Cover

Eislaufen

In Schlittschuhen steckt Magie – so viel Leichtigkeit steckt in ihnen: Lizenz zum Gleiten, Schweben ... Okay, man kann auch auf die Fresse fliegen. Die Eleganz nimmt zu, mit etwas Fantasie ist man bereits ein Eislaufkönig – und unglaublich schnell. Der zugefrorene See oder Fluss weiß gar nicht, wie ihm geschieht, dass da auf einmal so viel Betrieb auf ihm ist. Sogar Rückwärts-Laufen ist drin und einige unfreiwillige Pirouetten.

Man verbessert seine Leistung vom Vortag, die Lernkurve gibt einem recht, man ist ein toller Hecht. Ein Hecht allerdings würde sich wohl im Wasser wohler fühlen, das allerdings möchte man vermeiden. Das Eis erlaubt sich öfters einen Scherz – und knackst und knarzt ganz bedenklich. Gibt zu denken. Wie viele Risse sind unbedenklich? Wie oft bewegt man sich auf dünnem Eis? Wenn man alles schwernimmt, kracht man womöglich eher ein? Wo ist die angeborene Leichtigkeit hin? Der Mensch ist das Gedanken-schwerste Wesen; er kalkuliert ... Er gleitet zu selten.

Man ärgert sich über Hubbel – wenn es holperig wird, Unebenheiten. Der Schwung leidet. Man schimpft mit dem See. Der ist sich keiner Schuld bewusst. Man erzählt ihm von der Eiskunstlaufbahn – und ihrer unübertroffenen Glätte. Wenn man sich schon aufs Glatteis begibt, dann soll es auch sicher sein. Man ist ein hoffnungsloser Kultur-Enthusiast.

Eislaufen ist beinahe wie Fliegen. Der Pflicht enthoben, Schritte machen zu müssen, vorerst genügt der Schwung. Die Kufen sind berufen, das Gleiten weiterzubetreiben. Das gefrorene Wasser ist zum Stillstand verpflichtet, ermöglicht aber den Eisläufern bewegungslose Bewegtheit.

Man gewöhnt sich an die Schlittschuhe – zieht man sie aus, ist man seltsam leicht. Der Normalzustand wird zu etwas Außergewöhnlichem. Vielleicht sollte man sich öfters belasten – just for fun? Die Probleme wären erstaunt, dass sie jemand haben will. Der Normalzustand wird immer neu definiert, man vergisst die Normalität des Gestern.

Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis. Ungeübten bietet sich hier die Chance für Akrobatik-Nummern; man fällt in Zeitlupe, die Top Ten der schönsten Stürze. Slapstick vom Feinsten.

Nach wie vor fragt sich der See, ob das eine besondere Form der Massage sei. Eigens für ihn? All die Leute schlittern, wanken – sollte er sich bedanken? Und wo sind die Badegäste? In was ist er da hineingeschlittert? Seines Wissens war noch nie ein Esel auf ihm zugange. Kann sich nicht daran erinnern.

An sich freut man sich bei gesellschaftlichen Anlässen, wenn es heißt: "Das Eis ist gebrochen." Hier wünscht man dem Eis Solidität. Zumindest mehr Solidität als man selber hat. Will man die Tragfähigkeit thematisieren? Man bewegt sich verhältnismäßig oft auf sehr dünnem Eis, aber man ist kein Mathematiker, man will nicht mit einem Bruch rechnen; Bruchrechnung liegt einem nicht so.

Eigentlich unüblich – wie oft man hinfällt. Kommt im Alltag nicht so oft vor; die Leute wären besorgt. Hier aber ist es Usus, man fällt voreinander auf die Knie, den Po, die Ellenbogen, man schliddert. Ein Kleinkind bewegt sich auf der Straße mit weitaus mehr Sicherheit. Vielleicht ist man ein Esel? Aber trotz allem: ein glücklicher Esel. Hat man einen Ungleichgewichts-Sinn? Hat der Körper noch nie was von Balance gehört? Bei der Tragödie kommt es auf die Fallhöhe an – je älter und größer man wird, umso spektakulärer die Stürze. Man kann dem Publikum echt was bieten. Ein Bild für die Götter – hoffentlich fotografieren die auch. Hier findet sich das Groteske neben dem Grandiosen. Und ein Hubbel entscheidet darüber, zu welcher Kategorie der nächste Moment gehört. Hochfliegende Pläne finden ihr unrühmliches Ende in einem Purzelbaum.

Ist für Eiskunstläufer natürlich schmerzlicher, wenn sich ihre Karriere-Träume so schnell verflüchtigen: ein Patzer, eine Unachtsamkeit, eine falsche Berechnung – und von der einstudierten Akkuratesse bleibt nur ein Häufchen Elend. Was nützt es da, akkurat zu sein? Das Leben stellt einem ein Bein. Aber das ist typisch für Artisten – das ist ihre wahre Kunst und Bestimmung: mit Schwierigkeiten fertigwerden, man baut sie ein in die Nummer, es erhöht den Wert ihrer Darbietung. Man bewundert sie für ihren Einfallsreichtum, mit dem sie den Widrigkeiten ein Schnippchen schlagen: Das Unmögliche wird vollbracht – mit einigen Anlaufschwierigkeiten, das technisch Machbare ausgereizt. Scheinbare Mühelosigkeit erlangt. Steht dem Menschen diese Leichtigkeit. Man kultiviert beim Eiskunstlauf die Eleganz, hebt Göttin Anmut auf ihren Thron. Geschliffenheit auf gut geschliffenen Kufen.

Aber selbst das unbeholfene Schlittern – also in Regionen, wo sich die Eleganz niemals blicken lassen würde – hat etwas Erfreuliches; eine neue Bewegungsform, abweichend vom Standard-Verfahren des Ein-Bein-vor-das-andere-Setzens. Läuft es nicht glatt im Leben – Eislaufen: mehr Glätte, als einem mitunter lieb ist.

Aber erstaunlich, wie viele Eselsbrücken dem Esel zur Verfügung stehen – jeder spricht davon. Da müsste gelegentlich eine Tour aufs Eis doch drin sein? Eseleien als ein Privileg.

 

ENDE

 

Impressum

Cover: https://pixabay.com/de/vectors/skaten-frau-paar-eis-mann-147862/
Tag der Veröffentlichung: 03.10.2020

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /