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Jeder Tag ist ein neuer Anfang

"Jeder Tag ist ein neuer Anfang." Insbesondere behauptet das der Neujahrstag von sich – oder auch am Monatsanfang beispielsweise ist man wild entschlossen, alles zum Besseren zu wenden. Die Seele bekommt einen Monatsscheck und einen Mordsschreck. Ist dieser Tag wirklich ein guter Ansatzpunkt? Kann man nicht auch morgen noch die Welt aus den Angeln heben? Man hat Kreuzschmerzen. Superhelden haben anscheinend nie Probleme mit ihrer Bandscheibe. Die stemmen Brücken, stoppen Züge. Man selber stemmt sein Toastbrot hoch.

Man möchte gerne innovativ sein, aber man zieht – wie ein Fischer sein Netz mit Fischen hinter sich herzieht – seine leidige Vergangenheit mit sich. Man ist nicht so eben mal Ballast-frei. Dann kläfft der innere Schweinehund wieder dazwischen, will sich Gehör verschaffen. Was soll man ihm zuwerfen? Womit würde er sich zufriedengeben? Er ist ein großer Fan des Chillens. Meist liegt er wie Snoopy auf seiner Hundehütte.

Sich selbst neu erfinden? Wo geht es zum Seelen-Schneider? Die allgemeine Herbst-Kollektion sagt einem nicht zu. Man bastelt sich was – und es sieht unmöglich aus. Selbst-Genähtes. Patchwork-Seele. Zerschlissen, zerrissen. Aber hey: "Jeder Tag ist ein neuer Anfang." Da kann die leidgeprüfte Psyche doch nur drüber lachen. Ihr Vorbild bei der Verarbeitung von Problemen ist die Schildkröte. Kein Ferrari-Tempo. Oder ist man zu Problem-fixiert? Ein außergewöhnlich starkes Problembewusstsein könnte zum Problem werden. Strebt man den Titel 'Komplikations-Weltmeister" an? Mit den Problemen Ping-Pong spielen. Am Vormittag bereits drei der anstehenden Weltprobleme lösen? Lösungen aus dem Ärmel schütteln? Aber man ist nicht so der Zauberer – eher der Zauderer. Es lässt sich allerdings nicht alles so gut wegzaudern. Manches bleibt da einfach ruhig liegen und wartet ab, bis man für es einen Termin frei hat.

Manche Probleme wissen gar nicht, wohin sie gehören; sie suchen verzweifelt ihre zugehörige Problematik-Gruppe. Wie Touristen, die sich verlaufen haben. Scherereien und Unannehmlichkeiten sind kein bevorzugtes Reiseland. Aber man kann die Komfortzone nicht überstrapazieren, sie lässt sich nicht beliebig ausdehnen. Wollen die Probleme einen neuen Anfang? Einen beschleicht das Gefühl, sie wollen gar nicht beseitigt werden. Die Probleme sind aus hartem Holz geschnitzt. Soll man entsprechende Termiten mieten? Termiten-Verleih – wäre vielleicht keine schlechte Geschäftsidee. Probleme zerlegen, zerteilen, aufsplitten, tranchieren, fragmentieren ... Zu Kleinholz verarbeiten. Den Termiten zuarbeiten. Divide et impera. Teile und herrsche. Leider sehen das die Probleme anders. Sie zerstreuen sich nicht auf Aufforderung in alle Winde; freuen sich aber, wenn man aufgrund ihrer Beharrlichkeit zerstreut ist.

Zum Tag sagen: "Heute ist nicht mein Tag", das könnte ihn verletzen, er fand sich bis dahin ganz okay. Was stimmt nicht mit ihm, ist er nicht so wie seine Brüder? Dann kriegt er auch noch zu hören: "Morgen ist auch noch ein Tag." Ja, aber das ist eben nicht er, heute will er gefeiert sein, das ist sein Event. Er brüllt einem geradezu "Carpe diem!" ins Gesicht und man tut so, als sähe man an ihm vorbei, hat die Zukunft schon im Visier. Er regt sich furchtbar auf. "So eine Unverschämtheit!" Als wären andere Tage was Besseres als er. Okay, Weihnachten eventuell.

Man kann nicht – wie bei einem Gerät – einen Reset vornehmen, man muss mit den Werten und Eingaben klarkommen, auch wenn jedes Gerät entsetzt wäre, eine Zumutung: vermutlich mit Malware und Ransomware total versifft. Was hat man sich da auf seine Festplatte geladen? Mehrmals täglich resetten wäre aber auch unpraktisch: Man würde immer wieder auf die Ausgangssituation zurückgeworfen werden, ein Dauer-Loop. Jumpen, Probleme überspringen?

