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1 - Begegnung

»Du wirst nie besser, wenn du dich nicht anstrengst, Jolina«, kritisierte Frau Backes mich. Ich seufzte nur genervt und würde am liebsten einen Rückzieher machen.

Alles begann mit der Schule und mit meiner Faulheit fürs Lernen. Als sich meine Noten in einem eher weniger guten Bereich befanden, beschloss mein Vater alles in die Wege zu leiten, damit ich besser wurde. Deshalb war diese Stunde meine Nachhilfe. Frau Backes lehrte mich im Zaubern. Eigentlich sollte es einfach sein. Man konnte es gut mit einem Kleinkind vergleichen, das versuchte Laufen und Sprechen zu lernen.

»Denk es dir im Kopf und wenn nicht, sprich es aus!«, wiederholte sie den Satz ein fünftes Mal. Er schallte wie ein Ohrwurm in meinem Gedächtnis. Es gab für jeden Zauber einen geeigneten Spruch. Allerdings war es schwer ihn im Kopf zu sprechen und dabei zu zaubern. Man brauchte einige Jahre um so etwas zu erlernen. Für Anfänger galt es, ihn deutlich auszusprechen. Aber meine Dickköpfigkeit versuchte immer wieder mit dem Kopf durch die Wand zu brechen.

Als ich in meine Gedanken vertieft war, da ich an alles andere dachte, nur nicht an ihren Unterricht, seufzte sie enttäuscht und stand auf. Sie stemmte ihre Arme in die Hüfte und warf mir einen ernsten Blick zu.

»Du wirst hier nicht herausgehen, ehe du diese Vase-«, begann sie und zeigte mit dem Finger auf das farblose Porzellan auf dem Pult. »-zum Schweben gebracht hast und sie mir in die Hände reichst.«

Eigentlich war ich keine schlechte Schülerin, ich besaß einfach nur keinen Ehrgeiz. Es gab andere Dinge die mir mehr Spaß machten, zum Beispiel ein Abend in derDiskothek, ein Treffen mit Freunden und jede Menge Freizeit.

Aber ich wollte nach Hause und so schnell wie möglich den Unterricht beenden. Deshalb konzentrierte ich mich, hob den silbernen Stab nach oben, der nicht anders aussah als eine kleine Mettallstange und sprach den Spruch im Kopf aus. Allerdings musste man beim Sprechen Ton und Deutlichkeit treffen. Das war mehr als nur schwer.

Was ich noch mehr als Zaubern hasste, waren diese dämlichen Stäbe. Denn ohne sie, war das Zaubern unerwünscht. Es war wie der Knigge Kurs. Er existierte und aus Höflichkeit sollte man sich daran halten, aber nicht viele taten es. Genau dasselbe gab es mit den Stäben. Diese Höflichkeit des Zauberns hatte noch nicht einmal ein Magier erfunden.

Plötzlich bemerkte ich das Schnipsen vor meinen Augen, da ich wieder begann zu träumen. Frau Backes blickte mich wütend an. Ihre Stirn schien noch mehr Falten bekommen zu haben als zuvor.

»Jolina! Pass doch mal auf! Selbst im Unterricht widmest du dich lieber anderen Dingen, anstatt den wirklich wichtigen Dingen!«, motzte sie, wie schon die ganze Stunde.

Ich gab einen genervten Seufzer von mir und verschränkte missmutig die Arme vor meiner Brust.

»Kann ich wenigstens gehen?«, fragte ich frech.

Sie schüttelte verständnislos den Kopf und verneinte: »Erst wenn du den Zauber hinbekommst.«

Lässig hob ich meine Schultern, wandte mich zur Vase, ließ den Stab fallen und zauberte mit den Händen. Als ich es geschafft hatte, das Porzellan in die Luft zu befördern, fiel esauf halbem Wege zu Boden und zerbrach. Ich erschrak und schaute bedauernd zu Frau Backes. Sie hatte ein gefälschtes Lächeln aufgesetzt, dass ich sofort durchschaute und ihre Arme waren vor der Brust verschränkt. Sie tippte in einem Sekundentakt mit der Fußspitze auf den Boden. Die Augenbrauen waren in die Höhe geschossen.

»Sorry!«, piepste ich und bedauerte meinen Fehler.

Ohne einen Ton von sich zu geben, lief sie auf die Tür zu und rief: »Bis Morgen, Jolina!« Sie verschwand. Ich seufzte auf und wollte zum Gehen ansetzen, als meine Beine sich nicht rührten. Verfluchte Lehrerin! Sie hatte heimlicheinen Fesslungsspruch angewandt. Jetzt verpasste ich wahrscheinlich meinen Zug zur Strafe und durfte den nächsten nehmen. Verärgert verschränkte ich die Arme und wartete auf den Moment, in dem meine Beine sich befreiten.

Es hatte tatsächlich eine Viertelstunde gedauert, aber ich lief schleunigst zum Bahnhof. Mich erwartete eine Masse von Magiern. Sie sprachen miteinander, lachten und drückten sich immer enger in den Strom hinein, um in die Züge steigen zu können. Ich befand mich mitten im Zentrum. Mit Gewalt versuchte ich zu meinem Zug zu gelangen, der schon seit knappen fünf Minuten am Gleis stand. Einige stießen mir ihren Ellenbogen in die Seite und trafen mich am Kopf. Deshalb beschwerte ich mich gleich, erhielt jedoch nie eine Entschuldigung. Nach knappen zwei Minuten gelangte ich in den Zug und setzte mich auf meinen Platz. Gegenüber, wenn ich aus dem Fenster blickte, sah ich ein kleines Mädchen. Nach ihren Augen zu urteilen, musste sie eine Werwölfin sein.  Sie hatten eine goldene, unnatürliche Farbe. Neben ihr saßen höchstwahrscheinlich ihre Eltern, die ebenfalls Werwölfe sein mussten. Die strengste Regel auf der ganzen Welt. Man durfte nur verheiratet werden oder Kinder haben, wenn man mit derselben Rasse zusammen war. Kinder, die sogenannten Phyne, die das Blut von zwei unterschiedlichen Rassen beherbergten, wurden getötet. Hier herrschte strenge Zucht und Ordnung. Genau das machte mir solche Angst vor der Regierung, denn ich war eine Gejagte. Um die Wahrheit zu sagen, war ich nie wirklich eine reinrassige Magierin, sondern meine Mutter war eine Dämonin. Zum Zeitpunkt als es eben zwischen meinem Vater und ihr passierte, wusste er es nicht. Erst als ich zur Welt kam und mein Vater in die feuerroten Augen schaute, wusste er, dass ich keine vollblütige Magierin war. Er verfluchte meine Mutter, dass sie mir dieses Leben aufband. Er hasste sie dafür. An dem Tag meiner Geburt riss er mich aus ihren Armen, floh aus dem Krankenhaus und zog in die Magierstadt zurück. Dort gründete er ein hoch angesehenes Unternehmen und versuchte mich um jeden Preis von der Regierung fern zu halten. Wenn sie merkten, dass ich eine Phyne war, dann müsste ich womöglichumgebracht werden. Die Tötung der Halbwesen war nur eine Vermutung. Sie verschwanden von der Bildfläche und tauchten nie wieder auf. Deshalb vermutete man auf eine Vernichtung unserer Rasse. Meine Mutter hatte ich nie wieder gesehen und mein Vater sprach auch nicht gerne über sie. Als ich erfuhr eine Phyne zu sein, wurde ich auf meine anderen Fähigkeiten neugierig. Am auffälligsten war die nervige rote Iris, die sich zeigte, sobald man dämonische Fähigkeiten anwendete. Außerdem verfärbten sich meine Haare zu einem kräftigen Rot. Es gab noch so vieles mehr was mich viel stärker als eine Magierin machte. Da ich zu beidem fähig war und jahrelang übte, war ich eine Gefahr für alle. Das war die größte Angst der Regierung. Sie hatten Angst, dass eines Tages zu viele Phynes ihre Regentschaft stürmten und die Macht übernahmen. Deswegen gab es so viele Vermisste. Sie trennten auch die Rassen und gründeten in verschiedenen Regionen die passenden Städte. Die Schwarzmärkte waren seltsamerweise legal, aber nicht was den Verkauf betraf, sondern das Zusammentreffen aller Rassen. Ich wusste, dass ich nicht die einzige Phyne in dieser Stadt war. Natürlich existierten einige unter uns, aber auch sie hielten sich geduckt und lebten in den Slumgebieten. Ihre Existenz war so wertlos wie ein Stück Dreck auf das man tagtäglich trat. Nur ein Phyne konnte die Gefühle seinesgleichen verstehen.

Ich seufzte. Draußen vor dem Fenster zogen die vertrauten Gebäude vorbei. Meine Stadt war einfach zu beschreiben. Hohe Häuser, enge Straßen, tobende Menschenmassen, unendliche Geschäfte und tausende Unternehmen, die sich immer weiter in die Höhe schraubten. Auf den Hauptstraßen fuhren nur wenige Autos, denn die waren heutzutage zu teuer, um sie halten zu können. Mein Vater besaß sieben Stück in seiner eigenen Privatgarage. Aber mit einem vollen Portemonnaie würde ich mir auch Einiges leisten können. Deshalb investierte er so viel in die Schule. Er wollte dass ich einen sehr guten Abschluss machte.

Ich wurde erneut aus meinen Gedanken gerissen, als ich bemerkte dass mich ein junger Mann mit grauer Kapuze rechts auf den Sitzen beobachtete. Sein neugieriger Blick wirkte auf mich sehr unheimlich. Der Schatten seiner Kapuze verdeckte mir die Sicht auf sein komplettes Gesicht. Nur makellose und stoppelfreie Haut mit vollen geröteten Lippen erstrahlten im Licht. Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass mir seine Beobachtung aufgefallen war und blickte deshalb unauffällig woanders hin. Aber meine Augen wollten jedes Mal zu ihm zurück. Auch wenn ich geradeaus starrte, rollten meine Pupillen nach rechts. Sein Oberkörper war genau in meine Richtung gedreht, da er sich meine gegenüberliegende Seite ausgesucht hatte und der Jungebrauchte deshalb nur wenige Grade seinen Kopf zu drehen. Als sich unsere Augen trafen, durchfuhr mich eine eisige Gänsehaut und ein Schweißausbruch war die Folge. Sein Blick fühlte sich wie trockenes Eis an, das sich aufmeine nackte Haut legte. Was wollte dieser Typ von mir? Ich bekam Angstzustände. Vor allen Dingen da ich sein Gesicht nicht erkennen konnte. Am besten ich wartete einfach ab, bis er ausstieg. Der Zug hielt zum Glückgenau an meinem Bahnhof.

Ich nahm mein Handy heraus und tippte eine SMS auf den Touchscreen, dass mein Vater mich doch bitte vom Bahnhof gegen viertel nach neun abholen ließe. Ungeduldig hämmerte ich die Kante des Handys gegen mein Bein und versuchte zwanghaftmeine Blicke nicht an diesen Typen zu verschwenden. In meinem Nacken stellten sich mir all meine Haareaufund es fühlte sich scheußlich an.

Plötzlich erhob sich der Junge von dem Sitz und stand daneben. Er blickte mich eine Weile an, ich starrte wie hypnotisiert zu ihm zurück, als er einen Schritt auf mich zutrat. Vor mir war die komplette Sitzbank frei und vorausahnend legte ich besitzergreifendmeine Tasche darauf. Er kam immer näher, wandte seinen Blick von mir ab und lief ganz natürlich an mir vorbei. Er betrat den nächsten Waggon. Mein Herz hatte einen Sprung gegen meinen Brustkorb gemacht und meine Lunge blieb in den zwei Sekunden, als seine Aura meine streifte, gehemmt. Selbst dann strömte Kälte in meinen Körper und ließ alles zu Eis gefrieren.

 

2 - Slum

Noch immer war ich vollkommen betäubt.Ob ich mir seine stechenden Blicke eingebildet haben könnte? Wer war dieser schaudernde Typ? Mein einziger Wunsch war es aus dem Zug zu steigen und zu meinem Dad ins Auto zu springen. Weg von diesem unheimlichen Ort.

Es dauerte nur wenige Minuten bis der Zug an meinem Bahnhof hielt und ich mit drei weiteren Magiern ausstieg. Draußen fiel ich in ein Gedränge aus einem zu großen Gestaltenstrom, der mich in die Mitte des Bahnhofs sog. Mit viel Mühe musste ich mich durch die Leute quetschen und die kleine Treppe zur Oberfläche betreten.

An der frischen Luft hechelte ich, teilweise vor Angst und teilweise aus Panik erstickt zu werden. Meine Lunge hob und senkte sich wie eine Pumpe, die massenhaft Luft einsog.

Gerade als ich dabei war zum Treffpunkt loszulaufen, bemerkte ich, dass meine Tasche nicht bei mir war. Dort waren meine Schulsachen und Geld drin.

Erst als mir dies alles bewusst wurde, fasste ich mir an den Kopf und hielt panisch die Luft an. Oh nein! Das war mir noch nie passiert.

Mit schnellen und zügigen Schritten stieg ich zurück in den personenbesetzten Strom und tauchte in die Menge ein. Der Zug stand noch und mit etwas Glück könnte ich meine Tasche noch bekommen. Wie konnte mir so etwas Dummes passieren?

Ich ärgerte mich kolossal. Meine Gedanken hatten so sehr um diesen Typen mit den unheimlichen Blicken gekreist, dass ich meine Tasche einfach vergessen hatte. Auch die Angst und der Wunsch so schnell wie möglich aus diesem Zug zu verschwinden, hatten mich bedrängt.

Ein Mann in einem Smoking stand vor mir und ich konnte durch seine breiten Schultern und Arme nicht an ihm vorbei. Er verhinderte regelrecht meine spontane Rettungsaktion.

Mit ein paar heftigen Hieben schlängelte ich mich doch hindurch. Er schleuderte mir murmelnde, verärgerte Worte an den Kopf, wie: Pass doch auf! Freche Kröte!

Das Schimpfwort freche Kröte war derselbe wie: blöde Kuh. Für Magier war das eine ernsthafte Beleidigung. Zu Vampiren sagte man Blutsauger oder Bettlaken. Beinahe für jedes Wesen gab es passende Schimpfwörter, die meisten davon dachte ich mir selbst aus und setzte sie durch meinen umfassenden Freundeskreis in Umlauf. Vor drei Jahren wurde ich deshalb in einen Magierstreit verwickelt, der mich beinahe von der Schule geschmissen und mich der Regierung vor die Füße geworfen hätte. Als Phyne war mein Leben eben nicht leicht.

Die Türen standen noch offen und mit einem letzten Sprung huschte ich in den Zug. Dort sog ich Luft ein und genoss den weniger drängelnden Bereich.

Da lag sie! Meine Tasche. Mir fiel ein Stein vom Herzen, den ich deutlich spürte, als er durch meinen kompletten Körper durchrutschte. Ein Lächeln umspielte meine Lippen und verärgert betrachtete ich die Tasche. Am liebsten hätte ich ihr an allem die Schuld gegeben. Vielleicht wäre ein Rucksack doch praktischer. Aber heutzutage musste man sich der Fashion in Maggon - der Magierstadt - anpassen.

Gerade wollte ich zum Aussteigen ansetzen, als der Zug losfuhr und die Türen längst geschlossen waren. Panisch umklammerte ich meine Tasche und einige Leute starrten mich mit verdutzten Blicken an.

Unauffällig setzte ich mich auf den freien Platz und versuchte nicht einer alten Dame, die gegenüber von mir saß, in die Augen zu starren. Auf meiner Stirn bildeten sich Schweißperlen und meine Füße verspürten den Drang nervös auf dem Boden zu dribbeln. Die Fingernägel gruben sich verkrampft in das braune Leder meiner Tasche. Ich wusste welcher Bahnhof als nächstes kam, aber ich traute mich nicht auszusteigen. All diejenigen, mit denen ich damals den Magierstreit begonnen hatte, wohnten dort. Es war einSlum.

Ich schluckte. Allein der Bahnhof sah heruntergekommen aus - wenige Magier, eher arbeitslose Bettler, lungerten in solch einer Gegend herum. Es wäre das reinste Risiko dort auszusteigen.

Ein langer Atemzug entglitt meinen Lippen. Der Dämon in mir verspürte die instinktive Angst und wollte sich zu Wehr setzen. Das hätte rote Augen, feurigen Atem und warme Atmosphäre bedeutet, die jeder Magier in diesem Zug sofort wahrgenommen hätte. Es wäre praktisch meine eigene, selbst erstellte Eintrittskarte für den Tod.

Also atmete ich ein weiteres Mal, beruhigter und langsamer. Es ging mir besser. Aber noch immer stand der Ausstieg bevor, der nach folgenden fünf Minuten erscheinen würde.

Sobald nur einer der damaligen Jungs und Mädchen meinen Weg kreuzten, würde daraus purer Ernst. Slummagier machten nie Spaß, selbst wenn man um sein Leben betteln würde. Das waren eiskalte Leute, womit unsere Schule schon ihre Probleme hatten. Von dem belastenden Druck der Lehrer wurde die Gruppe weiter in die Tiefe gezogen und mit jedem Nachsitzen verschlimmerte sich die Situation. Es brauchten sich nur die Cliquen einiger Slummagier zusammen zu schließen und die Regierung würde auf unsere Schule aufmerksam werden.

Ich schluckte erneut und ein Kloß blieb in meinem Halsstecken, der meinen Atemrhythmus störte. In meinem Kopf blitzte die Säuberung auf.

Vor vier Jahren schickte mich mein Vater ans andere Ende der Welt. Oceanbreakers. Die Hauptstadt der Meermenschen. Ich wohnte wochenlang unter einer Glaskoppel mit dem wunderschönsten Zimmer, das ich jemals betrat. Die Stadt lebte unter dem Wasser und ich konnte jeden Tag die Fische und zahlreichen Meerestiere an dem Riff beobachten. Alles strahlte in bunten Farben auf und jeden Tag fiel der Sonneneinfall auf die Korallen. Trotzdem fühlte ich mich unwohl, da mein Vater alles tun musste, um die Säuberung für mich positiv ausfallen zu lassen. Damals verloren eintausend Phynes ihr Leben. Diese Tage waren, trotz der hervorragenden Atmosphäre, einige meiner schlimmsten.

Es schauderte mich an diese Zeit zurückzudenken, da sie eigentlich der Vergangenheit angehörte.

Die Bremsen quietschten und rissen mich aus meinen Gedanken. Ob Vater mich auch einenBahnsteig weiter abholen würde? Meine momentane Aktion bedeutete Ärger, Hausarrest und weitere Stunden nachsitzen.

Daher entnahm ich mein Handy aus der Tasche und tippte für ihn eine passende SMS ein. Ich sagte ihm, dass ich einBahngleis weiter aussteige und er solle nicht allzu böse auf mich sein.

Er antwortete mit einem erzürnten Smiley.

Die Waggontüren sprangen auf und drei Magier, deren Kleidung heruntergekommen wirkten, verließen den Zug. Ihre finsteren Gesichter waren tief in einen Schal gewickelt oder unter einer Kapuze verborgen.

Mit zitternden Beinen sprang ich ihnen nach und merkte wie menschenleer die U-Bahn-Stationwar. Nur ein Obdachloser schlief auf einer Bank, die mit Graffiti besprüht worden war. Die Wände passten sich dem Schmutz und der verwahrlosten Atmosphäre an. Auf dem Boden klebte Kaugummi und Plakate waren zur Hälfte abgerissen. Manche schienen auch den Farbdosen zum Opfer gefallen zu sein.

Meine Kleidung, sowie Accessoires und alles was mich ausmachte, passten nicht hierher. Schon allein beim Ausstieg stürmten neugierige und lüsterne Blicke aufmich ein. Ein ziemlich beschmutzter, alter Mann hatte ein Auge auf mich geworfen.

Ich rümpfte meine Nase und ließ mir nicht anmerken, dass meine Knie, durch die erstickende Angst in mir, schlotterten. Dazu kamen meine kleinen Absätze, die schallend durch die U-Bahn-Station preschten. Noch mehr Augen begutachteten mich und mir blieb die Luft weg, als ich merkte, wie mir die gierigen Bettler folgten. Sie wussten, dass ich nicht mit leeren Taschen aus dem Zug stieg. Sie wollten den Wert, den ich bei mir trug. Kleidung und Geld.

Es gab noch weitere Gründe, an die ich jedoch nicht zu denken wagte, da mich sonst der Ekel überkam.

Meine Füße stampften durch einen Tunnel und am anderen Ende schien das Außenlicht die Treppen hinunter. Der Ausgang!

Meine Beine wurden immer schneller, sie rasten beinahe und trotzdem blieb mein Ziel weit entfernt. Das Klackern wurde lauter durch meine rasche und eilende Bewegung, dass es sogar die Aufmerksamkeit derer erweckte, die sich in den Nebengängen befanden und neugierig ihre Hälse streckten. Die stechenden Augen meiner Verfolger bohrten sich langsam und qualvoll in meinen Nacken. Ich schlugdie Lider hinunter. Lass es aufhören!

Ein schlimmer Tag endete meistens mit dem Schrecklichsten. Sollte das etwa das Highlight des Abends sein? Ein paar Bettler folgten meinen Schritten, Nadelblicke stachen mich und unter meinen Füßen befand sich ein Haufen Dreck. Gab es denn noch eine höhere Stufe der Qual?

Ich steckte meine Hände in die schwarze Lederjacke und betete, dass meine Füße endlich die Stufen bestiegen.

Doch dann passierte genau das, wovor ich am meisten Angst hatte.

Die Slummagier erschienen. Zahlreich. Rachsüchtig. Wütend.

Mein Atem erstickte und eine Schweißperle drohte von meiner Stirn zu fließen. Ihre Gesichter kannte ich alle. Mitch, der Anführer der kleinen Bande. Er hatte dunkelblondes, längeres Haar, große, düstere Augen, eine zerfledderte Jeansjacke, lange Beine und einen muskulösen Körper, der sich durch seine Größe nichts anmerken ließ. Aber bestimmt konnte man seine Kraft spüren. Schmerzhaft.

Er zauberte niemals mit einem Stab, sondern mit den Fingern und darin war er unglaublich gut. Wäre damals nicht meine Clique und ein paar Lehrer dazwischen gegangen, hätte es für mich böse geendet. Was hatte man auch schon in der Hand gegen sieben Slummagier?

Aus Angst blieb ich endgültig stehen und beobachtete wie sie die Treppe hinunter kamen. Mitchs Blick fiel sofort auf mich. Er musterte mich erst, überlegte, ob ich es tatsächlich sein könnte. Sein gehässiges Grinsen verpasste mir eine eisige Gänsehaut. Er hatte mich allerdings entdeckt. Sein Finger zeigte in meine Richtung, der alle anderen Augen folgten. Auch dem Rest zog ein ekliges Lächeln in ihr Gesicht und meine Lunge brannte wie Feuer. Ich bemerkte, dass ich keinen Atemzug mehr getan hatte, seit ich die Slummagier entdeckte.

Ich sog die Luft ein und schaute zu wie sie mit schnellen Schritten auf mich zustürmten. Erst als die Angst mich endgültig packte, spannte ich all meine Muskeln an und lief so schnell ich konnte. Die Dämonin in mir wollte aus meinem Körper schreiten und selbst meine Bemühungen schienen bald keine Kraft mehr gegen die Instinkte zu haben. Die Angst war zu groß, meine Nervosität zu hoch und die Anspannung zu stark.

Das Klimpern meiner Schuhe war nun so laut, das tatsächlich jeder dem ich ins Sichtfeld geriet, mir nachschaute und sogar hochschreckte.

Ich spürte wie die roten Augen zum Vorschein kamen. Meine Bemühungen hielten nicht länger stand. Sie wollte aus meinem Körper ausbrechen, mein Handeln übernehmen und anhalten, um den Magiern entgegenzutreten. Das wäre mein Tod.

 

3 - Eiskalt

In meinen Absatzschuhen – obwohl sie nicht besonders hoch waren – konnte ich überhaupt nicht laufen. Meine Geschwindigkeit minderte sich um jede Sekunde. Doch die Zeit machte mein Leben aus, denn wenn sich nichtbald eine Lösung fand, packten die Slummagier mich.

Mein Herz machte einen Satz gegen meinen Brustkorb, als ich Mitchs Stimme hinter mir hörte. »Hexe!«

Sie klang beängstigend und aggressiv. Victoria – ein Mädchen, das zu allem fähig wäre, selbst wenn es von ihrer Existenz abhing – überholte Mitch und blieb an meinen Fersen. Ihre schwarzen, lockigen Haare wehten im Wind. Die dunkelbraunen Augen, die wie schwarz aussahen, schüchterten mich noch mehr ein. Sie war in der Lage einen Zauber zu wirken, der mich aufhalten könnte, aber ständig bog ich in Ecken und Winkel ab, bis ich versuchte mir etwas Cleveres auszudenken.

Das war schwerer als es klang. Die Slumbande war in meinem Nacken, meine Dämonin in mir hatte schon meinen Iris rot gefärbt und meine Knie wurden weicher. Meine Lider hielten sich bedeckt, sobald jemand in meinen Blickwinkel geriet. Die Konzentration noch aufrecht zu erhalten, damit ich mir einen geeigneten Zauber ausdenken konnte, fiel mir schwer.

Im Höchstfall müsste ich sogar einen illegalen Zauber sprechen. Wie das Illusionsfeld. Es erstreckte sich für zehn Sekunden nach hinten und verwirrte meine Feinde. Anstatt mir nachzulaufen, würde ihnen ein falsches Bild meiner Flucht gezeigt werden, aber in der Realität liefen sie in eine ganze andere Richtung.

Natürlich vergaß ich die Wörter.

Victoria streckte ihre Hand nach mir aus und beinahe konnte sie mich berühren.

Mein Atem erstickte und die Lunge brannte, als ob kein Tröpfchen Feuchtigkeit in ihr inne wohnte. In meinen Kopf hatte ich alle Wörter zusammengewürfelt. Aber der Zusammenhang fehlte. Ständig murmelte ich unauffällig die Worte und irgendwann bemerkte ich Victoria nicht mehr in meiner Nähe. Ich musste den richtigen Spruch erraten haben.

Sofort setzte ich zum Stoppen an, schlitterte einen Meter weit über den gefliesten Boden und blickte hinter mich.

Victoria war verschwunden und mit ihr die Slumgruppe. Ihre leicht durchschimmernden Körper, die nur so hauchdünn wie ein Schleier waren, liefen in die entgegengesetzte Richtung. Allerdings nur zehn Sekunden.

Bevor ich zum Anlauf ansetzte, sog ich viel Luft in meine Lunge, spürte wie sie sich wieder erhob und ich verschwand hinter der nächsten ...

...Sackgasse.

Ich riskierte einen Schulterblick und entdeckte die Männertoilette. Die dunkel befleckte Metalltür schaukelte leicht. Jemand musste gerade hineingegangen sein. Aber was schien gefährlicher zu sein? Einen wahrscheinlich urinierenden Mann oder die Slumbande, deren Aussichten mein Tod war?

Die Entscheidung fiel mir leicht und schluckend betrat ich die Toilette. Mit einem prüfenden Blick musterte ich die dreckige, abstoßende Herrentoilette. Niemand war zu sehen.

Meine Füße betraten als Erstes den Raum, blieben vorsichtig und schoben sich leise wenige Zentimeter voran. Noch immer war niemand zu sehen. Hinter mir schlug die Tür zu.

»Nur eine Toilette...«, versuchte ich mich durch meine Selbstgespräche zu beruhigen. Mein Herz hüpfte noch immer Kreise und hämmerte monoton gegen meinen Brustkorb. Zwar legte sich mein Atem, aber ich wusste, das Mitch dort draußen auf mich wartete.

Mit zwei vorsichtigen Blicken, die jeweils rechts und links erfolgten, schritt ich zum Spiegel und dem grauen Waschbecken. Ich blickte hinein und entdeckte die blutroten Augen. In meiner Iris waren deutlich orangefarbene Fäden zu erkennen, die mein Aussehen noch blutrünstiger wirken ließen. Mit meinem Finger fuhr ich über meine rosige Wange. Sie wurden rötlicher, der Rest verblasste dadurch, sodass anschließend die dunkelbraunen Haare eine rubinfarbene Röte annahmen.

Meine Dämonin wollte sich vollkommen enthüllen. Mit ihrer Verwandlung würde sie mich zur Zielscheibe der Regierung machen. Selbst an diesem ungewöhnlichen Ort.

Die Membran brannte wie loderndes Feuer unter der Haut.

Es pulsierte, schoss Blut in meine Adern und sorgte für mehr Energie. Mein Ansatz nahm mit zunehmender Stärke an roter Farbe an. Mein Haar verlor den Glanz. Das Rot hingegen leuchtete wie eine Flamme in der Dunkelheit. In meinem Kiefer bildeten sich die vier zusätzlichen Backenzähne, meine Eckzähne wurden spitzer und schärfer.

Bald darauf war die Dämonin vollkommen zum Vorschein getreten. Es fehlten nur die noch die Schattenschwingen. Es waren düstere, schwarze Flügel, die eher einer Harpyie ähnelten. Sie wollten sich aus meinem Rücken drücken, aber wehrend stellte ich mich ihnen entgegen.

In einem schnellen Zug riss ich meinen schwarzen Mantel von mir, dabei fiel ein goldener Knopf ab und fiel klirrend zu Boden. Meine Bluse musste ich eben für die Verwandlung opfern, falls ich es nicht schaffte das Ausbrechen zu verhindern.

Schmerzhaft umklammerte ich das Becken, unterdrückte den Willen, aber die Dämonin war zu stark. Meine dünne Haut riss zu zwei nebeneinander liegenden Spalten auf, prächtige, unzerbrechliche Knochen wuchsen aus meinem Rücken. Es fühlte sich unangenehm druckvoll an. Unter der Membran bildeten sich die schwarzengrauen Harpyienfedern.

Schließlich hielt ich es nicht länger aus und sie explodierten aus meinem Rücken. Es ertönte ein sehr dumpfer Knall, der sich wie ein lauter Schlag beim Ausschütteln der Bettdecke, anhörte. Dabei zerriss es meine komplette Bluse am Rücken. Das Grau schimmerte im gleißenden Lichtschein und mir tropfte eine Schweißperle von der Stirn.

Sie hatten sich noch nie so prachtvoll entfaltete. Ihre Größe schien den kompletten Raum zu füllen. Als ich sie austreckte, berührte ich die Decke über meinem Kopf, die nicht höher als zwei Meter war.

Im Spiegelbild musste ich meine Tränen unterdrücken. Allein bei der Vorstellung, dass jemand zum unpassenden Zeitpunkt durch die Tür kommen könnte, die Regierung davon Wind bekam und meine Tage gezählt waren, ließ mir einen kühlen Schauer über den Rücken laufen.

Hechelnd lockerten sich meine Finger am Beckenrand und mein Blick fiel erneut auf die Flügel. Beim Anbetracht ihres Aufbaus glänzten sie am höchsten Punkt am Schwärzesten. Sobald man sich jedoch zum unteren Bereich wandte, erkannte man das tiefe, silberleuchtende Grau.

Die rubinroten Haare verschmolzen mit meinen Augen. Ein deutlicher Beweis für meine dämonische Gene. Warum eine Phyne? Wohin gehörte ich? Was war ich wirklich? Eine Dämonin? Eine Magierin? Oder etwas so Abstruses, das die Regierung mich deshalb jagte. Eine Existenz dessen Leben schon von Beginn an zum Tode verurteilt wurde. Eine leichte Beute mitten im Rudel der Wölfe. Sie hungerten alle nach dem saftigen Fleisch - dem Geld, das die Regierung als Belohnung für einenPhyne erstattete. Meine Gestalt hatte sich in einer Sackgasse verwandelt, besser gesagt, in meinem Versteck, das von Hungernden bewacht werden würde.

Die Slumbande.

Wahrscheinlich suchten sie mich noch immer. Es könnte noch eine Weile dauern bis sie ihre Suche aufgaben und nach Hause zurückkehrten.

Mitch war in allem hartnäckig. Es konnte ihn fast niemand überzeugen oder davon abhalten. Schon in der Schule ging ich ihm aus dem Weg, wollte Provokationen vermeiden und keinen schlechten Eindruck bei den Lehrern hinterlassen, den sie sowieso schon von mir hatten.

Da hörte ich Schritte. Leise, aber schnell. Mein Kopf fuhr hoch und angespannt krallten sich meine Hände an den Beckenrand. Mein Herz begann gegen meinen Brustkorb zu hämmern und eine tobende Angst verstärkte die Instinkte meiner Dämonin.

Ich beschloss mich zurückzuziehen, was dem Willen meines zweiten Ichs widerstrebte und versteckte mich in einer der neuen Kabinen.

Jemand betrat die Toilette.

Ein Schritt. Vermutlich auf den Beckenrand zu. Die Stellung, die ich gerade eben besetzte.

Die Tür fiel zu. Stille.

Ich versuchte meinen Atemrhythmus zu regulieren und ihn auf seine ursprüngliche Form zu reduzieren, aber die Aufregung verhinderte mein Vorhaben. Meine Kehle schrie nach Wasser. Winzige Stellen im Hals fühlten sich wie gebrochen und gerissen an, als ich immer mehr Luft einsog.

Dann ein Seufzen. Ein Männliches. Es schauderte mich und ich wollte nicht wissen, wer sich in die Toilette gewagt hatte, ohne seine Geschäfte dort zu erledigen. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, als ob er nicht hierhergekommen wäre, um zu urinieren.

Drei weitere Schritte. Er schien vor meiner Kabinentür zu stehen. Ob er mich bemerkte? Woher wollte er wissen, dass hinter der Blockade eine dämonische Phyne stand, die nur darauf wartete endlich den ersten, vielleicht sogar tödlichen, Streich auszuführen.

Ein kaum wahrnehmbarer Atemzug durchstreifte den Raum. Durch meine extrem sensiblen Sinne konnte ich durch genaues Konzentrieren einen kalten Atem erhaschen. Eiskalt. Er hörte sich wie mikrokleine Eissplitter an, die gegeneinander schlitterten und so einen grellen, klirrenden Ton ergaben.

Jetzt verstand ich es auch. Die Person, die hinter der fünf Zentimeter dicken Kabinentür stand, war ein Vampir. Keine andere Person atmete Eiskristalle aus. Niemand anderes konnte sein Herz so ruhig und lautlos schlagen lassen wie das eines Blutsaugers. Was tat jemand wie er in dieser Stadt? Magier hassten diese Wesen. Sie galtenals unfreundlich, inkompetent und aufdringlich. Auch wenn die Regierung selbst, der Rat, dessen Bestand aus einem jeder Wesensart war und somit auch einem Vampir, hieß das noch lange nicht, dass das restliche Volk deren Befehle Folge leistete. Es gab keine Rasse die sich mit einer anderen in Verbindung setzte oder deren Hilfe erwies. Jede Art war von der anderen absichtlich isoliert.

Deshalb durften die Wesen nur mit bestimmten Papieren die Grenze überschreiten und durch eine Aufenthaltsgenehmigung in ein anderes Land reisen. Jede Rasse, bis auf die Meermenschen, waren den restlichen Wesen feindselig und abweisend gegenüber. Das unsoziale Verhalten führte in manchen Städten zu Streik, von Streik zu Meinungsverschiedenheiten, von Meinungsverschiedenheiten zu gesetzlichen Verhandlungen und schließlich von gesetzlichen Verhandlungen zum Krieg.

Die Regierung hatte hierfür eine einfache Lösung. Unterdrückung und Angst. Das bedeutete Säuberung, die den Ländern zeigte, dass für Gerechtigkeit gesorgt wurde und die Streitigkeiten geschlichtet werden sollten.

Der Vampir rüttelte mich aus meinen Gedanken als ich bemerkte wie sein Zeigefinger über die Kabinentür schleifte.

Er hatte meine Tarnung durchschaut. Aber sollte ich nun herauskommen? Oder ob er doch noch verschwand? Ließ er mich mit meinem dämonischen Aussehen zurück?

 

4 - Kalte Aura

Vampire hatten einen genauso ausgeprägten Sinn. Besonders ihre Reflexe waren so unglaublich schnell, das selbst meine dämonischen Fähigkeiten ihnen nicht Folge leisten konnten. Dass die Kabinentür nicht geöffnet wurde, geschweige denn, aufgedrückt wurde, erleichterte mich.

Durch meine stetige Angst hatte ich nicht bemerkt, dass meine Flügel nur wenige Zentimeter über der Kabine hervorragten. Mein Körper zuckte erschrocken, als hätte mich jemand erschreckt und ohne das kleinste Geräusch zu verursachen, zog ich die Schwingen an mich. Eine einzelne Feder löste sich und segelte leise zu Boden. Meine Ohren vernahmen den weichen, für einen Magier nicht vernehmbaren, Aufprall.

Dabei spannten sich all meine Muskeln um einen Grad höher. Sie zitterten. Ich bebte.

Dann spürte ich wie der Zeigefinger begann druckvoll die Kabinentür aufzustoßen. Das Metallschloss gab einen kleinen klirrenden Ton von sich und ich wusste, dass der einzelne Finger reichte um sie aufbrechen zu können. Die eiskalte, harte Haut des Vampires streifte an dem Holz der dünnen Kabinentür entlang.

Es knackste. Das Holz begann sich zu spalten und würde bald komplett in zwei Hälften zerfallen.

Aus Angst drückte ich leise gegen die Wand und der Druck verstärkte sich. Jetzt hieß es; wer war stärker? Eine Dämonin oder ein Vampir?

Der Kampf startete und das Holz wurde durch eine noch unglaublichere Kraft zusammengedrückt als es hergestellt worden war.

Ein Dämon war das komplette Gegenteil eines Vampires. Ihnen war keine Freundschaft gewährt worden. Der einzige Grund zwischen den beiden Rassen war das Verteidigen ihrer eigenen Art. Sobald meine flammende Haut sein brüchiges Eis berührte, fügte er mir Schmerzen zu. Das war der Nachteil bei einer Phyne. Deshalb konnte man von ewigen Todfeinden ausgehen. Ein vollwertiger Dämon war nicht einmal fähig - Ausnahme mit einem Handschuh - einem Vampir die Hand zu schütteln. Ihre Haut würde zu Staub zerbröseln.

Abgesehen von einem Phyne. Seine vermischten Gene war anders verstrickt und erkonnte sogar in einer Dämonengestalt das kalte Eis berühren ohne einen Schaden davon tragen zu müssen. Vorausgesetzt der Vampir war ebenfalls ein Phyne.

In meinem Hals glitt der Speichel hinunter, der mit einem lauten Glucksen die Aufmerksamkeit des Vampires erregt hatte. Denn sein Druck lockerte sich und er ließ seinen Finger von der Kabinentür.

Die Angst stieg weiter in mir an, was meine Dämonin nur stärker werden ließ. Ich befürchtete, dass die Flügel noch weiter anwuchsen und meine Haare zu leuchten begannen. Weitere Anzeichen auf meine momentane Gestalt wäre ein verheerender Fehler.

Außerdem gäbe es noch meinen Vater, der vermutlich schon am Bahnhof auf mich wartete. Auf den Ärger, den es sicherlich nach meiner Ankunft am Auto gab, konnte ich mich verlassen. Doch lieber ließ ich mir von ihm Stubenarrest geben, als mich später an die Regierung verfüttern zu lassen.

»Wie lange willst du dort noch köcheln?«, fragte plötzlich die mysteriöse Männerstimme und ich zuckte erschrocken zusammen. Sie klang keineswegs erzürnt oder unheimlich, sondern eher ungeduldig.

Ich schwieg selbstverständlich. Das Opfer eines Wolfes würde auch keine Antwort geben, wenn er fragen würde: Wie lang willst du dich noch in deiner Höhle verkriechen?

Ich konnte mich gut als Opfer bezeichnen in diesem Chaos.

Der Vampir gehört zwar nicht zur Slumbande, aber er war absichtlich hierhergekommen, als ob er mich gesucht hätte. Schon allein sein unvorhersehbarer und unnachvollziehbarer Entschluss hier aufzutauchen und so zu tun, als ob er mich kennen würde, ließ mich noch weiter in meiner Angst versinken.

»Bekomme ich noch eine Antwort?«, fragte er weiter und seine Tonlage änderte sich nicht. Er sprach gelassen und trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass es eine ganz schlechte Idee war überhaupt eine Antwort zu geben.

Stattdessen schluckte ich ein weiteres Mal. Seine Füße schritten einen Meter von der Kabinentür zurück, als ob er erwarten würde, dass ich mich hinter der Kammer zeigte.

Meine Flügel lagen hauteng an meinem Rücken. Die Federn wärmten mich. Die Atmosphäre um mich herum begann immer kühler zu werden. Ob der Vampir daran Schuld trug?

Der Abend war noch längst nicht vorbei. Von draußen spürte ich die Vibrationen einiger Schritte. Der Druck, den jeder einzelne Fuß ausübte, steuerte mit immer zunehmender Stärke auf die Herrentoilette zu. Es drangen keine Geräusche zu mir, lediglich nur das Beben der Füße. Die Atmosphäre wurde noch kälter.

»Hör zu, entriegle das Schloss, wenn du hier lebend raus kommen möchtest und drück dich an die Kabinenwand«, drang von der anderen Seite zu mir.

Der Türgriff wurde betätigt und ich wusste nicht was schlimmer sein sollte? Der Vampir wirkte keineswegs unbehaglich ... Es klang fast so als ob er mir helfen wollte.

Durch meine immer noch währende Angst sah ich keinen anderen Ausweg als tatsächlich das Schloss zu öffnen und mich an die Kabinenwand zu drücken. Er konnte nun hineinkommen.

Die Tür wurde ruckartig geöffnet und Mitch betrat die Herrentoilette. Sein Schnauben ertönte im Raum und anscheinend hatte er den Vampir entdeckt. Seine Aura war deutlich zu spüren. Sie vermischte sich mit der kalten Atmosphäre des Vampirs.

»Hey, du da!«, rief Mitch und ich hörte das Schleifen der Füße seines Gegenübers, die sich zu ihm umgedreht haben mussten. Dann kehrte Stille in den Raum. Zuerst hatte ich eine Fortsetzung von Mitchs Worten erwartet, aber stattdessen schwiegen beide.

Nach wenigen Sekunden gab Mitch eine schwächelnde Kurzantwort von sich. »Schon okay.«

Aber er verließ nicht den Raum, sondern schlenderte zum Waschbecken hinüber, um sich die Hände zu waschen. Jetzt durfte der Vampir nicht tatenlos zusehen, sondern musste versuchen so schnell wie möglich unauffällig zu handeln.

Wie bei einem Gedankenaustausch trat er auf meine offene Kabine zu und berührte dessen Türe. Langsam schob er sie auf und ein Lichtspalt erstreckte sich auf der gegenüberliegenden Seite der Wand. Ein Fuß betrat meine Kabine.

Durch mein unpassendes Aussehen versuchte ich meine Schwingen hinter dem Rücken zu vergraben. Aber ihre Größe war zu überwältigend, sodass an den Seiten noch einige Federn herausragten.

Nach dem Fuß folgten der zweite, der Rücken und anschließend der restliche Körper. Er schloss die Kabinentür und blieb mit dem Gesicht zur Wand neben mir stehen. Er hatte mich nicht einmal eines Blickes gewürdigt.

Doch dann schoss es mir durch den Kopf. Dieser Typ da mit dem grauen Kapuzenpullover und der blauen Jeans ... War das nicht der Kerl aus dem Zug?

 

5 - Feuerfeste Flucht

Ich zog meine Schultern zurück und hielt die Luft an. Aus meiner Nase rann der letzte Atemzug.

Gleich würde er sich zu mir umdrehen, mir in die Augen schauen und wissen, wer ich war. Eine Gänsehaut breitete sich auf meiner heißen Haut aus. Aber laut seiner Worte deutete alles daraufhin, dass er mich schon vorher kannte. Sein Starren im Zug war also beabsichtigt? Ob er mir gefolgt war? Aber wie sollte das möglich sein? Wenn überhaupt, dann sah er mich in Maggon aussteigen.

Der Verwirrungsgrad in meinem Kopf nahm stark zu. Alles überkreuzte sich, passte nicht zusammen oder hörte sich verdreht an. Verdammt! Wer war dieser Vampir?

Mitch stöhnte auf. Seine Füße schlitterten über den Boden und begaben sich in Richtung Ausgang. Noch für einen Augenblick lang stoppte er und lief auf unsere Kabine zu. Der Schatten seiner Beine drang zu unseren Füßen. Womöglich fragte er sich warum es so still blieb. Was sollte man sonst in einer Toilettenkabine tun? Rein theoretisch; aufs Klo gehen!

»Ich bin zwar ein Magier, aber noch lang nicht dumm. Hier ist es arschkalt! Denkst du ich bin blöd? Wer bist du?«, rief Mitch überraschenderweise.

Mein Körper zuckte ruckartig zusammen, als ob mir jemand einen Stromschlag verpasst hätte. Selbst in meinen ängstlichen, überhitzten Körper drang Kälte hinein. Meine Flügel kitzelten, denn sie wollten davon fliegen. Wenn über mir bloß keine Decke wäre!

Doch der Vampir schwieg und der Kreislauf wiederholte sich. Jetzt waren schon zwei Hasen in ihrer Höhle gefangen und der Wolf lief hungrig auf und ab. Er gab nicht auf und bewachte weiterhin die Kabine.

Aber Mitch war ziemlich ungeduldig und schlug nach einer knappen Minuten gegen die Kabinentür. Der halb dumpfe, halb laute Knall veranlasste mich dazu reflexartig meine Ohren zuzuhalten. Sogar der Vampir zuckte erschrocken zusammen.

Aber auch ihn machte Mitchs Verhalten wütend. Da schloss er die Kabine auf und ließ einen Lichtspalt hindurchbrechen.

Da sah ich seine Augen zum ersten Mal. Sie leuchteten wie das Aufblitzen einer Rakete. Die Iris war eisblau. Seine restlichen Proportionen waren zu schattig und dunkel um sie erkennen zu können. Aber die Augen ließen für einen Moment meine Angst verfliegen, da sie mir eine gewisse Sicherheit gaben. Sie hypnotisierten mich.

Auf seinen geröteten Lippen bemerkte ich ein kleines Lächeln. Er schien Mitch als unwürdigen Gegner zu betrachten. Damit hatte er auch vollkommen Recht. Magier konnten nur mächtig sein, wenn sie die Zeit dazu hatten ihre Sprüche aufzusagen. Aber ein Vampir war so schnell, dass es dafür meistens zu spät war.

Er lief aus seiner Höhle. Direkt zum Wolf und schaute ihm in die Augen. Die Tür klappte wieder zu. Mitchs Füße schleiften über den Boden.

»Wusste ich es doch. Diese Aura ist so unglaublich auffällig, dass sogar jedes normale Wesen deine Anwesenheit bemerken könnte. Vampiren ist es ohne Erlaubnisbescheinigung nicht gestattet sich in der Öffentlichkeit der Magierstadt aufzuhalten. Sag an, Vampir, was willst du hier?« Es herrschte eine kurze Stille, aber ich spürte, das Mitch ungeduldig auf seine Antwort wartete. Aber der Vampirschwieg weiterhin, was mich verdutzte. Mitch hasste es warten zu müssen.

Plötzlich ächzte und keuchte Mitch. Ich stieß mich erschrocken von der Wand ab und es hörte sich so an als bekäme er keine Luft. Erstickte er gerade? Was ging da draußen vor sich?

Meine Hände zitterten und ich streckte meine Flügel gegen die Kabinenwände. Langsam schritt ich zur Tür und öffnete sie unauffällig. Aber der Vampir stand nur starr da. Mit den Händen in den Hosentaschen schaute er anscheinend zu Mitch, den ich von meiner Position aus nicht sehen konnte.

Er hechelte noch immer, japste nach Luft und fiel schließlich zu Boden. Es blieb still und dann drehten sich dieAugen des Vampirs zu mir. Durch den gleißenden Schein des grellen Lichtes erkannte ich nun sein Gesicht.

Makellose weiße Haut ließ sein Gesicht auf den ersten Blick unwirklich erscheinen. Sie war eiskalt und sonderte durch die Wärme und das Licht Dunst ab. Er war jedoch so hauchzart, das nur ein höheres Wesen, wie ich es war, ihnerkennen konnte. Das Blau in seinen wundervollen, perfekt geformten Augen leuchtete auf und er schob langsam seine Kapuze vom Kopf, als wollte er sich mir ganz entblößen.

Schwarze, kurze Haare ragten unter dem Pullover hervor. Sie waren seitlich nur auf wenige Millimeter kürzer als in der Mitte des Kopfes. Seine Wangen zeigten nicht einmal Stoppeln auf. Nur makellose, reine Haut.

Ich war völlig perplex bei solch einem Anblick. Er sagte auch nichts, sondern warf mir nur weiterhin wenige Blicke zu. Was nun?

»Wir müssen hier raus«, sagte er und reichte mir seine Hand. Ich konnte nicht. Es würde mich verletzten, wenn er meine Haut berührte. Das musste er doch selbst wissen. Meine Gestalt als Dämon war mehr als auffällig.

Stattdessen öffnete ich nur noch weiter die Kabine und zeigte meine vollkommene Gestalt. In seinen Augen erkannte ich einen Hauch von Verwunderung und Begeisterung. Es war so undeutlich und so unglaublich leise, dass selbst mein dämonisches Gehör seine Worte nicht verstand. Es klang wie ein »Wow«. Aber ich konnte mich auch verhört haben.

»Wirst du dich wieder zurückverwandeln können?«, fragte er und ich schluckte. Ob er ahnen konnte dass ich eine Phyne war? Wohl eher nicht. Dämonen trugen eine genauso menschliche Erscheinung in sich wie jedes andere Wesen. Menschen. Eine längst ausgestorbene Rasse.

»Ich versuch’s«, gab ich stotternd zu. Meine ersten Worte.

Ich lief zum Waschbecken und umfasste es wieder. Mit viel Mühe musste ich versuchen meine Flügel wieder einfahren zu können. Aber ich hatte zu große Angst. Enttäuscht ließ ich den Kopf hängen und bemerkte wie sehr meine Beine schlotterten.

»I-Ich kann nicht. Ich habe Angst.«

Daraufhin sagte er kein Wort, sondern deutete, mit einem passenden Gesichtsausdruck, zu warten. Ich hechelte und umfasste verkrampft weiterhin das Becken. Einen Dämon zu zügeln war weder einfach, noch praktisch ihn in sich zu tragen.

Ich seufzte.

Es dauerte nicht lange, da stand der Vampir mit einem Kleiderhaufen vor mir. Er war verdammt schnell. Ich hatte ihn erst gar nicht realisieren können, da war er schon in wenigen Millisekunden bei mir.

»Draußen läuft eine Magierbande umher und sucht-« Er schaute hinunter zu Mitch. »-ihren Freund.«

Dann warf er den Stapel zu Boden und zog eine Verbandsrolle in die Länge. Er schaute mich mit einem kalten Blick an und legte vorsichtig, mit viel Bedacht, seine Hand auf meine Flügel. Er berührte sie zart, als ob sie jeden Moment zerbrechen könnten. Ich zog sie nur ein kleines Stückchen an meinen Rücken, damit sie nicht allzu groß waren.

Der weiße Verband wurde an meine Flügel gelegt und mit viel Kraft presste er sie so gut es ging an meinen Rücken. Er wickelte es bis zu fünfzehn Mal um mich. Ich hob meine Arme nach oben. Jedoch sah man sie immer noch.

Ich blickte schockiert in den Spiegel und merkte wie nervös ich wurde. Die Slumbande stand immerhin vor den Toilettenräumen und suchte Mitch, der aufmir unerklärliche Weise zu Boden gefallen war.

»Was machen wir nun?«, fragte ich keuchend und drehte mich mit dem Rücken zum Spiegel. Die Flügelwaren geschickt zusammengebunden worden. Aber warum half er mir? Es gab im Kopf Fragen um Fragen, aber es war ein schlechter Zeitpunkt sie ihm alle zu stellen.

»Zieh das an«, forderte er mich auf und hielt mir eine dicke Winterjacke hin. Ich schlüpfte hinein und tatsächlich waren meine Flügel verschwunden. Nur auf einen genauen Hinblick erkannte man eine leichte Wölbung. Sie wirkte jedoch eher wie ein Buckel. Ich zog den Reißverschluss zu und nahm meine Tasche in die Hand. Ich wollte gerade mein Handy herausholen, als er es wieder hineindrückte.

»Später«, warnte er mich und nahm meine brennende Hand. Ich zuckte und spürte wie kalt sie war. Aber…

…das ist unmöglich! Ein Vampir und ein Dämon konnten sich nicht anfassen, es sei denn dieser Junge vor mir war ein Phyne. Ich konnte es nicht fassen und hielt erschrocken den Atem an. Wie versteinert starrte ich auf seine Hand und spürte das neue Gefühl auf meiner Haut. Die Faszination dieses Momentes kettete mich an den Boden.

Er zog kurz die Augenbrauen zusammen, als ob er hören könnte, was ich gerade dachte. Er nahm die Handnoch fester und entriss mich aus meinem Anker.

»Verhalte dich absolut unauffällig«, flüsterte er und flüchtete mit mir aus der Herrentoilette. Er drehte seinen Kopf zur Seiteund schloss konzentriert die Augen. Seine Lider zitterten. Sein Ohr zeigte in die Richtung des U-Bahn-Flures.

»Es sind vier Magier«, teilte er mit und riss seine Augen wieder auf. Mit einem prüfenden Blick auf mich zog er die Kapuze meiner Jacke über meinen Kopf. Dabei versteckte er die roten Haare in meiner am Rücken zerrissenen Bluse und strich wenige Strähnen hinter meine Ohren. Er zog den Reißverschluss bis zu meinem Kinn hoch und prüfte noch einmal alles nach. Es durfte nichts schief gehen. Sein Blick wanderte zum Flur und zum Schluss versteckte er sein Gesicht ebenfalls in seiner Kapuze. Sein Brustkorb hob und senkte sich.

»Bereit?«, fragte er. Seine Stimme klang nervös. Ich nickte. »Denk außerdem daran deine Augen zu verstecken.«

Ich hatte sie schon beinahe vergessen gehabt.

Er legte einen Arm um meine Schultern und zog meine Hand zu seinem Rücken. Er begann den ersten Schritt zu machen und ich tat ihm gleich.

Wir hatten den Flur erreicht und in der Ferne sah ich schon den ersten Slumagier uns entgegen kommen. Elena Sool. Es war die Zwillingsschwester von Mitch. Sie hatte den gleichen, grauenhaften Charakter wie er. Sprich, sie war ein weiblicher Mitch. Bis auf ihre Haare, die glatt schwarz waren und ihr in einem geraden Schnitt bis zum Kinn fielen, glichen sie sich bis ins kleinste Detail.

Ich schauderte, als ich nicht anders konnte und sie anstarren musste. Krampfhaft umschlang ich die Rückenmuskulatur des Vampirs. Er zog mich noch näher an sich heran. Die Tarnung durfte nicht auffliegen. Aber je näher ich ihr kam, umso tiefer sanken meine Lider. Sie durfte meine rote Iris nicht sehen.

Mein Herz pochte wie bei einem Trommelwirbel, immer schneller, je näher ich mich Elena näherte. Ich wusste, dass sie mich ausgiebig betrachtete und ihre inbrünstigen Blicke versuchten mein Inneres zu treffen. Aber ich blieb konstant und blendete ihre Anwesenheit aus.

Als wir an ihr vorbeigingen, hatte sie zum Stehen angesetzt und ich wusste sie schaute uns nach. Aber es fiel kein Wort. Die erste Hürde war offensichtlich überstanden. Noch wenige Meter und der Vampir bog mit mir in einen weiteren Flur ein.

»Nur noch eine Abbiegung und wir sind draußen«, flüsterte er so leise, dass nur ich es hören konnte. Ich spürte wie meine Flügel schrumpften. Die Angst schien langsam, aber sicher zu verschwinden.

Doch dann tauchten die nächsten Magier auf. Mason Bruck und Zero Loss. Der erste Magier mit seinen grünen leuchtenden Augen entdeckte mich, verhielt sich jedoch ruhig. In seinem Gesicht erkannte ich den frechen Ausdruck. Stimmt, er war das Omega dieses verfluchten Wolfrudels! Sein Blick musterte mich und so folgte Zero, der Eiskalte in der Gruppe. Er gehorchte seinem Alphaboss nicht und trotzdem sahen sie nicht ihn als Omega an. Im Gegenteil, denn er war ein starker und mächtiger Gegner. Ohne ihn hätte die Slumbande keinen berüchtigten Namen. Deshalb hieß es; Vorsicht walten lassen. Aber so viel ich mitbekam, interessierte Zero sich nicht für mich und betrachtete mich daher nicht als Feind. Das war ein riesiger Vorteil für mein Leben.

Aber der Vampir spürte seine Macht und umklammerte meine Schultern noch fester. Sogar meine dämonischen Alarmglocken begannen auf Hochtouren zu läuten. Zeros kalter Blick schien als brennender Schauer meinen Rücken hinunter zu gleiten. Ich senkte erneut meine Lider und unbesorgt und gemütlich liefen wir an den beiden vorbei. Aber auch ihre Blicke verfolgten uns. Ich war mir noch immer nicht sicher, ob es an der kalten Aura des Vampires lag oder an meiner glühenden, die unsere Körperausstrahlung bedeckt hielt.

Die letzte Abbiegung. »Dahinten ist schon der Ausgang«, sagte er und lenkte seinen Kopf zur Treppe. Vorhin traf ich von dort oben auf die Slumbande.

Aber dann tauchte die letzte und schrecklichste von allen auf. Victoria Cusina. Ihre beinahe schwarzen Augen entdeckten mich schon von der Ferne. Sie betrachtete uns mit Bedacht und ich hatte solche Angst, dass sie mich bemerkte. Ihre Zaubersprüche waren einfach einmalig. Aber sie konnte mit ihnen schlecht umgehen. Ich erkannte ihr Vorhaben, wenn sie ihre Lippen bewegte, und brauchte bloß einen Gegenzauber anzuwenden. Allerdings hatte ich schon das Gefühl von einem mir unerklärlichen Schild umgeben zu sein. Unauffällig schaute ich zu dem Vampir hinauf, der eine ausdrucklose Mimik aufgesetzt hatte. Seine Maske war unglaublich echtwirkend.

Ich machte wenige Schritte auf sie zu, versuchte langsamer zu gehen, aber der Vampir bestand darauf unser Tempo beizubehalten. Er hatte ja auch Recht. Victoria würde es auffallen, wenn sie die veränderten Schritte bemerkt hätte. Ich riss mich noch einmal zusammen, atmete ein und aus. Ihre schwarze Schminke ließ ihr Gesicht noch düsterer wirken.

Meine Lider waren ein drittes Mal gesenkt und ich schaute solange auf den Boden, bis wir an ihr vorbeigelaufen waren. Ihr stechender Blick ruhte nun in meinem Nacken, wobei sich meine Härchen aufgestellt hatten.

Wir hatten die Stufen betreten, kamen bis zur Hälfte. Meine Schultern wollte sich gerade entspannen, als ihre Stimme hinter uns erklang.

»Hey, ihr beiden!«, rief sie und der Vampir blieb mit mir stehen, ohne sich umzudrehen.

»Hab keine Angst. Lauf, wenn ich es dir sage, okay?«, flüsterte er wieder in einem extrem leisen Ton, den kein Magier verstand.

Er ließ von mir, meine Beine begannen wieder zu zittern und wurden weicher. Die Unsicherheit kehrte in mir zurück. Alles um mich herum wurde kälter.

»Ja?«, meldete sich der Vampir und stieg die Stufen wieder hinab. Er begutachtete sie dabei, aber Victoria ließ ihren Blick nicht von mir ab, bis er sich vor sie gestellt hatte und ihr die Sicht so versperrte.

Dann drehte er sich zu mir um. »Das Taxi steht schon oben.«

Das war wohl sein Zeichen. Ich schluckte, warf ihm noch einen ängstlichen Blick zu und versuchte gelassen die Treppen hinaufzusteigen. Mein Herz pochte und schlug wild gegen meinen Brustkorb. Ich konnte in allen Gelenken die pulsierenden Adern spüren. Mir wurde noch kälter.

»Stopp!«, ertönte hinter mir Victorias energische Stimme. Meine Beinen hielten ruckartig an, aber ich wollte mich nicht zu ihr umdrehen. »Ich will mit dem Mädchen reden.«

Dann ertönte ein deutliches Knurren aus der Kehle des Vampirs. Sogar mich durchzuckte es bei diesem bedrohlichem Ton. Victoria musste es nicht gehört haben, aber sie sollte vorsichtig sein. Schließlich hatte er Mitch in die Knie gezwungen.

»Was willst du von ihr?«, sagte der Vampir, aber seine Tonart klang wesentlich drohender.

Victoria ignorierte seine Worte und lief an ihm einfach vorbei. Sie stieg die Stufen hinauf. Mein Herz sprengte beinahe den Brustkorb. Alles in mir gefror zu Eis. Der Verband drohte an meinem Rücken zu reißen und ich atmete einen feurigen Atem aus. Ich blickte zu meinen Händen. Die Fingernägel verformten sich zu scharfen Spitzen. Die Verwandlung wurde immer dämonischer.

Da packte sie jemand blitzschnell an der Schulter. »Ich fragte, was willst du von ihr?«

Ich hörte wie Victoria einen Spruch aufsagen wollte, drehte mich zu ihr um und der Vampir hielt seine Hand in ihr Gesicht. Ein erschrockener, heiser Schrei entglitt ihren Lippen und ich sah wie sie erstarrt umfiel. Ihr Gesicht war zu Eis gefroren. Wie hatte er das gemacht? War das eine Vampirfähigkeit oder eine andere Macht von seiner zweiten Hälfte? Ich war verwirrt und schaute Victoria nach, die die Treppen hinunterschlitterte. Das Eis knackste als sie mit dem Gesicht auf dem Boden aufschlug.

Seine Augen blickten zu mir. Besorgt und panisch. »Lauf!«

Im selben Moment kamen Mason und Zero herbeigelaufen. Der Omega rannte auf uns zu und biss wütend auf die Zähne. Dabei gab er knurrende Töne von sich. Zero blickte mich auf der Treppe an und ich wusste, dass er keine andere Wahl hatte, als mich jetzt aufzuhalten. Immerhin lag Victoria vereist auf dem Boden.

Erst als der Vampir mir ein weiteren, auffordernden Blick zuwarf, setzte ich meine schlotternden Beine in Bewegung. Ich rannte die restlichen Treppen hinauf, als ich gegen eine Magiebarriere stieß, die mich wieder zurückschleuderte und ich dadurch beinahe die Treppe hinunter gefallen wäre.

Zero.

Niemand konnte Zaubersprüche so unauffällig aussprechen wie er. Wenn Victoria und er eins wären, wären sie der perfekte Magier. Mich schauderte der Gedanke davor.

Mason stieg schon die Treppen hinauf und wollte den Vampir angreifen, als dieser blitzschnell neben ihm stand und mit einer unglaublichen Kraft Mason hinunterstieß.

Zero hatte einen weiteren Angriff gestartet und hatte den Vampir in einem Magiekäfig eingeschlossen. Er war der perfekte Fallenleger.

Zero sah zu mir herauf. »Jolina, du interessierst mich eigentlich nicht die Bohne, aber ich werde den Vampir hier behalten. Ich lasse dich laufen.«

Ich schenkte seinen Worten Glauben, als ich merkte wie die Magiebarriere verschwand. Ich stand auf und lief hindurch.

Aber was tat ich denn da? Der Vampir, der Phyne, war nun in Gefangenschaft. Zero könnte ihn an die Regierung verfüttern. Dafür gab es eine fette Belohnung.

Das Rudel hatte den Hasen in seinen Klauen. Das durfte ich nicht zulassen und sprintete wieder die Treppen hinunter, als der Phyne mich anschrie. »Verschwinde von hier! Lauf jetzt!«

Ich zuckte zusammen. Wie wütend und aggressiv er nun klang. Das machte mir Angst. Sein Blick ließ mich schwächeln und ich blieb vorerst fassungslos stehen. »Worauf wartest du? Verschwinde endlich!«

Mein Herz zog sich zusammen. Mein Atem erstickte.

»Ich würde auf ihn hören. Victoria wird langsam wieder wach«, bemerkte Zero und zeigte auf die am bodenliegende Magierin, die sich langsam wieder regte. Verdammt! Was sollte ich bloß tun?

Schließlich und letztendlich gehorchte ich dem Phyne und rannte so schnell ich konnte die Treppen wieder hinauf.

Meine Beine hatten mich noch nie so weit getragen und da entdeckte ich am Parkplatz des Bahnhofes das glänzende, metalllackierte, schwarze Auto. Mein Vater stand mit verschränkten, muskulösen Armen davor. Er warf mir einen mürrischen Blick zu.

Ich blickte in seine trüben, hellblauen Augen. Er schüttelte bloß den Kopf und ließ sich die Autotür von einem Butler öffnen. Dieser ließ mich auch höflich einsteigen und das Auto fuhr los.

 

6 - Ein Phyne sein

Er schwieg. Die ganze Überfahrt lang. Wir parkten in unserem privaten Parkhaus und fuhren anschließend den Fahrstuhl zum obersten Stockwerk hinauf. Es war eine Art riesiges Penthouse. Ich hatte mein eigenes großes Zimmer in dem ich schweigend - über das Wohnzimmer, zum kleinen Flur, rechts in die Tür - verschwand. Sie schlug laut zu und ich warf mich seufzend in mein Wasserbett.

Als ich mir die Jacke und den Verband vom Leib riss, war ich froh dass mein Vater die Verwandlung nicht bemerkt hatte. Er wäre außer sich gewesen. Die Kleidung drückte ich in den Papierkorb und ich konnte mich ohne Schmerzen leicht zurückverwandeln. Ich blickte in den Spiegel und war wieder ich selbst.

Mein Zimmer sah noch halbwegs normal aus. Der restliche Teil des Penthouse, das im fünfundzwanzigsten Stockwerk lag, war wie eine Luxuswohnung. Die neusten Möbel, neuste Technik und allerneuste Designerausstattung. Mein Vater musste die Wohnung so gestalten. Immerhin wollte er seinen Status irgendwie kennzeichnen.

Die restlichen Stockwerke waren seine Firma. Das war praktisch. So hatte er es nicht weit zu seinem Arbeitsplatz. Wobei ich mich auch noch wohl fühlte, war, dass nur ich und mein Vater hier wohnten. Hausfrau Susan kam dreimal die Woche und putzte den ganzen Tag. Selbst wenn es für manche recht einsam klang, war es für mich das ideale Zusammenleben.

Es klopfte an meiner Tür und mein Vater trat ein.

»Jojo, wir müssen mal reden«, meinte er und setzte sich zu mir ans Bett. Ich starrte stattdessen, auf der breiten Fensterbanksitzend, hinaus zur Stadt. Nachts war sie wunderschön.

»Wie kommt es das du dich erst eine halbe Stunde später meldest? Ich habe dich per GPS finden können. Ich würde gerne eine Erklärung dafür haben.«

Was sagte ich nun? Lügen war meine einzige Möglichkeit. Wenn er die Wahrheit erfuhr, durfte ich nur noch mit Bodyguards unterwegs sein.

»Ja, das war eine ganz dumme Sache. Es war so voll im Zug, dass ich nicht raus kam und erst eine Haltestelle weiter aussteigen konnte. Ja, und ab da habe ich den Ausgang gesucht und vergessen auf mein Handy zu schauen.«

»Im Ernst?«

Ich nickte.

Natürlich verriet der misstrauische Blick meines Vaters mir, dass er mir kein Wort glaubte. Aber er kannte mich zu gut und wusste, die Wahrheit musste er schon selbst herausfinden. Damals hatte er mir schon einmal nachspioniert. Seitdem herrscht eine eisige Spannung zwischen uns.

»Okay«, meinte er und stand auf. »Dann will ich dir mal glauben.«

Er schaute noch ein letztes Mal zurück und ich wartete bis er aus der Tür verschwunden war. Im Auto hatte ich fünfzehn Anrufe in Abwesenheit und 24 SMSenempfangen. Sie waren alle von meinem Dad, bis auf eine.

 

Hey, Jojo!

Morgen ist Freitag und bei Ben steigt eine Party. Schreib mir mal wenn du kannst. Ich würde gerne wissen, ob du Zeit hast. Das wird richtig lustig.

 

Julchen

 

Ich räusperte mich und las sie ein zweites Mal durch. Klar würde ich dort hingehen wollen, aber selbst bei meinen achtzehn Jahren würde mein Dad es mir verbieten. Er drohte mir ansonsten mit dem Geldhahn und der musste schön offen bleiben.

Ich stand vom Bett auf und lief ins Wohnzimmer wo mein Vater gemütlich fern schaute. Ich stellte mich neben das Sofa und er schaute mich aufmerksam an. Nervös knetete ich an meinem Shirt herum.

»Hey, kann ich morgen mit Julia zu einer Party?«, fragte ich höflich und versuchte bittend zu klingen. »Ich bin dieses Mal auch nicht wieder so spät da.«

Er seufzte. »Weißt du was ich mich auf der Autofahrt gefragt hatte? Die Jacke die du getragen hattest, kannte ich nicht an dir und dann dein seltsames Sitzen. Gerade als du es nicht bemerkt hattest und zu sehr in deinen Gedanken warst, blickte ich dir ins Gesicht. Ich wusste, ich hatte mich vorhin nicht versehen. Deine Iris war rot. Du hast dich also doch nicht unter Kontrolle.«

Oh nein. Hoffentlich heuerte er nicht wieder jemanden an, der mich als Phyne trainierte. Diese Leute arbeiteten natürlich auf illegaler Basis, aber sie bekamen dafür richtig viel Geld.

Ich senkte enttäuscht meinen Kopf und spielte an meinen Fingern.

»Wenn ich es dir gesagt hätte, dann müsste ich wieder mit so einem Phyne-Trainer üben und das wollte ich nicht. Außerdem war es eine Notsituation, ich-«

Er sprang vom Sofa auf und blieb mit einem kalten Gesichtsausdruck vor mir stehen.

»Notsituation?«, wiederholte er und packte mich an den Schulter. »Wurdest du gesehen in deiner Gestalt? Hat dir jemand nachspioniert? Woher wussten sie von dir? Du wirst mir jetzt jedes einzelne Detail erzählen!«

Ich riss mich los und zog meine Augenbrauen zusammen. »Mir geht es gut, okay?« Ich atmete genervt aus. »Behandle mich nicht wie ein kleines Mädchen. Ich bin schon erwachsen und weiß was gut für mich ist. Niemand hat etwas mitbekommen.«

Naja, das stimmte auch nicht wieder. Der Phyne, der sich zum Schluss für mich opferte, wusste von mir. Aber er hätte sich selbst verraten, wenn er mich verpfiffen hätte. Die Slummagier konnten ihn verraten. Hoffentlich konnte er entkommen und wenn nicht, dann war er höchstwahrscheinlich der Regierung untergejubelt worden. Wie konnte ich bloß wegrennen? Sehr feige von mir!

Ich spielte mit dem Gedanken morgen nach der Schule zurück in den Slum zu fahren. Aber dieses Mal wäreich gewappnet. Ich würde mir meine kaputten Sachen anziehen und keine Duftmittel benutzen. Vielleicht lief er mir über den Weg. Immerhin musste ich mich noch bei ihm bedanken.

Mein Vater tippte meinen Arm an. »Hast du eigentlich eine Ahnung was sie mit Phynen machen? Sie werden an einem so grausamen Tod sterben, dass sie sich wünschennie geboren worden zu sein.«

Es erstaunte mich, dass er die Worte mit solch einer Kraft sagen konnte, ohne dabei in Tränen auszubrechen. Mein Vater litt schon all die Jahre darunter eine Tochter wie mich zu haben. Ich schwor mir ihm dieses Leid eines Tages ersparen zu können. Schon oft dachte ich deswegen an Selbstmord.

Abrupt griff er meine Schulter und zwang mich ihm in seine Augen zu schauen.

»Jolina, ich mache mir doch bloß Sorgen. Ich habe alles getan, damit du ein gutes Leben führen kannst. Ich besorge dir Nachhilfelehrer, Phyne-Trainer, fördere jeden Sport den du gerne machst und wieso habe ich das Gefühl, das ich dich eines Tages verlieren werde?«

In seinen Augen stauten sich Tränen und sie wirkten glasig. Er verschwand in die Küche und ich folgte ihm. Es tat mir weh ihn so leiden zu sehen. Das wollte ich nicht und griff zu meinem Handy.

 

Hey Julchen

 

Sorry, du musst mit Louisa gehen. Ich kann nicht. Bis Morgen in der Schule.

 

Jojo

 

Ich sah wie Dad sich vor das Waschbecken stellte und krampfhaft seine Hände um den Thekenrand schlang. Ich konnte hören wie eine Träne auf dem Metall im Becken aufschlug.

»Ich habe Angst um dich, Jolina. Heute war ein grausamer Tag und ich hatte wirklich Panik. Ich habe so furchtbare Bilder in dem Monat der Säuberung gesehen, dass es aus mir ein anderes Wesen machte. Die Angst ist noch immer da und ich kann mit ihr nicht leben. Jeden Tag hoffe ich darauf, dass jemand von der Regierung Phynes akzeptieren könnte. Aber diese Hoffnung ist vom Aussterben bedroht.« Er sog Luft in sich und wusch sich die Tränen aus den Augen. Ich hatte ja keine Ahnung dass er so darunter litt. Ich bereute diesen Tag.

»Deine Mutter hat dein Leben mit ihrer Entscheidung verflucht. Als sie dich zur Welt brachte, konnte ich spüren wie sehr du unter deinem Leben leiden würdest. Ich bereue jede Sekunde die ich mit dieser Frau verbracht habe.«

»Aber mein Leben ist doch nicht verflucht. Mir geht es gut, Dad.« In einem gewissen Punkt stimmte diese Aussage auch nicht. Denn mir ging es keinesfalls gut. Ich hasste mein Leben. Ich war eine miserable Schülerin, hatte gefährliche Feinde und hatte in meiner VergangenheitDinge getan, deren Erinnerungen ich noch heuteversuchte zu verdrängen. Mein Leben bestand nur aus tausenden von Reuen und Sünden. Nur wollte ich das nie meinem Vater sagen, das würde ihn wahrscheinlich umbringen.

»Jolina, versprich mir das du aufpassen wirst«, sagte er ohne ein Schluchzen in seiner Stimme. Ich nickte lächelnd und lief auf ihn zu. Meine Arme umschlangen seinen Oberkörper.

»Versprochen, Dad. Ich hab dich lieb.«

»Ich hab dich auch lieb, Kleines.«

 

Den restlichen Abend verbrachte ich in meinem Zimmer. Ich schaute Fernsehen und dachte nur an diesen Phyne. Ich könnte mich selber dafür treten, dass ich ihn tatsächlich allein gelassen hatte. Ob er entkommen war? Zero ist wirklich mächtig. Ich konnte den Vampir natürlich nicht einschätzen, aber dasser noch immer in ihren Klauen war, war durchaus möglich. Ich musste ihn unbedingt wieder sehen, mich bei ihm bedanken und sicher gehen, dass er frei war. Sonst hätte ich eine weitere große Schuld auf meinen Schultern.

Ich sprang aus meinem Bett und suchte in meinem Schrank nach alten zerlumpten Sachen, die ich morgen mitnahm und nach der Schule heimlich anzog. Außerdem bräuchte ich einen Kapuzenpullover oder eine Jacke. Meine Identität musste geheim bleiben. Vor allen Dingen wenn die Slumbande mir erneut über den Weg lief.

Ich hatte alles Nötige eingepackt. Der nächste Tag konnte beginnen.

 

7 - Wiedersehen macht Freude

Ich wachte mit einem lauten Gähnen auf. Der Morgen war noch in ein dunkles Blau getunkt und die Straßenlaternen erleuchteten die Gehwege.

Der gestrige Abend hatte mich nicht schlafen lassen. Meine Gedanken kreisten zu sehr um diesen Phyne. Heftige Schuldgefühle beherrschten mich. Wenn ich ihn heute nicht wiedersehen würde, würde es mich mein restliches Leben verfolgen. Ich hasste Schuld. Selbst wenn ich damit groß wurde.

Mein Vater klopfte an und trat in mein dunkles Zimmer. Er schaltete das Licht an und lächelte munter.

»Guten Morgen, Jo.« An seinen halb offenen Augen konnte ich sehen, dass er selbst gerade erst wach wurde. »Soll ich dich zur Schule fahren lassen oder möchtest du den Zug nehmen?«

»Ich fahre lieber mit dem Zug.«

Seine Mundwinkel neigten sich. »Pass bitte auf dich auf.«

Ich seufzte genervt und nickte zögernd. »Ich werde auch mit dem Zug nach Hause kommen. So wie fast jeden Tag, Papa.«

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verschwand er durch die Tür. In schnellen Schritten stand ich an meinem Stuhl und zog mich rasch um. Die Sachen für heute Nachmittag ließ ich in einer weiteren Tasche verschwinden. Anschließend packte ich einige Bücher hinzu und lief zur Küche.

Morgens frühstückte ich nie, sondern packte lediglich nur ein paar gemachte Brote ein. Mein Zug fuhr in zehn Minuten. Aber ein Fahrer brachte mich in einem schwarzen Luxuswagen zum Bahnhof. Ich bekam den Zug gerade noch rechtzeitig und fuhr zur Schule.

 

Jemand schlug auf meine Schultern, als ich dabei war die Tasche für später in meinem Spind zu verstauen.

»Jo!«, rief Julia und ihre naturblonden, gelockten Haare fielen nach vorne, als sie sich zu mir herunter beugte. Sie verliefen knapp über ihre Schulter. Mit einem schwarzen Spängchen steckte sie sich ihren Pony zur Seite. »Habe gestern deine SMS erhalten. Darf ich fragen warum?«

Als ich meinen Oberkörper wieder nach oben beförderte, den Spind zuschlug und sie anschaute, seufzte ich ratlos. Was sollte ich ihr sagen?

»Mein Vater erlaubt es mir nicht und ich habe Angst, dass er meinen Geldhahn zudreht.«

Julia schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln blieb bestehen, so wie immer. »Das ist wirklich schade. Louisa meinte sie könnte erst später kommen, also muss ich mich ihr anpassen.« Sie schlug kumpelhaft an meine Schulter. »Egal! Das nächste Mal kannst du bestimmt und Bens Party wird bestimmt nichts Besonderes.«

Ich mochte es, wenn sie versuchte mich dennoch aufzumuntern. Aber ganz ehrlich? Ich hatte andere Sorgen, schlimmere, um genau zu sein. Der Phyne ließ mich nicht los. Er bohrte sich regelrecht in mein schlechtes Gewissen hinein. Er hatte all meine anderen Gedanken aufgegessen. Julia wollte ich auf keinen Fall etwas davon erzählen. Sie war die Einzige, die wusste, was ich in Wirklichkeit war. Nach ihrer Aussage zu urteilen, fand sie meine Art cool.

In der Klasse blickte mich Frau Backes mit einem höhnischen Grinsen an. Natürlich würde sie mir nun den vierstündigen Unterricht unter die Nase reiben.

Ich kam bei jeder Kleinigkeit dran. Sie stellte Fragen, ich musste antworten. Sie schrieb eine Matheaufgabe an die Tafel, ich musste sie lösen. Sie zeigte einen Zauber vor, ich musste ihn vorführen. Nervig!

Selbst die Klasse bemerkte es und Julia wandte sich flüsternd zu mir. Sie war seit der ersten Klasse meine beste Freundin und Banknachbarin. »Ich glaube sie will es dir heimzahlen. Vielleicht solltest du netter im Nachhilfeunterricht sein. Du bist ja die Einzige aus der Klasse, die Nachhilfe braucht.«

Ich rümpfte die Nase. »Das war nicht meine Idee.«

»Ich weiß.«

 

Die restlichen zwei Stunden verliefen ruhiger. Gott sei Dank. Länger ihrem Zorn ausgesetzt zu werden, hätte ich nicht durchgehalten. Frau Backes konnte wirklich furchtbar sein, wenn man sie nur dazu reizte.

Zum Schluss verabschiedete sich Julia noch von mir, wünschte mir viel Spaß fürs Wochenende und ich ihr für die Party. Als sie verschwand, packte ich heimlich den Rucksack aus dem Spind und schwang ihn auf den Rücken. Niemand war mehr in der Schule, abgesehen von den Ganztagsschülern, aber selbst die wareneher im Keller beschäftigt als auf dem Flur. Ich verschwand in die Damentoilette und zog mich schleunigst um. Die anderen Sachen packte ich in den Rucksack und zog ihn über meine Schulter. Die Schultasche ließ ich im Spind zurück.

Am Bahnhof drückte ich mein Gesicht tief in die Kapuze und stieg in den Zug. Es war wieder viel los und dieses Mal blieb ich in den Augen anderer unsichtbar, was mich aufatmen ließ. Ich saß im selben Waggon wie gestern. Allerdings saß kein Phyne auf der anderen Seite und beobachtete mich. So bescheuert wie es auch klang, ich vermisste in diesem Moment dieses Starren. Es hätte mir das Gefühl gegeben, das er in Sicherheit war und Zero ihn nicht mitgenommen hätte.

Als ich im Slum ausstieg,lagenderselbe Obdachlose und die dieselben Schmarotzer am Boden und auf den Bänken wie gestern. Es kam mir so vor, als ob ich den Tag wiederholen würde. Aber meine verdeckte Kleidung erinnerte mich daran, dass ich dieses Mal freiwillig hierher kam.

Es tat gut während meines Weges keines Blickes gewürdigt zu werden. Ich wurde ignoriert und nicht beachtet. Das ließ mich leise aufatmen.

Aber egal wie weit und lang ich durch die U-Bahn lief, der Phyne blieb verschwunden. Es machte mir Angst. Mein schlechtes Gewissen zerfraß mich innerlich. Wo steckte er bloß?

Nach wenigen Minuten entschloss ich mich an die Oberfläche zu gehen und ihn dort zu suchen.

Oben war alles in Schmutz und in einen Grauton getunkt. Auf den Straßen lagen Zeitungen, Abfall und auf den Gehwegen waren Pfützen. Mein rechtes Hosenbein war nass, da ich unvorsichtig in eine Lache trat. Ich fluchte murmelnd und lief anschließend zwischen den hohen Häusern hindurch. Sie hatten bis zu dreißig Stockwerke und waren alles Wohnungsgebäude. Aber der Verputz war kaputt, verdreckt und grau. In den Gassen standen Müllcontainer, die furchtbar stanken. Die nah beieinander liegenden Wände schienen mich zu erdrücken und verdunkelten meinen Weg. Der Himmel war in ein Schwarz getaucht, sodass bald Regen auftreten könnte. Die Fenster waren trüb und beschlagen. Ich konnte überhaupt nichts sehen und versuchte es erst gar nicht. Mein Alleingang durch eine dunkle Gasse zu wagen, war ziemlich lebensmüde, aber durch meine Unsichtbarkeit interessierte sich niemand für mich. Sie wussten, dass ich weder in der Lage war etwas zu geben, noch etwas zu nehmen. Ein Niemand.

Aber auch dahinter waren nur eine weitere Straße und ein Hof. Diese beiden Sachen wurden von weiteren meterhohen Häusern erdrückt. Der Hof wurde mit ein paar Bäumen, einer einsamen Schaukel und einer Sitzbank bestückt. Eine trostlose und vor allen Dingen stille Gegend.

Ich lief dennoch weiter, folgte dem Weg und lief durch eine weitere Gasse. Da schoss circa sieben Meter weiter eine Tür auf und preschte gegen die Wand. Der laute Knall veranlasste mich, mich zu verstecken. Mein Rücken drückte sich neben dem stinkenden Müllcontainer an die Wand. Mein Herz schlug wild gegen meinen Brustkorb und drohte jeden Moment zu explodieren. Auch meine Dämonin kitzelte es und sie wollte wieder in mir empor steigen. Aber dieses Mal nicht!

»Ich schwöre, ich gebe es dir in zwei Tagen«, wimmerte eine etwas schwache Person. Es war eine Jungenstimme.

»Das hast du mir schon letzte Woche geschworen. Ich will das Geld sehen. Jetzt!«, brüllte eine andere Stimme, die auch männlich war, dennoch wesentlich brutaler klang.

»Bitte! Ich schwöre! In zwei Tagen!«, bettelte der Schwache.

»Morgen!«

Der Schwächling begann zu wimmern und weinen. Er hatte offensichtlich Schulden, was hier nicht wirklich verwunderlich war. Es war der reinste Slum. Hier herrschte nicht das Gesetz der Regierung, sondern das Gesetz der Straße. Fressen oder Gefressen werden. Der Stärkere gewinnt.

»Okay! Okay! Morgen, du hast mein Wort!«, gab der Schwache auf und anschließend schoss erneut die Tür zu. Ein leises Weinen drang zu mir und ich hatte wirklich Mitleid mit dem armen Jungen.

Ich beugte mich nach vorne, sodass ich um die Ecke schauen konnte. Er war gerade mal fünfzehn, wenn nicht, dann noch jünger. Wie konnte so ein kleiner Junge schon ums Überleben kämpfen, geschweige denn Schulden haben? Sein Weinen war mehr als mitreißend.

Ich kam aus meinem Versteck und lief leise zu ihm herüber, als ich meine Hand auf seinen Rücken legte, schrak er hoch und hielt die Arme über seinen Kopf. Ich spiegelte mich in hellblaue Augen wider und seine mittelbraune Haut gab den Schmutz nicht sofort zu erkennen. Seine schwarzen Haare verliefen in stufigen Abständen bis zu seinen Ohren und er trug nur Lumpen. Sein weißes Shirt war nun grau und am Ärmel eingerissen. Die dunkle Jeans war mehrmals repariert worden bis zu den Knie abgeschnitten und ausgefranst. Die Schuhe schienen am gepflegtesten zu sein. Es waren schwarze Turnschuhe, deren Sohle aus Gummi bestand.

»Wer bist du?«, fragte er zitternd und hatte seine Hände noch immer gehoben. »Bist du einer von Stens Leuten?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Aber sag mal, wie viel schuldest du denn diesem Typen, der dich vorhin angeschrien hat?«

Seine Lider sanken, sowie seine Arme. »Zu viel, um es bis morgen bezahlt zu haben.«

»Wie viel?«, fragte ich erneut.

»Warum interessiert dich das? Wer bist du?«, fragte er panisch und rückte weiter weg von mir.

»Du brauchst keine Angst zu haben. Beantworte mir nur meine Frage und ich bin weg.«

Er schluckte und schaute mich noch immer ängstlich an. »Zweihundert und vierzig.«

Ich zückte meinen Geldbeutel heraus und ließ dreihundert liegen. Anschließend verschwand ich und hörte noch wie der Junge nach dem Geld griff. Ich hatte viel zu viel in meiner Jackentasche. Aber dies war wirklich notwendig. Wer weiß, was aus dem Jungen morgen geworden wäre.

Als ich weiter ging, hörte ich erneut Stimmen, aber nur meine Dämonin nahm sie war. Sie drangen aus einem Gebäude in der Nähe.

Der Himmel verdunkelte sich und ich konnte mich frei bewegen, ohne Angst haben zu müssen, von anderen gesehen zu werden. Ich schlich mich näher an ein Fenster heran. Das Gebäude war nur verputzt worden und für den Anstrich hatte die Stadt wohl kein Geld mehr oder war dafür zu geizig. Ich lauschte angestrengt.

»Du hast ihn laufen lassen?«, schrie eine junge Frau. Sie kam mir bekannt vor. »Bist du komplett bescheuert! Wir hätten eine Million verdient!«

Jetzt fiel es mir wieder ein. Victoria.

»Bleib doch mal locker!« Mason. Die ganze Bande wohnte hier. »Wir hätten keine Chance gegen ihn gehabt. Hast du gesehen, was er mit Zero gemacht hat? Der ist übrigens noch immer am Schlafen!«

»Pah! Ihr beide seid einfach nicht fähig dazu gewesen. Ich hätte ihn locker ausschalten können.«

»Natürlich! Warte mal, wer lag als Erstes auf dem Boden...? Oh, das warst ja du!«

Victoria kreischte und verließ den Raum. Konnte es denn sein, das sie den Phyne meinten? Er hatte tatsächlich drei Magier außer Gefecht gesetzt? Wie? Das waren ernste Gegner gewesen. Unglaublich.

Aber dennoch konnten sie auch jemand anderen gemeint haben. Wie konnte ich den Phyne bloß finden?

Ich blickte zurück und entfernte mich langsam von dem Gebäude. Meine dämonischen Fähigkeiten waren meistens mehr als gut. Deshalb lauschte ich weiter. Meine Ohren verirrten sich bei manchen Familien, die gerade versuchten eine Krise zu überstehen oder einen Weg zu finden aus dem Slum zu kommen. Bei einem anderen Gespräch hatte ich ein Mädchen weinen gehört. Ich war im Elend gelandet.

Nach mehreren Minuten lief ich durch dieselbe Gasse, dort wo ich auch vorhin den Jungen angetroffen hatte. Er war nicht mehr da. Aber dann schoss urplötzlich erneut die Tür auf und drei Männer standen vor mir. Gleißendes Licht schien in mein Gesicht.

Der Kerl in der Mitte, dunkles Haar und braune Augen, grinste frech und zeigte mit dem Finger auf mich. »Was haben wir denn hier?« Die anderen zwei Kerle lachten widerwärtig mit. »Hast dich wohl verlaufen Püppchen, was?«

Ich ignorierte sie und lief einfach ohne ein weiteres Wort zu sagen weiter. Dann wurde mein kompletter Körper gelähmt. Verdammt! Das war ein Zauberspruch gewesen, den er sich im Kopf sagte. Das hieß meine Gegner waren offensichtlich nicht leicht. Aber mit einem schnellen Gegenspruch konnte ich wieder laufen, jedoch packte mich bereits einer am Arm.

»Wirst du wohl stehen bleiben?«

Sie zogen mich zu sich zurück und er umfasste meine beiden Handgelenke. Sein stechender Blick drang tief in meine Augen. Dann passierte es erneut. Ich hatte mich vor Angst nicht mehr unter Kontrolle und meine Iris färbte sich rot.

Das Gesicht des Kerls wurde immer blasser und er ließ langsam meine Handgelenke los.

»Verdammt! Wer bist du?«, fragte er und lief einen Schritt von mir. »D-Du bist ein Dämon!«

Ein finsteres Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. »Seid ihr euch da sicher?« Das war unüberlegt gehandelt. Gerade diese Aussage durfte ich nicht erwähnen. Jetzt wussten sie wer ich wirklich war. Denn durch meinen Gegenzauber plus meiner Aussage konnte man sich den Rest denken.

»Ein Phyne. Nein, wie passend!« Er grinste höhnisch zurück und blickte abwechselnd zu seinen Jungs. »Morgen werden wir reiche Männer sein, Jungs!«

Die anderen rückten näher zu mir und stellten sich angriffsbreit hin. Die Magier waren wirklich kein Katzensprung. Ich musste versuchen ihnen zu entkommen. Mein Illusionszauber würde hier wenig helfen. Durch die enge Umgebung und den mir unbekannten Ort konnte ich ihn nicht anwenden. Dafür konnten die Drei keine Schwächungszauber durchführen. Dagegen war meine Dämonin immun.

»Schnappt sie euch!«, befahl derdunkeläugige Kerl und ließ seine Hunde auf mich los. Sie traten vor mich und in ihren Augen konnte ich erkennen, dass sie gerade an mir einen Spruch auslassen wollten. Ich wich zurück und erstellte mir zwei Barrieren, die jeweils nur einen Zauberspruch abwehrten. Ich hörte wie sie sich auflösten, doch dann drückte mich etwas Unsichtbares gegen die Wand. Natürlich, es gab einen dritten Zauber. Ich hatte auch noch raffinierte Gegner vor mir stehen. Im nächsten Moment sprach jemand einen Bannspruch. Meine Reaktion war zu langsam und ich konnte für die nächsten Minuten keinen Zauber aussprechen. Die Beute war in den Klauen der Hunde.

Als ich um die Ecke schaute, entdeckte ich den kleinen Jungen, der mich mit großen Augen ansah und anschließend davon lief. Es war auch besser so. Gegen die Drei hatte er keine Chance.

Meine Arme waren mit dem Handrücken, neben meinen Beinen, eng an die Wand gepresst. Ich konnte mich keinen Zentimeter rühren. Der Zauber war zu stark, vor allen Dingen ging er von allen Drei aus. Das war heftig.

»Sten, was nun?«, fragte einer seiner Gefolgsleute. Jetzt wusste ich auch wovor der Junge weglief. Ob er Sten das Geld schon überreicht hatte?

Er hob seine Hand trat hautnah zu mir und riss langsam die Kapuze von meinem Kopf. Er griff zu meinen Haaren und zog sie fest an. Ich unterdrückte einen Schrei.

»Phyne hin oder her. Du bist absolut schwach. Du hast nicht mal die Chance gegen drei Magier anzukommen. Dafür wirst du mir aber zu meinem Reichtum verhelfen.«

Noch wenige Sekunden und der Bannspruch hatte seine Wirkung verloren. Allerdings löste sich der Fesslungsspruch zuerst auf und ich musste versuchen einen von ihnen daran zu hindern, einen Spruch im Kopf aufzusagen. Da begann der Fehler der Magier, einer von ihnen hatte die Augen geschlossen, damit er sich besser konzentrieren konnte. Aber mein Körper war noch immer gelähmt. Das Zeitfenster war zu kurz.

Ich atmete ein und ich spürte meine Beine wieder. In einer unglaublich schnellen Geschwindigkeit, die mir meine Dämonin verliehen hatte, schubste ich Sten beiseite, der gegen die Wand stieß und trat den Magier mit den geschlossenen Augen zu Boden. Den Letzten ergriff ich am Arm, sprach schnell einen Betäubungsspruch aus und schmiss ihn samt Körper in den Müllcontainer. Anschließend drehte ich mich um, die Fäuste geballt, die Zähne gefletscht.

Zuerst schien die Gefahr vorüber zu sein, aber als ich fliehen wollte, blieb Sten an meinen Fersen. Mein Puls schoss sofort in die Höhe, meine Dämonin konnte ich nicht länger kontrollieren.

Nach einer guten Minute landete ich zu meinem Pech in einer Sackgasse. Ich wollte zurückrennen, aber Sten stand schon vor mir. Er grinste höhnisch.

»Okay, jetzt reicht’s. Du hast es auf die harte Tour gewollt.«

Seine Lippen bewegten sich hauchfein, beinahe unerkennbar, aber im richtigen Moment setzte ich zum Angriff an. Ich wusste nicht was er vorhatte. Aber ich merkte es, als der Container auf mich losschoss und meinen Körper zerdrückte. Ich schrie schmerzlich auf und versuchte mich von dem Druck zu befreien, aber Sten presste ihn immer mehr gegen mich und die Wand.

Ich konnte nicht mehr atmen, japste nach Luft und zu einem Gegenspruch war ich nicht fähig. Der Schmerz durchzog meinen kompletten Brustbereich. Meine Knochen schienen von dem Druck zu zerbrechen. Dann bekam ich endgültig keine Luft mehr, mir wurde schwindelig. Vor meinen Augen begann alles zu schwanken, sich zu drehen, bis alles schwarz wurde.

Der Druck löste sich und ich fiel zu Boden. Meine Augen waren zu schwach, um sich öffnen zu können. Ich hörte wie Schritte sich meinem beinahe leblosen Körper näherten und mich auf die Arme nahmen.

»Unglaublich viel Geld wirst du mir bringen«, surrten seine Worte in meine Ohren. Das durfte nicht wahr sein. Ich konnte doch nicht so schnell aufgeben. Aber ich hatte mein Limit erreicht. Jede Faser meines Körpers war betäubt und konnte sich weder regen, noch erkenntlich zeigen. Ich fühlte mich in dieser Situation wie ein Häufchen Elend.

Plötzlich blieb er stehen und ich hörte wie sein Herz wilder schlug. Es wurde immer aufgeregter, beinahe so, als hätte er Angst. Dann spürte ich es. Sten wurde gelähmt.

Jemand kam auf mich zu, packte mich sanft auf seine Arme und anschließend berührte der Fremde Sten. Daraufhin drang ein lautes Klirren in meine Ohren, als ob jemand tausende Teller auf einen Steinboden zerschmettert hätte. Sie betäubten mich für eine kurze Zeit und anschließend wurde alles endgültig schwarz.

 

8 - Neugierig

Es hatte sich wie ein Nickerchen angefühlt. Kurz, guttuend und ungenügend. Als ich langsam zu mir kam, spürte ich erstmals wie meine Brust schmerzte. Meine Knochen fühlten sich noch eingequetscht an. Unter meinem Körper befand sich eine Matratze. Ein Bett! Ob ich bei mir Daheim lag? Mein Vater würde mich wahrscheinlich nach diesem Vorfall nie wieder ohne Bodyguards aus der Tür lassen. Ich hatte ihm versprochen auf mich aufzupassen, aber anscheinend verschlimmerte sich die Situation von Tag zu Tag.

Ich war noch nicht ganz da, um den Moment besser analysieren zu können. Ein Kribbeln entfachte meine Haut, die sich eiskalt anfühlte. Meine Dämonin war untergetaucht, als ob sie sich vor etwas verstecken würde. Die gebrochenen Stücke versuchte ich zu einem Filmband zusammenzufügen. Der Schmerz sorgte für den Halt zwischen den verschieden Stücken und bald hatte ich das Puzzle fertig. Ich erinnerte mich an meine letzten Momente, die mein Gedächtnis noch aufnahm. Besonders der Schmerz, den der Container und die Wand verursachten, machte mir schwer zu schaffen. Ich hatte so gelitten in diesem Augenblick. Meine Angst war größer denn je und erst als es ausweglos zu sein schien, zog sich meine Dämonin zurück. Es fühlte sich an, als ob ein Dompteur den Löwen vor den Zuschauern gebändigt hätte. Deshalb fiel ich auch in Ohnmacht, da meine Magierin diesem Schmerz nicht mehr standhalten konnte.

Meine Sinne begannen den Raum, in dem ich lag, zu identifizieren.

Mein Tastsinn spürte die warme Matratze unter mir und auch die angenehme Atmosphäre, die mich nicht frieren ließ.

Mein Gehörsinn lauschte der Stille. Ich hörte Geräusche außerhalb des Raumes. Draußen zwitscherten Vögel und ich hörte ein leises Kinderlachen, ganz in der Nähe. Selbst in meinen Nebenräumen schien es still zu bleiben. Es beunruhigte mich, denn ich fühlte mich allein. Das ließ mich im Dunkeln stehen und warf Fragen auf.

Mein Geschmackssinn konnte noch das restliche Blut schmecken, das mir in meine Mundhöhle geschossen sein musste, als der Container immer und immer wieder auf mich eindrosch. Selbst jetzt klopften seine Hiebe im gleichen Rhythmus auf meine Brust.

Mein Geruchssinn konnte den Duft von Blumen wahrnehmen. Ich sog unbemerkt mehr Luft ein. Lilien. Sie mussten in einer wundervollen Farbe blühen. Ich liebte außerdem diese Sorte von Blumen. Nach meinem Sinn zu urteilen, sollten sie in der hinteren Ecke des Raumes stehen. Außerdem kroch eine frische Brise in meine Nase. Ich mochte offene Fenster.

Zuletzt öffnete ich meine Augen, sanft. Ich wusste nicht was mich erwartete. Ich erblickte einen Teil meiner Matratze und ein hellbraunes Holznachtschränkchen. Darauf stand eine Digitaluhr. Es war kurz nach acht. Im ersten Moment hatte ich die Uhrzeit nicht wirklich realisiert, sondern war viel zu neugierig auf meine Umgebung gewesen. Meine Pupillen glitten an der dunkelbraunen Wand hoch, um zu einem relativ großen Fenster zu gelangen, das weiße Jalousien vor der Scheibe hängen hatte. Sie waren nur zur Hälfte geschlossen. Durch die Rillen konnte ich das Zwielicht erkennen. Ich schloss erneut meine Lider, kniff sie fester zu und bewegte allmähliche meine Muskeln.

Ohne mich vorher umgedreht zu haben, schaute ich erst wieder auf, als ich am Rand des Bettes saß. Meine Schultern hingen erschöpft nach vorne und mein Kinn hatte sich auf meiner Brust abgelegt.

Ich ging im Schnelldurchgang all meine Sinne durch. Fühlte, hörte, sah, schmeckte und roch. Alles blieb beim Alten, aber nur solange, bis ich meinen Kopf hob und weiter nach links schaute. In meinem Augenwinkel entdeckte ich einen Arm, Füße und einen halben Kopf, der mich offensichtlich schon die ganze Zeit beobachtete hatte.

Erschrocken wich ich auf das Bett zurück und hob meine Füße darauf. Es dauerte nur einen kleinen Moment bis ich den Jungen im schwarzen Kapuzenpullover, dunkelblauer Jeans und denselben Turnschuhen, solche, die auch der kleine Junge getragen hatte, entdeckte. Es war der Phyne!

Ich wusste nicht, ob es angebracht war sich zu freuen oder doch erschrocken zu wirken, denn beide Gefühle schossen im selben Moment in die Höhe. Entscheiden konnte ich mich dennoch nicht und behielt meine alte Position bei.

Wie immer stockte meine Stimme und ich blickte lieber weiterhin den Phyne an. Er warf mir ein Lächeln zu, als er merkte, dass ich ihn erkannt hatte.

»Geht es dir besser?«, fragte er freundlich, leicht besorgt. Tatsächlich rutschte mir nur eine einzige Antwort heraus. Es war eher eine Frage, die mich schon seit gestern gequält hatte.

»Das sollte ich eher dich fragen, oder?«, konterte ich und ließ wieder meine Beine auf den Boden aufsetzen.

»Mir geht es gut. Ich kann mir vorstellen, dass du Fragen wegen gestern hast. Aber – Jolina, richtig?«

Ich schaute ihn mit blinzelnden Augen an und warf ihm dabei einen verdutzten Blick zu. Woher in aller Welt wusste er meinen Namen? Musste ich mir jetzt tatsächlich Sorgen machen?

Ich nickte besonnen und krallte mich an der Bettkante fest.

»Tut mir wirklich leid. Ich wollte nicht zu neugierig sein, aber ich konnte nicht anders. In deiner Tasche-« Er deutete mit seinem Blick auf den neben mir liegenden Rucksack. »-habe ich deinen Ausweis gefunden.«

Mir gefiel es nicht, wenn Leute in meinen Sachen schnüffelten. Egal ob sie meine Retter waren oder Freunde. Niemand hatte darin zu wühlen. Ich rümpfte meine Nase und verschränkte verärgert meine Arme vor der Brust.

»Schon mal was von Privatsphäre gehört? Oder Eigentum?«

Er senkte seinen Kopf und faltete seine Hände zusammen, als er seine Ellenbogen auf seine Oberschenkel stützte und sich nach vorne beugte.

»Das war nicht wirklich meine Absicht, aber aus Sicherheitsgründen musste ich wissen wer du wirklich warst. Es gibt hier zu viele Ratten.«

Ich zog fragend eine Augenbraue nach oben. »Ratten?«

Er lacht leise. »Ja, Ratten. Personen, die meinen sie müssten etwas in ihre Ohren bekommen, das gar nicht für sie bestimmt war. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen.«

Vorsichtig nickte ich, da ich jetzt keinen Streit verursachen wollte, sondern erst auf all meine Fragen eine Antwort wollte. Er würde mir wahrscheinlich nicht alle beantworten. Aber wenigstens ein paar.

»Okay. Es gefällt mir zwar nicht, aber wie es aussieht, bin ich dieses Mal diejenige, die lieber Vorsicht walten sollte.«

Er lächelte und schaute mich schweigend an. Mich durchzuckte es kurz. Irgendetwas an ihm war mysteriös, sowie auch normal. Es musste daran liegen, dass er dasselbe durchmachte wie ich. Ein Phyne zu sein, bedeutete eine große Last für sein restliches Leben tragen zu müssen. Man musste sich praktisch in ein Haus verkriechen, das man nie wieder verlassen durfte, denn ansonsten hätte man den Tod eingelassen. Die Regierung war wie das Auge eines Adlers. Wachend, auf der Hut und kontrollierend. Jetzt, wo ich das zu mir selbst sagte, kam mir mein damaliges, auffälliges Verhalten ziemlich dumm vor.

Da stand er auf und lief zum Nachtschränkchen. Er nahm ein Gerät in die Hand und hielt es vor meine Nase.

»Ich hoffe, du kannst mir ein zweites Mal verzeihen«, sagte er bittend und reichte mir mein Handy. »Es hatte die ganze Zeit über vibriert und machte einen riesen Lärm. Ich dachte, es sei besser, wenn du dich ungestört ausruhen kannst.«

Schnell riss ich es an mich und die Uhrzeit fiel mir wieder ein. Ich drehte mich zu dem digitalen Wecker. Acht Uhr und sechzehn Minuten. Ich sog erschrocken die Luft in meine Lunge. Ich sollte schon seit einer Stunde zu Hause sein. Meine Hand begann zu zittern und ich traute mich nicht die ganzen Nachrichten zu lesen. Dad würde ausflippen, mich wahrscheinlich für immer einsperren. Verkrampft hielt ich es in der Hand und konnte nicht aufhören darauf zu starren.

»Ich bin tot«, hauchte ich piepend. »Mehr als tot.«

»Was meinst du damit?«, fragte er ungewiss.

Ich schaute wieder zu meinem Handy, entsperrte den Bildschirm und las: Sie haben 50 neue Nachrichten. Mein Atem stockte. Jedoch waren nur die ersten sechs SMSen von meinem Vater und der Rest von Julia.

 

Mein Vater: Verdammt, Jo! Wo steckst du wieder? Na warte, wenn du nach Hause kommst. Hatten wir nicht schon gestern das Thema?

 

Ich überlas die meisten Nachrichten, da sie dasselbe beinhaltete wie die davor. Dann kam zum Schluss:

 

Fräulein Jolina! Komm jetzt sofort nach Hause. Ich hatte dir verboten auf Bens Party zu gehen.

 

Verdutzt setzte ich eine Augenbraue nach oben. Wie kam er denn auf solch eine Idee? Ich hatte ihm doch gesagt, dass ich dort nicht hingehen werde.

Aber alles klärte sich bei der nächsten Nachricht auf. Denn die Restlichen waren alle von Julia. Die Zwanzigste erläuterte es näher.

 

Okay, Jo! Ich werd’s dir sagen. Ich habe deinem Daddy gesagt, dass du mit mir auf Bens Party gegangen bist, weil er mich anrief und fragte wo du bist. Da wollte ich dich eigentlich vor etwas beschützen, aber wahrscheinlich habe ich alles nur noch schlimmer gemacht. Es tut mir so mega dolle Leid! Hoffe du kannst mir verzeihen. Aber verdammt nochmal, wo bist du denn wirklich?

 

Ich musste kurz schmunzeln. Dieses Mädchen war wirklich meine Rettung gewesen. Mein Vater hätte eine halbe Armee losgeschickt um mich zu finden. Aber wieso ortete er mich nicht per GPS? Das war wirklich seltsam.

Ich schrieb Julia zurück und sagte, dass alles in Ordnung sei und sie mir sogar damit einen Gefallen getan hätte. Anschließend formulierte ich die Nachricht an meinen Vater so, dass ich dabei mein Alter erwähnte und meinte, ich könnte tun und lassen was ich wollte. Das schindete ein wenig Zeit. Ich wollte gar nicht nach Hause. Zum Ersten war es hier viel interessanter mit dem Phyne und zum Zweiten hatte ich keine Lust auf den Ärger, der mich erneut erwartete. Schließlich schickte ich sie ab und hatte beinahe vergessen, dass der Phyne noch vor mir saß.

Ich räusperte mich und legte das Handy aus meiner Hand.

Er schaute mich an und lächelte. Für einen Vampir ziemlich ungewöhnlich, dass diese Wesen so freundlich sein konnten. Aber er war ja kein echter Vampir, sondern eine Mischung. Ein Phyne.

»Jolina, hör mal, dir ist gestern sicher etwas aufgefallen, richtig?« Ich nickte zögernd. »Wir beide haben etwas gemeinsam. Etwas, das unseren Tod bedeuten könnte, wenn es jemand wüsste. Gestern habe ich es schon im Zug gespürt. Deine Aura war viel zu stark und auffällig. Deshalb war ich auch an dir vorbeigegangen und hatte praktisch versucht sie abzukühlen. Denn einigen Magiern bist du aufgefallen.«

War das tatsächlich so? Deshalb hatte ich die eisige Kälte gespürt. Er hatte einen kühlen Luftzug auf mich zukommen lassen, damit ich verdeckt blieb. Ich wusste wirklich nicht, dass es anderen Magiern auffallen konnte.

»Deshalb ist es wichtig, dass du lernst deine Fähigkeiten zu kontrollieren.«

Diesen Satz hatte ich schon so oft gehört. Mein Vater schickte mir immer illegale Phyne-Trainer. Sie lehrten mich in meiner Kunst, aber es eher zu unterdrücken, als es zu benutzen. Das ärgerte mich an dieser ganzen Geschichte. Phyne-Trainer sollten dazu da sein, die Fähigkeiten des anderen so zu trainieren, dass er sie verdecken und zur rechten Zeit einsetzen konnte. Aber mein Vater war strikt dagegen. Er wollte, dass ich vergaß, dass es noch ein zweites Wesen in mir gab. Deshalb weigerte ich mich weiterhin solch eine Person in mein Zimmer zu lassen. Dieser hier schien ebenfalls einer zu sein.

Ich verschränkte die Arme und blickte ihn misstrauisch an. »Was erwartest du nun von mir?«

Er begann zu grinsen. »Ich möchte dir zeigen, dass es ein Geschenk ist ein Phyne zu sein.«

Ich riss meine Augen auf und warf ihm einen verdutzten Blick zu. Meinte er das im Ernst? Also zum Tode verurteilt zu werden, sollte ein Geschenk sein? Das konnte er nicht ernst meinen.

»Du bist nicht der Erste, der mir solche Blicke zuwirft. Lass dich nicht von deiner Angst leiten, sondern von deinen Instinkten. Ein Dämon zu sein, bedeutete mehr als einfach nur Verantwortung und Schande. Es bedeutet, man ist stärker denn je. Gestern habe ich gemerkt, dass du dich verwandeln konntest, aber sehr unkontrollierbar. Wenn wir das üben, dann-«

Ich unterbrach ihn, indem ich meine Hand hob und meine Augenbraue hoch zog. »Warte mal! Was? Wir? Üben?«

Er nickte zögerlich und sein Lächeln verschwand. »Magst du denn dein Leben, so wie es ist?«

Mein Kopf senkte sich. Nun ja, wenn ich tatsächlich lernte mich zu wehren, könnte ich eine Chance haben zu überleben. Ich wusste nicht, was mit Phynen passierte, die der Regierung ausgeliefert werden würden. Nur Eines; sie tauchten nie wieder auf.

»Ich kenne dich doch gar nicht.«

Ein Lächeln schlich sich wieder in sein Gesicht. Er kicherte leise. »Na und? Dann lernen wir uns halt kennen. Du wirst bestimmt keine bessere Chance erhalten.«

Jetzt lächelte ich ihn frech an. »Wer sagt denn, dass es niemand besseren gibt?«

Er verschränkte die Arme und lief zum hinteren Teil des Raumes. Von der Wand entnahm er ein Bild und reichte es mir. Ich schaute es mir genau an.

Dort auf dem Foto waren ungefähr dreißig Leute zu sehen. Beinahe jeder mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie standen in Reihen, wie bei einem Klassenfoto. Ganz vorne waren kleine Kinder, zwischen acht und elf Jahren. Dahinter ältere und ganz hinten die Ältesten. Am Rand stand der Phyne. Er sah genauso jung aus wie jetzt, bis auf seine veränderte Frisur. Die Gruppe stand in einem Garten oder Park. Die Sonne schien hell und ließ das farbige Foto fröhlich wirken.

»Wer sind diese Leute?«

»Phynes.«

Ich starrte weiterhin auf das Foto? Alle? Jeder Einzelne? Ich hätte nie gedacht, dass es von ihnen so viele gäbe. Aber die Säuberung hatte doch alle Phyne beinahe ausgerottet. Am unteren Rand des Bildes entdeckte ich eine Jahreszahl. Es war zwölf Jahre alt und der Phyne wirkte noch ziemlich jung.

»Hast du sie alle trainiert?« Als ich aufblickte, nickte er. Unglaublich. »Wo sind sie alle? Wohnen sie hier?«

»Nein. Sie sind aus verschiedenen Stadtteilen von Maggon. Jedoch wurden schon sechs von ihnen geschnappt...« Er seufzte. »...ich hatte sie nicht retten können.« Er klang dabei sehr enttäuscht und rieb sich seine Augen. »Ich will bloß verhindern, dass eine zweite Säuberung stattfindet. Ich hatte mich mit den Restlichen zurück in die Wüste verzogen und dort abgewartet bis es vorbei war. Alle diese Kinder waren im Alter von sieben bis neunzehn Jahren. Ich baute ihnen ein Leben auf.«

Ich atmete langsamer. Gleichzeitig war ich erstaunt über seine Worte. Er setzte sich für Personen ein, die genauso litten wie ich. Aber was war an ihm anders? Er wirkte ziemlich erfahren. Er war schon interessanter als ein Lexikon. Ich konnte schon beinahe nicht anders, als zuzusagen. Er wirkte sehr vertrauenswürdig und wir konnten uns beide nicht verraten. Er würde genauso gefasst werden wie ich, durch den Genscanner. Ein magisch-technisches Gerät zum Analysieren von Phynes.

»Du hast mir noch gar nicht deinen Namen genannt«, bemerkte ich und stützte meinen Kopf, indem ich meinen Ellenbogen auf mein rechtes Bein aufstellte und meine Hand mein Kinn festhielt.

»Jaiden.«

Für ihn ein wirklich schöner Name. Er passte zu ihm. Besonders hypnotisierten seine hellblauen Augen mich. Es war dieselbe Beziehung wie zwischen einem Schmuckhändler und seinem Diamanten. Er faszinierte mich in jeder Hinsicht. Es sollte mehr Phynes von seiner Art geben. Jeder würde jedem helfen. Vielleicht könnte die Regierung dann auch noch ein Auge zudrücken.

Ich lächelte beschämt. »Bist du hier sozusagen der Boss

Er lachte leise. »Warum interessiert dich das?«

»Du wirkst sehr erfahren.«

Das Kompliment musste ihn erfreut haben. »Sagen wir, ich bin eventuell ein unbedeutender Mitspieler einer riesigen Organisation.«

Ich spitzte meine Ohren. »Welcher Organisation?«

»Sie ist geheim und unterstützt Phynes. Sie besteht fast nur aus ihnen. Der Anführer ist halb Drache, halb Dämon. Er ist am Stärksten von allen. Du würdest ihn bestimmt interessieren. Dämonengene ist selten.«

»Aber Vampire doch auch, oder?«

»Ja. Sagen wir ziemlich selten. Die richtigen Vampire sind so eingebildet und eitel, dass es ihr Ehrgefühl vernichten würde und sie sich deshalb niemals mit einer anderen Rasse paaren würden.«

Ich fragte nur aus purer Neugierde. Schließlich hatte ich mich noch nie in meinem Leben so intensiv mit einem Phyne unterhalten. »Darf ich fragen wer denn der Vampir war?«

»Meine Mutter. Sie fühlte sich nie wirklich dazugehörig in ihrem kleinen Clan und ging eines Tages ihrem Mann fremd-« Er brach ab und zog beide Augenbrauen zusammen. »Möchtest du das denn wirklich hören? Meine Geschichte ist bestimmt grausamer als deine.«

Ich nickte eifrig. Daraufhin lockerten sich seine Gesichtszüge.

»Sie lernte einen Magier kennen und ließ sich von ihm schwängern. Als ich geboren wurde, erkannte ihr Mann, dass ich anders war. Meine kalte Aura war noch von einer Wärme umzogen, die kein Vampir mehr besaß. Daraufhin wollte er mich töten lassen, aber meine Mutter wehrte sich und rannte davon. Sie stellte mich vor der Tür meines Vaters ab und hatte keine andere Wahl als zurückzukehren. Um ihre Ehre wiederzuerlangen, musste sie sterben. Sie wurde bei lebendigem Leibe in der Sonne verbrannt.«

Ich schluckte und streifte über meine Haut. Das war tatsächlich grausam. Wie konnten die Vampire nur so etwas tun? Aber ihr Stolz war legendär. Sie waren anmutig und eine der ältesten Arten, was sie sehr hochnäsig gemacht hatte. Sielebten in einer Stadt aus Eis, weit oben im Norden, wo die Sonne niemals schien. Das bekannte Schloss war der Sitz des obersten Rates. Das höchste Ratsmitglied gehörte der Regierung an. Pierre Lemuar. Aber ich gab ihm den Spitznamen Dracula. Passte eher.

»Das tut mir wirklich leid. Das muss grausam für sie gewesen sein. Aber darf ich etwas anmerken?« Er nickte. »Deine Mutter musste dich wirklich geliebt haben, sonst hätte sie nicht alles gegeben, um dein Leben zu schützen.«

Er schaute an mir vorbei und schien sich in der Leere verloren zu haben. Gedanken bewohnten ihn nun und offensichtlich mussten meine Wort bei ihm etwas ausgelöst haben. Sein Unterkiefer spannte sich jedoch an. Nach wenigen Sekunden wandte er sich wieder zu mir.

»Wenn sie mich niemals geboren hätte oder ich als vollwertiger Vampir zur Welt gekommen wäre, würde sie immer noch leben.« Ich verstand. Er gab sich die Schuld für ihren Tod. Aber dafür konnte er nun wirklich nichts. Ich seufzte. Ich und meine große Klappe. Wahrscheinlich waren meine Worte wie ein Schlag ins Gesicht für ihn.

Er setzte sich neben mich und schaute mich an. »Was ist mit dir?« Sollte ich ihm ein bisschen von mir erzählen? Ob das etwas schaden könnte? Ich war keine Person, die gern über sich sprach. Vor allen Dingen nicht was mich anging oder meine Gefühle. Aber ich riss mich zusammen und erzählte meine Version.

»Mein Vater ist ein Magier und meine Mutter ein Dämon. Sie lebt wahrscheinlich noch und ich mag sie nicht, weil sie mir mein Leben damit kaputt gemacht hat.“ Mein Text klang herzlos und hinuntergerattert. Als ob ich ihm etwas vorgelesen hätte.

Er zog aber nur eine Augenbraue hoch und musterte mich. »Eine Dämonin...noch seltener. Normalerweise sind es immer die Männer.« Er schaute auf meine Hand. »Warum hasst du sie so sehr?« Er war sich seiner Frage bewusst, schien jedoch mit seinen Gedanken bei einem ganz anderen Thema zu sein. Es war unheimlich, dass er so innig meine Hand anstarrte.

»Jaiden?«, fragte ich und zog meine Hand aus seinem Blickfeld. »Stimmt etwas nicht?«

Er schüttelte den Kopf und kniff dabei die Augen zu. Dann wandte er seinen Blick zur anderen Seite. »Tut mir leid, es ist nur-« Er sprach nicht mehr weiter. Es schien für ihn unangenehm zu sein. »Unwichtig!«

Kurz herrschte Stille zwischen uns. Er grübelte erneut. Bevor es weiter stillschweigend blieb, hielt ich ihm meine Hand hin. »Sag es ruhig«, sagte ich in einem nun viel ruhigeren Ton. Meine Anspannung hatte nachgelassen. Es lag wohl daran, dass ich nun seinen Namen kannte und er mir von sich erzählte.

Er drehte sich wieder zu mir und hypnotisierte mich erneut mit seinen eisblauen Augen, dass ein Kribbeln meinen Körper durchfuhr. Sein Blick wirkte ruhiger, offener.

»Bei uns arbeitet auch eine Dämonin. Einmal hatte ich ihre Hand berührt und meine Fingerkuppeln waren für die nächsten Tage verbrannt. Selbst meine schnellen Heilkräfte konnten dagegen nichts ausrichten. Ich hatte furchtbare Schmerzen. Es fühlte sich so an, als ob du eine Hand auf den heißen Herd legen würdest.« Ich schaute ihn weiter an. »Ich spüre schon die ganze Zeit deine Aura auf meiner Haut. Sie prickelt dadurch leicht, als ob dir jemand mit den Fingerspitzen ganz zart über deine Haut fährt. Deshalb ist es etwas Neues für mich, dich vorhin berührt zu haben.«

Ich schaute zu seinen Händen herunter. Für mich sahen sie normal aus. Auch wenn sie sehr trocken und blass waren. Die Statur seiner Hand war mit langen Finger und dafür kleinerer Handfläche formiert. Sie sahen auch sehr abgearbeitet aus. Als ich mich ihr näherte, konnte ich auch dieses Prickeln spüren und zog sie sofort wieder zurück. Das war wirklich atemberaubend! Wieso war mir das nicht gestern schon aufgefallen? Ob meine Angst dieses Gefühl überspielt hatte?

»Du brauchst dich nicht zu fürchten«, meinte er und ohne Vorwarnung ergriff er meine Hand. Ich zuckte erschrocken zusammen. Seine Haut war rau und trocken. Außerdem strömte Kälte in meine Hände. Es stimmte. Nichts geschah. Aber das Prickeln war deutlich stärker. Es fühlte sich angenehm an. »Bei mir ist das Kribbeln noch ausgeprägter als bei dir. Dämonen sind die Schwachstellen der Vampire. Ihr Feuer ist zu stark. Dafür sind sie schneller durch ihre eisige Kälte.«

»Was wäre passiert, wenn ich einen Vampir berührt hätte? Ich meine, was hätte ich gespürt?« Überlegend schaute er mich an.

»Das ist ... eine gute Frage. Du müsstest einen Dämon fragen.« Er räusperte sich. »Du kannst Kyla fragen. Sie ist unser Spitzel. Sie taucht allerdings nur an Wochenenden ab und zu auf.«

Plötzlich klopfte es völlig unerwartet an der Tür und ich ließ seine Hand los, um mich erneut an den Bettrand zu krallen.

 

9 - Entscheidung fällen

Ich sah gespannt zur Tür. Allerdings wurde sie nur ein Spalt weit geöffnet, sodass ich die Person nicht sehen konnte. Jaiden war aufgestanden und schaute durch den kleinen Spalt.

»Okay, ich komme«, sagte er und drehte seinen Kopf zu mir. »Ich bin gleich wieder da. Falls du jedoch gehen möchtest, brauchst du nur die Treppe hinunter zu gehen.«

Dann verschwand er und ich blieb sitzen. Mein Handy vibrierte und ich hob ab. »Ja?«

»Jolina, komm sofort nach Hause!«, brüllte mein Vater am Telefon.

Ich seufzte genervt und hätte am liebsten aufgelegt. »Dad, jetzt lass mich doch einmal weggehen. Mir passiert nichts! Kontrollier mich nicht ständig. Du kannst mir auch den Geldhahn zudrehen, aber ich habe keine Lust mehr auf deine ständigen Verbote, obwohl ich schon achtzehn bin.«

Hatte ich gerade tatsächlich gesagt mir würde es nichts ausmachen ohne Geld zu leben? Ich schluckte. Ich gab anscheinend Vieles auf, nur um mehr von Jaiden zu erfahren.

Dann wurde es ganz ruhig am Telefon. Schon beinahe unheimlich. »Also schön, Jolina, dann sehen wir uns wahrscheinlich morgen früh.«

Er legte auf. Ohne sich zu verabschieden. Vater schien richtig sauer zu sein. Mehr als das. Es ließ mir einen Schauer über meinen Rücken fahren, der sich bis in die Zehenspitzen grub. Ob er mir wieder Strafen aufdrückte?

Die Tür wurde geöffnet. Jaiden kam zurück. Er blieb stehen und betrachtete mich. »Hätte nicht gedacht, das du noch hier bist.«

Ich schaute zu ihm. »Ich werde auch gleich wieder gehen. Ich werde schon vermisst. Außerdem-« Meine Stimme wurde ernster. »-habe ich über dein Angebot nachgedacht.« Er zog überrascht eine Augenbraue hoch. »Ich denke, ich will lernen eine Phyne zu sein. Ich werde es jedenfalls probieren.«

Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und nickte einverstanden. »Morgen ist Freitag. Da haben wir beide noch Schule. Komm doch-« Ich unterbrach ihn. »Du gehst zur Schule?«

Ich hatte eher daran gedacht, dass dies hier sein Beruf war. Er war also noch ein Schüler? Wie konnte das sein? Wie alt war er denn? Wenn er mir nicht gesagt hätte, dass er auch zur Schule noch ging, wäre ich auch niemals freiwillig darauf gekommen.

Er nickte zögernd. »Auf dieselbe Schule wie du.« Ich zuckte zusammen. Wie das? Wieso sah ich ihn nie? Also war ich nicht die einzige Phyne auf der Schule. Teils war es erleichternd für mich, teils auch nicht. Je mehr Phynes, desto aufmerksamer wurde die Regierung.

Mit flackernden Lidern blickte ich ihn misstrauisch an. »Gibt es noch mehr Phynes auf unserer Schule?«

Seine eisblauen Augen kreisten umher und wollten nicht ehrlich in meine schauen. Aber nach wenigen Sekunden fanden sie an meiner grünen Iris Halt. »Das weiß ich nicht. Phynes kommen nicht einfach auf jemanden zu. Sie halten sich gut versteckt im Hintergrund. Es sind meistens die Leute, die für andere unsichtbar zu sein scheinen.«

Dies traf bei mir auf keinen Fall zu. Ich war genau das Gegenteil. Eine Person die nach Aufmerksamkeit trachtete, weil sie sich ansonsten allein in ihrer Welt fühlen würde. Mit dem Leben einer Phyne gestraft zu werden, brachte auch Einsamkeit mit sich. Egal wie viele Freunde ich haben könnte, niemals würde einer von ihnen mir das echte Gefühl geben, nicht allein zu sein. Meine Freunde waren wie die Kleidung an meinem Körper. Ich brauchte sie um nicht zu frieren. Aber nun sah ich alles mit anderen Augen. Ich betrachtete Jaiden aus einem ganz anderen Blickwinkel.

»Ich meine, jemanden den du vielleicht kennst.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich hatte mir fest vorgenommen eine Schule zu besuchen, auf der kein Phyne ist.«

»Warum?«

»Weil das Risiko zu groß wäre. Ich verrichte einige, geheime Arbeiten auf der Schule. Sie haben hauptsächlich mit Scans zu tun.«

»Du meinst die Aufnahmeprüfung?«

Er nickte und rollte kurz mit den Pupillen zum Bild, das ich unbewusst neben mich gelegt hatte. »Ich untersuche die gesamten Scans der anderen Schulen, um noch mehr Phynes zu finden. Die meisten schaffen es nicht ohne sich zu wehren.«

Ich hob verblüfft meine Augenbrauen. »Das heißt, diejenigen die nicht um ihr Leben kämpfen, werden sterben.«

Er nickte zögernd. Dann faltete er seine Hände und beugte sich locker nach vorne. »Ich habe schon einige Phynes sterben gesehen. Sie alle waren unerfahren und hatten deshalb keine Chance.«

»Was meinst du mit sterben?«

»Naja, mitgenommen von der Regierung. Was danach geschieht, weiß niemand. Das heißt, Rick wüsste es.«

»Wer ist das?«

Er atmete ein, schaute mich an, als ob er schon zu viel gesagt hätte und blies die eingesogene Luft wieder aus. »Unser Anführer. Man könnte sagen, er ist der Leiter dieser Organisation.« Er biss auf seine Unterlippe und gab einen druckvollen Seufzer von sich. »Ich habe schon viel zu viel gesagt.«

Ich zog meine Augenbrauen zusammen. Dann biss ich mir ebenfalls auf die Unterlippe und stand auf. Nervös lief ich vor ihn und dehnte meine Finger, indem ich sie verschränkte und von mir stieß.

»Ich wollte dich sowieso fragen, wie du es geschafft hattest Zero zu entkommen.«

Er zog einen Mundwinkel nach oben und lachte auf. »Du meinst den Magier von gestern? Er war wahrscheinlich der Einzige, der sich mir eventuell in den Weg hätte stellen können. Aber ich hatte ihn überlisten können. Sein Käfig hatte ein Schlupfloch, das ich ausnutzte und ihn so ausschalten konnte.«

Mein Mund öffnete sich nur einen Spalt weit und ich konnte es nicht fassen, dass er ihn besiegt hatte. Zero war ein wirklich ernst zu nehmender Gegner. Er hatte zwar seinen eigenen Willen gegenüber seiner Bande, aber wenn er sich ein Ziel gesetzt hatte, bekam er am Ende das, was er wollte.

»Ich habe gesehen wozu er fähig ist.«

»Dieser Zero ist wirklich clever und stark, aber das wirklich Gute an ihm war, die Verwendung seiner Sprüche. Sie sind unvorhersehbar und man muss versuchen sie vorausahnen zu können. Aber dafür sind seine Sprüche weniger leistungsstark.«

Ich verschränkte meine Arme vor meiner Brust und schaute zu meinem Handy. Ob ich Dad davon erzählen sollte? Wenn Jaiden mir tatsächlich helfen konnte, müsste er es rein theoretisch tolerieren.

»Okay!«, sagte ich und hob mich auf meine Zehenspitzen. »Ich schätze, ich bin dabei.«

Er lächelte mich an, beinahe erleichtert. »Gut. Wann wirst du wiederkommen?«

Ich wusste selbst nicht wie schnell ich zu dieser Entscheidung gekommen war, aber es wollte aus mir herausschießen. »Können wir nicht einfach nach der Schule zusammen hierher kommen?«

Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. »Ich weiß nicht. Ich hatte bisher immer versucht den Leuten auf der Schule aus dem Weg zu gehen.«

»Wir können uns auch erst am Bahnhof treffen.«

Er schmunzelte. »Also schön. Dann am Montag nach der Schule. Ich treffe dich am Bahnhof.« Er stand auf und lief zur Tür, um sie zu öffnen. Mit der linken Hand wies er mir den Ausgang. »Einfach die Treppe hinunter.«

Ich nickte. Danach schnappte ich mir all meine Sachen und lief hinunter. Jaiden begleitete mich. Kurz bevor ich wieder durch die grauen Mauern und hohen Gebäude lief, drehte ich mich zu ihm um. »Ach und danke, Jaiden. Du hast mir schon zum zweiten Mal das Leben gerettet. Ich schätze, ich werde wohl noch viel Übung brauchen.«

Sein Lächeln wurde breiter und die weißen Zähne unter seinen Lippen stießen hervor. »Du gehörst jetzt hierher, Jolina. Es ist meine Pflicht dir zu helfen.«

Ich winkte ihm noch zu und verschwand schließlich um die Ecke.

Der Bahnhof wurde schnell erreicht und durch meine noch immer währende Tarnkleidung interessierte sich niemand für mich. Ich stieg ein und fuhr eine Haltestelle weiter.

Anschließend überquerte ich einige Straßen, lief durch die kleinen Gassen und kam am großen Gebäude an. Mit meinem Schlüssel öffnete ich die Tür und benutzte den Fahrstuhl, um ganz oben anzukommen. Im Wohnzimmer war es dunkel.

Als ich in der Küche ankam, um mir etwas zu trinken zu holen, entdeckte ich die zwei leeren Sektflaschen auf der Theke. Oh nein! Er hatte wieder begonnen zu trinken. Bitte nicht! Als er das schon damals tat, kam er nächtelang nicht mehr nach Hause. Das war einfach furchtbar. Ich wusste wie schwer ihm das Leben fiel. Und all das war nur meine Schuld, weil ich existierte. Deshalb möchte ich wegziehen, mich von ihm fernhalten und mich nie wieder melden, damit er endlich glücklich sein würde. Denn ohne mich wäre er besser dran. Nur deswegen dachte ich so oft an Selbstmord oder den Tod.

Die zwei Flaschen stellte ich in einen Korb und schnappte mir etwas zu trinken, bevor ich in mein Zimmer verschwand und mich hinlegte.

 

10 - Kleine Anfänge

Ich konnte es nicht wirklich fassen, schon bald ein Teil dieser Organisation zu sein. Wie viele Phynes gab es tatsächlich? Auf wen würde ich treffen? Das Wochenende war mir noch nie so unwichtig wie jetzt gewesen. Ich wollte, dass der letzte Schultag rasch vorbei ging und ich meinem Training näher kam.

Selbst Jaiden ging mir nicht aus dem Kopf. Ständig musste ich an ihn denken, besonders was seine Fähigkeiten anbelangte. Ob er auch diese Kälte spüren konnte und wenn er zur Hälfte ein Vampir war, musste er dann auch Blut trinken? Es gäbe eine lange Liste, wenn ich ihm all diese Fragen aufhalsen dürfte.

Jedoch verbrachte ich mein Wochenende mit Stubenarrest. MeinVater war völlig außer sich und er hatte mir nun den Geldhahn einen Viertel zugedreht. Aber das machte nichts, noch floss es. Was mich eher beunruhigte, war, was erzählte ich ihm, wenn ich beinahe jeden Tag später nach Hause kam? Ich grübelte schon die ganze Zeit darüber. Es musste eine plausible Lösung für solch ein Problem geben.

Erst als ich am Sonntagabend gelangweilt Fernsehen schaute, platzte mein Vater herein und warf mir einen bestürzten Blick zu.

»Jolina, es könnte sein, das ich einige Wochen weg muss«, sagte er seufzend.

Ich zog nur eine Augenbraue hoch und blickte ihn erschüttert an. Wahrscheinlich wieder eine mehrwöchige Konferenz, sowie das Jahr zuvor.

Aber erst im Nachhinein musste ich mein Grinsen unterdrücken. Das passte ja wie die Faust aufs Auge. Welches Glück! Aber ohne Dad hier zu wohnen, war wie in einer fremden Umgebung zu leben. Damals hatte er einen Bodyguard für mich positioniert. Er sollte kontrollieren, wohin ich ging, was ich tat und wie ich mich fühlte. Es war grauenhaft.

»Ich werde dich jedoch in Ruhe lassen. Ich möchte wissen, ob du tatsächlich so reif bist. Schließlich bist du keine siebzehn mehr, Jo.«

»Keine Bodyguards, keine Aufpasser, keine Babysitter mehr?«, fragte ich verdutzt nach. Aber er schüttelte den Kopf.

»Morgen früh werden wir uns nicht mehr sehen. Mein Flieger startete um fünf Uhr.«

Ich krabbelte aus dem Bett und schmiegte mich an ihn. »Wohin musst du fliegen?«

»Nach Istrien.« Die Heimatstadt der Vampire. Sofort kam mir Jaiden in den Sinn und die Geschichte über seine Mutter. Ich betrachtete sie nun aus einem ganz anderen Blickfeld. Sie waren alle herzlos. Auch wenn Pierre Lemuar sich als einen perfekten Regierungschef ausgeben mochte, war er dennoch das kalte Wesen, das alle kannten. Es schauderte mich, das er ausgerechnet dort in die Stadt fahren musste.

»Pass auf dich auf, ja?«, sagte ich besorgt und löste mich aus seiner Umarmung.

Er nickte nur, blickte mich ein letztes Mal an und verschwand schließlich aus meinem Zimmer. Einerseits freute ich mich über seine unerwartete Reise, aber anderseits machte ich mir auch Sorgen.

Nach wenigen weiteren Stunden legte ich mich schlafen und schlief mit dem Gedanken an Jaiden ein.

 

Am nächsten Morgen war es tatsächlich so, dass mein Vater nicht mehr im Haus war. Das große Wohnzimmer fühlte sich leer an, als ich darin stand. Ich vermisste ihn jetzt schon.

Aber meine Laune hob sich gleich, als ich sah, dasser mir einen wunderschönen Frühstückstisch gedeckt hatte. Er hatte Konfetti darauf gestreut und eine weiße Kerze brannte. Auf meinem Teller waren zwei Spiegeleier, die durch einen Schinkenstreifen zu mir lächelten. Er wusste genau, dass ich so etwas nicht aß und hatte es nur als Dekoration verwendet. Im Backofen waren frische Brötchen und ich aß selten mit einem Lächeln auf dem Gesicht mein Frühstück.

Es hatte nie besser geschmeckt und rasch nahm ich meine Tasche, fuhr den privaten Fahrstuhl nach unten und wurde von meinem Lieblingsfahrer Jeffrey gefahren. Er war dunkelhäutig, trug meistens eine Sonnenbrille und den dazu passenden Smoking.

»Kannst du mir einen Gefallen tun?«, fragte ich freundlich und schaute auf seine glänzende Glatze auf dem Kopf.

»Jeden«, antwortete er mit dunkler Stimme und blieb dabei gelassen.

»Dürfte ich dieses Mal allein aussteigen?«

Er nickte. Ich hatte auch absichtlich einen Kleinwagen genommen und nicht diese lange Limousine.

In der Schule empfing mich gleich Julia, als ich ausstieg. Wir begrüßten uns mit einer Umarmung und sie erzählte mir von dem heiklen Wochenende und begann mich auszufragen, wo ich denn eigentlich gewesen war? Ich wollte ihr noch nichts davon erzählen. Am Freitag hatten alle Gäste von Bens Party blau gemacht. Ich wäre ja auch nicht noch zur Schule gegangen.

»Ah, du hast Nachhilfe gegeben?«

Ich nickte. »Ja, es war eine alte Grundschulfreundin gewesen. Ich hatte wieder Kontakt mit ihr aufgenommen und gab ihr etwas Nachhilfe.«

»Cool. Kannst du mir auch Nachhilfe geben?«, fragte sie im ernsten Tonfall. Ich lachte zuerst auf.

»Was? Julia, du bist Klassenbeste.«

Sie rümpfte ihre Nase. »Abgesehen von Politik, worin du eine eins hast.«

»Und du hast eine zwei. Reicht das nicht?« Sie schüttelte den Kopf. »Also gut,  ich kenne mich jedoch nur in dem Gebiet so gut aus, weil mich mein Vater viel in der Politik gelehrt hat.«

»Super! Immer wenn Arbeiten in Politik anstehen, lernen wir die ganze Woche durch.«

Ich seufzte innerlich. Eine ganze Woche? Reichte nicht ein ganzer Tag? Musste es ausgerechnet eine Woche sein?

In der Pause konnte ich meine Gedanken nicht mit Julia teilen. Jaiden hatte sich zu mir durchgedrungen. Ob er irgendwo hier saß? Allein? Oder er arbeitete wieder an den Scans. Mein Bauch kribbelte ganz schrecklich, wenn ich daran dachte mich heute wieder mit ihm zu treffen. Die Aufregung brachte mich ins Schwitzen. Hitze wollte aus mir herausströmen.

»...oder er bietet es mir an«, vollendete Julia ihren Satz und ich hatte kein Wort davon verstanden. Natürlich nicht, ich hatte auch nicht zugehört. Ich ließ lieber meine Blicke über den Innenhof schweifen und begutachtete die Leute. Aber darunter befand sich kein Jaiden. Zugern hätte ich ihn gesehen.

»Du hörst mir gar nicht zu, stimmt’s?«, fragte sie erneut und ich nickte nur kurz, dabei schaute ich ihr nicht in die Augen, sondern blickte den Flur entlang. »Was ist bloß los mit dir?«

Erst jetzt suchte ich ihren Blickkontakt. »Nichts. Alles in Ordnung.«

Julia wusste, dass ich log. Vor ihr blieb nie etwas verborgen. Sie blieb nur bei ihrem misstrauischen Blick und begann ein neues Thema. Ich atmete aus.

 

Der Unterricht war tatsächlich schnell vorbei und ich begab mich sofort zum Bahnhof. Aber wo genau sollte ich auf ihn warten? Er war so groß. Wie sollte er mich da finden? Ich blieb einfach auf der Treppe stehen. Die Menschen stießen mich zur Seite, beschwerten sich, dass ich im Weg stand und warfen mir wütende Blicke zu. Von hier oben konnte man mich sehr gut beobachten.

Ich war so aufgeregt, dass mein Kribbeln keinen Halt fand. Es zerdrückte förmlich meinen Magen und setzte dadurch mein Blut in Schwung. Die Adern pulsierten, mein Herz pochte immer heftiger.

Ich drehte mich einige Male um mich selbst. Aber noch immer war in der Menschenmenge einfach kein Jaiden zu finden. Wir hätten uns einen genaueren Treffpunkt nennen sollen. Aber ich blieb noch immer auf der Treppe stehen. Hartnäckig. Denn die anderen Leute schubsten mich weiterhin, warfen mir Ausdrücke an den Kopf und wollten mich von der Treppe zerren.

Aber mein Warten hatte ein Ende, als eine Hand meinen Rücken entlang fuhr, über die Schulter glitt und sich mein Handgelenk schnappte. Jaiden lief vor mir und zog mich mit sich mit. Erst als das Gedränge weniger wurde, umschlang er meine Finger. Er wandte sich noch nicht zu mir und lief einfach in die Richtung des Zuges. Er sprang mit mir hinein, durchlief zwei Waggons und setzte sich mit mir in den menschenleersten Bereich. Erst dann durfte ich seine leuchtenden hellblauen Augen begutachten. Durch sein schwarzes Haar wirkte seine Vampirhaut wie glitzernder Schnee. Er zog mich jedoch erst in seinen Bann als er begann zu lächeln und das setzte er meistens immer auf.

»Das haben wir doch gut überstanden«, meinte er und faltete seine Hände, als er sich nach vorne beugte, die Ellenbogen auf seine Oberschenkel stützte und in einer lässigen Haltung dasaß.

Erst nach drei Atemzügen kam ich zu Wort. »Ja, aber diese Menschenmenge muss ich jeden Tag miterleben.«

»Maggon ist einfach zu groß.«

Ich nickte und blickte aus dem Fenster. Eine bestimmte Frage nagte an meinem Gewissen und ich wollte sie ihm unbedingt stellen. Mit einem unsicheren Blick rollte ich meine Pupillen zu ihm.

»Ich habe dich heute gar nicht in der Schule gesehen.«

Sein Lächeln verwirkte zuerst, die Augenbrauen zogen sich zusammen und er schien zu versuchen eine passende Antwort zu finden.

»Ja, ich war heute auch nicht in der Schule.«

»Warum?«

Er räusperte sich und lehnte seinen Rücken zurück an die Sitzlehne. »Ich wurde einberufen.«

»Einfach so?«, fragte ich misstrauisch. »Ich meine, ich dachte immer Schule steht an erster Stelle. Musstest du dann eine Entschuldigung fälschen?«

Sein Lächeln tauchte wieder auf. »Ja.«

In meinen Ohren klang es unmöglich, aber anscheinend war es für ihn Alltag. Mein Vater hätte mir damals nie eine Entschuldigung geschrieben, wenn ich keine Lust auf die Schule gehabt hätte oder, in meinem Sinn, besseres zu tun gehabt hätte. Auch jetzt, da ich meine Entschuldigung selbst schreiben konnte, verbot er mir die Schule zu schwänzen. Er setzte jedes beliebige Mittel ein, das mir bessere Noten verschaffen könnte und mir somit eine höhere Chance gab, um einen späteren guten Job zu erhalten. Meine Türen dazu standen alle offen, aber ich lief durch keine einzige.

»Ich habe mir deine Zeugnisse angeschaut.«

Ein eiskalter Schauer lief meinen Rücken hinunter und alles schien in mir zu gefrieren. Oh nein, nicht meine Zeugnisse! Ich war in einem schlechten Notenbereich und natürlich konnte ich viel mehr, aber ein Teil von mir wollte es einfach nicht. Dieses Jahr bekäme ich eventuell sogar eine glatte Fünf, wenn mein Lernen so weiter verliefe. Am liebsten wäre ich im Boden versunken.

»Ich denke, du kannst mehr als auf dem Blatt Papier steht.«

Ich blinzelte ihn an. »Ja, aber ich habe all die Jahre nicht wirklich den Mut dazu gefunden.«

»Ich denke eher der Druck deines Vaters macht dich fertig. Du bist all die Jahre stur geblieben und hast das getan, was du für richtig hieltst.«

Eine Augenbraue hob sich in die Höhe. War er eine Art Menschenkenner? Und woher wusste er so viel zwischen der Beziehung meines Vaters und mir? Meine Blicke wurden immer misstrauischer.

