Cover

Wie kommt der Bub ins Bett der Königin?

Ja, verdammt, wir waren Piraten in die Hände gefallen und auf einem phönizischen Sklavenmarkt verschachert worden – wir, der Grieche Demetrios und ich, der Römer Stephanus, mitsamt unseren Freundinnen. Jetzt waren wir also unwiderruflich Sklaven. Waren wir bei den Göttern in Ungnade gefallen? Hassten uns die Schicksalsgötter?

Wir waren versklavt und obendrein unserer süßen Mädchen beraubt, Demetrios seiner dunkelhaarigen Iris und ich meiner blonden Claudia. Die zwei Mädchen waren schon vor uns an zwei unbekannte Mannsbilder verkauft und weggeführt worden – wer weiß, wohin und zu welchem Zweck. Uns zwei hatte ein Mann gekauft, der sich Autophon nannte. Er sprach zum Glück Griechisch, wohnte in der nahen Stadt Tyros, wo wir die vielen Hochhäuser bestaunten, und übte das Gewerbe eines Purpurhändlers aus. Wir mussten ihm in seinem Geschäftslokal zur Seite stehen, machten aber unsere Sache anscheinend so gut, dass seine Umsätze bald in ungeahnte Höhen stiegen. Schließlich erschienen sogar zwei Abgesandte der Königin Berenike. Sie habe schon mehrfach Lobeshymnen über die Schönheit und Qualität von Autophons Purpurgewändern gehört und wünsche, eine Auswahl aus seinen schönsten Stücken vorgelegt zu bekommen. Aber nicht hier, sondern in ihrer Residenz in Caesarea Philippi.

Also, dem Chef blieb der Mund offen stehen, und er staunte nicht nur, sondern konnte, wie er uns nachher erklärte, so viel Ehre einfach nicht fassen.

„Wer ist denn die Königin Berenike?“, fragten wir ihn.

„Was? Ihr kennt Berenike nicht? Sie ist eine der prominentesten Persönlichkeiten des Erdkreises und regiert zusammen mit ihrem Bruder Herodes Agrippa in Caesarea Philippi.“

„Und wo liegt Caesarea Philippi?“

„Ungefähr eine Tagesreise nach Osten. Ihr zwei kommt natürlich mit.“

Schon am nächsten Tag ging‘s in aller Herrgottsfrüh los. Während der Fahrt erzählte uns Autophon noch mehr über die Königin Berenike, so etwa, dass sie die Urenkelin des jüdischen Königs Herodes des Großen sei und die langjährige Geliebte des römischen Thronfolgers Titus, der sie vor einigen Jahren eingeladen habe, nach Rom zu kommen und im Kaiserpalast zu wohnen. Dort habe sie ganz offen mit ihm zusammengelebt. Und wahrscheinlich hätte er sie geheiratet, hätte nicht seine Verbindung mit einer jüdischen Königin beim Volk von Rom böses Blut gemacht. So habe er sich gezwungen gesehen, sie wieder heimzuschicken. Dabei sei sie um zehn Jahre älter als er. Aber sie soll eine außergewöhnlich schöne, charmante, gebildete Frau sein.

Im prachtvollen Königspalast von Caesarea Philippi angelangt, bekamen wir jeder ein eigenes Zimmer zugewiesen, wurden von bildhübschen Mädchen in Empfang genommen, in ein herrliches Bad geführt, gebadet, abgetrocknet und wunderbar massiert und anschließend auf das allerköstlichste bewirtet. Lauter ausgesucht hübsche Mädchen, dachte ich, während ich sie mit Wohlgefallen betrachtete und mich dabei an meine Claudia erinnert fühlte. Und mir wurde wieder einmal das Herz schwer.

Am nächsten Morgen sollten wir unsere kostbaren Purpurgewänder der Königin vorführen. Ich gestehe, dass ich ganz schön aufgeregt war. Wann bekommt unsereiner schon eine leibhaftige Königin zu Gesicht? Und da ging auch schon die Tür auf, und herein kam eine Gruppe von einfach, aber mit erlesenem Geschmack gekleideten Damen. War darunter die Königin? Und wenn ja, welche war die Königin? Ich erkannte drei ausgesucht hübsche Mädchen, eine alte Dame und als fünfte eine ganz passabel aussehende Dame mittleren Alters, die in meinen Augen nicht so sehr hübsch als vielmehr sexy aussah. Mir war sofort klar: Das muss die Königin sein.

Und so war es auch: Die alte Dame stellte sie uns – natürlich auf Griechisch – vor als „die große Königin Julia Berenike“. Und, sapperlot, die hatte eine Art, einen anzustarren! Ich verging fast vor Verlegenheit. Natürlich nahm ich mich mordsmäßig zusammen und versuchte nicht allzu tölpelhaft zu erscheinen, als ich sie begrüßte. Die Königin betrachtete sämtliche Kleidungsstücke hunderttausendmal von vorn und von hinten – ja, und uns auch, oder jedenfalls mich. Oder jedenfalls kam es mir so vor. Die in Frage kommenden Kleider wurden dann wieder hunderttausendmal anprobiert, und wir mussten jedes Mal sagen, wie sie ihr stehen und welches ihr besser steht und welches weniger gut, sodass ich die ganze Anprobiererei bald gründlich satt hatte und die Königin im Stillen dorthin wünschte, wo der Pfeffer wächst.

Zu Mittag waren wir noch immer nicht fertig, und nach einem kleinen Mittagessen und einem kurzen Mittagsschläfchen ging diese mühselige Arbeit wieder weiter. Aber sie zahlte sich aus, jedenfalls für Autophon. Denn die Königin schlug ordentlich zu und erstand ein sündteures, aber wirklich wunderschönes Purpurkleid aus chinesischer Seide, dann ein sogenanntes koisches Kleid – das war ein Kleid aus extrem dünner, praktisch durchsichtiger Wildseide von der griechischen Insel Kos; wofür zum Teufel braucht eine Königin ein solches Kleidungsstück? – und drittens drei Kleider aus feinster Wolle mit unterschiedlicher Purpurfärbung. Und anschließend überreichte ein Herr, offenbar ihr Finanzchef, Autophon einen prall gefüllten Lederbeutel. Und an dessen Miene konnten wir ablesen, dass er mit diesem Geschäft mehr als zufrieden war.

