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Ruf der Magie - Dämonenblut

 

 

 

 

 

Ruf der Magie

 

 

Dämonenblut

 

 

 

 

Linnea Bennett

 

Copyright © Stefanie Zainer

Lektorat: Lilyana Ravenheart

Korrektorat: Stefanie Zainer

Covergestaltung: © Kristina Licht – Coverdesign

Bildmaterial: 123rf.com

 

 

 

 

Auflage 1 / 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum:

Stefanie Zainer

Teesdorferstraße 4

2602 Blumau-Neurißhof

 

© 2020

Liebe

 

 

 

Liebe vertreibt die Einsamkeit

und sprengt die Fesseln der Dunkelheit

 

 

 

 

Prolog

 

Die Raben krächzten leise, als eine Gestalt lautlos durch den Wald schritt. Es war eine junge Frau, deren kupferfarbenes Haar von der Kapuze verdeckt wurde, welche ihr tief ins Gesicht hing. Dichte Nebelschwaden berührten den Boden. Doch sie beachtete sie nicht, folgte dem Pfad, auf dem sie wandelte.

Der Vollmond hing am Himmel, war teilweise von Wolken bedeckt und erhellte schwach den kaum erkennbaren Weg. Doch sie brauchte diese Hilfe nicht, die Dunkelheit war ein Teil von ihr.

Die Tiere des Tages flüchteten vor ihr, flohen auf Bäume oder suchten Schutz im Dickicht des Waldes. Eichhörnchen zogen sich in ihre Behausung zurück, während Kaninchen und Mäuse Zuflucht in den Büschen suchten. Jedoch flohen nicht alle Waldtiere vor der jungen Gestalt. Nein, andere suchten ihre Nähe, begleiteten sie.

Ein Marder umstrich ihre Beine, fauchte leise, als sie ihn keines Blickes würdigte. Er verschwand beinahe im Nebel, ebenso wie ein Fuchs, der sich an ihre Seite gesellte.

Fledermäuse erhoben sich, flogen dicht über die Frau, die durch den Nebel watete und sich zwischen den Bäumen hindurchschob. Eulen begleiteten ihren Weg, flatterten von einem Ast zum Nächsten.

Weiter führte der Weg in das Herz des Waldes. Die Baumkronen waren verwachsen, das Mondlicht konnte sie nicht durchbrechen. Finsternis empfing sie und umschloss sie, wie die Schwärze, die nach ihrem Herzen gegriffen hatte.

Sie stolperte weder über Wurzeln noch über Steine, denn sie kannte den Weg. Neben dem Pfad standen große Steine, auf denen Symbole eingeritzt waren, deren Bedeutung ihr vertraut waren. Sie war es gewesen, die diese Symbole angebracht hatte und somit Fremden den Zugang verweigerte.

Nur wenige konnten diesen Pfad passieren, der Pfand war Blut und der Preis die Dunkelheit.

Die Tiere konnten die junge Frau nicht weiter begleiten, verharrten bei dem ersten Stein und sie spürte deren Blicke auf sich, doch sie drehte sich nicht um. Den Rest des Weges musste sie allein gehen. Der Wald vor ihr wurde dichter, Äste verfingen sich in ihrem Umhang. Sie ignorierte sie, ging ihren Weg weiter.

Auf einer Lichtung stoppte die junge Frau. Doch sie war nicht allein, das fühlte sie.

In diesem Teil des Waldes war sie nie einsam gewesen. Nicht, seit sie sich der Dunkelheit verschrieben hatte und dafür einen hohen Preis zahlen musste. Doch dies hatte sich gelohnt. Sie bereute nichts.

Im Gegenteil.

»Ich spüre, dass eine verlorene Schwester zu uns zurückkehrt«, verkündete sie der Finsternis, aus welchem Gemurmel zu hören war. Stimmen, die nicht zu dieser Welt gehörten und die eine Sprache benutzten, die nicht für Menschenohren gedacht war.

Sie hatte vor wenigen Stunden gespürt, dass sich jemand näherte. Eine alte Kraft, die ihr bereits begegnet war und zu jener Schwester gehörte, die ihnen vor Jahren abhandengekommen war.

Eine bedeutende Schachfigur auf dem Spielbrett des Lebens und sie war am Zug. Eine Niederlage kam für sie nicht infrage.

Viele Gedanken hatte sie an ihre Gefährtin gehabt, all die Jahre hatte sie sie nicht vergessen können. Doch jetzt kehrte sie nach Hause zurück. Lange hatte sie dies herbeigesehnt und endlich konnte sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen.

Ihr Blick war auf die Schatten zwischen den Bäumen gerichtet, die zu jenen Wesen gehörten, die ihr gehorchten und die ihr in den Tod folgen würden. Ihre treue Armee, bezahlt durch Blut.

»Es wird Zeit«, fügte sie hinzu. Das Raunen im Wald wurde lauter.

Eine dunkle Gestalt trat aus dem Schatten, ein großgewachsener Mann mit so dunklem Haar, das beinahe mit der Dunkelheit verschmolz. Die Augen leuchteten rot, als er die Zähne fletschte.

Ein alter Dämon, der direkt aus der Unterwelt emporgestiegen war, um ihr zu dienen. Es blieb ihm keine andere Wahl, war er doch ein niederer Dämon, der Befehle ausführte und nicht gab.

»Dein Blut, Hexe, erst der Preis«, knurrte er mit unmenschlicher Stimme. Diese Forderung überraschte sie nicht. Es war der Preis, den sie für die Treue der Dämonen zu zahlen hatte.

Ihr Blut band sie an sich und verlieh ihnen mehr Stärke. Nicht alle der Dämonen, die ihr folgten, verlangten nach ihrem Blut, doch die Untersten, die Primitivsten, von ihnen waren fast schon süchtig danach.

Unbeeindruckt zog die Hexe ein Athame mit schwarzem Griff hervor, es schimmerte silbern im Mondlicht. Wind kam auf, ließ ihren dunklen Mantel flattern, als sie auf den Mann zutrat.

