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Ungeheuer – gar nicht teuer

Die literarische Welt ist angewiesen auf ihre Ungeheuer; es wäre ungeheuerlich, würde man den Protagonisten sich selbst überlassen – so ganz ohne würdigen Gegenspieler. Die Literatur will das so, sie ist sonst nicht im Gleichgewicht, uneins mit sich selbst. Sie braucht Stress, Kampf, Konflikte – ist beinahe ein bisschen zu süchtig danach. Das spielt den Antagonisten in die Hände. Und auch der Teufel nickt zustimmend. Hat er ja immer gewusst, dass ohne ihn nichts läuft. Mit Ungeheuern macht man Kasse.

Eine typische Stellenanzeige für sie läse sich so: "Gesucht wird ein Widerling der Güteklasse Extra. Er sollte Erfahrungen im Vernichten von Naiven und Unbekümmerten mitbringen. Er müsste seine Bösartigkeit gut begründen können. Allgemeiner Hass auf die Menschheit genügt nicht. Sonst könnte sich ja jeder dahergelaufene Misanthrop um diesen Job bewerben. Möglichst kein Klischee-Ungeheuer von der Stange. Eine Bestie in Menschengestalt wäre schön. Muss ordentlich Prügel einstecken können; der Protagonist muss ja zeigen können, was er so draufhat. Widerstand ist zwecklos – aber erwünscht. Der Antagonist muss sich mit seiner Rolle als ewiger Looser identifizieren können, da das Happy End dem Protagonisten vertraglich zugesichert ist. Muss er sich mit abfinden. Ein Diplom in Monsterkunde wäre schön. Dann wären da noch die Jobs als Handlanger, Zuarbeiter und Schergen des Antagonisten zu vergeben. Hier wäre es schön, wenn sie alle Klischees erfüllen könnten. Unflätigkeit wäre optimal – ist aber kein Muss. Die Kunst des Kriechens auf ein ganz neues Level bringen. Verschlagen, verschmitzt, tückisch ... Aber das sollte schon auf den ersten Blick erkennbar sein ... Außer für die Einsätze beim Plot Twist, wo sich der Schönling als Kotzbrocken outet – und jedem klarwird, dass das bislang seine brillante Maskerade war."

Im Ungeheuer-Business kann man es weit bringen; aber man sollte schon imstande sein, Außergewöhnliches zu liefern. Leider Gottes haben es die Dinosaurier nicht bis in unsere Epoche geschafft. Aber Viren schaffen uns ebenfalls. Ungeheuer ohne die geringste Intention; lediglich Beauftragte der Natur; sie machen nur ihren Job. Keine Godzillas im Mini-Format.

Gerne kämpft der moderne Protagonist auch gegen die inneren Ungeheuer; im Leben besiegt man die ja höchst selten – aber im Film kann man die wunderbar plattmachen. Gerechtigkeit. Die Seele ist hochzufrieden. Endlich kriegen die, was sie verdient haben. Was verdient denn so ein inneres Standard-Monster? Als 'Schatten', 'Dämon' verunglimpft – gleich wird nach dem Therapeuten gerufen, ehe es so richtig loslegen kann. Man stelle sich vor: Die Seelenlandschaft bevölkert von den 'Jurassic Park'-Dinos; so richtig dressierbar sind die nicht. Delfine sind da ein anderes Kaliber. Aber wurde die Tierwelt insgesamt freundlicher, je mehr Brain ihnen zugestanden wurde? Dann müsste der Mensch ja ein wahres Prachtstück sein: integer, ungeheuer sympathisch. Komisch nur, dass einem bei den meisten Zeitgenossen das Unerfreuliche ins Auge springt; selektiert man falsch? Will man dem anderen gerne seine Ungeheuer-Qualitäten bescheinigen? Ist da der Neid am Werke?