Aber auch die Königin wirkte recht zufrieden und schaute glücklich zwischen uns und ihren neuen Kleidern hin und her. Und ehe sie uns schließlich allein ließ, sagte sie zu Autophon etwas, was ihn in höchste Aufregung versetzte. Sie lud uns nämlich zum Abendessen an die königliche Tafel ein, und zwar ausdrücklich alle drei.

„Eine solche Ehre!“, stöhnte er in einem fort. „Eine solche Ehre! Ich fasse es nicht.“

 

Damit war das restliche Tagesprogramm schon vorgegeben: Bad und Massage, umziehen und ins königliche Triclinium sausen. Also, diese Einladung muss wirklich eine große Ehre gewesen sein, wenn man bedenkt, dass das Essen im engsten Familienkreis der Königin stattfand. An ihm nahmen nämlich außer uns dreien und der Königin selber nur noch einer ihrer Söhne und dessen Puppe teil.

Was da an Köstlichkeiten aufgetischt wurde, aber auch die musikalischen Darbietungen und die Tanzvorführungen – es übertraf bei weitem alles, was wir bis dahin erlebt hatten. Ich glaube, Autophon staunte anfangs genauso, wie wir staunten, verlor aber mit der Zeit alle seine Hemmungen und unterhielt sich blendend mit der Königin. Er fühlte sich offensichtlich wie ein Fisch im Wasser.

Von mir kann man das leider nicht behaupten, und das, obwohl ich mehr und mehr den Eindruck gewann, als wäre die Königin zu mir besonders freundlich. Nein, sondern je freundlicher sie zu mir war, umso schwermütiger wurde ich. Ständig musste ich an meine Claudia denken und hatte das Gefühl, als würde ich sie betrügen, und sagte mir: Ich lebe hier in Saus und Braus, ich liege an der Tafel einer Königin und lasse mir‘s gut gehen. Und sie? Sie lebt vielleicht in Not und Elend. Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, und die Königin muss von mir einen denkbar schlechten Eindruck bekommen haben. Aber das war mir, ehrlich gesagt, ziemlich schnuppe. Außerdem fühlte ich mich immer schlechter, um nicht zu sagen: saumäßiger. Zu allem Überfluss brach während des Essens ein fürchterlicher Schnupfen aus, sodass die Serviererinnen mit der Lieferung und Entsorgung von Schnäuztüchern bald kaum mehr nachkamen. Das alles war mir unbeschreiblich peinlich. Noch dazu, wo ich unmittelbar neben der Königin liegen musste, zwar nicht auf demselben Bett, sondern im rechten Winkel zu ihr. Aber gerade dadurch war mir die verdammte Nieserei noch peinlicher. Sie, die Königin, zerfloss vor Mitgefühl und machte, Gott sei Dank, dem bösen Spiel ein rasches Ende, indem sie nur meinetwegen die Tafel vorzeitig aufhob und mich ins Bett schickte. Und dafür war ich ihr direkt dankbar.

Als ich ihr gute Nacht wünschte und mich für diese Rücksicht bedankte, lächelte sie süß, strich mir mütterlich über die Wange und trug mir auf, rasch ins Bett zu gehen und die Tür nicht abzusperren; sie werde mir einen Glühwein mit Heilkräutern schicken.

Also gut, ich sank ins Bett und wartete auf den Glühwein mit den Heilkräutern und ließ meine Lampe brennen und versuchte, nicht einzuschlafen. Und das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich von etwas Weichem, Zartem, das über meine Wange strich, aufwachte. Erschrocken fuhr ich auf. Und wen sehe ich da auf der Bettkante sitzen? Die Königin höchstpersönlich.

„Oh!“ stieß ich, verblüfft und konsterniert, hervor. Und dann fiel mir nichts Besseres zu sagen ein als: „Ich bin leider eingeschlafen.“

„So, junger Mann, ich habe dir deinen Glühwein gebracht“, sagte sie und wies mit ihrer freien Hand auf das runde Tischchen neben dem Bett.

„Aber ... Du selber?“, stammelte ich fassungslos.

„Ich selber“, sagte sie und lächelte ein absolut verführerisches Lächeln, während sie weiterhin mit ihren Fingern über meine Wange strich. Und jetzt erst fiel mir auf, dass sie sich umgezogen hatte. Jetzt hatte sie eben jenes dünne Wildseidenkleid an, das wir ihr heute verkauft hatten, so dünn, dass es praktisch durchsichtig war. Und so sah ich jetzt praktisch durch, und darunter war nichts als ihre Haut. Und da blieb mir – pardon – die Spucke weg und der Mund offen stehen, und mir stockte der Atem, und mein Herz begann zu rasen.

Sie stand auf, goss mir aus dem Krug, den sie mitgebracht hatte, Glühwein in ein Glas und reichte es mir. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriff, was sie wollte, und das Glas entgegennahm. So fasziniert war ich von dem dünnen koischen Seidenkleid beziehungsweise von dem, was man durchsah.

Der Glühwein tat mir echt wohl. In Kürze würde ich mich schon viel besser fühlen, erklärte sie im Brustton der Überzeugung, forderte mich auf, ex zu trinken, und goss mir sofort nach.

Nachdem ich davon einen Schluck getrunken hatte, fragte sie lächelnd, ob ich sie nicht kosten lassen möchte. Ich reichte ihr den Becher, sie nahm ihn, und mir fiel auf, dass sie darauf achtete, ihre Lippen genau an der Stelle anzusetzen, wo ich getrunken hatte. Das fand ich rührend und sagte es ihr auch. Sie schaute mich mit ernster Miene an und sagte: „Das ist, damit ich den Schatten deiner Lippen küssen kann. Das ist nämlich ein Heilzauber, und auf diese Weise versuche ich deine Erkältung zusätzlich zu kurieren.“

Ich weiß nicht, ob sie das ernst meinte oder nicht. Jedenfalls war ich so gerührt, dass ich, sobald ich das Glas wieder übernommen hatte, meinerseits darauf achtete, meine Lippen an derselben Stelle anzusetzen.