Gierig knurrte dieser. Sie schnaubte und wies ihn mit einem Blick an, zu warten. Dies tat er auch, doch Ungeduld glühte in den roten Augen auf.

Die Hexe umfasste die Klinge und schnitt sich tief in die Handfläche. Warmes Blut tropfte auf den Boden, als sie ihm die Hand hinhielt.

Der Mann ging vor ihr auf die Knie und ein freudloses Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, als er sich an ihrem Blut labte. Rascheln war zu hören, als sich die restlichen Gestalten des Waldes auf sie zubewegten.

Männer und Frauen, die ebenfalls vor ihr auf die Knie gingen, um ihren Lohn, das Blut einer Hexe, zu erhalten.

 

 

Kapitel 1

 

Kälte war das Erste, was Aurora ins Gesicht peitschte, als sie aus dem Flugzeug stieg. Um ihre Schulter hing eine Umhängetasche, in der sie ein Buch verstaut hatte, an ihrer Hand klammerte sich ihr kleiner Bruder Leo, der sofort zu bibbern anfing.

Inverness war eindeutig kälter als Rom, das hatte Aurora gleich bemerkt. Sie verstärkte den Griff um Leos Finger und stieg die Stufen hinab, wo unten bereits der Bus auf sie wartete, der sie zum Gebäude brachte. Dort würden sie den ersten Teil ihres Gepäcks bekommen, den Rest hatten sie in den letzten Tagen vorausgeschickt.

Ein alter Freund der Familie wartete bereits in der Ankunftshalle auf die kleine Familie, die sich frierend aneinanderdrückte. Ihre Mutter zog Leos Schal noch enger.

»Mama, du tust ihm doch weh«, beschwerte sich Aurora sogleich bei ihrer Mutter, die mit zusammengekniffenen Augen den Kopf schüttelte.

»Ich möchte nicht, dass er sich erkältet«, erklärte sie. Aurora seufzte laut auf, lockerte den festen Schal selbst. Dankbar drückte Leo ihre Hand.

Sie fühlte sich seltsam fremd und verloren in diesem Land, das sie noch nie zuvor besucht hatte. Wehmütig dachte sie zurück an Rom, an die Leute, die sie dort hatte zurücklassen müssen. Ihre Freundinnen, die ihr versprochen hatten, dass sie ihr Briefe und Mails schreiben würden. Oder videotelefonieren – auch das hatten ihr ihre Freundinnen versichert. Doch bereits als diese Worte ausgesprochen wurden, war Aurora klar, dass diese Versprechen nicht von Dauer sein würden. Die ersten Wochen würde man noch versuchen, sie an allem teilhaben zu lassen, doch mit der Zeit würde dies weniger werden. Aurora wusste, dass sie mit dem Antritt der Reise ihre Freundinnen hinter sich lassen musste.

Und doch wusste sie, dass sie keine andere Wahl gehabt hatten, als hierher zu kommen. Ihr Vater, der seine Arbeit verloren hatte, war nur einer der Gründe für diesen Umzug. Ihre Eltern hatten es ihnen erklärt und Aurora, sowie ihr Bruder, hatten diese Erklärungen hingenommen. Sie hätten auch nichts daran ändern können. Das Leben war zu teuer für sie in Rom geworden und der Ruf der Heimat war zu laut gewesen. Schon oft hatten ihre Eltern davon gesprochen, zurück in das Land zu ziehen, in dem sie aufgewachsen waren.

Das Ziehen von Leos Hand riss sie aus den Gedanken und überrascht blickte sie zu ihrem Bruder, der den Griff abermals verstärkte.

»Ich vermisse unser altes Zuhause auch«, sagte er zu ihr. Aurora schüttelte den Kopf und lächelte.

»Du wirst sehen, wir werden uns hier bald wohl fühlen, Leo«, erwiderte sie, als ihre Mutter die beiden bereits mit einer Handbewegung zur Eile ermahnte.

»Los, los! Steht nicht herum, als wärt ihr festgewachsen!«, schimpfte diese und schob sie in die Richtung des Ausgangs. Der Freund der Familie, John, hatte beide Hände in die Hosentaschen seiner weiten Jeans geschoben und war bereits die ersten Schritte vorgegangen.

»Beeilt euch, ich habe noch zutun!«, ermahnte er sie mit dunkler Stimme und stieß dabei einen Seufzer aus. Ihr Vater schob die Gepäckkarren bereits hinter John her, während ihre Mutter die zweite Hand Leos nahm und ihn mit sich zerrte. Mit hastigen Schritten versuchte er ihr nachzukommen, ebenso Aurora, die ihr einen missmutigen Blick zuwarf.

»Was hast du denn noch zu tun?«, wollte Leo von John wissen, der laut aufseufzt.

»Ich muss mich noch um die Schafe kümmern. Sie gehören geschoren und meine Arbeiter werden nicht allein mit allen fertig!«, erklärte er Leo, der mit staunenden Augen zu dem älteren Herrn hochsah.

John war ein hochgewachsener Mann, dessen Gesicht vom Wetter gezeichnet war. Tiefe Falten lagen um die hellgrünen Augen und auch über die Stirn zogen sich kräftige Furchen. Die Lippen des Mannes waren dünn und er wirkte recht hager, als könnte der nächste Windstoß ihn davontragen. Obwohl sein Blick griesgrämiger Natur war, lag in seinen Augen eine Freundlichkeit, die Aurora sogleich vertraut vorkam. Dass dieser Mann ungefähr so alt wie ihre Eltern war, hätte sie nie vermutet.

»Hast du denn viele Schafe?«, fragte Leo weiter. Er hatte sich von den Händen losgerissen und versuchte mit John mitzuhalten.

»Schon ein paar Hundert«, erklärte John. Stolz lag in seiner Stimme. Mit ehrfürchtiger Miene blickte Leo den alten Mann an, als er seine kleine Hand in die des Farmers schob.