Es gibt dennoch die Möglichkeit der Versöhnung: Man kann das Geschehene nicht ausradieren, aber man kann sich entschließen, nicht mehr darüber zu reden, ein Gentleman-Agreement. Insofern bietet der neue Tag eine schöne Aussichtsplattform auf die Zukunft: Man blickt nach vorn. Man schmiedet Pläne – auch wenn man kein besonders guter Schmied ist. Diese Pläne haben dann eher so etwas wie Liebhaberwert; Basteleien, bei denen die Zukunft meist die Frechheit hat, sie zu entsorgen. Aber man schnürt unverdrossen jeden Tag erneut sein Hoffnungs-Bündel, ist ein treuer Begleiter des Zeitgeistes, marschiert an seiner Seite mit ... und würde nur gelegentlich gerne einfach in die andere Richtung marschieren. Aber als Nostalgiker wäre man als Geisterfahrer bzw. Geisterwanderer unterwegs. In der Vergangenheit findet sich beides: das Supertolle und das, was man furchtbar gerne korrigieren würde.

Macht man nur Dienst nach Vorschrift: nur das tun, was der Tag fordert? Überrascht man den Tag, wirft man sich in Schale? Soll man sich ihm in die Arme werfen oder zu Füßen? Wie gelingt einem ein umwerfender Tag? Lässt sich das planen? Sich vornehmen: Dies wird der tollste Tag meines Lebens? Wobei einem ein durchschnittlicher Tag im Nachhinein genügt hätte. Die Retrospektive und die Zeitlupenaufnahme bescheinigen dem Tag ein völliges Desaster. Fails ohne Ende. "Make my day!", möchte man dem Schicksal kess zurufen, unterlässt es aber, weil man weiß, wie zickig es mitunter sein kann. Auf Provokationen reagiert es nicht immer belustigt. Wie eine gereizte Hummel ist es stocksauer.

Man möchte gerne einen Blick in die Zukunfts-Zeitung werfen, aber vermutlich stehen da zu viele Fake-News drin. Verwirrungs-Taktik des Fortuna-Büros. Das tägliche Schattentheater gilt es zu deuten. Ist man ein guter Prognostiker? Was sind das für sonderbare Silhouetten? Okay, die Zukunft wirft ihre Schatten voraus, und man sollte ein aufmerksamerer Zuschauer sein, aber das Stück bleibt einem fremd, so wie das japanische No-Theater. Dann hält der Vortag seinen Vortrag; man nimmt sich auch vor, gut zuzuhören; was hat er so an Belehrungen? Standpauke, Schelte, man kennt das schon.

Es ist ein erbärmliches Sammelsurium an Tagen, statt dass sie eine tadellose Tage-Truppe sind: Kein Plan eint sie, sie werden nicht zusammengehalten durch ein geistiges Band; manche Tage tanzen ganz aus der Reihe, an manche Tage erinnert man sich kaum; das macht die natürlich ziemlich betroffen. "So unwichtig waren wir?" Man nimmt sich vor, Tagebuch zu führen – wie ein Kapitän oder Raumschiff-Kapitän sein Logbuch hat.

Auch im Traum macht man mentale Tagebuchnotizen bzw. Nächtebuchnotizen. Man hofft, dass diese Art von Aufzeichnungen das Erwachen überstehen. Wo finden die sich in den Memory-Files? Warum macht das Gehirn das, warum tut es einem das an: Im Traum wirkte das alles super wichtig und auch vollkommen logisch – aber bei Lichte besehen, zerfällt, zerbröselt das wie etwas archäologisch Wertvolles. So kramt man in den Fundstätten – und findet nur Scherben, Bruchstücke, Fragmente. Man kann die Traum-Historie nicht wieder zusammensetzen. Keine Ahnung, wie Freuds Patienten so ausführlich und detailgenau über ihre Träume berichten konnten. Ihm zu Gefallen was erfunden?

Die Visionen sind auch nicht immer zuverlässig; oft vermengt sich das mit Illusionen. Der Reinheitsgrad lässt zu wünschen übrig. Bei Dichtern wurde früher eine visionäre Kraft vorausgesetzt, man erwartete zuverlässige Weisungen. Aber man kann Gedichte auch wunderbar nutzen als Tummelplatz fürs Ego.