»Ich stöbre eigentlich nicht herum, aber bei dir wurde ich einfach neugierig.« Ich wusste nicht genau, ob ich dies für gut oder schlecht halten sollte. Natürlich erfreute es mich, dass er an mir Interesse zeigte, aber musste er gleich in meine Papiere schauen? »Die Regierung hielt sich eigentlich immer im Hintergrund, aber da du die Tochter eines ziemlich wichtigen Mannes bist, liegt in der Schule eine dicke Akte über dich. Hauptsächlich monatliche Beobachtungen. Wie du dich verhältst, Freunde, Bekannte, Verhältnis zu Lehrern...Es ist eine ganze Menge.«

Ich wusste darüber überhaupt nicht Bescheid. Niemand sagte mir, dass wir alle so streng überwacht wurden. Oder war ich die Einzige in der Schule, die solch eine dicke Akte besaß? Ich blickte ihn wieder an, als ich meiner Fassungslosigkeit entkam.

»Bin ich die Einzige, die beobachtet wird?«

»Streng genommen, ja. Allerdings werden auch einige andere Schüler beobachtet. Aber das Schlimmste vor allen Dingen war der letzte Text, den ich aus der Akte sofort entfernt habe.« Angespannt blickte ich ihn an. Was war es? Seine eisblauen Augen blickten mir tief in meine. »Sie verdächtigen dich als Phyne. Es gab einige Male Situationen in denen du das erkenntlich zeigst. Sie hatten jede Einzelne aufgeschrieben. Sie glauben auch du bist nur so schlecht, weil du eben durch zwei geteilt bist.«

Ich hielt mir die Hand vor den Mund. Ob Vater das schon wusste? Mein Entsetzen hielt noch eine Weile an. Sogar als wir aus dem Zug stiegen, konnte ich nicht fassen beobachtet und als Phyne verdächtigt zu werden. Ging das schon mein ganzes Leben lang so?

Jaiden ergriff wieder meine Hand und wir stiegen noch eine Haltestelle weiter als gestern aus. Dort waren zwar die Häuser beinahe genauso, aber je tiefer man in das Gebiet hineinging, desto schöner wurde es. Hier waren blühende Parks, spielende Kinder, viele Leute und frisch renovierte Häuser.

Er zog seinen Schlüssel heraus und lief mit mir, nachdem wir das Gebäude betreten hatten, nach unten in den Keller. Dort war eine ziemlich modern-technische Tür. Man konnte nur mit einem Hand- und Augenscanner den nächsten Raum betreten. Jaiden blickte mich räuspernd an.

»Reine Vorsichtsmaßnahmen.«

Ich nickte unsicher und er scannte seine Hand und seine Augen ein. Tatsächlich streifte eine neongrüne Lichtlinie die hellblaue Iris und eine aufblinkende Glasscheibe scannte seine Hand. Das rote Licht über der Tür wurde grün und der Eingang wurde geöffnet.

Er lief hindurch und ich folgte. Alle Räume danach waren herkömmlich, einfach. Die Flure wurden mit braunen Fliesen belegt, weiße, frisch angestrichene Wände umgaben mich und Wandlampen leuchteten uns den Weg. Die Atmosphäre wirkte für mich sehr behaglich. Ich fühlte mich wie zu Hause.

Bevor Jaiden eine Tür öffnete, blickte er zu mir herunter. »Also, wir werden jetzt in mein Zimmer gehen. Es ist nicht mein richtiges Zimmer, denn eigentlich sollte ich bloß vorübergehend hier wohnen.«

Ich nickte und schluckte, bevor er die Tür öffnete. Zuerst flog mir eine frische Brise in die Nase. Er hatte dort ein Fenster geöffnet. Anschließend schien ein Sonnenstrahl auf mein Gesicht und kitzelte meine Nase. Erst als ich mit beiden Beinen drinnen stand, begutachtete ich die Umgebung. Das Zimmer war genauso wiedas, indem ich aufgewacht war. Abgesehen von dem dunklen Holzkleiderschrank, den etwas größeren zwei Fenstern und dem Schreibtisch. Aber es war angenehm hier drinnen zustehen. Im Hintergrund hörte man leise die Kinder lachen. Ich fühlte mich schon gleich dazugehörig. Beinahe so, als wäre das Zimmer wie für mich geschaffen. Ich liebte einfach gehaltene Zimmer, die dennoch etwas Gemütliches an sich hatten. Zu Hause hingegen war die Umgebung erträglich. Manchmal störte mich das viele Hightech.

Ich lächelte zufrieden und Jaiden tat es mir gleich.

»Gut, dass es dir zu gefallen scheint. Für mich reicht es.«

»Wie lange lebst du denn schon hier?«, fragte ich neugierig.

Seine Augen kreisten zu mir. »Einige Jahrzehnte.«

Ich schüttelte verständnislosden Kopf. Moment! Wie alt war er denn? Durch meinen misstrauischen Blick konnte er meine Frage, die mir im Kopf herumschwirrte und einfach keine Antwort fand, erhaschen.

»Insgesamt lebe ich schon fast sechsundvierzig Jahre.« Bevor ich zu meiner Gegenfrage greifen konnte, sprach er weiter. »Das kommt von meinem Vampirblut. Durch deine Dämonin wird dir das Gleiche passieren. Dämonen und Vampire sind sich in der Hinsicht sehr ähnlich. Sie altern einfach nicht. Wenn die Knochen und alle Organe ausgewachsen sind, wirst du beinahe ewig leben.«

»Beinahe?«, hakte ich nach.

»Natürlich tritt irgendwann das Altern wieder ein, aber das zieht sich über Jahrhunderte. Pierre ist einer der ersten Vampire gewesen und wann die entstanden sind, weißt du ja bereits.«

Ich nickte und holte tief Luft. Pierre Lemuar sah noch jetzt sehr jung aus. Er musste also in einem Zeitraum von sechs- bis siebenhundert Jahre alt sein. Das war ja unglaublich!

»Müsste dann nicht irgendwann eine Überbevölkerung entstehen?« Ich merkte selbst, dass ich zu viel fragte.

»Deshalb gibt es Gesetze. Ein weiblicher Vampir darf ein Kind in seinem Leben in die Welt setzen. Das heißt, es kann nach hundert Jahren erst kommen oder nach sechshundert. Die Rate der Geburten ist so gering, das man keine Rate braucht.« Ich zog überraschend beide Augenbrauen nach oben. »Dasselbe gilt für Dämonen.«

Er lief zu seinem Schreibtisch und suchte in dem Papierchaos zwei Blätter heraus. »Ich mag vermutlich genauso wenig Papierkram wie du, aber leider muss es sein. Wir müssen wissen, wer du bist und wie wir dich erreichen.«

Ich nickte einverstanden, setzte mich an den Tisch und füllte die Zeilen aus. Es war eine Art Personalbogen und einige Entscheidungsfragen, wie: Was wäre wenn...

Als ich alles ausgefüllt hatte, las er sich meine Antworten auf seinem Bett, bis ins Detail, durch. Nach wenigen Minuten, als er auf der Fragenseite gelandet war, musste er kichern.

»Was wäre, wenn Sie einen Wunsch im Leben frei hätten? Deine Antwort war: Ich würde gerne das Dynamikland besuchen ... Das ist ein Freizeitpark.« Er lachte wieder und kratzte sich dabei am Kopf. Ich zuckte bloß mit den Schultern.

»Mein Dad hatte es mir damals verboten und heute tut er es immer noch. Wegen den Scankontrollen. Da kann ich mich leider nicht durchschmuggeln.«

Er nickte und schüttelte dennoch den Kopf. Ich setzte mich neben ihn und las mir meine Antworten ein drittes Mal durch.

»Was ist ihr größter Traum?« Er blieb an den Zeilen hängen und murmelte die Frage eher, als würde sie ihn verwundern oder interessieren. Ich las mir im Kopf meine Antwort durch. Mit meinem Dad nach Oceanbreakers fahren, an den Strand mit dem goldenen Sand fahren und meine Füße ins Meer tunken. Ich hatte noch nie in meinem Leben das Gefühl von Freiheit gespürt. Aber in diesem Moment, als meine Füße das kühle Wasser spürten, eine Meeresbrise an mir vorbeizog und ich die Sonne untergehen sah, fühlte ich mich zum aller ersten Mal in meinem Leben von allem befreit. Ich wollte nie wieder weg, jeden Tag dieses Gefühl von Freiheit spüren und mir vorstellen, dass die Brise all meine Sorgen mit ins Meer sog. Doch leider war dieser Traum nicht real. Er war bloß eine Empfindung eines Momentes, der nicht länger dauerte als wenige Sekunden.

Jaiden faltete die Blätter ordentlich zusammen und legte sie neben sich auf das Nachtschränkchen.

»Heute machen wir keine Übungen. Ich muss erst die Daten an unsere Zentrale schicken und anschließend wird dir ein Plan erstellt. Wie in der Schule. Nur wird dein Training zweimal die Woche stattfinden und es wird über eins bis zwei Stunden gehen.«

»Klingt anstrengend.«

Er lächelte mich an. »Kleinigkeit. Meinen Lehrgang konnte man als anstrengend bezeichnen.«

Ich stieß mich von der Bettlehne ab und blickte ihn schockiert an. »Bist du so etwas wie mein Lehrer?«

»Abteilungsleiter und Trainer. Ja, so könnte man es nennen. Ich bin ab sofort für deine Sicherheit verantwortlich und für die Waisen, die auch hier wohnen.«

»Das hört sich ja aufregend an.«

Er rümpfte die Nase und sank mit dem Kopf auf das Kissen. Dann blickte er zu mir nach oben. »Der Lehrgang war wirklich hart. Ich musste eine Woche in der Wüste verbringen, ohne eigene Ressourcen. Aber zum Glück fand ich eine Oase.«

Meine Augen weiteten sich. »Ganz allein?«

Er nickte. »Ohne jegliche Hilfe. Sie wollten meinen Kampfgeist prüfen. Ich hatte wirklich Glück gehabt. Denn du musst dich irgendwann an Sternen orientieren. Das war eigentlich mit einer der härtesten Prüfungen.«

»Erzähl mir mehr!«, forderte ich neugierig.

Aber er schüttelte den Kopf und setzte sich auf. Seinen Oberkörper drehte er zu mir. »Ich will dich nicht abschrecken. Selbst deine Prüfungen könnten auch für dich heftig werden.« Ich schluckte.

Wir starrten uns eine Weile lang an. Seine Augen gaben mir ein wohltuendes Gefühl. Ich konnte die Eiskristalle in seinen Augen förmlich sehen. Sie glitzerten und mussten durch meinen feurigen Blick zu schmelzen beginnen. Ich hatte die Sekunden nicht gezählt in denen wir einander anschauten, aber es setzte ein Kribbeln in mir frei.

Erst als er begann zu blinzeln, was er vorher nicht tat, bemerkten wir die Fesselung. Ich löste michvonihr, indem ich auf die Bettdecke starrte.

»Kannst du kurz deine Hand senkrecht zu mir strecken?« Zuerst blickte ich ihn verwirrt an, tat jedoch was er befahl. »Keine Angst. Ich will nur etwas ausprobieren.« In seiner Stimme lag Neugierde.

Mit seinen drei längsten Fingern berührte er meine Handfläche und ich spürte die eisige Kälte. Es war das gleiche Gefühl, als wenn ein Eiswürfel auf meine Haut gleiten würde. Aber dann spürte ich einen Druck in seinen Fingern. Sein Ausdruck war konzentriert. Nach einigen Sekunden zog er blitzschnell die Hand weg und ballte sie zu einer Faust. »Autsch!«, fluchte er dennoch leise und konnte seine Augen nicht von meiner Handfläche lassen. Wie es aussah, hatte er versuchte seine Kälte auf meine Hitze zu übertragen. Die Spannung wurde zu groß und er bekam eine Art Stromschlag.

»Warum fasziniert dich ein Dämon so?«, fragte ich.

Er senkte seinen Blick und schaute, wie ich vorhin, zur Bettdecke. »Ich weiß es selbst nicht. Mich fasziniert alles was mir neu ist. Wie ein kleiner Junge. Seit mich Kyla verbrannt hatte, wollte ich immun gegen die Hitze werden. Es brachte mir allerdings nur Brandblasen und weitere Schmerzen ein.«

Ich hob verstehend den Kopf. »Ah. Naja, jetzt weißt du ja wie es sich anfühlt, wenn man immun ist.« Damit meinte ich unsere vorherige Berührung. »Auch wenn ich kein echter Dämon bin.«

Er lachte. »Das stimmt.« 

 

11 - Einsam

Nachdem die – in meinen Augen – kurze Zeit vorüber gegangen war, verabschiedete ich mich von Jaiden und kehrte nach Hause zurück. Gegen acht Uhr abends kehrte ich in unsere Wohnung zurück. Dort erwartete mich Jeffrey. Sofort begann ich zu seufzen.

»Und ich dachte wir hätten uns auf keine Bodyguards geeinigt«, bemerkte ich nebensächlich und stellte meine Tasche auf dem kuschligen Sofa ab, dessen Sitz mit Kissen bedeckt war. Mein Körper ließ sich auf den bequemen Untergrund fallen.

»Herr Anderson besteht auf eine Beobachtung von sechs bis neun Uhr«, sprach Jeffrey und bewegte sich keinen Zentimeter. Seine Stimme klang immer wie die eines Roboters, sobald er Befehle erhielt.

»Beobachtung? Du bleibst hoffentlich da stehen, oder?«

»Ja, Fräulein Anderson.«

Ich seufzte genervt. Jeff konnte wirklich manchmal schwer sein. Vater war überhaupt nicht da und er konnte die stramme Haltung lassen. Aber jedes Mal musste ich es ihm von neuem erklären.

»Jeff, lass die Schultern sinken, streck deine Brust nicht so raus und setz dich verdammt nochmal hin. Du weißt, dass ich es nicht ausstehen kann, wenn ich gemütlich sitze und du dich drei Stunden mit Stehen quälen musst. Dad ist nicht zu Hause, also relax.«

Er schwieg vorerst, wusste jedoch, dass ich auch manchmal wie mein Vater ungemütlich werden konnte. Also tat er was ich sagte, blies seine Luft aus seiner angespannten Brust und setzte sich neben mich. Dabei zog er die Sonnenbrille aus.

»Braver, Jeff!«, lobte ich ihn scherzend und klopfte ihm wie ein Hund auf die Schulter. »Möchtest du etwas trinken?«

Er schüttelte den Kopf. Bevor ich in die Küche lief, um mir etwas ins Glas einzuschütten, schaltete ich den riesigen Fernseher an – der eher wie eine Kinoleinwand wirkte. Jeff schnappte sich die Fernbedienung und regulierte die Lautstärke in einem gut hörbaren Ton.

»...das unsere Ermittlungen noch am Laufen sind.« Ich drehte meinen Kopf zum Fernseher. Der Nachrichtensprecher - dunkle Haaren weiße Haut, eng beieinander liegende, dunkle Augen, buschige Augenbrauen und stoppeliger Bart – begann das nächste Thema anzusprechen. »Danke, Teresa. Nun kommen wir zur Politik. Pierre Lemuar, Cassandra Pecelin und Christian Mercel haben heute mit einigen ihrer Vertreter und Syntofos eine...«

Ich trat wieder ins Wohnzimmer und setzte mich auf meinen alten Platz.

»Jeff, was sind nochmal Syntofos? Was machen die genau?«, fragte ich und versuchte weiterhin mich auf die Worte des Sprechers zu konzentrieren.

»Dein Dad ist doch einer.«

»Weiß ich ja. Aber bei ihm hört sich alles so kompliziert an.«

Er seufzte und faltete die Hände ineinander. Die Haltung erinnerte mich an Jaidens übliche, lässige Pose.

»Es sind eigentlich nur Begleiter der ganzen Regenten. Christian versteht sich sehr gut mit deinem Vater und er ist sozusagen ein Beistand für ihn. Es ist eine Ehre ein Syntofo zu sein.«

»Seltsamer Name. Klingt wie Tofu zum Essen«, nörgelte ich.

Jeff seufzte und schüttelte lächelnd den Kopf. »Es kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Begleiter

Ja, griechisch. Wir stammten vom Menschen ab. Das hieß der wiederum stammte vom Affen ab. Als der Meteorit eines Tages in die Totenwüste – hinter dem Waldlicht, einem gesperrten Gebiet - stürzte und somit den Planet völlig veränderte, wurden nur die Menschen davon betroffen. Wissenschaftler hatten versucht der Sache auf den Grund zu gehen, warum Menschen zu den Wesen wurden, die wir heute waren. Dämonen, Basilisken, Vampire, Harpyien, Werwölfe, Magier, Meermenschen und Drachen. Acht Wesen die bekannt sind. Aber es musste mehr geben. Sie hatten alle etwas gemeinsam. Es sind alles Tiere, die sich mit ihnen vermischt haben. Dämonen werden oft als böse Geister bezeichnet, dabei spielen sie gerne mit Feuer und besitzen Flügel. Ein Basilisk, auch die Schlange genannt, versteinert seine Feinde und kann sie durch einen kleinen Biss vergiften. Vampire stammen von den Vampirfledermäusen ab. Sie besitzen eine kalte Haut und trinken Blut. Harpyien kennt man aus dem menschlichen Mythos. Die Mischung aus einem Vogel und einem Menschen. Werwölfe sind Wesen die sich beliebig verwandeln können. Sie brauchen keinen Vollmond, sowie in all den Legenden. Magier waren allerdings etwas Besonderes. Der Meteorit hatte ihnen kein Tier verliehen, sondern ihre Menschlichkeit beibehalten, da der Mensch auch als Tier bezeichnet wurde, wurden ihnen nurdie Kräfte überlassen. Als nächstes tauchten die Meermenschen auf. Halb Mensch, halb Fisch. So wie man es in all den Geschichten kannte. Aber ihr Unterkörper kann Beine, sowie auch Flossen besitzen. Dadurch war es ihnen erlaubt an Land gehen zu können und im Wasser zu schwimmen. Zuletzt kamen die Drachen. Uralte Wesen, die als Legende angesehen worden waren, wobei es nichts weiter als halb Mensch und halb Reptil war. Natürlich meinten viele Wissenschaftler, dass es mehr geben musste, als nur diese acht Arten. Aber man hatte nicht viel forschen können. Die Technologie kam durch den Wandel nicht mehr mit und selbst ein Vampir, der im Flugzeug in einem gekühlten Raum sitzen würde und durch die Wüste flöge, würde geschwächt werden. Die neuen Fähigkeiten hatten viele daran gehindert einige Orte zu betreten. Magier waren diejenigen, die ihre Menschlichkeit behalten hatten, aber auch sie hatten an einem ganz bestimmten Ort ihre Schwäche. Es war das Moorgebiet im Norden und im Westen. Es erstreckte sich unterhalb der Berge und war nun der Wohnort einiger Harpyien Im Westen war die Heimat der Basilisken, Undertown. Das Gebiet entzog ihnen solange die Kraft, bis sie umfielen und im Moor versanken. Deshalb starb ein Phynekind sofort bei der Geburt, wenn die Mutter das Gegenteil vom Vater war. Ein Dämon könnte niemals gleichzeitig ein Vampir sein. Das wäre unmöglich. Genauso wenig durfte eine Meerjungfrau schwanger von einem Drachen sein. Das Kind wäre schon im Bauch tot. Hätte mein Vater mit einer Harpyie oder einem Basilisken geschlafen, gäbe es mich vermutlich nicht. Selbst wenn das Kind tot zur Welt käme, würde einer der Helfer im Krankenhaus sofort eine Todgeburt melden. Sie hätten den Phyne erkannt und die Regierung wüsste, dass das Paar eines der hohen Gesetze gebrochen hätte.

»...und so beschließt man ein Gesetz«, vollendete Jeff seine endlos lange Erklärung und ich hatte erneut nicht zugehört. Das geschah in letzter Zeit öfter. Jaiden hatte mich durch sein Dasein völlig aus dem Konzept gebracht.

»Ach so. Ja, das hatte ich mal gehört«, bestätigte ich und Jeff schaute mich misstrauisch an. Er mochte es nicht, wenn man ihm nicht zuhörte. Aber ich lächelte einfach gutgelaunt und schaute weiter fernsehen. Ich hatte nicht mehr weiter aufgepasst und vermutlich Dad in seiner Sitzung in Istrien verpasst.

»Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend!«, beendete der Nachrichtensprecher seine Arbeit und die Werbung wurde eingeschaltet. Ich seufzte.

Jeff schaute auf seine Uhr und stand auf. »Noch einen schönen Abend, Jolina.«

Ich nickte, sah wie er in den Fahrstuhl stieg und hinunter fuhr. Er ging bestimmt zu seiner Familie. Ob er selbst schon Kinder hatte? Jedenfalls fühlte ich mich ziemlich allein in dieser riesigen Etage. Ohne Dad war es ein schwarzes Loch voller Stille und Dunkelheit. Sobald ich das Licht ausmachte, verzog ich mich in mein Zimmer und legte mich schlafen.

 

Am nächsten Morgen besuchte ich die Schule. Dabei huschte mein Blick in der Pause erneut über den Pausenhof. Ich suchte Jaiden. Doch ein weiteres Mal ließ er sich nicht blicken. Ob er wieder schwänzte?

»Jetzt mal ehrlich. Gab es Stress daheim? Was beschäftigt dich denn so sehr in letzter Zeit?«, fragte Julia genervt.

Ich schweifte meinen Blick von ihr ab und schaute mir die anderen Magier an. Ihr Leben war so unglaublich ... einfach.

Julia stampfte auf den Boden und ballte wütend die Fäuste. »Sag schon.«

Erschrocken fixierte ich mich an ihren glühenden Augen und zitterte selbst bei dem noch nie dagewesen Anblick. Ich wusste, dass Julia ein wenig temperamentvoll sein konnte, aber so wütend hatte ich sie wegen mir noch nicht erlebt.

»Ja, Dad ist doch weg«, gab ich rasch eine Antwort und umklammerte nervös das Geländer hinter mir. Zu meinem Glück lockerten sich Julias Kiefermuskeln und ihre Fäuste entfalteten sich.

»Du bist jetzt ganz allein?«

Ich nickte zögernd und dachte an Jeff. Nach der Schule blieben mir nur drei Stunden mit Jeff, danach war ich allein. Auch wenn ich gern Gesellschaft hätte, würde ich ihn lieber nach Hause schicken. Bodyguards taten mir Leid, da sie den ganzen Tag stehen mussten. Zumindest die Bodyguards, die in unserer Wohnung arbeiteten. Zwar gab ihnen die langweilige Schicht einen guten Lohn, aber der Beruf konnte auch risikoreich sein.

Nach der Schule verabschiedete ich mich von Julia und lief zum Bahnhof. Ich musste mich zwingen an meiner Haltestelle auszusteigen. Ich wusste nicht was mich zu Jaiden zog. Aber mit einer einfachen Erklärung, redete ich mir meine Neugierde ein. Mich neckte es zu wissen, was als nächstes geschah.

Zuhause schaute ich fernsehen. Dennoch gab es nichts Neues über meinen Vater und ich knipste den Bildschirm aus.

Jeff stand noch an der Tür und blickte wie eine Statue geradeaus. Wie konnte er das bloß über mehrere Stunden lang? An was dachte er dabei? Mussten einem nicht irgendwann die Gedanken ausgehen? Ich seufzte.

»Jeff, du kannst ruhig nach Hause gehen«, kündigte ich ihm an, aber er schüttelte nur den Kopf. »Ich weiß, Befehl ist Befehl, aber ich gehe doch sowieso schlafen. Du brauchst dir als keine Gedanken zu machen. Mir passiert nichts. Mein Dad vertraut mir nun mal nicht.«

Ein undeutliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. »Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Abend, Jolina.« Er verschwand im Fahrstuhl und fuhr hinunter. Ich seufzte erneut. Jeff war nicht wirklich die Plaudertasche, aber er sorgte dafür dass ich die letzten Stunden nach der Schule nicht mit Einsamkeit verbrachte.

Gerade als ich mich ins Bett legte um zu schlafen, vibrierte mein Handy kurz. Ich schaute auf den Bildschirm: Eine neue Nachricht. Ich öffnete sie und las darin. Die Nummer war nicht gespeichert.

 

Tja, Jolina. Ich schreibe dir, weil dein Plan schon überprüft worden war. Ich hatte ihn per Fax einschicken lassen. Das ging schneller. Jedenfalls bekamst du einen Stundenplan. Du musst allerdings drei Mal die Woche vorbeikommen. Ich schätze trotzdem, dass es kein Problem für dich sein wird. Folgendes: Wir treffen uns morgen, wie das letzte Mal, am Bahnhof. Warte an der ersten Bank auf mich, damit dich die Leute das nächste Mal nicht herumschubsen.

 

P.S. Verzeih mir. Ich hatte mir letztens heimlich deine Nummer gespeichert. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Sieh es positiv! Jetzt hast du meine.

 

Jaiden

 

Der Name versetzte mir ein Bauchkribbeln. Mein Herz begann aufgeregt aufzuspringen und flatterte. Mir wurde ganz warm und ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Die Nummer war sofort in meinem Telefonbuch. Wieso hatten wir nicht vorher die Nummern getauscht? Aber trotzdem freute es mich, das er sofortan mich gedacht hatte und das noch am späten Abend.

Ich las erneut die Zeilen, aufmerksam und angespannt. Das hieß nun, dass ich zur Organisation gehörte. Ich fühlte mich plötzlich etwas schuldig, als ob ich etwas Falsches täte. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich mir zum ersten Mal Hilfe holte, – allein – ohne dass mein Vater davon wusste. Es gab mir das Gefühl selbstständig geworden zu sein. Zwar gefiele meinem Dad die Idee nicht, das ich nun einer illegalen Organisation angehörte, aber was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß.

 

Die Schule kam mir wie eine Ewigkeit vor. Aber das tat sie immer, wenn man mit dem Gedanken ganz woanders war und das Gefühl fliehen zu wollen, einen kitzelte. Ich überlegte mir schon strategische Vorgänge. Allerdings gab es so viele Wege. Möglichkeit 1: Ich werde nach der achten Stunde zu meinen Schrank gehen, mir die Tasche nehmen und verschwinden.

Möglichkeit 2: Nach der letzten Stunde verlasse ich die Klasse, wobei ich vermutlich von meiner besten Freundin Julia begleitet werde und mir eine sinnvolle Ausrede ausdenke.

Möglichkeit 3: Ich warte bis alle Schüler die Klasse verlassen haben, vergewissere mich dass auch der Lehrer verschwand und schleiche mich unbemerkt aus der Schule.

Möglichkeit 4 - die vermutlich unwahrscheinlichste von all meinen bisherigen Gedanken: Jaiden begegnet mir im Flur und ich verlasse mit ihm die Schule gemeinsam.

Auch wenn mir Möglichkeit 4 am Leichtesten erschien, war diese am Unwahrscheinlichsten. Ich seufzte.

Aber es sollte völlig anders kommen. Julia lief neben mir her, als meine Lehrerin nach mir rief. Frau Backes.

»Jolina!«, rief sie mir mit einem ernsten Tonfall zu und ich blieb seufzend stehen. Alles bloß das nicht! »Kommst du mal bitte?« Ich blickte hilfesuchend zu Julia, die jedoch nur ratlos die Schultern hob und mich anlächelte.

»Bis Morgen!«, rief sie und verschwand aus der Klasse.

Genervt drehte ich mich zu Frau Backes und setzte mich wieder auf den Platz. Ungeduldig begutachtete ich die Armbanduhr an meinem Handgelenk.

»Ich habe gestern die Tests fertig bekommen und ich war sehr schockiert über deine Arbeit.«

Ich zuckte zusammen. So viel zu den Thema verbessern. Ich stützte unbeteiligt meinen Kopf durch den Arm und gähnte.

»Na sagen Sie schon! Ich weiß, dass ich keine gute Schülerin bin.«

Sie starrte mich eine Zeit lang an. Ihr Blick wirkte vorerst noch ernst und undurchdringlich, aber als sie ihre Kiefermuskeln lockerten, wurde ihre Mimik auch positiver. Sie lächelte sogar.

»Du bist die Klassenbeste.«

Schockiert erhob ich mich von meinem Stuhl und behielt meine Hände auf dem Tisch. Mein Mund klappte auf und ich versuchte gerade ihre Worte zu verarbeiten. Was? Wirklich? Ich gebe zu, dass ich gelernt hatte, aber das war nicht allzu viel. Nur machte mir das Lernen zum ersten Mal richtig Spaß. Warum wusste ich selbst nicht.

»Welche Note habe ich denn?«, vergewisserte ich mich zuerst. Die Klasse könnte auch alle Vieren und Fünfen haben. Dabei könnte ich die beste Vier sein.

»Eine Eins mit hundert Prozent.«

Wenn mein Mund nicht schon aufgeklappt wäre, hätte ich es ein zweites Mal getan. Dabei rissen jedoch meine Augen vor Erstaunen auf. Ich hatte also alles richtig gehabt? Ich? Die Versagerin aus der Klasse? Offensichtlich war ich nicht dumm. Mir fehlte bloß der Ehrgeiz zum Lernen. So unglaublich der Moment auch sein mochte, ich musste zum Bahnhof!

»Morgen teile ich euch all die Tests aus. Es freut mich, dass es anscheinend mit dir Berg auf geht, Jolina. Ich wusste schon die ganze Zeit, dass du eigentlich ein sehr intelligentes Mädchen bist.«

Sie schlang ihre Tasche um ihre Schultern und verschwand aus der Klasse. Ich sah ihr noch immer mit geöffnetem Mund nach. Ich konnte es nicht fassen. Mein Dad würde so stolz auf mich sein, wenn er außer Vieren und Fünfen endlich eine Eins in einem anderen Fach außer Politik sähe. Ich freute mich schon auf seine Rückkehr. Es würde ihm den Tag versüßen und wenn Dad glücklich war, dann war ich es auch.

Gerade als ich aus der Tür gehen wollte, sah ich Jaiden an mir vorbeilaufen. Er drehte sich zu mir um. Mit einem Lächeln begrüßte er mich.

»Was für ein Zufall. Komm, beeil dich, sonst verpassen wir den Zug.«

Meine Beine entwurzelten sich erst nach wenigen Sekunden und konnten mit Jaidens schnellen Schritten mithalten.

 

12 - Erste Schritte

Wir kamen am Bahnhof an, stiegen in den Zug und fuhren drei Haltestellen weiter. Abgelegen vom Slumgebiet landete ich wieder in dem ruhigeren Viertel, das zwar auch aus hohen Mauern bestand, jedoch eine ganz andere Atmosphäre besaß. Als ich um die Ecke blickte, entdeckte ich spielende Kinder auf dem Spielplatz. Der Boden war teils aus Kies und Gras. Die dichten Baumkronen warfen einen großen Schatten darauf. Eltern saßen auf den Bänken und konnten ihre Kinder nicht anschauen ohne zu schmunzeln. Dad hatte nie viel gelacht. Außer wenn wir für uns waren. Kein Unternehmen, keine Pflichten, nichts anderes, als nur Spaß und grenzenlose Freiheit.

Ein Mädchen schlitterte die Rutsche hinunter und lachte als ihr Hintern mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden aufkam. Sie hob ihre Arme in die Luft und forderte ihre Mutter auf mit zu rutschen. Aber das Gerüst war nur für Kleine gedacht. So ließ sie das Kind wieder auf den Boden und schaute zu wie es auf dem Geländer verschwand.

All diese Kinder schienen so unbekümmert zu sein. Sie hatten ihren Spaß, keine Sorgen, nur Glück überkam sie. Die meiste Zeit meiner Kindheit verbrachte ich in einem Zimmer und dem Spielzeug, das mir - wortwörtlich - bis zum Hals stand. Was mir fehlte war eine Mutter. Eine weibliche Person die mich in den Arm nahm und mich streichelte. Ich brauchte die Geborgenheit derjenigen, die mich bei der Geburt im Stich gelassen hatte. Auch wenn sie in meinem Augen nicht richtig gehandelt hatte und ich jeden Grund besaß sauer zu sein, konnte ich es nicht. Sie war trotzdem meine Mutter. Zwischendurch gab es einige Nannys die ich mochte und versuchte in ihnen eine Mutter zu sehen. Dennoch betrachtete ich nichts anderes als ein Lächeln und eine fremde Frau.

Es zauberte mir ein Grinsen auf mein Gesicht, als ich den vielen Kindern zuschaute. Sie spielten Fangen, Klatschspiele und sangen. Das Bild vor meinen Augen plus die ruhige, sommerliche Atmosphäre hatte etwas Paradiesisches an sich. Es sah wie ein Happy End aus, das man in vielen Filmen erblickte. Die Eltern waren glücklich und die Kinder auch.

Jemand tippte auf meine Schultern und hatte sich hinter mich gestellt. Ich hatte nicht einmal bemerkte, dass ich mich von Jaiden davon geschlichen hatte und nun anlehnend an der Wand, nah am Spielplatz, die Kinder beobachtete.

»Was fasziniert dich an einem Spielplatz?«, fragte er neugierig. Ich drehte mich zu ihm um, wich erschrocken zurück, als ich bemerkte wie nah er an mir stand und schaute verlegen zu Boden.

»Die Kinder und das Zusammenleben.«

Er musterte mich einen Moment nachdenklich und nickte. »Das Gefühl kenne ich.«

Natürlich. Phynes konnten nur ihresgleichen verstehen. Kein Reinrassiger könnte jemanden wie uns akzeptieren.

»Gehen wir?«, fragte er und ich nickte, wandte mich von den Kindern ab und folgte ihm. 

Wir standen nach mehreren Minuten wieder in seinem Zimmer. Er packte einige Sachen zusammen und stopfte diese in einen Rucksack. Ich hatte mich inzwischen auf sein Bett gesetzt und sah ihm dabei zu.

»Wir verreisen doch nicht, oder?«, meinte ich scherzend.

Er schüttelte den Kopf und suchte weiter. Als er scheinbar alles gepackt hatte, erhob ich mich vom Bett und lief auf die Tür zu. Jaiden packte mich am Arm und zog mich zurück. Anschließend hielt er mir seinen Rucksack vor die Nase.

»Soll ich den tragen?«, fragte ich verdutzt. Ich fing ihn auf, als Jaiden ihn schweigend fallen ließ.

»Da sind Sachen drin, die dir im Training nützlich sein könnten. Ich werde nicht dein Trainer sein.«

Ich schwang den Rucksack auf den Rücken. Er war ziemlich schwer. Mit einem fuchsigen Lächeln betrachtete er mich.

»Du wirst sie auf jeden Fall gebrauchen.«

Ich zog nur verwirrt eine Augenbraue in die Höhe und folgte Jaidens Schritten. Wir stiegen eine Treppe hinunter, durchliefen einen Gang und standen schließlich vor einer Metalltür.

»Wir sind ein wenig spät dran, aber mach dir keine Sorgen, als Neuling ist das normal. Du wurdest schon in Gruppe B eingeteilt. Eigentliche eine Fortgeschrittenen Klasse, jedoch wirst du mit den sechs Stunden pro Woche locker aufholen.«

Ich nickte schluckend und er öffnete die Tür. Zuerst drangen Lichtstrahlen in meine Augen, wodurch ich sie reflexartig schloss. Als sich die Pupillen an die Helligkeit gewöhnt hatten, öffnete ich sie und entdeckte eine riesige Halle. Sie war dreimal so groß wie die Sporthalle in unserer Schule. Ich wusste nicht,wo ich anfangen sollte die vielen Geräte zuzuordnen. Als erstes standen zwei hohe Mauern mit einer Verkleidung aus Holz vor mir. Zwischen ihnen bot sich ein enger Durchgang. Es kennzeichnete eine Schlucht. Ich musste meinen Kopf in den Nacken legen, um an die Decke zu schauen. Über den Köpfen der hohen Plattformen waren Holzbalken, die in alle Richtungen verliefen. Sie waren nicht alle eben, sondern schief und gewölbt. Es erinnerte mich an mehrere Baumkronen, die ineinander verliefen. Allerdings fehlten die Blätter. Zu meiner Rechten sah ich am Ende der Plattform eine Kletterwand, die bis ganz nach oben verlief. An der Decke hingen Seile mit Schlaufen. Vermutlich musste man sich dort hinüberschlängeln. Enden tat es an den Balken. Zu meiner Linken entdeckte ich rechteckige Hecken. Es sah aus wie der Eingang eines Labyrinths. Wie konnten die Hecken hier wachsen? Mein Blick fiel zum Boden. Nicht überall bestand er aus beigem Linoleum. An anderen Stellen befand sich weiche Erde. Wie lange sie wohl gebraucht hatten all das zu entwerfen? Es sah einfach gigantisch aus!

Jaiden lief durch die Schlucht und ich folgte ihm. Die Plattformen hatten einen langen Durchmesser. Am anderen Ende warteten weitere Parcours auf mich. So langsam verstand ich den Sinn des Raumes. Es war eine Art Prüfung. Hier wurden alle Arten von Hindernissen präsentiert. Klettern, springen, laufen, kriechen, schwimmen und noch vieles mehr. Es faszinierte mich, dass so Phynes trainiert wurden.

Jedoch blickte ich zum ersten Mal einer Gruppe in die Augen. Die Altersklassen waren völlig unterschiedlich. Ich musste meinen Kopf senken, sowie in den Nacken legen. Jedoch entdeckte ich dabei eine einzelne Person, die etwas abseits der Gruppe stand. Ich wurde von allen angestarrt.

»Das ist die Neue«, flüsterte einer von ihnen.

Die Frau, die zuvor allein neben ihnen stand, kam zu mir gelaufen und hielt mir ihre Hand hin. »Schön dich kennen zu lernen, Jolina. Ich bin Kyla.«

Ich überlegte kurz und blickte zu Jaiden, der sie auch anschaute. »Freut mich auch sehr hier sein zu dürfen.«

Mein Glück war, dass die Gruppe mich auch freundlich anlächelte. Ich hatte eher mürrische und misstrauische Blicke erwartet.

Kylas Augen besaßen dasselbe dunkelbraun wie ihre gewellten Haare. Ich nahm die Hand erst viel später entgegen, da ich etwas nervös war. In ihrem Arm hatte sie einen tragbaren Bildschirm. Er war in eine weiche Hülle gebettet. Drauf tippte sie herum und schaute anschließend zu mir auf.

»So, Jolina, dann würden wir dich gerne bitten, dich unserer kleinen Gruppe anzuschließen. Leg deinen Rucksack neben die der anderen. Wir machen heute leichte Übungen.«

Der Rucksack landete schnell an den Bänken. Eine große durchzogene Wand trennte diesen Raum von dem nächsten. Ich stellte mich also zu den sieben Leuten, die ich während meines Hinweges schnell gezählt hatte. Es gab vier Jungen und drei Mädchen. Den kleinen Jungen, der mir gerade bis zur Brust ging, musterte ich genauer. Woher kam er mir so bekannt vor? Die hellblauen Augen, die schwarzen stufigen Haare,... Mir fiel es einfach nicht ein.

Kyla stellte sich vor uns und grinste.

»So, das ist Jolina.« Sie deutet mit der Hand auf mich und ich zog verlegen einen Mundwinkel nach oben. »Wie ihr wisst, ist sie neu und deshalb werden wir heute mit einfachen Übungen anfangen.« Sie schaute auf die Armbanduhr an ihrem Handgelenk und gab einen überschwänglichen Schrei von sich. »So spät schon? Wir müssen die Zeit etwas aufholen. Zwei Stunden sind schnell vergangen.« Ihr Blick fiel zu dem kleinen Jungen. »Denzel zeig doch mal die Kletterübung.«

Er nickte, trat aus der Gruppe und stellte sich vor das Plateau. An der Wand waren Griffe befestigt, die unterschiedliche Größen und Formen hatten. Sie erinnerten mich an ein Klettergerüst.

Ich schlang die Arme um mich und schaute Denzel nach.

»Ohne Verwandlung!«, warnte Kyla ihn, bevor er die Hand auf den ersten Griff setzte.

Denzel atmete kurz ein und schlang sich die Wand hinauf. Seine Bewegungen waren erstaunlich schnell. Sie ähnelten einem Tier. Ich musste wahrscheinlich mit Magiern rechnen, deren andere Seite jede andere Art außer Basilisk und Harpyie war. Er hatte hastig nach den Griffen geschnappt und die Beine bewegten sich mit seinen Händen im Einklang. Wie eine Tier sprintete er die guten zehn Meter nach oben. Es dauerte keine zehn Sekunden und er winkte uns von oben zu.

»Jolina. Versuch du doch mal dein Glück«, lächelte mir Kyla munter zu. Ich atmete tief ein und stellte mich vor die Wand. Mein Herz pochte, alle schauten zu und dabei war ich doch eine Anfängerin. Sogar Jaiden stand noch im Hintergrund und sein Blick stocherte in meinem Nacken. Doch am Meisten spürte ich die Gruppe. Es waren mindestens neun Augenpaare auf mich gerichtet. Ich stand nie wirklich gerne im Mittelpunkt.

Als ich meinen Mut gefasst hatte, setzte ich die erste Hand an den Griff. Ich wäre vollkommen langsam, das konnte ich schon im Voraus erahnen. So schnell wie Denzel oben war, würde ich fünffach so viel Zeit benötigen. Das schwierige daran war die Wand selbst. Ich kannte die Griffe nicht. Deshalb musste ich meine Hände und Beine nacheinander beobachten, geeignete Griffe heraussuchen und hinaufklettern.

Selbst als wenige Sekunden vergingen, in denen Denzel vermutlich dreimal hinauf und hinunter geklettert wäre, kam ich nicht weiter als drei Meter. Ich seufzte entmutigt.

Plötzlich spürte ich einen Windzug neben mir und schaute erschrocken in die Richtung. Jaiden hing rechts von mir an der Wand und grinste. Wie schnell war er denn? Ich brauchte gerade mal eine halbe Minute bis ich meine drei Meter hinter mir hatte und er verschwendete nicht einmal eine Sekunde. Das war mehr als beeindruckend. Jedoch war es nicht anders von einem Trainer und Abteilungsleiter zu erwarten.

»Wenn du weiter so machst, stehen wir noch morgen hier«, sagte er scherzend, aber ich blinzelte nur fassungslos. »Versuche ein kleines Stück der Dämonin in dir freizusetzen. Sie wird dir Feuer unter dem Hintern machen.«

Meinte er das ernsthaft? Wenn ich es ihr nur ein bisschen gestatten würde, dann würde alles zum Vorschein treten. Kyla hatte gesagt, dass wir uns nicht verwandeln dürfen.

Ich blickte hinunter zur Gruppe, die mich schweigend ansah. Sie waren immer noch gespannt. In der Schule wäre ich vermutlich ausgelacht worden, hätte abgebrochen und mich geweigert weiter zu machen. Aber hier kam das nicht in Frage. Ich wollte Jaiden nicht enttäuschen und auch in etwas gut sein.

Also nickte ich vorsichtig und schloss kurzzeitig die Augen. In meinem Unterbewusstsein rief ich nach meiner Dämonin und versuchte im Kopf nur einen Teil von ihr freizusetzen. Es war unglaublich schwer. In mir fühlte es sich wie eine gefüllte Wasserflasche an, deren verschlossene Öffnung auf den Kopf gedreht war. Wie sollte ich nur einen Teil des Verschlusses öffnen, sodass noch nicht mal ein Achtel ihrer Kräfte freigesetzt werden könnte? Ich konnte es nicht. Entweder riss der Verschluss komplett auf oder war so gut zugedreht, das ich ihn überhaupt nicht öffnen konnte.

Minuten vergingen. Stille beherrschte den riesigen Raum. Aber unter meiner Membran spürte ich das leichte, feurige Kribbeln. Es reichte jedoch nicht aus. Meine Augen mussten sich wenigstens verfärben. Das taten sie nicht. Ich merkte wie feige ich war und Angst vor meiner anderen Hälfte hatte. Aber egal wie vorsichtig ich an dem Verschluss drehte, es wollte entweder nichts herausströmen oder alles. Das Tarieren meiner Kräfte fehlte mir. Darin wurde ich nicht einmal ansatzweise trainiert.

Schließlich war ich enttäuscht von mir selbst. Ich wollte endlich lernen besser zu sein als ich es jemals war und mein wahres Ich verstehen. Sogar Denzel, ein circa fünfzehnjähriger Junge, konnte besser klettern als ich. Es war Feigheit und nicht ausreichender Ehrgeiz. Ein Schwächling. Meine Hände umfassten verkrampft die Griffe und meine Füße wollten sie unter ihnen abstoßen. Ich bemerkte nicht wie schnell sich die Wut in meinem Körper anstaute.

Jaidens Blick wurde misstrauischer als er meine Verkrampfung bemerkte und beobachtete die zuckenden Lider. Meine Stirn fiel gegen die Wand und angespannt drückte ich meinen Kopf gegen sie. Die Wut wurde größer je mehr ich über mich fluchte. Innerlich schürte ich das Feuer und meine rote Iris kam zum Vorschein. Aber das sollte nicht alles sein. Wenn meine Dämonin aus Wut zum Vorschein kam, war ich eine wild gewordene Bestie. Unkontrollierbar, schnell und gefährlich.

Schließlich stieß sich Dampf von meiner Haut ab. Er war für ein menschliches Auge nicht erkennbar, aber ein Vampir spürte das Feuer, das neben ihm loderte.

Jaiden begriff was in mir vorging. »Jolina, du musst dich beherrschen.«

Ich riss meine Augen auf. Die dämonischen Krallen bohrten sich in die Griffe und gaben klirrende Geräusche von sich. All meine Muskeln hatten sich angespannt und Rauch strömte aus meinen Atemwegen.

»Ich kann nicht«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen.

Doch dann schoss ich wie eine angezündete Rakete nach oben. Ich ließ mich von meiner Wut leiten, gab meiner Dämonin die Oberhand und befand mich in weniger als zwei Sekunden oben auf dem Block. Denzel war zu Boden gestürzt und seine hellblauen angsterfüllten Augen blickten mich an.

Reiß dich endlich zusammen! Ich musste versuchen die Kontrolle zu behalten. Aber es fühlte sich wie beim Tauziehen an. Die Gegenseite gab niemals nach. Sie zog mich sogar immer näher an sich.

Doch in der nächsten Sekunde stürzte sich Jaiden auf mich, ein Zischen betäubte kurz meine Ohren, als seine eiskalte Hand meine glühend heiße Haut berührte. Es hörte sich wie ein Stück Fleisch an, das gerade in die heiße Pfanne geworfen wurde. Ich öffnete erschrocken meinen Mund, eroberte wieder durch das Geräusch meine Fassung und lag regungslos am Boden.

Jaiden nahm seine Hand von meinem Arm und ich konnte den Schmerz in seinem Gesicht ablesen. Meine glühende Haut hatte seine verbrannt. Die Dämonin war in dem Moment stärker als Jaiden gewesen und somit konnte nur ich ihm etwas antun. Das hätte niemals geschehen dürfen! Ich war eine Gefahr geworden.

Sofort stand auch Kyla neben mir und berührte meine glühende Haut. Ihr machte es nichts aus. Sie war ein vollwertiger Dämon. Sie absorbierte sogar die Hitze, sodass sich meine zweite Hälfte zurückzog und ich wieder normal wurde.

Jaiden war in der Zwischenzeit aufgestanden und sprang vom Block hinunter. Kyla half mir auf. Ich hechelte, atmete schwer und konnte mich nicht von Jaiden abwenden. Was hatte ich bloß getan? Wie konnte das passieren? Ich hatte ihn verletzt. Er musste Schmerzen haben. Alles nur wegen mir.

Als Kyla bemerkte wie fassungslos ich in die Leere starrte, schüttelte sie an meinen Schultern.

»Jolina! Komm wieder zu dir!«, rief sie ernst und ich blickte sie an. »Hast du dich wieder im Griff?«

Ich nickte schockiert. Aber ganz sicher war ich mir nicht und nahm Abstand von ihr und Denzel. Dabei betrachtete ich mich selbst, blickte auf meine Hände und konnte noch immer nicht fassen, was mit mir geschehen war.

Gefühle ließen sich leicht beeinflussen. Das war meine Schwäche. Ob ich mich selbst damit manipulierte oder jemand anderes. Fakt war, das ich es zuließ und das mit einer gewissen Leichtigkeit. Diese Charaktereigenschaft könnte sich als gefährlichen Schwachpunkt herausstellen.

»E-Es tut mir so leid...«, flüsterte ich und senkte meinen Kopf.

Kyla kniete sich zu mir hinunter und legte eine Hand auf mein Bein. »Er ist in seinem Zimmer.«

Mein Kopf schnellte nach oben und ich blickte sie überrascht an. Eigentlich hatte ich auf Ärger gewartet, aber anscheinend wollte mir Kyla damit sagen, dass ich diesen Satz eher Jaiden sagen sollte. Ich nickte eifrig und sprang auf der anderen Seite, am Ausgang, hinunter.

 

13 - Es tut mir so leid!

Mit schnellen Schritten landete ich vor seiner Tür, packte den Griff und umschloss ihn mit meinen Fingern. Aber klopfen und sie aufmachen, traute ich mich nicht. Mein schlechtes Gewissen machte mich erneut feige. Dabei hatte ich beschlossen mich zu ändern.

Ein Seufzer entglitt meinen Lippen und noch immer zögerte ich. Im Kopf rief ich Vorstellungen der Grade seiner Verbrennung hervor und erinnerte mich an die Worte von Jaiden. Kyla hatte ihn damals ebenfalls verbrannt und er litt mehrere Tage darunter. Ob es bei mir der gleiche Fall war? Ich bereute meine Tat und wollte sie um jeden Preis wieder wettmachen.

Doch dann wurde die Tür langsam aufgemacht, aber niemand befand sich dahinter. Zuerst stand ich wie angewurzelt davor und rührte keinen Finger. Erst nach wenigen Sekunden löste sich meine Hand von dem Griff und ich trat ein.

»Jaiden?« Meine Stimme klang heiser und schuldbewusst.

»Hier!«, rief er und ich schloss die Tür hinter mir. Er saß am Schreibtisch und hatte seine Hand in ein rechteckiges Plastikgefäß gesteckt. Allerdings war die Flüssigkeit darin milchig, trüb. Ich näherte mich ihm und hatte noch immer Hemmungen etwas zu sagen.

»Warum bist du nicht einfach hinein gekommen?«, fragte er und klang normal. Für mich bedeutete das, dass er keinen Groll auf mich hegte. Es ließ mich erleichtert aufseufzen.

»Hör zu! Es tut mir wahnsinnig leid! Ich weiß nicht was in mich gefahren ist. Ich hatte plötzlich keine Kontrolle mehr über mich. Ich war so wütend, dass ich nur noch rot sah und losbrauste. Wenn ich-«, sprach ich in hektischer und verzweifelter Tonlage. Mir machte das Gefühl Angst, dass er nun einen anderen Eindruck von mir haben könnte. Dabei begann ich Jaiden ehrlich zu mögen. Er war so anders und doch glaubte ich, dass wir uns ähnlicher waren, als ich anfangs dachte.

»Es ist nichts passiert«, sagte er mit einem kleinen Lachen in der Stimme.

»Aber ich habe deine Hand verbrannt.« Meine Tonlage wurde immer heller und piepsiger. Ich klang wie ein Kind, das kurz davor war in Tränen auszubrechen. Das Bild machte mich einfach traurig. Die Hand schwamm mit dem Rücken nach oben. Seine Finger waren alle gespreizt und lagen flach mit der Handfläche in der Flüssigkeit.

»Es verheilt.«

Erst nach wenigen Sekunden drehte er sich zu mir und blickte in meine Augen. Meine Bilder wurden immer verschwommener. Das lag an der Tränenflüssigkeit die sich unter meine Lider geschlichen hatte und die grünen Augen glasig wirken ließ.

»Ich habe noch nie jemanden in meinem Leben verletzt. Ich fühle mich schuldig.« Mit schnellen Reflexen konnte ich die Tränen daran hindern aus meinen Augen zu brechen, indem ich sie wegwischte. Ich war keine Person die weinte, sondern charakterstark und selbstbewusst handelte. Aber durch die heftigen Schuldgefühle, jemanden verletzt zu haben, den ich mochte, tauchte wieder meine Schwäche auf. Ich gab mir für alles die Schuld und zog mich damit nach unten. Ein einziges Gefühl wurde in die Höhe geschossen. Bittere Reue.

Ohne dass ich es vorher bemerkt hatte, schnappte sich Jaiden meine Hand und hielt sie fest. Ich wollte sie ihm wieder sofort entziehen, aber er ließ nicht locker. Mit dieser Handlung wollte er mir beweisen, dass ich nicht gefährlich war und das Entgleiten meiner Kontrolle ein Ausrutscher war. Aber damit wurde ich die Reue nicht los.

»Vielleicht sollte ich damit aufhören.«

Jaidens Augenbrauen erhöhten sich. Schweigend starrte er mich sekundenlang an und stand schließlich von seinem Platz auf. Er tunkte die nasse Hand in das Handtuch und ballte sie zu einer Faust.

»Jolina, das kann jedem einmal passieren. Seine zweite Hälfte unter Kontrolle zu halten, ist als Anfänger beinahe unmöglich. Du musst einfach nur üben und in wenigen Wochen wirst du deinen Dämon besser verstehen.«

Ich merkte mir seine Worte, wollte dennoch nicht näher drauf eingehen und griff nach der verbrannten Hand, die noch immer zu einer Faust geballt war.

»Zeigst du mir deine Wunde?«, fragte ich höflich.

»Wenn du versprichst hier zu bleiben.«

Zuerst zögerte ich, musterte ihn eindringlich und schaute wieder zu seiner Verletzung. »Ja, ich werde bleiben.«

Er öffnete langsam seine Hand und ich erblickte die vollkommen rote Handfläche. Es war eine Verbrennung zweiten Grades. Beinahe dasselbe wie bei einer Berührung mit dem Herd.

Ich presste Ober- und Unterlippe zusammen. Mein komplettes Gesicht spannte sich nervös an. Die komplette obere Hautschicht war abgebrannt, wodurch die rote Haut zum Vorschein kam. Am Rand der Handfläche hingen noch kleine Hautfetzen und sie schien schon einen Großteil abgeheilt zu sein. Das bedeutete, es war davor noch schlimmer.

»Hast du noch Schmerzen?«, fragte ich leise und klappte wieder seine Hand zu.

Er schüttelte den Kopf. »Das Wasser betäubt die Hand, sodass ich in den nächsten Tagen problemlos arbeiten kann.«

In seinem Gesicht konnte ich dennoch erkennen, dass er log und es nur sagte um mich zu beruhigen.

»Wie kann ich das wieder gut machen?«, fragte ich leise.

»Brauchst du nicht. Da gibt es nichts zum Gut machen. Ich hatte schon öfters Verbrennungen. In der Wüste, durch Kyla und wegen ... einigen Sonderfällen.«

Verdutzt hob ich eine Augenbraue. »Was meinst du damit?«

Er seufzte, setzte sich wieder auf den Stuhl und tunkte, in derselben Position wie vorhin, seine Hand wieder hinein.

»Wir sind nicht unentdeckt geblieben, Jolina. Die Regierung ist bereits aufmerksam auf uns geworden. Aber zu unserem Glück werden sie keine zweite Säuberung durchführen, da es auch Unschuldige damals traf. Wenn das Volk einen Groll auf die Regierung hegt, wird eventuell ein Krieg ausbrechen.«

Ich hob meine Brauen in die Höhe. »Ist das nicht etwas weit hergeholt?«

»Nein. Man merkt in den Städten wie unruhig die Leute geworden sind. Es fing mit der Säuberung an und mit einer zweiten wird mit der Ruhe Schluss sein. Es waren zu viele gestorben.«

»Noch nie gab es einen Krieg seit dem Aufschlag des Meteoriten. Bisher hatten wir nur uns selbst erforscht. Die neuen Fähigkeiten gaben uns praktisch eine Beschäftigung.«

Er nickte und nahm seine Hand aus der Flüssigkeit, trocknete sie ab und schob die Schüssel weg. Überlegend blickte er mich an.

»Aber wir kennen uns nun besser denn je und all die Jahre davor waren die Menschen primitive Leute. Bauern, Könige, Seefahrer, Kämpfer. Nun sind wir intelligent, hatten außer dem Jahrtausendkrieg noch nie gekämpft. Wir wissen nicht wo unsere Grenze liegt.«

Ich erinnerte mich. Das Jahr 2000. Der Krieg verlief ganze neun Jahre. Bitter, schmerzhaft, tödlich. Mein Vater hatte ihn erlebt und im Krieg gekämpft. Ich wurde nach dieser Zeit geboren. Gerade dann als die Verträge endgültig abgeschlossen waren. Aber dank unserer neusten Technik hatte man die meistens Spuren schon nach zwei Jahren verwischen können. Wir brauchten dafür kaum Maschinen. Die Fähigkeiten waren stärker und nützlicher. Im Krieg hatte man auch nie die Gegner mit Bomben oder Geschossen vernichtet. Die Macht, die wir besaßen, war viel effektiver.

Nickend stimmte ich ihm zu und setzte mich seufzend aufs Bett. Meine Augen kreisten umher suchend nach einem weiteren Thema. Ich hatte den Unterricht mit meiner unkontrollierbaren Dämonin unterbrochen und die anderen in Angst und Schrecken versetzt. Wie sollte es nun weiter gehen? War’s das für heute?

Jaiden lief zur Tür und öffnete sie. Prüfend sah er zu mir. »Komm! Kyla ist bestimmt schon mit den anderen im Unterricht.«

Ich senkte enttäuscht den Kopf. Das war wohl meine wahrhaftige Praxis für heute gewesen. Ich könnte mich selbst beißen. Aber Jaiden lächelte aufmunternd.

»Die restliche Stunde werde ich dich trainieren. Praxis ist meiner Meinung wichtiger als Theorie.« Mit einer Kopfbewegung zeigte er mir die Richtung. »Je länger wir warten, desto mehr Zeit brauchen wir für deine Entwicklung.«

Bei diesem Wort kam mir ein Verdacht in den Sinn und ich stellte mich zu ihm. Mein misstrauischer Blick musterte ihn.

»Ich werde aber nicht beobachtet oder protokolliert, oder so.«

Er lachte und lief mit mir in den Flur. »Wie in der Schule? Auf keinen Fall! Aber ich werde ein Zeugnis schreiben müssen. Nur ein elend langer Text wie du dich in einem Monat machst.«

Ich zuckte mit den Schultern und lief voraus. »Ich bin es ja schon gewohnt, beobachtet zu werden.«

Mit hoch gezogenen Augenbrauen blickten wir uns während unseres Gehens an. Ich musste ein Lächeln unterdrücken. Seine fragenden Ausdrücke waren zu süß.

Als wir wieder in der riesen Halle standen, waren die anderen tatsächlich nicht mehr da. Ich stellte mich erneut an die Kletterwand, holte tief Luft und schwang mich hinauf. Dieses Mal versuchte ich schneller zu sein, aber es wollte nicht wirklich klappen.

Jaiden lief von einer Stelle zur anderen und betrachtete dabei meine Bewegungen. Er zog dabei die Augenbrauen zusammen und ich blieb auf halbem Wege stehen.

»Kalte Füße?«, ertönte es von unten. »Das waren gerade mal fünf Meter.«

Ich seufzte. »Das weiß ich selbst.« Vorsichtig drehte ich meinen Kopf zu ihm. »Jaiden, ohne meine Dämonin schaff ich das nicht in rasender Geschwindigkeit.«

Mit verschränkten Armen blickte er mich von unten an. Er musterte mich eine kurze Zeit, ließ schließlich dabei die Arme hängen und setzte zum Gehen an. Meine Augen hatten ihn durch seine unglaubliche Geschwindigkeit verloren, als er plötzlich neben mir auftauchte. Mein Blick wanderte zu ihm. Verdammt! Wie machte er das bloß? Ein Kloß steckte in meinem Hals, als ich versuchte den Speichel hinunterzuschlucken. Mir fiel auch auf, dass ich seit dem keinen Atemzug mehr getan hatte. Sein Hals streckte sich, als er nach oben schaute.

Ein Lichtstrahl fiel auf seine weiße, makellose Haut. Wie ein geschliffenes Stück Eis funkelte es in der Sonne. Durch die hellblauen Augen wirkte sein Aussehen schon beinahe wie ein Engel. Schön und einzigartig. Die schwarzen Haare waren das Tüpfelchen, was den Anblick zu einer Perfektion machte.

»Du denkst und schaust zu viel. Die Griffe musst du vorher spüren und so kannst du, ohne dabei auf deine Bewegungen zu achten, hinaufklettern.«

Seine Augen schauten wieder in meine. Das Spiegelbild darin war so deutlich zu erkennen, als ob ich in ruhiges Wasser schauen würde.

Dann geschah etwas ganz Seltsames mit mir. Ich spürte wie sich wieder das Feuer in mir schürte, die Membran heiß wurde und mein Puls in die Höhe schoss. Ich war nicht wütend und hatte auch keine Angst. Es war ein neues Gefühl, das meine Fähigkeiten ebenfalls erblühen ließ. Aber dieses Mal hatte ich alles unter Kontrolle. Ich konnte die Stärke meiner Kraft steuern, konnte wie an einem Rädchen meine Hitze einstellen und vermochte mich mit Energie zu füllen, die ich vorher durch den Wutausbruch verloren hatte.

Jaiden grinste mich aus heiterem Himmel an. »Ging ja schneller als gedacht«, sagte er lobend und fragend warf ich ihm einen Blick zu. »Deine Augen.«

Sie waren rot? So einfach? Ich spürte es gar nicht und doch fühlte ich mich zum ersten Mal mit meiner Dämonin verbunden. Die Magierin und sie waren eins geworden. Die Verschmelzung war mir neu. Woran lag das? Unsicher wanderte mein Blick erneut zu Jaiden, als ich zuvor nachdenklich die Wand angestarrt hatte.

»Lass uns jetzt ein Wettrennen machen.«

Ich lachte auf und umschlang die Griffe fester. Aber ich spürte nicht nur die die ich berührte, sondern auch die anderen um mich herum. Meine Augen brauchten noch nicht einmal umherzuwandern bis ich den nächsten, passenden Griff gefunden hatte. Wie Magnetfelder zog der Nächstgelegene mich am meisten an und Jaiden hatte Recht behalten. Nun brauchte ich mich nicht mehr auf meine Bewegungen zu konzentrieren. Meine Aura spürte sie schon vorher.

»Auf die Plätze...«, begann er und spannte all seine Muskeln an. Durch meine Augen, die so unglaublich schnell alles realisieren konnten, war ich fähig mir die betroffenen Griffe einzuprägen. Wie ein Scanner speicherte er die Bilder, wandelte sie schnellstmöglich im Kopf um und gab mir eine perfekte Strategie vor. Magier konnten nicht so schnell denken. Es musste also mit der Dämonin zu tun haben. »...fertig...« Ich ging alles erneut im Kopf durch und Jaiden machte die Spannung, die sich in meinen Muskeln gestaut hatte, auch nicht erträglicher. Durch sein zögerliches Zählen kam mir die Zeit wie eine Ewigkeit vor. »...los!«

Noch bevor Jaiden die drei Buchstaben aussprechen konnte, obwohl sie für ein normales Gehör schon schnell genug wirkten, war ich mindestens einen Meter weiter gekommen. Die Zeit schien sich für mich verlangsamt zu haben. Ich wusste genau, dass meine Geschwindigkeit nur ein Bruchteil einer Sekunden war. Dennoch sah ich Jaiden mit jedem seiner Details neben mir. Ich konnte ihn sogar eine Weile anblicken und setzte schon zum Springen an, als ich den Rand erreichte. Die Bilder waren keinesfalls unscharf. Sie waren stehen geblieben und ich lief zwischen ihnen hindurch. Das gab mir das Gefühl, das ich mich schnell bewegte. Es war, als ob ich die Zeit eingeholt hätte.

Jaiden war jedoch schneller gewesen. Er grinste erfreut. »Das war sehr gut. Ich weiß zwar nicht warum du dich plötzlich so gut im Griff hast, aber wie du siehst, hatte es geklappt.«

Ich nickte und konnte erneut an meinem Rädchen drehen, um meine Hitze hinunterzufahren. Meine Dämonin verkroch sich wieder.

»Ich kann es mir selbst nicht erklären.« Das war fast gelogen. Handfeste Beweise hatte ich nicht, aber Jaiden gab mir Sicherheit und bei ihm konnte ich mich besser konzentrieren. Vorhin machten mich die anderen nervös, als alle Blicke auf mich gerichtet waren. Ich stellte mich selbst unter Druck und gab mir das Gefühl schlecht zu sein. Er war also der Grund für meinen Fortschritt. Aber das wollte ich ihm nicht sagen. Währenddessen würde ich wohl rot anlaufen.

»Du hast bloß einen freien Kopf gebraucht.« Er lief auf den Rand des Blocks zu. »Lass uns das ein zweites Mal machen.«

Ich nickte einverstanden, fuhr wieder meine Hitze hoch und konzentrierte mich. Jaiden sprang die zehn Meter locker hinunter. In der Hocke angekommen, erhob er sich und warf seinen Kopf in den Nacken.

Ich holte tief Luft und trippelte nervös auf der Stelle. Auf der anderen Seite war es nicht so hoch gewesen. Wahrscheinlich hatte der Block eine Schräge. Ich schwang meine Arme neben dem Körper und stürzte mich hinunter. Dabei bemerkte ich wie unglaublich kraftvoll meine Beine waren. Man konnte sie nicht erschüttern. Mit einem zufriedenen Lächeln erhob ich mich aus der Hocke.

»Gut gemacht«, lobte er mich und packte sich meine Schultern. Dabei drehteer mich erneut zur Wand um. »Also los!«

Ich ging in Bereitschaftsstellung – den rechten Fuß nach vorne geschoben, den Oberkörper leicht gebeugt, den Kopf auf das Ziel gerichtet. »Eins, zwei, drei, los!«

Meine Beine bewegten sich wie eine Rakete, die mit voller Kraft nach vorne preschten. Dabei wollte ich nur vom Boden abspringen und bemerkte, dass ich schon die Hälfte der Wand, nur durch einen einzigen Sprung, erreicht hatte. Der Rest des Weges konnte nicht einmal als eine Sekunde berechnet werden.

Als wir erneut oben standen, staunte ich über mich selbst. Noch nie war ich so schnell, besaß diese unermessliche Kraft und konnte sie auch noch steuern.

Wir übten noch eine ganze Weile. Immer dieselbe Prozedur. Auch wenn es auf eine ständige Wiederholung hinauslief, machte mir der Unterricht mit Jaiden viel mehr Spaß.

Gerade als ich hinunterspringen wollte, um eine weitere Wiederholung zu starten, packte er stoppend mein Handgelenk. Verwundert schaute ich ihn an. »Was ist los?«

Er lächelte, aber vergnügt und gleichzeitig sanft. »Hast du mal auf die Uhr geschaut?« Ich schüttelte den Kopf und hatte tatsächlich die Zeit vergessen. »Da ich weiß, dass dein Dad vermutlich ausflippen wird, habe ich die eine Stunde eingehalten.« Erleichtert atmete ich aus. Jaiden ließ mich los und sprang nach unten. In wenigen Millisekunden befand er sich wieder neben mir und hob den Rucksack auf seinen Rücken. »Er wird bei mir bleiben. Du kannst ihn in meinem Zimmer abholen kommen. Ich werde nicht immer da sein, aber dafür Kyla.«

Ich nickte und wir traten gemeinsam den Rückweg an. Dabei fühlte ich mich viel erholter – ja, die Stunde sollte eher anstrengend gewesen sein – wenn ich mit Jaiden zusammen war. Ein Gefühl, das ich erst verstehen musste.

Er begleitete mich noch heraus und gab mir seinen Kapuzenpullover. Ich hatte mir zwar einige alte Sachen angezogen, aber selbst die wirkten einfach nicht alt genug. Mit dem lässigen Pullover sah ich schon viel unauffälliger aus. Er lehnte seine Schulter gegen den Türrahmen und stopfte die Hände in die Hosentasche.

»Tja, dann danke für den Stundenplan und wir sehen uns dann in zwei Tagen«, wollte ich mich gerade verabschieden, als er sich abstieß und meine Kapuze über den Kopf zog. Die Hälfte der Haare hing außerhalb. Er glättete die Kapuze noch oberhalb und ich spürte wie seine Bewegungen immer langsamer wurden. Er dachte nach. Seine Augen hypnotisierten mich, wie jedes Mal. Es war wie ein Bann aus dem ich mich nur schwer entziehen konnte.

Seine Hand glitt erst nach Minuten an der Seite des Kopfes hinunter und schaukelte anschließend neben seinem Körper. Sein Gesichtsausdruck wurde immer nachdenklicher, bis er schließlich seine Augenbrauen zusammenzog.

In einem leiseren und besorgten Ton sprach er: »Vielleicht sollte ich dich begleiten. Es ist wirklich spät.« Ich blickte auf meine Armbanduhr. Es war nicht viel später als das letzte Mal. Nur eine halbe Stunde, aber die konnte doch nicht wirklich viel ausmachen. Aber es freute mich während meines Weges ein wenig Gesellschaft zu bekommen.

Also lächelte ich einverstanden. »Gerne.« Während unseres Weges nahm er mir den Rucksack ab und setzte ihn auf seinen Rücken. Ich kicherte. »Ein echter Gentleman, was?« Er musste selbst lachen.

Am Bahnhof war ich froh neben Jaiden zu stehen. Die Blicke, die mich hier beinaheimmer quälten, stocherten in meinem Nacken. Ich zog meine Kapuze noch tiefer ins Gesicht und senkte das Kinn, bis es kurz davor war, auf meiner Brust aufzukommen. Ich blieb dicht bei ihm und endlich hielt der Zug.

Wir stiegen schleunigst ein und fuhren los. Wir bekamen einen Sitzplatz. Zwischen uns herrschte Stille, aber ich nutzte ein Gespräch aus, da ich noch immer Fragen hatte. Ich begann mit den Rätseln, wie der Begriff Ratten.

»Jaiden, damals hast du vermutet ich sei eine sogenannte Ratte. Was meintest du damit?« Sein Blick fiel auf mich und er nahm seine übliche, lässige Stellung ein. Mit einem ernsten Gesichtsausdruck blickte er mich an.

»Kopfgeldjäger.«

Ich schüttelte verständnislos den Kopf, aber nicht weil ich es akustisch nicht verstand, sondern weil ich es nicht glauben konnte.

»Wer beauftragt denn noch solche Leute?«

»Die Regierung. Sie arbeiten insgeheim für sie. Nicht alle Phyne werden festgenommen. Andere sterben, zum Beispiel, im Schlaf. Die Morde werden alle vertuscht.«

Ich schluckte und blickte um mich. Mir wurde ganz mulmig bei dem Gedanken. »Du wusstest schon vorher, dass ich nicht reinrassig war. Wieso sollte ein Phyne, Phyne jagen?«

Er lächelte keck. »Geld regiert die Welt. Ein Phyne vertraut seinesgleichen eher, als ein Reinrassiger.«

Ich nickte und wir schwiegen weiterhin.

Am Bahnhof, den ich sehnsüchtig erwartet hatte, stiegen wir aus und liefen die Treppe hinauf. Oben angekommen mussten wir einige Straßen überqueren und landeten schließlich vor dem riesigen Gebäude. Jaiden musste seinen kompletten Kopf in den Nacken werfen, um das Ende sehen zu können.

»Es ist ganz oben«, sagte ich bevor die Frage auftauchte: ›Wohnst du hier?‹ »Komm!« Die Tür sprang auf und ich lief hinein, aber Jaiden blieb draußen stehen. Verwundert schaute ich ihn an. »Was ist los?«

»Ich wollte dich nur Heim bringen. Schon vergessen?« Nervös kratzte er sich am Kopf. Seine Blicke kreisten am Himmel. Da fing es an zu regnen, als hätte er es schon geahnt. Es goss schnell in Strömen und er machte einen Schritt auf die Tür zu. Die Schwelle überschritt er nicht.

»Komm noch kurz hinauf. Ich will nicht dass du durch den Regen läufst.« Mein ernster Blick, den ich ihm zuwarf, konnte ausarten, wenn er meiner Bitte nicht nachkam.

Also nickte er einverstanden und trat endlich ein. Ich schloss schleunigst die Tür, als ob ich Angst hätte, dass er doch noch verschwinden könnte und bestieg den Aufzug. Mit verschränkten Armen stand er neben mir.

»Ein Aufzug ist hier mehr als von Nöten« sagte er. »Vierzig Meter Treppen steigen möchte ich nicht.« Ich kicherte leise.