Aurora schmunzelte, als sie ihren Bruder bei diesem Vorhaben beobachtete. Schon immer hatte Leo eine gewinnende Art an sich gehabt und sich schnell in die Herzen der Menschen geschlichen. Etwas, das sie noch nie geschafft hatte. So sehr sie es auch versucht hatte, es war ihr nie gelungen, so rasch Freundschaften zu schließen.

Als sie die Ankunftshalle verließ, schob sie die Hände in die Manteltasche und warf einen nachdenklichen Blick nach oben in den Himmel.

»Du wirst sehen, Schottland ist gar nicht so übel, wie du denkst«, versuchte ihre Mutter, Aurora zu ermutigen, die von diesen Worten aus den Gedanken gerissen wurde. Überrascht drehte sie sich zu ihr.

Ihre Mutter war eine braungebrannte Frau mit schwarzen Haaren, die ihr in dichten Locken über den Rücken fielen. Sie war etwas dicklicher, doch hatte das größte Herz, das sie jemals kennengelernt hatte. Nur leider war sie sehr temperamentvoll.

Sie hieß Giorgia, ein Relikt der italienischen Wurzeln, die damals mit dem Schottischen vermischt wurden. Der Name ihres Vaters war Ian. Er war ebenfalls etwas dicklicher und hatte braune, kurze Haare, die in den letzten Jahren bereits ausgefallen waren, weshalb er eine Halbglatze trug. Doch auch er hatte das Herz am rechten Fleck.

»Nun, das denke ich auch. Ich bin mir sicher, dass Schottland genauso schön wie Rom sein kann«, antwortete Aurora mit ruhiger Stimme.

Ihre Mutter fuhr sich mit einer Handbewegung durch die Haare, dabei fixierte sie eine Strähne hinter dem rechten Ohr.

»Vielleicht gefällt es dir hier auch besser, das wird die Zeit zeigen«, sagte sie mit einem Lächeln, das Aurora für einen kurzen Moment erwiderte.

»Dort hinten steht der Wagen, was steht ihr schon wieder herum?«, ermahnte John sie. Aurora rollte mit den Augen, wandte den Blick ab und trat näher an das Auto, ebenso wie ihre Mutter.

Der Wagen war bereits mit ihren Koffern gefüllt, als John den Kofferraum schloss und sich noch immer mit Leo über sein offensichtlich liebstes Thema unterhielt: Schafe.

»Ich habe auch Lämmchen, die erst vor zwei Wochen auf die Welt gekommen sind«, erzählte John, als er Aurora die Autotür aufhielt. Fasziniert kletterte ihr Bruder in den Wagen, ehe seine Schwester ihm folgte und den Gurt um Leo legte.

»Haben sie auch alle Namen?«, fragte Leo aufgeregt, Aurora schmunzelte.

»Sie werden bestimmt Namen haben«, mischte sie sich in das Gespräch ein, wurde aber dafür direkt mit einem bösen Blick Johns bestraft.

»Unsinn, nicht alle haben Namen. Kann mir doch keine 342 Namen für die merken!«, keifte John Aurora an. Sein Blick zeigte Entrüstung, als wäre dies eine Mammutaufgabe, die man von ihm nicht verlangen konnte und durfte. Aurora hob abwehrend die Hände, als er die Autotür fester als notwendig zuschmiss.

Aurora beobachtete, wie er sich vor das Lenkrad setzte und wartete, bis alle Platz genommen hatten. Ihr Vater saß neben John auf dem Beifahrersitz, während sie sich mit ihrer Mutter und Leo die Rückbank teilte.

»Darf ich deine Schafe mal sehen?«, fragte Leo, während John den Motor startete und rückwärts ausparkte.

Einen Moment herrschte Stille, als er sich räusperte.

»Ja. Und wenn du magst, kannst du einem von ihnen auch einen Namen geben.«

 

* * *

 

Fasziniert hatte Aurora den Blick aus dem Fenster gerichtet und betrachtete die grüne Landschaft Schottlands. Obwohl der Himmel mit Wolken verhangen war, war der Blick auf die Wiesen überwältigend. So viel Grün hatte sie noch nie zuvor zu Gesicht bekommen, ein Fleck in der Landschaft war schöner als der nächste. Trotz der Müdigkeit in den Gelenken war an Schlaf nicht zu denken, denn sie wollte keinen Augenblick verpassen.

Von dem Dorf, in dem sie leben würden, hatte sie noch nie etwas gehört und selbst ihr Versuch, im Internet zu recherchieren, hatte kaum Erfolg gehabt. Rhybervie, ein Dorf inmitten der Highlands. Soviel sie herausfinden konnte, hatte das Dorf nur 53 Einwohner, was ihr durchaus wenig vorkam. Sie wagte es gar nicht, diese Einwohnerzahl mit der Roms zu vergleichen.

Aurora seufzte auf. In ein paar Stunden würde Rhybervie um vier Leute reicher werden. Das musste für so eine kleine Gemeinde enorm viel sein.

Die Schule würde sich in einem Nachbarort befinden und Aurora hoffte, dass sie zumindest nicht weit zu gehen hatte und dass sie möglicherweise mit einem Fahrrad hinfahren konnte. Es musste ein herrliches Gefühl sein, durch die Highlands zu fahren und den Wind im Haar zu spüren.

Dieser Gedanke ließ Aurora lächeln, während ihr Blick weiterhin auf das saftige Grün der Wiesen gerichtet war. Ein Anblick, von dem sie sich kaum abwenden konnte und der so viel mehr Schönheit zu bieten hatte als die Stadt, die sie hierfür verlassen musste.

»Schön hier, nicht?«, fragte ihre Mutter sie mit leiser Stimme. Leo, der zwischen ihnen saß, war bereits nach den ersten Minuten eingeschlafen.

»Ja... auf den Bildern hat es nicht so überwältigend ausgesehen«, erwiderte sie mit leiser Stimme, konnte den Blick nicht von den Fensterscheiben und der sich dahinter befindenden Landschaft nehmen.

