Cover

Der Schokoladendieb

von Thomas Riechers

 

24 Türchen versüßen Kindern das Warten. Doch immer wenn Julie am Morgen ihr Türchen öffnet, ist es leer. Wer steckt dahinter?

 

Maria, naschen, Kinderweinen, gebrannte Mandeln, Myrrhe, Familie, Zimt, Heiligen drei Könige, Bethlehem, Plätzchen, Glühwein, Rudolph, Melchior, Musik, Weihnachtsmarkt, Christkind, Eis, warm, Liebe, essen

 

 

***

 

„Das ist überhaupt nicht dasselbe“, maulte Julie und starrte böse die Clementine an, die unschuldig auf ihrem Teller lag.

Es war bereits der vierte Morgen in Folge, dass ihr Kalender sein Versprechen gebrochen hatte und Julie, statt etwas zu Naschen, nur ein weiteres leeres Türchen beschert hatte. Als Ersatz hatte ihre Mutter nun diese armselige, verschrumpelte Clementine hervor geholt, die selbst dem Christkind die Sprache verschlagen hätte (zumal es beim ersten Türchen noch ein Eis als Trost gegeben hatte).

„Nicht mal Kekse“, grummelte sie, „Nur diese doofe -“

„Dann nehm’ ich sie halt“, platzte es aus Florian heraus.

Blitzschnell griff Julie nach der Gabel und verfehlte ihren Bruder nur knapp, als dieser nach der verbotenen Frucht langte und gerade noch seine Hand zurückziehen konnte.

„Pfoten weg!“, schimpfte sie.

Florian sah sie erschrocken an. Dann wurden seine braunen Augen auch schon so groß wie gebrannte Mandeln, und Julie wusste nur allzu gut, was nun folgen sollte.

„MAMA, MAMA! HAST DU GESEHEN, WAS JULIE GERADE GEMACHT HAT? HAST DU DAS GESEHEN? HAST DU?“

Tränen rollten seine rosigen warmen Wangen hinunter, während Julie darüber nur den Kopf schüttelte. Das Küchenradio war kaum noch zu verstehen. Soeben hatte noch ein Männerchor aus Bethlehem Rudolph, the Red Nosed Reindeer geträllert, bevor das Kinderweinen zum musikalischen Wilderer mutiert war.

„HAST DU GESEHEN, WAS JULIE GEMACHT HAT? MAMA? HAST DU DAS GESEHEN, WAS JUL-“, doch weiter kam Florian nicht mehr.

Maria, die Mutter, setzte mit einem lauten Knall ihre Tasse auf den Frühstückstisch, dass der Kaffee über den Rand schwappte und auf die gebackenen Zimtplätzchen spritzte.

„JETZT LANGT’S ABER!“

Sofort kehrte Stille ein.

Maria schloss die Augen und atmete tief ein. In Gedanken zählte sie: ‚… Zwei Heilige Könige, Drei Heilige Könige, Vier Heilige Könige …‘ Und nachdem ihr Puls wieder etwas runtergegangen war, öffnete sie die Augen und betrachtete ihre beiden Kinder, die mit gesenkten Köpfen, so ruhig wie zu Salzteig verwandelt, auf ihren Stühlen saßen und sich keinen Mucks mehr trauten.

„In der Adventszeit“, begann sie, „wünsche ich mir lediglich zwei anständige, liebe Kinder. Ist das zu viel verlangt?“

Florian hatte bereits seinen Mund geöffnet, um darauf zu antworten, als ihm Maria einen bösen Blick zuwarf.

„Nein Florian, das war keine Frage. Ich will nun nichts mehr davon hören. Und Julie, dein Vater und ich können nichts dafür, dass dein Kalender nicht in allen Türen Schokolade enthält. Da muss ein Fehler in der Fabrik passiert sein.“

Julie schüttelte skeptisch den Kopf. „Klar, ein Fehler in der Fabrik. Ich glaub’ eher, dass wir hier einen Langfinger haben. Einen kleinen, rotznasigen, dummen Langfing-“

„Nein Julie, hier wird niemand als Dieb beschuldigt. Auch nicht dein Bruder. Und nein Florian“, sie hob mahnend den Finger in die Luft und schaute in Florians Richtung, der unruhig mit seinem Stuhl wackelte, „Ich hab gesagt, jetzt ist Schluss. Wenn ihr noch einmal damit anfangt, kommt heute Abend keiner von euch beiden mit auf den Weihnachtsmarkt. Dann rufe ich Onkel Melchior an, der auf euch aufpasst, während euer Papa und ich uns einen schönen Abend in der Stadt mit Glühwein mit Myrrhe-Aroma und Crêpes machen.“

Die Kinder sagten nichts mehr.

Das Radio spielte inzwischen White Christmas von Bing Crosby und Maria sah auf die Uhr. Allmählich wurde es Zeit, das Frühstück zu beenden.

„Wenn du deine Clementine nicht möchtest, Julie, dann gib sie doch Florian zu essen. Der freut sich bestimmt darüber.“

„Jetzt will ich sie nicht mehr“, sagte Florian und ergriff die Gelegenheit, um von seinem Stuhl zu rutschen und ins Wohnzimmer Richtung Fernseher zu verschwinden. Julies Blick begleitete ihn dabei misstrauisch.

„Das Fest der Diebe“, brummte sie.

„WAS HAST DU GESAGT?“, fragten Florian und Maria gleichzeitig.

„Das Fest der Liebe“, verbesserte sie und starrte erneut und fassungslos die Clementine an. Als dann auch sie aufstand um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, drehte sie sich an der Küchentür nochmal herum und sagte laut: „Diese Clementine ist genauso blöd wie sie orange ist!“

Damit war das Frühstück offiziell beendet.

 

Maria erledigte den Abwasch und träumte vor sich hin. Eine liebe, friedvolle Familie, nichts mehr wünschte sie sich. Sie konnte es kaum erwarten, dass ihr Mann mit dem Baum nach Hause kommen würde, und sie bekam die Hoffnung, dass das gemeinsame Schmücken die Kinder wieder besänftigen könnte. Sie hatte tolle Kinder, und sie würde ihnen tolle Geschenke besorgen. Natürlich, ihr Mann würde wieder einmal

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: © 2013 Schreibgruppe Federleicht - Herausgeberin Jennifer Milinski / Eiswaldtstraße 11, 12249 Berlin / jennifermilinski@yahoo.de
Bildmaterialien: Titelbild: Vjom - Fotolia / Illustrationen: Thomas Riechers / Logo: Amid - Fotolia
Tag der Veröffentlichung: 20.09.2014
ISBN: 978-3-7368-4087-4

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Nächste Seite
Seite 1 /