Oben kamen wir an und Jeff stand wie immer neben dem Aufzug. Er wollte sich gerade zu mir drehen und den Fahrstuhl benutzen als Jaiden ihm entgegen kam. Wie eine Statue betrachtete er den Jungen. Kalte Blicke kreuzten sich.

Bevor das Eis zu brechen drohte, zog ich Jaiden dort weg.

Jeff schaute ihm mit hochgezogenen Augenbrauen hinterher. »Soll ich noch da bleiben, Jolina?«, ertönte seine dunkle, angstmachende Stimme. Ich behauptete sogar ein leises Knurren herausgehört zu haben.

Lächelnd winkte ich ihm zu. »Nein, nein, Jeff. Keine Sorge, er ist ein Freund.«

Jeff war ein ausgezeichneter Bodyguard und konnte sofort einen Vampir erkennen, wenn er nur zwei Meter von ihm entfernt war. Früher wurde er oft mit ihnen im Krieg konfrontiert. Deshalb eignete er sich Fähigkeiten an, aus denen nicht einmal ich schlau wurde. Aber er vertraute mir.

»Hoffentlich muss ich morgen nicht das Eis wegkratzen«, brummte er feindlich zum Schluss und stieg in den Aufzug. Kurz bevor sich die Aufzugtür schloss, grinste er mich belustigt an. »Die Rauchmelder sind eingeschaltet, Jo!«

Ich ballte meine Faust und warf ihm einen erzürnten Blick zu. »Nicht witzig, Jeff!« Hinter den Türen verschwand er schließlich, aber das Grinsen nicht.

Nachdenklich schaute mich Jaiden an. »Was meinte er denn damit?«

Ich schüttelte bloß den Kopf und lief in die Küche. An diesen Moment erinnerte ich mich zu gut. Damals war auch ein Junge hier. Wir standen genau unter einem Rauchmelder. Meine Gefühle sprangen damals Zickzack und gerieten schnell außer Kontrolle. Als er mich küsste, wurde ich so heiß, das der Rauchmelder, oder besser gesagt der Hitzemelder, ansprang. Das war unglaublich peinlich. Ich musste dem Jungen sagen, dass er wohl eine Fehlfunktion hatte.

 

14 - Gefühle

In der Küche schaltete ich das Licht an und suchte zwei Gläser aus dem Wandschrank. Anschließend stellte ich sie auf den Tisch und entnahm aus dem Kühlschrank kaltes Wasser.

»Du hast gar nicht gefragt, ob ich etwas trinken möchte«, sagte Jaiden, als er sich gegen den Türrahmen lehnte und mich anlächelte.

Beschämt senkte ich meinen Kopf und versuchte ihn nicht anzuschauen. Das stimmte tatsächlich. Wenn ich Gäste hatte ging ich einfach davon aus. Wenn Vater Besuch bekam, musste ich auch manchmal einige Geschäftsleute bedienen. Er meinte, es käme immer gut an, wenn die Tochter freundlich und höflich war.

Ich goss in mein Glas Wasser ein und stellte die Flasche wieder ab. Mit einem munteren Lächeln wandte ich mich zu ihm.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte ich dann und bevor er nickte, lachte er herzlich.

Ich nippte an meinem Glas und konnte das kalte Getränk nicht sofort hinunter schlucken, dabei täten meine Zähne weh. Meine Pupillen rollten zu ihm. Er schluckte alles in wenigen Zügen unter und stellte es auf den Tisch. Ein Schauer glitt über meinen Rücken. Aber als Vampir empfand man wohl keine Kälte.

»Sag mal, ich habe noch eine Frage«, begann ich erneut. Seine Pupillen rollten misstrauisch zu mir. »Wenn du halb Vampir bist, was ist dann mit ... äh ... Blut?«

Ich wusste nicht, ob die Frage überflüssig zu sein schien oder eher außen vor bleiben sollte, aber die Neugierde brannte in mir.

Seine Augen blieben am Glas kleben, das er soeben abgestellt hatte. Er dachte nach, womöglich war an meiner Frage etwas dran. Aber Angst hatte ich nicht. Nicht vor Jaiden.

»Was willst du denn hören?«

In meinem Hals bildete sich ein Kloß, der mich daran hinderte zu schlucken. Anscheinend hätte ich nicht fragen sollen. Womöglich musste er Blut trinken, sonst hätte er es sofort verneint, oder?

»Das was ich wissen sollte.«

Wieder vertiefte er sich in seine Gedanken. Ob er mir auch erzählen würde, wie er ... Blut trank? Was war nahrhaft und was durfte er nicht trinken? Je eher ich darüber nachdachte, desto angespannter wurde ich. Bevor meine Beine zu zittern begannen, setzte ich mich auf den Küchenstuhl und schaute ihn aufmerksam an. Jaiden musterte mich ernst.

»Ja, ich trinke Blut.« Mein Atem stockte. »Aber ich brauche es nicht so dringend wie ein vollwertiger Vampir. Ich könnte mich auch ohne Blut ernähren, allerdings wäre ich dann weniger stark.« Ich hatte nicht bemerkt, wie sich meine Hände zu Fäusten geballt hatten und ich auf meine Unterlippe biss. »Willst du mehr wissen?«

Ich nickte leicht verunsichert. Aber ich brannte einfach vor Neugierde. Ich musste es wissen!

»Ob du es glaubst oder nicht, aber am Nahrhaftesten ist dämonisches Blut. Womöglich liegt das an den Genen. Gegensätze ziehen sich an!« Er grinste zum Schluss. Mir war allerdings nicht zumute zum Lachen. »Jolina, denkst du jetzt im Ernst ich würde dir was antun?« Meine Muskeln rührten sich noch immer nicht. Ich hatte keine Angst, sondern war einfach nur geschockt. Warum denn Dämonen? Ich dachte, es würde sich wie flüssige Glut in seinem Hals anfühlen, wenn er das Blut trank. Hatte es die gleiche Temperatur? Fragen über Fragen und mein Mund blieb verschlossen.

Er atmete lange aus.

»Wie ... viel Blut hast du denn schon von Dämonen getrunken?«, fragte ich schließlich und meine Muskeln wurden lockerer, als Jaiden sein kleines Lächeln behielt.

»Als ich im Krieg war, jede Menge.«

Bilder schossen mir durch den Kopf. Jaiden saugte einen Dämon aus oder ein anderes Geschöpf. Seine Eckzähne waren blutgetränkt, womöglich auch seine Lippen. Seine weiße Haut schien zu leuchten und die blauen Augen zogen einen in seinen Bann. Diese Art von Jaiden ließ mich schaudern. Anders konnte ich es mir einfach nicht vorstellen. Trotz dessen behielt ich meinen Ausdruck bei. Es musste ja nicht so sein.

»Wie hat es geschmeckt?« Ich verschluckte mich bei dieser Frage und hustete. »Ich meine, weil wir doch Gegenteile sind.«

Sein Ausdruck wurde immer zurückhaltender. Er durchschaute mich. Jaiden musste bemerkt haben, das ich mich bei diesem Thema unwohl fühlte. Gut, dass meine Beine sich unter dem Tisch versteckten, ansonsten hätte er das Beben gesehen. Womöglich konnte er es sogar spüren.

Doch dann stand er vom Stuhl auf, warf einen Blick nach draußen und schmunzelte. »Der Regen hat aufgehört. Ich werde dann gehen.«

Mein Rücken geriet in eine Starre und ich wollte nicht, dass er ging. Auch wenn mir das Thema im wahrsten Sinne des Wortes gefiel, weil ich Jaiden interessant fand, blickten meine großen Augen ihn flehend an es nicht zu tun. Seit Vater weg war, fühlte ich mich allein gelassen. Er hatte kein einziges Mal angerufen, geschweige denn eine SMS geschrieben.

Seine perlweißen Zähne leuchteten kurz auf, als er lachen musste. »Also schön, ich warte auch noch bis der Nieselregen aufgehört hat.«

Seit fünf Minuten, in denen mein Lächeln verschwunden war, zeigte es sich wieder. Meine Beine bebten auch nicht mehr. Ich sprang vom Stuhl und schaltete im Wohnzimmer den Fernseher an. Wieder liefen die Nachrichten, doch dieses Mal hatte ich meinen Vater erwischt. Er war nur kurz im Hintergrund zu erkennen, jedoch folgte im Anschluss das nächste Thema.

Wir setzten uns auf das Sofa und ich zog meine Beine an mich. Wie lange würde Vater wohl noch dort sein? Zwei Wochen? Er fehlte mir so.

»Gefährlicher Ort«, murmelte Jaiden und ich blickte ihn von der Seite an. »Istrien. Heimatstadt der Vampire. Außer Kristallen, Schnee und Kälte wirst du dort nichts finden. Sie leben auch unter der Erde. Dunkelheit und Finsternis begleiten den Alltag.«

»Aber der Ort ist doch wie für Vampire geschaffen. Kalt, schattig und ruhig.«

Er schüttelte den Kopf. »Warst du mal in Istrien?« Ich verneinte. »Wäre auch kein Ort für einen Dämon. Du würdest dort womöglich zugrunde gehen. Selbst für einen Phyne.«

»Deshalb schickte mich mein Dad dort nie hin«, nuschelte ich und blickte wieder zum Fernseher. »Mein Vater verfrachtete mich meistens in andere Städte, damit mich die Regierung nicht kontrollieren konnte.«

»Also vor Christian Mercel?« Ich nickte. Vor allen Regenten.

Als ich vor mich her träumte, bemerkte ich erst wie anstrengend der Tag gewesen war. Mein Körper war vollkommen erschöpft und ich war müde. »Weißt du was am Schlimmsten ist?« Ich spürte wie Jaidens Kopf sich zu mir wandte. »Ständig allein zu sein. Mein Vater ist häufig für mehrere Wochen weg. Damals hatte ich noch Nannys und Bodyguards, aber auch das wurde weniger. Mit sechzehn Jahren vertraute er mir mehr und ließ mich einfach allein. Er meldete sich auch nicht. Er meinte, das dürfte er nicht. Ich weiß bis jetzt noch immer nicht, ob es eine Lüge war oder er mir die Wahrheit sagte. Aber es ist ein schreckliches Gefühl nach Hause zu kommen und niemanden zu haben, der einen freundlich begrüßt.« Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt mein ganzes Herz auszuschütten, aber es tat einfach gut. Vielleicht würde mich Jaiden nun eher verstehen.

»Dein Vater versucht dich bloß zu beschützen. Er macht es bestimmt nicht mit Absicht. Du bist eigentlich ein Glückpilz. Viele andere Eltern fürchten um ihr eigenes Leben und stoßen ihre Phynekinder ab. Dein Vater würde beinahe alles für dich tun.«

Eine Frage stieß in mir auf. Jaiden klang fast so, als ob er meinen Vater besser kennen würde. Als ob sie schon damals etwas miteinander zu tun gehabt hätten. Aber ich beließ es bei meinen jetzigen Fragen und schloss einfach erschöpft die Augen.

Der Schlaf übermannte meinen Körper. Bald hörte ich die Stimmen im Fernseher nicht mehr, mein Kopf lehnte sich zurück, meine Beine lagen schlaff auf dem Sofa und ich hatte schon Jaiden vollkommen vergessen. Meine Gedanken brachten mich schließlich zum Schlummern, dabei merkte ich nicht, dass mein Kopf auf Jaidens Schulter gerutscht war.

 

Am nächsten Morgen wachte ich in meinem Bett auf, zugedeckt. Meine Erinnerungen suchten den letzten Augenblick. Stimmt. Das Fernsehen mit Jaiden. Aber ... Hatte er mich ins Bett getragen? Wie peinlich! Ich war einfach neben ihm eingeschlafen. So etwas war mir noch nie passiert. Aber offensichtlich musste ich so müde gewesen sein, dass ein Wachbleiben unmöglich wurde. Die Trainingseinheiten trugen auch Schuld.

Ich stand von meinem Bett auf, zog mir neue Klamotten an und schlenderte verschlafen in die Küche. Als ich jedoch am Sofa vorbeilief und in meinem Augenwinkel eine Person entdeckte, blieb ich wie erstarrt stehen. Mein Herz pochte, begann zu rasen, als ob es keinen Halt finden würde. Langsam drehte ich den Kopf zum Sofa. Auch wenn ich sogleich erkannte, dass Jaiden mit verschränkten Armen und verschlossenen Augen auf der Couch saß, fragte ich mich warum er nicht einfach gegangen war.

Schließlich flüchtete ich ins Bad blickte in den Spiegel und atmete aus. Ob ich ihn wecken sollte? Wie konnte man bloß im Sitzen schlafen? War das so eine Art Vampirschlaf? Ich war aufgeregt. Warum war er gestern nicht gegangen?

Bevor ich aus dem Badezimmer zurück ins Wohnzimmer verschwand, kämmte ich meine Haare und band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Mit klopfendem Herzen, das ihn bei einem noch lauteren Schlag aufgeweckt hätte, wagte ich einige Schritte auf ihn zu. Mein Oberkörper beugte sich nach vorne und mit weit aufgerissenen Augen begutachtete ich ihn. Seine Brust hob sich nur alle zwei Minuten. Ansonsten saß er wie eine kalte Statue da. Ich schlich mich noch weiter an ihn heran, bis ich nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war. Vorsichtig näherte sich mein Finger seiner Wange. Ich wollte einmal seine eiskalte Marmorhaut berühren. Im Sonnenlicht war sie wunderschön.

Plötzlich ergriff er meinen Arm und seine eisblauen Augen schienen mich sofort in seinen Bann zu ziehen. Wie erstarrt blickte ich ihn an.

»Was machst du da?«, fragte er mich kalt.

Mein Hals war wie zugeschnürt, ich atmete nicht mehr und in mir begann es zu gefrieren. Doch schließlich keuchte ich aufgeregt und schaute ihn nur noch mit größeren Augen an.

»T-Tut mir leid dich geweckt zu haben.«

»Du hast mich nicht wirklich geweckt. Dein Herzschlag klingt wie eine laute Trommel in meinen Ohren. Jetzt noch immer.« Mein Magen zog sich zusammen. Unglaublich. Aber es war auch so still im Wohnzimmer gewesen, das es gar nicht so abwegig klang.

»Wieso bist du noch hier?«, fragte ich schließlich und bog meinen Rücken wieder gerade. Dabei ließ er meine Hand los. Jaiden stand auf und blickte zu mir herunter.

»Du bist eingeschlafen und da habe ich dich ins Bett getragen. Ich wollte gehen, aber der Fahrstuhl war zugesperrt.«

Mir fiel nur ein Name dafür ein: Jeffrey. Er sorgte dafür, dass niemand mehr in die Wohnung hinein und hinaus kam. Ich biss verärgert auf meine Zähne.

»Du hättest mich aufwecken sollen!«

»Du hast so fest geschlafen, dass es beinahe zwecklos war.«

Röte stieg mir ins Gesicht. Das wurde von Moment zu Moment peinlicher. Aber ich musste mich mit der Situation abfinden. Schließlich begann in einer halben Stunde die Schule und ich hatte schon die Hälfte meiner verfügbaren Zeit vertrödelt. Also lief ich ins Zimmer, schnappte mir meine Tasche und packte mir etwas zu trinken ein.

»Okay, gut.« Ich räusperte mich verlegen. »Wir müssen zur Schule.«

Er lächelte endlich wieder und begleitete mich zum Fahrstuhl. Kurz bevor sich die Türen schlossen, sagte er: »Du musst zur Schule.«

 

Jaiden verriet mir nicht warum er ein weiteres Mal nicht die Schule besuchte. Er verschwand spurlos am Bahnhof.

In der Schule erwartete mich Julia und sie hatte einige andere Freunde dabei, die ich auch kannte. Wir begrüßten uns und gingen gemeinsam zum Unterricht. Die erste Stunde begann mit Frau Backes und ihrem Zauberkunststückchen. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem Dutt gebunden und die Lesebrille saß auf der Nasenspitze. Ihre kleinen, halbgeschlossenen Augen ließen sie seriös wirken. Zu dieser Zeit durfte ich ein weiteres Mal ihren Zorn spüren.

 

Schließlich verging eine weitere Woche, ich trainierte bei Kyla und übte tatsächlich für die Schule. Allerdings war Jaiden verschwunden. Kyla meinte, ihr Anführer hätte nach ihm gerufen. Deshalb trainierte ich in der Gruppe und machte große Fortschritte. Es war kaum zu glauben, aber in den Tagen, in denen Jaiden nicht da war, fühlte ich mich einsamer denn je. Auch wenn er an diesem einen Morgen noch da war und ich mich erschrocken hatte, war es hinterher ein schönes Gefühl jemanden gehabt zu haben, der auf einen wartete.

Doch dann kam Vater nach Hause und er sah völlig fertig aus.

15 - Drohende Gefahr

Als mein Vater eines Abends wieder Heim kehrte, nahm ich ihn sehnsüchtig in den Arm. Er fuhr mir jedoch nur über den Kopf und setzte sich völlig erschlagenaufs Sofa. Er zog mit seinen Füßen die Schuhe aus, schloss seine Augen und gab ein erleichtertes Seufzen von sich. Er klang wie ein ausgebrannter Kämpfer, der gerade die größte Schlacht seines Lebens hinter sich gebracht hatte. Noch nie hatte ich ihn so fertig gesehen. Seine Lider flackerten noch, als würden sie unter Strom stehen, sein Körper zitterte und sein Herz konnte ich laut schlagen hören. Was war ihm widerfahren? Ob die Reise so anstrengend war?

»Jolina...«, krächzte er und ich setzte mich neben ihn. Schweigend blickten meine Augen auf die verschlossenen Lider. »Ich muss morgen wieder weggehen. Es tut mir wirklich leid.« Ich blieb schon wieder allein. Am liebsten hätte ich protestiert, aber wir wussten beide, dass uns das nicht weiterhelfen würde. Meinem Vater gefiel es genauso wenig.

»Wird es wieder so lange dauern?«, fragte ich mit einem Funken Trauer in der Stimme. Dabei senkte ich meinen Kopf und zupfte an seinem Hemd, das nach Rauch und Alkohol stank. Er hatte wieder getrunken.

»Tut mir wirklich leid, Kleines. Du weißt, ich kann mich gegenüber der Regierung nicht wehren. Ich bin ihre Marionette und meine Fäden sind zu stabil, um mich von ihnen losreißen zu können.« Er hatte etwas auf dem Herzen, das ihn sehr belastete. Aber wir waren beide Sturköpfe, deshalb gaben wir nur sehr wenige Geheimnisse voneinander Preis.

»Okay ... das verstehe ich. Aber sag mir, hat es etwas mit mir zu tun?« Er schwieg. Zu lange. Das hieß, er zögerte. Also bekam ich schon, ohne dass er etwas sagte, eine Antwort auf meine Frage. Egal, was er nun antwortete, ich wusste es schon.

»Nein. Es sind nur ein paar Sitzungen und Entscheidungen zu treffen.«

Wieso musste er mich ständig belügen, nur um mich beschützen zu wollen? Ich sah von Tag zu Tag wie sehr er sich dafür aufgab, sich innerlich mit Alkohol vergiftete und seinem Leben keinen Sinn mehr gab. Tränen schossen in meine Augen und machten sie glasig. Ich wollte weglaufen. So, wie immer.

Schließich ließ ich ihn ein wenig ausruhen und legte mich im Dunkeln in mein Zimmer. Dort weinte ich leise und schluchzte ins Kissen. Was war, wenn ihm eines Tages etwas passierte? Alle Regenten waren so korrupt und heimtückisch, das ich mir gut vorstellen konnte, dass sie ihn nicht nur wie eine harmlose Marionette behandelten. Seit dem Krieg hatte sich so vieles verändert.

Als ich mich beruhigt hatte, schlief ich kurz ein, wurde jedoch geweckt, als jemand an meine Tür klopfte. Ich drehte mich herum und Vater stand im Rahmen. Dieses Mal lächelte er.

»Jolina, kann ich dir etwas zeigen, ohne dass du Fragen stellst?«, fragte er bittend und ich nickte zögernd. Ich sprang aus dem Bett und stand mit verschränkten Armen vor ihm. »Es geht mir nur um deine Sicherheit.«

Meine rechte Augenbraue schoss immer weiter in die Höhe. Was verschwieg er mir?

Mein Vater lief zur Wand und schob das zweihandbreite Bild nach oben. Dahinter befand sich ein Geheimfach. Er öffnete es und darin war ein Bildschirm. Ich erkannte den kleinen Gang zwischen dem Wohnzimmer und dem Fahrstuhl und das andere zeigte die Tür zum Balkon. Wie konnte er nur? Er hatte jetzt auch noch Kameras installiert? Traute er mir denn gar nicht mehr? In mir schürte sich wieder die Wut, die ich versuchte zu kontrollieren.

»Dad, spinnst du jetzt?«, schrie ich erzürnt. Er hob seine Hände und versuchte mich damit zu beruhigen.

»Jolina, hör zu, das hat nichts mit dir zu tun. Die Kameras verschwinden, wenn ich wieder da bin. Es ist nur für die Zeit, in der ich weg bin. Versprochen! Und außerdem kannst nur du die Bilder sehen. Die Kameras sind auf die zwei Eingänge gerichtet, jeweils der Fahrstuhl und der Balkon.« Langsam begann ich zu verstehen.

»Du denkst, hier könnte jemand einbrechen?« Er wollte mir nichts Näheres erzählen, aber das hatte ich auch erwartet. In solchen Sachen war er sehr verschwiegen.

Er klappte das Fach wieder zu und stülpte das Bilder darüber. Anschließend kniete er sich und kroch mit dem Kopf unter das Bett. Mit seinem rechten Arm winkte er mich zu sich. Ich tat es ihm gleich und schaute zum dunklen Boden. Da lag eine Fernbedienung mit einem dicken, roten Knopf. Meine Augenbrauen hoben sich ein zweites Mal in die Höhe. WaszumTeufel hatte er vor?

Wir tauchten wieder auf und er lief zum Fenster. »Folgende Situation: Du schläfst, es ist nachts und du hörst, das der Fahrstuhl benutzt wird. Dabei wird ein kleiner Alarm ausgelöst. Ein Licht über deiner Decke wird hell aufblinken und dich hoffentlich wecken. Du bemerkst, dass jemand in der Wohnung ist und läufst zum Geheimfach. Du siehst Leute die einbrechen. Bevor du unter das Bett verschwindest, öffne das Fenster.« Er stieß die zwei Türchen beiseite und deutete mit seiner Hand darauf. »Es soll den Eindruck erwecken, das du geflohen bist. Doch dabei bleibst du ruhig und still unter dem Bett liegen. Drück sofort den roten Knopf und meine besten Bodyguards werden dich retten kommen. Alles verstanden?«, erklärte er mir die Situation, doch ich fiel nur erschüttert auf das Bett. Er vermutete, das mich jemand entführen oder umbringen wollte? Das war also das Geheimnis? Wieso brachte er mich nicht einfach weg?

Als er bemerkte, wie heftig ich darauf reagierte, hob er seine Arme über den Kopf. »Jo! Nein! Das wollte ich nicht damit sagen. Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme.« Er lief auf mich zu und kniete sich vor mich. Dabei hielt er meine Hände fest, die eiskalt geworden waren. Vermutlich ähnelte ich nun Jaiden mehr denn je.

»Die Regierung hat von mir Wind bekommen, hab ich Recht? Sie wissen von mir und wollen mich töten. Ist es so, Dad?«

Er schüttelte hastig den Kopf und nahm mich in den Arm. »Nein. Niemand wird dir etwas tun. Dafür sorge ich. Ich will dir doch nur das angenehme Leben bereiten, das du verdient hast. Es ist nicht deine Schuld, Kleines, das du so bist, wie du bist. Du bist meine Tochter und ich liebe dich so wie du geboren bist. Es tut mir nur so sehr weh in Angst zu leben und dich eines Tages verlieren zu können.«

Wir waren beide kurz davor in Tränen auszubrechen, blickten uns jedoch nur in die Augen und wünschten alles wäre anders verlaufen. Er atmete schließlich ein und wusch mir meine rollende Träne von der Wange. Dann küsste er mich auf die Stirn.

»Ich werde versuchen so schnell wie möglich wieder bei dir zu sein. Jeff wird hier sein und dich beschützen.«

Ich nickte schließlich. »Gut, ich werde alles tun was du gesagt hast. Aber wieso konntest du mich nicht woanders hinschicken?«

»Weil die Kontrollen in der Stadt aufgebaut sind. Ich habe Angst, dass sie dich beim Fliehen erwischen könnten.«

Er tätschelte meinen Kopf und schloss das Fenster wieder. »Gute Nacht, Jolina.« Dann verschwand er.

 

Am nächsten Morgen war er tatsächlich schon weg. Wieder war ich allein und hatte keinen Appetit auf mein Frühstück. Also beließ ich es bei einem Schluck Wasser, schnappte mir meine Tasche und lief zur Schule.

Nach meinem Nachhilfeunterrichtging ich zum Bahnhof und dort hielt mir plötzlichjemand die Augen zu. Ich erschrak zwar, wusste jedoch das es nichts Bedrohliches sein konnte. Als ich mich umdrehte, sah ich die eisblauen Augen vor mir und strahlte vor Freude. Jaiden war wieder da.

Auf dem Weg zum Zug konnte ich meine Augen nicht mehr von ihm lassen und hörte ihm zu, als er erzählte warum er weg musste. Rick hatte ihn wieder zu sich rufen lassen, dabei ging es lediglich um etwas Geschäftliches.

Er bat mich zu sich zu kommen, da ich noch etwas ausfüllen musste.

In seinem Zimmer klappte er seinen Laptop auf, den er aus der Schublade genommen hatte und zeigte mir meine Datenbank. Ein komplettes Profil mit den Daten, die ich letztens ausgefüllt hatte, gab meine Person wieder.

»Es fehlt nur noch ein Foto«, meinte er und blickte mich erwartungsvoll an. Ich überlegte.

»Ich habe ein Foto auf meinem Handy.«

Wir steckten das Handy mit einem Kabel an den Laptop und suchten das Bild in einem Ordner. Als wir es fanden, fügte er es hinzu und schon war mein Profil vollständig.

Jaidens Blick blieb an dem Bild haften. Zuerst starrte er konzentriert darauf und anschließend hoben sich seine Mundwinkel nach oben. Das Bild schien ihm zu gefallen, aber ich sprach ihn nicht darauf an, das würde den Moment zerstören. Anschließend schloss er die Datenbank, fuhr den Laptop herunter und verstaute ihn wieder in der Schublade.

Als er sich zu mir umdrehte, blickten wir uns schweigend in die Augen. Aber es hielt nicht lang und ich schweifte mit dem Blick zum Fenster.

»Morgen ist wieder Training«, bemerkte ich und drehte mich wieder zu ihm. Seine Augen hatten mich angelockt. Ich schaute gerne zu ihnen.

»Verlief die Woche eigentlich ganz gut?«

Ich wusste selbst nicht, wie ich darauf kam, vom Training zu meinem Vater zu gelangen, aber ich dachte daran, dass ich womöglich in Gefahr war. Es machte mir schon seit letzter Nacht Angst. Ob ich es Jaiden erzählen sollte?Innerlich seufzte ich.

»Jolina, alles in Ordnung?«, riss er mich aus meinen Gedanken. Jetzt musste ich mich entscheiden, sagte ich ihm mein Problem oder nicht? Aber was könnte er schon dagegen tun? Mein Körper begann vor Aufregung zu zittern und mir wurde wieder kalt. Doch seine Augen beruhigten mich, als ich nicht anders konnte, als sie anzuschauen.

»Mein Vater vermutet, dass jemand bei mir einbrechen will. Deshalb hat er Sicherheitsmaßnahmen ergriffen und ich bin trotzdem noch allein zu Hause.«

Jaidens Augenbrauen berührten einanderbeinahe, als sein Blick immer ernster wurde.

»Das klingt nach Ratten.« Ich schaute aufmerksam auf. »Nächtliche Angriffe sind meistens die Pläne von Kopfgeldjägern, die von der Regierung insgeheim angeheuert werden. Du bist nicht sicher, Jolina.«

Er stand nervös auf und lief im Zimmer hin und her. Dabei kramte er eine Liste aus einer weiteren Schublade und fuhr mit dem Finger hinunter. Verkrampft hielt er das Brett fest. 

»Stimmt ja...«, murmelte er und steckte die Liste wieder weg. »Wir haben hier alle Zimmer belegt, weil einige Waisenkinder aus dem Ostflügel hier Trainingscamp haben. So ein Mist!« Er fluchte, nuschelte etwas Unverständliches und seufzte schließlich. »Es muss anders gehen.«

»Jaiden, vielleicht ist so etwas nicht nötig.«

Plötzlich verlor ich ihn am Ende des Zimmers aus den Augen, als er dann vor mir stand und sein Gesicht nur wenige Zentimeter von mir entfernt war. Erschrocken musterte ich ihn.

»Die Regierung braucht nur einen kleinen Beweis für deine Existenz als Phyne und schon haben sie dich am Haken. Hast du schon mal daran gedacht, das sie damit deinen Dad unter Druck setzen können? Du bist das perfekte Druckmittel.«

Mein Magen begann sich zu verkrampfen und mir wurde furchtbar schlecht. Ich erinnerte mich an den Abend, als mein Vater völlig fertig nach Hause kam. Was war, wenn sie schon von mir wussten und meinen Vater dafür bluten ließen? Das durfte nicht wahr sein! Und er behielt das Ganze auch noch für sich. Wie würde ich ihn davon befreien können? Mein Atem wurde schneller und Panik breitete sich in mir aus. Meine Hände verkrampften sich und ich begann mich erneut zu hassen. All das nur wegen mir!

Jaiden erkannte meinen Schmerz. Dann packte er meine Hände und drückte sie fest, damit ich wieder an Besinnung gewann. »Wir werden jetzt zu dir nach Hause gehen, du wirst deine Sachen packen und ich werde dich hier irgendwie unterkriegen, klar?«

Ich holte tief Luft und stand langsam auf.

Wir liefen durch die Straßen, sausten zum Bahnhof und stiegen in den Zug. Dabei zitterten meine Hände und ich konnte sie nicht still halten. Die Angst war noch nie so groß. Gestern redete ich mir noch ein, das die Situation gar nicht so schlimm sein konnte, wofür mein Vater auch stimmte, aber Jaiden hatte den wundenPunkt getroffen. Es musste mit mir zu tun haben. Hundert Prozentig. Mich trafen heftige Schuldgefühle, wenn ich wusste, dass mein Vater wegen mir leiden musste. Ich wollte nicht, das den Menschen,die ich liebte, etwas passierte.

Die restlichen Straßen überquerten wir auch noch, als wir an meinem Bahnhof ankamen. Bald befanden wir uns zu Hause. Jeff war nicht mehr da. Es war auch schon ziemlich spät. Wir liefen in mein Zimmer und packten alle Sachen zusammen. Jaiden flitzte durch den Raum, sodass ich nie orten konnte, wo er sich gerade befand. Mit viel Konzentration versuchte ich seinen nächsten Standpunkt zu erraten, aber er war wieder viel zu schnell weg.

Doch dann geschah es. Genau das, was ich erwartet hatte. Das rote Licht an der Decke. Es leuchtete auf. Die kleine blinkende, runde Scheibe hypnotisierte mich. Meine Beine waren angewurzelt und wie gebannt schaute ich darauf. Nach wenigen Minuten ging es aus und ich spürte wie die Fahrstuhltür aufging. Jaiden stellte sich vor mich und versuchte meine Starre zu lösen.

»Jolina!«, rief er leise, aber ich rührte mich nicht. Angst hatte meinen Körper übernommen. Jaiden packte meine Schultern und schüttelte mich. »Hey, hör mir zu!« Nichts. Ich konnte mich nicht lösen. Gerade jetzt, wo ich wirklich gehofft hatte, es würde niemand in die Wohnung einbrechen. Jaiden packte schließlich mein Gesicht und zwang mich in seine Augen zu blicken. Mein Fuß rückte nach hinten und ich atmete auf.

Anschließend lief er zum Fenster und öffnete es. »Du musst hier rauspringen. Du kannst doch fliegen!«

Erschrocken wandte ich mich zu ihm. »Ich habe zwar Flügel, bin aber noch nie geflogen.«

Er ballte seine Hände zu Fäusten. Ich lief zum Bild, riss es von der Wand und öffnete das Geheimfach, das mir mein Vater zeigte. Jaiden war direkt hinter mir. Gespannt betrachteten wir den Bildschirm. Schwer bewaffnete Männer, mindestens zehn Stück, schlichen mit schwarzer Uniform und Maske im Wohnzimmer umher. Sie würden gleich mein Zimmer stürmen. Noch bevor ich handelte, kroch ich unter das Bett und drückte den roten Knopf. Genau in dem Augenblick, trat jemand die Tür auf.

»Keine Bewegung!«, schrie jemand. Ich hörte dieses bestimmte Geräusch bei dem mir immer wieder die Gänsehaut zum Vorschein kam. Der Genscanner. Das Gerät mit dem man Phyne aufspüren konnte. Es piepte in einem zwei Sekundentakt. Wenn es schneller wurde, hatte man einen gefasst. Aber sie konnten mich nicht sehen, sondern nur Jaiden, da ich erstarrt unter dem Bett lag. Ich versuchte meinen Atem zu regulieren. Und zum ersten Mal konnte ich Jaidens Herzschlag schneller und lauter schlagen hören. Es klang wunderschön, wie eine Melodie, aber ich wusste, das er Angst hatte. Jedenfalls sagte mir das sein Herz.

Auch Meines musste sich wie ein lauter Gong anhören, den man durch das ganze Gebäude hören konnte.

»Das ist einer!«, rief derjenige mit dem Genscanner in der Hand. Er piepte schneller. Jaidens Kälte war im ganzen Raum zu spüren. Sie übertrug sich auch auf mich, jedoch nicht negativ. Sie beruhigte meine strangulierten Nerven. Ich hielt mir meinen Mund zu und versuchte weitere Geräusche zu vermeiden.

»Such die Kleine und ergreift den hier!«, befahl einer von ihnen und sie rückten näherzu Jaiden.

»Nur über meine Leiche«, hörte ich ihn knurren und er stürzte sich aufdie maskierten Männer. Ich unterdrückte einen Schrei und mir kullertevorAngst eine Träne die Wange hinunter. Hatte er denn eine Chance gegen so viele Magier? Dann fielen tatsächlich Schüsse und ich dachte mein Herz wäre dabei stehen geblieben. Es war so erschreckend und laut. Meine Zehen hätten sich am liebsten in den Boden gegraben und meine Fingernägel in meine Wangen. Auf meiner Stirn bildete sich Schweiß. Es ertönten schmerzerfüllte Schreie und keiner von ihnen war von Jaiden. Es beruhigte mich. Aber wo blieben die Bodyguards? Zum ersten Mal brauchte ich tatsächlich ihre Hilfe. Vater meinte, sie wären sofort da. Ob die Männer sie schon vorher ausgeschaltet haben? Konnte jemand unsere Sicherheitsmaßnahmen ahnen?

Die Panik stieg mir zu Kopf. Ich glaubte, immer tiefer in ein schwarzes Loch zu sinken.

 

16 - Töten oder getötet werden

Ich lag noch immer unter dem Bett und versuchte meine Panik zu beherrschen. Aber die Schreie und die Schüsse hörten nicht auf. Da spürte ich das Beben von zwei Füßen, die langsam, mit schweren Schritten, zum Fenster liefen.

Diese Person gab keinen Mucks von sich und im Wohnzimmer wurde es stiller. Seine Füße bewegten sich ein zweites Mal, aber sie blieben hinter mir am Bett stehen. Ich spürte den Puls in meinen Handgelenken und bekam keine Luft. Stille kehrte ins Zimmer und die Tür fiel zu. Oh Gott! Ich war mit einem Unbekannten allein in einem Raum. Ob er wusste, dass ich mich unter dem Bett befand?

Als ich meine Hände betrachtete, bemerkte ich die scharfen Krallen, die zum Vorschein getreten waren. Ich hatte mich aus Versehen auch im Gesicht gekratzt. Er rührte sich nicht mehr, sondern blieb einfach hinter mir stehen. Vielleicht ginge er wieder.

Plötzlich spürte ich kräftige Hände an meinen Fußgelenken, die mich unter dem Bett herauszogen. Ich schrie ängstlich auf und spießte meine Krallen in den Boden. Trotzdem war er stärker und ich hinterließ tiefe Kerben im Teppich. Dann drehte er mich um und ich blickte in gelbe Augen. Ein Werwolf.

»Dämonen hab ich am liebsten«, raunte seine dunkle, unheimliche Stimme und ich schrie weiter. Er zog mich an meinen Haaren nach oben und hielt mir den Mund zu. »Ich hab sie!«

Er umschlang mit aller Kraft meinen Bauch und stieß mir sein Knieständig in mein Hinterteil, damit ich vorwärtslief. Ich musste gehorchen und wir landeten im Wohnzimmer, wo die kompletten zehn Männer bewusstlos oder tot am Boden lagen. Jaidens leuchtende Augen drangen durch die Dunkelheit. Aber da war noch etwas anderes, was mich zusammenzucken ließ. An seinen Lippen klebte ein wenig Blut. Als er seine Zähne fletschte, waren sie in Blut getränkt. Jetzt wusste ich wie er seine Feinde tötete. Beinahe wie ein Tier.

Meine Knie wurden immer weicher, als die beiden sich in die Augen schauten und ein feindlicher Blickkontakt daraus wurde. Kurz wechselte er den Blick zwischen mir und dem Typen, der mir den Mund zuhielt. Doch dann wusste ich, was so hart gegen meinen Bauch drückte. Es war ein Messer.

»Sie schicken einen Hund und zehn Magier?«, spottete Jaiden auf eine kühle Art. Sein Knurren war deutlich zu hören.

»Du warst zwar nicht geplant, aber wenn ich zwei Phynes ihm bringe, wird das Gehalt doppelt so hoch sein«, sagte der Mann hinter mir. Seine Stimme klang etwas rau und alt. Er war durchschnittlichen Alters.

»Was meinst du mit ›ihm‹?«, fragte Jaiden. Der Hund grinste bloß verschwiegen. »Und was bringt dir eine tote Phyne?«

»Natürlich nichts, aber ich habe ja noch dich

»Mich wirst du nicht kriegen können.«

Er lachte schadenfroh. Dann hielt er das Messer noch enger an meinen Bauch und ich bekam keine Luft, wenn er mir noch länger den Mund zuhalten würde.

Aber mein Blick fiel auf Jaiden, der mich mit einem kaum erkennbaren, besorgten Blick anschaute. Seine Augen regulierten meinen Atem, schürten meine Hitze und bliesen die Panik weg. Meine Haut verwandelte sich in glühende Lava. Ich hätte früher darauf kommen müssen. Meine Haut hielt nie wirklich jemandem stand. Ich versuchte mich innerlich selbst anzuspornen und wütend zu machen, sodass die Haut noch heißer wurde. Ich hörte wie langsam der Schweiß verdunstete und Dampf emporstieg. Wie ein glühend heißer Stein, der mit Wasser überschüttet wurde. Meine Angst gleichzeitig zu kontrollieren und daran zu glauben, dass es klappen könnte, ließen Zweifel in mir aufsteigen und sie hinderten mich an meinem Vorhaben. Mit einem unsicheren Blick schaute ich erneut zu Jaiden und er wartete auf den richtigen Moment.

MeinHaut wurde noch heißer, bis der Mann aufschrie und mich losließ. Jaiden stürzte sich in einem Bruchteil einer Sekunde auf den Wolf und biss ihm in den Hals. Er schrie kurz auf und so schnell wie er losheulte, hörte er auch wieder auf. Ich sah wie der leblose Körper da lag und sich nicht mehr rührte. Nie wieder. Aber Erleichterung und Mut stärkten mich bei diesem Anblick. Wahrscheinlich würde jeder andere wie eine Statue dastehen und die Leiche anschauen. Aber ich sah bloß einen Toten, der es in den Augen vieler anderer verdient hatte zu sterben. Er war ein Kopfgeldjäger und schaltete einen Phyne nach dem anderen aus. Jedoch, solch einen Charakter hatte ich nicht, sodass ich sagen konnte, er hätte es verdient zu sterben. Was war hier wohl richtig? Wieso empfand ich keine Reue? Dieser andere Teil von mir ...

Jaiden stand wieder vor mir und ergriff mein Gesicht. An seinem Mundwinkel klebte noch ein wenig Blut, aber der Anblick schauderte mich nicht. Ich war ... abgehärtet. So, als ob ich den Anblick tausend Mal gesehen hätte und Tote, sowie Blut für mich kein Problem mehr waren. Was hatte das zu bedeuten?

Seine Arme umschlangen mich. Immer fester, bis auch ich ihn gepackt hatte. Es tat gut bei ihm zu sein. Ich hatte wirklich Angst. Jetzt wusste ich wie gefährlich die Regierung sein konnte. Sie waren mehr als das. Vermutlich mein persönlicher Sensenmann, der mich zum Tod leitete. Er konnte überall sein.

Gerade in diesem Augenblick ging die Tür des Fahrstuhls auf und Jeffrey war das erste Gesicht das ich sah. Aber er erblickte all die anderen am Boden liegenden Leichen und schaute zu Jaiden, der mich nicht mehr losließ.

Die ganzen restlichen Bodyguards stürmten ins Wohnzimmer hinein. Es war ein einziges Chaos. Der Fernseher war eingeschlagen, das Sofa aufgerissen, sodass sein Futter im ganzen Raum zerstreut lag und die Lampen wurden von der Decke gerissen. Die Wände zierten Kratzspuren, so wie der Boden tiefe Wölbungen und Kerben hatte. Dekorationen, wie Vasen, Bilder oder kleine Möbelstücke, gingen zu Bruch. Stühle wurden als Waffe benutzt, die nun zweigeteilt auf den Tischen lagen. Durch zwei kaputte Fenster heulte der Wind und Regen drang in den Raum.

»Geht es dir gut?«, fragte Jaiden und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Ich nickte nur benommen und versuchte mein Zittern zu unterdrücken. Ich merkte, wie sehr er es selbst probieren wollte, aber ich bebte zu arg. Er war nun bei mir und das ließ mich meine Dämonin hinunterfahren. Rote Augen, sowie Haare und scharfe Krallen waren verschwunden. Selbst er schien wieder ganz der Alte zu sein.

»Jolina, alles in Ordnung, Kleines? Sind das die Männer von denen dein Vater gesprochen hatte?«, fragte Jeff und blieb mit einem ausreichenden Abstand vor uns stehen. Es lag wohl an Jaiden. Jeff hatte schlechte Erfahrung mit Vampiren gemacht. Deshalb musste er sich beherrschen und das gelang ihm nur, wenn er einem kampfbereiten Vampir nicht zu nahe kam.

»Wir müssen von hier weg. Ich werde dich bei mir verstecken, okay?«, sagte Jaiden und blickte zu mir nach unten.

»Jolina bleibt bei uns«, protestierte Jeff und warf Jaiden einen erzürnten Blick zu. Seine dunkelbraunen Augen schienen sich schwarz zu färben.

»Und wo gedenkt ihr sie zu verstecken? Bei mir ist sie am Sichersten«, konterte Jaiden, löste sich aus der Umarmung, hielt jedoch einen Arm um meine Schulter geschlungen. »Jeff, denk mal nach. Die Regierung wird zuerst alle Beteiligten ihres Vaters prüfen. Mich kennen sie nicht. Bei mir ist sie wirklich sicher.«

Ich hörte Jeffs Grummeln und Murren, aber schließlich winkte er mit dem Kopf in den Raum. »Verbrennt die Leichen.«

Die anderen Männer knieten sich zu einem Toten herunter, murmelten einen Spruch und schon verbrannten nur ihre Körper, die von kleinen Flammen aufgefressen wurden. Aus dem Fleisch und dem Stoff wurde glühende Asche.

Ich hatte nicht bemerkt wie schnell Jaiden von meiner Seite gewichen war und dann vor meinen Augen die gepackte Tasche in der Hand hielt.

»Lass uns schleunigst verschwinden.«

 

Als wir in Jaidens Zimmer waren, bemerkte ich, dass keine Gefahr mehr drohte und meine Beine zusammenbrachen. Ich fiel beinahe mit einem erschöpften Laut zu Boden. Jedoch hatte mich Jaiden unter den Armen gepackt. Mein Körper fühlte sich wie ein Stück Blei an, das mich immer weiter in die Erde zog. All meine Muskeln waren vollkommen entkräftet und ich spürte keinen Schmerz mehr. Aber das scharfe Messer an meinem Bauch bekam ich noch immer zu spüren.

Er hob mich auf seine Arme und legte mich in sein Bett. Dann setzte er sich zu mir. Meine Kehle war völlig trocken, als ob sie tagelang kein Wasser mehr zu spüren bekommen hätte. Meine heftigen Schreie im Zimmer mussten das ausgelöst haben. Wie eine hängende Schallplatte tauchten immer dieselben Bilder von heute Abend in meinem Kopf auf. Was wäre, wenn Jaiden nicht da gewesen wäre? Das hätte mein Ende bedeutet. Jeff und seine Mannschaft trafen viel zu spät ein. Noch nie hatte ich so viel Angst wie an diesem Abend.

Meine Augen fielen vor Müdigkeit zu und ich spürte wie Jaiden aus dem Bett stieg. Sofort riss ich sie panisch auf und blickte ihm nach. Ich erhob mich.

»Ich bin gleich wieder da. Ich gehe dir etwas zu trinken holen. Deine Wange blutet außerdem.«

Mit diesen Worten verschwand er auch schon und es dauerte nicht lang bis er wieder auftauchte. Mit einem Tuch, einer Flasche Wasser und einem Glas trat er hinein und stellte alles auf das Nachtschränkchen.

Mit der Flasche befeuchtete er das Tuch und zog mein Kinn zu sich. Vorsichtig tupfte er auf der Wunde herum.

»Dämonen haben ausgezeichnete Heilkräfte. Morgen wird nichts mehr davon übrig bleiben«, erklärte er in einem sanften Ton, den ich zu gerne ein zweites Mal hören würde.

Mich durchfuhr ein angenehmes Gefühl, als wir uns erneut lange in die Augen blickten. Selbst ihm fiel das auf und seine tupfenden Bewegungen ließen nach. Ich wusste nicht was mich jedes Mal fesselte, wenn ich in seine Augen sah. War es die Farbe, oder ein Vampirtrick, oder Magie? Vielleicht waren es einfach auch nur Gefühle, die sich immer weiter ausbreiteten. Ich hatte noch nie einen Phyne getroffen, der sich so um andere kümmerte wie er. Auch wenn er manchmal sehr kühl und distanziert wirkte, wusste ich, dass er im Inneren einen weichen Kern hatte. Jaiden wuchs mir ans Herz. Gerade von den Jungs hatte ich immer schlecht gesprochen und sie als Idioten abgestempelt. Aber wie so oft in den letzten Tagen hatte mich Jaiden vor einigen Gefahren gerettet. Alles begann mit seinem kalten Blick im Zug. Er hatte meine feurige Aura gespürt, selbst, wenn meine Dämonin überhaupt nicht zum Vorschein getreten war. Dann die Begegnung in der Herrentoilette und schließlich hatte er sich zum Schluss geopfert. Er bildete mich aus und sorgte für mich. Und heute tat er etwas, das mich innerlich änderte. Wäre er nicht gewesen, hätte ich nicht gewusst, ob ich diesen Abend noch in einem Bett liegen würde und mir Gedanken darüber machte, wie dankbar ich Jaiden war.

Schließlich setzte er das Tuch von meiner Wange ab und fixierte seine Augen auf die Wunde.

»Morgen wird‘s besser. Du solltest nun schlafen.«

Dann setzte er sich in den Stuhl und blickte mich an. Was hatte er vor? Wo wollte er denn schlafen?

»Willst du dort bleiben?« Er grinste. Ich schüttelte den Kopf. »So war das nicht gemeint. Willst du ehrlich auf dem Stuhl schlafen?«

»Das macht mir nichts aus. Im Krieg hatte ich nie ein Bett. Da schlief ich sogar im Stehen. Nein, schlaf du ruhig. Ich bin hier, wenn etwas ist.«

Mit einem verdutzten Blick schaltete ich das Licht aus. Denn bequem konnte es trotzdem nicht sein! Er holte sich doch damit nur Verspannungen und weitere Schmerzen. Neulich hatte er auch auf meinem Sofa im Sitzen geschlafen, bis ihn schließlich mein Herzschlag geweckt hatte. Es fühlte sich nicht richtig an in seinem Bett zu schlafen und ihn dabei auf dem Stuhl sitzen zu lassen. Wir konnten es ja teilen. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich mit jemandem in ein Bett zwängen musste, sei es männlich oder weiblich gewesen. Der Gedanken, das ich es eigentlich gut hieße mit ihm in einem Bett zu schlafen, ließ mich weder schaudern, noch den Kopf schütteln. Nicht gut. Ich kannte solche Gedanken. Aus, aus, aus!

Aber nach minutenlangem Drehen und Winden gab ich auf und seufzte genervt.

»Kannst du nicht schlafen?«, ertönte es vom Sitz und ich zuckte zusammen. Er war noch wach? Also konnte er ebenfalls nicht schlafen. Mich bedrückte das Gefühl, das die Regierung nun von mir wusste. Wie würde es weiter gehen? Ich musste unbedingt mit meinem Vater sprechen, wenn er wieder zurückkam. Falls er zurückkam. Oh nein! An so etwas durfte ich nicht denken. Das machte mich noch depressiver.

Ich drehte meinen Kopf ins Kissen und gab einen genervten, schrillen Schrei von mir. Direkt spürte ich, dass jemand neben mir war. Jaiden nahm mein Handgelenk und zog mich in die Sitzposition.

»Du wirst nicht schlafen können, oder?« Ich schüttelte den Kopf. Jaiden lachte. »Wenn ich keine guten Augen hätte, würde ich womöglich dein Kopfschütteln im Dunkeln nicht erkennen.«

Kurz herrschte Stille, aber ich brach sie. »Ich habe eigentlich Angst um meinen Dad. Was ist wenn sie ihm etwas antun? Jetzt gerade? Er muss unter allem leiden und das tut mir weh.«

»Das kann ich verstehen. Ich werde darüber nachdenken und versuchen eine Lösung dafür zu finden. Es gibt immer Wege solch einer Situation zu entkommen. Die Regierung weiß von dir und möchte dich als Druckmittel benutzen. Das muss dein Vater wissen.«

»Ja, du hast Recht.«

»Jetzt schlaf am besten. Ich lasse dich auch morgen ausschlafen. Die Nacht war hart.«

Ich nickte und rutschte mit meinen Kopf zum Kissen hinunter. Als ich bemerkte, das Jaiden wieder gehen wollte, griff ich nach seinem Handgelenk. Ich konnte spüren, dass er erwartungsvoll zu mir herabblickte.

»Lass mich nicht allein, okay?« Er rückte wieder zu mir. »Ich bin ständig allein und das nervt.« Meine Stimme klang schon leicht ermüdet. »Und leg dich bitte hin. Du machst mich ansonsten ganz nervös.« Ohne dass er ein Wort sagte, konnte ich spüren wie er sich endlich hinlegte und ich eine Sorge weniger hatte. Mit genauerem Hinsehen leuchteten seine Augen noch, aber nach einiger Zeit waren sie verschwunden.

Da ich, nach einigen Versuchen, noch immer nicht schlafen konnte, zählte ich die Sekunden, in denen Jaiden nicht atmete. Es sprangen dabei zwei bis drei Minuten heraus. Wirklich unglaublich. Wenn ich sehnsüchtig auf seinen Atemzug wartete, kam es mir so vor, als würde ein Toter neben mir liegen. Kalt, starr und still. Deshalb griff ich heimlich nach seinem Arm. Auch sein Puls war kaum zu spüren. Ich hatte vergessen, dass sein Herz nur sehr leise pochte. Ich erinnerte mich daran wie es so laut schlug, als er Angst hatte. Ich dachte Vampire fürchten sich vor niemandem.

Als wieder viele Minuten vergingen, versuchte ich auch zu Atmen und so lange wie Jaiden auszuhalten. Aber meine Lunge schwoll nur bis zu fünfzig Sekunden an und dann musste ich aufgeben.

Gerade als ich einen zweiten Atemzug nehmen wollte, packte er mein rechtes Handgelenk und zog mich zu sich. Jaiden legte seinen Arm unter meinen Nacken und meine Nase berührte seine Brust. Mein Herz pochte immer schneller und ich war vollkommen eingenommen.

»Jetzt ist aber Schluss! Du bist ja schlimmer als ein kleines Kind«, flüsterte er und zog mich noch näher an sich. Ich wusste, er meinte es nicht böse. Ich würde mir auch auf die Nerven gehen. Doch dann kicherte er. »Jetzt schlägt eine Trommel in meinem Ohr.« Ich lief sofort rot an, denn leider konnte ich das Herz nicht abstellen. Es hatte seinen eigenen Willen. Schnell merkte ich, das Jaiden müde war und tatsächlich schlafen wollte. Ich fühlte mich pudelwohl. Diese Geborgenheit spürte ich schon lange nicht mehr. Ein Kribbeln im Bauch sorgte für ein wohliges Gefühl, sein Herzschlag, der nun bei purer Stille leise schlug, erzeugte die Melodie und seine Aura gab mir das angenehme Klima, das ich brauchte. Mit einem zufriedenen Lächeln schlief ich letztendlich ein.

 

17 - Dämon

Am nächsten Morgen öffnete ich zuerst meine Augen. Es war noch ein wenig dunkel, da die Jalousien, das Licht daran hinderten, ins Zimmer zu dringen.

Gerade erhob sich Jaidens Brust. Moment! Mein Kopf lag darauf. Seine Hand lag an meiner Schulter und mein Arm hatte seinen Bauch umfasst. Ob ich die ganze Nacht in solch einer Position lag? Aber das war noch nicht alles. Meine Augen schielten nach unten zu meinem Bein. Es lag auf Jaidens. Mein Herz drohte wieder schneller zu werden und ich wusste, dass er dadurch wach werden würde. Also atmete ich tief ein und aus. Anschließend schob ich mein Bein langsam herunter und versuchte dabei keine weiteren Geräusche zu machen.

Ich überlegte und dabei fiel mir auf, dass etwas Entscheidendes passiert war. Ich brauchte mich nicht darüber zu wundern, warum ich in seinen Armen lag. Ich wollte es ja so! Gestern stritt ich diesen Gedanken ab, der wie ein schwerer Stein in meinem Kopf festsaß. Warum schaute ich ihm gern in die Augen? Wieso zog er mich jedes Mal in seinen Bann und warum fühlte ich mich so unglaublich wohl bei ihm? Der Stein drängte sich immer weiter nach vorne. Er kannte die Wahrheit, die ich noch versuchte zu verdrängen. Aber mich selbst dafür zu belügen, würde mir nur Kummer bereiten, den ich jetzt auf keinen Fall gebrauchen konnte. Mein Bauch kribbelte bei jeder seiner Berührungen, Hitze stieg in mir auf, auch wenn ich ihn nur ansah und als er mich letzte Nacht zu sich zog, umgab mich eine Wärme, die meine neue Droge geworden war. Jetzt in diesem Moment spürte ich sie. Durch und durch. Jaiden beschützte mich, vertraute mir und war für mich da, wenn ich ihn brauchte.

Ich schluckte. Es war nicht nur einfach ein Gefühl, das ich mir einbildete, es war die Wahrheit. Wir kannten uns gerade mal knappe drei Wochen und es hatte sich viel verändert. Durch ihn fühlte ich mich stärker denn je und ich hatte endlich ein Ziel in meinem Leben gefunden.

Mein Herz wurde lauter und schneller, als der schwere Stein schließlich durch meine Gedanken gebrochen war. Er hatte die Wahrheit laut in meinem Kopf ausgesprochen. Jede Silbe prägte ich mir ein.

Ich zog meine Lippen in den Mund und atmete lange durch die Nase aus. Mach dir nichts vor, Jolina. Du wusstest, das es eines Tages so passieren würde. Schon als du das erste Mal seine Augen sahst. Er war eben anders. Nichts würde dir im Weg stehen. Nicht seine Abstammung, nicht das gleiche Schicksal, das ihr teilt, nicht die Gefahr, die lauerte und auch nicht, das ihr eigentlich Gegenteile voneinander seid.

Jolina, du hast dich in Jaiden wahrhaftig und bedingungslos verliebt. Natürlich hatte ich das. Nach langen Überlegungen kam man zu solch einem Entschluss. Mein Herz hatte noch nie so laut geschlagen wie in diesem Moment. Es hüpfte in meinem Brustkorb hin und her, als ob es sich freuen würde. Die Schläge bewiesen mir, dass alles der Wahrheit entsprach. Meine Gefühle zeigten, dass es nicht anders sein konnte, als das ich mich wirklich ihn verliebt hatte.

Ich musste es akzeptieren und wieso sollte ich das auch nicht tun? Schließlich mochte ich Jaiden. Aber konnte das gut gehen? Ein Vampir und ein Dämon? Man sagte zwar Gegensätze ziehen sich an, aber ob das auch für uns galt? Fragen um Fragen. Sie alle schwirrten in meinem Kopf und ich fand für keine Einzige eine Antwort. Sagen würde ich es Jaiden nicht. Was war, wenn er nicht dasselbe für mich empfand?

Ich stieß einen leisen Seufzer aus. Obwohl seine Brust nur Marmor war und eigentlich für mich zu kalt sein sollte, spürte ich dennoch Wärme. Meine Stirn und meine Nase berührten den nackten Teil seiner Brust. Er trug ein Hemd, das er nun bis zur Hälfte aufgeknöpft hatte. Am liebsten würde ich mit meinen Fingern über die Konturen seiner Muskeln fahren. Sie waren kantig und kräftig. Die weiße Haut schimmerte sogar noch in der dunklen Atmosphäre.

Meine Augen wanderten zu seinem Gesicht. Ein Kribbeln durchfuhr meinen Körper als ich ihn schlafen sah. Sein Gesicht war makellos glatt. Die Lippen hatten eine rosige Farbe. Seine Wimpern waren etwas heller als die Kopfhaare, aber immer noch dunkel genug. Seine Kiefermuskeln machten das Gesicht kantiger, aber es passte zu ihm. Erneut hob sich sein Brustkorb.

Ich sah nicht gut genug von meiner Position und erhob mich deshalb von seiner Brust. Mit meinem linken Arm stützte ich mich seitlich ab und konnte ihm genau ins  Gesicht blicken. Eine Haarsträhne fiel mir ins Auge und ich strich sie hinter mein Ohr. Meine Finger ließ ich noch auf seiner Brust ruhen und begutachtete ihn weiter.

Die Ruhe stand seinem Aussehen sehr gut. Er war wirklich wunderschön. Wie ein gemaltes Kunstwerk oder eine gemeißelte Statue. Am liebsten hätte ich ihn die ganze Zeit angestarrt, aber ewig schlief er auch nicht. Wie auch schon das letzte Mal wollte ich einmal über seine Wange gleiten. Nur um das Gefühl seiner glatten, marmorartigen Haut zu spüren.

Noch einmal prüfte ich mit einem Blick, ob er noch schlief. Sein Brustkorb hob sich erneut und er schien sich kein Stück zu rühren. Vermutlich bemerkte er nicht einmal mein Vorhaben und das wäre für mich ein Vorteil.

Langsam erhob sich meine Hand von seiner Brust und meine Augen ließen nicht von seinem Gesicht ab. Konzentriert führte ich die Hand immer näher an ihn heran und blieb mit meinem zierlichen Finger Millimeter vor seiner Wange stehen. Noch ein prüfender Blick, bevor ich es fast geschafft hatte. Meine Fingerspitzen kribbelten und die feine Kälte kühlte die Hitze an den Kuppeln.

Mein ganzer Körper spannte sich an. Hoffentlich tat er nicht nur so, als ob er schlafen würde. Mir war es schon unangenehm genug, daran zu denken, ihn gleich zu berühren, nur um seine Haut zu testen. Seine Art faszinierte mich einfach.

Gerade als ich die Fingerspitzen auf seine Wange aufsetzen wollte, ergriff die unerwartete Hand erneut nach mir. Sie packte mein Gelenk. Ich zuckte erschrocken zusammen, mein Magen drehte sich und entsetzt schaute ich in die hellblauen Augen, die sich geöffnet hatten. Mein Atem und das Herz wurden rasend schnell.

Im selben Moment drehte er mich auf den Rücken und stützte sich in derselben Position, wie ich vorhin, ab. Doch dieses Mal lächelte er.

»Wie oft willst du es noch versuchen?«, fragte er und ließ dabei nicht meine Hand los.

Mein Atem stockte und die Adern gefroren. Fassungslos beäugte ich ihn und versuchte zu antworten. Erst als die Starre sich löste, konnte ich sprechen.

»Bist du wieder durch meinen Herzschlag wachgeworden?«, piepte ich und räusperte mich anschließend. Er lachte, da ich das Thema gewechselt hatte.

»Nein. Dieses Mal nicht. Ich war schon vor dir wach.«

Alles in mir begann sich zusammen zu ziehen. Er hatte also alles mitbekommen? Mein Bein das ich von seinem herunternahm, die Berührungen und die Taktik mit der ich vorging. Sogar die abrupten, lauten Herzschläge? Am liebsten wäre ich unter das Bett gesunken. Ich lief rot an und dieses Mal sah man es auch. Mein Kopf begann heiß zu werden. Wenn er auch noch meine Gedanken gehört hätte, würde ich mir nichts Sehnlicheres wünschen, als einfach zu verschwinden. Mir war es so peinlich, dass ich außer entgeistert Starren und unrhythmisch Atmen nichts anderes tun konnte. Der Rest war gehemmt.

Als Jaiden vermutlich ahnte, was gerade in mir vorging, ließ er meine Hand los, behielt das Lächeln und war einfach vor meinen Augen verschwunden. Stattdessen landete er am Schrank und zog sein Hemd aus.

In mir spannte sich alles. Ich hoffte bloß, das er nur sein Oberteil wechselte. Als er es völlig aushatte, zum Boden schmiss und die Jalousien öffnete, kniff ich, durch die abrupte Helligkeit, die Augen zusammen. Ich öffnete sie blinzelnd wieder und schaute auf den steinharten, weißen Oberkörper. Mein Blick wanderte von seinen Brustmuskeln, die am schönsten definiert waren, hinunter zu dem Sixpack. Die sechs kleinen Muskeln waren kantig, aber nicht so durchtrainiert wie sein oberer Bereich. Alles in allem hatte er einen langen, natürlichen Oberkörper.

Er bemerkte es nicht einmal, dass meine Augen sich nicht mehr von ihm wenden konnten. Stattdessen suchte er in seinem Kleiderschrank womöglich nach einem neuen Shirt. War ihm das nicht unangenehm, wenn eine Frau im Bett lag und er sich auszog? Aber ich konnte ihn nicht mit mir vergleichen, schließlich war das bei Männern wieder etwas anderes.

Doch dann drehte er mir den Rücken zu und im Schein der Sonne sah ich diese furchtbare, verzerrte Narbe. Sie verlief von seinem rechten Schulterblatt bis zur linken Taille. Aber wie konnte das passieren? Ich dachte Wunden heilten ganz. Ein Schauder durchfuhr mich. Die Narbe war in der Mitte ihrer Struktur am tiefsten und dunkelsten. Trotzdem war die Narbe keinesfalls rötlich, sondern genauso bleich wie Jaidens Haut. Es sah aus, als würde jemand mit einem Stück Stein über eine Marmorplatte kratzen. Bevor ich näher darauf eingehen konnte, hatte er sich schon ein schwarzes, engeres T-Shirt angezogen. Dadurch wirkten sein Gesicht und die hellblauen Augen noch schöner. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht völlig die Fassung zu verlieren. Erst jetzt blickte er zu mir.

»Alles wieder in Ordnung?« Ich konnte das Kichern heraushören. »Falls du duschen möchtest, kannst du das gerne tun. Ich zeig sie dir.«

Ich stieg aus dem Bett und lief zu ihm. Als wir das Zimmer verließen, durchquerten wir einige Gänge und kamen an den Duschräumen an.

»Hier kannst du duschen. Sie müsste dir allein gehören. Die Kids sind in der Schule.« Wie erstarrt blickte ich ihn an und hielt mir die Hand vor den Mund.

»Oh mein Gott! Ich muss in die Schule!«, rief ich panisch.

Er schüttelte den Kopf und drückte mich in die Richtung der Duschräume. »Du machst dir tatsächlich Sorgen um die Schule, obwohl du gestern beinahe entführt worden wärst?«

Ich schluckte. »Ja, das kann man bestimmt entschuldigen.« Meine Stimme klang sarkastisch.

»Jolina, selbst ich könnte dir eine Entschuldigung schreiben. Du wirst auch die restliche Woche nicht in die Schule gehen.«

Bevor ich protestieren konnte, hatte er mich hineingeschoben und verschwand sofort. Ich bin keine Schwänzerin!

Mit murmelnden, fluchenden Worten verschwand ich ausgezogen in die Dusche. Als warmes Wasser über meinen Körper strömte, durchfuhr mich ein prickelndes Gefühl. Der ganze Schmutz und der Schweiß waren endlich von meiner Haut und den Haaren.

Wenn ich unter der Dusche stand, konnte ich immer am besten nachdenken. Dabei waren all meine Gedanken bei Jaiden. Auch wenn ich mir Sorgen um meinen Vater und mein eigenes Leben machte, stand Jaiden immer dazwischen. Ich wollte alles mit ihm in Verbindung bringen, meine Pläne, das Ziel,  mein Leben.

Seit gestern fühlte ich mich wie in die Luft geworfen. Ich hatte weder eine Decke noch einen Boden. Ich wusste nicht wie es weiter gehen sollte. Die Regierung wusstevonmeiner Existenz und wollte mich womöglich als Druckmittel benutzen oder umbringen.

 

Als ich geduscht hatte, frische Kleidung trug und meine Haare kein Stück Filz mehr waren, wartete ich in Jaidens Zimmer. Ich wusste nicht wo er hingegangen war, aber schließlich hatte er auch noch andere Probleme. Dabei musste ich wohl eines seiner Größten sein.

Es dauerte. Deshalb legte ich mich kurz ins Bett, schloss die Augen, dachte nach. Aber die Zeit verflog nicht. Als ich mich aufsetzte, begann ich an meinen offenen Haaren zu zupfen. Ich strich sie zu einem Seitenscheitel, wickelte einige Strähnen um meinen Finger und seufzte.

Dann konnte ich Schritte auf dem Flur hören und stand auf. Jaiden kam herein und winkte mich nach draußen.

»Ich weiß was du heute tun wirst. Kyla wird dich ein bisschen über Dämonen informieren«, sagte er als wir im eiligen Tempo die Flure durchquerten. In der Küche blieben wir stehen und Kyla winkte mir lächelnd zu.

In den letzten Tagen, als ich mit ihr Training hatte, wurde mir klar, dass sie sich viel Mühe gab. Sie kochte, trainierte, reparierte, pflegte und putzte sogar. Deshalb bewunderte ich sie so sehr. Sie hatte das Herz am richtigen Fleck. Auch wenn es etwas seltsam klingen mag, manchmal wünschte ich, sie wäre meine Mutter gewesen.

»Jolina, du wirst dich freuen. Wir zwei sind heute das dämonische Double.« Ich lächelte munter. »Das heißt, bei uns wird’s heiß!« Sie blickte zu Jaiden. »Vorsichtig Jungchen, sonst verbrennst du dich noch an uns beiden.«

Über Kylas Witze konnte man einfach nur lachen. Jaiden hob kapitulierend die Hände. »Schon gut. Ich bin weg.« Er lief wieder den Weg zurück und drehte sich während des Gehens zu mir um. »Bis heute Abend, Jolina.«

Es war gerade mal zwei Uhr. Das hieß, solange konnte ich Jaiden nicht sehen. Ich merkte, wie sehr er zu meiner persönlichen Droge wurde.

Kyla hatte einen Topf mit kochenden Wasser vor sich stehen und summte vergnügt. Sie schmiss allerdings keine Zutaten hinein oder hatte irgendwelche Beilagen daneben.

Dann schaute sie mich grinsend an und zwinkerte mir zu. »Okay, Jolina, dann wollen wir doch mal sehen wie ich darauf reagiere, was meinst du?«

Zuerst hatte ich keine Ahnung von was sie da sprach, aber als sie ihre Hand hob und in die Richtung des kochend heißen Topfes ging, rollten sich meine Zehennägel nach oben. Meine Füße wollten sich in den Boden verankern und am liebsten hätte ich ihre Hand dort weggezogen, aber Kyla hielt schon abwehrend ihren freien Arm vor mich.

Schließlich tauchte sie ihre Hand in den Topf und es zischte. Ich hielt die Luft an und konnte mir den Schmerz vorstellen. Nein. Das war gelogen. Ich konnte ihn mir nur denken. Bisher erlitt ich nie einen Sonnbrand, geschweige denn überhaupt eine Verbrennung. Was mir aber wehtat waren Eiswürfel und kaltes Wasser.

Kyla seufzte entspannt. »Das tut so gut.« Ich zog eine Augenbraue hoch und sie stellte die Grade noch ein wenig höher. Dann nahm sie meine Hand, die ich ängstlich ihr entzog. »Jolina, du wirst keine Schmerzen spüren. Vertrau mir. Dir kann nichts geschehen. Ganz viele andere Halbdämonen haben es auch vor dir getan. Sie hatten auch Angst.«

Als ich in ihre dunkelbraunen Augen blickte, spürte ich Sicherheit und vertraute ihr. Also ließ ich ihr Vorhaben zu und ich schwitzte vor Nervosität. Die Hand glitt sanft in das Wasser. So unglaublich es auch klingen mochte. Es fühlte sich herrlich angenehm an. Es war nicht zu warmund nicht zu kalt, sondern genau dazwischen. Meine eigene Körpertemperatur sozusagen. Ich musste fassungslos in den Topf schauen und zog verwundert meine Hand heraus. Sie war, wie davor auch, normal. Unverändert.

»Ich bin sprachlos«, murmelte ich während meiner Betrachtung der heilen Haut. Ich steckte die Hand ein zweites Mal ins Wasser und berührte dabei den Boden, der, physikalisch gesehen, noch heißer sein sollte. Aber die Temperatur blieb wieder unverändert. »Was kann ich denn noch alles?« Jetzt war ich neugieriger als je zuvor.

Kyla stemmte einen ihrer Arme in die Hüfte und hob nachdenklich das Kinn. »Naja, alles was mit dem Element Hitze zu tun hat. Du kannst sogar im Feuer stehen und nicht einmal ein Haar würde an dir verbrennen. Allerdings die Kleidung natürlich. Außerdem gibt es Dämonen die Feuer speien können.«

Ungläubig schaute ich sie an. »Aber nicht alle, richtig?«

Sie nickte. »Andere haben Flügel, Schwänze oder eben, wie schon gesagt, die Fähigkeit Feuer zu speien. Jaiden erzählte mir du besitzt Flügel, richtig?« Ich nickte. »Ich auch. Okay. Ich bin ja auch ein vollwertiger Dämon. Ich habe praktisch alles, bis auf einen Schwanz.« 

»Wieso den denn nicht?«

»In Flames wird dort der Schwanz abgeschnitten. Jedoch nur bei Frauen. Bei Männern ist er ein Symbol ihrer Kraft.« Sie seufzte, als sie den letzten Satz mit Betonung aussprach. »Frag mich nicht.« Ihre Schultern hoben sich kurz in die Höhe.

Ein Schauer durchlief meinen Rücken. Gnadenlos oder mit einer richtige Operation? Das musste doch furchtbar schmerzen. Manche Städte waren wirklich in einen Wahn gefallen mit ihren ganzen Traditionen und dem Glauben.

»Bei vollem Bewusstsein?«, fragte ich zögerlich.

»Das kommt auf die Familie an. Wenn du reich geboren wirst, kannst du dir eine Operation leisten, wenn nicht wird es bei vollem Bewusstsein getan.«

Meine Augen fielen kurz zu, als mir das Bild im Kopf erschien. »Und ... hast du?«

Sie senkte ihren Kopf und stellte den Herd aus. »Weißt du, Jolina, in Flames gibt es wenig Reiche und viel zu viele Arme. Und ich hatte oft Pech in meinem Leben. Deshalb hatte ich mich auch entschieden anderen zu helfen, um überhaupt etwas Nützliches in meinem Leben zu erreichen.«

Ich schluckte. »Mehr als du dir vorstellen kannst«, sagte sie. Ihre Laune war komplett auf den Boden gesunken. In ihrem Gesicht spiegelte sich Trauer wider. »Besonders, wenn du dich sechs Wochen lang nirgends hinsetzen kannst. Bei der Geburt kann man ihn noch nicht abschneiden. Erst, wenn man volljährig wird.«

Mein Magen zog sich zusammen. Ganze sechs Wochen nur stehen? Wie grausam. Natürlich mussten dafür wieder einmal nur die Frauen bluten. Wer dachte sich wohl so einen Schwachsinn aus? Die Männer natürlich!

»Aber im Großen und Ganzen habe ich bis jetzt mein Leben genossen. Hier in Maggon ist es wirklich auszuhalten. Am schönsten ist es immer noch in der Heimat selbst, aber ich wollte schon immer viel Reisen und die Welt entdecken.« Ihr Lächeln zeigte sich wieder und sie stellte den Topf neben den Herd. Anschließend klopfte sie sich die Hände ab, als ob sich Staub darauf befinden würde und lief mit mir aus der Küche. Ich folgte ihr sofort. Es war ein aufregendes Gefühl mit seines Gleichen den Tag zu verbringen.

 

18 - Stark

Kyla verbrachte tatsächlich den ganzen Tag damit mir alles beizubringen was ich als Dämon wissen sollte. Sie sprach manchmal von ihrem eigenen Leben und ich kam zum Entschluss, das Flames offensichtlich nicht das sei, was die Regierung vorzugeben schien. Cassandra Pecelin, die Regentin der Stadt, versuchte – man glaubt es kaum – alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Verhältnisse dort zu verbessern. Aber zu viel Armut und Kriminalität suchten die Geschöpfe heim. Hinter jeder Ecke lauerte Gefahr, Polizisten und Agenten hatten dort den gefährlichsten Job zu bewältigen. Deshalb war Kyla eine taffe, selbstbewusste Frau, die ich sehr bewunderte.

In den letzten zwei Stunden steckten meine Füße in glühender Kohle, man versuchte meine Haut zu brandmarken und mich in Flammen schmoren zu lassen. Letztendlich fühlte sich alles nicht anders an, als der heiße Kochtopf. Zuerst fragte ich mich, warum all das? Sollte das Spaß oder eine Beschäftigung für den Tag sein? Erst gegen Abend bemerkte ich, was mit mir geschehen war.

Mein Selbstbewusstsein veränderte sich. Die Angst wurde gemindert, mein Mut verstärkt. Meine Entschlossenheit gegenüber der Dämonin in mir war verbessert. Ich vertraute ihr und akzeptierte mich zum ersten Mal als richtiges Lebewesen, das ebenso geschätzt werden sollte. Kyla erklärte mir auch, dass es schon im Krieg Phyne gab und die Regierung merkte, dass diese durch ihre Spaltung weit aus mächtiger waren. Deshalb die Angst. Darum waren wir dem Tod geweiht. Sie erzählte auch von Rick, unserem Anführer. Er war auf einer Position, die sowohl die Regierung als auch das Volk beeinträchtigen konnte. Mehr durfte sie mir jedoch nicht verraten.

Gegen Abend saß ich in Jaidens Zimmer und starrte auf die Matratze die am Boden lag. Für mich ein Jammer, für Jaiden wohl eine Erleichterung – laut meines Gewissens. Ich wusste nicht wie er mich schätzte, aber meine Gefühle für ihn waren eindeutig. Nichts auf dieser Welt könnte das ändern.

Da trat Jaiden ins Zimmer und blickte mit hochgezogenen Augenbrauen auf die Matratze. Er gab einen kurzen, lachenden Laut von sich. »Hast du die da hingelegt?«

Wir setzten beide verdutzte Mienen auf. »Dasselbe wollte ich dich gerade fragen.« Jetzt waren wir endgültig verwirrt. Ich zumindest.

Er kratzte sich am Kopf. »Also, ich habe sie nicht hierher gebracht. Wie auch? Ich war den ganzen Tag unterwegs.«

Ich grübelte nach. Ob das womöglich Kyla gewesen sein könnte? Sie ist die Einzige, die Bescheid wusste. Durch meine tieferen Ergründungen der Erinnerungen fiel mir auf, dass es niemand anderes als Kyla sein konnte. Sie besaß den Schlüssel unseres Zimmers. Dass ich letzte Nacht in seinem Bett schlief, erfuhr sie durch hartnäckiges Nachfragen und die Matratze konnte sie problemlos hinauf tragen. Es fehlte nur noch die Nachricht, dass nächste Woche einige Zimmer frei werden würden.

Jaiden entriss mich meiner Gedanken, als er die Matratze ans Bettende ansetzte. Dabei fuhr er prüfend über das Material. »Wer auch immer das getan hat - vermutlich Kyla - hätte ruhig eine angenehmere Matratze nehmen können.« Er verdächtigte offensichtlich dieselbe Person.

»Ich werde es schon aushalten.«

Er warf mir einen verworrenen Blick. »Ich werde auf der Matratze schlafen. Du kannst in meinem Bett schlafen.«

Ich lächelte mit einem hochgezogenen Mundwinkel. »Genau, ich kann auf deinem Bett schlafen, tendiere jedoch zur Matratze.«

»Jolina!«, protestierte Jaiden. »Du bist Gast.«

»Gast ist König!« Auch wenn es eigentlich ›Kunde ist König‹ hieß.

Verärgert verschränkte er die Arme vor seiner Brust und dickköpfig setzte ich mich auf die Matratze. Dabei blickte ich ihn grinsend an und in seiner Kehle stieg ein leises Knurren auf. Selbst, wenn er wütend war, blieb er für mich immer der gleiche Jaiden.

»Gut, dann schlafe ich in dem gemütlichen Bett. Ich werde keine Kreuzschmerzen haben, einen guten Schlaf bekommen und mit einem Lächeln den Morgen begrüßen.« Der Trick funktionierte nicht. Selbst wenn er sich wie eine Katze, die sich gerade strecken wollte, ins Bett wälzte. Doch dann legte er sich auf die Seite, wobei er mich im Blickfeld behielt und seinen Kopf mit seinem rechten Arm stützte. Keine Chance!

Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, wünschte ich mir natürlich nichts Sehnlicheres, als mit ihm zusammen in dem Bett zu schlafen. Letzte Nacht war einfach unbeschreiblich schön gewesen. Unvergleichlich echt.

»Die Masche zieht bei mir nicht, Jaiden«, entgegnete ich mit einem siegreichen Grinsen. Er hingegen behielt die ausdruckslose Mimik bei und bemusterte mich. Schon wieder. Seine Augen begutachteten alles an mir. Das konnte ich an den sich ständig bewegenden Pupillen erkennen. Schließlich fokussierte er sich auf mein Gesicht.

»Deine Wunde ist schon verheilt.«

Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht. Überrascht fasste ich an meine Wange und suchte die Unreinheit auf meiner Haut. Aber wie Jaiden es schon erwähnt hatte, war sie verschwunden. Unglaublich wie schnell das ging. Dabei fiel mir seine Narbe auf dem Rücken ein. Wieso verheilte sie nicht? Was war der Grund? Ob sie aus dem Krieg stammte? Erneut viele Fragen auf keine einzige Antwort.

Ich setzte die Hand wieder von meinem Gesicht und mit Bedacht blickte ich ihn an. Dabei rutschte ein schwerer Klumpen meine Kehle hinunter. »Ich habe heute Morgen deine Narbe gesehen. Es verheilt nicht alles?«

Seine Mimik blieb erneut unverändert. Die Frage hatte ihn nicht einmal überrannt oder verblüfft. Lieber drangen die Eisaugen zu mir.

Sein Schweigen nahm ich nach wenigen Sekunden als einfaches Verweigern hin. Keinesfalls würde ich ihm deshalb böse sein, im Gegenteil, das machte mich noch neugieriger. In dieser Zeit hatte ich mir schon Bilder im Kopf hervorgerufen und es musste etwas mit dem Krieg zu tun haben. Schwere Wunden stammten aus dieser Zeit. Meine Vorstellungen waren dennoch begrenzt, denn weiter als der Krieg und eine Kreatur, die diese Wunde ihm zugefügt haben könnte, kam ich nicht.

Jaiden schwieg weiterhin. Ob ich ihm doch etwas angetan haben könnte? Langsam sorgte ich mich. Mit dieser Frage musste ich einen wunden Punkt getroffen haben. Die Reue war ein Elend an jenem Abend. Wie wir es beschlossen hatten, lagen wir beide auf unseren Betten - falls man meine Matratze als Schlafplatz bezeichnen konnte. Die Stille erdrosselte mich, schnürte meinen Hals zu und ließ mein Herz gegen den Brustkorb springen. Meine Neugierde wurde mir, wie in schon vielen Fällen, zum Verhängnis. Jaiden war bestimmt wütend auf mich und schwieg deshalb. Das Einschlafen war noch grauenvoller als das davor – natürlich bevor mich Jaiden in die Arme nahm. Ich war nervös wegen meiner Worte. Besonders sein Schweigen quälte mich von Minute zu Minute.

Ich musste etwas sagen. Ein Räuspern fuhr durch den Raum. »Tut mir leid. Ich wollte nicht vorwitzig sein. Offensichtlich habe ich dich verletzt.«

Noch immer kam kein Ton von ihm. Schlief er schon? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Das saß! Jaidens Schweigen war einfach nur mehr als nur ein Quälen. Folter traf es eher. Gerade wenn man noch für jemanden starke Gefühle hegte, setzte es einem heftig zu. Verkrampft ballte ich eine Faust und biss mir verärgert auf die Lippe.

Es ging mehrere Minuten so. Jaiden bewegte sich auch nicht. Die Stille übernahm unser Gespräch und richtete vermutlich nur noch mehr Schaden an. Die Dunkelheit nagte auch an mir, da sie mich im Ungewissen ließ. Ich konnte Jaiden nicht sehen, um nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen.

»Du warst nicht vorwitzig, sondern bloß besorgt. Mich kann man nicht verletzen, Jolina«, erklang endlich seine ersehnte Stimme und die geballte Anspannung in mir ließ nach. Sein Satz klang so, als ob er sofort nach meiner letzten Aussage geantwortet hätte. Seine Stimme war unklar. Es spiegelte sich weder Schmerz, noch Zuversicht. »1996. Ich habe an der Front gekämpft, nachts in der Wüste. Die Basilisken und Drachen waren meine Feinde. Ich kämpfte für die Magier, deren Chancen aussichtlos waren. Phyne hatten jedoch einen mächtigen Vorteil. Die Stärke war so enorm, dass ich problemlos mit den Vollblütern fertig wurde. Mich umzingelten immer mehr von ihnen, aber keiner von ihnen kam an mir vorbei. Doch dann wurden wir von Dämonen eingekesselt. Keiner wusste, woher sie kamen. Erst dann waren wir ihnen ausgeliefert. Die Basilisken drängten in ihrer Schlangengestalt vor mir, seitlich kamen die Drachen und in meinem Nacken spürte ich den heißen Atem der Dämonen. Ich musste mit allen fertig werden. Aber als ich gegen eine Frau antrat, deren Schwanz noch hing und derRauch aus der Kehle stieg, dachte ich es sei ein leichtes Spiel. Aber ich hatte mich verschätzt. Mir wurde erst bei einer Berührung klar wie mächtig sie war. Sie wandte eine bestimmte Taktik an und verbrannte zuerst meine Haut. Stück für Stück. Mit ihrem speienden Feuer verpasste sie mir mehr als nur eine Verbrennung des dritten Grades. Die Augen waren so glühend rot, das ich sie nie aus den Augen verlieren konnte. Doch dann passierte mir ein Fehler und ihre Schnelligkeit übertraf mich. Sie tauchte hinter meinen Rücken auf und schnitt ihn mir auf.« Grauenhafte Bilder schossen mir durch den Kopf. Vorstellungen die ich zu verdrängen versuchte, aber unter keinen Umständen verschwanden. Ich hatte mir Jaidenimmer als unbesiegbar vorgestellt, aber die Narbe bewies es mir. Er musste geschrien haben. Die Schmerzen waren wahrscheinlich die Hölle gewesen. Allein durch meine Vorstellungen kullerte mir ungewollt eine Träne die Wange hinunter. Ich konnte mit ihm fühlen und seine Qualen verstehen.

Plötzlich befand sich Jaiden neben mir. Das erkannte ich jedoch erst dann, als er weiter sprach: »Sie brachte mich nicht um, sondern ließ mich am Boden liegen.« Seine Hand glitt an meiner Wange vorbei, als ein Finger die Träne berührte und sie wegwischte. Meine Hände zitterten. Ich wusste nicht, ob es an seiner Geschichte lag, an der Angst, die ich um ihn hatte oder daran, dasser gerade eben gemerkt hatte, dass ich weinte. Vielleicht trugen alle drei Dinge die Schuld, aber sein Erlebnis hatte mich getroffen und geschockt. Meine Sensibilität riss mich bei solchen Geschichten einfach mit.

»Tut mir leid. Ich wusste nicht, das es dich ... so mitnimmt.« Reue und Mitleid lagen in seiner Stimme. Dabei konnte er nicht einmal etwas dafür. Ich war diejenige gewesen, die neugierig sein wollte.

»Nein. Ich habe angefangen. Ich kenne eben die Situationen eines Krieges nicht. Deshalb hatte ich keine Vorstellungen, aber jetzt habe ich welche. Das ist auch gut so. Jetzt weiß ich wenigstens wie hart das Leben tatsächlich sein kann.«

»Jolina,...du darfst es nicht so aufnehmen. Der Krieg war wieder etwas völlig anderes. Er wird nicht mehr vorkommen. Dafür sorgen wir ja. Ich sorge dafür.« Der letzte Satz klang persönlich. Als ob er es für mich tun würde. Er hätte auch lauten können: Ich sorge für dich. Vermutlich könnte ich mir das auch nur eingebildet haben. Zurzeit bezog ich einfach alles auf mich und Jaiden.

»Okay ... Gut.« Als ob es keine schöneren zwei Worte gäbe wie diese beiden. Ich biss mir auf die Lippe.

»Das war keine Gutenachtgeschichte«, meinte er und ich musste leise kichern. Ich glaubte sogar in der Dunkelheit auch ein Lächeln in seinem Gesicht zu erkennen. »Das nächste Mal erzähle ich dir lieber von meinen positiven Erinnerungen.«

»Gibt es davon überhaupt welche?«, fragte ich frech und setzte mich auf, um mich ebenfalls, wie er, am Fuße des Bettes anlehnen zu können.

»Ej!«, beschwerte er sich lachend und stieß mir seine Faust gegen die Schultern. »Sogar mehr als du glaubst!«

»Ah!«, rief ich. »Die kühnen Heldentaten des Jaiden?«

»Spotte nicht über mich.« Ich lachte leisemit ihm. Dadurch ging es mir schon viel besser. »Und du willst wirklich auf der Matratze schlafen? Ich tausche gern«, wechselte er abrupt das Thema. Und wieder waren wir bei unserer kompromisslosen Diskussion angelangt.

»Ja, es ist wirklich in Ordnung.«

»Du machst mich aber nervös, wenn du dort schläfst«, meckerte er.

»Ach echt? Komisch, du mich ja auch!«

Eine kurze Stille drückte sich zu uns durch. Dann begann ich zu kichern. »Dann schlafen wir beide einfach auf dem Boden.«

Er schnaubte. »Wir haben zwei Betten und entscheiden uns letztendlich auf dem härtesten Untergrund zu übernachten?« Ich nickte und wusste, dass er es sehen konnte. »Dann werden wir beide aber nicht gut schlafen.« Ich hob gleichgültig meine Schultern und legte mich neben die Matratze. Der Boden war tatsächlich einfach nur hart und kalt. Jaiden schürte jedoch die Hitze in mir.

Er rutschte zu mir hinunter und unsere Gesichter blickten sich im Dunkeln an. Meine Hand benutzte ich als Kissen und stützte mit der anderen meinen Körper, damit ich seitlich liegen bleiben konnte.

»Wir machen das jetzt tatsächlich?«

Ich zog meine Augenbrauen zusammen, damit ich ernster wirkte. »Klar!«

Das Letzte was ich hörte, war sein leises Lachen, bevor Stille einkehrte und ich einschlief.

 

19 - Fliegen und Verderben

Als meine Lider aufschlugen, bemerkte ich sofort zwei Dinge. Ich war allein und lag in Jaidens Bett. Womöglich hatte er mich nachts hierher getragen und auf der Matratze übernachtet. Oder eventuell doch neben mir? Darüber machte ich mir erst später Gedanken, denn zum ersten Mal war ich allein. Das beunruhigte mich.

Als ich aufstand, suchte ich in meinem Rucksack nach frischen Klamotten. Bevor ich jedoch in die Umkleide verschwinden wollte, schaute ich mich im Zimmer um. Warum denn nicht gleich hier? Jaiden war womöglich wieder an der Arbeit und für den Rest des Tages musste ich mich selbst zurecht finden.

Ich hatte mich dennoch ziemlich hektisch angezogen, als ob meine Eile nicht warten könnte. Anschließend landete der Rucksack neben dem Bett und als ich im Flur stand, kam mir Jaiden schon entgegen. Das war knapp gewesen. Gut, dass ich mich schnell umgezogen hatte. Vermutlich wäre er ins Zimmer hineingeschossen.

»Guten Morgen, Jolina!«, rief er mir grinsend zu, packte meine Hand und zog mich hinter sich her. Bevor ich ihn auch grüßen konnte, sprach er schon weiter. »Wir haben dein Training verschoben. Da du für die nächsten Tage hier bleiben wirst, konnten wir dich in eine andere Gruppe stecken.«

Vor dem Halleneingang blieb er stehen. »Viel Spaß!«, sagte er und ließ meine Hand los, nachdem er die Tür geöffnet hatte. Völlig entgeistert blickte ich ihn an. Er kam also nicht mit? Musste er erneut weg? Konnte er nicht einmal einen Tag bei mir bleiben? Ein leiser Seufzer entglitt meinen Lippen.

»Okay, bis heute Abend, Jaiden.« Ich spürte seinen verworrenen Blick in meinem Nacken. Natürlich hätte ich mich auch gefragt, was der Seufzer und die halb traurige, halb enttäuschte Stimme bedeuten sollte. Wenn er mich tatsächlich durchschauen würde, was in mir vorging, wüsste ich nicht, ob er mich noch so mögen würde, wie jetzt. Jedenfalls drehte ich mich nicht um, sondern lief die Schlucht hindurch und hörte wie nach wenigen Sekunden die Tür zufiel. Ich musste meine Gefühle demnächst besser unter Kontrolle bringen.

Als ich auf meine neue Gruppe zuging, waren drei Schüler aus meiner alten dabei. Denzel, Fine und Steven. Mir war letztens eingefallen, woher ich den Kleinen kannte. Es war der Gassenjunge dem ich das Geld geschenkt hatte.

Fine war in meinem Alter. Aber ziemlich schüchtern. Am liebsten senkte sie ihren Blick und drehte eine rot-braune Locke um ihren Finger. Ihren Pony steckte sie gerne mit einer Klammer zurück. Ihre hellblauen Augen betonten ihre weiße Haut, die perfekt zu ihrer Phyne passte. Zur Hälfte war sie ein Meermensch. Eigentlich jemand der meiner Dämonin nicht zu Gute kommt. Aber schließlich war ich auch in einen Vampir verliebt.

Denzel grinste mich an und Fine wippte ihre Schultern abwechselnd. Mit einem schüchternen Lächeln begrüßte sie mich.

»Guten Morgen, Schlafmütze!«, rief Kyla und grinste mich an. Mein Blick schweifte zu allen in der Halle.

»Guten Morgen, alle zusammen!«

»Heute werden wir ziemlich hart und lang trainieren. Ihr seid nun Mitspieler des Camps.« Ich hob meldend meine Hand.

»Kurze Erklärung bitte dazu.« Kyla nickte einverstanden.

»Jedes Jahr finden hier vier Camps statt, die sich nach den Jahreszeiten richten. Das Frühlings-, Sommer-, Herbst-, und Wintercamp. Eine ganze Woche wird bis zu acht Stunden hart trainiert. Ihr bekommt eine morgendliche Mahlzeit, Mittagessen und zu Abend gibt es immer Wunschäußerungen. Das Camp geht sieben ganze Tage. Meistens findet es in euren Ferien statt. Diese Woche ist eine Ausnahme.«

Sie warf mir einen prüfenden Blick zu, ob ich soweit alles verstanden hatte und ich nickte.

»Gut, dann wollen wir mal mit einem kleinen Wettlauf beginnen. Denzel und Louisa fangen an.«

Ein Mädchen, in seinem Alter, trat hervor und grinste Denzel höhnisch an. Sie hatte ein natürliches blond und lange, glatte Haare. Ihre Augen war hingegen dunkel.

»Ihr klettert den Block hinauf, hängt euch an die Seile, schlängelt euch an der Decke über die Schlucht und klettert wieder hinunter. Wer zuerst auf dem roten Punkt steht, hat gewonnen.«

Ich schritt etwas zurück und Kyla pfiff. Denzel war enorm schnell, was mich jedes Mal faszinierte. Jaiden sagte er sei ein Werwolf. Seine Züge ähnelten eher einem Tier, als einem Magier. Er sprintete die Wand hinauf, sprang an ein Seil und zog sich ohne die Beine zu benutzen nach oben. Anschließend schlang er sich an die Decke und ließ sich schließlich einfach zwölf Meter nach unten fallen. Er landete als Erstes auf dem roten Punkt. Was mich jedoch wirklich faszinierte, war die kurze Zeit. Der Wettlauf hatte gerade mal vier Sekunden gedauert. Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust und Kyla lobte die beiden.

»Jolina und Fine.«

Ich stellte mich neben sie und wir lächelten uns an. »Du weißt, dass ich keine Chance gegen dich habe«, sagte sie beschämend und kicherte. »Ich würde auch gerne so schnell sein, aber leider bin ich das nur im Wasser.«

»Verständlich.« Das war eben der Nachteil ein Meermensch zu sein. Auf dem Land hatte man zwar Beine, aber war gerade mal so schnell wie ein Magier. Deshalb fand ich es schon beinahe unfair von Kyla, das sie Fine gegen mich antreten ließ. Sie hatte nicht einmal gegen Denzel eine Chance.

»...fertig, los!«, rief sie und der Pfiff ertönte. Meine Augen hatten sich gefärbt und die Kletterwand war in wenigen Millisekunden passiert. Auf ein Seil zu springen und es hochzuklettern, dauerte zwar etwas länger, da mir die Kraft fehlte, aber an der Decke ging es wieder einfacher. Wie Denzel ließ ich mich auf den Boden fallen und berührte den roten Punkt. Dabei blickte ich zu Fine, die noch immer auf der Wand war. Ich seufzte. Sie tat mir leid.

»Wir warten noch bis Fine den roten Punkt berührt hat«, sagte Kyla. Es dauerte wenige Minuten, aber sie schaffte es letztendlich und lächelte beschämt zu uns herüber. Als sie sich neben mich stellte, hörte ich: »Ich bin echt ziemlich lahm.«

»Aber im Wasser eine Rakete. Bestimmt machen wir heute noch Übungen dazu. Dann kannst du mir mal zeigen, wie ich schneller werden könnte.« Sie kicherte.

Der restliche Tag bestand aus weiteren Wettläufen gegen andere meiner Art und auch Wasserwettläufe. Fine gewann sie alle. Zum ersten Mal hatte sie sich in ihre Meerjungfrau verwandelt. Ich durfte die blau-grünen Schuppen berühren. Sie fühlten sich tatsächlich wie die eines Fisches an. Ihre Haut schillerte dabei und die Flosse funkelte wie Diamanten.

»Louisa, Jolina und Steven kommen bitte zu mir«, befahl Kyla und wir gehorchten. Wieso ausgerechnet wir drei? Steven und Louisa waren Drachen und ich ein Dämon. Was verband uns denn? Geflüster ertönte hinter uns.

»Ich möchte, dass ihr Drei den anderen zeigt wie man fliegt.« Mit hochgezogener Augenbraue blickte ich sie an. Aber wir können ihn es nicht beibringen. Sie haben doch gar keine. Ich war verwirrt. »Wir spielen ein kleines Fangspiel. Sie müssen versuchen euch in der Luft zu bekommen. Dabei dürfen auch sie ihre Verwandlungen nutzen.« Sie trat einen Schritt von uns. »Dann mal los.« Louisas und Stevens Drachen waren einzigartig. Zuerst verwandelten sich ihre Augen, die sehr den Echsen ähnelten. Ihre Pupillen waren ein senkrechter, ovaler Strich. Die Zungen waren groß und in der gleichen Form wie die eines Leguans. Klebrig und lang. Die Haut wurde schuppig, wie die eines echten Drachen. Louisas Haut war eher braun und Stevens dunkelblau. Womöglich lag es an ihren Augenfarben. Die Hände waren zu Pranken gewachsen, dessen Krallen noch schärfer als meine waren. Ihre Flügel waren drahtig und fledermausähnlich. Aber ihre Größe überragte dennoch nicht meine. Zuletzt entschlüpfte ein recht starker, kräftiger Schwanz aus dessen Steißbein und die dreieckige Spitze wollte ich nicht zu spüren bekommen. Sie war äußerst scharf. Ich konnte gar nicht meine Augen davon wenden. Zwar sah ich schon einige Male verwandelte Drachen, aber in Wirklichkeit dabei zu sein, ergab ein ganz anderes Gefühl. Geduldige Augen waren auf mich gerichtet. Das letzte Mal als ich mich verwandelt hatte, war auf der Herrentoilette. Seitdem hatte ich es kein einziges Mal mehr versucht. Natürlich bekam ich dabei Angst, aber ich musste daran glauben, mich weiterzuentwickeln zu können.

»Ich kann nur nicht fliegen. Das heißt, ich bin noch nie ...«, murmelte ich nervös und Louisa grinste mich von der Seite an.

»Keine Sorge, ich helfe dir. Das geht schneller als du denkst.« Steven nickte neben mir. Ich atmete angespannt aus. Mit voller Konzentration rief ich die Dämonin erneut in mir. Der gleiche Prozess wie zuvor. Rote Augen und Haare, scharfe Krallen, heiße Aura und dann der Druck im Rücken. Ich nahm noch einen kräftigen Atemzug und stieß sie hervor. Sie rissen dabei, wie bei Louisa und Steven, das Shirt am Rücken auf. Aber das machte nichts. Schließlich gehörte das zum Training dazu.

Schwarze Feder fielen zu Boden, lange Schwingen streckten sich nach oben und klappten anschließend zusammen. Noch nie hatte jemand anderes außer meinem Vater oder mir die Flügel gesehen.

Offene Münder und hochgezogene Augenbrauen begutachteten mich. Bis auf Kyla, deren Blick eher misstrauisch wirkte. Sie hatte Angst, aber vor was?

Sie lief auf mich zu. »Das ist unmöglich. Schwarz? Jeder Phyne oder Dämon hat Rote. Wieso du nicht?« Sie grübelte weiter nach, indem sie sich ans Kinn fasste. »Vielleicht ein Chromosomenfehler...?« Mir machten ihre Überlegungen Angst. Schließlich hob sie eine Feder vom Boden auf und steckte diese in ihre Tasche.

Sie klatschte in die Hände. »Es gilt Folgendes: Wer zuerst einen von den drei fängt, hat gewonnen und darf pausieren.«

Ich blickte zur Gruppe. Also drei von ihnen müssten verlieren. Ich bewegte meine Flügel ein wenig und versuchte ihre Muskeln zu spüren. Es war nicht einfach. Wahrscheinlich war es das gleiche Gefühl, als wenn ein Vogel aus dem Nest springen musste, um zu fliegen. Louisa und Steven hoben sich in die Luft als die restliche Gruppe schon auf uns zusprang. Allerdings blieben meine Füße auf dem Boden. Wie erstarrt schaute ich sie an. Was nun? Versuchen zu fliegen? Louisa reichte mir ihre Hand.

»Schnell!«, rief sie, aber Denzel lag weit vorne. Meine Beine waren gelähmt und wollten sich nicht rühren. Schließlich überkam mich die Panik und mit noch schnellerer Geschwindigkeit konnte ich ihnen ausweichen. In wenigen Sekunden war ich am Ende des Raumes und versuchte mich in die Luft zu heben. Das Flügelschlagen war ein Problem. Bildlich konnte ich es mir gut vorstellen, aber im praktischen Teil war ich ein vollkommener Versager. Ich ärgerte mich und bewegte sie immer weiter auf und ab. Doch da schoss eine Phyne um die Ecke. Ihre Augen waren gelblich. Ein Werwolf. Ich rannte erneut davon. Dieses Mal nahm ich mir die Schlucht vor, aber auf der anderen Seite erwartete mich schon jemand anderes. Eine Falle! Clever!

Jetzt kam es auf alles an. Ich hatte keine andere Wahl als zu fliegen. Die Angst durch den im Nacken liegenden Werwolf und die Person, die wartend am Ende der Schlucht auf mich achtete, spornte mich an. Schließlich streckte ich die Flügel seitlich von mir. Die Spitzen berührten die Wände der Blocks. Während meines Laufens versuchte ich durch kleine Sprünge in die Luft zu geraten. Aber ich landete immer wieder auf meinen Füßen. Ich kam der Person näher.

 Mein Herz raste, mein Atem beschleunigte sich und ich spannte meinen ganzen Körper an. Dann schloss ich die Augen, dachte an Jaiden und Kyla. Meine Knie gingen dabei in die Hocke, sodass sie denselben Effekt wie eine Sprungfeder hatten und mit meiner ganzen Kraft schoss ich in die Höhe. Das Problem an dem Vorgang war, ich flog nicht. Eigentlich hatte ich mich nur in die Höhe geschossen. Meine Flügel umschlangen eng den Körper.

Zwar war ich den anderen beiden ausgewichen, aber auf dem Block wartete jemand, das spürte ich. Jetzt musste ich fliegen. Abspringen half mir dabei nicht. Ich tat noch einen weiteren Atemzug, positionierte meine Augen auf die Arme, die sich schon über die Schlucht getreckt hatten und faltete die Flügel auseinander. Dann schlug ich. Noch einmal, immer kräftiger und ich glaubte schneller zu werden. Kurz bevor mich die Arme einfingen, sodass ich wie ein Fisch ins Netz ging, lehnte ich mich zur Seite und konnte so die Richtung steuern. Meine Flügelschläge wurden schnell eins mit mir. Sie hoben mich durch den Raum.

Die Arme verschwanden, als ich aus der Schlucht stieß und nach unten blickte. Durch die enorme Höhe hatte ich die Möglichkeit alles im Blickfeld zu behalten. Ich entdeckte die restlichen Sechs am Boden. Sie hatten mich ins Visier genommen und verfolgten meine Flugbahnen. Louisa war verschwunden. Nur Steven flatterte noch umher und wurde von Denzel gejagt. Fine wartete geduldig im Wasser. Ich wusste was sie vorhatte. Sie war wie ein wachendes Krokodil, das unbemerkt im Wasser schwamm und auf den richtigen Augenblick wartete. Sie konnte mit viel Anlauf ganze zehn Meter hoch springen. Wie eine Fontäne, die in den Himmel schoss.

Anscheinend war ich allein dieser Ansicht. Ich konnte beobachten wie Steven knapp über dem Wasser vor Denzel davonflog, der als Werwolf nicht ins Becken springen wollte und Fine ihn von unten gepackt hatte. Sie riss ihn zurück ins Wasser. Erst nach wenigen Sekunden tauchten beide auf und Fine warf mir ein glückliches Lächeln zu. Zwei aus dem Spiel, Vier noch im Rennen. Ich flog noch über dem Block und sah wie ein Mädchen Anlauf nahm, um mir entgegen zu springen. Denzel kletterte die Wand hinauf und benutzte die Decke als seinen Boden. Er schlängelte sich zu mir, aber ich machte einen Sturzflug zum Becken. Fine war aus dem Rennen, deshalb war das Wasser wieder sicher. Wie eine Libelle glitt ich knapp über den kleinen Wellen und setzte meine Beine auf dem Boden wieder ab.

»Noch sechzig Sekunden!«, rief Kyla und hielt eine Stoppuhr in der Hand. Die restlichen Vier kamen von allen Seiten zu mir gestürmt. Ich fand jedoch keine Lücke. Nicht in der Luft, Denzel kletterte noch immer an der Decke und nicht am Boden. Vom Block sprang mir das Mädchen nach, der Älteste von uns allen, Mike, schoss von der Seite zu mir und der Letzte griff mich frontal an. Nervös versuchte ich schnell eine Lösung zu finden.

Mike sprang mit gefletschten Vampirzähnen auf mich zu. Diesen Moment nutzte ich aus, um unter seinem Sprung durchzugleiten, in dem ich auf den Knien rutschte und meinen Oberkörper nach hinten beugte. Danach erhob ich mich blitzartig in die Höhe.

Denzel löste sich von der Decke und kam mir fallend entgegen. Ich wich ihm im Flug geschickt aus und flog weiter. Auf dem Block befanden sich die zwei Mädchen. Sie verfolgten mich. Gerade als sie losspringen wollten und mich tatsächlich geschnappt hätten, pfiff Kyla ab.

Aber sie zogen mich nach unten und gaben enttäuschende Laute von sich. Sie halfen mir beim Aufstehen.

»Du bist echt schnell, Joly!«, sagte einer von den beiden grinsend. Joly? Ich lachte.

»Danke.«

Als wir wieder bei Kyla ankamen, vergrub ich die Flügel wieder in meinem Rücken. Die Verwandlung konnte ich schneller beenden als zu entfesseln.

Lobend lächelte mich Kyla an. »Sehr gut. Dann könnt ihr jetzt essen gehen.« Ich wollte mit der Menge mitgehen, aber Kyla hielt mich weiterhin auf. Sie packte die Feder wieder aus.

»Das habe ich noch nicht gesehen. Sehr selten. Vor allen Dingen, weil nicht viele Phynes Flügel besitzen und auch nicht viele die Dämonengene im Blut haben. Ich werde mich darüber kundig machen, ob es schon einmal solch einen Fall gegeben hat.«

»Denkst du es ist etwas Schlechtes?«, fragte ich besorgt.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich tippe noch immer auf einen Chromosomenfehler. Anders kann ich es mir nicht denken.« Sie schlug mir auf die Schulter. »Nun geh schnell essen.« Ich nickte dankend und verschwand zur Küche. Ich dachte die ganze Zeit über, es wäre völlig normal, dass man schwarze Flügel als Dämon besaß. Hoffentlich war das nichts Schlechtes. Schließlich bekam man nicht oft Dämonen in ihrer vollwertigen Verwandlung zu Gesicht. Nicht einmal im Fernsehen. Ja, noch nicht einmal von Cassandra Pecelin. Ich seufzte.

Am Mittagstisch gab es Nudeln mit einer besonders leckeren Soße. Kyla war wie immer die Köchin. Ein Talent!

Den restlichen Tag verbrachten wir mit weiteren Übungen, aber das Fliegen war nicht dabei. Irgendwie empfand ich es auch als gut. Kyla schaute mich seitdem mit einem seltsam prüfenden Blick an, als ob sie etwas versuchte in mir zu sehen. Mir machte dieser Ausdruck Angst.

Am Abend war ich so fertig, das ich einfach ins Bett fiel und die Augen schloss. Das Training war hart. Erschöpfte Muskeln, mangelnde Konzentration und Müdigkeit waren die Folge.

Doch gerade als ich einschlief, klingelte mein Handy. Panisch riss ich die Schublade am Nachtschränkchen auf, schaute noch nicht einmal zum Display und hob einfach ab.

»Ja?«, fiepte ich.

»Jolina? Dir geht es gut? Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Wieso hast du nicht angerufen? Ich wusste nicht wo du warst! Beinahe wäre ich vor Kummer umgekommen«, brüllte mein Vater hysterisch und aufgelöst. Er schluchzte und ein Stein fiel mir vom Herzen. Ihm ging es gut, das war das Wichtigste. Trotzdem klang er sehr nervös am Telefon.

»Jolina ... w-wo bist du gerade?«, fragte er hinterher. Er war richtig nervös! Ich hatte nicht bloß so ein Gefühl, sondern mit ihm stimmte tatsächlich etwas nicht. Er verschwieg mir etwas. Mit einer hochgezogenen Augenbraue setzte ich mich an den Bettrand.

»Was ist los? Du klingst ziemlich ... angespannt.«

Stille trat ein. Im Hintergrund hörte ich einen Stift der ständig auf- und abrollte, durch ein Fenster blies der pfeifende Wind ins Zimmer und im Hintergrund hörte ich Meeresrauschen. Wo zum Teufel war er? Mir war dieser Anruf nicht ganz geheuer.

»Es ist nichts. Sag mir einfach wo du bist.«

Kaum zu glauben, das sich solch ein Gedanke wagte zu mir zu schleichen. Ich zögerte und traute meinem eigenen Vater nicht. Die Hintergrundgeräusche passten einfach nicht zu Maggon. Besser gesagt, zu unserer Wohnung.

»Also, ich bin-«, setzte ich an und in dem Moment stürmte Jaiden die Tür hinein, riss mir das Handy aus der Hand und schleuderte es gegen die Wand. Schockiert blickte ich zu den Trümmern. Erst beim dritten Blinzeln erhob ich mich und blickte schweigend zu Jaiden. Was sollte das?

»Wusstest du, dass noch drei andere Personen dein Gespräch abgehört hatten?«

Ich schluckte. Wie denn? Die hätte ich doch wohl im Hintergrund atmen gehört.

»Dein Handy wurde verwanzt. Zum Glück bist du im richtigen Haus gelandet. Dein Vater ist nicht in Maggon, sondern wird in Oceanbreakers.«

Ich stand erschrocken auf. »Was?« Alles in mir begann zu kochen. Ob ihn jemand dort festhielt? Die Regierung? Es passte zu seiner Panik am Telefon. Ob das mit dem Vorfall in unserer Wohnung zu tun hatte?

»Dank unserem Störsignal können sie dich nicht orten. Den gibt es allerdings nur hier im Haus. Sobald das Handy außerhalb des Bereiches kommt, finden sie dich.« Jaiden klang sehr aufgebracht, als gäbe es nun ein großes Problem.

»Und nun?«, fragte ich besorgt.

»Ich weiß nicht was die Regierung vorhat. Es könnten auch Kopfgeldjäger sein, aber selbst die stecken mit den Regenten unter einer Decke.« Sein Blick fiel vom Handy zu mir. »Kennst du die Nummer von Jeffrey?«

Meine Augen wandten sich zu den Trümmern am Boden. Anschließend seufzte ich. »Seine Nummer war dort gespeichert.«

Jaiden lief zu dem defekten Handy und nahm es noch mehr auseinander. Er fand einen kleinen Chip und klemmte ihn zwischen seine zwei Finger.

»Ich habe falsch gehandelt.« Meine Augenbrauen schossen in die Höhe. »Sie wissen nun, dass du Bescheid weißt und sie werden versuchen Zeugen aus dem Weg zu räumen. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht.«

Missverstanden schüttelte ich den Kopf. »Was meinst du?«

»Sie wollen dich umbringen, Jolina. Ohne Gnade.«

Ich saugte die Luft panisch auf, als ob es mir an Sauerstoff mangelte. Anschließend versuchte ich mich zu beruhigen und starrte zu Jaiden. »Was mache ich?«

»Du wirst auf keinen Fall dieses Gebäude verlassen. Sie werden versuchen dich zu finden. Solange du hier bleibst, versuche ich mit ein paar anderen Phynes deinen Vater in Oceanbreakers zu suchen.«

Ich klammerte mich an seinen Arm. »Spinnst du? Lass das, Jaiden. Oder lass mich mit dir kommen. Vielleicht wollen sie meinen Vater als Lockvogel nutzen, um euch anzulocken. Das wäre doch die perfekte Falle!«

Aber Jaiden lächelte bloß knapp und entfernte meine Arme von seinen. »Jolina, Kyla wird auf dich aufpassen. Außerdem werde ich noch jemanden hierherschicken. Er ist ein guter Freund von mir und vielleicht sogar stärker als ich. Er wird dich beschützen, ich werde deinen Dad retten und dann kümmern wir uns um die Regierung.«

Er löste sich endgültig von mir und lief zur Tür hinaus. Aber ich konnte das nicht zulassen. Die zehn Männer plus den Werwolf waren schon eine wirkliche Hürde. Welche Chance hatte er den gegen dreißig dieser Leute? Er lief ins offene Messer. Das wusste ich, davon war ich fest überzeugt. Aber Jaiden war dickköpfig, genau wie ich. Wenn er einen Plan hatte, zog er ihn auch durch. Soweit kannte ich ihn schon.

»Wir können Jeff anrufen und er wird sich um die Sache kümmern. Ich weiß das. Er ist ein enger Freund meines Vaters. Bodyguards wurden darin ausgebildet. Bitte!«

»Jolina, wir wissen beide, das ich im Krieg gekämpft hatte und ein Phyne die stärkste Rasse ist, die es gibt. Ich verspreche dir, dass ich in einer Woche zurückkehren werde.« Eine Woche? Das ist viel zu lange. Wieso ließ er mich nicht einfach mitkommen? Ich konnte das nicht zulassen und ergriff ein weiteres Mal nach seinem Arm.

»Bitte, Jaiden.« Die Tränen waren nah und meine Stimme war nur noch ein leises Flüstern. Wie konnte ich ihn davon überzeugen zu bleiben? Es gab immer eine andere Möglichkeit aus dieser Situation zu entkommen. Sein Freund, der angeblich stärker als Jaiden sein sollte, konnte meinen Dad doch auch retten. Was war, wenn ich die zwei liebsten Menschen auf der Welt verlieren würde? Meinen Vater und ihn. Ich käme damit nicht klar. Eine Vorstellung wie diese war außerhalb meiner Grenzen.

Ich wusste, dass ich ihn mit glasigen Augen ansah und er sie bemerkte. Deshalb warf er mir einen schuldbewussten Blick zu, um so, um Verzeihung zu bitten.

Ohne dass ich darauf vorbereitet war, schlang er einen Arm um mich, zog mich zu sich und ich spürte wie seine eiskalten Lippen auf meiner Stirn landeten. Ein Schauer durchzog mich, aber nicht aus Angst, sondern aus Liebe. So wie alles in mir zu kribbeln begann, meine Füße festgewachsen am Boden standen und meine Augen immer größer wurden. Das Herz musste so laut schlagen wie nie zuvor, das hörte auch Jaiden. Meine Haut wurde sehr heiß und mein Blut pulsierte spürbar in den Adern. Dabei hatte ich nicht bemerkt, dass meine Atmung vollkommen gehemmt wurde. Ich geriet in eine Art Starre.

Als er von mir ließ und der Kuss noch danach zu spüren war, wanderte er hinunter zu meinem Ohr. »Ich verspreche es dir«, flüsterte er in einem so leisen und gefühlvollen Ton, dass ich zusammenzuckte. Im selben Moment war er auch verschwunden. Solch einer Schnelligkeit konnte ich nicht folgen.

Es dauerte noch einige Sekunden bis ich mich wieder gefasst hatte und ich endlich einen kräftigen Atemzug nahm. Meine Beine waren wie gelähmt, zu perplex, um sich zu rühren. Ich schluckte den dicken Kloß hinunter und fuhr sanft über die Stelle an meiner Stirn. Der eiskalte Kuss. Er fühlte sich dennoch warm an. Jetzt sah ich ihn eine ganze Woche nicht mehr und musste jeden Tag mit der Angst leben, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte.

 

20 - Eine Ewigkeit beginnt

Es vergingen schon zwei Tage in denen es nichts anderes außer Jaidens Zimmer und die Halle gab. Training, Essen und Schlafen. Ich machte diese drei Dinge zu meinem Tagesablauf. Er hatte sich nicht bei mir gemeldet in der ganzen Zeit, wie auch? Schließlich hatte er kurz bevor er verschwand mein Handy zerstört. Vielleicht war dies auch ein Teil seines Plans. Heute sollte Jaidens Freund eintreffen. Sein Name war Ethan Boldt. Er war ebenfalls ein Krieger gewesen und Kyla meinte, nach ihrer Meinung täte er das immer noch. Wenn er unterwegs war, trug er meistens Waffen und ähnliche Dinge mit sicher herum. Der Typ war lebensgefährlich.

Ich stand mit Kyla im Flur und wartete geduldig auf ihn. Ich wusste nicht, ob ich wegen seiner Art nervös war oder das einfach jemand Neues auftauchte. Meine Füße schafften es nicht ruhig stehen zu bleiben, sondern sie dribbelte lieber auf der Stelle und bewegten sich von A nach B. Schließlich seufzte ich.

Als die Tür aufging, trat ein Typ herein. Zuerst blickte ich auf seine hellblonden, fast weißen, nach hinten gekämmten Haare, die in seinem Nacken endeten. Dann kamen die dunkelgrauen Augen, die eher unheimlich wirkten. Seine Haut hatte dieselbe Farbe wie Jaidens. Auch wenn sie durch das helle Haar noch blasser wirkten, faszinierte mich der Anblick. Die Lichtstrahlen ließen den Marmor funkeln. Er war also ein Vampir. Zuletzt blickte ich auf die Kleidung. Tatsächlich sah er wie ein Undercoveragent aus. Oder jemand, der noch im Krieg lebte. Er trug stabile, dicke Stiefel, die dieselbe Farbe wie seine schwarze Jeans hatten. Sein Shirt war anthrazit. Sein Hemd hatte er an den Ärmeln hochgekrempelt und verlief ihm knapp über das Hinterteil. Bis hierhin sah er wie ein normaler Zivilbürger aus. Kyla hatte schon längst den Kopf geschüttelt und massierte sich bestürzt den Kopf. Mit der rechten Hand hielt er den Griff einer Schrotflinte und schlug diese über seine Schulter. Die Leute mussten doch von ihm weggerannt sein. Ich war mehr als baff.

»Kyla, Schätzchen, lange nicht gesehen. Kaum zu glauben dich in Maggon anzutreffen«, begrüßte er sie und setzte ein keckes Lächeln auf. Ich vermutete, dass sein Charakter eher der sorgenfreie, freche Typ war. So genommen, das Gegenteil von Jaiden.

Als Kyla ihn mit einem erzürnten Blick anschaute, wandte er sich an mich. Er zog eine Augenbraue hoch, bleckte die Zähne und ließ die Eckzähne seine Lippen berühren. Wieso empfand ich diese Situation als gefährlich? Womöglich weil er mich gerade als Essen betrachtete.

»Ah, du musst das Flämmchen sein!« Wie bitte? Flämmchen?

»Ein was?« Er streckte mir nur seine Hand entgegen und ich nahm sie an. Aber meine Mundwinkel verzogen sich ebenfalls zu einem frechen Grinsen. »Du musst mich verwechseln. Ich bin Jolina.«

Er lachte laut. »Hab ich das nicht gerade eben gesagt?«

Mach dich ja nicht unbeliebt, Ethan. Der erste Eindruck zählt immer.

Kyla schnappte sich seine Schrotflinte und entzog sie ihm rasch. »Ethan! Willst du die Leute draußen erschrecken? Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du etwa kleine Waffen mitnimmst, sodass man sie unter deinem Hemd verstecken kann oder du gehst ohne!«

Ethan hob kapitulierend die Hände. »Sorry, Kyla, geh doch nicht gleich in Flammen auf.«

Sie hob warnend den Finger. »Bloß fünf Tage, Ethan und dann bist du wieder in Istrien.«

Kyla schaute auf ihre Digitaluhr. »In fünfzehn Minuten ist Trainingsbeginn. Ich erwarte dich in der Halle, Jolina«, sagte Kyla freundlich und lächelte mich zum Schluss an, bevor sie verschwand. Nun standen nur noch Ethan und ich uns gegenüber.

»Training ist gut. Da schau ich dir zu, Flämmchen.«

»Jolina!«, korrigierte ich ihn knurrend.

Er zuckte bloß mit den Schultern und lief an mir vorbei. »Wie auch immer.« Anschließend verschwand er um die Ecke und ich entnahm oben aus Jaidens Zimmer meinen Rucksack.

Auf seinem Bett zu schlafen und am Schreibtisch für die Schule zu lernen, brachte mich keine Sekunde dazu, nicht an ihn zu denken. Er beherrschte meine Gedanken. Besonders kamen mir Sorgen hoch und ich vermisste ihn. Dass er sich nicht melden konnte, noch nicht einmal bei Kyla, brachte mich zum Kochen. Vielleicht war das auch besser so. Ich geriete nur in Panik, wenn etwas nicht nach Plan laufen würde. Außerdem war er nicht allein. Jedenfalls meinte er das.

In der Halle kam ich schließlich an und gesellte mich zu meiner Gruppe. Fine konnte ihre Augen nicht von Ethan lassen, der sich lässig auf den Block gesessen hatte, um uns besser im Auge behalten zu können. Ich hatte nicht wirklich das Gefühl einen Beschützer dazugewonnen zu haben, eher einen Quälgeist.

»Wir versuchen heute einige Übungen, um unseren Final näher zu kommen.«

Ich schüttelte missverstanden den Kopf. »Was ist das?«

»Es existiert nur bei Phynes. Durch ihre gespaltene Rasse ist es ihnen möglich individuell eine Fähigkeit zu erhalten, die sich aus den Genen ihrer Vorgänger und Rassen bildet. Es ist eine Fertigkeit, die jeden Phyne einzigartig macht.«

»Also, um es genau zu sagen. Ich habe etwas, was sonst nur ich habe?«

Sie nickte. »So in etwa. Es wird nur einmal auf dieser Welt eine Phyne geben, die halb Dämon, halb Magier ist und die ihr Final besitzen wird.«

»Hast du ein Bespiel, vielleicht?« Noch immer konnte ich es nicht verstehen. Was genau war ein Final?

Plötzlich sprang Ethan vom Block und stellte sich neben Kyla.

»Ihr wollt ein Beispiel? Kein Problem, Flämmchen. Hier kommt eins!« Was? Ich hatte geglaubt Ethan sei ein waschechter Vampir. Da hatte ich mich wohl getäuscht.

Er zeigte mit dem Finger auf Denzel und bat ihn zu sich zu kommen. Er zögerte ein wenig, aber nach wenigen Sekunden bewegte er sich auf Ethan zu.

»Gib mir deine Hand«, forderte er den Kleinen auf und ich schlich näher an die beiden heran. Meine Gruppe folgte mir unauffällig. Anscheinend war ich nicht die Einzige, die auf dem Schlauch stand.

»Untersteh dich ihm wehzutun!«, keifte Kyla und griff ihn an der Schulter. Von weitem sah ich wie fest sie zupackte, aber Ethans Gesichtszüge blieben gelassen.

»Wo denkst du hin? Seh ich aus wie ein Sadist?« Er klang leicht gereizt. Verständlich, Ethan wäre nicht der Typ für solch eine grausame Tat. Besonders nicht, wenn er mit jemanden gut befreundet war, den ich liebte. Denzel zitterte ein wenig und starrte Ethan mit einem Entsetzen an.

»Hör nicht auf die Flamme hinter mir. Feuer ist manchmal gefährlicher als Eis.«

Kyla knurrte laut.

Als es still wurde und Ethan anscheinend mit seinem Final begann, zuckte Denzels Bein und er zog schleunigst seine Hand weg. Was war denn passiert? Ich lief noch näher auf die beiden zu. Schließlich setzte ich mich neben Ethan, damit ich Denzel gut im Blick hatte.

»Ich habe gar nichts gesehen«, gab ich zu und da ergriff Ethan meine Hand. Ich entzog sie ihm schnell. »Moment! Was hast du vor?« Er grinste bloß und ergriff erneut meine Hand. Gespannt schaute ich darauf und wartete auf den richtigen Moment ab. Zuerst passierte nichts.

Aber nach wenigen Sekunden spürte ich in meinem kompletten Arm Taubheit. Er kribbelte leicht, als ob er eingeschlafen sei. Dabei empfand ich auch einen Hauch von Schmerz, der sich anfühlte wie das zu lange Stützen auf den Ellenbogen. So etwas hatte ich noch nie gespürt. Ein einzigartiges Gefühl.

»Das ist die sanfteste Stufe. Ich kann es so hoch drehen, dass die Schmerzen unerträglich sind. Außerdem kann ich jedes Körperteil einzeln ansteuern, auch den Kopf, wobei das Schäden davon tragen könnte.«

Ich nickte einverstanden und er zog bloß eine Augenbraue hoch. »Du möchtest, dass ich die Flamme lösche? Schätzchen, das könnte ich nicht und werde ich nicht. Ich bin hier um auf dich aufzupassen, nicht um mit dir zu experimentieren.«

Er ließ meine Hand los und blickte zu Kyla. »So, Flamme, ich habe deine Schüler am Leben gelassen. Kannst mir danken!« Der Sarkasmus war nicht zu überhören. Darauf verschwand Ethan und Kyla seufzte bedrückt. Wieso mochten die beiden sich eigentlich nicht? Lag das an den Genen?

Nach dem Training verschwanden alle, aber ich blieb noch bei Kyla. Gespannt warf sie mir einen Blick zu. Mich drängten einige Fragen über Ethan.

»Ethan ist also ein Phyne. Was ist seine andere Hälfte? Ich meine, Vampir und...«

Sie lächelte mich an. »...Basilisk«, beendete sie meinen Satz.

Ich nickte und schließlich erlaubte ich mir noch eine weitere Frage, die mich bedrückte.

»Wieso magst du Ethan nicht so wirklich?« In den letzten Wochen hatte ich zu Kyla ein ziemlich gutes Verhältnis aufgebaut. Auch wenn sie ziemlich jung zu sein schien, war sie trotzdem sehr weise und erfahren. Das ließ sie älter wirken und manchmal glaubte ich in ihr eine Mutter zu sehen. Wenn ich ihr ein wenig von meinem Leben erzählte – nur das Wesentliche, – glaubte ich ihr alles beichten zu können. Sie hatte immer einen guten Rat parat und meistens half mir dieser.

»Weißt du, Jolina, es gibt einfach Wesen die können sich von Natur aus nicht leiden. Das ist einfach so.« Okay, dafür hatte ich Verständnis. Trotzdem war das nicht die ganze Wahrheit, die sie mir erzählen wollte. Sie zögerte einfach zu lang und daran erkannte ich das Fehlende.

»Ist Ethan eigentlich älter als Jaiden?«

Sie nickte zustimmend. »Er lebt schon seit den Zwanzigern.«

Kylas Augen beobachteten all meine Züge, sie wusste, dass ich sie solange mit Fragen quälte, bis ich das erfuhr, was ich wissen wollte.

Aber ihre flehenden Blicke, meine Fragen zu unterlassen, führte dazu, dass ich nachgab.

»Bis Morgen dann, Kyla.«

 

Am Abend lag ich wie immer im Bett von Jaiden. Manchmal glaubte ich seinen Geruch einzuatmen, der mich an etwas Süßes und gleichzeitig Scharfes erinnerte. Ethan war direkt ein Zimmer nebenan. Er meinte, er würde schon vorher ahnen können, wenn etwas in der Luft liegen sollte. Jetzt verstand ich auch, was Kyla damit meinte, wieso er noch im Krieg war. Er trug ständig Waffen bei sich und marschierte, statt normal zu gehen. Sobald es ruhig zu werden schien, wurde er nervös und unpassende Geräusche waren für ihn ein Anzeichen einer Bedrohung. Jaiden hatte mir keinen Aufpasser oder Beschützer geschickt, sondern einen überführsorglichen Wachhund.

Trotz dieser Macken von Ethan war er ein netter Kerl. Den Spitznamen, den er mir gab, musste ich ihm irgendwie ausreden. Wie kam man denn auf den Namen Flämmchen? Kyla nannte er ebenfalls so. Nur eben Flamme. Mir wurde einmal gesagt, wenn sich jemand um einen Spitznamen Gedanken machte, musste man diese Person mögen. Julia nannte mich gerne Jojo oder einfach nur Jo. Mein Vater nannte mich auch sehr selten bei meinem Namen. Jaiden allerdings...

Ich schüttelte den Kopf. Vielleicht war ihm noch kein guter Spitzname eingefallen oder er mochte ihn so wie er war. Sogar die mir unbekannten, zwei Mädchen hatten mich Jojo genannt. Ich schüttelte ein zweites Mal meinen Kopf. So ein Quatsch! Ich konnte doch nicht die Menschen, die mich mochten, nach ihren Benennungen beurteilen. Das war mehr als lächerlich!

Bei all diesen Gedanken in meinem Kopf schlief ich unbewusst ein.

 

Am nächsten Morgen hatte ich zum ersten Mal keine Lust aufzustehen, geschweige denn zu trainieren. Ich wollte Jaiden sehen und mich vergewissern, dass es ihm gut ging. Noch vier Tage und ich würde ihn bald wiedersehen. Falls natürlich alles gut verlief. An solch einen Gedanken durfte ich mich in der nächsten Zeit nicht vergreifen, er würde mich bloß in den Wahnsinn treiben. Notgedrungen überkam mir die Idee, dass ich durch Kyla ihn versuchen könnte anzurufen. Vielleicht wüsste ich dann auch wie es meinem Dad ging. Wenn das Leben von zwei wichtigen Menschen auf dem Spiel stand, war mir jedes Mittel recht, um meine Sorgen zu lindern. Auch wenn Kyla dafür hinhalten musste. Sie würde mich bestimmt verstehen.

Schließlich klopfte es an der Tür. Von draußen ertönte Ethans Stimme. »Schätzchen! Aufstehen!«

Ich grummelte und gab eine gähnende Antwort. »Heute habe ich frei.«

Er lachte höhnisch. »Träum weiter!«

»Danke, mach ich!« Ein leises Kichern entglitt mir, als ich hörte das Ethan wütend knurrte.

»Nein! Ich meine, ... ach egal! Ich sag’s Kyla sonst.«

»Die versteht das bestimmt.«

Ein lauter Seufzer ertönte hinter der Tür und er klopfte erneut dagegen. Ich musste wieder kichern. Ethan war wirklich lustig, wenn er wütend wurde.

»Schätzchen, zwing mich nicht herein zukommen. Das könnte unangenehm werden.«

Harte Drohung. Aufgebend schwang ich mich aus dem Bett und zog mich schnell an. Mit einer hellblauen Bluse, einer schwarzen Röhrenjeans und den passenden Straßenschuhen dazu, begab ich mich auf den Flur. Ethan wartete schon geduldig.

»Zeig mir noch schnell wo die Küche ist. Ich war schon lange nicht mehr hier. Das letzte Mal absolvierten Jaiden und ich unsere Ausbildung in der Halle.«

Meine Mundwinkel sanken, als ich wieder daran denken musste, dass er nicht da war. »Weißt du, wie es ihm geht? Ich meine, ob er in Schwierigkeiten oder so steckt?« Ethan schaute mich musternd von der Seite an. Meine Sorgen waren mehr als deutlich.

»Hör mal, Flämmchen, Jaiden ist ein ausgezeichneter Kämpfer. Den wird niemand so schnell gefangen nehmen. Vor allen Dingen nicht, wenn er noch zwei andere seiner Freunde dabei hat. Deshalb sind wir beide auch Abteilungsleiter. Nur besteht meine Arbeit in Istrien.«

Ich versuchte mich dabei durch meine eigenen Fragen abzulenken und wollte nicht mehr an Jaiden denken, bevor er mich am Ende der Woche komplett in den Wahnsinn getrieben hatte. »Wie ist es so in Istrien? Ich meine, ich würde dort bestimmt frieren.«

»Kalt, dunkel und öde. Pierre tut rein gar nichts für die Stadt. Sie sieht noch immer so aus wie vor fünfhundert Jahren. Nur die Schäden vom Krieg wurden repariert. Allerdings gefällt mir dieser Anblick auch. Ich mag die Kälte. In Flames könnte ich nicht leben. Überall Sand, Wüste und Sonne.« Er schauderte sich. »Bleib in Maggon, Flämmchen. Hier ist es weder zu warm noch zu kalt, auch wenn das keine wirkliche Rolle spielt.«

Meine Augen schweiften zu ihm. »Doch. Im Winter kann ich meistens nicht nach draußen gehen, wenn Schnee liegt. Den ganzen Tag versuche ich mich in der Decke warm zu halten und werde oft krank.«

»Das ist ganz normal. Dämonen sind eben kälteempfindlich. Ich bin ja auch kein Sonnenschein. Auch wenn mein Basilisk hitzeabwehrend ist, kommt mir die Wärme immer noch nicht zu Gute.«

Eine Frage sprang in meinen Kopf. »Sag mal, Ethan, kannst du dich in eine Schlange verwandeln? Wie groß bist du dann? Ich habe gehört, die Größe eines Tieres kommt auf die Willenskraft,-« Er unterbrach mich um meinen Satz fortzuführen. Anscheinend hatte er ihn schon des Öfteren gehört. »-Mut und Weisheit. Das sind Gerüchte und Vermutungen, Schätzchen. Cassandra Pecelin ist in ihrer Dämonengestalt eine Göttin, wo hingegen Angela Sten, die Basiliskenregentin, eine Minischlange ist. Beide haben dieselben Stärken und doch unterschiedliche Größen.«

»Du hast Cassandra in ihrer vollwertigen Gestalt gesehen?«

Er nickte grinsend. »Eine tolle Frau.«

Ich zog misstrauisch eine Augenbraue nach oben. Könnte es denn sein...? Nein! Ethan doch nicht.

Wir kamen in der Küche an, Ethan verschwand zu Kyla und ich nahm mir mein Essen, um mich zwischen Denzel und Fine zu setzen. Beide begrüßten mich. Völlig beschämend schaute der Kleine mich von links an. Er zückte einen Glasbehälter neben sich hervor und stellte ihn zu mir.

»Ich bin ein bisschen arbeiten gegangen. Da gibt es so eine alte Dame, die hat mir ziemlich viel Geld gegeben, wenn ich ihr im Haushalt helfe. Pro Stunde bekam ich zehn GS.« Das war keine schlechte Bezahlung für einen Waisenjungen. Seit dem Krieg gab es auf der ganzen Welt auch nur eine Geldeinheit und die nannte sich Geldstück. Der Name sollte so einfach wie möglich sein.

»Denzel ... ich ...« Seine Augen wurden immer größer. Er bestand tatsächlich darauf, dass ich sein Gespartes behalte. Tatsächlich erkannte ich in seinem Gesicht einen echten Hundeblick, der mich schwach machte. Das Geld hatte ich ihm jedoch tatsächlich geschenkt. Er wäre ansonsten wohl umgebracht worden, wenn ich nicht gewesen wäre. »Das war ein Geschenk von mir.« Der Junge gab nicht nach. Er war wirklich dafür zu ehrlich. Also lächelte ich und wandte meine Augen zu dem Glas. Ich öffnete den Deckel und nahm so viele Scheine heraus, dass sie zusammen hundert ergaben. Anschließend legte ich ihm diese auf den Tisch.

»Sieh dies als Entschädigung, da ich das letzte Wettrennen gewonnen hatte.«

Er stieß seine Faust lachend gegen meine Hüfte. »Ich war an dem Tag bloß müde«, meinte er angeberisch und ich schob ihm die Scheine zu.

»Aber spar es dieses Mal.«

Er nickte, rutschte zu mir und schlang seine Arme um mich. Er hatte lächelnd die Augen geschlossen und legte sein Köpfchen an meinen Arm. »Danke, Jolina. Du bist voll in Ordnung.«

Ich konnte nicht anders als dem Kleinen über den Kopf zu streicheln. Es war schön von jemandem umarmt zu werden, der einen wirklich mochte. Mir fehlte diese Wärme und hier hatte ich das Gefühl eine richtige Familie zu haben. Fehlen tat nur mein Vater und Jaiden.

Der Tag verlief nicht anders als gestern. Trainieren, Essen, Schlafen. Ethan musste im Unterricht wieder den Besserwisser spielen und erzählte seine Kriegsgeschichten. Kyla hingegen setzte sich auf den Stuhl und ließ Ethan reden.

In der Halle wurden wieder Wettrennen veranstaltet, Übungen und Vorführungen. Im Fliegen wurde ich immer besser. Es fühlte sich so an, als könnte ich es schon mein ganzes Leben lang. Selbst Kyla hatte mir ihre wahre Gestalt gezeigt und die Flügel waren rot, als wären sie in Blut getränkt worden. Ihre dunkelbraunen Augen passten zu den roten Haaren, auch wenn sie sich die meiste Zeit in ihre dämonische Farbe färbten.

Am Abend wünschte mir Ethan eine gute Nacht und verschwand in sein Zimmer.

Umgezogen stieg ich mit einem lauten Seufzer in Jaidens Bett. Wie es wohl Jeffrey erging? Hoffentlich war die Regierung nicht hinter ihm her und er bekam keine Probleme. Gedankenversunken schlief ich auch irgendwann ein.

 

Nach insgesamt sechs langen Tagen des Wartens...

 

Gerade träumte ich von mir und Jaiden. Es handelte von seiner Rückkehr. Ihm ginge es gut und er hätte auch meinen Dad zurückgebracht. Aber schließlich war es nur ein Traum und das wusste ich zu gut.

Plötzlich ertönte etwas Schrilles in meinen Ohren. Eine Art Alarm. Schon wieder ein Traum? Rotes Licht drang unter meine Augenlider. Moment, das war echt! Ich erschrak aus meinem Schlaf, fuhr hoch und erblickte das blickende, rote Licht an der Decke. Woher kam das? Was war hier los? Was ist passiert?

 

21 - Unverhofft kommt oft

Wie perplex saß ich aufrecht im Bett und starrte zu dem Licht. Niemand warnte mich, es war zu still auf den Fluren. Kein Poltern, keine Schreie, nur Stille.

Als ich mich wieder gefasst hatte, stürmte ich zu meinen Kleidern und zog mir nur einen Morgenmantel über. Mit schnellen Schritten befand ich mich auf dem Flur und schoss in Ethans Zimmer. Er war nicht mehr da. Wie konnte er denn verschwinden?

Als ich in die anderen Zimmer blickte, um überhaupt irgendjemanden zu finden, fand ich jeden Raum leer vor. Ob jemand sie schon alle evakuiert hatte?

Schließlich entschied ich mich die Treppe hinunter zu sprinten. Dann spürte ich die steigende Hitze. Sie machte mir nichts aus, sondern wärmte mich. Feuer hatte das Gebäude erreicht. Jedoch war dies mit Sicherheit Absicht. Ob die Regierung dahinter steckte?

Die Flammen waren überall. Allerdings würden meine Kleider abbrennen, wenn ich hindurch lief. Also stand ich vor dem Feuer und versuchte durch dieses hindurch zu blicken. Ich erkannte niemanden. Ob es doch ein Traum war? Vor den Flammen hatte ich viel weniger Angst. Ich wusste, dass sie mir nichts anhaben konnten. Danken durfte ich dem Flammenwerfer, den Kyla damals auf mich gezielt hatte. Die Hitze war nun nichts anderes als meine Sonne. Sie wärmte mich.

»Hallo?«, rief ich schließlich aus meiner Verzweiflung, womöglich die Einzige hier zu sein. Es antwortete mir auch niemand. Auch wenn ich durch das Feuer hätte gehen können, entschied ich mich letztendlich wieder die Treppe hinauf zu steigen und über das Dach zu verschwinden. Bevor die Flammen den Boden meines Zimmer erreichten, zog ich mir schnell richtige Klamotten an, denn in einem Morgenmantel und Unterwäsche ließe sich schlecht klettern. Meinen gepackten Rucksack schwang ich auf meinen Rücken und kletterte aus dem Fenster. Selbst unten auf der Straße fand ich niemanden vor. Was zum Teufel war hier los? Wieso vermisste mich niemand? Warum waren die Straßen leer, obwohl es brannte? Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Mit meinen Straßenschuhen, einer kurzen Jeanshose, einem elastischen dunklen T-Shirt und Fahrradhandschuhen konnte ich viel besser greifen und mich bewegen. Damit meine Haare kein Hindernis waren, hatte ich sie zu einem Zopf nach oben gebunden. Ausgerüstet stieg ich auf einen Sims und lief zur nächsten Mauer. Dort zog ich mich auf eine Ebene hinauf und hatte den kompletten Überblick der Stadt. In den Gebäuden brannten einzelne Lichter und ich konnte auch Straßengeräusche und Sirenen hören. Es war also kein Traum.

Von weitem sah ich ein Blaulicht. Ob das die Feuerwehr war? Hoffentlich, denn das Feuer hatte sich bis zum dritten Stockwerk durchgebrannt. Meine Füße bestiegen die Dächer weiter nach oben, bis ich schließlich auf der anderen Seite wieder hinab kletterte. Dazu gebrauchte ich meine roten Augen und konnte so besser in der Dunkelheit sehen. Sie verliehen mir Schnelligkeit, wobei ich also rasch am Boden angelangte. Unter meinen Füßen war ein sandiger, dennoch betonfester Untergrund. Ich landete vor einem Altbau.

Durch mein hartes Training erleichterte es mir das Klettern und Bewegen. Doch dann wusste ich wieso niemand mehr hier war. Schnell versteckte ich mich gedrückt an der Wand unter einer Überdachung. Kopfgeldjäger und ihre Gefolgsleute hatten das Haus umzingelt. Sie waren wohl für das Feuer verantwortlich. Am Vordereingang hatten sie sich zurückgezogen, da dort die Feuerwehr eintreffen würde. Sie wollten nicht mit ihnen in einen Konflikt geraten. Langsam schleifte ich mich zur Ecke, um mir die umherstreifenden Personen anzuschauen. Sie schienen auf jemanden zu warten oder bewachten etwas. Jedenfalls liefen sie auf und ab, wie eine Patrouille auf Streife.

Ich hatte ihre Anzahl schnell gezählt gehabt. Fünfzehn Magier patrouillierten und schienen meine Anwesenheit noch nicht bemerkt zu haben. Ich spürte, dass sie eine Schutzmauer um sich gezogen hatten. Man konnte sie umgehen, oder besser gesagt, unbemerkt durch sie dringen. Ich versuchte ruhig zu bleiben und musste mir erstmals klar machen, warum sie genau hier waren, wenn niemand mehr im Haus war. Hoffentlich hatten sie keine Gefangenen.

Ich lehnte mich wieder zurück und atmete aufgeregt die Luft ein. Mein Herz klopfte zu laut. Es brauchte bloß ein Dämon oder ein Vampir unter ihnen zu sein und ich wäre aufgeschmissen. Aber wenn meine Vermutungen stimmten, dann könnten sie tatsächlich Gefangene bewachen und warteten nur darauf, dass jemand diese der Regierung auslieferte.

Noch ein letzter Atemzug, damit ich einen kühlen Kopf bewahrte. Dann duckte ich mich. Vorsichtig tastete ich mich nach vorne und als niemand hinsah, sprintete ich hinter eine halben Meter hohe Mauer. Jetzt hatte ich eine völlig andere Sicht. Drei Gefolgsleute bewachten eine bestimmte Tür. Der Rest des Hauses war dunkel. Über den Dächern sah ich das Feuer lodern. Mir blieb nicht viel Zeit. Angespannt zog ich meine Handschuhe stramm und versuchte den Schweiß an der Hose abzuwischen. Ich beobachtete sie noch eine Weile und schließlich brauchte ich ein Ablenkungsmanöver. Aber als Einzelkämpfer blieb mir nur ein Frontalangriff übrig. Woher sollte ich wissen, dass ich gegen all diese Magier eine Chance hatte? Die Barriere bedeutete doch schon eine Vorsichtsmaßnahme. Allerdings mussten sie glauben, dass niemand mehr im brennenden Haus sein würde. Jedenfalls gingen sie davon aus. Mein Vorteil wäre der Überraschungseffekt. Aber hatte ich tatsächlich gegen fünfzehn Magier ohne Kampferfahrung eine Chance?

Es vergingen weitere Minuten und meine Überlegungen fanden kein Ende. Wie könnte ich sie austricksen?

Ich ließ mich seufzend nach hinten fallen und stieß dabei gegen etwas Hartes. Erschrocken drehte ich mich zu dem Unbekannten um und fand eine Kiste vor. Neben ihr lag noch eine. Neugierig öffnete ich diese und fand ein kleines Lager an Waffen und Handgranaten vor. Das konnte nur von ihnen sein. Vorsichtig blickte ich zu den Magiern herüber. Neben den Wachen und positionierten Patrouillen standen ähnliche Kisten. Also rechneten sie mit einem Angriff?

Ich wollte nicht nach Waffen greifen, da diese zu laut waren und sie genau wussten, wo ich war. Lieber schaute ich mir die kleinen, runden Kugeln an. Ob das Granaten waren? Echte? Es war ein seltsames Gefühl diese gefährlichen Sachen in der Hand zu halten. Durch meinen überraschenden Wurf konnte niemand ahnen, woher er kam. Also entnahm ich eine kugelförmige Granate aus der Kiste. Mit meinem Daumen fuhr ich über die eigenartige Schicht. Sie war kalt und hart. Am Kopf verlief zunächst ein Hals, der einen roten Knopf beherbergte.

Mein Plan war wie folgt: Granate schmeißen, Chaos auslösen, angreifen und versuchen zur Tür zur dringen. Ich empfand es als seltsam so schnell einen Plan aufzustellen ohne vorher in Panik und Angst zu geraten. Woher hatte ich diesen Kampfinstinkt? Es war beinahe ein Gefühl, das ich zu oft gespürt hatte und nun eine Routine wurde.

Mein Daumen positionierte sich langsam auf dem roten Knopf. Warnend für ›bitte drücken‹. Ich atmete erneut durch den Mund und versuchte meine Anspannung zu lockern. Noch nie hatte ich zuvor solch eine gefährliche Waffe benutzt. Das Gefährlichste was ich jemals in Händen hielt, war das Schneidemesser in der Küche. Wie schnell eine Handgranate sich entzündete, wusste ich auch nicht, genau wie nur eine Theorie bestand, dass der rote Knopf der Auslöser war oder dieses runde, granatenähnliche Ding überhaupt den Zweck eines Sprengstoffes erfüllte. Schließlich umfassten all meine Finger die Kugel und ein letztes Mal nahm ich einen kräftigen Zug Sauerstoff, bevor ich versuchte regulär weiter zu atmen. Letztendlich schmiss ich die Kugel knappe zehn Meter von mir und ich zählte die Sekunden der Stille. Drei Sekunden und die Granate explodierte. Es war sehr laut. Instinktiv hob ich die Arme über meinen Kopf und drückte mich auf den sandigen Boden. Es ertönten Stimmen und die Barriere wurde tatsächlich aufgelöst. Die Magier suchten auf der gegenüberliegenden Seite nach dem Verursacher. Ich schnappte mir sofort eine zweite Granate, drückte den Knopf, zählte eine Sekunde und schmiss sie erst dann. Genau beim Aufkommen explodierte sie und Schreie, wie Warnrufen ertönten. Vorsichtig schaute ich über mein Hindernis und drei Magier lagen am Boden. Ihr Herz schlug noch.

Dieses Chaos nutzte ich aus, um aus meinem Versteck zu springen. Ich ließ meine Krallen erscheinen und stürmte zur Tür. Zwei von ihnen entdeckten mich sofort und murmelten ihre Sprüche. Noch bevor sie dazu kamen ihn völlig auszusprechen, schlug ich sie von hinten bewusstlos. Schockiert blieb ich stehen. Woher wusste ich, wie ich mich zu verhalten hatte? Schon wieder dieser Kämpferinstinkt. Als ob ich schon vorher viel gekämpft hätte und wüsste wie ich zu handeln hatte.

Ich durfte keine Zeit verlieren und trat die Tür ein. Es war dunkel im Raum, aber ich konnte dumpfe Stimmen vernehmen. An der Wand tastete ich nach einem Lichtschalter. Nach wenigen Sekunden fand ich ihn und ließ den Raum erhellen. Ich befand mich in einem Flur und vor mir war eine weitere Tür. Mit einem schnellen Sprint landete ich vor ihr. Die Stimmen kamen aus diesem Raum. Mein Herz pochte gegen den Hals und ließ Schweiß durch die Nervosität austreten. Die Finger umfassten den kühlen Metallgriff und ruckartig öffnete ich sie. In einer Abstellkammer entdeckte ich einige Waisenkinder vor. Sie schaute mich unverhofft an, als ob ein Erlöser vor ihnen stehen würde.

»Schnell raus hier!«, forderte ich sie auf, aber viele mussten sich an meinen Anblick gewöhnen. Sie hatten alle gedacht an die Regierung verfüttert zu werden. Schließlich bewegte sich der Erste und die restlichen Kinder folgten ihm. »Wartet vor der nächsten Tür.«

Da tauchte Denzel vor mir auf und schaute mich mit seinen gelben Werwolfsaugen an. »Ethan und Kyla wurden ausgeschaltet. Wir hatten alle solche Angst und steckten in der Barriere fest.«

Ich fuhr ihm beruhigend über den Kopf. »Schon gut. Versuche die anderen ruhig zu halten. Ich werde die beiden wieder auf die Beine bringen.«

Er nickte einverstanden und verschwand hinter mir. Ich entdeckte die Zwei am Boden liegen. Kyla war völlig weggetreten und Ethan schaute mich bloß mit unerwarteten Augen an. An seinem Hals entdeckte ich einen roten Fleck. Offensichtlich hatten sie ihm etwas in die Venen gespritzt. Kylas Aura war eiskalt. Ihr musste schleunigst geholfen werden, das spürte ich sofort.

»Jolina? Du ... wo warst du?«, stöhnte Ethan und ich kniete mich zu ihm herunter. Seine Augen versuchten eine Antwort in meinem Ausdruck zu finden.

»Ich war die ganze Zeit in meinem Zimmer. Ihr wart alle verschwunden.«

Er schüttelte verneinend den Kopf. »Du warst weg!«

»Egal, Ethan. Wo sind die anderen? Der Rest?«

Seine Augen schielten zu Kyla. Am Arm entdeckte ich Kampfspuren. Sie musste sich gewehrt haben, nachdem Ethan ausgeschaltet worden war.

Der Raum ähnelte einer mittelalterlichen Zelle. Steinige Mauern, kalte Pflastersteine als Untergrund und eine grobe, dicke Holztür.

»Der Rest konnte gerettet werden. Sie sind in einem anderen Gebäude, nicht weit von hier. Hast du den Köter getötet?«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Wen?«

»Den Werwolf. Der Kopfgeldjäger.« Er hustete und ich half ihm beim Aufsetzen. »Verfluchte Dreckskerle! Die haben mir so ein betäubendes Mittel in den Hals gespritzt. Ich brauche Stärkung. Den Hund erledige ich.«

»Ich habe leider kein Wasser mitgenommen.«

Er schüttelte den Kopf und wagte einen kurzen Blick zu meinem Handgelenk. »Nur ein kurzer Schluck.«

Alles in mir zuckte zusammen. War das sein Ernst? Ich biss auf meine Zähne und schob meinen Kiefer nervös auf und ab. Meine Finger kräuselten auf dem Boden.

»Ich weiß nicht, Ethan.« Mein Blick wanderte zu Kyla, die dringend Hilfe benötigte. Allein diese Tatsache trieb mich zu einer festen Entscheidung. Zögernd hielt ich ihn mein Handgelenk vor die Nase und er ergriff meine Finger.

Ich hatte keine Ahnung wie es sich anfühlte von einem Vampir gebissen zu werden. Schmerzte es sehr? Schließlich würden spitze Eckzähne ins Fleisch dringen und verursachten eine schlecht heilbare Bisswunde. Kyla erzählte mir einmal, das der Heilprozess bei Dämonen umso länger dauerte. Wahrscheinlich lang es an dem gleichen Prinzip wie bei einer Verbrennung. Aber wenn es das Leben von Kyla, Ethan und den Waisenkindern rettete, war ich bereit die Schmerzen durchzustehen.

»Bereit?«, fragte er und zögernd nickte ich. Zuerst berührten seine kalten Lippen meine Haut und schließlich konnte ich die spitzen Eckzähne spüren. Langsam, dennoch schmerzhaft drangen sie durch die Oberfläche und gerieten an mein Blut. In meinem Körper fühlte ich all die Bahnen, die nun zu meinem Gelenk hinflossen. Ethan nahm mehrmals einen kräftigen Schluck. Meine Adern kribbelten. Ich biss mir nervös auf die Lippe und konnte so den Schmerz besser unterdrücken.

Schließlich setzte er ab, wusch sich schnell das Blut weg und riss ein Stück Shirt von seiner Kleidung ab. »Binde es dir zu. Sonst wirst du weiter bluten. Ich habe ein bisschen zu fest zugebissen. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, Flämmchen.« Ethan war anscheinend wieder ganz der Alte. Er stand auf, fühlte sich anscheinend wie neugeboren und stürmte zur Tür. Die Waisenkinder kehrten zurück in den Raum und ließen Ethan seine Arbeit verrichten.

»Er geht ganz schön an die Sache ran«, meinte Denzel und starrte zur offenen Tür. Gleichzeitig bekam er die Schreie mit. Furchtbar was die Kinder schon in solch einem Alter miterleben mussten.

Ich rutschte mit meinen Knien zu Kyla und drehte sie auf den Rücken. Ihre Haut war so blass wie die eines Vampires. Scharfe Krallen hatten ihr Shirt am Bauch aufgerissen und hinterließen blutige Spuren. Wie konnte ich ihr helfen?

Als ich ihre Wunden nachprüfen wollte, fiel ein Tropfen von meinem Handgelenk auf die Kratzspur. Die zerschnittene Haut fügte sich, ohne Rückstände zu hinterlassen, zusammen. Allerdings blieb das Blut zurück. Schnell riss ich mir den Fetzen vom Gelenk und schmierte mein Blut auf die restliche Spur. Tatsächlich versiegte sie wieder und diese Prozedur wiederholte ich mit all den anderen Wunden. Zum Schluss band ich mir mein Handgelenk wieder zu.

Aber Kyla erwachte noch immer nicht. Vielleicht hatte ich stattdessen ihre Schmerzen gelindert. Durch Ethan und meine Heilung hatte ich viel Blut verloren. Das bemerkte ich jedoch erst beim raschen Aufstehen und geriet ins Wanken. Denzel und die anderen Kinder warfen mir einen besorgten Blick zu.

Ich ignorierte einfach meinen Zustand und lächelte. »Wie sieht’s draußen aus?«

»Ethan kämpft noch immer. Er scheint jedoch die Lage im Griff zu haben. Es wird Verstärkung eintreten.«

»Denzel, weißt du wo das andere Gebäude ist?«

Er nickte zögerlich und wusste gleich was ich von ihm verlangte. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und atmete tief durch. »Ich kann das nicht, Jolina.«

Ich lief zu ihm und umfasste sanft seine Schultern. »Es ist nicht weit, Denzel. Du schaffst das. Ich werde euch noch ein Stück begleiten.« Ich durchfuhr mit einem munteren Lächeln seine Haare.

Er nickte einverstanden und ich begleitete die kleine Gruppe nach draußen. Tatsächlich kämpfte Ethan auf dem, in der Nähe stehenden Parkplatz. Die Aura des Werwolfes spürte ich sofort. Solange er uns nicht bemerkte, konnten wir ungeschoren fliehen. Gerade als die ganze Gruppe hinter der nächsten Ecke verschwinden wollte, entdeckte uns der Werwolf. Sein erzürnter Blick fiel auf mich.

»Nein!«, rief er wütend. Die gelben, stechenden Augen durchbohrten mich. Mir war nun klar, dass er seine Richtung ändern würde. Statt auf den kampfbereiten Ethan loszugehen, richtete er seinen Körper zu mir. Denzel befand sich vor mir und ich schob ihn hinter mich. Aber der Werwolf war seltsamerweise schneller als ich.

Mir war nicht klar geworden, das durch den Blutmangel meine Kräfte fehlten und ich auch meine gute Sicht verlor. Nur seine Augen sagten mir seinen Standort in der Dunkelheit. Er kam immer näher und würde sich im nächsten Moment auf mich stürzen. Denzel ergriff meine Hand. Er zog an meinem Arm, um mich von hier wegbringen zu wollen, aber dafür war meine Reaktion zu langsam. Alles geschah in Zeitlupe und ich war die stillschweigende Statue darin. Nichts bewegte sich und kein Laut drang in mein Ohr.

Bereit den Stoß abzufangen, schloss ich meine Lider und versuchte noch instinktiv die freie Hand schützend vor mich zu halten. Doch dann konnte ich die Aura einen Meter weit vor mir spüren. Erst jetzt erklang Ethans Warnschrei in meinen Ohren. Wäre noch mehr Kraft übrig geblieben, könnte ich schneller reagieren und hätte somit meine Verteidigung besser verstärken können. Doch schließlich hob der Werwolf schon seine scharfen Pranken und sprang wie ein Tier, das nach seiner Beute fasste, auf mich zu.

Als ich mir schon den Schmerz innerlich vorgestellt hatte, passierte das Unmögliche. Eine kalte Aura zwängte sich zwischen uns und ein Knacksen ertönte in meinen Ohren. War das ein Genickbruch?

Meine Lider schlugen wieder auf und ich entdeckte zwei hellblaue Augen, die mich besorgt anschauten. Mein Blick fiel zu Denzel der sich erleichtert die Arme hinter den Kopf geschlungen hatte. Die unglaublich, kalte Aura kannte ich. All meine Sinne und Empfindungen hatten dieses Gefühl die letzte Woche vermisst.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich endgültig wieder gefasst hatte. Von Denzel schaute ich zu den blauen Augen zurück. Meine Sicht kehrte wieder zurück, da ich spürte, wie es innerlich wärmer wurde. Mein Feuer schien zu lodern und sogar meine Krallen wollten sich aus meinen Nägeln drücken.

Ich wusste nicht wieso, aber in diesem Moment zogen sich meine Mundwinkel nach oben. Stand tatsächlich Jaiden vor mir? Er war zurückgekehrt?

Erleichtert schlang ich meine Arme um ihn. Er umarmte mich ebenfalls, legte seinen Kopf auf meinen und hielt seine Hand an meinen Hinterkopf. Ich schob meine Arme zu seinen Schulterblättern, damit ich ihn noch fester an mich drücken konnte.

Erst jetzt stieg gleichzeitig Erleichterung und Freude in mir auf. Die Angst, die ich zuvor gespürt hatte, verschwand wie im Fluge und mein Bauch begann heftig zu kribbeln.

Ethan trat neben uns und wir ließen voneinander. Er klopfte Jaiden auf die Schulter und lachte amüsierend.

»Du musst mir auch echt immer die Show stehlen«, sagte er scherzend und blickte zum Gebäude herüber. »Bin gleich wieder da.«

»Geht’s dir gut, Jolina?«, fragte Jaiden besorgt und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Ich nickte und legte meine Haare hinter das Ohr.

Ethan trat mit Kyla auf den Armen wieder neben uns. »Lasst uns schnell einen Abgang von hier machen.«

Während des Weges betrachtete Jaiden verworrenen meinen Rucksack und zupfte daran. »Du hast ihn allen Ernstes mitgenommen?«

»Da sind wichtige Sachen drinnen.«

Er lachte bloß und nahm ihn mir, wie jedes Mal, ab. Schließlich trug er ihn selbst und grinste mich von der Seite an.

»Hast du meinen Vater gefunden?«

»Ihm geht es Bestens.« Ein leichtes Knurren lag in seiner Stimme. Das klang nicht sehr überzeugend, aber ich wollte ihn lieber später wieder darauf ansprechen. Wie immer hatte ich tausende Fragen für ihn parat.

 

22 - Eins nach dem anderen

Als wir im anderen Gebäude ankamen, fiel mir auf, dass es nicht anders war als das nun brennende Haus. Wahrscheinlich würde die Feuerwehr die Kopfgeldjäger finden, auch wenn es unter ihnen einen Toten gab.

Erst als ich in einem stillen Raum saß, realisierte ich eigentlich erst das Geschehen. Ich hatte die Kinder gerettet, Ethan auf die Beine geholfen und Kyla vor dem Tod bewahrt. Eigentlich sollte ich stolz auf mich sein, aber das konnte ich nicht. In meinem Kopf stauten sich zu viele Fragen, die sich wie ein Luftballon immer weiter aufbliesen. Die Schmerzen verschlimmerten nur noch alles.

Außerdem war ich hundemüde. Der Adrenalinschock hatte mir genügend Energie für eine Stunde gegeben. Danach fühlte ich mich erschöpft oder als ob mein Körper tagelang keinen Schlaf bekam.

Jaiden stand plötzlich neben mir und hielt mir ein Getränk hin. Ich nippte daran und ein bitterer, saurer Geschmack lag auf meiner Zunge. Meine Gesichtszüge verzerrten sich.

»Trink am besten alles. Es hilft gegen Müdigkeit und Schmerzen. Wir werden noch einige Minuten, vielleicht sogar noch eine Stunde hier sitzen bleiben müssen. Es muss erst geklärt werden welche Leute in welche Zimmer aufgeteilt werden.«

»Na, toll«, gab ich gähnend von mir und legte den weißen Becher auf den Boden. Meine Arme stützten den Kopf und die Finger versuchten notgedrungen meine Lider offen zu halten. Auch wenn ich selbst meine Hände nicht spürte.

Nach einiger Zeit merkte ich, dass ich statt fitter, immer müder wurde. Also sprang ich vom Stuhl auf und ging den kleinen Warteraum auf und ab. Um besser wachzubleiben schlug ich abwechselnd auf meine Wange.

»Wie lange noch, Jaiden?«

»Bis das Mittel wirkt?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, bis wir ein Zimmer bekommen.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Wir?«

Ich räusperte mich, versuchte meine Röte, die in mein Gesicht schießen wollte, zu unterdrücken und atmete langsam aus. »Ich meine, du und ich, also-« Er begann zu lachen und unterbrach mich. »Schon klar.« Nervös biss ich mir auf die Lippe und versuchte die Peinlichkeit zu verdrängen.

»Nimm doch noch einen Schluck. Dann wirst du schon sehen wie es dir besser gehen wird.«

»Ich trau dem Zeug nicht«, kicherte ich und warf einen Blick zum Becher. Schließlich wurden auch meine Beine taub und gezwungenermaßen musste ich mich setzen. Aber mein Hinterteil hatte es nicht bis zum Stuhl geschafft und nun saß ich angelehnt an der Wand auf dem Boden gegenüber von Jaiden.

Meine Reaktionsfähigkeit war noch langsamer geworden. Daher konnte ich nicht einmal erahnen, dass Jaiden sich blitzschnell neben mich gesetzt hatte. Grinsend blickte er zu mir hinunter, aber mein Kopf war zu schwer. Er fiel schnell auf seine Schulter und meine Lider schlugen zu.

»Ich bin so froh, dass du wieder da bist, Jaiden«, rutschte es mir aus meinem Mund. Jetzt fing ich auch noch an dummes Zeug zu faseln. Der Abend konnte wahrscheinlich peinlicher werden, als ich anfangs gedacht hatte.

Trotzdem war ich froh seine Nähe zu spüren, wieder bei ihm zu sein und endlich mir keine Sorgen mehr machen zu müssen. Ich suchte seine Wärme, umschlang deshalb seinen Arm - worüber ich mich vermutlich gewundert hätte, wenn mir noch die dazu benötigte Kraft geblieben wäre. Ich seufzte zufrieden.

Egal welche Unannehmlichkeiten noch passierten, in diesem sehr zähen, trägen Moment sollte es mir gleichgültig sein. Schließlich spürte ich seine Finger an meinen Hals. Er betrachtete seine Kette, die ich mir beim Durchwühlen seines Zimmers, spontan um den Hals gehangen hatte. Ein wirkliches Schmuckstück war es nicht. Damals im Krieg trugen die Soldaten und Krieger Erkennungsmarken. Eigentlich waren es immer zwei, aber hier hing nur eine Einzige dran. Es war eine silberne, rechteckige Scheibe, die an den Enden abgerundet war. Eingraviert war sein Name, Jaiden Lemont, geboren dritter April 1972, die Adresse und sogar seine Rasse. Die Kette selbst war aus vielen, kleinen Kugeln zu einem Band gefertigt worden. Sie gab mir das Gefühl das Jaiden da war und deshalb trug ich sie heimlich. Sie fiel mir vor zwei Tagen in einer Schmuckschatulle auf. Bestimmt musste er denken, ich hätte jede kleinste Ecke durchwühlt, obwohl der Fund reiner Zufall war. Die Erkennungsmarke wollte dass ich sie fand.

»Hübsche Kette«, flüsterte er und ließ sie wieder zurück aufs Shirt fallen. Ich lächelte bloß unschuldig und er zog mich sanft zu sich näher heran. Mit seinen Armen umschlang er meinen Oberkörper und die Beine. Dabei zog er mich zu sich auf den Schoß. Wenn meine Kraft und all die Sinne noch aktiv wären, würde ich ihm vermutlich einen unverhofften Blick zuwerfen, aber ich genoss den Moment. Seine kalten Finger strichen mir Strähnen aus dem Gesicht und hielten mich danach fest. Mein Kopf befand sich genau auf seiner Schulter. Selbst für einen erneuten, zufriedenen Seufzer hatte ich keine Energie mehr. Bald darauf, als es mir besser zu gehen schien, als ich je gedacht hätte, schlief ich ein.

 

Am nächsten Morgen lag mein Körper auf einem weichen Untergrund. Bis zu meinen Beinen wurde eine Decke übergezogen, ein Kissen bettete meinen Kopf und neben mir lag offensichtlich eine Person.

Ich konnte mir denken, wer dieser jemand sein musste und allein schon die kalte Aura bestätigte meine Vermutung. Jaiden lag mit dem Rücken zu mir gedreht auf dem Bett. Ich lächelte kurz, wollte ihn jedoch nicht beim Schlafen stören. Es könnte auch sein, das er wieder nur so tat. So wie das letzte Mal. Aber ich stieg sicherheitshalber aus dem Bett und lief zu meinem Rucksack.

Der Raum sah nicht anders aus wie Jaidens Zimmer und deshalb hatte ich schon längst vergessen, was gestern eigentlich losgewesen war. Es kam mir wie ein Traum vor.

Bevor ich jedoch beschloss duschen zu gehen, wollte ich wissen, ob sich hier solch eine Möglichkeit überhaupt ergab. Leise verließ ich das Zimmer und  begab mich auf den Flur. Die komplette Innenausstattung des Hauses ähnelte dem nun abgebrannten Gebäude sehr. Als ich jedoch mit dem Blick auf die Decke gerichtet weiterlief, stolperte ich über etwas Weiches und stürzte zu Boden. Meine Knie schmerzten kurz und ein Aufschrei entglitt mir. Schlagartig schaute ich hinter mich und entdeckte Ethan schnarchend auf der Matratze liegend. Als ich den Gang weiter nachschaute, entdeckte ich nicht nur eine Matratze. Gleich auf der Nächsten schlief ein kleines Mädchen. Anscheinend hatte ich wohl Glück gehabt. Auch wenn ich mit dem kleinen Mädchen lieber getauscht hätte. Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand jüngeres wie das Mädchen die unangenehmere Methode wählen muss. Aber wie hätte ich dies entscheiden können, wenn ich gestern in Jaidens Armen eingeschlafen war.

Schließlich entschied ich mich um die Hindernisse herumzulaufen und nach einigen Kurven und Türen wurde das Suchen beendet. Die Duschräume befanden sich an derselben Stelle wie im anderen Gebäude. Niemand belegte den Raum. Diese Gelegenheit nutzte ich aus, schnappte mir meine Sachen im Zimmer und kehrte zurück.

Das warme, spritzende Wasser tat auf der Haut sehr gut. Gestern roch ich noch nach Schweiß und Dreck. Aber ich war nicht die Einzige die eine harte Nacht durchmachen musste.

Nach der erfrischenden Dusche lief ich zur Küche hinunter. Schliefen alle noch? Der Raum war vollkommen leer.

Da erklangen aus dem nächsten Raum Schritte. Kyla kam vom Esszimmer in die Küche gelaufen und begrüßte mich munter.

»Dir geht es schon wieder besser?«, fragte ich erleichtert.

Sie nickte eifrig. »Mich kriegt keiner so leicht unter.«

»Schlafen alle anderen noch?«

»Jolina, die meisten von ihnen hatten sich vor drei Stunden erst hingelegt. Jaiden war der letzte der zu Bett ging. Er bestand darauf zuerst den Kindern Matratzen zu besorgen.«

Heimlich schielte ich zu meiner Armbanduhr. Wir hatten gerade mal halb zwölf. Dann schlief Jaiden tatsächlich. Gut, das ich leise gewesen war. Er hätte mich auch ruhig auf eine Matratze legen können und dafür ein Kind zu sich nehmen sollen. Die Kinder mussten so spät zu Bett gehen, wo ich inzwischen schon im Tiefschlaf war. Das war mir sehr unangenehm.

»Hier!«, sagte sie und legte ein Handy auf die Theke. »Er wird in wenigen Sekunden anrufen.« Auf dieses Stichwort klingelte das Telefon in einem schrillen Ton. Schluckend hob ich ab.

»Jolina?«, fragte eine besorgte, bekannte Stimme. Mein Vater. Kyla verschwand.

»Dad? Geht es dir gut? Was war passiert? Haben sie dir was angetan? Du hast dich überhaupt nicht gemeldet, weißt du-«

»Jolina!«, schrie mein Vater ins Telefon. Er klang leicht gereizt, aber beherrscht. »Ich habe jetzt keine Zeit für Erklärungen. Ich bin nicht mehr in Maggon. Gestern war ich es noch, aber jetzt musste ich wieder weg. Es tut mir wirklich leid, Kleines, aber ich bin an einer sehr wichtigen Sache dran. Ich sitze gerade im Flugzeug auf dem Weg nach Flames. Mach dir bitte keine Sorgen mehr und schicke nicht mehr deine Freunde. Sie dürfen sich hierbei nicht einmischen. Bis dann!«

Dann legte er auf. Ohne ein weiteres Wort. Schon während des Gespräches veränderten sich meine Gesichtszüge. Zuerst waren sie wütend, dann schockiert. Er verschwand schon wieder. Was war mit unserer Wohnung? Konnte man wieder dorthin zurückkehren? Und welche Angelegenheiten meinte er? Kam Jaiden denn umsonst? Was wurde hier gespielt? Wieso ausgerechnet Flames? Der Morgen fing gut an. Er übersäte mich praktisch mit Fragen.

Mit einem enttäuschten Seufzer verließ ich die Küche. Mir war der Appetit vergangen. Das Handy hatte ich auf die Theke zurückgelegt. In mir staute sich eine unglaubliche Wut. Mein Körper sehnte sich nach Energie und ich hatte den Drang nach etwas zu schlagen.

Bevor es endgültig ausartete, suchte ich einen Ort und fand glücklicherweise den Fitnessraum. Dort tobte ich mich an einem Boxsack aus. Ich brauchte keine Fäuste. Mit roten Augen verletzte ich mich nicht und konnte kräftiger zuschlagen.

Es dauerte eine gute Stunde bis ich mich wieder beruhigt hatte und ließ mich auf einer Bank nieder. Dabei wusch ich den Schweiß von meiner Stirn und legte meinen Kopf in die Hände. Ihm konnte es nicht gut gehen. Allein diese Hektik und das er meinte, dass es sehr wichtig war. Er hatte nicht einmal gefragt wie es mir ging. Wahrscheinlich wurde er noch nebenbei bewacht. Wieso sagte er mir einfach nicht was los war? Vertraute er denn seiner eigenen Tochter nicht mehr? Ob Jaiden wusste was hier vor sich ging? Diese Frage hob ich mir für später auf, denn eine Dusche täte gut.

Nach zwei Stunden meiner Zeit stand ich erneut unter dem warmen Wasser. Ich fühlte mich auf irgendeine Weise hilflos. Mein Vater schien mich zu ignorieren, gestern brannte das Gebäude ab und beinahe wäre ich von einem Werwolf getötet worden. Außerdem rettete ich die anderen.

Es vergingen weitere zwei Stunden und alle schliefen noch immer. Es war sehr langweilig, wenn niemand mit einem sprach oder mir etwas zu tun gab. Kyla wurde anscheinend vom Erdboden verschluckt und wie es den Zufall traf, stand ich endgültig allein in der Küche.

Nach einer kleinen Mahlzeit - ein einzelner Apfel – schlich ich in Jaidens Zimmer und fand ihn in derselben Position, wie vor wenigen Stunden, vor. Er schien tatsächlich tief zu schlafen.

Leise setzte ich mich an den Schreibtisch und versuchte ein wenig für die Schule zu lernen. In zwei Tagen war Wochenende. Nächste Woche wollte ich wieder in die Schule gehen, sofern er mir es erlaubte. Schließlich hatte ich nun viel gelernt. Fine brachte mir immer ihre Unterlagen. Auch wenn sie nicht in meiner Klasse war, erfüllten sie trotzdem ihren Zweck. Womöglich hing ich doch nicht so sehr hinterher.

Auch hierbei vergingen weitere Stunden. Wenigstens hatte ich eine Beschäftigung. Mathe war dabei am Schwersten. Danach kam Zauberkunst. Es gab neue, unwichtige Sprüche zu lernen.

Plötzlich spürte ich die kalte Aura um mich und Jaiden schaute auf mein geschriebenes Blatt. Erst als meine Augen über mein Werk fuhren, realisierte ich, was ich getan hatte. Aus purer Langeweile hatte ich zwischendurch in einer schönen verschnörkelten Schrift ›Ich liebe dich‹ geschrieben. Mein Glück war, das ich keinen Namen dabei schrieb. Ich hätte noch mit der Ausrede kommen könne, das ich auf eine andere Art und Weise meinen Vater meinte, aber diese Worte waren jedoch mehr als nur an einen Verwandten gerichtet. Bevor ich reagieren konnte, riss Jaiden mein Werk vom Tisch und verschwand damit in den hinteren Raum. Er ging auf Sicherheitsabstand.

»Oh Gott, bitte nicht...«, entglitt es verzweifelt aus meinem Mund. Ich konnte es nicht fassen! Eine Blamage nach der anderen und dann ständig wenn Jaiden da war. Ob er ahnen konnte, wen ich meinte? Wen, außer ihn, sah ich am Öftesten in den letzten Tagen? Da konnte nur ein einziger Kerl in Frage kommen. Am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen. Ihm dem Zettel aus der Hand zu reißen, brachte nichts, denn er hatte es ja schon gelesen. Trotzdem verstand ich nicht genau, warum er ihn so intensiv betrachtete. In seinem Gesicht erkannte ich keinen Ausdruck, bloß, das er auf das Blatt starrte.

»Jaiden, könnte ich meine Notizen wieder haben?«, fragte ich genervt - von mir selbst.

»Brauchst du es noch?« Was sollte denn diese Aussage schon wieder? Dieser Kerl sprach manchmal in solchen Rätseln, das mir selbst ein Lösungswort nicht helfen könnte.

»Willst du das behalten?« Schockiert blickte ich ihn an.

»Ja, gerne. Du kannst schön malen.«

Am liebsten wäre ich zur Seite gekippt, aber ich hielt mich auf zwei Beinen. »Ist das deine einzige Erkenntnis?«

Er blickte zu  mir und grinste frech. »Ja. Ich mag es. Also, kann ich?«

Ich seufzte und setzte mich wieder an den Schreibtisch. »Wenn du willst.«

Jaiden hatte es tatsächlich sorgsam zusammengefaltet und in sein Kästchen getan, in dem ich auch die Hundemarke fand. Ob dort all seine Wertsachen lagen? Ich meine, die Sachen, die ihm wirklich wichtig waren. Für so bedeutsam empfand er dieses Stück Papier? War das nicht etwas übertrieben? Hatte das etwas zu bedeuten? Für mich, vielleicht?

Ich schüttelte nur den Kopf und machte mich weiter an den neuen Stoff der Schule.

Als Jaiden aus der Tür lief, musste ich lächeln. Irgendwie war ich auch sehr froh, dass er den Zettel las. Vielleicht konnte er sich endlich denken wie ich empfand. Auch wenn ich die momentane Entwicklung für nicht wirklich gut hieße. Schließlich war mehr als nur meine Liebe mit ihm auf dem Spielbrett. Dazu gehörten, als höchste Spielfigur, die Regierung und anschließend mein Vater, der mir offensichtlich noch immer einiges verheimlichte.

Nach wenigen Minuten kehrte er wieder, frisch geduscht und anscheinend satt, zurück . Neugierig betrachtete ich ihn.

»Gab es etwas zu essen?«, fragte ich hungrig.

»Ja. Kyla hatte gekocht. Die Kinder haben auch schon gegessen und sind wieder auf den Beinen. Sie sind in den Nachmittagsunterricht verschwunden.«

»Ich muss auch wieder zur Schule«, gab ich seufzend zu und senkte meinen Kopf. Julia war bestimmt furchtbar sauer, da ich mich zwei Wochen lang nicht mehr meldete. Wie sollte ich auch? Jaiden hatte mein Handy geschrottet.

»Hast du schon mit deinem Vater telefoniert?«

Ich zog wütend meine Augenbrauen zusammen und ballte die Fäuste. »Ja, habe ich.«

»Hat er dir etwas erzählt?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Gut. Dann sind wir schon zwei.«

Fassungslos blickte ich zum ihm hoch. »Das heißt, du hattest ihn gefunden und wusstest nicht was los war?«

Jaiden schüttelte den Kopf. »Nein. Er verschwieg es mir genauso. Aber ich hatte es nicht anders erwartet. Er erkannte, dass ich ein Phyne war. Deshalb misstraute er mir umso mehr. Er bat mich zu gehen und dir auszurichten, dass du dich dabei heraushalten sollst.«

»Das hörte ich am Telefon ebenfalls.«

»Er hat wohl Probleme, die nur er allein erledigen kann. In der Politik habe ich wenig Macht, Jolina.«

Verständlich nickte ich und setzte sich hinunter auf das Bett. Dabei fiel mein Körper mit einem erschöpften Laut auf die weiche Matratze. Die Lider schlossen sich für einen kurzen Moment, als sie beim Aufschlagen Jaidens Eisaugen entdeckten. Erschrocken zuckte ich zusammen.

»Das muss aufhören«, gab ich befehlend von mir.

»Was?«

Er legte sich seitlich neben mich, stützte dabei seinen Kopf mit der linken Hand ab und wir starrten schon wieder einander an. Aber ich liebte es.

»Dein plötzliches Auftauchen. Du bist nicht lauter als eine fallende Feder.«

»Danke«, grinste er.

Ich seufzte. »Das sollte kein Kompliment sein!«

Er lachte laut. Seine Augen fielen zu meiner Kette, die ich noch immer an mir trug.

»Warum die ... Hundemarke?«, fragte er verwirrt.

»Ist meine!«

Seine Finger umschlangen das Stück Silber und er zog sie mir aus. Dann betrachtete er sie, als ob sie ihm zum ersten Mal auffiel.

»Ich habe sie im Krieg auch immer bei mir getragen. Den zweiten Anhänger hatte ich im Kampf verloren.«

»Jetzt brauchst du sie ja nicht mehr und ich kann sie ja haben«, beschloss ich und riss sie wieder an mich, um sie mir erneut um den Hals zu hängen.

»Und warum ausgerechnet meine Kette?«

Schwere Frage. Nein, unfaire Frage! Wie sollte ich darauf antworten? Mit der Wahrheit rückte ich nicht heraus und das wusste er. Also stellte ich lieber eine Gegenfrage.

»Wieso hast du mein Blatt in dein Kästchen gesteckt? Wie ich gemerkt habe, verstaust du dort sehr wichtige Sachen.«

Er zwinkerte mir zu. »Gutes Argument. Aber darauf gebe ich keine Antwort.«

Ich zog meine Augenbrauen zusammen und lächelte dennoch. »Schön, ich auch nicht.«

Kurz herrschte Stille, aber nach wenigen Sekunden mussten wir beide lachen. Ich wusste nicht, wieso wir das taten, vermutlich, weil wir uns etwas Bestimmtes sagen wollten, aber niemand mit der Sprache herausrückte.

Als das Starren wiedereintrat und jeder dem anderen in die Augen sah, spürte ich wie die Hitze aus all meinen Poren schoss. Jaidens Lächeln zog sich immer weiter nach oben.

»Ganz schön warum hier«, bemerkte er und wieder stieg mir Röte ins Gesicht. Ich schüttelte dennoch einfach nur den Kopf und richtete meine Augen auf sein Gesicht. Ich wollte es so gerne mal anfassen. Da ich mich nun mit Jaiden besser denn je verstand, versuchte ich es mal mit einer Frage.

»Warum darf ich dein Gesicht nicht berühren? Zerbricht es dann?«, grinste ich zum Schluss.

Er schüttelte lachend den Kopf. »Du darfst schon, du hättest einfach nur nett fragen brauchen.«

»Ach so ist das.« Ich setzte mich auf und rückte zu ihm näher. »Darf ich mal deine Haut betatschen?« Das letzte Wort war beabsichtigt ausgewählt. Es sollte ihn ein wenig ärgern.

Er kicherte dabei. »Sehr dezent ausgedrückt.« Ich zuckte mit den Schultern. »Aber ja, du darfst.«

»Ich bekomme aber keinen Frostbrand, oder?« Ich hatte schon meine Hand gehoben und es machte mich nervös ihn bei Bewusstsein zu berühren. Als er damals geschlafen hatte, schauten keine hellblauen Augen zu, niemand beobachtete mich dabei. Mein Herz schlug höher, was er sicher hörte. Ich schluckte und merkte, dass sich ein Kloß in meinen Hals schleichen wollte. Dabei trocknete einfach nur alles aus. Ich atmete mehr Sauerstoff denn je ein.

Schließlich kam ich so weit, wie ich es damals tat. Kurz bevor ich seine Haut berühren konnte, drang Kälte zu mir. Wie der Dunst eines Eiswürfels.

»Aber ich verbrenne dich nicht, oder? Ich meine, klar tue ich das nicht ... mir ... ist nur ein bisschen warm. Ich bin nervös.« Er zog eine Augenbraue hoch, setzte sich ebenfalls auf und griff nach meiner Hand. Schweigend bewegte er sie auf sein Gesicht zu, bis meine Haut seine berührte. Sie war noch kälter als an den Händen. Mein Atem stockte. Außer der Kälte war sie weich und spiegelglatt. Wenn ich meinen Finger sanft über die Haut strich, spürte ich keine Unreinheiten. Es fühlte sich wie eine frisch geschliffene Fliese an. Sie war keinesfalls rau, sondern weich und blank. Es war mehr als faszinierend.

»Wow, ... hatte ich mir gar nicht so vorgestellt.« Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht. Am liebsten wollte ich ihn nie wieder loslassen. »Ist das immer so?«

Er nickte bestimmt. »Wenn du einen echten Vampir berühren würdest, klebten vermutlich deine Finger an ihm.«

Meine Augenbrauen schossen in die Höhe. »Im Ernst?« Er nickte. »Wie soll ich denn gegen solch jemanden ankämpfen, den ich nicht einmal berühren kann, ohne dass ich mir selbst Schmerzen zufüge?«

»Gar nicht.«

»Also, am besten schreiend wegrennen?«

Er lachte kurz auf. »Ja, so in etwa.«

Als wieder Stille einkehrte, genoss ich den Moment, das unsere Augen einander ansahen. Es war viel intensiver wie vorher, meine Hand lag noch immer auf seiner Wange. Ich bemerkte wie Seine sich von Meiner löste. Meine Augen suchten nach einem erkennbaren Ausdruck in seinem Gesicht. Von seinen Augen wurde ich wie immer in seinen Bann gezogen. Er hypnotisierte mich, als ob er es mit Absicht tat und plötzlich kamen wir uns unbewusst immer näher. Es fühlte sich wie ein Magnet an von dem ich weder noch loskam, geschweige denn, mich überhaupt von ihm lösen wollte. Die Kälte drang wie ein Luftzug in mein Gesicht, machte mir jedoch nichts aus. Im Gegenteil, sie kühlte mich. Als unsere Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren, rutschte ich mit meiner Hand hinter sein Genick, damit dieser Moment festgehalten werden konnte. Mein Herz musste so laut schlagen, das Jaiden es sich nicht anders denken konnte. Er wusste was ich für ihn empfand. Das sollte er auch. Schließlich lebte ich schon viel zu lange mit der Erkenntnis, dass ich ihn liebte. In diesem Moment hätten normalerweise die Hitzemelder angehen müssen, aber durch die Kälte von Jaiden wurde diese Peinlichkeit verhindert. Auch wenn kein Feuermelder über meinem Kopf hing, geschweige denn, sich im Zimmer befand. Tatsächlich konnte man sagen, dass Gegenteile sich anzogen. Jaiden war mehr als ein Magnet, eine Droge, die ich täglich brauchte, meine zweite Hälfte des Lebens, ohne die meine Existenz keine Bedeutung mehr hatte, eine Liebe, die nur er mir geben konnte.

Dann geschah das, worauf ich so lange gewartet hatte. Unsere Lippen berührten einander. Genüsslich schloss ich meine Augen. Er presste die Lippen sanft auf Meine, zuerst zögerlich, dann ganz. Sie waren so unglaublich kalt. Meine Haut musste über fünfzig Grad warm sein. Ein wenig beunruhigte mich das Gefühl ihm vielleicht doch unbeabsichtigt wehzutun. Aber nachdem auch er den Kuss gespürte hatte, schlang er seine Arme um meinen Körper. Er zog mich zu sich, sodass ich keine Wahl hatte, als seinen kompletten Nacken zu umschlingen. Seine Hände verschränkte er am unteren Bereich des Rückens, damit ich mit einem sicheren Halt am Bettrand auf ihm sitzen konnte. Meine Arme überkreuzten sich hinter seinem Kopf. Unsere Lippen waren wie ein inniges Band, das man nicht mehr voneinander losreißen konnte. Nach jeder Bewegung wollte ich immer mehr. Schließlich konnte ich ganz zart, kaum hörbar seinen Herzschlag hören. Er war schnell, fast genauso aufgeregt wie meiner. All meine Poren schienen die Kälte einzusaugen, damit sie meine Hitze unter Kontrolle halten konnten. Vermutlich wäre jeder andere Nichtvampir, in diesem Moment verbrannt. Die Feuermelder damals hatten dem Jungen seine Lippen gerettet. Wenn er mich tatsächlich berührt hätte, wäre seine Haut verbrannt gewesen. Jaiden konnte sich nicht verbrennen, meine Lippen musste für ihn eine Art Wärme darbieten. Zumindest glaubte ich das. So konnte ich lernen meine Hitze besser unter Kontrolle zu halten. Wenigstens hatte ich noch nicht die Gradzahl erreicht, die ihn wie damals tatsächlich verbrennen könnte. Sonderte er eigentlich mehr Kälte oder Wärme ab, wenn er aufgeregt war? Bis jetzt hatte ich bei seiner Wut immer in einer kälter werdenden Umgebung gestanden.

Unsere Lippen lösten sich kurz voneinander, damit wir beide Luft nehmen konnten. Ich zumindest. Er merkte, dass ich die ganze Zeit über keinen Atemzug genommen hatte, weswegen sich auch meine Brust beschleunigt hob und senkte. Er legte sich mit dem Rücken aufs Bett. Als sich mein Atem beruhigt hatte, stieg ich von seinem Schoß und kuschelte mich zu ihm. Wir schwiegen einander. Vermutlich verarbeiteten wir gerade das Geschehene. Ich fand es traumhaft schön. Auch wenn ich zugeben musste, das es mein erster richtiger Kuss war, da ansonsten all die anderen Jungs wegen mir verbrannt wären. Für Jaiden schien ich keine Gefahr zu sein und das beruhigte mich. Ich fühlte mich sehr wohl im Moment. Es tat gut mit dem Kopf auf seiner Brust zu liegen, meine Augen zu schließen und heimlich zu schmunzeln. Aber nun quälte mich die Stille und ich traute mich nicht überhaupt etwas zu sagen. Aber mit einem kräftigen Atemzug und meinem Mut beschloss ich doch meinen Mund aufzumachen.

»Seit wann wusstest du es? Ich meine, dass ich Gefühle für dich hegte. Oder bist du einfach ein Risiko eingegangen?«

Seine Brust hob sich. »Als du das erste Mal versucht hast meine Wange zu berühren. Dein Herzschlag war so laut und deutlich, dass es nicht zu überhören war.«

Ich erhob mich schlagartig und blickte zu ihm nach unten. »Solange schon? Aber wieso hast du denn nie etwas gesagt. Ich meine, ich war bis vor kurzem noch immer nicht sicher.«

»Du meinst bei mir?« Ich nickte zögernd. »Schon seit ich dich das erste Mal gesehen hatte.«

»Im Ernst?«, fragte ich und wollte lächeln, konnte aber nicht. »Aber du kanntest mich doch gar nicht.«

»Doch. So etwas weiß man. Es ist eine Art Prägung oder Liebe auf den ersten Blick. Du kannst es nennen wie du willst.«

Ich legte mich wieder zu ihm, stützte dennoch meinen Kopf durch meinen Arm. »Ist das ein Vampirinstinkt?«

Er nickte. »Es funktioniert nur nicht bei jedem. Manche Vampire sind auch dazu bestimmt sich nie mit einer Frau binden zu können. Er ist gezwungen ein einsames Leben zu führen.«

Ich senkte meine Augenlider. »Das ist ja traurig.«

»Ja. Aber dies gilt nur Vampiren. Die anderen Rassen haben damit nichts zu tun.«

Mein Atem ging nun wieder regelmäßig. Mein Herz wurde ruhiger. Das Gespräch mit ihm ließ mein Herz im üblichen Rhythmus schlagen.

Mit einem Grinsen blickte ich ihn wieder an. »Okay, zurück zu unserer Frage zu kommen. Wieso liegt mein Bild in deinem Kästchen?«

Er schmunzelte. »Vielleicht werde ich ja mal berühmt mit dem Bild.« Ich schlug ihm sanft gegen den Arm. »Okay, okay«, lachte er und legte sich ebenfalls in dieselbe Position wie ich. Er schaute zu mir hinunter. »In diesem Kästchen bewahre ich die wichtigsten Dinge in meinem Leben auf. Sachen, die mich verändert hatten, wie der Krieg, der Tod meiner Mutter und das Leben als Phyne. Damals, noch bevor wir uns kannten, musste ich jeden Tag mit der Angst leben. Seit ich dich sah, verflog dieses Gefühl.«

»Wieso?«, fragte ich neugierig.

Seine Lider blickten kurz nach unten und er fixierten anschließend meine Augen. »Ich hatte das Bedürfnis dich beschützen zu wollen und das setzte mir ein Ziel ins Leben, wodurch ich keine Angst mehr hatte.«

»Ich fürchte mich auch nicht mehr.« Mein Lächeln verwirkte für einen Moment. »Aber ich sorgte mich in der Zeit als du nach Oceanbreakers geflogen bist. Es gab keinen Tag an dem ich nicht an dich gedacht hätte.«

Er zog seine Augenbraune zusammen, rückte näher und drückte seine kalten Lippen erneut auf meine. Mein Bauch kribbelte heftig.

»Ich lass dich nicht mehr allein.«

»Okay, ich will auch immer bei dir bleiben.«

Mit diesen Worten legten wir uns wieder aufs Bett und ich schmiegte mich an ihn. Dieses Gefühl wollte ich nie wieder in meinem Leben verlieren. Er war nun ein Teil von mir.

 

23 - Veränderung

Ich fühlte mich glücklicher denn je. Nicht nur weil Jaiden und ich uns näher gekommen waren, sondern auch weil Kyla mich in eine höhere Gruppe nahm. Dazu gehörte auch Fine und Steven.

Wir hatten drei besondere Stärken. Ich war die schnellste der Gruppe, flink und beinahe im Wettrennen überragend. Steven war ein echter Flugexperte. Wenn ich ihm zusah, wie er durch die Lüfte glitt, meinte man, man würde versuchen einem Blitz zu folgen. Fine war einzigartig im Wasser. Kyla war der Meinung, dass sie einen Meermenschen, wie sie, noch nie zuvor gesehen hätte. Ihre Schnelligkeit und Beweglichkeit unter Wasser wäre hervorragend.

Da der Westflügel jedoch sehr unterbesetzt war, was Frauen anging, landeten Fine und ich in einer reinen Männermannschaft. Das Beste daran war mein Trainer.

»Ich darf euch die drei neuen Mitschüler vorstellen. Steven, Fine und Jolina«, stellte Jaiden uns vor und hatte sich gerade auf einen Springbock gesessen. Wir grinsten uns beide an. Er wandte den Blick jedoch schnell ab und untersuchte seine Gruppe. »Die restlichen vier der Gruppe sind Ethan, Leon, Robin und Cailan.«

Ja, es war unglaublich. Ethan durfte bleiben. Aus einem mir unerklärlichen Grund wollte er um jeden Preis dieses Gebäude nicht verlassen. Als ich ihn fragte antwortete er bloß mit dem Satz: »Dann gibt es mehr Spaß.« Ich könnte nun verschiedene Dinge hineininterpretieren, aber ich beließ es lieber und war mit dieser Entscheidung einverstanden. Kyla eher weniger, sie versuchte Ethan so gut es ging aus dem Weg zu gehen.

Jaiden sprang vom Bock hinunter. »Okay, Leon beginnt mit der Vorstellung.«

Ein zierlicher, schüchtern wirkender Junge trat aus der Gruppe und drehte sich zu uns um. Nervös spielte er mit seinen Finger und hielt diese verschränkt vor sich.

»Name, Alter, Rasse und eventuell warum du hier bist«, fügte Jaiden noch hinzu.

Der Junge räusperte sich. Er schüttelte immer seinen Kopf zu derselben Seite, vermutlich damit seine Haare immer perfekt saßen. Sie waren stufig, lang und verliefen bis zu seinem Ohr. Sein Pony grenzte an seinen Augenbrauen. Die hellblauen Augen stachen hervor durch das blonde Haar. Anscheinend war er hier der Jüngste. Er erinnerte mich an Fines Auftreten.

»Tja, mein Name ist Leon, ich bin siebzehn Jahre alt und halb Harpyie, halb Meermensch.« Ich bemerkte wie angespannt Fine neben mir wurde. »Ich bin hierher geschickt worden, weil sie mich in Oceanbreakers suchen.«

»Danke, Leon.« Jaiden blickte zu dem Kerl mit den zusammengebunden, braunen Haaren. Ich konnte schon direkt ahnen, dass er ein Werwolf sein musste. Sein Gesicht passte einfach dazu. Die kastanienbraunen Augen, die fletschenden Zähne und der wilde Ausdruck in seinen Augen.

»Robin. Neunzehn. Halb Werwolf, halb Basilisk. Hatte das gleiche Problem wie Leon. Die Stadt hat mich verscheucht. Noumoon, um es genau zu treffen.« Noumoon, die Stadt der Werwölfe. Der Regent ist dort Vincent Coule. Schräger Typ, meiner Meinung.

»Okay«, zog Jaiden das Wort in die Länge, als ob ihm seine Vorstellung seltsam vorkam. Beinahe wie ein wildes Tier, das schon ganz heiß auf eine Jagd war. »Cailan.«

Ich konnte sie spüren, die extreme Hitze. Ein Dämon. Es war eindeutig. Ich warf ihm einen misstrauischen Blick zu als er über die Schulter zu mir schaute. Dabei gab er ein bösartiges Grinsen von sich, das beinahe unheimlich wirkte.

»Okay, erst einmal ein Hallo an die Neulinge. Das Training wird für euch zuerst ziemlich hart sein, aber ihr gewöhnt euch dran. Um es kurz und knapp zu machen, hier hat noch keiner gegen mich ein Wettrennen gewonnen.«

»Cailan! Bleib beim Thema und überheb dich nicht gleich!«, fauchte Jaiden und funkelte ihn warnend an.

Der Dämon hob die Arme entschuldigend. Dabei klatschte er in die Hände, um deutlich zu machen, das er von neu begann. »Sorry! Also, mein Name ist Cailan. Ich bin zwanzig Jahre alt und halb Dämon, halb Drache.« Seine Augen fixierten sich an mir. Ich konnte sehen, dass er sich darauf freute ein Wettrennen gegen mich zu gewinnen. Er liebte die Herausforderung. »Wie die anderen zwei schon berichtet hatten, bin ich aus Flames verbannt worden.«

Das schwarze, einheitlich kurze Haare schien durch seine feurige Aura beinahe in Flammen zu stehen. Die dunkelbraunen Augen, glühten ab und zu rot auf. Seine farbige, gut durchblutete Haut, machte sein Aussehen noch dämonischer.

»Danke, Cailan. Jetzt kommen die Neulinge.«

»Was ist mit Ethan?«, fragte ich neugierig. Daraufhin antwortete er mir persönlich. »Mich kennt doch jeder, Flämmchen.« Dabei zwinkerte er mir grinsend zu.

Fine begann sich vorstellen, nannte dabei ihren Namen, das Alter, ihre Rasse und das sie hier als Waise lebte. Leon schaute sie beschämend an. Er setzte ein kleines, unerkennbares Lächeln auf. Anscheinend freute er sich darüber jemand seiner Art gefunden zu haben.

Steven tat ihr gleich und schließlich kam ich zum Schluss. Als ich der Gruppe den Rücken kehren musste, wurde ich nervös. Zwar kannte ich den Rest nun, aber trotzdem hasste ich es im Mittelpunkt von etwas zu stehen. Wenn alle Augen nur auf ein Ziel gerichtet waren und man in die Gesichter all dieser Leute blicken musste. Ein Schauder glitt meinen Rücken hinunter.

»Mein Name ist Jolina Anderson. Ich bin achtzehn Jahre alt und halb Dämon-« Das Wort betonte ich beabsichtigt. Meine Augen richteten sich zu Cailan, der mich bösartig anfunkelte, sodass ich mich gleich zurück zu Jaiden wandte. »-halb Magier. Ich bin erst seit wenigen Wochen hier und wohne in Maggon.«

»Keine Waise?«, fragte Robin neugierig. Ich schüttelte den Kopf. »Also hast du Mutter und Vater?« Wieder verneinte ich und korrigierte ihn. »Nur meinen Vater.« Er grübelte nach. »Anderson ... Richard Anderson?«

Jaiden beendete sofort das Thema. Er wollte das Gespräch vermeiden. »Wir fangen am besten gleich an.«

Als ich Jaiden nachlaufen wollte, stellte sich Cailan mir in den Weg. Die Gruppe ging weiter, bemerkte jedoch schnell, dass wir beiden uns in die Augen starrten. Cailan wirkte eher bedrohlich. Ich hingegen versuchte unschuldig dazustehen.

»Zuerst will ich ein Wettrennen mit der Kleinen hier!«

»Ist das jetzt dein Ernst, Cailan?«, seufzte Jaiden und packte ihn an der Schulter. »Hör doch mal auf ständig andere zu einem Rennen aufzufordern.«

»Gegen einen Magier-Dämon bin ich aber noch nicht angetreten.«

»Später!«, verwarnte Jaiden ihn und zog mich schützend zur Seite. Cailan knurrte daraufhin nur und trottete uns verärgert nach. Jaiden und ich wollten unsere, ... naja, wir konnten es noch nicht Beziehung nennen. Aber das Empfingen für einander, wollten wir am Anfang geheim halten. Deshalb taten wir nur auf gute Freunde, auch wenn wir die Augen nicht voneinander lassen konnten. Ethan hatte zuvor einige Andeutungen gemacht und Kyla wusste es schon. Sie behielt das Geheimnis aber für sich.

Das Training war tatsächlich härter. Wir mussten neunzig Runden um die Halle laufen. Das waren gute fünf Runden in der normalen Geschwindigkeit. Während diesem Lauf merkte ich, dass Cailan sich ständig mit mir messen wollte. Er versuchte mich zu provozieren, mit zwar harmlosen Worten, aber irgendwann wurden sie härter. Trotzdem blockte ich alles ab, bis er aufgab.

Die Halle war genauso wie die alte. Ich fand mich allgemein im Haus sehr gut zurecht. Einige mussten beim Wiederaufbau helfen. Die Stadt übernahm die Kosten, da das Waisenhaus eine staatliche Angelegenheit war. Auch wenn sie nicht wussten, das über die Hälfte darunter nur Phynes waren.

Vorher hatte ich noch nie geschwitzt, aber nun tat ich es. Es war wirklich anstrengend, besonders als wir anfingen Gewichte zu heben oder Würfe mit zehn Kilo Bällen zu trainieren. Jaiden spornte mich am meisten an. Das machte er absichtlich. Ich wusste dennoch, dass er es gut meinte.

Schließlich fiel ich am Abend frisch geduscht und erschöpft ins Bett. Die Wärme des Wassers hatte den Schmerz meiner Muskeln für kurze Zeit betäubt.

Jaiden trat ins Zimmer und verabschiedete sich gerade von Ethan, der direkt neben uns schlief. Er schloss die Tür und begann aufzulachen. »War es so schlimm?«

»Schlimm ist gar kein Ausdruck.«

Jaiden begab sich zu seinem Kleiderschrank und zog sein Shirt aus. Die Narbe funkelte sofort im hellen Licht auf und neugierig erhob ich mich. Eigentlich hatte ich vorgehabt vorsichtig hinzugehen, aber durch das Training waren meine Beine noch immer aktiv und im Bruchteil einer Sekunde, stand ich hinter ihm. Er zuckte kurz zusammen, währenddessen er in seinem Schrank wühlte.

»Fängst du jetzt so an wie ich?«, fragte er kichernd.

Ich schüttelte den Kopf und fuhr vorsichtig, ohne seine Haut zu berühren die Linie der Narbe entlang. In der Oberfläche war eine eindeutige Kerbung. Man konnte deutlich erkennen, dass die Narbe von etwas sehr Scharfem stammte. Wie schmerzhaft es gewesen sein musste, als die dämonische Kralle ins Fleisch schnitt. Ein Schauer durchlief meinen Rücken und ich zog die Hand wieder zurück.

»Interessant, oder?«, fragte er schließlich und riss mich dabei aus meinen Gedanken. Was jedoch gut war. Denn gerade rief ich mir im Kopf hervor, wie es passierte.

»Nein. Wenn ich sie ansehe, kann ich deinen Schmerz nachvollziehen. Wieso ging ausgerechnet diese Verletzung nicht weg?«

Seine Arme hörten abrupt auf sich zu bewegen und glitten langsam aus dem Schrank. Wahrscheinlich rief ich seine Erinnerungen wieder hervor.

»Weil ich in diesem Moment schon halbtot war. Sie hätte mich endgültig getötet, wenn nicht jemand eingeschritten wäre« erklärte er und drehte sich zu mir um. Seine weiße Marmorhaut funkelte in einem wunderschönen Glanz. Meine Finger schrien förmlich nach einer Berührung. Aber ich riss mich zusammen und hob meinen Kopf zu ihm.

»Ich traue mich gar nicht sie zu berühren, selbst, wenn ich dürfte. Aber denk jetzt nicht, dass ich sie ... hässlich finde.« Am liebsten hätte ich noch hinzugefügt: Eher im Gegenteil, sie passt zu dir. Aber diese Aussage hätte negativ oder auch positiv ausgehen können. Aber nach seinem niedergeschmetterten Ausdruck zu urteilen, hatte ich schon die falschen Wörter benutzt.

Er nahm ein T-Shirt und zog es sich über, eher er den Schrank wieder schloss und zum Bett ging. »Ich will nicht mehr darüber reden, Jolina«, gab er seufzend von sich. Nach seinem Ton zu urteilen klang er traurig und genervt. Eine Mischung aus beidem.

Ich ballte wütend meine Fäuste. Toll gemacht, Jolina! Meine Zähne verankerten sich nervös in meiner Unterlippe. Meine Arme verschränkten sich vor der Brust und ich sah ihm nach wie er sich ins Bett legte. Seit wir beide uns geküsst hatten, stieg er nur noch mit Boxershorts unter die Decke. Mir machte es nichts aus. Jungs waren in der Beziehung nicht anders als Mädels, die gerne in Unterwäsche schliefen.

»Es tut mir leid, wenn ich etwas Falsches gesagt habe. Ich meinte es nicht so.« Sein Oberkörper erhob sich und wir blickten uns innig an. Es verlief eine Weile so, bis er schließlich den Blick senkte und mich ins Bett wank.

»Deine Beine zittern schon. Leg dich endlich hin.« Eigentlich begannen sie zu beben seit ich sie wieder zum Bewegen brachte. Die Ermüdung war wirklich schmerzhaft. Meine Muskeln wollten noch immer aktiv bleiben, wie eine unerschöpfliche Maschine.

Schließlich kroch ich zu ihm ins Bett und bevor ich mich an ihn schmiegte, schaute ich ihn wieder an. Dieses Mal ernst.

»Es tut mir wirklich leid, Jaiden.«

Er lächelte knapp und zog mich ohne Vorwarnung an sich. Ich spürte, dass ich eine weitere Narbe aufgerissen hatte, aber dieses Mal im Inneren. Mir wurde bewusst, dass die neun Jahre Jaidens Leben komplett verändert haben mussten. Vielleicht war er vor dem Krieg anders gewesen. Manchmal glaubte ich, er wäre nur eine traurige, zerbrechliche Seele, die kein Ziel vor Augen sah. Ich mochte es nicht, wenn er Trübsal blies.

»Da gibt es nichts zu entschuldigen. Ich hasse einfach diese Narbe. Sie lässt mich immer daran erinnern, was ich einst sah.«

»Und was war das?«

Er atmete angespannt aus, sodass seine Luft gegen meinen Kopf stieß. »Tod und Verderben. Leid und Hunger.«

»Aber dafür konntest du doch nichts. Mein Vater hat auch gekämpft. Jeder musste in den Krieg ziehen.«

»Und was hat es hinterlassen?«, fragte er und wusste, dass ich die Antwort erahnte. Narben.

»Okay, eins zu null für dich.«

Er kicherte  leise. »Nein. Eins zu eins.« Ich zog eine Augenbraue hoch. Was meinte er denn damit? Er ahnte meine Verwirrung und sprach weiter. »Du bist gerade dabei meine Narben zu heilen.«

Ein kleines Lächeln schlich sich in mein Gesicht. Das freute mich. Wenigstens etwas, das ich gut konnte. Es wäre auch schön, wenn dieser Heilprozess nie aufhören würde. Vielleicht wäre er dann der alte Jaiden, der für mich wiederrum neu sein könnte.

»Schlaf gut«, sagte ich und schloss meine Lider. »Du auch.«

 

Am nächsten Morgen wachte ich noch immer in Jaidens Armen auf. Die Nacht mussten meine Muskeln wie ein schwerer Stein gewesen sein, der sich von niemandem bewegen ließ.

Leise und vorsichtig wollte ich mich von ihm befreien, aber er hatte längst die Augen geöffnet und grinste mich an. Wieso war er immer zuerst wach? Besaß er eine innere Uhr oder war er einfach nur ein Frühaufsteher?

»Morgen«, sagte er und ich drehte meinen Körper zu ihm.

»Guten Morgen, du Frühaufsteher«, fuhr ich ihn scherzend an.

»Du musst eben früher ins Bett.«

Mit einem knappen Lächeln beließ ich es bei seiner Aussage und ließ meinen Kopf ins Kissen fallen.

»Heute habe ich gar kein Training«, bemerkte ich leise und wusste nicht wie ich den heutigen Tage verbringen sollte. Nervös spielte ich an meinen Fingernägeln und schielte mit den Augen zu ihnen.

»Kyla und ich gehen heute mit den Kindern ins Nimmerland. Sie hatten sich schon das ganze Wochenende darauf gefreut«, sagte er. Das war eine indirekte Einladung. »Wir bräuchten dabei einen dritten Aufpasser.«

Ich begann wieder unschuldig zu tun, als ob ich seine Anspielung nicht bemerkt hätte. »Ethan hat bestimmt Zeit.«

Jaiden warf mir einen verdutzten Blick zu und schüttelte dann den Kopf. »Ich kenne da jemanden, der ist perfekt geeignet.«

Meine Augen huschten zu ihm hoch. »Wer könnte das bloß sein?« Ich musste lachen. »Heißt das wir müssen dann auch mit den Kindern auf Karussells oder so etwas?«

Er grinste und stieg aus dem Bett. »Womöglich. Aber wir haben nur zwölf bis vierzehn Jährige dabei. Das heißt, es könnte auch mal spannend werden.«

»Gut, ich bin dabei. Wann geht es los?«

Sein Blick fiel zum Wecker neben mir. Wir hatten halb zehn. »In einer halben Stunde.«

Erschrocken sprang ich aus dem Bett. »Was? Ich muss noch duschen und einige Sachen packen. Ich meine, wie lange bleiben wir denn da?«

Er setzte eine belustigende Mimik aus, als ob ihm meine Panik wegen der mangelnden Zeit gefiele. »Den lieben, langen Tag.«

»Im Ernst jetzt!«

»Das ist mein Ernst.«

Ich war schneller in der Dusche als Jaiden nach mir schauen konnte. Die Haare wusch ich nicht und band sie mir zu einem Pferdeschwanz zusammen. Tatsächlich hatte ich noch ganze fünfzehn Minuten. Sogar mein Rucksack war schon längst gepackt. Für die Kinder nahm ich auch etwas zu essen mit.

Als Jaiden seine Sachen packte, beobachtete ich ihn und er schien sich bei allem viel Zeit zu lassen. Dabei ging er sorgsam an sein Vorhaben heran. Bevor er eine Angelegenheit beenden wollte, vergewisserte er sich, ob auch alles erledigt wurde. Dann wagte er sich an die nächste Sache. Ich hätte mir selbst Zeit lassen sollen, dann wäre ich vermutlich sogar pünktlich gewesen.

Durch Julia, meinen Vater und all meine Freunde an der Schule putzte ich mich meistens heraus, als ob ich weggehen wollte. Es war ein ansteckender Trend zu dem man einfach gehören musste. Seit ich Jaiden kannte, bemerkte ich, dass ihm all diese Sachen völlig gleichgültig waren. Beinahe schämte ich mich für mein früheres, kitschiges Verhalten. Schon erkannte ich die Veränderung in mir. Vielleicht war es die Angst oder mein Gefühle für Jaiden. Eines von beiden lenkte mich in die richtige Richtung.

»So, fertig«, verkündete Jaiden und riss mich dabei aus meinen Gedanken. »Lass uns hinunter gehen.«

Auf dem Flur kam uns gerade Ethan entgegen. »Bis nächste Woche, Leute!« Wir drehten uns beide verwirrt zu ihm um. »Ihr seht aus als wolltet ihr verreisen«, lächelte er.

»Ach, du willst uns helfen? Gerne!«, lachte Jaiden.

Ethan blockte ab und hob seine Hände abwehrend. »Ne, Kyla will mich nicht dabei haben.«

Er verschwand in sein Zimmer. Ob ihm das etwas ausmachte, das Kyla Ethan hasste? Noch immer wollte ich wissen, wieso sich zwei Wesen derart verachten konnten. Da lag mehr im Spiel. Vielleicht wusste Jaiden etwas darüber. Aber das hob ich mir für einen späteren Zeitpunkt auf, wenn wir beide allein waren.

Unten warteten all die Kinder und Denzel nahm mich in die Arme. »Schade, das ihr Drei nicht mehr ins unserer Gruppe seid«, sagte er nebenbei und grinste mich an. Denzel könnte schon beinahe mein kleiner Bruder sein, den ich nie hatte.

»Du wolltest Ethan nicht mitnehmen?«, fragte Jaiden Kyla und sie zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen, bevor sie etwas gereizt reagierte. »Guten Morgen, Jaiden. Ja, mir geht es gut. Danke der Nachfrage! Und nein, ich will nicht, dass diese Schlange mitkommt.« Sie richtete ihren Blick zum Ausgang. »Es ist schon schlimm genug, das ich ihn jeden Tag ansehen muss.«

Daraufhin seufzte er nur und die Kinder folgten Kyla. Ich warf ihm einen entgeisterten Blick zu.

»Das sieht nach keiner guten Laune aus.«

»Sie ist schon so, seit Ethan beschlossen hatte hier zu bleiben. Ich weiß nicht was durch ihren Kopf geht, aber die beiden scheinen alte Wunden aufzureißen«, erklärte er, währenddessen er ihr nachschaute.

»Das heißt, die beiden waren nicht immer so?« Jaiden schüttelte den Kopf und lief der Menge nach. Ich hatte es gewusst! Die beiden verbindet etwas viel Tieferes. Die Wahrheit rückte näher.

Im Nimmerland stürmten die Kinder wie eine Horde losgelassener Tiere in den Park. Er war sehr schön mit viel Natur dekoriert. Ab und an standen einige Imbiss-Stände oder Restaurants am Rand, sodass die Leute etwas essen und trinken konnten. In der Mitte des Parks waren einige Achterbahnen, Karussells und andere Dinge von denen ich als kleines Kind immer geträumt hatte. Allerdings hatte mein Vater hierfür nie richtig Zeit gefunden. Jetzt hatte ich das Gefühl einem Traum nachzujagen, den ich nicht mehr brauchte.

Bevor wir uns alle auf eine Bank setzen wollten, die abgelegen im großen Park stand, sagte Kyla kurz: »Ich geh nach den Kindern sehen.« Was war denn nun? Ich hätte es gemerkt, wenn sie mich und Jaiden allein lassen wollte. Aber dieser Satz hatte eher bedeutet, dass sie keine Pärchen ertragen konnte, da sie auf eine mir undefinierbare Weise eifersüchtig klang. Aber dieser Frage konnte ich vielleicht mit Jaiden auf den Grund gehen.

Als Kyla außer Reichweite war, setzte ich mich näher zu Jaiden. »Hast du das gerade mitbekommen?« Er blickte mit mir zusammen zu Kyla, die gerade hinter einem Busch verschwand. »Sie klang so, als ob sie trauriger darüber wäre, dass wir glücklich sind. Verstehst du was ich meine?«

Er nickte. »Ich weiß auch den Grund.«

Mein Kopf drehte sich schlagartig zu ihm und gespannt klammerte ich mich an seinen Arm, als er sich lässig zurücklehnte. Er hob eine Augenbraue in die Höhe. »Jolina, ich muss schweigen.«

Meine Mundwinkel senkten sich. »Ich würde es ja niemanden verraten. Außerdem kenne ich doch Kyla und Ethan auch ganz gut.«

Er setzte für einen Gegenargument an. »Wie kommst du denn auf-« Er seufzte. Seine Augen blickten in die Ferne. »Du weißt ja schon mehr als ich gedacht hatte.« Mein Lächeln erhob sich wieder. »Dann kannst du es dir ja denken«, fügte er noch hinzu.

»Gut. Ich nenne dir mal meine Theorie. Ich glaube die beiden lieben sich, können aber nicht zusammen sein, weil Kyla Ethan verbrennt und das regt die beiden auf. Also blieb ihnen nichts anderes übrig als sich zu hassen. Meiner Meinung nach könnte man das doch anders regeln.«

»Kerpolan hat Kyla schon eingenommen. Das hätte ihr Leben beinahe gekostet. Sie reagierte allergisch darauf.« Kerpolan war ein Medikament, das dafür sorgte, dass die unbewusste Nutzung der eigenen Fähigkeiten gelähmt wird. Kyla könnte ihn nicht mehr verbrennen und würde beispielsweise bei einem Wutanfall auch nicht in Flammen aufgehen. Das Medikament gerät direkt in die Blutbahn und wenn eine Allergie bestand, konnte ich verstehen, das Kyla beinahe umgekommen wäre. Ob das der Grund für ihren Streit war? Wenn ich mich und Jaiden dort hineininterpretieren würde, wäre ich vermutlich sauer auf mich selbst und hätte es an ihm unbeabsichtigt ausgelassen. Ich wäre traurig und wütend zugleich, da es mit unserer Beziehung nicht funktionieren würde, so wie wir es wollten. Jaiden würde vermutlich nur kontern und ein Streit bräche aus.

Jetzt klang alles logisch und mir ging es besser, da ich die Wahrheit kannte. Dennoch fühlte ich Mitleid für die beiden. Wir furchtbar es sein musste, nicht einander berühren zu dürfen. Gerade dieses Gefühl zog mich in eine unvorstellbare Leidenschaft. Zum ersten Mal war ich dankbar eine Phyne zu sein, sodass Jaiden und ich die Möglichkeiten hatten einander zu berühren ohne Verletzungen davon zu tragen. Aber was musste es für eine Hürde sein jemanden zu lieben und ihn nicht berühren zu dürfen? Ein unvorstellbares Gefühl.

»Jetzt weißt du es ja«, seufzte er und war enttäuscht doch nicht schweigen zu können, obwohl ich mir alles von selbst zusammen gewürfelt hatte. Schon auf dem Hinweg hierher stellte ich viele Theorien auf, aber nur diese eine schien mir relevant zu sein.

Ich versuchte ihn zu trösten. »Hast du doch. Ich habe es mir selbst erklärt. Du hast noch nicht einmal ja oder nein gesagt.«

Er grummelte und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich glaube vor dir bleibt nichts geheim.« Ich grinste siegreich.