„Siehst du, junger Mann“, sagte sie, „jetzt küsst du meinen Kuss. So wirst du jetzt noch schneller gesund.“

Aber dann musste ich mit dem Trinken aussetzen. Der Glühwein hatte zu wirken begonnen, und zwar in doppelter Hinsicht. Also legte ich mich wieder hin, und sie begann wieder meine Wange zu streicheln, und ich begann wieder ihr koisches Kleid zu bewundern.

„O Königin“, seufzte ich, ‚du bist so lieb zu mir.“

„Bin ich das?“ erwiderte sie lächelnd. „Und doch erlaubst du mir nur, den Schatten deiner Lippen zu küssen, nicht aber deine Lippen selbst. Dabei wäre das noch viel heilkräftiger.“

„Aber ... Aber ich traue mich ja nicht.“

„Du traust dich nicht, mir das zu erlauben?“

„Ja ... Nein ... O ja.“

„Also ja? Du erlaubst es? Darf ich probieren?“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, beugte sie sich über mein Gesicht und drückte mir einen Kuss auf die Lippen – einen Kuss ... Also, so was hatte ich noch nie erlebt. Und als sie sich gleich darauf wieder aufrichtete, muss ich ein Gesicht gemacht haben ... Jedenfalls lachte sie leise und sagte: „Na, mein Lieber, ein Gesicht machst du, als ob es zu wenig gewesen wäre.“

„War‘s ja auch“, stammelte ich.

„Schade. Na ja, vielleicht später wieder, wenn du noch mehr von diesem Heilmittel brauchst.“

Tatsächlich fühlte ich mich auf einmal deutlich besser.

„Ha, mir geht‘s eh schon viel besser.“

„Das freut mich sehr“, sagte sie strahlend.

Da sie meine Wange nach wie vor streichelte, sagte ich: „Ist das eigentlich auch ein Heilmittel gegen die Verkühlung? Ich meine, das Streicheln der Wange?“

„Ja, natürlich. Findest du es angenehm?“

„O ja, sehr. Übrigens, dein Kleid ist wirklich bezaubernd.“

„Ja? Gefällt es dir? Es ist eines von denen, die ich euch gestern abgekauft habe.“

„Ich weiß.“

„Und darum wollte ich dir damit eine Freude machen. Kannst du dir vorstellen, wie angenehm es sich anfühlt?“

„Ich glaube, ja. Ich habe es ja selber in der Hand gehalten.“

„Aber du hast nicht ausprobiert, wie angenehm es sich anfühlt, während ich es trage. Komm, fahr einmal mit deiner Hand darüber und sag mir, wir es sich anfühlt.“

Sie legte meine Hand auf ihre Hüfte, ließ sie eine Zeit lang dort liegen und führte sie dann auf ihren Oberschenkel hinunter.

„Angenehm?“

Ich konnte nur hilflos nicken, denn mein Herz raste noch wilder als zuvor.

„Eine wunderbare Qualität hast du mir da verkauft. Als Dank muss ich dir jetzt einen zweiten Kuss auf die Lippen drücken.“

Und sie drückte mir einen zweiten Kuss auf die Lippen.

„Zwecks Heilung.“

Meine Hand ruhte noch immer auf ihrem Oberschenkel. Doch nun entfernte sie sie von dort, nur um sie auf ihre Brust zu legen und mich zu veranlassen, auszuprobieren, wie das ist, wenn man dort mit der Hand über die Wildseide hin- und herfährt.

Schließlich veranlasste sie mich, auszuprobieren, wie das ist, wenn man mit der Hand unter die Wildseide fährt und mit dem Handrücken die Wildseide und mit der Handfläche ihre Haut spürt.

„Das gehört alles zu deiner Heilung“, erklärte sie mit großem Ernst. „Und du musst zugeben, dass dein Schnupfen fast weg ist. Aber damit meine Mittel wirken können und der Heilungsprozess anhält, bedarf es noch des Siegels. Wollen wir also den bisherigen Heilmitteln das Siegel aufdrücken?“

Und ohne meine Antwort abzuwarten – aber in diesem Stadium war ich sowieso zu keiner Antwort mehr fähig –, zog sie mir meine Nachttunica aus und bat mich, ihr meinerseits beim Ausziehen ihres kostbaren koischen Seidenkleides zu helfen. Und sobald das geschehen war und ich das Adamskostüm und sie das Evaskostüm anhatte, legte sie sich zu mir ins Bett und begann mich mit Küssen zu bedecken und schmiegte sich an mich und streichelte mich, und sie streichelte nicht mehr nur die Wange, sondern auch manch andere Körperregionen. Und das alles tat mir so unendlich wohl, dass ich, um nicht undankbar zu erscheinen, darin nicht zurückstehen wollte und sie meinerseits zu küssen und zu streicheln begann, und nicht nur die Wangen, sondern auch manch andere Körperregionen. Und zuletzt drückten wir dem Ganzen noch das Siegel auf. Und weil‘s so wohltuend und vor allem so heilsam war, machten wir‘s noch einmal und noch einmal und sanken danach ermattet nieder und schliefen blitzartig ein. Und als ich am Morgen wach wurde, fühlte ich mich nicht nur vollkommen gesund, sondern dermaßen wohl, dass ich beschloss, dieser Nacht noch ein allerletztes Siegel aufzudrücken.

Danach kuschelte sich die Königin noch lang an mich und flüsterte mir zärtliche Worte ins Ohr. Und die liefen alle auf dasselbe hinaus, nämlich: Stephanus, ich liebe dich. Sie trug mir auf, nie wieder „Königin“ zu ihr zu sagen, sondern sie Berenike zu nennen, außer natürlich in der Öffentlichkeit, und wollte nun alles genau über mich und mein Leben wissen, vor allem, ob ich jemals frei gewesen oder schon als Sklave geboren worden sei. Da erzählte ich ihr, dass ich und auch mein Freund Demetrios erst vor wenigen Monaten in Sklaverei geraten seien, und berichtete detailliert, wie sich das alles abgespielt hat. Ich ließ auch nicht unerwähnt, dass das böse Schicksal uns beim Verkauf in die Sklaverei unsere Freundinnen entrissen hat.

Berenike beklagte sich aber auch, dass sie in meinem Zimmer keine Möglichkeit habe, sich ordentlich zu waschen, bevor sie sich anziehe und mich verlasse, und lud mich ein, das nächste Mal in ihr Schlafzimmer zu kommen. Ich möge doch gleich mein heutiges Mittagsschläfchen bei ihr verbringen. Und sie beschrieb mir den Weg zu ihrem Schlafzimmer und schärfte mir ein, ja nicht zu vergessen.

 

Erst nachdem mich Berenike verlassen hatte, kam mir zum Bewusstsein, was geschehen war: Mit einer leibhaftigen Königin hatte ich soeben eine ganze Nacht verbracht – und was für eine Nacht! Mit einer leibhaftigen Königin hatte ich geschlafen – und wie! Und ich rechnete es ihr hoch an, dass sie keine Starallüren gezeigt und sich wie eine ganz normale Frau gegeben hat.

Ich wusch mich, zog mich an und ging in den Speiseraum, wo wir unsere Mahlzeiten einnahmen, falls wir nicht eingeladen waren, mit der Königin zu speisen. Dort saßen die anderen, also Demetrios, Autophon und der Kutscher, schon beim Frühstück, und sie merkten sofort, dass mit mir irgendetwas los war. Aber was, verriet ich ihnen natürlich nicht. Das erzählte ich erst nachher Demetrios allein bei einem Spaziergang durch den Schlosspark, und er machte große Augen und fragte, ob ich das nicht vielleicht nur geträumt habe.

„Mhm, vielleicht habe ich‘s geträumt“, sagte ich nachdenklich. „Ich kann‘s nämlich selber kaum glauben. Aber hör zu, das wird sich spätestens nach dem Mittagessen herausstellen. Weißt du, ich habe nämlich auch geträumt, dass ich ihr versprechen musste, das heutige Mittagsschläfchen bei ihr in ihrem privaten Schlafzimmer zu verbringen. Warten wir‘s also ab: Fliege ich von dort im hohen Bogen raus, dann hab ich‘s nur geträumt, wenn nicht, dann war der Traum Wirklichkeit.“

Also warteten wir es ab, und nach dem Mittagessen machte ich mich unauffällig davon, und je näher ich der Tür zum Schlafzimmer der Königin kam, umso heftiger pochte mein Herz, und ich fragte mich, ob ich den Mut haben würde, anzuklopfen. Aber die Entscheidung wurde mir abgenommen. Vor ihrer Tür stand ein hochnäsiger Diener und hielt mir feierlich die Tür auf. Somit blieb mir gar nichts anderes übrig, als hineinzuspazieren.

Und schon kam sie mir entgegengeeilt, fiel mir um den Hals und bedeckte mein Gesicht mit heißen Küssen. Sie führte mich zu einem Stuhl, ließ mich auf ihm Platz nehmen, setzte sich auf meinen Schoß und reichte mir ein Glas mit Glühwein.

„Schon wieder Glühwein? Du hast mich ja schon geheilt.“

„Ah, bist du wirklich und endgültig geheilt? Das freut mich sehr. Es hätte ja sein können ... Und darum habe ich für alle Fälle einen kleinen Krug voll Glühwein vorbereitet. Auch hier sind Heilkräuter drin und dazu noch Zauberkräuter, die mir deine Liebe erhalten sollen.“

Das sagte sie, und vielleicht war das alles richtig, was sie sagte. Aber ich halte es für ziemlich wahrscheinlich, dass dem Glühwein auch noch eine viel näherliegende Aufgabe zugedacht war. Ich hatte ja am Vorabend selber die anregende Wirkung ihres Glühweins kennengelernt. Überdies ließ sie sich von ihm ebenfalls anregen, indem sie auch diesmal wieder mehrere Male von ihm kostete, und belohnte mich für jeden Schluck mit ihren unbeschreiblichen Küssen, die mich ja auch ganz schön in Fahrt brachten. Zusätzlich brachte es mich in Fahrt, als ich merkte, dass sie wieder dieses wunderbare koische Kleid anhatte.

Nun, was soll ich sagen? Sie hatte es nicht mehr lange an, und ich hatte meine Tunica nicht mehr lange an, und wir blieben auch nicht lange auf ihrem Stuhl sitzen, sondern übersiedelten bald auf ihr Bett. Leider war ich viel zu sehr abgelenkt, um dieses ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Das hätte es nämlich durchaus verdient. Es funkelte nur so von Gold und schimmerte von Elfenbein und leuchtete von Purpur. Aber ich war blind für diese Pracht. Und danach schlief ich augenblicklich ein, was übrigens nur recht und billig war. Hatte es nicht geheißen, ich solle mein Mittagsschläfchen bei der Königin verbringen?

 

Ich schlief ein und träumte von meiner Claudia. Durch irgendeinen grässlichen Lärm wachte ich wieder auf – durch ein Poltern und Klirren und zugleich durch einen Schrei. Danach war es wieder still, und ich dachte schon, ich könne mich umdrehen und weiterschlafen und weiter von Claudia träumen. Aber das ging leider nicht. Die Königin lag halb auf mir. Sie bewegte sich und murmelte: „Nanu, was ist denn los?“

Da lugte ich in die Richtung, aus der der Lärm gekommen war, und erlebte den Schock, oder besser, die Überraschung meines Lebens. Vor mir stand nämlich, die Augen aufgerissen und beide Hände vor Schreck an die Wangen gepresst, Claudia – meine Claudia. Und zwar nicht ihr Traumbild, sondern sie selber, leibhaftig, persönlich. Oder täuschte ich mich, und war das eine andere, die meiner Claudia so verblüffend ähnlich sah?

Mit einem Schlag war ich hellwach und schrie: „Claudia, bist das wirklich du?“

Und sie? Sie sagte, das heißt, flüsterte: „Mein Stephanus! Du hier?“

Da warf ich, wenn ich so sagen darf, die Königin ab und sprang aus dem Bett. Das heißt, ich wollte aus dem Bett springen, kam aber nicht weit. Denn da spannte sich plötzlich ein fester Griff um meinen Oberarm und hielt mich zurück, und dieser feste Griff gehörte der Königin, und die knurrte mit einer Stimme, die nichts Gutes verhieß: „Wo willst du hin? Was hast du mit meiner Sklavin vor, so, wie du aussiehst?“

„Das ... Das ist meine Claudia“, stammelte ich. „Du weißt schon, meine Freundin, von der ich dir ...“

„Jetzt hast du nur noch eine Freundin, und das bin ich. Ist das klar?“

„Ja, aber ...“

„Kein Aber.“

Da verlor ich die Geduld und rief aufbrausend: „O doch“, riss mich los und sprang endgültig aus dem Bett und fiel so, wie ich war, Claudia um den Hals, und sie fiel mir um den Hals, und wir küssten uns und waren geradezu besinnungslos vor Freude und Glück, bis ich plötzlich einen brennenden Schmerz auf dem Rücken spürte und noch einen und noch einen.

