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Es war einmal ...

Ja, es war einmal ein wunderbares Reiseland voller phantastischer Landschaften und unglaublicher Sehenswürdigkeiten. Sein Name: Libyen.

Seit Libyen nicht mehr als Schurkenstaat gehandelt wurde, begannen Gäste in großer Zahl ins Land zu strömen. Groß war die Neugier auf das „Nordkorea Arabiens“, auf die Wunder der Sahara, auf die reichen und zum Teil unglaublich gut erhaltenen Überreste aus der griechischen und römischen Antike, die man bisher bestenfalls aus Büchern kannte.

Aber nur für sieben fette Jahre war es Touristen vergönnt, Libyens Schönheiten gefahrlos zu genießen und Libyens Schätze gefahrlos zu bewundern, nämlich von 2004 bis zum Februar 2011. Damit ist es seit dem Arabischen Frühling und der Ermordung des Langzeittyrannen Gaddafi nun für wer weiß wie viele magere Jahre vorbei.

Heute gilt Libyen zwar nicht mehr als Schurkenstaat. Aber es versinkt zusehends im Chaos eines Bürgerkriegs, besonders seit sich die fürchterliche Terrormiliz, die sich Islamischer Staat nennt, hier breitgemacht hat. Und es scheint immer gefährlicher zu werden, das Land zu bereisen. Immer gefährlicher wird es auch für die christlich-koptischen Gastarbeiter aus Ägypten, die hier Arbeit suchen, besser bezahlte Arbeit als in ihrer Heimat.

(Unter den Libyern selbst scheint es ja keine Christen zu geben – keine Christen mehr, muss es korrekterweise heißen. Zur Zeit der Spätantike und des frühen Mittelalters war das Land, soweit es zum Römischen Reich gehörte, selbstverständlich christlich)

Und es zerreißt mir das Herz, wenn ich daran denke, wie dieses wunderbare Land von einem blutrünstigen und grenzenlos eitlen Tyrannen ins totale Chaos gestürzt wurde.

 

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Es war einmal ...

Ja, es war einmal eine jungfräuliche Jägerin. Sie hieß Kyrene, lebte in Griechenland und war die Tochter des Königs Hypseus. Wie Gretchen am Spinnrad zu sitzen, das war ihr ebenso ein Gräuel wie alle anderen hausfraulichen Tätigkeiten. Kyrenes Leidenschaft war die Jagd, aber nicht die Jagd auf Hasen oder Fasane, sondern auf die großen Raubtiere des Waldes, vor denen sie die Herden ihres Vaters zu beschützen trachtete. Sie wagte es sogar, sich unbewaffnet, also quasi sportlich, mit diesen Bestien zu messen, sprich, mit ihnen zu ringen. So gewaltig war ihr Mut, so gewaltig ihre Kraft.

Eines schönen Tages rang sie, wohlgemerkt, mit nur einem Arm und natürlich ohne irgendeine Waffe, mit einem ausgewachsenen Löwen. Und was geschah? Sie rang das Untier nieder, ging siegreich aus dem Kampf hervor.

Dies geschah auf dem Berg Pelion (Pilion in der heutigen Aussprache). Und damit erregte Kyrene die Bewunderung eines leibhaftigen Gottes, noch dazu des feschesten unter allen Göttern.

Atemlos hatte der jugendliche Gott Apollon dieses unglaubliche Geschehen verfolgt. Die Bewunderung verwandelte sich in Liebe, die Liebe in Leidenschaft. Und von der Leidenschaft überwältigt, ergriff er sie, entführte sie in seinem goldenen Wagen übers Meer in einen paradiesischen Garten seines Herrn Papa, des Göttervaters Zeus (der bekanntlich auch kein Kostverächter war). Und im goldenen Palast der Nymphe Libye würdigte er sie dort seiner Liebe. (Ja, ja, so nennt man das bei Göttern.) Und danach war sie klarerweise die längste Zeit jungfräuliche Jägerin gewesen.

Wenn Götter sterbliche Frauen „ihrer Liebe würdigen“, so bleibt das niemals ohne Folgen. So war es auch in diesem Fall. Prompt stellte sich der Segen, nämlich der Kindersegen, ein. Und neun Monate später gebar Kyrene ein hübsches Kind, einen Sohn, den sie Aristaios nannte und der ein Wohltäter der Menschheit werden sollte. Denn er erfand die Bienenzucht und die Kultur der Olive. Er war aber auch Verursacher einer heute noch hochberühmten Tragödie. Eine Leidenschaft hatte ihm sein Herr Papa offensichtlich vererbt: die Leidenschaft für schöne Frauen. Und so entbrannte er in leidenschaftlicher Liebe zu einer jungen Frau namens Eurydike. Diese war jedoch bereits mit dem Sänger Orpheus vermählt. Ihn liebte sie über alles. Nun, Aristaios wollte ihr an die Wäsche, sie stürzte in wilder Flucht davon, trat dabei auf eine giftige Schlange, wurde gebissen – und starb. Wohlbekannt ist die Geschichte, wie Orpheus daraufhin in die Unterwelt hinabstieg, die Wächter und Götter des Totenreichs durch seinen göttlichen Gesang und sein göttliches Lyraspiel bezauberte, Eurydike zurückgewann – und schließlich ein zweites Mal verlor.

Aber noch einmal zurück zu Aristaios. Er verewigte den Namen seiner Frau Mama, indem an der Stelle, wo Apollon sie „seiner Liebe gewürdigt“ und ihn gezeugt hatte, eine Stadt gründete und sie Kyrene nannte.

 

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Kennen Sie die Stadt Kyrene? Nein? Aber falls sie einigermaßen bibelfest sind, kennen Sie sicherlich Cyrene oder Zyrene.

(Markus 15,21 in der Einheitsübersetzung: Einen Mann, der gerade vom Feld kam, Simon von Zyrene, den Vater des Alexander und des Rufus, zwangen sie, sein Kreuz zu tragen.)

Und falls Sie in Ihrer Schulzeit so wie ich langweilige Unterrichtsstunden damit verbracht haben, mithilfe Ihres Schulatlas in Gedanken auf weite Reisen zu gehen, so haben Sie zweifellos in Nordafrika eine Landschaft mit dem klangvollen und einprägsamen Namen Kyrenaika oder Cyrenaika entdeckt – nicht hingegen die Stadt Kyrene oder Cyrene (Zyrene), nach der diese Landschaft heute noch benannt ist.

Mittlerweile bin ich alt genug, um zu wissen, warum nicht. Ganz einfach, weil unser Schulatlas kein historischer Atlas ist. Und Kyrene oder Cyrene (Zyrene) ist eben eine historische Stadt, die heute nur noch als ausgedehntes (und, nebenbei bemerkt, außerordentlich sehenswertes) Ruinenfeld existiert. Und ich bin auch alt genug, um zu wissen, dass die Kyrenaika (Cyrenaika) eine von drei ursprünglich eigenständigen Landschaften ist, die seinerzeit von den Italienern zu ihrer Kolonie Libyen zusammengeschweißt wurden. (Die anderen zwei heißen Tripolitanien und Fessan oder Fezzan.)

Zu Libyens faszinierenden Sehenswürdigkeiten gehört also auch Kyrene (Cyrene, Zyrene). Ja, wie heißt es nun richtig: Kyrene oder Cyrene oder Zyrene? Oder vielleicht so, wie die libyschen Fremdenführer sagen: Sirene? Die müssten es doch am ehesten wissen. Sollte man meinen. Indes, nichts wäre irriger als diese Annahme. Denn wie ich inzwischen gemerkt habe, haben sie zur griechischen und römischen Kultur nicht die geringste Beziehung, geschweige denn zur griechischen oder lateinischen Sprache.