Manchen Tagen merkt man an: Mit dem ist heute nichts anzufangen. Schlechte Beleuchtung – auch die Sonne ist nicht gut drauf. Könnte ihm mal jemand eine Portion gute Laune bestellen? Insgesamt ein launischer Tag, furchtbar divenhaft. Carpe diem? Manche Tage lassen sich weder pflücken noch einfangen. Sie verdünnisieren sich wie schmelzendes Eis. Haben es wohl nicht gerne, wenn man alles aus ihnen rauspressen will, wenn man sie derart unter Druck setzt. Dieser Erwartungsdruck ... wie sollen sie dem gerecht werden? Alles auf Neuanfang? Dieses 'Tabula rasa'-Spiel beunruhigt sie, man erkundigt sich gerne beim Vortag, bei der vorherigen Schicht, was so Sache ist. "Was läuft?" Einem Fluss mutet man ja auch nicht zu, dass er sich von einem Tag auf den nächsten neu erfindet.

Bei Tage besehen kommt die Nacht bei all diesen Überlegungen viel zu kurz. Ein Großteil des Tages lässt sich nicht nutzen, da einen das Sandmännchen für mindestens 6 Stunden ins Schlummerland schickt. Was soll das sein: Eine Auszeit, die Welt dreht sich weiter und man nimmt Quartier in Morpheus Gasthaus? Seltsame Erfindung der Evolution. Wirkt nicht so effizient. Zeit ist Geld. Man horcht an der Matratze – und das kostet einen ein kleines Vermögen.

Vorsicht bei Vorschusslorbeeren für den Tag; er rühmt sich ja, dass seine Morgenstund Gold im Mund hat; aber was nützen einem dessen Goldplomben? Zurückhaltend sein, den Tag nicht vor dem Abend loben, wenn er sich das überhaupt verdient hat. Dann bekommt er eine gute Rezension. Er hat mal was von der Tag-Cloud gehört; er will auch so etwas. Welche Worte würden diesen Tag am besten beschreiben, welche Worte fühlen sich zu ihm hingezogen?

Von manchen Tagen hätte man gerne eine Kopie. Sie sind fantastisch. Sie verzeihen kleinere Fehler, sie sind großherzig, tolerant. Sie sind die Hauptargumente des Lebens, damit argumentiert es, wenn es wieder mal vor Gericht steht, wenn es darum geht, zu bilanzieren. Glückstage, Glücksmomente – wie Goldnuggets; Erinnerungs-Nuggets, mit denen man tatsächlich zahlungsfähig bleibt – man braucht noch nicht Konkurs anzumelden.

Jeder Tag ist ein Tag, nur der Mittwoch weiß nicht so recht, was er von sich halten soll, er ist ein Wochenteiler – Startschuss für das Wochenende; irgendwie übergeht man ihn. Ein bisschen fühlt er sich an die Szene erinnert, als Moses das Meer geteilt hat: Man schreitet hindurch, man kann passieren. Auf göttliches Geheiß. Ist er nicht irgendwie die Krönung der Woche? Aber auch nur irgendwie. Unzufriedenheit nagt an ihm. Er gibt nicht den Startschuss, dennoch redet man ihm ein, dass in ihm auch so etwas wie ein Anfang stecke. Aber er definiert sich selbst als Mitte. Er ist verwirrt. Man hat ihm immerhin das Lotto zugeschanzt: Mittwochslotto – ist doch was. Man konzentriert sich zunehmend auf ihn. Da geht noch was. Er schlägt eine Änderung des Spruchs vor: "Jeder Tag ist eine neue Mitte." Man ist zentrierter. Sein Leitsatz: "Ab durch die Mitte!" Dann stimmt die Balance.

Dem Freitag ist das nicht recht. Er ist ein Revoluzzer, ein Libertin. Er liebt seinen Casual Friday. Zwanglos, die Woche ist beinahe abgehakt, er ist die Definition der Freiheit. Mit einem Fuß in den Pflichten, mit dem anderen im Freizeitland. Er nimmt sich gewisse Freiheiten heraus. Er meint: "Jeder Tag ist eine neue Freiheit", womit er nicht so ganz unrecht hat.

Manchmal denkt man sich allerdings: "Jeder Tag ist eine neue Frechheit." Manche Tage würde man gerne demontieren. Einzelstücke davon sind ganz brauchbar, das Übrige ist Plunder. Allerdings erweist sich selbst das später teilweise als nützlich. Mag sein, die Zeit denkt sich was dabei, gibt einem so allerlei mit auf den Weg – wie bei einer Wanderung, wo man sich ernsthaft überlegt: "Sind das nun Schätze, die ich da am Wegesrand aufsammle oder ist das schlichtweg Müll?" Im Märchen 'Tölpelhans' von Hans Christian Andersen kann der Held selbst mit Müll etwas anfangen, nutzt das als Requisit für sein Glück.

 

ENDE

 

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Cover: https://pixabay.com/de/illustrations/neujahr-tapete-sylvester-kalender-972300/
Tag der Veröffentlichung: 29.09.2020

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