Ich machte mich los und sah mich um. Was war da los? Ah, die Königin! Mit hochrotem und wutverzerrtem Gesicht kniete sie auf dem Bett und schwang eine Rute und drosch damit auf meinen Rücken ein, oder vielmehr, hatte auf ihn eingedroschen. Denn inzwischen war ich einen Schritt zurückgetreten, sodass sie uns mit ihrem Folterinstrument nicht mehr erreichen konnte. Sie begann zu kreischen, wie ich es ihr nie zugetraut hätte: „Raus! Raus! Ich will euch nie mehr sehen!“

Während wir noch zögerten und sie erschrocken anstarrten, sprang sie ihrerseits so, wie sie war, nämlich splitternackt, aus dem Bett und ließ ihr Folterinstrument wieder unbarmherzig auf unsere Rücken und Köpfe herabsausen, sodass wir entsetzt die Flucht ergriffen, ohne allerdings einander loszulassen. So jagte sie uns ein paarmal durch das Zimmer und kreischte in einem fort: „Ich will euch nie mehr sehen.“

Als sie wieder einmal an der Tür vorbeikam, riss sie diese auf und versuchte uns mit ihrem Folterinstrument zu ihr hin- und durch sie hinauszutreiben. Auf der Schwelle zögerte ich, im Adamskostüm hinauszugehen, und blickte mich nach meinen Kleidern um.

In diesem Augenblick erwischte sie mich mit ihrem Folterinstrument voll auf dem Rücken, und es tat höllisch weh und brannte wie Feuer, sodass ich, ohne es zu wollen, laut aufschrie. Man muss es im ganzen Palast gehört haben. Da kam ihr offenbar zum Bewusstsein, was sie tat. Sie griff sich an den Kopf, warf die Rute weg und rief in völlig verändertem Ton: „Rasch! Macht die Tür zu!“ Und danach: „Komm her, du Armer! Lass sehen! Hab ich dir weh getan? Um Himmels willen, du blutest ja. Claudia, schnell, lauf, hol heißes Wasser, einen Schwamm, ein sauberes Tuch!“

Sie nahm mich bei der Hand, führte mich zum Bett zurück und veranlasste mich, mich auf den Bauch zu legen. Und sobald Claudia zurück war, wurde auf meinem Rücken geschrubbt und gewaschen, und ich musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht wieder aufzuschreien. Und dann wurde gesalbt, und die Königin erklärte, das sei eine Heilsalbe, die blutstillend und wundheilend wirke. Als die Behandlung vorüber war, musste ich so liegen bleiben, und es herrschte die längste Zeit geradezu unheimliche Stille.

Schließlich sagte die Königin mit dumpfer Stimme: „Also habt ihr euch wiedergefunden?“

„Ja, unglaublich“, hörte ich mich sagen, „mit deiner und der Götter Hilfe.“

„Soso, mit meiner und der Götter Hilfe.“

Schweigen.

„Ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Ich war halt eifersüchtig. Eifersucht kann in Wahnsinn ausarten. Der Eifersüchtige verliert den Verstand. Zur Vernunft gebracht hat mich erst der Anblick deines Blutes.“

Schweigen.

„Liebst du Claudia?“

„O ja, sehr“, sagte ich.

„Und du, mein hübsches, blondes Mädchen? Liebst du ihn auch?“

Claudias Gesicht wurde zu tyrischem Purpur, und sie nickte heftig.

Schweigen.

„O mein Stephanus, nimm deine Claudia und geh! Überleg dir, was du tun willst! Und vergiss nicht, dass ich mich unsterblich in dich verliebt habe! Auch ich werde mir etwas überlegen, und nach dem Abendessen kommt ihr beide wieder hierher. Essen werdet ihr ohne mich im Gästetriclinium.“

Sie fuhr mir mit ihren Fingern über den Rücken, dass ich eine Gänsehaut bekam.

„Ich stelle fest: Die Salbe hat bereits gewirkt. Das Blut ist gestillt. Steh jetzt auf und zieh dich an! Am Abend sehen wir uns wieder.“

Und damit verließ sie uns und verschwand in einem Nebenraum. Ich sprang auf, umarmte Claudia kurz, aber heftig, zog mich in fieberhafter Eile an, packte sie und stürmte mit ihr aus dem königlichen Schlafzimmer und durch das Labyrinth von Gängen und Höfen in mein eigenes Zimmer, sodass alle, denen wir begegneten, den Kopf schüttelten. In meinem Zimmer angelangt, umarmte und küsste ich sie leidenschaftlich und wusste mich kaum zu fassen vor Wiedersehensfreude.

Sie hingegen kam mir auf einmal merkwürdig reserviert vor. Und als ich sie daraufhin ansprach, verdüsterte sich ihre Miene.

„Wundert dich das? Denk doch nach, wie und wo ich dich wiedergefunden habe: im Bett meiner Herrin, schlafend, splitternackt und eng umschlungen. Und was du vorher mit ihr ...“

Sie unterbrach sich mitten im Satz, wurde blass, schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn.

„Verdammt! Ich habe ja Mist und Scherben gemacht und vergessen, den Scherbenhaufen wegzuräumen und den Mist wegzuputzen.“

Sie sauste davon, um die von ihr angerichtete Bescherung wegzuputzen, und ich blieb, nachdenklich und von den widersprüchlichsten Gefühlen hin- und hergerissen, zurück.

 

Um mich abzulenken, ging ich hinaus und klopfte bei Demetrios an. Aber er war nicht in seinem Zimmer. Während ich überlegte, wo Demetrios sein könnte, fiel mir seine Iris ein, und ich sagte mir: Wenn meine Claudia hier ist, dann müsste doch auch die Iris hier sein, falls es da mit rechten Dingen zugeht.