Fest steht: Kyrene-Cyrene-Zyrene-Sirene ist eine griechische Gründung, und ihre Bewohner (zu denen seit der Zeit Alexanders des Großen auch zahlreiche Juden zählten) sprachen selbstverständlich Griechisch, natürlich auch noch während der römischen Jahrhunderte bis zur Eroberung durch die Araber und noch lang danach. Und wie nannten sie also ihre Stadt? Ganz klar: Sie nannten sie stets Kyrene und nie anders. Benannt ist sie nach der dem Apollon geweihten Quelle Kyre, die noch heute nahe dem Tempel des Stadtgottes Apollon entspringt.

(Wenig überraschend wählten die historischen Gründer von Kyrene den feschen und jugendlichen Herrn Papa des mythischen Stadtgründers zum Schutzpatron der Stadt und des zu ihr gehörenden Territoriums.)

So wollen wir denn die Stadt von nun an Kyrene nennen und die nach ihr benannte Landschaft Kyrenaika. Ist nun die Aussprache mit TS oder gar nur mit S falsch? Nein, falsch ist sie nicht. Aber auch nicht griechisch. Schuld an dieser Verwirrung sind (wie auch sonst meistens) die alten Römer. Die haben das griechische Kappa grundsätzlich mit C ins Lateinische transkribiert. Dieses wurde nämlich während der gesamten Antike stets wie K ausgesprochen (weshalb aus Caesar Kaiser werden konnte), ab dem fünften Jahrhundert jedoch vor E und I oder Y plötzlich wie TS (später im Französischen und Englischen gar nur wie S). Und dadurch wurde zum Beispiel aus dem dreiköpfigen Höllenhund Kerberos plötzlich ein Cerberus (Zerberus), und die aus der Odyssee bekannte Zauberin Kirke verwandelte sich unverhofft in eine Circe (Zirze), sodass heutzutage attraktive, verführerische Frauen ihre männlichen Opfer nicht mehr „bekirken“, sondern eben becircen (bezirzen).

Nennen sie mich meinetwegen pervers. Aber becircen (bezirzen) können einen Griechennarren wie mich nicht nur attraktive Frauen, sondern auch griechische und römische Kulturschätze und Ruinenstätten. Und an solchen ist Libyen, wie gesagt, unfassbar reich. Deshalb stellte das Reich Gaddafis lange Zeit für mich eine schmerzliche Lücke auf meiner privaten archäologischen Landkarte dar. Aber dafür versuchte ich nun, ab 2004, mein bisheriges Versäumnis doppelt und dreifach nachzuholen. Denn, ich gestehe es offen, ich war einfach „bezirzt“, konnte mich, wie an einer attraktiven Frau, nicht satt sehen. Außerdem war der Besuch der antiken Stätten und archäologischen Museen in Libyen jedes Mal für mich so viel wie eine Zeitreise, eine Reise in die Vergangenheit, ein Eintauchen in die Kultur der klassischen Antike, in das pralle Leben der alten Griechen und Römer.

 

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Alles begann am Palmsonntag des Jahres 2006. Da landete ich in Tripolis und trat meine dritte geführte Rundreise durch Libyen an. Schon zum dritten Mal gedachte ich also Gaddafis Reich zu erkunden und mich wie mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit katapultieren zu lassen.

Und so gelangte ich programmgemäß auch wieder nach Kyrene.

An dieser Stelle muss ich ein zweites Geständnis machen. In Kyrene lasse ich mich nicht nur in die Vergangenheit katapultieren. In Kyrene fühle ich mich als Gräzist, sprich, Fachmann für griechische Literatur, Philosophie und Wissenschaft, gewissermaßen zu Hause. Hier kenne ich eine ganze Reihe von einstigen Bewohnern. Ich kenne, um nur die bekanntesten zu nennen, zwei berühmte Philosophen. Beide heißen sie

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Karl Plepelits
Bildmaterialien: Karl Plepelits
Cover: Jostar, Pixabay, CC0 Creative Commons
Lektorat: Karl Plepelits
Satz: Karl Plepelits
Tag der Veröffentlichung: 08.04.2018
ISBN: 978-3-7438-6459-7

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