich lachte höhnisch auf. »Du wirst mich niemals kleinkriegen. Was ich in dir sehe, Pierre, ist nur Hass und Vergeltung. Ich weiß nicht, was dich so wütend gemacht hat, aber anscheinend möchtest du sogar dafür einen Krieg anfangen.«
»Vielleicht macht mir das Spiel mit dem Tod auch Spaß.«
Ein wirklich absurder Gedanke. Wie konnte man sich mit kämpfen vergnügen? Wurde er damals so aufgezogen? Ich dachte an Mells Worte. Pierre ist schon über sechshundert Jahre alt. Wie lang er genau schon auf der Welt ist, weiß niemand. Wir wissen nur, dass er als Mensch auf die Welt kam.

Die Gefühle der Menschen wurden auf unsere Wesen übertragen. Aber bei Pierre hatte ich den Verdacht, dass Hass und Rache geblieben waren. Wo war das Mitleid, die Liebe, das Glück? Dass Vampire eitel waren, wusste ich schon, aber trotzdem besaßen sie noch das Gute in sich. Jaidens Mutter war so jemand. Sie kämpfte für ihren Sohn, lief sogar nach Maggon um ihn dort an seinen Vater abzugeben. Schließlich hatte Pierre sie töten lassen, auf die grausamste Weise.
»Gleich drauf die nächste Frage. Wie lange willst du mich hier gefangen halten? Ich werde sofort die Flucht ergreifen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Das wusstest du schon, bevor du mich gefangen nahmst«, erklärte ich und versuchte ihn so ernst wie möglich anzuschauen.
»Du hast zwar versprochen dich zu benehmen und dich meinem Willen zu beugen, aber ja, mir war klar, dass du fliehen würdest.«
»Und du kannst nichts dagegen tun.«
Er lachte spottend und legte ein höhnisches Lächeln auf die Lippen. »Wie wenig du weißt, Jolina ... Sobald du völlig immun gegen Eis geworden bist, werde ich dich woanders belehren.«
Ich zog meine Augenbrauen in die Höhe und blickte ihn entsetzt an. »Du willst mich belehren? Keineswegs. Ich lasse mit mir zwar experimentieren, aber mir auch noch etwas anzueignen, das von dir stammen könnte, würde ich niemals akzeptieren. Du bist und bleibst mein Feind. Für immer!« Die letzten zwei Wörter sprach ich mit sehr viel Boshaftigkeit aus. Sein Lächeln verschwand und Kälte strömte in sein Gesicht.
Wir sahen uns schweigend an, als ob jeder dem anderen noch viele Fragen an den Kopf werfen wollte. Aber was in seinem Schädel vorging, konnte ich nicht erraten. Was hatte er wirklich vor? Wohin würde er mich schicken? Zu seinen Meeresfreunden? Zu den Schlangen? Den Wölfen? Mich schauderte es. Seitdem ich wusste, dass sie Verbündete von ihm waren, sollte niemand von ihnen mir unter die Augen treten. Ich konnte keinen ausstehen.
»Ich hätte auch eine Frage, Jolina«, begann er und durchbrach die Stille zwischen uns. Erwartungsvoll blickte ich ihm in die hellblauen Augen. Sie wirkten nicht wie Jaidens – freundlich, schön - sondern düster und boshaft. Ein Schauder lief meinen Rücken hinunter. »Denkst du, dass deine Mutter dir die volle Wahrheit erzählt hatte? Alles?«
Ich senkte kurz meine Lider. Warum wollte er das wissen? Was gäbe es denn noch, das ich wissen sollte? »Keine Ahnung. Aber vielleicht wäre es auch besser, nicht gleich die ganze Wahrheit zu kennen. Meine Mutter hatte bestimmt ihre Gründe dafür.«
»Da bin ich mir sicher.« Er schielte zu den Treppen, blickte mich kurz an und atmete ein. »Wir sehen uns morgen.« Dann verschwand er einfach vor meinen Augen. Er war sehr schnell und daher ein beinahe viel zu schwerer Gegner für mich.
Aber im Moment plagte mich die Sorge, dass er vorhatte mich als seine Spielfigur an oberster Front auf das Brett zu stellen. Wollte er eine Kampfmaschine aus mir machen? Eine blutdurstige Bestie? Das würde ich nicht zulassen. Kein Mittel auf der Welt könnte mich zum Töten zwingen. Die einzige Person, die jemals durch meine Hand sterben würde, war er selbst.
Ich seufzte und lief zurück in mein Zimmer.

Halbes Blut




Es waren ganze acht Wochen vergangen, als ich das letzte Mal Maggon gesehen hatte. Aus Langweile hatte ich auf dem Briefpapier für jeden einzelnen Tag einen Strich gemacht. Wenn Mell keine Zeit hatte, meine Tests ein Ende fanden, schrieb ich Briefe an die Personen, die ich vermisste. Die meisten waren an Jaiden.

Hey,

Es sind einige Wochen vergangen. Manche schnell, manche langsam. Nach dem 24. Tag spürte ich wie der Schmerz allmählich verging. Irgendwie wurde die Kälte zur Gewohnheit. Im Pullover war es mir zu warm, also laufe ich nur noch in T-Shirts herum. Nach der 8. Woche zieht sich der Schmerz zurück. Mir macht das ziemlich Angst. Ich muss Mell fragen, was für ein Gefühl es ist keinen Schmerz mehr von Kälte und Hitze zu spüren. Außerdem zeigt sich Pierre immer seltener. Er taucht nur einmal in der Woche auf und schaut nach mir. Hat er viel zu tun? Oder plant er wieder etwas? Ich werde aus ihm nicht schlau. Er behandelt mich einerseits wie einen Gast, gibt mir Nahrung, ein Zimmer, eine Aufpasserin und ich darf mich sogar noch in anderen Abteilungen des Schlosses vergnügen, anderseits bin ich aber auch sein Experiment. Was soll das? Bin ich jetzt sein Versuchskaninchen oder seine Mitbewohnerin?
Aber Jaiden ... wo bleibst du? Nachts träume ich immer von dir. Wir unterhalten uns, liegen nebeneinander und am liebsten würde ich nie wieder erwachen. Manchmal sind die Träume so unglaublich schön, dass ich anfange zu weinen, wenn ich wieder in meinem realen Leben aufwache. Ihr fehlt mir alle so unglaublich! Ich vermisse dich

besonders. Ich möchte dich wiedersehen. Bitte hol mich aus dieser Hölle!

Jolina


»Oh Mann...« Eine kleine Träne tropfte auf das Papier und ich faltete es sofort zusammen, als ich draußen auf dem Flur deutlich Schritte hörte. Vielleicht war es Mell. Ich wollte nicht, dass sie etwas von meinem grausigen Zustand wusste. In ihrer Gegenwart blieb ich so gelassen und munter wie nur möglich. Der Brief verschwand schnell in der Schublade und im nächsten Augenblick saß ich im Bett.
Jemand klopfte an, ich bat ihn hinein und Mell tauchte auf. Sie lächelte und stand im nächsten Augenblick neben mir am Bett.
»Wie geht’s dir?«, fragte sie.
»Besser. Ich spüre kaum noch die Kälte.«
Sie kratzte sich beschämt am Kopf und blickte zur offen stehenden Tür. Ihre Finger tippten nervös aufeinander und schließlich schlug sie in Windeseile die Tür zu und setzte sich neben mich. Ihr Verhalten ließ mich stutzig werden.
»Jolina, mag sein, das du die erste Hürde überstanden hast, aber das ist nicht alles. Die Vollendung dauert weitere zwei Monate.« Ich seufzte genervt. War es nicht anders zu erwarten? »Du wirst dir in den nächsten Wochen Vampireigenschaften aneignen. Wie zum Beispiel das Verlangen nach Blut.« Im selben Moment atmete ich ein und verschluckte mich an meiner eigenen Spucke. Mell klopfte auf meinen Rücken. »Eigentlich darf ich dir das gar nicht sagen, aber du kannst ja bestimmt schweigen, oder?«
Ich nickte beklommen. Meinte sie das ernst? Ein Vampir? Ich werde Blut trinken müssen? Wie konnte das sein? In meinem ganzen Leben hätte ich nicht einmal daran gedacht das Verlangen nach Blut zu spüren. Musste ich dann ab und an meinen Durst stillen, indem ich jemand aussaugte? Gespannt starrte ich sie weiterhin an.
»Ich weiß, das klingt vollkommen unmöglich für dich, aber ich hatte nicht anders gedacht. Das Gute daran ist, das du nur beim ersten Mal nicht aufhören kannst zu trinken, deshalb wird jemand dabei sein und dich womöglich aufhalten müssen.« Sie senkte ihren Blick und dachte scharf nach. »Pierre hatte vorhin gemeint, dass es bei dir nicht nötig wäre. Die Vampirgene in dir wäre zwar sehr ausgeprägt, dennoch könntest du sie besser unter Kontrolle haben als ein Vollblüter oder ein Halbwesen.«
Ich zog eine Augenbraue hoch. »Ich bin doch eines!«
Sie schüttelte den Kopf. »Nicht mehr. Du bist zur Hälfte Magier und Dämon, aber ein Drittel davon nun Vampir. Dein Körper akzeptiert die Gene besser als erhofft. Wir hatten noch nie jemanden wie dich. Es ist uns auch ein Rätsel, warum dieses Experiment nur bei dir so funktioniert.« Sie blickte mir fixiert in die Augen. »Pierre weiß den Grund.« Ich rückte gespannt zu ihr näher. »Er denkt, dass du durch Cassandra, einer Regentin und durch die Macht einer Urdämonin, so stark bist.«
Allein der Gedanke, dass ich keine Phyne mehr war, ließ mich schaudern. Ich fühlte mich schon als Halbwesen unrein, aber nun gab es ein neues Gefühl, das ich mit Worten nicht beschreiben konnte. Ich war nichts Halbes und auch nichts Ganzes. Was war ich dann? In mir steckten drei verschiedene Genen. Mein Wesen war etwas Undefinierbares, das zum ersten Mal in dieser Welt zu Stande kam. Nur durch die Wissenschaft und das Blut meiner Mutter konnte man aus mir etwas völlig Neues gestalten. Auch wenn sich mein Körper verändern mochte, ich war noch immer ich.
»Heißt das, ich bin jetzt ein Supermischling?«
Mell lachte auf. »So in der Art.«
In den nächsten Minuten fanden wir keine Worte, sondern jeder kümmerte sich um seine eigenen Gedanken. Mell schien etwas zu beschäftigen, denn sie seufzte ständig und hüpfte zum Schluss aus dem Bett.
»Jo, ich muss dir etwas sagen.« Wie gebannt blickte ich sie an. »Ich habe schon mein Final. Willst du wissen, was es ist?« Ich nickte zögernd und atmete tief ein. »Ich kann in Träume sehen.«
Mir stockte sofort der Atem bei ihren Worten. In Träume? Wie? Heißt das, sie wusste über mich und Jaiden Bescheid? Wie viel hatte sie gesehen? Dann waren meine Vermutungen vergebens. Sie wusste bereits wie ich fühlte.
»Was hast du alles mitbekommen?«
Sie schluckte angespannt. Mir war klar, dass es selbst ihr unangenehm war darüber zu sprechen. »Nicht sehr viel. Manchmal konnte ich einfach nicht in deine Träume sehen, weil sie...« Sie atmete hastig ein und aus, drehte mir den Rücken zu und wischte etwas in ihrem Gesicht weg. »Ich kann nicht nur sehen, Jolina. Ich kann auch fühlen! Wenn du Albträume hattest, konnte ich jeden einzelnen Schmerz nachvollziehen, einfach alles. Ich habe auch diesen Jungen gesehen, den du Jaiden nennst. Er ... nein ...« Sie schluchzte leise, nahm wenige Atemzüge und drehte sich schließlich wieder zu mir um. Ihre Wangen waren errötet und feucht. Die Augen noch glasig von den Tränen.
Irgendwie empfand ich es als Trost, dass sie meine Gefühle verstand. Schließlich fühlte ich mich so unglaublich allein in diesem Schloss, das Heimweh, ein Loch in meiner Brust und Einsamkeit meinen Alltag begleiteten. Für solche Gefühle musste man doch Verständnis haben. Wenn es wenigstens einen weiteren Halt gäbe. In den acht Wochen war mir Mell sehr ans Herz gewachsen und eine gute Freundin geworden. Wenn ich hier jemals verschwinden würde, dann mit ihr. Ich wusste, dass sie selbst aus dieser Einöde wegwollte, aber sie gab es niemals zu, da sie einmal meinte, dass Wände Ohren hatten.
Ich stieg aus dem Bett, stellte mich vor sie und schaute sie mit einem bemitleidenswerten Ausdruck an. Anschließend nahmen wir uns in die Arme. »Du darfst nicht mehr in meine Träume sehen, Mell, wenn sie dich quälen. Ich

muss schon mit ihnen klar kommen, dann will ich dich nicht auch noch mithineinziehen. Ja, es stimmt. Ich habe meistens Albträume und nein ich finde es nicht gut hier. Es ist grausam! Du bist die Einzige, die den Tag einigermaßen angenehm macht. Ohne dich wäre ich vermutlich längst eine leere Hülle. Also danke, Melodie.« Ihre Arme schlangen sich fester um mich. Sie schluchzte erneut.
»Dank dir stelle ich mir des Öfteren Fluchtpläne zusammen«, sagte sie und lachte kurz. »Aber sie misslingen irgendwie immer.«
Wir beiden hatten zwar die Augen mit unseren Tränen gefüllt, aber dieser Moment schweißte uns beide nur noch enger zusammen. Mell hatte zugegeben, dass sie schon seit Jahren aus Istrien fliehen möchte. Ich war praktisch der Schubs in die richtige Richtung für sie. Außerdem wusste sie schon seit Längerem, wie ich mich wirklich fühlte und das wir fliehen mussten. Aber Pierre stand uns mit allen Mitteln im Wege. Jeder Zugang wurde uns verwehrt. Überall waren Wachen positioniert.
Wir ließen uns schließlich los. »Wenn wir bloß irgendwie zu den Phynes könnten. Damals, als Pierre viel Vertrauen zu mir hatte, durfte ich eine Gruppe von ihnen betreuen. Sie sind im Keller und haben vor zwanzig Jahren einen Schacht unter der Erde gebaut, der aus dem Schloss hinausführt.« Ihre Stimme wurde immer leiser. Schließlich war sie für das Magierohr nicht mehr hörbar, für einen Dämon schon. »Ich kenne jemanden der gegen elf Uhr abends eine kleine Gruppe Phynes nach unten führt und sie zum Halbes Blut

begleitet.« Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute ich sie an. »Es ist eine Art geheimer Vergnügungsort für Halbwesen. Durch einen Scanner werden die Vollblüter von dem Ort ferngehalten.« Ich legte meine Hand an mein Kinn.
»Was gibt es dort so?«, fragte ich neugierig.
»Genau die Sachen nach deinem Geschmack. Eine Disko und ein Casino.« Ich hob die Augenbrauen. Bevor ich die Frage stellen wollte, woher sie diese Dinge wusste, fiel mir sogleich die Antwort ein. Meine Träume

. Ihr Blick fiel auf die Armbanduhr. »Okay, wir haben noch gute drei Stunden. Mach dich soweit fertig und ich werde dich gegen zehn Uhr abholen. Wir werden es noch schaffen in den Keller zu gelangen.« Bevor sie gehen wollte, hielt ich sie am Arm fest und dachte nur für einen kurzen Augenblick daran ihr mein Final zu zeigen, als es dann schon passierte. Ihre Augen wurden noch größer. Besonders, als sie bemerkte, dass ein Teil ihrer Hand verschwunden war. Mein kompletter Körper, samt meinen Kleidern, war unsichtbar. Sie sog Luft ein und hustete anschließend.
»Krass!« Ihr Mund klappte zusätzlich auf. Aber sie hatte keine Angst, sondern war eher von meinem Final fasziniert. Sie fuhr mit der Hand an meinem Arm entlang. Abwechselnd hob und senkte sie ihre Finger, die darauf ruhten. Dadurch waren sie mal sichtbar und dann wieder nicht. »Kannst du mich auch unsichtbar machen? Ich meine, die Hände kannst du miteinschließen, aber auch den Rest meines Körpers?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich hatte noch keine wirkliche Zeit und den Mut es in meinem Zimmer zu üben.«
Sie fasste sich nachdenklich ans Kinn. »Okay, gut, dann lass uns es wenigstens versuchen.«
Ich ergriff ihren Arm und versuchte daran fest zu glauben ihren gesamten Körper mit meinem Final zu überdecken. Aber mehr als den Arm schaffte ich in der nächsten Stunde nicht.
»Tut mir echt leid«, sagte ich schließlich und keuchte vor Anstrengung.
Mell schüttelte den Kopf. »Das war gut! Wenn du weiter trainierst, kannst du eines Tages mehrere Körper mit deiner Fähigkeit miteinbeziehen. Keine Sorge. Wir werden das üben.« Ihr Blick fiel zur Tür. »Ich werde in einer Stunde zu dir kommen. Okay?«
Ich nickte und sie verschwand vor meinen Augen. Die Tür fiel hinterher zu.

Ich stellte mich vor den großen Spiegel und betrachtete mich intensiv. Meine Lider waren mit einem dunklen Lidschatten bestrichen, die Wimpern getuscht und die Haare lagen offen über meiner Schulter. Sie waren länger geworden. Sie gingen mir bis zu meiner Elle. Ich trug ein dunkelblaues, trägerloses Oberteil, worüber ich einen schwarzen Cardigan mit weißen Knöpfen stülpte. Meine Hose war eine enge, schwarze Röhrenjeans. Aber ich hatte keine passenden Schuhe.
Mell schoss ins Zimmer, leise. Sie blickte auf mein Outfit, dann auf die Haare und das Gesicht und schließlich zu meinen nackten Füßen.
»Wow! Das passt sogar«, sagte sie erfreut. Ihre Zusammenstellung hatte aber auch Stil. Jedoch ging ihre Wahl Richtung Eleganz. Sie trug ein knalliges, rotes Cocktailkleid mit einer schwarzen Hautstrumpfhose. Ihre Stöckelschuhe waren aus Lack und sehr hoch. Ihre Augen waren ebenfalls dunkel geschminkt. Sie sah dadurch sehr erwachsen aus. Beinahe wie eine Lady. Ihre Mahagoni Haare gaben dem Ganzen etwas Düsteres, aber auch Ernstes. Sie grinste.
»Bevor du vor Neid platzt, lass uns lieber schnell Schuhe finden und dann verschwinden«, scherzte sie und wir beide lachten. Sie begab sich zu meinem Kleiderschrank, nuschelte etwas und tauchte schließlich immer tiefer in meine Kleiderwelt ein. Irgendwann kam sie wieder zum Vorschein und hielt zwei dunkelblaue Ballerinas in der Hand. Sie passten sich meinem Oberteil an. Ich schlüpfte hinein und folgte ihr. Bevor wir das Zimmer verließen, begab sie sich zu meinem Bett. In schnellen Bewegungen stopfte sie mehrere Kissen unter die Decke und ließ das Ganze wie eine schlafende Jolina wirken.
»Nur für den Fall!«, grinste sie und schob mich leise aus dem Zimmer. Mein Bauch kribbelte. Schon lange hatte ich nicht mehr so viel Spaß gehabt. Damals schlich ich mich ebenfalls aus der Wohnung, um auf Partys oder zu Freunden zu verschwinden. Vor allen Dingen machte ich mir nichts aus dem Ärger, den ich kriegen könnte, wenn wir erwischt wurden. Wollte Pierre mich deswegen foltern lassen? Eher weniger. Er brauchte mich und zwar mit all meinen Kräften und im besten Zustand.
Wir schlichen durch den nur sehr gering beleuchteten Flur und ich biss mir auf die Lippe, damit ich nicht kichern musste. Mir gefiel es etwas Unerlaubtes hinter Pierres Rücken zu tun. Ich hatte das Gefühl mich dadurch zu rächen oder ihn zu ärgern. Mell nahm meine Hand und blickte vorsichtig um die Ecke, als wir abbiegen mussten. Aber eine Wache stand dort.
»Verdammt!«, fluchte sie und ballte wütend die Fäuste. »Wir müssen hier durch. Es gibt sonst keinen anderen Weg. Ich überlegte und erblickte zur Tür am Ende des Ganges. Er bräuchte bloß eine kleine Ablenkung. Ich schaute zu Mell.
»Stell dich bitte hinter die andere Ecke des Ganges. Ich mache das schon!« Zuerst warf sie mir einen unsicheren Blick zu, aber verstand hinterher, dass sie mir vertrauen sollte. Als Mell verschwand, lief ich zu der Wache, die schon sofort auf mich zukam. Im nächsten Augenblick befand sie sich vor mir. Er trug dasselbe blaue Outfit, wie damals die Wachmeister in der weißen Zelle, mit denen ich mich unterhalten hatte.
Beschämt strich ich mein Haar hinter das Ohr. Hoffentlich fiel ihm mein augenmerkliches Outfit nicht auf. »Gut, dass ich jemanden antreffe. Ich suche den Weg zurück in mein Zimmer. Ich bin eine von den Phynes.« Er hob eine seiner schwarzen Augenbrauen.
»Du dürftest gar nicht hier sein«, entgegnete er. Das wusste ich selbst. Mit meinen grünen Augen funkelte ich ihn an.
»Ja, ich weiß. Ich kam gerade von einer Durchführung in einem Labor. Jemand sollte mich abholen kommen, aber es kam niemand, also wollte ich auf eigene Faust losziehen.«
Er überlegte scharf und nickte anschließend. »Hier entlang!« Er begleitete mich und wir bogen einen Gang weiter ab. Mit einem Zeichen gab ich Mell zu verstehen, dass es ihr Stichwort war. Sie nickte und als wir um die Ecke gingen, schlich sie mit ihren Stöckelschuhen in der Hand in den Gang hinein.
Nach wenigen Minuten deutete er mir zu einer Tür. »Dort triffst du auf jemanden, der dich zu deiner Zelle geleitet«, sagte er schließlich und ich nickte, während ich mich bedankte. In diesem Moment als er mir den Rücken zudrehte, machte ich mich unsichtbar. Wie eine Katze schlich ich an ihm vorbei und als ich einen guten Vorsprung hatte, sprintete ich zum vorherigen Gang. Leise betrat ich den nächsten Raum, wo mich Mell schon erwartete.
Ich keuchte, aber nicht vor Anstrengung, sondern vor Anspannung und Nervosität. »Gut, das wäre überstanden.«
»Ich wusste, dass dein Final noch nützlich sein würde«, kicherte sie, nahm meine Hand und führte mich weiter durch die leeren und antiken Gänge, die bloß aus Pflastersteinen und grauen Mauersteinen bestanden. Anschließend kamen wir zur Treppe und liefen im Kreis die Stufen hinab. Unten angelangt, klopften wir an eine Tür. Mell stand davor und eine Klappe wurde geöffnet. Zwei hellblaue Augen beäugten uns, anschließend wollte jemand die Zugangswörter wissen. »Toben, fauchen, fliegen, schleichen, ...«
»...sprechen, feuern, schwimmen, spucken.« Ich zog verwirrt eine Augenbraue nach oben. Was war denn das bitte für ein Unsinn? Alles zusammen ergab überhaupt keinen Sinn. Die Klappe fiel zu und die Tür wurde uns geöffnet. Wir durften den Raum betreten und nur gleißendes Licht erhellte die leere Halle in der wir standen.
»Lange nicht mehr gesehen, Mello«, sagte der Kerl mit den blauen Augen. Nach seiner Aura zu urteilen, war er ein halber Vampir. »Wundert mich, dass du das Passwort noch kennst.«
Mells Grübchen zeigten sich. »Noch immer der Türsteher, was Toni?«
Er lachte spottend, vermutlich über sich selbst. »Scheint so.«
Wir liefen durch einige andere Räume, gelangten jedoch in einen etwas helleren und standen vor einer großen Menge Phynes.
Mell atmete erleichtert aus. »Noch rechtzeitig geschafft.« Ich beäugte die vielen Mädchen und Jungen. Sie trugen ebenfalls Cocktailkleider und schicke Sachen. Wollten alle in diesen Club namens Halbes Blut

?
Der Boden war holprig, da er aus den unebenen Pflastersteinen war, wie die im Flur. Die Wände waren grau und mit Mauersteinen zusammengestellt. Außerdem schien es eine unbenutzte Bibliothek zu sein. Etwas anderes konnte ich nicht sehen, denn die Menge versperrte mir die Sicht auf den restlichen Raum. Mell zog mich in eine Ecke, damit wir nicht weiter vor der Tür standen.
»Ich kann nicht glauben, dass all diese Phynes in den Club wollen«, sagte ich und blickte erneut über die Menge. Durch die verschiedenen Gespräche wurde der Raum laut.
»Naja, sie alle machen dasselbe durch wie wir. Sie sind Experimente und versuchen ebenfalls das Beste aus ihrem Leben zu machen. Der Club ist daher eine angenehme Abwechslung. Man kann wirklich Spaß haben und sogar sein eigenes Geld in den Casinos verdienen. Natürlich nur, wenn man auch gut ist.« Ihr Blick fiel zur Tür. »Toni spielt schon seit Jahren und macht eher Schulden als Gewinn. Daher leistet er sie jetzt jeden Tag mit Türstehen ab.« Sie kicherte. »Aber er ist trotzdem ein feiner Kerl.« Ihr Blick wanderte wieder zu mir und dann zu den ganzen Leuten. »Jeder hier möchte frei sein.«
Wenn ich Pierre eines Tages umbrachte, würde jeder von ihnen sein eigenes Leben aufbauen können. Das Phyne-Gesetz würde nicht mehr existieren und jeder könnte so leben wie er es gerne möchte. Allerdings würde vorerst ein großer Mangel an Arbeitsplätzen herrschen, also Arbeitslosigkeit. Das meinte damals mein Vater. In solchen Sachen war er eher optimistisch.
»Noch fünf Minuten«, warnte Mell vor und verschränkte ungeduldig ihre Arme vor der Brust.
»Weiß eigentlich irgendjemand von den Vollblütern hierüber Bescheid?«, fragte ich neugierig.
»Niemand. Pierre weiß zwar von einem Club für Phynes, aber wir sind viel zu eng aneinander gebunden, als das irgendjemand etwas verraten würde.« Sie senkte traurig ihren Blick und zog die Mundwinkel nach unten. »Toni musste deswegen eine Woche lang eine grausame Folter durchhalten. Pierre glaubte, dass er etwas wusste. Toni hatte dicht gehalten. Seitdem verschweigt hier jeder das Geheimnis. Denn was Toni geleistet hatte, war Heldenmut und Kameradschaft. Jeder nahm sich an ihm ein Bespiel. Sogar ich.« Zum Schluss lächelte sie kurz auf. Mir stockte jedoch nur der Atem. So brutal ging Pierre vor? Was musste jeder Phyne hier schon aushalten? Für jeden von ihnen empfand ich Mitleid. Ich wusste was Folter war. Erst wenn man es am eigenen Körper spürte, bemerkte man, wie auch jedes noch so kleine Stück Leben aus einem entzogen wurde. Wenn man nicht aufpasste, war man nur noch eine leere Hülle. Etwas, vor dem ich sehr große Angst hatte.
Dann wurde die Tür aufgestoßen und leuchtend gelbe Augen betraten den Raum. Ich konnte mich nicht von ihnen abwenden. Es war ein Kerl mit kastanienbraunen Haaren. Sie waren an der Seite kürzer, als auf der Kopfspitze. Sie wurden so frisiert, dass sie halbwegs abstanden und ihn gutaussehend wirken ließen. Er hatte seine Mundwinkel zu einem Grinsen verzogen und eine Hundemarke um seinen Hals. Er war also auch ein ehemaliger Krieger gewesen. Sein Tanktop war schwarz und die Hautfarbe lebendig. Ein Vampir konnte er schon mal nicht sein. Die gelben Augen ließen mir zeigen, dass er ein Werwolf oder ein Basilisk sein musste. Die lockere Hose mit dem verblassten Tarnmuster hatte er in schwarze Stiefel gestopft. Dadurch wirkte er erst recht wie ein ehemaliger Soldat.
Er blickte nur kurz zur Menge - uns sah er nicht, da war links in der Ecke standen. Die Phynes machten ihm Platz. Er lief in den Raum hinein und als er in der Menge verschwand, konnte ich ihn nicht mehr sehen.
Nach wenigen Sekunden öffnete jemand die Lucke zum Durchgang unter der Oberfläche. Die Phynes strömten förmlich in den Boden hinein und der ehemalige Soldat hielt weiterhin die Klappe für die Lucke offen. Nebenbei machte er bei wenigen Mädchen anzügliche Bemerkungen. Von solch einer Sorte war er also!
Als er Mell und mich zum Schluss sah, weiteten sich seine Augen. Zuletzt haftete sein Blick an mir, er sagte jedoch nichts. Er fiel für einen kurzen Moment in seine Gedanken. Anschließend schaute er Mell an. »Wie immer, gutaussehend und charmant. Melodie Pico! Lange ist es her, Mädchen!« Zur Begrüßung gaben sie sich einen Wangenkuss. Er reichte mir seine Hand.
Ich nahm sie an. »Jolina.« Ich spürte wie er zusammenzuckte.
»Isaac. Aber nenn mich bitte nur Zac.« Ich nickte einverstanden.
Mell stieg als Erste hinab und hatte zuerst Probleme mit ihrem Kleid. Sie konnte von Glück reden, das sie sich kein Hauchenges anzog. Anschließend stellte ich mich vor das Loch und sah wie eine kleine Lampe den unteren Boden erhellte. Der Untergrund bestand aus Erde und Sand. Der Tunnel wurde nur durch wenige Stützbalken und Gerüste gehalten. Mell blickte zu mir nach oben.
»Komm schon!«, forderte sie mich auf und sprang mit einem Satz nach unten. Die Hose stellte sich in diesem Augenblick zum Vorteil fest, denn ich ging in die Hocke, um den Sprung abzufedern. Anschließend landete Zac hinter mir und Toni schloss die Lucke.
»Heute habe ich richtig Lust mal einfach meine Sorgen zu vergessen. Ich gebe euch beiden einen aus.« Er reckte all seine Glieder und streckte die Arme in die Höhe. »Erzähl mal, Mell. Wo warst du die letzten neun Monate? Hattest wohl Urlaub, was?« Zac lachte zum Schluss und Mell gab bloß ein knappes Lächeln preis.
»Witzig! Ich hatte nur sehr viel zu tun«, gab sie mit einem knurrenden Unterton von sich. »Pierre scheuchte mich.«
»Die sind sowieso alle im Moment aufgewühlt wegen der Tochter von dieser Regentin.« Ich atmete angespannt ein. Rettend blickte ich zu Mell, die den Kopf langsam schüttelte. Ich sollte ihm wohl nicht sagen, dass ich die Tochter war. Hassten mich hier einige? So etwas wollte ich nie zulassen. »Wisst ihr, was sie alles hat? Ein Zimmer, vermutlich köstliches Essen und darf sogar im Speisesaal sitzen. Außerdem eine eigene Dusche, Badezimmer und einen prallgefüllten Kleiderschrank.« Ich versuchte mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Zac musste mich hassen. Erst jetzt bemerkte ich, wie luxuriös ich wohnte und trotzdem ging es mir nicht gut. »Das ist das Prinzesschen auf der Erbse, sag ich euch!« Mit einem prüfenden Blick schaute ich erneut zu Mell. Sie wusste was ich damit meinte. Damals sagte sie dasselbe zu mir. »Wahrscheinlich bekommt sie noch einen Pfleger dazu, der ihr die Füße massiert, bei Krankheitsfällen den Tee kocht und lauter anderer Sachen, von denen wir Phynes nur träumen konnten.« Seine Stimme wurde immer dunkler und wütender.
Ich schluckte und schämte mich für mein bequemes Leben. Auch wenn ich ein Experiment war. Doch Zac hatte Recht. Es ist unfair den anderen gegenüber. Sofort dachte ich an Toni und an die Geschichte, die mir Mell vorhin erzählt hatte. Was musste diese armen Geschöpfe alles durchleben?
Zac verschränkte seine Hände hinter den Kopf. »Soll mir auch egal sein. Ich will sie bloß nicht kennenlernen. Schließlich arbeiten wir doppelt so hart und das auch noch für sie. Letztens musste ich den Raum in dem die Experimente stattfinden, in dieser verdammten Kälte säubern. Danach hatte ich Frostbrand an den Beinen.«
Also die Phynes erledigten die Dreckarbeit? Das wusste ich nicht. Er schaute von der Seite zu mir und bemerkte mein schockiertes Gesicht. »Sie bist ja ganz blass, Jolina. Alles in Ordnung?« Ich atmete tief ein und versuchte mir eine passende Ausrede auszudecken. Mell blickte mich erwartungsvoll an. Ihr ganzer Körper bebte vor Anspannung.
»Ich glaube, ich vertrage die Luft hier nicht so gut.« Wie kam ich denn auf diese Idee? In Ausreden war ich einfach nicht gut. Aber Zac lachte kurz auf und das ließ mich aufatmen. Für einen Moment dachte ich, er würde meine Maske durchschauen und mir an den Hals springen.
»Da bist du nicht die Erste.« So ein Glück! Meine Ausrede schien Erfolg zu haben.
Nach wenigen Minuten erzählte Mell über die restlichen neun Monate, damit das Thema über mich kein zweites Mal angesprochen werden konnte. Mir ging es dennoch schlecht. Mein Magen zog sich zusammen und das Zac mich verachtete, war mehr als verständlich. Ich würde auch jemanden hassen, dessen Müll ich wegräumen müsste. Tatsächlich schämte ich mich für meinen Luxus und das es anderen noch schlimmer erging als mir. Ein Teil wollte es Zac sagen, ein anderer wollte weiterhin so tun, als ob ich einer von ihnen sei. Wie viele waren noch seiner Meinung?
Am Ende des Tunnels liefen wir durch eine Tür, die vorerst aufgesperrt werden musste. Wir landeten auf einem Bahngleis in einem weiteren Tunnel. Aber wenige Meter daneben befand sich schon ein Bahnsteig. Wir liefen alle die Treppen hinauf und niemand war zu sehen. Vielleicht durfte man erst um elf durch den Geheimgang, weil dann die U-Bahn schloss.
Zac sperrte noch weitere Türen auf und schließlich landeten wir in einer weiteren Gasse. Alle Phynes strömten zwischen die Menge und Zac sperrte den letzten Zugang zu.
»Hier lang!«, sagte er schließlich und wir folgten ihm. Ich lief auf einer Betonstraße und es gab keinen Himmel. Aber die Stadt war vollkommen in Takt. Die Dächer waren so hoch, das sie am Ende zusammenverliefen und die Decke bildeten. Sogar Autos fuhren auf den Hauptstraßen und die Leute im obersten Stockwerk putzten ihren zugedeckten Himmel. Es war merkwürdig für mich, da ich an so viel Dunkelheit nicht gewohnt war.
Auf dem Bürgersteig bogen wir in eine weitere Gasse ab, durchliefen diese und nahmen in einem weiteren Gang eine Tür. »Das ist mein Geheimgang«, erwähnte Zac gelassen und wir benutzten erneut eine Hintertür. Schließlich standen wir in einem Flur und folgten erneut Zac.
Wir liefen an den Toiletten vorbei, wobei nur die Frauen eine Schlange bildeten. Das kannte ich aus den anderen Clubs. Zum Schluss landeten wir in der bunten Disko. Die Lichter waren meistens blau und rot. Der Raum flackerte, blitzte und wechselte die Farbe im Rhythmus der Musik. Die Bässe ließen den Boden vibrieren und Erinnerungen strömten in meinen Kopf. Mit Julia war ich in solchen Räumlichkeiten sehr oft. Ich hatte damals eine Menge Spaß. Aber unter dem schlechten Gewissen, das einige Phynes mich offensichtlich hassten und ich mit Mell hier war, ließ mich schüchtern wirken. Außerdem hatte ich keine Ahnung wie die beiden wirklich in einer Diskothek reagierten. Ich war eher der Tänzer.
Zac sprach vorhin schon vom Ausgeben

. Vielleicht war er der Trinker und Mell das stille Mädchen daneben, auch wenn sie sehr viel Temperament hatte und ich sie eher in eine Tänzerin einstufen würde.
Zac führte uns zwei an die Bar und wir setzten uns, jeweils einer rechts und links, neben ihn. Er kannte offensichtlich den Barkeeper und gab ihm wortlos zu verstehen, was er brauchte. Uns wurden drei Gläser mit farbloser Flüssigkeit hingestellt. Ich hatte keine Ahnung was das für ein Gemisch sein mochte.
Mell und Zac hoben die Gläser. Ich tat es ihnen gleich. »Auf ...« Zac überlegte. »...den heutigen Abend und das uns Pierre nicht den Hintern versohlen wird.« Er grinste mich an und wir stießen an. Ich nahm einen Schluck und kannte den Geschmack. Es war ein sehr exotisches Getränk mit Wodka.
Auch wenn das hier meine Welt sein sollte, wollte ich weder tanzen, noch feiern. Mir war nicht danach. Ich konnte mich einfach nicht amüsieren. Die Sorgen waren dafür zu groß.
»Hey Jolina!«, rief Mell und ich beugte mich leicht über die Thekenfläche, um ihr in die Augen sehen zu können, da Zac zwischen uns saß. »Ich bin kurz auf der Toilette.« Ihr Blick fiel misstrauisch auf Zac. Anschließend zeigte sie auf mich, behielt jedoch ihre Augen bei ihm. »Aufpassen, verstanden?« Er nickte. Dann verschwand sie in der Menge. Jetzt ließ sie mich auch noch mit ihm allein. Bitte keine weiteren Fragen.
Zac wandte sich zu mir. Sein Lächeln verging nicht. Die gelben Augen hatten sich verändert. Sie glichen der Farbe eines Bernsteins. »Warte, lass mich raten. Basilisk?« Ich schüttelte den Kopf. Er wollte wissen was für eine Phyne ich war. Den Vampir ließ ich weg. »Harpyie?« Wieder eine Verneinung. »Oh Mann! Ich bin echt schlecht. Warte!« Seine Augen beäugten mich ein zweites Mal. Er zog sogar seine Augenbrauen zusammen, als müsste er sich anstrengen. »Gib mir einen Hinweis. Ich tendiere zwischen Magier und Vampir.«
Oh nein! Erkannte man denn tatsächlich schon meine dritte Gene? War ich blasser geworden? Diesen Gedanken musste ich ihm schnell aus dem Kopf treiben. Schließlich ließ ich kurz meine roten Augen aufleuchten und er grinste.
»Ein Dämon! Merkt man dir gar nicht an. Ich dachte immer Dämonen sind eher temperamentvoll, so wie Mell.«
Eigentlich konnte ich auch diese Seite an mir zeigen, aber allein der Ort und mein Zustand verwehrten mir diese Eigenschaft. »Magier, Dämon. Also du lagst nicht ganz falsch.«
Siegreich grinste er mich an. »Okay, jetzt musst du

raten.«
Ich schlug mein Bein über das andere und blickte ihn ebenfalls genau an. Vorhin fielen mir seine gelben, leuchtenden Augen auf. Also tendierte ich zwischen Werwolf und Basilisk. Ich dachte sofort an Ethan. Sein Charakter hatte mit Zac gewisse Ähnlichkeiten. Leute wie er brachten mich etwa zum Brodeln oder zum Lachen. Ethan schürfte viel eher mein Feuer. Vielleicht tat Zac es bloß zähmen. Das wäre mal eine Abwechslung, schließlich würde Lachen für einen Moment meine Sorgen verschwinden lassen.
»Werwolf oder Basilisk?«, fragte ich.
Er lachte und bekam sich erst nach wenigen Sekunden wieder ein. »Beides, Schätzchen.« Durch sein Lachen konnte ich auch nicht anders, als schüchtern zu lächeln. Ein kleiner Teil fing wieder an zu leben. In den letzten acht Wochen hatte ich das Gefühl alles würde in mir zerbröckeln. Mell hatte Recht. Hier konnten Phynes sie selbst sein und Spaß haben.
Er blickte kurz zurück und schaute zu den Toiletten. Mell stand noch immer in der Schlange. Anschließend sprang er vom Hocker und winkte mit dem Kopf zur Tanzfläche. Ich war noch immer schüchtern und verneinte sein Angebot.
»Zeig mal, dass du ein Dämon bist!« Warum? War ich es denn sonst nicht? Ich zog meine Augenbrauen zusammen und sprang vom Stuhl. Ich war vielleicht in den letzten Tagen das stille Mauerblümchen gewesen, aber wie Zac schon sagte, Dämonen waren temperamentvoll und motiviert

. Ich hoffte bloß, dass ich nicht in mein altes Fieber rutschte und die komplette Nacht meine Füße nicht von der Tanzfläche lassen konnte. Als dann ein neuer Beat begann, den ich auch schon kannte, bewegten sich meine Hüften im Rhythmus der Musik. Zac stand vor mir, er hielt sich vorerst zurück. Wahrscheinlich wollte er testen, ob ich ein Anfänger oder schon ein erfahrener Tänzer war.
Das hier war meine andere Hälfte. Eine Jolina, die ich damals sehr oft gezeigt und gerne präsentiert hatte. Eigentlich wurde ich bloß so, weil ich mich anpassen wollte. Mit Julia an meiner Seite kannte mich der ganze Club. Deshalb war ich beliebt in der Schule gewesen. Trotzdem änderte sich alles durch Jaiden. Er hatte es geschafft das Feuer in mir zu bändigen. Vampire waren eben das Gegenteil von Dämonen.
Es dauerte nicht lang bis ich meinen Rhythmus im Tanzen fand. Es war nichts Besonderes, sondern bloß ein paar schwunghafte Bewegung mit der Hüfte und den Beinen. Wie schon erwartet, ergriff mich das alte Fieber und ich war wieder ganz die Alte. Ein Mädchen das sich gerne sich amüsierte, immer ein Lächeln aufsetzte und sich auf der Tanzfläche ins Zeug legte.
Zac hatte inzwischen ebenfalls seinen Körper zum Bewegen gebracht. Man merkte ihm an, dass er auch kein Anfänger war. Es machte tatsächlich Spaß mit ihm zusammen zu tanzen. Manchmal hatte ich das Gefühl, als ob er meine Bewegungen vorausahnen konnte. Schließlich bemerkte ich, dass ich durch mein Tanzen in Zac an mir Interesse geweckt hatte. Ich wechselte ständig den Blick zwischen ihm und den Füßen.
Es vergingen gute zehn Minuten, bis Mell uns entdeckte und mich entgeistert anblickte. Ihr Kiefer klappte sogar nach unten. Sie kam zu mir und setzte ein gequetschtes Grinsen auf. »Kann ich dich kurz sprechen, Jo?«
Ich hielt sofort an und bemerkte, dass es wichtig war. Schließlich willigte ich ein und folgte ihr. Sie packte mich angespannt an der Hand. Als Zac in der Menge verschwand, weil ihn ein anderes Mädchen hinter sich herzog, wandte ich mich zu Mell.
An der Bar blieben wir stehen. »Ihr seid Tanzen gewesen. Sehr nah beieinander!« Ich sog erschrocken die Luft ein. Wirklich? Ich versuchte mich zu erinnern und Mell hatte Recht. Ich hatte nur das Tanzen und meinen Rhythmus im Kopf gehabt, dass ich völlig vergaß, wie Zac sich hinter mich geschlichen hatte. Seine Arme lagen sogar ... Meine Lider fielen - einleuchtend von meiner Erkenntnis - zu. Mell seufzte. »Willst du mir sagen, dass du nichts bemerkt hast?« Ich massierte meine Stirn und öffnete meine Augen.
»Ja ... Ich hatte mich so auf das Tanzen konzentriert.«
Mell ergriff meine Hände. Mit einem ernsten Blickschaute sie mich an. Sogar rote Augen, die ich zum aller ersten Mal an ihr sah, zeigten sich. »Jolina, schwöre mir hier und jetzt, das du nur diesen einen Gedanken hattest, sonst keinen anderen. Schwöre es!«
Ich schluckte und warf ihr einen verängstigten Blick zu. Von einem Male hatte sie mich wieder zum Mauerblümchen gemacht. »Ich schwöre hoch und heilig!«
Schließlich seufzte sie genervt und nahm mich erneut an der Hand. »Wir müssen uns dringend unterhalten.«
Sie zog mich hinter sich her. Wir zwängten uns durch die Menge und verschwanden in einen weiteren Raum. Hier war es sehr ruhig und ähnelte eher einem Salon. Überall waren gemütliche Sofas mit dunkelholzigen Tischen. Es gab eine weitere Bar, die jedoch nur drei Besetzer hatten und einige andere Phynes unterhielten sich mit ihrem Gegenüber auf den Sofas. Mell zog mich in eine Ecke und wir setzten uns auf die Couch.
»Hör zu, Jolina, Zac ist kein guter Umgang. Keineswegs. Er ist zwar ein Freund von mir, aber er ist wahrscheinlich genau das Gegenteil von deinem Jaiden.« Ich wollte wieder fragen, wie sie das beurteilen wollte, aber da fiel mir die Antwort sogleich ein. Meine Träume

. Trotzdem zog ich die Augenbrauen zusammen, auch wenn sie tatsächlich Recht hatte. Jaiden war überhaupt nicht wie Zac, sondern die Ruhe in Person. »Ich weiß wie Zac tickt und glaub mir, dafür ist er es nicht wert.«
Ich schüttelte missverständlich den Kopf. »Warte! Ich habe es doch gar nicht auf Zac abgesehen. Das von gerade eben war ein Versehen. Ich war wirklich vollkommen ins Tanzen vernarrt. Wirklich, Mell!«
Sie atmete angespannt aus und warf mir einen misstrauischen Blick zu. »Ich will dir mal glauben, Jolina.« Sie ließ sich zurück in ihren Sessel fallen und entnahm sich aus einer Packung eine Zigarette. Sogleich zündete sie sie an und nahm einen kräftigen Zug. »Keine Bange! Das ist nur, wenn ich hier bin.« Sie pustete den Rauch aus und blickte zur Tür. »Wir bleiben einfach bis drei Uhr hier und dann gehen wir mit den anderen ganz gemütlich zurück.«
Ich nickte einverstanden, dachte jedoch die ganze Zeit über ihre Worte nach. Ich fühlte mich schlecht deswegen, weil ich Jaiden hintergangen hatte. Jedenfalls gab ich mir dieses Gefühl. Wieso konnte ich nicht spüren, das Zac hinter mir stand und sogar seine Arme um mich gelegt hatte? Wie konnte das passieren? Hatte ich nun meinen Spürsinn verloren? Zur Sicherheit petzte ich mir unbemerkt ins Bein. Es zuckte kurz. Nein, spüren tat ich noch. Aber wieso reagierte ich nicht? Wieso ließ ich es tatsächlich zu? Konnte es vielleicht sein, das ich Zuneigung gesucht hatte? Ob es daran liegen konnte? Es waren nun über zwei Monate her, dass mich jemand eng umschlungen hatte. Oh Gott! Ich massierte meine Stirn. Es stimmte, ich hatte es zugelassen. Bei dieser Feststellung hätte ich am liebsten geweint. War ich nun so verzweifelt und allein, das ich sogar einen anderen Jungen an mich heran ließ? Ich hatte Jaiden betrogen, da ich einen Augenblick an jemand anderen als ihn dachte. Mir gefiel

es, das mich Zac berührte und seine Arme um mich gelegt hatte.
Bis um drei Uhr unterhielten Mell und ich uns, aber meine Gedanken waren nur bei ihren Worten. Ich trichterte mir ein, dass ich Jaiden betrogen hatte. Konnte man das als einen Treuebruch bezeichnen? Ich denke schon

. Schließlich genoss ich das engumschlungene Tanzen mit einem anderen Kerl. Ich wollte zurück, mich in mein Bett legen und weinen.
Als es endlich soweit war, konnte ich Zac nicht unter den ganzen Phynes entdecken. Einige hatten zu viel Alkohol getrunken und torkelten nun. Andere wären am liebsten die ganze Nacht dort geblieben und dem Rest erging es so wie mir. Sie waren müde und wollten sich endlich schlafen legen.
Toni hatte hinter uns die Lucke wieder geschlossen und wir verschwanden zurück in unsere Zimmer. Bevor Mell in ihres ging, wünschte sie mir eine gute Nacht.
Ich trat in den Raum, schloss die Tür und blieb wie angewurzelt stehen. Es war kalt, ich meine, noch kälter

. Diese Aura, die mich nicht frieren ließ, sondern mir immer Geborgenheit geschenkt hatte. Konnte es denn sein? Tatsächlich? Nach acht langen Wochen? Ich traute mich gar nicht umzudrehen, sondern bemerkte nur wie meine Knie weich wurden. Ich fand keinen Halt mehr, sondern hielt mich am Griff fest. Es war die Aura! Ganz sicher. Ich könnte sie nie verwechseln.
»Jaiden ...«

Fluchtplan




Noch immer stand ich wie angewurzelt da und drohte auf den Boden zu fallen. Aber zwei starke Armen hielten mich. Ich hatte die Augen geschlossen und wollte sie nicht öffnen. Wie war das möglich? All diese Wachen und das Personal ... Jemand musste ihn doch bemerkt haben! Schließlich hob er mich auf seinen Arm und trug mich zum Bett. Aber er behielt mich auf seinem Schoß. Diese Berührungen hatte ich so sehr vermisst. Allerdings war er nicht mehr so kalt wie damals. Es lag nicht an ihm, sondern an mir. Meine Empfindlichkeit ließ zu wünschen übrig.
»Willst du nicht die Augen öffnen?«, fragte er und ich zuckte zusammen. Er war es! Jetzt war ich mir zu hundert Prozent sicher. Jaiden hielt mich gerade in diesem Moment in seinen Armen. Ich konnte es nicht glauben und musste meine Augen überzeugen. Die Lider schlugen sanft auf. Seine hellblaue Iris blickte mich an. Er hatte ein kleines Lächeln aufgesetzt. Er hatte sich ein wenig verändert, denn er war noch viel schöner geworden. Seine Haare waren ein Tick länger und die Haut noch makelloser.
»Jaiden?«, hauchte ich und bemerkte, das mehr als nur meine Beine versagten. »Bist du es wirklich? Wie hast du mich gefunden?«
Ich war den Tränen nahe, aber vor Freude. Ich schlang meine Arme um seinen Hals. »Du lebst wirklich!«
Nach diesem Satz strömten meine Tränen wie ein Wasserfall über die Wangen. Ich konnte nicht aufhören zu weinen und musste mich zügeln nicht allzu laut dabei zu sein. Ich versuchte mehrmals etwas zu sagen, aber man hörte mich nur schluchzen. Gefühle noch von vorhin spielten dabei eine Rolle.
»Jolina«, flüsterte er leise und nahm mein Gesicht zwischen seine Hände. »Ich lebe noch, okay?« Ich wischte mir eine Träne von der Wange und beruhigte mich. »Ich bin schon seit den letzten zwei Monaten auf der Suche nach dir. Pierre hatte uns auf eine falsche Fährte gelockt.« Meine Tränen nahmen ein endgültiges Ende und ich trocknete meine Wangen wieder. Mit einem kräftigen Atemzug hatte ich mich wieder im Griff. »Schließlich machte ich mich auf den Weg nach Istrien um dich zu finden. Ich war deiner Aura gefolgt und in diesem Zimmer war sie am stärksten. Also habe ich auf dich gewartet.« Ich setzte ein Lächeln wieder auf und legte meinen Kopf auf seine Schultern.
»Ich kann es nicht fassen. Du bist hier.« Ich fuhr erschrocken hoch und blickte ihn ernst an. »Allein?« Er nickte zögernd. Oh nein! Das war nicht gut. Wie groß waren die Chancen, dass wir beide hier lebend herauskämen? Außerdem hatte ich mir geschworen nicht ohne Mell zu verschwinden.
»Wir können zu zweit fliehen. Ich kenne einen geheimen Gang der unter dem Schloss in die Stadt führt.«
Angespannt sah ich ihn an. »Wiederhole das bitte.«
»Ich kenne einen Weg aus dem Schloss.« Sein Blick wurde immer misstrauischer, als ich eins und eins zusammenzählte.
»Hat dir jemand dabei geholfen?«, fragte ich und wusste genau welchen Geheimgang er meinte. Als Phyne konnte er ihn ohne weiteres nutzen.
»Ja, ein alter Freund von mir. Wir haben zusammen im Krieg gekämpft. Wieso?« Ich stand vorsichtig von seinem Schoß auf und setzte mich mit ausreichendem Abstand auf das Bett. Er blickte mich immer misstrauischer an. »Jolina, was ist denn? Du machst mir Angst!«
»Wie ist sein Name?« Am liebsten hätte ich mir selbst auf die Zunge dafür gebissen, aber ich musste es wissen. Die Beschreibung passte so unglaublich gut auf eine einzige Person.
»Er heißt Isaac.« Schmerzerfüllt schlossen sich meine Augen. Jaiden kannte ihn auch noch. Wie konnte das passieren? Es konnte auch niemand anderer sein, als Zac. Die Hundemarke an seinem Hals bestätigte die Aussage mit dem Krieg, dann die Passage zum Geheimgang. Alles passte genau auf Zacs Beschreibung. Warum konnte es nicht Toni sein? Sollte ich ihm tatsächlich sagen wo ich war und was ich getan hatte?
Ich atmete angespannt ein und aus und versuchte das Geschehen abzuschalten. Aber vor meinem geistigen Auge sah ich immer wieder Zacs Arme an meinem Körper. Diesen Moment hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Als ich aufstand und umherlief, betrachtete mich Jaiden schweigend.
»Wo warst du eigentlich gewesen?«, fragte er mich.
Ich stoppte und starrte ihn an. »In einem Club. Er nennt sich Halbes Blut.«
Er nickte. »Den kenn ich.« Er zog seine Augenbrauen zusammen und kam auf mich zugelaufen. Als er nah vor mir stand, konnte ich mir seine nächste Frage schon denken. »Was hast du dort gemacht?«
»Mich amüsiert.« Mein Magen drehte sich dabei um. Amüsiert

. Wie dreckig das Wort auf einmal klang. Beinahe so, als hätte ich kein anderes Ziel im Kopf gehabt.
Seine Arme schlangen sich um meine Schultern. Dabei blickte er mir tief in die Augen, die mich sofort in seinen Bann zogen. Aber seine Stimme anschließend, klang sehr sanft. »Was ist passiert?«
Wie befohlen antwortete ich sogar darauf. Es gab zwei Dinge, die mich dazu verleiteten. Erstens mein schlechtes Gewissen, zweitens Jaidens Augen. »Ich hab mit Zac getanzt.« Schon allein, weil ich seinen Spitznamen kannte, musste er mir glauben. Schließlich ließ er mich los, trat einen Schritt zurück und setzte sich auf das Bett. Seine Augen ließen nicht von mir. Ich wusste, was er denken musste, aber ich wollte, dass er die Wahrheit kannte. Meine Wahrheit

.
»Aber ich hatte keine Hintergedanken. Wirklich! Das musst du mir glauben, Jaiden. Ich hatte nur getanzt und er hatte es einfach getan.«
»Was getan?«, fragte er, aber dieses Mal in einem lauterem Ton.
»Er hat seine Arme um mich gelegte und mich ... festgehalten«, sprach ich ganz leise und hasste mich dafür selbst. Sollte er die ganze Wahrheit erfahren? Das es mir sogar gefallen hatte? Das würde mir das Herz brechen. Ich konnte froh sein, das daraus kein Kuss geworden war.
»Dir scheint es hier ja besser zu gehen, als ich gedacht hatte.« Er stand auf und ich glaubte zu wissen, dass er gerade gehen wollte. Aber das durfte ich nicht zulassen. Schließlich drückte ich ihn wieder auf das Bett zurück und hielt besitzergreifend seinen Arm fest.
»Es tut mir furchtbar leid, Jaiden. Ich wollte das nicht, wirklich! Bitte, glaub mir das.« Meine Stimme klang immer flehender und verzweifelter. »Bitte bleib bei mir.«
»Ich kann dich ja verstehen, Jolina.« Fassungslos starrte ich ihn an. Wie sollte ich denn das nun verstehen? »Ein bisschen jedenfalls.«
»Bitte ...«, hauchte ich und hielt meine Tränen zurück. So viel Aufregung wie in den letzten Stunden hatte ich noch nie erlebt. Daher verstärkte sich mein schlechtes Gefühl im Magen und die Anspannung. Ich begann zu zittern und versuchte trotzdem so gut es ging seine Hand zu halten. Wir blickten uns beide in die Augen. Ich verspürte eine ungemeine Reue. Wie ein Schmerz durchbohrte sie meine Brust. Schließlich konnte ich seine Hand an meiner Wange wieder spüren.
»Schon okay. Ich verzeihe dir«, sagte er und drückte sanft seine Lippen auf meine. Es fühlte sich so unglaublich gut an, sie wieder zu spüren. Auch wenn sie keine Wärme abgaben, konnte ich dennoch eine spüren und sie war stärker denn je. Ich schlang meine Arme um seinen Hals. Wir legten uns schließlich ins Bett und ließen erst die Lippen voneinander, als ich bemerkte wie unglaublich müde mein Körper wurde.
Jaiden zog mich an sich. »Lass uns verschwinden«, nuschelte ich schläfrig. »Aber mit Mell. Ohne sie gehe ich nicht.«
»Hab keine Angst, okay? Ich komme wieder und dieses Mal mit allen. Wir werden dich aus diesem Schloss herausholen. Ich verspreche es dir, Jolina. So wie ich immer mein Wort halte.«
»Willst du schon wieder gehen, Jaiden? Bitte bleib!« Er lächelte zu mir herab und drückte seine Lippen auf meine Stirn.
»Zähl noch achtundzwanzig Tage, Schatz. Dann werde ich dich hier herausholen.« Ich lächelte sanft und bemerkte wie er von mir losließ. Ich zog ihn zu mir zurück.
»Bis ich einschlafe, damit mir der schmerzende Abschied erspart bleibt.«
Er schweig, war jedoch damit einverstanden und legte sich zu mir unter die Decke. Im Zimmer wurde es immer wärmer. Ich atmete noch seinen Duft ein, spürte seine kalte Haut und wiederholte seine Worte im Kopf. Zähl noch achtundzwanzig Tage, Schatz

. Ich prägte mir all diese Dinge genau ein, weil ich wusste, dass er nicht mehr da sein würde, wenn ich erwachte.