Und als Claudia nach einiger Zeit, deutlich erleichtert, zurückkam, bestätigte sie meine Vermutung. Also machten wir uns auf die Suche nach Iris. Zu diesem Zweck durchstreiften wir zunächst die verschiedenen Peristylhöfe und dann den großen Park, weil sie laut Claudia jetzt bei den Putztrupps eingeteilt war. Und die waren am Nachmittag am ehesten in einem der Gärten anzutreffen. Hinter einem großen Wasserbecken war tatsächlich gerade ein Putztrupp an der Arbeit. Wir blieben stehen und schauten genau. Und diese eine schmale Gestalt in dem Arbeitskittel – war das nicht unsere Iris? Ich legte die Hände an den Mund und rief hinüber: „Iris! Iris!“, und die betreffende Gestalt hob ihren Kopf und spähte herum, schrie auf, ließ ihren Besen fallen und hob die Hände in die Höhe, als sähe sie irgendeinen bösen Spuk, den man abwehren muss. Im nächsten Augenblick kam ungeheure Energie in sie, und flink wie ein Wiesel rannte sie uns entgegen, und ich rannte ihr entgegen, und als wir uns begegneten, ergriff sie meine Hand und schrie: „Hallo! Wo ist Demetrios? Ist Demetrios nicht da?“

„Demetrios ist da. Aber er weiß noch nicht, dass du hier bist. Komm, wir führen dich zu ihm.“

„Ja, wirklich?“, schrie sie, zögerte dann aber und schaute verlegen zu ihren Kolleginnen zurück. Die standen wie angewurzelt und glotzten unverwandt zu uns herüber. Wahrscheinlich dachten sie, ich sei der große Märchenprinz und würde jetzt Iris und dann sie alle erlösen. Iris rang sichtlich mit sich. Dann erklärte sie, sie müsse zuerst zu ihren Kolleginnen zurücklaufen und die gemeinsame Arbeit fertig machen, sonst sei sie bei ihnen unten durch. Aber es dauere nicht mehr lang. Vielleicht möchten wir inzwischen hier auf sie warten?

Und dabei deutete sie auf eine Marmorbank in der Nähe.

Na gut, diese Freude mussten wir ihr schon machen. Und es dauerte wirklich nicht mehr lang, da kam sie auch schon herbeigehuscht und rief, sie sei fertig, auf zu Demetrios.

Und dann waren wir vor Demetrios‘ Tür angelangt, und ich klopfte an, und von drinnen ertönte sein „Herein“, und ich stieß die Tür auf und gab Iris einen leichten Schubs.

Unbeschreiblich das Geheul, das Demetrios anstimmte. In einem Roman wäre das wahrscheinlich ungefähr so beschrieben: ... und es folgte eine bewegte und rührende Wiedersehensszene, und sie dankten alle dem Schicksal, das sie nach so langer und herber Trennung endlich wieder zueinander geführt hatte.

 

Nach Bad und Abendessen, das wir, Demetrios und ich, natürlich getrennt von Claudia und Iris einnehmen mussten, traf ich mich wieder mit Claudia, um den Auftrag der Königin auszuführen. Unterwegs fiel mir ein, dass diese mir eine Hausaufgabe gegeben hatte. Überleg dir, was du tun willst, und vergiss nicht, dass ich dich liebe! Nur, was gab‘s da noch zu überlegen? Den Buckel konnte mir die Königin runterrutschen.

Sie lümmelte, pardon, thronte in einem Lehnstuhl und winkte uns heran und deutete auf zwei weitere Lehnstühle, in die wir uns also offenbar werfen sollten. Schweigend betrachtete sie uns, mich.

„Nun, Stephanus“, begann sie schließlich, „hast du nachgedacht?“

Ich nickte verlegen.

„Und?“

Als Antwort wollte mir nur ein gequältes Grinsen gelingen. Aber das war für sie Antwort genug. Sie schwieg und machte ein bekümmertes Gesicht. Plötzlich glänzten dicke Tränen in ihren Augen, und sie schluchzte los: „O mein Liebster, du bist so rücksichtsvoll. Du willst mir nicht weh tun. Du willst es vor mir nicht aussprechen, dass du von mir nichts mehr wissen willst. Aber ich sehe es dir an der Nasenspitze an, und deine Augen verraten dich. Ach, es hätte so schön sein können mit uns zweien. Oder war‘s etwa nicht schön?“

Das war eigentlich eine Frage an mich, aber da ich sie nicht beantwortete, fuhr sie im gleichen Ton fort: „Ach, ich bin ja so unglücklich. Eros hasst mich. Und wenn er mir einmal eine große Liebe gewährt, dann entreißt er sie mir gleich wieder. Dir ist sicher bekannt, dass ich viele Jahre lang mit Titus liiert war. Er holte mich sogar nach Rom und hatte vor, mich zu seiner Frau und künftigen Kaiserin zu machen. Und was passiert? Das römische Volk zwingt ihn, mich wieder fortzuschicken. Und dann verliebe ich mich unsterblich in einen hübschen jungen Mann, und gleich am nächsten Tag findet er in meinem eigenen Schlafzimmer seine Freundin, von der er schon die längste Zeit getrennt war und die meine eigene Dienerin ist und die er ohne mich nie wiedergefunden hätte, und will von mir nichts mehr wissen.“

Zugleich ging ihr Gefühlsausbruch in ein hemmungsloses Schluchzen über. Und wir saßen ihr stumm gegenüber und fühlten uns nicht gerade behaglich.

„Ich hatte mir schon alle möglichen Lösungen ausgedacht“, murmelte sie schließlich. „Aber alle wieder verworfen. Bis auf eine, die humane: Ich werde dich bei deinem Herrn freikaufen. Und Claudia freilassen. Dann könnt ihr miteinander hingehen, wohin ihr wollt.“

„Das willst du wirklich für uns tun?“, riefen wir wie aus einem Munde und sprangen in unserer Überraschung von unseren Sitzen auf. Und es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre ihr um den Hals gefallen.

Sie lächelte bitter und deutete uns, wir sollten uns wieder hinsetzen.

„O Königin ...“, begann ich zögernd.