»Ich wusste, dass es dir hier gefallen würde.«

Für einen Moment wandte Aurora den Blick ab, sah zu ihr und erkannte ein Lächeln auf dem Gesicht ihrer Mutter. Sie erwiderte dies einen Moment und wandte sich wieder dem Ausblick aus dem Fenster zu.

Erste Sonnenstrahlen kämpften sich durch die dichte Wolkendecke und ließen das Grün in leuchtenden Farben erscheinen. Es war, als würde sich ihr das Land in seinen schönsten Facetten zeigen wollen. Ohne es zu bemerken, fühlte sich Aurora angekommen und wohl, als hätte ihr Herz den Platz gefunden, nach dem sie sich schon immer gesehnt hatte.

Kapitel 2

 

Die Autofahrt dauerte vier Stunden, ehe sie vor einem verschlafenen Häuschen hielten. John war der Erste, der den Wagen verließ und sich streckte, um die steifen Glieder zu lockern.

»Endlich! ich dachte schon, dass wir nie ankommen würden«, murmelte Auroras Vater, als er den Wagen verließ. Sofort erntete er dafür einen genervten Blick von John.

»Nächstes Mal könnt ihr euch auch selbst abholen«, entgegnete dieser, auch ihre Mutter strafte ihren Vater für seine Worte mit einem strengen Blick, ehe sie sich John zuwandte und diesem die Hand auf die Schulter legte.

»Wie auch immer... wir sind dir auf alle Fälle sehr dankbar dafür, dass du uns abgeholt hast«, sagte sie, woraufhin der Blick des Farmers weicher wurde. Aurora verzog das Gesicht, als sich ihre Mutter zu John beugte und ihm einen Kuss auf die Wange gab.

»Mama, das muss aber wirklich nicht sein«, murmelte sie genervt, als sie Leo aus dem Wagen hob, der sich müde die Augen rieb und leise gähnte.

»Misch dich nicht ein, wir sind alte Freunde«, rechtfertigte ihre Mutter sich, woraufhin Aurora sogleich die Augen verdrehte und ihre Tasche schulterte. Es wunderte sie, dass sich ihr Vater nicht über den Wangenkuss ärgerte. Doch ein Blick zu diesem zeigte ihr, dass er nicht darüber erfreut war.

Ob ihr Vater eifersüchtig war? Aurora hatte eine solche Situation noch nie erlebt. Allerdings vermutete sie, dass es sich hierbei nur um eine alte Freundschaft handelte, auch wenn Johns verträumtes Lächeln etwas anderes aussagte. Angeekelt verzog sie das Gesicht und wandte sich ab.

»Ist der Schafmann mehr als ein Freund für Mama?«, fragte Leo, als Aurora die Autotür schloss.

»Das solltest du sie lieber selbst fragen«, erwiderte sie, denn auf diese Frage konnte und wollte sie keine Antwort geben. Doch auch sie stellte sich insgeheim dieselbe Frage. Ihr Vater hatte währenddessen den Arm um ihre Mutter gelegt und sie von John fortgezogen, der sich bereits um das Gepäck kümmerte.

Aurora griff nach ihrem Koffer, als bereits die Haustür geöffnet wurde und eine ältere Dame zum Vorschein kam.

Strenge graue Augen musterten die Familie, ehe sie langsam die zwei Stufen hinabstieg. Sie lehnte sich auf einen Stock, der recht brüchig wirkte. Ihre Haare waren bereits ergraut und weiße Strähnen zogen sich durch die kurzen Locken. Sie war klein, vermutlich kleiner als Aurora. Doch sie strahlte eine Autorität aus, die Aurora einschüchterte, woraufhin sie sich neben der älteren Dame winzig fühlte. Diese alte Frau sollte pflegebedürftig sein?

»John, lass die Finger von meiner Großnichte! Sie wollte dich schon damals nicht und jetzt will sie dich noch weniger!«, schimpfte die Gastgeberin direkt. Leo versteckte sich instinktiv hinter Auroras Beinen und auch sie hätte am liebsten ein Versteck aufgesucht.

»Tante Franzesca! Wie schön, dich zu sehen!« Ihre Mutter trat an Franzesca heran und gab ihr einen Kuss auf die runzelige Wange, ehe sie deren Hand nahm und diese fast schon zärtlich drückte. Auch ihre Großtante murmelte freudige Worte des Wiedersehens, während ihr Vater die ersten Koffer ins Haus trug. Für ihn hatte Tante Franzesca nur ein Nicken übrig, während Aurora und Leo mit einem skeptischen Blick begrüßt wurden.

»Tante, das sind Leo und Aurora, unsere Kinder«, erklärte ihre Mutter, während Franzesca desinteressiert nickte und sich scheinbar nicht großartig für sie zu interessieren schien.

»Dann kommt herein. Eure Zimmer sind oben, aber putzen müsst ihr die schon selbst! Ich kann die Treppen nicht mehr hochgehen!«, beklagte sich die ältere Dame direkt und drehte sich um, um zurück ins Haus zu gehen. Ihre Mutter folgte der Großtante, während Leo und Aurora bei John zurückblieben, der den beiden nachblickte.

»Sie sieht noch immer aus wie damals«, murmelte John fast schon verträumt und Aurora bemerkte, dass er diesen Gesichtsausdruck sonst nur hatte, wenn er von seinen Schafen sprach. Offensichtlich hatte es ihre Mutter ihm angetan.

»Ist sie immer so eigen?«, fragte Aurora John, der bereits die Hände zurück in die Hosentaschen geschoben hatte und sich an die Autotür lehnte. Er zuckte mit den Schultern.

»Weiß nicht, vielleicht wird sie ja noch warm mit dir. Wirst es schon sehen«, sagte John gleichgültig, ehe er sich Leo zuwandte, der verschreckt zu jener Tür blickte, hinter der Franzesca eben verschwunden war.

»Und du kommst mich bald besuchen. Oder, kleiner Mann?«, wollte John von Leo wissen, der sofort nickte. Doch zu einer Antwort kam es nicht mehr, denn noch bevor Leo etwas sagen konnte, rief ihr Vater nach ihnen.

»Na komm, Leo, wir müssen hinein«, sagte Aurora zu ihrem Bruder, der sich noch mit einer Umarmung von John verabschiedete und mit seiner Schwester zusah, wie dieser in den Wagen stieg.

»Glaubst du, ist die Tante auch lieb?«, fragte Leo sie mit leiser Stimme, als sie zur Haustür gingen. Aurora zuckte mit den Schultern. Das bezweifelte sie stark, aber wollte ihrem Bruder nicht sagen, welchen Eindruck sie von Franzesca gewonnen hatte.

»Das kann sie bestimmt sein«, murmelte sie unsicher, betrat langsam das alte, aber durchaus schöne Haus der Großtante. Die Einrichtung war altmodisch und doch war alles sauber. Viele Pflanzen standen im Raum und auch, als sie weiter ins Wohnzimmer gingen, musste Aurora feststellen, dass Großtante Franzesca durchaus einen grünen Daumen besaß.

»Ihr solltet nicht so viel mit John reden, er ist nicht schlauer als seine Schafe«, ermahnte Franzesca die beiden, woraufhin besonders Leo bestürzt wirkte.

»Aber er ist lieb und er wird mir seine Schafe zeigen«, erklärte Leo und versuchte, seinen neugewonnen Freund zu verteidigen.

Doch Franzesca tat dies mit einer abfälligen Handbewegung ab und setzte sich auf das beige Sofa. Mit einer weiteren Handbewegung deutete sie der Familie, sich ebenfalls zu setzen. Vorsichtig nahm Aurora auf einem Armsessel Platz und Leo kletterte auf ihren Schoß, während sich ihre Eltern neben der alten Dame niederließen.

Aurora ließ ihren Blick über das Wohnzimmer schweifen, es war ein wenig altmodisch eingerichtet, mit dunklen Möbeln, aber wirkte gleichzeitig recht hell, denn direkt an das Wohnzimmer schloss ein Wintergarten an. Auch hier standen viele Pflanzen auf den Regalen und an der Wand hing ein altes, vergilbtes Foto eines Ehepaares.

Aurora versuchte das Alter des Bildes zu schätzen und vermutete, dass es sich auf diesem um Franzesca handelte. Allerdings war sie auf dem Bild um mindestens sechzig Jahre jünger und wirkte fröhlich und lebensfroh.

»Gut. Da ihr eine Zeit lang hier leben werdet, solltet ihr auch die Regeln des Hauses kennen. Kein Lärm nach dem Abendessen und im Obergeschoß wird nicht gerannt. Ich dulde keinen Besuch, schon gar nicht von pubertierenden Jungs«, fing Franzesca an zu erklären und wandte sich mit der letzten Regel direkt an Aurora, deren Gesicht rot anlief.

Doch noch bevor sie sich verteidigen konnte, sprach die ältere Dame weiter: »Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Haustiere! Und du, junges Fräulein, keine nächtlichen Ausflüge! Sollte mir noch etwas einfallen, dann werde ich euch davon gleich in Kenntnis setzen.«

»Und wo schlafen wir?«, fragte Leo direkt und brachte die Dame etwas aus dem Konzept. Überrascht wandte sich Franzesca an das Geschwisterpaar und Aurora war sich sicher, dass sie nicht oft zuvor unterbrochen worden war.

»Ich war so nett und habe euch drei Zimmer freigeräumt. Sie sind oben. Mein Schlafzimmer ist unten und dort hat keiner von euch etwas verloren!«, erklärte sie weiter. Doch dies schien Leo nicht zu reichen und Aurora verfluchte die Neugierde ihres Bruders.

»Wieso hast du so viele Zimmer, die du nicht mehr brauchst?«, wollte dieser direkt wissen.

»Das sind die alten Zimmer meiner Kinder! Aber davon reden wir jetzt nicht!«, sagte Franzesca mit harschem Tonfall, ehe sie sich schwerfällig erhob und sich auf ihren Gehstock stützte.

»Ich werde mich jetzt hinlegen, immerhin habe ich lange warten müssen, bis ihr hier seid. Giorgia, die ersten drei Zimmern oben, du weißt, welche ich meine«, erklärte sie streng, ehe sie aus dem Zimmer trat und die Familie zurückließ. Aurora blickte ihrer Großtante ungläubig hinterher, während Leo von ihrem Schoß rutschte und offensichtlich sein Zimmer für die nächsten Wochen sehen wollte.

»Ich finde sie lieb«, verkündete Leo, als auch Aurora sich erhob. Ungläubig hob sie eine Augenbraue, während ihr Vater mit dem Kopf schüttelte.

»Das ist sie auch, Leo. Sie muss nur ein wenig mit euch warm werden, das ist alles«, erklärte ihre Mutter.

»Das glaube ich nicht «, erwiderte Aurora, während sie ihrer Mutter folgte, die aufgestanden war und in die Richtung der Treppe vorging.

Kapitel 3

 

In ihrem neuen Zimmer fühlte sich Aurora wohl, auch wenn sie damit nicht gerechnet hätte, als sie die Treppen hinauf in das Obergeschoß gegangen war. Zwar wirkte die Wandfarbe ein wenig alt und sah nicht frisch aus und die Einrichtung war ein wenig dunkel gehalten, aber es gefiel ihr.

Das Bett war recht groß, größer als ihr Altes in Rom und außerdem hatte sie einen Schreibtisch, einen großen Schrank und ein weiteres Regal, das sie mit ihren Sachen füllen konnte. Neben dem Kleiderschrank stand ein großer Standspiegel, der schöne Verzierungen aufwies und mit kleinen Schnörkeln versehen war.

Am besten gefiel ihr der Blick aus dem Fenster, denn sie konnte direkt auf den kleinen Wald sehen und auf die Klippen, die sich in unmittelbarer Nähe befanden. Vor ihrem Fenster stand ein großer Baum, doch Aurora wusste nicht, welcher es war.

Auf einen der Äste saß ein Rabe, der sie neugierig beobachtete. Doch Aurora dachte sich nichts dabei, sie wandte sich ab und ließ ihren Blick weiterhin im Zimmer umherschweifen. Sie konnte es kaum erwarten, die Gegend zu erkunden und sich alles genauer anzusehen. Auch auf ihrem Fensterbrett standen ein paar Blumen, die gut zur dunklen Einrichtung passten.

Im Zimmer nebenan schlief ihr Bruder. Offenbar war er nicht ganz so begeistert wie Aurora, zumindest vermutete sie das aufgrund der Geräusche, die sie aus seinem Zimmer hören konnte. Aber sie war sich sicher, dass er sich einleben würde. Ihre Eltern hatten das erste Zimmer neben der Treppe genommen und auch sie wirkten nicht recht glücklich darüber, war es doch um die Hälfte kleiner als ihr Schlafzimmer in Rom.

Die Sachen, die sie schon vorausgeschickt hatten, waren bereits hochgebracht worden, doch Aurora war nicht danach, auszupacken. Immerhin konnte sie das später machen, während es abends hingegen zu dunkel wäre, um sich die Gegend genauer anzusehen.

Nebenan konnte sie hören, wie ihr Bruder mit seinen Spielzeugen beschäftigt war und offensichtlich seinen Kuscheltieren erklärte, welcher Regalplatz ihnen zugedacht war. Er hatte sich wohl beruhigt.

Aurora hoffte, dass sich Leo bald einleben würde und hoffte gleichzeitig auch, dass sich irgendwo weitere Kinder in seinem Alter aufhielten, damit er Spielgefährten finden konnte. Denn so sehr sie ihren Bruder auch liebte, hatte sie auch keine sonderlich große Lust darauf, den ganzen Tag mit ihm zu spielen.

Gedankenverloren stand sie am großen Fenster, blickte auf die grüne Landschaft und hing ihren Gedanken nach. Noch immer saß der Rabe vor dem Fenster, sie neigte den Kopf, als sich ihre Blicke kreuzten. Er bewegte die Flügel und sie lächelte, während ihre Gedanken weiterzogen.

Ob sie auch neue Freunde finden konnte? Wie es hier wohl wäre in die Schule zu gehen? Sie freute sich darauf und gleichzeitig hatte sie ein wenig Angst davor. Doch diese Gedanken schob Aurora zur Seite, verbannte sie in die hintersten Winkel ihres Kopfes. Jetzt standen andere Dinge im Vordergrund, sie wollte die Umgebung erkunden und konnte es kaum erwarten, nach draußen zu gelangen. Als sie den Blick abwandte und aus dem Zimmer trat, schlüpfte sie in ihren Mantel.

Kaum hatte sie ihr Zimmer verlassen, hörte sie ein Gespräch ihrer Eltern und der Tonfall verriet, dass sie gerade nicht einer Meinung waren. Zwar konnte Aurora hören, wie ihre Mutter versuchte, ihre laute Stimme zu zügeln, doch es gelang ihr nicht. Vor dem elterlichen Schlafzimmer blieb Aurora stehen und Schuldgefühle überkamen sie.

Sie sollte hier nicht stehen und lauschen, sie sollte entweder zurück in ihr Zimmer gehen oder ihren Plan in die Tat umsetzen und sich draußen umsehen. Gerade wandte sie sich von der Tür ab, als ihr Name im verschlossenen Zimmer fiel. Nun fiel es ihr noch schwerer, eine Entscheidung zu treffen und so blieb sie am Treppenabsatz stehen.

»Ob es wirklich so eine gute Idee war, hierher zu kommen? Wir hätten in Rom bleiben sollen«, hörte Aurora ihren Vater sagen.

»Wir hatten keine andere Wahl!«

Ihre Mutter klang aufgebracht und besorgt.

»Wieso habe ich mich auch von dir überreden lassen, hierher zu kommen? Deine Tante hasst mich und die Kinder!« regte sich ihr Vater lautstark auf.

Noch immer verharrte Aurora bei der Treppe, die Hand lag auf dem Geländer und sie biss sich auf die Unterlippe. Was ihr Vater wohl damit meinte? Unsicher blickte sie zur Tür und überlegte, ob sie anklopfen und nachfragen sollte, entschied sich aber sogleich dagegen.

»Na, haben dir deine Eltern nicht beigebracht, dass man fremde Gespräche nicht belauscht?«

Die unfreundliche Stimme Franzescas zog sie aus ihren Gedanken und überrascht blickte sie die Treppen hinab. Offensichtlich hatte die Greisin ihren Nachmittagsschlaf beendet. Ertappt und schuldbewusst senkte Aurora den Blick.

»Hat es dir die Sprache verschlagen? Wieso stehst du überhaupt dort herum?«, fragte sie weiter, Aurora hob den Blick.

Mit langsamen Schritten ging sie über die Treppe und kam der älteren Dame immer näher und näher.

»Nun ja, ich wollte mich draußen ein wenig umsehen«, erklärte sie, doch die alte Dame schnalzte mit der Zunge.

»Dann geh auch hinaus, aber komm zurück, bevor es dunkel wird. Ich habe keine Lust, dich später suchen gehen zu müssen!« ermahnte Franzesca sie.

Sofort nickte Aurora und ging mit eiligen Schritten an der alten Dame vorbei, wobei sie beinahe schon nach draußen flüchtete. Dabei hatte sie den Blick der Großtante stets im Rücken.

Erst, als sie die Haustür hinter sich geschlossen hatte, wagte sie es wieder durchzuatmen.

»So eine alte Hexe«, murmelte sie zu sich selbst, als sie ihren Mantel zuknöpfte und langsam in die Richtung des Waldes ging.

Noch immer fragte sie sich, worüber sich ihre Eltern unterhalten hatten und weshalb sie sich solche Sorgen um sie machten.