Meine Lider öffneten sich, das schwache Licht drang in mein Zimmer. Es war schon nachmittags, das konnte ich ahnen, ohne dabei auf die Uhr zu sehen. Gab es heute keine Experimente? Was war los?
Gähnend erhob ich mich und erinnerte mich an die letzten Augenblicke bevor ich eingeschlafen war. Jaiden hatte neben mir gelegen. Sein Geruch befand sich noch in meiner Decke und in den Kissen. Moment! Ausgeprägter Geruchssinn?
Meine Füße berührten den Boden und ich bemerkte wie etwas an meinem Hals klirrte. Die Augen wanderten nach unten und auf meiner Brust entdeckte ich eine Erkennungsmarke. Ich nahm sie von meinem Hals und schaute sie mir genauer an. Sie war von Jaiden. Ein schwerer Seufzer entglitt meinen Lippen.
Ab sofort wollte ich die Marke jeden Tag tragen, bis Jaiden beschloss mich zu retten. Als ich mich umgezogen hatte und die Schminke von gestern aus meinen Augen wischte, entdeckte ich einen Brief auf meinem Schreibtisch. Der lag gestern noch nicht da. Außerdem wurde die Schublade aufgerissen und meine geschriebenen Briefe lagen ebenfalls aufeinander gestapelt auf dem Tisch. Hatte Jaiden sie alle gelesen? Oder vergriff jemand Unbekanntes sich an ihnen?
Zitternd öffnete ich den Umschlag und zog das ordentlich gefaltete Blatt Papier heraus. Ein langer Text stand in schöner Schrift darauf.

Für meinen Engel

Ich habe mir all deine Briefe durchgelesen. Ich hoffe du bist mir deswegen nicht allzu böse. Sie hatten mir gezeigt, wie du dich momentan fühlst und ich gab mir die Schuld für deine Situation. Womöglich sehnst du dich nach deinem Zuhause und deinem gewohnten Leben. Ich kann dir aber gute Nachrichten überbringen. Gestern hatte ich es nicht geschafft dir von meinen letzten zwei Monaten zu erzählen. Ich tue es einfach in diesem Brief.
Cassandra geht es soweit gut. Sie ist allerdings stink sauer auf Pierre. Es gibt zwischen ihr und ihm ein Geheimnis, was es aber genau ist, weiß ich selbst nicht. Sie schweigt in dieser Hinsicht, aber dein Vater scheint darüber Bescheid zu wissen.
Ethan und Kyla sind wieder zusammen. Vielleicht ist es weniger wichtig, dies in dem Brief zu erwähnen, aber sie haben ein Mittel gefunden, das keine Allergie aufweist. Die beiden legen sich wegen dir richtig ins Zeug. Sie planen schon den Angriff auf das Schloss. Wir müssen allerdings mit Kopf vorgehen, sonst könnten wir dich verlieren. Pierre würde niemals zögern dich zu töten, wenn dafür sein eigener Kopf am Galgen hängen würde. Vergiss das nicht!
Ein Mädchen namens Julia hat irgendwie meine Nummer herausgefunden und ruft mich beinahe jede fünf Minuten an. Sie hat wohl die Nachrichten gesehen und du bist momentan in den Schlagzeilen. Aber mach dir darüber keine Sorgen. Das Volk weiß, das ein erneuter Krieg zu drohen beginnt und jeder stellt sich moralisch darauf ein.
Jedenfalls sagte ich ihr bloß einmal, dass du bald wieder zurückkommen wirst und sie sich keine Sorge machen bräuchte. Tja, die Kleine ist echt hartnäckig.
Dein Vater setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um dir eine Flucht zu ermöglichen. Aber sobald Pierre von unserem Plan Wind bekommt, wird er dich von hier wegschleppen und dich erneut verstecken. Wir würden dich nicht retten können.
Angela plant schon einen Angriff auf Maggon und Wengis. Sie denkt dreißigtausend Schlangen könnten ganze zwei Milliarden Wesen auslöschen. Da irrt sie aber. Maggon ist kampfbereit. Auch wir haben über vierzigtausend Magier in Bereitschaft. Sollte also Pierre versuchen einen Angriff zu wagen, werden wir ihn zuerst überwältigen.
Wir wissen noch nicht genau, was er vorhat, aber es hat mit dir zu tun. Ich habe das Gefühl er sieht in dir eine Macht, die niemand genau kannte. Du bist die einzige Tochter eines Regenten. Durch die Gene eines Urdämons kann er aus dir eine richtige Kampfmaschine machen. Wahrscheinlich ist das Pierres Ziel. Ich weiß es nicht genau.
Schatz, ich werde in genau siebenundzwanzig Tagen wieder bei dir sein. Pass bitte auf dich auf. Anscheinend haben einige von meiner Anwesenheit Wind bekommen und Pierre weiß es schon längst. Ich weiß, was du zurzeit durchmachst, deine Briefe haben mir jedes Detail genau erklärt. Es tut mir so leid. Ich wollte das nie. Ich bin damals in Pierres Falle getappt und war vollkommen gelähmt. Erst als du weg warst, konnte ich mich befreien, aber dann war es schon längst zu spät. Ich gebe mir die Schuld für dein Leid, das du nun durchleben musst. Ich werde alles dafür tun, damit du aus den Qualen herauskommst.
Ich habe bloß Angst, dass er dir mehr antun könnte, als ich denke. Wenn du nicht in Istrien wärst, hätte ich dich gestern schon mitgenommen. Aber wenn er von unserer Flucht nur die leiseste Ahnung gehabt hätte, wären wir in eine Falle getappt und beide umgebracht worden. Ich kenne Pierre etwas länger als du, Jolina. Er ist unberechenbar.
Ich wäre am liebsten gestern geblieben. Du hast mir in den letzten Monaten sehr gefehlt und es gab für mich ebenfalls keine ruhigen Nächte. Ich träume jede Nacht von dir und wünschte dieser Albtraum hätte ein Ende.

Ich liebe dich

Jaiden



Was sollte ich zu dem Brief sagen? Er war unglaublich gefühlvoll und ich konnte mir ein Bild von der momentanen Lage in Maggon machen. Jeder suchte nach mir und sie planten einen Angriff. Aber würde Pierre mich tatsächlich töten, nur damit sein eigener Kopf nicht hängen müsste? Mir machte diese Theorie Angst. Ich versuchte den Gedanken aus meinem Gedächtnis zu streichen.
Nachdem ich ein drittes Mal den langen Brief zu Ende gelesen hatte, faltete ich ihn wieder zusammen und legte ihn zurück in den Umschlag. Diesen versteckte ich zwischen meinen Kleidern. Am besten in der Unterwäsche. Dort würde vermutlich niemand suchen, außer mir.
Es verging eine weitere halbe Stunde, bevor Mell ins Zimmer kam und die unveränderte Ordnung begutachtete. Ich durfte sie nicht wissen lassen, das Jaiden gestern hier war. Natürlich würde ich es ihr sehr gerne erzählen, aber es war für sie sicherer, wenn sie nichts wusste. Pierre sollte es nur auf mich abgesehen haben.
»Na? Den Rausch ausgeschlafen?«, lachte sie und setzte sich auf den Rand am Fuße des Bettes. »Nein, das war ein Scherz. Aber mal ehrlich, gestern war es doch gar nicht so übel, oder? Ich persönlich finde den Club sehr abwechslungsreich.«
»Ich will nicht mehr hingehen«, platzte es dann aus mir heraus. Diese Aussage lag schon seit ich aufgestanden war, auf meiner Zunge.
Verdutzt blickte Mell mich an. »War er so schlecht?«
»Nein, daran lag es nicht. Ich will nicht mehr hingehen, weil ich anschließend ein schlechtes Gefühl habe.«
»Meintest du wegen Zac?«
Ich nickte. »Und noch andere Dinge.« Dass ich mich gestern furchtbar dreckig fühlte, wegen dem Missgeschick auf der Tanzfläche und dem lehreichen Gespräch mit ihr, wollte ich verschweigen.
»Okay, kein Problem. Es lassen sich bestimmt auch andere Wege finden, um Spaß zu haben, stimmt’s?« Sie lief wieder zur Tür. »Ich wollte nur kurz vorbeischneien. Du musst dich um drei Uhr wieder in den Kühlraum begeben. Pierre wird dich dort erwarten.«
Ich nickte und sie verließ mein Zimmer. Noch siebenundzwanzig Tage und Jaiden würde wieder in meinen Armen sein. Aber was tat ich bis dahin? Pierres Test dauerte glücklicherweise noch eine Weile. Das versicherte mir mein Bleiben in diesem Schloss.
Ich machte mich schließlich für meine Durchführung bereit und trug erneut den neoprenartigen Body. Bevor ich das Zimmer verließ, ließ ich die Kette in der Schublade verschwinden. Anschließend begab ich mich auf den Flur und wollte gerade den Aufzug nehmen, als Zac vor mir stand. Erschrocken wich ich zur Seite.
Mit einem finsteren Blick musterte er mich, verließ den Aufzug und stellte sich vor mich. »Wer hätte gedacht, dass du gestern, das Mädchen bist, das ich im Moment ziemlich hasse.« Irgendetwas gefiel mir an seinem Unterton nicht. Hoffentlich sprang er nicht an meinen Hals. Sein Kopf kam meinem gefährlich näher. Ein eiskalter Atem hauchte mich an. «Du scheinst ja gut ausgeschlafen zu sein.« Er biss auf seine Zähne und knurrte. Ich hatte die Augen zugekniffen. »Und ich bereue gestern Abend!« Dann verschwand er und nur Kälte blieb. Wie sehr er mich hassen musste.
Es war sein gutes Recht. Tatsächlich empfand ich mein Leben, im Gegensatz zu den Phynes im Keller, als Luxus. Sie würden mich wahrscheinlich alle nicht mehr sehen wollen. Ein weiterer Grund den Club nicht mehr zu besuchen. Ob das auch auf Mell abfärbte? Nein! Das würde zu weit gehen. Die Phynes konnten sie nicht verurteilen, nur weil Mell mit Pierres Prinzessin befreundet war.


Schließlich lief ich in den Aufzug und dribbelte nervös auf meinen Füßen. Ich wollte so schnell wie möglich hier weg, damit mich meine Versuchsdurchführung ablenken konnte. Ein schlechtes Gewissen breitete sich in mir aus. »Noch siebenundzwanzig Tage«, waren die einzigen Wörter, die meine Lippen verließen, als sich der Fahrstuhl schloss.
Unten kam ich im Umkleideraum an, ohne Kamera – ich war Pierre sehr lange auf die Nerven gegangen, bis er sie wegmachte. Außerdem diente die Kamera bloß als weiterer Kleiderständer.
Ich wartete bis sich die Tür öffnete und trat in den eiskalten Raum. Die Umluft ließ mir eine Gänsehaut auf die Haut zaubern, den kalten Boden spürte ich schon gar nicht mehr und ohne aufzuschrecken setzte ich mich auf die Bank. Beim zwanzigmaligen Besuch in diesem Raum hörte ich auf die Versuche zu zählen.
Ich legte mich sogar auf den Rücken und tippte rhythmisch auf meinen nackten Bauch. Abwechselnd hob und senkten sich die Finger. Ein Seufzer entglitt meinen Lippen. Pierre erhöhte beinahe jeden Tag die Minuszahl. Aber ich spürte keinen wirklichen Schmerz mehr. Zwar drang Kälte in meinen Körper, Gänsehaut setzte ein, aber erfrieren tat ich auf keinen Fall. Irgendwo hatte der Schutz gegen Eis einen Vorteil. Vielleicht konnte ich so bei völliger Immunität aus dem Schloss fliehen. Aber wie lange würde ich es schaffen in der Eiswüste herumzuirren, ohne zu essen oder zu trinken? Außerdem könnte ich im Kreis laufen und so niemals mein Ziel erreichen. Es musste doch eine andere Möglichkeit geben früher entkommen zu können. Mir kam Mell in den Sinn. Sie lebte schon seit ihrer Kindheit hier. Sie musste einen Fluchtweg kennen.
»Jolina? Wie fühlen Sie sich?«, fragte einer der Wissenschaftler durch die Sprechanlage.
»Gelangweilt!«, gab ich gähnend von mir.
»Wir meinen Ihr Befinden. Frieren Sie? Wenn ja, wie stark?«
Ein Seufzer entglitt mir erneut. Jedes Mal dieselbe Frage. Was machten diese Wissenschaftler eigentlich, außer jeden Tag andere Leute zu nerven? Ich schnaubte. »Ich habe nicht kalt, sondern fröstle nur noch ein bisschen und ansonsten geht es mir ganz gut.«
»Gut, dann dürfen wir Ihnen gratulieren!« Ich erhob mich schlagartig von der Bank und starrte zur Kamera. »Sie werden in den nächsten Tagen nur noch Spritzen bekommen und der Kühlraum bleibt Ihnen erspart. Bitte sagen Sie sofort Bescheid, wenn Sie Anzeichen von Durst spüren.« Ich erinnerte mich sofort an Mells Worte. Du wirst dir in den nächsten Wochen Vampireigenschaften aneignen. Wie zum Beispiel das Verlangen nach Blut.


Ich nickte. Dann wurde die Tür geöffnet und ich durfte in mein Zimmer gehen. Als ich oben ankam, setzte ich mich seufzend ins Bett. Heute Abend gäbe es dann noch Spritzen de la Vampirgene

und der Rest des Tages gehörte mir.
Zwei Stunden vergingen und in denen hatte ich geschlafen. Mell platzte hinein und geleitete mich zum Untersuchungsraum. Ein Arzt füllte die Spritze auf und stach sie mir in den Arm. Anschließend lief er kurz nach draußen und Mell blieb bei mir.
»Jo ...«, begann sie und biss sich nervös auf die Lippe. Erwartungsvoll blickte ich zu ihr. »Jeder Phyne scheint aus heiterem Grund sauer auf dich zu sein.« Zac.

Es konnte niemand anderes sein. Allein schon der hasserfüllte Blick von heute Nachmittag. Wäre ich gestern bloß einfach in meinem Zimmer geblieben. Jetzt bereute ich.
»Naja, jetzt weiß jeder wer ich gestern Abend gewesen war. Sie alle hatten mich eigentlich akzeptiert, bis zu dem Punkt, als Zac herausfand, wer die Prinzessin auf der Erbse war.« Mell verzog ein mitleidenswertes Gesicht.
»Es tut mir so leid, Jolina. Ich weiß nicht, wie ich sie davon überzeugen kann, dass du genauso leidest wie wir alle. Ich rede mal mit Zac, vielleicht ...« Ich hatte ihren Arm gepackt. Mit einem kalten Blick schaute ich zu ihr.
»Nein. Lass sie ruhig so über mich denken. Eines Tages möchte ich ihnen beweisen, dass ich nicht der Engel auf Gottes Wolken war.« Ich sprang von der Liege hinunter. »Wenn das alles hier vorbei ist, Mell, werde ich die Welt von dem Phyne-Gesetz befreien. So kann es nicht weiter gehen.«
Sie lächelte sanft. »Daran habe ich keinen Zweifel, Frau Pecelin!«
Ich lachte kurz und dann kam auch schon der Arzt wieder hinein.
»Sie sind dann entlassen, Frau Anderson«, sagte er und rieb sich seine müden Augen. »Ab morgen injizieren wir Ihnen drei Spritzen pro Tag.«
Mell riss die Augen auf und schaute den Arzt verdutzt an. »Wollen Sie Jolina umbringen? Das können Sie nicht machen! Ich bekam damals höchstens zwei und das machte mich zum halben Vampir!« Ihr Ton wurde immer lauter. »Hat Pierre das wieder anordnen lassen? Der spinnt doch! Sie wird furchtbare Qualen durchleiden.« Danke für die Vorwarnung, Mell. Jetzt geht es mir schon viel besser,

sagte ich sarkastisch zu mir selbst.
»Tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie haben nicht das Recht sich in unsere Angelegenheiten einzumischen, Frau Pico.«
Mell lachte spottend. »Mirko, halt den Rand! Du bist bloß einer von vielen Ärzten und kein Gott. Ich kann sehr wohl mit Pierre über solche Dinge reden, schließlich ist Jolina unter meiner Aufsicht!«
Mirko lachte bloß laut und wandte sich von Mell ab. Bevor er ging, schnaubte er. »Du bist erbärmlich, Melodie! Ich weiß noch als ich dir damals die Spritze verpasste.« Dann verschwand er. Blinzelnd blickte ich zu Mell. Ihr Kopf war rot geworden und die Fäuste geballt.
»Ar-!« Sie seufzte und verließ den Raum ebenfalls. Wie angewurzelt blieb ich stehen. Nach dreimaligem Kopfschütteln und mehrmaligen Blinzeln folgte ich den beiden, kehrte jedoch allein in mein Zimmer zurück, wo ich mich dann erneut hinlegte.

Es vergingen weitere Tage und ich vegetierte dahin. Pierre beschäftigte Mell, sodass sie kaum Zeit für mich hatte. Womöglich war das die Strafe für ihr freches Mundwerk. Mirko musste gepetzt haben. Am liebsten würde ich diesem Arzt bei der nächsten Untersuchung irgendetwas über den Kopf ziehen. Nannte man das Kameradschaft? Ich hasste die Vampire, besonders ihre Eitelkeit.
»Du verhältst dich sehr eigenartig in letzter Zeit«, bemerkte Pierre beim Essen und ich legte meine Gabel zur Seite.
»Ist es so schwer zu verstehen, dass ich aus nichts anderem außer Spritzen und Tests bestehe und mein Leben dahinvegetiert?«, gab ich patzig eine Antwort. Mir war es mittlerweile egal was Pierre von mir hielt, denn Jaiden würde bald kommen. Nur noch achtzehn Tage.
Er zuckte mit den Mundwinkeln. »Interessant. Du weißt, dass dein Leben hier bald ein Ende hat. Ich meine, dein Aufenthalt.«
Mir stockte der Atem. Ich hoffte, nicht allzu früh. »Wann?«
»In genau einer Woche.« Unmöglich! Jaiden würde das Schloss stürmen, aber ich befände mich nicht mehr darin. Wie konnte das passieren? Mell sagte, dass ich erst in einem Monat von hier verschwinden würde. Ob er seine Meinung geändert hatte?
»Schon so früh?«
Pierre lachte und wischte sich mit einer Servierte den Mund ab. »Früh? Magst du es doch hier? Du meintest doch vorhin, dass es dir hier zu langweilig ist.«
Ich räusperte mich. »Äh!« Das Stottern begann wieder. Pierre wusste, ich hatte etwas zu verbergen. Misstrauen entblößte sich. »Ich meine eher die Tests. Sind die denn dann schon beendet?«
Er nickte und legte ebenfalls sein Besteck zur Seite. »Iss nun deinen Teller auf.«

Den ganzen Abend lang hatte ich meinen Kopf ins Kissen geworfen und manchmal eine Träne vergossen. Ich durfte hier nicht weg und Jaiden konnte ich nicht Bescheid geben. Wie kam ich aus dieser Stadt heraus, um nach Maggon zu fahren?
Ich hob meinen Kopf, sprang aus dem Bett und schaute aus dem Fenster. Mir wurde klar, dass jetzt eine Flucht angesagt war. Ich musste aus dem Schloss fliehen, egal wie und mit welchen Mitteln. Dazu brauchte ich vertraute Personen, die mir glaubten.
Wartend saß ich geduldig auf dem Bett, als Mell endlich wie versprochen in mein Zimmer kam. Als sie meinen bekümmerten Blick ersah, wurde ihr selbst mulmig. Beinahe hätte sie meinen Gedanken erraten.
»Du wirst bald von hier weggehen«, sagte sie und setzte sich zu mir. »Dann bin ich nicht mehr deine Aufpasserin.«
»Ich bin nicht nur weg, Mell, sondern auch frei.« Sie hob beirrt eine Augenbraue. »Ich werde hier fliehen, noch bevor Pierre mich forttragen kann.« Meine Kehle begann trocken zu werden. »Dazu brauche ich deine Hilfe. Du musst mir Zac ausfindig machen. Sag ihm, dass ich fliehen möchte und zu einem Flughafen muss.«
Mell senkte traurig ihren Kopf und stand nachdenklich auf. Sie wurde dabei immer unruhiger, ging auf und ab und schien völlig in ihre Gedanken vertieft zu sein. Was schwebte ihr im Kopf herum?
»Du gehst also nach Maggon?«, fragte sie nach. Ich nickte bestimmt und sah ihr weiterhin zu wie sie nervös auf ihren Füßen dribbelte. Was war mit ihr los? Anschließend seufzte sie und ballte die Fäuste. »Ich werde mitkommen.« Ich wollte etwas sagen, aber sie fuhr sogleich fort. »Du wirst mich nicht davon abhalten! Auf solch eine Gelegenheit warte ich schon seit Jahren.« Sie zeigte mit dem Daumen auf sich selbst. »Auf mich kannst du zählen, Jolina.«
Wir beide lächelten uns hoffnungsvoll an. »Das freut mich. Dann werde wir einen Plan schmieden müssen.«
Mell schnippte in die Finger. »Kein Problem! Folgendes: Ich rede mit Zac und wir werden das Schloss durch den Geheimgang verlassen. Dabei nehmen wir Proviant mit. Vermutlich müssen wir ein Stückchen laufen, wenn wir in Maggon angekommen sind. Der Flughafen und der Regierungsbezirk sind weit voneinander entfernt. Nachdem wir in ein Flugzeug gestiegen sind, dürfen wir auf keinen Fall auffallen. Deshalb habe ich Toni.« Ich hob eine Augenbraue. »Er kennt jemanden in der Stadt, der Perücken und Kontaktlinsen verkauft. Wir besorgen uns die nötige Tarnung und können somit keine Aufregung verursachen.«
»Was ist mit Pässen?«
Sie lief erneut auf und ab und überlegte scharf. »Verdammt! Ich kenne niemanden, der uns welche besorgen könnte. Aber Zac weiß da vielleicht mehr.«
Gerade wollte ich unser Gespräch fortfahren, als wir schlagartig zur Tür blickten. Jemand lief auf dem Flur herum. Mein Atem stockte. Ob uns jemand gehört haben könnte?
Mell legte den Zeigefinger vor den Mund und schlich leise zum Türschloss, um hindurchzuschauen. Anscheinend war niemand zu sehen. Mell erhob sich wieder und zuckte mit den Schultern.
»Ich sage dir morgen mehr!«, flüsterte sie und verschwand aus dem Zimmer.
Am späten Abend bekam ich die dritte Spritze und tatsächlich plagten mich einige Schmerzen. Aber es waren eher Menschliche, so wie Husten, Gliederschmerzen, Kopfweh und ein heftiges Stechen im Bauch. Manchmal hatte ich auch das Gefühl Gerüche wahr zu nehmen, die ich zuvor noch nie gerochen hatte.

Flucht

Am nächsten Tag hatte ich nichts anderes im Kopf, als die Hoffnung auf eine gelungene Flucht. Deshalb wartete ich nach der zweiten Spritze des Tages in meinem Zimmer auf Mell.

   Sie kam hineingeschossen und streckte ihren Daumen in die Höhe. »Die Flucht ist sicher.«

   Ich sprang vom Bett auf. »Ehrlich? Zac wird uns also helfen?«

   Sie setzte ein bedrücktes Gesicht auf und hielt beschämend ihren Arm fest. »Tja, weißt du, Zac wird mitkommen. Er will auch fliehen.«

   Meine Augen wurden schmaler. »Wieso?«

   Mell zuckte mit den Schultern. »Anscheinend kommt ihm diese Gelegenheit zu Gute.« Sie atmete auf, als ihr noch etwas einfiel. »Wir bekommen auch gefälschte Pässe.«

   Mein Herz rutschte in die Hose. Was für eine Erleichterung. »Wann werden wir starten?«, fragte ich drängelnd.

   »Wenn du die letzte Spritze bekommst. Also praktisch ein Tag vor deiner Abreise aus dem Schloss. Gerade dann wird Pierre eine geplante Flucht von uns nicht erwarten. In dieser Nacht müssen wir zuschlagen.« Sie schlug mit der Faust in ihre geöffnete Hand. »Es muss klappen!«

   »Wie wollen wir vorgehen?«

Mell wollte im selben Moment Luft holen, um mir meine Frage zu beantworten, als schließlich die Tür aufging und wir beide mit einem schockierten Ausdruck zur dritten Person starrten. Zac trat ein und schloss sofort die Tür hinter sich. Er hatte ein Grinsen aufgesetzt. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter, zumal er mich eigentlich noch hasste. »Pups einfach! Wir werden in dieser besonderen Nacht gegen halb elf unsere Zimmer verlassen – mit unserem Proviant und den Pässen. Wir verlassen das Schloss durch den Geheimgang. In der U-Bahn gibt es einen direkten Zugang zum Flughafen. So können wir besser verdeckt bleiben.« Sein Blick fiel zu Mell. »Wir beide werden einem alten Freund begegnen, der uns durch die Kontrollstationen schmuggelt und uns Flugtickets sichert. Sogar A-Klasse!« Anschließend wanderte seinen Augen zu mir. Ich hatte die Arme vor meiner Brust verschränkt und gab einen misstrauischen Blick von mir. »Anschließend wirst du die Aufgabe haben uns durch Maggon zu führen. Ich war nur wenige Mal dort und habe keine Ahnung wie wir zum Regierungsbezirk kommen.«

   Mell hob die Hand. »Ich aber! Ich habe Karten studiert!«

   Zac schnaubte verächtlich. »Die vor zwanzig Jahren gezeichnet wurden. Gezeichnet!« Mell verschränkte beleidigt ihre Arme vor der Brust. Unsere Ausdrücke glichen sich in irgendeiner Hinsicht.

   Ich kletterte aus dem Bett und stellte mich zu den beiden. »Heißt das, ich muss noch ganze sechs Tage warten?«

   Zac nickte. »Naja, genau genommen noch fünf.«

Ein Seufzer verließ meine Lippen. Der Plan war todsicher. Mit Zac und Mell konnte nichts schief laufen. Beide verbrachten hier eine längere Zeit als ich. Sie wussten wie Pierre tickte und wann er einen Denkfehler in seinen Plan einbaute. Mit der Nacht in fünf Tagen würde alles, was er sich vorgenommen hatte, zunichte gemacht werden. Eigentlich wollte ich darüber lachen und mich freuen, aber ich konnte nicht. Zu viel Angst zwängte sich zu mir durch.

   »Oh!«, rief Mell und durchbrach die Stille. »Ich muss gehen. Meine Aufgaben sind noch nicht alle erfüllt.« Mit einem kurzen Wink und einem Lächeln verschwand sie aus dem Zimmer. Zac blickte ihr noch hinterher und setzte sich anschließend auf den Schreibtischstuhl. Er warf mir erneut ein Grinsen entgegen. Ich erwiderte es auf keinen Fall. Besser gesagt, ich konnte es einfach nicht.

   »Du bist also mit Jaiden zusammen? Wer hätte das gedacht?«, setzte er an. Dieses Thema musste einfach kommen. Jetzt oder später während der Flucht. Nun war es eine hundertprozentige Bestätigung, dass er Jaiden verholfen hatte, sich zu mir zu schleichen. Was ging bloß in ihm vor? Mich würden seine Gedanken brennend interessieren, da er eigentlich mich angetanzt hatte. Jetzt zu erfahren, das Jaiden mit mir zusammen war, musste beinahe schon unangenehm sein. Aber Männer hatten ein anderes Schamgefühl als Frauen. Ethan war dafür das beste Beispiel und Zac ähnelte ihm hin und wieder.

   »Es stimmt. Wir hatten uns in Maggon kennengelernt. Aber woher kennst du ihn?«, konterte ich.

   Er zog die Mundwinkel weiter nach oben und ließ seine Arme verschränkt vor der Brust. »Aus dem Krieg.« Jaiden hatte schon erwähnt, das er damals mit ihm zusammen gekämpft hatte. »Er hat mir das Leben gerettet. Dank ihm hatte ich nicht meinen Kopf verloren.«

   »Du hasst mich doch, warum hilfst du mir also?« Er wusste auf was ich hinauswollte und brauchte einfach eine Bestätigung für mein Gewissen.

   »Ja, das mag sein. Aber seit gestern hasse ich dich nicht, weil du eben verwöhnt wirst, sondern weil du mir etwas vorgespielt hast.« Sein Blick verhärtete sich. Meine Lippen wurden zu einer schmalen Linie.

   »Vorgespielt kann man es nicht nennen. Ich bin eher versunken, nur für einen kurzen Moment und dann hatte ich mich wieder im Griff.«

   »Auch wenn wir nur ein kleines Gespräch hatten, begann ich dich wirklich zu mögen.« Er warf seinen Kopf ins Genick. »Aber jetzt bist du mir ziemlich gleichgültig.« Seine Augen wanderten wieder zu mir. »Zu deiner Frage zurückzukommen; ich helfe dir, weil Jaiden mein Freund ist und eine Hand wäscht die andere.«

   »Also eine Art Gefallen? Oder Entschädigung?«

   Er nickte bestimmt. »Wie sieht’s mit dir aus, Jolina? Hasst du mich?«

   Ich überlegte scharf. Eigentlich hatte ich keinen wirklichen Grund Zac zu hassen, da er mir nichts tat. Nur allein durch das Missgeschick und der enttäuschte Blick in Jaidens Augen mit der Aussage: Dir scheint es hier ja besser zu gehen, als ich gedacht hatte, ließ mich in Gegenwart von Zac aufsässig wirken. Ich gab ihm die Schuld für meine Unaufmerksamkeit, obwohl ich eigentlich die Verursacherin war. Wenn Zac von Beginn an von mir und Jaiden gewusst hätte, wäre dieser Hass nie entstanden, aber vielleicht auch keine Freundschaft, sondern gegenseitige Ignoranz.

   »Nein. Ich habe eigentlich nichts gegen dich. Wenn du die Wahrheit gewusst hättest, wäre es niemals passiert.«

   Er nickte zustimmend und setzte sich auf. Ein knappes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. »Ich glaube, ich weiß, was Jaiden an dir so schätzt.« Er blieb vor mir stehen und schaute mir tief in die Augen. »Du bist ehrlich.«

   Als ich nichts mehr zu sagen hatte, besser gesagt, mir mein Atem stockte und somit auch die Fähigkeit zu sprechen versagte, lief er zur Tür. »Bis dann.«

   Seine Schritte verstummten auf dem Flur. Das Gute an diesem Gespräch war, das wir uns beide endlich ausgesprochen hatten und ich nicht mehr das Gefühl hatte, das er mich hasste.

 

   Der Tag der Flucht rückte mit jeder Sekunde näher. Mir kam diese Zeit ewig vor. Aber am Abend packte ich schließlich alles gründlich zusammen, kontrollierte die Sachen dreimal und alles stimmte. Jaidens Kette hing ich mir um den Hals und steckte den Anhänger unter mein Shirt.

   Zac und Mell traten gegen halb elf in mein Zimmer. Auf ihrem Rücken befand sich ebenfalls ein Rucksack.

   »Kann es losgehen?«, fragte Zac. Ich nickte und schloss hinter mir das Zimmer. Noch einmal blieb ich stehen und drehte mich zur Tür um. Hatte ich auch wirklich alles?

   Es vergingen wenige Sekunden als ich mich endlich von meinem starren Blick losriss und wir die Flure durchquerten. Die Wachen überwanden wir mit derselben List, genau wie bei unserer letzten Flucht. Nur war da unser Ziel die Diskothek gewesen.

   Als wir uns schon im Tunnel befanden, zitterte mein Körper immer mehr. Ich hatte Angst, dass uns jemand verfolgte oder Pierre bereits wusste, dass wir entfliehen wollten. Wahrscheinlich würde er überraschenderweise am Flughafen bereits auf uns warten. Ich wollte nie wieder in dieses Schloss zurück.

   Mell schlang ihren Arm um meine Schulter. »Wir werden das schaffen, okay?«

   Ich blickte zu ihr und nickte bloß.

   Als wir in der U-Bahn ankamen, mussten wir eine kilometerweite Strecke zurücklegen. Aber dank unseres schnellen Sprints waren wir innerhalb von fünf Minuten an unserem Ziel. Zac sperrte eine Metalltür auf und wir liefen eine Treppe nach oben. Niemand befand sich mehr um diese Uhrzeit am Marktplatz und so konnten wir unauffällig durch die Straßen gehen.

   »Gleich da vorne ist schon der Flughafen!«, rief Zac und zeigte mit dem Finger auf das hohe Gebäude, das durch die Decke zu schießen schien. »An der Oberfläche starten die Flugzeuge. Wir fahren erst in einer Stunde ab, also müssen wir uns ein bisschen beeilen. Boarding ist meistens eine halbe Stunde davor.«

   Unsere Schritte wurden schneller und wir liefen in die leere Halle hinein. Hier befanden sich wenige Vampire. Allerdings sah ich schon von weitem die Scanner. Mein kompletter Körper spannte sich an.

   »Da kommen wir nie im Leben durch«, flüsterte ich und konnte meinen Blick nicht von den Männern mit dem Scanner in der Hand wenden.

   »Dafür habe ich vorgesorgt«, sagte Zac und drückte uns zwei Plastikarmbänder in die Hand. »Anziehen und Ärmel drüber ziehen.«

   Mell und ich schauten uns verworren an und schließlich gehorchten wir Zac. Wir beide waren noch immer zu angespannt, als wir am Schalter ankamen und Zac sein locker leichtes Schauspiel vor der Dame präsentierte.

   »Oh Mann, das muss doch wirklich furchtbar sein, wenn man Nachtschichten machen muss, oder?«, fragte er keck.

   »Hier! Ihre Karten, Sir!«, gab sie bloß als Antwort, setzte jedoch einen misstrauischen Blick auf.

   »Sie können sich glücklich schätzen, ich denke, ich werde öfters reisen...«

   Mells und meine Augen rollten nach oben. Ich hatte keine Ahnung was für eine besondere Ausstrahlung er haben sollte, aber die Frau verlor ihren misstrauischen Blick, je länger sie ihn anschaute. Nach wenigen Sekunden setzte sie sogar ein verträumtes Lächeln auf.

   Zac zwinkerte ihr zum Schluss noch zu und hinterließ seine Nummer. Wir nahmen unsere Rucksäcke und machten uns zu den Scannern auf. »Die war gar nicht mein Typ!«

   Ich zog eine Augenbraue nach oben. »Wieso hast du dann mit ihr geflirtet?« Zacs Logik war mir noch immer ein Rätsel.

   »Wer weiß, vielleicht wird es mir eines Tages das Leben retten.«

   »Ein Flirt?« Ich kicherte. »Ganz sicher, Zac.«

An den Scanner gaben wir unsere Taschen ab und wurden schließlich kontrolliert. Tatsächlich ließen die Scanner auf und anschließend wurde ich neugierig.

   »Okay, Zac, wie funktionieren die Armbänder?«, fragte ich.

   »In ihnen ist Vampirgene, sowie das Blut enthalten. Der Träger musste allerdings die Gene auch in sich tragen und durch ein bisschen Wissenschaft trügt es die Geräte.«

   Jetzt war ich mir sicher, tatsächlich zu einem Teil ein Vampir zu sein. Es fühlte sich grausam an. Als wäre ich nicht mehr ich selbst. Aber mein Charakter war geblieben? Oder? Ich wollte keine Veränderung. Das wollte ich nie.

   »So, jetzt einfach nur anstellen und abwarten, bis wir im Flugzeug sitzen«, atmete Zac auf. »Ich kann es nicht fassen, nach all den Jahren endlich dieser Einöde zu entfliehen.«

   »Wo bist du geboren, Zac?«, fragte ich anschließend.

   »Nicht in Istrien.«

Er wollte es mir nicht wirklich sagen. Ich wollte ihm auch nicht nachlaufen. Bestimmt hatte er einen Grund für sein Schweigen.

   Wir gaben unsere Karten ab und wurden zum Flugzeug gefahren, als ich meinen Sitz suchte, saß ich eine Reihe hinter Zac und Mell. Aber das machte mir nichts aus. Außerdem durfte ich am Fenster sitzen. Allerdings blieb der Platz neben mir nicht unbesetzt. Eine alte Dam setzte sich zu mir. Sie trug eine Sonnenbrille, hatte gelocktes, graues Haar und lief an einem Gehstock. Ihr Körper wirkte zerbrechlich und dürr.

   »Na, meine Liebe, ganz allein?«, sprach sie mich an und erinnerte mich an die Mutter meines Vaters. Allerdings war sie schon seit Jahren gestorben.

   »So in etwa«, sagte ich und wollte nicht gleich Zac und Mell mit hineinziehen.

   »Ach, ja. Ich fliege jetzt endlich wieder nach Hause«, krächzte sie und lehnte sich den Stuhl zurück. »Mein geliebtes Maggon.«

   »Wo ist Ihr Mann? Oder sind Sie auch allein?«

   Die alte Frau kicherte. »Mein Mann wartet schon sehnsüchtig auf mich. Ich kam hierher wegen einer tödlichen Krankheit.«

   Ich starrte sie ängstlich an. »Was für eine Krankheit? Ist sie ansteckend?«

   Die Frau lachte wieder und würdigte mich noch immer keines Blickes. Mit der Sonnenbrille und dem Starren könnte sie als Blinde durchgehen. Aber die Augen regenerieren sich wieder mit der Zeit. Erblindung, keine Stimme oder Taubheit gab es nicht mehr. Als Mensch war diese Behinderung für immer, aber bei Wesen wie uns regenerierte es sich immer aufs Neue. »Schon mal was von Lepra gehört?«

   »Früher waren die Menschen daran gestorben. Das bekamen wir im Geschichtsunterricht beigebracht.«

   Sie nickte zufrieden. »Gutes Kind. Nun ja, diese Krankheit mag für uns Wesen ausgestorben sein, aber es kommen immer wieder Neue. Ich erleide an Leporatius Lectonum. Es ähnelt der Lepra sehr, allerdings ist der Vorgang unheimlich schmerzhaft und langwierig. Ich trage sie nun knappe vierzig Jahre mit mir herum. Endlich hat Pierre ein Heilmittel gefunden und mich geheilt. Ich kann es nicht glauben ...« Ihr Kopf lag in der Lehne und seufzte vor sich hin. »Jedoch trage ich noch immer die Folgen davon.« Plötzlich hob sie ihre Brille ab und mit Entsetzen starrte ich sie an. Ihre Haut war sehr fahl und faltig. Die Augen waren eisblau und hatten die Linse milchig gefärbt. Sie war also tatsächlich blind?

    Sie zog die Brille wieder an, das sie nichts zu meinem entsetzten Ausdruck kommentierte. Die Frau konnte wirklich nichts sehen. Wir grausam.

   »Wenn es das Heilmittel früher gegeben hätte, hätte ich noch mein Augenlicht...« Ich empfand Mitleid mit der alten Frau. Zwar erlitten wenige Wesen an Krankheiten und dazu noch an LepoLe (Abkürzung für Leporatius Lectonum), aber das sie jemand so zerstören könnten, hätte ich niemals gedacht. Aber woher bekam Pierre dieses Heilmittel?

   Der Flug ging schnell vorüber und schließlich standen wir tatsächlich im Maggoner Flughafen. Ich hob erfreut meine Arme. »Ich bin wieder zu Hause!«

   »Naja, noch nicht ganz«, entgegnete Zac und zeigte auf den Ausgang. »Komm schon! Am Abend will ich in einem Bett schlafen.«

   Ich konnte es tatsächlich nicht fassen, nach drei langen Monaten wieder in Maggon zu sein. Ständig drückten sich Freudetränen in meine Augen und manche schafften es über meine Wangen zu rannen. Ich war meistens diejenige, die wie ein Dackel vor Mell und Zac herlief. Ich wollte so schnell wie möglich zu meiner Mutter, Jaiden und meinem Dad.

   »Muss ich dir eine Leine anlegen, Schätzchen?«, fragte Zac seufzend und Mell kicherte.

   »Lass sie! Ich würde auch vor dir herlaufen, wenn ich wüsste, das ich meine Familie wiedersehen könnte.«

   »Kannst du es nicht?«

   »Ich wurde vor Jahren, durch Pierre, von ihnen getrennt. Vermutlich leben sie noch in Flames.« Mell blickte zu Zac. »Was ist mit dir?«

   Zac verschränkte die Arme vor seinem Oberkörper. »Sie sind tot. Werwölfe hatten sie damals zerfleischt und ich blieb als letzter Erbe übrig. Mein Onkel starb im Krieg, genau wie meine Cousins und Cousinen.« Er schloss kurz die Augen. »Aber warum ... ich nicht.«

   Mell wusste darauf auch keine Antwort und starrte grübelnd in die Ferne.

   Doch dann geschah der Moment, auf den ich solange gewartet hatte. Vor mir stand das Waisenhaus. Ich lief sofort zur Tür hinein und klingelte ungeduldig. Der Scanner nahm meine Augen wegen eines mir unerklärlichen Grundes nicht mehr an. So konnte ich nicht passieren. Mell und Zac waren nicht registriert.

   Dann öffnete jemand die Tür und Ethan stand, mit seinem Gewehr auf der Schulter, vor mir. Zuerst weiteten sich seine Augen bei meinem Anblick und dann wurde sein Ausdruck misstrauisch als er Zac und Mell entdeckte.

   Ich fiel Ethan in die Arme. »Ich bin wieder zu Hause...« Alles in mir zitterte vor Aufregung und ich flitzte nach oben zu Jaidens Zimmer. Ob er da war?

   Nervös führte ich die Finger an den Türgriff, schluckte mehrmals und öffnete schließlich sein Zimmer. Nichts hatte sich verändert. Alles blieb beim Alten. Doch als ich eintrat, merkte ich schnell das sich niemand darin befand.

   Kurze Zeit später traf Ethan und die anderen beiden ein. Ich saß am Schreibtisch und ließ meinen Blick über das Zimmer schweifen. »Er wohnt gar nicht mehr hier, oder?«, fragte ich mit einem traurigen Unterton.

   »Nein. Er hat sich der Politik zugewandt und ist nun Organisationsleiter.« Ich warf ihm einen fragenden Blick zu. »Das heißt, er verwaltet alle Abteilungen in Maggon unserer Organisation. Außerdem meinte deine Mom, das sie ihn bräuchte. Er ist schon seit zwei Monaten hier nicht mehr aufgetaucht.«

   »Wo kann ich ihn finden?«

Ethan kratzte sich am Kopf und wollte mir gerade etwas vorschlagen, als sich jemand zwischen Mell und Zac drückte. »Lasst mich durch!« Kyla stand mit einem entsetzten Blick vor mir und musterte mich. »Jo...lina?«

   Ich erhob mich aus dem Stuhl und stellte mich vor sie. »Mit Leib und Seele.«

   Sie umarmte mich, drückte immer fester und streichelte behutsam über mein Haar. »Ich habe dich so vermisst, Kleines!« Sie schluchzte kurz auf und ihr rann eine Träne über die Wange.

   Als sie mich losließ, lächelten wir beide uns an. »Durch Jaidens Entschluss, meldete er sich nicht mehr und wir hatten keine aktuellen Informationen mehr über dich. Deshalb waren wir so in Sorge!«

   »Jaiden war bei mir gewesen«, platzte es schließlich aus mir heraus.

   Vier verschiedene Gesichter schauten mich schockiert an. Aber Zacs Ausdruck legte sich schnell wieder. Er war wahrscheinlich nur überrascht darüber, das es überhaupt erwähnte.

   »In Istrien?«, fragte Ethan nach. Ich nickte. »Er ging tatsächlich das  Risiko ein ...«

   »Aber er kam doch zurück, oder?« Beide zuckten mit den Schultern.  Ich bekam Angst. Er durfte nicht in Istrien noch sein. Wie sollte er dort überleben? Ob er ein Gefangener von Pierre war? Mein Herz klopfte wild und ich mein Atem stockte.

   Ohne die anderen zu warnen, flitzte ich an ihnen vorbei und verließ das Gebäude. Ich stürmte durch die Straßen, bis ich am Bahnhof einstieg. Das ich schwarz fuhr, war zwar nicht mein erstes Mal, aber ich müsste wirkliches Pech haben, wenn mich nun einer kontrollieren würde.

   Ungeduldig saß ich auf dem Sitz und wollte mir nicht ausmalen, das es Jaiden tatsächlich nicht aus Istrien geschafft hatte. Wieso kam er überhaupt? Er wusste, in was für eine Gefahr er sich stürzte.

   Schließlich quietschten die Schienen und ich stieg aus. Meine Schritte beschleunigten und ich kam vor dem Regierungsgebäude an. Allerdings würde mich die Wachen nicht durchlassen.

   »Ich bin Jolina Anderson«, sagte ich zu ihnen und sie grinsten bloß.

   »Ähnlich siehst du ihr, aber das habe schon viele andere vor dir behauptet.«

   »Wer will sich denn schon für mich ausgeben?«, fragte ich skeptisch.

   Ihr Grinsen verging. »Du willst doch nur hinkommen.«

   Ich seufzte schwer. »Okay, eigentlich wollte ich nur etwas wissen. Ist hier auch jemand namens Jaiden Lemont?«

   »Also jemand wie du ist mir noch nicht unter die Augen getreten. Du bist eine echt merkwürdige Jolina.« Ein Seufzer entfuhr mir. »Warte, vielleicht können wir dir weiterhelfen.«

   Die Wache drehte mir den Rücken zu und lief im Eilmarsch durch den Flur. Es dauerte eine Weile, bis er zurückkam und neben ihm jemand herlief. Blonde, lockiges Haare kamen mir entgegen, aber diese Person blieb nach wenigen Sekunden stehen. Ich konnte das Gesicht nicht erkennen von meiner Position.

   Plötzlich rannte sie los und jemand nahm mich in seine Arme. »Du bist es wirklich! Ich könnte dich selbst unter tausend Doubles erkennen, Jo!«, sagte er mir bekannte, schluchzende Stimme. Als sie mich losließ, realisierte ich erst, das Julia vor mir stand.

   »Ich hätte nicht gedacht, dich je wieder zu Gesicht zu bekommen«, sagte ich.

   Sie lachte und nahm meine Hand. »Komm schnell! Deine Mom will dich bestimmt auch sehen. Die wird Augen machen!«

   Wir liefen nebeneinander her und benutzten den Fahrstuhl. »Warte mal, die Wachen ...« »Schon in Ordnung«, schnitt sie mir das Wort ab und wir fuhren zu Stockwerk dreiundzwanzig. »Was machst du eigentlich hier, Julia?«

   »Ausbildung!«, rief sie und ich hatte völlig vergessen, das alle aus meiner Klasse bereits den Abschluss gemacht hatten. Ich musste dazu sagen, das Julia eine wirkliche gute Ausbildung bekam. Anderseits besaß ich nun keinen Abschluss.

   Schließlich trafen wir in der Regierungsabteilung ein und vor einem Büro blieben wir stehen. Julia klopfte und biss sich auf die Unterlippe. Sie versuchte ihr Grinsen zu unterdrücken. Als jemand ihr aus dem Raum das Zeichen gab zum Eintreten, drückte sie mich hinter sich und öffnete die Tür. »Schaut mal, wen ich gefunden habe!«

   Auf dem Schreibtischstuhl saß Christian, dessen Stift vor Schreck hinuntergefallen war. Neben ihn stand Cassandra, die glaubte einen Geist vor sich zu sehen. Sekundenlang sagte niemand etwas, bis ich mich vor Julia stellte und die Hand hob.

   »Hey, ich bin wieder da«, sagte ich in einem leisen Ton. Wie die anderen auch zuvor, formten sich ihre Lippen zu einem Lächeln. Meine Mom hauchte etwas leises, das ich nicht verstand, stellte sich jedoch vor mich und nahm meine Gesicht in ihre Hände.

   »Du ... bist es tatsächlich...«, sagte sie und drückte mich an sie. »Ich dachte Pierre hätte dir sonst was angetan.« Als sie über meine Wange strich, stoppte sie schlagartig und zog ihre Augenbrauen zusammen. »Er hat es wirklich durchgezogen ... dieser Mistkerl!« Cassandra biss wütend auf die Zähne und ballte eine Faust.

   »Was ist los, Cass?«, fragte Christian.

   »Sie trägt Vampirgene in sich. Ich kann es spüren.«

Ich wusste, das meine Mom mich zu gut kannte und mein neues Ich spürte. Ich strahlte zwar keine Kälte von mir, aber dafür auch keine Wärme. Ich war praktisch temperaturlos.

   »Das ging ganze drei Monate so, Mom.« Ich senkte den Kopf. »Aber ich konnte entfliehen.«

   »Du bist kein Phyne mehr und auch kein Vollblüter, sondern ...« Mir selbst fiel dafür kein Begriff ein.

   »Mom ...«, sagte ich und sie schaute mich erwartungsvoll an. »...ich muss zu ihm.«

   Sie nickte einverstanden, nahm mich sanft an der Hand und führte mich durch die Flure. Irgendwann machten wir an einer Tür halt. »Er ist ziemlich fertig in den letzten Tagen gewesen.«

   Verblüfft schaute ich sie an. »Wieso?«

   »Er meinte bloß, seit er dich wiedergesehen hat ...« Sie hielt inne. »Ich weiß es selbst nicht genau, aber geh zu ihm.«

   Mit einem Nicken verschwand ich ins Zimmer und bemerkte, das es genauso aussah wie das meiner Mutter. Am großen Fenster stand das Sofa. Durch das Glas schien die rote Abendsonne. Der Boden war Parkett und die Wände weiß. Durch die andere Tür ging es zum Schlafzimmer. Jaiden hatte ein Bücherregal aufgestellt und einen Fernseher.

   Ich lief zum Fenster und blickte hinaus. Ob er schlief?

Doch im nächsten Moment roch ich bekannten Duft, der durch einen Luftzug zu mir geweht worden war. Jaiden.

   Seine muskulösen Arme umschlangen mich von hinten und verschränkten sich an meinem Bauch. Ja, er hatte geschlafen, denn er trug kein Shirt. Sein Oberkörper presste sich an meinen Rücken und ich spürte einen Kuss in meinem Nacken. Wie anders er nun war... Er fühlte sich weder kalt noch warm an. Ein Kribbeln durchfuhr mich. Trotzdem glitt ein sanftes Lächeln auf meine Lippen.

   »Hey, mein Schatz ...« In seiner Stimme hörte ich Freude und Erleichterung heraus. Ich berührte seinen Handrücken und umschlang seine Arme

 

Sweet Home, Sweet Home

 

   Es waren ein paar Tage vergangen seit ich nach Hause zurückgekehrt war. Ich konnte endlich mit einem Lächeln aufstehen, wohnte vorrübergehend bei Jaiden und hoffte, dass bald mein Vater aus Oceanbreakers zurückkommen möge. Mom hatte mir erzählt, er würde dort versuchen den Krieg und den Zorn der Regionen zu schlichten. Aber Odin war stur und weigerte ich noch immer den Friedensvertrag zu unterschreiben. Aber er bekam von meiner Heimreise Wind und fuhr heute mit dem Flugzeug nach Maggon zurück.

   »Ich kann es noch immer nicht fassen hier zu sein...«, murmelte ich, als ich am Fenster stand und der Sonne beim Aufgehen zusah. Jaiden lachte und entnahm sich aus dem Kühlschrank etwas zu essen. Es war so klein, das er es mit einem Bissen hinterschlang.

   »Die Tage ohne dich war für mich auch nicht einfach.«

   Ich drehte mich zu ihm um. »Das glaube ich dir. Ich hatte das Gefühl in der Hölle mit Matratze gelandet worden zu sein.« Ich grinste und lief auf ihn zu. Sehnsüchtig schlang ich meine Arme um ihn und seufzte zufrieden. «Aber jetzt ist alles vorbei. Ich bin hier und niemand kann mich dorthin zurückbringen.«

   Ich spürte seinen Kuss auf meinem Haar. »Jetzt können wir endlich mal ohne die ganzen Probleme um uns herum leben«, sagte er und wir lachten beide gleichzeitig.

   Wir ließen uns los und setzten uns auf das Sofa. »Tut mir leid, wenn du so früh ausstehen musst, aber in Istrien war es immer dunkel gewesen und ich wusste nie wann es Tag war.«

   »Deine Haut hat sich auch verändert. Sie ist blasser geworden, aber man merkt es kaum. Außerdem haben sich deine Eckzähne verformt.« Erschrocken berührte ich sie sanft an der Spitze. Sie waren eckiger. »Die Gene ist nun fest in die verankert.«

   Ich senkte meinen Kopf und fuhr mit dem Finger über die Rückenlehne. »Aber du magst mich doch noch immer wie zuvor, oder?« Ich schielte kurz zu ihm und er lächelte mich an.