Wieso gelten Drachen in Asien als Glücksbringer – und hier meidet man sie lieber? Was mächtiger ist als man selbst – das könnte einen einerseits beschützen, andererseits bedroht es ständig das eigene Selbstwertgefühl. Der Europäer kämpft lieber gegen Drachen, als dass er sich die Mühe machen würde, sie zu Freunden zu gewinnen. Er bevorzugt andere Haustiere. Das Ungeheuer, das Ungeheure domestizieren. Sich dessen Kraft aneignen – sich das zunutze machen. Das wäre höchste Effizienz. Vielleicht ist der Rodeo-Reiter dafür ein Sinnbild? Alle Zivilisation beruht darauf: der Wildheit die Flügel stutzen. Letztlich hat man dann aber flugunfähige Drachen. Müde Genossen. Traurige Geschöpfe der Zivilisation. Vielleicht geht es unseren inneren Dämonen genauso: Sie wurden an die Kette gelegt wie ein alter, müder Hofhund? So können sie ihren Job nicht richtig machen. Man misstraut ihnen. Ein Vulkan, dem man verboten hat, vorerst Feuer zu spucken. Es auf einen späteren Zeitpunkt verschieben; soll er sich gedulden.

Man wird nicht müde, fasziniert zu verfolgen, wie es ihnen an den Kragen geht: In der Literatur und in den Filmen werden die Antagonisten hart rangenommen; ein Eingeständnis, dass man im Realen nicht ganz so zuverlässig dem Happy End zusteuern kann? Wie domestiziert man die innere Bestie? Der Drache will nicht artig sein. Die Welt ist reich an Ungeheuerlichkeiten. Man würde sich ja über alles aufregen, aber zeitlich passt das im Moment schlecht. Wut beispielsweise lässt sich wunderbar einsetzen als Kontrahent der Behäbigkeit. Man kommt in die Puschen – so wie Achilles – und kann Stinkstiefeln was geigen.

Pegasus' Mutter ist Medusa: dem Schrecken etwas abgewinnen – Kunst schafft es nicht ohne den Umweg über das Ungeheuerliche; sie muss da durch; Medusa ist quasi ihr Lehrmeister. Beschwingt durch das Grauen, den Schrecken, das Schreckliche. Dämonen-Energie. Man kann das alles natürlich auch leugnen – die inneren Ungeheuer verleugnen ... So als ob die Erde behaupten würde, dass sie keine Vulkane hätte. Urgewalt spottet zuweilen der Zivilisation – dieser dünnen Kette, diesem Kettchen; sie reißt sich mühelos los, hat ungeheuer viel zu erledigen. Besiegt wurde sie bislang nur literarisch – und dann womöglich noch im Versmaß.

Vielleicht haben Drachen ja eine liebenswerte Seite? Man unterstellt ihnen immer von vornherein Bösartigkeit. Die Macht der Nacht – sich ihrer Führung anvertrauen. Die Drachen kennen sich gut aus in Traumlandschaften, sie sind dort zuhause. Natürlich kann man immer eine Schicht Erde darüber werfen – so wie bei Troja: Die Zeit türmt was darüber – und die Archäologen buddeln dann alles wieder aus. Eine Freude ist das. Natürlich kann man die Titanen wegsperren; ist zwar nicht die feine englische Art, aber hey: Problem vorerst aufs Beste gelöst. Wie geht man mit Urgewalten um? Zum Kaffeekränzchen einladen?

Es ist bezeichnend, dass Prometheus ebenfalls ein Titan ist: Nicht Zeus, der durchgeistigte olympische Gott, sondern Prometheus hat sich für die Menschen eingesetzt. Es steckt Titanen-Blut in uns. Warum sollte man es leugnen? Ein Teil von uns ruht im Tartaros – will befreit werden. Vorerst nähern wir uns diesem Phänomen literarisch, mit Geschichten. Aber der Mensch ist ja keine Chimäre – es ist immer ein Ganzes: Es vermengt sich. Ein Eisberg, der von sich behauptet, er bestünde nur aus dem Anteil, der über das Wasser ragt? Wir sind wohl eher Riesen – wobei wir den größeren Teil von uns leugnen; man fühlt sich eher als Zwerg; man zieht die Zwergen-Version vor, da es annehmbarer klingt. Keiner braucht Monster – man bevorzugt eine WG ohne Monster. Aber warum sollte man beispielsweise starke Unzufriedenheit leugnen? Sie lässt einen neue Pläne machen; man würde an dem festhalten, was nicht funktioniert – sich an Pläne klammern, die ihre Nutzlosigkeit unter Beweis gestellt haben. Drachen als Ratgeber? Immerhin machen sie einen darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmt. Einem Wachhund macht man ja auch keine Vorwürfe, wenn sein Bellen berechtigt ist.

Literatur lehrt aber, dass Antagonisten zu vernichten seien. Je schneller, desto besser. Keine Gnade. Aber man ist immer Protagonist und Antagonist zugleich. Man vernichtet nicht einfach einen Teil von sich, nur weil es bequemer so ist. In Filmen und Comics entstehen Superkräfte meist durch etwas Unangenehmes: Blitzschlag, 'ne Spinne, Radioaktivität. Eigentlich das Pegasus-Phänomen. Superkräfte als Reaktion auf verteufelt Unangenehmes. Es wäre nicht nett, das Ungeheuer als Kehrseite des Menschen zu bezeichnen. Man kann sich kleinmachen, aber man ist immer dieser Koloss. Der Drache verfolgt mit Interesse unsere Bemühungen, ihn irgendwie abzuspalten, loszuwerden. Er könnte ein Krafttier sein; aber vermutlich ist er zu erschöpft, enttäuscht, da man ihn und seine Fähigkeiten so wenig würdigt und zu schätzen weiß. So findet er sich wieder in irgendwelchen lächerlichen Antagonisten: sei es das Krokodil bei Kasper, der Fenris-Wolf ... oder selbst ein Gott wie Zeus, dem das Prometheische des Menschen nicht geheuer ist. Der Mensch kann aber nur dann Titan sein, wenn er mit dem Hades in sich nicht hadert. Okay, ein Tyrannosaurus rex als Krafttier wäre gewöhnungsbedürftig, aber es muss ja nicht gleich eine Schildkröte sein.

Wie soll man sich ungeheuer freuen, wenn man stets um ein moderates Maß bemüht ist? Die goldene Mitte kann auch ein goldener Käfig sein. Mag sein, der innere Drache ist bereits zerbrochen – kein Problem mit Monsterfix – die Seele repariert das im Nu. Das wird wirklich fabelhaft. Das Monströse hat immer die Eigenschaft, dass es sich mit den üblichen Ausmaßen nicht zufriedengibt. Aber die Seele freut sich über das Platzangebot – sie kann sich dehnen. Dehnübungen für die Seele, sie wird lockerer. Nur Vorteile. Superhelden haben eine formstabile Seele.

Den Drachen sollte man als Bündnisgenossen gewinnen – aber meist kriegt er zu hören, dass er Initiator für Todsünden sei, man solle ihm aus dem Weg gehen, gar kein guter Umgang. Drachen-Enthusiasmus, Fan-Begeisterung helfen ihm aber wieder auf die Beine. Nützlichkeitserwägungen geben ihm ein Gefühl von Stärke.

Protagonist und Antagonist – man schweißt sie einfach zusammen, man verbindet die beiden. Sie ergänzen sich, gleichen die Schwächen des anderen aus. Sie kämpfen Rücken an Rücken – beinahe unbesiegbar. Nur den Gegnern ist das nicht geheuer.

 

ENDE

 

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Cover: https://pixabay.com/de/illustrations/drache-fabelwesen-ungeheuer-1085225/
Tag der Veröffentlichung: 10.10.2020

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