»Ich bin doch kein kleines Kind mehr«, murmelte sie zu sich selbst, als sie schließlich über die hellgrüne Wiese ging und zum Wald blickte. Der Himmel war wolkenbehangen und Aurora hoffte, dass es nicht regnen würde.

Denn an einen Regenschirm hatte sie nicht gedacht. Neugierig blickte sich Aurora um und als sie bei der Klippe stand, musste sie feststellen, dass ihre ersten Vermutungen richtig waren. Offensichtlich lebte Franzesca wirklich sehr abgelegen, denn die nächsten Häuser konnte sie erst wage in einiger Entfernung erkennen und auch diese standen nicht näher zusammen.

Es war ganz anders als in Rom, wo sie Häuser direkt neben Häuser gesehen hatte. So viel Platz und so viel Grün hatte sie noch nie zuvor kennengelernt. Als sie auf einem Stein Platz nahm und in die Ferne blickte, ließ sie ihre Gedanken ziehen.

Eigentlich hatte sie vermutet, dass sie Rom vermissen würde, kannte sie schließlich nur die Stadt. Doch wenn sie an Rom zurückdachte, dann fühlte sie nichts. Leere durchzog ihr Innerstes und sie merkte, dass es kein Vermissen gab. Es war, als wäre ihr Herz in jenem Moment nach Hause gekommen, als sie die schottische Landschaft gesehen hatte und sie das erste Mal wirklich realisiere, dass sie den Süden hinter sich gelassen hatte.

»Miau?«

Überrascht sah sie zu ihren Beinen, zu dem Sockel des Steines und entdeckte eine rote Katze. Sie hatte langes, buschiges Fell. Mit leisem Schnurren umstrich sie ihre Beine, maunzte abermals auf. Aurora neigte den Kopf und lehnte sich langsam zu ihr hinunter, hielt ihr die Hand vor das Näschen.

Erst schnupperte sie an ihrem Handrücken, ehe sie begann sich schnurrend an ihren Fingern zu schmiegen. Ein Lächeln erschien auf den Lippen Auroras, als sie vom Stein rutschte und vor der Katze in die Hocke ging.

»Na? Wer bist denn du?«, fragte sie, wusste allerdings auch, dass sie keine Antwort von ihr erhalten würde. Dennoch konnte sie den Drang, mit dem Tier zu sprechen, nicht unterdrücken. Abermals miaute sie, stupste ihre Finger mit dem Köpfchen an und schloss genüsslich die Augen, als Auroras Finger erneut durch das seidig weiche Fell strichen.

Das Tier ließ sich zur Seite fallen, woraufhin Aurora den weichen Bauch streicheln konnte und dabei bemerkte, dass es sich um einen Kater handelte.

»Hast du denn ein Zuhause?«, murmelte sie, streichelte sanft das weiche Fell weiter und glitt mit den Fingern über den Hals des Katers. Kein Halsband war vorhanden und auch sonst fand Aurora keine Hinweise darauf, dass er einen Besitzer hatte.

Das weiche, rote Fell glänzte unter ihren Fingern, während sich das Tier mit den Pfoten hochdrückte und auf Auroras Schoß kletterte.

»Na du bist ja zutraulich!«, sagte sie schließlich, erhob sich mit dem Kater im Arm und setzte sich erneut auf den Stein.

Einen Moment verharrte sie so, fühlte sich im Einklang mit der Welt, während nur das Schnurren die Stille durchbrach. Abermals musste Aurora lächeln.

»Da ich nicht weiß, wie du heißt, werde ich dich Balou nennen«, erklärte sie dem Kater, der sofort lauter schnurrte und mit dem Köpfchen gegen Auroras Kinn stieß. Sie lachte und freute sich darüber, dass sie ihren ersten Freund gefunden hatte.

 

 

 

Kapitel 4

 

Noch immer verharrte Aurora mit Balou auf dem Schoß, während es langsam anfing, dunkel zu werden. Ein leiser Seufzer entkam ihr, als sie daran dachte, dass sie wohl in den nächsten Minuten zurück zu ihrer Großtante gehen musste.

»Weißt du, Balou, am liebsten würde ich hier bei dir bleiben und den alten Drachen heute nicht mehr sehen«, sagte sie mit leiser Stimme, abermals maunzte der Kater, als würde er ihr antworten.

»Vielleicht sehen wir uns ja nochmal wieder, Balou, aber ich muss jetzt wirklich gehen«, sagte sie zu ihm, wobei er in diesem Moment von ihrem Schoß sprang und sie fragend anblickte.

Aurora wusste nicht weshalb, aber sie hatte das Gefühl, als würde Balou jedes Wort verstehen können, das sie an ihn richtete. Als wüsste der Kater genau, was sie ihm sagen wollte.

Überrascht musterte Aurora den Kater und erhob sich ebenfalls. Noch überraschter war Aurora, als Balou tatsächlich vorausging und den Weg einschlug, der sie zurück in ihr neues Zuhause führte.

Schweigend folgte sie ihm, ehe er bei dem Gartenzaun sitzen blieb, wohl wissend, dass Tiere bei Großtante Franzesca nicht erwünscht waren.

»Als ob du wissen würdest, dass du nicht weitergehen darfst«, murmelte sie, woraufhin Balou schnurrte. Ein letztes Mal strich ihr der Kater um die Beine und ließ sich hinter den Ohren kraulen, ehe Aurora sich gänzlich von dem Tier abwandte und mit langsamen Schritten zurück zum Haus ging.

Bevor sie die Tür öffnete, warf sie einen Blick zurück und beobachtete, wie Balou zwischen den Gebüschen hindurch huschte und verschwand.

»Komisch«, murmelte Aurora, öffnete die Tür und betrat schließlich das Vorzimmer. Sie konnte bereits riechen, dass gekocht worden war, doch worum es sich handelte, das wusste sie nicht. Sie folgte dem Klappern der Töpfe und Pfannen und blieb vor der Küche stehen.

Ihre Mutter und Franzesca standen vor dem Herd und schienen gemeinsam zu kochen. Wo ihr Vater und Leo waren, das wusste sie nicht. Noch bevor sie sich abwenden konnte, um zurück in ihr Zimmer zu gehen, drehte sich Franzesca um.

»Da bist du ja wieder. Fast wärst du zu lange draußen geblieben«, rügte die Alte Aurora, welche einen leisen Seufzer ausstieß.

»Aber ich bin rechtzeitig wieder zurück, das ist doch alles, was zählt, oder nicht?«, fragte Aurora. Ihre Mutter schwieg, doch Franzesca schüttelte den Kopf.

»Giorgia, ihr habt das Kind zu sehr verwöhnt. Sie und der Junge, ihr habt viel zu viel durchgehen lassen!«, sagte Franzesca, ehe sie sich auf einen der Essstühle niederließ.

Die Küche war recht altmodisch eingerichtet und war sehr klein, denn die beiden Frauen füllten die Stehfläche fast schon allein aus. Mit dem Gehstock deutete Franzesca auf ein Regal.

»Mach dich nützlich und deck den Tisch«, wies sie Aurora an, die einen genervten Blick an ihre Mutter richtete. Diese verdrehte die Augen und deutete ebenfalls auf die Regale.

Schweigend betrat Aurora die Küche, öffnete den altmodischen Küchenkasten und griff nach fünf Tellern, die sie zum Esstisch brachte, auf welchem ein weißes Tischtuch lag, das mit Blumen bestickt war.

Mit dem Blick von Großtante Franzesca im Nacken legte sie die Teller auf den Tisch, ehe ihr auf dieselbe charmante Art und Weise gezeigt wurde, wo sich das Besteck befand. Mit denselben Handgriffen holte Aurora fünf Messer und Gabeln aus der Lade und legte diese auf den Tisch.

Gerade als sie sich auf einen der Stühle setzen wollte, stupste Franzesca sie mit dem Gehstock an.

»Noch die Gläser, die sind dort!«

Aurora verdrehte die Augen, wohl wissend, dass die Frau sie nicht sehen konnte, da sie ihr den Rücken zugewandt hatte, und begann fünf Gläser aus dem Regal zu räumen.

Zunächst brachte sie die ersten zwei Gläser zum Tisch, ehe sie zwei weitere auf den Tisch stellte. Gerade griff sie nach dem fünften Glas, als ein lauter Knall ertönte, der durch Mark und Bein ging.

Das Glas glitt aus Auroras Händen und fiel klirrend zu Boden. Es zerbrach in tausend Teilen, die sich vor ihren Füßen ausbreiteten. Franzesca stampfte mit dem Stock auf den Boden und Aurora warf ihr einen kurzen Blick zu.

»Ungeschicktes Kind!«, schimpfte die Alte.

»Sie hat es nicht mit Absicht gemacht«, versuchte ihre Mutter sie zu verteidigen. Schluckend wandte Aurora den Blick ab, bückte sich und wollte die Scherben aufheben, als sie in ihrer Bewegung erstarrte.

Das Glas war unbeschädigt.

Hatte sie nicht eben beobachtet, wie es in lauter kleine Teile zerbrochen war? Blinzelnd griff Aurora nach dem Glas, hob es hoch und drehte es zwischen ihren Fingern.

Nichts, es war unbeschadet. Kein einziger Sprung war zu sehen. Irritiert stand sie wieder auf und drehte sich zu ihrer Mutter und ihrer Großtante.

»Es ist nichts passiert, es ist ganz geblieben«, sagte sie und stellte das Glas demonstrativ vor Franzesca. Diese musterte es ausdruckslos, ebenso wie ihre Mutter.

»Aber ich war mir sicher, dass es zerbrochen war«, fügte Aurora hinzu, doch ihre Mutter zuckte mit den Schultern.

»Offensichtlich ist es das nicht, wir sollten froh sein, dass es unbeschädigt geblieben ist«, sagte ihre Mutter und ihr Tonfall verriet, dass sie nicht mehr weiter darüber sprechen wollte.

Schweigend nahm Aurora am Esstisch Platz, während Franzescas wachsamer Blick starrend auf ihr ruhte. Erst, als ihr Vater und Leo die Küche betraten, wandte sie sich von Aurora ab.

»Was war denn das für ein Radau?«, wollte die ältere Dame direkt wissen. Leo kletterte währenddessen auf den Stuhl neben Aurora und rutschte näher zu ihr.

»Welcher Radau? Ich bin nur über die Treppen gesprungen. Und dann habe ich gesehen, dass du auf dem Flur einen Vogel sitzen hast. Aber er hat sich nicht bewegt«, erklärte Leo, während Franzesca nickte. Offensichtlich war Leo der Ursprung des Geräusches gewesen.

»Das war mein Alfred, ich habe ihn damals bekommen, als ich geheiratet habe. Alle haben ihn Alfie genannt«, erklärte Franzesca, während das Essen auf den Tisch gestellt wurde. Gemüse mit Reis und etwas Fisch.

»Aber das ist dann schon lange her, dass du ihn bekommen hast, oder?«, fragte Leo mit kindlicher Stimme, woraufhin Franzesca entsetzt schnaubte.

»Du! So lange ist es noch nicht her! Giorgia, deine Kinder sind unmöglich!«, beklagte sich Franzesca, während ihre Mutter sich ebenfalls an den Tisch gesetzt hatte und Leo das Essen auf den Teller legte.

»Sag das nicht, Tante. Du musst die beiden nur erst besser kennenlernen!«, war sie sich sicher, ehe sie auch den anderen Familienmitgliedern das Essen reichte.

 

* * *

 

Nach dem Essen saß Aurora auf ihrem Bett und sah aus dem Fenster, welches gekippt war. Das Krächzen eines Raben zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, er saß zwischen den Ästen und starrte zu ihr. Sie erwiderte seinen Blick und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, doch weshalb, das wusste sie nicht. Der Vogel bewegte die Flügel,

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 28.05.2020
ISBN: 978-3-7487-4348-4

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