   »Warum sollte ich dich nicht mögen, wo du doch mehr Ähnlichkeit mit mir hast.« Ich lachte kurz auf. »Vielleicht können wir zusammen auf die Jagd gehen.«

   Ich blickte ihn erschrocken an, aber nicht weil ich anscheinend Blut trinken konnte, sondern weil mir Mells Worte einfielen. Beim ersten Schluck gerät man in einen Blutrausch und kann nicht mehr aufhören. Ich könnte jemanden verletzten oder gar töten. »Ich werde keines trinken.«

   Jaiden warf mir einen verdutzten Blick zu. »Aber das könnte dich viel stärker machen und mit den Jahren könntest du mächtiger als zwei Regenten sein.« War ich denn jetzt schon so stark wie einer? Was war bloß aus mir geworden...

   »Trotzdem. Ich will niemanden verletzten.«

   »Mir kannst du ruhig wehtun.« Ich zog wütend meine Augenbrauen zusammen und stand blitzartig von dem Sofa auf.

   »Um dich umzubringen, Jaiden? Bist du lebensmüde? Hast du eigentlich irgendeine Ahnung, was passiert, sobald ich auf den Geschmack von Blut komme? Ich werde solange trinken, bis mein Rausch endet, das-« Ich hielt inne, um meine Tränen zu unterdrücken. Mit glasigen Augen schaute ich ihn an. Seine Mimik blieb dennoch gelassen. »Ich will das nicht!« Meine Fäuste waren neben meiner Taille geballt und die Zähne waren fest zusammengebissen. Mein kompletter Körper war in Anspannung.

   »Jolina, setzte dich wieder«, bat er mich halb flehend. »Musst du denn gleich die Fassung verlieren?«

   Ich schaute kurz zum Fenster und erkannte wie die blutroten Augen sich widerspiegelten. Aber ich war so wütend, das er tatsächlich wollte, das ich sein Blut trank. Wie käme es, wenn ich den einzigen Menschen, den ich über alles liebte, aussaugte? Was für eine Freundin wäre ich dann?

    Als ich mich wieder hinsetzte und den Gedanken beim Blut behielt, überkam mich ein Durst, wodurch meine Kehle brannte. Es fühlte sich wie flüssige Glut an, die langsame meinen Hals hinunterglitt. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und atmete mehrmals tief ein.

   »Soll ich helfen?«, fragte er und führte seinen Arm zu seinem Mund hin. Ich reagierte sofort, griff danach und stürzte mich so arg auf ihn, das wir beide am Ende auf dem Boden lagen. Woher hatte ich diese unkontrollierbare Kraft?

   Gefürchtet vor mir selbst, nahm ich einen beträchtlichen Abstand von Jaiden. Ich drückte mich sogar gegen die Wand am Ende des Raumes.

   Er erhob mich sich einem Ächzen, ließ kurz seinen Hals knacksen, indem er ihn drehte und schaute mich schließlich an. »Okay, jetzt wirst du sowieso keine Wahl haben.« Er hielt mir erneut seinen Arm hin.

   »Bitte, Jaiden tu das nicht!«, schrie ich und bevor ich wieder auf ihn zuspringen wollte, hatte er sich längst in dem Arm gebissen. Aus vier größeren Löchern drangen wenige Tropfen Blut.

   »Jetzt oder nie«, sagte er erneut. Aber Jaiden wusste genau, was ich als Nächstes tun würde. Er hatte sich schon vor den Ausgang gestellt und blockierte mir meinen Fluchtweg. Mist! Ich saß in der Falle.

   »Wieso willst du es unbedingt?«

   »Weil es mir lieber ist, wenn ich die Bürde auf mich nehme, als jemand anderes. Außerdem ...« Er kicherte kurz. »...ist es eine Art Ehre, wenn du mein Blut trinkst.«

   Trotzdem überzeugte es mich nicht und ich nahm weiterhin von ihm Abstand. Doch der Geruch des Blutes drang immer tiefer in meine Nase. Alle meine Sinne wollten es kosten. Aber ich weigerte mich, mit Erfolg.

    »Jeder andere Vampir, wäre bei dieser Menge tatsächlich in einen Rausch verfallen. Durch deine zwei anderen Genen scheinst du wiederstehen zu können.«

   »Zwing mich bitte nicht! Wenn ich es doch nicht will, Jaiden!«, flehte ich und lief zum Sofa hinüber. »Ich werde es weiterhin unterdrücken, egal wie sehr ich leiden muss.«

   »Es ist aber nun ein Teil von dir, den du nicht länger verleugnen kannst!«, konterte er und knurrte. »Es wird bloß schlimmer.«

   Ich schüttelte stattdessen den Kopf und glitt an der Wand hinunter. Meine Arme schlangen sich um die Knie, die ich zuvor angewinkelt hatte. Ein leiser Schluchzer entfloh aus meiner Kehle. Erst dann hörte ich wie Jaidens Herz in Stille versank. Seine Hand streichelte wenige Sekunden später meinen Kopf.

   »Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht zwingen.« Ich gab keine Antwort und ließ nur meine Knie los. Mein Kopf blieb jedoch gesenkt. »Ich will nicht streiten«, folgte schließlich. Kurze Zeit später umschlangen seine Arme meine Beine und er hob mich hoch.

   Sofort stand ich im dunkleren Schlafzimmer vor dem Bett. Jaiden legte mich hinein und deckte mich zu. Er setzte sich bloß neben mich, küsste meine Stirn und hielt meine Hand.

   »Jaiden, wieso willst du unbedingt, das ich von deinem Blut trinke?«, fragte ich leise.

   Er seufzte bloß und schloss nachdenklich die Augen. »Als ich damals achtzehn Jahre wurde, erwirbst du das erste Verlangen nach Blut. Bei Vollblüter wirst du schon bei der Geburt mit Blut ernährt. Es ist praktisch ein bloßer Ersatz für die Milch. Später beißen die Kinder ihre Eltern und können so groß werden.« Er seufzte erneut. »Jedenfalls hatte ich niemanden, der mir sein Blut anbot, damit niemand anderes dafür verletzt oder gar getötet werden konnte.« Sein Blick ruhte auf dem kleinen Fenster über mir. Jedoch verdeckten die Rollläden die Sicht nach draußen. »Ich tötete an dem Abend fünf unschuldige Magier.«

   Ich schluckte. »Wie konntest du aufhören?«

   Er lachte, jedoch spottend über sich selbst. »Ich habe mir ein Messer in den Bauch gerammt, damit ich wieder die Kontrolle über mich selbst hatte.«

   Mir stockte der Atem. Wie viel Mut musste es aufbringen sich selbst zu verletzten? Jaiden verblüffte mich immer wieder.

   Ich erhob mich und setzte mich neben ihn. Mein Kopf lag auf seiner Schulter. »Das wusste ich nicht. Wenn ich fünf unschuldige Wesen töten würde, wäre das eine Schuld, die ich nie aus meiner Gewissen bekäme.« Ich blickte ihn unsicher an, ordnete meine Gedanken noch einmal und griff nach seinem Arm. »Ich werde es dann trinken, okay?«

   Er lächelte sanft und ich riss meinen Mund auf. Aber statt mir seinen Arm zu geben, klappte er meinen Kiefer mit seinem Zeigefinger hoch und drückte seine Lippen auf meine.

   Als sie sich lösten, schaute ich ihn verworren an. »Erst wenn du dich keinem Willen unterbunden fühlst.«

   Wir starrten uns eine Zeit lang an. »Okay. Ich verspreche, auch das ich zuerst dich kosten werde.«

   Er schmunzelte und stand auf. »Ich werde kurz nach dem Rechten sehen. Vorhin wollte Cassandra noch etwas von mir. Bis später!« Dann verschwand er und ich saß allein im Schlafzimmer.

 

   Nach einer halben Stunde entschied ich mich in die Stadt zu fahren und mir in Boutiquen und Geschäften die Langweile zu vertreiben. Ohne die Schule und das Lernen war mein Leben so leer und öde. Ich musste gestehen, dass ich in Istrien tägliche Beschäftigung hatte, die dennoch mein Leben strapazierte. Auch wenn manche Stunden wie eine gefühlte Ewigkeit vergingen, hatte ich dennoch mehr zu tun, als jetzt. Ich war … ziellos.

   Als ich schließlich an den Bahnhof lief, wartete ich sitzend auf der Bank auf meinen Zug. Meine Augen schielten zur großen Uhr an der Decke. Noch genau zwanzig Minuten, bis ich einsteigen konnte.

   Während meiner Gedanken setzte sich ein Mädchen neben mich. Ich beachtete sie kaum und sah im Augenwinkel nur kinnlanges schwarzes Haar. Als mehrere Minuten vergingen, warf ich ihr einen flüchtigen Blick zu. Das konnte nicht sein! War das etwa Elena? Wieso war sie allein? Ihr Gesicht war vollkommen blass und sie wirkte betrübt. Wo war ihr Bruder Mitch? Wo befand sich der Rest der Slumbande? Im ersten Moment ihres Anblicks stockte mir der Atem. Aber die traurigen Züge und die schlaffe Körperhaltung animierten mich dazu, sie anzusprechen.

   Ich beugte mich nach vorne, um ihr in die Augen schauen zu können. »Elena?«, begann ich.

   Schlagartig schaute sie mich entgeistert an und sprang auf. Ihre Augen musterten mich eindringlich, ihr Körper zitterte und schließlich lief sie in die Menge. Was war denn nun los? Ohne lange nachzudenken, folgte ich ihr. Sie war flink und konnte sich durch ihren kleinen, zierlichen Körper besser durch die Menge drücken. Wenn ich nicht genau aufpasste, stieß mir jemand seine Elle in die Taille oder zerquetschte mich.

   Nach wenigen Minuten erreichten wir schließlich die Gänge, die weniger mit Magiern besetzt waren. Der Schall unserer schnellen und lauten Schritte prallte gegen die Wände und erzeugte ein deutliches Echo.

   »Elena! Warte doch bitte!«, rief ich laut und ihre Schritte wurden schneller. Ich müsste auf einen Ort abwarten, an dem mich niemand beobachtet. Denn eigentlich war ich viel schneller wie Elena. Mit meiner Vampirgene konnte ich mich mit Jaiden konkurrieren.

   Zu meinem Glück bog sie in einen kleinen Gang ein und schließlich waren nur noch ihr hechelnder Atem zu hören und meine dumpfen Schritte. Ich nutzte diese Chance und packte sie blitzschnell am Arm. Anschließend drehte ich mich zu ihr um. Ich musste etwas bedrohender wirken, da ich gegenüber der Magierbande schon immer misstrauisch war. Ich konnte nie abschätzen, was sie als nächstes tun würden.

   Meinen Unterarm klemmte ich unter ihr Kinn und drückte mit den anderen Hand ihre rechte Schulter gegen die Wand. »Elena, ich will dir nichts tun, sondern bloß mit dir reden, klar?«, fauchte ich sie drohend an. Sie musste wissen, das ich es ernst meinte.

   Sie versuchte zu nicken und ächzte schließlich. »Okay, okay ... ich renn nicht weg.«

   Schlagartig ließ ich sie los und nahm Abstand von ihr. Sie keuchte und hustete. Anscheinend hatte ich etwas übertrieben in meiner wütenden Rolle. »Wo ist der Rest deiner Leute? Ihr seid doch sonst immer zusammen.«

   Elena hatte sich sehr verändert. Ihre Lippen waren zwar roter als vorher, aber das könnte auch durch den Farbunterschied zu ihrem Gesicht liegen. Die Augenhöhlen wirkten dunkler und sie besaß Ringe im unteren Bereich. Ihre Haare waren eher ungepflegt, obwohl sie gerne, wie Viktoria, viel wert auf ihr Aussehen legte. Etwas musste in der Zwischenzeit passiert sein.

   »Warum sollte dich das interessieren?«, fragte sie und biss auf ihre Zähne. Sie versuchte mir ebenfalls zu drohen, aber ihr Blick prallte an einer eiskalten Mauer ab.

   Ich ging erst gar nicht auf ihre Frage ein. »Hat eure kleine Gruppe sich aufgelöst? Seid ihr verstritten? Wo sind Zero, Mitch, Viktoria und Mason?«

   Sie schüttelte heftig den Kopf. »Weg, okay?«

   Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Was meinst du damit?« Glasige Augen blickten in meine. »Ist etwas passiert?«

   Sie wischte sich schnell die Tränen aus den Augen, bevor diese zum Überlaufen drohten. »Mitch ist ... tot. Viktoria hat uns im Stich gelassen. Zero wurde zum Einzelgänger und Mason wollte sich schon immer von uns lösen.«

   Mein Mund wollte am liebsten in diesem Moment aufklappen, aber ich behielt meine kühle Fassung. »Tot? Wie denn das?«

   »Er hatte sich den letzten drei Monaten einer anderen Slumbande angeschlossen, die ihn schließlich erschossen hatten, da sie dachten er hätte etwas verraten«, schluchzte sie schließlich und hielt sich die Hände ins Gesicht. Sie sank mit den Knie auf den Boden und weinte leise.

   Egal welche Feinde ich zu haben schien, wenn ich wusste jemand war traurig, empfand ich Mitleid. Elena schubste und beschimpfte mich meistens in der Schule. Sie wollte immer die angesehenste Schülerin sein. Die Lehrer hassten ihre Art, die Hälfte der Schule mochte sie.

   Aber sie nun am Boden hockend zu sehen und zum ersten Mal im Leben ein Schluchzen und Weinen zu hören, passte nicht zu Elena. Was für eine Zeit musste sie durchmachen, als sie erfuhr, das sie ihren Bruder töteten?

   »Ich bin ganz allein. Ich habe niemanden. Wohin soll ich nun gehen?«, wurde ich Schluchzen lauter und ich kniete mich zu ihr hinunter, um meine Hand behutsam auf ihren Rücken legen zu können.

   Sie hatte weder eine Familie, noch ihre Freunde. Wohin sollte sie gehen? Wer könnte ihr aus dieser Lage helfen? Ich überlegte scharf und mir viel eine Möglichkeit ein. Vielleicht nahm sie das Waisenhaus auf. Am Abend könnte sie dort übernachten und am Tag würde sie arbeiten gehen. Ich half ihr beim Aufstehen und schaute in ihr errötetes, feuchtes Gesicht.

   »Ich wüsste einen Ort, wo du unterkommen könntest.« Ich konnte ihren misstrauischen Blick schon erahnen. »Du musst mir allerdings vertrauen und lernen doch dort zu benehmen.«

   »Ich habe kein Problem damit mich zu benehmen.« Skeptisch zog ich eine Augenbraue in die Höhe. Ich wusste nicht, wie stark sich Elena verändert hatte durch ihre Verzweiflung und Not. Manchmal verwandelten diese Dinge eine Person in jemand völlig neuen.

   »Lass uns gehen!«, sagte ich, wollte jedoch das Gedränge in der Haupthalle vermeiden und lief einen Umweg.

   In den Gängen war es sehr ruhig. Elena hatte ihren Kopf gesenkt und lief mit einer lockeren Körperhaltung neben mir her. Ich hingegen behielt den Kopf immer oben und war angespannt. Meine Aufmerksamkeit richtete ich der Umgebung.

   Als wir beinahe dabei waren den Bahnhof zu verlassen, hatte ich das Gefühl, das wir beobachtet und verfolgt werden. Ich blieb angewurzelt stehen und lauschte. Vorerst konnte ich keine Anwesenheit wahrnehmen. Es schlug auch kein anderes Herz, sondern nur Elenas und meines. Ich drehte mich um und schaute mir den leeren Gang an.

   »Was hast du?«, fragte Elena und klang unruhig. Ihr Körper begann zu zittern. »Oh nein ...«, hauchte sie kaum hörbar und ruckartig drehte ich mich zu ihr.

   Finstere Augen blickten sie an. »Wer verfolgt uns?«

   »Sie denken, das ich auch etwas weiß und wollen mich ebenfalls umbringen.« Elenas Stimme bebte. Was meinte sie damit? Wollte sie mir damit sagen, das auch die Typen, die Mitch getötet hatten, hinter Elena her waren? Wenn das der Fall war, musste ich mich auf einen Kampf vorbereiten.

   »Okay, dann müssen wir schleunigst hier verschwinden«, sagte ich und packte sie am Arm. Jedoch schon nach wenigen Sekunden hörte ich ein fremdes Herzpochen. Es folgten zwei weitere und letztendlich hatten wir fünf Verfolger.

   Es war zu spät. Sie abzuhängen, würde Elenas Leben nicht erleichtern. Ich konnte sie nicht die ganze Zeit über beschützen. Es musste jetzt geklärt werden.

   Dann blieb ich stehen und sah fünf unterschiedlich muskulöse Männer auf mich zukommen. Einige von ihnen setzten ein diabolisches Grinsen auf und andere hielten sich lieber im Hintergrund. Ob das alles Magier waren?

   Ich setzte eine eiskalte Mimik auf. Egal wie, aber ich musste sie verscheuchen oder sogar verletzen, damit sie wussten, das es kein leichtes Spiel war, Elena zu töten.

   Sie nahmen reichlich Abstand und einer von ihnen trat nach vorne. Ob er der Anführer dieser Truppe war? »Wir wollen dir nichts tun, sondern uns nur Elena für eine Weile ausleihen.«

   »Wollt ihr sie auch noch töten?« Ich könnte ja mit der Polizei drohen, aber leider kümmerten die sich nur sehr wenig über die vielen Todesfälle in den Slums. Mindestens ein Toter tauchte pro Woche in den Nachrichten oder Zeitungen auf.

   Jemand flüsterte ihm etwas ins Ohr. Anschließend wandte er sich mir wieder zu. »Anscheinend hat die Kleine dir auch Dinge gesagt, die nicht für deine Ohren bestimmt waren. Jetzt werden wir euch zwei wohl erledigen müssen.«

  Trotzdem wusste ich nicht, ob ich es mit Magiern zu tun hatte. Einer von ihnen wirkte dafür zu ... kraftvoll. Es war der Anführer. Für eine magische Aura, war sie zu impulsiv. Sie war, wie ein starker Duft, der sofort in die Nase drang und den man nicht so leicht vergessen konnte. Solche Auren besaßen nur Phynes.

   »Sie hat mir alles erzählt«, sagte ich mit einem gespielten Lächeln und stemmte einen Arm in meine Hüfte. Irgendwie musste ich die Bande provozieren. Ein Kampf war nun unausweichlich.

   In meinem Nacken konnte ich Elenas ängstlichen Blick spüren. Ihr Zittern war sogar am Boden zu spüren, aber nur, weil sie dicht hinter mir stand. Die Jungs mussten sie tatsächlich regelrecht eingeschüchtert haben.

   Zum ersten Mal verspürte ich keine Angst. Ich fühlte mich stark genug ihnen entgegentreten zu können. Vielleicht erging es Jaiden in vielen Kämpfen so. Durch die drei Monate, in denen ich mit mir selbst und meinem Leben zu kämpfen hatte, härtete ich ab. Ich war viel selbstbewusster als am Anfang und durch die drei Genen in mir, konnten diese fünf Jungs mir nichts anhaben.

   »Ich denke sinnloses Geschwätz hilft uns nicht weiter, oder?«

   Der Anführer lachte spottend. »Was denn? Ist das dein Ernst? Eine Magiern gegen uns fünf? Du wirst keine Sekunde durchhalten.«

   Ich ließ meine roten Augen funkeln und mein Haar glich sich der Farbe an. »Seit ihr euch das sicher?«

   Der Kerl schluckte. Der Höhepunkt kam allerdings, als ich meine Zähne bleckte und meine Reißzähne zur Geltung kamen. Gemurmel ertönte vor mir und entgeisterte Gesichtszüge tauchten zwischen ihnen auf.

   Schließlich ging ich in Angriffsstellung und schritt auf sie zu. Meine Geschwindigkeit war jedoch viel zu schnell, als das sie es mit bloßem Auge nachvollziehen konnten.

Todesangst

Keiner von ihnen konnte so schnell reagieren, wie ich. Ich wusste schon im Voraus, wer den nächsten Spruch aufsagen wollte und wandte mich zu demjenigen.

   Ich begann mit dem Hintersten und packte ihn kräftig am Kragen. Er starrte ängstlich in meine roten Augen und bekam keine Luft. Schließlich nahm ich Schwung, indem ich mich um meine eigene Achse drehte, ihn dabei mitzog und als ich ihn losließ, prallte er heftig gegen die Wand. Bewusstlos fiel der Körper zu Boden.

   Der Anführer murmelte etwas und ich war sofort zur Stelle. Zwei andere wollten sich auf mich stürzen, doch ich wich ihnen aus und sie fielen auf ihren Anführer.

   Der übrig Gebliebene trat von einem Fuß auf den anderen. Er zerknüllte sein Shirt und zitterte. Mit einem heftigen Faustschlag verpasste ich ihm ein Veilchen am Auge. Er fiel ebenfalls zu Boden. Da waren es nur noch Drei.

   Ich sah, wie sich einer von ihnen auf Elena stürzen wollte, die zusammengekauert am Boden saß. Als sie den Magier auf sie zu laufen sah, versteckte sie ihren Kopf zwischen den Beinen.

   Meine Reaktion war wiedermal zu schnell und ich stellte mich schützend vor Elena. Der Magier machte keinen Halt und rannte weiter auf mich zu. Die Hitze in mir begann sich zu steigern und plötzlich brannte meine Hand vor Energie. Ich streckte sie ihm entgegen und durch einen bloßen Gedanken an Feuer, schoss eine meterlange Flamme aus meiner Hand. Der Magier hielt instinktiv seine Arme vor sein Gesicht, viel dennoch zu Boden.

   Ich kniete mich zu ihm hinunter und verpasste ihm einen Schlag ins Gesicht. Den letzten beiden widmete ich all meine Aufmerksamkeit. Der Anführer biss wütend auf die Zähne, ballte die Fäuste und wäre am liebsten innerlich explodiert.

   »Warum mischt du dich in Angelegenheiten ein, die dich nichts angehen?«, fluchte er laut. Wieso ich Elena ihr Leben rettete, wusste ich selbst nicht genau. Eigentlich war ich so sauer auf diese Bande gewesen, das ich ihr nicht helfen wollte. Aber mein schlechtes Gewissen hätte an mir genagt, wenn ich hinterher erfahren hätte, das sie getötet worden sei. Ich mochte Elena nicht, aber das spielte nun keine Rolle. Ich empfand Mitleid und das war alles was zählte.

   »Weil ich nicht einfach daneben stehen werde und zusehe, wie du sie tötest.«

   Seine Anspannung lockerte sich und er stellte sich wieder aufrecht. Anschließend lachte er. »Du weißt überhaupt nichts, sonst würdest du anders reagieren.«

   »Mich interessiert es auch gar nicht! Ganz egal, was Elena wissen sollte, ihr werdet sie dafür nicht töten«, rief ich wütend.

   »Du hast ja keine Ahnung ...«, murmelte er. Mit einer ebenso schnellen Geschwindigkeit, wie ich sie besaß, kam er auf mich zu gerannt. Ich reagierte zu spät und er stieß mich heftig zurück. Ich schlitterte mehrere Meter weit über den Boden und eine Treppenstufe bremste mich, wenn auch unsanft. Ich stieß einen kurzen Schrei aus und krümmte mich. Mein Rücken schmerzte.

   Der Anführer lief auf Elena zu und packte sie am Arm. »Komm mit!«, rief er, aber sie wehrte sich kreischend. Er deutete mit seinem Kopf auf mich und der letzte übrig gebliebene Magier kam auf mich zugelaufen. Er zückte ein Messer und aufmerksam schaute ich zu ihm. Er kniete sich zu mir herunter und packte mich grob an den Haaren. Ich unterdrückte einen zweiten Schrei.

   »Das war’s wohl!«, flüsterte er und hob seine Hand, um mit Schwung das Messer in meine Brust zu rammen. Auch wenn ich noch immer keine Angst hatte, wusste ich, das ich durch eine Hand, wie diese, nicht sterben würde.

   Doch im letzten Moment umklammerte ich sein Handgelenk und drückte es von mir weg. Er hielt mir stand, jedoch nicht lange, denn ich drückte immer fester zu. Schließlich ließ er locker und ich stand abrupt auf. Meine Hand drehte ich um hundertachtzig Grad, kehrte ihm den Rücken zu und schleuderte ihn wie ein Seil nach vorne. Er prallte mit knacksenden Geräuschen gegen die Wand.

   »Jolina!«, kreischte Elena, als der Anführer schon das Messer zückte. Ich griff schnell nach dem anderen und schleuderte es – auf gut Glück – auf den Angreifer. Es traf ihn in der Schulter und er ließ Elenas Arm los. Im nächsten Augenblick stand ich vor ihm.

   Gerade wollte ich reagieren, als der starke Blutgeruch in meine Nase drang. Verdammt! Ich erinnerte mich an Jaidens Worte. Durch die Unterdrückung und Verleugnung meiner dritten Gene würde das Verlangen steigen. Das hieß, irgendwann bekäme ich mich nicht mehr unter Kontrolle.

   In diesem Augenblick zog er das Messer aus seiner Brust und lachte spottend. Er ließ es fallen und trat auf mich zu. »Riechst du das? Willst du mal kosten?«

   Tatsächlich war es wie ein Rausch. Meine Sinne drehten völlig durch, meine Sicht verschwamm und ich spürte wie meine Kehle nach Blut schrie. Sie brannte und mein Mund fühlte sich trocken an. Ich musste ... trinken. Der Durst war unerträglich.

   Ich fletschte die Zähne und griff nach seiner blutigen Hand. Auch wenn ich zu mir sagte, das ich dann in einen Blutrausch geriet, wollte ich dennoch kosten. Meine Nase sog mehr von dem schmackhaften Duft ein. Meine Augen ließen nicht mehr von der roten Flüssigkeit ab. Auch wenn ich ihn vermutlich aussaugen konnte, wäre Elena in großer Gefahr.

   Plötzlich stürzte sich jemand auf mich und wir schlitterten über die Fliesen. »Nicht!« Ich erkannte ein leuchtendes Hellblau vor mir. Meine Sicht wurde immer schlechter. »Du musst wieder zu dir kommen, hörst du? Lass den Rausch nicht zu.«

   Er packte mich an den Armen und schüttelte kräftig, aber der Durst wurde nur stärker. Schließlich sah ich nur noch einen roten Schleier vor meinen Augen und meine Zähne gruben sich in etwas Weiches. War das Haut? Schließlich schmeckte ich das Blut auf meiner Zunge. Es glitt meinen Hals hinunter und löschte das Brennen. Jedoch wollte ich mehr und saugte kräftiger daran. Durch die Blutzufuhr erlangte ich meine Sinne wieder. Meine Sicht wurde schärfer und schließlich hatte mich Jaiden in seine Arme genommen. Trank ich gerade sein Blut? Bei dieser Tatsache, verschwand mein Rausch sofort. Ich hatte mich unter Kontrolle.

   Wir schauten uns beide an. Jaiden schien noch blasser als sonst zu sein. Schließlich drückte ich mich von ihm ab und wischte das Blut von meinem Mund. Was hatte ich getan?

   Elena schrie erneut auf und dieses Mal war es ernst. Der Anführer hielt das Messer an ihre Kehle und drehte sich drohend zu uns. »Lasst mich mit ihr gehen und ich werde sie nicht töten.«

   Bevor er jedoch auf irgendeine Reaktion wartete, machte ich mich sofort unsichtbar und stand hautnah hinter ihm.

   »Loslassen«, ertönte meine drohende Stimme, die sogar mich selbst schaudern ließ.

   »Du kannst kein Dämon und Vampir sein«, flüsterte er und ich konnte seinen Schweißgeruch wahrnehmen. Er stank nach Angst.

   Letztendlich rammte ich ihm ein weiteres Messer in den Rücken und er ließ sein eigenes fallen. Elena befreite sich sofort aus seinen Handgriffen und er fiel zu Boden. Sie blickte ängstlich zu mir und zitterte ebenfalls. »Was ist mit dir passiert?«, hauchte sie, da ihre Stimme erstarb.

   »Willst du noch immer mitkommen oder davonlaufen?«, fragte ich ernst und sie nickte. »Ich werde mit dir kommen«, erklang es ihrerseits.

   Ich lief sofort zu Jaiden hinunter und schaute mir die Bisswunde an. Sie war heftig aufgerissen worden. Wie stark musste ich denn an ihm gesaugt haben? Er zog seine Weste über die Wunde. »Es tut mir so leid.«

   Meine Haare und Augen wurden wieder normal, doch Jaiden hielt bei meinem Anblick inne. Er starrte mir hauptsächlich angespannt in die Augen. »Jolina, du ...«

   Er erhob sich und seine Hände umschlangen mein Gesicht. Mit seinem Daumen fuhr er sanft unter den Augenrändern entlang. Ich konnte seinen Atem auf meiner Haut spüren. Er nahm mich an der Hand. Wir liefen in den Nächsten Gang, um zu einem Wandspiegel zu gelangen, der sich über die komplette Seite erstreckte.

   Auch bei meinem eigenen Anblick stockte mir der Atem. Meine Iris hatte sich farblich verändert. Aus dem Smaragdgrün wurde nur am linken Auge ein Meerblau. Es waren Vampiraugen. Jetzt besaß ich zwei völlig unterschiedliche Irisfarben. Wie war das möglich? Es war zunächst nicht auffällig, aber aus der Nähe dennoch erkennbar.

   Ich schüttelte bloß den Kopf und wollte mir nicht ausmalen, was sich noch alles verändern könnte. Jaiden nahm mich in den Arm und strich mir behutsam über den Kopf.

   »Wann hört das auf?«, fragte ich verzweifelt und hielt mir meine Hände ins Gesicht.

   Jaiden nahm meine Hand und zog mich in Richtung Ausgang. »Lass uns nach Hause gehen.« Ich wäre sofort mit ihm gegangen, wenn nicht Elena abseits gestanden hätte und ihren Kopf hingen ließe. Ihre dunkelbraunen Augen waren glasig. Ich löste mich von Jaidens Hand und lief zu ihr hin. »Zuerst will ich Elena zu Ethan und Kyla bringen. Ist das in Ordnung für dich?« Jaiden nickte.

   Elena bedankte sich, als wir sie ins Waisenhaus brachten. Auch wenn es meinerseits grob war, das ich sie, trotz ihrer melancholischen Stimmung, warnte keine Dummheiten zu begehen, verstand sie mich sofort und gab mir ihr Versprechen. Ethan sagte ich, er sollte ein Auge auf sie werfen. Denn Taten konnte man nicht ungeschehen machen, genau wie mein Misstrauen ihr gegenüber nie entfallen würde. Elena mochte sich geändert haben. Der Tod ihres Bruder hatte ihr zugesetzt, aber trotzdem konnte man schneller als gedacht, in sein altes Ich zurückkehren.

   Als wir wieder zu Hause ankamen, erzählte ich Jaiden mehr über die Slumbande. Es war mir wichtig, das sie wussten, wie ich zu ihnen stand. Er hörte mir dabei aufmerksam zu, gab jedoch kein einziges Kommentar ab.

   »...tja und so haben sie dann angefangen mich zu jagen«, beendete ich hiermit meine Geschichte. Jaiden schwieg noch immer. Er dachte scharf nach und hielt sich seine Hand ans Kinn.

   »Du hast dich also mit fünf Magiern angelegt? Allein? Sehr ... exzentrisch.«

   Ich hob eine Augenbraue und legte den Kopf leicht schief, sodass es wirkte, als hätte ich diese Aussage am wenigsten erwartet. »Ich war jung!«

   Jaiden lachte laut los. »Du hast dich also innerhalb von einem Jahr zu einem Erwachsenen geändert?«

   Ich stemmte dazu die Arme in meine Hüfte. »Jedenfalls habe ich viel durchgemacht, was mich dann schließlich verändert hatte.« Er lachte noch immer.

   »Jolina, du bist auch jetzt noch jung.«

   »Okay, okay«, gab ich auf und lächelte ihm zu. Es war schön ihn lachen zu hören. »Im Gegensatz zu dir, bin ich tatsächlich jung, alter Mann.«

   »Stimmt! Ich könnte dein Vater sein.« Meine Augen wanderten aufmerksam zu ihm. In einer schnellen Bewegung hatte ich mich auf ihn gesessen. Ich verschränkte meine Finger hinter seinem Genick.

   »Bist du aber nicht!«, konterte ich und drückte sanft meine Lippen auf seine. Seine Arme zogen mich noch näher an sich. Ich spürte jede Berührung intensiv. Zwar konnte ich keine Wärme oder Kälte empfinden, aber dafür hatte ich das Gefühl, mehr von seiner Haut zu spüren. Als ich mit meinen Fingern an seinem Rücken entlangfuhr, blieb ich an seiner Narbe stehen. Meine Kuppeln glitten über die Konturen und ich fühlte den Schmerz, den er in dem damaligen Moment ertragen musste.

   Ich bemerkte es zuerst nicht, aber Jaiden hob mich auf seine Arme und trug mich ins Schlafzimmer. Unsere Küsse wurden leidenschaftlicher und mit jeder Berührung wollte ich mehr. Eine Flamme entfachte in mir und löste eine Hitzewelle aus. Die Kälte in mir löschte diese Wärme und schuf eine Balance zwischen den Temperaturen. Ich glitt mit meinen Händen unter sein T-Shirt, spürte die Muskeln und seine Bewegungen. Seine Küsse wanderten zu meinem Hals, drückten sich an meinem Schlüsselbein entlang und fanden schließlich zurück zu meinen Lippen. Ich kraulte seinen Nacken, zog ihn enger an mich und wollte das dieser Moment nie endete. Meine Finger fuhren mehrmals durch seine Haare. Mich überkam ein neues Gefühl, Lust. Schließlich drehte ich mich so herum, das wir in umgekehrter Stellung lagen. Dieses Mal befand ich mich auf Jaiden. Ich wollte ihn wieder küssen, als er mein Gesicht festhielt und mich ernst anschaute.

   »Wir müssen das nicht tun«, sagte er hauchend. »Ich will, das du dir sicher bist. Keine Hemmungen, ja?«

   Ich schluckte. Die Frage stellte ich mir selbst, aber bei Jaiden war ich mir mehr als sicher. Wenn nicht er, wer dann? Für mich gab es nur eine Zukunft und das war er. »Ich war mir nie sicherer.«

   Schließlich durfte ich meine Lippen auf seine drücken und unsere Zweisamkeit setzte fort. Dieses Mal wurde es noch leidenschaftlicher. Ich zog Jaidens Shirt aus, küsste ihn, zog meines aus und küsste ihn erneut. Unsere Lippen sollten so kurz wie möglich voneinander getrennt sein. Letztendlich lagen auch die Hosen und die Unterwäsche am Boden. Mit meinen Fingern erforschte ich alles an ihm. Er war wie eine Droge von der ich nicht loskommen mochte.

   »Ich liebe dich«, erklang es meinerseits. Seine Lippen berührten kurzzeitig meine. »Ich dich viel mehr.«

 

   Am Abend wachte ich wieder auf. Vielleicht hatte ich nur zwei Stunden geschlafen. Ich zog die Decke über mich und legte meinen Kopf auf Jaidens Schulter. Meinen Arm schlang ich um seine nackte Brust, küsste sie kurz und setzte ein zufriedenes Lächeln auf. Jaiden fuhr mit seinen Fingerspitzen sanft über meinen Rücken. Ein Kribbeln durchfuhr mich.

   »Dein Dad wird jede Minute in Maggon ankommen. Cassandra und Christian haben ein Essen arrangiert«, teilte er mir mit.

   »Ich habe ihn schon sehr lange nicht mehr gesehen.«

   »Ich weiß.«

Als Stille zwischen uns kehrte, dribbelte seine Finger nervös an meiner Schulter. Er wollte etwas sagen, traute sich jedoch nicht. Ich wartete ab. »Du sagst gar nichts.«

   Ich wusste was er damit meinte, aber ich hatte auch nichts zu äußern. Es war noch besser als ich es mir jemals vorgestellt hatte. Natürlich machte sich jeder seine eigenen Vorstellungen, aber das Erlebnis selbst, war unvergleichbar. Meine Haut kribbelte sogar noch nach zwei Stunden.

   Ich stützte meinen Oberkörper mit meinem Arm und konnte ihm so in die Augen schauen. »Ich bin eben sprachlos.« Wir grinsten uns beide an und er küsste mich erneut.

   »Lass uns deinen Vater begrüßen, okay?« Ich schaute ihn aufmerksam an. Dann drückte er seine Lippen auf meine Stirn und verschwand aus dem Bett. Er hatte sich seine Kleider geschnappt und zog sich im Wohnzimmer um. Die Schlafzimmertür fiel zu.

   Nachdem ich mich auch für den Abend bereit machte - das hieß eine Jeans, ein T-Shirt und die Haare zu einem Zopf gebunden - kam ich ins Wohnzimmer. Mit weitaufgerissenen Augen blieb ich stehen. Jaiden war gerade dabei sich seine Krawatte zu richten. Er trug einen schwarzen Smoking mit passenden Schuhen. Er hatte sich seine Haare frisiert. Sein Aussehen war atemberaubend.

   Er erblickte mich im Spiegel und kicherte. »Du weißt schon, das wir mit zwei Regenten essen gehen. Dein Vater ist außerdem ein Syntofo. Ich denke, wir werden ein nobles Restaurant betreten. Deshalb-« Er stoppte am Satzanfang und lief zur Tür, um diese zu öffnen.

   »-brauchst du sicher unsere Hilfe, Süße!«, ertönte Mells Stimme. Neben ihr stand Julia und grinste mich an. Wie eine Statur blickte ich die beiden an.

   Jaiden bemerkte meine Starre und kam auf mich zu. Er legte mein Gesicht in seine Hände und drückte seine Lippen auf meine Stirn. »Bis heute Abend.« Dann verschwand er durch die Tür.

   Mell und Julia schauten ihm hinterher. Melodie zeigte mit ihrem Daumen auf ihn. »Jetzt durfte ich ihn mal Live erleben.«

   »Sieht aus wie aus einem Traum, was?«, sagte ich und sie verdrehte die Augen. Dann schlang sie ihren Arm um meine Schulter.

   »Juli und ich werden uns erstmals um dich kümmern.«

   »Ich gehe doch nur Essen, Mell.« Sie setzte mich auf einen Stuhl und vor den Spiegel im Wohnzimmer. In der Zeit, in der meine Haare noch mehr geglättet wurden, suchte Julia etwas passendes im Kleiderschrank. Zwischendurch murmelte sie etwas, woraus ich schließen konnte, ob sie ein Kleidungsstück gut oder schlecht fand.

   »Ich flechte sie dir«, sagte Mell und begann an der linken Seite meines Kopfes. Sie wollte mir einen seitlichen Zopf binden. Durch meine langen Haare war dies möglich.

 

   Nach einer Stunde trug ich ein bordeauxrotes, trägerloses Kleid. Die Haaren waren frisiert, die Wimpern getuscht und auf meinem Lid wurde eine schwarze Linie gemalt. Mell und Julia wollten mir noch Stöckelschuhe andrehen, aber ich lehnte lieber ab, bevor sich der Abend in schmerzhafte Stunden verwandelte.

   Schließlich machten die beiden sich ebenfalls fertig und wir liefen hinunter in die Lounge. Dort erwartete uns ein Limousine, so wie ich es von meinem Vater kannte. Mell und Julia setzten sich neben mich.

   »Du siehst so gut aus, Jo!«, sagte Julia und ich lächelte dankend. »Sie hat recht. Heute wirst du mit deiner ganzen Familie zusammen essen und sogar deinen Dad wiedersehen. Ich freue mich für dich«, fügte Mell hinzu.

   »Danke, Mädels.«

 

   Das Restaurant befand sich in einer noblen Gegend. Der Eingang bestand aus zwei Türen. Angestellte öffneten uns diese und wir betraten einen roten Teppich. Er führte uns zu den Tresen. Ein Mann stand dahinter. Seine kleinen Augen erblickten mich. »Frau Anderson?« Ich nickte zustimmend. »Bitte folgen Sie mir.«

   Wir liefen nicht durch eine weitere große Tür, sondern bogen in den Flur ab. Der kleine Mann lief in gebückter Haltung, da er einen Buckel besaß. Seine Schritte waren klein, aber flink. Wir hielten an einer Tür und betraten einen großen Raum.

   Als ich einen Blick hinein werfen konnte, standen meine ganze Familie und Freunde vor mir. Mein Dad stand im Mittelpunkt. Er lächelte mich erfreut an. Er hatte sich kein bisschen verändert. Seine schwarzen Haaren schimmerten im Schein grau und die hellblauen auf funkelten mich an. Meine Mutter, Jaiden und Christian standen daneben. Ich fiel meinem Vater in die Arme, Tränen wollten aus meinen Augen quellen, aber ich blieb stark. In den letzten paar Monaten hatte ich seine Umarmungen vermisst. Ihn nun wieder in die Arme zu schließen und zu wissen, das mich nichts mehr von ihm trennen konnte, war das schönste Glück.

   »Hallo, meine Kleine!«, schluchzte mein Vater, ließ jedoch wenige Tränen auf meine Schulter tropfen. Er konnte seine Freude nicht verbergen.

   »Ich hab dich vermisst, Dad«, schniefte ich, wischte mir jedoch eine Träne aus dem Auge, ohne dabei meine Schminke zu verwischen. Nachdem wir uns losließen, begrüßte ich jeden, den ich kannte. Der unbekannte Teil stellte sich mir höflich vor. Einige davon waren Christians Verwandte und Vertraute. Mit knapp dreißig Leuten nahmen wir am Tisch Platz. Mein Vater saß am Tischende, neben ihm meine Mutter und ich. Jaiden saß zwischen mir und Mell. Julia saß gegenüber von meinem Platz.

   Ich konnte es nicht fassen mit meiner ganzen Familie zusammen zu sein. Vorher waren wir alle verstreut und mit der Zeit hatte ich einen nach dem anderen wiedergewonnen. Jeder warf dem anderen ein Lächeln zu, amüsierte sich und der Moment kam mir wie ein Happy End vor. Wenn das hier ein Film wäre, könnte ich darauf vertrauen nur noch Berg auf zu steigen. Vielleicht könnten ich und Jaiden in eine eigene Etage zu meinem Dad ziehen. Ich müsste nicht ständig neue Wohnorte haben.

   Auch wenn es sich lächerlich anhören mochte, aber die Hoffnung auf eine neue Beziehung von Dad und Mom hatte ich noch immer. Jedenfalls bemerkte ich beim Essen, das sie sich öfters lange in die Augen schauten.

   Julia und Mell waren wie zwei Magneten. Sie verstanden sich sehr gut. Durch ihr endloses Gespräch fand ich heraus, das sie sehr viele Gemeinsamkeiten besaßen.

   Jaiden hielt unter dem Tisch meine Hand und ich genoss es mit ihm zusammen zu sein. Was heute zwischen uns passiert war, würde ich nie wieder in meinem Leben vergessen. Das Gefühl war einfach unvergleichlich. Ich wusste, das er ein fester Bestandteil meines Lebens geworden war.

   »Dad, hast du alle Sachen in Oceanbreakers geklärt?«, fragte ich.

   »Ja. Mehr oder weniger. Odin ist stur und gibt nur sehr schwer nach.« Er machte eine Pause. »Du hast mir noch nichts von Istrien erzählt.«

   Ich räusperte mich. »Ich habe jetzt die gleichen Beißerchen, wie Jaiden.« Ich bleckte meine Zähne und grinste anschließend. Mein Vater hob verworren eine Augenbraue. »Sie haben mir Vampirgene eingepflanzt.«

   »Aber das heißt doch das du dann Dämon, Magier und Vampir bist. Ist überhaupt so etwas möglich? Ich meine, weil schon allein zwei Wesen sich nicht vertragen...«

   »Pierre meinte, es habe auch etwas mit Mom zu tun. Ich soll irgendeine besondere Kraft haben.« Ich merkte, das Mell aufgehört hatte mit Julia zu reden und unserem Gespräch nun aufmerksam zuhörte.

   Mein Vater fasste sich nachdenklich ans Kinn. »Ja. Die Kraft der Regenten. Ich könnte schwören, damals...« Er verstummte zum Schluss. »...nein.« Anschließend schüttelte er den Kopf und setzte wieder ein Lächeln auf.

   »Wir belassen dieses Thema heute Abend, okay?«, sagte meine Mom schmunzelnd. Ich nickte einverstanden.

   Wenige Minuten später wurde das Buffet aufgebaut und man durfte sich bedienen. Ich und Jaiden griffen ordentlich zu. Wir hatten Hunger. Seit heute Morgen hatte ich nichts mehr zwischen die Zähne bekommen und Jaiden erging es nicht anders.

 

   Doch das Highlight des Abends war die wunderschöne Terrasse, die beinahe so groß wie ein Garten war. Die Fliesen glänzten und der Mond schien am Sternenhimmel. Die Nacht war klar. Ich stellte mich an das Geländer und blickte auf das kleine Fleckchen Wald. Die Gräser bogen sich im Takt des Windes. Die Bäume raschelten sanft und eine Brise umfüllte meinen Körper. Dabei flogen mir die Haare in mein Gesicht. Ich war so überaus glücklich. Mein Magen kribbelte heftig, wenn ich nur daran dachte, das ich endlich Frieden gefunden hatte. Jaiden und ich müssten nie wieder weglaufen, keine Angst mehr um unser Schicksal haben und jeder stand hinter uns. Es fühlte sich gut an, endlich nach all der Zeit, verstanden zu werden.

   Die furchtbaren drei Monate hatte ich innerhalb einer Woche schon fast vergessen. Nur durch Freunde und Familie quälten mich die harten Zeiten nicht mehr. Kaum zu glauben, das schon so viele Tage, seit meiner Flucht, vergangen waren.

   Jemand legte seine Arme um mich. Jaiden war bei mir. Er drückte seine Lippen auf meine Schläfe. »Tolle Aussicht, oder?«

   »Es ist etwas anderes, als nur hohe Mauern und Häuser.« Ich griff nach seinem Arm und drehte mich zu ihm um. Seine hellblauen Augen funkelten mich an. Sie waren so wunderschön im Schein des Mondes.

   »Jaiden, ich möchte dir dafür danken, das du bei mir bist.«

   Er streichelte meine Wange. »Dafür brauchst du dich doch nicht zu bedanken. Wir zwei sind jetzt zusammen und daran wird sich auch nichts ändern.«

   »Ich weiß«, schmunzelte ich. »Aber du hast mir schon mehrmals das Leben gerettet. Sogar als du mich noch nicht kanntest, hast du alles aufs Spiel gesetzt.« Ich spürte seine Lippen auf meinen. »Deswegen möchte ich dir sagen, das du meine Zukunft bist und ich dich über alles liebe.«

   Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem schönsten Lächeln. Wir schauten einander in die Augen, genossen den Moment zusammen zu sein und ließen uns durch nichts und niemanden stören.

   Die große Kirche in der Nähe schlug auf genaue zwölf Uhr. Ich zuckte kurz zusammen, da ich mich erschreckte. Aber dann passierte etwas völlig Unerwartetes. In meinem Kopf schmerzte es. Ich keuchte, hielte die Hände an meine Schläfen, da sie begannen zu glühen.

   »Jolina?«, sagte Jaiden panisch, aber meine Sinne vernahmen ihn nicht richtig. Ein erneutes Läuten ertönte, dieses Mal lauter. Stimmen erklangen in meinem Kopf. Was zum Teufel war das? Die Schmerzen waren so stark, das Tränen meine Wange hinunterliefen. Ich hatte kalt und warm gleichzeitig. Was passierte mit mir?

   ›Du hast es versprochen ... dein Wort gegeben ... kämpfe nicht dagegen an ... qualvollen Tod.‹ Wer war diese verfluchte Stimme? Ihre Lautstärke veränderte sich von einem Satz zum anderen. Sie war wie ein Pochen in meinem Kopf.

   ›...selbst schuld. Hast deine ... ins Unglück getrieben ... Lügnerin!‹ War das ... Pierre? Wie konnte er mit mir sprechen? Wieso war er noch da? Was hatte er mit mir angestellt?

   ›...Leben zu verantworten ... deine Bürde ... Todesangst ...‹ Es hörte sich wie ein Flüstern an, das zu einem Echo wurde. Dieselben Worte hallten mir immer wieder in meinem Kopf. Dabei schmerzte er und ich bekam Angst. Wieso quälte mich Pierre weiterhin? Wieso ließ er mich nicht glücklich werden? Ich hatte wirklich gehofft, das nun ein Punkt erreicht wurde, indem ich keine Angst mehr haben brauchte. Aber etwas ging in mir vor. Etwas Unbekanntes breitete sich in mir aus. Ich konnte es fühlen, wie es förmlich meinen Körper von innen zerfraß. ›...hierher wegen einer tödlichen Krankheit ... daran gestorben ...‹ Dieses alte Krächzen kannte ich doch. Das hörte sich an wie ...

Eine Liebe

Jaiden

   Ihre Augen flackerten, als sie sich mit ihren Händen noch immer den Kopf festhielt. Sie wankte hin und her, konnte sich nicht mehr halten und drohte zu Boden zu fallen. Letztendlich fiel sie jedoch, wie ein lebloser Körper, in meine Arme. Was passierte hier? Meine Arme umschlangen ihren Rücken, ich drückte ihren Kopf auf meine Brust, aber sie fühlte sich plötzlich kalt an. Zuvor hatte ich keine Temperatur an ihr spüren können, aber jetzt schien sie gar wie Eis zu sein.

   Hinter mir ertönten mehrere Schritte, Geflüster, entsetzte Laute und der Schrei von Jolinas Vater. Er lief durch die Menge, drückte sich an den Leuten vorbei, die versuchten ihm so schnell wie möglich Platz zu machen und blieb wie angewurzelt neben mir stehen.

   Seine Finger glitten über ihr Haar. »Was ist mit ihr?«

   Ich ließ Jolina zu Boden gleiten und legte sie sanft auf den Rücken. Ihre Haut war blasser denn je. Ihre Haare nahmen ein noch dunkleres Braun als sonst an. An ihrem Hals zeigten sich rote, fadenartige Adern. Ich fuhr mit meinem Finger darüber. So etwas sah ich schon einmal, aber mir viel die Ursache dafür nicht ein. Sie glühten immer rötlicher auf, vermehrten sich, bis sie beinahe das Kinn erreicht hatten.

   »Der Krankenwagen ist schon unterwegs«, flüsterte Richard und faltete seine Hände. Er versuchte sich zu beruhigen, schaffte es jedoch nicht. Seine Augen wurden glasig.

   Ich hingegen konnte mich noch immer nicht aus meiner Starre lösen. Der Anblick auf Jolinas Aussehen ließ mich das Schlimmste befürchten. Vorhin hatte sie zwei Worte gemurmelt. Pierres Name fiel und sie erwähnte etwas vom Tod.

   Meine Finger umschlangen ihre Hand. Sie war so leblos und eiskalt. Ich fuhr ihr durch das Haare und konnte dabei ihren Puls an den Schläfen spüren. Sie lebte noch. Aber ihr Herz schlug sehr langsam.

   »Jaiden«, rief mich jemand, aber ich reagierte nicht. Die Starre hielt mich noch immer an Ort und Stelle. »Jaiden!« Sie wurde lauter und schließlich umfasste jemand meinen Arm. Ich will nicht von ihr weggehen. Ich muss bei ihr bleiben. »Jaiden, komm, bitte!« Ich glaubte, es war Cassandras Rufe, die mich versuchten aus der Trance zu reißen. Doch sie musste mich mit Gewalt von Jolina wegzerren. Schließlich stand ich nur daneben, sah wie die Männer sie auf die Trage zogen und sie an Schläuche anschlossen. Auch Richard ließ nicht die Augen von ihr. Niemand tat das.

   In einem eiligen Tempo trugen sie Jolina davon, viele folgten ihr, aber ich blieb stehen und senkte meinen Kopf. Was zum Teufel war hier geschehen? Wer hatte ihr das angetan? Konnte das wirklich Pierre sein? Aber wie?

   Ich ballte meine Fäuste, schloss die Augen und knirschte mit den Zähnen. Dieser verdammte Vampir würde niemals Ruhe geben, solange ihm niemand den Kopf abriss. Wenn er tatsächlich Schuld für Jolinas Zustand sei, würde ich alles tun, um ihren Tod zu verhindern.

   Es dauerte keine zehn Minuten bis mein Handy klingelte und ich abhob. »Ja?«

   »Jaiden, hier ist Cassandra. Jolina ist wach. Sie ... will dich unbedingt sehen.«

   »Ich bin sofort da.«

Ich wusste in welchem Krankenhaus Jolinas landen würde und begab mich in meiner schnellsten Geschwindigkeit dort hin. An der Rezeption fragte ich nach ihr und sie gaben mir eine Zimmernummer. Ich ignorierte den Fahrstuhl und sprintete lieber die Treppen hinauf. Cassandra kam mir gerade entgegen, als ich in das Zimmer gehen wollte.

   Sie wirkte sehr betrübt und hatte womöglich vorhin einige Tränen vergossen. Mit dem Daumen deutete sie auf den Raum aus dem sie herauskam. Erst jetzt bemerkte ich den Rest, der im Flur auf den Stühlen saß und lange Gesichter zogen. Richard, Julia, Melodie, Christian, sogar Kyla.

   Mit einem Nicken gab ich zu verstehen, das ich nun allein sein mochte und sie ließ mich das Zimmer passieren. Als die Tür schloss, lag Jolina kreidebleich auf dem weißen Krankenbett, wodurch man beinahe übersehen hätte. Ihre Lider waren geschlossen, in ihrer Nase befanden sich Schläuche und in der rechten Hand steckte eine Kanüle. Ein anderes Gerät maß ihren Puls. Ich setzte mich neben sie, nahm ihre Hand und ihre Augen schlugen auf. Sie waren blutrot. Ihr Körper versuchte wohl mit allen Mitteln, gegen die Schmerzen in ihr, sich zu wehren.

   »Die Ärzte sagten, das ich an mehreren Krankheiten leide. Hauptsächlich wären Grippe und ...« Sie schluckte und versuchte das Wort deutlich zu formulieren. »... Leporatius Lectonum.«

   Ich hielt den Atem an. Wie konnte sie diesen gefährlichen Virus bekommen? Trotzdem wollte ich in ihr keine weitere Panik auflösen, vermutlich war sie darüber genauso entsetzt, wie ich. Deshalb behielt ich bloß meine besorgte Mimik bei und strich ihr eine Strähne hinter das Ohr.

   »Jetzt wird mir alles klar, Jaiden.« Sie drehte ihren Kopf zu mir und ich schaute in ihre glasigen Augen. »Ich habe zuvor Stimmen in meinem Kopf gehört. Sie waren der Schlüssel für das Problem.« Sie hatte dabei Mühe zu sprechen. »Da war eine alte Dame. Sie saß neben mir und erzählte mir von der Krankheit LepoLe. Pierre hatte sie extra neben mir sitzen lassen. Er hat mir den Virus damals eingepflanzt. Ich bin selbst Schuld an meinem Verderben. Bevor ich mit ihm gegangen war, gab ich ihm ein Versprechen, das ich nun durch die Flucht gebrochen hatte. Die Krankheit war seine Garantie. Er will mich zurücknehmen, Jaiden. Ich will nicht zurück ...«

   Ich erhob mich, beugte mich zu ihr und drückte meine Lippen auf ihre Stirn. »Du wirst nicht sterben«, versicherte ich ihr, auch wenn das nur eine wage Vermutung war. Ich wusste nicht einmal, wie ich ihre Krankheit aufhalten konnte, geschweige denn, das Heilmittel aufbringen sollte. Aber ich würde niemals aufgeben, selbst wenn es meinen eigenen Kopf kosten könnte. Ich kann und will nicht mehr ohne Jolina Leben. Welchen Sinn hätte das? Ein Tod war mir noch immer lieber, als der innerliche Schmerz. In meinen Augen wäre das noch nicht einmal eine Existenz, sondern bloß ein Dasein, das aus Leere und Schwärze bestünde.

   »Jaiden, er wird dir das Heilmittel nicht geben. Er wird auch keinen Handel eingehen. Er wird mich im Austausch haben wollen. Sein Ziel ist es, aus mir eine Kampfmaschine zu machen. Ich soll so mächtig werden, das ich alles und jeden töten könnte. Wenn ich länger geblieben wäre, hätte er mir wohl eine Gehirnwäsche verpasst und mich wie einen Hund an die Leine gebunden.« Ich schüttelte den Kopf und merkte wie sie fester meine Hand zudrückte. »Es ist alles so klar, plötzlich. Aber ich will nicht zu ihm zurück. Ich will nicht eines Tages vor dir stehen, mich nicht mehr erinnern können und versuchen dich zu töten. Das würde ich nicht ertragen.«

   Ich schaute ihr ernst in die Augen. »Jolina, ich werde nach Istrien gehen und dir das Heilmittel holen. Ich verspreche es.«

   »Er wird dich erwarten und töten!«, konterte sie und ihre Augen wurden glasiger. »Ich will kein Märtyrer sein, Jaiden, aber wenn ich noch den Rest der Monate am Leben bleibe, bekommt Pierre mich nicht, du riskierst nicht dein Leben und niemand muss wegen mir sterben.«

   Ich erhob mich und warf ihr einen zornigen Blick zu. »Ich werde dich nicht aufgeben! Du kannst nicht einfach die restlichen Monate dahinvegetieren und dem Tod entgegentreten. Das kannst du nicht!«

   Ich entfernte mich von ihr und lief im Bereich der Tür auf und ab. Abwechselnd hob ich die Hände über meinen Kopf und murmelte fluchend vor mich hin. Aber ich schimpfte nicht über Jolina, sondern über meine Machtlosigkeit. Letztendlich seufzte ich, blieb ruckartig stehen und ließ die Hände neben meinen Körper baumeln. Jolina hatte mir die ganze Zeit über zugesehen.

   Ich bewegte mich auf sie zu und nahm sie vorsichtig in meinen Arm. Ihre Kälte gab mir trotzdem Wärme. »Es tut mir leid. Ich habe bloß Angst um dich. Bitte versteh das.«

   »Jaiden, du musst eine alte Frau aufsuchen. Sie kann dir vielleicht mehr über die Krankheit sagen. Ich weiß nicht ihren Namen, aber sie lebt mit ihrem Mann zusammen und war jahrelang an LepoLe erkrankt. Suche sie auf und vielleicht kann sie dir helfen.«

   Ich setzte mich auf den Stuhl neben ihrem Bett und ließ sie keine Sekunde lang aus den Augen. »Jolina, ich verspreche dir, das ich nicht eher zurückkehren werden, bis das Heilmittel in meinen Händen ist.«

   Ein kleines, fast unerkennbares Lächeln bildete sich auf ihren Lippen. »Ich werde warten.«

  

   Als Jolina endlich einschlief, begab ich mich zum Flur. Dort saßen noch immer dieselben Personen und zogen die gleichen Gesichter, wie zuvor. »Sie schläft nun.«

   Alle nickten verständlich. »Was werden wir nun tun?«, fragte Cassandra.

   »Ich werde jedenfalls nicht herumsitzen und warten bis sie stirbt. Ich werde nach Istrien fahren und das Heilmittel holen.«

   Jeder zog entsetzt eine Augenbraue hoch, bis auf Ethan, den ich erst jetzt zwischen all den Leuten bemerkt hatte. »Gut, dann wirst du wohl Hilfe gebrauchen, mein Freund.« Er trat aus der Reihe und klopfte auf meine Schulter. »Das hier ist zwar keine Krieg, aber wenn dabei Pierres Kopf rausspringt, bin ich mehr als dabei.«

   Einverstanden nickte ich. »Jaiden!«, rief Mell, sprang vom Stuhl auf und zog sich ihr Kleid wieder hinunter. »Ich weiß, wir kennen uns noch nicht sehr lange, aber ich will auch Jolina helfen. Dank ihr, habe ich es endlich geschafft aus Pierres Klauen zu entkommen.« Mein Blick streifte weiterhin durch die Menge. Cassandra stellte sich schließlich vor mich. »Mütter sind zäh.« Sie lächelte.

   »Ich bleibe hier und beobachtete das Geschehen von weitem«, sagte Richard. »Ich will Jolina nicht verlassen. Nicht ein zweites Mal.« Der Rest stimmte ihm zu.

   »Ihr wollt mir also alle auf irgendeine Weise helfen?« Ich konnte nur stummes Nicken erkennen. »Danke, Leute.«

   Zac erhob sich aus den Reihen. »Denk aber daran, das wir das nicht für dich tun. Wir tun es für Jolina.« Er warf mir einen finsteren Blick zu. Ich verstand auch wieso. Etwas war zwischen ihm und Jolina entstanden.

   »Das weiß ich, Zac.«

   »Da Sie alle soeben entschieden haben, Frau Anderson zu helfen, dürfte ich Ihnen ihren derzeitigen Stand mitteilen«, wandte der Arzt ein, als er hinter mir auftauchte. Er stellte sich zwischen uns. Seine Augen fixierte er auf ein Blatt Papier, das er auf einem Schreibbrett befestigt hatte. »Frau Anderson erleidet an einer heftigen, humanen Influenza. Außerdem entdeckten wir den Virus Leporatius Lectonum. Er ähnelt der menschlichen Infektionskrankheit Lepra, das von einem bestimmten Bakterium ausgelöst wird. Es nennt sich  Mycobacterium leprae. Tatsächlich sind noch viele Viren und Bakterien der Menschen in uns erhalten geblieben. Wir konnten außerdem feststellen, das Frau Anderson von manipulierten Viren befallen wurde.« Er atmete lange aus. »Wir haben dafür kein Gegenmittel.«

   Ich nickte. »Noch nicht einmal etwas um die Schmerzen zu lindern?«, fragte ich entsetzt.

   Der Arzt schüttelte enttäuscht den Kopf. »Die Krankheit ist so konzipiert worden, das wir nichts ausrichten können. Die Infektion ist eine höchstgefährliche, biologische Waffe. Aber die Viren reagieren nur auf das Blut von Frau Anderson. Wir haben es mehrmals getestet.«

   »Wie lange genau, Doktor?«, fragte Richard und auf seiner Stirn bildeten sich deutlich mehr Falten.

   Der Arzt machte einen Rundumblick und schaute beinahe jedem dabei ernst in die Augen. »Sechs Wochen.«

   Jeder setzte dabei einen entsetzten Blick auf, murmelte etwas seinem Nachbarn zu und Richard schloss fassungslos die Augen. Sechs Wochen? Das war wenig Zeit.

   Ich drehte mich bloß um, lief in den Fahrstuhl und fuhr hinunter.

 

   In meinem Zimmer suchte ich alle wichtigen Dinge zusammen. Ich packte meinen Rucksack, Geld und Ausweise waren dabei am Wichtigsten. Ich wollte mit dem Schnellzug nach Istrien reisen. Er fuhr unter der Erde geradlinig von Region zu Region. Der Zug fuhr immer rund. Wir kämen an Oceanbreakers vorbei. Dort müsste ich mit einer alten Freundin sprechen können. Ihr Name war Aria Pero. Sie war ebenfalls eine Phyne und besaß eine mächtige Gabe. Sie konnte in die Zukunft sehen. Vielleicht gäbe mir ihre Weissagung Kraft Jolina schneller zu retten. Ihre Visionen waren meistens, die Wahrscheinlichsten.

   Wenige Minuten, als ich alles fertig gepackt hatte, standen Cassandra, Ethan und Mell in der Tür.

   »Wir sind bereit, Jaiden!«, rief Mell.

   »Wir treffen uns in einer Stunde am Bahnhof, in Ordnung? Ich will ... noch kurz zu Jolina.«

   Sie nickten einverstanden und ich verließ mein Zimmer.

 

   Ich hatte Glück, denn Jolina war gerade wach geworden und aß etwas. Sie strahlte sofort, als ich ihr Zimmer betrat. »Jaiden!«, rief sie und sprang von ihrem Bett hinunter. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, vollkommen geschwächt zu sein und ihre Beine drohten zusammenzubrechen. Ich war sofort zur Stelle und hob sie zurück aufs Bett. »Ich hatte vergessen, das die Krankheit mich schwächt.«

   Ich strich ihre eine Strähne hinter das Ohr. »Nicht schlimm, Schatz.« Meine Lippen legte sich auf ihre Stirn. »Ich werde jetzt mit deiner Mom, Mell und Ethan losgehen. Wir Vier werden das Heilmittel finden und zu dir zurückkehren.«

   Sie senkte ihren Kopf und stellte das Tablett von ihrem Bett. Anschließend versuchte sie aufzustehen, um mich mit ihren Armen umschlingen zu können. »Sei bitte vorsichtig.«

   Ich stützte sie, in dem ich ihren Körper vorsichtig zu mir zog. Dabei strich ich meine Hand behutsam über ihre Haare. »Ich verspreche es.«

 

   Der Abschied fiel mir unglaublich schwer, zumal ich wusste, das sie nun die nächsten Wochen leiden würde und ich nicht bei ihr sein konnte. Wenn ich wirklich die Gelegenheit bekäme Pierre zu töten, keine Sekunde zögern. Nichts könnte mich jemals davon abhalten.

Die Zukunft

Cassandra besorgte uns Fahrkarten für einen etwas komfortableren Zug. Die Reise würde per Privatflugzeug billiger sein, aber wir mussten unter die Menschenmassen tauchen. Überall warteten Pierres Spione auf uns. Wenn wir uns als normale Zivilisten unter das Volk mischten, wäre die Chance geringer, das uns jemand bemerken und anschließend verfolgen könnte. Cassandra musste noch vorsichtiger sein, als wir. Die Leute kannten das Gesicht der Regentin. Deshalb hatte sie sich beabsichtigt, vor der Reise, die Haare in ein goldblond färben lassen. Sie verwendete außerdem braune Kontaktlinsen und zog ihr Gesicht tief in eine Kapuze.

   Cassandra und Mell saßen eine Sitzreihe vor uns. Der Waggon war ziemlich leer. Außer einem alten Mann, der Zeitung las und einer alten Dame, die schlief, befand sich hier niemand. Die Stille und die bequemen, dunkelblauen Ledersitze waren entspannend. Ethan saß rechts von mir und hatte seinen Kopf gegen die Wand gelehnt. Seine Lider waren geschlossen, sein Atem ruhig. Er schien zu schlafen.

   Die Zugfahrt nach Oceanbreakers dauerte knappe drei Stunden. Wir fuhren mit einer Geschwindigkeit von knappen 275 Stundenkilometer. Ein langsames Tempo.

   Mell konnte nicht lange sitzen bleiben und lief manchmal durch die kompletten Waggons, um sich die Beine zu vertreten. Als wir endlich den Hauptbahnhof unseres Ziels erreicht hatten, mussten wir eine weitere Zugfahrt machen, damit wir den restlichen Weg nicht laufen mussten. Allerdings waren wir nur eine halbe Stunde unterwegs, womit sich das Warten durch ein kleines Nickerchen erledigt hatte.

   Als wir ausstiegen, sprinteten wir durch die Straßen, damit wir am Strandhaus ankamen.

   Oceanbreakers war zwar für seine Unterwasserstadt bekannt, aber es gab viele Meermenschen, die gerne an Land lebten. Deshalb gab es auch Bezirke außerhalb des Wassers. Sie waren nicht sehr groß, da die Meermenschen ohne den Ozean nicht leben konnten.

   Meine Zielperson war Aria Pero, die am Strand lebte. Das Besondere war ihr Final. Eine Phyne - halb Meermensch, halb Vampir - konnte in die Zukunft sehen. Ihre Visionen waren nicht zufallsabhängig, sondern beeinflussend. Ich wusste nicht, wie sie es machte, aber sie konnte jede Zukunft von einer Person sehen. Beinahe so, wie eine Wahrsagerin. Außerdem war sie die andere Hälfte von Rick, unserem Anführer. Was er nicht vervollständigen konnte, beendete sie. Die beiden ergänzten sich.

   Cassandra zog ihre Kapuze hinunter und stellte sich nervös neben mich. »Wird sie wissen, wer ich bin?« fragte sie ungewiss.

   Ich schmunzelte und ließ mit meinem Finger von der Klingel ab, ohne sie vorher gedrückt zu haben. »Sie weiß längst, das wir kommen.«

   Nur wenige Sekunden später hörte ich Schritte im Haus und die Tür wurde geöffnet. Eine kleine, zierliche Frau mit grünen Augen, rötlichen, glatten Haaren und einem blassen Teint schaute uns an. Es war Aria, die uns anlächelte. »Oh! Ich hatte euch nicht so früh erwartet. Ihr seid zwei Minuten vor der eigentlichen Ankunftszeit.«

   Jeder schaute entgeistert zu ihr, außer mir und Ethan. Wir kannten Aria schon und hatten dabei zugesehen, wie sie Visionen las. Mell bekam ihren Mund nicht mehr zu.

   »Heißt das, Sie haben schon gewusst, das wir hier vor ihrer Tür stehen würden?«, fragte sie nochmals nach.

   Sie nickte. »Naja, eigentlich wäre ich erst in zwei Minuten hinunter gekommen, aber ich hörte Jaidens Stimme und wusste, das ihr früher, als erwartet, angekommen sein musstet.«

   »Wahnsinn...«

   Sie drückte die Tür weiter auf. »Kommt doch bitte hinein!«, rief sie heiter. Ihr schien unsere Ankunft Freude bereitet zu haben. Schließlich bekam Aria nicht oft Besuch. Man hatte Angst, das sie einem den eigenen Tod voraussah. Eine Lüge, wenn man sie nicht richtig kannte. Aria sah nur das Leben und nie das Ende.

   Drinnen befanden wir uns in einem luxuriösen Haus. Es passte zum weißen Sand in ihrem Garten. Der Boden war aus Holzdielen, die Wände weiß, mit geschwungenen Ornamenten am oberen Rand und die Fenster waren groß. Sie sollten so viel Licht, wie möglich, ins Zimmer bringen. Eher ungewöhnlich für einen Halbvampir.

   »Ich habe nur sehr wenige Bilder gesehen und mir Vermutungen zusammengestellt, aber den Durchblick konnte ich nicht kriegen. Am besten du füllst meine Lücken.« Es war schön mit jemanden zu sprechen, der schon Ahnung und den Umriss unseres Problems erfasst hatte. »Du lerntest ein Mädchen kennen, namens Jolina. Ihre Mutter steht gerade vor mir.« Arias Augen wanderten zu Cassandra, die zustimmend nickte. »Sie wurde durch einen mir unerklärlichen Grund von Pierre entführt. Ich kann mir nicht vorstellen, das es nur an der Kraft einer Regentin hängt. Da steckt mehr dahinter.« Ihre Augen ließen nicht von Cassandra ab. Erst, als sie weitersprach, schaute sie zu Mell. »Dann wurde Jolina entführt und es entstanden Reibungen zwischen vier Regionen.« Ihre Stimme wurde härter. »Ihr wisst, das ihr euch eigentlich hier nicht aufhalten dürft.« Wir nickten.

   Es gab einige Berichte, vor allen Dingen über Istrien, das die Vampire nun aufrüsten würden. Sie wappneten sich für einen Krieg, auf den Pierre aus war. Er hatte es die ganze Zeit geplant. Anscheinend reichte ihm die Macht über sein eigenes Volk nicht. Er wollte über alle Rassen herrschen. Ihm schlossen sich drei weitere Regionen an, die sich ebenfalls auf einen Krieg vorbereiteten. Allerdings warteten die anderen. Aber auf was? Und wieso? Cassandra sollte sich mindestens verteidigen können. Ihre Stadt stand schutzlos in der Wüste. So wie Flames, war auch Maggon schutzlos. Christian könnte mindestens eine Schutzbarriere errichten. Aber anscheinend wollten die beiden Regenten, dem Volk beweisen, dass sie nicht auf den Krieg aus sind und den Frieden bewahren wollen.

   Aria fuhr fort. »Istrien, Noumoon, Undertown und Oceanbreakers stehen Flames, Maggon, Wengis und Goston gegenüber. Ein interessantes Spiel.«

   »Das steht noch in Frage. Noch ist kein Krieg entschieden«, mischte sich Cassandra ein. Man merkte ihr an, das sie diese Katastrophe, um jeden Preis verhindern möchte.

   »In meiner Welt ist der Kampf schon längst entschieden.« Mindestens jeder in diesem Raum war schockiert über diese Aussage. Ich wusste, was das bedeutete. Aria sah schon das Ende dieser furchtbaren Zeit. Wie lange würde der zweite Krieg dauern? Zehn, zwanzig, dreißig Jahre? Solch ein Elend wie damals, wollte ich kein zweites Mal durchziehen.

   »Wie? Wann?«, fragte ich entsetzt.

   Arias Ausdruck wurde kalt. »Das kann ich euch nicht sagen. Es könnte die Zeitlinie verändern. Ich muss es für mich behalten. Ich hoffe, ihr versteht das.«

   »Aria! Das kannst du-« Ethan unterbrach mich sofort. Ihn schien ihre Antwort weniger verwundert zu haben. »Jaiden! Sie hat recht. Wenn wir es wissen, unternehmen wir etwas dagegen und könnten die Zukunft vielleicht sogar verschlimmern. Du musst ihr Vertrauen.«

   Ich wanderte kurz mit meinen Augen zu ihm und musste ihm recht geben. Tatsächlich könnten wir dadurch die Zeit verändern. Außerdem waren wir nicht wegen dem bevorstehenden Krieg hier, sondern wegen Jolina. Wir konnten wir ihr Leben retten?

   »Okay.« Ich atmete langsam aus, um die Versuchung, weiter nachzuhaken, zu verdrängen. »Jedenfalls geht es hier um Jolinas Leben, wie du wahrscheinlich schon weißt.«

   Aria nickte. »Ihr seid hier, damit ich euch verrate, wie ihre Zukunft aussehen könnte, wenn ihr erfolgreich sein wollt.« Jeder stimmte ihr hierbei zu. »Folgt mir.«

   Sie lief auf ihre Terrasse und tauchte mit ihren nackten Füßen in den Sand ein. Aria trug nicht fiel an ihrem Körper. Sie hatte bloß eine kurze Hose und ein bauchfreies Top an. Sie war ungeschminkt und wollte so natürlich wie möglich wirken. Ein wenig erinnerte sie mich an Jolina.

   Als wir an einer Sanddüne ankamen, bat sie uns stehen zu bleiben. Aria hingegen lief weiter und blieb in einem ausreichenden Abstand stehen. Sie blickte uns an, schaute kurz zum Himmel und schloss ihre Augen. Ich kannte die Prozedur ihrer Beschwörungen. Es war eine Art Pakt mit der Zeit. Sie fragte sie, ob sie einen Blick in die Zukunft werfen durfte und im Gegenzug sollte Aria nur das Preis geben, was das Gleichgewicht der Zeit nicht gefährden konnte. Wenn es mal zu einem absoluten Chaos käme, könnten Menschen verschwinden, Sinne durchdrehen und Naturkatastrophen ungezügelt durchs Land streifen. Die Zeit war genauso ein Teil unserer Existenz, wie Mutter Natur.

   Aria stand eine ganze Weil in dieser Form. Der Wind zog an ihren Haaren vorbei und ihre Lider flackerten. Vermutlich begutachtete sie gerade ein Teil von Jolinas Zukunft. Nach wenigen Minuten stoppte ihr Atem, so wie ihr Herz. Als ich zum ersten Mal bei einer ihrer Visionen dabei war, musste mich Rick gewaltsam zurückhalten, denn dieser Ablauf war normal für eine Seherin. Mell reagierte sofort und trat einen Schritt nach vorne, aber ich hielt ihr meinen ausgetreckten Arm vor den Bauch. »Du darfst sie nicht stören«, sagte ich leise und Mell schritt zurück. Sie wusste, das ich ebenfalls die plötzliche Stille in Arias Körper hörte. Wenn ich darauf nicht reagierte, konnte sie mir vertrauen. So erging es mir, als mich Rick zurückhielt.

   Nur wenige Sekunden später schlug ihr Herz wieder und Arias Augen öffneten sich. Sie blickte uns kurz an. Ihr Blick war ausdruckslos, aber nur wenige Sekunden später fanden ihre Beine keinen Halt mehr und drohten zusammenzubrechen. Ich wusste, das größere Visionen ihr Kraft raubten, aber das ihr kompletter Körper darunter leiden würde, wusste ich nicht.

   Bevor ihre Knie den Sand erreicht hatten, schlang ich ihren Arm um meine Schulter. »Danke, Jaiden«, ächzte sie.

   Wir halfen ihr ins Haus hinein und ich hatte dabei meine Befürchtungen. Was sah sie, das so unglaublich bedeutend war, sodass Aria beinahe auf die Knie gefallen wäre? Hatte sie vielleicht doch Jolinas Tod gesehen? Gäbe es denn überhaupt keine Möglichkeit ihr Leben zu retten? War es selbst für die Zukunft aussichtslos?

   Aria saß auf einem Sessel und massierte sich ihre Stirn. Sie versuchte wieder klarem Verstand zu bekommen, da ihr kompletter Kreislauf beinahe zusammengebrochen wäre. Sie schloss kurzzeitig ihre Augen.

   »Aria, alles in Ordnung?«, fragte Mell besorgt.

   Sie hob ihren Kopf und zog kurz ihre Mundwinkel nach oben. »Mich hatte noch nie so eine Vision beansprucht.«

   »Was hast du gesehen?«, fragte ich besorgt.

   »Ich habe viele Bilder gesehen und die Chancen stehen zurzeit gut, selbst in der Zukunft. Aber ich kann dir nicht alles erzählen, sondern dir nur sagen, wie du Jolina retten kannst.« Jeder schaute ihr aufmerksam in die Augen. Sie waren grüner, als zuvor. »Es gibt bloß einen Weg, das Leben deiner Freundin zu retten.« Sie atmete angespannt aus. »Pierre hat ein weiteres Geheimnis, das ihm ebenso wichtig ist, wie Jolina. Findet heraus, was es ist und ihr werdet den Ausweg sofort erkennen.«

   Ich schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf. »Aber du kennst, das Geheimnis bereits, stimmt’s?«

  Aria nickte ausdruckslos. »Und du weißt auch, warum ich es dir nicht sagen kann. Ich will dir nicht schaden, Jaiden. Aber mehr kann ich leider nicht für dich tun.«

  »Aber ... noch ein Geheimnis? Pierre ist über sechshundert Jahre alt. Über ihn könnte man eine Lebensgeschichte schreiben, die über ganze zehn Bücher ginge. Es könnte also alles sein!«

   Aria schaute zu Cassandra, die mich vollkommen fixierte. »Jaiden, sich aufzuregen bringt nichts, wir müssen einfach versuchen, mehr über Pierre herauszufinden.«

   Ethan lachte auf. »Oh! Da kenn ich jemanden. Sein Name ist Oliver. Er war damals sehr lange an Pierres Seite. Früher kannte noch niemand den berühmten Wissenschaftler und nun Regent von Istrien. Er war niemand anderes, als wir es jetzt sind.«

   Ich wandte mich zu Ethan. »Warum kenne ich ihn nicht?«

  Er grinste. »Es war eine Zeit vor dem Krieg. Da kannten noch nicht einmal wir beide uns. Aber ich denke, das Oliver uns helfen könnte, was das anging.«

   »Und wo finden wir ihn?«

   Ethan ließ ein kurzes Wolfgeheule los, wobei mir schon klar wurde, welche Stadt er meinte. »Noumoon.«

   »Da sträuben sich mir meine Haare«, meinte Mell und verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Cassandra schaute zu Aria.

   »Eine Frage hätte ich noch«, sagte sie und schien auf einmal sehr viel Interesse an der Seherin zu haben. Aria schaute sie aufmerksam an. »Wenn du bereits immer alles weißt und etwas Schlimmes dennoch passieren könnte, wieso verhinderst du es nicht. Nur weil man es dir verbietet?«

   »Nein. Natürlich muss ich dieses Gefühl unterdrücken, selbst wenn etwas Kostbares manchmal zu schaden kommt. Aber wenn ich immer versuche alles richtig zu machen, um das Meiste zu verhindern, kommt damit das Gleichgewicht zum Kippen und kann  schwere Katastrophen verursachen. Ich weiß nicht genau, was passieren wird, aber ihr könnt euch vorstellen, wenn es zu viel Gutes gibt, dann ...«

   Wir nickten verständnisvoll. »Dann danken wir dir für deine Hilfe, Aria«, sagte ich schließlich. »Und tut mir leid mit vorhin. Ich weiß, das du es gerne Preis geben würdest, aber nicht kannst, um dadurch größere Katastrophen zu verhindern.«

   »Schon okay, Jaiden. Ich verstehe dich sehr gut. Ich mache mir beinahe jeden Tag Sorgen um Rick und versuche die guten Visionen zu sehen.«

   »Wo ist er zurzeit?«

   »In der Flämischen Wüste. Er ist dort auf der Suche nach etwas oder jemanden. Genaueres wollte er mir nicht sagen.« So kannte ich Rick gar nicht. Was suchte er dort? Diese Annahme ließ mich grübeln. »Ich kann euch anbieten, eine Nacht hier zu verweilen. Der Weg nach Noumoon ist lang. Morgen früh dürftet ihr motivierter sein, erneut mit dem Zug zu fahren.«

   »Nein, danke, Aria. Wir haben wenig Zeit.« ich wollte gerade zur Tür gehen, als mich Ethan mit seiner Hand zurückdrückte.

   »Hey Großer, ich will ja Jolina auch retten, aber lass und eine Nacht hier schlafen. Wer weiß, ob wir morgen erneut solch eine Gelegenheit bekommen.«

   Ich atmete lange aus und schaute zu Aria. Anschließend schaute auch Mell und Cassandra mich an, als ob sie Ethan recht geben wollten. »Also schön, dann schlafen wir hier.«

   Auch wenn es nur eine Nacht war, hatte ich das Gefühl, noch weniger Zeit, als zu vor zu haben. Jolinas Tod kam immer näher und ich hatte nur wenige Hinweise auf meinen Ausweg. Am liebsten wäre ich allein losgegangen und hätte die anderen nachkommen gelassen. Aber nur Ethan wusste, wo sich Oliver befand. Ich musste also warten.

Ein alter Freund

Am nächsten Morgen verließen wir so früh wie möglich Aria. Der Weg nach Noumoon war nun beinahe genauso weit, wie von Istrien nach Maggon. Die beiden Regionen lagen sich gegenüber.

Als ich erneut im Zug saß, hätte ich nie geglaubt, das mir die momentane Lage so schwer tun würde. Abgesehen von Jolina gab es noch das Pierre-Problem und damit meinte ich den bevorstehenden Krieg. Ich wollte nicht kämpfen. Kein zweites Mal würde ich dieses Elend durchleben wollen. Das Leid hatte aus mir einen anderes Wesen gemacht. Ich sah einfach die Perspektiven anders, als die Wesen, die nach dem Krieg geboren waren.

»Was wirst du tun, wenn all das vorbei ist?«, fragte Ethan neben mir. »Wenn Jolina geheilt ist und Pierre aufgehalten wurde.«

Ich stützte meinen Kopf durch meinen Arm, dessen Elle ich auf der Lehne abgelegt hatte. »Weggehen. Irgendwohin, wo mich niemand mehr mit Problemen nerven kann.«

Ethan schnaubte. »Aber was wäre, wenn ein Krieg ausbricht, ohne Pierres Einfluss. Was dann?« Ich überlegte noch, bevor ich antwortete. »Seine Anhänger werden auch nach seinem Tod an ihn glauben. Besonders Angela würde sich dafür rächen wollen. Sie würde ihre Schlangen zuerst auf Maggon hetzen und vermutlich gleichzeitig Flames angreifen. Die Wüste kann ihrer Haut nichts anhaben. Ebenso wenig werden die Magier etwas gegen die Schlangen ausrichten können.«

»Töte den Kopf und der Körper wird ruhen«, gab ich als Antwort. »Angela weiß genau, das sich die Harpyien und die Drachen einmischen werden. Flugwesen sind ihre schlimmsten Feinde. Wir haben zwei Verbündete dieser Sorte. Sogar einige Dämonen können fliegen.«

»Da magst du Recht haben, dennoch wird sie einen Angriff wagen. Sie weiß genau, das sie unter Quarantäne gestellt wird, sobald die Spannung zwischen den Regionen sinkt.«

»Wer sagt, das nicht die Vampire sich für Pierres Tod erheben werden? Oder das die Werwölfe einen Gegenangriff starten werden. Sogar Odin könnte sich bei solch einer Gelegenheit nicht zurückhalten.« Ich seufzte angespannt. »Nein, was wir brauchen wäre ein fünfter Verbündeter, sodass unsere Feinde unsicher werden und sich ergeben oder sich zurückziehen.«

»Was denn? Willst du die Werwölfe überreden die Seite zu wechseln? Oder willst du eine neue Rasse suchen?«, fragte Ethan mit einem Lachen im Unterton.

»Ich dachte da eher an die Phynes«, konterte ich. Meine Augen rollten kurz zu ihm. Er hatte sich mit dem Oberkörper nach vorne gebeugt und seine Finger ineinander verschränkt. Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte er zum Boden. Seine Erscheinung ähnelte einer kalten Statue.

»Das ergäbe Chaos und noch mehr Angst. Die Menschen fürchten sich vor den Halbwesen, Jaiden«, äußerte er sich.

»Nicht wenn sich herausstellt, das Pierre Phynes nicht tötete, sondern versklavte. Außerdem kennen sie nun Jolina und wissen, das sie eine Phyne ist. Hast du jemals gehört, das sich einer von ihnen gefürchtet hatte? Sie glauben an sie.«

Ethan nickte. »Phynes sind stark. Sie könnten tatsächlich ein großer Vorteil in der Schlacht sein.« Er atmete lange aus. »Ich will überhaupt keinen Krieg. Was wäre, wenn er beinahe zwanzig Jahre andauern würde? Wie viele Tote gäbe es dann?«

 

Als wir in Noumoon ankamen, tauchten wir in eine große Masse von Wesen. Die Meisten waren Werwölfe, die uns mit ihren gelb-goldenen Augen begutachteten.

»Zur Stadt geht es dahinten lang!«, rief Ethan und zeigte mit dem Finger Richtung ein Uhr. Ich nickte einverstanden und wir drängelten uns durch die Menge. Es dauerte sehr lange, bis wir endlich wieder Luft holen konnten.

Ich schaute um mich, sodass wir noch alle beisammen waren.

»Mell ist weg!«, rief Cassandra und schaute panisch um sich. »Sie war doch gerade eben noch hinter mir.«

»Beruhige dich, Cass. Wir finden sie schon. Am besten einer bleibt hier am Eingang stehen und zwei anderen suchen in der Menge nach ihr«, schlug Ethan vor. Manchmal bewunderte ich seine Gelassenheit in solch einer Situation. »Cass, du bleibst hier, Jaiden und ich werden sie suchen gehen.«

Sie nickte einverstanden und Ethan führte mich abseits der Menge. »Wir werden hinter den Geschäften auf das Dach steigen und sie von dort aus suchen. Komm!«

Ich folgte ihm und wir stiegen – ohne gesehen zu werden – auf das Dach. Mit unserer rasender Geschwindigkeit dauerte es keine Minuten bis wir oben angellangt waren.

Ethan stemmte eine Hand in seine Hüfte und lief an den Rand des Daches. „Hui! Ganz schön hoch für ein Geschäft.“ Ich stellte mich neben ihn und schaute auf die drängelnden Geschöpfe. Sie bewegten sich quer durch die Halle. Die einen waren ungeduldig und stießen bei einer Überspannung andere zur Seite. Die andere Hälfte der Leute hielten ihre Handys in der Hand und beachteten ihr Umfeld nicht. Es dauerte nicht lange bis der erste Tumult entstand. Zwei Werwölfe knurrten sich gegenseitig an und begannen aufeinander loszugehen. Die Anderen nahmen von den beiden Abstand, sodass ein Kreis um sie gebildet wurde. In der Halle wurde es ruhiger und das Knurren der Wölfe lauter. Als der Erste sich verwandelte, tat es ihm der Zweite gleich. Ihr Fell war rotbraun. Es glich der Farbe eines Eichhörnchen. Sie fletschten die Zähne und liefen mit ausreichendem Abstand im Kreis. Ihre goldenen Augen leuchteten wie Diamanten. Ihre Feindseligkeit könnte außer Kontrolle geraten und den ein oder anderen in Gefahr bringen.

»Und?«, sagte Ethan und stellte seinen rechten Fuß bis zur Hälfte über den Rand. Er schaute zu mir und grinste. »Sollen wir einschreiten?« Er lachte. »Klingt ganz nach einem Job für uns.«

Ich zog meine Mundwinkel hoch. Ethan sprang mit einem Satz nach unten. Seine Jacke wurde durch den Fall nach oben gerissen und bevor er den Boden berührte, landete sie schließlich in seinem Arm. Ich folgte ihm und landete ebenfalls mit zwei Beinen auf dem Boden. Gemurmel und Getuschel entstand zwischen den Massen.

Die zwei Wölfe stoppten für einen Moment ihren Kampf und drehten beide Köpfe zu uns um. Ethan fuhr sich mit der Zunge über seinen Eckzahn. Ein Phyne gab sich immer für die äußerliche Erscheinung aus. Das hieß, an Ethan konnte man nicht erkennen, das er auch zur Hälfte noch Basilisk war, weshalb er sich als Vampir ausgab. An mir war diese Eigenschaft genauso. Durch meine hellblauen Augen und die blasse Haut könnte ich beinahe zu den Vollblütern gehören.

Die Wölfe verwandelten sich zurück in ihre menschliche Erscheinung. »Was machen denn zwei Blutsauger hier in Noumoon. Man sieht sie zu selten.«

Ethan zuckte mit den Schultern und behielt sein freches Grinsen bei. Das bewirkte Spott, den wir gegenüber der Wölfe hegten. »Und ich habe gedacht wir wären Freunde.«

Ethan konnte mich immer wieder zum Lachen bringen. Aber ich verkniff es mir. Dennoch zeigten sich meine Grübchen.

»Wenn ihr Ärger wollt, dann seit ihr in der falschen Stadt gelandet.« Ich bemerkte, wie die beiden ihren Hass auf uns schoben. Plötzlich schienen Ethan und ich ihre Feinde zu sein. »Genau, ihr habt hier nichts verloren. Verkriecht euch wieder ins Eis.«

Ethan schüttelte den Kopf. »Nein, mein Guter, erstmals wird eine Runde geheult.«

Sie fletschten ihre Zähne. »Was sagst du da?« Beide begannen zu Knurren und der Kreis um uns wurde größer. »Machst du dich über uns lustig, Bettlaken?«

Ethan zog ein schmerzverzerrtes Gesicht. Aber ich sah ihm gleich an, das es reiner Sarkasmus war. »Harte Worte, für ´nen Köter!«

»Jetzt reicht’s!«, knurrten beide gleichzeitig und verwandelten sich wieder zu Wölfen. Sie sprangen auf uns beide zu. Die zwei Hunde waren noch viel zu jung und unerfahren. Ihr Art zu kämpfen war unglaublich miserabel. Sie hatten keine Kampferfahrung, so wie ich und Ethan. Deshalb war es ein leichtes Spiel ihren Zügen auszuweichen und sie anschließend anzugreifen. Es dauerte nicht lange bis Ethans Gegner am Boden lag und winselte. Der andere Werwolf wich meinem Schlag aus und schritt mit geduckter Haltung zurück.

Als wir beide wussten, das wir den Kampf gewonnen hatten, drückte sich jemand durch die Menge. »Lasst mich durch!« Ich schaute in die Richtung aus der der Ruf kam. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich schwarzviolette Haare. Als sie in den Kreis trat, erkannte ich Mell, die erleichtert seufzte. »Ich habe mir beinahe in die Hosen gemacht! Ihr könnt doch nicht einfach so aus der Menge verschwinden.«

Ethan schritt auf die Leute zu, die uns wie erstarrte anblickten. Wir ignorierten diese Ausdrücke. »Komm! Wir müssen noch einen alten Freund finden.«

Ich blieb dicht hinter Ethan und gemeinsam drückten wir uns durch die Menge. Mell griff nach meinem Handgelenk. Signalisiert wandte ich meinen Kopf zu ihr. »Ich werde euch kein zweites Mal verlieren!«, gab sie protzig von sich.

Als wir endlich am Ende ankamen, ging die Masse ihren gewohnten Gang und wir konnten endlich in die Stadt eintauchen. Mell klammerte sich an Cassandras Arm. Anscheinend hatte sie wirklich in Angst geschwebt, als sie sich plötzlich ganz allein in der Menge befand. Dieses Gefühl der Panik und Einsamkeit kannte ich. Ethan schien die Sache von gerade eben nicht zu jucken, denn er pfiff gemütlich vor sich hin und lief in einer lockeren Gangart voraus. Cassandra war genauso geschockt gewesen, wie Mell. Vermutlich lag es daran, das sie schon wegen Jolina furchtbare Sorgen hatte und wenn auch Mell nun etwas passierte wäre, wäre es ihr noch schlimmer ergangen. Ich konnte Cassandras Schmerz nachvollziehen, da ich Jolina genauso sehr liebte, wie sie, allerdings hatte sie Muttergefühle. Für mich war Jolina hingegen, wie mein eigenes Leben - wenn nicht, dann sogar noch mehr.

Wir hielten an einer der Häuser an. Ethan visierte lange ein Fenster an, bis er schließlich an der Tür klingelte. Vorerst schien das Haus verlassen zu sein, aber Ethan war davon überzeugt, das sich jemand darin befand. Er klopfte an die Tür. »Komm mein Freund! Aufmachen!« Die Schläge wurden heftiger und schließlich nahm ich Schritte im Haus wahr. Jemand öffnete sie.

Ein großer Mann mit Stoppeln am Kinn und einer zerzausten Frisur trat uns entgegen. Zuerst wirkte er durch seinen Ausdruck mürrisch, doch dann kratzte er sich verlegen am Kopf. »So viel Besuch hatte ich ja noch nie bekommen.« Er trat ins Licht und seine weiße Vampirhaut schimmerte auf. Als er lachte, erblickte ich die scharfen Eckzähne.

Ethan reichte ihm begrüßend die Hand und er nahm sie an. Er öffnete die Tür ganz und bat uns hinein. »Kommt nur herein!«

Drinnen setzte ich mich auf ein Sofa und Ethan setzte sich daneben. Cassandra stellte sich in den hinteren Teil des Raumes und betrachtete ein paar Bilder an der Wand. Mell fühlte sich unwohl in einem ziemlich altaussehenden Wohnzimmer. In den Ecken befanden sich schon Spinnweben und auf den Tischen lag dicker Staub. »Ich kann euch leider nicht viel anbieten außer Blutkonserven und etwas Wasser. Ihr versteht sicher, nicht?«

Ich nickte. »Weißt du, weswegen wir hier sein könnten?« Oliver musterte mich mit seinen dunklen Augen. »Nein«, gähnte er. Er streckte sich. Mit seinem breiten Kreuz könnte er als Boxer durchgehen. »Ich dachte Freunde kommen mich einfach nur besuchen.«

»Du weißt doch genau, mein Freund, das ich immer nur dann auftauche, wenn es wichtig ist, oder?«, entgegnete Ethan und fuhr sich durch sein Platinhaar. »Außerdem, bist du meine zuverlässigste Quelle.«

Oliver verschränkte die Arme vor seiner Brust und machte sich nun auf die kommenden Fragen bereit. »Das riecht nach Ärger, Ethan.«

Dieser schüttelte jedoch den Kopf. »Nein, mein Lieber, das riecht nach Frieden.« Er holte tief Luft. »Es geht um deinen alten Freund Pierre. Wir haben einige Fragen über ihn. Du warst das ganze Leben lang an seiner Seite. Ist dir in dieser Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«

Oliver schnaubte verächtlich. »Ungewöhnlich? Pierre selbst ist ungewöhnlich!« Er setzte sich mit seiner rechten Pobacke auf die Sitzlehne des Sofas, auf dem Mell saß. »Aber ihr meint bestimmt, die Dinge, die selbst ich mir nicht erklären kann.«

»Erzähl, Großer!«

»Vor 23 Jahren wurden Pierre und ich als Soldaten aufgerufen. Wir bekamen einen Brief nach Hause, das es Zeit war. Wir hatten gehofft in den Jahren nicht aufgefordert zu werden, aber vermutlich hatten wir keine Wahl gehabt. Pierre war damals kein Vergleich zu heute. Damals war er lebensfroh, hatte ein Ziel vor Augen und war verliebt.«

Ethan zog eine Augenbraue nach oben. »Wer war die Arme?«

Ich bemerkte wie starr Cassandra vor den Bilder hängen blieb. Ihre Augen fixierten ein Bild und sie schien zu zittern. Ob sie etwas erkannte? Oder waren es Olivers Worte, die sie zurückschreckten? Mir war ihre seltsame Art schon bei Aria aufgefallen. Ob sie und etwas verheimlichte? Ich wollte ihr nicht zu nahe treten, wenn ich sie mit persönlichen Fragen bombardieren würde. Deshalb wollte ich feste Beweise. Vielleicht irrte ich mich auch und die Sache könnte nach hinten losgehen.

»Ich kann mich an ihren Namen nicht mehr erinnern. Ich wusste bloß das er lang war und er sie immer beim Spitznamen nannte. Aber sie war eine schöne Frau gewesen. Ich sah sie bloß nur einmal und diesem Moment hatte sie mir den Rücken zugedreht«, erläuterte Oliver und ließ seinen Blick über die seine Besucher huschen.

»Das ist Schade. Welche Haarfarbe hatte sie?«, fragte Ethan weiter. Anscheinend hatte er denselben Verdacht wie ich. Es musste etwas mit seiner Geliebten zu tun haben.

»Schwer zu sagen. Es war es dunkelbraun. Sie besaß Locken und mehr konnte ich auch nicht sehen.«

»Lang oder kurz?«, warf ich ein.

»Eher lang«, antwortete er und meine Augen huschten kurz zu Cassandra, die ihre Kapuze über den Kopf gezogen hatte.

»Schade, das du ihr Gesicht nicht gesehen hattest«, sagte ich.

Er senkte seinen Kopf. »Tut mir wirklich leid für euch. Aber wieso braucht ihr diese Informationen?«

»Noch nichts von den Spannungen in den Regionen mitbekommen, Großer?« Oliver setzte sich kopfschüttelnd und machte sich auf das Schlimmste gefasst. »Dein bester Kumpel Pierre will einen Krieg auslösen.«

»Was?«, rief er entsetzt. »Das würde er doch niemals tun.«

Ethan erhob sich vom Sofa und lief im Zimmer auf und ab. »Oh doch! Er ist sogar richtig versessen darauf. Wir müssen das irgendwie verhindern und ihn aufhalten.«

»Verstehe...«, murmelte Oliver und ließ sein Kinn auf die Brust fallen. »Wie kann er nur ...«

Ethan gähnte. »Gibt es hier Übernachtungsmöglichkeiten?«

Oliver schaute ihn an. »Ihr könnt ruhig bei mir schlafen«, sagte er und deutete mit seinem Zeigfinger auf das obere Stockwerk. »Ich habe genug Decken und Matratzen zur Verfügung.« Er lief jedoch in eine andere Richtung. »Wenn ihr mich kurz entschuldigen würdet.« Er war schnell im nächsten Zimmer verschwunden. Offensichtlich musste er über alles noch einmal gründlich nachdenken. Schließlich war Pierre sein bester Freund gewesen, der den damaligen Krieg verachtet hatte.

Alle wollten gerade nach oben gehen, doch Cassandra hing noch immer vor den Bildern herum. Ich blieb stehen und blickte sie aufmerksam an. Ethan begleitete Mell nach oben.

»Cassandra? Willst du nicht mit nach oben kommen?«, fragte ich und riss sie anscheinend vollkommen aus ihren Gedanken. Sie drehte sich kurz zu mir und wandte sich schließlich wieder an die Bilder.

»Tu doch nicht so, Jaiden! Du weißt es schon längst! Deine Blicke haben mir alles verraten«, keifte sie und ballte ihre Fäuste. »Ich werde dir nun etwas erzählen, okay? Und du wirst mir nur zuhören.«

Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust. Auf diesen Augenblick hatte ich gewartet.

Eine traurige Wahrheit

Cassandra verschränkte ihre Hände ineinander. Sie drehte nervös ihre Daumen umeinander und legte ihren Stirn an die Wand.

»Diese Frau, von der Oliver sprach, war ich«, sagte sie und schluckte heftig. Ihr fiel es unglaublich schwer diese Worte auszusprechen. »Ich weiß nicht was er wirklich von Jolina will, aber anscheinend versucht er mir dadurch wehzutun. Er ist verärgert darüber, das ich ihn damals verlassen hatte. Er schwor Rache, so wütend war er gewesen. Letztendlich wurde er zu meinem bitteren Feind und als er von Jolinas Schicksal hörte, war er vollkommen versessen darauf sie töten zu lassen.« Ich hielt weiterhin den Mund, da ich ihr versprochen hatte nur zuzuhören. Die Geschichte war mehr als erschreckend. »Er ist kein Wesen mit Gefühlen mehr. Er ist ein Monster. Er will nur noch Rache und mir mein Leben so ruinieren, wie ich damals sein Herz gebrochen hatte.« Cassandra schlug mit der Faust kräftig gegen die Wand. Ich konnte sie reißen hören. Noch immer bewahrte ich meine Fragen für mich. Wieso hatte sie ihn denn damals verlassen? Liebte sie ihn nicht mehr oder hatte er sich schon zuvor verändert. Ob auch der Krieg daran schuld war? Vielleicht würde ich es gleich von Cassandra erfahren.

»Aber es lag nicht alles an mir, sondern auch der Krieg trug viel Schuld. Pierre hatte zugesehen, wie man seine gesamte Familie ermordet hatte. Man riss ihnen den Kopf ab und verbrannte sie im Feuer. Außerdem musste er zusehen, wie all seine Kameraden entführt und gefoltert wurden. Er war selbst ein Opfer dieser Schmerzen gewesen. Ich lernte Pierre zwar im Krieg kennen, denn ich war diejenige, die ihn aus dem Foltergefängnis befreit hatte.«

Eine dramatische Wendung. Er konnte das Leid nicht ertragen. Es klang beinahe wie meine Vergangenheit. So viele Freunde waren wegen mir gestorben und auch meine Mutter wurde wegen meiner Existenz getötet. Ich hätte eigentlich genauso werden müssen, wie Pierre. Aber Jolina gab mir die Kraft nicht durchzudrehen. Vermutlich empfand Pierre genau dasselbe für Cassandra. Das ergäbe einen Sinn.

»Durch mich erging es ihm seelisch besser, allerdings widmete er sich nach dem Krieg der Wissenschaft. Er ließ ein Laboratorium in Istrien erschaffen, nachdem man ihn als Regenten gekrönt hatte. Für einen Augenblick schien alles absolut perfekt zu sein, doch als ich mit eigenen Augen sah, was er mit den Phynes anstellte, wurde mir ganz anders. Ich schrie ihn dafür an, das er ihnen Leid zufügte, doch er glaubte fest daran, das Halbwesen nicht existieren durften.« Sie seufzte. »Im Anschluss fand ich heraus, das der Mann, der ihn folterte, ein Phyne gewesen war. Deshalb hatte er solch einen Hass auf die Halbwesen gehegt und das Gesetz erlassen, das sie getötet werden mussten. Seine Überzeugungen waren viel zu gut gewesen. Deshalb stimmte jeder diesem Urteil zu.«

Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und setzte mich auf eine der Treppenstufen. Cassandra drehte sich endlich zu mir um. In ihren Augen waren Tränen. Ich erkannte die Reue und Trauer, die sie seit Jahren quälte. »Wenn ich damals gewusst hätte, das ihn das alles verändert hätte, dann wäre ich niemals auf seine Liebe eingegangen. Ja, ich gebe es zu, ich liebte diesen Mann, wegen seiner Überzeugungen und seiner starken Willenskraft. Ich glaubte mit ihm glücklich werden zu können, aber anscheinend irrte ich da.« Ich spürte wie auch Ethan und Mell heimlich oben am Treppengeländer saßen und Cassandras Worten lauschten. Ich war nicht der einzige Zuhörer. Warum hatte sie uns diese Erkenntnis schon vorher mitgeteilt? Warum musste sie uns diese wichtige Information verschweigen?

»Als wir bei Aria waren, wurde alles viel schlimmer. Ich bekam Panik, denn ich wollte nicht, das jemand wusste, das ich meine eigene Tochter ins Verderben gerissen hatte.« Dich trägt keine Schuld, Cassandra. »Aria wusste, wer das Geheimnis kannte, aber sie durfte es euch nicht sagen, ansonsten hätte ich es dir nicht in diesem Moment erzählt. Wir hätten die Zukunft zu sehr verändert und wäre niemals nach Noumoon gekommen.« Sie senkte ihren Kopf. »Aria sagte, wenn ich dir dieses Geheimnis anvertraut habe, soll ich euch eine Nachricht von ihr mitteilen.«

Angespannt ballte ich meine Fäuste und hielt den Atem an. »Was für eine Nachricht ist das?«

Cassandra schaute um sich, als ob dachte, beobachtete zu werden. »Ihr seid nicht allein

Im selben Moment verspürte ich zu viele Präsenzen um mich herum. Ich erhob mich von der Treppe und Ethan stand kampfbereit neben mir.

»Was meinte sie damit, Cassandra?«, rief Ethan und auch Oliver kam aus seinem Zimmer gesprungen.

»Die haben meine Fenster eingeschlagen!«, rief er und aufbrausend und dann hörte ich einige andere Fenster in Splitter zerbrechen. Oliver lief zur Tür und schaute aus dem kleinen Fenster. »Sie haben uns umzingelt.«

Ethan schnappte sich Mells Hand und lief mit ihr die Treppe hinaus. »Wir müssen auf das Dach!« Oliver folgte den beiden und Cassandra rannte ihnen ebenfalls nach. Allerdings hielt sie neben mir an, als sie bemerkte, das meine Beine, wie verankerte stehen blieben.

Es ergab alles einen Sinn. Aria wollte uns nichts erzählen, da wir ansonsten die Aufmerksamkeit am Bahnhof nicht auf uns gezogen hätten. Wenn wir vorher mit Cassandra gesprochen hätten, dann wären wir niemals nach Noumoon gereist. Wir werden noch irgendjemand hier begegnen, der von Bedeutung sein könnte.

»Komm schon, Jaiden! Wir müssen hier raus!«, rief sie panisch und ergriff mein Handgelenk. Sie zog mich die Treppe hinauf. Ich kam wieder zur Besinnung und sprintete noch ein Stockwerk höher. Oliver besaß ein Flachdach. Durch eine Luke in der Decke kamen wir nach draußen. Allerdings erwarteten uns bereits einige Werwölfe und Vampire. Ich ballte die Fäuste. Cassandra nahm Mell in Schutz und stellte sich hinter uns. Ethan griff als Erster an und ich folgte sogleich.

Mit ausgebildeten Spionen zu kämpfen war kein leichtes Spiel. Es war viel schwieriger als zuvor mit den Werwölfen am Bahnhof. Ihre Körper waren taffer und bissfester. Ich wandte einige Zaubersprüche an, um eine Barriere vor Cassandra und Mell zu errichten. Die anderen galten den Spionen. Einige konnte ich an den Boden ketten und sie anschließend bewusstlos schlagen.

Ethan kämpfte etwas gewaltsamer. Er biss seine Opfer so heftig, das sie keine Überlebenschance hatten. Sie fielen leblos zu Boden. Oliver machte sich ebenfalls nützlich und konnte einige mit seiner geballten Kraft auf den Boden schmettern. Ich erkannte die Risse im Beton.

Als wir für einen Moment nicht von weiteren Spionen bedrängt wurden, flitzte Ethan über die Dächer. »Jetzt macht schon! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit«, rief er mit einem ernsten Blick im Gesicht.

Ich löste die Barriere vor den beiden Frauen auf und schloss als Hintermann zur Gruppe auf. Ich sorgte dafür, das uns keiner verfolgte. Wenn doch, machte ich kurzen Prozess. Aber die Flucht verlief reibungslos. Wir hüpften problemlos über die Dächer und sprangen irgendwann in eine Gasse hinunter.

Ethan blieb stehen und drehte sich zur Gruppe um. »Okay, wir konnten fliehen und es war knapp.« Er holte tief Luft. »Wir müssen versuchen unentdeckt zu bleiben.« Sein Blick fiel auf Oliver. »Tut mir leid wegen deinem Haus.«

»Schon okay. Ich hatte sowieso vorgehabt mit euch mitzukommen.« Wir starrten ihn alle unverhofft an. »Wie kommst du denn auf die Idee?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich muss mit ihm reden«, sagte er entschlossen. Verständnisvoll nickten wir.

»Was nun?«, fragte ich und blickte jeden dabei an.

»Lasst uns erstmals aus dieser Gasse verschwinden. Wir müssen Noumoon verlassen. Ich fürchte die nächste Station heißt Istrien.«

Ich senkte meinen Kopf. So schnell schon? Trotzdem konnte ich diesen Ort noch nicht abschließen. Etwas fehlte, aber ich wusste nicht was das sein sollte.

»Heißt das, es ist nun so weit? Wie werden wir vorgehen? Ich denke, Pierre wird uns erwarten«, sagte Cassandra.

»Wir werden frontal angreifen. Er wird uns zu sich lassen. Er will reden, da bin ich mir zu hundert Prozent sicher.«

Cassandra verschränkte die Arme vor ihrer Brust. »Also schön, Ethan, dann lasst uns aufbrechen.«

Gerade als ich einen Schritt nach vorne trat, kamen einige Personen in die Gasse geströmt. Erst beim genaueren Hinsehen erkannte ich Pierres Spione. Starr blieb ich stehen. Die anderen taten es mir gleich. Doch zwischen ihnen entpuppte sich Angela, die uns gehässig anlächelte. Ich wusste, das wir hier nicht fertig waren. Sie hatte uns vermutlich die ganze Zeit beobachtet. Wir mussten im Bahnhof aufgefallen sein. Ethan und ich hatten nicht darüber nachgedacht, eventuell beobachtet werden zu können.

Wir saßen in der Falle, denn auf dem Dach über unseren Köpfen lauerten nochmals genauso viele. Angela stellte sich mit ausreichendem Abstand vor ihre Männer und hielte eine Pistole in der Hand. Allerdings war es keine gewöhnliche Waffe. Pierre hatte sie vor zehn Jahren erfunden. Sie absorbierte die eigene Kraft des Körpers und wandelte diese in eine grelle Energiemasse um, die abgefeuert werden konnte. Es war ein einfacher Strahl, der wie eine Metallkugel wirken konnte, allerdings war dieser tödlicher.

»Freut mich euch wiederzusehen«, sagte Angela und fuhr mit ihrem Zeigefinger über den Schlitten der Waffe. »Pierre beauftragte mich euch gefangen zu nehmen. Er will euch lebend haben. Bis auf...« Sie schaute konzentriert auf unsere Gruppe. »Den Mann mit den weißen Haaren, Melodie und...oh!« Sie grinste finster. »Oliver! Lange ist das Vergnügen her, nicht wahr? Versteckst du dich nun in Noumoon? Das war leider die falsche Stadt. Aber Pierre meinte, du seist ihm nicht mehr wichtig, also werde ich dich auch umbringen.«

»Falsche Schlange!«, fauchte Oliver und biss wütend auf die Zähne.

»Nenn mich wie du willst, Süßer!«, lachte Angela und gab mit einer Handbewegung ihren Spionen zu verstehen, das sie nur mich und Cassandra festnehmen sollten.

»Das lasse ich nicht zu!«, protestierte ich und stellte mich vor Cassandra.

»Stell dich nicht zwischen deinen zukünftigen Herrscher, Jaiden. Es wird dir sowieso nichts bringen. Du kannst nicht siegen.«

Reflexartig stieß ich einen Spion zur Seite, der versuchte mich zu ergreifen, doch diese Reaktion setzte alle anderen in Einsatz. Ethan und Oliver wehrten ihre Angreifer ab, doch schon bald wurde Mell auf den Boden gedrückt und ihr wurde eine Waffe an den Kopf gehalten. Ich versuchte zu ihr zu gelangen, allerdings traf mich ein harter Kopfschlag. Ich wurde nicht bewusstlos, fiel jedoch zu Boden und war vollkommen benommen. Meine Lider fielen in einem bestimmten Rhythmus zu und ich riss sie wieder auf. Doch meine Bilder waren verschwommen und die Stimmen sehr undeutlich. Ich glaubte, das jemand meinen Namen gerufen hatte.

Den Versuch aufzustehen wurde mir durch zwei Spione verhindert, die ihre Waffen auf meinen Rücken drückten. Anschließend kamen zwei andere und packten meinen Arm, sodass sie mich schließlich vom Boden hoben und mich in Angelas Richtung schleiften.

»Jaiden!«, rief jemand laut, aber ich konnte nicht richtig nachdenken und erkannte daher seine Stimme nicht. Als Angela vor mir stand, griff sie nach meinem Kinn und zwang mich so in ihre Augen zu schauen. Sie glühten golden auf. Ein hämisches Lächeln gab mir zu verstehen, das sie offensichtlich doch das bekam, was sie wollte. Ich befand mich nun in ihren Händen. Doch mit einem Schrei und einem lauten Knall, der mich noch mehr betäubte, verließ ihr Lächeln die Lippen. Sie ließ mein Kinn los und das Tempo wurde erhöht. Was war geschehen? Wendete sich das Blatt? Kam uns jemand zur Hilfe?

Am Ende der Gasse stand ein Auto und ich sah, wie sie Cassandra bewusstlos ins Auto legten. Auch ich wurde immer schwächer. Wieso schwächte mich so ein plötzlicher Schlag auf den Kopf? Traf er mich doch härter, als ich dachte?

»Beeilt euch! Bringt sie weg!«, rief Cassandra und mein Körper wurde ebenfalls neben Cassandra ins Auto gelegt. Ich versuchte wach zu bleiben, doch Schmerzen traten an meinem Kopf auf und ich glaubte sogar zu bluten, als mir etwas am Rücken hinunterlief. Halte die Augen auf! Bleib wach! Bleib wach! ... Doch letzten Endes wurde meine Welt schwarz.

 

Es enttäuschte mich, das ich zu schwach gewesen war meine Freunde zu beschützen. Mit diesem Vorfall starb auch ein Teil der Hoffnung der Rettung von Jolina. Ich wusste, ich durfte sie nicht im Stich lassen, weil sie zu mir gehörte und ein Leben ohne sie mir unmöglich zu sein schien. Deshalb konnte ich nicht aufgeben, aber meine Aussichten waren schlecht. Angela hatte mich gepackt und mich vermutlich nach Istrien verfrachtet. Cassandra hatten sie ebenfalls entführt. Ob die anderen noch lebten? Angela handelte schnell, denn anscheinend hatte jemand versucht ihren Plan zu durchkreuzen. Aber wer könnte das sein? Waren wir wohl doch nicht die einzigen Guten in Noumoon gewesen? Ob wir Unterstützung von Christian oder einem anderen Regenten bekommen hatten? Einige Möglichkeiten diesbezüglich standen offen, konnten aber von mir nicht erklärt werden.

»Bist du wach? Jaiden?«, ertönte eine Stimme und plötzlich fand ich mich in einer kalten Zelle wieder. Mein Untergrund war steinig und hart. Offensichtlich lag ich auf Sand oder feinem Kies. Doch als ich mich erst zu Cassandra wandte, wobei ich die vorherige Stimme zuordnen konnte, schienen sich meine Augen noch nicht ganz an die Umgebung gewöhnt zu haben. Ich blinzelte des Öfteren.

»Wo bin ich?«, fragte ich ächzend und fasste an meinen schmerzenden Kopf. »Was ist das hier?« Ich schaute sie an.

Sie machte einen Rundumblick und warf mir ein schiefes Lächeln zu. »Das scheint nicht mehr Noumoon zu sein. Die Luft ist viel zu trocken und ich konnte den Geruch von trockenem Pflanzen wahrnehmen. Wir sind vermutlich in Angelas Heimat. Undertown.«

»Was?«, sagte ich erstaunt und fasste allmähliche meine Besinnung. »Warum tut mir mein Kopf so weh?«

Cassandra verzog eine besorgte Mimik. »Ein Spion hat dich hart am Kopf getroffen. Du hast über eine Woche geschlafen.«

Ich atmete erschrocken die Luft ein und konnte nicht fassen solange geschlafen zu haben. Das hieß Jolinas Tod rückte näher denn je. Vielleicht hatte ich gerade mal noch drei oder vier Wochen Zeit das Gegenmittel zu holen. Ich stand mit wackeligen Beinen auf.

»Währenddessen habe ich dir mein Blut gegeben, deshalb fühlst du dich nicht arg schwach«, sagte sie und stützte mich von der Seite.

»Ja, ich glaube auch keines hätte mich besser auf den Beinen halten können, als Dämonenblut.«

Cassandra kicherte leise. »Ich konnte nicht riskieren, das du stirbst. Jolina brauch dich und du sie.«

»Haben wir eine Chance zu entkommen?«, fragte ich und dabei klang die Frage schon beinahe lächerlich, als ich bemerkte, das massive Gitterstäbe unseren Ausweg versperrten. »Ich meine, irgendjemand müsste den Schlüssel haben, oder?«

Cassandra starrte in die Leere und schien nachzudenken. »Dreimal am Tag bringt uns eine Wache Wasser und Brot. Ich weiß nicht, ob die Chance bestünde, das wir hier herauskämen.«

»Eine Chance hat man immer!«, sagte ich lachend, vermutlich aus Selbstspott. Ich wusste genau, das man hier ohne fremde Hilfe nicht herauskäme. Beinahe ein Käfig ohne Tür.

»Du musst erstmals wieder zu Kräften kommen. Gleich wird jemand uns das Essen bringen, dann wirst du wieder zur Besinnung kommen«, schlug Cassandra vor und wir setzten uns auf den sandigen Boden.

»Jemand hat uns versucht zu retten«, wandte ich ein und Cassandra schaute mich aufmerksam an. »Ich weiß nicht wer es war, aber Angela flüchtete mit uns beiden schleunigst. Ich hörte auch wie ein Schrei ertönte. So wie es klang, schien er vom Dach hinuntergefallen zu sein. Offensichtlich kam unseren Rettung von oben.«

»Und zu spät«, fügte Cassandra hinzu und dachte ebenfalls über diesen Vorfall nach. »Ob Christian uns Hilfe gesandt hatte?«

Ich nickte. »Das hatte ich auch gedacht. Trotzdem glaube ich nicht so recht daran. Ich denke, es war jemand gewesen, der sich zuvor im Hintergrund gehalten hatte und wenn es ernst wurde, kam er zum Einsatz.«

»Schwebt dir jemand im Sinn?«, fragte sie. Keiner meiner Freunde würde sich im Hintergrund halten, aber eventuell jemand, den ich noch nicht kannte oder in letzter Zeit wenig Kontakt hatte. Vielleicht wollte derjenige auch nicht gesehen werden und hielt sich deshalb bedeckt. Es könnten viele dafür in Frage kommen, allerdings waren ihre Standorte zu weit entfernt. An dieser Frage könnte ich Jahre sitzen. Also schüttelte ich den Kopf. »Auf jeden Fall war er sich seiner Sache sicher und könnte sogar das Niveau eines Regenten tragen«, beendete Cassandra hiermit das Thema.

»Ich hoffe nur, das es Ethan, Oliver und Mell gut geht«, seufzte ich hoffnungslos.

»Ethan wird sich nicht so leicht unterkriegen lassen. Solch einen Sturkopf, wie ihn, hatte ich noch nie getroffen. Bestimmt hatte er die anderen ebenfalls in Sicherheit gebracht. Vielleicht sind die anderen schon auf dem Weg hierher oder längst da, um uns zu befreien.«

Ich lächelte kühl. »Diese Hoffnung habe ich auch. Allerdings hoffe ich noch mehr, das heute nicht der Tag der Abrechnung ist.«

»Du meinst Pierre könnte uns heute besuchen kommen? Er würde uns sicher nach Istrien bringen. Dort wird er uns öffentlich hinrichten lassen.«

»Stimmt. Er würde eine Regentin umbringen und somit den Krieg auslösen«, folgerte ich. Wie einfach der Plan war. Aber wieso brauchte er Jolina dafür? Was bedeutete sie ihm? Ob sie recht behalten hatte und aus ihr wirklich ein gefährlicher Gegner werden könnte? Eines war klar. Wenn Jolina nicht erkrankt worden wäre, wäre dieses Rettungsmission niemals entstanden. Der eigentliche Grund lag zwischen Jolina und ihrer Mutter. Vielleicht wollte Pierre auch einfach nur einen weiteren Nachfolger aus dem Weg räumen? Es wäre, wie zwei Fliegen mit einer Klatsche!

Ich warf meinen Kopf in den Nacken und bemerkte das viereckige Gitterfenster an der Decke. Es schien als wären wir in der untersten Etage. Anders gesagt, im Kerker. Ich musste einen Weg hier herausfinden, mit meinen Freunden oder auf eigene Faust. Schließlich durfte ich nicht einfach aufgeben. Jolina brauchte mich und ich konnte sie nicht im Stich lassen. Das würde ich mir niemals verzeihen.

Nach wenigen Minuten hörte ich Schritte im Flur und wartete gespannt auf die Person. Doch zierliche, weibliche Beine stellten sich in mein Bild und als ich in ihr Gesicht schaute, stockte mein Atem. »Fine? Bist du das wirklich?«

Sie hockte sich und blickte uns reumütig an. »Ich ...« Sie senkte ihren Kopf. Cassandra lief zur ihr ans Gitter. »...Es tut mir leid. Spione haben das Waisenhaus angegriffen. Es kam zum Kampf. Doch sie konnten mich und Denzel schnappen.«

»Wie das?«, schrie ich überrascht. »Was ist mit den anderen?«

Fine seufzte. »Denen geht es gut. Die Sicherheit des Waisenhauses wurde erhöht und einen weiteren Angriff werden sie wagen. Jetzt ... zu mir. Ich bin praktisch eine Sklavin von Madame Angela geworden.«

»Madame?«, rief Cassandra schockiert.

»Sie hat mein Final entdeckt und ich muss ihr gehrochen, sonst...« Sie hob ihren Schal an. Darunter befand sich ein Halsband, das ihr vermutlich bei Ungehorsam einige Stromschläge verpasste. Sie war Angelas Hund an der Leine. Ihr persönlicher Sklave. »Ich bin eine Seherin.«

»So wie Aria also ...«, nuschelte ich. »Heißt das, du sagst ihr die Zukunft?«

Sie nickte. »Ich habe keine andere Wahl, Jaiden. Sie wird mich töten, wenn ich es nicht tue. Außerdem sehe ich nur Bilder. Sie ergeben meistens keinen Sinn.«

»Es könnte seine das deine Seherfähigkeiten noch nicht so ausgeprägt sind, wie Aria ihre.« Überlegt senkte ich den Kopf. »Trotzdem könnten sie uns einen Schritt voraus sein. Ob Pierre uns deshalb einsperrte?«

Im Flur erklang ein plötzliches Geräusch, das sich nur durch etwas oder jemanden bemerkbar machen könnte. Fine schreckte auf. Sie erhob sich und schaute zu uns. »Ich versuche euch zur Flucht zu verhelfen. Heute Abend komme ich wieder!«, rief sie und verschwand so schnell, wie sie gekommen war.

Die Aussichten waren schlimmer, als ich gedacht hatte.

Flucht

»Er wird nicht anders denken, Jaiden. Jemand der von Rache geblendet wird und dessen Absichten zielstrebig verlaufen, hat keine Zukunft auf eine Schlichtung seiner Pläne. Pierre ist schon zu tief in seine Wut gesunken, sodass nur ein Tod ihn aus diesem Wahn befreien könnte«, erklärte Cassandra, die noch immer am Boden saß und einen Halm mit ihren Fingern zerlegte.

»Es könnte sein das du recht hast. Uns bleibe also keine andere Wahl als ihn endgültig aus dem Verkehr zu ziehen. Allerdings wird Istrien einen neuen Anführer brauchen und dies könnte nur ein Erbe übernehmen oder ein anderer Regent.«

»Jolina ist meine Tochter«, warf sie ein. »Sie würde eine gute Führerin abgeben. Sie ermutigt die Wesen.«

Ich stoppte mein Auf- und Abgehen und starrte sie stattdessen eindringlich an. »Du schlägst also vor Jolina den Sitz zu übernehmen? Damit ziehst du sie in weitere Gefahren hinein. Es wird viele Regenten geben, die sie nicht akzeptieren werden.« Ich seufzte. »Anderseits könnte sich auch ein zweiter Pierre auf den Thron setzen und alles beginne von vorne.«

»Dann wären wir es, die gegen einen unbekannten Anführer streiken würden. Es käme vielleicht sogar zu einem echten Krieg. Zurzeit ist die kalte Umluft noch zu erwärmen, aber wenn wir es nicht schaffen Pierre aufzuhalten, wird die Kälte noch viele töten.«

»Ich weiß«, wandte ich ein und füllte meine Lunge mit Luft. Ich hatte das Gefühl, dass es hier immer stickiger wurde. »Deshalb müssen wir diese Unruhe beiseiteschaffen und endlich Frieden zwischen den Regionen bringen.«

»Mit guter Überzeugungskunst könnten wir es sogar schaffen«, lächelte Cassandra und ich setzte mich wieder zu ihr. Ihr nächster Satz klang flüsternd. »Sag mal, müsste Fine nicht bald wieder kommen? Sie wollte doch am Abend wieder hier sein.«

»Ich hoffe ihr ist bloß nichts passiert. Vielleicht haben die Wachen oder Angela sie durchschaut.«

»Damit wäre unsere letzte Hoffnung gestorben.«

Wenn Ethan, Mell und Oliver tatsächlich geschnappt worden wären, könnte Fine wirklich unsere letzte Hoffnung gewesen sein. Denn dann würde Pierre siegen und seinen Plan verwirklichen. Undertown hätte mich und Cassandra als Geiseln und könnten Maggon, Goston und Wengis unter Druck setzen. Wäre ich doch vorsichtiger gewesen.

Nach einigen Stunden hörte ich Schritte über die Pflastersteine laufen. Ich stellte mich blitzartig ans Gitter und sah eine Gestalt die in einen schwarzen Mantel mit Kapuze umhüllt war. Sie trat direkt auf unsere Zelle zu und schien in Eile zu sein.

Als sie vor mir stehen blieb, konnte ich Fines hellblaue Augen sehen. Sie nahm ihre Kapuze jedoch nicht vom Kopf. »Hier!«, flüsterte sie und drückte mir einen Schlüssel in die Hand. Ihre Blicke wechselten zwischen mir und den Fluren. »Aber öffnet die Tür erst bei Nacht. Jeweils am Ende des Ganges müsst ihr eine Wache umgehen. Wenn sie schlafen, wird es ein leichtes Spiel sein zu fliehen. Lasst euch nicht entdecken.« Sie schluckte und umfasste nervös die Stäbe. »Pierre Lemuar traf heute aus Istrien ein.« Sie kniff ihre Augen zusammen und atmete schneller. Etwas beunruhigte sie. »Jaiden, ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube ich habe ... Jolina gesehen.«

Angespannt riss ich die Augen auf. »Das ist unmöglich!«

Sie hielt ihren Zeigefinger vor den Mund und zischte. »Ich sagte, das ich es glaube. Sie hatte sich als Wache getarnt. Als ich an ihr vorbeilief, leuchteten unterschiedlich farbige Augen mich an. Das eine war grün, das andere blau.«

Fine hatte genau die zwei Merkmale an ihr getroffen. Es konnte nur Jolina sein. Nur sie besaß diese seltene Augenfarbe. Aber was tat sie hier? Sie müsste krank im Bett legen und auf meine Rückkehr warten.

»Außerdem schaute ihr dunkelbraunes Haar hervor. Ich konnte mir ansonsten nicht erklären, wer diese Person sein sollte.«

»Vielleicht auch ein Trick! Eine Falle! Sie könnten deine Schwäche ausnutzen«, erwähnte Cassandra und erhob sich vom Boden. »Jolinas ist deine Größte, die du hast. Sie werden jedes Mittel nutzen, um unsere Flucht zu verhindern.« Ihre Augen wanderten zu Fine. »Sie trügen sogar diejenigen, die unter ihrem Befehl stehen.«

»Also haben sie mich mit Absicht getäuscht, weil sie dachten, das ich sie hintergehen könnte?«, fragte Fine  erstaunt.

Cassandra nickte.

»Gut, dann gehen wir von keiner Jolina aus. Wenn wir sie sehen, laufen wir einfach weiter.«

Fine räusperte sich. »Gut, ich werde nun wieder zurückgehen, bevor sie merken, das ich nicht schlafe. Ich wünsche euch viel Glück.«

»Fine, flieh mit uns!«, sagte ich, doch sie schüttelte widersprechend den Kopf.

»Ich kann nicht, Jaiden. Sie haben noch immer Denzel und ohne ihn werde ich diesen Ort nicht verlassen. Angela sagt, sie gibt mir und ihm die Freiheit, wenn sie das hat, was sie braucht.«

»Das kannst du doch nicht im Ernst glauben!«, konterte ich wütend, jedoch nicht auf sie, sondern auf diese hinterlistigen Regenten.

»Fürs Erste ist das meine einzige Hoffnung, die ich noch habe.« Dann verschwand sie und lief wieder den Flur hinunter.

Seufzend drehte ich mich zu Cassandra. »Wenn wir Pierre getötet haben, werden wir die beiden befreien«, sagte sie und nahm den Schlüssel an sich. »Wir werden noch eine Stunde warten und anschließend versuchen auszubrechen, in Ordnung?«

Ich nickte und wir setzten uns erneut auf den sandigen Boden.

 

Eine Stunde verging schnell, zumal ich halbwegs einschlief und viele Gedanken meine Ungeduld vertrieben. Mir machte es Kummer, das ich Fine und Denzel zurücklassen musste. Doch wenn die Chance bestünde auch Pierre nur einsperren zu können, sodass er unfähig war weiter zu regieren, musste ich auch mal egoistisch denken, selbst wenn es gegen meine Natur ging.

Cassandra erhob sich vom Boden und steckte den Schlüssel in das Schloss. Sie drehte es langsam, sodass es keinen Lärm verursachte. Ich stand angespannt hinter ihr und die Tür öffnete sich. Langsam schlichen wir den Flur hinauf, aus der auch Fine ständig kam und bemerkten das fade Licht einer Glühbirne. Unter ihr saß ein etwas kräftigerer Kerl auf einem Stuhl und hatte seinen Kopf müde auf dem Metalltisch abgelegt. Er schnarchte und schien fest zu schlafen.

Vorsichtig traten wir auf unsere Zehenspitzen und schlichen mit dem Rücken zur Wand an ihm vorbei. Meine Augen behielten sein Gesicht im Blick. Ab und an zuckten seine Züge oder er gab Geräusche von sich, doch aufwachen tat er nicht.

Als wir es geschafft hatten, versuchte ich meinen regulären Atem zu kontrollieren, da mir beinahe das Herz in die Hose gerutscht wäre. Wenn die Wache uns erwischt hätte, hätte ich zu härteren Mitteln greifen müssen. Allerdings könnte jemand einen bewusstlosen Mann eher realisieren, als zwei geflüchtete Zelleninsassen.

Wir erreichten die Flure und ich fand mich überhaupt nicht zurecht. Die Räumlichkeiten erinnerten mich an Maggons Regierungsgebäude, allerdings kannte ich dort die Gänge, die zum Ausgang führten.

»Was nun?«, flüsterte Cassandra und schaute hastig um sich. Auch sie wusste nicht die richtige Richtung. »Versuchen wir mal die Treppen!«

Ich folgte ihr. Die Flure waren lang und führten uns an vielen Türen vorbei. Ich hoffte, das uns dabei niemand aufgelauert hatte. Denn irgendetwas war seltsam. Im Kerker waren Wachen positioniert und hier sah ich keine Seele. Wo waren die denn alle? Ich packte Cassandra am Arm und sie blieb abrupt stehen.

»Was hast du?«, fragte sie besorgt.

»Ich glaube, das sie längst wissen, das wir ausgebrochen sind. Merkst du es denn nicht? Hier ist überhaupt keine Wache positioniert. Das riecht verdächtig.«

»Vielleicht sind die Kontrollen nicht so streng wie bei uns«, versuchte Cassandra eine simple Lösung zu finden, doch auch sie wusste, das ich recht haben könnte. Die Flure waren einfach zu still. Kein Fenster war geöffnet. Für den ersten Moment schien die Etage wie ausgestorben zu sein.

Doch plötzlich konnte ich Schritte wahrnehmen und zog Cassandra hinter eine Ecke. Ich blickte vorsichtig in den Flur hinein und sah von weitem Angela. Hinter ihr waren zahlreiche Wachen. Sie kamen direkt auf uns zu.

Wütend schlug ich auf meinen Oberschenkel. »Ich wusste es!« Cassandra griff nach meinem Handgelenk. »Dann nichts wie weg hier!«

Wir liefen den Flur weiter entlang und konnten so die Entfernung zu Angela vergrößern. Doch schon bald ahnte ich, das wir eingekreist wurden. Denn vor uns kam Pierre mit seiner Vampirhorde. Er grinste uns gehässig an. »Wo wollt ihr denn so schnell hin?«

Cassandra und ich stellten uns Rücken an Rücken, sodass einer von uns die Truppe im Blick hatte. Angela kam auf mich zu und auch sie zog eine Schlangentruppe hinter sich her. Wir waren eingekesselt worden. Verdammt!

Wütend ballte ich die Fäuste. »Was wolltest du von mir und Cassandra, Pierre?«, fragte ich.

Seine Schritte stoppten, Angela ihre ebenfalls. »Flames ist nichts ohne ihre Regentin. Außerdem wird Jolina sterben, wenn du ihr das Gegenmittel nicht bringst, Jaiden. Da dachte ich mir, das ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte.«

»Was bringt dir das, wenn du den Krieg beginnst, Pierre?«, schrie Cassandra laut los und ich spürte, wie sie sich von meinem Rücken löste. Ich schaute ihr hinterher. Sie schritt auf ihn los. »Wieso willst du so unzählige Wesen töten, nur damit du Frieden findest?« Auch Pierres gehässiges Grinsen wich aus seinem Gesicht. Er schien Cassandras Worte ernst zu nehmen. Er hörte ihr jedoch nur aufmerksam zu. »Wieso bist du so anders geworden? Was war passiert, das aus dir ein Monster wurde? Du warst nicht immer so.«

Cassandra blieb nur wenige Meter vor ihm stehen. Beide tauschten Blicke aus, die ich nicht ganz erklären konnte. Ich sah einen Hauch von Mitleid und Vergebung, doch beide wussten, das sie sich nie ihre Fehler verzeihen könnten. In Pierre musste noch sein altes Ich stecken. Doch Hass und Rache hatten ihn verdorben. Er glaubte tatsächlich durch einen weiteren Krieg Frieden finden zu können, doch er würde schnell merken, das er sich dabei selbst ins Verderben stürze. Es könnte sogar zu einer Revolution kommen, in der sich das Volk gegen die neue Herrschaft erheben würde. An solch ein Ausmaß wollte ich erst gar nicht denken.

Pierre stand im nächsten Moment direkt vor Cassandra und beide blickten sich tief in die Augen. Dieser Augenblick erinnerte mich an Jolina und mich, als wir uns beide noch teilweise misstraut hatten, aber wussten, das uns etwas Stärkeres aneinander band.

Pierre griff nach ihrem Oberarm. Ich wusste nicht genau, was er vorhatte, aber Cassandra schien ihm zu vertrauen. Sie fürchtete sich nicht vor ihm. Ob in Pierre noch immer sein altes Ich wohnte? Gäbe es eine Chance auf eine Änderung?

Doch dann passierte das, was ich tief in mir befürchtet hatte. Nicht Pierre misstraute Cassandra, sondern sie ihm. Aus ihrem Ärmel zückte sie ein Messer und tat so als ob sie ihn umarmen würde. Doch eigentlich wollte sie das Messer in seinen Rücken rammen. Ihre Ausdruck blieb dabei gleich, kalt und entschlossen. Pierre hingegen schien die Gefahr nicht zu bemerken. Die silberne Klinge wurde durch einen geschickten Handtrick vor Pierres Männern verdeckt, sodass sie keinen Verdacht schöpften.

Keinen Moment später hörte ich wie sich das Messer in seinen Rücken hineinbohrte. Er stöhnte schmerzerfüllt auf und fiel auf die Knie. Anschließend schaute Cassandra Pierre noch ein letztes Mal in die Augen. Ihre Hand legte sie auf seine Wange und sprach so leise etwas aus, sodass ich es nicht verstehen konnte. Es klang wie ›Verzeih mir‹. Schließlich drehte Cassandra sich ruckartig zu mir um und schnappte sich mein Handgelenk. Alles verlief unglaublich schnell. Angela lief mit ihrer Truppe auf uns zu und Pierres Männer ebenfalls. Wir saßen in der Falle. Was hatte Cassandra nun vor?

Ernst blickte sie mir in die Augen. »Vertraust du mir?«, fragte sie und ich nickte schluckend. Sie nahm Anlauf und wir sprinteten schnellsten auf das Glasfenster zu. Cassandra hob instinktiv ihre Arme vor das Gesicht und preschte durch die Scheibe. Das Glas zersplitterte in tausend Scherben, die an meinem Körper vorbeiflogen, jedoch keinen Schaden hinterließen. Ich tat es ihr gleich und bemerkte wie der Boden unter meinen Füßen verschwand. Erst nach unzähligen Metern würde mein Flug stoppen, jedoch würde ich nicht mehr leben.

Der Wind brauste an mir vorbei, mein Körper kribbelte und ich versuchte mich irgendwie abzubremsen. Also streckte ich die Arme von mir und schaute zum Boden. Wo war denn Cassandra? Ich wollte mich nicht wieder auf den Rücken drehen und wartete einfach auf den harten Aufprall ab. Ich sollte Cassandra doch vertrauen. Aber wieso stürzte ich trotzdem immer weiter in die Tiefe?

»Festhalten!«, rief jemand über mir und jemand umschlang meinen Oberkörper. Ich spürte wie ich abgebremst wurde, jedoch noch immer zu schnell fiel. Der Boden war fast erreicht. Ich konnte die Bäume sehen und wir rasten direkt auf ein Geäst zu. Cassandra versuchte noch mehr abzubremsen, aber schließlich stürzten wir in die Baumkrone hinein. Sie ließ mich los und schlang ihre blutroten Flügel um ihren Körper. Sie schlitterte auf dem erdigen Boden, wo ich hingegen durch die Äste glitt und in einem – glücklicherweise – relativ weichen Busch landete. An meiner Hüfte schmerzte es, mein Kopf brannte und an einigen Stellen schien ich Blutergüsse zu haben. Doch ich hatte überlebt und das war das Wichtigste.

Ich drehte mich auf den Rücken und schaute in den dunklen Himmel hinauf. Alles in mir war entkräftet und ausgelaugt. Mein Puls hämmerte noch immer in meinen Handgelenken und mein Herz schien meinen Brustkorb zu sprengen. Keuchend erhob ich mich vom Boden und stand noch wackelig auf den Beinen. Ich schlenderte zu Cassandra hinüber und ließ mich neben ihr auf den Hintern fallen.

»Alles in Ordnung bei dir?«, fragte ich sie und ihre Flügel streckten sich von ihr. Dabei streiften sie mein Gesicht. Ein Kribbeln durchfuhr mich. Sie erinnerten mich an Jolina, als ich ihre Flügel zum aller ersten Mal berühren durfte. Erst jetzt wurde mir meine starke Sehnsucht nach ihr klar.

»Ja.« Sie seufzte. »Ich habe ihn tatsächlich getötet. Ich hätte nicht gedacht, das ich es schaffen würde.« Sie schloss ihre Lider und schien trotzdem keinesfalls froh darüber zu sein. Wir hatten nun einen Krieg verhindert. Das war mehr als ein Sieg. Wir hatten unzählige Leben damit gerettet. »Ich ... hatte immer noch Gefühle für ihn. Mir kamen Erinnerungen hoch, doch in seinen Augen konnte ich keine Liebe mehr für mich finden. Alles war mit Hass überzogen und er dürstete so sehr nach Rache, das es ihn wahnsinnig gemacht hatte.«

»Denkst ein einfaches Messer hatte einen Vampir töten können?«, fragte ich nach.

Sie schüttelte den Kopf. »Es war kein einfaches Messer, sondern ein Siegel. Ich hatte es zusammen mit einigen anderen Chemikalien und meinem Blut betupft, sodass nur ein Blutträger, das Messer entfernen kann«, erläuterte sie.

»Anders gesagt, nur du und Jolina sind dazu in der Lage?«, fragte ich. Sie nickte. »Was machen wir nun? Was ist, wenn wir ihn nur geschwächt haben und ihm das Messer nichts ausmacht?«

»Das weiß ich nicht. Es gäbe zwei Möglichkeiten. Etwa er würde Jolina aufsuchen oder mich dazu bringen, das Messer aus seinem Rücken zu holen.« Sie zog ihre Augenbrauen zusammen und erhob sich vom Boden. »Wenn er geschwächt ist, ist es ein Leichtes ihn endgültig auszuschalten. Wir suchen vorerst Ethan und die anderen, anschließend kehren wir nach Maggon zurück.«

Ich nickte einverstanden und wir beide verließen noch diese Nacht Undertown. Wir fuhren nach Flames. Cassandra glaubte dort Antworten zu finden. Im Zug wurde ich immer müder, bis ich schließlich einschlief.

 

Ich befand mich auf der wunderschönen Wiese wieder. Um mich herum der Park. Ein Lichtkegel markierte eine bunte Picknickdecke. Diesen Ort kannte ich. Hier träumte ich öfters von Jolina. Im Schein der Sonne blieb ich stehen und schaute zur Decke herab.

Schließlich wartete ich und hoffte, das Jolina auftauchen würde. Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust und genoss die Wärme der Sonnenstrahlen. Doch plötzlich umschlang jemand mit seinen Armen meinen Bauch und drückte den Kopf in meinen Rücken. Ich zuckte kurz zusammen.

»Jaiden?«, sagte eine bekannte Stimme und ich wusste sofort, das es Jolina war. »Du darfst mich nicht ansehen!« Mir kamen die furchterregendsten Bilder in den Kopf. Wie würde sie wohl aussehen? Vermutlich krank und noch blasser, als vorher. »Du musst mir zuhören. Es ist wichtig.«

Ich umfasste ihre Hände an meinem Bauch. »Also schön. Ich höre.«

Sie grub ihr Gesicht tiefer in meinen Rücken und schien sogar sehr betrübt zu sein. »Uns beide verbindet doch etwas Engeres. Dieser Traum hier ist nicht nur ein Traum, sondern wir kommunizieren im Schlaf miteinander. Ich weiß selbst nicht, wie das möglich ist. Aber es scheint, als ob wir wirklich füreinander bestimmt sind.« Sie seufzte. »Ich bin nicht mehr in Maggon, Jaiden.«

»Was?«, rief ich schockiert und drehte mich schlagartig zu ihr um, doch sie war verschwunden. Ob das wirklich Jolina war, die im Traum mit mir sprach. Eigentlich wollte ich es nicht glauben, aber auch in den letzten Nächten, in denen wir hier waren, erfuhr ich Sachen, die sich später bewahrheitet hatten.

»Sei bitte nicht sauer, Jaiden«, ertönte ihre Stimme und hallte durch den kompletten Park. »Ich darf dir meinen Standort nicht nennen, aber ich weiß nun, was ich zu tun haben.«

»Von was redest du?«, rief ich und drehte mich hektisch um meine eigene Achse. Wo war sie?

»Ich verspreche dir, ich bringe alles wieder in Ordnung. In Flames wirst du auf Ethan und die anderen treffen. Ich ... war diejenige, die in Noumoon versucht hatte euch zu retten.«

Ich fasste mir an den Kopf. Ich verstand überhaupt nichts mehr. Was sollte das? »Jolina! Warte!«

Anschließend hörte ich nichts mehr und der Lichtkegel wurde immer greller, bis ich völlig geblendet wurde und meine Arme vor meine Augen hielt. Im nächsten Moment wachte ich auf.

»Wir sind da, Jaiden!«, sagte Cassandra und stand neben mir. »Komm schon! Wir brauchen uns endlich nicht mehr zu fürchten. In Flames sind wir sicher.«

Ich packte Cassandra am Arm. »Jolina ist nicht mehr in Maggon«, sagte ich und schaute ihr ernst in die Augen. »Ich kann auf eine unvorstellbare Weise mit ihr im Schlag kommunizieren. Sie sagte mir, das wir in Flames auf die anderen stoßen werden. Außerdem wollte sie mir nicht ihren derzeitigen Standort verraten.«

Sie überdachte meine Worte und wir verließen den Zug. Mit einem Auto wurde wir abgeholt und fuhren zum Regierungsgebäude von Flames. Es war beinahe ebenso hoch wie das in Maggon. Allerdings waren die Straßen aus Sand und nur wenige waren betoniert. Ich sah mehrere Dämonen, die in der Luft flogen und überhaupt kein Auto brauchten.

»Sie werden bereits erwartet, Miss«, sagte einer der Berater von Cassandra und er führte uns in einem Besprechungssaal, als mir sofort Ethan in die Augen fiel. Jolina hatte recht. Wir konnten tatsächlich im Schlaf miteinander sprechen. Aber woher wusste sie das?

Rätsel über Rätsel

Ich war erleichtert sie alle wohlauf zu sehen, allerdings fragte ich mich, wie sie entkommen konnten. War es wirklich Jolina, die ihnen half?

»Ich denke, wir haben uns eine Menge zu erzählen«, sagte Cassandra und wir setzten uns auf die Stühle im Saal. »Jaiden und ich waren Gefangene in Undertown. Dennoch konnten wir entkommen. Die gute Nachricht ist das wir Pierre verletzen konnten. Die Schlechte, wir mussten Fine und Denzel zurücklassen.«

Ethan schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wieso habt ihr sie nicht mitgenommen? Angela würde nicht einmal mit dem Auge zucken, um sie zu töten. Wenn sie herausbekommen ...« Verärgert biss er auf die Zähne und senkte seinen Blick.

Cassandra begann hemmungslos zu erzählen, wie unsere Flucht ablief und was wir genau getan hatten. Anschließend erzählte ich ihnen von meinem Traum mit Jolina, was sie alle stutzen ließ. Denn als sie mir erzählten, das sie sogar mit ihr gesprochen hatten, überfuhr mich eine Gänsehaut. Sie war wirklich dort gewesen.

»Wir hatten Jolina ebenfalls getroffen. Sie schaltete die Spione auf dem Dach aus, flog anschließend hinunter und kämpfte mit uns gegen sie. Dank ihr konnten wir entkommen.« Ethan machte eine Pause und sah mich eindringlich an. »Sie brachte uns hier in Flames unter und meinte sie müsste sofort nach Undertown.«

»Dann hatte Fine also wirklich Jolina gesehen...«, nuschelte ich gedankenversunken.

»Doch wir konnten noch einige Informationen aus ihr herausbekommen. Sie sagte, wir sollten ihr nicht trauen. Erst wenn der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, wüssten wir unser Misstrauen zu verstehen. Ich war völlig verwirrt und hatte keine Ahnung was sie uns damit sagen wollte. Jedenfalls durften wir ihr nicht folgen und sie hatte ihre Spuren perfekt verwischt.«

Ich fasste an mein Kinn. »Das ergibt keinen Sinn!«

»Vielleicht doch!«, rief Mell und stand vom Stuhl auf. »Überlegt mal! Jolina ist kerngesund. Sowie sie aussah, war sie kein Stückchen krank. Jemand musste sie wieder gesund gemacht haben. Vielleicht meinte sie diese Person. Offensichtlich können wir ihrem Heiler nicht trauen.«

»Wer soll das sein?«, fragte Ethan und stützte seinen Kopf mit seinem Arm.

Mell zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.«

»Am besten wir fragen in Maggon nach. Jemand musste sie doch unter Beobachtung gehabt haben. Ob ihr Vater etwas mitbekam? Jedenfalls schien alles im Moment keinen Sinn zu ergeben. Wieso sagte sie, das wir ihr nicht trauen sollten? Ich könnte mir nicht vorstellen, das sie etwas risikoreiches vorhatte, geschweige denn sie uns in den Rücken fallen könnte. Nein. Das würde nicht einmal ansatzweise zu ihr passen.

Meine Gedanken wurden von einem hechelnden, hektischen Angestellten unterbrochen, der rufend durch den Saal lief. Er hielt ein Telefon in der Hand und streckte es in die Höhe. »Miss Pecelin, da ist ein Anruf aus Maggon für sie!«

Sie stand schnell auf ihren Beinen und nahm den Hörer an sich. Zuerst lauschte sie der Stimme, die ich ebenfalls hören konnte. Es war Jolinas Vater. Cassandra legte den Hörer in die Mitte des Tisches und drückte den Lautsprecherknopf.

»Ich hoffe euch ist nichts passiert!«, erklang Richards Stimme. Ich schaute an meiner Kleidung herunter. Zerrissen, Blutergüsse an vielen Stellen und einige Schürfwunden, die jedoch wieder verheilt waren. »Es ist unglaublich, wenn ich euch das nun sage, aber ihr müsst sofort nach Maggon kommen. Jolina steht neben mir. Sie ist gerade aus Undertown zurückgekehrt.« Wie konnte sie schneller sein als wir? Maggon war noch weiter weg. Ob das Fliegen schneller war, wie der Zug? Ich konnte es mir schlecht vorstellen. Aber vielleicht irrte ich mich auch.

Anschließend hörte man wie der Hörer weitergegeben wurde. »Leute?«, ertönte ihre Stimme und mich durchzuckte ein warmes Gefühl. Ich hatte sie zwar schon vorher im Traum gehört, doch nun war es Realität. Sie war wie eine Melodie in meinen Ohren.

»Jolina?«, sagte ich und rückte näher an den Hörer.

»Jaiden! Geht’s dir gut?«, fragte sie besorgt und ich lächelte.

»Dasselbe wollte ich dich fragen.«

Sie kicherte. »Ja, das tut es. Ich bin gerade aus Undertown zurückgekehrt und wollte dir von der Krankheit erzählen. Ich brauchte kein Gegenmittel. Die Krankheit verschwand von selbst. Die Viren hatten sich offensichtlich aufgelöst und ich wurde wieder gesund. Trotzdem frage ich mich worin bestand der Sinn? Deshalb wollte ich Antworten in Undertown finden.«

Ich umfasste mein Kinn. »Offensichtlich wollten sie uns nach Istrien locken. Wärst du nicht krank geworden, wären wir niemals aufgebrochen. Aber wir konnten entkommen.«

»Also schön, wir werden noch heute nach Maggon fliegen. Wartest du dann?«, fragte ich.

Ich konnte mir ihr bildschönes Lächeln hinter dem Hörer vorstellen. »Natürlich!«

Doch bevor ich mich schlagartig erhob und losstürmen wollte, stand Ethan vor mir und stützte meinen Oberkörper, der nach vorne zu fallen drohte. »Du wirst erst einmal einige Stunde ruhen und danach kannst du noch immer zu ihr«, sagte er und klopfte mir sanft auf die Schulter.

Ich schaute zu den anderen. Sie stimmten ihm zu. Schließlich konnte ich nicht anders, als auf ihn zu hören und wurde zu einem der Gästezimmer geführt. Es erinnerte mich an ein luxuriöses Hotel. Entkräftet ließ ich mich auf die Matratze fallen und seufzte zufrieden. Ich war so unglaublich froh, das es Jolinas gut ging. Allein der Gedanke, das Pierre sie in der Gewalt wieder haben könnte, ließ mich schaudern. Doch sie wartete bereits in Maggon auf mich. Bald war alles zu Ende.

Schließlich schlief ich ein und freute mich schon auf das lang ersehnte Wiedersehen. Auch wenn mein Magen aus Unbehagen kribbelte und ich noch nicht glauben wollte, das sich langsam alles zum Guten wendete, war ich fest davon überzeugt einen Krieg verhindern zu können.

 

»Wenn wir in Maggon sind, werden wir weitere Vorgehensweisen besprechen.« Ethan drehte sich zu Cassandra. »Bist du dir sicher, das das Messer solange halten wird? Pierre wird bestimmt einen Weg finden seine Schwäche zu beseitigen.«

Sie blickte ihn kalt an. »Zweifelst du etwa an meinen Methoden?«

Ethan zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder zurück in seinen Sitz. »Es war nur eine Frage«, nuschelte er.

Ich saß neben Mell, die eingeschlafen war. Wir waren mit einem Privatflieger unterwegs. Ich fühlte mich beinahe zu Hause, da nur Freunde um mich waren und ich nicht darauf zu achten hatte von Spionen nicht bemerkt zu werden.

In Maggon landeten wir auf dem Landeplatz des Regierungsgebäudes. Genau hier hatte ich damals Jolina verloren, als Pierre sie nach Istrien entführte. Ich schaute mich nach ihr um, sah sie jedoch nicht. Stattdessen kam Christian und Richard aus dem Fahrstuhl gelaufen. Vor mir und den anderen blieb sie stehen. Richard umarmte Cassandra sehnsüchtig.

»Geht es dir gut?«, fragte er besorgt und sie lächelte aufmunternd. Richard drehte sich zu mir. »Jolina wartet in deinen Zimmer auf dich.«

Als er das sagte, verschwand ich vor ihren Augen, da ich nicht den Fahrstuhl nutzte, sondern lieber die Treppen hinunterstürzte. Ich würde mich nun nicht mehr von ihr trennen. Es war eine lange Zeit, die wir ohne ein Miteinander auskommen mussten. Aber letztendlich blieben wir zusammen und ich würde mich bestimmt kein drittes Mal von ihr so lange trennen lassen. Erst die Sehnsucht nach ihr hatte mir gezeigt, wie sehr ich sie liebte und was uns wirklich verband.

Schließlich stand ich vor meiner Zimmertür und umschlang mit meinen Fingern den Griff. Langsam lief ich hinein und erblickte Jolina sitzend auf dem Sofa. Sie lächelte mich an, erhob sich und lief auf mich zu, bis ich sie in Armen hielt. Im ersten Moment hatte ich ihre Nähe vermisst, doch dann bemerkte ich diese neue Wärme in ihr. Als ich sie das letzte Mal berührte war ihre Haut alles andere als warm. Sie war neutral. Vielleicht war Jolina auch zu aufgeregt, sodass sich ihre Körpertemperatur erwärmt hatte.

Schließlich löste sie sich von mir und strahlte mich weiterhin an. »Bist du gut angekommen?«, fragte sie.

Ich nickte. »Ja.« Sie nahm meine Hand, führte mich zum Sofa und verdeutlichte mir mich hinzusetzen. Sie nahm neben mir Platz. »Du weißt, das wir uns gleich mit Fragen bombardieren werden?«

Sie lachte. »Das war mir klar! Ich werde auch versuchen alles zu beantworten.«

Ich verschränkte die Hände ineinander. »Wie bist du wieder gesund geworden? Ich meine so etwas vergeht nicht von heute auf morgen.«

»In der dritte Woche schien es mir plötzlich besser zu gehen, obwohl der Arzt meinte, das ich womöglich diese Woche in eine Art Koma verfallen könnten, aufgrund meines schlechten Zustandes. Doch am nächsten Morgen fühlte ich mich viel besser und schien rapide zu heilen. Danach wollte ich mich sofort auf den Weg zu dir machen.« Sie legte ihre Hand auf meine. »Mein Liebster«, fügte sie schließlich hinzu. Seltsam, so hatte mich Jolina noch nie angesprochen. Ich wirbelte meine Gedanken weg und widmete mich weiter dem Gespräch.

»Was ist mit Undertown? Wie konntest du wissen, das wir dort waren?«

Sie schluckte. »Nun ja, ich hatte euch in Noumoon retten wollen und bin euch gefolgt bis Undertown.« Hatte Ethan nicht gemeint, das sie sie in Flames untergebracht hatte und erst dann verschwunden wäre? Vermutlich war ich so durch den Wind, das ich schon begann mich selbst zu verwirren. In den letzten Tagen stand ich zu viel Misstrauen und Verzweiflung gegenüber.

Sie verschränkte die Arme hinter meinem Nacken. »Aber bevor ich dir versuche noch mehr meiner Geschichten zu erzählen, die du sowieso nicht aufnimmst, legst du dich vielleicht besser schlafen.« Mit ihrem zauberhaften Lächeln überredete sie mich tatsächlich dazu.

Meine Auffassungsgabe war mehr als überstrapaziert. Seit zwei Tagen hatte ich kein Auge zugedrückt und musste ständig auf der Hut sein. Doch nun endlich konnte ich mich wie zu Hause fühlen. Jolina war im gesunden Zustand bei mir und ich durfte sogar in meinem eigenen Bett übernachten. Ich glaubte schon, das endlich Frieden herrschte.

Als ich endlich wieder einschlief, landete ich ein zweites Mal auf der Wiese. Durch die Blätter schien die helle Sonne und die Gebäude um den Park herum markierten den Bereich. Nur einen Katzensprung entfernt lag die bunte Picknickdecke. Ob Jolina wohl neben mir eingeschlafen war?

Geduldig setzte ich mich auf die Decke und wartete auf Jolina, die vorerst nicht auftauchte. Wieso hatten wir so eine innige Verbindung zueinander? War das Schicksal? Eine Gabe womöglich? Mein Final kannte ich bisher noch nicht. Offensichtlich sollte es zu einem anderen Zeitpunkt erscheinen. Trotzdem kam dieses Art Traum noch in keinem Buch vor. Sie war bislang unerforscht.

»Jaiden?«, ertönte ihre Stimme und ich stand sofort auf zwei Beinen. Mein Körper drehte sich um meine eigene Achse. In einem unerwarteten Moment legte jemand seine Hände über meine Augen. Als ich mich von ihnen löste und mich umdrehte, erblickte ich sie.

Sofort nahm ich ihre Hände in meine und blickte zu ihr hinunter. »Hast du dich neben mich hingelegt?« Ich grinste.

Sie zog jedoch eine Augenbraue nach oben und wusste anscheinend nicht wovon ich sprach. »Nein. Ich bin nicht in deiner Nähe. Wieso-« Sie hielt kurz inne. »Ich vergesse manchmal das ich schlafe. Das fühlt sich so real an. Nicht wahr?« Ihre Stimme klang plötzlich seltsam. Beinahe so als ob sie versuchte mir etwas vorzuenthalten. »Ich muss mich vermutlich in einem anderen Zimmer hingelegt haben, meinte ich.«

Ihr Lächeln sah auch sehr gespeilt aus. Zugleich schien sie sehr nachdenklich zu sein. »Ist alles in Ordnung?«

»Ist bei dir denn alles in Ordnung? Du wirkst glücklich.« Was sollte das für eine Frage sein? Natürlich! Sie war wieder bei mir und das Chaos schien beinahe ein Ende zu finden. Wieso sollte ich dann nicht vor Freude strahlen?

»Jolina, wir haben es doch endlich geschafft. Du bist wieder gesund, all die anderen sind bei uns und wir können endlich Pierre das Handwerk legen.«

Sie atmete kurz erschrocken auf und versuchte ihr Lächeln wieder aufzusetzen, das eindeutig scheiterte. »Gut. Ich muss ... jetzt wieder gehen, Jaiden!«

Ich schaute sie missverstanden an. »Gehen?«

Sie drehte mir den Rücken. »Naja, du weißt schon! Aufwachen und zu Hause etwas helfen.« Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. Anschließend drehte sich zu mir um. Ihr Blick war gesenkt. »Bitte halte trotzdem die Augen offen, okay? Ich mache mir sonst Sorgen.«

Wieder warf ich ihr einen fragenden Blick zu. Was sollte ihr komisches Verhalten? Jetzt war ich derjenige, der mir Sorgen machte.

»Schlaf noch etwas«, sagte sie leise und schlang ihre Arme um meinen Rücken, bevor sich ihr Körper endgültig auflöste. Meine Hände versuchten sie zu berühren, jedoch dematerialisierte sie sich bereits. Ihre Erscheinung verschwand vor meinen Augen.

Der Park und die Bäume wurden schwarz und die Sonne schien nicht mehr. Bevor ich in eine endgültige Dunkelheit tauchte, begann ich alltäglich zu träumen.

Beim Erwachen hatte ich ein vollkommen anderes Gefühl im Bauch. Beinahe so, als ob mich ein schlechtes Gewissen plagen würde. Der Frieden, den ich gestern noch zu wissen glaubte, war nun zur Unruhe geworden. Sie bohrte sich tief durch mich.

Bis zum Nachmittag hin war ich nur in Gedanken und konnte mich kaum konzentrieren. Sogar einigen Kindern fiel mein seltsames Verhalten auf. Jedoch störte es sie nur in der Hinsicht, das ich vergaß den Ball zu fangen oder ihnen zuzuhören. Es dauerte nicht lang bis Kyla auftauchte.

»Alles in Ordnung? Brauchst du eine Pause?«, fragte sie besorgt. Ich schüttelte den Kopf. »Also den Kindern gefällst du heute nicht«, kicherte sie und schielte mit den Augen zu einem kleinen Mädchen, das mich böse anschaute.

Bevor das große Ausfragen auftrat, versuchte ich mich herauszureden. »Ich habe schlecht geschlafen diese Nacht. Es ist vielleicht wirklich besser, wenn ich nach Hause gehe und mich etwas ausruhe.«

Kyla nickte einverstanden. »Selbstverständlich! Ethan wird bestimmt für dich einspringen.«

»Pah!«, ertönte auch schon sogleich seine Stimme von der anderen Seite des Spielplatzes. »Ach so! Ich bin jetzt hier Ersatzmann oder was?« Er grinste jedoch.

»Wenn du hier länger wohnen möchtest, würde ich dir das empfehlen!«, rief Kyla und zwinkerte ihm zu.

Ich hob die Hände. »Also gut. Vielleicht schaue ich heute Abend noch einmal vorbei.«

»Bis dann!«, sagten die beiden zum Schluss und ich sprintete Richtung Bahnhof. An meinem Gleis wartete ich geduldig auf den Zug. Dabei zog ich meine Kapuze wie üblich über den Kopf. Meine Hände steckte ich in die Hosentaschen. Als ich schon von weitem das Quietschen der Schienen hörte, machte ich mich zum Einsteigen bereit. Im selben Moment stieß mich jemand heftig zur Seite. Meine Lippen öffneten sich, allerdings kam kein Ton hervor. Meine Fäuste ballten sich. Ich schaute der Person hinterher. Es schien ein Mann zu sein. Über seinem Kopf war ebenfalls eine Kapuze. Somit war es mir nicht einmal möglich sein Gesicht zu erkennen.

Ich versuchte einfach das Geschehene zu vergessen und suchte in meiner Hosentasche nach dem Geldbeutel. Jedoch war er spurlos verschwunden. Es dauerte nicht lang bis ich eins und eins zusammengefügt hatte. Der Kapuzenmann hatte mich absichtlich bestohlen. Der Stoß war bloß eine Ablenkung. Im Stehlen war er offensichtlich ziemlich geschickt.

Meine Augen streiften nervös durch die Menge. Wo war er hingegangen? Seine dunkelbraune Lederjacke mit der dunkelgrauen Kapuzen entschwanden mir nicht mehr aus dem Kopf. Mit meiner Vampirkraft versuchte ich meine Sicht etwas zu verschärfen. Die Menschen bewegten sich auf die offenen Türen des Zuges und der Strom versuchte mich mitzureißen.

Mit Erfolg konnte ich mich aus dem Gedränge wimmeln und nach Luft schnappen. Genau im selben Augenblick sah ich wie etwas Graues um die Ecke flitzte. Mit schnellen Schritten versuchte ich mich an die Fersen der Person zu hängen. Tatsächlich verfolgte ich den Kapuzenmann. Ob er wusste, das ich mich hinter ihm befand?

Er bog immer schneller ab und es hatte den Anschein, als ob er mich abzuhängen versuchte. Allerdings war ich schneller als er. Er war ein Magier.

In einer Sackgasse hielt er schließlich an und wir waren allein.

»Gib mir mein Portemonnaie zurück!«, fauchte ich wütend. »Du hast es mir gestohlen.«

Er drehte sich langsam um und nahm seine Kapuze vom Kopf. Stufiges, dunkelblondes Haar kam zum Vorschein und an das Gesicht erinnerte ich mich zu gut. An diesem Tag hatte ich Jolina vor der Slumbande gerettet. Er war einer von ihnen. Sein Name war Zero – ein nicht zu unterschätzender Magier.

Die grauen Augen leuchtete im gleißenden Licht. Allerdings starrte er mich nur eine Weile an. »Wo ist Elena?«, ertönte es. Darum ging es ihm also. Er hatte es geplant. Jolina war die letzten Wochen verschwunden gewesen. Er musste mich zwischen der Menge entdeckt haben und hatte mir mein Geld absichtlich gestohlen, um mich hierher zu locken. Keine schlechter Trick.

Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust. »Was willst du von ihr? Sie hatte Jolina erzählt, das du zum Einzelgänger mutiert wärst. Ist wohl doch nicht dein Metier, was?«

Zero ließ sich nicht provozieren. Dafür war er zu schlau. Er war ein cleverer Bursche und erst dieses Talent machte ihn so gefährlich. Ich konnte dadurch nie erahnen, was er noch alles in seinen Ärmel bereits hielt. Vielleicht war diese Gasse beabsichtigt worden. Es könnten noch weitere Magier auf mich lauern. Aber es würde nicht zu Zero passen. Er arbeitete stets allein.

»Ich will ihr nichts Böses. Ich muss mit ihr über ihren Bruder reden. Es geht um die Bande, die ihn vor wenigen Monaten ermordet hatten.« Er machte eine kurze Pause. »Mitch war ein Scheißkerl, aber den Tod hatte er nicht verdient. Ich will dieses Bande kaltlegen. Wir sind nicht die Einzigen, die durch sie getrennt wurden. Es gibt andere Todesfälle, die in ihr Motiv hineinpassen.«

»Willst du mir sagen, du hast eigene Forschungen angestellt? Wieso kommst du ausgerechnet zu mir damit?«

»Damit hast du recht. Ich habe dich mit Bedacht gewählt. Ich möchte nicht, das deine Freundin davon Wind bekommt.«

»Jolina?«

Er nickte. »Den Grund dafür werde ich dir auch nicht nennen. Ich möchte, das du Elena zu mir bringst und wir gemeinsam gegen sie vorgehen. Sie hängen außerdem mit der Regierung zusammen. Sie verfüttern Phynes, sowie auch ausgestoßene Magier, an die Regierung in Istrien.« Er zog kurz seinen Mundwinkel nach oben. »In Maggon, Flames, Wengis und Goston werden keine Phynes mehr festgenommen. In Noumoon ist man noch unentschlossen und in den restlichen drei Gebieten wird das Gesetz in die Hand genommen.« Er kam einen Schritt auf mich zu. »Klingt nach einer Revolution, findest du nicht?«

»Du denkst zu viel, Zero.« Verdammt! Woher konnte er diese Informationen  bereits wissen? Ich hätte es mir bereits denken können. Ein cleverer Junge plant bereits im Voraus.

»Also, was ist jetzt? Kann ich sie sehen?«

Ich hielt meine Hand offen vor mich. »Zuerst mein Portemonnaie.« Aus seiner Lederjacke nahm er es heraus und warf es mir gezielt zu. Ich fing es auf und kontrollierte alles. Er hatte nichts daraus entnommen. Sogar meine Zugfahrkarte befand sich am selben Platz. Er meinte es offensichtlich ernst.

»Ich möchte erst mit Elena darüber reden. Schließlich muss sie es auch wollen.«

Er grinste höhnisch. »Oh, sie wird bestimmt wollen! Rache ist momentan ihr bester Freund.«

Natürlich. Schließlich war Mitch ihr Bruder gewesen. Ich würde auch meine Geschwister rächen wollen oder diejenigen, die ich liebte. Aber wieso Zero Mitchs Ehre wahren wollte, verstand ich noch immer nicht ganz. Er verheimlichte mir noch mehr, als nur die Tatsache, das sein damaliger Anführer den Tod nicht verdient hatte. Dahinter musste mehr stecken.

»Wir treffen uns morgen zur Mittagsstunde am selben Platz, alles klar?«, sagte er und lief an mir vorbei. Ich hasste es, wenn mir jemand Befehle erteilte. Aber ich war viel zu neugierig, um das Ganze nun abzusagen.

 

Am Bahnhof wartete ich erneut auf den nächsten Zug und fuhr zum Regierungsgebäude. Das Einzige was mich nun ablenken könnte, war Jolina. Allein ihre Anwesenheit ließen mich alles andere vergessen. Manchmal tat sie mir sogar einen Gefallen damit.

Doch in meinem Zimmer bekam ich ein erneutes Bauchkribbeln. Es war so heftig, das ich mich hinsetzte und durchatmete. Hier stimmte etwas nicht? War das mit Zero Zufall? Wieso schien ich das Gefühl zu haben etwas so Offensichtliches falsch zu machen? Wenn sich nicht bald die Situation endlich änderte und Pierre tot war, würde ich niemals Ruhe finden. Am liebsten würde ich auch Angela umbringen, denn sie war viel zu fanatisch.

Gleich am Abend wartete ich vor Elenas Zimmer auf ihre Rückkehr. Tagsüber arbeitete sie und so konnte ich sie nur abends erreichen. Ich hörte wie ihre Schritte die Treppe hinaufkamen und sie sehr müde zu sein schien. Ihr mehrmaliges Seufzen schallte durch den ganzen Flur.

Als sie mich wartend auf der Bank sah, blieb sie regungslos stehen. »Du bist Jaiden, oder?« Ich nickte. »Wartest du auf mich?«

Nach einem erneuten Nicken erhob ich mich und stellte mich neben ihre Zimmertür. »Wir müssen reden.«

Sie schluckte heftig und glaubte, das es nichts Positives zu sein schien. Aber vielleicht könnte sie sich sogar auf Zero Wiederkehr freuen.

Im Zimmer stellte sie ihre Tasche am Bett ab und setzte sich angespannt hin. Ihre Augen ließen nicht von mir ab. Wie ein Adler beobachtete sie meine nächsten Züge.

Ich nahm auf ihrem Schreibtischstuhl Platz. »Ich habe heute Mittag Zero getroffen. Er will dich sehen.« Ich sah wie ihr Mund leicht aufklappte. »Allerdings geht es ihm um die Bande, die deinen Bruder getötet haben. Er möchte sie kaltlegen

»Und er möchte mich dabei haben?« Ich nickte. Elenas Ausdruck wurde fassungslos. »Er war der Erste, der aus dem Haus verschwand und nie wiederkehrte. Danach kam Mason. Victoria wurde es letztendlich zu viel und sie verschwand ebenfalls. Letzten Endes blieben nur ich und mein Bruder übrig.«

»Und er starb, richtig?«

Sie nickte sanft. »Es war nicht lange her. Er erzählte mir erst nach Wochen von dieser Bande und ich hieß sie nicht gut. Sie nahmen mir meinen Bruder tagsüber, sowie nachts weg. Er war stundenlang fort und ich betete, das er heil zurückkehren würde.« Sie nahm Luft. »Eines Abends tauchte ein Umschlang auf mit meinem Namen. Als ich den Brief öffnete, fand ich seine Haare dort wieder und seine Halskette. In einem kurzen Satz stand auf dem Zettel drauf: Wir haben ihn getötet. Du wirst die Nächste sein!«

Jetzt verstand ich, wieso Elena Jolina Leid tat. Die Ärmste musste in ständiger Angst leben. Sogar jetzt wo der Anführer noch immer auf freiem Fuß war und sie jederzeit mit einem Kidnapping rechnen musste. Allein die Vorstellungen jemanden zu töten, der es nicht verdient hatte, brachte mich zur Weißglut. Diese Bande musste aufgehalten werden. Aber wieso dachte Zero, das diese Bande auch in meinem Interesse lag?

Elena schluckte. »Bitte bring mich zu Zero! Ich will mich dieser Bande stellen. Das alles muss endlich ein Ende finden.« Sie erhob sich vom Bett und ballte eine Faust. »Diese Mistkerle haben meinen Bruder getötet. Ich will endlich Rache.«

Klar konnte ich Elena verstehen und ihren Schmerz teilen. Auch ich war damals von Rache besessen. Allerdings machte sie niemanden glücklich. Ihren Bruder würde sie dennoch nie wieder sehen. Rache war nur eine Form von Ablenkung. Sie sorgte für ein Ziel, aber wenn dieses erst einmal erreichte wurde, durchlebte man den Augenblick der Trauer ein zweites Mal. Nein, Rache machte niemanden glücklich. Aber vielleicht Gerechtigkeit.

Vorbereitungen

»Willst du ihn wirklich sehen?«, fragte ich Elena ein zweites Mal, als wir gerade aus dem Zug ausstiegen. Sie wirkte bedrückt. Ich würde nicht anders reagieren. Auch wenn ich diese Slumbande nicht gut hieß, konnte ich ein Wiedersehen nicht verweigern. Schließlich waren sie alle Freunde gewesen.

»Ich muss! Ich habe die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung. Ohne sie fühle ich mich allein. Verstehst du?«

Ich nickte und richtete meinen Blick auf die nächste Kurve. Mein Gesicht hatte ich unter meiner Kapuze versteckt. Manchmal hatte ich Angst, das Magier mich als Vampir erkennen könnten. Ich fragte mich schon mehrmals, wieso ich nie nach Istrien gegangen war. Mein Vater hatte mich damals im Stich gelassen. Ihm wurde die Heimlichtuerei zu viel und er verschwand innerhalb einer Nacht. Nur wenige Monate später fand mich Rick. Davor musste ich auf der Straße kämpfen.

Wir erreichten schließlich den Treffpunkt und Zero kam uns zur rechten Zeit entgegen. Ob er uns schon erahnt hatte? Elena blieb wie angewurzelt stehen und starrte hypnotisiert zu ihm. Sie schien fassungslos zu sein. Nach drei Monaten konnte sie endlich jemanden aus ihrer alten Clique stehen.

Zero blieb vor uns stehen. »Ich wusste, das du kommen würdest. Um sicher zu gehen, das du keinen Rückzieher machst, habe ich jemanden mitgebracht.«

Von weitem konnte ich das Klackern von Absatzschuhen hören. Ohne mich dabei umzudrehen, wusste ich welche Person Zero meinte. Ich kannte diese Bande viel zu wenig, aber wenn mir eines auffiel, das dieses Weib.

Elena hatte ihr Gesicht zu dem Geräusch gedreht und riss weit die Augen auf. »Victoria!« Da waren es schon drei.

Sie stellte sich neben Zero und versuchte in mein Gesicht hineinzuschauen. Ich hielt meinen Blick gesenkt. Doch ihre Augen ließen nicht von mir. Ihr Ausdruck wurde immer misstrauischer und bald darauf stemmte sie einen Arm in ihre Hüfte.

»Diese Augen könnte ich niemals vergessen. Ist das nicht der Phyne?«, sagte sie und die Frage war eher an Zero gerichtet.

»Er wird uns helfen. Er hat keine andere Wahl, wenn er jemand Wichtigen ausschalten will.«

Ich zog eine Augenbraue nach oben. »Was meinst du?« Ich hatte keine Ahnung, was mir Zero damit sagen wollte. Momentan stand kein Name auf meiner Kopfgeld-Liste. Denn zurzeit hatte ich mehr Leute auf dem Gewissen, als damals im Krieg. Ganz oben stand Pierre. Anschließend Angela und ihre verruchten Anhänger von Phynes. Diese Schlange war deshalb beinahe noch mächtiger, als Pierre. Doch sie war zu naiv und eitel, um sich einen todsicheren Plan auszudenken. Sie hatte Jolina entwischen lassen und beinahe Pierres Vorhaben durcheinander geworfen.

»Nun ja, ich habe das Gerücht gehört, das diese Bande für die Regierung arbeitet«, erzählte er und verschränkte die Arme vor der Brust. »Damit meine ich nicht Maggon oder Flames.« »Undertown...«, murmelte ich. Zero nickte. »Es wird kein Zuckerschlecken. Wer auch immer dieser Anführer ist arbeitet für Angela. Allerdings wissen wer er sein könnte. Niemand sah jemals sein Gesicht. Und doch war er bei allen Überfällen dabei.«

Für den ersten Augenblick war ich vollkommen verwirrt. Das ergab überhaupt keinen Sinn. Trug der Anführer eine Maske? Jedenfalls wollte ich der Sache unbedingt auf den Grund gehen.

»Vielleicht hilft dir das weiter. Dieser Bandenführer scheint Angela sehr nahe zu stehen. Er oder sie ist ihre rechte Hand. Wahrscheinlich werden wir sie nicht so einfach finden können.«

Jetzt kannte ich die Antwort. Denn ich wusste ganz genau, wer Angelas rechte Hand war. Diese Phyne hatte damals Jolina entführt und uns alle getäuscht.

Es war Chamen.

Niemand sah je denn Anführer, da sie sich beliebig in jede Person verwandeln konnte. Deshalb konnte sie untertauchen. Aber was tat sie hier? Wollte sie Unruhe in Maggon stiften oder steckte dort mehr dahinter?

Als ich gerade an sie dachte, begann das Bauchkribbeln ein weiteres Mal. Mein schlechtes Gefühl kam in mir hoch. Plötzlich hatte ich den Drang Chamen zu schnappen. Der Gedanke sie ausschalten zu dürfen, erheiterte mich. Schließlich wäre uns eine weitere Täuschung erspart geblieben.

»Klingt nach Chamen. Der Name dürfte euch nicht viel sagen, allerdings ist sie nicht zu unterschätzen. Sie ist eine Phyne und besitzt bereits ein Final. Sie ist eine Formwandlerin.«

Victoria seufzte. »Anders gesagt, es könnte sein, das wir sie nicht auf den ersten Blick erkennen, nicht wahr?«

Zero blickte zu ihr. »Wenn sie sich überhaupt irgendwie zu zeigen gibt.«

»Wie gehen wir es an?«, fragte Elena und aus ihrem Gesicht konnte ich ablesen, das sie Angst vor unserem Plan hatte. Vermutlich hatte Zero sich schon längst eine Möglichkeit überlegt.

»Victoria ist nicht umsonst hier. Sie ist zufälligerweise sogar Mitglied.« Beinahe hätte ich mich an meiner eigenen Spucke verschluckt. Zero war sogar besser vorbereitet, als ich gedacht hatte. Aber wieso legte er sich so sehr ins Zeug für jemanden, den er nicht einmal respektierte? Was hatte Zero davon, wenn er Chamen tötete? Ruhm? Wohl eher nicht. Das passte auch nicht zu ihm. Aber womöglich hätte er ein Hindernis für etwas Größeres beseitigt. Nur was?

Doch zu spekulieren brachte mir nicht weiter. Zero konnte ich schlecht einschätzen. Ich wusste nicht was seine wahren Absichten waren, aber für den Moment schien er nichts Schlechtes vorzuhaben. Vielleicht waren all meine Überlegungen auch umsonst und ich hatte mich in ihm getäuscht. Ich würde gerne Jolina darüber informieren, allerdings hatte ich Zero versprochen ihr nichts zu erzählen. Den Grund wollte er mir nicht nennen. Er war mir zu schweigsam.

»Victoria wird ein Treffen organisieren. Elena, Jaiden und ich werden uns als Bewerber ausgeben. Vermutlich müssen wir uns beweisen. Mein Plan besteht darin, das sie uns zu ihrem Anführer bringen. In diesem Moment schlagen wir zu«, erläuterte er.

Elena schaute ihn aufmerksam an. Womöglich glaubte sie an ihn und zugleich auch an das Missglücken. Schließlich wusste Chamen wie ich aussah. Sie könnte sogar bereits meine Aura aufspüren und sofort die Flucht ergreifen. Dummerweise weiß man nie, wie sie als nächstes aussieht.

»Wann?«, fragte Elena. Victorias Augen schielten zu Zero.

»Das kann ich erst sagen, wenn ich ihnen Bescheid gebe. Es könnten mehr als drei Tage sein«, beantwortete sie die Frage und wollte sich gerade zurückziehen.

»In drei Tagen , um dieselbe Uhrzeit«, kündigte Zero an und auch er schlug eine andere Richtung wie Victoria ein. Elena blieb neben mir stehen.

»Ich frage mich noch immer, wieso Zero mitspielt«, murmelte ich, jedoch eher zu mir selbst. Elena bekam die Frage mit und ihre Schweigsamkeit sagte mir, das sie ebenfalls darüber nachdachte.

In den nächsten Tagen werde ich versuchen Jolina aus dem Weg zu gehen. Sie durfte von meinem Plan nichts mitbekommen, sonst wollte sie mir mit Sicherheit helfen. Zero wäre wütend. Auch wenn es mir egal sein sollte, konnte ich ihn nicht enttäuschen. Ich hielt meine Versprechen. Außerdem war es auch seltsamerweise mein Wunsch Jolina nichts zu erzählen. Vielleicht wollte ich sie nicht einer Gefahr aussetzen.

 

Ich brachte Elena zu ihrem Zimmer und kehrte anschließend in meine Wohnung zurück. Jolina war nicht da, was mich aufatmen ließ. Vermutlich würde sie mich mit Fragen bombardieren. Meine Arbeit als Ausrede zu holen, wäre eine schlechte Idee. Kyla gab mir auch den heutigen Tag frei. Allerdings würde ich morgen wieder arbeiten wollen. Das Nichtstun war nicht gerade meine Stärke.

Als ich vor dem Bett stand, fühlte ich mich sofort wieder verunsichert. Mein Magen zog sich zusammen, als ich an den letzten Traum dachte. Jolina hatte mich noch nie so sehr verwirrt. Vermutlich war das Misstrauen mein momentaner Begleiter. »Ist bei dir denn alles in Ordnung?« So langsam nahm ich ihre Frage sehr ernst. Ich konnte sie nicht beantworten, denn in meinem Kopf schien ein unendlicher Strudel zu herrschen, der vollkommen meine Gedanken übereinanderlegte.

Auch wenn ich wusste, das sie hier in Maggon war, wollte ich es noch immer nicht wahr haben. Alles in mir begann sie zu vermissen, als wüsste ich gut genug, das sie weit entfernt war. Aber das war unmöglich! Ich hielt sie vor wenigen Tagen in meinem Armen, hörte ihre Stimme, sah in ihre Augen und wusste, das nur sie es sein konnte. Es war meine Jolina.

Noch immer stand ich reglos vor meinem Bett. Meine Hand lag mittlerweile an meinem Bauch und das Kribbeln nahm kein Ende. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich einen freien Fall wahrnehmen. Mein Körper stürzte eine nie endenden Abgrund hinunter. Doch die Dunkelheit nahm stark zu.

Meine Lunge sog hastig nach Luft. Meine Augen blinzelten. Lass dich nicht deiner Realität berauben. Du bestimmst dein Hier und Jetzt. Diese Worte mochten stimmten, aber sie munterten mich dennoch nicht auf. Eines war mir jedoch klar. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Es musste mit meiner neuen Aufgabe zu tun haben. Vielleicht sollte ich Cassandra informieren, das Chamen in der Stadt war. Wenn sie tatsächlich diese Männer anführte und Unruhe in den Slums stiftete, würde sich das Verhalten des Volkes ändern. Angst und Panik würde sich ausbreiten. Und es gab nichts mit dem wir ihnen hätten Mut machen können. Erst wenn Pierre tot war, würde das die Bewohner beruhigen. Zumindest vorerst.

Meine Lungen füllten sich erneut mit Sauerstoff und ich schritt zur Tür. Was nun? Vielleicht wusste Christian mehr über diese Bande.

 

»Setz dich doch, Jaiden!«, bat mich Christian, als ich ihn im Büro besuchte. Er faltete seine Hände, stützte die Ellenbogen am Schreibtisch ab und legte sein Kinn auf seine ineinander verschränkten Finger.

»Danke«, sagte ich räuspernd und kam seiner Bitte nach. Erst als ich saß und meinen Mut gefasst hatte, schlug ich ihn sofort auf das Thema an. »Du hast doch bestimmt von der Slumbande gehört, die in ihren Gebieten ziemliche Aufmerksamkeit erregt hatte.«

Christian warf mir vorerst einen dumpfen Blick zu, wandte sich jedoch zu einer Schublade. Daraus entnahm er ein Akte und legte sie mir vor meine Nase.

»Eigentlich sind diese Akten geheim, jedoch kann ich mir in etwa vorstellen, was du vorhast.« Natürlich, wer hätte das nicht?

Ich öffnete sie und fand einige Zeitungsausschnitte vor mir liegen. Ständig las ich Raub, Mord, Vermisste und sogar Misshandlung. Es gab sogar einen Bericht über Elenas Bruder Mitch. Es waren die vier schlimmsten Worte, die ein Bürger in der Zeitung lesen konnte. Wenn es schon Regenten beunruhigte und sogar die eigenen Slumbewohner, dann musste diese Bande aufgehalten werden. Erst beim Lesen wurde mir klar, wie angespannt die Lage war. Christian musste darüber genauso denken.

»Allerdings werde ich in drei Tagen nach Noumoon fliegen müssen. Vincent will mich sprechen. Cassandra wird zusammen mit Richard Mora besuchen. Wir haben viel zu tun.«

Ich wusste sofort, was er mir damit sagen wollte. Er vertraute mir diesen Fall an und wusste, das auf mich Verlass war. »Wird erledigt! Ich habe mich bereits darum gekümmert.«

Christian hob überraschend eine Augenbraue in die Höhe. »Du hast bereits einen Plan?« Ich nickte. »Mit wem?«

Mein rechter Mundwinkel streckte sich. »Keine Sorge. Man kann ihnen vertrauen. Ich will noch nichts dazu sagen. Erst wenn mein Plan aufgeht, werde ich dir alles berichten.«

Christian lehnte sich zurück in seinen Stuhl, behielt jedoch seine Hände verschränkt. »Das klingt gut. Erzähl bitte nichts Cassandra. Ich denke nicht, das sie es gutheißen wird, wenn du mit unbekannten Freunden etwas unternimmst.«

»Sie sind mir nicht fremd.«

»Aber für Cassandra«, entgegnete mir. Ich nahm seine Bitte ernst. Schließlich sprach ich gerade mit einem der mächtigsten Magier. Er war sogar besser als ich. Seine Zauber sind so unvorhersehbar, das man nie seine wahren Absichten beurteilen konnte.

»Ich habe verstanden«, sagte ich und stand vom Stuhl auf. Mit einem Lächeln begab ich mich zum Ausgang. »Wir sehen uns dann nach den drei Tagen, Christian.«

Er nickte mit einem ernsten Ausdruck und ich verließ das Zimmer.

 

Ich begab mich schließlich zurück in mein Zimmer. Dort legte ich mich für eine Weile hin und hoffte von Jolina zu träumen. Allerdings tauchte der Park nicht auf und somit auch nicht sie. Andere Träume plagten mich jedoch stattdessen. Mein Vater kam darin vor, sowie Pierre und all die, die ich hasste oder verachtete.

Sogar meine Mutter tauchte auf. Ich hatte mir damals so viele Vorwürfe wegen ihrem Tod gemacht, das ich beinahe täglich davon träumte, wie sie in der Sonne verbrannte.

Die vielen Gedanken weckten mich. Doch dann hörte ich, wie die Schlafzimmertür geöffnet wurde und Jolina das Zimmer betrat. Lautlos kroch sie in mein Bett und schlang ihre Arme um meinen nackten Oberkörper. Doch da war diese neutrale Temperatur wieder. Ich musste mir ihre vorherige Wärme doch eingebildet haben! Mein Kribbeln verging und unendliche Sehnsucht schürte sich in mir. Ich hatte das Gefühl, das ich sie seit Ewigkeiten nicht mehr gespürt hatte. Die Kälte in mir wurde wärmer. Sie wollte sich förmlich in brennendes Feuer verwandeln.

Sie vergrub ihren Kopf zwischen meinen zwei Schulterblättern. Die sanften Strähnen strichen an meiner Haut vorbei. Ihr Atem war deutlich zu spüren. Ich verschränkte meine Finger mit ihren und öffnete kurz meine Augen, damit ich mir beweisen konnte, das es kein Traum war. Aber ... sie war hier. Direkt hinter mir. Mein Misstrauen schien mich langsam zu verlassen. Die Situation fühlte sich dank ihr besser an.

»Jolina ...«, flüsterte ich und umfasste ihre Finger noch enger. Ich wollte sie nicht mehr gehen lassen. Nie wieder. Obwohl sie in den letzten Tagen bei ihrem Vater übernachtet hatte und mich kaum zu Gesicht bekam, war dieser Moment der wirklichste von allen. Sie fühlte sich besser als die Realität an. Ich prägte mir ihre Wärme ein zweites Mal ein. Mit einem unauffälligen Atemzug sog ich ihren Duft ein und spürte ihre weiche Haut.

Doch ... ich hatte noch immer Angst, das es doch eine Täuschung sein könnte. Was war, wenn mich mein eigener Traum hinterging? Ich wollte mich nicht umdrehen, um zu spüren, wie sie doch nur eine Illusion sein könnte. Es hätte den Moment so sehr zerstört, das meine Sehnsucht beim nächsten Erwachen noch stärker geworden wäre. Bitte, lass es keinen Traum sein!

Langsam drehte ich mich auf die andere Seite. Ich hielt ihre Hand nun so fest in meiner, das ich glaubte, sie sogar zu erdrücken. Zuerst sah ich ihre Beine und wanderte bis zu ihrer Hüfte hinauf. Sie trug eine dunkelblaue Röhrenjeans, schwarze Socken und ein dunkelrotes T-Shirt. Ihre Schuhe lagen auf dem Boden. Meine Augen verfolgten ihren Körper weiter, bis ich schließlich an den grün-blauen Augenpaaren hingen blieb. Ihr Ausdruck war betrübt, weswegen ich sie an mich heran zog.

Mein Gesicht vergrub ich in ihren Haaren und sog ein weiteres Mal den Duft ein. Die rochen nach etwas Honig und Vanille. Behutsam strich ich ihr über den Kopf und atmete gelassen aus. Kein Traum!

Ich war so froh, das sie mich besuchte. Schließlich ließ sie sich so selten blicken, das ich sogar glaubte, sie wollte mir absichtlich aus dem Weg gehen. Aber nun konnte ich ihre Sehnsucht nach mir förmlich spüren.

»Es tut mir so leid, Jaiden«, hauchte sie so zart, das mich ein Kribbeln durchfuhr. »Ich musste dich einfach sehen. Ich hatte es nicht mehr ausgehalten.« Auch wenn es nur drei Tage waren, hätte ich niemals gedacht, das sie mich so sehr vermisste. Aber es klang beinahe wie ein Flehen oder eine schwere Bürde. Ob sie etwas auf dem Herzen hatte?

»Schon gut. Ich bin hier.« Ich sprach sie direkt darauf an. »Stimmt etwas nicht?«

Ich spürte wie ihr Körper kurz zuckte. Offensichtlich hatte ich den wunden Punkt getroffen. Meine Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten. »Ich halte ... es nicht länger aus. Dieser Druck, der auf mir lastet ... nur du kannst ihn lindern. Ich bin nicht hier, um dich darum zu bitten, es mir leichter zu machen. Halte mich einfach nur fest!«

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verstärkte ich meine Umarmung und küsste sie sanft auf ihre Schläfe. Ein leiser Seufzer entglitt ihren Lippen und ihr schien es wirklich nicht gut zu gehen. Allerdings respektierte ich ihre Wunsch und fragte nicht nach. Denn ich konnte es mir bereits denken. Pierre übte auf sie Druck genug aus. Es wird bald ein Ende haben, Jolina. Das verspreche ich dir.

Vertrauen

Am nächsten Morgen war Jolina verschwunden. Wie konnte sie nur so still sein? Schließlich hatte ich all ihre Bewegungen sofort bemerkt und sie hatte es nie geschafft sich neben mir leise zu verhalten. Vielleicht lag es auch an einem Tiefschlaf.

Mit einem Krächzen erhob ich mich aus dem Bett, zog mir ein Shirt über und verschwand ins Wohnzimmer. Selbst dort hoffte ich auf Jolina, doch diese war nirgends aufzufinden. Ob Cassandra sie wieder gebraucht hatte?

»Guten Morgen, Sonnenschein!« Ich zuckte erschrocken zusammen und blickte zum Flur. Ethan. »Na? Gut geschlafen?«

Ich hob meine Schultern an. »Es ging.«

Ethan schnupperte in der Luft, als ob er nach einem bestimmten Duft suchte. Anschließend lachte er auf. »Sicher? Das es doch nicht sehr … aufregend war.«

Mit einem warnenden Blick starrte ich zu ihm. »Ethan, das geht dich nichts an.«

»Schon klar!«, kicherte er. »Hör mal, …« Er stellte sich mit der Schulter an die Wand. »… wenn du die Sache da mit Elena durchziehen willst, dann rüste dich besser auf.«

Ich nickte.

»Außerdem solltest du nicht allein mit Fremden zusammen sein. Immerhin haben sie damals deine Freundin geärgert. Das sind Slumkinder.«

Ich ließ kurz meine Fänge aufblitzen. »Und wenn schon. Ich war selbst eins.«

Ethan seufzte genervt, als ob er dachte, dass ich ihn nicht verstehen würde. »Ich will einfach nur mitkommen. Okay? Wie in alten Zeiten, stimmt’s?«

»Also schön«, willigte ich ein, bevor Ethan niemals aufhören würde zu fragen.

»Wann geht’s los?«

»In einer Stunde treffe ich mich wieder mit Elena und dann gehen wir zusammen zum Bahnhof. Dort treffen wir auf den Rest der Bande.«

»Alles klar.«

Ethan wollte gerade das Zimmer verlassen, als Jolina ihm entgegenkam. Sie stürzte sich direkt auf mich und hätte mich beinahe zerdrückt. Was war denn nun los? »Guten Morgen, Liebling!« Liebling? »Wie geht es dir? Hast du gut geschlafen? Ich habe die ganze Zeit unten in Foyer helfen müssen. Außerdem habe ich Christian und Cassandra zum Flugplatz begleitet. Wir sind nun allein. Kein Regent ist mehr im Haus.« Wie das klang …

»Ja, gut, ich muss auch schon wieder los … leider.«

Sie zog misstrauisch eine Augenbraue in die Höhe. »Weshalb?«

»Ich treffe mich mit Ethan in der Stadt und wir haben noch etwas wegen dem Waisenhaus zu besprechen.«

Sie überlegte eine Weile, bevor sie mir einen flüchtigen Kuss gab und zur Tür verschwand. »Viel Spaß!«

Das war unerwartet. Starr und verunsichert blieb ich im Wohnzimmer stehen. Sie hatte nicht einmal nachgefragt. Ob sie mir etwas verheimlichte? Sie tat sehr unschuldig. Aber ich konnte mir später darüber Gedanken machen.

Ich packte noch ein paar Waffen ein, zog die richtige Kleidung an und versteckte sie durch normale Zivilkleidung. Den Anzug darunter konnte man nicht erkennen. Er war etwas bequemer und reißfester, als manch anderer Stoff.

In schnellen Schritten erreichte ich den Fahrstuhl und verließ somit das Regierungsgebäude. Ob Jolina nur so freundlich war, weil sie etwas vorhatte? Vielleicht eine geplante Verfolgung? Verdammt!

Ich wusste, dass sie neugierig war und sie wollte meistens über alles Bescheid wissen. Aber sie vertraute mir. Also, wieso sollte sie das tun?

Doch zur Sicherheit wandte ich meinen einfacheren Trick an. Es gab in der Stadt, direkt in der Nähe des Bahnhofes ein Café. Die Toiletten besaßen einen Hinterausgang, der immer offen stand. Wenn sie mich tatsächlich verfolgen würde, dann würde sie auf diesen Trick reinfallen.

Für diesen Gedankengang hatte ich einige Minuten gebraucht und wollte meinen Plan sicherheitshalber vollziehen. Also lief ich in die Richtung des Cafés und zum Glück herrschte dort ein großer Andrang. Leute gingen aus und ein. Durch die großen Fenster waren nur Köpfe und Körper zu sehen. Perfekt.

Vollkommen unschuldig quetschte ich mich durch eine Gruppe von Magiern und schlängelte mich bis zur Toilette durch. Ich musste schnell reagieren, bevor Jolina merkte, das ich durch die Hintertür hinauslief. Also hastete ich in die Männertoilette, lief an den Kabinen vorbei und erreichte so den Hinterausgang. Ich schloss schnell die Tür und verschwand im Eilschritt zum Bahnhof.

Erst im Zug seufzte ich erleichtert. Hoffentlich hatte der Versuch funktioniert, falls sie mich tatsächlich verfolgt hätte. Ich verschwendete keinen Gedanken mehr an dieses Thema, als ich Elena mit Ethan am Bahnhof stehen sah. Wir mussten jedoch noch eine Haltestellte weiterfahren, um tatsächlich im Slumgebiet zu landen. Sie setzten sich grüßend neben mich.

»Elena erklärte mir bereits den Plan. Klingt irgendwie einfallslos.«

Ich knurrte. »Wie gesagt, du kannst noch aussteigen.«

Ethan hob entschuldigend die Hände. »Schon gut. Ich meine ja nur. Euer Plan könnte auch sehr schnell in die Hose gehen.«

Natürlich könnte er das. Jeder Plan hatte ein gewisses Risiko zum Scheitern. Aber wenn nur eine geringe Chance bestünde Chamen zu töten, dann würde ich jede Gelegenheit nutzen.

»Jaiden, falls alles aus dem Ruder läuft, dann habe ich noch meine Geheimwaffe dabei«, flüsterte er so leise, dass nur ich und Elena es verstehen konnten.

»Gut, dann werden wir zumindest eine Überlebenschance haben.«

Ethan lachte und Elena hatte keine Ahnung, was sie sich unter der Geheimwaffe vorstellen sollte. Anfangs dachte ich an ein MG-Geschoss oder etwas Ähnliches, das jedenfalls viel Schaden und Lärm bereitete. Doch erst als ich die Geheimwaffe zum ersten Mal zu Gesicht bekam, war sie viel wichtiger, als ein Geschoss.

Als wir an der nächsten Haltestelle ankamen, stiegen wir sofort aus und liefen zu den Gängen. Zero wartete bereits mit Victoria auf uns. »Ihr habt euch ja Zeit gelassen«, ertönte seine Stimme und sein Blick fiel sofort auf Ethan.

»Er ist ein Freund«, wandte ich schnell ein.

»Die zweite Feuerwaffe trifft’s eher«, scherzte Ethan und Elena grinste breit.

»Ihr werdet erwartet. Allerdings können nur zwei mitkommen.« Wir warteten alle geduldig auf die Entscheidung, die schließlich Zero beschloss. »Ich dachte da eher an Jaiden und mich.«

Weise Entscheidung. Während Zero und ich mit Victoria mitgehen, könnte Ethan Elena schützen und uns aus der Ferne beobachten. Falls es tatsächlich Probleme geben sollte, könnten sie uns schützen. Cleverer Zug.

»Einverstanden«, sagte ich und Victoria winkte mit ihrem Kopf zum Ausgang.

»Wir werden sofort ins Slumgebiet gebracht. Seid mir jedoch nicht böse, wenn sie euch die Augen verbinden. Sie wollen nicht ihren Hals riskieren.«

»Schon klar.«

Ethan und Elena nahmen immer mehr Abstand von uns, behielten uns jedoch fest im Blick. Sie würden uns unaufmerksam beobachten. Wenn die Bande mitbekäme, dass wir noch zwei weitere Verbündete dabei hätten, dann wäre der Plan gelaufen.

Der Weg zum Treffpunkt wurde immer länger. Wir durchliefen Gassen, umkreisten Gebäude und schließlich hielten wir vor einem abgelegen Park an. Hier war keine Menschenseele. Vollkommen abgeschottet. Die Wiese war nicht mehr grün, sondern ausgetrocknet gelb. An den Ästen hingen keine Blätter mehr. Die unbegrasten Stellen waren mit Beton gefüllt. Die Mauern und Gebäude waren zur Hälfte zerstört, ohne Fensterscheiben, ohne Verputz, einfach  nur gestapelte Blocksteine.

Zero griff unbemerkt an meinen Arm und zwang mich zum Stehen. Victoria lief weiterhin auf die Wiese zu. »Jaiden, vertraust du mir eigentlich?«

Was sollte diese Frage so kurz vor dem Ziel? »Ich schätze schon.«

Zero schaute wieder zu Victoria. »Gut, vergiss es nicht.«

Er lief voraus und ich folgte ihm.

Wir warteten nicht lange. Als sie immer mehr wurden, hatte ich sogar das Gefühl, dass sie eher auf uns gewartet hatten. Sie umkreisten uns, wie Tiere die sich an ihre erlegte Beute heranwagten. Alle waren maskiert und trugen schwarz-dunkelgrüne Outfits, die alle aufeinander abgestimmt waren. Ich konnte nicht einmal sagen, ob einer von ihnen ein Mann oder eine Frau waren. Sie wollten tatsächlich nicht auffliegen.

Noch fiel kein Wort und Victoria schien ganz entspannt zu sein. Zero wirkte wie immer, kalt und undurchdringlich. Er erinnerte mich an meine Coolness, die ich in der letzten Zeit nur bei Jolina verlor. Ich konnte in ihrer Nähe eben anders sein.

»Willkommen!«, grüßte jemand aus den Reihen und trat hervor. Er trug zwar dieselbe Ausrüstung, aber keine Maske. So konnte ich wenigstens sein Gesicht erkennen. Allerdings war er mir unbekannt. »Mein Name ist Ten.« Zehn? Wohl ein Codename. Wer sind dann die anderen neun? Ging das hier nach Rangfolge?

»Sixteen! Schön, dass du unsere neuen Bewerber mitgebracht hast.« Offensichtlich war Victoria doch näher an der Null, als ich gedacht hatte. Jetzt durfte ich nur nicht hoffen in die falsche Richtung gedacht zu haben. Aber wie es aussah, gab es hier nur einen Boss.

»Das sind Jaiden und Zero«, antwortete sie und zeigte auf uns.

»Jaiden, also …«, murmelte Ten mit einem fuchsigen Ton. Die Rolle passte auch zu seinen roten Haaren und den grellgrauen Augen. Er kam näher, so nah, dass ich jedes Detail in seinem Gesicht sehen konnte. Drei-vier Pickel, eine kleine Narbe am oberen linken Auge, sein Augapfel war errötet und er stank nach Hund. Wir waren zum Glück auf Augenhöhe. Ein Zentimeter tiefer und ich käme mir unterwürfig vor.

Zero begutachtete er nicht so genau wie mich. Wieso hatte ich das Gefühl, dass er es auf mich abgesehen hatte? Doch trotz dieser Erkenntnisse musste ich mich fügen. Schließlich wollte ich auch unbedingt solch einen … Mein Blick fiel zu einer der Männer hinüber. Nein, selbst dann wollte ich keinen Anzug tragen.

»Eigentlich entscheidet unser Boss über die neuen Mitglieder, doch um ihn zu sehen, müsst ihr erst mit uns kommen.« Er beugte sich zu mir. »Mit verbundenen Augen natürlich.«

Wir gehorchten und uns wurden tatsächlich die Augen verbunden. Zur Sicherheit drehte man uns ein paar Mal, damit keiner von uns die Richtung nachvollziehen konnte. Schade, denn ich hätte mir den Weg gut gemerkt.

Es dauerte circa fünf Minuten, bis wir ein Gebäude betraten. Wir blieben zum Glück im Untergeschoss – glaubte ich zumindest – und hielten erst an, als wir in ein Zimmer gebracht wurden. Sie nahmen uns die Augenbinde ab. Sowie der Park vorhin, war auch das Gebäude ein absoluter Slum. Schmutziges Holz, besudelte Wände und einen vom Schrotplatz gefischten Tisch. Ansonsten war der Raum leer. Es befanden sich mindestens zehn Männer als Schutz im Raum. Sie sammelten sich vor allen Dingen an der Tür. Ich glaubte zwischen den Beinen einen Stuhl zu erkennen. Allerdings bloß einen.

Schließlich rückten sie alle beiseite und jemand trat mit zwei weiteren Wachen durch die Tür. Es war eine Frau, so viel war zu erkennen. Allein der elegante Gang, die feingliedrigen Finger in den Handschuhen und die schmalen, langen Beine. Sie zog noch während dem Gehen ihre Maske vom Gesicht und zeigte sich.

Chamen.

»So trifft man sich wieder, Jaiden!«, ertönte ihre gehässige Stimme. In mir brodelte sofort die Wut. War dass das Zeichen? Aber Zero rührte sich kein Stückchen. Er blieb gelassen neben mir stehen. Meine Zähne lechzten bereits nach ihrer Kehle. Doch meine Kraft würde sie eher umbringen, als ein Biss. Chamen regenerierte sich sehr schnell. Außerdem durfte man ihre Geschwindigkeit nicht unterschätzen.

»Schön dich zu sehen, Chamen«, sagte ich gespielt.

»Wo ist Jolina? Wieder zu Hause? Hast du auch immer ein Auge auf sie?«, lachte sie höhnisch. »Du bist zu naiv, viel zu blind vor Liebe, Jaiden.« Sie klang nun ernster. »Vermutlich bist du aus demselben Grund hier, wie ich.«

»Was weißt du schon.«

Sie lachte wieder spottend. »Jedenfalls möchtest du mich töten, aber das wird dir leider nicht gelingen. Jolina ist nie nach Hause zurückgekehrt.«

»Was?«, platzte es aus mir heraus. Das konnte sie nicht ernst meinen.

Chamen stellte sich neben einer ihrer Wachen. Sie bewegten sich keinen Zentimeter. Ihre Finger glitten sanft über die Wange des Mannes. Sie schaute ihn gierig an. »Du kannst gut küssen, Jaiden. Es war ein Spaß gewesen einmal die Rolle von Jolina übernommen zu haben. Sie ist noch immer in Undertown zu deiner Information. Angela kümmerte sich mit viel Liebe um sie.«

Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Dieses Weib musste einfach sterben. Wenn sie mich weiterhin provoziert, würde ich ungehalten auf sie einschlagen. Schließlich war sie mir schon einen Schritt voraus und drei Magier sprachen einen Zauberspruch aus, der mich zum Stehen brachte. Mein kompletter Körper war vollkommen gelähmt.

»Ich bereite diesem Chaos hier und jetzt ein Ende.«

Sie zückte aus einer Scheide einen Dolch. Vermutlich war er absichtlich gegen Phynes. Praktisch absolut tödlich. Doch bevor sie auf mich einschlagen konnte, hielt sie kurz inne und grinste verpönt.

»Ach Zero, würdest du mir diese Sauerei bitte ersparen?« Wie bitte? Verräter!

Er nickte zustimmend und trat vor. Zero! Natürlich, wie konnte ich nur so dumm sein! Er war von Anfang der Anführer dieser ganzen Geheimorganisation gewesen. Null war die absolute Höchstgrenze. Am liebsten hätte ich mich für meine Blödheit selbst getötet. Wenn Zero ein Verräter war, dann war Victoria nicht anders. Die beiden hatten von Anfang an mitgespielt und deshalb wurden auch Elena und Ethan zurückgelassen. Dieser ganze Plan war eine einzige Falle gewesen. Ich war darauf reingefallen.

Er nahm den Dolch in die Hand und stellte sich ausdruckslos vor mich. Leider konnte ich nichts sagen, aber aus einem mir unerklärlichen Grund deutete mir sein Gesicht etwas. Ich konnte es nicht genau erkennen, aber es würde ja auch nur für einen kurzen Moment sein. Wer hätte gedacht, dass ich durch eine simple Falle sterben würde? Warum hatte ich dieser Bande überhaupt getraut? Um es genau zu sagen hatte ich mich selbst in mein Unglück gestürzt.

Zero holte weit aus, um mir mit voller Wucht den Dolch in die Brust zu jagen. Der Schmerz wäre unerträglich. Phynes starben nicht schnell, sondern qualvoll langsam. Trotz der drei Magier versuchte ich mich von dem Zauber zu befreien, aber sie waren einfach zu stark. Ich hatte keine Ahnung, ob Ethan in der Nähe war und mir in letzter Sekunde das Leben retten würde. Aber vermutlich hatten sie ihn während seines Weges abgefangen. Wenn ich tot wäre, könnte niemand mehr Jolina retten. Nur ich wusste, dass sie eine Fälschung war. Vermutlich würde Chamen das Spiel weiterhin spielen, solange bis Pierre und Angela die ganze Macht an sich gerissen hatten. Was würde aus dem sozialen Maggon werden? Ein einziger Slum, wobei es ums Gefressen oder Gefressen werden ging? Jeder müsste unter dem Zorn von Pierre leben und er würde alle Regenten, die sich gegen ihn stellten, töten. Dazu gehörte Christian, Cassandra, Mora, Kayo und vermutlich auch Vincent. So wie es aussah, hing alles von mir ab.

Aber Zero war noch immer dabei mir den Dolch durch die Brust zu jagen. Es musste doch eine simplere Lösung geben. Ich schaute im Raum umher – auch wenn ich es nur mit den Augen konnte. Weit und breit war kein Ethan zu sehen oder irgendwelche Schritte zu hören, die sich der Tür näherten. Im Moment sah es schlecht aus.

Als ich die Augen schloss, um meine Ermordung nicht ansehen zu müssen, geschah etwas so Unerwartetes, dass ich nicht einmal diese Möglichkeit zu träumen gewagt hätte. Bevor der Dolch hinuntersauste, um das Herz zu treffen, ertönte ein Satz in meinem Kopf. »Gut, vergiss es nicht.«

Im selben Moment schrie jemand laut im Raum auf und ich öffnete meine Augen. Zero hatte beim Ausholen sich blitzartig umgedreht und Chamen den Dolch ins Herz gerammt. Er hatte sich … gegen sie gestellt? Dann war all das vorhin ein Schauspiel? Ob er mich deshalb zuvor gefragt hatte, ob ich ihm vertraute? Er hatte seinen eigenen Plan durchgezogen. Das hieß im Endeffekt, es war eine Falle-Falle.

Die Wachen spannten sich alle an und Victoria warf gleichzeitig drei Dolch an mir vorbei, die gezielt die Magier trafen, sodass ich mich befreien konnte. Es war ein unglaublich erleichterndes Gefühl seine Muskeln wieder spüren zu können. Chamen fiel zu Boden und Zero streckte ihnen den blutigen Dolch entgegen. Zuerst blieben sie angewurzelt stehen, doch dann ergriff einer die Flucht und verschwand durch die Tür. Die anderen taten es ihm gleich.

Ich atmete erleichtert aus. Wenigstens hatten wir ein weiteres Blutvergießen gespart. »Alles in Ordnung?«, fragte Victoria plötzlich ganz sanft. Offensichtlich hatte sie dieser Plan ebenfalls beängstigt.

Ich nickte ihr zu und blickte schließlich zu Chamen. Sie hatte ihre Augen geschlossen und ein Blutfleck ergoss sich auf ihrer Brust. Zero grinste siegreich zu mir. »Ich hab dir doch gesagt, dass du es nicht vergessen sollst.«

Jetzt war mir die Situation sogar recht unangenehm. Ich hätte Zero vertrauen sollen. Doch mit dieser Aktion hatte er es alle Male gewonnen.

Victoria lief ans Fenster. »Wir müssen hier sofort weg. Eine höhere Macht ist auf dem Weg zu uns.«

Ich schaute ebenfalls aus dem Fenster, um zu vergewissern, wer diese Person war. Es war Angela. An ihrer Seite waren vier weitere Kerle. Offensichtlich schienen sie Phynes zu sein. Sie würde sich nicht hierher trauen ohne ihre treue Garde.

»Wir nehmen den Hinterausgang«, schlug Zero vor und im selben Moment stürmten Elena und Ethan hinein. »Etwas spät.«

»Na los! Wir müssen hier weg«, forderte Victoria uns auf. Im Eilmatsch liefen wir in die entgegengesetzte Richtung von Angela. Sie sollte uns nicht in die Quere kommen. Doch als wir unten im Foyer waren, hatten ihre Anhänger uns eingeholt. Wir mussten stehen bleiben.

»Wo ist Chamen?«, fragte sie zornig.

Zero wischte gerade das Blut vom Dolch an einem weißen Tuch ab. »Du meinst bestimmt ihren toten Körper.« Angelas Augen weiteten sich. Welch ein Anblick, wenn ihr Plan zu bröckeln beginnt. »Tja, der liegt noch oben.«

»Ihr habt sie …!«

»Wir müssen hier weg«, drängte Victoria und blickte hinter sich. »Der Weg ist frei.«

»Dafür werdet ihr bezahlen!«, schrie sie außer sich und die vier Wachen versetzten sich in ihre Angriffsposition.

Ich ballte meine Fäuste. Dann mussten wir eben noch gegen Angela kämpfen. Aber kampflos würde ich nicht aufgeben. Schließlich stünde ich kein zweites Mal untätig dabei.

»Leute, denkt jetzt alle an das Foyer im Regierungsgebäude«, flüsterte Ethan ganz leise und zog eine kleine ufoähnliche Scheibe hervor. Drei weiße Punkte darauf leuchteten auf und jeder berührte sie. Elena schaffte es gerade im letzten Moment, als wir vor Angelas Augen wegteleportiert wurden.

Allerdings landeten wir nicht im Foyer, sondern in einem Wald. Was war geschehen? Ich schaute hilfesuchend zu Ethan. »Warum sind wir nicht in Maggon?«

»Das ist Maggon! Allerdings auch der Waldrand von Waldlicht.«

Zero blickte Ethan misstrauisch an. »Wir hatten alle an das Foyer gedacht, also, was ist wirklich passiert?«

»Das erkläre ich euch wohl besser!« Diese … Stimme!

Nichts als Schweigen

 

»Jolina?«

Wir alle waren starr. Woher kam sie? Warum ausgerechnet hier? Das bedeutete, dass Chamen gelogen hatte. Angela hatte Jolina nicht in ihrer Gewalt gehabt. Dennoch sah sie verändert aus, trüb und erschöpft. Um ihre Augen war ein dunkler Schatten. Hatte sie zu wenig Schlaf bekommen? Ihr Grün konnte man nicht mehr vom Blau auseinander halten. Die Hautfarbe war noch blasser geworden. Irgendwie klang der Gedanke, dass es an Jolinas Vampirgene liegen könnte, irreal. Ihr ging es nicht gut.

»Was machst du hier?«, fragte ich.

Jolina warf mir einen ausdruckslosen Blick zu. Kälte strömte zu mir. »Ich werde es euch erklären, aber nicht hier.« Wir warteten auf weitere Anweisungen. »Folgt mir.«

Jolina drehte uns den Rücken zu und lief in die entgegengesetzte Richtung. Ohne ein Wort zu sagen, leisteten wir ihr Folge. Sie blieb den ganzen Weg über stumm. So kannte ich sie gar nicht. Sie hatte sich um hundertachtzig Grad gedreht. Manchmal fragte ich mich, ob es überhaupt Jolina war oder bloß ein Trugbild.

Nach wenigen Minuten blieb sie stehen und zeigte auf eine kleine Waldhütte, an deren Wände sich Pflanzen Platz geschaffen hatten. Sie musste schon sehr lange dort verlassen stehen.

»Ist das nicht Oberna?«

»Was ist denn das?«, fragte ich zurück und wandte mich zu Elena.

»Das ist eine von einem Meteoritensplitter getroffene Hütte. Wer sie betritt, verliert innerhalb des Gebäudes, all seine Kräfte.«

»Ist das wahr?« Warum wusste ich nichts von ihr? Sie wurde nie erwähnt und dennoch kannte sie jeder, denn nach dem Gesichtsausdruck von Zero und Ethan zu urteilen, wussten sie auch Bescheid. Jolina schien diesen Ort beabsichtigt zu haben. Ob der Teleporter manipuliert worden war? Ob Elena auch von all dem wusste? War ich hier der Einzige der keine Ahnung hatte? Warum tat Jolina mir das an?

»Ja«, antwortete sie auf die in der Luft stehen gelassene Frage. Vor der Tür blieb sie stehen. »Wir sind da.« Sie drehte sich zu uns um. »Jaiden, ich würde gerne allein mit dir sprechen.«

»Keine Sorge, wir warten hier draußen«, bestätigte Ethan und Jolina lächelte ihm dankend zu.

Sie betrat den vermoderten Raum. Tatsächlich schlichen Tiere und Insekten überall herum. Der Boden war feucht und teilweise zerfressen. Doch trotzdem hielt die Hütte stabil.

Wir liefen eine kleine Treppe hinauf und blieben in einem leeren Raum stehen. Jolina schloss die Tür hinter uns und setzte sich ans offene Fenster.

»Wie geht es dir?«, fragte sie und Besorgnis lag in ihrer Stimme.

Mich verwunderte ihre so kühle Reaktion. »Gut. Aber sollte ich dich das nicht besser fragen?«

Sie seufzte und blickte kurz nach unten. Ethan und die anderen befanden sich auf der anderen Seite, so konnten sie uns vielleicht nicht hören.

»Ich weiß, mein Erscheinungsbild wirkt sehr … erschreckend, aber es liegt nicht an dir Jaiden. Die letzten Wochen waren für mich sehr hart.« Ich trat näher auf sie zu und hatte das starke Verlangen sie in den Arm zu nehmen. Doch vorerst hielt ich mich im Zaum. »Ich habe eigentlich nur dich hierher bringen wollen, da ich vor wenigen Tagen Ethan, Elena und Zero in meinen Plan eingewiesen habe.«

»Warum die Slumbande?«

»Zero war der Anführer einer kleinen Geheimorganisation, die den hilfsbedürftigen Menschen auf der Straße halfen. Ich bat ihn um einen Gefallen.«

»Lass mich raten, Chamen sollte die Macht über die Truppe erlangen, Untaten anrichten und Zero als rechte Hand gewinnen. Doch dabei wolltest du sie umbringen.«

Jolina nickte zustimmend. »Christian sollte ein paar Berichte schreiben und so tun, als ob die Bande schon länger dabei wäre.«

»Sogar ihn hattest du eingeweiht?«

Jolina verzog ein reumütiges Gesicht. »Ich konnte nicht länger zulassen, dass Chamen sich für mich ausgab und musste sie schnell aus dem Weg räumen. Ich war nicht fähig sie umzubringen. Ihre Handlanger waren in meinem Nacken. Außerdem hatte ich keine Zeit für diesen Fall.«

»Da war ich ja der perfekte Ansprechpartner für!«

Sie senkte ihren Blick. »Ich brauchte einen ganzen Tag, um den Plan zu erstellen. Letztendlich war er sogar aufgegangen. Ethan, Zero und Elena versprachen mir dir nichts zu erzählen.«

»Wieso?«, fragte ich teils wütend, teils erschüttert.

Jolina biss sich auf die Unterlippe und sprang von der Fensterbank hinunter. Sie stellte sich vor mich und schaute mir reumütig in die Augen. »Ich brauchte jemand der unwissend war, damit der Plan nicht scheitern konnte.«

»Eine Trumpfkarte?«

»So in etwa. Wenn du gewusst hättest, was wir vorhatten, hätte Chamen dich durchschaut und anders gehandelt. Sie kann nicht nur andere Gesichter annehmen, sondern auch Gefühle spüren. Dadurch wüsste sie, dass es eine Falle wäre.«

»Also dadurch, dass ich Angst hatte, wusste sie, dass alles echt war.« Deshalb blieben Victoria und Zero auch so ruhig. Sie wussten, dass der Plan todsicher war. Wer hätte gedacht, dass Jolina so zielstrebig sein konnte? Früher war sie eher der spontane Typ. Sie hatte mich vollkommen überrascht. Es war beinahe so, als ob sie in den letzten Wochen dieselben Erfahrungen gemacht hatte, wie ich im Krieg.

»Es tut mir wirklich leid, Jaiden. Aber ich musste so handeln. Chamen wäre mir ansonsten entwischt. Durch ihren Tod ist Angela geschwächt und sie wird an uns Rache nehmen wollen. Aber ich werde sie von euch ablenken, indem ich ihr persönlich sage, dass es alles mein Plan war.«

»Was?«, fragte ich und schnappte gleichzeitig nach Luft. »Dann wird sie dich überhaupt nicht mehr in Ruhe lassen.«

»Es muss aber so sein.«

»Warum? Was hast du vor?« Sie schwieg weiterhin. »Ist das wieder ein Plan von dem ich nichts wissen darf?« Jolina neigte ihren Kopf. Ich warf die Arme neben mir her. »Also schön, dann zieh es allein durch.« Auf einmal war ich vollkommen wütend. Es machte mich sauer, dass sie Geheimnisse vor mir hatte.

»Ich will vor dir nichts verheimlichen, aber im Moment bin ich selbst nicht sicher.« Sie nahm vorsichtig meine Hand, die ich angespannt hatte. »Wenn du mehr wissen willst, frag am besten Mell. Sie hatte mich die letzten Tage mehrmals begleitet und trainiert.«

»… für einen Kampf?«

Jolina nickte. »Ich kann nicht untätig daneben stehen.«

»Warum kannst es mir nicht sagen? Hm?«

Sie umschlang meinen Arm und legte ihren Kopf auf meiner Brust ab. »Du würdest mitkommen wollen.«

»Und wenn schon. Was macht das?«, fragte ich tolerant.

»Nein, das ist erstens zu gefährlich und zweitens ist das eine Sache zwischen mir und Pierre.«

»Okay und worin besteht mein Sinn in deinem Plan?«

»Dich zu schützen.«

Ich seufzte genervt und packte sie zärtlich an den Schultern. »Erinnerst du dich noch, als wir uns das erste Mal gesehen haben?«

»Im Bahnhof.«

»Genau. Ich wusste, was ich tat, Jolina. Ich hatte keine Angst. Verstehst du? Du brauchst mich nicht zu schützen.«

Sie kniff kurz ihre Augen zusammen, löste sich von mir und lief wieder ans Fenster. »Ja, ich weiß. Aber jeder hat irgendeinen Feind den er fürchtet.«

»Pierre macht mir keine Angst, genauso wenig wie Angela.« Das stimmte auch. Jetzt da ich mehr Hoffnung hatte, stand mir nichts mehr im Wege.

»Ich rede von keinem Regenten.«

»Von wem dann?«

Jolina schaute mich kurz an, ehe sie wieder aus dem Fenster blickte. Sie schwieg. Wer könnte es sein? Noch ein anderer Regent? Irgendein Phyne? »Jolina! Wer ist es?«, drängte ich, wenn auch zu heftig.