Als wir nebeneinander saßen und weiterhin schwiegen, brummte mein Magen. Stimmt, heute Morgen bekam ich nichts zwischen die Zähne. Jaiden blickte mich schlagartig an, als ob er schon auf dieses Geräusch gewartet hätte.

Jaiden forderte mich auf den Rucksack mitzunehmen und wir liefen zum Eingang zurück. Dort quetschten wir sie in zwei Spinte und schlossen diese zu. Anschließend blickte ich ihn erwartungsvoll an.

Er griff nach meiner Hand, eine Wärme durchzog mich und er verschränkte seine Finger mit meinen. »Ich habe eine Idee.«

Er führte mich zum hinteren Ende des Parks und wir entdeckten ein Restaurant unter den herrlich blühenden Ahornbäumen. Die Rinde der Bäume war beige-cremefarbig und die Abschürfungen ähnelten den Flecken einer Kuh. Die Oberfläche war keinesfalls rau, sondern glatt. Es waren junge, gesunde Bäume. Die Wiese und die leuchtend grünen Gräser machten den Anblick zu einer Idylle. Es fehlte bloß ein ruhiger See und eventuell eine Brücke, worauf die Sonne schien. Der hellblaue Himmel verdeutlichte die Schönheit der Natur.

»Hier lang!«, sagte Jaiden und zog mich zum Restaurant. Wie ein Gentleman öffnete er mir die Tür, wodurch ich das ruhige, kaum besetzte Restaurant betrat. Im ersten Raum saßen ein altes Ehepaar, eine kleine Familie und ein einsamer Mann am Tisch. Alle aßen. Doch Jaiden führte mich weiter durch den Raum, bis wir in eine weitere Tür liefen, wo der Platz zwar kleiner wurde, aber niemand saß. Er bat mich ans Fenster zu setzen, wo wir beide keine Stühle, sondern eine Sitzbank hatten. Sie war gepolstert und sehr bequem. Die Lehne war zwar aus Holz, aber ich würde die ganze Zeit meine Nase zum Fenster strecken wollen. Die Aussicht war herrlich. Meine Sicht beinhaltete den blauen Himmel, die Ahornbaumkronen mit ihren Stämmen, dann den fantastischen riesigen Springbrunnen und die Wasserachterbahn. Ich konnte gar nicht meine Augen davon lassen.

Mein Kopf drehte sich wieder zu Jaiden. »Weiß Kyla etwas davon?«

»Nein, nur wir beide. Sie wird aber anrufen, wenn sie nach uns sucht.«

»Bei mir ja wohl eher nicht«, bemerkte ich frech und wir mussten beide lachen. Mein Handy hatte er ja zerstört. »Wir hätten doch genug Proviant dabei gehabt. Ich bin nicht jemand der viel Wert auf gutes Essen legt.«

Er nickte. »Ich weiß, ich wollte trotzdem mit dir essen gehen.« Röte stieg mir ins Gesicht. Er war einfach zu wundervoll. Ich sank auch beschämend meine Lider und blickte kurz erneut aus dem Fenster, um mich wieder fassen zu können.

Wir bestellten anschließend und ich wollte etwas Pikantes mit Reis und Gemüse. Auf Fleisch war ich nicht besonders aus, es erinnerte mich daran wie die Tiere zu Fleisch wurden. Bei dem Gedanken verging mir meistens der Appetit. Aber wenn es hart auf hart kam, aß ich auch Tiere.

Als wir unsere heißen Teller vor uns hatten, dachten wir an denselben Gedanken: Was isst der andere? Unsere Blicke huschten mehr als auffällig zum anderen hinüber.

»Es ist lange her, dass ich so ... reichlich viel esse«, fügte Jaiden hinzu und blickte auf seinen Teller, als hätte er doch keinen Hunger. »In der Woche als ... nein. Nicht jetzt.«

Im selben Moment hatte ich meine Gabel gehoben und wollte den Reis aufhäufen, aber er hatte den Gedanken begonnen und ich wollte den Schluss hören.

»Was hast du in der Woche?«, fragte ich in einer ernsten Tonlage zurück. Er biss sich verärgert auf die Lippe.

»Es gab keine Möglichkeit feste Nahrung zu mir zu nehmen.« Ich verstand. Er trank Blut. Aber wenn ihm das sein Leben gerettet hatte, empfand ich seine Tat als nötig. Solange niemand ernsthaft verletzt wurde oder vielleicht sogar sterben musste, läge es noch im grünen Bereich. »Es ist nicht schön ein Vampir zu sein.«

Mitfühlende Augen blickten ihn an. »Denkst du ständig in Flammen zu stehen oder rote Augen zu haben und von Ethan Flämmchen genannt zu werden, ist besser?« Auf irgendeine Weise versuchte ich die Stimmung wieder zu heben, die ich gerade eben beinahe kaputt gemacht hätte. Genau wie gestern sprach ich Themen an, die lieber unausgesprochen bleiben sollten.

Aber es wirkte. Jaiden lachte leise. »Er nennt alle Dämonen Flämmchen oder Flamme. Eine Zeit lang nannte er mich Bettlaken, bis ich begann ihn ebenfalls so zu nennen. Ethan kann man am besten mit seinen eigenen Waffen schlagen.«

Den Spitznamen merkte ich mir. Wenn er mich das nächste Mal wieder so nannte, konterte ich. Das wäre eine super Überraschung für ihn.

Endlich begannen wir zu Essen und ich genoss den Moment mit Jaiden allein zu sein. Es war anders, als wenn wir immer im Zimmer zusammen saßen und dort sprachen. Ich fühlte mich dazugehörig und geborgen. Unter andere Menschen zu kommen, gab mir ein ganz anderes Gefühl wie zu Hause. Dort befanden sich nur mein Dad und ich. Wenn ich allein war, wurde jeder Tag immer ungenießbarer. Deshalb hatte ich meinen großen Freundeskreis und das Weggehen an Wochenenden. Sie machten die Leere ertragbar. Aber nun fühlte ich mich nicht mehr einsam durch Jaiden. Auch Kyla, Ethan, Denzel und all die anderen brachten mich zum Lachen und gestalteten mein Leben zu einem echten Abenteuer. Manchmal wünschte ich mir nicht mehr nach Hause gehen zu müssen, aber dieser Gedanke geschieht nur an Tagen, in denen ich einen Streit mit meinem Vater hatte. Zum Bespiel gestern wollte ich keinen Fuß in die Wohnung setzen. Sie würde sowieso nur leer sein und wer würde mich dort schon erwarten?

Gerade als wir fertig waren mit Essen, rief Ethan an. Jaiden hob ab. Ich konnte heimlich mithören, versteckte jedoch die roten Augen, indem ich meinen Kopf senkte und die Hände an meine Stirn hielt.

»Äh, Jaiden ...« Etwas war passiert. Das Zögern war zu groß. »Ich hab‘ Scheiße gebaut.« Was war nun schon wieder passiert?

24 - Verrat

Meine Kehle schnürte sich langsam zu, als die Spannung zunahm.

»Also, ich bin doch ins Nimmerland gekommen und wollte mit Kyla sprechen. Und da ist unser Gespräch zu einem Streit geworden. Ich bin ausgetickt, sie ist ausgetickt-«

»Ethan! Komm zum Punkt!«, wurde Jaiden ungeduldig.

»Sie ist weggerannt und durch ihre zornige Aura haben ein paar Sicherheitsbeamte uns verfolgt, aber wir trennten uns und dann habe ich nichts mehr von Kyla gehört. Ich hab‘ Angst, das sie sie geschnappt haben!«

Meine Augen schlossen sich seufzend. Konnte Ethan nicht warten bis wir zu Hause waren? Musste es ausgerechnet hier stattfinden? Jetzt wissen die Beamten Bescheid und die Kinder waren in Gefahr. Hier liefen mindestens zwanzig Phynes umher.

»Okay, ich geh Kyla suchen und du sammelst die Kinder ein. Wir müssen hier weg! Sofort!« Es war unglaublich, das Jaiden solch eine Ruhe beherrschen konnte. Ich wäre schon längst in Panik ausgebrochen und könnte nicht klar denken. Nur dank ihm blieb ich ruhig auf dem Stuhl sitzen.

Er legte auf, seufzte und steckte das Handy weg. »Kannst du Ethan helfen?« Er wusste, dass ich zugehört hatte. Ich nickte beklommen und verließ das Restaurant. Jaiden bezahlte noch schnell und anschließend trennten wir uns.

Ich versuchte durch ein schnelles Gehen trotzdem unbemerkt zu bleiben und suchte heimlich nach den Kindern. Es war Glück, das ich Denzel und Louisa gleich an der Schlange der Wasserachterbahn fand. Sie erblickten mich, lächelten und wanken, aber durch meinen ernsten Gesichtsausdruck wurde ihr Freude schnell beendet. Die beiden schauten sich kurz an und kamen dann zu mir gelaufen.

»Jolina, wo ist Jaiden und Kyla?«, fragte er angespannt. Ich wollte die beiden nicht beunruhigen. Ich fasste an ihre Schulter und warf ihnen einen bekümmerten Blick zu.

»Hört zu, ihr müsst mir helfen. Ich muss alle anderen zusammentrommeln. Wir sind zwanzig. Euch beide habe ich schon einmal gefunden, es fehlen nur noch die restlichen achtzehn Kinder. Wenn ihr sie gefunden habt, bleibt zusammen und wartet am Ausgang auf mich, okay?«

»Du machst mir Angst«, schlotterte Louisa und ich fuhr ihr zärtlich über den Kopf. Mir wurde klar, dass jeder eine Antwort verlangte, aber ihnen zu erzählen, das die Beamten nach ihnen Ausschau hielten, wäre ein fataler Fehler. Kinder reagierten meistens noch panischer als jeder andere Erwachsene.

»Ihr braucht keine Angst zu haben, sucht einfach die anderen, okay?«

Denzel nickte entschlossen, nahm Louisa bei der Hand und zog sie hinter sich her, als die beiden losliefen. Mein Herz klopfte wie wild. Selbst ich hatte zu befürchten, dass mich einige Beamte erwischten. Zum Glück schimmerte meine Haut nicht wie Eis. Jaiden und Ethan mussten sich bedeckt halten. Wenn die Sonne auf ihre Haut fiel, merkte man gleich, dass sie keine Magier sein konnten. Selbst die Vollblüter aus anderen Regionen durften sich hier nicht aufhalten ohne eine Genehmigung. Ich blickte durch den Park, entdeckte niemanden, als ob ich den Weg allein begehen würde. Mir machte die Stille Angst. Durch die dicken Baumkronen und das dichte Gestrüpp, das am Rand des Kiesweges wuchs, blies der Wind kaum. Es wurde noch ruhiger.

»Jolina!«, rief eine Stimme hinter mir und schlagartig drehte ich mich um. Vier Kinder liefen auf mich zu. Zwei davon waren die beiden Mädchen, die mir damals den Spitznamen ›Joly‹ gaben. »Wir haben es von Denzel gehört. Aber irgendwie verschwinden mehr Leute. Gehen die alle nach Hause?«

Überlegend blickte ich in die Ferne. Ob sie den Park wegen uns evakuieren? Was sollten sie den Besuchern sagen? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Die Regierung war tatsächlich bedachter als ich gedacht hatte. Langsam glaubte ich, dass sie nicht nur Hass empfanden, sondern versuchten sie von der Bildfläche verschwinden zu lassen, wie den Staub im Haus, der jedoch immer wieder kommen würde.

»Habt ihr Ethan oder Jaiden gesehen?«

Die Vier schüttelten den Kopf und stellten sich näher zu mir. »Okay, gut, wir suchen Denzel und die anderen Kinder. Habt ihr eine Ahnung wo sie sein könnten?«

»Jemand wartet schon am Ausgang mit einem Bus auf uns. Das hat mir Louisa erzählt.«

»Verstehe. Am besten ihr geht unauffällig zum Ausgang. Schafft ihr das?«

Die tapferen Vier nickten zögernd und liefen anschließend ihren gekommenen Weg zurück. Ich atmete langsam aus und ein. Ich musste Ruhe bewahren, selbst wenn alles gerade aus den Fugen geriet. Die Aufregung setzte die Hitze in mir frei. Diese zu zähmen, war mehr als nur ein lächerliches Hindernis. Meine Ängste gerieten genauso schnell aus der Reihe wie meine Wut.

Nachdem meine Beine wieder zum Gehen angesetzt hatten, drehte ich noch eine lockere Runde durch alle Stationen, schaute die Karussells an und war froh noch einige Magier darunter zu sehen. Erst als ich an einer mit roter Schrift, blinkenden Tafel vorbeikam, wusste ich, wieso alle verschwanden. Das Nimmerland hatte nur noch bis vier Uhr geöffnet. Ich blickte zu meiner Armbanduhr. Es war Fünfzehn Uhr sechsundvierzig. Ich hielt die Luft an. Die Kinder mussten schnell gefunden werden.

Eilig flitzte ich ein weiteres Mal durch den Park und hielt nach ihnen Ausschau. Es schien so, als ob niemand da wäre. Wahrscheinlich warteten sie alle am Ausgang.

Doch plötzlich hörte ich ein Wimmern. Langsam drehte ich mich in die Richtung des Geräusches und konnte ein Bein sehen, das zitternd hinter einem Baum herausragte. Mit meiner unglaublich schnellen Geschwindigkeit war ich bei dieser Person.

Es war Kyla.

Sie schien sehr schwach zu sein. Ihre Lider flackerten, die Beine bebten und sie atmete ungleichmäßig. Die Nasenflügel hoben sich abrupt, als sie merkte, dass sich jemand vor sie gestellt hatte. Was war ihr widerfahren?

»Kyla? Was ist passiert?«, fragte ich panisch und kniete mich zu ihr herunter. Sie öffnete kurz ihre Augen und konnte ihre Muskeln nicht stillhalten. Etwas musste sie schmerzen.

»Die haben mir irgendein seltsames Zeug gespritzt!«, ächzte sie und ihr fiel es schwer zu sprechen. Die Lippen waren blau angeschlagen und die Haut wirkte mehr als kalt. Ich fröstelte. Als ich meine Hand auf ihre lag, spürte ich die eisige Kälte.

»Okay, hör zu! Ich gehe schnell Jaiden holen und wir werden dich dann schnell von hier wegbringen«, sagte ich panisch und versuchte sie dadurch zu beruhigen, auch wenn meine Stimmlage vermutlich das Gegenteil tat.

Sie sah furchtbar aus. Ich kniete mich wieder auf, wollte gerade aufstehen, als meine Beine und mein restlicher Körper sich nicht mehr bewegen konnte. Dasselbe Gefühl hatte ich schon einmal gespürt. Als die Magier mich angriffen, die Denzel davor gedroht hatten. Es war eindeutig ein Zauberspruch und er kam von zwei Personen. Ich war chancenlos. Durch die Hemmungen, meine Angst, die all das Denken ausschaltete, konnte ich unmöglich einen Gegenspruch ausdenken. Der Überraschungseffekt sorgte für noch größere Ängste. Mein Magen schmerzte, als ob ihn jemand mit der Hand zerquetschen wollte. Die Kehle wurde trocken und verhinderte einen Schrei.

Nach wenigen Sekunden sorgte ein zweiter Spruch für die Lähmung meiner Stimmbänder. Anschließend sank mein Körper zu Boden als ich spürte wie mich jemand von hinten stützte. Kylas Augen blickten mich an.

»Das ging aber schnell!«, bemerkte sie, schaute dabei nicht mich an, sondern über meinen Kopf hinweg. Vier Beine traten in mein Blickfeld. Ihr Gesichtsausdruck wirkte feindlich. Was zum Teufel tat sie da?

»Der Transporter ist am Ausgang«, sagte einer der anderen beiden. Offensichtlich hatte sie zwei Männer bei sich. Sie hatten die Sprüche ausgesprochen und waren stärkere Magier als ich anfangs gedacht hatte. Ihre Zauber ließen mich nicht los. Ihre Stärke nahm immer mehr zu.

»Bereit machen«, sprach Kyla und fasste an meine Wange. »Dein Daddy wird sich bestimmt freuen dich zu sehen. Was würde er wohl sagen, wenn du als Phyne verurteilt wirst? Ich habe gehört, er würde alles für dich tun.«

»Wir können«, wandte der andere ein und setzte zum Gehen an. Einer von ihnen hob mich hoch und warf mich wie ein Sack über die Schulter. Mein eigenes Gewicht zerdrückte meinen Bauch und mir wurde schnell schlecht. Wie konnte das passieren? Wie konnte Kyla das tun? Sie hatte uns verraten! Ich konnte es nicht glauben! Nein, ich wollte es nicht. Wir kann man jemanden eine Freundschaft so derart vorspielen? Sie war wie eine Mutter für mich und jetzt verfütterte sie mich an die Regierung?

Alles war gelähmt und mir blieb nichts anderes übrig, als mich tragen zu lassen. Kyla lief hinter mir und betrachtete mich mit einem feindseligen Blick. Vielleicht irrte ich mich und sie sah nur Kyla ähnlich. Aber warum tat sie dann so? Fragen stauten sich in mir an und meine Angst überflutete mich. Nie hätte ich gedacht, dass sie mich ausgerechnet hier entführen würden.

»Wir haben das Problem beseitigt. Keine Angst!«, bestätigte mein Träger den Beamten, die am Eingang warteten. »Vielen Dank, das sie uns so schnell angerufen hatten.«

Jetzt war ich verwirrt. Kyla wusste doch schon längst wer ich war und wann wir den Park betreten würden. Wieso riefen die Beamten uns dann an? Was war mit dem Fall von Ethan? Ob sie sich absichtlich mit ihm gestritten hatte und so die Aufmerksamkeit auf sich lenkte? Mein Kopf schmerzte von all diesen Theorien, die sich nacheinander aufstellten.

Schließlich wurde ich von der Schulter genommen und auf eine unsanfte Weise in den Transporter gelegt. Mein Rücken schmerzte kurz, als ich wie ein Sack Kartoffeln auf dem harten Boden landete. Ich schloss kurz die Lider. Wie konnte das passieren? Ich hatte Kyla vertraut. Sie durfte sich nicht auf die Seite der Regierung schlagen. Noch nie wurde ich so bitter enttäuscht wie in diesem Moment. Tatsächlich hatte ich sie in mein Herz geschlossen, mir meistens Ratschläge geholt und mit ihr zusammen trainiert. Aber wenn sie wirklich eine Verräterin war, waren die anderen in Gefahr. Durch eine mir unerklärliche Art hatten sie nur mich entführt. Oder war der bestellte Bus, von dem die Kinder sprachen, in Wirklichkeit eine Falle?

Ich seufzte verärgert. Reue stieg in mir hoch. Ich hatte den Kindern noch geraten sie sollten dort alle warten und einsteigen. Der Bus war womöglich die Fahrt zum Tod.

Kyla setzte sich neben mich und klopfte spottend auf mein Bein. »Da liegst du nun, kannst dich nicht rühren, bist hilflos. Deine Freunde werden dich nicht retten können, nicht einmal Jaiden. Eigentlich hatten wir dich im brennenden Haus schon vernichten wollen, aber auf eine mir unbeschreibliche Weise hast du einige meiner Leute umgebracht.«

Etwas Gutes hatte meine Schweigsamkeit. Mir fehlte der Mut zu kontern und durch den Spruch konnte ich meine Angst davor verbergen. Ich fühlte mich zu sehr verloren, als überhaupt zu streiken. Die Einsamkeit kehrte in mir zurück und Leere erfüllte mein Herz.

»Sollen wir hineinfahren?«, fragte einer der Männer Kyla. Sie bestätigte mit einer positiven Antwort und ich schlug meine Lider wieder auf. Ob ich kurz eingeschlafen war? Der Verrat machte mich Stück für Stück zunichte. In mir zerbröckelte alles wie trockenes Brot.

»Gibt ihr am besten die Spritze«, meinte Kyla und die Tür wurde wieder aufgeworfen. Der Wagen kam erst nur wenige Sekunden danach zum Stehen. Ein Lichtspalt schien direkt in meine Augen, wodurch ich kurz blinzelte. Jemand starkes griff nach meinen Beinen und zog diese zu sich. Ich wurde erneut über die Schulter gehoben und mein Gewicht zerdrückte den Bauch, der auch schon so wehtat. In diesem Moment, als wirklich alles aus zu sein für mich schien, rollte eine Träne meine Wange hinunter. Sie tropfte auf den Betonboden.

»Legt sie zunächst in Zelle 024. Danach werden wir beschließen, was wir mit ihr machen«, befahl Kyla und wir liefen durch einen Flur. Die Wände bestanden aus weißem Anstrich und der Boden war graues Linoleum. Die Schritte der Drei waren deutlich zu hören, ihre Schuhe quietschten manchmal. Aber nach einiger Zeit stoppten alle.

»Kleiner Stich am Hals«, sagte jemand völlig Neues und ich spürte wie jemand eine Nadel langsam, teils schmerzhaft, in die Haut einführte. Anschließend blieb sie stehen und eine Flüssigkeit wurde in meinen Hals gedrückt. Ich konnte spüren wie sie sich schnell in meinem Körper verteilte und meine Muskeln noch träger machte. Meine Atem verlief wieder in einem angenehmen Rhythmus und die Beine wurden taub. Letztendlich war es eine Art Mittel zum Einschlafen, das den innerlichen, wie äußerlichen Schmerz erlosch.

 

Mir kam das Schlafen wie eine Sekunde vor, bevor ich nach mindestens vier Stunden wieder aufwachte. Die Zelle war dunkel, das erkannte ich an meinem düsteren Raum. Als meine Lider aufschlugen bemerkte ich das Fenster über mir. Die Scheibe war gewölbt und milchig weiß. Noch immer schmerzte mein Körper, aber nur innerlich. Wie eine dicke, blutende Wunde zerstörte sie mich. Vor diesem Geschehen hatte ich so viele Tage das Glück erlebt, mich in Jaiden verliebt und das Gefühl gehabt eine Familie zu haben. Dass sich einer von ihnen als Verräter entpuppte, hätte ich nicht einmal in hundert Jahren zu denken gewagt. Unverhofft kommt oft.

Auch wenn ich nun die Kraft hatte, aufzustehen und meine Zelle zu erkunden, wollte ich lieber liegen bleiben. Erst als ein mir unbekannter Windzug über meinen Körper streifte, bemerkte ich, dass sie mich umgezogen hatten. Selbst dafür war ich zu willenlos, um aufzuschrecken. Meine Hand glitt über den nun nackten Bauch, fuhr über die unbekleideten Arme und Beine. Sie hatten mir eine Art halben Body angezogen, der aus einem Neoprenmaterial bestand. Die Hose dazu war im Format einer Hotpants, die jedoch eng anlag und sich perfekt an meinen Körper anpasste. Das Oberteil dazu verlief wie ein Bustier. Die Träger davon waren jedoch Ärmel, die die Hälfte meines Oberarmes einnahmen. Die Farbe war schwarz und an der Seite verlief ein orangener Streifen.

Nachdem ich alles intensiv befühlt und begutachtet hatte, erhob ich mich von der Plastikliege. Der Raum war mit weißen Wänden versehen und passenden Fliesen. Ich konnte mich in ihnen spiegeln. Ansonsten befand sich nur noch ein kleiner weißer Tisch mit dem dazugehörigen Stuhl darin. Der Raum war absolut trostlos. Er vereinsamte mich noch mehr. Außerdem empfand ich die Atmosphäre für kalt. Die Tür ließ mir nur ein kleines Fenster mit Gitterstäben zum Flur offen. Womöglich strömte dort der unbekannte Luftzug zu mir hinein. Draußen war es unheimlich still.

Meine Beine schritten zu dem Gitterfenster und ich sah ein Schild mit der Aufschrift Z 023. Sie hatten mich wirklich in die vorgesehene Zelle hineinbefördert. Meine musste Z 024 heißen.

Unlösbare Fragen schossen durch meinen Kopf, die ich einfach nicht entfernen konnte. Sie bereiteten mir Kopfschmerzen und am liebsten würde ich mir selbst eine weitere dieser Schlafspritzen verpassen. Nur um die innerlichen Schmerzen und die quälenden Gedanken loszuwerden.

Was hatte Kyla damit gemeint, das es meinem Vater nicht gefallen würde, wenn sie mich gefangen hielten? Das roch nach Erpressung. Egal welche Informationen oder welche Macht er besaß, ich würde alles tun, damit er aus dieser Situation herauskäme.

Gerade als ich mich auf den Stuhl setzen wollte, konnte ich das Beben von vier Füßen spüren. Sie kamen in schnellen Schritten immer näher und langsam begab ich mich zurück zum Gitter. Aus meinem Winkel erkannte ich vorerst eine zierliche Statur und dahinter breite Schultern. Es war eine Frau und ein Mann. Die dünnen Beinen waren nackt und ein Rock verlief bis zur ihren Knien. Ein weißer Mantel, den meistens Wissenschaftler trugen, bedeckte den Oberkörper und verlief über ihren Hintern. Der Breitschultrige hatte einen Smoking an und sprach durch ein Headset an seinem Ohr.

»Das ist Z 031.« Sie blätterte auf ihrem Schreibbrett herum. »Frederick Wimber. Phyne. Achtundvierzig Prozent Harpyie, zweiundfünfzig Prozent Basilisk.«

»Interessiert mich nicht. Wo soll er verdammt nochmal hin? Ich hab’s eilig!«, ärgerte sich der Mann.

»Region 2.«

Die Zelle wurde geöffnet und ich entdeckte nur blondes, kurzgeschnittenes Haar bevor dieser den Flur entlang verschwand. Region 2? Moment! Mein Vater sprach immer in solchen Worten.

Überlegend lief ich auf und ab. Was war Region 2? Region 7 war Undertown, die Stadt der Basilisken. Region 4 war die Heimatstadt der Harpyien, Wengis. Mein Kopf brannte. Hätte ich besser in Politik aufgepasst, dann könnte ich nun alle Regionen auswendig. Mir war klar, dass es acht Stück gab, aber welche Region zu welcher Stadt gehört, konnte ich noch nie gut unterscheiden.

Der Vorteil war, dass mir das Nachdenken die Zeit vertrieb. Zwar saß ich ab und an auf dem Boden, lehnte mich an die Wand und legte mich wieder ins Bett, aber die Stunden gingen schneller um. Schließlich fielen mir alle Regionen ein. Nachdem die Kopfschmerzen wieder eintraten und es womöglich im Gehirn kochte, konnte ich Region 2 zuordnen. Es war Flames.

Hatte mein Vater nicht gemeint, dort hätte er einige Sachen zu erledigen? Ob sie alle Phynes dort hinschickten? Etwas machte mir sorgen. Keiner wusste genau was mit uns passieren würde, wenn wir tatsächlich in die Hände der Regierung geraten würden. Man munkelte, dass man starb. Es war das einzig bekannteste Gerücht. Was sollte man auch denken, wenn plötzlich Phynes nie wieder auftauchten? Da kam mir nur der Tod in den Sinn. Sogar mein Vater glaubte daran. Aber zuerst wurden wir in Zellen gesperrt und anschließend? Verbrannt? Geköpft? Erstochen? Erstickt? Verhungert? Es gab so viele Möglichkeiten jemanden umzubringen. Natürlich dachte ich nur an die schlimmsten Lösungen. Die Regierung könnte auch fair sein und es durch einen schmerzlosen Tod tun. Aber ihr Hass war für solch eine Gnade zu groß.

»Hey, 024!«, flüsterte jemand durch den Flur. Ich stand erschrocken vom Stuhl auf und schlich an das Gitterfenster.

»Ja?« Meine Augen suchten nach dem Besitzer der rufenden Stimme. Zwei Tür weiter hatte jemand seine Hände um die Stäbe geschlossen und zwei smaragdgrüne Augen schauten in meine.

»Du bist neu, oder?«, fragte er flüsternd und an der Stimme erkannte ich einen Mann. »Mein Name ist Finn. Z 019. Ich bin schon seit fast fünf Tagen hier.«

»Ja. Ich bin Jol-ly.« Ich wusste selbst nicht genau wieso ich meinen Namen abänderte. Aber ich wollte ihn nicht durch den kompletten Flur schreien. »Sind noch mehr hier?«

Er steckte seine Nase durch die Gitterstäbe. »In Z 002 ist noch jemand. Außerdem war der gute alte Freddy noch hier. Scheiße! Ich glaube, als nächstes bin ich dran. Freddy war sechs Tage hier. Morgen werden sie mich dran nehmen.« Er klang vollkommen verzweifelt. Nach seinem Dialekt und den Redewendungen zu urteilen, kam er nicht gerade aus gutem Hause. Aber das war nur eine Vermutung.

»Das muss doch nicht heißen, dass sie dich dann morgen abholen. Vielleicht dauert es bei dir länger.« Meine Aufmunterungen waren nicht wirklich wirksam, aber ich versuchte es eben. Finn war völlig aufgelöst und wusste selbst nicht wie er mit der Situation umzugehen hatte.

»Die erhängen mich. Nein! Die köpfen mich.« Ich war wohl nicht der Einzige mit solchen abstrusen Vorstellungen. »Oder schlimmer! Sie verbrennen mich. Oh Gott!« Hoffentlich würde ich nach so vielen Tagen nicht durchdrehen. Wahrscheinlich hatte er einen Teil seines Verstandes verloren, indem er versuchte sich seinen Tod auszumalen. Er tat mir leid.

»Mich können sie nicht verbrennen. Ich bin gegen Feuer immun.«

»Glückspilz! Aber mich. Ich bin halb Meermensch, halb Werwolf. Ich wollte bloß in Maggon ein neues Leben anfangen. Jetzt wollen sie mich töten. Ich halte das nicht aus! Ich will hier raus!« Seine letzten Worte schrie er und dann wiederholte er sie immer lauter. Meine Hände drückten gegen die Ohren und ich schritt bis zur hinteren Wand zurück. Er hörte einfach nicht auf. Wie konnte man in fünf Tagen den Verstand verlieren? Hatte er sich tatsächlich so verrückt gemacht? War es die Angst, die ihn Heim suchte? Manche Wesen konnten mit der Situation klar kommen, andere nicht. Die Zelle war auch nicht sehr groß. Sie sorgte für das Verschwinden des Verstandes. Schließlich sah man jeden Tag dieses helle Weiß und den Stuhl mit dem Tisch. Es gab sonst nichts. Keine Gespräche, keinen Trost, niemanden. Woher wusste ich, wann es etwas zu essen gab?

Finn begann auf die Mauern einzuschlagen, trat gegen die Tür, sodass er unglaublich laute Geräusche verursachte. Er schrie auch immer wieder dieselben Sätze.

Dann kamen von beiden Seiten schnelle Schritte. Ich konnte es nicht abschätzen, aber mindestens sechs Personen kamen angelaufen.

»Schnauze!«, schrie ein Kerl mit dunkler Stimme. Sie liefen an meiner Zelle vorbei und anschließend hörte ich das surrende Geräusch eines Elektroschockers. Finn fiel zu Boden und ein leises Winseln war zu hören.

»Holt ihn da heraus«, sagte dieselbe Stimme in einem genervten Ton. »Bringt ihn zu den Mauern.« Welcher Ort war das? Wurden dort Ungehorsame bestraft oder war das etwa der Schlachthof für Phynes? Eine Gänsehaut durchfuhr mich, als tatsächlich sechs Wachmeister mit Finn an mir vorbeiliefen. Sie schleiften ihn wie ein Stück Dreck hinter sich her. Einer von ihnen warf einen kurzen Blick in meine Zelle. Hellblaue Augen ragten aus der schwarzen Kapuze hervor. Ich zuckte zusammen. Sie kamen mir bekannt vor. Zu bekannt.

»Manche haben es einfach echt verdient zu sterben«, sagte einer von ihnen. »Da hast du Recht. Der hier ist schon komplett durchgedreht.« Ein anderer lachte.

Als sie verschwunden waren, ließ ich mich an der Wand hinuntergleiten und begann selbst an meinem Leben zu zweifeln. Tränen rannen mir über die Wangen, Verzweiflung versuchte die Oberhand zu gewinnen, aber tatsächlich würde ich sterben. Wer konnte mir schon helfen? Jaiden wusste noch nicht einmal wer mich entführt hatte, oder das ich überhaupt gekidnappt worden war. Vielleicht dachte er, ich wäre nach Hause gelaufen.

Auf dem Boden zog ich meine Beine an mich, ließ meinen Kopf auf die Knie fallen und weinte leise. Es gab keine Hoffnung, nicht hier. Wenn nun kein Wunder geschah, war ich vermutlich die Nächste, die auf dem Schlachthof landete.

 

25 - Hoffnung

Ich hatte nicht gemerkt, dass meine Tränen und das leise Weinen mich in den Schlaf wogen. Bald darauf vernahm ich wieder Schritte. Ich hob meinen Kopf und lugte über die Arme. Sie kamen näher. Aber die Person bewegte sich leicht, auch wenn ich die Vibrationen auf dem Boden vernehmen konnte. Vielleicht wollte derjenige zu Z 002. Anscheinend waren nur wir beide noch übrig. Die Stille war hier das Schlimmste. Es war ein ruchloser Weg jemanden nach Tagen den Verstand verlieren zu lassen.

Plötzlich hielten die Schritte an meiner Tür an, genau vor mir. Aber niemand ließ sich blicken. Die Schatten seiner Füße schienen jedoch durch den unteren Schlitz. Wer könnte das sein? Ich bewegte mich lieber nicht. Vielleicht war es nun Zeit für mich zu gehen. Womöglich wussten sie, wie sie mich töten konnten. Ob ich unter Schmerzen sterben würde?

Ein Schlüssel wurde in die Tür gesteckt und daran gedreht, leise. Moment! Wer drehte denn mit solcher Vorsicht und Langsamkeit einen Schlüssel um? War das nicht etwas seltsam? Ich erhob mich und setzte mich mit zusammengezogenen Augenbrauen auf die Liege. Trotzdem zog ich die Beine wieder an mich und verschränkte meine Finger ineinander.

Es könnte auch ein Trick sein oder war das meine ersehnte Rettung? Die Bewegungen des Schlüsseldrehers waren für eine Wache zu bedacht und für eine Wissenschaftlerin zu langsam. In mir schürte sich eine kleine Hoffnung. Hoffentlich war es keine Enttäuschung, denn die wäre doppelt so groß.

Meine Fingernägel bohrten sich in mein Bein hinein, als endlich ein Spalt weit geöffnet wurde. Zuerst erblickte ich auf eine Jeanshose, bekannte Schuhe und schließlich ein angepasstes T-Shirt. Über all dem wurde ein dunkler Umhang angezogen, der unheimlich wirkte.

Im Gesicht zuckte ich zusammen, als mich die gleichen hellblauen Augen von vorhin anstarrten. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich ... Jaiden? Er zog seine Kapuze vom Kopf.

Im selben Moment wollte ich loskreischen, aber er war sofort bei mir und hielt mir rechtzeitig den Mund zu. Sein Blick wurde ernst, der mir ein wenig Angst einjagte. Mit seiner freien Hand hielt er den Zeigfinger an seine Lippen, um mir deutlich zu machen, dass ich still sein sollte.

Langsam ließ er meinen Mund los und ich strahlte ihn an. Er schmunzelte und wir nahmen uns sehnsüchtig in die Arme.

»Wie hast du mich gefunden?«, flüsterte ich ganz leise. »Ich hatte solche Angst.« Am liebsten hätte ich ihn mit Tränen übergossen, aber meine Augen brannten vom vorherigen Weinen. Mit einem Atemzug bekam ich meine Gefühle wieder unter Kontrolle und wollte ihn nicht mehr loslassen.

»Du bist ganz kalt, Jolina.« Er löste sich abrupt von mir und packte mich bei den Schultern. »Haben sie mit dir etwas gemacht?« Er schaute an mir herunter und bemerkte die seltsame Kleidung. Er biss sich verärgert auf die Unterlippe und wagte einen Blick über seine Schulter. Noch niemand war zu hören. Seine Augen wandten sich zurück zu mir. Er fuhr mit seiner Hand über meine Wange und ich schloss schmerzerfüllt die Augen.

»Sie haben bestimmt Blut von mir entnommen als Beweis.« Sein Blick wurde härter. »Sie werden mich töten, richtig?«

Langsam umschlang er seine Arme um meine Taille und den Kopf. Er strich behutsam über meine Haare und ich vergrub mich in seiner Schulter.

»Ich weiß es nicht. Die Phynes aus dieser Region werden versendet. Danach verschwinden sie einfach spurlos. Sie kommen noch nicht einmal dort an.«

»Kyla hat uns verraten, Jaiden. Sie war diejenige, die mich entführt hat. Sie ist nicht auf unserer Seite.« Tränen wollten wieder aus meinen Augen fließen, aber meine Lunge saugte kräftig Luft ein. Gebannt blickte er in meine Augen.

»Das ist unmöglich! Kyla war bei mir. Sie half uns dich zu finden. Wir stellten erst dein Kidnapping fest, als wir den Beamten drohten.«

Ich schüttelte verwirrt den Kopf. »Jaiden! Sie hatte mit mir gesprochen und gesagt, das-« In seinen Augen erkannte ich, dass er die Antwort auf unsere Verwirrung wusste. Er blickte über meine Schulter, als ob er die Wand anstarren würde. Stille kehrte zwischen uns. Er dachte scharf nach.

»Ich weiß, wer es war. Angela Sten, die Schlange! Ihr bester Handlanger ist eine Phyne. Sie nennt sich Chamen. Ihr richtiger Name bleibt verdeckt. Sie hat das Final sich in verschiedene Personen verwandeln zu können.«

»Warte mal! Ein Regent handelt illegal? Was soll das?«

Jaiden seufzte schwer. »Es gibt vieles was du noch nicht verstehst, Jolina. Die Welt ist einfach unfair!«

Ich beruhigte mich wieder. »Kyla hat mich nicht verraten?« Jaiden schüttelte den Kopf und atmete erleichtert aus. Für einen kurzen Moment hatte er es selbst geglaubt, aber nie könnte sie so etwas Hinterhältiges tun. Dazu wäre Kyla nicht einmal ansatzweise fähig.

»Heißt das, es war alles ein Trick? Sie wollten, dass ich glaube, das Kyla mich entführte? Wozu?« Meine Fragen fanden wieder keine Antworten, worauf ich sie, durch das laute Aussprechen, versuchte aus meinem Kopf zu bekommen.

Er nickte bestimmt. »Wahrscheinlich, dass du misstrauisch den Phynes gegenüber wirst.«

Ich war so froh, dass alles ein Trick war und Kyla doch noch auf unserer Seite war. Ich hatte selbst danach noch Zweifel, dass sie es tatsächlich sein konnte. Aber auf einen Formwandler wäre ich nie gekommen. Mit Finals kannte ich mich überhaupt nicht aus. Mein Herz schlug vor Erleichterung auf.

Meine Augen schielten zu ihm hoch. »Wirst du mich hier herausholen?«

Er wog mein Gesicht in seine Hände. »Jetzt nicht. Aber ich schwöre dir, Jolina, ich lasse nicht zu, dass sie dich hier wegbringen.« Sehe ich richtig? Wurden gerade seine Augen glasig? »Auf deinem Bericht steht, dass sie dich schon morgen mitnehmen werden.« Er senkte den Kopf. »Sie wollen dein Gedächtnis löschen.«

Ich hielt erschrocken den Atem an und starrte ihn an. Wie konnten sie das tun? Was hatten sie vor? Wozu die Mühe machen, wenn ich nach wenigen Sekunden durch einen Schuss oder eine Enthauptung sowieso an nichts mehr denken könnte. Aber eine Vorstellung, das Jaiden keinen Platz mehr in meinem Herzen hätte, weil die Wissenschaftler ihn aus meinem Kopf herausschneiden wollten, wäre undenkbar. Wir gehörten zusammen.

»Morgen schon? Wann genau?«, fragte ich panisch, als ich mich endlich aus meiner Starre lösen konnte. Mein kompletter Körper zitterte. Ich blickte zur Tür. »Wieso kannst du mich jetzt nicht mitnehmen, Jaiden?« Ich sank auf die Liege zurück.

Er ließ mein Gesicht nicht los und hielt seine Stirn gegen meine. »Das würde ich gerne, glaub mir, Jolina. Aber sie würden uns beide fangen und ich weiß nicht, ob ich gegen zehn Dämonen und Werwölfe eine Chance hätte.« Natürlich nicht. Sie würde ihn eiskalt töten und es wäre allein meine Schuld. »Ich würde mir wirklich nichts Sehnlicheres wünschen als mit dir diesen Ort zu verlassen, aber ich kann nicht...« Gequält zog er die Augenbrauen zusammen und ich konnte sein Herz leise schlagen hören. Er war aufgeregt und wütend zugleich.

»Schon okay«, sagte ich mit einem knappen Lächeln und verschränkte meine Finger hinter seinem Genick. »Ich werde warten. Versprochen!«

Er bewegte sich zur Tür und ich hielt noch seine Hand fest. Bevor er wieder gehen musste, zog er mich zu sich. Seine Augen schimmerten und ich prägte mir sein wunderschönes Blau genau ein. Die dunkelblauen Schattierungen in der Iris und die Farbe des Himmels. Ein Schluchzen entglitt aus meiner Kehle. Wieder wog er mit seinen kalten Händen mein Gesicht und strich mit dem Daumen eine Träne weg, die ich nicht bemerkt hatte.

»Jolina...« Er atmete kurz aus und schlug in diesem Moment nicht einmal seine Lider zu. »Ich liebe dich.« Die drei Worte wurden mit so viel Gefühl und Leidenschaft ausgesprochen, das ich die Augen kurz schloss. Ein kleines Lächeln glitt über meine Lippen.

»Ich dich auch«, hauchte ich heiser. Meine Stimme erstarb in diesem unglaublich gefühlvollen Moment. Aber so wie er angefangen hatte, musste er auch enden. Ich spürte Jaidens Lippen auf meinen - druckvoll und schmerzerfüllt, mich nun gehen lassen zu müssen.

Am Gitter blickten wir uns noch einmal an, bis er dann die Kapuze über den Kopf zog und den Flur wieder hinunterging. Ich schaute ihm solange nach bis er aus meinem Blickwinkel verschwand.

Als meine Augen träger wurden, legte ich mich Schlafen und hatte Angst vor dem Morgen. Mir graute es davor, dass sie mir tatsächlich meine Gedanken löschen wollten. Wozu? Wofür?

 

Der Morgen kam schneller als erwartet. In der Nacht hatte ich seltsame Träume. Ich schien zu rennen und vor etwas wegzulaufen. Als ich hinfiel und zurückblickte, liefen meine Jäger alle an mir vorbei. Sahen sie mich nicht? Was hatte das zu bedeuten?

Laute, schnelle Schritten hallten durch den Flur und ich erwachte. Seufzend setzte ich mich auf und fixierte meine Augen auf die Tür, die wahrscheinlich jeden Moment aufspringen würde. Trotzdem drückte ich mich vorher gegen die Wand und schloss ängstlich die Augen.

Die Tür wurde aufgerissen und Schritte traten in den Raum. Eine Hand packte mich und sofort landete eine Spritze in meinem Hals.

»Braves Mädchen«, lobte ein Wachmann, als ob ich eine Art Tier wäre. »Die Erste, die sich nicht wehrt.« Ich werde auch gerettet, dachte ich mir. Jaiden war die einzige Hoffnung, die mir blieb. Wenn es ihn nicht gäbe, wäre niemand in der Lage mich aus dieser Situation zu retten.

Sie fesselten meine Hände mit Eisenketten und führten mich durch den Flur. Es tat gut wieder andere Räumlichkeiten zu betreten. Die Wachen waren in Smokings und zwei von ihnen trugen Umhänge. Ob einer von ihnen Jaiden war? Ich wagte einen kurzen Blick nach hinten, erkannte jedoch keine hellblauen Augen. Er würde mich retten. Ganz sicher!

Während des Weges wurden meine Füße immer kälter. Ich spürte die Unreinheiten auf dem Boden und einige verursachten Schmerzen. Sie brachten mich durch ein paar Gänge, liefen Treppen hinunter, benutzten einen Fahrstuhl und führten mich schließlich in einen kleinen, leeren Verhörraum mit einer dazugehörigen Glasscheibe. Die Blicke hinter dem Glas waren deutlich zu spüren. Wie viele es wohl waren? Und wer war es? Ich setzte einen ernsten Gesichtsausdruck auf und versuchte mich auf kommende Fragen vorzubereiten.

Sie baten mich auf dem Stuhl Platz zu nehmen. Ein Schauer durchlief meinen Rücken und ich atmete angespannt aus.

»Jolina Anderson. Tochter von Richard Anderson. Tätig als Syntofo und Geschäftsleiter. Sind diese Aussagen bis jetzt korrekt?« Ich nahm einen Luftzug, um ihm antworten zu wollen, als er noch etwas einzuwenden hatte. »Sie sind verpflichtet die Wahrheit zu sagen.«

»Ja.« Ich wollte die Sätze so kurz wie möglich halten.

Der Halbglatzköpfige setzte seine Brille weiter auf die Nase. Mit trägen Augenlidern und Tränensäcken unter den Augen blickte er mich eindringlich an. Die Falten in seinem Gesicht verzogen sich in all seinen Bewegungen.

»Sie wissen, dass sie laut des Gesetzes nicht existieren dürfen?«

Ich nickte zögerlich. »Ja.«

»Ist Ihnen bewusst, dass sie somit zum Tode bestraft werden?«

»Ja, ich werde getötet, weil ich existiere und für mein Dasein Schuld trage. Ich habe mich schließlich ja selbst zur Welt gebracht.« Den letzten Satz beantwortete ich mit zusammengebissenen Zähnen. Im Raum wurde es spürbar wärmer.

»Gesetz ist Gesetz«, meinte er schließlich in seiner monotonen und lässigen Art. »Noch eine Frage, Frau Anderson, wusste ihr Vater von ihrer Existenz? Es gibt Sonderfälle in denen die Familienangehörigen nichts von all dem wissen.«

Jetzt war der Zeitpunkt da, um zu lügen. So konnte ich vielleicht meinen Vater schützen, aber er musste schließlich auch so tun, als ob er es nicht wüsste. Wie konnte ich ihm dies klar machen? Aber egal, ob ich log oder nicht, getötet wurde ich sowieso.

Meine Stirn wurde feuchter, ich begann nervös zu werden und schaute dem zierlichen Smokingträger in die Augen. Seine Gesichtsform ähnelte einem umgedrehten Ei und die Mundwinkel hingen nach unten. Dadurch kamen mehrere Falten zur Kenntnis.

Schließlich beugte ich mich zu ihm hinüber. »Was bringt mir die Wahrheit zu sagen, wenn ihr mich sowieso töten lässt? Dann kann ich doch gleich alles verleugnen. Vielleicht ist Richard Anderson gar nicht mein Vater.«

Die Mundwinkel hoben sich und der Mann lächelte spottend. »Frau Anderson, wir haben Beweise, dass sie mit ihm verwandt sind. Sie können es gar nicht anders verleugnen. Es ist unmöglich.«

»Schön, was ist mit Schweigen?«

Er lachte dieses Mal höhnischer und beugte sich ebenfalls zu mir. »Wir haben Methoden entwickelt, die sie zum Sprechen bringen werden.« Er sprach von Folter. Wie skrupellos war die Regierung eigentlich? Mit was hatte mein Vater täglich zu tun? Mit Monstern? Mördern? Killern? Dieben? Sadisten? Bei all diesen Gedanken sträubte sich jedes einzelne Haar an mir.

»Also, Frau Anderson, weiß ihr Vater davon.« Besser lügen.

»Nein.«

Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und er blickte an meiner Schultern vorbei. Wahrscheinlich kommunizierte er per Blickaustausch – auch wenn sie sich nicht sahen - mit seinen Kollegen. »Sind Sie sich sicher? Das ist Ihre letzte Chance!«

»Nein!«, sagte ich deutlich und er erhob sich vom Stuhl. Dann blickte er zum Wachmann und zupfte sich sein Jackett zurecht. »Leiten Sie die Operation ein!«

Nach mir wurde wieder gegriffen. Sie schleppten mich erneut durch weitere Gänge, aber dieses Mal war es ein weniger weiter Weg.

Bevor sie mich jedoch in den Operationssaal steckten, bekam der Smokingträger noch eine weitere Information. Jemand flüsterte ihm ins Ohr. Anschließend wandte sich ein höhnischer, bösartiger Blick zu mir. Er freute sich über etwas, das für mich eher negativ ausgehen sollte.

»Hier lang!«

»Aber, Sir!«, widersprach der Wachmeister, der meinen Arm gepackt hatte.

»Keine Widerrede! Mir folgen!«

Sie gehorchten alle und folgten dem Smokingträger. Er bog wieder um viele Ecken und schaute abwechselnd zur mir. Am liebsten würde ich ihm an den Hals springen und ihn verbrennen. Er machte mich unglaublich wütend. Welche Rasse war dieser Kerl eigentlich? Zu seiner Art passte Vampir, aber dafür war die Haut zu farbig – dann doch Magier.

Wir blieben schließlich vor einer Tür stehen und jemand schob mich in den Raum hinein. Ich trat auf einen roten Teppichboden. Um mich herum standen zugestellte Regale mit vielen Büchern über Gesetze und Geschichte. Die Wand war grau, vermutlich damals weiß gewesen. Meine Augen wanderten zu den Bildern an der Wand, die Gemälde waren. Am Schreibtisch saß ein Mann, der Mann. Mein Vater war sein Syntofo.

Es war Christian Mercel.

Er sah genauso aus wie im Fernsehen, nur war er noch echter. Seine ernsten Augen hatten sich zu mir gewandt. Er musterte mich eindringlich. Seine grauen Augen jagten mir Angst ein. Ich hatte Respekt vor dem gefährlichsten Magier der Welt. Meine Beine verankerten sich am Boden, ein Schweißausbruch überkam mich und meine Nervosität war noch angespannter als vorher.

»Setz dich, bitte«, sagte er höflich in einer noch angenehmen Stimme und ich folgte seinem Befehl. Mir war noch immer nicht klar, dass ich vor einem sehr mächtigen Mann saß.

»Herr Mercel, ich-« Er hob stoppend seine Hand und sprach zuerst. »Jolina, ich darf dich doch so nennen, okay? Du bist Richards Tochter, deshalb brauchst du mich nicht zu siezen.« Seine Augen schielten kurz zur Tür und ich spürte den unglaublich starken Bann um uns herum. Was zum Teufel...? Er hatte nicht einmal die Muskeln, geschweige denn den Kiefer angespannt. Das war ein sehr beneidendes Talent. Wie lang hatte er dafür geübt? Jetzt wusste ich, warum er als Regent gewählt wurde. Er übertraf jeden.

»Bitte, verzeih diese Maßnahme, aber ich muss sicher gehen, dass uns niemand zuhört.« Eine Gänsehaut breitete sich über meine Haut aus. Ich hielt den Atem an und verschränkte angespannt meine Finger. »Ich mag deinen Vater, Jolina. Er war mir ein sehr guter Freund, aber er ist wegen deiner Existenz in sehr großen Schwierigkeiten.« Am liebsten wäre ich panisch aufgestanden, aber dafür war ich zu perplex. »Er ist nun in Flames und bat eine alte Freundin für dich etwas zu tun, damit du wenigstens keine Gehirnwäsche verpasst bekommst.«

Ich schluckte. »Sie wollten tatsächlich mein Gedächtnis löschen?«

Er nickte bestimmt, verschränkte die Finger und stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch. »Wir konnten es verhindern. Allerdings weiß nun jeder, dass er dich geheim gehalten hatte und das ist ein hohes Verbrechen.« Ich biss mir auf die Lippen. Ich wusste, dass mein Vater nur wegen mir litt. Wieso hatte er mich nicht gleich bei der Geburt getötet? Wieso tat er sich dieses Leben an? »Es gibt einen Ausweg. Ich bin mit den Gesetzen bestens vertraut und weiß wie ich deinen Vater dort herausholen kann.« Er öffnete die Schublade, entnahm einen Vertrag und unterschrieb. Er schob ihn mir vor meine Augen.

Ich übersprang den Anfang und las den wichtigen Teil:

 

...stimme ich hiermit zu, dass meine Tochter, Jolina Anderson, eine Phyne ist und ich von ihrer Existenz, weder etwas ahnte, noch wusste. Nach Paragraf...

 

Meine Augen verfolgten die Zeilen ein zweites Mal. Das war seine Rettung, das wusste ich. Christian legte mir einen Stift hin und schaute mich intensiv an. Aber ich nahm ihn zwischen meine Finger und unterschrieb auf dem Stück Papier. Als ich den Stift wieder hinlegte, blickten wir uns mit Bedacht in die Augen.

»Tust du mir einen Gefallen?« Er zog die Augenbrauen zusammen und wartete nun aufmerksam auf meine Bitte. »Sag meinem Vater, er soll diesen Vertrag unterschreiben. Sag ihm, dass er der beste Dad war, den ich je hatte und das es meine letzte Bitte an ihn wäre.«

Er ging sich meine Wörter noch einmal im Kopf durch. »Ich verspreche dir, dass ich ihm diese Worte sagen werden.«

Ich senkte den Kopf und versuchte Tränen zu unterdrücken. Es ist so lange her, dass ich ihn zuletzt gesehen hatte. Jetzt bot sich mir keine einzige Möglichkeit. Ein letztes Mal würde ich ihn in den Arm nehmen und sagen, dass es keinen besseren Vater als ihn gegeben hätte. Er hatte alles für mich getan.

»Gut«, flüsterte ich und kämpfte mit den Tränen. »Danke.«

Er nickte und ich stand vom Stuhl auf. Bevor ich aus der Tür ging, hielt er mich ein letztes Mal auf. Die Barriere blieb noch.

»Jolina, du wirst nach Flames vermutlich verfrachtet. Dort wird weiter entschieden.« Es sollte nichts anderes heißen, als das er keine Chance sah, mich irgendwie aus der Situation herausholen zu können. Er wollte mir tatsächlich helfen, wenn er könnte. Mein Vater hatte mit seinen Worten Recht behalten, nicht alle Regenten waren gegen Phynes. Sie hatten bloß keine andere Wahl.

»Ich weiß das zu schätzen, Christian.«

Anschließend löste sich alles und ich betrat wieder den Flur. Der Smokingträger grinste mir dreckig ins Gesicht und ließ mich erneut durch das Gebäude schleifen. Wo blieb Jaiden? Sie werden ihn doch nicht erwischt haben, oder? Bitte nicht!

 

26 - Die Entscheidung

Vor mir wurde noch jemand operiert und ich musste in einem speziellen Raum warten. Er war wieder einmal weiß, trostlos und viel zu hell. Die grelle Lampe an der Decke schien stark in meine Augen. Zwei Wachmeister in ihren seltsamen Unformen, deren Hosenlatz mich an einen Bauern erinnerte, positionierten sich neben der Tür. Darunter trugen sie ein weißes Hemd, das bis zur Elle hochgekrempelt worden war. Ihre Augen waren einmal grün und dunkelbraun. Der eine hatte eine Glatze, der andere hauchdünne, blonde Härchen.

Eigentlich wartete ich nur auf die Genehmigung, die hoffentlich rechtzeitig eintrat, bevor der Smokingträger meinem Gehirn den Garaus machte. Ich konnte und durfte nicht vergessen. Mein Kopf würde sich allein fühlen. Über wen oder was sollte ich dann nachdenken? Mir machte es zu sehr Angst, weswegen ich auch nicht still sitzen konnte, sondern ab und an im Raum umher ging. Die Augen der Wachmeister schielten mir nach. Nach wenigen Minuten verging das Gefühl beobachtet zu werden.

Ich tippte mit den Zehenspitzen auf den Boden, schwenkte mein Bein, wenn ich es über das andere gelegt hatte oder knabberte an meinen Fingernägeln. Die Wartezeit kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ob schon eine Stunde vergangen war? So lange dauerte eine Gehirnoperation? Ich konnte nicht glauben unter skrupellosen Wölfen gelandet zu sein. Sie verschlangen ihre Beute nicht sofort, sondern kauten noch wie an einem Knochen wild darauf herum.

»Bist du bereit?«, fragte einer der Wachmeister und der andere stieß heftig gegen seinen Arm. Er beschwerte sich kleinlaut. »Ich wollte nur fragen...«

Aber sein Blick ruhte noch auf mir, als sei die Frage noch immer relevant. »Mal überlegen. Mir wird in wenigen Minuten eine Gehirnwäsche verpasst, anschließend erinnere ich mich an nichts und niemanden und zum Schluss kommt der krönende Tod. Wie würdest du dich fühlen, wenn du weißt, dass dein Leben bald beendet werden würde?« Ich hörte mich so unglaublich feindselig und sarkastisch an, dass die beiden bloß schluckten und ihre Münder hielten. Es war auch besser so. Zugleich war ich wütend und bitter enttäuscht. So wie es aussah, gab es keine Rettung.

Wieder verstrich die Zeit und das Licht des grellen Raumes ertrug ich nicht länger. Wieso ausgerechnet weiß? Meine Zelle war ebenfalls so hell und nun steckte ich erneut in solch einer Räumlichkeit. War mein Operationssaal ebenso? Ich wollte nicht daran denken, wie sie mir das Skalpell an den Kopf ansetzten und die Schneide an meiner Haut vorbeistreifte. Das Blut strömte womöglich aus der klaffenden Wunde und sie schnitten meine Haare ab. Eine Gänsehaut durchzog meinen Körper, ein Ekel überkam mich, sodass sich die Haut sträubte. Ob sie mir einen Teil des Gehirns herausholten und ein anderes hineintaten? War so etwas schon möglich? Wir waren zwar weit in Sachen Gehirnforschung, aber konnte man mir andere Erinnerungen einpflanzen? Was wäre, wenn ich plötzlich die Regierung als gut empfinden würde und mich gegen meine eigentlichen Freunde stellte?

Erwidert von diesen Gedanken sprang ich vom Stuhl auf und gab einen quiekenden Laut von mir. Die zwei Wachmeister schauten sich verwirrt an.

»Ich bin müde«, gab ich offen zu und die anderen beiden kicherten. Misstrauisch warf ich ihnen ein Blick zu, als ich mich auf den Boden gesessen hatte, da mir ein Stuhl tatsächlich zu ungemütlich wurde. »Was ist so witzig daran?«

»Wir sind elendes Warten gewöhnt. Eigentlich dürfen wir nicht reden, uns nicht bewegen und müssen acht Stunden am Tag voller Konzentration sein«, antwortete mir der Rechte. Die beiden schienen Geschwister zu sein. Ihr Alter und das Aussehen waren verblüffend ähnlich. Sogar ihre Stimmen klangen gleich.

Der Linke wandte sich zu seinem Nachbarn. »Naja, nicht unbedingt acht Stunden stehen. Wir wechseln ja oft den Standort. Das vertritt die Beine.«

Ich zog eine Augenbraue nach oben. Die beiden waren waschechte Quatschköpfe. Ich konnte es ihnen jedoch nicht verübeln. Nichts anderes zu tun, als ständig irgendwelche Sachen oder Personen zu bewachen, war langweilig. »Geht es euch nicht auf die Nerven?«

Sie zuckten mit den Schultern. »Ein bisschen, aber wir wollten keine körperliche Anstrengung. Da schien uns das Bewachen von irgendwelchen Sachen perfekt zu sein.«

Ich lachte kurz. »Wenn ich versuchen würde auszubrechen, müsstet ihr euch aber körperlich anstrengen, oder?« Die beiden warfen sich erneut einen Blick zu. »Keine Sorge. Ich hau schon nicht ab.«

»Ja, aber auch das ist nur für einen kurzen Moment«, antwortete der Linke und rieb sich an seinen Stoppel am Kinn. Er blickte zu seinem Nachbarn und grinste. »Weißt du noch als wir...«

Das hatte ich ja großartig hinbekommen. Die beiden konnten nicht die Klappe halten. Wie ein ununterbrochener Wasserfall strömten ihre schnellen Wörter aus dem Mund und bald ertrugen es meine Ohren nicht mehr. Eigentlich wollte ich bloß in meiner Einsamkeit ein wenig Konversation betreiben. Schließlich blieb der Raum strahlend hell, die Wachmeister tauschten ihre Erlebnisse aus und ich saß seufzend am Boden.

Bald darauf klopfte jemand gegen die Tür. Neugierig setzte ich mich schnell auf, um meinem Gegenüber in die Augen zu blicken. Der Smokingträger kam hineingeschossen. Mir wurde ein diabolisches Grinsen zugeworfen. Die Genehmigung für keine Operation war noch nicht eingetroffen.

Ich drückte mich ängstlich gegen die Wand, damit ich noch Zeit schinden konnte. Der Smokingträger lachte verächtlich und zeigte mit seinem Zeigefinger auf mich. Die zwei Wachen kamen zimperlich zu mir und packten mich sanft an den Armen. Das Gespräch mit mir musste ihnen gut bekommen sein. Schließlich senkten sie die Köpfe und führten mich mit schweren Füßen ab. Die Jungs schindeten noch mehr Zeit.

Schließlich landeten wir vor dem Operationssaal und mein Herz klopfte wild. Dort warteten fünf weitere Personen auf mich, die einen weißen Kittel trugen und ihre Werkzeuge breit in der Hand hielten. Vor ihren Mündern befand sich ein Schutz und die Köpfe waren in eine Haube eingewickelt.

Meine Beine klapperten, die Wachen mussten mich regelrecht hineinschieben, damit ich überhaupt dem Ziel näher kam. Meine Füße schleiften über die Fliesen und mein Atem verlief unrhythmisch vor Panik. Den Rücken lehnte ich stark nach hinten, wodurch ich von den beiden Wachen gestützt wurde, die mich jedoch weiter zum Tisch schoben.

»Ich will nicht!«, schrie ich – den Tränen nahe. »Lasst mich gehen!« Der Arzt kam rasch zu mir gelaufen, bevor es eskalierte. Die Spritze landete in meinem Hals und die Beine begannen sofort zu wackeln. Ein Beben brach in mir aus. Die Angst stieg, mein Augenlicht wurde schwächer.

»Nein. Ihr dürft ... nicht ...« Mein Körper wurde auf den kalten Tisch getragen. Er war aus Metall und schepperte, als meine Arme sich noch panisch auf dem Tisch bewegten. Ich sah in grüne, blaue, gelbe und dunkle Augen. Sie alle begutachteten mich. In einigen sah ich Mitleid, in anderen puren Hass. Niemand traute sich gegen dieses Vorgehen zu streiken, obwohl jeder von ihnen die Wahl dazu hatte. Meine Hände wurden ruhiger und verloren an Kraft. Die Spitze wirkte bei mir nicht so schnell, dazu war ich zu widerspenstig. Aber mein Blickfeld wurde immer verschwommener. Das Herz verlangsamte und der Puls beruhigte sich. War das nun mein Ende? Vielleicht gab es gar keine Genehmigung und Christian wollte mich nur an eine Hoffnung klammern.

Tränen tropften auf den Operationstisch. Wieso musste es so enden? Ich dachte noch einmal an Jaidens wunderschöne, hellblaue Augen, an sein bezauberndes Lächeln, an seine Kälte, die wärmte und an den leidenschaftlichen Kuss, den ich hoffentlich, selbst nach dieser Operation, noch spürte. Mein Vater drückte sich zu meinen Erinnerungen. Jetzt vermisste ich ihn unheimlich und wollte bei ihm sein, aber wenn sich meine Augen nach der Operation öffneten, würde ich jemand anderes sein. Ob ich je wieder glücklich sein werde? War das mein Schicksal? Eine Gehirnwäsche und der danach folgende Tod? Wieso mussten die Vollblüter so unglaublich grausam zu Phynes sein?

Meine Muskeln versagten. Ich hatte gekämpft. Die fünf Personen zogen ihre Gummihandschuhe an und strichen mir über meinen Kopf.

»Normalerweise sollte sie innerhalb von zehn Sekunden schlafen«, bemerkte eine Frau und ein schwarzer Pony lugte unter ihrer Haube heraus.

»Sie kämpft erstaunlich gut gegen das Mittel an.« Jetzt schauten mich mehrere mitleidende Blicke an. Ich konnte das Lächeln der Frau unter dem Mundschutz erkennen, da sich ihre Grübchen nach oben streckten. Sie hielt die Hand an meine Wange und mein Blick haftete sich an sie. Die Lider schlugen zwar des Öfteren zu, aber das Blau in ihren Augen wurde glasig. Wenigstens durfte ich in keinen Hass blicken, wenigstens in Mitleid. Die Magier waren offensichtlich nicht alle gleich. Ob nach meinem Leben irgendwann ein Friede zwischen Vollblütern und Phynes bestand? Solange sich niemand aus den Reihen erhob, würde es ewig so bleiben.

Neben meinen Ohren ertönte der Rasierer, der sehr dumpf klang. Offensichtlich schwächelten all meine Sinne. Er setzte den Apparat an meinen Scheitel.

Ich schloss schmerzerfüllt die Augen, presste sie immer fester zu, bis plötzlich ein Knall ertönte. Meine Lider flackerten aufgeregt. Kam jemand durch die Tür geschossen? Ich wollte meinen Kopf heben und nachsehen, aber alles war zu schwer. Schließlich ertönte eine Frauenstimme und sie war mir unglaublich vertraut. Aber einem Gesicht zuordnen konnte ich sie nicht. Sie hatte etwas sehr Beruhigendes. Ich wollte mich freuen, aber meine Muskeln waren endgültig taub. Als die Stimme näher kam und lange, dunkelbraune Haare sich über mich beugten, erkannte ich grüne Augen. Die Locken waren groß und nur einzeln in ihren Haaren vorhanden. Der Rest war eher gewellt. Sie war unglaublich wütend und schlug ein Blatt Papier auf den Tisch.

Die Stimme ertönte wieder, aber nur mit viel Konzentration konnte ich den verzerrten Schall entziffern. »Ich habe es hier schwarz auf weiß, ihr verdammten Drecksschweine. Ihr wusstet genau, dass ich die Genehmigung hatte und niemand erlaubte euch die Operationen durchzuführen! Ihr habt gegen das Recht verstoßen und dafür werdet ihr alle bezahlen.«

»Frau Pecelin, wir hatten nur Befehle erteilt bekommen«, sagte der Chefarzt kleinlaut. »Herr Lautner hatte nichts von einer Genehmigung erzählt.« Ihr Kopf drehte sich zur Tür.

»Sie verdammtes Arschloch! Verschwinden sie auf der Stelle! Christian wird mit ihnen noch zu reden haben!«, brüllte sie herum und dann spürte ich eine wärmende Körpertemperatur. Pecelin ...? Wer war diese Frau nochmal? Ich konnte nicht mehr klar denken, alles wurde tauber und träger. Ihr Blick wanderte zu mir.

»Was ist mit ihr?«, fragte sie erbost.

»Keine Sorge, sie hat nur eine Narkose bekommen, die anscheinend noch nicht ganz gewirkt hat. Sie wird in zwei Stunden wieder aufwachen, wenn sie erst einmal einschläft.«

»Dieses Mädchen steht ab sofort unter meiner Obhut! Niemand darf in ihre Nähe. Das ist ein Befehl!«

»Frau Pecelin, sie verstoßen gegen ein Gesetz.«

Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen und ich spürte wie ihre Hände sich an meinen Armen wütend verkrampften. Von Schmerz war keine Spur, nur der Druck lastete auf ihnen. »Das Gesetz soll sich zum Teufel scheren. Ich bin hier Regentin und was ich befehle, wird getan. Solange Sie auf Christians Land sind, haben Sie gefälligst auf meine Befehle zu hören.«

»Jawohl, Madam.«

Vertraute, warme Arme hoben mich vom Tisch und ich hatte das Gefühl zu schweben. Die Bilder waren bei schnellen Bewegungen vollkommen verschwommen und drehten sich. Durch den Luftzug wusste ich, dass wir uns von der Stelle bewegten.

Diese Stimme ging mir nicht aus dem Kopf. Sie klang so wunderschön, beinahe wie eine Melodie, als ob mir jemand etwas vorsingen würde. Meine Angst verschwand und in ihren Armen fühlte ich mich geborgen. Meine Lider wurden letztendlich so schwer, dass ich sie nicht mehr öffnen konnte. Wenn meine Gedanken noch alle beisammen wären und ich klar denken könnte, würde mir ihre Persönlichkeit bestimmt einfallen. Das Gesicht war mir bereits bekannt, aber sie zu etwas zuzuordnen fiel mir schwer. Schließlich konnte ich nur die Ruhe in meinen Ohren vernehmen. Ein weicher Untergrund bettete meinen Körper ein und meine Hand wurde von der Frau gehalten. War da noch ein Lächeln auf meinen Lippen? Wie kam das zustande? Alles an mir schien taub zu sein.

 

27 - Erwacht

Als ich meine Augen öffnete, schien mir das dämmernde Licht ins Gesicht, das durch eine riesige Glasscheibe ins Zimmer kam. Das Fenster bedeckte die komplette Wandseite. Ich bewegte meinen Kiefer, als sei dieser für eine längere Zeit eingeschlafen. Letzte Erinnerungen strömten in mein Gesicht. Mich hatte jemand gerettet.

Meine Augen wanderten verworren nach links. Ich hatte das komplette Zimmer im Blick. Der Boden war aus einem dunklen Parkett. Die Wände wurden mit einem zarten Gold bestrichen. Die Fußleisten passten sich der Farbe des Fußbodens an und die Decke war komplett weiß. Auch wenn ich genau diese Farbe nicht mehr ertragen konnte, war die Atmosphäre sehr angenehm. Jemand hatte mich auf sein Sofa gelegt, das aus dunklem Leder bestand. Es hatte eine L-Form und den perfekten Ausblick auf die komplette Stadt Maggon. Ich sah die hohen Häuser, bemerkte, das ich noch höher war, als in meiner eigenen Wohnung und sah gerade wie am Horizont die Sonne unterging. Der Himmel war hellblau gewesen. Die Aussicht entführte mich in eine Traumwelt. Die orangene, rötliche Farbe ließ den Rand des Horizonts warm wirken. Je weiter ich mit den Augen nach oben wanderte, desto eher verblassten die warmen Farben und wurden ins hellblau gezogen. Die runde, gelbe Scheibe war nur noch zur Hälfte sichtbar. Langsam tauchte sie in den Boden und verkroch sich hinter all den hohen Häusern.

»Wunderschön, nicht wahr?« Mein Herz machte einen Sprung gegen meinen Brustkorb. Ich hatte nicht bemerkt, dass jemand den Raum betreten hatte. Schlagartig wandte ich mich zu der Stimme. Aber der Anblick versetzte mich in eine Starre.

Vor mir stand Regentin Cassandra Pecelin aus Flames.

Ihre grünen Augen leuchteten in dem dämmernden Licht. Aber die Schatten an ihren Gesichtskonturen drückten ihren Zustand aus. Sie war müde, schlagfertig und teilweise verzweifelt. Die dünne Haut wirkte nicht farbig, sondern blass. Selbst wenn ihre Aura noch immer Wärme zu spenden versuchte, war ihr Befinden ausgelaugt. Der Glanz in ihren Haaren gab die genaue Farbe preis. Ein Noisetteton schimmerte im Licht der langsam sinkenden Sonne. Fast unsichtbare Sommersprossen bildeten sich auf ihrer Nase ab. Ihre Schönheit war unvergleichlich. Sie erinnerte mich an jemanden, aber ich kam nicht auf die gesuchte Person. Von ihren Augen konnte ich erst einmal nicht ablassen. Vielleicht brachten sie mich auf die Lösung.

Sie setzte sich neben mich und schenkte mir ein Lächeln. Obwohl sie die Regentin war, ging es mir bei ihr ganz anders, als bei Christian. Wo blieb die Anspannung? Die Nervosität? Die Angst? Hier fühlte ich mich beinahe ... geborgen. Es konnte auch an der bezaubernden Atmosphäre liegen oder an dem malerischen Sonnenuntergang. Etwas ganz tief in mir wollte diesen Ort nicht verlassen. Etwas sagte mir, dass ich hierher gehörte.

»Cassandra Pecelin, richtig?«

Sie nickte. Ihr Lächeln blieb unverändert. »Du bist Jolina.« Sie schaute mich genauer an. Der Blick war besorgt und das ließ mir aufzeigen, wieso auch ihr Aussehen gequält wirkte. Sie mochte zwar lächeln, aber innerlich folterte sie etwas. Ein Seufzer entglitt ihren Lippen. Ein weiterer Hinweis dazu. »Wie geht es dir?«

Einer der schönsten Fragen, die ich seit langem wieder hören durfte. Vor zwei Tagen hatten sie mich entführt und es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Das grelle, weiße Licht im Warteraum blendete mich noch immer vor meinem geistigen Auge. Der Gedanke lenkte mich ab. Mit einem Kopfschütteln ließ ich das Bild verschwinden. »Gut.«

Ein wiederholendes, nachdenkliches Nicken drückte meine Blockade aus. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Natürlich würde ich sie mit Fragen gern überhäufen, aber vielleicht erzählte sie mir alles, ohne dass ich meinen Mund zu öffnen brauchte.

»Erinnerst du dich an heute Morgen?«, fragte sie und mich wunderte es, das die Operation so früh stattfand. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl gehabt.

Ich strich eine Haarsträhne hinter mein Ohr und zog die Wolldecke über meine Beine. »Naja, ich weiß noch wie du hineinkamst und die Ärzte angemeckert hast. Danach hast du mich fortgetragen und ich bin eingeschlafen.«

Ihr Lächeln wurde breiter und verwandelte sich zu einem Grinsen. Etwas schien sie zu amüsieren, aber es war nicht meine Aussage. Dennoch fragte ich. »Hab ich etwas Falsches gesagt?«

Sie wedelte mit ihrer Hand. »Oh nein!« Ihr Grinsen wurde wieder zum sanften Lächeln. Es war behutsam. »Du duzt mich. Ich finde es erstaunlich, dass du überhaupt keine Furcht oder Anspannung vor mir zeigst.«

Die Farbe wich mir aus dem Gesicht. Hätte ich bloß gewusst, dass sie auf solche Kleinigkeiten achtete, dann würde ich mich ganz anders verhalten. Jedenfalls ließ es eine Anspannung und Nervosität aufsteigen.

»T-Tut mir leid. I-Ich wusste nicht, das ich Sie ... äh ... du ... Ihnen...« stammelte ich. Absolute Katastrophe. Aber ihr Lächeln verwirkte selbst bei diesem Benehmen nicht. Im Gegenteil, sie lachte leise.

»Jolina, ich wäre dir böse, wenn du mich nicht duzen würdest. Du kannst mich auch mit Vornamen oder M-« Sie stoppte abrupt und sprach schleunigst weiter. »ansprechen. Fühl dich bitte wie zu Hause. Zu bist nun unter meinem Schutz  und ich werde dafür sorgen, das dich niemand in diesen Keller erneut steckt.«

Ich zog eine Augenbraue nach oben. »Sie sperrten mich tatsächlich in einen Keller?« Auf diese Frage erwartete ich keine Antwort. Grübelnd senkte ich den Kopf und biss mir zum Schluss auf meine Unterlippe, als ich Cassandra wieder anschaute. »Kann ich dich etwas fragen?«

Sie nickte und schaute mich erwartungsvoll an.

»Warum haben die mich gesucht und entführt? Wieso ich? Hatte das etwas mit meinem Vater zu tun? Christian meinte, er könnte ihn aus der Situation retten. Die Regierung will meinen Dad verklagen, weil er mich die ganze Zeit über beschützt hatte. Stimmt das?«

Ein erneutes Nicken kam mir entgegen. »Aber wie es scheint, wird es bald zu viel schlimmeren Angelegenheiten kommen und dann spielt das Urteil keine Rolle.« Ich rückte näher zu ihr. Meine Ohren spitzten sich. »Es sieht aus als gäbe es einen Krieg.« Nun entwich mir die komplette Farbe aus dem Gesicht. Mein Atem stockte. Meinte Cassandra das ernst?

»Wie? Weshalb?«

»Wir vermuten, das Pierre Lemuar auf eine Schlacht aus ist. Ihm reicht Istrien nicht. Er will die Herrschaft der anderen.«

Im ersten Moment dachte ich, ich könnte einen schlaues Gegenargument einwerfen. »Ha! Er wird keine Chance gegen uns sieben Regionen haben.«

Cassandra massierte sich die Stirn und mit ihrem bleichem Gesicht schaute sie mir in die Augen. Ihr Lächeln blieb bei diesem Gespräch verborgen. »Wenn es so einfach wäre, Jolina. Pierre ist nicht dumm. Er hatte die Werwölfe, Basilisken und Meermenschen dazu aufgestachelt ihm beizustehen. Vier Regionen werden gegen den Rest kämpfen. Deshalb bin ich hier. Ich muss einen weiteren Krieg verhindern.«

Ich überlegte scharf. »Heißt das, wir führen einen Krieg wegen einem einzigen Vollblüter?« Sie blickte kurz überlegend an die Decke und nickte schließlich zustimmend. »Wieso vernichten wir Pierre nicht einfach und dann haben wir den Krieg beendet.«

Sie schüttelte den Kopf. »Leider nicht. Pierre hat zu viele machtvolle Anhänger. Er besitzt eine unglaublich großes Heer aus Phynes. Heimlich sabotierte er die Verfrachtungen in den Regionen, schnappte sich die Beute und verschwand während des Fluges unbemerkt. Wir kamen immer mit leeren Händen an. Bis wir dahinter kamen, das er sie alle zu sich nahm.« Doch dann seufzte sie und blickte mich mehr als besorgt an. »Er hat ein Auge auf dich geworfen. Durch deinen Vater konnte er herausfinden, was du wirklich warst. Du bist sein Kronjuwel.«

Ich riss die Augenbrauen nach oben. »Wieso ich? Warum? Was soll an mir so Besonders sein?«

Sie kratzte sich am Kopf, sog ihre Lippen in den Mund und atmete angespannt aus. Sie verheimlichte etwas. »Keine Ahnung. Womöglich denkt er, dass dein Vater ein hervorragender Magier ist und du dadurch seine Gene geerbt hast. Deine Kräfte sind mächtig.« Der letzte Satz klang so sicher, als ob sie genau wüsste, welche Macht in mir ruhte. Aber ich wollte nicht näher darauf eingehen. Zu einem späteren Zeitpunkt erbot sich mir die Gelegenheit zu fragen eher.

»Naja, du brauchst aber keine Angst zu haben. Ich werde auf dich aufpassen.« Sie legte eine Hand auf meine Schulter und lächelte mich behutsam an. Der Satz hätte beinahe wie mein Vater geklungen. Er sagte auch immer, dass er mich vor allem beschützen würde und er niemals aufgab. Ihre Art erinnerte mich auch ein wenig an Kyla. Nur dieses Gefühl, das sie mir schenkte, war einfach zu tiefgründig. Es mochte eigenartig klingen, sogar wenn ich es in meinem Kopf aussprach, aber zwischen mir und Cassandra bestand eine Verbindung, die ich noch nicht verstand.

Sie legte ihre Hand auf meine Beine. »Ruh dich noch ein wenig aus. Ich muss noch etwas erledigen. Wir sehen uns später.« Mit diesen Worten verschwand sie aus dem Zimmer und ich legte mich tatsächlich noch etwas hin. Noch für einen kurzen Moment lugte ihr Kopf durch den Türspalt.

»Ach Jolina, mein Bodyguard erzählt mir, das ein gewisser ... Jaiden versucht zu dir zu kommen. Kennst du ihn?«

Ich erhob mich blitzartig. »Er ist hier? Ja! Bitte, lass ihn zu mir.«

Sie schaute mich misstrauisch an. »Sicher?«

Ich nickte eifrig. »Ja, bitte, Cassandra.« Sie seufzte und schloss die Tür. Gespannt fixierten sich meine Augen auf den Eingang. Ich schlug die Decke auf und setzte meine Füße auf den Boden. Ich traute mich noch nicht so recht zu gehen, da alles noch taub zu sein schien und die Zehen kribbelten. Ich rieb nervös am Sofa und dann sprang die Tür auf.

Vor mir stand tatsächlich Jaiden und strahlte.

Im selben Moment sprang ich auf, aber bemerkte wie gelähmt meine Beine noch waren und drohte zu Boden zu stürzen. Doch im letzten Moment fing er mich auf und trug mich auf den Armen. »Ich hab dich!«, sagte er, als er mich festhielt.

»Tut mir leid, ich bin gerade erst erwacht.« Noch nie hatte ich so gestrahlt wie jetzt. Jaidens Gesicht zu sehen, bereitete mir mehr als nur Freude. Seine Kälte drang zu mir, kühlte mich und ließ mein Herz höher schlagen. Mein Grinsen wurde breiter und ich kraulte ihn sanft an seinem Nacken. Er legte mich wieder auf das Sofa und strich über meinen nackten Arm.

»Ich hätte dir etwas zu anziehen mitbringen sollen«, sagte er und schaute mit einem misstrauischen Blick auf den Bustier und die kurze Hose.

»Schon okay. Mir ist nicht kalt. Jedenfalls jetzt nicht.« Röte stieg mir ins Gesicht und er drückte sanft meinen Kopf gegen seine Brust. Ich konnte sein Kinn spüren.

»Ich hatte solche Angst um dich. Als Cassandra dabei war dich aus dem Operationssaal zu holen, stürmten wir gerade die Etage. Christian ließ es sogar zu.«

Ich löste mich und blickte ihn entsetzt an. »Im Ernst? Dann hätte er mich erst gar nicht dort hineingehen lassen sollen.«

»Ein gewisser Herr Lautner hatte gegen seinen Befehl gehandelt. Deine Operation war längst abgeblasen.« Sein Blick fiel zum Fenster. »Er wird dir jedoch nie wieder etwas tun.« Irgendetwas hatte er mit ihm gemacht, aber ich fragte nicht nach.

Mir machte es sorgen, das Pierre hinter mir her war. Er könnte überall Anhänger positioniert haben oder andere Spitzel. Ich fühlte mich nirgends sicher, außer bei Jaiden.

»Was machen wir nun?«

Er blickte mich besorgt an und küsste mir aufs Haar. »Cassandra kümmert sich um ein Abkommen. Es entstehen immer mehr Reibungen zwischen den Leuten. Pierre hat sich mit den anderen drei Regionen zurückgezogen. Cassandra hat dir bestimmt erzählt, was zurzeit geschehen war.« Ich nickte. Auch wenn mir Pierres Grund noch nicht ganz klar war, wusste ich, dass er ausgeschaltet werden musste. Sein Wahn nach Krieg musste ein Ende finden.

»Ja. Ich habe trotzdem Angst. Jetzt hatte der Frieden achtzehn Jahre gehalten und nun soll schon wieder einer ausbrechen? Wo soll das hinführen? Es werden wieder Wesen sterben und die Leute werden in Hungernöten ausbrechen.«

Er seufzte und küsste meine Stirn. »Ich weiß. Deshalb müssen wir etwa gegen Pierre vorgehen, die anderen überzeugen sich gegen ihn zu wenden oder tatsächlich kämpfen.«

Mein Kopf sank ins Kissen und ich schloss die Augen. Am liebsten wäre ich in Jaidens Bett, Zuhause oder sogar in der Schule. In den letzten Tagen passierte zu viel. Es gab jede Menge Gefühlsausbrüche und manchmal stand ich kurz vor der Verzweiflung. In der Zelle erging es mir grausam, bis Jaiden auftauchte. Meine Finger gruben sich unter sein Shirt.

»Du bist zwar eiskalt, aber trotzdem wärmst du mich auf eine seltsame Weise.« Seine Bauchmuskeln hatten sich kurz angespannt und ließen wieder locker. Ich spürte die sechs Höcker über seiner Alabasterhaut. Meine Augen schielten zu ihm nach oben. Ein Lächeln erschien in seinem Gesicht. Anschließend schob er sich zu mir und nahm mich in den Arm.

»Das habe ich zwar noch nie gehört, aber es klingt schmeichelnd.« Mein Kopf wiegte sich in seine Schulter, sein anderer Arm umschloss meinen Oberkörper und seine Lippen berührten meine Schläfe. »Wenn du dich besser fühlst, werden wir zurückgehen. Wahrscheinlich wird Rick uns besuchen kommen. Ihm ist die Sache sofort zu Ohren gekommen.«

»Rick, dein Chef?«, fragte ich nach. Ich erinnerte mich. Jaiden erwähnte ihn ein paar Mal.

Er nickte zustimmend. »Man könnte sagen, er ist der Regent der Phynes. Wenn es nicht illegal wäre, würde es sogar stimmen.«

»Ich werde immer sehr nervös gegenüber solch mächtigen Personen. Früher waren manchmal Freunde von meinem Dad bei uns zu Besuch. Ich hatte es nicht lang ertragen dazwischen zu sitzen und über etwas zu reden, das ich sowieso nicht verstand.«

Er strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und legte seine Hand an meine Wange. Es tat so gut ihn neben mir zu spüren. Wie sehr ich ihn in den letzten Stunden vermisst hatte und mir darüber Sorgen machte, ob auch der Plan gut verlief. Letztendlich rettete mich eine Regentin. Aus welchem Grund eigentlich?

»Jaiden«, begann ich. Seine Augen wanderten vom Fenster zu mir. »Cassandra meinte, das Pierre ein Interesse an mir hegt. Sie meinte es läge an meinem Vater, aber ich will nicht so recht daran glauben. Gilt das Gesetz noch immer, das Regenten keine Kinder haben dürfen?« Ich wusste, was für einen Gedanken ich hegte, aber es war eben nur eine Idee. Die Wahrheit konnte auch ganz anders sein.

»Ja. Regenten dürfen keine Kinder bekommen. Sie werden ansonsten mit dem Tod bestraft. Vor Christian, Rachel Remington, erinnerst du dich?« Ich schielte überlegend an die Decke und versuchte den Namen zuordnen zu können. Da fiel es mir ein und ich nickte. »Sie wurde lebendig unter dem Eis vergraben. Es war Pierres Idee. Nach wenigen Minuten musste sie jämmerlich erfroren sein. Ich weiß nicht was in seinem kranken Kopf vorgeht, aber er wird von Zeit zu Zeit sadistischer und hegt eine Liebe für den Krieg.«

»Naja, bis auf Cassandra und Pierre werde in den nächsten Jahrhunderten sowieso einige neue Regenten eingestellt werden müssen. Das Gesetz sollte erlassen werden.« Er nickte mir zustimmend.

Eine Gänsehaut durchfuhr meinen Körper. Es gab Reibungen zwischen den Leuten nur wegen einem einzigen Mann, den niemand aufzuhalten wagte. Wieso nicht? Wir konnten im Team arbeiten und gemeinsam gegen ihn vorgehen. Dass Odin, der Regent von Oceanbreakers, für den Tod von Rachel war, war mir bewusst. Schließlich ähnelte er Pierre innerlich. Er war sehr machtsüchtig und sehnte sich nach Ordnung. Wenn ihm etwas nicht passte, musste derjenige bestraft oder verbannt werden. Schon damals befürwortete er alle Meinungen und Anregungen von Pierre in den Sitzungen. Die Zwei waren jedes Mal ein Dorn in den Augen der anderen. Angela Sten, die fiese Schlange. Jaiden hasste sie wie die Pest. Ihre Arroganz und Eitelkeit in vielen Sitzungen waren bestenfalls gewählt, sodass man keine andere Wahl hatte, als später über ihre Respektlosigkeit zu tratschen. Nun besaß sie auch noch einen Anhänger, der außerdem ein Phyne war. Diese Chamen handelte in ihrem Namen und das auch noch viel zu gut. Durch die Verwandlung kann sie jede beliebige Person wählen und alles damit täuschen. Warum die Werwölfe Pierres Meinung waren, wunderte mich. Schließlich sprach ich damals mit dem Regenten, Vincent Coule, persönlich. Seine Art war ein wenig stürmisch und keck, aber eigentlich erschien er mir äußerst freundlich.

Jaiden riss mich aus den Gedanken, als er begann mit seiner Nase an meiner Wange vorbei zu schleifen. An meinen Lippen blieb er stehen und drückte seine sanft auf meine. Zuerst blieb der Druck mit Bedacht, aber als wir beide mehr wollten, verstärkte er sich. Meine Hand glitt hinter seinen Kopf, sodass ich ihn näher zu mir ziehen konnte. Kalte Luft strömte aus seinen Nasenlöchern und kühlte meine glühende Haut. Das Feuer begann immer stärker zu entfachen. Mein Magen zog sich zusammen, die Aufregung löste ein unbemerkbares Zittern aus und Hitze qualmte aus meiner Nase. Unsere Lippen lösten sich kurz und fanden wieder zueinander. Manchmal war unser Kuss druckvoller oder auch zärtlicher. Mich von seinen Lippen trennen? Undenkbar! Sie waren das letzte Puzzelteil das mir fehlte. Ich wollte jemanden bedingungslos lieben können und mit ihm die schönste Zeit in meinem Leben verbringen. Bei Jaiden fühlte ich mich mehr als nur auf Wolke Sieben. Wahrscheinlich gab es dafür noch nicht einmal eine Bezeichnung. Worte für mein Befinden fand ich ebenfalls nicht. Es löste warme Schauer in mir aus, die langsam über meinen Körper glitten. Seine Berührungen spürte ich durch die Kälte noch intensiver. Die Hitze strömte aus all meinen Poren und versuchte seine Aura zu übertönen, die sich gleichzeitig zu einer angenehmen Wärme bildete, die für uns beide galt. Jaiden spürte zwar die Kälte nicht, aber er konnte einen Temperaturunterschied erkennen. Zu einer der beiden Seiten musste er tendieren.

Seine Arme glitten unter meinen Rücken und die Finger tasteten jeden Muskeln ab. Unser Kuss wurde intensiver, gefühlvoller und fühlte sich von Sekunde zu Sekunde feuriger an. Die Leidenschaft, die wir füreinander teilten, war unglaublich reizbar. Sie war wie eine Sucht von der ich nicht mehr ablassen konnte. Das war auch gut so. Die anderen Jungs wären damals bei meinem Verlangen zu einem Aschehäufchen verbrannt. Mit Jaiden, meinem Gegenstück, das mich mehr anzog als ein Magnet, konnte ich so heiß sein wie jede Lava, die unter der Erde brodelte. Seine Aura war wie ein Käfig, der sorgte, das nichts Gefährliches nach draußen dringen konnte.

Unsere Küsse wurden wilder und seine Beine umschlangen mein Becken. Seine Unterarme stützten sich jeweils rechts und links neben meinem Kopf ab. Nebenbei bettete er mein Gesicht in seine Hände. Ich durchfuhr seine Haare, kraulte ihn im Nacken und umschlang ihn fester. Als ich an seinen Schultern abrutschte, berührte ich die definierten Armmuskeln. Ich fühlte jedes ihrer Stränge. Sie waren hart und weich zugleich. Meine Finger konnten den Muskel nur leicht eindrücken und durch die Kühle wirkte er wie Stein.

Als seine Küsse sich von meinem Mund abwanden und meinen Hals hinunterglitten, entfuhr mir ein leises Aufstöhnen.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Wir beiden zuckten erschrocken zusammen und Jaiden war vom ersten Moment zum anderen vor mir verschwunden. Mein Blick wanderte zum Klopfen. Misstrauisch schaute Jaiden mich an. Er wandte sich wieder zur Tür. Seine Finger glitten nervös zum Griff.

Er lugte durch den geöffneten Spalt und schob ihn anschließend ganz auf. Cassandra trat ein.

»Es tut mir wirklich leid. Ich wollte euch beide echt nicht stören, aber ihr müsstet kurz mitkommen. Wir haben mit euch etwas zu besprechen«, erklärte sie und benahm sich völlig seltsam. Ihre Stimme war viel zu hell und in mir verschwand das tiefgründige Gefühl, sowie die Verbindung zu ihr entglitt. Mit anderen Worten, etwas roch faul.

Jaiden winkte mich mit dem Kopf zum Flur. Nervös hielt ich seine Hand, als wir nebeneinander gingen. Irgendetwas stimmte mit Cassandra nicht. Das war nicht nur so ein Gefühl.

 

28 - Ein Ende mit Anfang

Cassandra blieb sehr ruhig, während wir den Gang entlang schritten und den Fahrstuhl benutzen wollten.  Unser Ziel war das Erdgeschoss. Sie meinte, dort wäre jemand, den ich unbedingt kennenlernen müsste.

Meine Hand drückte immer fester zu. Jaiden bemerkte die Anspannung und glitt mit seinem Arm zu meiner Schulter, die er eng umschlang. Er selbst traute Cassandra nicht. Sie war so ruhig, beinahe zu ruhig.

Wir stiegen in den Fahrstuhl und sie betätigte den Knopf. Die Türen schlossen sich und der Aufzug fuhr nach unten. Verkrampft klammerte ich mich an Jaidens Arm und blickte zu ihm ängstlich nach oben. Mit einem langsamen Kopfschütteln gab ich bekannt, das uns gleich ein blaues Wunder erleben würde.

Als ich meinen Blick zu Cassandra wandte, schaute sie wie gebannt auf die Tür. Mein Magen zog sich vor lauter Aufregung zusammen. Hier roch etwas faul und am liebsten, hätte ich den Aufzug angehalten. Rechts von mir befand sich ein Spiegel. Jaidens Gesicht wirkte im Gegensatz zu mir ruhig. Aber seine Augen lauerten auf etwas.

Mein Körper bebte, als ich erkannte wie sich Cassandras Haare blond färbten. Sie waren auch glatt und hatten eine ganz andere Stufung. Ich atmete ein und hielt die Luft an. Da sprangen die Türen wieder auf. Cassandra verwandelte sich zu Chamen. Noch nie hatte ich ihre wahre Gestalt gesehen, aber es konnte wohl nur einen Formwandler geben, der mir zuvor schon das Handwerk gelegt hatte.

Aber was wir erblickten, war mehr als nur eine Überraschung. Mit einem höhnischen Grinsen auf den Lippen standen Angela Sten und Pierre Lemuar vor mir. Neben ihnen in kompletten Anzügen sein Geleitschutz. Die Gesichter der Männer wurden durch eine dunkelblaue Maske verdeckt. Wir waren chancenlos. Auch wenn sein Ausdruck im ersten Moment weniger feindselig wirkte. Chamen stellte sich neben Angela.

»Jolina Anderson«, begann der Vampir und seine Stimme klang höflich beängstigend.

»Wie konntest du hier eindringen?«, fragte Jaiden mit einem knurrenden Unterton.

Sein Blick wanderte zwar zu ihm, aber Pierre ignorierte Jaiden einfach. Als seine Augen wieder mich fixierten, wurde sein Grinsen noch breiter.

»Es ist mir eine Freude dich kennenzulernen, meine Liebe.« Sein schmeichelnder Tonfall löste eine Gänsehaut an meinem Körper aus. »Du hast dieselben Augen wie deine Mutter. Nicht wahr?«

Ich blickte ihn überrascht an. »Du kennst meine Mutter?« Inzwischen duzte ich jeden Regenten, der mir über den Weg lief. Selbst Angela, wenn sie mit mir reden würde.

Er verschränkte seine Finger ineinander und lehnte sich an die weiße Wand im Gang. Seine schwarzen Haare waren etwas länger, die vorne zurückgestrichen worden waren, aber deren Spitzen am Hinterkopf gebogen abstanden. Eisblaue Augen musterten mich mit einem solch heimtückischen Blick, dass ich ihm nicht lange standhalten konnte. Seine Augenbrauen waren von Natur aus zusammengezogen, sodass er niemals freundlich aussehen könnte. Sie formten seine Augen anders. Der böse Blick war ihm also schon angeboren. Seine Nase hatte einen leichten Hocker und schien vorne spitz zu sein. Er wirkte wie ein Mann der knapp dreißig Jahre alt war.

Angela Sten hingegen, sah wie ein Modeopfer aus. Ihre langen, blonden Haare waren gelockt und besaßen keine Stufen. Allerdings hatte sie einen glatten, ganzen Pony, der kurz vor ihren Augenbrauen endete. Er verdeckte ihre komplette Stirn. Die Augenfarbe war schwer zu definieren, weil sie von weitem wie flüssiges Gold wirkte. Die Iris war größer und im ersten Moment als ich misstrauisch wirkte, wurde die Pupillen zu einem senkrechten Schlitz. Vor ihr musste ich keine Angst haben. Ethan meinte, er hätte Angela bei ihrer Verwandlung damals gesehen. Sie sei klein. Sprich, keine Gefahr.

»Oh! Ich kenne sie sogar sehr gut. Hat sie dich nicht aufgeklärt? Hat deiner Daddy mit dir nicht darüber geredet, welchen fatalen Fehler sie begannen hatte. Mit ihrer Entscheidung hat sie sich zum Tode verurteilt und dir ein sehr erbärmliches Leben geschenkt.«

Ich dachte nach. Wer könnte es sein? Könnte meine Vermutung stimmen? Ich war mir nicht sicher, denn Regenten durften keine Kinder bekommen. Aber die Beschreibung passte nur auf eine Person, die es gab. Es war ... Cassandra Pecelin. Meiner Mutter? Meine leibliche? Wie? Wieso ließ sich mein Vater darauf ein? Hatten sie sich damals wirklich geliebt? Deswegen sprach er von ihr nicht so oft und gern. Wenn er aus Flames kam, war er depressiver denn je und trank noch mehr Alkohol. Wenn ich auf einem Stuhl säße, läge ich vermutlich auf dem Boden. Die Wahrheit riss mich vom Hocker.

»Anscheinend wusstest du es wirklich nicht. Aber Cassandra hatte immer dafür gesorgt, dass niemand die Wahrheit erfuhr. Vor mir blieb aber nichts geheim. Durch einen dummen Fehler fand ich es schließlich heraus. Doch niemand wollte Cassandra zum Tode verurteilen und deshalb ist es mit ein Grund, dich ihr wegzunehmen!«

Jaiden stellte sich schützen vor mich. »Da musst du erst an mir vorbei«, sagte Jaiden in einem eiskalten Ton.

Angela lief einige Schritte zurück und mit einem Sprung verwandelte sie sich in eine riesige Schlange. Ihr Kopf hing an der Decke, die gerade mal knappe drei Meter hoch war. Und das war nur ein Drittel ihres restlichen Körpers. Die Haut war so Gold wie ihre eigenen Augen und schimmerte im Licht. Es sah beinahe so aus, als würde sich die Farbe verflüssigen. Sie ähnelte vom Körperbau einer Anakonda. Der Kopf war allerdings etwas gefüllter als der eigentliche Schädelaufbau einer Schlange.

»Komm ruhig, Junge. Vor dir habe ich keine Angst!«, zischte Angela und Pierre hielt sie zurück, indem er seine Hand ihr schlagartig entgegenstreckte. Ihre gespaltene Zunge lugte für einen Moment aus ihrem Mund.

»Wir wollen dies hier ohne Gewalt lösen, Angela. Beruhige dich. Schließlich habe ich noch so viele Fragen an unsere kleine Regentin.«

Wie sich das anhörte: Regentin Jolina Anderson. Das passte nicht, auch wenn er auf eine unbestimmte Weise Recht behielt. Laut Gesetz dürfte ich eigentlich nicht existieren und hätte auch keine Erbrechte.

»Was willst du von mir?«, fragte ich misstrauisch und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Sein höhnisches Grinsen verflog einfach nicht aus seinem Gesicht.

»Ich will deiner Mutter etwas Gutes tun, indem ich dich mitnehme.«

»Und dann?« Ich biss mir auf die Unterlippe und ballte eine Faust. »Mich knebeln? Gefangen nehmen? Foltern?«

Er zog seine Augenbrauen noch weiter zusammen, sodass sich kleine Falten auf der Stirn zeigten. Er bewegte seinen Zeigefinger hin und her. »Aber, aber...Lediglich würde ich dich als meinen Sondergast bezeichnen.«

»Und wenn ich sage, dass ich hier bleibe?«, entgegnete ich und Jaiden ging leicht in die Knie, als wollte er jeden Moment angreifen.

Pierres Alabasterhaut funkelte im Licht. »Dann werde ich es auf die harte Tour versuchen müssen.«

Angela zischte erfreut und tatsächlich schien sie zu grinsen. Sie schritt auf uns zu und Jaiden drückte mich ganz hinter seinen Rücken.

»Ich warne euch«, flüsterte er knurrend.

»Jolina, wir müssen es nicht auf die harte Tour tun. Du willst doch deinen Freund nicht gefährden. Der Klügere gibt nach.« Pierre hatte anscheinend wirklich Interesse an mir. Aber ich glaubte, das noch viel mehr dahinter steckte, als nur meine Macht von der meine Mutter sprach.

Mein Herz sprang aufgeregt gegen meinen Brustkorb und mein Atem wurde unregelmäßig. Mein Dämon wollte aus mir explodieren und sofort zur Abwehr raten. Jaiden würde nicht gegen zwanzig Männer, sowie zwei Regenten ankommen. Wieso kam uns eigentlich niemand zur Hilfe? Hatte Pierre davor alle aus dem Weg geräumt? Er war cleverer als ich dachte.

»Was ist nun? Denk an deinen Freund.« Natürlich hatte ich keine Wahl. Sie würden Jaiden töten. Im Kampf konnte ich nicht viel anrichten, dazu wurde ich nicht anständig ausgebildet. Das Einzige, was auch mein ganzes Leben geprägt hatte, war Verstecken. Weglaufen oder in Deckung gehen rettete nur in den meisten Fällen mein Leben. Ich hatte Angst, mein Körper zitterte und Jaiden wusste es. Aber bevor noch etwas Schlimmes passierte, wollte ich den Mund öffnen und ihm sagen, dass ich nur mitgehe, wenn er Jaiden in Ruhe ließe.

Mir vorzustellen, das Jaiden sein Leben aufs Spiel setzte, versetzte mich in eine höllische Angst. Die Situation schien trotz meiner vielen Gedanken, keine Ausweichmöglichkeit zu sehen. Durch mein starkes Gefühl riet mir mein Gewissen auf Pierres Vorschlag einzugehen. Wenn ich eine Entscheidung treffen müsste zwischen meinem Leben und das von Jaiden, würde ich keine Sekunden lang zögern und mich für seines Entscheiden. Meine Gefühle zu ihm waren mittlerweile unbegrenzt und so stark, dass ich nicht mehr leben könnte. Aus mir würde eine leere Hülle werden, dessen Existenz nur noch aus meinen Sinnen bestand. Gefühle spielten dabei keine Rolle. Etwas das leer war, konnte auch nicht leben, bloß existieren.

Aber plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Bauch, die mich heftig, dennoch nicht gefährlich, in den Fahrstuhl zurückstieß. Mein Hintern fiel zu Boden und der Kopf prallte gegen die Metallwand im Aufzug. Ich rieb mich an der schmerzenden Stelle und sah wie die Tür langsam zu schließen drohte. Jaidens Blick ruhte auf mir. Der Geleitschutz stürmte auf ihn zu. Aber selbst meine schnelle Reaktion war zu langsam, um das zu verhindern. Die Türen waren schon geschlossen, als ich versuchte sie wieder gewaltsam zu öffnen. Der Aufzug fuhr nach oben.

»Jaiden!«, schrie ich verzweifelt und hämmerte gegen das Blech. Aber der Fahrtsuhl blieb nicht stehen. Dann wandte ich mich panisch zu den Knöpfen und drückte wieder die Erdgeschoss Etage. Allerdings fuhr er erstmals die kompletten vierzig Stockwerke nach oben. Erst dann hatte ich die Chance wieder nach unten zu fahren.  

Seine hellblauen Augen schwebten noch vor meinem geistigen Auge. Wie konnte er bloß? Ich wusste, dass er mich nur beschützen wollte, aber nun hatte ich Angst, dass er längst tot sein könnte. Gegen so viele Männer konnte er nicht gewinnen. Nicht gegen Pierre.

Wie wild drückte ich auf den Knopf, aber lediglich machte er nichts anderes, als an- und ausgeschaltet zu werden. Die Vorstellungen, das Jaiden nun tot sein könnte, zerriss mich innerlich. Tränen überliefen meine Wange und meine Fäuste rutschten an den Türen nach unten. Die Knie fielen zu Boden. Er hätte das nicht tun dürfen!

Als ich das dreißigste Stockwerk erreicht hatte, waren längst mehrere Minuten vergangen. Jedenfalls kam es mir so vor. Mit den Händen stützte ich den Oberkörper ab. Die Tränen tropften auf meine Oberschenkel.

Ich erreichte die vierzigste Etage und die Türen klappten auf. Inzwischen hatte ich meine Tränen getrocknet und mich wieder auf zwei Beine gestellt. Ich torkelte aus dem Aufzug und befürchtete im Erdgeschoss das Schlimmste. Er konnte ihnen unmöglich entkommen sein.

Während ich durch die Gänge schritt und nicht wusste, ob ich nun doch wieder umkehren sollte, hörte ich ein Schleifen auf dem Boden. Es kam immer näher und das Geräusch ertönte schon einmal in meinen Ohren. Aus Angst blieb ich stehen und blickte hinter mich.

Angela stand mit ihrer bestialischen Schlangenform vor mir.

Sie zeigte ihre Zunge, fixierte mich mit ihren senkrechten Pupillen und erhob ihren gigantischen Kopf. Hatte Ethan nicht gemeint, Angela wäre klein? Oder definierte er diese Größe als unzureichend? Wie würde dann ein großer Basilisk aussehen? Warum sollte solch jemand Regentin werden?

»Schön dich zu sehen, Jolina. Ich wollte dich gerade abholen kommen«, zischte sie laut und klang dabei angriffslustig.

»Wo ist Jaiden?«, schrie ich wütend und ballte dabei meine Fäuste. Rote Augen zeigten sich und meine Fingernägel wurden zu scharfen Instrumenten.

»Der Phyne?« Ich schluckte. »Ausgelöscht.«

Nein! Das glaubte ich nicht. Jaiden durfte nicht tot sein, auch wenn alles dafür sprach. Ich musste wieder zum Aufzug, um mich selbst zu vergewissern, dass er noch lebte. Trotzdem klappte mir der Kiefer hinunter, meine Augen weiteten sich und die Schlange grinste.

»Pierre hatte ihm, wie es sich für einen Vampir gehörte, den Kopf abgerissen.«

»Das glaube ich nicht«, stammelte ich. Wut und Verzweiflung stiegen in mir auf. Auch wenn ihre Worte glaubhaft klangen und ich wusste, das Pierre sehr stark war, zweifelte ich das Jaiden tot war. Er hätte doch nicht sein Leben für mich gelassen, oder? Eher wäre ich auf Pierres Vorschlag eingegangen und könnte damit leben, dass es Jaiden gut ging. Jetzt zu erfahren, dass ihn jemand den Kopf abgerissen haben sollte, war unvorstellbar.

Angela stand noch immer vor mir und amüsierte sich darüber, dass in mir alles brodelte. Aber irgendwann riss ihre Geduld und sie kam auf mich zu. Das Schleiften betäubte mich. Meine Beine waren wie verankert. Das Beben verstärkte sich.

»Du läufst ja gar nicht davon, Jolina«, bemerkte sie und ihr Schlangenkörper stand nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt. »Es wundert mich eigentlich. Ich hatte gedacht du wärst taffer.«

Meine Fingerknochen knacksten, als ich angespannt meine Fäuste ballte. In meinem Augenwinkel sah ich wie sich die Farbe meiner Haare änderte. Ein blutiges, leuchtendes Rot schlich sich langsam zu all meinen Strähnen. Ich hatte nur eine Chance und ich hoffte, dass sie funktionieren würde. Mein Vorteil war die Schnelligkeit. Genau wie die Meermenschen an Land oder Harpyien am Boden waren Schlangen genauso langsam. Das Zuschnappen und ihre Gifte reagierten jedoch schnell.

Meine Augen beobachteten ihre Bewegungen und ich prägte mir mein Ziel ein. Dass die Hände zu Fäusten geballt waren, war Absicht. Dadurch konnte ich schneller Hitze anstauen.

Gerade als Angela mit ihrem Schwanz nach mir schnappen wollte, wich ich ihr aus und sprang mit einem schnellen Satz zu ihrem Gesicht. Meine Hände drückte ich auf ihre Augen. Die Tränenflüssigkeit trat aus und meine Arme waren bis zu Elle darin getränkt worden. Die Flüssigkeit, die austrat, war zu enorm. Sie schrie auf und versuchte durch heftige Kopfbewegungen mich von ihr abzuwimmeln. Ich ließ freiwillig los.

Anschließend sprang ich in den Aufzug und fuhr die kompletten Stockwerke hinunter. Mein Bauch zog sich zusammen und ich hatte die Befürchtung, tatsächlich das zu sehen, was Angela sagte.

Ich biss so heftig auf meine Lippe, dass ich irgendwann Blut schmeckte. Tränen wollte wieder in meine Augen fließen, aber ich verhinderte es, indem ich tief einatmete und die Aufzugtüren aufspringen ließ.

Vor mir lag der komplette Geleitschutz. Ob sie alle tot waren? Zitternd hockte ich mich zu einem von ihnen und suchte nach der Todesursache. An ihrem Hals fand ich eine tödliche Bisswunde. Jaiden tötete so seine Feinde.

Aber andere starben durch einen Genickbruch oder eine heftige Kopfverletzung. Von Jaiden war keine Spur. Ich atmete erleichtert auf. Trotzdem bebte alles zu sehr an mir, sodass sich meine Muskeln in den Waden verkrampften. Das Haus war wie ausgestorben. Vielleicht landete ich auch einfach nur in den falschen Etagen.

Nun wusste ich nicht, wie ich ihn finden sollte. Jaiden konnte nicht weit sein. Ob er noch Pierre jagte? Jedenfalls hatte Angela gelogen, Jaiden musste leben.

Meine Beine wurden schneller. Ich flitzte durch die Gänge, stürmte in leere Räume und tatsächlich kam ich zum Entschluss, dass das komplette Erdgeschoss wie ausgestorben war. Wo waren denn alle?

Als ich die Hintertür fand, stürzte ich auf die Betonstraße und mein Blick fiel zum dunklen Himmel, auf ein großes Flugzeug, das auf dem Dach des Gebäudes andockte. Was zum Teufel ...? War das vielleicht ein Flugzeug aus Flames? Ob mein Vater eingetroffen war? Die Idee war zwar weit hergeholt, aber mir wäre jeder Gedanke recht, der mich hoffen ließ. Jaiden war verschwunden, genauso wie Cassandra oder Christian. Sogar meine Feinde, Angela, Pierre und Chamen ließen sich nicht mehr blicken. Bei diesem Gedanken versuchte ich genauer das Flugzeug zu inspizieren. Mehr als die riesigen zwei Propeller und den Bauch davon, konnte ich nicht sehen. Das Regierungsgebäude hatte seinen eigenen Start- und Landeplatz. Allerdings nur für bestimmte Maschinen.

Schließlich stürmte ich wieder hinein und lief zum Fahrstuhl. Mein Herz pumpte immer mehr Blut in meine Adern. Die Hitze staute sich in meinem Kopf. Nervös dribbelte ich auf dem Boden und wartete bis ich das Dach erreichte. Doch der Aufzug blieb auf der Hälfte des Weges stehen. Die Türen öffneten sich.

Ein Mann betrat den Fahrstuhl und lächelte mich bloß schweigend an. Er drückte auf die Erdgeschoss-Taste. Aber der Aufzug fuhr zunächst nach oben.

Es tat gut jemanden neben sich stehen zu haben, der anscheinend nichts von der Lage mitbekommen hatte. Am liebsten würde ich die letzte halbe Stunde auch vergessen und oben bei Cassandra sein. Sich mit meiner Mutter zu unterhalten, beruhigte mich, als ob sie schon immer bei mir gewesen wäre. Wenn ich mir ihr Bild vor meinem geistigen Auge hervorrief, konnte ich zum ersten Mal Ähnlichkeiten mit ihr erkennen. Die grünen Augen, die Haarfarbe und das Lächeln. Ihre Stimme klang sehr vertraut und tröstend. Warum sprach mein Vater über sie so schlecht? Ich hatte mir ein Monster als Mutter vorgestellt, mit der ich nie etwas zu tun haben mochte. Aber sie war das Gegenteil. Jedoch wurde mir der Grund klar, warum meine Eltern sich trennten. Wahrscheinlich hätten sie meine Mutter umgebracht. Denn ewig blieb ich kein Geheimnis. Schon jetzt kannte Pierre die Wahrheit und auch Angela. Warum beide dennoch so ein großes Interesse hegten, verstand ich noch immer nicht.

»Sie fahren auf das Dachgeschoss?«, fragte der Mann neben mir, den ich schon beinahe, wegen meiner Versunkenheit, vergessen hätte. Ich fand es auch merkwürdig, dass er mich wegen meiner Kleidung nicht schief anstarrte.

»Äh!« Ich wurde nervös. »Ja! Dort wartet jemand auf mich.« So falsch klang meine Antwort gar nicht. Ich hoffte schließlich, dass mich dort mein Vater erwarten würde. Es war eine Menge Zeit vergangen seit ich ihn das letzte Mal in die Arme nahm, geschweige denn, sah.

Der Mann schwieg weiterhin und ich erreichte die Endstation. Mit einem langen Ausatmen und angespannten Muskeln verließ ich den Aufzug und trat auf den hellen Betonboden auf. Ich drehte mich zu dem Herrn um und er warf mir ein Lächeln zu, bevor sich die Türen wieder verschlossen. Je näher ich dem Flugzeug kam, desto lauter wurden die Motoren. Hinter einer Mauer duckte ich mich und spähte beobachtend hinüber. Es war kein Flugzeug aus Flames. Pierre und Angela standen davor. Ihre Schlangengestalt war verschwunden und ich sah keinen Jaiden. Wo steckte er bloß?

Schmerzerfüllt kniff ich die Augen zusammen. Nein! Er lebte!

Meine Augen wanderten zur Fracht, die auf das Flugzeug eingeladen wurde. Die Form der Maschine erinnerte mich an einen Marienkäfer. Im Kopf saßen die Piloten. Der restliche Körper war rund und gewölbt. Der Bauch war flach und das Flugzeug stand auf vier Rädern. Seltsame Modelle. Angetrieben wurde es von zwei riesigen Propellern, die jeweils rechts und links am Körper eingebaut worden waren.

Eine Lucke am Bauch wurde zu einer Ladefläche und es wurden große, sowie auch kleine Kisten eingelagert. Was für eine Fracht könnte das sein? Die Neugierde brannte in mir. Aber die Angst war größer und deshalb blieb ich feige hinter der Mauer sitzen. Mein Gesäß plumpste zu Boden. Ich schloss betrübt die Lider und zog die Beine an mich. Meine Stirn lag auf den Kniescheiben.

Wo war meine Mutter? Wo war mein Vater? Wo war der Rest? Es konnte doch nicht möglich sein, dass sie alle verscheucht wurden. Entmutigt seufzte ich.

Als meine Haare und die Augen wieder die Normalität erreicht hatten, kniete ich mich mit dem Bauch zur Mauer und wagte einen weiteren kurzen Blick hinüber. Pierre und Angela waren verschwunden. Ich hatte doch nur wenige Minuten nicht hingesehen und dann verschwanden sie erneut? Aber zu wissen, dass sie überall sein konnten, verängstigte mich. Mich verunsicherte ihre Abwesenheit und nervös kratzte ich die Mauerfarbe ab. Die Männer mit Masken luden auch nur noch wenige Kisten auf das Flugzeug. Sie scheinen bald wieder zu verschwinden. Vielleicht suchten sie mich und gaben es bald auf.

Trotzdem blieb Jaiden noch immer verschollen. Wenn er damals mein Handy nicht zerstört hätte, könnte ich ihn versuchen zu erreichen.

Mein Herz klopfte wild, als mir wieder Angelas Aussage in den Sinn kam. Pierre hatte ihm, wie es sich für einen Vampir gehörte, den Kopf abgerissen. Nein, nein, nein! Ich schüttelte heftig den Kopf und versuchte den abscheulichen Gedanken zu verdrängen. Ich durfte nicht schwach werden. Erst wenn ich seine Leiche sehen würde, würde ich Pierres Kopf abreißen und ihn vor seinem Volk vor die Füße werfen. Ich würde jemand anderes werden. Zwar wäre ich rachsüchtig und wahrscheinlich vollkommen von diesem Gefühl eingenommen, aber für etwas anderes, würde sich mein Leben nicht lohnen. Auch Angela würde büßen, alle, die meine Feinde waren. Schon jetzt brodelte die Wut in mir. Aber meiner Überzeugung fehlte der Beweis für Jaidens Tod. Er lebte und ich würde ihn solange suchen, bis ich ihn gefunden hatte.

Meine Fäuste ballten sich geladen und ich hatte das Gefühl, das meine Haare zu lodernden Flammen geworden waren. Auch meine Haut sonderte einen kaum bemerkbaren Dunst ab. Mein Herz beschleunigte, die Adern pulsierten und mit einem kräftigen Schlag, presste ich meine Hand in den Boden. Der Untergrund hatte eine kleine Wölbung, auch wenn er aus Beton bestand. Ich fuhr mit den Fingern über die Risse und zog ein Stück aus dem Boden.

Plötzlich zuckte ich zusammen, als meine Augen ein Bruchstück des Betons und meine Hand nicht sahen. Schockiert ließ ich es fallen und drückte mich ängstlich gegen die Wand. Was zum Teufel passierte hier?

Abrupt erhob ich mich, vergaß, dass mich andere nun eigentlich sehen konnten, aber wie es aussah, war alles an mir verschwunden. Sozusagen unsichtbar.

Ich atmete hechelnd die Luft ein und versuchte mich zu beruhigen. Ich spürte wie ich die Hand schüttelte, konnte sie jedoch nicht mit meinem Auge nachvollziehen. Was geschah mit mir? War das Zauberei eines Magiers? Nein. Die hätte ich sofort gespürt.

Aufgeregt lief ich auf und ab und behielt die Männer im Auge, die sorglos die Fracht weiter auf das Flugzeug transportierten. Bevor ich zu schreien drohte, presste ich meine Hände gegen den Mund und kam hinter der Mauer hervor. Ich musste wissen, ob ich tatsächlich völlig unsichtbar war.

Mit kleinen, langsamen Schritten bewegte ich mich auf die vielen Leute zu. Keiner würdigte mich eines Blickes. Alle kümmerten sich um ihre eigenen Angelegenheiten. Sie sahen mich tatsächlich nicht! Aber wie war das möglich? Könnte es denn tatsächlich sein, dass ...?

Sie hatten überall große Leuchten aufgestellt, damit man überhaupt etwas in der Dunkelheit sah. Ich hatte dadurch den kompletten Überblick.

Ich räusperte mich leise und schlich wie eine Katze auf Raubzug zum Flugzeug. Meine Füße betraten geräuschlos die Ladefläche. Ein Mann kam mir entgegen, er war hautnah. Wie angewurzelt blieb ich stehen und hielt mir weiterhin den Mund zu. Er lief jedoch an mir vorbei und begann sorglos zu pfeifen.

»Nur noch vierzig Ladungen!«, rief ein älterer Mann, in dessen Hände sich ein Schreibrett und einige Blätter befanden. Er markierte jede einzelne Fracht.

Unbemerkt stellte ich mich hinter ihn und las in seinen Unterlagen.

 

1. Manuel Sauer. Harpyie, Dämon. Verladen.

2. Miriam Kellner. Vampir, Meermensch. Verladen.

3. Frederick Wimber. Harpyie, Basilisk. Verladen.

4. Finn Fletscher. Werwolf, Meermensch. Verladen.

...  

 

Ich versuchte dabei die Luft anzuhalten, um nicht vollkommen in Panik zu geraten. Hieß das, in den Kisten waren lebendige Wesen? Oder waren es alles Tote? Ich schluckte und mein Körper zitterte so heftig, das ich aus Vorsicht ein Stück von dem Mann zurückschritt. Trotzdem konnte ich noch in seine Unterlagen sehen. Aber die Liste war noch lang. Er blätterte kurz um und ich las den Namen Fine Bright. Mein Herz machte einen Satz gegen meinen Brustkorb. Oh nein! Wie konnte Fine bloß gefangen werden? Meine Augen rutschten zu den nächsten Wörtern. Magier, Meermensch. Sie war es. Ich war mir so sicher. Es konnte nicht anders sein. Ihr Name war noch nicht abgehakt und käme erst nach zwanzig weiteren Phynes. Bevor ich jedoch den Weg der Verfrachter folgte, merkte ich mir die Zahl 32. Es war Fines Zahl. Mir war aufgefallen, dass jede Kiste ihre eigene Nummer hatte.

Ich schluckte ein letztes Mal, bevor ich einem der Männer schleichend folgte. Sie liefen wenige Treppen hinunter, durchliefen zwei Gänge und alles schien so still wie im Erdgeschoss zu sein. Die Panik in mir beruhigte sich dadurch, dass ich nun eine neue Aufgabe hatte und mich darauf konzentrieren musste. Auch wenn ich wusste, dass ich unsichtbar war, wurde ich das Gefühl nicht los, dass mich jemand bemerkte.

Die Männer liefen durch eine Tür, die in ein riesiges Lager führte. Hier hätte mindestens dreißig Mal mein Zimmer hineingepasst. Selbst das war schon groß. Es standen nicht mehr viele Kisten da und jede war nach der Zahlenordnung aufgestellt. Es war leicht Fine zu finden.

Vor der Nummer 32 blieb ich stehen. Als der Mann verschwand und in wenigen Sekunden der nächste kommen würde, klopfte ich gegen die sarkophagartige Kiste. Aber nichts kam zurück. Sie mussten schlafen. Ganz sicher, den ihr Herz schlug leise, als ich mein Ohr an die Kiste hielt.

Ich horchte nach Schritten, aber es blieb still. Ich ließ mir ein wenig von meiner Dämonin helfen und konnte Fine aus der Reihe ziehen. Damit die Lücke nicht auffiel, stellte ich Nummer 33 und 31 näher zusammen.

Anschließend wollte ich mir gerade Fine schnappen und die andere Tür benutzen, als Schritte im Lager ertönten. Wie angewurzelt blieb ich stehen und mein Herz schlug gegen meinen Hals. Meine Augen suchten den Verfrachter und er nahm sich gerade Nummer acht unter die Arme. Er pfiff unbesorgt und setzte zum Rückweg an. Wussten diese Leute eigentlich was sie transportierten?

Bevor der nächste Verfrachter kam, drückte ich mir die Kiste von Fine an meine Brust und schlich zur anderen Tür. Dort stieg ich eine kleine Treppe hinauf. Mein Blick wanderte am Ende des Ganges zu den zwei Richtungsmöglichkeiten. Rechts war eine Sackgasse. Aber links konnte ich den Gang weitergehen. Ich wusste nicht, was hier betrieben wurde, aber es sah so aus, als ob auch diese Etage leer war. An einer Tür lauschte ich nach Geräuschen oder Gesprächen, aber es blieb weiterhin still.

Vorsichtig öffnete ich die Tür, mein Körper bebte dabei. Mit einem kurzen Blick landete ich in einem Krankenzimmer. Perfekt! Hier war niemand, bloß einige medizinische Geräte und ein Badezimmer. Langsam legte ich die Kiste auf den Boden und schloss schleunigst die Tür. Mit wenigen Schlägen und Tricks, konnte ich die Kiste wie bei einem Sarkophag öffnen.

Ich sog schockiert die Luft ein. Tatsächlich lag Fine darin, aber ihr kompletter Körper, ja selbst die Haare, waren eingefroren. Wie war das möglich? Eine neue Technik? Sie schien zu schlafen, ihr Herz schlug noch. Doch sobald ich ihre Haut berührte, schien diese durch einen mächtigen Zauber gelähmt worden zu sein. Also keine Technik, sondern ein sehr außergewöhnlicher Zaubertrick. Wer war im Stande diesen auszusprechen und vor allen Dingen zu vollenden? Wieder Fragen auf die ich keine Antwort hatte. Aber diese sollten mich nicht stören.

Ich hob sie aus der Kiste und legte sie auf das weiche Bett. Wie konnte ich den Zauber von ihr nehmen? Vielleicht war das auch nicht nötig, denn warme Decken und eine aufgedrehte Heizung würde es ebenfalls bringen.

Meine Idee schien mir plausibel genug zu sein und somit verfolgte ich den Plan. Ich schloss vorher noch die Vorhänge und drehte die Heizung ganz hoch. Anschließend nahm ich die Decken vom anderen Bett und legte sie ebenfalls über ihren kalten Körper. Es musste funktionieren. Für einen Gegenzauber war ich zu schwach. Ich hielt meine Hand an ihre Wange und meine Haut brannte ein wenig. Es fühlte sich an, als ob ich sie in einen Beutel mit Eiswürfel steckte.

Jedenfalls schlug ihr Herz und sie schien zu atmen. Zuletzt strich ich ihr eine Strähne zurück.

In Schubladen suchte ich nach einem Stift und einem Blatt Papier. Das Schreibwerkzeug fand ich, allerdings nichts, um etwas aufschreiben zu können. Auch wenn es vielleicht nicht gerade einfallsreich war, schrieb ich auf ihren Unterarm eine Nachricht. Darauf stand sie solle sich bei ihrem Erwachen sofort zu Cassandra oder Christian begeben. Ansonsten solle sie niemanden trauen, nur ihren eigenen Leuten. Zum Schluss schrieb ich noch meinen Namen darunter, damit sie wusste, wer sie aus dem Sarkophag gerettet hatte.

Als ich aus dem Zimmer verschwinden wollte, blickte ich noch einmal zurück. Die Heizung und die warmen Decken waren meine letzte Hoffnung den Zauber zu beenden. Ansonsten müsste sie Christian finden. Der hatte bestimmt einen Gegenspruch für solche Sondertricks.

Im Flur herrschte noch immer Stille. Keine Seele ließ sich blicken, optisch gesehen, sogar nicht mal ich. Leise schlichen meine Füße über den Fliesenboden und wanderten zurück in den Lagerraum. Ob sie bald merken würden, das Fine fehlte? Verdammt! Daran hatte ich nicht gedacht. Was nun?

Panisch beobachtete ich die Verfrachter. Sie waren schon bei Kiste 25. Es wurde knapp. Aber um die Kiste 32 zu fälschen, musste ich versuchen ein ähnliches Gewicht wie Fine in den Sarkophag zu stopfen.

Mein Plan ging nur auf, indem ich wieder zurück lief und das nötige Material dafür zusammensuchte. In anderen Zimmern fand ich Geräte, die schwer genug waren und ein paar Decken, damit es in der Kiste nicht rumpelte. Außerdem brauchte ich ein paar Werkzeuge, um die Klappe zu reparieren. Einige Dielen hatten Dellen.

Es brauchte seine Zeit und deshalb wurde alles andere sehr knapp. In Fines Zimmer wurde es richtig warm und ich hatte das Gefühl, das ihr Gesicht farbiger wurde.

Ich hüllte die schweren Sachen in die Decken ein und schmiss sie schnell in die Kiste. Durch meine Dämonin war es mir möglich zehn Mal so schnell zu arbeiten und die richtigen Punkte zu treffen, um das gebogene Holz gerade zu biegen.

Nach wenigen Minuten war ich dann fertig und merkte selbst, dass ich ein wenig mit dem Gewicht übertrieben hatte. Die Kiste war noch schwerer als davor. Aber in wenigen Schritten hatte ich die Lagerhalle erreicht und sah, wie der Mann gerade Nummer 31 mitnahm. Das war wirklich knapp. Bevor der Nächste kam, flitzte ich wieder zu den Kisten und stellte den immer noch etwas demolierten Sarkophag in die richtige Reihe. Ich seufzte erleichtert, als ich es geschafft hatte. Gespannt wartete ich auf den Verfrachter.

Er kam pfeifend angelaufen und schnappte sich Nummer 32. Er blieb jedoch stehen und stellte sich die Küste vor die Füße. Mein Puls schoss ängstlich in die Höhe. Er durfte es nicht bemerken.

Seine Augen inspizierten die Dellen und er prüfte das Gewicht, indem er die Kiste in die Luft hob. Sein Blick war misstrauisch. Die Finger fuhren über die kaputten Stellen.

Ich begann zu schwitzen und versuchte meinen Atem zu regulieren, bevor er noch mein Keuchen hörte. Durch sein langes Zögern, kam schon wieder der zweite Verfrachter. Er bemerkte den anderen und dessen misstrauischen Blick.

»Alles in Ordnung?«, fragte er und ich biss mir nervös auf die Lippe. »Sieht ziemlich demoliert aus.«

Der Kistenträger nickte und hob sich Fines Sarkophag unter den Arm. »Die können einfach nie anständig damit umgehen. Die Kiste ist wohl hingefallen. Das erkennt man an den Wölbungen des Holzes.«

Was für ein Dummkopf! Offensichtlich musste ich die richtigen Stellen getroffen haben. Er lief pfeifend weiter und am liebsten wäre ich vor Erleichterung zu Boden gesunken.

Ich folgte Nummer 33 und landete wieder am Flugzeug. Es war viel voller als vorher. Frederick und Finn wollte ich auch noch helfen, aber die beiden waren bereits an Bord. Der Mann stand noch immer da, seufzte und tippte nervös mit den Fußballen auf den Boden. Ich stellte mich unbemerkt zu ihm und hatte nun einen besseren Überblick auf die Liste. Die restlichen Namen waren mir alle nicht bekannt und dennoch würde ich gerne jedem das Leben retten. Doch ohne eine Unterstützung war es nutzlos.

Aber mein Magen zog sich erst recht zusammen, als Angela und Pierre aus der Richtung des Lageraumes kamen. Sie begutachteten die Situation, erblickten jeden, außer mich. Mir rutschte dabei beinahe das Herz in die Hose. Die Unsichtbarkeit konnte also jeden täuschen. Sogar zwei Regenten. Aber wieso konnte ich mich überhaupt unsichtbar machen? War das eventuell mein Final?

Mir war auch dabei aufgefallen, die Gegenstände, die ich in die Hand nahm, wurden ebenfalls im Bereich meiner Berührung unsichtbar. Ich kam zum Entschluss, dass eine verschleierte Aura meinen Körper versteckte. Es war wie ein massiger Anzug, der eine dicke Schicht besaß und auch somit meine Kleidung mitverschwinden ließ. Mir kam auch der Gedanke, dass wenn ich dieses Final trainieren würde, die Schicht sich ausdehnte und die Unsichtbarkeit auf jemand anderen übertragen werden könnte. Aber noch eine viel wichtigere Frage blieb offen, wie konnte ich mich wieder sichtbar machen? Ich wusste nicht einmal, wie ich mich verschwinden lassen konnte.

Pierre schien wütend zu sein. Sein Gesichtsausdruck war erzürnter denn je. Angela stand daneben und hielt ihren Mund. Sie selbst hatte Respekt vor dem Vampir.

Schließlich schob der Mann das Brett unter seinen Arm und lief zu Pierre hinüber. Ich folgte ihm, hielt jedoch Abstand, da ich Angst hatte, dass der Vampir meine Aura spüren könnte.

»Alle Kisten sind erfolgreich verladen, Sir!«, sagte er und Pierre nickte einverstanden, stampfte jedoch mit dem Fuß auf den Boden.

»Aber nur fast! Ich will diese verdammte Dämonin haben. Diese Phyne! Ohne sie werde ich nicht weggehen. Findet sie! Aber schnell! Durchsucht das komplette Gebäude wenn es sein muss, aber sie muss gefunden werden!«, schrie er wütend und bäumte sich vor dem kleinen Mann auf, der immer winziger zu werden schien. Ob sie mich damit meinten? Es war besser weiterhin unsichtbar zu bleiben und die Lage im Auge zu behalten.

»Jawohl, Sir!« Er drehte sich um und wollte weggehen, aber dann blieb er stehen und fragte vorsichtig: »Ich habe eine Frage, Herr.« Pierre blickte ihn blutrünstig an. »Was ist mit Christian und Cassandra?«

Ich rückte noch etwas näher, um jedes nun kommende Wort mitzubekommen.

»Sie sind in Gewahrsam. Wir haben sie in den Keller verfrachtet. Dort werden sie bewacht.«

Ich schluckte und wusste was meine neue Aufgabe war. Ich musste die beiden retten, egal was kommen möge. Also schlich ich an ihnen vorbei und kannte den Grund, warum das Gebäude vollkommen leer war. Als ich von den anderen entfernt war, stieg ich in den Aufzug und hoffte, dass ihn niemand betrat.

Als er zum Keller fuhr, musste ich noch eine weitere Treppe nehmen, da es sonst keinen anderen Weg gab. Tatsächlich war ich umzingelt von sehr vielen Wachmännern mit ihren Masken. Sie standen unverändert an Wänden und bewachten Eingänge. Verflucht! Ich musste durch die massive Tür kommen. Dort hatten mich die anderen Wachmänner auch hinausgetragen. Aber wie sollte ich die sechs Wachen aus dem Raum scheuchen?

Leise untersuchte ich den Raum. Eine Tür stand offen und darin war ein kleines Büro, wo ich auf einem Bildschirm den kompletten Überblick der gesamten Zellen hatte. In Z 030 und Z031 waren Cassandra und Christian. Bewusstlos lagen sie auf den Liegen und rührten sich nicht. Ich holte tief Luft.

Zwar klang mein Vorhaben vielleicht etwas riskant, aber in Filmen funktionierten die Tricks auch. Ich griff nach etwas Dünnem, Leichtem, dass gleichzeitig Lärm verursachte. Es gab nichts bessere als eine kleine Pistole. Wenn ich sie in die Hand nahm, verschwand nur die Hälfte davon. Deshalb drückte ich sie an mein nacktes Bein und sie war verschwunden.

Ich nahm noch einen kurzen Atemzug, damit ich mich besser beruhigte und lief den Gang entlang. Als ich so weit entfernt war, das man den Schuss relativ gut hörte, aber nur die Männer im Raum etwas mitbekamen, zielte ich auf die Wand. Mein Herz klopfte aufgeregt.

Dann drückte ich ab und der erste Schuss ertönte. Sofort folgte der Zweite. Dabei durfte ich keine Zeit verlieren und drückte die Pistole an mein Bein. Ich wusste – auch wenn sie optisch nicht zu sehen waren – dass meine roten Augen sich zeigten. Dadurch flitzte ich zum Raum los und konnte mich gerade noch rechtzeitig an die Wand drücken, bevor die Männer erst in den Flur liefen. Ihr Windzug wirbelte meine Haare in mein Gesicht und ich wandte mich sofort der Tür zu. Tatsächlich waren alle sechs Männer losgerannt. Der Schuss musste sie alle beunruhigt haben.

Ich öffnete sie schnell und schloss den Raum. Bereits von weitem sah ich die vielen Männer und stand in wenigen Millisekunden vor ihnen. Sie hatten meinen Windzug bemerkt und suchten nach dem Verursacher. Ihre Augen kreisten nach etwas Sichtbaren.

Regungslos beobachtete ich die vier Wachen und zückte meine Pistole hervor. Sie sahen nur den Lauf und ihre Körper begannen nervös zu zittern.

»Was ist das? Wie...?« Ich verstand ihre Verwirrung. Sie hatten noch nicht ganz verstanden, dass sich dahinter eine Person verbarg, dazu noch eine Phyne. »Ist da jemand?«

Ich musste diesen schockierten Augenblick für die Wachen ausnutzen und in schneller Geschwindigkeit stand ich hinter einem von ihnen. Aber was nun? Mein Kämpferinstinkt zeigte sich wieder und ich schlug, wie bei den Magiern damals, mit einem heftigen Hieb auf die Schulter, sodass sie in Ohnmacht fielen. Ein Wesen zu töten, brachte ich noch nicht über mich. Es wäre ein Leben, das ich auslöschte. Doch irgendwann würde ich keine andere Wahl haben, als mein eigenes Leben zu retten, indem ich jemanden tötete.

Beim letzten Mann hatte ich einige Probleme, da er versuchte nach mir zu schlagen. Ich wusch ihm aber aus, seine Langsamkeit wurde für mich zum Vorteil. Mit einem druckvollen Schlag traf ich ihn mit meiner Faust im Bauchbereich. Er krümmte sich und anschließend konnte ich ihn, wie die anderen, bewusstlos schlagen.

Ich hechelte leicht und wandte mich zu den Zellen von Cassandra und Christian. Sie Türen waren verschlossen und ich sammelte die Schlüssel der am Boden liegenden Männer ein. Von vier Schlüsselbändern versuchte ich unter zehn anderen den richtigen zu finden. Es kostete Zeit. Jedenfalls wurde ich ziemlich nervös, da ich nicht wusste, wie lange meine Aktion noch unbemerkt blieb.

Ich öffnete die erste Zelle und lief zu Cassandra hinüber, die ich heftig schüttelte. »Komm schon! Wach auf!«

Es dauert eine Weile, aber bald öffnete sie erschöpft ihre Augen. Ihr Gesicht war noch blasser. Ich seufzte erleichtert. Unter Druck versuchte ich kühl zu bleiben, aber meine Arme rüttelte kräftig an ihren Schultern. Sie setzte sich schlagfertig auf.

»Wo...bin ich?«, fragte sie nuschelnd. Was hatten sie ihr verabreicht? Cassandra schien nicht ganz bei sich zu sein. Sie konnte nicht einmal richtig sitzen. Ihren Oberkörper musste ich noch immer stützen.

Ich musste zu anderen Mitteln greifen, die ihr vielleicht die Augen besser öffneten. »Mom? Mom! Bitte, komm zu dir! Ich bin’s, Jolina!«

Ich hatte ganz vergessen, dass sie mich nicht sehen konnte. Wie konnte ich mich bloß wieder sichtbar machen? Jedenfalls riss sie bei den Worten ihre Augen auf und stand schleunigst auf zwei Beinen. Sie schlug mehrmals die Lider zu und versuchte mein Gesicht zu finden.

»Ich weiß nicht wie ich wieder sichtbar werden kann«, sagte ich schnell und klang vollkommen panisch. Sie erfasste nach mehrmaligen Tasten meine Schultern und fuhr dem Daumen darüber.

»Beruhig dich, Jolina. Versuche Ruhe zu bewahren und denk an deine Gestalt und daran, dass du wieder sichtbar werden möchtest.«

Ich wiederholte ihre Worte im Kopf und durch kräftige Atemzüge beruhigte ich mich.

Schließlich konnte ich rechts und links wieder meine Haare erkennen. Ein Lächeln erschien auf meinen Lippen. Prüfend schaute ich meinen kompletten Körper an, ob auch alles wieder sichtbar war. Mein Final war sehr nützlich.

Cassandra schloss schließlich ihre Arme um mich. »Ich hatte schon Angst, du würdest mich hassen«, sagte sie erfreut.

»Nein. Ich hasse dich nicht.«

Sie schloss die Augen, drückte mich noch einmal fest und wir liefen gemeinsam zu Christians Zelle. Ich fand glücklicherweise beim dritten Versuch den richtigen Schlüssel und sperrte die Zelle auf. Cassandra lief hinein und schüttelte ihn an den Schultern.

Doch plötzlich fiel die Zellentür zu und die Flurtür sprang auf. Pierre, Angela, Chamen und ihre Geleitleute strömten in den Gang. Ich rüttelte an dem Griff, aber sie war fest verschlossen.

»Nein!«, schrie Cassandra und umfasste die Gitterstäbe am Fenster. »Pierre, du verlogenes Schwein! Mach die Tür auf, damit ich dich bei Leib und Seele verbrennen kann.«

Ich beobachtete drei Männer im Hintergrund. Sie standen unter Chamens Befehl. Es waren dieselben Magier, die mich auch entführt hatten. Mit ihren Sprüchen hielten sie die Türen geschlossen. Sie waren gut ausgebildet.

Von der anderen Seite kamen ebenfalls Männer und ich hatte keine Chance zu fliehen. Ich zitterte ängstlich und blickte zu den zwei Regenten. Pierres kalte Aura reichte bis zu mir.

»Jetzt ist Schluss, Jolina! Du kannst nicht entkommen«, sagte er und setzte sein bekanntes, diabolisches Grinsen auf. Ich schauderte.

»Bitte lass Cassandra und Christian frei«, bat ich ihn und sah keinen anderen Ausweg. Mir wurde auch bewusst, wie er mich so schnell bemerkt hatte. Die Kameras im Raum hatten mich enttarnt, als ich mich in Cassandras Zelle zeigte. Ob er wusste, dass ich mein Final gefunden hatte?

»Ein netter Deal, meine Liebe, aber du hast mich heute so verärgert, dass ich dich einfach Gratis mitnehme. Die zwei Regenten werde ich einfach umbringen.«

Jaiden war schon verschwunden und ich versuchte Angelas Aussage noch immer zu verdrängen. Er war nicht tot und damit belog ich mich auch nicht. Ich war fest davon überzeugt, dass er noch lebte. Aber nun auch meine Mutter zu verlieren, die ich erst gerade gefunden hatte, würde mich innerlich in Fetzen reißen. Meinen Vater sah ich schon lange nicht mehr. Ich wusste auch nicht wo er sein könnte.

Eine Entscheidung zu fällen, die mich selbst eventuell in Schwierigkeiten bringen würde, fiel mir einfach. Wenn ich dadurch das Leben derjenigen rettete, die mir wichtig waren, könnte dies sogar eine richtige Entscheidung sein. Ich würde es niemals bereuen. 

»Nein! Bitte, Pierre! Ich werde auch nicht versuchen zu fliehen.« Ich stand am Rand meiner Verzweiflung. Dennoch senkte ich meinen Kopf und mir fiel es schwer, die Worte auszusprechen. »Ich werde auch tun was du verlangst.« Im selben Moment wurde mir klar, dass ich mich freiwillig als Sklave verkaufte. Meine glasigen Augen wanderten zu Cassandra, die mich ebenso ansah. Sie schüttelte langsam den Kopf und ihre Tränen waren nah.

»Tu das nicht, Jolina. Du weißt nicht mit wem du es zu tun hast. Er wird dir alles möglich antun«, schluchzte sie. Christian kam zu sich und blieb dennoch aufmerksam auf der Liege sitzen. Er hörte dem Gespräch genau zu.

»Das nenne ich einen Deal, meine Liebe!«, rief er erfreut und ich senkte meine Lider. »Ich hatte nämlich schon befürchtet, dass es mit dir schwer werden würde, aber so nimmst du mir diese Probleme ab ... wenn du dich auch an die Abmachung hältst.«

Ich blickte schlagartig zu ihm. »Ich verspreche es dir, wenn du dafür, meine Mom und Christian frei lässt und sofort von hier verschwindest.«

Sein diabolisches Grinsen wuchs weiter an. In mir wurde es kalt und ich fühlte mich schon jetzt verlassen.

»Du kannst dich darauf verlassen. Ich schätze, wir haben einen Deal.« Er wandte sich zu zwei Geleitmänner. »Nehmt sie fest.«

Ich hielt ihm jedoch meine Hand entgegen und schaute ernst herüber. Durch sein Verhalten, auch wenn sich alles in mir dagegen sträubte, musste ich Pierre zeigen, dass ich mein Versprechen ernst meinte. »Das ist nicht nötig.«

Ich schaute ein letztes Mal in das schmerzerfüllte Gesicht meiner Mutter. Ihr kullerte eine Träne über die Wange. Sie war schockiert über mein Handeln. Über ihre Lippen kam ein kaum hörbares ›Bitte‹. Aber ich erwiderte im gleichen Ton ›Es tut mir Leid‹.

Dann setzte ich meine Füße in Bewegung und schritt, wenn auch zögernd, auf Pierre zu. Angela glich sich seinem Grinsen an und gegen meinen Willen stellte ich mich neben ihn. Solange es diejenigen rettete, die mir am Herzen lagen, würde ich alles tun.

Der Magier sprach einen Zeitspruch aus. Eine Barriere umschloss die Zelle. Sobald wir im Flugzeug waren, würde diese sich lösen und die beiden wären frei, so wie es Pierre versprochen hatte. Mein Gefühl sagte mir, das er auch wirklich sein Versprechen hielt, aber trotzdem würden die nächsten Tage die härtetesten in meinem Leben werden.

»Wir verschwinden«, kündigte Pierre an und legte seine Hand an meinen Rücken. Sie war so kalt, das sogar ein leichter Schmerz, durch das Neoprenoberteil zog. Ich ignorierte ihn und selbst mir rollte eine Träne hinunter, da ich Angst hatte und den Rand meiner Verzweiflung überschritt. Ich wusste nicht, ob Jaiden noch lebte und wo er zurzeit war. Aber eines wusste ich: Das war erst der Anfang.

 

Impressum

Texte: Alle Rechte liegen bei mir. Aus dem Text wurde weder etwas kopiert, noch nachgemacht.
Bildmaterialien: JYA
Tag der Veröffentlichung: 21.10.2012

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
"Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen." Mahatma Gandhi

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