„Hast du mir nicht versprochen, mich Berenike zu nennen?“

Ich holte tief Luft und begann von neuem: „O Berenike ...“

„So ist es schon besser.“

„O Berenike, du weißt, dass ich zusammen mit meinem Freund Demetrios in Sklaverei geraten bin. Nun sind aber Demetrios und ich unzertrennlich ...“

„Und du würdest lieber in der Sklaverei bleiben, um von ihm nicht getrennt zu werden. Ja?“

„So ist es, o Kö ... o Berenike.“

„Und du meinst, ich solle ihn ebenfalls freikaufen?“

„Du errätst alle meine Gedanken, o Berenike. Um diesen großen Gefallen wollte ich dich eben bitten.“

„Also, diesen Gefallen kann ich dir gerne tun. Damit du mich in schöner Erinnerung behältst.“

„Ich danke dir, liebste Berenike.“

„Oh, sieh da, mein Liebster nennt mich liebste Berenike.“

Sie schien sich echt zu freuen. Umso besser, dachte ich, ich bin ja noch nicht fertig.

„Liebste Berenike, das ist aber noch nicht alles.“

„Oho, noch einen Gefallen?“

„Ja. Es muss gesagt sein. Auch Demetrios hat nämlich eine Freundin, und auch sie ist zusammen mit Claudia an dich verkauft worden.“

„Ja? Wer denn?“

„Sie heißt Iris.“

Ich verstummte, da ich nicht wusste, wie ich sie beschreiben sollte, und Claudia musste einspringen.

„Ah“, erwiderte Berenike, „jetzt erinnere ich mich. Nun gut, meinetwegen.“

„Oh, ich danke dir, Herrin“, stammelte Claudia gerührt, und ich erging mich ebenfalls in Dankesworten und Lobeshymnen an „meine liebste Berenike“.

Damit war alles gesagt und zu unserer größten Zufriedenheit geregelt, wunderbarer, als wir es je zu hoffen gewagt hätten. Eigentlich hätten wir also jetzt gehen können. Aber die Königin tat nichts dergleichen, sondern starrte uns mit wehmütigem Blick an, und wir trauten uns nicht, einfach aufzustehen und zu gehen. Schließlich sagte sie mit belegter Stimme: „Alles Übrige werdet ihr morgen früh erfahren. Gute Nacht!“, und begann im selben Augenblick fürchterlich zu heulen. So wünschten wir ihr ebenfalls gute Nacht, und ich redete sie zum Trost einmal noch als „meine liebste Berenike“ an. Und dann schauten wir aber, dass wir hinauskamen.

Als Erstes umarmte ich Claudia stürmisch, und sie fiel mir um den Hals, und so tanzten wir den ganzen Weg bis zu unseren Zimmern zurück und stießen dabei die seltsamsten Jubellaute aus. Vor Demetrios‘ Tür angelangt, stürmten wir, ohne anzuklopfen, hinein und trafen ihn allein, im Bett, schon fast schlafend, an. Er machte natürlich große Augen über unser ungestümes Auftreten, und sie wurden noch viel größer, als er von den wunderbaren Dingen hörte, die wir ihm zu berichten hatten.

Nachdem er selber ausgiebig gejubelt hatte, stellte er fest, das müsse er sofort der Iris mitteilen – aber wie?

Und Claudia: Sie werde ihr diese Botschaft überbringen. Sie gehe sowieso gleich schlafen.

Als ich das hörte, fiel ich aus allen Wolken und fragte sie bestürzt, ob das ihr Ernst sei; wolle sie denn die Nacht nicht in meinem Zimmer verbringen? Doch sie bat mich um Entschuldigung. Solange wir in diesem Hause seien, könne sie nicht bei mir schlafen, und ich möge ihr nicht böse sein; aber sie müsse erst etwas Abstand zu der Geschichte mit „meiner liebsten Berenike“ gewinnen.

Ein Wermutstropfen in diesem sonst so süßen Trank des Schicksals.

Am nächsten Morgen wurden wir, Demetrios und ich, und dazu Autophon zur Königin beordert. Sie erwartete uns bereits in Gesellschaft unserer zwei Mädchen. Sie wirkte total unausgeschlafen, sogar verstört, begrüßte uns aber freundlich und bat uns, an einem Tisch Platz zu nehmen. Und sie redete nicht lange um den heißen Brei herum, sondern ging gleich in medias res. Sie fragte Autophon, wie viel er für Demetrios und mich bezahlt habe. Auf diese Frage schien er nicht vorbereitet zu sein. Er schaute sie verblüfft an und hatte vermutlich schon die Gegenfrage auf der Zunge, was sie das angehe. Aber er beherrschte sich und sagte: „Zwei Talente für jeden. Warum?“

„Hm, ein stolzer Preis. Warum? Weil ich sie freikaufen möchte. Frag nicht, weshalb. Du sollst den doppelten Kaufpreis erstattet bekommen.“

Autophon war sichtlich baff, und man sah es ihm an, dass er nur zu gern gefragt hätte, was sie zu dieser unerwarteten Aktion veranlasst habe.

„Ich nehme an, dass du sie weiterhin in deinem Betrieb beschäftigen wirst?“

„Selbstverständlich. Sie sind ja Goldes wert.“

„Umso besser. Da hast du bestimmt nichts dagegen, wenn ihre Freundinnen bei ihnen sind.“

„Wie bitte?“

Sie wies auf Claudia und Iris. „Das sind Stephanus‘ und Demetrios‘ Freundinnen. Sie wurden getrennt und haben sich, wie es das Schicksal wollte, unter meinem Dach wiedergefunden. Sie sind meine Sklavinnen. Ich schenke ihnen aber die Freiheit, und sie sollen ihre Freunde nach Tyros in dein Haus begleiten. Glaub mir, sie sind tüchtige Arbeiterinnen, und ich gebe sie nur ungern her.“

Danach bat sie den uns bereits bekannten Finanzchef, der sich die ganze Zeit unauffällig im Hintergrund aufgehalten hatte, die vorbereiteten Schriftstücke vorzulegen. Er brachte ihr vier dünne Papyrusrollen. Sie rollte alle vier auf, studierte sie, schob zwei von ihnen vor Autophon hin und sagte, das seien die Freibriefe für Stephanus und Demetrios, und wenn er doch, bitte, auf beide seine Unterschrift setzen möchte. Und dabei zeigte sie auf ein Lederetui, das zwei Tintenfässer mit schwarzer und mit roter Tinte enthielt. Die versprochenen acht Talente würden ihm umgehend ausbezahlt.