Ihre Finger umschlangen verkrampft die Fensterbank. Sie wollte noch immer nicht mit der Sprache herausrücken und rührte sich kein Stückchen. Schließlich konnte ich nicht anders und lief auf sie zu. Grob packte ich ihre Schultern und drehte sie zu mir um. Sie sollte mir in die Augen schauen.

»Nun sag schon!« Erst als ich unbewusst fester zupacken wollte, bemerkte ich, dass ich überhaupt keine Kräfte mehr hatte. Die Sage der Hütte war also wahr. Meine Kräfte waren verschwunden, was mich zu einem Menschen machte.

»Ich wusste, dass du so reagieren würdest. Deshalb habe ich dich hierhergebracht.« Sie senkte ihren Blick und ich ließ sofort ihre Arme los, als ob sie plötzlich ganz heiß geworden wären. Ich hatte Jolina noch nie im Leben so grob anfassen wollen, nur weil sie mir etwas nicht verriet. Je länger ich diesem Gedanken nachging, desto eher schämte ich mich für mein Verhalten. Das war nicht ich.

»Es tut mir leid.«

Jolina schritt zurück und lief zur Treppe. Bevor sie hinunterlief, drehte sie sich noch zu mir um. »Nein, Jaiden, mir tut es leid.« Sie seufzte. »Das alles wäre kein Chaos, wenn diese eine Sache nicht wäre.«

»Du meinst die unbekannte Person?«

Jolina nickte. »Es wird dir wahrscheinlich nicht gefallen, aber ich werde nicht mit euch nach Maggon kommen. Es gibt noch etwas, wobei ich die Hilfe von zwei Freunden brauche.«

»Von wem?«

»Zac und Cailan.« Ausgerechnet zwei Männer. Ich wusste, ich hatte keinen Grund dazu, aber irgendwie machte mich der Gedanke eifersüchtig, dass sie lieber mit zwei anderen Männer ihren Plan vollzog und mir nicht einmal erzählte, um was es sich überhaupt handelte. Aber wie kam sie denn ausgerechnet auf Cailan? Der Typ wollte sich ständig mit ihr messen. Wieso war sie sich so sicher, dass er ihr helfen würde?

Jolina lächelte sanft. »Das wird kein Date, Jaiden.« Sie durchschaute mich immer wieder. War meine Eifersucht so offensichtlich? Dabei hatte ich nicht einmal ein Wort gesagt. »Ich brauche Zac wegen seiner Werwolfgene und Cailan wegen der Drachengene.«

»Dann werden wir uns wieder eine zeitlang nicht sehen?«

Jolinas Lächeln verwirkte. »Nein.« Kurz herrschte Stille. »Aber ich versuche zwischendurch bei dir und Mom vorbeizuschauen.«

Ich zuckte mit den Achseln. »Wer hätte gedacht, dass du vor mir verschwinden würdest. Eigentlich war das mein Part.«

Sie lachte herzhaft. »Vielleicht bin ich nicht wie alle anderen Mädchen. Außerdem ist die Hälfte meines Plans aufgegangen. Wenn der Rest ebenfalls ohne Fehler aufgeht, dann können wir vielleicht das Chaos in den Städten klären.«

Wir schauten uns eine Weile in die Augen. Sehsucht kochte in mir auf. »Wenn du dich um deinen Plan kümmerst, schmiede ich eben auch einen.«

»Nein!«, konterte sie. »Vielleicht bringst du dann meinen Plan durcheinander.«

»Ich dachte du bist spontan.«

Ihre Mundwinkel streckten sich. »Du willst mir unbedingt helfen stimmt’s?« Ich nickte. »Dann kümmere dich um meine Mutter. Außerdem könntet ihr noch einmal versuchen mit Vincent zu sprechen. Er ist ziemlich stur und sucht die passenden Argumente für eine Revolution.« Sie wandte kurz ihren Blick zum Erdgeschoss. »Wenn wir ihn als zusätzlichen Verbündeten hätten, dann würde Odin vielleicht auch aufgeben und sich uns anschließen.«

»Aber das ist nur eine Theorie stimmt’s?«

»Es gibt noch andere Wege Frieden zu schließen.«

»Warum töten wir Pierre nicht einfach auf der Stelle?«

Jolina lief wieder die Stufen hinauf und trat vor mich. »Pierre ist meistens immer einen Schritt voraus, aber bei diese Tour würde ich ihm gerne zuvor kommen. Zwar sitzt immer noch der Dolch in ihm, aber er ist nur minimal geschwächt. Wenn er defensiv kämpft, hast du keine andere Chance ihm auch nur einen Kratzer zuzufügen.«

Meine Arme verschränkte ich vor der Brust. »Weißt du was ich nicht verstehe? Wieso ist ein Vollblüter stärker, als ein Phyne?«

Jolina senkte erneut ihren Blick. Sie wusste irgendetwas. »Überleg mal. All die Jahre experimentierte er mit Phynes und Vollblütern, was wäre wohl daraus die Folge?«

»Willst du mir damit sagen, dass du nicht der einzige Phyne bist, der drei Genen besitzt?«

Jolina nickte. »Drei Genen wären noch ein Trost für mich, aber er besitzt alle.«

Mein Herz machte einen heftigen Satz gegen meinen Brustkorb. Die Worte klangen so unglaubwürdig, dass ich einige Sekunden brauchte, bis ich begriff, dass diese Theorie plausibel klang. Er hatte die Phynes zum Testen benutzt. Jolina musste der Schliff seiner ganzen Idee gewesen sein. »Alle? Wirklich alle?« Selbst meine Stimme war nur sehr schwach.

»Werwolf, Vampir, Harpyie, Basilisk, Dämon, Magier, Meermensch und Drache.« Ich konnte noch immer nichts sagen. »Erst gestern injizierte er sich die letzte Gene und sein Körper hatte sie angenommen. Als er damals mit mir experimentierte, besaß er bereits Meermensch und Basilisk in sich. Es dauerte jedoch keine zwei Wochen und dann kam die nächste Gene.«

»Warum saugte sein Körper die Genen so schnell auf?«

Jolina lief ein Stück durchs Zimmer. »Weil er mein Blut benutzte. Es war anders, schneller und gefügiger. Deshalb machten seine Experimente solche Fortschritte.« Ich starrte sie weiterhin an. »Aber ich erfuhr es auch erst seit Kurzem. Ich hatte eine Vermutung, aber erst durch Mell wurde mir klar, dass er nur mein Blut gebraucht hatte. Deshalb entführte er mich.«

»Wie können wir ihn töten?«

Sie blickte zur Decke und schloss kurzzeitig ihre Augen, bis sie wieder mich anblickte. »Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Selbst wenn ich sein Herz durchstoße, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, dass er tot ist.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Nun, das Herz eines Basilisken liegt eher mittig des Körpers. Deshalb könnte es sein, dass er ein zweites besitzt.«

Ich musste kurz grinsen. »Willst du damit sagen, dass er mutiert ist?«

»Das ist meine Vermutung, denn wenn so viele Rassen einen Körper besitzen, was für ein Wesen ergibt sich daraus?«

Ich überlegte. War es denn möglich, dass sich eine Geschichte widerspiegelte, die es damals schon einmal gegeben hatte? Dieses Spiel kam mir so bekannt vor, jemand hatte sie mir einmal erzählt. Es ging auch um einen Herrscher, der eine streng nach innen gerichtete Politik anstrebte. Dabei ging es auch um einen Gott, den dieser Herrscher am meisten verehrte, aber mir viel kein Name ein. Außerdem errichtete er eine Stadt zu Ehren dieses Gottes. Verflucht noch mal! Was war das für eine Geschichte?

»Jaiden?«, entriss Jolina mich aus meinen Gedanken. »Über was denkst du nach?«

»Ich habe diese Art von Geschichte schon einmal gehört. Allerdings war sie uralt.«

Jolina konnte mir nicht folgen. »Eine Geschichte? Sprichst du von einer Revolution? Natürlich, da gab es die flämische, istriensche, industrielle,…«

»Nein, es war etwas noch Älteres.«

»Zu Zeiten vor oder nach dem Meteoritensturz?«

»Vor.«

Jolina blieb ebenfalls überlegend stehen. Vielleicht verfolgte Pierre genau dieselbe Geschichte.

Unerwartet ging Jolina die Treppe hinunter und verließ die Hütte. Wohin wollte sie? Ich lief ihr nach und die anderen folgten uns.

»Hey Leute! Wohin?«, rief Ethan.

Jolina entnahm etwas aus ihrer Jacke. Es war ebenfalls ein Teleporter. Woher hatte sie den? Eigentlich waren die Exemplare verboten. Selbst dieses Instrument hatte die Regierung sperren lassen. Denn wenn Diebe, Mörder oder Straftäter solch ein Ding in die Hände bekamen, brauchten sie bloß gewisse Koordinaten einzugeben, um zu ihrem Ziel zu gelangen. Zu dieser Zeit gab es sehr viele Polizei- und sogar Militäreinsätze.

Erst als sie den Teleporter aktivierte, wusste ich, dass sie ohne uns verschwinden wollte. Doch sie würde mich kein zweites Mal zurücklassen. In letzter Sekunde, bevor Jolina vor meinen Augen verschwand, konnte ich den Teleporter ergreifen und bemerkte wie durch mein Körper ein Kribbeln rauschte. Es fühlte sich so an, als ob ein starker Wind dagegen drückte, auch wenn alles im ersten Moment schwarz war.

Wahrheitsgerecht

 

Jolina

 

Als der Teleporter uns zu meinem gewünschten Zielort gebracht hatte, war mir sofort klar, dass sich niemand mehr hier befand. Es war die größte Bibliothek Maggons. Allerdings war Jaiden nicht eingeplant, doch er hatte sich in letzter Sekunde an meinen Teleporter gehangen. Durch seine vorherige Vermutung konnte mein Plan sowieso nicht in die Tat umgesetzt werden. Jaiden wusste anscheinend wirklich was Pierre vorhatte.

Eigentlich wollte ich Jaiden schützen, aber mir blieb keine andere Wahl, wenn ich Pierre zur Strecke bringen wollte. Vielleicht gelang es mir Jaiden mit dieser einen Person nicht zu konfrontieren. Aber er würde nicht von meiner Seite weichen, ebenso wie ich es wollte.

»Oh, du wolltest also die Geschichte selbst in die Hand nehmen?«, fauchte er. Ich schwieg wieder und konzentrierte mich auf meine Suche.

Schließlich teilten wir uns in dem riesigen Raum auf. Die Bibliothek war wie eine quadratische Spirale aufgebaut. Es gab davon sechs Ebenen. An jeder Wand standen Regale und jedes davon war mit Büchern belegt. Es hätten Milliarden sein können.

Jaiden stieg die Holztreppen hinauf und ich suchte nach der richtigen Kategorie. Er wusste wonach er suchte. Mein Ziel war ein Forscherbuch zu finden, worin eine ausführliche Beschreibung über den Meteoritensturz geschrieben stand.

»Irgendwelche Tipps?«, rief ich in den Raum, erhielt jedoch keine Antwort. Jaiden war wütend. Vermutlich schwieg er, damit unser Gespräch nicht in einem Streit endete. »Du verstehst das nicht …«

»Stimmt! Ich verstehe gar nichts!«, schrie er und seine Stimme kam aus den Regalen in der ersten Ebene. Ich musste mit ihm reden, sonst konnten wir nicht zusammenarbeiten. Außerdem verspürte ich einen Druck in meiner Brust. Ich wollte nie, dass wir stritten.

Ich stieg die Stufen hinauf und suchte ihn zwischen den Regalen. Wo war er denn hingegangen? Gerade eben hatte ich noch seine Stimme gehört.

»Du suchst deine Geschichte, ich meine«, erklang es aus der zweiten Ebene. Er musste hoch gesprintet sein. Ob er seit dem letzten Mal schneller geworden war?

»Wir müssen aber jetzt zusammenarbeiten.«

»Ist das deine einzige Sorge?« So wütend hatte ich ihn noch nie erlebt. Davor gab es immer ein wir, aber ihn musste es stärker verletzt haben, als ich anfangs dachte. Wenn ich ihn in meinen Plan eingeweiht hätte, müsste er ihm begegnen. Jaiden hätte nicht den Mut gehabt ihn zu töten, dessen war ich mir zu hundert Prozent sicher.

»Jaiden bitte! Ich möchte mit dir nicht streiten. Komm zu mir herunter.« Meine Augen streiften den Raum, aber er war nirgendwo aufzufinden. Versteckte er sich etwa?

»Also schön«, ertönte es neben mir. Durch den Schrecken zuckte ich kurz zusammen. »Sagst du mir jetzt wer die unbekannte Person ist?«

»Wenn ich es nicht tue, wirst du nicht mit mir zusammen arbeiten und immer noch wütend sein, richtig?« Er stellte sich vor mich und verschränkte die Arme vor der Brust. Geduldig blickte er zu mir. Seine hellblauen Augen hätten mich beinahe wieder schwach werden lassen. Deshalb senkte ich den Kopf, um auf den Boden zu schielen.

»Sag es mir und ich werde dich zu dem richtigen Buch führen.«

»Du hast es gefunden?«, fragte ich erfreut. Das ging aber schnell. Vielleicht war ihm die Geschichte wieder eingefallen.

Er nickte bestätigend.

»Ich weiß nicht, ob du es im ersten Moment glauben kannst. Es ist jemand, der dir einmal sehr nahe stand, dich jedoch anschließend im Stich gelassen hatte. Er war verwandt mit dir.«

In seinen Augen konnte man genau ablesen, dass er scharf nachdachte, wer es sein könnte. Irgendwann kam er vermutlich auf die Person, wollte es – wie vermutet – nicht glauben.

»Er ist tot.«

»Ich habe ihn mit meinen eigenen Augen gesehen, Jaiden. Weißt du, was er zu mir sagte?« Er zog seine Augenbrauen zusammen. »Er würde sich auf das nächste Wiedersehen freuen. Doch du sollst dich in Acht nehmen.«

Er lachte auf, vermutlich um seine Wut zu überspielen. »Ja, klingt nach ihm.« Er lief zwischen den Regalen her und blieb anschließend vor einer Reihe Bücher stehen. Dort entnahm er ein dunkles Buch mit Ledereinband. Ohne ein Wort zu sagen drückte er es mir in die Hand und lief an mir vorbei.

Ich warf einen kurzen Blick darauf: Die Geschichte des Ursprungs. Das Buch musste schon älter als fünfzig Jahre sein. Also schrieb der Autor es vor dem Krieg.

Meine Wissbegierde war unaufhaltsam, da ich endlich meinem Plan ein Stück näher kommen wollte. Doch ohne Jaiden wollte ich das Buch nicht lesen. Für ihn musste es ein Loch in der Brust gewesen sein, zu erfahren, dass er so von seiner Familie enttäuscht wurde. Ich konnte mich noch gut an die Tage erinnern, an denen ich mich fremd fühlte. Vermutlich besaß Jaiden diese Leere beinahe jeden Tag. Er hatte sie nur die ganze Zeit über verdrängt.

Als ich zwischen den Regalen hervortauchte, war er erneut verschwunden. »Jaiden? Warte bitte!« Es kam keine Antwort zurück, was ich mir gedacht hatte. »Ich will es mit dir zusammen lesen.«

Wieder nichts. Schließlich fasste ich den Entschluss Jaiden solange zu suchen, bis ich ihn endlich gefunden hatte. Zuerst suchte ich unten, dann sprintete ich von Ebene zu Ebene. Doch selbst in den Nebenräumen und Zwischenräumen war nichts aufzufinden. »Jaiden?« Warum antwortete er mir nicht? War er immer noch wütend? Ich wusste, dass dies passieren würde, wenn er die Wahrheit erfuhr. Jetzt bereute ich meine Entscheidung.

Als ich in der sechste Etage nach ihm suchte, hörte ich ein leises Rumsen an der Wand. Mein Blick verfolgte das Geräusch und mir wurde klar, dass sich Jaiden im Überwachungsraum befand. Dort war die ganze Technik untergebracht. Von dort aus steuerte man Lampen, Türen, Wasserleitungen und noch viele andere Sachen.

Ich brauchte keine zwei Sekunden bis ich die Tür vorsichtig aufmachte und hineinschaute. Es war dunkel im Zimmer. Durch die Scheibe, wodurch man einen kompletten Ausblick auf die Bibliothek hatte, schien etwas Licht hinein. Jaiden saß auf Boden, hatte die Beine angewinkelt und blickte zu mir. Er brauchte mich jetzt. Auch wenn ich das Gefühl die ganze Zeit unterdrückt hatte, verspürte ich eine unendliche Sehnsucht nach ihm.

Hinter mir verschloss ich die Tür und ließ mich mit einem kleinen Plumps neben ihn fallen. Er starrte noch immer geradeaus. Jaiden weinte zwar nicht, aber die Trauer spiegelte sich in seinem ganzen Gesicht wider. Ich wusste, er war jemand der gerne allein sein mochte, wenn ihn etwas bedrückte, aber nichts würde ihn mehr aufmuntern, als meine Anwesenheit. In dieser Hinsicht waren wir uns beide sehr ähnlich.

Ohne ihn zu fragen oder ihn darauf hinzuweisen, nahm ich seine Hand und verschränkte die Finger mit meinen. Ich behielt sie in seinem Schoß. Meinen Kopf legte ich auf seine Schulter und veränderte meine Sitzposition. Mit dem freien Arm klammerte ich mich an ihn.

Es war lange her, dass ich und Jaiden uns so nahe waren. Die drei Monate plus die restlichen Wochen waren Höllenqualen. Wir hatten nie wirklich eine freie Minute miteinander gehabt, nur kurze Momente, die schnell vergingen. Als ich gestern in seinem Bett lag und wir uns umarmt hatten, glaubte ich für einen Bruchteil einer Sekunde, dass wir endlich Ruhe hatten. Doch der Gedanke an Pierre holte mich wieder in die Realität zurück. Wahrscheinlich war dieser Teil ebenfalls ein Sekundenmoment, den ich im vollen Zuge genoss.

Möglichweise mochte mein Erscheinungsbild keine Gefühle ausdrücken, doch das würde sich bessern. Nur durch den Umstand und die Angst den Kampf verlieren zu können, bekam ich in der Nacht keinen Schlaf und glaubte, dass jede Minute kostbar sei. Die Zeit war mein täglicher Begleiter geworden.

»Ich verstehe das nicht … Ich habe gesehen, wie ihn die Regierung geschnappt hatte. Er sollte tot sein«, flüsterte er in einem schwachen Ton, als ob er nicht mehr genügend Kraft besäße.

»Ich hätte es dir nicht sagen sollen«, bereute ich.

Jaiden drehte sich mit dem Oberkörper zu mir, löste unsere verschränkten Finger und schlang seine Arme um mich. Dabei zog er mich auf seinen Schoß. Ich winkelte dabei meine Beine an.

»Du kannst nichts dafür.«

Meine Hand glitt zu seiner Wange. »Wenn ich gewusst hätte, was es in dir auslöst, dann hätte nicht einmal irgendeine Andeutung gemacht.«

»Dich trifft keine Schuld. Dieses Situation habe ich mir selbst zuzuschreiben.« Er warf mir ein knappes Lächeln zu. »Außerdem ist es nur mein Vater.« Jedenfalls hatte er meinen Hinweis richtig erraten. Ich wusste zwar, dass seine Mutter von Pierre in der Sonne verbrannt wurde, aber keiner hatte Beweise dafür. Warum sollte sie auch nicht noch am Leben sein? Schließlich fand mich Cassandra ebenfalls. Damals dachte ich auch, dass es sie längst nicht mehr gab.

»Ja, aber er war auch einmal ein Teil in deinem Leben.«

»Er hatte mich auf die Straße geworfen und mich Bastard genannt. Solch einen Mann kann man nicht Vater nennen.«

»Vielleicht waren ihm die Nerven durchgegangen oder er wurde erpresst. Das wäre doch eine plausible Erklärung für sein Verhalten, findest du nicht?« Meine Aufmunterung war schwerer als ich dachte.

»Er war Alkoholiker. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er mich für Geld rausgeschmissen hatte. Außerdem besaß er nie etwas in der Tasche. Das wäre die einmalige Gelegenheit gewesen. Außerdem wäre er eine weitere Last losgeworden.«

Mir gingen langsam die Ideen aus und egal was ich sagte, er drehte den Spieß jedes Mal um. Meine positiven Argumente verwandelte er einfach in negative. Es war praktisch unmöglich ihn davon zu überzeugen, dass sein Vater ihn auch einmal geliebt hatte.

»Jetzt hast du doch mich«, warf ich einfach ein. »Ich bin für dich da.« Ich kraulte ihn im Nacken und legte meine Stirn auf seine. »Wir ziehen das gemeinsam durch, in Ordnung?«

Ich zog das Buch vom Boden an mich und hielt es ihm vor die Brust. Er lächelte wieder. »Also gut, aber wir schauen es uns morgen an, in Ordnung? Am besten wir teleportieren uns nach Hause und legen uns hin, okay?«

»Okay.«

Ich erhob mich und Jaiden sauste bereits zur Tür. Er verschwand aus meinem Blickfeld und ich sprintete die sechs Ebenen hinunter. Allerdings war der Teleporter weg. Als ich ankam, suchten wir ihn. Keiner hatte ihn bei sich getragen. Dummerweise ließ ich ihn auf dem Stuhl im Foyer liegen. Doch dort war er verschwunden. Vielleicht hätte ich ihn besser ausschalten sollen.

Als ich im ersten Stock nachschaute, versuchte Jaiden einen Ausweg in der Bibliothek zu finden. Doch die Türen waren alle fest verschlossen. Wir saßen fest.

»Die Bibliothek öffnet erst ab sechs Uhr früh.« Ich schaute auf meine Armbanduhr. Bis dahin waren es noch gute acht Stunden. Wenn es sein musste, schliefe ich auch zwischen den Regalen.

»Wir hätten uns in eine Pension teleportieren sollen«, scherzte ich und seufzte.

»Vielleicht finden wir ja noch Platz im Entspannungsraum.«

»Hoffentlich«, seufzte ich erschöpft und wir flitzten nochmals nach oben. In der sechsten Etage, im selben Gang, wo sich auch die Tür zum Überwachungsraum befand, gab es auch die Entspannungsräume. Als wir einen von ihnen betraten, erblickte ich weiße, weiche Betten, die eher wie langgestreckte Sofas aussahen. Ein kleines Fenster ließ das Mondlicht hineinscheinen.

»Das sollte genügen.«

Jaiden lief kurz in den nächsten Raum hinein. Als er wiederkam hielt er zwei dünne Wolldecken in der Hand. Eine war rot, die andere dunkelblau. »Mehr gibt’s nicht.«

»Wir frieren doch sowieso nicht.«

»Aber es ist angenehmer, wenn wir eine Decke über uns ziehen, oder?«

Ich grinste und zog meine Schuhe aus. Mit einem Seufzer ließ ich mich auf das breite Sofa fallen und schloss meine Augen. Ich hatte letzte Nacht nur zwei Stunden geschlafen. Es war zwar in meinem alten Zimmer bei Papa in der Wohnung, aber unwohl fühlte ich mich dennoch. Jaiden war einfach nicht bei mir.

Er legte die Decke über mich aus und gesellte sich zu mir. Seine Hand lag an meinem Bauch und der andere Arm glitt unter meinen Kopf. Er küsste mich kurz am Nacken.

»Ich habe es vermisst«, flüsterte ich und drehte mich zu ihm um. Seine hellblauen Augen lösten ein Kribbeln in mir aus.

»Was? Mich oder meine Küsse?«

Ich kicherte leise. »Beides.«

Er strich mir eine Strähne hinter das Ohr und fuhr mit dem Daumen sanft über meine Wange. »Weißt du eigentlich wie wunderschön du bist?« Meine unterschiedlichen Augenpaare schienen sich in ihrer Farbe deutlich zu unterscheiden. Außerdem wurden meine Wangen ganz warm.

Ich lächelte ihm zu. Er legte seine Hand in meinen Nacken, um mich näher an sich heranziehen zu können. Als unsere Lippen sich trafen, schoss ein Funke wie ein Blitzeinschlag durch meine Adern. Gänsehaut machte sich auf mir breit. Für einen einzigen Moment vergaß ich alles um mich herum. Meine Sorgen versuchte ich beiseite zu legen, aber durch die immer heftiger werdenden Küsse war es ein leichtes Spiel sie zu vergessen. Sogar diesen, wenn auch unbequemen Ort empfand ich als angenehm. All diese Gefühle entstanden nur durch seine Anwesenheit und die Zärtlichkeit, die er mir gab. Es ging so unbewusst und schnell, dass ich sah wie sich unsere Kleidungsstücke langsam aber sich am Boden ansammelten.

Kein Moment hätte kostbarer sein können.

Kristall

Ich wachte als Erstes auf und zog mir schnell die Kleider an. Jaiden schien noch zu schlafen. Vermutlich musste er in den letzten Wochen genauso viel durchmachen wie ich. Doch in dieser Situation richtig einschlafen zu können, wäre vermutlich ein Fehler, sowie eine Unmöglichkeit. Die Angst lag mir dafür zu sehr im Nacken.

Ich schnappte mir das Buch und lief damit zur Treppe auf der sechsten Ebene. Dort setzte ich mich auf die erste Stufe und konnte gleichzeitig aufpassen, wann jemand die Bibliothek betrat. Als ich auf die Uhr blickte, wurde mir klar, dass es noch zwei Stunden dauern würde, bis es überhaupt draußen hell werden würde.

Der Einband des Buches war sehr alt und ich konnte das Geheimnis darin förmlich spüren. Voller Neugierde öffnete ich es und las mir die ersten Zeilen durch. Es war eine uralte Geschichte, die kurz nach dem Meteoritensturz geschrieben worden war.

Es würde Stunden dauern das Buch zu studieren, aber dafür musste ich mir Zeit nehmen. Wenn ich die wesentlichen Dinge kannte, war es ein leichtes Spiel den Grundriss von Pierres Plan zu erraten.

Die ersten Seiten handelten tatsächlich zu den Zeiten der Ägypter. Es wurde die Pharaonen angesprochen und deren Gottheiten. Im nächsten Kapitel handelte es sich um die Römer und anschließend um die Germanen. Deutlich wurde hier das Übernatürliche. Es gab eine Zeit, wo alle drei Streitkräfte gegeneinander kämpften. Das Schlachtfeld war das heutige Waldlicht. Der Krieg zwischen ihnen dauerte Jahre an und allmählich gingen ihnen die Soldaten aus. Die Ägypter schienen im Nachteil zu sein und letztendlich wurde der Pharao durch einen mächtigen Speerhieb getötet.

Meine Augen flogen förmlich über die Zeilen. Termanus, der Anführer der Römerstreitmacht, kämpfte gegen den germanischen Kriegsherrn Odaphas. Ihre Schwerter durchschnitten ihre Haut, ihr Hass war eine unersetzbare Kraft und doch konnte nur einer diesen Krieg gewinnen. Odaphas blieb hart, vergaß den Anblick seines in Blut getränkten Körpers und versuchte den unerträglichen Schmerz in Hass zu verwandeln, der ihn weiterhin auf den Beinen hielt.

Doch Termanus‘ Kraft versagte mit jedem Hieb mehr. Er konnte die Erschöpfung spüren und wusste, dass es bald ein Ende hatte. Schließlich fiel Termanus‘ Schwert aus der Hand, denn sein Gelenk wurde durch Odaphas‘ Fußtritt gebrochen. Er stolperte über eine Leiche seiner Kameraden und der germanische Kriegsherr hielt ihm die Spitze unter sein Kinn. Ohne zu zögern schnitt er ihm den Kopf ab.

Doch der Sieg galt nur ihm. Denn all Odaphas‘ Männer lagen zerschmettert, leblos und geteilt auf dem Boden. Ihre leeren Augen starrten gen Himmel, voller Hoffnung von ihren Göttern empfangen zu werden. Sein Blick schweifte zu dem Pharao, der niemals zurückkehren würde, um seiner Frau und den Kinder von der glorreichen Geschichte des Drei-Königskrieges zu erzählen. Auch Termanus‘ Augen waren noch auf seinen Feind gerichtet und schienen ihn sogar noch nach dem Tod verfolgen zu wollen.

Er wandte den Blick über das Schlachtfeld, wo er nur Sand und endlose Weite sah. Die Körner verdeckten bereits längst tote Körper und Speere, Schwerter, sowie Dolche steckten im Boden.

Dieser Krieg hatte zwar einen Sieger, aber wer überbrachte die Botschaft dem König der Germanen? Odaphas schaute an sich herab und konnte den unerträglichen Schmerz spüren. Das Blut tropfte auf den Sand und eine Böe ließ den Fleck durch die fliegenden Körnchen überdecken. Er spürte die Wut in sich. Warum empfand er keinen Stolz? Weshalb sah er in die Augen seines letzten Feindes und wusste, dass es Mitleid war, das ihn überkam. Dieser Krieg war sinnlos gewesen. Unzählige Opfer mussten sterben, nur damit ihr Volk den Besitz dieses nun Totenschlachtfeldes übergeben bekam.

Odaphas schlenderte mit letzter Kraft zu dem Pharao hinüber. Er wusste seinen Namen nicht, aber beide hatten dasselbe Ziel verfolgt. Beide hassten und schlugen sich bis auf den Tod nieder. Eine einzige Träne fiel auf den leblosen Körper des Königs und Odaphas bereute.

Auf de Feld suchte er nach restlichem Holz und baute ein Bett. Es dauerte beinahe den ganzen Tag, bis er das alles für die Bestattung vorbereitet hatte. Schließlich baute er ein drittes Bett. Jedes davon sah gleich aus. Er konnte durch die Sonne und die entsetzliche Hitze eine Fackel zum brennen bringen.

Schließlich trug er ihre Körper auf eines der Betten und legte seinen eigenen auf das in der Mitte. Er zündete das Rechte und das Linke an, sodass er sich mitten im Feuer befand. Die Reue war so groß geworden, dass er das gleiche Leid, wie der ihrer Feinde, ertragen wollte. Das Feuer sollte sich bis auf seine Knochen durchbrennen, bis nichts mehr davon übrig war.

Seine Augen richtete er gen Himmel und hoffte damit, dass sein Gott ihm verzeihen möge. Doch es passierte etwas völlig Unerwartetes. Ein großer dunkler Schatten verdeckte seine Sicht auf das Blau. Er wurde immer größer und traf mit enormer Kraft auf das Schlachtfeld.

Er hätte sterben können, doch der schwarze Stein war besonders. Odaphas veränderte sich. Er kroch unter dem Dunkel hervor und konnte sich nur noch wenige Züge weit schleifen. Letztendlich glaubte er sterben zu müssen. Er spürte wie seine Kraft versagte, doch stattdessen hatte ein Dämon von ihm Besitz ergriffen. Er schrie laut auf als es in seinem Körper brannte. Zugleich kühlte die Luft ihn trotz der Sonne. Er konnte zwei Herzen gleichzeitig schlagen hören und aus seinen Schultern wollte etwas Diabolisches entfliehen. Der Druck wurde zu stark, die großen Schmerzen wurde selbst durch sein Schrein nicht gemildert.

Odaphas erhob sich vom Boden, bemerkte wie klein das Schlachtfeld geworden war. Der dunkle Stein war nur noch halb so groß. Seine Empfindungen schienen zu schwinden. Der Schmerz hatte längst nachgelassen und etwas anderes kontrollierte seinen Geist.

 

Ich sage euch, ich sah ein Biest!

Groß, unmenschlich und gar voller Rache,

so wie es sich in den Büchern liest!

Die Hände wie scharfe Klauen,

der Körper furchtbar entstellt,

die bestialischen Augen lauern,

und er tötete wie es ihm gefällt.

 

Mir wurde schnell klar, dass eine Seite fehlte. Als mir dies bewusst wurde, warf ich wutentbrannt das Buch die restlichen Stufen hinunter. Das Exemplar war wohl das Original gewesen und jemand, den die Geschichte interessierte, legte sehr viel wert darauf, dass niemand weiterhin davon erfuhr. Dazu fiel mir nur ein Name ein: Pierre.

»Hast du etwas gefunden?«, fragte Jaiden plötzlich, aber ich schreckte nicht zurück, da ich ihn schon vor wenigen Sekunden bemerkt hatte.

»Allerdings. Ich habe eine Vermutung.«

»Schieß los!«

Gerade setzte ich zum nächsten Satz an, als die Tür unten im Erdgeschoss aufgeschlagen wurde. Der Knall ertönte durch die ganze Halle.

»Wir müssen sofort verschwinden. Nimm das Buch mit!«

Ich sprintete die Treppen hinunter und klemmte das Buch unter meinen Arm. Unauffällig folgte ich Jaiden und wir konnten uns am Bibliothekar vorbeischleichen.

 

Im Regierungsgebäude studierte auch Jaiden den Inhalt und es kehrten viele Erinnerungen zurück. Ausgerechnet an den letzten Teil konnte er sich nicht erinnern.

»Tut mir wirklich Leid«, sagte er traurig. Es war nicht seine Schuld. »Wenn du meine Meinung hören willst: Pierre wird sich in eine abscheuliche Bestie verwandeln, die vermutlich so groß wie ein Wolkenkratzer und alle Regionen zerstören.«

»Daran habe ich auch gedacht!«, sagte ich und wir mussten recht behalten. Irgendjemand musste diese Geschichte kennen, aber wie kamen wir an denjenigen heran?

 

»Bitte, Christian!«, flehte ich und faltete meine Hände zusammen. Er saß lässig in seinem Stuhl und verschränkte die Arme vor seiner Brust.

»Nein! Cassandra wird mich umbringen!«, strotzte er.

»Es ist die einzige Möglichkeit Pierre aufzuhalten. Außerdem habe ich sehr viel in den Wochen gelernt und werde nicht allein aufbrechen. Bitte!«

Er seufzte. »Aber nur wenn du deine Mutter darüber informierst. Wenn dir etwas passiert, dann gebe ich mir für deinen Tod die Schuld.«

Ich seufzte entnervt und verschränkte die Arme vor meiner Brust. »Ich werde es meiner Mutter sagen, aber-« Er hob beide Augenbrauen. »-nachdem ich zurückgekehrt bin.«

Christian lachte absurd. »Vergiss es!«

Ich schüttelte den Kopf und strich eine Strähne hinter mein Ohr. »Wie du willst, dann breche ich eben ohne die Einwilligung meiner Mutter auf.«

»Dann viel Spaß beim Laufen«, sagte er zischend und schüttelte den Kopf.

Wutentbrannt verließ ich sein Büro und hatte keine andere Wahl, als meine Mutter in Kenntnis zu setzen. Sie begegnete mir reinzufällig auf den Weg. »Jolina, was ist passiert?« Meine Wut musste ihr nicht entgangen sein.

»Hör zu, Mom!« Sie spitzte aufmerksam die Ohren. »Ich werde mit Jaiden und Mell nach Istrien fliegen.«

»Was?«, schrie sie entsetzt auf und ich wich einen Schritt zurück, bevor sie meinen Arm schnappen konnte.

»Halte mich bitte nicht auf. Ich brauche Klarheit und die finde ich nur dort.«

»Was hast du vor, junge Dame?« Ich wusste, dass meine Mutter nur selten misstrauisch und wütend war, aber in diesem Moment schien die Wut förmlich in ihr zu brennen. »Ich werde dich kein zweites Mal in die Klauen dieses Monsters laufen lassen.«

»Es geht hierbei, um viel mehr als nur um uns und mich. Pierre ist dabei, ein wirkliches Monstrum zu werden, eine riesige Bestie«, erläuterte ich ihr und sie sog scharf die Luft ein.

»Du denkst dabei an diese Legende?« Ich nickte sicher. »Dann bedeutet das, dass uns nicht viel Zeit bleibt.«

Sie nahm meinen Arm und zog mich in die vorhergesehene Richtung. Während unserem Weg erzählte ich ihr alles, was ich und Jaiden herausgefunden hatten. Sie war vollkommen fassungslos zum Schluss und war letztendlich gleicher Meinung wie ich. Aber sie hatte eine andere Idee, sie wollte eine kleine Truppe aus Kriegern zusammenstellen, sodass wir gemeinsam nach Istrien flogen.

Nach einigen Stunden hatten sich auf dem Regierungsdach alle erdenklichen Phynes und Vollblüter versammelt. Jaiden, Victoria, Elena, Zero, Mom, Christian, Kyla, Ethan, Leon, Robin, Cailan, Mell, Zac und sogar Jeffrey.

Ich war vollkommen sprachlos, dass sie sich alle bereit erklärten für Maggon zu kämpfen. Selbst ich hatte keinen anderen Wunsch, als Pierre ein Ende zu bereiten. Sie wollten diesen sinnlosen Krieg beenden, bevor er überhaupt beginnen konnte.

Wir stiegen zusammen in ein Flugzeug und überlegten uns während der Fahrt einen Plan. Ich brauchte die fehlende Seite aus dem Buch, um die ganze Wahrheit von Pierre zu kommen. Er wollte nicht nur Macht, sondern auch die anderen vier Regionen auslöschen. Er wollte … Tja, dass musste ich noch herausfinden, auch wenn die Grübelei mich noch umbrachte.

Cassandra stand nach gefühlten vier Stunden von ihrem Sitz auf und starrte auf die gesamten Reihen. Anscheinend wollte sie noch eine Rede halten. Wir schauten sie aufmerksam an.

»Ich habe eine Idee. Wir teilen uns in Teams auf.« Als hätte ich es nicht geahnt! Sie zeigte auf Ethan, Kyla und Zac. Team 1. »Ihr Drei werdet versuchen durch den Geheimgang in das Kristallschloss zu gelangen. »Ich, Christian und Melodie werden frontal angreifen, sodass wir die Aufmerksamkeit auf uns ziehen.« Team 2. Sie wies auf meine ehemaligen Trainingspartner. »Leon, Robin und Cailan ihr werdet Team 1 folgen. Wenn ihr drinnen seid begebt euch in die Bibliothek und fangt an nach der fehlenden Seite zu suchen. Damit seid ihr Team 3.«

»Und was machen wir, Ms. Pecelin?«, meldete sich Elena und schaute zu ihrer Rechten und Linken – Zero und Victoria. »Ihr werdet uns helfen ins Kristallschloss vorzudringen. »Team 4.« Sie tippte nervös auf ihr Kinn. »Unser Ziel ist zunächst Pierre ausfindig zu machen und ihn solange zu beschäftigen, bis Jaiden und Jolina herausgefunden haben, was für eine Macht hier im Spiel ist.«

»Äh, Mom?«, meldete ich mich und hob kurz die Hand. »Also sind Jaiden und ich Team 5?«

Sie nickte. »Jeffrey wird euch noch begleiten.« Ich schaute zur nächsten Seite hinüber, als dieser mich angrinste. Ich musste es erwidern.

»Wir versuchen uns im Gebäude zu treffen und Pierre zu umzingeln.« Sie schnippte mit dem Finger. »Wenn das Timing stimmt haben wir die Chance auf einen Sieg.«

»Eine Sache hast du vergessen, Cass«, meldete sich Christian wie üblich aus dem Stillen. Er schaute zu ihr auf. »Pierre ist nicht allein. Angela ist noch da und Odin könnte womöglich ebenfalls in Istrien sein.«

»Odin wird nicht kämpfen. Er ist zu stolz dafür.« Sie legte eine kleine Denkpause ein. »Aber du hast Recht, im Kristallschloss erwarten uns viele Feinde.«

Aus den Lautsprechern ertönte die Stimme des Piloten. »Nehmen Sie bitte alle Platz! Wir werden in fünfzehn Minuten landen!«

Cassandra schnallte sich in ihrem Sitz wieder an. Mein Herz pochte laut und meine Innenhandflächen begannen zu schwitzen.

Unwiderlegbarkeit

Team 2 lief mit Team 4 frontal auf das Schloss zu. In derselben Zeit folgten die rechtlichen Teams Mell und Zac. Sie waren die einzigen beiden, die eine Ahnung hatten, wie sie unbemerkt eindringen konnten.

In einer Gasse klopfte er gegen eine Tür. Stimmt, ich erinnerte mich. Anschließend flüsterte er etwas durch einen Schlitz und die Tür wurde geöffnet.

Wir liefen unbemerkt hinein und wurden durch ein paar Räume geführt, bis uns derjenige im Boden eine Falltür öffnete. Wir stiegen hinunter und ich erinnerte mich an den Geruch der nach Erde und altem Holz roch.

Jaiden und ich waren die Letzten der Kolonne und er nahm meine Hand in seine. Es tat irgendwie gut seine Nähe zu spüren. Es beruhigte mich ihn bei mir zu haben. Wir haben all die Wochen so viel kämpfen müssen. Die Regierung war ein harter Gegner. Allerdings hatten wir es so weit geschafft und ein Aufgeben käme für mich nicht in Frage. Ich wollte siegen, endlich Frieden in die Regionen bringen und mit Jaiden zusammen zu sein ohne Angst haben zu müssen dabei ein Verbrechen zu begehen. Wir hatten mehrmals unsere Treue bewiesen, hatten füreinander gekämpft und ich war stolz darauf, solch ein tolles Wesen an meiner Seite zu haben.

Ich drückte bei all diesen aufmunternden Gedanken seine Hand und merkte wie er kurz den Kopf zu mir wandte. Ich glaubte ein kleines Lächeln auf seinen Lippen erhascht zu haben, auch wenn die Taschenlampe in Zacs Hand kaum Licht spendete.

Schließlich drang Licht aus der Decke und eine Falltür wurde geöffnet. Eine Hand erschien aus dem Licht und Zac nahm sie entgegen. Als er oben angekommen war, ertönte Gelächter und freudige Begrüßungen. Anschließend sprang jeder mit einem Satz nach oben. Jaiden half mir beim Klettern und Zac zog mich aus dem Loch. Zuletzt unterstützten sie Jaiden, der sich nicht so drangestellt hatte wie ich.

Der erste Schritt war getan. Wir befanden uns im Kristallschloss. Zac erzählte den Plan seinen Kumpels und sie meinten, dass sie ihn unterstützen wollten. Es gab zwei Teams, dessen Ziel die Bibliothek war.

Phil war ein Meermensch-Drache. Er war sozusagen der ›Anführer‹ der gefangen Phynes. Dank ihm konnten wir ungestört Fluchtwege und Geheimgänge nutzen durch die er uns begleitete. Währenddessen gingen alle Phynes in Alarmbereitschaft und warteten auf unser Signal.

Die Bibliothek war schnell erreicht. Ethan, Kyla und Zac marschierten mit den anderen Phynes weiter zum Palastsaal. Dort hofften sie auf Pierre zu treffen, obwohl ich es bezweifelte. Hoffentlich hatte er uns nicht erwartet.

Team 3 lief mit uns – Team 5 – zu den vielen Büchern. Wir konnten von Glück reden, dass niemand die Bibliothek zurzeit besuchte. Es hatte sich nichts verändert, abgesehen davon, dass die Vorhänge offenstanden und nur sehr schwaches Licht ins Zimmer drang. Kerzen sorgten für eine helle Atmosphäre.

»Es könnte jedes Buch sein«, stellte ich fest, als ich meinen Blick durch den riesigen Raum schweifte. »Und außerdem muss die fehlende Seite nicht einmal hier sein.« Ein Seufzer verließ meine Lippen,

»Aber vielleicht gibt es noch ein Duplikat oder eine ähnliche Geschichte.«

Wir suchten minutenlang. Schließlich hatte ich das Gefühl seit Stunden in der Bibliothek zu sein. Wir hatten fast alle Bücher durch, doch unsere Hände waren leer.

»Ich sagte doch, dass es hier nicht zu finden ist«, ertönte Cailans Stimme und er schmiss empört ein Buch zurück ins Regal. »Was ist wenn Pierre es längst vernichtet hat oder es in seinem Geheimversteck liegt?« Er warf die Arme über den Kopf und fuhr sich angestrengt durch die Haare.

»Er hat recht, wandte Robin ein und verschränkte seine muskulösen Arme vor der Brust. Sein wolfähnliches Gesicht wirkte düster. »Ich denke eher, dass uns jemand eine Falle stellt. Wir sollten-«

»Oh!«, ertönte es in der Nähe des Eingangs der Bibliothek und eine mir bekannte Aura überschwemmte förmlich meine. Die Wellen überschlugen sich.

Angela stand mit einem kecken Lächeln in der Tür. Hinter ihr standen gute zwanzig Vampire. Sie strömten wie eine Horde Raubtiere in den Raum hinein und ich hängte mich an die anderen. Wir waren zu Sechst.

»Störe ich?«, erklang Angelas Stimme und ihre Wut war noch immer deutlich zu spüren. Sie wollte sich für Chamen rächen. »Übrigens-«, begann sie und zog aus ihrer Jeansjacke ein Stück Pergament. Das fehlende Stück! »-sucht ihr doch etwas, nicht?«

Ich ballte die Fäuste und Jaiden umschlang mein Handgelenk.

»Schnappt sie euch!«

Auf diesen Befehl strömten die zwanzig Vampire die Treppen hinauf und kamen immer näher. Ich spürte die Hitze in meinen Armen und das brennende Fieber, dass sich überall in meinen Glieder ausbreitete. Ich brauchte nur die Kleidung zu entfachen und die Vampire wären verloren. Denn das Feuer griff Eis förmlich an, als seien es zwei Magneten, die sich versuchten auf brutalste Weise zu bekämpfen.

Ich hob meine Hände und konnte dank Mells anstrengendem Training in den letzten Wochen Kraft einsetzen und kontrollieren. Schließlich entstanden die ersten Flammen auf der Schulter eines Vampirs. Er zappelte wild umher, doch bei dem nächsten Schuss entzündete ich seinen Bauch. Er schrie schmerzhaft auf und nach einer Weile zerbröselte der Körper zu grauer Asche.

Doch noch immer waren es zu viele und ich konzentrierte mich auf mehrere Hosen und Textilkleidung. Jaiden riss den Vampiren den Kopf ab und auch ihr Körper verwandelte sich zu Staub. Team 3 kämpfte zusammen und konnte ebenfalls einen nach dem anderen aufhalten.

Als sich eine Lücke zwischen den Vampiren bildete, ergriff ich die Gelegenheit und stürzte auf Angela zu. Die Schlange zischte, als wir auf dem Boden rutschten. Ihren Rücken hatte ich kraftvoll gegen den Boden gepresst und kratzte ihr mit meinen Dämonenpranken das Gesicht auf. Dickes Blut rann aus den Striemen und ich hatte ihre Schönheit entstellt. Meine Augen mussten sich rot gefärbt haben, denn meine Sicht hatte sich verbessert. Außerdem konnte ich eine rote Strähne im Auenwinkel sehen und meine Flügel kitzelten unter der Haut.

Angela trat mich mit ihren Füßen in den Bauch und ich flog meterweit von ihr. Hart landete ich auf den Fliesen und Benommenheit übermannte mich.

Als ihre zwei Beine wieder das Gleichgewicht fanden, kam sie auf mich zugelaufen. Das Blut war mittlerweile bis zu ihrem Kinn geflossen und tropfte nun auf den Boden. Ich sog scharf die Luft ein und erhob mich wackelnd.

Angela sprang auf mich zu und verwandelte sich in die riesige Schlange. Die drohenden Augen schauten mich gefährlich an. Die Kratzer in ihrem Gesicht hatten die widerstandsvollen Schuppen aus der Haut gerissen. Ihre Wunde musste schmerzhaft sein. Sie wollte gerade mit ihrem Schwanz nach mir schlagen, als ich in letzter Sekunde zur Seite sprang.

Das Zischen erklang sofort wieder und ich konnte nicht länger den Willen meiner Flügel unterdrücken. Das Shirt zerriss am Rücken und entblößte die schwarzen Federn. Ich trug nun ein Neoprenoberteil, das Wärme spendete und an den Schulterblättern Platz für meine Flügel ließ.

Bevor sie einen zweiten Versuch starten wollten, stand ich längst auf zwei Beinen und stürzte mich auf sie. Die dämonische Hitze in mir entfachte Flammen an den Pranken, die ihr gefährlich werden könnten. Angelas Schlangenpupillen beäugten die Waffe. Sie war sich siegessicher und gab ein Fauchen von sich. Dabei entblößte sie die giftigen Fänge, die meinen Tod hervorrufen könnten. Ich musste mich vor ihnen in Acht nehmen.

Als Angela nach vorne schnellte, wich ich geschickt ihrem Kopf aus und fuhr mit meinen Krallen an ihrer Basiliskenhaut vorbei. Ein grauenvoller Schrei rann aus ihrer Kehle und sogar die kämpfenden Vampire hielten für einen Moment inne. Ich konnte Jaidens Blick fühlen.

Angela drehte sich wieder zu mir und dieses Mal war ihr Kopf näher dem Boden als zuvor. Die zweite Wunde hatte sie geschwächt. Als riesige Schlange war sie einfach zu langsam. Sie versuchte wieder einfältig mit ihren Kopf auf mich zuzuschießen, doch ich wich ihr gekonnt aus. Natürlich war Angela nicht dumm. Denn gleichzeitig preschte ihr Schwanz über den Boden und ich flog rücklings auf den Boden. Mein Kopf schlug hart auf den Fliesen auf und ließ alle Wahrnehmungen wie berauscht wirken.

Ich konnte das Zischen in meinen Ohren hören, spürte wie die harten Schuppen auf dem Boden scharten und ein dunkler Schatten sich über mich beugte. Von einer Sekunde auf die andere wirbelte er vor meinen Augen, als ob er sich hastig bewegen würde und ich konnte die Umrisse eines Menschen wahrnehmen. Sie sagte etwas, dass ich angestrengt versuchte zu verstehen.

»-lina!«, ertönte es dumpf und ich merkte, dass meine Ohren betäubt waren und ein Piepen alles andere übertönte. Aus einem mir unerklärlichen Grund entstand Panik in meinem Körper. Adrenalin durchströmte mein Blut und ich glaubte jeden Moment sterben zu können, wenn ich nicht sofort reagierte. Eine Kraft verstärkte alle Sinne und ließ die Umwelt wahrnehmen. Angela stand vor mir, sie hatte ein Messer in der Hand und wollte im selben Moment auf mich einschlagen. Es war wie Feuer und Eis zugleich, dass meinen Körper unter Kontrolle nahm. Der Strom kribbelte und ließ meine Muskeln einschlafen. Doch dabei spürte ich ganz deutlich dass mich meine Flügel vom Boden abstießen und Hände, sowie Füße den Rest taten, um aufzustehen. Wie ein Blitz schoss ich auf Angela zu, noch bevor sie das Messer zu mir hinunterschleudern konnte.

Meine Hände hatten sich in ihren Brustkorb gebohrt und ein erstickender Schrei rann aus ihrer blutigen Kehle. Ein Rinnsal lief an ihrem Mundwinkel hinunter und ihre Augen waren träger geworden. Doch mein Körper machte weiter. Ich konnte noch immer keine Kontrolle übernehmen und wartete weiter ab, was als Nächstes passierte.

Die Füße stampften zielstrebig mit Angela in den Armen auf das Fenster zu und mit geballter Kraft stieß ich mich durch die Fensterscheibe. Die Splitter flogen mir klirrend entgegen. Stürmischer Schnee schoss auf meine Wangen und Beine. Ich empfand keine Kälte und meine Flügel breiteten sich zum Emporfliegen aus. Bevor Jaiden neben mir auftauchte, war ich längst aus dem Fenster gesprungen. Zuerst bemerkte ich die Anziehungskraft und den unaufhaltsamen Fall.

Doch bevor ich den Boden erreichen würde, fingen mich die schwarzen Flügel ab und brachten mich, sowie die verletzte Angela, auf ein Dach. Hoch oben auf der Spitze hatte ich den gesamten Überblick von Istrien.

Ich legte Angela auf eine flache Stelle und kniete mich zu ihr hinunter. Auf ihrem schwarzen Oberteil befanden sich ein nasser Fleck und die Löcher, die meine Pranken verursacht hatten. Genau in diesem Moment verging das fremde Gefühl in mir und ich hatte wieder die Kontrolle über mich gewonnen.

Angelas Lider fielen immer öfters zu, aber sie sagte kein Wort, sonder entnahm ein Stück Pergament aus ihrer Jeansjacke. Die glasigen Augen wurden irgendwann ruhiger und eine Schneeflocke setzte sich auf deren Apfel. Ihre Hand sank auf den Bauch und beinahe hätte der Wind das Pergament weggeweht, doch meine Finger waren schneller.

Es war das fehlende Stück des Buches, aber woher wusste sie, dass ich es gesucht hatte? Konnte man es sich aus dem Wissen zusammenreimen – da ich und die Jungs in der Bibliothek waren? Aber sie hatte es bereits in ihrer Jackentasche gehabt. Jedenfalls war es zu spät. Angela war tot. Und ich war ihr Henker gewesen.

Ich stieß mich zitternd von der Leiche ab und kroch rückwärts auf alle Vieren das Dach entlang, bis mindestens zwei Meter zwischen mir und Angela lagen. Ich blickte bebend auf meine rechte Hand und bemerkte das dunkelrote, fast schwarze Basilisikenblut. Panisch wusch ich es im Schnee ab und drehte meinen Rücken zu Angela.

Die stürmischen Schneeböen peitschten mir die Haare und Flocken ins Gesicht. Ich konnte kaum richtig lesen, ohne dass sie meine Sicht andauernd behinderten. Doch der wichtigste Teil war erkennbar.

 

Er war gigantisch, eine Bestie. Odaphas war im Körper des Riesen verschwunden, aber er konnte alles mit anhören. Sein Puls schlug heftiger denn je. Er schien lauter, als ein normales Herz zu klingen – davon hatte er nun zwei. Seine Haut bestand aus demselben harten Gestein wie der des dunklen Felsen, der vom Himmel hinabstürzte. Feuer, Kälte, Magie und Nässe durchströmten sein Körper gleichzeitig. Etwas anderes hatte Besitz von ihm ergriffen, eine Seele aus einem weitentfernten Ort. Sie sprach zu ihm sanft und wohltuend. So müde und naiv wie Odaphas war, ging er auf ihre flüsternden Worte ein. Plötzlich verschwand alles. Seine Empfindung verschwand, der Stolz, Gefühle und das Bedürfnis zu sterben.

Schließlich blieb nur der Hass zurück.

Das Monster wuchs weiter, bis sein Kopf in den wenigen Wolken verschwand. Ein Gewitter zog wie herbeigerufen auf und Regen fiel vom Himmel. Tobendes Gewitter ertönte zwischen den Wolken und das Monstrum schien die Blitze aufzusaugen. Magie und Kraft breitete sich auf dem gesamten Kontinent aus.

Da setzte es seine riesigen Klumpfüße in Bewegung und schritt in unglaublicher Geschwindigkeit nach vorne. Durch die enorme Größe war es der Bestie ein Leichtes die Städte und Dörfer zu erreichen.

Schreie ertönten in dieser Nacht, Tote bedeckten den Boden, Feuer loderte aus allen Ecken und die Hoffnung schien für diese Welt erloschen zu sein. Denn es gab nur einen Menschen der der das Ende der Welt verhindern konnte …

 

Der Autor dieser Geschichte verfasste eine surreale, aber auch …

 

Meine Augen zitterten. Dieses Monster … konnte es … ›Feuer, Kälte, Magie und Nässe durchströmten sein Körper gleichzeitig.‹ Es waren Elemente. Dämonen, Meermenschen, Vampire und Magier. Konnte es sein, dass dieses Monster alle Rassen ins sich trug? Das bedeutete, wenn meine Theorie stimmte, wollte Pierre … Oh Gott! ›Seine Empfindung verschwand, der Stolz, Gefühle und das Bedürfnis zu sterben.‹ Er würde den gesamten Kontinent zerstören. Pierre wollte nie Macht erlangen. Er wollte sich für all das Unrecht, dass ihm widerfahren war, rächen. Ihm wäre es egal, wenn damit alle Wesen ausgelöscht werden würden.

Zu dieser Erkenntnis regte sich etwas in dem dichten Sturm. Ein Schrei. Ich horchte angestrengt und versuchte den Standpunkt zu orten. Allerdings klang es eher nach einem wütenden Tier, dass sich gerade an seiner Beute zu schaffen machte. In der Ferne verdeckte der Schnee zu fiel und meine Sicht war ausgesprochen eingeschränkt.

Angela lag noch immer reglos im Weiß. Mittlerweile war ihr Körper mit tausenden Flocken bestreut worden. Mir lief ein Schauer über den Rücken ein Wesen getötet zu haben. Doch die Frau war genauso wahnsinnig gewesen, wie Pierre. Ihr Tod dienste nur der Sicherheit der Rassen. Trotzdem bildete sich ein furchtbar erdrückendes Gefühl in meiner Brust. Meine Pranken hatten ihr Herz durchbohrt, wie eine Bestie … Ich schluckte heftig und versuchte mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren.

Gerade wollte ich zum Abstoßen ansetzen, als das komplette Gebäude bebte. Die Vibration war so heftig, dass ich rücklings aufs Dach stürzte und nicht mehr aufstehen konnte. Schließlich ertönte dieser Schrei erneut, wie ein kreischender Adler, nur dunkler und finsterer. Ein Schauer glitt über meinen Rücken und ich Dächer begann zu reißen.

Ehe ich mich versah, wollte der Grund Angela verschlingen. Mit einem einzigen Sprung erhob ich mich in die Luft und schnappte mir ihre Hand. Ich segelte nach unten und legte sie auf den weniger bebenden, festen Boden. Anschließend schaute ich hinauf zum Kristallschloss. Die Dächer waren ineinander gefallen und Reste bröckelten von den Mauern.

Für einen Moment blieb die Welt still, als ich eine riesige, massige Faust aus den Dächern preschen sah. Die Konturen waren ähnlich wie die eines Golems. Auch die Haut war felsenartig, aber stark. Der Rest des Körpers entpuppte sich als steiniger Riese. Am Kopf befanden sich spiralförmige Hörner. Die Augen waren dunkel, leer. Der Mund enthüllte nichts anderes, als reines Gestein und Finsternis. Die schon dunklen Wolken am Himmel wirkten nun schwarz über seinem Kopf. Der Körper war eher schlank, als klobig. Die Füße zeigten sich als lange und schmale Pranken. Sie besaßen drei Zehen, sowie drei scharfe Krallen.

Es hatte mir beinahe dreißig Sekunden lang den Atem verschlagen und in dieser Zeit hatte ich nur mein Herz in meinen Ohren pochen gehört. Dieses Monstrum war Pierre. Offensichtlich musste er all seine Rassen gleichzeitig angewandt haben. Es war zu spät gewesen. Wie sollten wir solch einen Riesen aufhalten? Pierre konnte alles und jeden mit seiner Hand zerquetschen. Außerdem war er immun gegen jedes Element.

»Jolina!«, ertönte es hinter und ich drehte mich zu Jaiden um. Er hatte Pierre entdeckt und blieb wie angewurzelt stehen. Doch sein Ausdruck blieb kalt.

Ich hielt ihm das fehlende Pergament vor die Nase. »Er wird alles zerstören. Er hat sich die Genen der Rassen injiziert, damit er  sie alle gleichzeitig anwenden kann, um zu dem zu werden.« Ich deutete mit dem Finger auf das Scheusal am Himmel.

Aus seinem Rücken waren fledermausartige Flügel gewachsen mit denen er sich knapp über den Boden hob. Jaiden drückte mich gegen die Wand und schlang seine Arme schützend um mich, als Pierre eine heftige Böse verursachte, in der Zeit in der er vorbeiflog.

Ich löste mich sofort von ihm und schaute dem fliegenden Vieh nach. »Er will nach Maggon!«, schrie ich sofort und Jaiden schlug eine andere Richtung ein. »Wo willst du hin?«

»Cassandra und die anderen sind noch da drinnen!«

Ich sprintete mit ihm zum eingestürzten Tor und wir versuchten einen Eingang hinein zu finden. Aber wir stießen nur auf Trümmer. Sogar im Flug und aus anderen Perspektiven gab es kein Schlupfloch. Der Palast war eine einzige Ruine.

»Mom?«, schrie ich durch den starken Wind. »MOM!?«

Ich wollte mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn … sie … Tränen wollten über mein Gesicht laufen, aber ich hielt sie standhaft zurück. Meine Suche endete nicht zwischen dem Schnee und den Bruchstücken.

»Jolina!«, rief eine mir bekannte Stimme zu und ich folgte ihr. Cassandra, Ethan, Kyla, die Slumbande , Zac, Mell und Christian kamen als unversehrte Gruppe aus einem Schlupfloch. Ich flog zu meiner Mutter hinunter und nahm sie sehnsüchtig in den Arm. Sie erwiderte ihre Sorgen und strich sanft über meinen Kopf. Gleichzeitig zogen sich meine Flügel und die dämonischen Auffälligkeiten zurück.

»Geht es dir gut?«

Sie nickte merklich. »Aber Pierre war uns entkommen.«

»Wir wollten ihn gerade zur Strecke springen und dann hatte er angefangen sich zu verwandeln«, wandte Ethan ein und blickte auf die Trümmer.

Ich löste mich von meiner Mutter und Jaiden stellte sich zu mir. »Er will nach Maggon.«

Ethan gab einen verärgerten Laut von sich. »Und wir haben ihn in Istrien umbringen wollen.«

»Das war eine Falle. Pierre wollte uns alle hierher locken, damit er Maggon unvorbereitet angreifen kann. Bevor wir da sind, wird die ganze Stadt zerstört sein.«

Ich sog scharf die Luft ein. »Was können wir tun?«

Jeder senkte seinen Blick und niemand wusste eine Antwort darauf. Aber wir konnten Pierre nicht gewinnen lassen. Es musste irgendwie möglich sein, dieses Problem zu lösen.

»Ich habe es nicht gut genug geübt, aber es könnte uns ein paar Stunden verschaffen.« Ich blickte zu Jaiden, dessen Thema ich noch nicht ganz begriffen hatte. »Ich hatte vor vielen Jahren mein Final entdeckt.«

Unsere Augen wurden größer und Ethan zischte kurz. »Das wüsste ich.« Und ich auch.

»Ihr könnt es nicht wissen, weil es ziemlich eigenartig ist.«

»Spuck’s schon aus Jaiden!«, meldete sich Christian und verschränkte die Arme vor seine Brust.

»Ich kann die Zeit anhalten.«

Mir klappte der Mund auf und wir alle waren von der Tatsache schockiert. »Wieso hast du nie etwas gesagt?«, fragte ich fassungslos.

»Ich hielt mein Final für keinen guten Zweck und hatte es in all den Jahren aus meinen Gedanken verdrängt.«

»›Keinen guten Zweck?‹«, ertönte Ethans Stimme wieder und er schnaubte verächtlich.»Jaiden! Du. Kannst. Die. Zeit. Anhalten!«, betonte er jedes Wort absichtlich und schüttelte verständnislos den Kopf.

»Wie machst du das genau?«, fragte ich ihn und er seufzte.

»Es passiert meistens in Paniksituationen oder in Bedrängnis. Aber ich kann es auch steuern und könnte versuchen einen Radius bis nach Maggon zu erreichen.«

»Was? Weißt du wie weit das ist? Das wäre der halbe Kontinent!«, entgegnete Cassandra empört und schüttelte ihren Kopf. »Jaiden, dieser Aufgabe bist du nicht gewachsen. Du hast dein Final nicht einmal getestet, geschweige denn geübt.«

Er zog empört die Augenbrauen zusammen. »Ich könnte es wenigstens versuchen. Hier geht es um zahlreiche Leben!«

Ich seufzte. »Lasst es ihn versuchen.« Misstrauische Blicke beäugten mich und mein Magen zog sich krampfhaft zusammen. »Was für eine andere Wahl haben wir schon?«

Letztendlich stimmte jeder dem Vorschlag zu und wir liefen sofort zu unserem Flugzeug zurück. Dort angekommen erklärte Jaiden uns seinen Plan.

»Folgendes: Es gibt eine Möglichkeit euch der zeitlosen Kuppel zu entlasten.« So sollte ich mir die Zeit vorstellen? Uns würde eine Art Schleier einkesseln und uns praktisch in eine Art Trance versetzen, die wir selbst danach nicht merken würden. »Jemand von euch muss mich bewusstlos schlagen, erst dann wird Panik in mir ausgelöst und ich versetze mein Umfeld in diese Zeitlosigkeit.«

»Und wie willst du erreichen, dass wir davon nicht betroffen sind.«

Jaiden tippte gegen seine Schläfe. »Überlass das mir«, antwortete er sicher.

»Okay, dann will ich zuschlagen«, grinste Ethan und krempelte seine Ärmel nach oben. »Wie hast du es dir vorgestellt?«

»Eigentlich kurz und schmerzlos«, beteuerte Jaiden und zog seinen Augenbrauen nach oben.

»Alles klar«, sagte Ethan und schien sich sogar auf den Schlag zu freuen. Er trat auf Jaiden zu und dieser hob seinen Hände an.

»Ethan das soll keine Prügelei werden.«

»Keine Sorge, kurz und schmerzlos.«

Jaiden vertraute seinem Freund und blieb letztendlich bereitwillig stehen. Ethan holte aus und ich kniff die Augen zusammen. Ich konnte den dumpfen Schlag hören und schlug die Lider wieder auf. Jaiden lag tatsächlich bewusstlos am Boden und Ethan grinste. »Klappt immer wieder.«

»Ich hoffe für dich, dass du ihm nicht wehgetan hast.«

Ethan warf mir einen verwunderten Blick zu. »Vertraust du mir auch nicht?«

Kyla lächelte sanft und nickte mir bestätigend zu. Als ich Ethan näher betrachtete, wusste ich wieso er ihn so schnell ausschalten konnte. Sein Final hatte doch mit Schmerz und Kontrolle zu tun. Jedenfalls konnte ich mir gut vorstellen, dass Ethan sie eingesetzt hatte.

Wir hatten Jaiden auf einen Sitz gezogen und ich wiegte seinen Kopf auf meinen Schoß. Der Flug würde noch ein paar Stunden dauern.

Währenddessen strich ich ihm ein paar Strähnen von seiner Stirn. Er sah so friedlich aus, wenn er schlief. Das Tageslicht schien auf seine Marmorhaut und entblößte die Makellosigkeit. Ich strich meine Finger über seine Wange und wünschte, ich könnte die Kälte wieder wahrnehmen. Ich hatte sie nie an ihm gehasst.

Ich blickte zu Cassandra, die wie gebannt am kleinen Fenster stand und nur ein einziges, hauchendes Wort aus ihrer Kehle entblößte: Maggon.

Es naht ein Ende

Nach den unerträglichen Stunden des Wartens kamen wir endlich in Maggon an. Der Sonnenuntergang war nur noch ein Hauch und ich wusste, dass Pierre längst die Stadt erreicht haben musste. Das Flugzeug sank tiefer und wir konnten bereits Umrisse erkennen.

»Dort!«, rief Kyla und zeigte auf der anderen Seite aus dem Fenster. »Alle Gebäude sie sind … einfach … Staub.«

Ich wollte es erst gar nicht sehen. Hoffentlich ging es meinem Vater gut und wir konnten so viele Leben retten wie nur möglich. Cassandra erhob sich plötzlich vom Sitz und lief durch die Tür zum Laderaum. Ich bette Jaidens Kopf in den Sitz ein und folgte ihr. Sie wollte bereits aus dem Flugzeug springen.

»Warum sagst du nichts«, fragte ich sie und verschränkte meine Arme vor der Brust. »Ich komme natürlich mit dir.«

»Nein, Jolina, bleib bei Jaiden. Er braucht dich jetzt.«

Ich ballte meine Fäuste. »Du spinnst doch! Ich komme mit!«

Sie seufzte und antwortete mir nicht mehr. Sie drückte einen Knopf und die Ladefläche öffnete sich. Ein heftiger, zerrender Sturm drang in den Raum und ich musste die Hände vor mein Gesicht halten. Cassandra lief die Fläche hinunter und drehte sich noch ein letztes Mal zu mir um, ehe sie ohne Vorwarnung zum Ende hinunterlief und sprang.

Mein Puls erhöhte sich und ich fragte mich, ob ich nachfliegen sollte. Anderseits machte ich mir Sorgen um meine Stadt und wie es meinem Vater erging. Ich musste die Katastrophe mit eigenen Augen sehen.

Meine Augen huschten noch ein letztes Mal über die Sitze im Passagierraum. Kyla fiel auf, dass ich und Cassandra nicht mehr zurückkehrten und wollte nach dem Rechten schauen. Bevor sie mich auch noch aufhalten konnten, setzte ich zum Sprint an und stürzte mich in einem Köpper die Leitplanke hinunter. Im selben Moment hatte ich noch gehört, wie sich die Tür hinter mir geöffnet hatte.

Im freien Fall öffnete ich meine Flügel und sie fingen mich sanft wie ein Fallschirm. Zuerst befanden sich nur die Wolken vor meinen Augen, doch je tiefer ich fiel, desto mehr konnte ich sehen. Maggon war eine Ruine geworden. Pierre war nirgends zu finden und die Bruchstücke verwandelten sich zu Staub. Tränen rannen meine Wange hinunter und ich flog so schnell ich konnte näher an die Stadt heran.

Es dauerte nicht lange und schon konnte ich meine Mutter von weitem sehen. Sie war auf dem Dach des Regierungsgebäudes gelandet und sie wartete auf mich.

»Was machen wir nun?«, fragte ich und versuchte mein Schluchzen zu unterdrücken. Ich musste stark bleiben und einen kühlen Kopf bewahren.

»Wir warten auf Moras Armee. Außerdem ist Vincent bereit gegen Pierre mit den Werwölfen zu kämpfen. Odin wusste nichts von dem Monster und wäre ebenfalls bereits seine Meermenschen auszusenden.«

»Sie sind an Land nicht stark genug.«

»Ich weiß.« Sie senkte ihren Kopf. Die Drachen sind bereits auf dem Weg hierher. Pierre steuert Flames an. Ich muss mein Volk beschützen.«

»Wo ist er?«, fragte ich ehrgeizig und ließ meinen Blick über die Staubwolken gleiten.

»Richtung Westen.«

Bevor meine Mutter etwas sagen konnte, stieß ich mich vom Boden wieder ab und erhob mich in die Lüfte. Ich kannte Maggon zu gut, um zu wissen, welchen Weg Pierre genommen haben könnte. Sein Ziel war Flames. In all den Wochen konnte ich den Zorn in ihm spüren, den er für meine Mutter hegte. Er konnte ihr am besten wehtun, wenn er ihr Land und die Wesen dort tötete.

Zum Teil gab ich mir die Schuld für die Katastrophe. Wäre mein Egoismus und mein Übermut nicht gewesen, hätte ich mich viel eher mit Jaiden zusammenschließen können. Es wäre erst gar nicht so weit gekommen.

Zwischen den Wolken hielt ich gezielt nach dem Monster Ausschau. Doch je länger ich nach Westen, desto eher folgte ich den Spuren der Verwüstung. Gebäude waren nur noch ein Haufen Asche. Ich konnte selbst von dieser Höhe die Schreibe der panischen Magier hören.

Tränen der Verzweiflung stiegen in meine Augen. Wie sollte ich ihn aufhalten? Er war gigantisch und aus seiner Sicht war ich nicht leichter zu töten, als eine summende Fliege. Vermutlich besaß er nicht einmal mehr seinen eigenen Verstand. Das Monster war purer Hass, der sich langsam aber sicher in Rache verwandelte.

Endlich konnte ich Pierre entdecken, der mit seinen Fäusten die Häuser auseinander nahm, als wären sie Bauklötze. Der Beton pulverisierte zwischen seinen klobigen Händen und er stieß einen Kriegsschrei aus. Ihm waren Kampfflugzeuge gefolgt und ein paar Dämonen waren bereits in Maggon eingetroffen. Sie versuchten ihn mit Feuer zu quälen, aber stattdessen wurden sie wie störende Insekten mit der Hand wegeschlagen.

Vor Entsetzten hielt ich mir den Mund zu und wusste bei dem Anblick keinen Rat. Was sollte ich tun? Was könnte Pierre töten? Wir waren ihm alle unterlegen. Seine Haut war viel widerstandfähiger als Stahl.

»Jolina!«, ertönte eine weise Stimme in den hohen Lüften. Mora Languste kam in einem goldenen Kriegsgewand auf mich zugeflogen. In ihrer Hand hielt sie einen Speer. Sie erinnerte mich an einen wundervollen Engel. Ihre Haare waren schwarz und sie besaß einen Bobschnitt. Die Augen funkelten bereits von weitem in einem schönen Gold. »Wo ist Cassandra?«

»Sie ist im Regierungsgebäude und versucht noch ein paar Überlebende zu retten.« Jedenfalls lautete so meine Vermutung. »Wie konntest du so schnell hier sein?«

Ihr Gesicht verhärtete sich und sie blickte kurz zu Pierre, als ob sie befürchtete er käme ihr zu nah. »Ich habe nicht sehr viele Soldaten bei mir. Bereits die Hälfte von ihnen ist tot.« Der letzte Satz klang voller Verzweiflung. Sie war anscheinend genauso ratlos wie ich.

»Er ist stark.« Die Worte machten ihr keinen Mut, aber ein Stückchen Hoffnung schlummerte noch in mir. Ich wollte nicht wahr haben, dass dieses Monster das Ende der Welt war. »Es muss einen Weg geben.«

»Welchen?«, fragte sie sofort, als hoffte sie bereits auf eine Lösung.

Doch leider musste ich sie enttäuschen. »Ich weiß es noch nicht, aber ich werde nicht tatenlos daneben stehen.«

Mora nickte mir zu und gemeinsam flogen wir zu den anderen.

Je näher ich Pierre kam, desto stärker hämmerte mein Herz gegen die Brust. Ein Schlag und mein Leben wäre so schnell vorbei wie das einer Eintagsfliege. Moras Hände zitterten, ihr Speer wackelte zu heftig. Jetzt fielen mir auch ihre Gefolgsleute auf, die alle eine schwarze Haut besaßen. Auch Mora gehörte dazu. Die Harpyien kamen damals aus dem Süden. Sie waren eigentlich Wüstenbewohner gewesen. Alle Rassen hatte ihre Geschichte und der Gedanke, dass Pierre acht verschiedene Legenden töten könnte, verpasste mir einen eiskalten Schauer.

Schließlich verlief mein Atemrhythmus unregelmäßig, denn Pierres Aura war deutlich zu spüren. Uns trennten nur noch zehn Meter und seine Haut ähnelte festem Lavagestein.

Staub wirbelte zu uns hinauf und die Schreie waren noch deutlicher. Ihre Qual verstärkte das Gefühl der Hilflosigkeit. Was soll ich tun? Was soll ich tun? Scheiße, was soll ich tun?

»Er wird zuerst Maggon zerstören, dann Flames, Oceanbreakers, Goston, Undertown, Noumoon, Wengis und letztendlich seine eigen Rasse, Istrien.« Moras Stimme klang hysterisch, als ob sie jeden Moment in Tränen ausbrechen würde.

Ich schaute zu meiner Linken und Pierres riesiger Arm, der sich durch die Größe langsamer zu bewegen schien, auf uns zuraste. Ich schnappte mir Moras Hand und zog sie hinunter Richtung Boden. Der Arm war knapp an meinem Kopf vorbeigesaust.

Ein schriller Frauenschrei erklang neben uns und eine Dämonin stürzte mit gebrochenem Flügel ab. Ich reagierte sofort, zog die Arme eng an meinem Körper und formte die Beine in eine Eins. Sie kreischte und ich kam ihr immer näher. Es würden mehrere Abstürzen und mit einem lauten Knacken auf den Boden fallen. Aber wenn ich sie rettete, gab es einen Toten weniger.

Im Sturzflug legte ich die Flügel noch enger an meinen Rücken, sodass sie beinahe mit ihm verschmolzen. Schließlich waren es nur noch wenige Meter zum Boden und die spitzen Trümmer würden ihren Körper aufspießen.

Im letzten Moment verschränkte ich ihre Finger mit meinen und konnte ihren Sturz abfangen. Wir schwebten hautnah über den scharfen Kanten und schließlich musste ich all meine Kraft aufwenden, um sie nach oben zu ziehen.

Sie weinte, vermutlich aus Dankbarkeit. Meine Flügel glitten auf einen sicheren Vorsprung und ich setzte sie zu zwei Magiern. Sie konnte durch das viele Schluchzen und keuchen nicht sprechen, aber sie wollte mir offensichtlich danken.

Nach der Rettungsaktion brachte ich mich zu Mora. Sie hatte ihren Speer bereits auf Pierre abgefeuert, doch dieser waren wir ein Zahnstocher an einer harten Wand abgeprallt.

Wütend ballte ich die Fäuste. So konnte es nicht weitergehen. Es würden noch mehr Wesen sterben und je länger ich wartete, desto größer wären die Verluste.

»Es ist hoffnungslos«, verzweifelte Mora und hielt die Hand vor den Mund, um nicht sofort loszuweinen. Wie fühlte es sich wohl an, wenn man mitansah, wie alle Freunde und Gleichartige tot zu Boden stürzten. Mir kam Jaiden in den Sinn. Ob er endlich erwacht war? Was machten Ethan, Kyla und die anderen im Flugzeug nun?

Eine Rakete wurde abgefeuert und traf das Monstrum unter dem Arm. Es schrie schmerzhaft auf und offensichtlich hatte er eine kleine, doch nicht ausreichende Schwachstelle.

»Das ist es!«, schrie ich begeistert. »Eine Schwachstelle!«

Mora schaute mich mit hochgezogener Augenbraue an. »Welche?«

Es sprudelte alles wie ein Wasserfall auf mich ein. Die Antworten strömten aus heiterem Himmel in meinen Kopf, als wäre dieser mit nichts anderem gefüllt. »Der Meteorit, die Geschichte, die Legende … einfach alles. Wir müssen ihn hinter Waldlicht locken!«

Meine Idee schien ihr zu gefallen. »Aber wie?«

»Reagiert er auf etwas?«

»Keine Ahnung. Ihn scheinen nur die Gebäude zu interessieren.«

Meine Augen fixierten Pierre, der vielleicht noch immer irgendwo dort drin zu sein schien. Wenn er mich eventuell sah, könnte er mich versuchen zu töten. Jedenfalls sollte ich zuerst die einfachste Methode der Lockung nutzen; Provokation.

»Warte hier!«, rief ich und schoss auf den riesigen Koloss zu. Pierre schlug mit einer weiteren Faust auf ein großes Gebäude ein. Der Lärm betäubte für einen Augenblick meine Ohren und Staub wirbelte in mein Gesicht. Es reizte meine Kehle und ein Husten war nicht zu unterdrücken.

Als ich aus der Staubwolke hinausflog, positionierte ich mich genau vor Pierres Gesicht. Doch ich schien für ihn zu klein zu sein, denn er beachtete mich nicht. Die Augen waren nicht mehr, als rotglühende Höhlen. Die Nase war unter den unebenen Lavabrocken nicht zu erkennen. Der Mund war nur eine Öffnung ohne Zunge und Speichel.

»Hey!«, schrie ich so laut ich konnte und warf meine Arme über den Kopf. Immer noch keine Reaktion. Schließlich musste ich meine Magie einsetzen und kreierte zwischen meinen geformten Händen eine Kugel. Als sie groß genug war, zielte ich auf seine Augen. Der Feuerball schoss wie ein Meteorit auf sein Gesicht. Es traf ihn und er schlug sofort seine Augen zu. Ein schmerzerfüllter Schrei ertönte aus dem tiefen Rachen.

Jetzt hatte ich seine Aufmerksamkeit und er versuchte nach mir zu schlagen. Doch Fliegen waren schwerer zu fangen, als manch einer dachte. Ich stieg auf und stürzte wieder ab, immer im selben Rhythmus. Seine Füße bewegten sich von der Stelle und endlich schien er das Ziel zu haben mich zu töten.

Es war sehr anstrengend schneller als Pierre zu sein und dabei bewegte er sich wie ein kleines wackeliges Baby auf zwei Beinen. Waldlicht war unglaublich weit und ich wusste nicht, wie lang ich diese Geschwindigkeit halten konnte.

Schließlich erreichte ich Waldlicht und die hohen Bäume boten mir kurz Schutz. Schweißperlen rannen von meiner Stirn zu meinen Augen. Ich musste ständig aufpassen, dass er mich erwischte. Seine Fäuste waren groß und deshalb musste man manche Züge vorausahnen.

Unter seinen Füßen hinterließ er nichts als Chaos und Asche. Die Bäume knacksten und machten ohrenbetäubende Geräusche. Erde wurde so heftig aufgewühlt, dass er mir in die Augen spritzte. Das Monster gab einen energischen Schrei von sich und erhöhte sein Tempo.

Ich war so vollkommen aus der Puste, dass mir übel wurde. Meine Muskeln bekamen nicht genügend Sauerstoff und langsam wurde mein Körper träge. Schwindel übermannte mich und meine Flügel zitterten vor Anstrengung.

Seine Faust sauste auf mich zu und streifte hautnah meine Feder. Ich musste bereits über eine Stunde unterwegs sein. Meine Geschwindigkeit hatte sich von vierhundert Stundenkilometer auf fast dreihundert reduziert. Nur Phynes waren in der Lage so schnell fliegen zu können. Nach einiger Zeit wurde mit klar, dass ich allein war.

Von weitem konnte ich die Berge entdecken und vor meinen Augen begann es langsam zu schwanken. Mein Körper war entkräftet, erschöpft, ausgequetscht. Schließlich war ich nicht mehr in der Lage zu lenken und streifte einen Baum, dessen scharfe Äste meine Haut aufschürften.

Die Berge kamen näher und meine Flughöhe nahm ab. Ich schaffte es nicht mehr über die Berge und musste unbedingt landen, bevor ich einfach abstürzte und regungslos am Boden lag. Ich konnte einen Vorsprung entdecken und setzte zur Landung.

Mein Herz pochte bis zum Anschlag und jeder Muskel fühlte sich wie Blei an. Als ich meine Füße auf den Boden abstellen wollte, brach mein Körper wie ein entleerter Sack zusammen. Mein Gesicht traf hart auf das raue Gestein und ein schmerzhafter Laut entfuhr mir.

Ich hatte es nicht geschafft. Der Wille weiterzukämpfen war noch erhalten geblieben, aber mein Körper sagte etwas anderes. Egal wie sehr ich noch versuchte zu kriechen oder mich nach oben zu drücken, letztendlich landete ich wieder mit dem Gesicht auf dem Boden.

Ich hätte nur noch über die Berge und ein Stückchen weit über die Wüste fliegen müssen, um an meinem Ziel angekommen zu sein. Doch stattdessen lag ich nun hilflos und erschöpft am Fuße meiner Strecke.

Pierre holte zum Schlag aus und ich schloss die Augen, um dem Anblick zu entgehen. Ich würde es bei dem heftigen Aufprall kaum spüren – jedenfalls redete ich mir das ein. Niemand wusste, wie es sich anfühlte zu sterben, deshalb machte ich mir lieber Hoffnung, als mich davor noch mehr zu fürchten.

Plötzlich konnte ich Motorengeräusche wahrnehmen, eine Stimme die zu mir Sprach und ein Schatten, der meinen Körper umfüllte. Hände schlangen sich um den verschwitzten oberen Teil und wiegten mich in irgendwelche Arme.

Ich konnte ein heftigen Ruck spüren und schließlich das Krachen des Schlages, der mich hätte töten können. Meine Nase konnte Honig und Lavendel riechen, sie erinnerten mich an meine Mutter. Schließlich zog die Schwerkraft stärker an meinem Körper, bis ich auf einen weiteren Boden abgelegt worden war und erneutes Knallen ertönte.

»Hey«, flüsterte jemand leise zu mir und eine Hand strich meine Wange. »Ich bin’s, Mom.«

»Sie blutete an ihrer Hüfte, Beine sind ein wenig aufgerissen und Knie sind aufgeschürft«, entdeckte eine andere Stimme und mich durchzuckte ein brennender Schmerz, als jemand irgendein Mittel auf meine Wunden goss.

Der Schmerz gab mir den nötigen Kick, sodass ich meine Lider öffnete und in die besorgten Augen meiner Mutter blickte. »Mom?«

»Ich bin hier«, sagte sie mit ruhiger Stimme und strich mir die Strähnen aus dem Gesicht. »Das hast du gut gemacht, meine Kleine. Mora hat mir alles erzählt.«

»Wir müssen zum Meteoriden.«

»Wir locken ihn mit sechs Jets dorthin.« Ihr Blick richtete sich in die Ferne. »Wie sieht es aus?«

»Er folgt uns.«

»Hier trink das«, sagte jemand und setzte meinen Oberkörper auf. Mir wurde ein Glas an die Lippen gehalten und ich konnte Ethans Stimme identifizieren. Meine Kehle war so trocken, dass ich in einem Zug, dass komplette Glas leer trank.

»Wo ist Jaiden?«, fragte ich und hätte mich am liebsten im ganzen Raum umgeschaut, doch mein Körper war noch immer wie gelähmt.

»Er ist bei Kyla und den anderen geblieben. Hier bin nur ich, Ethan und Jeffrey. Richard beschützt ihn.«

»Ist er wieder erwacht?« Meine Augen suchten in Cassandras Mimik nach einer Antwort, doch allein durch ihr Zögern, konnte ich mir die unausgesprochene Bestätigung denken.

»Wir sind jetzt gleich in der Wüste«, rief jemand aus dem offenen Cockpit.

Meine Mutter erhob sich vom Boden und lief aus meinem Blickfeld. Ethan blieb neben mir sitzen und lächelte. »Siehst Scheiße aus.«

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und versuchte mich wenigstens aufzusetzen. Ethan musste mir helfen und schließlich trug er mich auf eine Trage. Dort gab ich einen lauten Seufzer von mir und sank mit meinem ganzen Gewicht an die Wand.

»J-143 ist getroffen worden«, rauschte die Stimme zu mir und ich bekam Angst.

In der Wüste des Meteoriten verloren wir alle unsere Kräfte. Wir waren plötzlich alle gleich stark und schwach. Es war als würde er aus uns eine Energie schöpfen und sie zu seiner eigenen machen. Wer länger als nötig dort verweilt, stirbt.

Da kam mir eine Idee, als ich an Pierre dachte. »Er wird ihn töten.«

Ethan beugte sich zu mir, als ob er mein Genuschel akustisch nicht verstanden hätte. »Was?«

»Er wird ausgesaugt. Pierre, meine ich.«

Er überlegte kurz und nickte schließlich. »War das nicht dein Plan?«

Bestätigend hob ich meinen Kopf und schließlich kam es zu den ersten Turbulenzen. »Scheiße, das war knapp!«, fluchte Jeffry aus dem Cockpit und Ethan legte einen Anschnallgurt um meinen Körper.

Ich hatte Angst, sogar so große, dass mir ein inniges Zittern unverwehrt blieb. Was war … wenn mein Plan nicht funktionierte?

Akt der Hoffnung

Ich war in der Zwischenzeit eingenickt und als ich aufwachte war es im Jet dunkel. Ein rotes, seichtes Licht drang von der Decke zu mir herab. Außerdem war das Flugzeug gelandet. Ob wir angestürzt waren?

Bei diesem Gedanken schnallte ich mich schnell ab und bemerkte, dass meine Kräfte sich langsam wieder angesammelt hatten. Auf den Beinen war mein Körper noch immer wackelig, aber nach einigen Versuchen schien mir das Gehen wieder Spaß zu machen.

Das Cockpit war leer und alles war still. Die Atmosphäre erdrückte mich und ohne lang zu überlegen, schlenderte ich die Tür hinaus und entdeckte nur Sand und Dünen vor mir.

Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb. Ich war allein. Wo waren Cassandra, Ethan und Jeffrey? Als ich mich umdrehte, konnte ich den riesigen Meteoriten entdecken. Er so gigantisch, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Er erreichte sogar noch höher, als Pierre. Die Spitze reichte sogar aus der Erdatmosphäre. Der Mantel der Kugel war scharfkantig und dunkel, so wie getrocknete Lava.

Ich schritt die Düne hinauf und konnte die ersten Schreie hören. Am Fuße des Meteoriten kämpften Dämonen, Magier und andere Rassen gegen den riesigen Koloss an. Wieso funktionierte meine Idee nicht? Weshalb saugte der Meteor seine Kraft nicht auf?

Viele Wesen krochen nur noch am Boden, weil ihre Kraft nicht mehr ausreichte. Bei solch einer Gelegenheit hob Pierre seinen Fuß an und zerquetschte sie unter dem Sand.

Mir stiegen Tränen in die Augen und sie rannen von meiner Wange bis zum Kinn hinunter. Es hätte aber funktionieren sollen. Er hätte sterben müssen. Die Schreie wurden lauter, verzweifelter und ich von weitem entdeckte ich meine Mutter, die in Höhe seiner Arme flog.

Sie war geschafft, denn ihre Bewegungen waren schwer und unvorsichtig. Schließlich wurde sie von der Elle Pierres erwischt und stürzte wie ein lebloser Vogel zu Boden.

Instinktiv brachen meine Flügel aus meinem Rücken und ich sauste zum Flug an. In der Luft war ich viel schneller, als auf den Boden. Im letzten Moment konnte ich ihren Arm abfangen und sie riss mich durch die schwere Geschwindigkeit mit zum Sand. Ich legte schützend die Flügel um mich und rollte eine Düne hinunter.

Mir war zum Glück nichts passiert, weshalb ich mich sofort wieder erhob und zu meiner am bodenliegenden Mutter rannte. Ihr rechter Flügel war gebrochen und sie rührte sich nicht. »Mom!«

Meine Kehle brannte erneut, sie lechzte nach Flüssigkeit und bildete einen Kloß mittig. Ich berührte ihr Gesicht und sie öffnete flackernd ihre Lider. »Mom? Alles wird gut.«

Sie keuchte und fuhr mit einem lauten Schrei ihre Flügel in den Rücken. Anschließend konnte ich das Blut an ihren Rücken erkennen. Arme und Beine waren aufgeschürft und wundgerieben. Wie lange ging dieser Kampf schon?

»Es wirkt … nicht auf ihn«, ächzte sie und Tränen tropften auf ihre Brust. Behutsam streichelte ich ihren Arm. »Er ist vorbei … er wird alles zerstören.«

Ich schüttelte widerspenstig den Kopf, wie ein kleines Kind, das ihr Recht durchbringen wollte. »Es muss eine geben.«

»Die Hälfte der Staaten trifft jeden Moment hier ein. Aber sie werden versagen. Pierre wurde nach den etlichen Bombenangriffen nicht einmal verletzt.«

»Egal«, sagte ich und stellte mich hinter ihren Kopf, um unter ihre Arme zu greifen. Ich zog sie hinter eine Düne, weg von den Kämpfen und den tödlichen Tretern. Sie hatte nur kurz aufgestöhnt, als ich ihre Wunde über den Sand ziehen musste. »Er saugt mich aus, Jolina.« Sie sprach vom Meteorit.

Am liebsten hätte ich gesagt, dass alles gut würde, dass es nicht der Meteorit sei, der ihre Kraft raubte und dass Pierre bald sterben würde, doch das konnte ich nicht, dass wäre gelogen.

Sie griff nach meiner Hand und ihre Lider sanken immer tiefer. »Such Ethan!«

Ich verwandelte ihre Bitte in einen Befehl und handelte ohne nachzudenken. Als ich meinen Rücken ihr zukehren musste, stauten sich weitere Tränen in meinen Augen und ein Stich versetzte mir einen hohlen Schmerz in der Brust.

Hinter der Düne stürzte ich mich in das Gemetzel und einige versuchten mit Speeren die Füße aufzustechen, doch sie prallten alle ab. Magier setzten ihre gesamte Kraft ein und probierten alle Elemente aus. Auch hier schienen sie machtlos zu sein. Die Vampire nutzten ihre Zähne, doch sie stießen auf puren Stahl.

Der Kampf sah so hoffnungslos aus, wie meine Suche nach Ethan. Einigen Kämpfern stand ich im Weg und musste Messern ausweichen, sowie Feuerbällen oder anderen Waffen. Schließlich gab ich meine Suche auf und stieß mich vom Boden ab. Aus der Luft könnte ich fiel mehr erkenne, doch da hatte ich mich getäuscht. Überwiegend kreisende Harpyien und Dämonen schwangen ihre Waffen um sich. Außerdem musste ich Pierres Kolossarm im Auge behalten. Der Meteorit befand sich direkt neben mir und ich war ihm noch nie so nah in meinem Leben begegnet. Mir wurde bewusst, dass selbst die stärksten Anführer verzweifelten und sogar für einen kleinen Sieg ihr Leben geben würden.

Das konnte nicht unser Ende sein. Es gab selbst für eine Apokalypse, den Weltuntergang oder einen unausweichlichen Krieg immer eine Lösung.

Obwohl ich furchtbare Angst hatte, dass ich bei der Berührung mit dem Meteoriten festklebte oder er mich vollkommen aussaugte, wagte ich mich in seine Nähe. Schließlich waren wir nur noch einen fingerbreit voneinander entfernt. Die Mantelschicht war mit kleinen Löchern versehen und das Feuer, das ihn einmal beherrscht hatte, schien noch in ihm zu brennen.

Mit gefasstem Mut legte ich meine Hand auf das sonderbar kalte Gestein. Ich konnte keine Veränderung spüren und wartete noch einen weiteren Moment. Als immer noch nichts geschah, flog ich so weit nach oben, dass ich selbst über Pierres Kopf schwebte und die Schreie verklangen. Es gab keine Wolken in der Wüste, weshalb ich nicht genau sagen konnte, wann ich das Ende der Erdatmosphäre erreicht hatte. Schließlich spürte ich irgendwann, dass der Sauerstoff abnahm und ich stoppen musste. Wesen brauchten nicht viel Luft zum Atmen, aber hier schien es fast nichts mehr zu geben.

Schließlich merkte ich, wie mir die Kraft aus den Beinen wich und ich suchte eine ebene Stelle am Meteoriten. Es nagte bereits an mir, lockte mich in die Versuchung aufzugeben und zu rasten, doch ich biss ehrgeizig auf die Zähne und flog weiter.

Als ich im Augenwinkel ein großes Loch entdeckte, stoppte ich und flog zu dem mir unbekannten Teil des Meteoriten. Ich krallte mich an das Gestein und erblickte die Schwärze, die das Loch heimsuchte. Ein Luftzug blies mir ins Gesicht und er kam aus dem inneren des riesigen Objekts. Dort war etwas!

Ich verbrauchte durch das Hecheln mehr Sauerstoff und kletterte schließlich in die große Öffnung. Mir war beim dem Gefühl unwohl und dennoch musste ich wissen, woher dieser angenehme, teils warme Luftzug herkam. Könnte es eventuell hohl im Meteoriten sein?

Mein Magen zog sich zusammen, als es auch hinter mir immer dunkler wurde. Damit mich meine eigene Angst nicht erdrückte, ließ ich eine Flamme in meiner Hand erscheinen und schlenderte über den flachen, mit etwas Sand versehenen Boden. Der Tunnel schien lang zu sein, denn es gab weder Abzweigungen, noch verengte sich der Weg.

Was tat ich eigentlich da? Die Öffnung war der sichere Tod für mich. Hier schien der Meteorit mich noch mehr auszusaugen, als er es schon bereits in seiner Nähe getan hatte. Das Keuchen nahm nicht ab, denn die Erschöpfung war zu groß. Ich blieb stehen und erwog den Gedanken einfach zurückzukehren und nach Ethan zu suchen. Ich war der Bitte meiner Mutter nicht nachgegangen.

Meine Knie brachen auf spitzen Boden zusammen und ein Schmerz durchströmte mich. Ich hielt mir die Hände ins Gesicht. Warum passierte das alles? Wie konnte es nur soweit kommen? War ich an all dem Schuld?

Tränen tropften auf meine Handfläche und ich glaubte, dass meine Mutter Recht hatte. Das Ende der Welt war gekommen und es hörte nicht auf, ehe unsere Existenz vollkommen zerstört worden war.

Plötzlich bebte der Boden unter meinen Füßen und ich erhob mich panisch, um dem Vibrieren zu entgehen. Doch als ich gerade einen Satz nach vorne machen wollte, brach der Boden unter meinen Füßen zusammen. Ich fiel in ein Loch und schrie angstvoll auf. Mein Hintern landete auf einer steilen Senke, die mich spiralförmig nach unten beförderte. Ich hob meine Arme, versuchte mich irgendwo festzuhalten, doch alle Flächen waren glatt. Schließlich schlang ich die Arme um mich und kreischte meine letzte Kraft aus der Seele.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, aber schließlich fiel ich wie ein rollender Stein auf den Boden. Ich musste laut aufschreien, als ich ich dabei falsch auf einem Flügel gelandet war und er knackste. Der Schmerz breitete sich von meinen Rücken bis zu den Knien aus. Damit die Qual nicht weiter zunahm, zog ich sie zurück in meinen Rücken. Danach verblasste der Schmerz.

Das Loch befand in der Decke und ich schien mich in keinem weiteren Tunnel mehr zu befinden. Wie weit war ich gefallen?

Als ich mich mit wackeligen Beinen erhob, schien etwas Grelles in meine Augen. Ich blinzelte und duckte mich erst einmal hinter der aus Stein geformten Wand. Als ich meine Augen in die andere Richtung schweifen ließ, befand sich vor mir ein anderer dunkler Tunnel. Doch vorher wollte ich wissen, woher dieses grelle Licht kam.

Als ich hinter der Halbwand hervorschaute, um mir das Objekt anzuschauen, musste ich mich erst einmal an das Licht gewöhnen. Nach einigen Sekunden konnte ich die runde, weiße Kugel anschauen und in ihr etwas Tränenförmiges erkennen. Es strahlte in allen Farben, als ob ich mit Wasser und der Sonne einen Regenbogen gezaubert hätte.

Mir schnürte sich die Kehle zu. Was war das? Mein Blick fiel zu den Füßen der Kugel und ich konnte einen sehr tiefen Abgrund entdecken. Sie schwebte also. Aber was befand sich im Inneren? War es eine Materie, die aus dem Weltall kam? Gab es tatsächlich außerirdisches Leben? Wenn ja, wieso hatte es all die Jahre hier geschlummert?

Ich versuchte den Arm auszustrecken, doch es fehlte ein kleines Stück. Schließlich war der Drang so stark, dass ich mir sogar Hoffnung machte, Hinweise auf die Vernichtung von Pierre zu finden. Es war der einzige, feste Leitgedanke, der mich mit meiner letzten Kraft antrieb.

Schließlich setzte ich mich auf die dünne Wand, die mich beim Aufsetzen zwischen den Beinen schmerzte. Als ich dieses Mal die Hand ausstreckte, konnte ich den Mantel der Kugel berühren. Wellen strömten vom meinem Finger aus über die flüssige Substanz. Es war, als ob ich stilles Wasser berührte und es sich nur durch mich zum Leben erweckte.

Ich atmete ein und aus. Es war nicht von dieser Welt, sondern kam von woanders her. Aber diese bunte Träne im inneren, strahlte Ruhe und Frieden aus. Das Schimmern und Glänzen hatte mich so sehr in den Bann gezogen, dass ich mich zu weit zur Kugel gelehnt hatte und stürzte.

Bevor ich überhaupt aufschreien konnte, wurde ich in die kugelförmige Substanz gesogen und es fühlte sich an, als ob ich schweben wurde. Irgendetwas schaltete all meine Sinne aus und Bilder strömten in meinen Kopf.

 

Da war ein Mann in Rüstung und langen Haaren. Er schien irgendwie wütend zu sein. Hinter ihm standen tausende Gefolgsleute und warteten auf einen Befehl. Als er schließlich die Augenbrauen zusammenzog und losbrüllte, stürmten sie aus dem Bild hinaus.

 

Anschließend sah ich tobendes Feuer, Flammen so hoch wie die Bäume. Es nagte sich durch Wälder, an Häusern vorbei und stellte wohl die vollkommene Zerstörung dar. Aschereste streiften durch das Bild und kreischende Menschen versuchten verzweifelt davonzulaufen. Der Boden war aufgewühlt und nass.

 

Als nächstes erschien eine Frau, die sich am Boden krümmte und über ihrem Kopf alles zusammenzubrechen schien. Sie weinte und hielt sich die Hände ins Gesicht und erinnerte mich an meine Verzweiflung. Ihre Haare waren schwarz und hingen ihrer Visage. Tränen tropften auf das modrige Holz und schließlich tauchten Männer auf, die brutal auf sie einschlugen. Als sich einer zum Bild drehte, konnte ich leuchtend rote Augenhöhlen erkennen.

 

Schließlich wurde alles schwarz und eine Stimme ertönte in meinem Kopf oder besser gesagt in meinem Traum. Im ersten Moment dachte ich, dass meine Mutter mit mir sprach, aber die Oktaven und Zusammensetzungen glichen ihr nicht.

»Das ist unsere Schuld gewesen«, flüsterte sie. »Wir haben versucht zusammenzuhalten, wollten kämpfen für das Geschenk, dass sie uns gemacht hatten, aber wir versagten und zerstörten.«

Von was sprach meine Mutter da? War das überhaupt meine Mutter? »Mom?«, sagte ich in meinem Traum.

Vielleicht war das alles nur eine schlimme Phantasie gewesen, die sich mein Unterbewusstsein ausgedacht hatte. Es wäre möglich, dass das hier nicht alles passiert, ich zu Hause bei meinem Vater im Zimmer lag und tief schlief. Es gab weder Jaiden, noch wusste ich von Mom, noch wollte die Regierung meinen Kopf. Ja, alles war nur ein langer, langer Traum gewesen.

»Irgendwann kam er, das Ende unserer Existenz. Er verbrannte unsere Körper, tötete unsere Freunde und löschte alle Rassen in einer Nacht aus. Schließlich blieb nur einer über, ich.«

»Von was redest du da?« In meinem Kopf flimmerte etwas in der Dunkelheit auf. Ich wollte danach greifen, doch es war vermutlich nur eine Einbildung.

»Er nahm mich mit, ließ all die Toten zurück und verwandelte sich in die brennende Dunkelheit, die eines Tages zuschlug, sobald sich Rache mit Hass vermischte.« Ich schwieg und hörte der Stimme aufmerksam weiter zu. Jetzt kam sie mir wie in Trance vor, echoartig, hell. »Das war vor sehr vielen Jahren. Es darf sich nicht wiederholen.« Sprach sie gerade von einer Welt, die dasselbe durchlitt, wie wir? Konnte so etwas überhaupt möglich sein.

»Ich brauche deine Hilfe«, sagte sie in einem bittenden Tonfall. »Ich kann es beenden.«

Das war kein Traum. Ihre Anwesenheit war deutlich spürbar und auf einmal, konnte ich eine Hand spüren, die meine berührte. Sie verschränkte die Finger mit meinen und aus meiner Kehle sprach die absolute Verzweiflung. »Ich will das es aufhört.«

Die Finger umschlossen sich noch viel fester und schließlich konnte ich einen Druck in meinem Körper spüren. Es fühlte sich an, als wollten all meine Organe in mir explodieren. Es schmerzte stichweise und die Hände lösten sich nicht von mir.

Nach einiger Zeit schlug ich die Lider auf und Wasser umgab meinen Körper. Als ich meinen Mund öffnete, konnte ich atmen. Es fühlte sich beinahe genauso an, als ich damals in Oceanbreackers eine Kiementablette schluckte und im Meer atmen konnte.

Mein Körper befand in der weißen Kugel und das regenbogenfarbene Objekt war verschwunden. Plötzlich konnte ich ein Gesicht vor meinen Augen sehen. Es war so kurz gewesen, dass ich an eine Fata Morgana glaubte. Es war eine Frau gewesen, ihre Haare waren schwarz gewesen und sie besaß markante, ruhige Gesichtszüge. Auf ihren Lippen war ein Lächeln gewesen und im selben Moment platzte die Kugel auf und ich fiel hinab. Die beruhigende Hand war verschwunden und die regenbogenfarbene Träne war über mir erschienen. Als ich fiel, schrie ich nicht, denn irgendwie gab es keinen Grund dazu. In mir spürte ich eine so große Hoffnung, dass ich glaubte endliche die gesuchte Lösung gefunden zu haben.

Die Träne wurde heller, ihre Erscheinung bebte und ein grelles Licht breitete sich wie eine Atomwelle aus. Sie durchflutete jedes einzelne Loch des Meteoriten und schien mir zu folgen.

Als ich kurz meine Augen schloss, sah ich Jaiden vor mir. Er lächelte mich an und hielt mir eine Hand hin, die ich zu gern ergriffen hätte. Doch mein Körper war wie gelähmt. Schließlich schürte ich noch viel mehr Hoffnung in mir, versuchte den nötigen Antrieb zu finden, um letztendlich meinen Arm dazu zu zwingen seine Hand zu ergreifen. »Na komm schon!«, rief er und seine beruhigende Stimme gab mir den nötigen Kick den ich für meinen Anlauf brauchte. Meine Hand verschränkte sich mit seiner und das Licht hatte meinen Körper eingenommen.

Ende der Welt

Als ich erwachte, merkte ich erst, dass ich überhaupt bewusstlos geworden war. Aber was war passiert? Meine Lider flackerten und Sonnenlicht schien brennend in meine Augen. Sand befand sich überall auf meinem Körper und die Atmosphäre war sehr heiß. Moment! Heiß?

Ich erhob mich erschrocken von der Düne und schaute in die Ferne, als ich feststellte, dass ich am Rand von Waldlicht stand. Eigentlich sollte bereits von weitem der Meteorit zu sehen sein, doch er war aus einem mir unerklärlichen Grund verschwunden.

»Jolina!«, rief mir jemand zu und ich drehte mich zu der Stimme, als meine Mutter auf mich zugelaufen kam. Vor Freude und Sorge um sie sprang ich die Düne hinunter und landete in ihrem Armen. Sie schmiegte sehnsüchtig ihren Körper an meinen. »Du hast mir gefehlt!«

»Mom, was ist passiert?«, fragte ich und schaute zu ihr hinauf. »Wo ist Pierre?«

Sie lächelte und ihre Augen waren glasig. »Aus dem Meteoriten drang plötzlich ein Licht und als es verschwunden war, blieb nur Asche und Reste des Monstrums zurück. Ich kann mir das nicht erklären, aber Pierre war wie vom Erdboden verschluckt.« Sie schaute über meine Schulter in die Ferne. »Genau wie der Meteorit.«

Ich schüttelte verständnislos den Kopf. »Wie ist das möglich?« Ich erinnerte mich an die Stimme und die Kugel im Inneren des Meteors. Ob es damit etwas zu tun hatte? Hatte diese seltsame Frau uns gerettet? War sie unsere Lösung gewesen?

»Keine Ahnung, aber das spielt keine Rolle. Es ist vorbei, Liebling!« Sie drückte mich wieder an sich und ich konnte spüren, wie eine Träne auf meinen Kopf traf.

»Flämmchen!«, rief jemand und diese Stimme war mir nur allzu bekannt. Ethan stand am Fuße der Düne und Kyla hielt seine Hand. Ich löste mich von meiner Mutter und sprang ihnen in die Arme.

»Ihr lebt!«, rief ich glücklich. Als ich Ethan anschaute, war der weiße Schimmer auf seiner Haut verschwunden, aber den Gedanken schob ich erstmals beiseite.

»Die anderen auch«, sagte er und zeigte mit dem Daumen hinter seinen Rücken. Aus dem Wald kamen tausende von Wesen geströmt und alle hatten etwas verloren. Die Vampire verloren den Glanz ihrer hellblauen Augen, genauso wie Mora, deren Augen nun dunkel waren. Hatte das etwas mit dem Verschwinden des Meteoriten zu tun?

»Sie sehen verändert aus«, sagte ich leise und Ethan schlug eine Hand auf meine Schulter.

»Wir haben unsere Fähigkeiten verloren. Wir sind auf einmal alle gleich.« Was? Wie konnte das passieren. Ich wollte etwas ansetzen, aber Ethan sprach weiter. »Wir sind wieder Menschen, Jolina.«

Mein Herzschlag erhöhte sich und plötzlich konnte meine Dämonin, den Vampir und den Magier nicht mehr spüren. Es war als fühlte sich mein still und leer an.

Schließlich schlang meine Mutter einen Arm um meine Schulter. »Das ist nichts Schlechtes, jetzt können wir mit denen zusammen sein, die wir lieben. Es gibt keine Rassentrennung mehr, keine Kriege und niemand wird davonlaufen müssen.« Der letzte Satz war für mich bestimmt.

»Ein Neuanfang?«, fragte ich mich und alle Drei nickten.

»Komm, wir werden zurückgehen. Wir müssen Maggon und Istrien neu aufbauen. Es gibt viel zu tun.«

»Wie jetzt? Ohne Fähigkeiten?«

Ethan lachte und wir liefen auf dem heißen Sand hinunter zu den anderen. »Ja, wie die Menschen es bereits vor uns taten.«

Die Sonne verbrannte meine Haut und ich wollte erst gar nicht in mein Gesicht schauen. Wie lange hatte ich wohl dort gelegen? Während des Gehens erzählte ich den Drei, was ich im Meteoriten gefunden hatte und sie starrten mich schweigend an.

»Scheint wohl ein Engel gewesen zu sein«, scherzte Kyla und sie schien über die glückliche Wendung zufrieden zu sein. »Sie musste damit zu tun gehabt haben. Sie hat unsere Welt vor dem Untergang bewahrt.«

»Ich glaube, sie hatte es in ihrer eigenen Welt dasselbe durchgemacht. Allerdings konnte sie damals niemand retten.«

Kyla hob ihren Finger. »Also gibt es wirklich Außerirdische.«

Meine Mutter lachte laut los und wir schlossen uns zu den anderen an, die bereits im Wald verschwanden, um nach Hause gehen zu können. Mora schloss sich unserer kleinen Gruppe an. »Ich fühle mich ohne Flügel irgendwie machtlos. Außerdem scheint sich mein Aussehen verändert zu haben.«

Ich blickte zu ihr und musterte sie. »Nur die Augen.« Sie schmunzelte.

»Jolina!«, ertönte es zwischen der Menge und ich blieb erschrocken stehen. War das nicht …?

»Jaiden?«, rief ich zurück und endlich zeigte sich ein keuchender Mann zwischen den ganzen Menschen. Kyla, Ethan, meine Mutter und Mora liefen weiter. Ich rannte auf ihn zu und als wir uns in der Mitte trafen, schlang ich meine Arme um seinen Hals und er wirbelte mich einmal um seine eigene Achse.

Er hielt seine Hände in mein Gesicht und ich bemerkte, die dunkler gewordene Farbe in seinen Augen eher einem Meerblau ähnelte. »Hast du schon gehört? Wir sind jetzt Menschen.«

Er musste kichern. »Mehr als das. Wir leben noch.«

Schließlich küsste er mich, schmiegte sich an mich und ich ließ ihn nie wieder los. Tränen rannen meine Wange hinunter. Sie strömten vor Glück und Freude. Egal was in diesem Meteoriten geschehen war, ich lebte und Jaiden auch.

Er nahm meine Hand und verschränkte seine Finger mit meinen, als wollte er mir sagen: Für immer.

Impressum

Texte: Alles Rechte liegen bei mir
Bildmaterialien: JYA
Tag der Veröffentlichung: 24.02.2013

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