Der Finanzchef schlurfte davon, klapperte mit seinem Schlüsselbund, öffnete eine Truhe, entnahm ihr einen kleinen Berg goldfunkelnder Münzen, füllte sie in einen Lederbeutel und überbrachte diesen der Königin, und sie schob ihn ohne weitere Kontrolle vor Autophon hin. Er warf nur einen kurzen Blick hinein, und da begannen seine Augen in wundersamer Weise zu leuchten. Er griff nach einer Rohrfeder, tauchte sie in das Tintenfass mit der schwarzen Tinte und malte seinen Namen unter den Text beider Schriftstücke. Er wartete, bis die Tinte trocken war; und währenddessen konnte man eine Stecknadel fallen hören. Dann überreichte er sie uns mit einem warmen Händedruck und erklärte, ab sofort seien wir seine Freigelassenen, und er sei nicht mehr unser Herr, sondern unser Patron.

Die Königin ließ es sich nicht nehmen, aufzustehen und beiden zu gratulieren und die Hände zu drücken. Dann unterschrieb sie selber die zwei anderen Schriftstücke und überreichte sie Claudia und Iris mit ungefähr der gleichen Zeremonie. Zuletzt überraschte uns der Finanzchef mit kostbaren, purpurgefärbten Lederetuis für unsere noch weitaus kostbareren Freibriefe.

Also haben es die Schicksalsgötter schließlich doch noch gut mit uns gemeint. Wir konnten unser Glück kaum fassen.

Grenzenlos war unser Jubel, kaum hatten wir das Gemach der Königin verlassen. „Frei! Frei!“, jubelten wir im Chor und führten regelrechte Freudentänze auf. Und immer wieder jubelten wir: „Frei! Frei!“

Weitere Neuerscheinungen aus der Feder von Karl Plepelits

 

 

 

"Das Thema Zeitreisen auf extrem witzige und flotte Art beschrieben. Die saloppe Umgangssprache trägt sehr zu der humorvollen Erzählung bei und bei den Anspielungen auf den Film "Die Zeitmaschine" musste ich laut lachen! Grandios komisch!" (MineFraser)

 

https://www.bookrix.de/_ebook-karl-plepelits-mit-der-zeitmaschine-in-die-roemerzeit/

 

 

Eine weitere Zeitreise: 

What if ...

Ja, was wäre, wenn man, etwa im Reich Gaddafis, von längst vergangenen Zeiten träumt, und dann entpuppen sich diese aufregenden Träume als wirkliche Zeitreisen? Wäre das nicht wunderbar?

Dann würde man beispielsweise in der Zeit Kaiser Neros landen und mit Staunen von Augenzeugen erfahren, wie das mit Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt wirklich war: Und wenn man besonderes Glück hat, begegnet man sogar der (inzwischen natürlich hochbetagten) Muttergottes und wird von ihr mit Heiligem Kuss begrüßt. Und stößt bei ihr wohl auf heftigen Unglauben, wenn man ihr erzählt, dass die Welt heute noch immer nicht untergegangen ist. Und dass sie wiederholt als hübsches junges Mädchen erscheint, um Botschaften zu verkünden.

Ja, solche Wunder können nur in einer Vollmondnacht geschehen.

 

https://www.bookrix.de/_ebook-karl-plepelits-die-wunder-einer-vollmondnacht/

 

Eine Geschichte über das Verlieren und Wiederfinden, über Freuden- und andere Tränen. Und über das merkwürdige Phänomen, dass die Gruftis immer nur an das eine denken.

"Die Leseprobe hat mir sehr gut gefallen." (Straubing)

 

https://www.bookrix.de/_ebook-karl-plepelits-wenn-dich-jemand-auf-die-rechte-wange-kuesst/

 

 

 

 

Sollten Sie sich jemals mit dem Gedanken tragen, den Olymp zu besteigen, so nehmen Sie sich bitte in Acht! Zwar ist dieses Bergmassiv ein Wander- und Bergsteigerparadies wie aus dem Bilderbuch. Aber unter Umständen kann Ihnen dann dasselbe passieren wie den beiden Liebenden dieser Geschichte, und Sie finden sich unverhofft im sogenannten Götterolymp wieder. Also im Wunderland des echten Paradieses. Im Wunderland der Himmlischen.

Und dies erweist sich zwar als überaus reizvolle, faszinierende, zum Teil sogar luxuriöse Urlaubsdestination. Aber Vorsicht! Ein Urlaub dort ist keineswegs ganz ungefährlich und kann sich unverhofft als Abenteuerurlaub entpuppen.

Zudem gliedert sich dieses Wunderland bekanntlich in die verschiedenen „Reiche“ der Gottheiten und Heiligen. Und welches ist unter all diesen „Reichen“ das gefährlichste? Erschrecken Sie nicht: Ausgerechnet das Paradies des eifersüchtigen Christengottes und seiner himmlischen Heerscharen.

 

https://www.bookrix.de/_ebook-karl-plepelits-zwei-liebende-im-wunderland/

Angaben zum Autor

Geboren 1940 in Wien, wuchs Karl Plepelits in Melk an der Donau auf, besuchte das Gymnasium im berühmten Benediktinerstift Melk, studierte Klassische Philologie, Alte Geschichte und Anglistik in Wien und Innsbruck, plagte Schüler mit Latein, Griechisch und Englisch, vertrat die Österreichische Akademie der Wissenschaften als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Thesaurus linguae Latinae in München, leitete Reisende in alle Welt (oder auch in die Irre), veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Artikel auf dem Gebiet der Latinistik, Gräzistik und Byzantinistik, übersetzte griechische Romane der Antike und des Mittelalters (erschienen im Hiersemann Verlag, Stuttgart). Und angeregt durch einige von ihnen, die unglaublich spannend und ergreifend sind, widmet er sich seit Jahrzehnten auch dem aktiven Literaturschaffen.  

Impressum

Texte: Karl Plepelits
Cover: By Cornelis van Haarlem: Venus und Adonis (1614) - Unknown source, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=403236
Tag der Veröffentlichung: 09.06.2020

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /